„Trauung für alle“ in der Ev. Landeskirche Württemberg?

Die Landessynode der Evangelischen Landeskirche Württemberg wird in ihrer Herbsttagung vom 27.-30. November 2017 eine weitreichende Entscheidung treffen: Der Oberkirchenrat möchte der Synode vorschlagen, zukünftig die Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften in öffentlichen Gottesdiensten zu ermöglichen. Das Thema ist keine Kernfrage des Evangeliums. Es ist zudem komplex und aufwühlend, weil die Geschichte des Umgangs mit homosexuell empfindenden Menschen auch unter Christen teils so dunkel und schuldbeladen ist, dass man nur weinen und um Vergebung bitten kann.

Aber es geht bei diesem Thema eben auch um das Schriftverständnis und somit um die Gesamtausrichtung der Kirche. Und es geht um die Frage, welche Zukunft konservative Christen in der evangelischen Kirche haben. Die badische Landeskirche, die (so wie viele andere Landeskirchen auch) die Segnung oder Trauung gleichgeschlechtlicher Paare bereits eingeführt hat, hat jüngst klargestellt: Konservative Pfarrer müssen damit rechnen, eines Tages ihren Gewissensschutz und damit möglicherweise ihren Job zu verlieren, wenn sie sich solchen Segnungen verweigern. Für Dekane gilt das schon jetzt. Junge konservative Christen müssen daher schon jetzt gut überlegen, ob sie überhaupt noch ein Pfarramt in der badischen Landeskirche anstreben können.

Die Ermöglichung öffentlicher Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare wird den öffentlichen Druck bei diesem Thema auf die lokalen Gemeindeleitungen verlagern. Der Konflikt, der bislang nur an der Kirchenspitze tobt, wird damit vielfach multipliziert. Realistisch und nüchtern gesehen müssen wir damit rechnen, dass damit viele Gemeinden in kraftraubende Konflikte stürzen werden, manche werden sich gar spalten. Noch mehr engagierte konservative Mitarbeiter (die vielerorts die tragenden Säulen lebendiger Gemeindearbeit sind) werden aus der Kirche austreten. Warum meines Erachtens auch die Glaubwürdigkeit der Kirche insgesamt leiden und die Kirche weiter schrumpfen wird, habe ich in einem offenen Brief an Landesbischof Dr. Frank Otfried July erläutert.

Da es also um so enorm viel geht befasst sich der AiGG-Blog in diesem und im nächsten Artikel noch einmal mit diesem Thema. Zunächst möchte ich den AiGG-Blog-Lesern die jüngste Veröffentlichung des Albrecht-Bengel-Hauses Tübingen ans Herz legen. Rektor Dr. Clemens  Hägele hat in einer Sonderausgabe der Zeitschrift THEOLOGISCHE ORIENTIERUNG (TO) die Frage „TRAUUNG FÜR ALLE in der Evangelischen Landeskirche in Württemberg?“ behandelt. Sehr sorgfältig beantwortet er darin 22 Fragen, die den Gegnern einer Segnung oder Trauung gleichgeschlechtlicher Paare oft gestellt werden. Die Schrift ist mit herausgegeben von Dekan Ralf Albrecht, dem Vorsitzenden der Christusbewegung Lebendige Gemeinde Württemberg, und von Pfarrer Steffen Kern, dem Vorsitzenden der Apis (Evangelischer Gemeinschaftsverband Württemberg) und der Vereinigung Gnadau Württemberg. Ich wünsche diesem aus meiner Sicht sehr gelungenen Text größtmögliche Verbreitung. 

Im folgenden Artikel wird Gastautor Dr. Reinhard Junker die Hintergründe und Konsequenzen der sog. “Ehe für alle” beleuchten.

Siehe auch: 

Ehe für Alle: Zeit zum Aufwachen

Mit der Einführung der “Ehe für alle” vollzieht die Politik nur den Meinungswandel nach, der sich in unserer Gesellschaft längst vollzogen hat. Als Nation entfernen wir uns seit Jahren von unseren christlichen Fundamenten.

Seien wir ehrlich: Wir Christen haben unsere Salz- und Lichtkraft weitgehend verloren. Während die CSD-Bewegung ohne Scham durch die Straßen unserer Städte marschiert sind die Märsche für Jesus längst wieder eingeschlafen und die ‘Demo für alle‘ krebst bei einigen 100 Teilnehmern herum. Die evangelische Kirche hat die gleichgeschlechtliche Ehe schon 2015 aktiv befürwortet. Die Regeln einiger Landeskirchen zur “Trauung für alle” gehen schon jetzt weiter als die bisherigen staatlichen Regeln zur eingetragenen Lebenspartnerschaft. Aktuell hat die EKD erneut ein klares Votum für die Ehe für alle veröffentlicht. Wie können wir von der Politik erwarten, dass sie näher an den biblischen Vorgaben bleibt als die Kirche?

Machen wir uns nichts vor: Die Abkehr von unseren christlichen Fundamenten wird weitergehen. Schon seit Jahren wird auch in der ev. Kirche an der Öffnung des Ehebegriffs für die Polyamorie gearbeitet. Ist der Ehebegriff erst einmal aufgelöst gibt es kein logisches Argument mehr, warum nicht auch andere Partnerschaften die gleichen Rechte bekommen sollten. Die Ideologie der “sexuellen Vielfalt” wird das Ideal der lebenslangen Treuepartnerschaft von Mann und Frau weiter verdrängen.

Täuschen wir uns nicht: Ehe und Familie ist die Keimzelle der Gesellschaft. Wenn die bisher vom Grundgesetz geschützte Institution Ehe als Verbindung eines Mannes mit einer Frau umdefiniert wird (siehe dazu ein guter Kommentar der FAZ) hat das – genau wie die Lockerung des Abtreibungsrechts oder die massive Förderung der Berufstätigkeit von Müttern mit Kleinstkindern – gravierende Konsequenzen, zuerst für Kinder, auf Dauer aber natürlich für die ganze Gesellschaft. Wegschauen hilft nicht. Die Zeitgeistwelle, die die biblischen Fundamente unserer Gesellschaft wegspült, wird vermutlich schneller als wir denken auch über die scheinbar sicher geglaubten Fundamente unserer ganz persönlichen Lebensumstände hereinbrechen. Denken wir also nicht, all das würde uns persönlich nichts angehen.

Seien wir uns im Klaren darüber: Politiker können diese Entwicklung nicht aufhalten. Deutschland braucht eine neue Reformation und eine Erweckung! Die Kirche Jesu muss aufwachen aus ihrem Kirchenschlaf, um unser Land für das Evangelium zu gewinnen! Nur so kann das Problem der Abkehr von den biblischen Werten an der Wurzel gepackt und gewendet werden. Vergangene Erweckungsbewegungen haben bewiesen, dass sie die Gesellschaft tatsächlich nachhaltig verändern können. Verschiedene Signale deuten darauf hin, dass eine Erweckung auch heute wieder möglich ist. Also arbeiten wir dafür. Und beten wir. Denn es stimmt mehr denn je: Allein den Betern kann es noch gelingen.

Siehe auch: