Mission und Schriftvertrauen – 5 Gründe, warum das eine nicht ohne das andere geht

Spielt unser Bibelverständnis eine Rolle für unsere missionarische Dynamik? Seltsamerweise wird diese Frage kaum gestellt. Oft höre ich stattdessen: Über das richtige Bibelverständnis wird man sich ohnehin nie einigen können, selbst unter den Konservativen nicht. Die verschiedenen fruchtbaren missionarischen Initiativen seien keinesfalls auf ein bestimmtes konservatives Schriftverständnis fixiert. Deshalb sollten wir uns auf unserer Suche nach neuer missionarischer Dynamik doch lieber auf die praktischen Themen konzentrieren, statt über solche theologische Fragen zu streiten.

Tatsächlich scheint in vielen Veranstaltungen und Veröffentlichungen zum Thema Mission (wie z.B. im Buch „Mission Zukunft“) trotz vieler guter Impulse die Frage nach dem Schriftverständnis und der theologischen Ausbildung kaum eine Rolle zu spielen. Auch beim 3-tägigen Zukunftsforum der deutschen evangelischen Allianz wurden ohne Zweifel zahllose wertvolle Ideen für mehr missionarische Dynamik bedacht. Aber schon beim Lesen des Berichts fiel mir auf, was am Ende dann auch als Äußerung eines Teilnehmers wiedergegeben wird: „Die Bibel sei als Thema untergegangen…“

Im Grunde kann ich das ja auch verstehen. Bis vor etwa 2 Jahren hatte ich den Eindruck, dass die Evangelikalen sich in den wichtigen Fragen zur Bibel im Grunde einig und die Differenzen nebensächlich sind. Im Vordergrund stand für mich die Einheit der Jünger Jesu als DIE wesentliche Grundlage für erfolgreiche missionarische Arbeit (Joh. 17,23). Eine große Koalition für die Mission schien mir deshalb doch ungleich wichtiger, als sich in theologischen Debatten zum Schriftverständnis zu verhaken. Schließlich kommt kein einziger Mensch durch Debatten zum lebendigen und rettenden Glauben an Jesus. Oder?

Grundsätzlich bin ich dieser Meinung immer noch. Am Ende ist entscheidend, dass die Kirche missionarische Dynamik gewinnt. Eine Schriftdebatte um der Schriftdebatte Willen hilft niemandem. Allerdings bin ich seit kurzem auch zu folgender Überzeugung gelangt:

Eine nachhaltige missionarische Dynamik ist nicht möglich ohne das Vertrauen in den Offenbarungscharakter der Heiligen Schrift!

Lassen Sie mich die 5 Gründe erläutern, die diesen Meinungsschwenk bei mir bewirkt haben:

1. Ohne Bibelvertrauen verlieren wir den Inhalt unserer Mission

Die Kirche ist ein „Botschafter an Christi statt“ (2.Kor.5,20). Das heißt: Sie hat keine eigene Botschaft sondern den Auftrag, die Botschaft Christi in der Welt weiter zu sagen. Den Inhalt dieser Botschaft kennen wir einzig und allein aus der Bibel. Wenn die Kirche dieses Dokument in Frage stellt, hat sie keine Basis mehr, worauf sie ihre Botschaft gründen könnte.

Und tatsächlich zeigt sich in der Praxis: Wenn die Bibel nicht mehr als Offenbarung angesehen wird sondern höchstens als menschliches und somit fehlerhaftes Zeugnis der Offenbarung, dann ist die Tür ganz offenkundig weit offen für unterschiedlichste Meinungen auch zu den grundlegendsten und innersten Fragen des christlichen Glaubens. Die nachfolgende Liste stellt nur eine Auswahl von Fragen dar, die früher von Evangelikalen selbstverständlich gemeinsam mit einem leidenschaftlichen ja beantwortet wurden, die heute aber auch unter Evangelikalen zur Diskussion stehen und teilweise sogar offen verneint werden:

  • Ist Jesus leiblich auferstanden?
  • Wurde Jesus von einer Jungfrau geboren? War der irdische Jesus nicht nur ganz Mensch sondern auch ganz (präexistenter) Gott?
  • War der Tod Jesu ein bewusst herbeigeführtes stellvertretendes Sühneopfer?
  • Ist der Glaube an den biblischen Jesus Christus der einzige Weg zu Gott und zum ewigen Leben? Gibt es somit eine Dringlichkeit der christlichen missionarischen Botschaft, weil der Weg ohne Jesus in die Gottferne führen kann (die die Bibel „Hölle“ nennt)?
  • Bedeutet Mission primär, Menschen in die Nachfolge Jesu zu führen, statt sie nur für ein „jesusmäßiges“ Verhalten zu gewinnen?
  • Ist das Herz des Menschen im Kern unheilbar mit der Sünde verstrickt? Braucht der Mensch somit im Kern Erlösung von seinem sündigen Herzen statt nur von schlechten Umständen?
  • Führt christlicher Glaube auch zu ethischen Normen, die für Christen heute noch bindend sind?

Die Liste ließe sich fortsetzen. Wohl eher kurz würde hingegen die Liste der Punkte, über die sich im Grunde alle einig sind. Dazu würde wohl gehören, dass Gott Liebe ist. Aber schon bei der Frage, was das praktisch bedeutet und wie sich diese Liebe ausdrückt, wäre die Einigkeit wohl zu Ende.

Nun ist der Umstand, dass es unter Christen theologische Differenzen gibt, eine Selbstverständlichkeit – auch bei Detailfragen zum Schriftverständnis. Uneinigkeit bei theologischen Randfragen gab es schon immer. Das müssen und dürfen wir fröhlich aushalten lernen. Aber die oben genannten Fragen betreffen nicht nur den Rand sondern den innersten Kern des christlichen Glaubens und damit auch der Evangeliumsbotschaft. Wenn diese Fragen unterschiedlich beantwortet werden, dann müssen wir ehrlicherweise von unterschiedlichen Evangeliumsbotschaften sprechen – egal auf welcher Seite des Meinungsspektrums wir stehen. Wir haben dann nur die Wahl zwischen den beiden folgenden Optionen:

  1. Wir dünnen die missionarische Botschaft auf den kleinsten gemeinsamen Nenner aus. Dann wird unsere Botschaft zwangsläufig verwaschen – und letztlich verstummt sie, wie Steffen Kern in „Mission Zukunft“ (S. 225) schreibt: „Selbst in den zentralsten Glaubens- und Lebensfragen werden viele unsicher. Was früher manchmal so klar schien, scheint auf einmal zwischen den Fingern zu zerrinnen. Die Kirchen und Gemeinden, die Haltungen und Positionen werden pluraler, Orientierung zu finden immer schwieriger. Darum verfallen wir über Frömmigkeitsgrenzen hinweg ins Schweigen.“ Wenn wir das nicht wollen bleibt nur die 2. Option:
  2. Wir schicken verschiedene, sich widersprechende Botschaften in die Welt. Aber wenn nicht einmal wir Christen uns einig sind, was eigentlich im Kern unsere Botschaft ist: Wer soll uns das dann noch abkaufen?

Womit wir bereits beim zweiten Grund wären, warum Bibelvertrauen untrennbar mit der missionarischen Dynamik verknüpft ist:

2. Ohne Bibelvertrauen verlieren wir unsere Einheit und Glaubwürdigkeit

Die Einheit der Christen ist gemäß der Aussage unseres Herrn entscheidend für die Glaubwürdigkeit der christlichen Botschaft in der Welt (Joh.17, 23). Dass dieses Prinzip stimmt, erleben auch unsere politischen Parteien. Innerparteilicher Streit schadet immer den Umfragewerten. Politiker müssen sich deshalb sehr genau überlegen, welcher innerparteiliche Streit sich tatsächlich lohnt. Meine Antwort wäre: Der Streit lohnt sich auf jeden Fall dann, wenn die Basis des Zusammenhalts gefährdet ist. Für die Einheit der Christen ist die Bibel ohne Frage von grundlegender Bedeutung. Elke Werner schreibt dazu in „Mission Zukunft“ (S. 340): „Bei aller konfessionellen und missionarischen Offenheit ist es zugleich wichtig, einen Maßstab zu haben, der für alle verbindlich ist. Das sind für uns die Bibel und ihre sinnstiftenden und Orientierung gebenden Anweisungen für ein gelingendes und von Gott gesegnetes Leben.“

Natürlich wird es immer Streit um die richtige Auslegung der Bibel geben. Aber ohne Vertrauen in den Offenbarungscharakter der Bibel gibt es überhaupt keine Grundlage mehr, auf deren Basis wir uns überhaupt streiten könnten. Jesus selbst hat in theologischen Debatten immer auf der Basis der Schrift argumentiert („Habt ihr nicht gelesen?“). Ist die Autorität der Bibel aber in Frage gestellt, dann ist eine Einigung auf bestimmte Kernaussagen des christlichen Glaubens im Grunde nur noch durch Machtmittel möglich, sei es durch Dominanz in den Ausbildungsstätten und Machtzentralen, sei es durch die Definition eines Lehramts der Kirche, sei es durch die Forderung nach Akzeptanz der Ergebnisse der akademischen Bibelwissenschaft oder durch die Suche nach Dominanz im öffentlichen Diskurs und Diskreditierung von Andersdenkenden. Die Alternative dazu wäre, eine Einheit auf Basis von Lehraussagen grundsätzlich abzulehnen und jede subjektive (Erfahrungs-)Theologie als gleich gültig stehen zu lassen. Das Problem daran ist: Wenn alles gleich gültig ist, dann ist im Grunde alles gleichgültig. Dann verliert unsere Botschaft ihre Relevanz – ein Phänomen, unter dem die großen Kirchen heute ganz besonders leiden.

Beide Ansätze kann man in der Praxis beobachten, manchmal sogar in kombinierter Form. Aber keiner dieser Ansätze kann jemals zu echter Einheit führen. Die Kirche ist ein Geschöpf des Wortes („Creatura verbi“). Ihre Einheit basiert unter anderem darauf, dass sie sich aus diesem Wort heraus definiert. Einheit ist ein extrem hohes und zudem äußerst umkämpftes Gut. Es gibt viele Faktoren, die sie gefährden. Es wäre ein dramatischer Fehler, diese Einheit wegen Differenzen in theologischen Randfragen zu verlieren. Aber bei den Kernfragen und Knackpunktthemen des Glaubens lohnt es sich, auf biblischer Basis zu streiten – gerade um der Einheit der Kirche Jesu willen.

3. Ohne Bibelvertrauen verlieren wir Motivation und Opferbereitschaft

Im Buch „Mission Zukunft“ berichtet Pfarrer Alexander Garth von folgender Beobachtung in der bunten Gemeindeszene in Berlin: „Erfolgreiche missionarische Arbeit braucht eine konservative Theologie, weil nur diese das hohe Commitment ihrer Gemeindemitglieder zu generieren vermag, das nötig ist, damit die Dynamik für eine wachsende Gemeinde entsteht.“ (S. 292) Woran liegt das? Fakt ist: Mission und Gemeindebau ist (manchmal harte) Arbeit. Sie erfordert den Einsatz von Zeit, Kraft und Geld. Wer sich mit der Geschichte von Pioniermissionaren befasst merkt schnell: Der einzige Grund, der es rechtfertigt, Hab und Gut aufzugeben und sogar sein Leben aufs Spiel zu setzen, um fernen Völkern das Evangelium zu bringen, ist die Dringlichkeit der Botschaft, die in den beiden folgenden simplen Sätzen zum Ausdruck kommt: „Wer den Sohn hat, der hat das Leben. Wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht“ (1.Joh.5,12). Und: „Niemand kommt zum Vater außer durch mich“ (Joh.14,6).

Die erste christliche Generation hat die Kirche unter härtester Verfolgung und extremsten Opfern gegründet und aufgebaut. In vielen Ländern der Welt bringen Christen bis heute unvorstellbare Opfer um des Evangeliums willen. Trotzdem wächst nicht selten gerade dort die Kirche am schnellsten. Wie ist das zu erklären? Jesus sagte den erstaunlichen Satz: „Habt keine Angst vor denen, die euch töten wollen. Sie können nur den Körper töten; mehr können sie euch nicht antun.“ (Luk.12,4) In der Botschaft Jesu spielt die Ewigkeitsperspektive in Kombination mit seinem Exklusivanspruch eine zentrale Rolle. Wenn die Kirche diese beiden Elemente verliert, verliert sie auch ihre Opfer- und Leidensbereitschaft. Und das beginnt schon bei der Frage, ob ich abends lieber gemütlich Netflix schaue oder Stühle stelle und Kaffee koche für einen Glaubenskursabend. Ohne diese Opferbereitschaft gibt es keine Mission.

4. Ohne Bibelvertrauen verlieren wir das wagemutige Christusvertrauen

Wer Menschen für die Nachfolge Jesu gewinnen möchte, kann nicht auf Dauer in einer gefahrlosen Komfortzone bleiben. Kirche Jesu zu bauen war schon immer ein Glaubensprojekt, für das mutige, risikobehaftete Entscheidungen getroffen werden müssen im festen Vertrauen auf Gottes Bewahrung und Versorgung für die notwendigen finanziellen und personellen Ressourcen. Wer sich mit den Gründungsgeschichten großer geistlicher Werke und Erweckungsbewegungen befasst, stößt dort immer wieder auf glaubensstarke Menschen, die das Unmögliche für möglich hielten, weil sie ihrem großen Gott alles zugetraut haben. Auch die Bibel ist voll von solchen Geschichten. Dieses unverzichtbare, wagemutige Christusvertrauen resultiert immer schon aus einem starken Glauben an die Verheißungen Gottes. Und dieser Glaube wiederum ist eine Frucht von Gottes Wort, das unser Herz erreicht. Ohne ein festes Vertrauen in Gottes Wort vertrocknet deshalb auch das wagemutige Gottvertrauen.

Wagemut beginnt schon im Kleinen: Wenn Christen überlegen, einen Glaubenskurs zu starten, ein missionarisches Projekt zu initiieren, ein neues Veranstaltungsformat zu entwickeln, eine Gemeinde zu gründen oder einfach nur ihrem Berufskollegen von ihrem Glauben an Jesus zu erzählen, dann ist das immer auch ein „Schritt aufs Wasser“ in dem Bewusstsein: Wir könnten uns blamieren, scheitern und selber Schaden nehmen. Wagemut hängt nicht nur am Bibelvertrauen. Es gibt auch Unternehmer, Künstler oder Politiker mit erstaunlich großem Wagemut. Und doch ist meine Erfahrung: Gerade dort, wo Christen sich verwurzeln in einer lebendigen Beziehung zu dem Jesus, der ihnen in der Bibel große Versprechen und Verheißungen macht, da wächst eine Kultur des wagemutigen Christusvertrauens, die Christen ermutigt, gemeinsam mutige Schritte zu gehen. Wo diese in der Bibel gegründete Christusbeziehung vertrocknet, neigt auch das Christentum dazu, sich in die scheinbar risikolose Komfortzone zurückzuziehen, wo ihr am Ende aber erst recht der Boden unter den Füßen weggezogen wird, weil Kirche ohne mutige und leidenschaftliche Mission nun einmal keine Zukunft hat.

5. Ohne Bibelvertrauen verlieren wir das Wort Gottes als Waffe im geistlichen Kampf

Das Wesen von Mission erschöpft sich niemals nur in Aktivitäten und Methoden. Mission ist immer auch ein geistlicher Kampf – nicht gegen Fleisch und Blut sondern gegen unsichtbare Mächte und Gewalten. Paulus bemüht nicht nur in Epheser 6 Bilder aus dem Militärwesen, um diesen Kampf zu veranschaulichen. Das Wort Gottes ist für ihn dabei ein Schwert (Eph. 6,17). Als Jesus in der Wüste versucht wurde benutzte er genau diese Waffe im Kampf gegen die Versuchungen des Teufels („Es steht geschrieben…!“ Matth.4,6). Zudem macht die Bibel klar: Gottes Wort ist nicht nur Botschaft sondern auch Kraft (Röm.1,16) mit dem Potenzial, Festungen aus hochtrabenden Gedanken zu zerstören (2.Kor.10,5) und Menschen aus dem Gefängnis der Lüge zu befreien (Joh.8,32).

Ich erlebe es selbst immer wieder: Wenn Menschen ihr Herz öffnen für das Evangelium, dann ist das immer ein rational nicht ganz erklärbares Wunder. Ich führe dieses Wunder auch auf die Kraft von Gottes Wort zurück. Niemals könnte ich mir vorstellen, ohne dieses Vertrauen auf die Kraft von Gottes Wort zu evangelisieren. Solange die Kirche sich nur auf Methoden und Rhetorik verlässt, missachtet sie ihr entscheidendes Mittel, dass Gott seiner Kirche für die Verbreitung des Evangeliums in die Hand gegeben hat und ohne das Kirche nicht gebaut werden kann: Die verändernde, glaubensweckende und erneuernde Kraft von Gottes Wort, das wir in der Bibel finden, von uns geglaubt und glaubensvoll gepredigt werden muss.

Was folgt daraus? Ohne Gebet und Gottes Wort ist alles nichts!

Im „Mission Zukunft“ hält Lothar Krauss in seinem bewegenden Bericht zum missionarischen Aufbruch in Gifhorn fest (S. 315): „Natürlich sind die Fragen nach dem Musikstil, der Sprache, der Kleidung auf der Bühne und so weiter nicht unwichtig. Aber es ist ein Fehler, zu denken, dass Veränderung in diesen Punkten eine Gemeinde verwandelt. Diese Themen ändern sich als Folge von Überzeugungen! Unsere Überzeugungen gewannen wir aus dem Studium der Bibel und wir bewegten sie im Gebet. Ohne Überzeugungen bleiben wir zu sehr an den Äußerlichkeiten hängen, die nicht unwichtig sind, aber eben auch nicht entscheidend.“

Die Leiter der ersten urchristlichen Gemeinde in Jerusalem haben deshalb streng darauf geachtet, dass ihnen genügend Zeit bleibt für die beiden wichtigsten Elemente ihres Dienstes: Gebet und Gottes Wort (Apg.6,2-4). Keine Frage: Damit Gemeinden missionarisch fruchtbar werden, braucht es vieles: Kreativität. Geld. Gaben. Leidenschaft. Liebe zu Gott und den Menschen. Vorausschauende Leitung. Lernfähigkeit. Gute Methoden. Ressourcen. Einheit… Aber ganz offensichtlich war schon den allerersten Gemeindeleitern bewusst: Damit all das Frucht bringen kann, braucht es im Kern genau zwei Dinge: Die Macht des Gebets und die Kraft von Gottes lebendigem Wort! Wo diese beiden Dinge auf dem Rückzug sind, da ist die Kirche Jesu auf dem Rückzug. Gebet und Gottes Wort ist nicht alles im Gemeindebau. Aber ohne Gebet und Gottes Wort ist alles nichts. Eine neue Kultur des Gebets, eine neue Liebe zum Bibellesen und ein neuer Hunger nach Gottes Wort muss deshalb zentral im Fokus unserer Bemühungen für eine neue missionarische Dynamik der Kirche Jesu stehen.

In seinem Buch „Natürliche Gemeindeentwicklung“ hat der Gemeindewachstumsforscher Christian A. Schwarz ein interessantes Ergebnis seiner systematischen Untersuchung von 45.000 Gemeinden aus der ganzen Welt präsentiert. Er schreibt: „Das Theologiestudium hat eine stark negative Beziehung sowohl zum Wachstum als auch zur Qualität der Gemeinde.“[1] Das heißt: Gemeinden, deren Leiter durch ein bibelkritisches Theologiestudium gegangen sind, leiden statistisch gesehen deutlich häufiger unter Qualitätsproblemen und Mitgliederverlust. Ich finde: Das sollte uns nicht überraschen. Die Ausrichtung einer Gemeinde wird nun einmal stark von den Gemeindeleitern geprägt. Solange die zukünftigen Leiter durch eine theologische Ausbildung gehen, die das Vertrauen in die Verlässlichkeit der Bibel erschüttert statt stärkt, kann aus den genannten Gründen auch keine missionarische Dynamik wachsen. Ich denke oft: Wir Landeskirchler verhalten uns wie eine Metzgereikette, die ihre Filialleiter von Veganern ausbilden lässt und sich nachher wundert, warum die Umsätze einbrechen. Und die offenkundige Ursache des Problems ist eine heilige Kuh. Das muss sich ändern! Wenn es uns nicht gelingt, die Ehrfurcht vor Gottes offenbartem Wort gerade auch an den Ausbildungsstätten wieder aufzurichten, dann bleiben all die anderen Bemühungen um Gemeindewachstum am Ende vergebliche Liebesmüh.

Für die 20er-Jahre habe ich deshalb diese große Sehnsucht: Lassen Sie uns an allen Orten wieder leidenschaftlich dafür aufstehen, beten und arbeiten, dass die gelebte Liebe zu Christus, die Macht des Gebets und die Kraft des offenbarten Wortes Gottes wieder das Fundament ist, auf dem die Kirche Jesu gebaut wird.


P.S.: Diesen Artikel widme ich dem Albrecht-Bengel-Haus in Tübingen, das aktuell sein 50-jähriges Jubiläum feiert und somit seit Jahrzehnten Theologiestudenten dabei hilft, den Durchblick zu bewahren und auf einem biblisch klaren Kurs zu bleiben. DANKE, dass ihr euch seit so langer Zeit aufopferungsvoll, kämpferisch und liebevoll um genau das Anliegen kümmert, das in diesem Artikel beschrieben wurde. Auf diese Weise seid ihr vielen Gemeinden unserer Landeskirche zum Segen geworden! Bitte lasst euch bei den Jubiläumsfeierlichkeiten nicht zu sehr umarmen sondern bleibt mutig, kantig und herausfordernd, wie die Bibel es auch schon immer war und immer sein wird.


[1] Abbildung aus Christian A. Schwarz: Natürliche Gemeindeentwicklung, c+p-Verlag, 4. Auflage 2006, S. 25

 

Vision 2020

Liebe Leser des AiGG-Blogs,

herzlichen Dank für all die ermutigenden und konstruktiv kritischen Rückmeldungen im vergangenen Jahr! 2019 ist einiges geschehen, was ich bis dahin für vollkommen unmöglich gehalten hatte: Ein eigenes Buch ist erschienen, Auszüge daraus waren im August die Titelstory in idea-Spektrum, der AiGG-Worthaus-Artikel wurde in einem weiteren Buch abgedruckt und ich durfte in einen spannenden Vortragsdienst einsteigen, der in diesem Umfang neu für mich war. Und mein Eindruck ist: Gott hat noch viel mehr vor! Nicht speziell mit mir oder diesem Blog. Aber es sind an einigen Stellen Dinge sichtbar und spürbar in Bewegung gekommen, die – so glaube ich ganz fest – weiter wachsen und an Dynamik gewinnen werden.

Die ersten AiGG-Artikel für 2020 sind bereits in der Pipeline. Einsteigen möchte ich heute aber mit der Übersetzung eines brandaktuellen Facebookposts von John L. Cooper, dem Sänger der bekannten christlichen Band Skillet. Der Text von John Cooper gibt vieles von dem wieder, was auch diesen Blog im letzten Jahr beschäftigt hat und sicher weiter beschäftigen wird. Damit wünsche ich Ihnen und euch allen ein starkes, gesundes und vor allem reich gesegnetes Jahr 2020 und ganz viele Momente des Aufatmens in SEINER wunderbaren Gegenwart!

Vision 2020
öffentlich gepostet von John L. Cooper auf Facebook am 31. Dezember 2019

(Das englische Original siehe unten)

Wow, was für ein Wirbelwind war das Jahr 2019! Ich kann mich an kein arbeitsreicheres Jahr erinnern als dieses. Doch wenn ich das Jahr 2020 so betrachte, dann wird mir klar, dass ich noch viel zu tun habe und der Wirbelsturm gerade erst beginnt.

Das war ein schmerzhaftes Jahr, sowohl auf globaler als auch auf persönlicher Ebene. Die großen Probleme in der Welt haben mich auch ziemlich hautnah betroffen. Sprechen wir zuerst über das umfassendere Thema: Wir haben in diesem Jahr viel Herzensleid in Gottes Kirche gesehen. Wir haben gesehen, wie christliche Leiter und Menschen mit Einfluss vom Glauben abfielen, den Glauben verurteilten und in einen Lebensstil der Sünde verfielen. Außerhalb des christlichen Glaubens hat unsere Gesellschaft und Kultur im Allgemeinen das Ausfransen der letzten Säulen der Wahrheit gesehen, die uns relativ fest verankert gehalten haben. Die Kultur hat mit voller Wucht den Postmodernismus und seine verschiedenen Abkömmlinge des Relativismus aufgenommen. Das hat uns in eine Welt manövriert, die an nichts Absolutes glaubt und in der nichts objektiv wahr ist. Wir als Gesellschaft werden von wilden Strömungen hin und her geworfen, während die Wahrheit jeden Tag durch die öffentliche Meinung neu definiert wird. Ich hätte nie gedacht, dass so viele Menschen so verzweifelt verwirrt sein könnten.

