6 Gründe, warum gute Grenzen ein Segen sind

6 Gründe, warum gute Grenzen ein Segen sind

Das Wort „Grenze“ wird heute oft mit „Ausgrenzung“ verknüpft. Dabei sind Grenzen lebensnotwendig. Grenzen schützen. Sie schaffen Lebens-Raum. Jede einzelne unserer Körperzellen kann nur existieren, weil sie sich mit Hilfe einer raffiniert gebauten Membran von ihrer Umwelt abgrenzt, ohne völlig dicht zu machen. Selbst Gottes neues Jerusalem kommt nicht ohne Grenzen aus (Offb. 21, 27). Sind Grenzen also spaltend und negativ oder sind sie ein Segen für die Gemeinde?

Die SPD hat ein Problem. Nachdem der Chef der SPD-Nachwuchsorganisation Kevin Kühnert Thesen vertreten hatte, die eher zu sozialistischen oder gar kommunistischen Parteien zu passen scheinen, gab es teils heftigen Unmut. Parteiinterner Streit ist Gift für die Umfrageergebnisse. Umso mehr stellt sich die Frage: Wer ist schuld am Streit? Ist Kevin Kühnert schuld, weil er Thesen vertrat, die nicht zur Ausrichtung der Partei passen und die viele SPD-Mitglieder und -Wähler für indiskutabel halten? Oder sind die Kritiker von Kevin Kühnert schuld, weil sie nicht bereit sind, auch steil klingende Thesen als Diskussionsbeitrag stehen zu lassen und als mögliche Position innerhalb der SPD anzuerkennen?

Ein ähnliches Spannungsfeld wird in letzter Zeit verstärkt auch im evangelikalen Umfeld verhandelt: Wie geht man damit um, wenn dort theologische Positionen vertreten werden, die nicht zur gemeinsamen evangelikalen Glaubensbasis passen? Ist es im wahrsten Sinne des Wortes not-wendend, sich gegen solche Positionen bewusst abzugrenzen? Oder sollte man sie stehen lassen und als mögliche Deutungen innerhalb der evangelikalen Bewegung anerkennen, um niemand auszugrenzen? Anders gefragt: Gewinnt man mehr Einheit und Ausstrahlung durch klarer ausgesprochene Grenzen? Oder ist mehr Einheit und Ausstrahlung nur durch mehr Freude an Pluralität (neudeutsch „Ambiguitätstoleranz“) und durch weite bzw. überhaupt keine Grenzen und rote Linien möglich?

Abschottung und zu enge Grenzen schaden definitiv

Natürlich gilt: Totschweigen und Abschottung hilft niemandem, zumal es im digitalen Zeitalter ohnehin nicht funktioniert. Es gehört auch für evangelikale Christen zu einer guten Bildung, nichtevangelikale Theologie und Theologen zu kennen und sich mit ihren Inhalten (kritisch) auseinander zu setzen.

Und richtig ist natürlich auch: Zu enge Grenzen schaden der Gemeinde definitiv, vor allem wenn die eigene Identität primär von der Abgrenzung lebt und nicht aus der Liebe Gottes gespeist wird. Schon Paulus hat gefordert, dass man sich in Fragen der Einhaltung von Speisegeboten oder speziellen Feiertagen nicht streiten sondern sich – selbst gegen die eigene Überzeugung – lieber am Schwächeren orientieren soll (Röm.14). Wer bei solchen Randfragen strikt auf Dogmen pocht statt flexibel zu sein, wird der Einheit der Gemeinde zur Last. In den notwendigen Fragen Einheit, in den zweifelhaften Fragen Freiheit, über allem die Liebe. Diese oft zitierte Formel scheint tatsächlich auch zur Botschaft des Neuen Testaments zu passen. Zu klären ist dabei aber natürlich die Frage: Was sind denn die notwendigen Fragen, bei denen wir unbedingt Einheit brauchen, um in den Randfragen entspannt Freiraum geben zu können?

Ohne Zweifel sind die Fragen nach der Bedeutung des Kreuzestodes und nach der Auferstehung grundlegend für den christlichen Glauben. Karfreitag und Ostern bilden ja den innersten Kern des Evangeliums. Spätestens wenn das leere Grab und das stellvertretende Sühneopfer in Frage gestellt oder in ihrer Bedeutung relativiert werden, ist dieser innerste Kern betroffen. Aber auch die Frage nach der Autorität und Vertrauenswürdigkeit der biblischen Autoren ist gerade für den Protestantismus des „Sola Scriptura“ von entscheidender und grundlegender Bedeutung. Aus mindestens 6 Gründen bin ich überzeugt, dass bei solchen zentralen Themen weise gewählte Grenzen tatsächlich äußerst wichtig und segensreich für Gemeinden sind:

Warum biblisch begründete Grenzen für die Einheit und das Gedeihen von Gemeinden unbedingt notwendig sind

1. Aus biblischen Gründen

Grenzziehung gegen falsche Lehre ist in der ganzen Bibel ein wichtiges Thema. Einige Briefe des Neuen Testaments sind in Teilen regelrechte Streitschriften gegen falsche Lehre. Das „Nehmt einander an“ (Röm.15,7) steht dort immer auf dem Fundament der apostolischen Lehre als einer verbindlichen gemeinsamen Grundlage. Dazu nur ein Zitat von vielen: „Und nun möchte ich euch, liebe Brüder, noch einmal vor solchen Leuten warnen, die die Gemeinde spalten und den Glauben anderer erschüttern. Denn sie lehren euch etwas anderes als das, was ihr gelernt habt. Haltet euch von ihnen fern!“ (Römer 16, 17)

Lehre, die der apostolischen Botschaft widerspricht, wird hier also explizit als Grund der Spaltung benannt. Paulus fand äußerst harte Worte, wenn am apostolischen Evangelium etwas verändert wird (Galater 1, 8). Er hat sich nicht gescheut, auch Petrus öffentlich zu kritisieren, als er den Eindruck hatte, dass dessen Verhalten in Bezug auf wichtige Inhalte des Evangeliums falsche Signale sendete (Gal.2,11-14). Jesus hat falsche Aussagen häufig gekontert mit der Aussage: „Habt ihr nicht gelesen?“ Der Schriftbeweis war für ihn also entscheidend. Ringen um Wahrheit und christliche Einheit jenseits von Gottes Wort und Gebot kennt die Bibel nicht.

Natürlich gründet die Einheit der Kirche letztlich nicht auf einem dogmatischen System sondern auf der Person Jesus Christus. Aber auch „Jesus Christus“ bleibt ohne christliche Lehre, die objektiv gültige Schriftaussagen herausarbeitet, eine Nebelkerze. Denn es stellt sich ja die Frage: Welcher Jesus Christus ist gemeint? Der Jesus des Neuen Testaments? Oder ein „historischer Jesus“ aus der liberalen Theologie, der gerade dadurch sichtbar wird, dass er sich von der frühchristlichen Christologie unterscheidet? Wenn derart gegensätzliche Konzepte zum Begriff „Christus“ im Raum stehen, dann kann Christus nicht mehr das verbindende Fundament der Kirche sein. Die Bibel hat zwischen Gottes verschriftlichtem Wort und Christus nie einen Gegensatz konstruiert. Im Gegenteil: „Die Schriften … sind es, die von mir zeugen.“ (Johannes 5, 39) Die Grenzen der Schrift müssen deshalb gerade auch im Hinblick auf Christus die Grenzen der Gemeinde sein.

2. Aus Gründen der Glaubwürdigkeit der kirchlichen Botschaft

Das leere Grab wird im Neuen Testament vielfältig beschrieben. Es ist DIE Kernbotschaft der Evangelisten. Man kann normalen Menschen kaum erklären, warum sie die biblischen Autoren für vertrauenswürdig und die Bibel für relevant halten sollen, wenn selbst diese allerzentralsten Berichte erfundene Geschichten sind, die die Kirche jahrtausendelang auf eine falsche Fährte geführt haben. Das stellvertretende Sühneopfer zieht sich wie ein roter Faden quer durch die ganze Bibel. Wenn selbst diese allerzentralste Botschaft nicht klar ist sondern höchstens eine von vielen möglichen Deutungen darstellt, dann ist eigentlich nichts mehr klar in der Bibel. Dann gibt es keine Botschaft mehr, die Christen ganz einfach fröhlich gemeinsam glauben, bekennen und besingen können.

