Tatort Münster – ein hochbrisanter Fall der Kirchengeschichte

Warum wir die gnadenlose Verfolgung der Täufer nicht vergessen dürfen

Die Stadt Münster ist Tatortfans als Krimihochburg bestens bekannt. Hier löst das geniale Ermittlerduo Boerne und Thiel seine Fälle. Bei meinem Besuch in Münster fiel mir auf, dass diese Stadt aber auch reale Mordfälle zu bieten hat: Im Turm der Lambertikirche hängen noch immer die 3 Käfige, in denen 1536 die Leichen der öffentlich hingerichteten Anführer der Täuferbewegung zur Schau gestellt wurden. Der makabre Anblick hat mich betroffen gemacht. Seit ich vor ein paar Jahren das (äußerst empfehlenswerte!) Buch „Feuertaufe“ von Peter Hoover gelesen habe lässt mich das Drama der Täufer nicht mehr los.

Käfige LambertikircheLeider ist nur Wenigen bekannt, was sich damals abgespielt hat: Im 16. Jahrhundert entstand neben den reformierten Kirchen eine weitere reformatorische Bewegung, die noch einen Schritt weiter gehen wollte: Die Verbindung von Kirche und Staat sollte aufgelöst werden. Die Taufe sollte Ausdruck einer persönlichen Glaubensentscheidung sein, weshalb die Kindertaufe nicht anerkannt wurde. Stattdessen ließen sich Erwachsene taufen, ohne dabei die Einmaligkeit der Taufe in Frage zu stellen (der leider immer noch benutzte Begriff „Wiedertaufe“ war ein Schimpfwort, der den Täufern eine Irrlehre unterstellte, die sie nie vertreten haben und der deshalb dringend abgeschafft gehört).

Die Täuferbewegung wuchs schnell und konnte in weiten Teilen Mitteleuropas Gemeinden gründen. Von den Kirchen wurde sie aber als Bedrohung empfunden. Mit dem Wiedertäufermandat von Speyer und dem Augsburger Bekenntnis begann ab 1529 eine etwa 300 Jahre lang andauernde systematische Verfolgung. Viele tausend Menschen wurden dabei grausam vertrieben, eingesperrt, gefoltert, verbrannt, enthauptet oder ertränkt, und zwar nicht nur in katholischen sondern auch in vielen reformierten Regionen – und mit ausdrücklicher Unterstützung Martin Luthers! Diese gezielte und organisierte Ausrottung einer ganzen kirchlichen Bewegung wurde vom mennonitischen Täuferforscher Wolfgang Krauß zurecht als „Kirchenmord“ („Ekklesiozid“ in Anlehnung an den Begriff “Genozid” für Völkermord) bezeichnet. Eindrücklich schildert er, wie das Trauma bei den Nachfahren der in die ganze Welt vertriebenen Täufer (Mennoniten, Hutterer und Amische) bis heute nachwirkt.

Die Gründe für diese Verbrechen bleiben weitgehend rätselhaft. Bis auf wenige Ausnahmen (z.B. in Münster) waren die Täufer absolut friedlich und pazifistisch. Sogar ihre Gegner bescheinigten ihnen höchste moralische Integrität. Umso beschämender ist es, dass es fast 500 Jahre gedauert hat, bis endlich im Jahr 2010 Vertreter der lutherischen Kirchen die Täuferbewegung um Vergebung gebeten haben. Ist damit dieser Fall jetzt abgeschlossen? Nein, auf keinen Fall. Die Aufarbeitung der fürchterlichen Verfolgung der Täufer ist längst noch nicht bewältigt. Und die Erinnerung an die historische Schuld muss uns sensibel machen für unsere Gegenwart:

Leider haben wir Christen oft die Neigung, die Stillen im Land sein zu wollen. Lieber nichts sagen, um nirgends anzuecken. Aber ich glaube nicht, dass das eine Tugend ist. Gerade in Deutschland sollten wir wissen, wohin das führen kann. Auch deshalb unterstütze ich von Herzen die Initiative Zeit zum Aufstehen, damit wir Christen neu auf das schauen, was uns eint und gemeinsam eine Stimme finden für Gewissens- und Religionsfreiheit und gegen jede Benachteiligung und Verfolgung von Christen und Angehörigen aller Religionen weltweit“. Und natürlich müssen wir noch viel mehr tun: Gemeinsam beten, spenden, die Stimme auf vielfältige Weise erheben und uns einsetzen für Schwache und Verfolgte und für die Einheit der Christen, um die Jesus so intensiv gebetet hat. Es ist höchste Zeit, dass der Leib Jesu die historische Spaltung vollends überwindet und in seiner Vielfalt an Prägungen über die Konfessionsgrenzen hinweg zu einer Herzenseinheit findet. Nicht zuletzt das 500-jährige Reformationsjubiläum im Jahr 2017 wäre dafür ein großartiger Anlass!

Miteinander reden – nicht übereinander!