Ich persönlich habe Freunde, die den Glauben in diesem Jahr verlassen haben. Freunde, die ihren Ehepartnern gegenüber untreu waren. Freunde, die ein Kind durch Sucht oder Selbstmord verloren haben. Freunde, die wissentlich oder unwissentlich zu falschen Lehrern wurden, indem sie eine “neue Lehre” lehrten, die Aspekte des Christentums mit den Überzeugungen der New-Age-Bewegung vermischt. Ja, ich habe es gesagt. Das ist eine falsche Lehre. Ziemlich brutales Zeug. So sehr ich persönlich von all dem betroffen bin, bin ich sicher, dass jeder von euch, der dies liest, auch in irgendeiner Weise davon betroffen sein wird.

Die Leute haben mich gefragt, warum ich im letzten Jahr angefangen habe, klarer zu sprechen. Zunächst einmal war ich der Meinung, dass das Internet zu voll von Menschen ist, die sich gegenseitig anschreien. Und wenn es eine Sache gibt, von der wir weniger brauchen, dann sind es Prominente, die meinen, sie müssten alle anderen zu Gleichgesinnten machen. Der Aufbau unserer Gesellschaft wird nun vom Einfluss der Jüngsten, der Selbstbewusstesten, aber auch der am wenigsten Geschichtskundigen und Erfahrenen unter uns geprägt. Ich habe dies seit mehreren Jahren beobachtet und wollte nicht noch eine Stimme in dieser Mischung sein. Im Idealfall würde ich es vorziehen, wenn die Leute auf diejenigen hören, die viel weiser sind als ich. Bitte, wenn Sie die Zeit haben, hören Sie sich eine Predigt von John Piper oder Tim Keller an, anstatt meinen Blog zu lesen 🙂

Das Problem war jedoch, dass je mehr ich versuchte, mich aus dem öffentlichen Gespräch herauszuhalten, um den Klügeren Raum zu geben, desto weniger wurde die Leere von den “Pipers” oder “Kellers” dieser Welt gefüllt. Stattdessen wurde sie mit absolutem Unsinn und häretischen Grübeleien derjenigen gefüllt, denen Kenntnis über Gott fehlt, und schlimmer noch, denen eine richtige Gottesfurcht fehlt.

Ich habe untätig gesessen und beobachtet, wie die Menschen in völliger Verwirrung leben. Christen sind so verunsichert über ihren eigenen Glauben, dass sie aus falschen Lehren schöpfen oder sich in diese hineinbewegen, ohne es überhaupt zu wissen. Ich beschloss schließlich, nicht mehr zu schweigen, als einige unserer früheren christlichen Leiter ihren Glaubensabfall verkündeten und damit begannen, Gottes heiligen Namen öffentlich zu entehren. Ich konnte es einfach nicht mehr ertragen. Ich fühlte mich wie ein junger Mann namens David, der schockiert und wütend war, als er dem riesigen Goliath zuhörte, der die Größe Gottes verspottete und herausforderte. Noch als Junge, unfähig, auch nur die Last einer Rüstung zu tragen, fragte David: “Wer ist das, der es wagt, den Armeen des lebendigen Gottes zu trotzen?”

Was bedeutet das für das Jahr 2020? Im kommenden Jahr werde ich mich von der Leine lassen. Es ist mir egal, was es mich kostet. Ich muss das Wort ergreifen, weil zu viele Menschen verletzt sind und die Antworten normalerweise nicht so schwer zu finden sind. Die Menschen brauchen Hilfe. Ja, wir leben in verwirrenden Zeiten. Aber es ist nicht so verwirrend, wie es scheint, wenn man bereit ist, sich der Herrschaft Jesu Christi und seinem Wort hinzugeben. Der Grund, warum so viele Christen verwirrt sind, ist, dass sie nicht an das Fundament der Bibel glauben (ob sie es zugeben oder nicht). Gottes Wort ist unveränderlich und es ist die Grundlage der Wahrheit. Ohne dieses Fundament ist es kein Wunder, dass das Leben der Menschen auseinander fällt. Es ist unmöglich, ein unerschütterliches Fundament zu haben, wenn es aufgebaut ist auf einer Mischung aus Bibel, sozialem Aktivismus, der New-Age-Bewegung, Pop-Psychologie, Promi-Tweets und der ständigen Moralisierung von wachen Ideologen, die glauben, dass sie tugendhafter sind als alle anderen… sogar tugendhafter als Gott.

Wenn es einen Entschluss gibt, den ich für 2020 habe, dann ist es der, dass ich mich deutlicher ausdrücken möchte mit meinen Worten. Wie ich eingangs dieses Posts sagte, sind die letzten Säulen der Wahrheit in unserer Kultur zerbrochen. Traurigerweise sind diese Säulen auch innerhalb der Kirche zerbrochen. Wie bete ich für christliche Leiter, die am Wort Gottes festhalten, auch wenn es immer unpopulärer wird, dies zu tun! Wie bete ich, dass Männer Gottes das Rückgrat finden, um in der Frage der Autorität der Schrift fest zu stehen, anstatt sich wie Kinder zu verstecken und die Zustimmung anderer zu suchen! Diese Männer hätten Krieger sein sollen – sie waren dazu bestimmt, den feurigen Pfeilen des Feindes zu widerstehen -, aber sie können sich nicht einmal gegen eine Beleidigung aus einer Welt wehren, von der Gott uns doch angekündigt hat, dass sie uns hassen würde!

Liebe Mitgläubige, mögen wir aufwachen und erkennen, dass wir uns im Zentrum eines Krieges gegen die Wahrheit befinden. Wenn unser Fundament auf Christus allein beruht, dann können wir nicht erschüttert werden. Andererseits: Wenn unser Fundament sowohl auf Christus als auch auf der Philosophie unserer Zeit gebaut ist, wird unser Leben zerschlagen und zu Boden gerissen werden.

“Denn niemand kann ein anderes Fundament legen als das, das gelegt ist, das ist Jesus Christus.” (1. Korinther 3:11)

Übersetzt mit Unterstützung von www.DeepL.com/Translator (kostenlose Version)


Der Text im Original:

-2020 Vision-

Wow what a whirlwind 2019 was! I cannot recall a busier year than this one. However, as I consider 2020, I realize that I have much to do and the whirlwind is just beginning.

This has been a painful year on both a global and personal scale. The larger issues of the world have hit very close to home. Speaking first on the larger issue, we have seen a great deal of heartache in God’s Church this year. We have seen Christian leaders and people of influence falling away from the faith; denouncing the faith; falling into lifestyles of sin. Outside of Christian faith, our society and culture in general have seen the fraying of the final strands of truth that have kept us relatively anchored down. Culture has, with full force, embraced post modernism and its various offsprings of relative truth. This has left us to live in a world that disbelieves in absolutes, and where nothing is objectively true. We as a society are being thrown around to and fro on the crashing waves as truth is being redefined each day by popular opinion. I never imagined that so many people could be so desperately confused.

I personally have friends who left the faith this year. Friends who were unfaithful to their spouses. Friends who lost a child to addiction or suicide. Friends who knowingly or unknowingly became false teachers by teaching a “new doctrine” that blends aspects of Christianity with the beliefs of the New Age Movement. Yes I said it. That is false teaching. Pretty brutal stuff. As much as I have been personally impacted by all of this, I’m sure that every one of you reading this will have been affected in some way too.

People have asked me why I started speaking out more clearly this past year. First of all, I have been of the mind that the internet is too full of people yelling at each other. And if there is one thing that we need less of, it’s celebrities who think they need to bully everyone else into like- mindedness. Our society is now being built upon the influence of the youngest, most confident yet least knowledgeable of history, and most inexperienced among us. I have watched this for several years and I did not want to be another voice in the mix. Ideally I would prefer for people to listen to those who are much wiser than me. Please, if you have the time, listen to a John Piper or Tim Keller sermon instead of reading my blog:)

However, the problem was that the more I tried to stay out of the public conversation in order to promote those wiser than myself, the void didn’t get filled by the “Pipers or Kellers” of the world. Instead, it has been filled with absolute nonsense and heretical musings of those who lack the knowledge of God, and worse still, lack a proper fear of God.

I have been sitting idly, and watching people live in utter confusion. Christians are so vexed by their own faith that they flow in and out of heresy without even knowing it. I finally decided to stop being silent when some of our former Christian leaders announced their apostasy and began publicly dishonoring God’s holy name. I could just stomach it no longer. I felt like a young man named David who was shocked and angry to be listening to the giant Goliath mock and challenge the greatness of God. Still a boy, and unable to even bear the weight of armor, David asks, “Who is this that dares to defy the armies of the living God?”

What does this mean for 2020? This coming year, I am coming off the leash. I don’t care what it costs me. I have to speak up because too many people are hurting and usually the answers aren’t really that difficult to find. People need help. Yes, we live in confusing times. But it’s not as confusing as it seems if one is willing to surrender to the Lordship of Jesus Christ and His Word. The reason so many Christians are confused is because they don’t believe in the foundation of the Bible (whether they admit it or not). God’s Word is unchanging and it is the foundation of truth. Without that foundation, no wonder people’s lives are falling apart. It is impossible to have an unshakable foundation if it is built on a mixture of the Bible, social activism, the new age movement, pop psychology, celebrity tweets, and the constant moralizing of Woke ideologues who believe they are more virtuous than everyone else…even more virtuous than God.

If there is any resolution I have for 2020, I want to be clearer in my words. As I said at the top of this post, the final strands of truth in our culture are torn apart. Sadly, those strands are also fraying within the Church. How I pray for Christian leaders who will hold firm to the Word of God even though it is becoming increasingly unpopular to do so! How I pray that men of God will find the backbone to ‘hold the line’ on the issue of the authority of Scripture, instead of cowering like children seeking the approval of others! These men should have been warriors-they were meant to withstand the fiery arrows of the enemy-yet they cannot even stand against an insult from a world that God promised would hate us!

Fellow believers, may we wake up and realize that we are in the very center of a war against truth. If our foundation is on Christ alone then we can not be shaken. On the contrary, if our foundation is built upon both Christ AND the philosophy of our time, our lives will be shattered and torn to the ground.

“For no one can lay a foundation other than that which is laid, which is Jesus Christ.” (1 Corinthians 3:11)

Staunen über das buchgewordene Wunder Gottes

Warum es auch heute noch vernünftig ist der Bibel zu vertrauen
– Vortrag beim Studientag des Netzwerks Bibel und Bekenntnis

Können wir der Bibel auch heute noch lückenlos vertrauen? Warum ist diese Frage überhaupt von Bedeutung für die Kirche Jesu? Um diese Fragen ging es im Vortrag “Warum es auch heute noch vernünftig ist, der Bibel zu vertrauen” beim Studientag des Netzwerks Bibel und Bekenntnis am 16.11.2019 in Gießen. Der Vortrag ist hier auf YouTube abrufbar. Nachfolgend das Manuskript zum Vortrag sowie einige Hinweise zu weiterführenden und vertiefenden Artikeln:


Das ist ja schon mutig, einen Biologen einzuladen, um bei einer solchen Tagung über ein theologisches Thema zu sprechen. Aber vor einiger Zeit habe ich festgestellt, dass das eigentlich gar nicht so ungewöhnlich ist, dass auch Biologen sich theologische Gedanken machen. Mir ist das an einem ganz bestimmten Punkt aufgefallen, nämlich bei der Diskussion um das menschliche Auge.

Ist das menschliche Auge fehlerhaft?

Auch Charles Darwin war aufgefallen, dass unser menschliches Auge ja wirklich meisterhaft konstruiert ist. Und da stellt sich natürlich in ganz besonderer Weise die Frage: Kann sich das wirklich so von selbst entwickelt haben? Oder muss das nicht das Werk eines genialen Designers, eines Schöpfers sein? Und im Verlauf dieser Diskussion hat ein Detail unseres Auges eine immer größere Rolle gespielt. Und dieses Detail betrifft die Netzhaut. Die Netzhaut in unserem Auge hat ja diese Fähigkeit, Licht in Nervenimpulse umzuwandeln. Damit sie das tun kann besteht die Netzhaut aus mehreren Zellschichten. Am wichtigsten ist die lichtempfindliche Zellschicht. Da wird tatsächlich das Licht wahrgenommen und in Nervenimpulse umgewandelt. Und diese Nervenimpulse werden dann in einer lichtunempfindlichen Zellschicht weitergeführt. Jetzt sollte man denken, dass die lichtempfindliche Zellschicht da sitzt, wo das Licht zuerst ankommt, damit das Licht ganz ungehindert auf diese Zellen einwirken kann. Das ist auch bei manchen Tieren so, z.B. beim Tintenfisch. Aber bei den Wirbeltieren und beim Menschen ist es genau anders herum: Da muss das Licht zuerst die lichtunempfindliche Zellschicht durchdringen, bevor es dann auf die lichtempfindlichen Zellen trifft. Und dazu kommt: Ganz oben auf dieser lichtunempfindlichen Zellschicht liegen die Nervenfasern, die die Nervenimpulse weiterleiten an den Sehnerv und an das Gehirn. Und weil die Nervenfasern ja dann irgendwo nach draußen zum Sehnerv und zum Gehirn geführt werden müssen muss es da ein Loch in der lichtempfindlichen Zellschicht geben. Und deshalb haben wir da einen blinden Fleck. Und da haben jetzt viele Biologen gesagt: Das ist doch ein Fehler – eine Fehlkonstruktion. Die Netzhaut ist falsch herum gebaut. Besser wäre es, wenn die Nervenfasern hinter der lichtempfindlichen Zellschicht sitzen würden und nicht davor.

Und dann wird’s theologisch. Die Biologen haben dann nämlich darüber nachgedacht, wie denn ein Schöpfer sein müsste. Und die These war: Ein Schöpfer hätte das niemals so konstruiert. Ein Schöpfer müsste doch perfekt sein und der müsste perfekte Konstruktionen abliefern. Und auf dieser Basis wurde dann argumentiert: Da ein göttlicher Schöpfer unserer theologischen Meinung nach nur perfekte Werke produziert, kann dieses Auge nicht das Werk eines göttlichen Schöpfers sein.

Gibt es auch in der Bibel Fehler?

Ich war überrascht, festzustellen, dass es da wirklich Parallelen zwischen Biologie und Theologie gibt. Denn mir scheint, dass gar nicht so wenig Theologen ganz ähnlich argumentieren, wenn es um die Bibel geht. Denn auch da wird mit Fehlern argumentiert. Zum Beispiel in der Apostelgeschichte. Da berichtet Lukas im 9. Kapitel, wie Paulus auf dem Weg nach Damaskus Jesus begegnet. Und Jesus spricht zu ihm aus diesem hellen Licht heraus. Und Lukas berichtet in Apostelgeschichte 9,7: „Die Männer, die Saulus begleiteten, … hatten … die Stimme gehört.“

In Apostelgeschichte 22 schildert dann Paulus selbst diese Szene und da behauptet er genau das Gegenteil. Er sagt: „Meine Begleiter … hörten die Stimme nicht.“ Also da muss jetzt irgendwo ein Fehler sein. Entweder hat Lukas das falsch notiert oder Paulus hat sich versprochen. Egal wie: Da ist irgendwo ein Fehler passiert.

Ist die Bibel Offenbarung oder Zeugnis der Offenbarung?

Und jetzt wird gesagt: Wenn die Bibel Fehler enthält, dann kann das keine göttliche Offenbarung sein. Dann ist die Bibel vielleicht ein Zeugnis der Offenbarung. Vielleicht hat Gott sich da wirklich dem Paulus offenbart und die Bibel berichtet von dieser Offenbarung, die Paulus erlebt hat. Aber so wie in jedem menschlichen Bericht haben sich da halt auch Fehler eingeschlichen. Wenn man menschliche Zeugen von einem Unfallgeschehen vernimmt, dann muss man damit rechnen, dass sich Fehler in ihr Zeugnis einschleichen, selbst wenn sie ganz gewissenhaft versuchen, das Geschehen aus ihrem Gedächtnis heraus so genau wie möglich zu schildern.

Geniale Architekten – geniale Schöpfung – geniale Bibel!

Wie gehen wir um mit dieser Art der Argumentation? Seit dem Sommer diesen Jahres muss ich immer an ein bestimmtes Gebäude denken, wenn ich solche Argumente höre. Meine Frau und ich waren in Dresden. Und unter anderem haben wir die Frauenkirche besichtigt. Was für ein herrliches Gebäude! Aber etwas wirkt seltsam, wenn man auf das Gebäude schaut und die Geschichte des Gebäudes nicht kennt: Die Fassade aus Sandstein ist ja wunderschön. Aber immer wieder sind da zwischen den wunderschönen neuen Sandsteinen fast schwarze und ganz gebraucht aussehende Steine verbaut. Und an einer Seite sieht ein ganzes Stück der Fassade ganz alt und gebraucht aus. Was ist denn da passiert? Das Gebäude ist doch erst kürzlich eingeweiht worden. Was war denn das für ein Architekt, der die schöne Fassade mit alten, abgenutzten dunklen Steinen verhunzt hat?

Wir alle wissen natürlich, was da los ist. Dieses Gebäude ist ja gar nicht neu. Es ist schon ziemlich alt. Aber im 2. Weltkrieg ist es weitgehend zerstört worden. Und beim Wiederaufbau hat man versucht, so viele alte Steine wie möglich wieder zu verwenden und wieder einzubauen. Aber diese dunklen Steine ändern überhaupt nichts daran, dass jeder sieht: Hier waren ganz offenkundig so phantastische Architekten und Ingenieure am Werk, dass man nur staunen kann über die Genialität dieser Leute.

Und genau so geht es mir, wenn ich die Schöpfung betrachte. Die Genialität der Schöpfung verschlägt mir immer wieder neu den Atem. Mich haben ja immer wieder Leute gefragt: Wie verträgt sich Dein Christsein mit dem Biologiestudium? Und ich sage immer: Mein Biologiestudium hat meinen Glauben enorm gestärkt. Denn das hat mich schon damals immer wieder zum Staunen gebracht über die Genialität meines Schöpfers.

Und genau so geht es mir, wenn ich die Bibel betrachte. Ja, da gibt es schon ein paar Stellen, die ich im Moment nicht verstehe, die mir dunkel erscheinen. Aber das ändert überhaupt nichts daran, dass ich nur staunen kann über die Genialität dieses Buches und seines Autors.

Und ich freue mich sehr darüber, dass ich Ihnen heute ein wenig darüber berichten darf darüber, was mich an diesem Buch so ins Staunen versetzt. Dazu gäbe es viel zu sagen. Lassen Sie mich nur ein paar wenige Punkte herausgreifen zu der Frage, warum es auch heute noch vernünftig ist, der Bibel zu vertrauen:

1. Die herausragend gute Überlieferung des Neuen Testaments

Wussten Sie schon, dass es kein einziges antikes Buch gibt, dass auch nur annähernd so gut überliefert ist wie das Neue Testament? Es gibt ja einige antike Werke, die wir heute noch lesen können. Die gallischen Kriege von Julius Cäsar zum Beispiel oder die Odyssee oder die Ilias von Homer. Von keinem dieser Werke haben wir noch das Original. Wir haben nur noch Abschriften. Und zwischen dem Original und der ältesten Abschrift, die wir heute noch haben, liegen viele hundert, manchmal mehr als 1000 Jahre. Und es sind dann auch nur relativ wenige historische Abschriften, die wir noch besitzen. Beim Neuen Testament ist das vollkommen anders. Zwar haben wir auch hier die Originalschriften nicht mehr. Aber wir haben heute etwa 5.700 griechische Handschriften, dazu zahlreiche Übersetzungen in andere Sprachen und Zitate in alten Schriften. Das heißt: Das Neue Testament spielt in Bezug auf seine Überlieferung im Vergleich zu allen anderen antiken Schriften in einer vollkommen eigenen Liga!

Dazu kommt: Die Unterschiede und Abweichungen in diesen tausenden von Handschriften sind sehr überschaubar. Prof. Holger Strutwolf von der Universität Münster ist mit seinem Team dabei, alle diese Quellen akribisch auszuwerten und er sagt: „Insgesamt ist die Überlieferung der Bibel sehr gut und sehr treu. In den theologischen Punkten gibt es unter den Abertausenden Handschriften kaum Abweichungen.“ Mit anderen Worten: Wir können uns heute sehr sicher sein, dass das, was wir da lesen, tatsächlich die Botschaft ist, die die Apostel der Kirche Jesu ins Stammbuch geschrieben haben.

Wir können uns heute sehr sicher sein, dass das, was wir da lesen, tatsächlich die Botschaft ist, die die Apostel der Kirche Jesu ins Stammbuch geschrieben haben.

2. Die einzigartige Glaubwürdigkeit der Autoren des Neuen Testaments

Aber die Frage ist ja dann: Wie glaubwürdig waren diese Leute? Haben die in ihrem religiösen Eifer vielleicht immer mal wieder ein wenig übertrieben? Oder kann man sich darauf verlassen, dass ihre Berichte zuverlässig sind?

Tatsache ist: Die Autoren des Neuen Testaments sind in einer ganz einzigartigen Weise glaubwürdig, und zwar aus 3 Gründen:

  1. Weil sie entweder zum Teil selbst Augenzeugen waren oder aber die Berichte von Augenzeugen kannten.
  2. Weil ihre Botschaft zwar äußerst unpopulär hätte sein müssen und trotzdem in der Zeit und der Region der Augenzeugen extrem erfolgreich war.
  3. Und weil sie fast alle bereit waren, mit ihrem Leben für diese Botschaft zu bezahlen.

Besonders deutlich wird das am Beispiel von Jakobus. Über Jakobus wissen wir einiges aus der Bibel, z.B. dass er ein leiblicher Bruder Jesu war und dass er einer der Hauptleiter der urchristlichen Gemeinde in Jerusalem war. Aber wir haben über ihn nicht nur die biblischen Berichte sondern auch ein wichtiges außerbiblisches Zeugnis, nämlich vom jüdischen Geschichtsschreiber Flavius Josephus. Von ihm lesen wir folgendes über Jakobus:

„Er (d.h. der Hohepriester Hannas) versammelte den Hohen Rat zum Gericht und stellte vor diesen den Bruder des Jesus, der Christus genannt wird, mit Namen Jakobus, sowie noch einige andere, die er der Gesetzesübertretung anklagte und zur Steinigung führen ließ.“

Jakobus wusste genau Bescheid, was wirklich passiert ist

Josephus war kein Christ. Aber er bestätigt hier ausdrücklich: Jakobus war ein leiblicher Bruder von Jesus. Das heißt auch: Jakobus gehörte auf jeden Fall zu den Augenzeugen vieler neutestamentlicher Ereignisse. Jakobus wusste also, ob Jesus wirklich in Bethlehem geboren ist oder nicht. Er wusste, ob Jesus wirklich Wunder vollbracht hatte. Er wusste, ob Jesus wirklich auferstanden ist oder nicht. Wenn da eine Lüge oder eine Übertreibung dabei gewesen wäre: Jakobus hätte es gewusst! Und trotzdem hat Jakobus wie auch tausende andere Jerusalemer Juden angefangen, diesen gekreuzigten Jesus als Herrn und Messias anzubeten. Dabei muss man wissen: Tradition war für die Juden damals von enormer Bedeutung. Das war nicht wie heute, dass sich jeder einfach selber aussucht, was man glauben will. Wenn plötzlich tausende streng monotheistische Juden anfangen, einen Menschen als Gott anzubeten, dann muss da irgendetwas Gewaltiges passiert sein.

Die Botschaft vom Kreuz hätte eigentlich auf massive Ablehnung stoßen müssen

Erst recht, weil es sich ja um einen gekreuzigten Menschen gehandelt hat. Mose hatte ja geschrieben: Verflucht ist, wer am Holz hängt. Dieser Jesus war einen verfluchten und extrem verachteten Tod gestorben, so verachtet, dass die Christen jahrhundertelang es strikt vermieden haben, das Kreuz als Symbol für ihren Glauben in den Vordergrund zu stellen. Die Botschaft, dass dieser Jesus der auferstandene Messias ist, hätte deshalb eigentlich in Jerusalem auf extreme Ablehnung stoßen müssen. Das war keine populäre, erfolgversprechende Botschaft. Paulus hat geschrieben, dass diese Botschaft für die Juden ein Ärgernis war. Und trotzdem war diese Botschaft extrem erfolgreich, und zwar direkt in der Zeit und der Region der Leute, die Jesus kannten.