Das größte Problem daran ist: Kein Mensch weiß aus sich heraus etwas darüber, wer und wie Gott ist und was nach dem Tod geschieht. Auch die Kirche Jesu hat bei den existenziellen Ewigkeitsfragen keine Autorität aus sich selbst heraus, sondern nur als Botschafter von Gottes zeitlosem Wort und Gebot. Sie kann nur deshalb Trost und Antworten für die grundlegenden Ewigkeitsfragen der Menschen geben, weil sie aus einer göttlichen Erkenntnisquelle schöpft, die außerhalb ihrer selbst liegt. Die Menschen haben ein feines Gespür dafür, ob Kirche aus der Autorität einer zeitlosen Wahrheit heraus handelt oder ob sie den Menschen nach dem Mund redet. Ohne biblischen Maßstab und ohne Klarheit über die biblische Botschaft gibt es auch zu den existenziellen Ewigkeitsfragen nur noch Meinungen – und zwar die, die sich am lautesten durchsetzen. Wen soll man damit trösten? Es ist kein Wunder, wenn die Botschaft der Kirche nicht mehr wahrgenommen oder zumindest als irrelevant für das eigene Leben empfunden wird, wenn die Kirche selbst ihre eigene und einzige Informationsquelle bezweifelt.

3. Aus historischen Gründen

Die Kirchengeschichte enthält viele Beispiele, die einen positiven Zusammenhang zwischen dem Festhalten an der biblischen Lehre und dem Gedeihen der Kirche nahelegen. In der Reformation stand die unbedingte und alleinige Gültigkeit von Gottes Wort sogar im Zentrum. Laut Wikipedia haben sich auch die unterschiedlichsten Erweckungsbewegungen in der Zeit nach der Reformation dadurch ausgezeichnet, dass sie „ein ursprüngliches Verständnis eines direkt aus der Bibel entnommenen Evangeliums“ teilten. Diese Erweckungsbewegungen waren also immer auch Bibelbewegungen, in denen die Autorität von Gottes Wort in besonderer Weise hochgehalten wurde. Christen haben zudem ganz offenkundig schon immer gespürt: Wir müssen klären und definieren, woran wir glauben und was unser gemeinsamer Grund ist. Deshalb gab es schon von Anbeginn der Kirchengeschichte Glaubensbekenntnisse und später auch Katechismen und Dogmatiken, die immer auch den Zweck hatten, gegenüber falschen Lehren Grenzen zu ziehen und damit die Kirche Jesu zu schützen.

4. Aus Gründen der Transparenz und Vertrauenswürdigkeit

Auch heute noch veröffentlichen die meisten Kirchen, Gemeinden und christliche Organisationen ihre Glaubensgrundlagen im Internet. Menschen wollen wissen, was in einer Organisation, für die sie sich interessieren, geglaubt und vertreten wird. Wenn sich herausstellt, dass man sich in Wahrheit über diese Grundlagen überhaupt nicht mehr einig ist, dann führt das zwangsläufig zu einem Vertrauens- und Glaubwürdigkeitsverlust. Wie sollen die Menschen der evangelischen Kirche vertrauen, wenn  einerseits bei jeder Konfirmation und jeder Taufe das Nachsprechen des apostolischen Glaubensbekenntnisses verlangt wird, während zugleich an ihren Ausbildungsstätten diskutiert wird, ob man die Jungfrauengeburt, die leibliche Auferstehung und das jüngste Gericht heute noch im Sinne der biblischen Autoren glauben kann?

