6 Gründe, warum gute Grenzen ein Segen sind

Das Wort „Grenze“ wird heute oft mit „Ausgrenzung“ verknüpft. Dabei sind Grenzen lebensnotwendig. Grenzen schützen. Sie schaffen Lebens-Raum. Jede einzelne unserer Körperzellen kann nur existieren, weil sie sich mit Hilfe einer raffiniert gebauten Membran von ihrer Umwelt abgrenzt, ohne völlig dicht zu machen. Selbst Gottes neues Jerusalem kommt nicht ohne Grenzen aus (Offb. 21, 27). Sind Grenzen also spaltend und negativ oder sind sie ein Segen für die Gemeinde?

Die SPD hat ein Problem. Nachdem der Chef der SPD-Nachwuchsorganisation Kevin Kühnert Thesen vertreten hatte, die eher zu sozialistischen oder gar kommunistischen Parteien zu passen scheinen, gab es teils heftigen Unmut. Parteiinterner Streit ist Gift für die Umfrageergebnisse. Umso mehr stellt sich die Frage: Wer ist schuld am Streit? Ist Kevin Kühnert schuld, weil er Thesen vertrat, die nicht zur Ausrichtung der Partei passen und die viele SPD-Mitglieder und -Wähler für indiskutabel halten? Oder sind die Kritiker von Kevin Kühnert schuld, weil sie nicht bereit sind, auch steil klingende Thesen als Diskussionsbeitrag stehen zu lassen und als mögliche Position innerhalb der SPD anzuerkennen?

Ein ähnliches Spannungsfeld wird in letzter Zeit verstärkt auch im evangelikalen Umfeld verhandelt: Wie geht man damit um, wenn dort theologische Positionen vertreten werden, die nicht zur gemeinsamen evangelikalen Glaubensbasis passen? Ist es im wahrsten Sinne des Wortes not-wendend, sich gegen solche Positionen bewusst abzugrenzen? Oder sollte man sie stehen lassen und als mögliche Deutungen innerhalb der evangelikalen Bewegung anerkennen, um niemand auszugrenzen? Anders gefragt: Gewinnt man mehr Einheit und Ausstrahlung durch klarer ausgesprochene Grenzen? Oder ist mehr Einheit und Ausstrahlung nur durch mehr Freude an Pluralität (neudeutsch „Ambiguitätstoleranz“) und durch weite bzw. überhaupt keine Grenzen und rote Linien möglich?

Abschottung und zu enge Grenzen schaden definitiv

Natürlich gilt: Totschweigen und Abschottung hilft niemandem, zumal es im digitalen Zeitalter ohnehin nicht funktioniert. Es gehört auch für evangelikale Christen zu einer guten Bildung, nichtevangelikale Theologie und Theologen zu kennen und sich mit ihren Inhalten (kritisch) auseinander zu setzen.

Und richtig ist natürlich auch: Zu enge Grenzen schaden der Gemeinde definitiv, vor allem wenn die eigene Identität primär von der Abgrenzung lebt und nicht aus der Liebe Gottes gespeist wird. Schon Paulus hat gefordert, dass man sich in Fragen der Einhaltung von Speisegeboten oder speziellen Feiertagen nicht streiten sondern sich – selbst gegen die eigene Überzeugung – lieber am Schwächeren orientieren soll (Röm.14). Wer bei solchen Randfragen strikt auf Dogmen pocht statt flexibel zu sein, wird der Einheit der Gemeinde zur Last. In den notwendigen Fragen Einheit, in den zweifelhaften Fragen Freiheit, über allem die Liebe. Diese oft zitierte Formel scheint tatsächlich auch zur Botschaft des Neuen Testaments zu passen. Zu klären ist dabei aber natürlich die Frage: Was sind denn die notwendigen Fragen, bei denen wir unbedingt Einheit brauchen, um in den Randfragen entspannt Freiraum geben zu können?

Ohne Zweifel sind die Fragen nach der Bedeutung des Kreuzestodes und nach der Auferstehung grundlegend für den christlichen Glauben. Karfreitag und Ostern bilden ja den innersten Kern des Evangeliums. Spätestens wenn das leere Grab und das stellvertretende Sühneopfer in Frage gestellt oder in ihrer Bedeutung relativiert werden, ist dieser innerste Kern betroffen. Aber auch die Frage nach der Autorität und Vertrauenswürdigkeit der biblischen Autoren ist gerade für den Protestantismus des „Sola Scriptura“ von entscheidender und grundlegender Bedeutung. Aus mindestens 6 Gründen bin ich überzeugt, dass bei solchen zentralen Themen weise gewählte Grenzen tatsächlich äußerst wichtig und segensreich für Gemeinden sind:

Warum biblisch begründete Grenzen für die Einheit und das Gedeihen von Gemeinden unbedingt notwendig sind

1. Aus biblischen Gründen

Grenzziehung gegen falsche Lehre ist in der ganzen Bibel ein wichtiges Thema. Einige Briefe des Neuen Testaments sind in Teilen regelrechte Streitschriften gegen falsche Lehre. Das „Nehmt einander an“ (Röm.15,7) steht dort immer auf dem Fundament der apostolischen Lehre als einer verbindlichen gemeinsamen Grundlage. Dazu nur ein Zitat von vielen: „Und nun möchte ich euch, liebe Brüder, noch einmal vor solchen Leuten warnen, die die Gemeinde spalten und den Glauben anderer erschüttern. Denn sie lehren euch etwas anderes als das, was ihr gelernt habt. Haltet euch von ihnen fern!“ (Römer 16, 17)

Lehre, die der apostolischen Botschaft widerspricht, wird hier also explizit als Grund der Spaltung benannt. Paulus fand äußerst harte Worte, wenn am apostolischen Evangelium etwas verändert wird (Galater 1, 8). Er hat sich nicht gescheut, auch Petrus öffentlich zu kritisieren, als er den Eindruck hatte, dass dessen Verhalten in Bezug auf wichtige Inhalte des Evangeliums falsche Signale sendete (Gal.2,11-14). Jesus hat falsche Aussagen häufig gekontert mit der Aussage: „Habt ihr nicht gelesen?“ Der Schriftbeweis war für ihn also entscheidend. Ringen um Wahrheit und christliche Einheit jenseits von Gottes Wort und Gebot kennt die Bibel nicht.

Natürlich gründet die Einheit der Kirche letztlich nicht auf einem dogmatischen System sondern auf der Person Jesus Christus. Aber auch „Jesus Christus“ bleibt ohne christliche Lehre, die objektiv gültige Schriftaussagen herausarbeitet, eine Nebelkerze. Denn es stellt sich ja die Frage: Welcher Jesus Christus ist gemeint? Der Jesus des Neuen Testaments? Oder ein „historischer Jesus“ aus der liberalen Theologie, der gerade dadurch sichtbar wird, dass er sich von der frühchristlichen Christologie unterscheidet? Wenn derart gegensätzliche Konzepte zum Begriff „Christus“ im Raum stehen, dann kann Christus nicht mehr das verbindende Fundament der Kirche sein. Die Bibel hat zwischen Gottes verschriftlichtem Wort und Christus nie einen Gegensatz konstruiert. Im Gegenteil: „Die Schriften … sind es, die von mir zeugen.“ (Johannes 5, 39) Die Grenzen der Schrift müssen deshalb gerade auch im Hinblick auf Christus die Grenzen der Gemeinde sein.

2. Aus Gründen der Glaubwürdigkeit der kirchlichen Botschaft

Das leere Grab wird im Neuen Testament vielfältig beschrieben. Es ist DIE Kernbotschaft der Evangelisten. Man kann normalen Menschen kaum erklären, warum sie die biblischen Autoren für vertrauenswürdig und die Bibel für relevant halten sollen, wenn selbst diese allerzentralsten Berichte erfundene Geschichten sind, die die Kirche jahrtausendelang auf eine falsche Fährte geführt haben. Das stellvertretende Sühneopfer zieht sich wie ein roter Faden quer durch die ganze Bibel. Wenn selbst diese allerzentralste Botschaft nicht klar ist sondern höchstens eine von vielen möglichen Deutungen darstellt, dann ist eigentlich nichts mehr klar in der Bibel. Dann gibt es keine Botschaft mehr, die Christen ganz einfach fröhlich gemeinsam glauben, bekennen und besingen können.

Das größte Problem daran ist: Kein Mensch weiß aus sich heraus etwas darüber, wer und wie Gott ist und was nach dem Tod geschieht. Auch die Kirche Jesu hat bei den existenziellen Ewigkeitsfragen keine Autorität aus sich selbst heraus, sondern nur als Botschafter von Gottes zeitlosem Wort und Gebot. Sie kann nur deshalb Trost und Antworten für die grundlegenden Ewigkeitsfragen der Menschen geben, weil sie aus einer göttlichen Erkenntnisquelle schöpft, die außerhalb ihrer selbst liegt. Die Menschen haben ein feines Gespür dafür, ob Kirche aus der Autorität einer zeitlosen Wahrheit heraus handelt oder ob sie den Menschen nach dem Mund redet. Ohne biblischen Maßstab und ohne Klarheit über die biblische Botschaft gibt es auch zu den existenziellen Ewigkeitsfragen nur noch Meinungen – und zwar die, die sich am lautesten durchsetzen. Wen soll man damit trösten? Es ist kein Wunder, wenn die Botschaft der Kirche nicht mehr wahrgenommen oder zumindest als irrelevant für das eigene Leben empfunden wird, wenn die Kirche selbst ihre eigene und einzige Informationsquelle bezweifelt.