Die Botschaft von der Gottheit Jesu hat sogar den leiblichen Bruder überzeugt!

Das ist wichtig, denn man kann sich ja irgendwelche verrückten Geschichten ausdenken über Sachen, die in längst vergangenen Zeiten in fernen Ländern gespielt haben. Aber wenn man über Menschen spricht, die bekannt sind, dann ist das etwas anderes. Und der Fall von Jakobus geht ja noch viel weiter. Hier wurde der leibliche Bruder überzeugt, dass sein Bruder Gott ist. Den eigenen Bruder kennt man nun wirklich durch und durch – samt allen seinen Schwächen. Wenn mir jemand sagen würde: Dein Bruder ist Gott, dann würde ich sagen: Ich schätze meine Brüder sehr. Das sind tolle Männer. Aber Gott sind sie sicher nicht. Dafür kenne ich sie einfach zu gut. Trotzdem hat das bei Jakobus funktioniert. Er hat als monotheistischer Jude angefangen, seinen Bruder als Gott anzubeten. Und davon war er so überzeugt, dass er bereit war, für diesen Glauben in den Tod zu gehen.

Niemand stirbt für eine eigene Lüge

Jetzt sagen Leute: Ja, das gibt es doch immer wieder, dass Leute so fanatisiert sind von einer Überzeugung, dass sie dafür in den Tod gehen. Ja, das mag sein, aber es gibt einen Unterschied: Diese Leute haben gesagt: Jesus ist auferstanden, DES SIND WIR ZEUGEN! Wir haben das selbst gesehen. Das heißt: Wenn das nicht gestimmt haben sollte, dann wären sie alle für eine eigene Lüge in den Tod gegangen. Und die Frage ist: Wie glaubwürdig ist das, dass hier reihenweise Leute für eine eigene Lüge in den Tod gehen? Und kein einziger hat im Angesicht seines Henkers einen Rückzieher gemacht und alles auffliegen lassen!

Der extreme Erfolg und die einzigartige Glaubwürdigkeit

Das heißt also: Diese Leute waren Augenzeugen. Sie wussten bestens Bescheid. Sie waren bereit für ihre Botschaft alles aufzugeben: Ihre Tradition. Ihr Ansehen. Ihre Heimat. Ihr Leben. Diese Leute sind quer durch die ganze damals bekannte Welt gereist und haben das Evangelium so glaubwürdig und so erfolgreich verbreitet, dass schon 30 Jahre nach Jesu Tod Kaiser Nero in Rom meinte, er muss jetzt den Christen den Brand Roms in die Schuhe schieben, so extrem schnell hat die christliche Botschaft um sich gegriffen. Diese Leute waren ganz offenkundig extrem glaubwürdig. Ihr lieben Theologen, ich bitte deshalb um Verständnis, dass ich diesen Leuten ein deutlich größeres Grundvertrauen entgegenbringe als allem, was heute so alles geschrieben wird.

Diese Leute waren Augenzeugen. Sie wussten bestens Bescheid. Sie waren bereit für ihre Botschaft alles aufzugeben: Ihre Tradition. Ihr Ansehen. Ihre Heimat. Ihr Leben. Diese Leute sind quer durch die ganze damals bekannte Welt gereist und haben das Evangelium so glaubwürdig und so erfolgreich verbreitet, dass schon 30 Jahre nach Jesu Tod Kaiser Nero in Rom meinte, er muss jetzt den Christen den Brand Roms in die Schuhe schieben, so extrem schnell hat die christliche Botschaft um sich gegriffen. Diese Leute waren ganz offenkundig extrem glaubwürdig. Ihr lieben Theologen, ich bitte deshalb um Verständnis, dass ich diesen Leuten ein deutlich größeres Grundvertrauen entgegenbringe als allem, was heute so alles geschrieben wird.

Aber es gibt noch viel mehr Gründe, warum wir der Bibel vertrauen können.

3. Die drastische Ehrlichkeit und fehlende Idealisierung

Eine absolut unglaubliche Eigenschaft der Bibel ist ihre Ehrlichkeit und die fehlende Idealisierung ihrer Helden. Viele Geschichtsschreiber der damaligen Zeit wurden von Herrschern beauftragt oder zumindest streng kontrolliert. Deshalb wurden viele Herrscher zu Helden oder gar zu Göttern verklärt. Und die eigene Nation wurde heroisiert und sie wurde so dargestellt, als wäre ihre Geschichte voll von ruhmreichen Heldentaten. Aber lies mal die Bibel. Da ist das vollkommen anders. In der Bibel findest Du keine idealisierten Helden. Da gibt es nur Menschen mit Stärken und Schwächen. Selbst die größten Helden der biblischen Geschichte blamieren sich reihenweise bis auf die Knochen.

Noah hat sich betrunken. Abraham, der Vater des Glaubens, hat seine Frau mehrfach feige im Stich gelassen. Die Karriere Jakobs, des Namensgebers Israels, basierte auf einem Betrug. Mose war ein Mörder. Das Volk Israel war glaubensschwach und untreu. König David war eine Ehebrecher und Mörder. Der weise König Salomo betete Götzen an. Petrus hat Jesus verleugnet. Paulus hat sich mit Barnabas und Petrus zerstritten. Eine besonders auffällige Sache: Frauen waren die ersten Zeugen der Auferstehung. Ich finde das ja toll, dass das so ist. Aber damals war das Zeugnis von Frauen nichts wert. Wenn Du Leute von der Auferstehung überzeugen willst, dann denkst Du Dir eine Geschichte aus, in der Männer die Zeugen sind, nicht Frauen. Und wenn Du Leute von der Autorität und dem Vorbildcharakter eines Abraham, David Jakob oder Petrus überzeugen willst, dann brauchst Du Helden statt Versager. Aber die Bibel ist geradezu provozierend ehrlich. Realistisch. Sie hat diesen einzigartigen Klang der Wahrheit, die sie von allen Epen und Heldengeschichten unterscheidet.

Die Bibel ist geradezu provozierend ehrlich. Realistisch. Sie hat diesen einzigartigen Klang der Wahrheit, die sie von allen Epen und Heldengeschichten unterscheidet.

4. Die durchgängige Geschichte

Aber auch das ist noch nicht alles. Eine der unglaublichsten Eigenschaften der Bibel ist die Tatsache, dass sie EINE durchgängige Geschichte erzählt. Das muss man sich mal vorstellen. Dieses Buch setzt sich aus 66 verschiedenen Büchern zusammen. Mehr als 40 verschiedene Leuten haben da geschrieben über einen Zeitraum von etwa 1600 Jahren, Leute, die in völlig verschiedenen Kulturen gelebt haben und die einen vollkommen unterschiedlichen Bildungsgrad hatten. Ich sehe ja, wie unterschiedlich und gegensätzlich die Texte und Aussagen von Theologen heute sind, obwohl sie eigentlich alle die Bibel als gemeinsame Grundlage haben. Aber diese Autoren hier hatten keine Bibel als gemeinsame Grundlage. Und trotzdem finden wir da diese eine durchgängige Geschichte, die sich immer weiter entfaltet. Sie beginnt damit, wie die Beziehung zwischen Gott und Menschen zerbricht. Und sie endet damit, wie diese Beziehung wieder hergestellt wird und Gott wieder bei den Menschen wohnt. Und sie schildert durchgängig diesen heiligen und zugleich liebenden Gott, der alles dafür tut, um die Beziehung zu den Menschen wieder herzustellen. Und schon auf den ersten Seiten beginnen die Hinweise auf diesen geheimnisvollen Nachkommen Evas, der zwar von der Schlange gebissen, ihr aber den Kopf zertreten wird. Und dann folgt die Bibel immer dieser einen Abstammungslinie, immer weiter und weiter, selbst wenn es gar nicht der Erstgeborene ist. Aber die Bibel bleibt bei dieser Linie, die schlussendlich zu diesem Jesus führt, bei dessen Tod der Vorhang im Tempel zerreißt und der Weg zu Gott wieder frei wird durch das Blut, das Jesus am Kreuz vergießt.

Und die große Frage ist: Wer hat in diesem Buch die Regie geführt? Wer hat den roten Faden durch dieses Buch gelegt? Wer hat darauf geachtet, dass alle 40 Autoren an dieser einen Geschichte weiterschreiben? Es gibt definitiv in der ganzen Welt kein Buch, dass auch nur annähernd mit der Bibel vergleichbar wäre.

5. Die zahlreichen erfüllten Vorhersagen

Aber wen das alles immer noch nicht überzeugt und begeistert, der sollte sich doch einmal mit den erfüllten Vorhersagen der Bibel befassen. Die Bibel ist ja ein Buch, das ein gewaltiges Risiko eingeht. Etwa 30 % der biblischen Texte sind prophetische Texte, in denen die Vorhersage der Zukunft eine gewaltige Rolle spielt. Kombiniert werden diese Texte mit der Aussage: Achtung! Ihr müsst Propheten prüfen. Wenn die Vorhersage eines Propheten nicht eintrifft, dann müsst ihr das verwerfen. Solche prophetischen Texte zu schreiben und vor falschen Propheten zu warnen, die gar nicht in die Zukunft sehen können, das ist ziemlich gewagt, wenn man selbst nicht in die Zukunft sehen kann.

Aber die Bibel ist dieses Risiko eingegangen. Und das Gewaltige ist: Sie ist tatsächlich voll von Vorhersagen, die sich tatsächlich erfüllt haben.

Ich kann jetzt nur ein paar wenige nennen. Der Prophet Jesaja sagte nicht nur voraus, dass der Tempel zerstört wird. Er sagte auch voraus, dass er später wieder aufgebaut wird. Und er sagte voraus, dass es einen Herrscher namens Kyrus geben wird, der diesen Wiederaufbau voranbringen wird. Und genauso ist es gekommen.

Daniel sagte die nach ihm kommenden 4 Weltreiche voraus.

Über Jesus gibt es zahlreiche Vorhersagen: Dass er in Betlehem geboren wird, dass er aus dem Stamm Juda kommt. Dass er in Jerusalem auf einem Esel einzieht, viele Details und sogar der Zeitpunkt der Kreuzigung. Und noch vieles mehr.

Alles Manipulation?

Dass es diese korrekten Vorhersagen in der Bibel gibt ist unbestritten. Aber in der Wissenschaft haben wir ein Problem. Denn wir haben heute einen vorherrschenden Wissenschaftsbegriff, der von Wissenschaftlern verlangt, von vornherein grundsätzlich nicht mit übernatürlichen Dingen zu rechnen, also auch nicht mit vorausschauender Prophetie. Und wer schon aus wissenschaftsphilosophischen Gründen heraus grundsätzlich nicht damit rechnet, dass es Prophetie geben kann, der muss natürlich glauben, dass es sich hier überall um nachträgliche Manipulationen handelt. Entweder wurde der Text manipuliert oder man hat die spätere Geschichte manipuliert, damit sie zu den Vorhersagen passt. Und dann hat man z.B. kurzerhand behauptet, Jesus wäre in Bethlehem von einer Jungfrau geboren, weil das so schön zur Vorhersage des Propheten Micha passt, obwohl Jesus in Wirklichkeit in Nazareth geboren wurde. Wirklich? Alles Manipulation? Hat Jakobus, der leibliche Bruder Jesu und Leiter der Gemeinde in Jerusalem wirklich diese Behauptung des Geburtsorts Bethlehem mitgetragen, obwohl er genau wusste, dass das gar nicht stimmt? Haben die jüdischen Schriftgelehrten, denen doch eine extrem ausgeprägte Ehrfurcht vor ihren heiligen Texten nachgesagt wird, wirklich regelmäßig und in riesigem Umfang die Texte der Propheten manipuliert, um nachträglich den Anschein zu erwecken, dass es sich um korrekte Vorhersagen gehandelt hätte?

Die erfüllten Vorhersagen für die Neuzeit

Nun, ob das glaubwürdig ist, kann ja jeder selber entscheiden. Aber vollends schwierig wird es mit den Vorhersagen, die die Bibel für die Neuzeit gemacht hat. Schon in den Mosebüchern lesen wir erstaunliche Vorhersagen über das Volk Israel. Da lesen wir zum Beispiel: „Der Herr wird euch unter alle Völker zerstreuen, von einem Ende der Erde bis zum anderen.“ In der Zeit des Alten Testaments ist Israel zwar verschleppt worden. Aber die Zerstreuung unter alle Nationen begann erst im 1. Jahrhundert nach Christus.

Und dann sagt die Bibel vorher: „Doch unter den fremden Völkern werdet ihr nicht sicher sein und nicht zur Ruhe kommen.“ Tatsächlich gab es kein Volk, dass durch alle Zeiten hindurch und in allen Kulturen so irrational gehasst und verfolgt worden ist wie die Juden, so dass fast jedes Kind den Fachbegriff kennt für diesen Hass: Antisemitismus. Für welches andere Volk kennen wir einen solchen Begriff?

Aber dann kommt das unglaublichste: Die Bibel sagt an vielen Stellen vorher, dass die Juden aus allen Ecken der Welt wieder in ihr Land zurückkehren werden. Ich will Ihnen nur 2 der vielen Bibelstellen dazu vorlesen: „Ich werde deine Kinder aus dem Osten holen und dich aus dem Westen sammeln. Zum Norden sage ich: `Gib her!´ Und zum Süden: `Halte niemanden zurück!´ Bring meine Söhne aus der Ferne, meine Töchter aus allen Winkeln der Erde.“   „Es kommen Tage, da man sagen wird: So wahr der HERR lebt, der die Kinder Israels heraufgeführt hat aus dem Land des Nordens und aus allen Ländern, wohin er sie verstoßen hatte! Denn ich will sie wieder in ihr Land zurückbringen, das ich ihren Vätern gegeben habe.“

Ist das nicht beeindruckend? Jahrhundertelang schien die Erfüllung dieser Vorhersagen undenkbar. Aber seit dem Ende des 19. Jahrhunderts geschieht es vor unseren Augen: Die Juden kehren in ihr Land zurück aus allen Ecken der Welt. Wir müssen uns klar machen, dass das ein absolut einmaliger Vorgang in der Weltgeschichte ist. Dass ein Volk 2000 Jahre lang in alle Welt verstreut ist, trotzdem seine Kultur und seine Identität behält und dann wieder zurückkehrt in sein Land, das gibt es nur bei Israel. Aber genau das hat die Bibel schon vor mehr als 2.000 Jahren vielfach angekündigt.

Dass ein Volk 2000 Jahre lang in alle Welt verstreut ist, trotzdem seine Kultur und seine Identität behält und dann wieder zurückkehrt in sein Land, das gibt es nur bei Israel. Aber genau das hat die Bibel schon vor mehr als 2.000 Jahren vielfach angekündigt.

Noch etwas: Jesus hat angekündigt: „Himmel und Erde werden vergehen, doch meine Worte bleiben ewig.“ „Die Botschaft vom Reich Gottes wird auf der ganzen Welt gepredigt werden, damit alle Völker sie hören.“ Was für eine extrem gewagte Ankündigung im 1. Jahrhundert. Dass die Worte eines armen Wanderpredigers aus einem unbedeutenden Land, der seine Worte nicht einmal aufgeschrieben hat, sich einmal über die ganze Welt verbreiten würden, das musste damals nach grenzenloser Selbstüberschätzung klingen. Heute stehen wir kurz davor, dass buchstäblich jedes Volk der Erde die Worte Jesu in seiner Sprache hören und lesen kann. Ist das nicht unglaublich?

6. Der Selbstanspruch, Gottes offenbartes Wort zu sein

Aber ich will Ihnen noch eine letzte Eigenschaft der Bibel zeigen, die mich persönlich am allermeisten überzeugt. Und diese Eigenschaft betrifft das Selbstbild der Bibel. Ich höre ja oft solche Aussagen wie: Die Bibel, das ist eine Sammlung inspirierender Berichte über religiöse Erfahrungen und Ideen. Oder die Bibel ist ein Buch, in dem kluge Lehrer etwas Kluges über Gott und Moral geschrieben haben. Das klingt ja schön. Das Problem daran ist nur: Die Bibel will genau das ausdrücklich nicht sein. Die Bibel will nicht nur ein Erfahrungsbericht sein. Sie will auch keine kluge Lehre über Gott sein. Die Bibel hat vielmehr den Anspruch, Wort des lebendigen Gottes zu sein.

In 2. Timotheus 3, 16 schreibt Paulus „Alle Schrift ist von Gott eingegeben.“ Genau übersetzt heißt das: Die Schrift ist geistgewirkt, geistdurchhaucht. Natürlich haben das Menschen geschrieben, Menschen, die bei vollem Bewusstsein waren, die ihre Eigenheiten, ihren Schreibstil, ihre Persönlichkeit eingebracht haben. Doch zugleich waren sie dabei von Gottes Geist bewegt und durch und durch von ihm geprägt. Petrus hat das in 2. Petrus 1, 21 so ausgedrückt: „Denn niemals wurde eine Weissagung durch den Willen eines Menschen hervorgebracht, sondern von Gott her redeten Menschen, getrieben von Heiligem Geist.“ Auch hier also haben wir beides: Natürlich haben da Menschen geredet. Aber sie waren bewegt, getrieben, geprägt vom Heiligen Geist.

Und es kann überhaupt keinen Zweifel geben, dass genau das die Sichtweise der Juden der damaligen Zeit über ihre heiligen Schriften war. Die Juden hatten allerhöchsten Respekt vor ihren Heiligen Schriften. Es kann keinen Zweifel geben, dass die Autoren des Neuen Testaments den Text des Alten Testaments insgesamt als Wort des lebendigen Gottes angesehen haben. Man sieht immer wieder, dass für sie die Wendungen ›Die Schrift sagt‹ und ›Gott sagt‹ untereinander austauschbar waren. Sie haben also nicht unterschieden zwischen göttlicher Offenbarung und dem biblischen Text. Das war für sie identisch.

Und auch zum Charakter des Neuen Testaments finden wir Aussagen in der Bibel. Paulus schreibt zum Beispiel im Brief an die Thessalonicher: „Und darum danken auch wir Gott unablässig, dass, als ihr von uns das Wort der Kunde von Gott empfingt, ihr es nicht als Menschenwort aufnahmt, sondern, wie es wahrhaftig ist, als Gottes Wort.“

Das ist ja eine absolut steile Behauptung, die Paulus da macht. Er sagt: Bei der Botschaft, die ihr von mir hört, da spricht Gott selbst. Das ist Gottes Wort.

Und auf der letzten Seite unserer Bibel schreibt Johannes folgendes: „Und ich versichere jedem, der die prophetischen Worte dieses Buchs hört: „Wenn jemand dem, was hier geschrieben steht, irgendetwas hinzufügt, wird Gott ihm die Plagen zufügen, die in diesem Buch beschrieben werden.“  (Offenbarung 22,18) Und das geht ja noch weiter! Johannes schreibt: Etwas weglassen ist genauso schlimm. Johannes sagt also: Dieses ganze Buch hat prophetischen Charakter. Da gibt es absolut nichts hinzuzufügen und nichts wegzulassen.

Und da spüren wir: Diese Leute sind mit einem Anspruch und einer Autorität aufgetreten, die sich kein normaler Theologe jemals erlauben dürfte. Wenn ich in mein Buch am Ende einen solchen Satz gesetzt hätte, dann hätte es der Verlag hoffentlich sofort aus dem Programm genommen.

Diese Leute sind mit einem Anspruch und einer Autorität aufgetreten, die sich kein normaler Theologe jemals erlauben dürfte.

Die Bibel: Ganz Menschenwort und ganz Gotteswort

Also können wir festhalten: Die Bibel enthält nicht einfach nur Erfahrungsberichte oder kluge Lehren. Diese Möglichkeit lässt uns dieses Buch nicht. Wenn jemand von sich behauptet, dass Gott durch ihn spricht, dann haben wir letztlich nur 3 Möglichkeiten, damit umzugehen: Entweder, da hat jemand gelogen. Oder da ist ein durchgeknallter religiöser Schwärmer am Werk. Aber denken wir noch einmal an die gerade besprochenen Eigenschaften der Bibel: Die einzigartige Glaubwürdigkeit der Zeugen. Die drastische Ehrlichkeit. Die durchgängige Geschichte. Die zahllosen erfüllten Vorhersagen. Und noch vieles mehr, was wir aus Zeitgründen heute nicht besprechen konnten: Die herausragende Ethik. Das zutreffende Welt- und Menschenbild. Die vielen Texteigenschaften von authentischen Augenzeugenberichten. Und so weiter, und so weiter (im Artikel „10 Gründe, warum es auch heute noch vernünftig ist, der Bibel zu vertrauen“ habe ich das noch sehr viel ausführlicher dargelegt). All das passt nicht zu einem Buch von Lügnern und Schwärmern! Aber wenn das so ist, dann bleibt nur noch eines: Die Bibel ist genau das, was sie zu sein beansprucht: Sie ist ganz Menschenwort und zugleich ganz Gotteswort. Sie ist heilige Schrift. Wort des lebendigen Gottes. Und wenn wir heute in diesem Buch Fehler finden, dann sind das vielleicht Fehler in der Übersetzung oder in unserer Auslegung. Unsere Auslegung wird niemals fehlerfrei sein. Aber wenn die Bibel recht hat mit ihrer Aussage, Gottes Wort zu sein, dann können wir uns niemals über den Text der Bibel stellen und für uns beanspruchen, wir könnten in ihr sachliche Fehler benennen und in den biblischen Texten über richtig und falsch entscheiden. Das steht uns dann nicht zu. Da verheben wir uns.

Wenn die Bibel recht hat mit ihrer Aussage, Gottes Wort zu sein, dann können wir uns niemals über den Text der Bibel stellen und für uns beanspruchen, wir könnten in ihr sachliche Fehler benennen und in den biblischen Texten über richtig und falsch entscheiden. Das steht uns dann nicht zu. Da verheben wir uns.

Ist die Bibel fehlerlos? Was sagt die Wissenschaft dazu?

Jetzt höre ich immer wieder: Hände weg von dieser Behauptung, die Bibel wäre fehlerloses Wort Gottes. Denn wenn die Wissenschaft nachweist, dass da doch ein Fehler drin ist, dann würden wir ziemlich dumm dastehen mit unserem Glauben. Nun, ich bin ja ein großer Wissenschaftsfan. Aber wir müssen aufpassen, dass wir die Fähigkeiten der Wissenschaft auch nicht überschätzen. Ich bin ja gelernter Naturwissenschaftler. Und Naturwissenschaftler betreiben ihre Beweisführung vor allem mit 2 Instrumenten: Mit Beobachtung und mit wiederholbaren Experimenten. Aber in der Bibelwissenschaft ist diese Art der Beweisführung schwierig. Niemand kann in eine Zeitmaschine sitzen und beobachten, was damals wirklich passiert ist. Und weil es sich um einmalige historische Ereignisse handelt kann man dazu auch keine wiederholbaren Experimente machen. Die historischen Wissenschaften arbeiten mit Indizien. Und jeder Kommissar weiß, dass Indizien, die heute noch eindeutig zu sein erscheinen, morgen schon in einem ganz anderen Licht erscheinen können.

So war das übrigens auch bei diesen Fehlern, von denen ich am Anfang gesprochen hatte: Im Jahr 2014 hat der israelische Wissenschaftler Amichai Labin eine Arbeit publiziert, in der er nachweist, dass die lichtunempfindliche Zellschicht in der Netzhaut lichtleitende Eigenschaften besitzt und dass sie sogar gezielt dafür sorgt, dass die verschiedenen Wellenlängen des Lichts genau zu den richtigen lichtempfindlichen Sinneszellen gelangen. Wir sehen in Wahrheit also besser und nicht schlechter, weil die Netzhaut genau so gebaut ist, wie sie gebaut ist. Und im Jahr 2016 hat der Bibelbund eine genaue Analyse des Texts und der Wortbedeutung der verschiedenen Berichte über die Bekehrung des Paulus veröffentlicht. Dabei wurde deutlich: Dieser scheinbare Widerspruch ist in Wahrheit gar kein Widerspruch. Denn die genaue Übersetzung von Apostelgeschichte 22 bedeutet gar nicht, dass die Begleiter die Stimme nicht gehört hätten, sondern dass sie sie nicht verstanden haben. So übersetzt auch die neue Genfer Übersetzung: „Meine Begleiter verstanden aber nicht, was die Stimme sagte, die mit mir sprach.“ Von einem Fehler kann hier also keine Rede sein.