5. Aus empirischen Gründen

Gemeindewachstum hängt von vielen Faktoren ab. Deshalb ist es schwierig, den Einfluss der theologischen Prägung auf das Gedeihen einer Gemeinde zu messen. Trotzdem gibt es Hinweise: Eine umfangreiche kanadische Studie mit dem Titel „Theologie zählt“ hat 2016 untermauert, dass konservative Theologie mit starken gemeinsamen Überzeugungen ein wichtiger Faktor für das überdurchschnittliche Wachstum theologisch konservativer Gemeinden darstellt. In seinem Buch „Natürliche Gemeindeentwicklung“ hat der Gemeindewachstumsexperte Christian Schwarz als ein Ergebnis seiner systematischen Untersuchung von 45.000 Gemeinden aus der ganzen Welt angemerkt: „Das Theologiestudium hat eine stark negative Beziehung sowohl zum Wachstum als auch zur Qualität der Gemeinde.“ Gemeinden, deren Leiter durch ein bibelkritisches Theologiestudium gegangen sind, leiden demnach statistisch gesehen häufiger unter Qualitätsproblemen und Mitgliederverlust. Auch der Religionssoziologe Prof. Detlef Pollack äußerte im Jahr 2017, dass es der evangelischen Kirche ausgerechnet dort am besten gehe, „wo sie evangelikal sei oder sogar fundamentalistisch.“

6. Aus Gründen der praktischen Gemeindearbeit

Ich erlebe es in meiner eigenen Gemeinde: Als Leitungsgremium müssen wir immer wieder entscheiden, wofür wir unsere begrenzten Kräfte, Ressourcen und Finanzen einsetzen wollen. Dafür brauchen wir ein gemeinsames Verständnis, was eigentlich der Auftrag einer christlichen Gemeinde ist. Geht es primär um Mission, Jüngerschaft und Anbetung? Oder stehen soziales Engagement, religiöse Bildung und kulturstiftende Tätigkeiten im Vordergrund? Selbst bei einem gemeinsamen Verständnis in dieser Grundfrage ist es herausfordernd genug, angesichts unterschiedlicher Charaktere, Prägungen, Erfahrungen und Ideen die Einheit zu wahren. Aber wenn schon die Frage nach dem Auftrag der Gemeinde grundsätzlich verschieden beantwortet wird, dann bleibt erfolgreiche Gemeindeleitung ein ähnlich aussichtsloses Unterfangen wie eine Fußballmannschaft, die sich nicht einigen kann, auf welches Tor sie schießen soll. Keine Firma der Welt kann wachsen, wenn die Chefetage sich auf kein gemeinsames Ziel einigen kann. Es ist kein Wunder, dass das auch in christlichen Gemeinden nicht funktioniert.

Wir brauchen Richtungsgemeinden mit Profil

Deshalb bin ich überzeugt: Die Öffnung für eine Theologie, die die Bibel auch nach bibelwissenschaftlicher Klärung der Aussageabsicht im echten Sinne kritisiert und dem “wissenschaftlichen Zweifel” unterwirft, wird christlichen Gemeinschaften auf Dauer ihre missionarische Kraft und ihre Wachstumspotenziale rauben. Und sie wird am Ende noch viel tiefer und nachhaltiger die Einheit untergraben, die man durch die Öffnung eigentlich bewahren wollte. Mir ist bewusst, dass der allgemeine Trend zur Pluralisierung auch in evangelikalen Gemeinschaften Druck erzeugt, zunehmend pluralere Standpunkte anzuerkennen, wenn man Streit und Spaltung vermeiden möchte. In der Praxis führt das immer wieder zu (auch seelsorgerlich) schwierigen Fragen, auf die es auch aus meiner Sicht keine einfachen, allgemeingültigen Antworten gibt. Trotzdem bin ich letztlich überzeugt: Ein gemeindeinterner Spagat zwischen geradezu gegensätzlichen Überzeugungen in Kernfragen des Glaubens kann zumindest auf der Leitungsebene nicht auf Dauer fruchtbar sein. Wir brauchen Richtungsgemeinden mit Profil. Dafür müssen Gemeindeleitungen es wagen, in theologischen Fragen Position zu beziehen und damit zwangsläufig auch begründete Grenzen zu setzen.