3. Aus historischen Gründen

Die Kirchengeschichte enthält viele Beispiele, die einen positiven Zusammenhang zwischen dem Festhalten an der biblischen Lehre und dem Gedeihen der Kirche nahelegen. In der Reformation stand die unbedingte und alleinige Gültigkeit von Gottes Wort sogar im Zentrum. Laut Wikipedia haben sich auch die unterschiedlichsten Erweckungsbewegungen in der Zeit nach der Reformation dadurch ausgezeichnet, dass sie „ein ursprüngliches Verständnis eines direkt aus der Bibel entnommenen Evangeliums“ teilten. Diese Erweckungsbewegungen waren also immer auch Bibelbewegungen, in denen die Autorität von Gottes Wort in besonderer Weise hochgehalten wurde. Christen haben zudem ganz offenkundig schon immer gespürt: Wir müssen klären und definieren, woran wir glauben und was unser gemeinsamer Grund ist. Deshalb gab es schon von Anbeginn der Kirchengeschichte Glaubensbekenntnisse und später auch Katechismen und Dogmatiken, die immer auch den Zweck hatten, gegenüber falschen Lehren Grenzen zu ziehen und damit die Kirche Jesu zu schützen.

4. Aus Gründen der Transparenz und Vertrauenswürdigkeit

Auch heute noch veröffentlichen die meisten Kirchen, Gemeinden und christliche Organisationen ihre Glaubensgrundlagen im Internet. Menschen wollen wissen, was in einer Organisation, für die sie sich interessieren, geglaubt und vertreten wird. Wenn sich herausstellt, dass man sich in Wahrheit über diese Grundlagen überhaupt nicht mehr einig ist, dann führt das zwangsläufig zu einem Vertrauens- und Glaubwürdigkeitsverlust. Wie sollen die Menschen der evangelischen Kirche vertrauen, wenn  einerseits bei jeder Konfirmation und jeder Taufe das Nachsprechen des apostolischen Glaubensbekenntnisses verlangt wird, während zugleich an ihren Ausbildungsstätten diskutiert wird, ob man die Jungfrauengeburt, die leibliche Auferstehung und das jüngste Gericht heute noch im Sinne der biblischen Autoren glauben kann?

5. Aus empirischen Gründen

Gemeindewachstum hängt von vielen Faktoren ab. Deshalb ist es schwierig, den Einfluss der theologischen Prägung auf das Gedeihen einer Gemeinde zu messen. Trotzdem gibt es Hinweise: Eine umfangreiche kanadische Studie mit dem Titel „Theologie zählt“ hat 2016 untermauert, dass konservative Theologie mit starken gemeinsamen Überzeugungen ein wichtiger Faktor für das überdurchschnittliche Wachstum theologisch konservativer Gemeinden darstellt. In seinem Buch „Natürliche Gemeindeentwicklung“ hat der Gemeindewachstumsexperte Christian Schwarz als ein Ergebnis seiner systematischen Untersuchung von 45.000 Gemeinden aus der ganzen Welt angemerkt: „Das Theologiestudium hat eine stark negative Beziehung sowohl zum Wachstum als auch zur Qualität der Gemeinde.“ Gemeinden, deren Leiter durch ein bibelkritisches Theologiestudium gegangen sind, leiden demnach statistisch gesehen häufiger unter Qualitätsproblemen und Mitgliederverlust. Auch der Religionssoziologe Prof. Detlef Pollack äußerte im Jahr 2017, dass es der evangelischen Kirche ausgerechnet dort am besten gehe, „wo sie evangelikal sei oder sogar fundamentalistisch.“

6. Aus Gründen der praktischen Gemeindearbeit

Ich erlebe es in meiner eigenen Gemeinde: Als Leitungsgremium müssen wir immer wieder entscheiden, wofür wir unsere begrenzten Kräfte, Ressourcen und Finanzen einsetzen wollen. Dafür brauchen wir ein gemeinsames Verständnis, was eigentlich der Auftrag einer christlichen Gemeinde ist. Geht es primär um Mission, Jüngerschaft und Anbetung? Oder stehen soziales Engagement, religiöse Bildung und kulturstiftende Tätigkeiten im Vordergrund? Selbst bei einem gemeinsamen Verständnis in dieser Grundfrage ist es herausfordernd genug, angesichts unterschiedlicher Charaktere, Prägungen, Erfahrungen und Ideen die Einheit zu wahren. Aber wenn schon die Frage nach dem Auftrag der Gemeinde grundsätzlich verschieden beantwortet wird, dann bleibt erfolgreiche Gemeindeleitung ein ähnlich aussichtsloses Unterfangen wie eine Fußballmannschaft, die sich nicht einigen kann, auf welches Tor sie schießen soll. Keine Firma der Welt kann wachsen, wenn die Chefetage sich auf kein gemeinsames Ziel einigen kann. Es ist kein Wunder, dass das auch in christlichen Gemeinden nicht funktioniert.