Die Indizienlage zeigt: Die Bibel ist ein buchgewordenes Wunder Gottes

Ja, es gibt immer noch Stellen, die ich nicht verstehe. Aber die Gesamt-Indizienlage ist doch überwältigend eindeutig: Die Bibel ist ganz Menschenwort und ganz Gotteswort, geschrieben von einzigartig glaubwürdigen, von Gottes Geist inspirierten Zeugen, die mit einer drastischen Ehrlichkeit über einen Zeitraum von 1.600 Jahren eine durchgängige Geschichte erzählt haben, die zahlreiche erfüllte Vorhersagen enthält und die bis heute zahllose Menschen aus allen Kulturen der Welt bewegt, begeistert und verändert. Die Eigenschaften der Bibel sind insgesamt so einzigartig und spektakulär, dass ich mich nur in Ehrfurcht und Staunen beugen kann vor diesem buchgewordenen Wunder Gottes. Das ist kein Buch, das Menschen ohne die Inspiration des Heiligen Geistes hätten hervorbringen können.

Die Gesamt-Indizienlage ist überwältigend eindeutig: Die Bibel ist ganz Menschenwort und ganz Gotteswort, geschrieben von einzigartig glaubwürdigen, von Gottes Geist inspirierten Zeugen, die mit einer drastischen Ehrlichkeit über einen Zeitraum von 1.600 Jahren eine durchgängige Geschichte erzählt haben, die zahlreiche erfüllte Vorhersagen enthält und die bis heute zahllose Menschen aus allen Kulturen der Welt bewegt, begeistert und verändert. Die Eigenschaften der Bibel sind insgesamt so einzigartig und spektakulär, dass ich mich nur in Ehrfurcht und Staunen beugen kann vor diesem buchgewordenen Wunder Gottes. Das ist kein Buch, das Menschen ohne die Inspiration des Heiligen Geistes hätten hervorbringen können.

Wir haben wirklich allen Grund, diesem Wort voll und ganz zu vertrauen und unser Leben und die Kirche Jesu darauf zu bauen.

Warum dieses Thema so grundlegend wichtig ist

Wissen Sie: Ich bin so froh, dass wir heute zusammen sind, um über die Bibel zu sprechen. Ich habe dieses Thema viele Jahre als nicht so wichtig angesehen. Andere Themen haben mich bewegt: Anbetung und Lobpreis. Gemeindebau. Einheit unter Christen. Diese Themen sind mir immer noch enorm wichtig. Aber in den letzten beiden Jahren ist mir immer deutlicher geworden, dass es kein Zufall war, dass ausgerechnet die Auseinandersetzung um die Bibel im Zentrum der Reformation gestanden hat.

In meiner Kirche wird gerade ja viel darüber nachgedacht, wie denn die Kirche wieder wachsen kann gegen den Trend. Und dann wird gesprochen über mehr Digitalisierung, über Influencer im Internet, über soziologische Analysen und frische Formen von Gemeinde. Und das ist alles gut. Und trotzdem spüren wir alle auch: Wirklich viel ausrichten werden wir damit nicht. Logisch. Denn das Problem ist doch: Der Kampf, in dem die Kirche Jesu seit jeher steht, ist in erster Linie ein geistlicher Kampf. Gerade in dieser Woche habe ich in meiner persönlichen Bibellese wieder gelesen, wie Paulus geschrieben hat: „Wir kämpfen nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut, sondern gegen die bösen Mächte und Gewalten der unsichtbaren Welt.“ Diesen Kampf gewinnt man nicht allein mit menschlichen Mitteln. Paulus sagt: Was ihr braucht ist das Schwert des Geistes, das Wort Gottes. Und dazu: Betet allezeit.

Ohne Gebet und Gottes Wort ist alles nichts

Und je länger ich im Gemeindebau aktiv bin, umso mehr sind es genau diese beiden Dinge, die mir wirklich Hoffnung machen: Die Macht des Gebets und die Kraft von Gottes lebendigem Wort. Wo diese beiden Dinge auf dem Rückzug sind, da ist die Kirche Jesu auf dem Rückzug. Gebet und Gottes Wort ist nicht alles im Gemeindbau. Aber ohne Gebet und Gottes Wort ist alles nichts. Und ich fürchte: Wenn wir das nicht klarkriegen, dass wir die Ehrfurcht vor Gottes heiligem Wort wieder aufrichten in unseren Kirchen und Gemeinden, dann bleiben all die anderen Bemühungen um Gemeindewachstum am Ende vergebliche Liebesmüh.

Je länger ich im Gemeindebau aktiv bin, umso mehr sind es genau diese beiden Dinge, die mir wirklich Hoffnung machen: Die Macht des Gebets und die Kraft von Gottes lebendigem Wort. Wo diese beiden Dinge auf dem Rückzug sind, da ist die Kirche Jesu auf dem Rückzug. Gebet und Gottes Wort ist nicht alles im Gemeindbau. Aber ohne Gebet und Gottes Wort ist alles nichts.

In einem Grundlagentext hat die EKD im Jahr 2017 geschrieben: „Die Reformatoren waren grundsätzlich davon ausgegangen, dass die biblischen Texte wirklich von Gott selbst gegeben waren.“ Leider hat die EKD diese richtige Feststellung kombiniert mit der Aussage, dass die biblischen Texte wegen der historisch-kritischen Forschung heute nicht mehr so damals als Wort Gottes verstanden werden könnten. Und ich bin mehr denn je überzeugt: Genau da liegt der Kern des Problems.

Für die Reformatoren hieß Sola Scriptura noch: Die Schrift bezeugt nicht nur die Offenbarung, nein, sie IST offenbartes Wort Gottes. Und deshalb hat sie in der Kirche Jesu das letzte Wort.

Die Schrift bezeugt nicht nur die Offenbarung, nein, sie IST offenbartes Wort Gottes. Und deshalb hat sie in der Kirche Jesu das letzte Wort.

Ich habe diese Sehnsucht, diesen großen Wunsch: Lassen Sie uns an allen Orten, von denen wir kommen, wieder leidenschaftlich dafür aufstehen, dafür beten und arbeiten, dass die gelebte Liebe zu Christus, die Macht des Gebets und die Kraft des offenbarten Wortes Gottes wieder das Fundament ist, auf dem die Kirche Jesu gebaut wird. Einen anderen Grund kann niemand legen als der, der gelegt ist, das ist Jesus Christus. Und von ihm wissen wir einzig und allein durch die Bibel.


Der Vortrag basiert auf Argumenten, die in den folgenden AiGG-Artikeln ausführlicher erläutert werden:

Dazu zwei aktuelle Buchempfehlungen:

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Mission – Viel mehr als “Zeigen, was wir lieben”

Mit „Mission Zukunft“ haben Ulrich Eggers und Michael Diener einen Sammelband vorgelegt, der es in sich hat. Man muss schon hoch vernetzt sein, um so viele bekannte christliche Leiter unterschiedlichster Couleur zwischen zwei Buchdeckeln zu versammeln. Aber gerade diese Zusammenschau ist es, die dieses Buch besonders spannungsvoll und spannend macht.

Bei mir hat das Buch sowohl Begeisterung als auch Verzweiflung ausgelöst. Begeisterung, weil man hier ermutigende Belege dafür findet, dass ein missionarischer Aufbruch möglich ist – auch mitten im säkularisierten Europa des 21. Jahrhunderts. Verzweiflung, weil zugleich transparent wird, wie weit Teile der Kirche von diesem Aufbruch entfernt zu sein scheinen.

Die Perspektive der Praktiker

Besonders deutlich wird das, wenn man das Buch aus Sicht der Praktiker liest. Das können Leute sein, die aktuell einen missionarischen Aufbruch erleben. Genauso interessant ist die Perspektive derer, die zahlreiche Initiativen überblicken und gut beobachten können, was „funktioniert“ und was nicht. Auffällig ist, was alle diese Leute gleichermaßen betonen: Entscheidend und grundlegend für einen missionarischen Aufbruch sind nicht Methoden. Entscheidend sind die geistlichen Grundlagen. Entscheidend ist vor allem die praktisch gelebte, vom Heiligen Geist gewirkte Jesusnachfolge, die sich gründet im Gebet und in Gottes Wort:

„Missionarischer Aufbruch … braucht Jesus-Zentriertheit und die Liebe zu Gott in allem.“ (Ansgar Hörsting, S.50)

„Die Vitalität meiner eigenen Jesusbeziehung ist zentral für die missionarische Bewegung in meinem Umfeld. … Auf diesem Weg werden Gebet, Wort Gottes und intensive Gemeinschaft mit anderen Christen eine große Rolle spielen.“ (Ekkehart Vetter, S.80)

„Missionarische Aufbrüche in der Kirche kommen durch christuszentrierte und geisterfüllte Bewegungen zustande.“ (Andreas „Boppi“ Boppart, S.211)

„Ich träume davon, dass Gemeinden Orte werden, die Menschen helfen, zu einer persönlichen intimen Gottesbeziehung zu kommen, denn ich bin überzeugt, dass aus Intimität (mit Gott) Identität (in Gott) und aus Identität schließlich geistliche Autorität (aus Gott) erwächst.“ (Patrick Knittelfelder, S.300)

Besonders bemerkenswert war für mich der Text von Bernhard Meuser, der das katholische „Mission Manifest“ mit vorangetrieben hat. Er zählt auf, was er als Katholik gerne von evangelikalen Christen lernen möchte: „Sie leben, denken, beten aus der Heiligen Schrift. Sie stellen Jesus in die Mitte, … nehmen ihn wirklich als Herrn in ihr Leben. Sie beten laut, gemeinsam und konkret. Sie lassen sich vom Heiligen Geist führen. Sie sind missionarisch, … sie haben echtes Interesse daran, dass jeder Jesus kennenlernt. Sie entscheiden sich für Jesus.“ (S.179) Da geht mir das Herz auf. Und doch hat mich das auch ein wenig peinlich berührt. Denn ich habe mich gefragt: Sind wir da wirklich noch Vorbild? Leben wir das tatsächlich noch voller selbstverständlicher Überzeugung? Oder gehen uns nicht gerade diese klassischen evangelikalen „Kernkompetenzen“ zunehmend verloren?

Gibt es absichtslose Mission?

Dass es Ulrich Eggers und Michael Diener gelungen ist, auch einige führende Persönlichkeiten der evangelischen Kirche für ein Statement zum Thema Mission zu gewinnen, ist erfreulich. Allerdings fällt schon Michael Diener auf: Es ist „wohl nicht ganz zufällig, dass sich alle Beiträge aus der Leitung der EKD mit … ethischen Haltungen der Mission beschäftigen.“ (S.17) Entsprechend sind diese Beiträge stark mit der Abwehr eines aus ihrer Sicht übergriffigen Missionsverständnisses beschäftigt. So schreibt zum Beispiel Heinrich Bedford-Strohm: „Mission, wie ich sie verstehe, ist nicht der strategische Versuch, Menschen zu einem bestimmten Bekenntnis zu veranlassen.“ (S.72) Gleich mehrfach wird ein Satz des Theologen Fulbert Steffensky zitiert: „Mission ist die gewaltlose, ressentimentlose und absichtslose Werbung für die Schönheit eines Lebenskonzeptes. Mission heißt zeigen, was man liebt.“ (S.18) Die letzten Worte dieses Zitats haben es sogar in leicht abgewandelter Form in den Untertitel des Buchs geschafft.

Ich musste bei diesem Zitat an die Missionsreisen von Paulus denken. War Paulus denn „absichtslos“ unterwegs? Wollte er in erster Linie einfach mal die Welt bereisen? Sicher nicht. Absichtslose Mission gibt es nicht. Mission ist auch bei weitem nicht nur „Zeigen, was man liebt“, wie man es bei einem guten Wein oder einem spannenden Kinofilm macht. Selbstverständlich wünschen sich Missionare, dass in den Herzen der Zuhörer ein christliches Bekenntnis wächst, schließlich gilt: Wenn du mit deinem Mund bekennst, dass Jesus der Herr ist, und wenn du in deinem Herzen glaubst, dass Gott ihn von den Toten auferweckt hat, wirst du gerettet werden.“ (Römer 10,9) Johannes Reimer schreibt deshalb zurecht: „Gemeindeaufbau setzt intentionale Verkündigung des Evangeliums und damit die Hinführung des Menschen zur Entscheidung für den Glauben voraus.“ (S.192) Auch Michael Herbst setzt auf „Veranstaltungen, die absichtsvoll evangelisieren“. (S.136) Und Bernhard Meuser hält fest: „Die Kirche muss wieder wollen, dass Menschen ihr Leben durch eine klare Entscheidung Jesus Christus übergeben.“ (S. 176)

Was bedeutet eigentlich „Mission“?

Gleich zu Beginn des Buchs stellt Michael Diener eine wichtige Frage: „Wie belastbar ist das gemeinsame Fundament in Sachen Mission und Evangelisation? Füllen wir zentrale Begriffe mit gleichen oder zumindest ähnlichen Inhalten oder handelt es sich nur um eine „Äquivokation“, werden dieselben Wörter für letztlich nicht Vereinbares verwendet? Ist das immer noch zu beobachtende und zu spürende „Fremdeln“ vieler Menschen in den Volkskirchen, wenn Worte wie „Mission“ oder „Evangelisation“ fallen, wirklich nur dem nicht zu leugnenden Missbrauch auf diesem Gebiet zu verdanken oder verbirgt sich dahinter eine gänzlich andere theologische Einschätzung?“ (S.13) Leider wird diese Frage im Buch nie direkt beantwortet. Aber wer die verschiedenen Texte nebeneinander stellt kommt zwangsläufig zu einem eindeutigen Ergebnis: Leider werden zentrale Begriffe tatsächlich immer wieder unterschiedlich gefüllt. Und oft sind nicht einmal mehr die Begriffe dieselben.

Das merkt man schon daran, dass in einigen Beiträgen Begriffe wie Sünde, Umkehr, Rettung oder Verlorenheit schlicht nicht vorkommen. Auch die Lehre vom stellvertretenden Sühneopfer vermisse ich, wenn Heinrich Bedford-Strohm zum Beispiel schreibt: Der gekreuzigte Gott mache „zutiefst gewiss, dass Gott gerade im Leiden nicht fern, sondern ganz nah ist.“ (S.74) Und ich habe mich gefragt: Würde zu den Bildern von Mission, die da gezeichnet werden, die weltweit verbreiteten „4 geistlichen Gesetze“ (neuerdings auch unter „The Four“ bekannt) zur Erklärung des Kerns des Evangeliums noch passen? In deren Mittelpunkt steht ja die Lehre, dass die Sünde uns Menschen von Gott trennt und dass nur der stellvertretende Kreuzestod Jesu diese Trennung überwinden kann. Diese Mitte des Evangeliums konnte ich in einigen Texten leider nicht entdecken. Ansgar Hörsting sieht genau darin eine Hauptursache für mangelnde missionarische Dynamik: Es ist „ein Hemmnis für Mission, wenn diese zentrale Botschaft vergessen, verändert oder aus der Mitte verdrängt wird. Die mangelnde Klarheit in der Verkündigung zum Sühnopfer Jesu ist ein trauriges Beispiel dafür. Menschen, die die Liebe Gottes nur allgemein und nicht in dieser zugespitzten Form verstehen, werden nicht im Namen Jesu missionarisch sein.“ (S.49)[1]

Warum missionieren wir überhaupt?

Eine weitere wichtige Frage ist: Warum missionieren wir eigentlich? Geht es darum, unsere Mitgliederzahlen zu verbessern? Oder wollen wir die Gesellschaft und die Lebensumstände unserer Mitmenschen ein wenig besser machen? Wenn Gott ohnehin bei allen Menschen ist, wenn er am Ende alle rettet und wenn er uns auch durch andere Religionen begegnet, wie es z.B. die rheinische Kirche in Ihrem Beschluss zum Verzicht auf Mission unter Muslimen meint, dann ist die Frage nach dem Antrieb für missionarische Aktivitäten gar nicht so leicht zu beantworten. Das hat Folgen. Ansgar Hörsting sagt deutlich: „Ich kenne keine (!) missionarisch wirksame Gemeinde, in der es nicht Leute gibt, die klar auf dem Schirm haben: Ohne Jesus Christus sind Menschen verloren. … Wo keine Dringlichkeit empfunden wird, wird missionarisches Wirken schwach.“ (S.52, das Ausrufezeichen habe ich eingefügt). Noch deutlicher wird Steffen Beck: „Es reicht nicht, wenn wir hören, dass „Menschen ohne Jesus verloren“ sind. … Unser Herz muss betroffen sein. Wenn dies nicht der Fall ist, werden wir auch das Herz der anderen nicht erreichen.“ (S.259) Wenn das stimmt, dann muss uns nicht verwundern, warum im Umfeld der von liberaler Theologie geprägten Großkirchen die missionarische Dynamik weitgehend eingeschlafen ist, wie Alexander Garth in seiner Analyse der zahlreichen missionarischen Initiativen in Berlin feststellt: „Es fällt auf, dass die wenigsten innovativen missionarischen Projekte aus dem Bereich der Großkirchen kommen … obgleich sie über immense Ressourcen an Finanzen und Manpower verfügt.“ (S.292)

Die Frage nach der missionarischen Dynamik einer Gemeinschaft hat somit ganz eindeutig viel mit ihrer Theologie und ihrem Umgang mit der Bibel zu tun. Das bestätigt auch Lothar Krauss in seinem äußerst ermutigenden Bericht über den missionarischen Aufbruch in Gifhorn: „Mit der Bibel intensiv zu leben entfacht in uns eine missionarische Dynamik und einen kraftvollen Glauben! Wenn wir unser Vertrauen in Gottes Wort schwächen lassen oder sogar verlieren, verlieren wir auch die missionarische Dynamik!“ (S.319) Alexander Garth sagt es noch grundsätzlicher: „Erfolgreiche missionarische Arbeit braucht eine konservative Theologie, weil nur diese das hohe Commitment ihrer Gemeindemitglieder zu generieren vermag, das nötig ist, damit die Dynamik für eine wachsende Gemeinde entsteht.“ (S.292)

Leerstelle theologische Ausbildung: Der große Elefant im Raum?

Das führt mich zu einer Frage, die mir beim Lesen immer dringender wurde: Wenn die geistlichen und theologischen Grundlagen so entscheidend sind, warum hat sich dann kein einziger Autor mit der Rolle der theologischen Ausbildung für die missionarische Dynamik der Kirche beschäftigt? Schließlich werden dort die geistlichen Grundlagen gelegt und die theologischen Weichen der zukünftigen Gemeindeleiter gestellt. Manchmal war ich mir aber auch bei evangelikalen Autoren nicht ganz sicher, inwieweit sie die Bedeutung dieser theologischen Weichenstellungen auf dem Schirm haben. So schreibt zum Beispiel Andreas Boppart: Es geht … nicht um das Ausdiskutieren von theologischen Unterschieden, um dann ein Konsens-Papier zu unterschreiben, sondern um eine tiefe ehrliche Herzensverbindung von geisterfüllten und christuszentrierten Nachfolgerinnen und Nachfolgern – eine Einheit der Herzen, des Geistes.“ (S.215) Bis vor etwa 2 Jahren hätte ich diesen Satz begeistert unterschrieben. Aber inzwischen habe ich zu viel gesehen, das mir zeigt: Theology matters – Theologie macht einen Unterschied. Ich habe zu oft erlebt, wie schnell die theologische Pluralisierung von den Randfragen zu den Kernfragen vordringt und wie das am Ende dazu führt, dass sich der missionarische Eifer in Sprachlosigkeit verwandelt, wie Steffen Kern bemerkt: „Selbst in den zentralsten Glaubens- und Lebensfragen werden viele unsicher. Was früher manchmal so klar schien, scheint auf einmal zwischen den Fingern zu zerrinnen. Die Kirchen und Gemeinden, die Haltungen und Positionen werden pluraler, Orientierung zu finden immer schwieriger. Darum verfallen wir über Frömmigkeitsgrenzen hinweg ins Schweigen.“ (S.225)

Ja, Andreas Boppart hat recht: Einheit ist viel mehr als theologischer Konsens. Wir brauchen eine geistgewirkte Herzenseinheit in Christus. Aber wer ist dieser Christus? Und was ist seine Botschaft? Das sind theologische Fragen, die wir klären müssen. Deshalb funktioniert Einheit auf Dauer nicht ohne theologischen Konsens zumindest in den zentralen Knackpunktthemen des Glaubens, wie ich sie z.B. in Kapitel 5 von „Zeit des Umbruchs“ beschrieben habe. Es gibt gute Gründe dafür, dass wir von geistlichen Leitern eine gründliche theologische Ausbildung erwarten. Aber diese Ausbildung muss einem Bibelverständnis folgen, in der das Sola Scriptura gilt, in der also nicht die menschliche Vernunft zum Richter über richtig und falsch in der Bibel gemacht wird und in der die Schrift nicht ins sachkritische Zwielicht gerät. Denn sonst wird weiterhin gelten, was Alexander Garth beklagt: „Westliche Theologien sind klug, aber sie paralysieren Gemeindewachstum und Mission, wie unzählige Studien der globalen Gemeindewachstumsbewegung zeigen.“ (S.286)

Warum wird diese wichtige Frage nach der Rolle der theologischen Ausbildung an keiner Stelle in „Mission Zukunft“ aufgegriffen? Ist sie vielleicht der große Elefant im Raum, den zwar alle sehen, den aber niemand anspricht, um niemand zu provozieren? Beim Nachdenken über diese Frage fiel mir auf, dass ein großer Name in diesem Buch fehlt: Ulrich Parzany. Seit Jahrzehnten war und ist er eine zentrale und prägende Figur im Bereich Mission und Evangelisation im deutschsprachigen Raum. Warum wird seine Stimme hier nicht gehört? Hat das womöglich auch damit zu tun, dass er einer der wenigen ist, der diesen Elefant offen anspricht?[2] Das wäre traurig. Denn das Buch „Mission Zukunft“ bestärkt mich einmal mehr darin: Ohne eine theologische Erneuerung werden auch alle sonstigen Reformbemühungen der Kirche unter Sand im Getriebe leiden.

Mission is possible!

Trotz dieser Leerstelle kann ich „Mission Zukunft“ nur herzlich weiter empfehlen. Allein schon die äußerst ermutigenden und inspirierenden Kapitel von Ekkehart Vetter, Alexander Garth, Patrick Knittelfelder und Lothar Krauss sind die Anschaffung des Buchs mehr als wert. Hier wird deutlich: Mission is possible! Unser Problem ist nicht die Säkularisierung oder Pluralisierung. Unser Problem ist auch nicht der „harte Boden“ in unserem Land sondern – wenn schon – der harte Boden in unserem eigenen Herzen. Wo wir uns von Gottes Geist und Gottes Wort zu Jesus ziehen lassen, da kann ein missionarischer Aufbruch gar nicht ausbleiben. Denn es liegt Jesus nun einmal sehr auf dem Herzen, dass jeder gerettet wird und die Wahrheit erkennt“ (1.Tim.2,4) – in unseren Familien, in unseren Gemeinden, in unseren Städten und Dörfern, in unserem Land, überall auf der Welt. Klaus Douglass schreibt: Mission ist nicht eine Funktion der Kirche, sondern Kirche ist eine Funktion der Mission Jesu.“ (S.194) Genauso ist es. Ohne Mission hört Kirche auf, Kirche zu sein.


Das Buch „Mission Zukunft – Zeigen was wir lieben: Impulse für eine Kirche mit Vision“ (Herausgeber Michael Diener und Ulrich Eggers) ist im Dezember 2018 bei SCM R. Brockhaus erschienen und kann zum Preis von 19,99 € hier bestellt werden.

