Die Wutmaschine – Vorsicht, Ansteckungsgefahr!

Die Wutmaschine – Vorsicht, Ansteckungsgefahr!

Eine Wutmaschine fräst sich durch unser Land. Ihre Hinterlassenschaften sind vielfältig:

  • Wut auf gewalttätige Migranten
  • Wut auf Gewalt gegen Migranten
  • Wut auf Behörden, die gewalttätige Migranten nicht abgeschoben haben
  • Wut auf Behörden, die Migranten abschieben
  • Wut auf Politiker, die Migranten ins Land gelassen haben
  • Wut auf Politiker, die sich dagegen wenden, dass Migranten ins Land gelassen werden
  • Wut auf Rechtsradikale, die die Wut wegen der Migration für sich instrumentalisieren
  • Wut auf Linksradikale, die die Wut auf Rechtsradikale für sich instrumentalisieren
  • Wut auf Journalisten, die besorgte Menschen pauschal zu Nazis machen
  • Wut auf Journalisten, die dem Migrationsthema zu viel Raum geben
  • Wut auf Richter, die gewalttätige Migranten zu milde behandeln
  • Wut auf Polizisten, die nicht genug gegen Rechts vorgehen
  • Wut auf…

Die Aufzählung ließe sich lange fortsetzen. Die Wutmaschine erzeugt nicht nur Wut, sie rechtfertigt sie auch. Sie sagt: Man muss aggressiv vorgehen gegen die, die aggressiv gegen unser Land vorgehen. Es sind dann wahlweise Rechtsextreme, Linksextreme oder Islamisten, die scheinbar kurz davor stehen, unser Land zu übernehmen und die deshalb die gesammelte Wut aller aufrechter Demokraten mehr als verdienen sollen.

Die Wutmaschine arbeitet oft mit Angst. Angst vor Gewalt, vor Veränderung, vor Heimatverlust, vor Fremdbestimmung, vor … was auch immer. Angst nährt die Wut. Wut kann zu Hass führen. Und Hass führt dazu, dass genau das eintritt, wovor wir alle Angst haben – wie eine sich selbst erfüllende Prophetie. Am Ende steht eine tief gespaltene Gesellschaft und zerstörtes Vertrauen in die Institutionen, ohne die unser Land nicht funktionieren kann: Politik, Medien, Justiz, Polizei… Das Problem ist: Unsere Demokratie und unser erfolgreiches Wirtschaftssystem basiert genau darauf: Vertrauen. Wenn es einmal zerstört ist wird unser Land nicht mehr das Gleiche sein. Übrigens auch nicht die Kirche. Ganz schön viel Wut habe ich auch unter Christen wahrgenommen, und zwar Wut in ganz gegensätzliche Richtungen. Wie viele Gemeinden in unserem Land sind wohl schon innerlich gespalten, weil die Wutmaschine gewütet hat und die Polarisierung auch vor unseren Gemeindezentren nicht Halt macht?

Letzte Woche hat sie auch mich erwischt, die Wutmaschine. Zum Beispiel bei der Sendung Dunja Hayali. Da saßen sich Jörg Meuthen von der AfD und Kathrin Göring-Eckardt von den Grünen gegenüber. Sorry, lieber Leser, falls Du einen dieser Politiker liebst. Aber es war halt ehrlich so: Sie haben mich beide wütend gemacht. Sie haben sich von Gewalt distanziert, aber von Extremisten in den eigenen Reihen wollten sie sich nicht distanzieren – oder sie haben einfach behauptet, es gäbe sie nicht. Sie haben auf den Anderen geschimpft, aber selbst genau das Gleiche getan. So habe zumindest ich es empfunden, und so ging es offenbar auch Dunja Hayali. Wobei ja auch der Name dieser Moderatorin inzwischen bei Vielen Wut auslöst, wie man auch in der Sendung sehen konnte.

Die Sendung hat mich buchstäblich einige Stunden Schlaf gekostet. Mir geht es so: Ich will dann am liebsten verbal um mich schlagen. Das Internet gaukelt uns ja vor, wir würden irgendwie gehört und wir könnten irgendetwas verändern, wenn wir uns dort äußern. Aber was passiert real? Oft werden wir nur Teil dieser Wutmaschine, die unsere Internetbekanntschaften mit neuer Wut infiziert, weil sie entweder von unserer Wut angesteckt werden oder weil sie wütend auf unsere Sichtweise sind.

Keine Frage: Manche Wut, die unserem Land unterwegs ist, ist verständlich, ja sogar berechtigt. Jesus konnte auch manchmal richtig wütend werden. Wir kennen die Szene im Tempel, in der er mit „heiligem Zorn“ die Händler vertrieb. So ein „heiliger Zorn“ kann natürlich auch Christen treffen. Wer leidenschaftlich liebt wie Jesus, der ist nicht immer lieb und nett. Allerdings kann unmöglich jeder Zorn, den ich bei mir und anderen Christen beobachte, „heilig“ sein. Ich kann mir kaum vorstellen, dass Gott Leute mit gegensätzlichem Zorn erfüllt, so dass sie aufeinander losgehen. Ein großer Teil unserer Wut ist offenbar doch ziemlich menschlich.