Die Ausformung dieser Grenzen werden unterschiedliche Gemeinden im Detail unterschiedlich gestalten. Es kann in solchen Fragen nicht darum gehen, sich gegenseitig das Daseinsrecht oder gar den Glauben abzusprechen. Umgekehrt ist es aber aus den genannten Gründen auch bei weitem nicht immer Ausdruck von Angst, Kleingeistigkeit, Scheuklappen, Richtgeist oder Abschottungsmentalität, wenn Christen zu dem Schluss kommen, dass Gemeinden an biblisch begründeten Grenzen in der christlichen Lehre unbedingt festhalten und auf Grenzüberschreitungen kritisch und mit biblischen Argumenten aufmerksam machen sollten, um Menschen Orientierung zu geben. Wichtig ist dabei unsere Motivation: Die Liebe zu Christus, zu seinem Wort, zu seiner Kirche und zu den Menschen muss uns leiten – nicht die eigene Rechtfertigung. Aus dieser Liebe heraus brauchen wir eine neue Debatte, wie die Kirche Jesu wieder Einheit und Ausstrahlung gewinnen kann und was uns die Apostel und Propheten dafür ins kirchliche Stammbuch geschrieben haben.

Die Frage nach guter Lehre ist kein Randthema. Die Verkündigung gehörte neben dem Gebet zu den zwei Hauptaufgaben der ersten Gemeindeleiter (Apg. 6,4). Das zeigt: Gute, auf der Schrift gegründete Lehre ist zwar nicht alles. Aber ohne sie ist alles nichts. Ohne sie bleiben auch die frischesten Gemeindeformen nur schöne Verpackung. Ohne sie verkommen auch die kraftvollsten Bewegungen des Heiligen Geistes zur Schwärmerei. In den notwendigen Fragen Einheit, in den zweifelhaften Fragen Freiheit, über allem die Liebe. Das heißt eben auch: Wenn wir aus Angst vor Streit die Debatte zu richtigen und falschen Antworten auf die zentralen Fragen des Glaubens meiden, dann tun sich die Gräben irgendwann umso mehr bei den Nebenfragen auf. Auch hinter den teils heftigen Debatten unter Christen um Ethik oder um politische Fragen verbergen sich bei genauem Hinsehen oft unterschiedliche Weichenstellungen bei den Kernfragen des Glaubens. Einheit ist ein hohes Gut im Neuen Testament. Biblisch begründete und klärende Grenzen in den wichtigen Glaubensfragen sind dafür ein wertvoller und letztlich unverzichtbarer Beitrag.

6 Gedanken zu “6 Gründe, warum gute Grenzen ein Segen sind”

  1. Ich glaube nicht, dass Theologen von “historischen Christus” (~100 Treffer bei Google) sprechen; sondern vom “historischen Jesus” (~17.000 Treffer bei Google). Gemeint ist der Versuch, einer Person historisch belegbare Aussagen zuzuweisen. Was daraus entsteht ist natürlicherweise ein ziemlich minimales Bild und deswegen nur beschränkt hilfreich. Christus hat hier eine andere Bedeutung, die weit über eine historische Person hinausgeht – ich vermute, selbst liberale Theologen würdem den wohl zustimmen.

    Ich finde es außerdem inkonsequent, auf der einen Seite zu fragen, “ob die Kirche denn etwa tausende von Jahren falsch lag” nur um kurz darauf die Reformatoren zu bejubeln, die genau dafür gestanden haben. “Ein ursprüngliches Verständnis eines direkt aus der Bibel entnommenen Evangeliums” ist übrigens auch der Anspruch der Bibelwissenschaft und der progressiven Theologen – im Konservativismus ist halt oft das Problem, wie weit man nun konservativ zurückgehen möchte: 100 Jahre (Mutter-Vater-Kind Familienbild); 500 Jahre (vor der Aufklärung und Reformation); 1500 Jahre (nach dem Staatschristentum) oder 2000 Jahre (erste Christen)?

    Abgrenzung von Irrlehren ist richtig. Aber die Bescheidenheit sollte einen dazu zwingen, zumindest damit zu rechnen, dass auch die eigene Strömung (vielleicht sogar längere Zeit) Irrlehren aufgesessen hat. Grade die westlich-konservative Welt hat auch Lehrunterschiede zu anderen, teils älteren Kirchen (Kopten, Orthodoxe, etc.)