Gedanken zur ARD-Doku “Mission unter falscher Flagge”

Am 4. August wurde Deutschland in einer ARD-Doku über „radikale Christen in Deutschland“ aufgeklärt, die angeblich „Mission unter falscher Flagge“ betreiben. Obwohl dabei nur einige freikirchliche Gruppen mit charismatisch/pfingstlicher Prägung gezeigt wurden hat der Film letztlich die gesamte evangelikale Bewegung ins Zwielicht gerückt.

Die völlig einseitige, undifferenzierte und reißerische Darstellung mit subtilen Schnitten und düsteren Klängen hat viele Christen sehr empört. Das ging auch mir so. Nicht zuletzt die inzwischen verfügbaren Stellungnahmen des Gospel Forums, der FCJG Lüdenscheid, der TOS Tübingen oder des Werks Mission Freedom (inkl. der Pressemitteilung des MdB Frank Heinrich) haben die äußerst mangelhafte journalistische Qualität des Films überdeutlich werden lassen.

Bei allem Ärger über die ARD-Journalisten gibt es jedoch eine Sache, die mich offen gesagt noch mehr bedrückt: Es war ein Pfarrer meiner evangelischen Landeskirche Württemberg, der diese Mitchristen im Film so massiv angegriffen hat. Sein harmlosester Vorwurf war dabei noch, dass in den Veranstaltungen der freien Gemeinden das Evangelium wie in schlechten Managerseminaren angepriesen würde. Viel schlimmer war seine Aussage, dass es nach seinem „Eindruck“ hinter den Kulissen der freien Gemeinden Machtmissbrauch, Manipulation und sogar Gewalt gäbe. Die Belege dafür waren dünn. Außer ein paar vorgelesenen Behauptungen anonymer „Aussteiger“ wurden in dem ganzen Film praktisch keine Fakten genannt, um die harten Vorwürfe zu belegen, und das, obwohl die ARD-Journalisten hinter der Kamera offenbar kräftig von der Arbeitsstelle für Weltanschauungsfragen der württembergischen Landeskirche unterstützt wurden, wie die Filmemacher im Interview berichten.

Was mich dabei umtreibt ist: Vertreter meiner eigenen Kirche tun hier doch genau das, wofür der Papst gerade eben bei den Pfingstkirchen um Vergebung gebeten hat, nämlich die Beförderung einer undifferenzierten und einseitigen Stigmatisierung pfingstlich/charismatischer Mitchristen.

Natürlich ist mir aus persönlicher schmerzlicher Erfahrung sehr bewusst, dass es Manipulation, Gewalt und Machtmissbrauch tatsächlich auch in christlichen Kreisen gibt. ABER: Diese Probleme gibt es überall, wo Menschen mit verletzter Identität versuchen, ihre persönlichen Defizite durch menschliche Anerkennung und Macht zu kompensieren. Das ist keine Spezialität charismatisch/pfingstlicher Gruppen. Hier muss jede Gemeinde und Kirche zuerst vor ihrer eigenen Haustüre kehren.

Miteinander redenUnd wenn wir den Eindruck gewinnen, dass solche Probleme anderswo gerade gehäuft auftauchen, dann sollten wir MITEINANDER und nicht ÜBEREINANDER sprechen, so wie es Paulus gemacht hat. Wir lesen ja in der Bibel, dass es auch in den urchristlichen Gemeinden z.T. schlimme Fehler und Fehlentwicklungen gab. Gut, dass Paulus das direkt mit den Gemeinden besprochen hat statt die Bevölkerung Korinths oder Galatiens öffentlich vor den christlichen Gemeinden zu warnen!

Gerade jetzt kämpft meine Kirche wieder mit einer neuen Austrittswelle. Das drückt mich sehr. Noch bedrückender finde ich, dass unsere Gesellschaft große Probleme hat und mehr denn je die gute Nachricht des Evangeliums benötigt. Dafür brauchen wir Christen eine starke gemeinsame Stimme im Land! Jesus hat deutlich gemacht, dass unser Zeugnis erst dann an Strahlkraft gewinnt, wenn die Christen in Einheit zusammenstehen.

Deshalb meine ich: Wir können wir es uns nicht leisten, öffentlich auf einander loszugehen! Denn damit schaden wir am Ende dem Ruf ALLER Christen, auch dem unserer eigenen Kirche!

Ich wünsche mir deshalb sehr, dass meine Kirche dem Beispiel des Papstes folgt und klar zum Ausdruck bringt, dass…

… es nicht der Wahrheit entspricht, wenn charismatisch/pfingstliche Christen derart einseitig und undifferenziert negativ dargestellt werden.

… es nicht in Ordnung ist, Mitchristen (so wie überhaupt niemanden) ohne klare Faktenlage öffentlich niederzumachen.

… evangelikal und charismatisch geprägte Christen auch in vielen evangelischen Gemeinden äußerst wertvolle ehrenamtliche Arbeit leisten und ein wichtiger und wertgeschätzter Bestandteil der evangelischen Kirche sind.