Paulus hat uns deshalb einen anderen Weg gezeigt, wie wir mit Dingen umgehen sollen, die wir als Böse empfinden:

„Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ (Römer 12, 21)

Direkt davor sagt er noch einige denkwürdige Sätze: „Haltet euch nicht selbst für klug. Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.“ 

Also ganz ehrlich: Es gab letzte Woche Menschen, bei denen ich nicht unbedingt auf Gutes bedacht war. Und ich hätte auch keinerlei Lust verspürt, nach Frieden mit ihnen zu streben. Die Frage ist ja auch: Ist das realistisch, was Paulus da schreibt? Ist das nicht nur so ein frommes Ideal, das man in der Praxis gar nicht erreichen kann? Wer hat sich schon komplett im Griff, wenn die Wutmaschine sich durch unseren Herzensgarten fräst?

Aber ich fürchte, dass die Bibel hier nicht nur von Idealen spricht. Sie hat es wohl tatsächlich ernst gemeint. Sie hat den Anspruch, dass wir das wirklich so leben sollen. Und Paulus erklärt dann ja auch, wie das ganz praktisch gehen kann:

„Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! … Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden! Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, wird eure Herzen und Sinne in Christus Jesus bewahren.“ (Philipper 4, 4-7)

Das ist es: Immer wieder zurück zu Jesus! Die Angst und die Sorgen auf ihn werfen! Er ist und bleibt doch der Herr der Geschichte. Er hat auch die Politiker im Griff, egal ob rechts oder links. Und die Medienleute. Und die… einfach alle! Und Fakt ist ja: Am Ende geht alles gut aus! Wegen Jesus! Ja, in der Welt haben wir Angst. Jesus wusste das. Aber wir können auch getrost sein. Er hat die Welt überwunden. (Johannes 16, 33) Er hat sogar im Angesicht des fiesesten und gewalttätigsten Hasses, den man sich überhaupt nur vorstellen kann gesagt: Vater, vergib ihnen. Wenn ich daran danke, kann ich mich doch wieder neu von SEINER Freude anstecken lassen.

Irgendwie so müssen das wohl auch die Christen schaffen, die über unsere Probleme in Deutschland nur müde lächeln können. Diese heldenhaften Brüder und Schwestern in Ägypten oder im Iran, die nicht nur virtuell oder medial sondern ganz hautnah mit Wut, Hass und Gewalt konfrontiert sind. Die um ihr Leben fürchten müssen, die angeklagt, geschlagen, eingesperrt, vertrieben und enteignet werden, nur weil sie sich zu Jesus bekennen. Und die trotzdem von innen heraus leuchten, weil sie fest an Jesus bleiben, weil sie durch ihn gelernt haben zu vergeben und weil SEINE Freude und SEIN Friede sie erfüllt, obwohl eigentlich alles dagegen spricht. Sie haben ihn tatsächlich: Diesen Frieden Gottes, der höher ist als alle Vernunft. Von ihnen will ich lernen.

Jesus hat gesagt: „Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ (Matthäus 5, 9). Jesus, bitte hilf mir dabei. Mich nicht von dieser Wutmaschine infizieren zu lassen. Sondern immer wieder in Deinen Frieden zurückzukehren. Aus Deinem Frieden und Deiner Freude zu schöpfen. Und dadurch mit Dir Geschichte zu schreiben, indem ich mit dazu beitrage, dass Dein Friedensreich wächst mitten in einer Welt voll Angst, Wut und Dunkelheit. Danke, dass Du das in mir und durch mich schaffen kannst. Amen.


P.S.: Heißt das also, dass wir Christen uns aus allem heraushalten sollen? Sollen wir uns am besten gar nicht politisch äußern, weil es ja in der aufgeheizten Stimmung unserer Tage immer irgendjemand aufregen wird, was wir zu sagen haben? Nein, ich glaube nicht. Es gibt ja so viele laute Stimmen, voller Wut, undifferenziert, unüberlegt, polarisierend statt versöhnend. Es wäre katastrophal, wenn wir diesen Stimmen das Feld überlassen würden. Dringender denn je braucht es Leute, die wohlüberlegt, nüchtern, aus einem Frieden heraus offen ihre Meinung kundtun. Das ist Demokratie! Deshalb freue ich mich über Freunde in Facebook und im realen Leben, die auch politische Sachen verbreiten, solange sie seriös und sachlich sind. Es ist so wichtig, sich mit unterschiedlichen Sichtweisen zu konfrontieren. Und erst recht freue ich mich über Christen, die sich ganz bewusst in der Politik engagieren. Deshalb werde auch ich immer mal wieder etwas Politisches von mir geben. Hoffentlich gelingt es mir, das immer aus SEINEM Frieden heraus zu tun. Und hoffentlich gelingt es mir, dass ich immer schnell in diesen Frieden zurückkehren kann, wenn ich bei Anderen etwas lese, was mich wütend macht. Ich glaube: Wenn wir das beherzigen und wenn wir lernen, wie man streiten und sich dennoch lieben kann, dann können wir Christen echt einen Unterschied machen in unserem Land.

Siehe auch: Keine Angst! Ehrlich! Es ist wichtig, die Wahrheit zu kennen – die ganze Wahrheit!

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