    • Hallo Chris, danke für Dein Feedback. Ja, Du hast recht, man spricht vom historischen Jesus. Ich hab das korrigiert im Text. Am Inhalt meiner Aussage ändert das aber nichts. Was mich wundert ist Dein Satz: “Was daraus entsteht ist natürlicherweise ein ziemlich minimales Bild.” Warum? Wir haben über keine andere historische Figur so viele unabhängige zeitnahe schriftliche Aufzeichnungen in derart phantastischer Überlieferungsqualität wie über Jesus. Ein minimales Bild erhält man nur, wenn man die Evangelien für unglaubwürdig und ideologisch gefärbt hält.
      Dein Beispiel mit den Reformatoren verstehe ich nicht. Luther hat z.B. stark auf Augustinus und andere Kirchenväter abgehoben. Er hat nicht behauptet, als erster etwas kapiert zu haben. Wir sprechen in unserer Kirche regelmäßig das Apostolikum aus dem 5. Jahrhundert.
      Was ist progressive Theologie? Liberale Theologie umfasst jedenfalls nie nur die bibelwissenschaftliche Klärung der ursprünglichen Aussageabsicht sondern immer auch Sachkritik und wissenschaftlicher Zweifel an der ursprünglichen Aussageabsicht. Anders kann man nicht zu der Aussage kommen, dass das Grab voll war.
      Christen sind Jesusnachfolger. Christentum muss deshalb zwangsläufig immer 2000 Jahre auf die Lehre Jesu und der von ihm gesandten Apostel und Propheten zurückgehen. In der biblischen Lehre ist viel Raum für unterschiedliche kulturelle Ausprägungen. In der Tat ist viel Schaden entstanden, weil man Strukturkonservatismus mit theologischem Konservatismus verwechselt hat. Aber es gibt in der Bibel auch zeitlose Aussagen. Wenn Jesus die Ehe von Mann und Frau bestätigt und direkt auf Gottes gute Schöpfung zurückführt, dann können die Nachfolger Jesu das nicht einfach als überkommenes, zeitbedingtes damaliges Denken abtun.
      Ja, Bescheidenheit ist wichtig. Ich selbst sitze ganz bestimmt Irrlehren auf. Ich habe Brillen und Prägungen, die ich nur langsam durchschaue (bzw. ich hoffe, ich durchschaue sie immer mehr mit der Hilfe von Gottes Wort). Ich bin und bleibe ein Lernender, ein Jünger Jesu. Aber um lernen zu können brauchen wir einen Lehrer, von dem wir lernen. Um die richtige Richtung zu finden brauchen wir einen Maßstab, an dem wir uns ausrichten. Wenn wir aber den Lehrer und den Maßstab die Autorität absprechen und dekonstruieren, weil wir die Aufklärung, die Vernunft und den wissenschaftlichen Zweifel zum Richter über richtig und falsch in der Bibel machen, dann haben wir keine Chance mehr, überhaupt zu definieren, was denn eine Irrlehre ist.

  2. Sorry, das war undeutlich ausgedrückt. Ich meinte damit, dass wenn man Jesus aus den historischen Jesus beschränkt, als das, was man durch bestimmte (wissenschaftliche) Methoden unzweifelhaft ihm zuweisen kann, nicht viel von Jesus übrig bleibt. Wir müssen die Evangelien so nehmen wie sie sind; da bin ich wahrscheinlich ganz bei dir.

    Es gibt mir darum, dass das, was heute als konservativ gilt, eben meistens lediglich eine theologische Prägung ist, die in einem bestimmten Zeitrahmen (z.B. vor 100 Jahren) en-vouge war.
    Ohne jetzt zu große Fässer aufmachen zu wollen: Beispielsweise das ansehen der Schöpfungsberichte durch eine aufklärerische Brille – eine Brille, die gern von Konservativen aufgesetzt wird, aber verpasst, dass man nur ein Stückchen weiter zurückkgehen muss, ein Stückchen noch konservativer sein muss, und dann feststellt, dass diese Brille in der größten Zeit des Juden- und Christentums nicht funktioniert hat. Reformer hatten meist den Anspruch, sich auf etwas zurückzubesinnen, nicht “einfach etwas neues zu erfinden”. Das gilt auch (natürlich mit der üblichen Fehlbarkeit und Irrtümern) für die meisten wissenschaftlichen oder progressiven Theologen.

    • Ich hatte beim Schreiben die Methode vor Augen, in denen historische Jesusforschung so betrieben wird, dass der vermeintlich historische Jesus gerade dadurch sichtbar wird, dass er Sachen sagt, die scheinbar nicht zur Christologie des neuen Testaments passen. Dahinter steckt die Idee, dass die urchristliche Christologie nicht auf Jesus zurückgeht sondern erst nach Jesus entwickelt wurde. Hör Dir z.B. den Worthausvortrag zum historischen Jesus an, dann weißt Du, was ich meine. Der vermenschlichte Jesus, der da gezeichnet wird, hat mir dem neutestamentlichen Jesus, dem ich vertraue, kaum etwas zu tun.
      Mit Deiner Definition von “konservativ” kann ich offen gesagt wenig anfangen. Dieser Verdacht, es wäre alles nur Brille und Prägung, greift doch viel zu kurz. Ich habe ja keine theologische Ausbildung. Alle zentralen Gedanken in meinem Kapitel über dsa Kreuz in meinem Glaubenskursbuch habe ich nicht aus Büchern oder Vorträgen sondern sie sind mir selbst durch Bibellesen wichtig geworden. Klar kann niemand ganz exakt trennen zwischen biblischer Erkenntnis und der außerbiblischen Prägung, die wir natürlich alle haben. Aber das Ziel muss klar sein: Ich will, dass mir die Bibel immer mehr meine Prägungen und Briellen abnimmt und dass mein Denken von der Lehre der biblischen Autoren geprägt wird, weil ich glaube, dass diese Texte tatsächlich vom Geist Gottes durchhaucht und geprägt und deshalb einzigartig verlässlich sind. Der Umgang mit dem Schöpfungsbericht ist ein gutes Beispiel: Ich bin ganz offen dafür, auch Genesis 2-11 rein symbolisch zu lesen. Aber dafür müssten mir die progressiven Theologen aus dem Bibeltext heraus zeigen, dass diese Texte ursprünglich rein symbolisch gemeint sind. Mir begegnet aber meist der Ansatz, dass man erst einmal die aktuellen wissenschaftlchen Erkenntnisse absolut setzt und dann den biblischen Text solange biegt, bis er dazu passt. Das überzeugt mich nicht. Wenn die Kirche ihre Theologie an der aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnis ausrichtet, dann hat sie alle hundert Jahre eine andere Theologie und dann liegt sie in der Gegenwart garantiert lächerlich falsch, weil wir in 50 Jahren die Dinge schon wieder ganz anders sehen. Die aktuelle naturwissenschaftliche Szene ist stark naturalistisch geprägt. Das bricht zumindest in den USA gerade zunehmend zusammen. Viele progressiven Theologen haben die Idee, dass Gott innerhalb von Zeit und Raum wundersam in die Geschichte eingreift, viel zu schnell auf dem Altar der vorherrschenden als wissenschaftlich geltenden Denkweise geopfert. Dieser Weg hat keine Zukunft. Da vertraue ich lieber den biblischen Autoren – aus den vielen Gründen, die ich ja auch publiziert habe.

  3. > sondern sie sind mir selbst durch Bibellesen wichtig geworden

    Und Theologen, die zu weniger konservativen Einschätzungen kommen, bei denen war das anders?

    > Ich will, dass mir die Bibel immer mehr meine Prägungen und Briellen abnimmt und dass mein Denken von der Lehre der biblischen Autoren geprägt wird

    Und Theologen, die zu weniger konservativen Einschätzungen kommen, bei denen ist das anders?

    > Ich bin ganz offen dafür, auch Genesis 2-11 rein symbolisch zu lesen. Aber dafür müssten mir die progressiven Theologen aus dem Bibeltext heraus zeigen, dass diese Texte ursprünglich rein symbolisch gemeint sind.

    Und die Konservativen müssen nicht zeigen, das diese Texte schon ursprünglich für die Aufgeklärten Rationalisten geschrieben wurden und historische Tatsachen beschreiben sollen?

    > Mir begegnet aber meist der Ansatz, dass man erst einmal die aktuellen wissenschaftlchen Erkenntnisse absolut setzt und dann den biblischen Text solange biegt, bis er dazu passt. Das überzeugt mich nicht.