Weitere inspirierende Zitate aus „Mission Zukunft“:

Über die zentrale Bedeutung der grundlegenden geistlichen Disziplinen Gebet und Lesen in Gottes Wort:

„Ich sehe keinen anderen Weg zur Freude als den alten und immer neuen des Hörens auf die Schrift, der wechselseitigen Ermutigung und des erwartungsoffenen Gebets.“ (Hans-Herrmann Pompe, S. 34)

„In unseren Erklärungen sagen wir viel Richtiges: … „Darum ist es für jeden Christen und jede Christin unverzichtbar, Gottes Wort zu verkünden und seinen/ihren Glauben in der Welt zu bezeugen.“ Gut gebrüllt Löwe, aber die Rechnung wurde ohne den Wirt erstellt, nämlich ohne uns, die Christen, deren Innenleben, deren Herz einer dringenden geistlichen Erneuerung bedarf. … Auf diesem Weg werden Gebet, Wort Gottes und intensive Gemeinschaft mit anderen Christen eine große Rolle spielen.“ (Ekkehart Vetter, S.82/83)

„Natürlich sind die Fragen nach dem Musikstil, der Sprache, der Kleidung auf der Bühne und so weiter nicht unwichtig. Aber es ist ein Fehler, zu denken, dass Veränderung in diesen Punkten eine Gemeinde verwandelt. Diese Themen ändern sich als Folge von Überzeugungen! Unsere Überzeugungen gewannen wir aus dem Studium der Bibel und wir bewegten sie im Gebet. Ohne Überzeugungen bleiben wir zu sehr an den Äußerlichkeiten hängen, die nicht unwichtig sind, aber eben auch nicht entscheidend.“ (Lothar Krauss, S.315)

Jesus muss unbedingt die Mitte sein:

„Menschen werden spüren, ob wir Gott lieben, ob wir begeistert sind von ihm und ob wir etwas mit ihm zu tun haben. Mir sagte mal ein Pastor einer sehr missionarischen Gemeinde, sie würden zuerst Jesus zentrierte Gottesdienste und nur in zweiter Linie besucherfreundliche Gottesdienste feiern. …  Missionarischer Aufbruch … braucht Jesus-Zentriertheit und die Liebe zu Gott in allem. …  Gerade der deutsche missionarische Aufbruch braucht diese Dimension, weil wir (wie in der gesamten westlichen Welt) sehr menschenzentriert denken, leben und oft auch glauben.“ (Ansgar Hörsting; S. 50)

„Wenn die evangelische Landeskirche nicht den Mut hat, Christus wieder stärker ins Zentrum zu rücken und Profil zu zeigen, wird sie aufgrund ihrer Farblosigkeit in die Unbedeutsamkeit weggleiten.“ (Andreas „Boppi“ Boppart, S. 214)

„Mission braucht … Mut zur Konzentration auf das Wesentliche. Wir reden von Jesus. … Von seinen Wundern. Von seinen Worten. Von seinem Kreuz und seiner Auferstehung.“ (S. 226 Steffen Kern)

 „Die Kirche ist ein Jesus-zu-den-Leuten-Bringen. Jesus ist ihr Lebensinhalt, sie hat keinen anderen. Wo sie doch um andere Inhalt kreist -etwa um sich selbst -, da wird sie zur abgeschmackten Travestie.“ (Bernhard Meuser, S. 175)

Über die Bedeutung von Gemeinschaft und Kleingruppen:

„Ich würde allen, die sich nach einem missionarischen Aufbruch sehnen, dringend raten, einen Kern zu sammeln, der brennt, ohne die weitere Gemeinde aus dem Blick zu verlieren.“ (Lothar Krauss, S.321)

 „Ohne die Bildung kleiner, tragfähiger Gemeinschaften läuft ein Großteil unserer missionarischen Bemühungen ins Leere.“ (Klaus Douglass, S. 207)

Über den Segen von Vielfalt:

„Es muss in der Gesellschaft um Gottes willen eine größere Vielzahl unterschiedlicher christlicher Kirchen, Gemeinden, missionarischer Projekte, diakonischer Initiativen geben, die nebeneinander und miteinander den Ruf von Christus „Lasst euch versöhnen mit Gott!“ verbreiten.“ (S. 289 Alexander Garth)

Über die Notwendigkeit von Fleiß und Hingabe:

„Kein missionarischer Aufbruch geschieht ohne engagierte, fleißige und dienende Menschen. Gottes Methode sind Leute, die sich selbst verleugnen und hingeben.“ (Lothar Krauss, S.321)

Über die Bedeutung von Bibel und Bekenntnis:

„Bei aller konfessionellen und missionarischen Offenheit ist es zugleich wichtig, einen Maßstab zu haben, der für alle verbindlich ist. Das sind für uns die Bibel und ihre sinnstiftenden und Orientierung gebenden Anweisungen für ein gelingendes und von Gott gesegnetes Leben. Darüber hinaus sind für uns neben den altkirchlichen und reformatorischen Bekenntnissen die Basis der Evangelischen Allianz und die Lausanner Verpflichtung von 1974 richtungsweisend. … Wir vertrauen der Bibel als Gottes Wort, als Quelle aller Erkenntnis, wie Gott ist, was er für uns getan hat und was er von uns erwartet.“ (Elke Werner, S.340)


[1] Der Streit um die „Absichtslosigkeit“ von Mission war auch ein zentrales Thema bei der Tagung „Welche Zukunft hat Mission?“ im November 2019 in Berlin, bei der viele Autoren dieses Buchs ihre Thesen mündlich vortragen durften. Dabei wurde deutlich, dass die „theologischen Überzeugungen ein Streitfall bleiben“, wie Karsten Huhn in seiner Reportage in idea-Spektrum berichtet.

[2] Bekannt wurde besonders sein Satz: „Die Bibelkritik ist der Krebsschaden der Kirche.“ In Ulrich Parzany : Was nun, Kirche? Ein großes Schiff in Gefahr, Holzgerlingen 2017, S. 49.

Un-verschämt!

Wie wir die Lust am Gebet und Kühnheit für mutige Glaubensschritte zurückgewinnen

„Lächerlich!“ Goliat grinste. „Die schlottern ja vor Angst! Und dann wollen sie ernsthaft behaupten, ihr Gott sei mächtiger als unsere Götter? Wo ist er jetzt, ihr Gott? So viel ist sicher: Er kann ihnen nicht helfen. Sonst wäre längst einer von ihnen gegen mich angetreten.“

„Unerträglich!“ dachte David. „Was plustert dieser Typ sich auf? Nur weil er größer ist als die anderen? Gegen meinen Gott ist er nur ein Krümel. Er hat ja keine Ahnung, wen er da verspottet. Höchste Zeit, dass meine Brüder sehen, dass der Gott des Himmels und der Erde mit uns ist!“

Ein letztes Mal schloss er die Augen. Er dachte zurück an die Zeiten allein mit Gott. Das Nachsinnen über die Worte aus den Schriften. Das Singen zu Gott beim Sonnenaufgang. So oft hatte er Gottes Hilfe erfahren, wenn wilde Tiere die Herde bedrohten und es richtig gefährlich wurde. In diesen Jahren hatte er gelernt, dass Gott keine fromme Theorie ist sondern ein Gott der Tat, der wirklich hilft. Ein Gott, dem man vertrauen kann.

Eine übernatürliche Kühnheit durchflutete ihn. Es wurde Zeit. Er nahm all seinen Mut zusammen und ging auf Goliat zu. Die Flüche und den Spott hörte er gar nicht. Stattdessen hörte er sich selber rufen: „Du trittst mir mit Schwert, Speer und Wurfspieß entgegen, ich aber komme im Namen des Herrn, des Allmächtigen – des Gottes des israelitischen Heeres, das du verhöhnt hast. Heute wird der Herr dich besiegen. Und die ganze Welt wird wissen, dass es einen Gott in Israel gibt!“

Dann nahm er den Stein aus seiner Tasche…

Auf der Suche nach Davids Erfolgsgeheimnis

Auch wenn es mir nicht gefällt: Leider stehe auch ich oft auf der Seite der schlotternden Angsthasen. Und ich fürchte: Ich bin nicht der Einzige in meiner Kirche. Nüchternes Kalkulieren ist der Normalfall, kühnes Gottvertrauen die Ausnahme. Wir rechnen nicht mit Wundern sondern mit Problemen. Die ersten Christen hatten gegen alle Widerstände die Welt erobert – wir hingegen buddeln uns angesichts der Säkularisierung in unseren Schützengräben ein. Woran liegt das? Oder anders gefragt: Was war Davids Geheimnis? Was war sein Schlüssel zum Erfolg? Warum war er anders als alle anderen?

Nur ein Kindergebet?

„Ich bin klein, mein Herz ist rein, soll niemand drin wohnen als Jesus allein.“ Oft hat meine Mutter dieses Gebet mit mir gesprochen, solange ich klein war. Das war schön. Aber es hinterließ in mir auch den Eindruck: Die Sache mit dem reinen Herzen ist nur etwas für Kinder.

Und es stimmt ja auch: Kinder denken sich noch nichts Böses dabei, wenn sie sich mit Soße beschmieren. Sie haben kein schlechtes Gewissen, wenn sie die Tapete bemalt haben. Sie lachen ihren Eltern trotzdem ins Gesicht. Sie sind sich ihrer Zuneigung und Unterstützung trotzdem gewiss.

Aber das Leben verunsichert uns. Ent-Täuschungen stellen sich ein. Wir werden kritisiert, abgelehnt, manchmal sogar bestraft. Wir lernen, uns schuldig zu fühlen, uns zu schämen. Das unbefangene, offenherzige Lachen weicht der bangen Frage: Wer nimmt mich noch an, wenn er von meiner Schuld und meinem Versagen erfährt? Auf wen kann ich mich verlassen, obwohl man sich auf mich oft nicht verlassen kann? Schuld und Scham belasten unser Gewissen und unsere Beziehungen.

Das gilt auch für die Beziehung mit Gott. Wie denkt Gott über mich? Ich weiß, er liebt mich. Aber er ist auch ein heiliger Gott. Und er sieht meine Schuld, meine Gottvergessenheit, mein fehlendes Vertrauen, meinen Egoismus. Ist Gott trotzdem für mich? Kann ich mir seiner Gunst und seines Segens trotzdem sicher sein? Kann ich trotzdem davon ausgehen, dass er meine Gebete hört?

Mein schönes und schwieriges pietistisches Erbe

Ich bin in einem pietistischen Umfeld groß geworden. Für diese geistlichen Wurzeln bin ich bis heute äußerst dankbar. Der tiefe Respekt vor der Bibel, die ehrliche, authentische und geerdete Frömmigkeit hat mich wunderbar geprägt.

Eine Schlüsselerkenntnis in meinem pietistischen Umfeld lautete: Wir sind alle allzumal Sünder. Jeden Tag versagen wir in Gottes Augen. Und noch etwas habe ich früh gelernt: Sünden und ein schlechtes Gewissen trennen uns von Gott. Schon auf den ersten Seiten der Bibel wird uns das berichtet: Als Adam und Eva bewusst wurde, dass sie gegen Gottes Gebot verstoßen hatten, kam Scham in ihr Leben und zerbrach die Gemeinschaft mit Gott. Auch David wusste: “Wer darf den Berg des Herrn besteigen und wer an seinem heiligen Ort stehen? Nur die Menschen, deren Hände und Herzen rein sind“ (Psalm 24, 3+4). Entsprechend lehrte uns Jesus: „Gott segnet die, die ein reines Herz haben, denn sie werden Gott sehen.“ (Matthäus 5, 8) Und Petrus forderte uns auf: „Bewahrt euch ein reines Gewissen“ (1. Petrus 3, 16).

Was in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen gilt, gilt also auch für unsere Gottesbeziehung: Wir können unserem himmlischen Vater nicht mehr frei und offen begegnen, wenn wir uns schuldig fühlen. Scham ist ein echter Beziehungskiller. Ein reines Herz zu haben ist deshalb kein Thema für Kinder. Für Paulus war sogar das Ziel seiner ganzen Lehrtätigkeit, „dass alle Christen von der Liebe erfüllt sind, die aus einem reinen Herzen kommt, aus einem guten Gewissen und aufrichtigem Glauben.“ (1. Tim. 1, 5)

Die große Frage ist nur: Wie soll man Gott gegenüber denn ein reines Herz und ein gutes Gewissen haben, wenn man doch täglich Fehler macht und sündigt?

David war anders

Aus irgendeinem Grund hatte David dieses Problem überhaupt nicht. Sein Gewissen war sauber und er war sich völlig sicher, dass Gott mit ihm ist: “Der Herr wird mich belohnen, weil ich aufrichtig bin, und mir den Lohn dafür geben, dass ich unschuldig bin. … Ich bin ohne Schuld vor Gott, denn ich habe mich von der Sünde fern gehalten.” (Psalm 18, 21+24) Wie konnte David nur derart selbstsicher sein? Würde ich heute jemanden so reden hören wie David, würde ich ihn für ziemlich arrogant und hochnäsig halten. Kein Mensch kann sich doch von der Sünde fernhalten! Niemand ist unschuldig! Oder?

So sehr ich von der Richtigkeit der „Sünder-Theologie“ überzeugt war (und immer noch bin!) und so demütig sie sich auch anhört: Irgendwann habe ich auch bemerkt, dass sie eine problematische Kehrseite hat, wenn wir uns einseitig auf sie fixieren.

Schambesetzter Glaube ist ungesund und abstoßend

Wenn wir mit Gott und uns selbst nicht im Reinen sind, belastet das nicht nur unsere Gottesbeziehung. Wir zweifeln dann auch daran, dass Gott unsere Gebete erhört. Kein Wunder, dass wir dann die Lust am Beten verlieren. Und was noch schlimmer ist: Wenn wir kein Ja zu uns selber haben, leben wir seelisch äußerst ungesund. Tatsächlich sagte mal jemand zu mir, ich würde immer so gebückt durch die Gegend laufen. Scham macht verklemmt und scheu. Auf unser Umfeld wirkt das unattraktiv und abstoßend. Wer soll uns glauben, dass ein Erlöser in unser Leben getreten ist, wenn wir derart unerlöst wirken? Umso mehr habe ich mich gefragt: Ist DAS wirklich die Haltung, die uns die Bibel vermitteln wollte? Muss das Beugen unter die eigenen Fehler wirklich ein Dauerzustand im Leben eines Christen sein? Und warum war das bei David so anders? War David vielleicht ein Heiliger?

Ein reines Herz hat nichts mit Perfektion zu tun

Nein, ganz sicher nicht. Die Bibel schildert in ungeschminkter Offenheit seine Betrügereien, seine Rachlust und seine Schwäche für schöne Frauen. Allerdings waren ihm seine Fehler oft nicht bewusst. Selbst als er den Ehemann seiner Liebschaft indirekt umbringen ließ, musste Gott erst einen Propheten schicken, um ihm sein krasses Fehlverhalten klar zu machen!

Ganz offensichtlich gilt in der Beziehung mit dem Vater im Himmel genau das gleiche, was für die Beziehung von Kindern zu ihren Eltern gilt: Unbewusste Fehler belasten das Gewissen der Kinder nicht. Sie schaden deswegen auch der Beziehung zu den Eltern viel weniger. Natürlich sind Eltern nicht begeistert, wenn das Kind die Tapete vollgeschmiert hat. Aber wenn es sich nichts Böses dabei gedacht hat werden sie trotzdem barmherzig mit ihm umgehen – vor allem wenn ihnen das Kind treuherzig in die Augen schaut! Genauso wird Gott unsere Fehler zwar nicht einfach gutheißen oder ignorieren, schließlich richtet auch unbewusste Schuld Schaden an. Aber Gott geht barmherzig mit uns um. So war es jedenfalls bei David: Trotz der großen charakterlichen Mängel stellte Gott sich uneingeschränkt zu ihm. Er bezeichnete ihn sogar als „Mann nach seinem Herzen“ (1. Samuel 13, 14). Das zeigt mir: Gott empfand Davids festes Vertrauen in seine Gunst ganz offensichtlich nicht so wie ich als Hochmut oder Selbstüberschätzung. Vielmehr schätzt und segnet Gott Menschen, die erwartungsvoll mit seinem Segen rechnen, auch wenn ihnen völlig klar ist, dass sie in ihrem Leben noch ziemliche “Sauigel” sind.

Vertrauen in einen großzügigen Gott

Das gilt umso mehr, da die Bibel uns an vielen Stellen lehrt: Unser himmlischer Vater ist kein knausriger sondern ein “gnädiger und barmherziger Gott, langsam zum Zorn und groß an Güte” (Jona 4, 2, Psalm 86, 15; 103, 8; 145, 8; Joel 2, 13). Und wenn schon David sich so un-verschämt auf Gottes Segen verlassen konnte, wie viel mehr können wir das ohne Scham und Zweifel tun, da doch Jesus für unsere Schuld gestorben ist! Als Christen haben wir gegenüber David ja noch einen gewaltigen Vorteil: Wir können uns ganz darauf berufen, was Jesus am Kreuz ausgerufen hat: “ES IST VOLLBRACHT!” Jesus ist für jede Schuld gestorben, die wir auf uns geladen haben und die wir – bewusst oder unbewusst – noch auf uns laden werden. Er starb, damit wir frei werden! Frei, uns nicht länger unter der Last unserer Schuld beugen zu müssen! Frei, um aufrecht und mit erhobenem Haupt leben und Gott begegnen zu können! Frei, um uns der Gunst und des Segens Gottes sicher zu sein und nicht länger zweifeln zu müssen! Frei, um mit großer Erwartung zu beten und mutig zu handeln in der Gewissheit, dass unser Gott mit uns ist, uns liebt und uns segnet! Ist das nicht phantastisch?

Gerade als Pietist musste ich das mühsam lernen: Gott erwartet keine Perfektion von mir! Natürlich möchte er, dass ich danach strebe, ihm immer ähnlicher zu werden und dass ich meine Sünden bekenne, wenn ich einmal ganz bewusst gegen seinen Willen verstoßen habe. Gott ist und bleibt ein heiliger Gott, der Sünde nicht einfach ignorieren kann. Aber mindestens ebenso wichtig ist es ihm, mich von meinem falschen Gottesbild zu heilen, wenn es mir den Eindruck vermittelt, dass er mir ständig nur mit erhobenem Zeigefinger begegnet!

Meine Erfahrung ist: Dieser Heilungsprozess kann ganz schön schwierig und langwierig sein. Es ist nicht einfach, tiefsitzende Gefühle von Scham, Minderwertigkeit und Unsicherheit Gott gegenüber zu überwinden. Ich habe dafür viele Jahre gebraucht und bin immer noch auf dem Weg.

Das Gute ist aber: Jesus wusste, wie schwer es uns fällt, unser Scham- und Versagergefühl gegenüber diesem großen, perfekten, allwissenden und heiligen Gott zu überwinden. Deshalb hat er uns gerade dafür ganz besondere, praktische und handfeste Hilfen für unseren Glaubensalltag mitgegeben. Und mein Eindruck ist: Hinter der Mutlosigkeit der Kirche Jesu steht auch die Krise, wie wir mit diesen praktischen Hilfen umgehen.

Die Krise des Sündenbekenntnisses

Wenn unser Gewissen von einer ganz konkreten und bewussten Schuld geplagt wird, dann kennt die Bibel eigentlich nur einen Weg, dieses Problem wieder loszuwerden: Wir müssen unsere Sünde bekennen! Wenn wir das tun, haben wir Gottes klare Verheißung, dass er uns „vergibt und uns von allem Bösen reinigt.“ (1. Johannes 1, 9) Mir geht es so, dass es bei manchen Sünden völlig genügt, sie Gott im Gebet zu bekennen. Aber manchmal reicht das nicht aus, um mein Gewissen zu entlasten. Die Bibel ermutigt uns deshalb: „Bekennt einander Eure Schuld…“ (Jakobus 5, 16).

Ich habe es so oft erlebt: Wenn meine Schuld ans Licht kommt, verliert sie ihre negative Kraft über mich. Das Herz ist wieder sauber, der Blick auf Gott wieder frei und ungetrübt. Der große Vorteil einer “Beichte” ist die Möglichkeit, dass uns ein Mitchrist Gottes Vergebung hörbar und spürbar zusprechen kann. Jesus hat uns dazu eine bemerkenswerte Vollmacht mitgegeben: “Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben.” (Johannes 20, 23a) Ist das nicht erstaunlich? Wie schade, dass wir diese Vollmacht so selten in Anspruch nehmen, um uns einander von Schuldgefühlen zu entlasten.

Das “Beichten” ist also nicht nur für katholische Christen eine große Hilfe. Wie schade, dass es bei uns Protestanten kein fester Bestandteil des gemeindlichen Lebens mehr ist! Als evangelischer Christ meine ich aber auch: Zum “Beichten” braucht es keine Profis oder festgelegte Rituale. Ein offenes Gespräch mit einem lieben Mitchristen unseres Vertrauens reicht völlig aus. Wie gut, dass ich Freunde habe, mit denen ich offen über alles reden kann. Freunde, die selber Schwäche zeigen können und die mich deshalb auch wegen meiner Fehler nicht ablehnen. Wohl dem, der solche Freunde hat! Gute Gemeinden müssen Räume bieten, in denen man über alles reden kann. Und sie müssen eine gnadenreiche Atmosphäre schaffen, in der jeder spürt: Hier kannst Du ehrlich sein, denn hier wirst Du trotz Deiner Fehler und Deines Versagens nicht abgelehnt sondern angenommen – so wie Du bist. Denn hier ist niemand perfekt. Wir leben alle aus der Gnade und aus der Vergebung.

Die Krise der Taufe

Nie werde ich die ganz besondere Taufe eines guten Freundes vergessen. In unserem Glaubenskurs hatte er zu Jesus gefunden. Nach seiner Bekehrung schrieb er zusammen mit einem Seelsorger alle Sünden, die ihm einfielen, auf einen Zettel auf, den sie dann als Zeichen der Vergebung verbrannten. Trotzdem fühlte mein Freund sich noch nicht wirklich frei von seiner dunklen Vergangenheit, für die er sich so schämte. Der Alkohol hatte nicht nur sein eigenes Leben zerstört sondern auch seine Familie. Das lastete schwer auf ihm. Deshalb freute er sich unbändig auf seine Taufe. Seine Hoffnung war, dass das sein Gewissen vollends erleichtern würde. Als ich zum Ort der Taufe kam zeigte mir mein Freund als erstes eine Entdeckung, die er gerade gemacht hatte: Direkt an der Taufstelle stand ein Kilometerstein am Flussufer. Darauf war zu lesen: „0,0 km“. Gerade hier kamen 2 Flüsse zusammen, deshalb begann ganz offensichtlich gerade hier eine neue Kilometerzählung. Für meinen Freund hatte das aber eine ganz andere Bedeutung. Begeistert sagte zu mir: Ich darf wieder ganz bei Null beginnen!

Dass Gott uns reinigt von Sünde und Scham ist auch in der Bibel ein wichtiger Aspekt der Taufe. Petrus betont diesen Zusammenhang ganz direkt: “Die Taufe ist keine körperliche Reinigung, sondern die Bitte an Gott um ein reines Gewissen.” (1. Petrus 3, 21) Bei der Taufe meines Freundes wurde mir erst so richtig bewusst, was Petrus damit gemeint hat. Seither quält mich die Frage, was uns in meiner evangelischen Kirche alles verloren geht, weil wir die Taufe in eine Zeit verlegt haben, in der wir sie noch nicht bewusst erleben und an die wir uns später nicht mehr erinnern können.

Leider ist dieser Verlust heute nur wenigen Christen bewusst. Besonders als protestantische, vom griechischen Denken geprägte Christen neigen wir dazu, den Wert und die Wichtigkeit von körperlich erlebbaren Ritualen zu unterschätzen. Jesus wusste es besser. Ihm war klar, dass wir ganzheitliche Menschen sind, die Wahrheiten auch dadurch begreifen, dass wir sie körperlich spüren und erleben. “Schmecke und sieh, dass der Herr gut ist!” (Psalm 34, 9). Die vom hebräischen Denken geprägte Bibel wusste schon immer, wie wichtig das reale Erleben ist, um Dinge tief in unserem Herzen wirklich be-greifen zu können.

Ich habe deshalb Verständnis dafür, dass es Christen und Konfessionen gibt, die aufgrund bestimmter biblischer Aussagen vor Gott und ihrem Gewissen zu dem Schluss kommen, dass eine Taufe von Kindern keine Taufe im biblischen Sinn ist. Wer sich aus dieser Überzeugung heraus trotz Kindertaufe als Erwachsener taufen lässt, ist natürlich kein “Wiedertäufer”, denn die Einmaligkeit des Geschehens wird mit der Ablehnung der Kindertaufe ja nicht in Frage gestellt.

