Kirchengeschichte live – so spannend wie nie zuvor!

Wir leben in einer historisch einmaligen Phase der Kirchengeschichte! Seit der konstantinischen Wende im 4. Jahrhundert war die Gestalt der Kirche durch ihre Verbindung mit dem Staat geprägt. Dadurch war im Grunde festgelegt, dass das ganze Volk zur Kirche gehört (“Volkskirche”), dass ein als Baby getaufter Mensch lebenslang Kirchenmitglied bleibt und auch seine Kinder zu Kirchenmitgliedern macht. Entsprechend gehörten noch im Jahr 1970 fast 95 % der deutschen Bevölkerung zu einer der beiden großen Kirchen.

Die Moderne und schließlich die Postmoderne haben jedoch aus den braven Kirchenschäfchen eigenwillige Individualisten gemacht. Plötzlich entscheiden die Menschen selbst, ob sie zur Kirche gehören wollen oder nicht – mit dramatischen Folgen: Im Jahr 2012 ist der Anteil der Kirchenmitglieder an der Gesamtbevölkerung bereits auf 60 % gesunken. In manchen ostdeutschen Bundesländern liegt er schon jetzt bei 20 %, Tendenz weiter sinkend. Die EKD-Studie “Engagement und Indifferenz” stellte jüngst eine “Stabilität im Abbruch” fest: Nur noch 22 % der jugendlichen Kirchenmitglieder fühlt sich mit der Kirche verbunden, nur noch 1% (!) der 16- bis 29-jährigen besucht regelmäßig den Gottesdienst. Die Kirche ist auf dem Weg zur “Seniorenkirche”.

Folgerichtig äußert Theologieprofessor Michael Herbst, dass es Zeit ist, sich vom Bild der Volkskirche, der weite Bevölkerungsteile angehören, zu verabschieden. Mit anderen Worten: Die Kirche ist auf dem Weg, wieder das zu werden, was sie ursprünglich war: Eine Freiwilligenkirche von entschiedenen Jesusnachfolgern.

Kirchengeschichte liveDiese Entwicklung stellt die großen Kirchen vor eine gewaltige, ungewohnte Herausforderung: Während ihr Mitgliederbestand fast 2000 Jahre lang durch die gesellschaftlichen Zwänge gesichert war kann sie jetzt plötzlich nur noch überleben, wenn sie so attraktiv wird, dass die Menschen gerne und freiwillig zu ihr kommen!

Muss uns diese Entwicklung Angst einjagen? Keineswegs, sagt der bekannte katholische Religionssoziologe und Pastoraltheologe Paul M. Zulehner in einem äußerst lesenswerten Interview: Die Gestalt der Volkskirche sei zwar am Ende. Aber die Kirche befinde sich in keiner Krise, nur in einem “epochalen Umbau voller Chancen”. Sie wandelt sich von einer Institution zu einer “Jesusbewegung” “vernetzter älterer und junger Leute, die dem Evangelium Platz machen in ihrem Leben.” Ob sich diese Menschen in herkömmlichen Kirchengemeinden finden oder nicht sei zweitrangig. “Das wird vielfältige Formen annehmen, die wir heute noch nicht so genau kennen.” Die Kirche Jesu wird also bunter – und trotzdem wird sie durch die gemeinsame Liebe zu Jesus mehr Einheit haben als je zuvor.

Allerdings kann dieser Umbau nicht allein von Profis bewältigt werden: “Wir brauchen in der Kirche wieder entschiedene Christen, die sagen. “Wir sind Teil eines Anfangs!” Die Zeit der Expertenkirche geht zu Ende. Jetzt beginnt die Zeit der Laien!

Vor 1 Woche habe ich eine Gemeinde besucht, die diesen Umbau längst angepackt hat: Im Jesustreff in Stuttgart haben Laien mitten in der ev. Landeskirche eine moderne, attraktive Gemeinschaft aufgebaut, zu der vor allem junge Leute strömen. In dem bewegenden Gottesdienst wurden neue Mitglieder in einem Wasserbecken getauft. Der Dekan hielt eine kurze Ansprache. Die Taufhandlung wurde jedoch wie selbstverständlich von einem Laien durchgeführt. Der Jesustreff beweist: Diese Botschaft, die seit 2000 Jahren Millionen von Menschen für die Jesusnachfolge begeistert, hat auch heute noch nichts von ihrer Kraft und Attraktivität verloren! Wenn die Kirche sich auf diese Botschaft besinnt und die kulturellen Hürden konsequent abbaut braucht sie sich um ihre Zukunft keine Sorgen zu machen.

Wir leben also in einer extrem spannenden Phase der Kirchengeschichte. Heute und hier ist die Zeit der mutigen Pioniere, die ihre Bibel kennen, mit Jesus verbunden sind und ihr Leben geben, um mit ihm Geschichte zu schreiben. 500 Jahre nach der Reformation sind wir Augenzeugen einer neuen Reformation, die noch revolutionärer und weitreichender ist als zur Zeit Martin Luthers. Um alles in der Welt will ich Teil dieser Geschichte sein!

siehe auch: Woran die Kirche krankt – und welche Medizin WIRKLICH hilft

2 Gedanken zu „Kirchengeschichte live – so spannend wie nie zuvor!

  1. Kann ich als Kirchenprofessioneller (Pfarrer) nur bestätigen. Wir halten am Dogma der Versorgungskirche durch Hauptamtliche fest und wundern uns, dass das Leben um uns langsam erlischt oder zu leeren Ritualen erstarrt.
    Die Rollenveränderung von der Respektsperson zum Spirituellen Trainer und Moderator steht uns größtenteils noch bevor.

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