    Mich auch nicht. Nur das ich das Absolutsetzen der wissenschaftlichen Erkenntnise heutzutage bei den Konserativen finde – auch in deinem Block findet man ja Artikel wie “Warum wir der Bibel vertrauen können” und “Auferstehung, Fakt oder Fiktion?”, die versuchen mit Rationalität und aufgeklärtem Denken die Bibel zu beweisen. Das setzt die Wissenschaft und Rationalität nicht absolut?

    > Wenn die Kirche ihre Theologie an der aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnis ausrichtet, dann hat sie alle hundert Jahre eine andere Theologie und dann liegt sie in der Gegenwart garantiert lächerlich falsch

    Das passiert den Konservativen doch genauso – siehe meine Argumentation oben. Und die Kirche lag eben schon falsch, auch die Kirche muss sich korrigieren (Kopernikus, Ablass, Sexualvorstellungen von z.B. Augustinus, etc). Wir müssen ein Interesse daran haben, wie sich Bedeutungen durch soziale Umwälzungen geändert haben (z.B. Geschwister statt Brüder, etc.). Ansonsten kann man dem Text genauso unrecht tun.

    > Viele progressiven Theologen haben die Idee, dass Gott innerhalb von Zeit und Raum wundersam in die Geschichte eingreift, viel zu schnell auf dem Altar der vorherrschenden als wissenschaftlich geltenden Denkweise geopfert.

    Einige vertreter der liberalen Theologie haben das sicherlich getan – aber nicht umsonst sind die heute ja kaum noch vertreten unter den Progressiven; ich kann sie zumindest nicht ernstnehmen. Genau wie es auch unter konservativen Apologeten viele gibt, die mit Rationalität argumentieren und auch nicht an Wunder oder Geistwesen, etc. glauben.

    > Da vertraue ich lieber den biblischen Autoren

    Ich vertraue aber nicht darauf, dass sie die gleiche Brille aufhatten, wie ich in einer post-aufgeklärten Gesellschaft und nicht die gleiche Grundannahmen haben wie ich.

    • Es ist eine Grundentscheidung, ob ich die Bibel als Offenbarung ernst nehme (und nicht nur als Zeugnis der Offenbarung) und ob ich sie selbst zum Maßstab der Auslegung mache und somit auch Vernunft, Wissenschaft, Erfahrung etc. der Aussageabsicht der Bibel unterordne. Diese Entscheidung wird (übrigens auch gemäß Prof. Zimmer) in der progressiven und sowieso in der liberalen Theologie anders getroffen als in von konservativ Evangelikalen.
      “Und die Konservativen müssen nicht zeigen, das diese Texte … historische Tatsachen beschreiben sollen?” Siehe dazu: http://blog.aigg.de/?p=4414
      “die versuchen mit Rationalität und aufgeklärtem Denken die Bibel zu beweisen.” Nein, da verstehst Du mich falsch. Mir ist völlig klar, dass man die Bibel nicht beweisen kann. Aber man kann zeigen, dass man vernünftige Gründe für sie ins Feld führen kann. Das ist etwas Anderes.
      “Wir müssen ein Interesse daran haben, wie sich Bedeutungen durch soziale Umwälzungen geändert haben.” Absolut. Aber das heißt nicht, dass es nicht auch zeitlos gemeinte Aussagen gibt.
      “Ich vertraue aber nicht darauf, dass sie die gleiche Brille aufhatten… und nicht die gleiche Grundannahmen haben wie ich.” Ich auch nicht. Aber die Debatte dreht sich eben nicht nur um unterschiedliche Brillen. Es gibt auch eindeutige Aussagen in der Bibel. Es gibt eine Klarheit der Schrift. Die Aussage, dass das Grab leer war, ist z.B. eindeutig und klar. Wer das bezweifelt, der kann das nur auf Basis einer sachkritischen Haltung tun. Das hat nichts mit Brillen zu tun. Das gilt genauso auch für das stellvertretende Sühneopfer (http://blog.aigg.de/?p=3887). Hier stehen wir deshalb ganz einfach vor der Frage: Vertraue ich der Botschaft, die mir der biblische Autor mitteilen wollte oder nicht?

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