… moderne, jugendgemäße Formen, wie sie im Film zu sehen waren, auch innerhalb der Kirche gefördert und begrüßt werden als wertvolle Hilfe gegen den massiven Bindungsabbruch von Jugendlichen zur Kirche.

Ob mein Wunsch wohl in Erfüllung geht? Ich habe den Pfarrer, der in der Sendung zu Wort kam, und meine Kirchenleitung darauf angesprochen. Vielleicht kommen wir ja miteinander ins Gespräch und gemeinsam einen Schritt vorwärts auf dem Weg zu der Einheit, für die Jesus so intensiv gebetet hat. Dann hätte dieser ARD-Film doch noch etwas Gutes bewirkt…

Streitpunkt Bibelverständnis: Wie gehen wir richtig mit dem Buch der Bücher um?

Die Frage nach dem richtigen Umgang mit der Bibel hat quer durch die Kirchengeschichte bis heute unendlich viel Streit und Spaltungen unter Christen produziert. Ist wirklich die ganze Bibel Gotteswort? Falls ja: Müssen wir dann alles wörtlich auf unser Leben anwenden, was in der Bibel steht, selbst wenn es uns fremdartig, unlogisch, falsch oder ungerecht erscheint? Nein, so kann das nicht gemeint sein. Gott hat uns einen Verstand gegeben, um ihn zu benutzen und auch beim Bibellesen nicht auszuschalten. Und ich habe schon zu viele Menschen erlebt, die mit der Bibel „erschlagen“ und verletzt worden sind statt in ihr der Liebe des Vaters zu begegnen.

Müssen wir dann also unterscheiden lernen zwischen menschlichen Irrtümern und Gottes ewigen Wahrheiten in der Bibel? Schließlich waren es ja Menschen, die die Bibel geschrieben haben. Aber wer entscheidet dann, was von Gott ist und was nicht? Auf welcher Grundlage? Nein, das kann auch nicht der richtige Weg sein. Denn dann landen wir in einer Beliebigkeit, in der sich jeder seine Privatwahrheit bastelt und es kein gemeinsames Fundament mehr gibt. Wir sehen am Niedergang unserer Kirche, wohin solch ein kritisches Bibelverständnis führt.

Mein Vorschlag lautet deshalb: Gehen wir mit der Bibel doch einfach so um, wie sie selbst es uns lehrt: Die ganze Bibel ist von Gott inspiriert (2. Tim. 3, 16). Aber unsere Erkenntnis, wie sie auszulegen ist, bleibt Stückwerk (1. Kor. 13, 9+12).

Das schützt sowohl vor dem Hochmut, wir wären gescheiter als die Bibel als auch vor dem Hochmut, wir wüssten besser als alle anderen, wie die Bibel auszulegen ist. Das verleiht uns eine respektvolle Liebe zur Bibel und hält uns gleichzeitig in der Abhängigkeit vom Geist Gottes, der uns allein in die Wahrheit leiten kann (Joh. 16, 13), denn der Buchstabe tötet, der Geist macht lebendig (2. Kor. 3, 6). Das schützt uns vor übereilten Schlüssen und vorschnellem Verurteilen anderer Christen. Das erinnert uns daran: Wir Christen sind nicht im Besitz der Wahrheit. Wir hoffen nur, dass die Wahrheit in Person (nämlich Jesus) immer mehr Besitz von uns ergreift!

Es ist höchste Zeit, dass die Theologie an den Universitäten vollends herunterkommt von ihrem hohen Ross der Vergötterung des menschlichen Verstands und dass sie sich wieder der Bibel unterordnet anstatt menschliche Meinungen zur letzten Instanz der Wahrheit zu machen. Es ist Zeit, der Bibel wieder zuzutrauen, dass sie besser über uns Menschen, Gott und die Welt Bescheid weiß als der Zeitgeist. Und es ist Zeit, dass Theologen und Kirchenfürsten aufhören, ihre speziellen Erkenntnisse zu unumstößlichen Dogmen zu erheben und durch Kirchengesetze Mauern aufzubauen, wo Gott niemals Mauern wollte.

Sola Scriptura – allein die Schrift! Die Schrift ist genug! Zusätzliche Wahrheitsinstanzen braucht kein Mensch. Aber die Bibel brauchen wir alle – mehr denn je! Gesundes Christsein und eine gesunde Kirche lebt von einer tiefen und respektvollen Liebe zur Bibel. Jeder Mensch und jede Generation ist gerufen, sie mit wachem Verstand zu lesen und ihre Schätze neu für sich zu heben. Unter ihr können wir uns alle treffen und uns miteinander auf den Weg machen zur Mitte und zum Autor der Bibel und zum Haupt der Kirche, das uns in die frei machende Wahrheit, zur Liebe des Vaters und zur Fülle des Lebens führt: Jesus!

Bibelpendel