Ich glaube allerdings trotzdem bis heute nicht, dass alle Christen ihre Kindertaufe über Bord werfen müssen. Entscheidend scheint mir zu sein, dass jeder Christ im Brustton der Überzeugung sagen kann: “Ja, ich bin getauft! Ich gehöre Gott! Die Sünde und der „Verkläger der Brüder“ (Offenbarung 12,10) haben kein Anrecht mehr in meinem Leben!“ In Momenten der Scham und der Verunsicherung sollten alle Christen sich fest auf ihre Taufe berufen können. Um sich die Taufe zu vergegenwärtigen gibt es verschiedene Möglichkeiten. Ein mir bekannter Pfarrer hat sogar Tauferinnerungsfeiern im Freibad mit Untertauchen durchgeführt. Ich finde, das ist eine sehr gute Möglichkeit, der eigenen Taufe nachzuspüren und sie durch das körperliche Erleben ganz fest im eigenen Bewusstsein zu verankern. Oft scheut meine Kirche diese Praxis leider noch aus Angst, man könnte so eine Tauferinnerung mit einer Taufe verwechseln. Ich meine: Viel mehr Angst sollten wir davor haben, dass der kostbare Schatz der Taufe weiterhin verschüttet bleibt und dass das Wort „Taufe“ für die meisten Menschen auch in Zukunft kaum mehr ist als ein Synonym für das Verb „benennen“, das man auch bei Schiffen oder Plüschtieren anwenden kann.

Die Krise des Abendmahls

Die Taufe ist und bleibt ein einmaliges Erlebnis. Das ist wichtig, denn es bringt zum Ausdruck, dass Gottes Ja für uns ein für alle Mal fest steht – auch dann, wenn wir wieder einmal Fehler machen und sündigen. Selbst wenn wir untreu sind bleibt er doch treu (2. Timotheus 2, 13)! Damit wir aber auch nach unserer Taufe immer wieder erleben und sogar körperlich spüren können, dass unsere Schuld wirklich bezahlt ist, ist das Abendmahl so wertvoll. Es erinnert uns daran, dass sein Leib an unserer Stelle zerbrochen und sein Blut für uns vergossen wurde, um unsere Schuld zu bezahlen und den Bund zwischen Gott und uns ein für alle Mal zu besiegeln (Matthäus 26, 26-28), so dass wir trotz unserer Fehler Segen und Heil erwarten dürfen.

Die ersten Christen haben täglich das Brot miteinander gebrochen und Abendmahl gefeiert. Wir sollten es auch heute regelmäßig tun. Damit es nicht zur leeren Routine verkommt dürfen wir es immer wieder neu kreativ gestalten. Am wichtigsten aber ist, dass wir uns den Sinn des Abendmahls lebendig vor Augen halten und uns darin immer wieder von Gott helfen lassen, unsere Scham zu überwinden. Auch hier gilt genau wie bei der Beichte: Man braucht nicht unbedingt Profis oder heilige Räumlichkeiten, um ein tiefes und bewegendes Abendmahl zu feiern. Schließlich sind wir im neuen Bund allesamt Priester (1. Petrus 2, 9). Entscheidend ist unsere Dankbarkeit für den hohen Preis, den Jesus für unsere Erlösung bezahlt hat. In Brot und Wein bzw. Saft begegnet uns sichtbar und spürbar seine Vergebung, seine aufopferungsvolle Liebe und seine Gnade. Auf diese ganz besondere Begegnung dürfen wir als Kirche Jesu Christi auf keinen Fall verzichten.

Die Krise des wichtigsten Gebots

Eine Bibelstelle, die mir als Pietist seit jeher in Fleisch und Blut übergegangen war, ist die Frage nach dem wichtigsten Gebot. Schon immer war mir klar: Gott zu lieben ist das Wichtigste. Und unseren Nächsten sollen wir ebenso lieben. Aber war da nicht noch etwas? Jesus hatte dem wichtigsten Gebot nicht nur einen Zwei- sondern einen Dreiklang gegeben: Gott lieben, den Nächsten lieben und – uns selbst lieben. Seltsamerweise haben wir über diesen dritten Teil in meinem christlichen Umfeld praktisch nie gesprochen. Dabei war Jesus das “ebenso wichtig: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.” (Markus 12, 31).

Das Problem ist: Wenn wir diesen dritten Teil vergessen, funktionieren auch die beiden anderen Teile nicht. Wir können Gott und unsere Mitmenschen nur dann lieben, wenn wir uns selbst geliebt fühlen. Und Gottes heilende Liebe kann unser Herz nicht erreichen, solange wir Gottes liebevollen Gedanken über uns innerlich widersprechen, weil wir uns selbst nicht für liebenswert halten. Geliebt fühlen können wir uns nur, wenn wir Gottes guten Gedanken über uns zustimmen. Und ich habe festgestellt: Das ist oft gar nicht so einfach!

Als Jugendlicher wurde ich über Jahre von meinen Mitschülern wegen meiner Figur gemobbt. Das hat mein Selbstwertgefühl und meine Fähigkeit, mich selbst anzunehmen, stark beschädigt. Mein Verhältnis zu meinem Körper ist seither nie ganz heil geworden. Wenn ich in der Bibel lese, dass ich schön und wunderbar gemacht bin, dann klingt das für mich in der Theorie sehr nett. Aber in meiner Gefühlswelt kommt es nicht wirklich an. Wem glaube ich also? Meinen Gefühlen? Meinen früheren Mitschülern? Oder doch Gottes Wort? Kann ich die Worte Davids wirklich zu meinen eigenen machen? “Ich danke dir, dass du mich so herrlich und ausgezeichnet gemacht hast!” (Psalm 139, 14) Als ich es zum ersten Mal gewagt habe, diese Worte ganz bewusst laut auszusprechen, fühlte sich das für mich fast ein wenig gruselig an. Ich habe mich gefragt: Was mache ich da eigentlich? Ist das jetzt so ein Art magisches “Positives Denken”? Rede ich mir selber etwas ein? Nein! Diese Wahrheit über mir selbst auszusprechen bedeutet doch einfach nur, Gott in seinem Urteil über mich zuzustimmen und dem Teufel, dem alten Ankläger, sowie allen Menschen, die negative und verurteilende Dinge über mir ausgesprochen haben, eine lange Nase zu drehen.

Worte haben Macht. Gottes Worte sind die Wahrheit. Die Wahrheit macht uns frei. Jedes Mal, wenn wir Gottes Worte aussprechen und ihnen innerlich oder noch besser laut zustimmen, dann erlauben wir Gott wieder ein wenig mehr, uns von Scham und Minderwertigkeit zu heilen und die zerstörerischen Lügen, die Andere in uns hineingepflanzt haben, durch Gottes befreiende Wahrheit zu ersetzen.

Eine scham-lose Kirche

Auf meinem Weg heraus aus Scham-, Schuld- und Minderwertigkeitsgefühlen bin ich noch lange nicht am Ziel. Aber Einiges hat sich schon bewegt. Ich kann mehr daran glauben, dass mein Gott wirklich für mich ist. Dass er mein Gebet hört, auch wenn ich die letzten Tage wieder einmal nicht so diszipliniert war mit meiner stillen Zeit. Dass er mich segnet, auch wenn ich mich wieder einmal nicht so verhalten habe, wie ich es eigentlich sollte. Dass er mit mir ist, auch wenn ich nach wie vor alles andere als ein geistlicher Überflieger bin.

Ich glaube, es ist Zeit, dass wir Davids Geheimnis des reinen Herzens neu entdecken. Es geht nicht um Perfektion. Gleich gar nicht geht es um eine postmoderne Schamlosigkeit, die von der Realität von Schuld und Vergebung überhaupt nichts mehr wissen will und die das Wort Sünde nur noch mit kalorienreichem Essen in Verbindung bringt. Nein, es ist immer noch wahr und muss gerade heute neu gepredigt werden: Wir sind alle allzumal Sünder. Unsere Schuld  trennt uns von Gott und vom ewigen Leben. Auf dem Weg des Glaubens gibt es keine Abkürzung am Abgrund unserer Schuld und Verlorenheit und am Kreuz vorbei.

Aber dieser schlechten Nachricht darf und muss eine tiefe und anhaltende Vergewisserung der Vergebung und Erlösung folgen, die Jesus am Kreuz für uns erworben hat, damit wir mit freiem und reinem Herzen aufatmen und befreit und erlöst leben können. Johannes beschrieb, welche Folgen das hat: „Liebe Freunde, wenn unser Gewissen rein ist, können wir mit Zuversicht und mutig vor Gott treten“ (1. Johannes 3, 21). „Mutig komm ich vor den Thron!“ Dieses wunderschöne Lied singen wir auch in unserer Gemeinschaft immer wieder gerne. Denn tatsächlich ist das ja „der Grund, warum wir feiern: Wir sind befreit, er trug das Urteil. Preis dem Herrn!“

Die Lust am Beten, das Vertrauen in Gottes Gunst und die Kühnheit für mutige Glaubensschritte können in der Kirche Jesu wieder Einzug halten, wenn Gott uns von unserer Scham befreien darf. Nur mit dieser Kühnheit werden wir die Goliats unserer Zeit besiegen können.

Das doppelte Fundament der Kirche

Im letzten Jahr haben mich immer wieder Stimmen von konservativen Christen aus ganz Deutschland erreicht, die sich in ihren landes- oder freikirchlichen Gemeinden an den Rand oder gar hinausgedrängt fühlen. Tatsächlich scheint sich dieser subjektive Eindruck auch objektiv zu bestätigen. Tobias Faix hat jüngst berichtet, dass die Anzahl der Gläubigen steigt, die aufgrund ihres konservativen Glaubens aus der evangelischen Kirche austreten. In einer aktuellen Erhebung für die Kirche von Westfalen wurde zudem ermittelt:

“Das häufigste Motiv für einen Austritt aus der Kirche ist die Ansicht, dass die Kirche nicht mehr das lebt, „was Jesus eigentlich wollte“.”

Also nicht die Säkularisierung, nicht die Kirchensteuer, sondern die grundsätzlichen Differenzen beim Jesusbild sind das Hauptproblem, das Menschen aus der Kirche treibt! Das hat mich nun doch überrascht.

Natürlich sind nicht alle, die diese Antwort geben, theologisch konservativ. Aber Fakt ist ganz offensichtlich: Meine Kirche leidet massiv darunter, dass es auch bei den zentralsten Glaubensfragen keinen Konsens mehr gibt. Die grundlegenden Differenzen beim Schriftverständnis wurden ja lange Zeit verharmlost mit der Aussage: Wir glauben doch nicht an die Bibel sondern an Jesus Christus. Jetzt aber zeigt sich: Wenn die Wege beim Schriftverständnis auseinanderlaufen, laufen sie irgendwann auch beim Jesusbild auseinander. Wenn die Bibel keine gemeinsame Grundlage mehr ist, dann ist auch Jesus irgendwann keine gemeinsame Grundlage mehr. Wenn sich die Jesusbilder bei den Gemeindemitgliedern und in der Theologie immer grundlegender voneinander unterscheiden, dann kann Jesus auch nicht mehr die einende und verbindende Person der Kirche sein. Am Ende führt die theologische Liberalisierung eben doch zum entscheidenden Verlust der Bindekräfte, die die Kirche gerade in einer sich polarisierenden Gesellschaft dringender denn je nötig hätte, um nicht auseinander zu fallen.

Woran Konservative leiden

Tobias Faix verweist darauf, dass gerade der Exodus der Konservativen für die Kirche besonders schmerzhaft ist, weil sie an der Basis oft sehr engagiert sind. Diese richtige Beobachtung ändert aber nichts daran, dass auf eben diese konservative Basis in Teilen meiner Kirche wenig Rücksicht genommen wird. Die Nordkirche (also die ev. Landeskirche in Schleswig Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern) hat jüngst nicht nur beschlossen, gleichgeschlechtliche Paare zu trauen. Viel weitreichender ist der Beschluss, dass die Gewissensfreiheit für Pastoren in dieser Frage abgeschafft wird. Das heißt: Es ist Pastoren nicht mehr möglich, eine Trauung gleichgeschlechtlicher Paare aus Gewissensgründen abzulehnen. Sie werden gezwungen, ihr Gewissen vor Gott und seinem Wort zu kompromittieren und etwas zu segnen, was in ihren Augen nicht unter dem Segen Gottes steht. Zu Ende gedacht kommt das im Grunde einem Ausschluss von Evangelikalen aus der Landeskirche gleich, und das nicht nur in der Nordkirche. Denn evangelikale Theologiestudenten, die ihrem Gewissen vor Gott treu bleiben wollen, müssen jetzt auch in anderen Landeskirchen damit rechnen, in einen unlösbaren Gewissenskonflikt getrieben zu werden, weil der Trend ja vielerorts in die gleiche Richtung geht. Wenn es keine Wende gibt, würde das für die evangelikalen Gemeindeglieder bedeuten, dass es langfristig in den Landeskirchen keine Pfarrer und Pastoren mit evangelikalen Überzeugungen mehr gibt. Damit würde es auf Dauer auch keine konservativ geprägten Richtungsgemeinden mehr geben. Denn die Pfarrer haben in den evangelischen Gemeinden eine dominante Position. Ich habe in den letzten Jahren mit so vielen tief enttäuschten und verletzten landeskirchlichen Evangelikalen gesprochen, dass ich inzwischen überzeugt bin: Die Schaffung von evangelikal geprägten erwecklichen Strukturen innerhalb der Landeskirche ist kaum möglich, wenn der Pfarrer dies nicht zumindest mit Wohlwollen und Sympathie für evangelikale Frömmigkeit schützt und wenigstens im Hintergrund auch unterstützt.

Nun ist diese Entwicklung für Evangelikale in der Landeskirche freilich nicht neu. Schließlich liegt die Dominanz der nichtevangelikalen Theologie in den landeskirchlichen Ausbildungsstätten schon seit Jahrzehnten bei nahezu 100 %. Auch in manchen freikirchlichen Ausbildungsstätten geht der Trend in diese Richtung. Hinzu kommt: Trotz akutem Pfarrermangel verwehrt meine evangelische Kirche den Abgängern konservativer Ausbildungsstätten den Zugang zum Pfarramt. Wenn aber die Ausbildung sämtlicher Gemeinde- und Kirchenleiter von einer Theologie geprägt ist, die auch in zentralen Glaubensfragen evangelikalen Überzeugungen widerspricht, dann ist es kein Wunder, wenn Evangelikale immer öfter den Eindruck haben: Wir haben mit dem, was uns wichtig ist, keinen Raum mehr.

Die doppelte Basis für die Einheit der Kirche

Auch wenn es mich jedes Mal tieftraurig macht: Ich habe Verständnis dafür, wenn Christen angesichts dieser Entwicklungen manchmal keine andere Möglichkeit mehr sehen, als aus der Kirche auszutreten. Aber viel mehr wünsche ich mir, dass wir Konservativen anfangen, gemeinsam für unsere Überzeugungen aufzutreten! Paulus hat es uns vorgemacht. Mit eindrücklichen Worten hat er klargestellt, was die beiden entscheidenden Elemente des Fundaments der Kirche Jesu sind:

“Wir sind sein Haus, das auf dem Fundament der Apostel und Propheten erbaut ist mit Christus Jesus selbst als Eckstein.” (Epheser 2, 20).

Die gelebte Liebe und Nachfolge Jesu im Zentrum sowie die Verwurzelung in der Lehre der Apostel und Propheten, die wir in der Bibel finden: Beides zusammen bildet das Fundament der Kirche Jesu. Ein festes Jesus- und Schriftvertrauen ist also nicht etwa eine fundamentalistische Randposition, im Gegenteil: Es ist genau dieses doppelte Fundament, das die Kirche eint. Und zwar NUR dieses! Einen anderen Grund kann niemand legen. Wenn man den Worten von Paulus glaubt, ist die Kirche ohne dieses doppelte Fundament auf Sand gebaut.

Es wird ja oft darauf hingewiesen, dass auch die Konservativen trotz gemeinsamem Bekenntnis zur Autorität der Bibel zerstritten seien. Ja, in der Tat: Auch da gibt es Misstrauen, Konflikte und Spaltungen. Aber immerhin haben die Konservativen mit der Bibel noch einen gemeinsamen Grund, auf dessen Basis man zumindest miteinander streiten und um gemeinsamen Grund ringen kann. Und Fakt ist: In den vergangenen Jahrzehnten ist über Konfessions- und Prägungsgrenzen hinweg überall dort sehr viel Einheit gewachsen, wo einerseits der Schrift fest vertraut wurde und andererseits eine gelebte Liebesbeziehung zu Jesus im Mittelpunkt stand. Im Buch „Zeit des Umbruchs“ berichte ich im letzten Kapitel ausführlicher von diesen hoffnungsvollen Entwicklungen. Eindrücklich war für mich dazu auch ein Erlebnis in diesem Sommer: Wir saßen mit Freunden im Garten, als wir vom Weg vor dem Garten plötzlich Gesang hörten. Wir gingen hinaus und begegneten brasilianischen Christen. Wir kannten uns nicht. Wir konnten uns wegen der Sprachbarriere nur spärlich unterhalten. Aber wir haben spontan Jesus zusammen angebetet und uns beim Abschied herzlich umarmt in dem Bewusstsein: Wir sind Geschwister in dieser einen großen Familie Gottes. Spätestens im Himmel werden wir uns wiedersehen. Jesus und sein Wort schafft Einheit – über alle Grenzen, Kulturen und Prägungen hinweg.

Verpackung oder Inhalt?

Angesichts von Austrittswellen, sinkenden Mitgliederzahlen und schrumpfendem Gottesdienstbesuch wird in letzter Zeit immer häufiger die Frage gestellt: Wie kann die Kirche wieder Zukunft gewinnen? Brauchen wir vielleicht mehr Digitalisierung? Müssen wir näher bei den Menschen sein? Brauchen wir mehr soziologische Untersuchungen, um besser zu verstehen, welche Fragen die Menschen bewegen? Oder brauchen wir vielleicht frische Formen von Gemeinde, Kirche und Veranstaltungsformen, die besser zu den heutigen Lebenswelten und Milieus unserer Gesellschaft passen? Ja, ich glaube, all das brauchen wir. Aber wir dürfen dabei nie vergessen: Entscheidend ist am Ende nicht die Verpackung. Entscheidend ist der Inhalt! Jeder Manager weiß: Selbst das beste Marketingkonzept hilft auf Dauer nichts, wenn man kein überzeugendes Produkt hat. Genauso ist es bei der Kirche: Wir brauchen uns mit der Verpackung unserer Botschaft eigentlich gar nicht zu beschäftigen, solange wir uns nicht im Klaren darüber sind, was im Kern eigentlich unsere Botschaft ist.

Eigentlich hat die Kirche ja gar keine eigene Botschaft. Sie ist nur Botschafter an Christi statt (2. Kor. 5,20). Diese Botschaft Christi kennt die Kirche einzig und allein aus der Bibel. Wenn wir den biblischen Texten nicht vertrauen, verlieren wir deshalb zwangsläufig auch die Vertrauenswürdigkeit, die Klarheit und damit auch die Kraft, die Schönheit und Dynamik des Evangeliums. Umso mehr hoffe und bete ich, dass es in meiner Kirche wieder eine Umkehr gibt hin zu einer authentisch gelebten Liebe zu Jesus und zu einer neuen Ehrfurcht vor Gottes Wort. Und ich hoffe und bete, dass unsere freikirchlichen Freunde nicht ebenso ihre Ausbildungsstätten der liberalen Theologie überlassen, wie wir Landeskirchler das getan haben. Es ist nun einmal keine Rechthaberei, keine Angst und keine Enge, die Evangelikale wie mich so nervös werden lässt, wenn universitäre Theologie in ihrer ganzen Bandbreite über Portale wie Worthaus nun auch mitten in die evangelikale Welt hineingetragen wird. Nein, es ist ganz einfach die Sorge um das einzig tragfähige Fundament der Kirche Jesu, ohne das keine christliche Gemeinde, kein christliches Werk und keine Denomination auf Dauer bestehen kann.

Lasst uns Häuser bauen

Ich freue mich sehr darüber, dass ich in einem Land leben darf, in dem in der Mitte fast jeder Ortschaft ein Haus zur Ehre Gottes steht. Aber ich sehne mich danach, dass diese Häuser aus Stein wieder gefüllt werden mit Häusern aus Menschen, die sich zusammenfügen lassen zu einem „Tempel aus lebendigen Steinen“, wie Petrus es ausdrückt (1. Petr.2,5). Ich habe Sehnsucht danach, dass an allen Orten geistliche Häuser entstehen, in denen Jesus gegenwärtig ist und in denen unsere Mitmenschen nach Hause kommen können und Heimat, Erlösung und ewiges Leben finden bei diesem wundervollen himmlischen Vater, von dem uns die Bibel berichtet. Meine Frau und ich arbeiten an unserem Heimatort gemeinsam mit vielen anderen Christen seit Jahren dafür, dass so ein geistliches Haus entsteht. Und ich freue mich darüber, dass sich viel Gutes entwickelt, weil Gottes Wort Kraft hat, Menschen bewegt und verändert. Aber in den letzten Jahren ist uns noch deutlicher geworden: Es reicht nicht, schöne Programme und Veranstaltungen zu gestalten. Wenn wir ein nachhaltiges geistliches Haus bauen wollen, dann müssen wir aufs Fundament achten. Wenn Menschen sich nicht verwurzeln in der Liebe und im Wort Gottes, dann hat das Haus, das wir bauen, auf Dauer keinen Bestand.

Lassen Sie uns deshalb an allen Orten wieder Häuser auf gesunden Fundamenten bauen. Und lassen Sie uns beten, dass Gott einen neuen Aufbruch schenkt, eine neue Bewegung von Menschen, die Jesus Christus von Herzen lieben und die ihre Bibel kennen und tief in ihr verwurzelt sind.

Gemeinsam Auftreten

Wir Evangelikalen wollen keinen Streit. Wir sehnen uns nach Einheit, damit das Evangelium glaubwürdig verkündigt werden kann. Aber in der Bibel sehen wir, dass es manchmal auch not-wendend sein kann, in kontroversen Fragen Position zu beziehen, um Orientierung zu geben und Christen zu ermutigen. Eine gute Gelegenheit, gemeinsam aufzutreten, ist zum Beispiel der Studientag des Netzwerks Bibel und Bekenntnis am 16. November in Siegen. Ich würde mich sehr freuen, Sie dort zu treffen!

Maleachi: Das teure Evangelium

Was ist eigentlich „das Evangelium“? Das erstaunliche ist: Es ist so simpel, dass man es in einem kurzen Satz zusammenfassen kann:

„So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen sondern das ewige Leben haben.“ (Johannes 3, 16)

Doch um sich der Größe und Tiefe dieser Botschaft zu nähern, braucht man die komplette Bibel – und man lernt dabei sein Leben lang nicht aus.

Wichtig ist dabei gerade auch das Alte Testament, denn es bildet den notwendigen Hintergrund, vor dem das Evangelium erst seine Strahlkraft und seinen revolutionären Charakter gewinnt. Ohne diesen Hintergrund verkommt es zum billigen Abklatsch. Besonders deutlich wird das im letzten Buch des Alten Testaments: Die Schrift des Propheten Maleachi liest sich wie ein Fazit des Alten Bundes und wie ein Cliffhanger, der dem Evangelium den Boden bereitet. Deshalb lohnt es sich, intensiv das Bild zu betrachten, das der Prophet Maleachi vom Menschen und seinem Verhalten zeichnet.

Das Buch Maleachi: 5 Ansagen von einem genervten Gott?

Wenn jemand genervt ist, dann lässt das meist tief blicken. Unmut legt tiefe emotionale Schichten frei. Bei den Ansprachen Gottes im Buch Maleachi gewinnt man fast den Eindruck: Gott ist genervt. Er lässt seinem Unmut freien Lauf – und er erlaubt uns dadurch einen tiefen Blick in sein Herz und in die Abgründe unseres menschlichen Daseins.

5 Punkte wirft Gott dem Volk Israel vor:

  1. „Ihr verachtet mich.“ (1,6)
  2. „Ihr jammert.“ (2,13)
  3. „Ihr werdet lästig.“ (2, 17)
  4. „Ihr habt mich betrogen.“ (3,8)
  5. „Ihr habt mich beleidigt.“ (3,13)

Ganz schön harter Tobak! Aber was steckt hinter diesen Vorwürfen? Da Gott mit dieser Rückfrage rechnet, stellt er sie bei jedem Vorwurf immer gleich selbst. Bei den Antworten wird es dann so richtig interessant…

„Ihr verachtet mich“: Pseudoopfer und Verfälschung von Gottes Botschaft

Gott bemängelt, dass die Menschen ihm Opfertiere bringen, die krank und verletzt sind – und deshalb ohnehin geschlachtet werden müssten. Ein Pseudoopfer also. Entlarvend ist Vers 8: „Bringt doch einmal eurem Statthalter solche Gaben! Wird er euch dann etwa noch freundlich und wohlwollend begegnen?“ Ein herausfordernder Vergleich, der sagt: Ihr habt faktisch vor Gott weniger Respekt als vor Menschen. Da frage ich mich: Wie ist das mit mir und meinem Gottes-Dienst? Was fürchte ich mehr: Das Urteil von Menschen oder von Gott? Und wie viel Zeit und Aufmerksamkeit schenke ich Gott? Gebe ich ihm die beste Zeit meines Tages oder schiebe ich ihn – wenn überhaupt – irgendwo rein, wenn ich sowieso gerade „tote Zeit“ überbrücken muss? Was würde mein Partner oder ein guter Freund sagen, wenn wir ihm so viel (oder wenig) Aufmerksamkeit schenken würden?