Wir brauchen Richtungsgemeinden mit Profil

Deshalb bin ich überzeugt: Die Öffnung für eine Theologie, die die Bibel auch nach bibelwissenschaftlicher Klärung der Aussageabsicht im echten Sinne kritisiert und dem “wissenschaftlichen Zweifel” unterwirft, wird christlichen Gemeinschaften auf Dauer ihre missionarische Kraft und ihre Wachstumspotenziale rauben. Und sie wird am Ende noch viel tiefer und nachhaltiger die Einheit untergraben, die man durch die Öffnung eigentlich bewahren wollte. Mir ist bewusst, dass der allgemeine Trend zur Pluralisierung auch in evangelikalen Gemeinschaften Druck erzeugt, zunehmend pluralere Standpunkte anzuerkennen, wenn man Streit und Spaltung vermeiden möchte. In der Praxis führt das immer wieder zu (auch seelsorgerlich) schwierigen Fragen, auf die es auch aus meiner Sicht keine einfachen, allgemeingültigen Antworten gibt. Trotzdem bin ich letztlich überzeugt: Ein gemeindeinterner Spagat zwischen geradezu gegensätzlichen Überzeugungen in Kernfragen des Glaubens kann zumindest auf der Leitungsebene nicht auf Dauer fruchtbar sein. Wir brauchen Richtungsgemeinden mit Profil. Dafür müssen Gemeindeleitungen es wagen, in theologischen Fragen Position zu beziehen und damit zwangsläufig auch begründete Grenzen zu setzen.

Die Ausformung dieser Grenzen werden unterschiedliche Gemeinden im Detail unterschiedlich gestalten. Es kann in solchen Fragen nicht darum gehen, sich gegenseitig das Daseinsrecht oder gar den Glauben abzusprechen. Umgekehrt ist es aber aus den genannten Gründen auch bei weitem nicht immer Ausdruck von Angst, Kleingeistigkeit, Scheuklappen, Richtgeist oder Abschottungsmentalität, wenn Christen zu dem Schluss kommen, dass Gemeinden an biblisch begründeten Grenzen in der christlichen Lehre unbedingt festhalten und auf Grenzüberschreitungen kritisch und mit biblischen Argumenten aufmerksam machen sollten, um Menschen Orientierung zu geben. Wichtig ist dabei unsere Motivation: Die Liebe zu Christus, zu seinem Wort, zu seiner Kirche und zu den Menschen muss uns leiten – nicht die eigene Rechtfertigung. Aus dieser Liebe heraus brauchen wir eine neue Debatte, wie die Kirche Jesu wieder Einheit und Ausstrahlung gewinnen kann und was uns die Apostel und Propheten dafür ins kirchliche Stammbuch geschrieben haben.

Die Frage nach guter Lehre ist kein Randthema. Die Verkündigung gehörte neben dem Gebet zu den zwei Hauptaufgaben der ersten Gemeindeleiter (Apg. 6,4). Das zeigt: Gute, auf der Schrift gegründete Lehre ist zwar nicht alles. Aber ohne sie ist alles nichts. Ohne sie bleiben auch die frischesten Gemeindeformen nur schöne Verpackung. Ohne sie verkommen auch die kraftvollsten Bewegungen des Heiligen Geistes zur Schwärmerei. In den notwendigen Fragen Einheit, in den zweifelhaften Fragen Freiheit, über allem die Liebe. Das heißt eben auch: Wenn wir aus Angst vor Streit die Debatte zu richtigen und falschen Antworten auf die zentralen Fragen des Glaubens meiden, dann tun sich die Gräben irgendwann umso mehr bei den Nebenfragen auf. Auch hinter den teils heftigen Debatten unter Christen um Ethik oder um politische Fragen verbergen sich bei genauem Hinsehen oft unterschiedliche Weichenstellungen bei den Kernfragen des Glaubens. Einheit ist ein hohes Gut im Neuen Testament. Biblisch begründete und klärende Grenzen in den wichtigen Glaubensfragen sind dafür ein wertvoller und letztlich unverzichtbarer Beitrag.