Den Vorwurf der Verachtung richtet Gott aber vor allem auch an geistliche Leiter. Respektvoll wäre es, Gottes Botschaft unverfälscht weiter zu geben (2,6). Predigt heißt in Gottes Augen, ein „Bote des Herrn, des Allmächtigen“ zu sein (2,7)! Damals wusste jeder: Wehe dem königlichen Boten, wenn er die Botschaft des Königs verfälscht, um den Menschen nach dem Mund zu reden (2,9). Was für eine eindringliche Warnung an alle Verkündiger! Es ist in Gottes Augen eben kein Kavaliersdelikt, etwas anderes zu predigen als das, was Gottes Wort lehrt und verkündigt.

„Ihr jammert“: Ausbleibende Gebetserhörung wegen seelischer Gewalt

Gott gibt offen zu, dass er den Gottesdienst Israels nicht erhört: „Ihr weint und jammert, weil er von euren Opfern nichts wissen will.“ (2,13b) Warum ist Gott da so ablehnend? Die Begründung ist hochaktuell:

„Weil der Herr Zeuge war zwischen dir und der Frau deiner Jugend. Doch du bliebst ihr nicht treu, obwohl sie deine Lebensgefährtin war, mit der du den Bund geschlossen hast. … Hüte dich deshalb bei deinem Leben und brich der Frau deiner Jugend nicht die Treue. „Denn ich hasse die Scheidung!“, spricht der Herr, der Gott Israels. „Das ist, als ob man sich eines Gewaltverbrechens schuldig macht.“ (2,14-16)

Viele Menschen tun sich heute schwer mit der Vorstellung von einem zornigen Gott. Ich frage mich: Haben sich diese Menschen je in Gottes Position versetzt? In der damaligen Gesellschaft war es ein existenzielles Drama für eine Frau, von ihrem Mann verlassen zu werden. Zur menschlichen Demütigung kam die blanke existenzielle Not. Kein Wunder, dass Gott hier Scheidung mit einem Gewaltverbrechen gleichsetzt. Wie könnte ein Gott der Liebe nicht zornig werden, wenn seine geliebten Geschöpfe so grausam behandelt werden?

Gottes Worte müssten uns Menschen des 21. Jahrhunderts, in dem Scheidung eine Normalität zu sein scheint, eigentlich in den Ohren klingeln: „Ich. hasse. Scheidung.“ Punkt. Und zwar nicht weil Gott ein Moralapostel ist. Sondern wegen der psychischen Gewalt gegenüber einem verlassenen, entwurzelten Partner und – noch schlimmer – gegenüber entwurzelten und gespaltenen Kindern. Gott fühlt den Schmerz der Verlassenen und Verstoßenen. Wir dürfen uns nicht wundern, wenn er dann von unserem Gottesdienst nichts wissen will.

„Ihr werdet lästig“: Ignoranz gegenüber Gottes Perspektive

Als ob das nicht schlimm genug wäre, setzen die Menschen aber noch eins drauf und behaupten: „Der Herr freut sich an Menschen, die Böses tun und hat Gefallen an ihnen. Oder: Wo ist denn der Gott, der richtet?“ (3, 17) Das klingt zunächst komisch. Wer sagt denn so etwas? Aber mal ehrlich: Ist das nicht auch bei uns heute gang und gäbe? Menschen haben ihren Partner verlassen, weil sie sich in jemand anderes verliebt haben. Aber wir sprechen ihnen trotzdem Gottes Segen zu. Dass Gott vielleicht auch ein zorniger Richter sein könnte, kommt uns nicht einmal in den Sinn.

Ich höre förmlich den Widerspruch: Niemand darf Andere verurteilen! Wer bist Du, dass Du über andere, deren Lebensmodell gescheitert ist, den Stab brichst? Ja, das stimmt, das darf ich nicht. Ich bin nicht der Richter. Über niemanden. Erst recht, weil das Leben wirklich komplex ist. Und schließlich ist niemand fehlerfrei, ich zuletzt. Ich kenne Fälle, in denen Scheidung tatsächlich unumgänglich und not-wendend war. Aber solche Ausnahmen ändern nichts daran, dass wir uns Gottes Wort stellen müssen: Er spürt den Schmerz der Verlassenen und Verstoßenen. Er empfindet Untreue als Gewalt. Jeder der von einem ihm wichtigen Menschen verlassen und fallen gelassen wurde weiß, dass Gott damit absolut recht hat. Und so wenig wir über andere richten dürfen, so wenig steht es uns zu, Gott verfügbar zu machen und seinen Segen vorschnell zu verteilen, wo Gott in Wahrheit zornig ist statt zu segnen.

„Ihr habt mich betrogen“: Fehlendes Vertrauen in Gottes Versorgung

Und dann geht es Gott auch noch um das liebe Geld. Gott fühlt sich betrogen, weil die Israeliten nicht den Zehnten von ihrem Besitz abgeben. Gottes Worte dazu sind bemerkenswert:

„Stellt mich doch damit auf die Probe“, spricht der allmächtige Herr, „ob ich nicht die Fenster des Himmels für euch öffnen und euch mit unzähligen Segnungen überschütten werde!“ (3,10b)

Mit anderen Worten: Versucht es doch einmal, mir zu vertrauen! Testet mich! Gott wünscht sich nicht gezwungenen Gehorsam. Er wünscht sich Vertrauen. Ein Vertrauen, das er segnen und belohnen kann, für das er uns beschenken und mit Gutem überschütten kann. Der Ungehorsam, der Gott beleidigt, ist die direkte Folge von fehlendem Vertrauen in Gottes überbordende Großzügigkeit.

„Ihr habt mich beleidigt“: Fehlendes Vertrauen in Gottes Gerechtigkeit

Gottes Gericht kommt. Er wird Gerechtigkeit herstellen. Es beleidigt Gott, das in Abrede zu stellen: „Ihr sagt: Welchen Wert hat es, Gott zu dienen? … Den Gottlosen geht es viel besser.“ (3,14a+15a) Stimmt. Gottes Geduld führt zum Glück dazu, dass nicht auf jedes Vergehen sofort Strafe folgt. Von dieser Geduld Gottes leben wir alle. Trotzdem ist es Gott ein großes Anliegen, in Bezug auf „alle, die Ehrfurcht vor ihm hatten und seinen Namen achteten“ klar zu stellen:

„An dem Tag, an dem ich handle, werden sie mir gehören“, spricht der allmächtige Herr. „Ich werde sie verschonen, wie ein Vater sein Kind verschont, das ihn achtet. Dann werdet ihr den Unterschied zwischen den Gerechten und den Gottlosen, zwischen denen, die Gott dienen, und denen, die dies nicht tun, erkennen.“ (3,16b-18)

Es gibt keinen Schwamm-drüber-Gott. Von diesem postmodernen Mythos sollten wir uns schnellstens und gründlich verabschieden Alles, was wir tun, alle unsere Entscheidungen haben Konsequenzen. Es kommt alles noch einmal auf den Tisch. Aber es gibt Gnade und Vergebung, für alle, die ihn achten und ihm vertrauen. Das ist Evangelium!

Reinigung und Umkehr kommt vor dem Kommen Gottes

Christen beten: „Dein Reich komme!“ Sie sehnen sich nach dem Anbruch von Gottes Friedensreich. Das Buch Maleachi macht deutlich: Das Reich Gottes kommt – aber nicht einfach so. Es bricht nicht ohne eine vorherige Reinigung an:

„Siehe! Ich sende meinen Boten, damit er mir den Weg ebnet. … Bevor der große und schreckliche Tag des Herrn kommt, sende ich euch den Propheten Elia. Er wird die Herzen der Väter ihren Kindern und die Herzen der Kinder ihren Vätern zuwenden, damit ich bei meinem Kommen nicht das Land vernichten muss.“ (3,1+23-24)

Auch diese Botschaft zieht sich quer durch die Bibel: Gottes Heiligkeit und unsere Sündhaftigkeit sind vollkommen inkompatibel. Wir sündigen Menschen sterben und vergehen in Gottes heiliger Gegenwart. Wenn Gott kommt, dann ist das deshalb nicht einfach nur schön und nett. Sein Erscheinen führt zu einer „schrecklichen“ Konfrontation zwischen seiner Heiligkeit und unserer Sünde. Deshalb muss Sünde, Ungerechtigkeit und das Böse zurückgedrängt werden, bevor Gott unter den Menschen wohnen kann. Sonst würde Gottes Kommen in einem vernichtenden Gericht enden.

Genau das war der Auftrag von Johannes, dem Täufer, der hier angekündigt wird. Er rief die Menschen zur Umkehr. Es ging ihm dabei nicht nur um die formale Einhaltung frommer Regeln sondern ganz praktisch um ein Leben in Wahrheit und Gerechtigkeit sowie um das praktische Gelingen des menschlichen Miteinanders (nachzulesen in Lukas 3, 10-14). Und das erste, worauf Gott hierbei ganz offenkundig schaut, ist die Frage, ob Eltern ihre Kinder lieben und umgekehrt. Das zeigt Gottes Sichtweise: Wenn nicht einmal die allergrundlegendste menschliche Verbindung von Eltern und Kindern funktioniert, dann ist menschliches und gesellschaftliches Miteinander im Kern gescheitert.

Gerade diese Schwerpunktsetzung des liebevollen Miteinanders von Eltern und Kindern, das Gott im letzten Satz des Alten Testaments so prominent in den Mittelpunkt stellt, sollte uns eigentlich heute ganz besonders erschüttern. Leben wir doch in einer Gesellschaft, in der…

Menschen Preise dafür bekommen, dass sie Müttern helfen, ihre ungeborenen Kinder zu töten.

… selbst bekannte kirchliche Vertreter fordern, dass Werbung für Abtreibung legalisiert werden soll.

… auch bekannte christliche Redner die menschenverachtende These vertreten, dass das menschliche Leben erst mit dem ersten Atemzug beginnen würde, was – konsequent zu Ende gedacht – bedeuten würde, dass man Kinder im Mutterleib bis kurz vor der Geburt töten kann.

… immer mehr Kinder schon Wochen nach der Geburt in Fremdbetreuung gegeben wird, obwohl wir immer wieder von Fachleuten gesagt bekommen, wie schädlich das ist.

Mütter regelrecht gemobbt werden, wenn sie sich selbst um ihre Kinder kümmern wollen.

offen davon geträumt wird, biologische Elternschaft am besten ganz abzuschaffen.

Aber genau hier beginnt Gottes Heilsmission: Die Liebe in der Familie, die Liebe zwischen Kindern und Eltern ist Gott im wahrsten Sinne des Wortes heilig. Offenkundig ist die Familie in Gottes Augen die Keimzelle der Liebe. Von hier aus kann sie sich in die ganze Gesellschaft hinein heilsam ausbreiten. Aber wenn die Liebe in der Familie stirbt, dann wird auch die Gesellschaft kalt. Kein Wunder, dass Familie schon immer ein ganz besonders umkämpfter Bereich war.

Das Buch Maleachi zeigt: Wir Menschen schaffen es nicht!

Das Buch Maleachi zieht am Ende des Alten Testaments ein eindeutiges Fazit: Ihr Menschen schafft es nicht aus eigener Kraft! Eure menschengemachten Gottesdienste sind oberflächlich. Ihr verfälscht meine Botschaft, weil ihr lieber den Menschen nach dem Mund redet. Ihr wollt, dass ich Gebete erhöre, obwohl ihr gleichzeitig gewalttätig mit Schwächeren umgeht. Und ihr behauptet auch noch, ich würde das gutheißen. Ihr seid nicht in der Lage, mir und meiner Großzügigkeit zu vertrauen. Und ihr bezweifelt, dass ich am Ende Gerechtigkeit herstellen werde. Ja: Ihr schafft es nicht einmal, innerhalb eurer Familien liebevolle Beziehungen zu leben. Ihr Menschen seid gescheitert. Ihr könnt euch nicht selbst helfen. Deshalb komme ich, um euch zu retten aus eurer Verlorenheit.

Diese Botschaft gilt noch heute. Sie ist die Basis und das notwendige Hintergrundbild für das Evangelium von der Erlösung. Die Beispiele, die Maleachi verwendet, sind allesamt so hochaktuell, dass sie uns zeigen sollten: Die aufgeklärte Gesellschaft des 21. Jahrhunderts ist nicht besser als das Israel aus der Zeit des alten Bundes. Das Wesen des Menschen hat sich nicht verändert. Deshalb leuchtet das Evangelium auch heute noch genauso hell, wenn wir begreifen, wie dunkel unsere Verlorenheit ohne Gott ist. Der Umstand, dass wir heute so wenig vom Jubel der Erlösten in der Kirche hören, hat entscheidend damit zu tun, dass wir so oft ausblenden, wie groß unser menschliches Versagen ist und wie erlösungsbedürftig wir tatsächlich sind. Wer das Alte Testament und das Buch Maleachi nicht im Blick hat, kann das Evangelium nur falsch verstehen.

Ein teures Evangelium statt billiger Gnade

Dietrich Bonhoeffer hat den Begriff von der „billigen Gnade“ geprägt. Billige Gnade ist „Predigt der Vergebung ohne Buße, … Gnade ohne Nachfolge, Gnade ohne Kreuz.“ Billige Gnade heißt: Wir glauben, von Gott getätschelt zu werden, während wir trotzdem unser eigener Herr bleiben und weitermachen wie wir wollen. Die Bibel kennt keine derartige Botschaft. Sie predigt ein teures Evangelium, das uns unseren Stolz und unseren Eigensinn kostet, das uns zum Kreuz führt, wo unser alter Mensch mit Christus sterben darf, damit Gott unser steinernes Herz durch ein geisterfülltes fleischernes Herz ersetzen kann. Ein billiges Evangelium, das die Hintergrundbotschaft des Alten Testaments verschweigt, ist deshalb ein anderes, ein falsches, ein banalisiertes, belangloses und kraftloses Evangelium, das zwar keinen Anstoß erregt, das aber am Ende auch niemand interessiert und niemand verändert. Ein teures Evangelium wird immer Anstoß erregen. Es wird immer Widerspruch und Ablehnung hervorrufen. Aber nur ein teures Evangelium bringt Gottes erneuernde, rettende und erlösende Kraft.

Es ist Zeit, dieses strahlende, kraftvolle, schöne und erlösende Evangelium neu zu entdecken, das uns die Bibel als Ganzes präsentiert. Ich möchte ein Mensch sein, dem man abspürt, wie unendlich lieb und teuer mir dieses teure Evangelium ist. Auch deshalb liebe ich meinen Konfirmationsspruch so sehr:

„Denn ich schäme mich des Evangeliums von Christus nicht, denn es ist eine Kraft Gottes, die da selig macht alle, die daran glauben.“ (Römer 1, 16)


Die Zitate dieses Artikels entstammen der Neues Leben Übersetzung. Es empfiehlt sich, die angegebenen Bibelstellen nachzuschlagen. Oder wie wäre es, das Buch Maleachi einfach mal zu lesen, in einem Rutsch, ganz ungefiltert…?

Weiteführend dazu:
“Billige Gnade ist der Todfeind der Kirche” – ein hochaktueller und aufrüttelnder Text von Dietrich Bonhoeffer

Die 5 häufigsten Strohmannargumente gegen ein konservatives Bibelverständnis

Strohmannargumente widerlegen ein Argument eines Gegners, das dieser gar nicht vorgebracht hat. Sie schüren den Eindruck, dass es offenbar relativ viele Menschen mit einer ganz falschen Sichtweise gibt. Da die unterstellte Sichtweise meistens grob vereinfacht ist, kann man auf Strohmänner relativ leicht und effektvoll eindreschen. Am Ende gewinnt man mit ihnen aber nichts außer Selbstrechtfertigung auf Kosten von Verletzungen, Vorurteilen und einer Vertiefung der Gräben. Um der besseren Verständigung willen ist es deshalb wichtig, sie aufzudecken.

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Leider werden Strohmannargumente auch unter Christen eingesetzt. Natürlich springen sie uns immer dann besonders ins Auge, wenn sie sich gegen die eigene Position richten. Dieser Artikel beschreibt 5 Stroh­männer, die immer wieder als Argument gegen ein konservatives Bibelverständnis ins Feld geführt werden. Selbstverständlich gibt es auch Strohmänner, die in die andere Richtung zielen, denn Vorurteile gibt es in allen christlichen Lagern – wie das Buch „Zeit des Umbruchs“ in Kapitel 3 beschreibt.

Einleitend will ich betonen: Die 5 Aussagen, die in diesem Artikel untersucht werden, sind zumeist vollkommen richtig. Es spricht deshalb meist nichts dagegen, sie zu verwenden. Die Frage ist nur: Wen hat man im Blick, wenn man diese Aussagen macht? Ist es angemessen, diese Aussagen mehr oder weniger subtil im Blick auf konservative Christen und ihr Schrift­verständnis zu betonen, so als ob man das dort dringend noch begreifen müsste?

Schon beim ersten häufig verwendeten Strohmann­argument wird hoffentlich noch deutlicher, was ich damit meine:

1. „Die Bibel will kein naturwissen­schaftliches Lehrbuch sein“

Diese vollkommen richtige Aussage begegnet mir immer wieder als Argument gegen die Vertreter einer (teilweise) historischen Lesart biblischer Wunder­geschichten oder der biblischen Urgeschichte. Wer diese Aussage so einsetzt, impliziert damit gewollt oder ungewollt: Wer in diesen Texten mehr sieht als ein Gleichnis und als metaphorische Redeweise, der hat nicht verstanden, dass man beim Bibellesen unterschied­liche Textgattungen unterscheiden muss. Der kann nicht unterscheiden zwischen der objektiven Betrachtungsweise eines Naturwissenschaftlers und der subjektiven Sichtweise eines biblischen Erzählers. Der überträgt leichtfertig seine von der modernen Wissenschaft geprägte Denkweise auf die antike Denkweise des biblischen Autors.

Damit tut man aber nach meiner Beobachtung den allermeisten konservativen Bibelauslegern unrecht. Denn auch in sehr konservativen Kreisen ist mir noch niemand begegnet, der die Bibel für ein naturwissen­schaftliches Lehrbuch hält. Auch an sehr konservativen theologischen Schulen wird nach der Textgattung gefragt, nach dem historischen und kulturellen Umfeld und nach der tatsächlichen Aussageabsicht des Autors im damaligen Kontext. Dass die biblischen Autoren nicht als nüchterne Naturwissenschaftler sondern aus einer subjektiven, theologisch motivierten Beobachter­sicht heraus geschrieben und dabei oft auch bildhafte Sprache verwendet haben, das ist nach meiner Erfahrung selbst den konservativsten Auslegern absolut bewusst. Wer ihnen mit diesem Argument entgegen­tritt, führt also eine Scheindebatte.

Das gilt umso mehr, wenn übergangen wird, dass gerade bei der Urgeschichte die Frage nach der Textgattung gar nicht so einfach zu beantworten ist. Der Theologe Timothy Keller behauptet sogar: „1. Mose 2 und 3 lassen keine Anzeichen für das Genre … Dichtung erkennen. Der Text liest sich als Bericht über wirkliche Geschehnisse; er sieht aus wie ein Geschichtsdokument.“ [1] Das heißt: Auch wenn man den Fragen nach Textgattung, Erzähl­perspektive und historischem Erzählhintergrund intensiv nachgeht, muss man keinesfalls zwangsläufig zu dem Schluss kommen, dass es sich bei der Urgeschichte um rein metaphorisch gemeinte Texte handelt. Das gilt noch viel mehr für die biblischen Wundergeschichten.

Wie auch immer die Debatte um die Aussageabsicht der Urgeschichte und der Wunder­geschichten endet: Der tatsächliche Konflikt dreht sich nicht um die Frage, ob die Bibel ein naturwissen­schaftliches Lehrbuch ist. Das ist sie definitiv nicht. Es geht vielmehr um die Frage: Wie gehen wir mit biblischen Aussagen um, deren Aussageabsicht nach kritischer Unterscheidung ihrer Gattung, Erzählart, Perspektive und ihres kulturellen Hintergrunds immer noch im Widerspruch zu vorherrschenden wissen­schaftlichen Sichtweisen stehen? Steht im Konfliktfall der heutige wissen­schaftliche Kenntnisstand über der Schrift? Oder steht die Aussageabsicht der Schrift über der derzeit vorherrschenden wissenschaftlichen Sichtweise? Passen wir unsere Schriftauslegung an den aktuellen Stand der akademischen Wissenschaften an oder bleiben wir dabei, dass das aktuelle „Weltwissen“ bei der Schriftauslegung zwar berücksichtigt werden muss, dass die Schrift aber das letzte Wort hat und sich letztlich selbst auslegen muss, auch wenn das mit dominanten wissenschaftlichen Sichtweisen kollidiert? Über diese zentrale Frage sollten wir tatsächlich dringend diskutieren!

2. „Gott ist nicht gegen den Gebrauch von Vernunft und Verstand“

Diese vollkommen richtige Aussage begegnet mir immer wieder als Schutzargument zur Verteidigung bibelkritischer Methoden gegen konservative Kritik. Wer dieses Argument so verwendet, impliziert damit gewollt oder ungewollt: Wer die modernen bibelkritischen Methoden kritisiert, lehnt die Verwendung rationaler wissenschaftlicher Methoden bei der Erforschung der Bibel ab. Der verdrängt relevante Fakten, die ein vernunftbegabter Mensch im Umgang mit der Bibel zwingend berücksichtigen muss. Der hat eine aufklärungs- und verstandesfeindliche Tendenz und verlangt, den Intellekt und die Vernunft beim Bibellesen mehr oder weniger auszu­schalten.

Damit tut man aber nach meiner Beobachtung den meisten konservativen Bibelauslegern und vor allem den weltweit zahlreichen evangelikalen Theologen und Bibelwissenschaftlern unrecht. Auch die meisten konservativen Evangelikalen begrüßen rationale Methoden, um die Eigenschaften eines biblischen Textes sowie seine Aussageabsicht vor dem Hintergrund des damaligen sozialen, kulturellen und linguistischen Umfeldes zu erschließen oder um den genauen Urtext zu ermitteln. Ich kenne niemanden, der  dafür ist, den Verstand beim Bibellesen auszuschalten und die Probleme eines konservativen Bibelverständ­nisses einfach zu verdrängen. Wer Konser­vativen eine generelle Ablehnung wissenschaft­licher Methoden, eine bewusste und verstandesfeindliche Verdrängung von Fakten und die Selbstbeschränkung auf blinden Glauben vorwirft, führt also eine Scheindebatte.

Der tatsächliche Konflikt dreht sich nicht um die Frage, ob wissenschaftliche Methoden, die sich offen allen relevanten Fakten stellen, bei der Erforschung der Bibel helfen können. Das können sie definitiv. Die wirklich heiße Frage ist vielmehr: Sind Methoden zur Erforschung der Bibel nur dann wissenschaftlich, wenn sie auf der heute in der akademischen Welt weit verbreiteten Denkvoraussetzung beruhen, dass die Bibel ein fehlerhaftes menschliches Buch wie jedes andere ist, und wenn die Bibel so untersucht wird, „als ob es Gott nicht gäbe“? Oder kann nicht doch auch ein Ansatz hochvernünftig und wissenschaftlich sein, der davon ausgeht, dass der biblische Urtext nicht nur Menschenwort sondern zugleich auch offenbartes Gotteswort darstellt?

Evangelikale sind hier der Meinung: Wenn die Bibel tatsächlich gemäß ihrer Selbstaussage offenbartes Wort Gottes ist, dann ist dieser Ansatz sogar der einzige, der dem Forschungsgegenstand gerecht wird. Jede andere Methode würde dann aufgrund der falschen Denkvoraussetzung und dem falschen Blick auf den Forschungsgegenstand zwangsläufig zu fehler­haften Ergebnissen führen.[2] Gerade bei diesem Thema geht es um viel. Deshalb sollten wir darüber tatsächlich dringend diskutieren.

3. „Die Wahrheit der Bibel kann und muss nicht bewiesen werden“

Diese vollkommen richtige Aussage begegnet mir immer wieder als Argument gegen den Versuch, vernünftige Gründe und rationale Argumente für die Wahrheit der Bibel ins Feld zu führen (was man im Allgemeinen als „Apologetik“ bezeichnet). Wer diese Aussage so einsetzt, impliziert damit gewollt oder ungewollt: Wer Apologetik betreibt scheint einen schwachen Glauben zu haben, sonst müsste er nicht krampfhaft Beweise für die Wahrheit der Bibel konstruieren – schließlich hat die Bibel und ein gesunder Glaube das doch gar nicht nötig. Außerdem scheinen die Apologeten nicht zu verstehen, wie wissenschaftliche Beweisführung funktioniert. Sonst würden sie verstehen, dass rationale Argumente zur Verteidigung der Bibel grundsätzlich keine Beweise sein können.

Damit tut man aber nach meiner Beobachtung den meisten konservativen Apologeten unrecht. Auch sie wissen, dass Beweisführung im natur­wissenschaft­lichen Sinn im Bereich der historischen (Bibel-)Forschung nur äußerst eingeschränkt möglich ist und dass man deshalb auch mit den besten rationalen Argumenten die Wahrheit der Bibel nicht „beweisen“ kann. Einer der bekanntesten Apologeten unserer Tage, William L. Craig, vertritt zudem die Meinung, „dass apologetische Argumente und Indizien nicht notwendig sind, damit der christliche Glaube rational ist“, weil „der Glaube an Christus unmittelbar durch das innere Zeugnis des Heiligen Geistes begründet sein kann (Röm 8,14-16; 1. Joh 2,27; 5,6-10), sodass Argumente und Indizien nicht notwendig sind.“ [3] Craig sagt also: Die entscheidende Stütze für den Glauben ist der Heilige Geist. Wer konservativen Apologeten vorwirft, ihren Glauben einseitig auf Scheinbeweisen aufzubauen, führt also eine Scheindebatte.

Die Frage ist also nicht, ob wir die Wahrheit der Bibel beweisen müssen. Das müssen wir definitiv nicht. Vielmehr geht es darum: Können gute apologetische Argumente eine Ermutigung für Christen (bzw. für solche, die es werden wollen) sein, weil sie gängige Argumente gegen den Glauben entkräften und weil sie die Glaubwürdigkeit biblischer Aussagen stützen? Viele Studien deuten darauf hin, dass es gerade auch intellektuelle Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Bibel sind, die bei vielen Menschen den Glauben ins Wanken bringen. Zeigt das nicht, dass wir dringend wieder mehr hochwertige Apologetik brauchen und dass die Vernachlässigung bzw. die immer wieder zu hörende grundsätzliche Ablehnung von Apologetik ein schwerer Fehler ist? Über diese zentrale Frage sollten wir tatsächlich dringend diskutieren.

4. „Christen haben kein islamisches Schriftverständnis“

Diese vollkommen richtige Aussage begegnet mir immer wieder als Argument gegen ein Bibelverständnis, in dem der biblische Text unmittelbar als offenbartes Gotteswort betrachtet wird. Kombiniert wird dieser Strohmann oft mit der Aussage, dass für Christen – anders als für Muslime – nicht die Bibel sondern Christus als die höchste Offenbarung gilt. Wer diese Tatsache in der Diskussion mit konservativen Christen betont, impliziert damit gewollt oder ungewollt: Ihr stellt die Bibel über Christus, so wie im Islam der Koran über dem Propheten steht.

Damit tut man aber nach meiner Beobachtung den allermeisten konservativen Christen unrecht. So betont z.B. der evangelikale Theologe Thomas Schirrmacher, der u.a. die Übersetzung der als besonders konservativ geltenden „Chicago-Erklärung“ herausgegeben hat: Während im traditionellen christlichen Schriftverständnis die Bibel zugleich ganz Gotteswort und ganz Menschenwort ist, wird der Koran im Islam so gut wie ausschließlich als Gotteswort betrachtet. Zur Stellung der Bibel schreibt Schirrmacher: „Im Christentum steht der Religionsstifter Jesus über der Heiligen Schrift. Sie erhält ihre Bedeutung von ihm. … Im Islam steht der Religionsstifter Muhammad unter der heiligen Schrift. Er erhält seine Bedeutung von der Schrift, da er ihr Empfänger und Verkündiger ist.“ [4] Der Theologe Armin Baum kommentiert: „Um im evangelikalen Lager Theologen ausfindig zu machen, die … den Vorrang Jesu vor der Bibel bestreiten, muss man sicherlich sehr lange suchen.“ [5] Wer Konservative vor einem islamischen oder gar „salafistischen“ Schriftverständnis warnt, führt also eine Scheindebatte.

Die Frage ist also nicht, ob Jesus Vorrang vor der Bibel hat. Das hat er definitiv. Der tatsächliche Konflikt dreht sich um die Frage: Ist die Bibel trotz dieser Vorrangstellung ganz und gar von Gottes Geist eingehaucht (2.Tim.3,16) und somit offenbartes Wort Gottes? Über diese zentrale Frage sollten wir tatsächlich dringend diskutieren.

5. „Wir glauben nicht an die Bibel sondern an Jesus Christus“

Dieses besonders häufig verwendete Argument taucht manchmal auch in einer anderen Variante auf: „Wir sind nicht einem Buch treu sondern der Person Jesus Christus.“ Wer sich so im Hinblick auf ein konservatives Bibelverständnis äußert, impliziert damit gewollt oder ungewollt: Viele konservative Christen können nicht unterscheiden zwischen dem Vertrauen und der Treue gegenüber einer Person (Jesus Christus) und gegenüber einer Sache (Bibel). Besonders schlagkräftig wird dieses Argument durch den Vorwurf, konservative Christen würden aus der Dreieinigkeit Gottes eine Viereinigkeit machen: Vater, Sohn, Heiliger Geist und Bibel.

Damit tut man aber nach meiner Beobachtung den allermeisten konservativen Christen unrecht. Auch in sehr konservativen Kreisen ist mir noch niemand begegnet, der zur Bibel betet oder Lieder singt. Auch den konservativsten Christen ist sehr bewusst, dass der vertrauensvolle Glaube an Gott etwas kategorial anderes ist als der vertrauensvolle Glaube an die Verlässlichkeit der biblischen Texte. Wer ihnen mit diesem Argument entgegentritt, führt deshalb eine Scheindebatte.

Natürlich gibt es tatsächlich die Gefahr, dass die Beschäftigung mit der Bibel zum Selbstzweck wird. Wo sich das Bibelstudium löst von der gelebten Gottesbeziehung und wo es primär zur Rechtfertigung des eigenen Standpunkts dient, da wird es tatsächlich schräg. Aber diese Gefahr gibt es erstens in allen christlichen Lagern. Und zweitens sind sich nach meiner Beobachtung auch sehr konservative Christen dieser Gefahr durchaus bewusst.

Der tatsächliche Streit dreht sich nicht um den prinzipiellen Unterschied zwischen Gottesbeziehung und Schriftvertrauen. Den gibt es definitiv. Der Streit dreht sich vielmehr um zwei andere zentrale Fragen:

  • Sollten wir biblischen Aussagen auch dann noch glauben und treu vertrauen, wenn sie uns in schmerzhafte Widersprüche mit gesellschaftlichen Trends und vorherrschenden Meinungen führen? Oder flüchten wir uns dann in Alternativdeutungen, die uns zwar den Konflikt mit heutigen Sichtweisen ersparen, die aber – wenn wir ehrlich sind – letztlich vom erwünschten Ergebnis und nicht von der biblischen Aussageabsicht getrieben sind?
  • Welche Konsequenzen hat es für unseren Glauben an Jesus Christus, wenn wir den Glauben an die Verlässlichkeit und die unbedingte Autorität der Schrift verlieren? Schließlich wissen wir letztlich nichts Verlässliches über Gott und über Jesus Christus außer das, was uns in der Bibel offenbart wird. Wie können wir einem Gott vertrauen, über den wir nichts Verlässliches wissen? Ist es somit nicht eine grundsätzlich falsche Alternative, den Glauben an Christus gegen den Glauben an die Verlässlichkeit der Bibel auszuspielen?

Über diese zentralen Fragen sollten wir tatsächlich dringend diskutieren.

Debatten über zentrale Fragen des Glaubens gehörten schon immer zum Christentum dazu, wie man auch im Neuen Testament vielfach nachlesen kann. Wir sollten sie deshalb nicht umgehen. Aber wir sollten sie unbedingt ehrlich führen und uns gut darüber informieren, welche Sichtweisen Christen mit anderer Prägung tatsächlich haben, anstatt ihnen Positionen unterzuschieben, die sie selbst nie vertreten haben. Nur dann ist ein respektvoller Dialog möglich. Nur wenn wir Scheindebatten vermeiden und über die tatsächlichen heißen Themen diskutieren, kann der Dialog fruchtbar werden.


Weiterführend zu diesem Thema sind auf blog.aigg.de auch folgende Artikel erschienen:

Um Strohmannargumente und viele weitere Probleme in De­batten zwischen unter­schied­lich geprägten Christen geht es auch im Buch „Zeit des Umbruchs“, das im September 2019 bei SCM R. Brockhaus erschie­nen ist. Informationen, Leseproben, Stimmen und Rezensionen zum Buch gibt es unter zeitdesumbruchs.aigg.de.


[1] Timothy Keller: Adam, Eva und die Evolution. Wie Bibel und Wissenschaft zusammenpassen, Gießen 2018, S. 29 ff. Siehe dazu auch den AiGG-Artikel „Streit um das biblische Geschichtsverständnis

[2] Siehe dazu den AiGG-Artikel: „Stolz und Vorurteil – Wie wissenschaftlich ist die Bibelwissenschaft?“

[3] William L. Craig in: “Christliche Apologetik: Wer braucht sie?

[4] Th. Schirrmacher, Koran und Bibel. Die größten Religionen im Vergleich, Holzgerlingen 2008, bes. 11-57

[5] Armin Baum in: „Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben? Fortsetzung eines schwierigen Gesprächs

Wir müssen reden

Wie wir aus der Debattenfalle entkommen

 „Was ist (noch) evangelikales Christentum?“ Anders ausgedrückt: Was macht uns Evangelikale eigentlich aus? In einer Rezension zu „Zeit des Umbruchs“ wurde jüngst bezweifelt, ob uns diese Frage wirklich weiterbringt. Steht man da nicht in der Gefahr, anderen den Glauben abzusprechen und sich als Vertreter des einzig wahren Christentums zu sehen, wenn man sich mit der Frage nach der theologischen Identität der Evangelikalen auseinandersetzt?

Nach meiner Beobachtung sind es genau solche Schreckgespenster, die immer wieder zur Debattenfalle werden und das Gespräch abwürgen, bevor es überhaupt entstehen kann. Denn natürlich fragt man sich angesichts solcher Reaktionen: Ist es dann nicht besser, sich gar nicht öffentlich zu theologischen Differenzen zu äußern? Denn wer das tut, erregt ja offenbar doch nur den Verdacht, streitsüchtig zu sein und sich selbst auf den Sockel der Rechtgläubigkeit stellen zu wollen. Die daraus erwachsende Scheu steht in einem auffälligen Kontrast zu einigen konservativen, postevangelikalen und progressiven Formaten, in denen theologische Differenzen zu anders geprägten Christen sehr offensiv vertreten und verbreitet werden. Solange es aber an Gegenreden und respektvollen Debatten fehlt, haben Christen, die sich weniger gut auskennen, kaum eine Chance, anhand von unterschiedlichen Meinungen selbst einen fundierten Standpunkt zu entwickeln.

Es stimmt ja schon: Es gibt in allen Lagern leider gar nicht wenig Negativbeispiele von „Irrlehrenjägern“, die ihre Identität aus dem Rechthaben ziehen, die kalt und zynisch von oben herab über andere urteilen und damit nichts als Verletzungen und Spaltungen produzieren. Wenn das Ansprechen von theologischen Differenzen nur ein Selbstzweck zur Rechtfertigung des eigenen Standpunkts wäre, wenn es nur darum ginge, die „Linien“ um das eigene Lager wieder „klar zu ziehen“, dann finde ich die Bedenken durchaus berechtigt.

Tatsächlich geht es in „Zeit des Umbruchs“ aber um etwas völlig anderes.

Es geht um die Frage, wie inmitten der soziologischen und theologischen Umbrüche unserer Zeit wieder ein Aufbruch in der Kirche Jesu gelingen kann. Machen wir uns keine Illusionen: Diese Frage wird von unterschiedlichen christlichen Lagern sehr unterschiedlich beantwortet. In absehbarer Zeit wird da wohl auch nur wenig Konsens möglich sein. Selbst unter Evangelikalen scheint das immer schwieriger zu werden, obwohl wir dazu eigentlich lange Zeit einen recht klaren Standpunkt hatten: Das Verbreiten der biblischen Botschaft durch Mission, Evangelisation und das „zu Jüngern machen“ waren für uns immer große Kernanliegen. Dafür haben wir gemeinsam gearbeitet, gebetet und Opfer gebracht. Weltweit tun das die Evangelikalen auch heute noch, nicht selten inmitten von schwersten Verfolgungssituationen. Christen mit evangelikaler Prägung haben dadurch viel zur Ausbreitung des Evangeliums beitragen. In der Kirchengeschichte (und gerade auch in den großen Erweckungsbewegungen) waren viele der theologischen Standpunkte, die man heute als „konservativ“ oder „evangelikal“ bezeichnet, oft keine „fundamentalistischen“ Randpositionen sondern galten nicht selten sogar als selbstverständlich. Könnte es sein, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen dem Erfolg der evangelikalen Bewegung und ihren theologischen Grundlagen? Könnte es sein, dass die evangelikale Bewegung ihre missionarische Dynamik und ihr evangelistisches Potenzial verliert, wenn sie diese zentralen Grundlagen in Frage stellt und damit auch in theologischen Kernfragen ein Stück weit beliebig wird? Könnte es sein, dass die Einheit, Leidenschaft und Opferbereitschaft in evangelikalen Gemeinden und Gemeinschaften Schaden nimmt, wenn man nicht nur Randthemen sondern auch Kernanliegen des christlichen Glaubens nicht mehr selbstverständlich gemeinsam benennen, bekennen und besingen kann?

Ich meine ja. Und das treibt mich um. Denn ich kann nicht glauben, dass wir gegen den Trend Kirche Jesu bauen können, indem wir einfach nur frische Strategien und Formen auf Basis soziologischer Studien entwickeln, ohne im Kern vertrauensvoll auf das Wort des Herrn der Kirche zu hören und mit Gewissheit seine Botschaft in den Mittelpunkt zu stellen.

Die Frage nach den theologischen Knackpunktthemen, die uns Evangelikale miteinander verbinden, ist deshalb alles andere als ein Selbstzweck. Es geht nicht ums Rechthaben, um Rückzugsgefechte oder Abschottung. Es geht um die Frage: Was waren aus evangelikaler Sicht schon immer die entscheidenden Quellen des christlichen Glaubens, die die Kirche Jesu weltweit durch die Jahrtausende hindurch gegen den Trend und sogar inmitten brutalster Widerstände haben wachsen und gedeihen lassen?

Als Evangelikaler habe ich dazu eine Position, die ich für biblisch gut begründet halte, bei der ich mich auf biblischer Grundlage aber auch gerne hinterfragen lasse – schließlich hat niemand von uns die Garantie, die Bibel in allen Punkten richtig zu verstehen. In „Zeit des Umbruchs“ erkläre ich meine Position genauer. Nicht um Anderen den Glauben abzusprechen. Wir sollten uns alle streng davor hüten, uns selbst auf den Richterstuhl zu setzen und über andere Menschen zu richten. Das dürfen und müssen wir Gott überlassen. Ich sehne mich nach guten und respektvollen Beziehungen zu allen Christen – gerade auch zu denen, die theologisch andere Standpunkte einnehmen als ich. Ich wünsche mir respektvolle Debatten, auch weil ich selbst dadurch ungeheuer viel lernen kann. Ich wünsche Gemeinden mit liberaler oder progressiver Prägung von Herzen gedeihliches Wachstum.

Aber ich wünsche mir auch, dass wir Evangelikalen über einige ganz zentrale Fragen ganz neu nachdenken, weil ich sie für entscheidend wichtig halte. Zum Beispiel Fragen wie diese:

  • Wie kann die Kirche Jesu wieder wachsen?
  • Welche Rolle spielen dabei theologische Fragen?
  • Bei welchen theologischen Standpunkten wollen und müssen wir flexibel und weitherzig sein, um nicht eng und gesetzlich zu werden?
  • Welche Positionen sind für uns aber unaufgebbar wichtig, weil sie den Kern unseres Glaubens und unserer Gottesbeziehung ausmachen und weil wir ohne sie unsere Ausrichtung, unsere Einheit, unsere Leidenschaft für Jesus und unsere missionarische Kraft verlieren würden?

Genau um diese Fragen (und noch einige mehr) geht es in „Zeit des Umbruchs“. Ulrich Parzany schrieb in seiner Rezension: „Ich hoffe, dass dieses Buch eine Debatte auslöst, auf die ich seit Gründung des Netzwerks Bibel und Bekenntnis vergeblich gewartet habe.“ Ich glaube, er hat recht: Wir dürfen reden! Wir müssen reden! Wir sollten uns nicht länger aus Angst vor Konflikten oder falschen Motivationen vom gemeinsamen Ringen um Wahrheit abhalten lassen. Wahrheit ist nicht beliebig, vor allem nicht in den Kernfragen unseres Glaubens. Einen Standpunkt zu haben hat nichts mit Rechthaberei zu tun. Lassen wir uns doch gerade bei solchen zentralen theologischen Fragen wieder anstecken von der Debattierfreude eines Paulus, eines Petrus oder eines Martin Luther. Oder um es mit Worten aus „Zeit des Umbruchs“ zu sagen:

„Kultur, Soziologie, Politik, Umwelt, Säkularisierung, interreligiöser Dialog: So viele Themen, mit denen sich die evangelische Kirche beschäftigt, kommen in der Bibel auffallend selten vor. Selbst die ethischen Fragen, an denen sich der Streit unter Christen oft entzündet, sind der Bibel zwar durchaus wichtig – aber auch sie stehen dort nicht im Mittelpunkt. Ich bin überzeugt: So wichtig Fragen nach Strukturen, Gottesdienstkultur, Personal, Finanzierung oder Ethik sind, sosehr ich für Fortschritte bei der Digitalisierung und für christliches Engagement in der Politik bin – die Zukunft der Kirche wird sich daran nicht entscheiden. Aber beim Bibelverständnis, bei unserer Sicht von Jesus, bei der Frage nach der Bedeutung des Kreuzestodes und bei der Auferstehung geht es um das Innerste vom Inneren der Kirche. Hier entscheidet sich ihr Wesen, ihre Identität und ihre Grundausrichtung. Gute Theologie allein macht die Kirche zwar noch nicht gesund – aber ohne gute Lehre bei diesen zentralen Themen des Glaubens kann keine Kirche von innen heraus gesunden. Jede Modernisierung der Kirche ohne gute und gesunde Lehre bleibt deshalb Fassade und vergebliche Liebesmüh.

Deshalb bin ich begeistert, wenn ich im Zuge der Debatten zwischen Evangelikalen und Postevangelikalen sehe, dass es wieder losgeht: Diskussionen und Auseinandersetzungen, die mit geöffneter Bibel geführt werden! Gespräche, in denen nicht primär gefragt wird: Welches Konzept und welche Strategie können uns retten? Sondern vielmehr: Was sagt denn die Schrift? Wie will sie verstanden und gelesen werden? Was haben die Apostel und Propheten wirklich ins Stammbuch der Kirche geschrieben? Wer ist Jesus eigentlich? Was hat er getan und gelehrt? Was bedeutet sein Tod am Kreuz? War das Grab wirklich leer? Welche Auslegung der Bibel erweist sich als schriftgemäß und fruchtbar für das Leben der Christen und für das Gedeihen der Kirche? Machen wir uns nichts vor, dieses Ringen um die biblische Botschaft ist nicht immer angenehm. Ich lese bei Paulus viel lieber sein Hohelied der Liebe als seinen Fluch über die Verbreiter eines falschen Evangeliums (Galater 1,8). Für Martin Luther war es lebensgefährlich, öffentlich für seine Bibelerkenntnisse einzustehen. Zahllose andere Christen haben tatsächlich mit ihrem Leben dafür bezahlt. Aber sie haben mit ihrem selbstlosen Einsatz reiche Frucht gebracht. Frucht, von der wir alle leben und ohne die es die evangelische Kirche und den Protestantismus nicht gäbe.“


Stimmen und Rezensionen sowie Infos zu Inhalten und Leseproben zu Zeit des Umbruchs gibt es unter http://zeitdesumbruchs.aigg.de/

Ich freue mich dieser Tage zudem sehr über ein großartiges Beispiel, wie Christen aus der Debattenfalle entkommen sind und sich trauen, Ihre Position öffentlich und dabei überaus sympathisch und authentisch darzustellen. In ihrem Blog „Die Daniel Option“ (https://danieloption.ch/) beschäftigen sich Paul und Peter Bruderer mit vielen Themen, um die es auch in „Zeit des Umbruchs“ geht. Leseempfehlung!

Theology matters – Theologie spielt eine Rolle

Woran liegt es, dass manche Gemeinden wachsen und andere Gemeinden schrumpfen? Zu dieser spannenden Frage gibt es viele Ansichten und eine Reihe von Untersuchungen. Tatsache ist: DIE eine entscheidende Ursache gibt es nicht. Es müssen immer mehrere Faktoren zusammen kommen, damit eine christliche Gemeinschaft wächst. Aber welche Faktoren sind das? Und spielt dabei die Theologie der Gemeinde eine Rolle? Macht es einen Unterschied, ob eine Gemeinde ein eher konservatives oder ein eher liberales Bibelverständnis hat?

Im Buch „Zeit des Umbruchs“ wird auf S. 194 eine wissenschaftliche Untersuchung erwähnt, die sich genau dieser Frage gewidmet hat. Der kanadische Professor für Religion und Kultur David M. Haskell hat für seine Studie 2255 Besucher von 22 verschiedenen Gemeinden befragt. Die Ergebnisse wurden veröffentlicht unter der Überschrift: „Theology matters“ – „Theologie spielt eine Rolle“. Für die Washington Post hat Haskell im Jahr 2017 die Ergebnisse seiner Studie unter einer provokanten Überschrift zusammengefasst: „Liberale Gemeinden sterben. Aber konservative Gemeinden gedeihen.“ Haskell schreibt in seinem Artikel unter anderem:

„Die großen protestantischen Kirchen sind in Schwierigkeiten: Ein Bericht des Pew Research Center aus dem Jahr 2015 ergab, dass ihre Gemeinden, die einst eine tragende Säule der amerikanischen religiösen Landschaft waren, heute um etwa 1 Million Mitglieder jährlich schrumpfen. Weniger Mitglieder bedeuten nicht nur weniger gerettete Seelen (ein beängstigender Gedanke für einige Geistliche) sondern auch weniger Einnahmen für die Kirchen, was weiter zu ihrem Niedergang beiträgt.

Angesichts dieser beunruhigenden Entwicklung haben Kirchenleiter verschiedene Anstrengungen unternommen, um den Kirchenbesuch wieder zu beleben. Es ist fast 20 Jahre her, dass John Shelby Spong, ein US-amerikanischer Bischof der Episkopalen Kirche, sein Buch “Why Christianity Must Change or Die” („Warum sich das Christentum ändern oder sterben muss“) veröffentlichte. Es wurde als Gegenmittel gegen den Niedergang der großen Kirchen präsentiert. Spong, ein liberaler Theologe, sagte, dass die Gemeinden wachsen würden, wenn sie ihre wörtliche Auslegung der Bibel aufgeben und sich zeitgemäß transformieren würden.

Spongs allgemeine These ist bei vielen Protestanten populär … Liberale Theologie war seit Jahrzehnten in den Seminaren der großen Denominationen gelehrt und von vielen ihrer Kanzeln gepredigt worden. Ihre anhaltende Anziehungskraft auf die umworbenen Gemeindeleiter liegt darin, dass sie religiösen Gedanken, die – oberflächlich betrachtet – für das moderne Publikum weit hergeholt erscheinen könnten, intellektuelle Seriosität verleiht.

Aber die liberale Wende der großen Kirchen scheint das Problem ihres Niedergangs nicht gelöst zu haben.

In den letzten fünf Jahren haben meine Kollegen und ich eine Studie mit 22 Gemeinden aus großen Denominationen in der Provinz Ontario durchgeführt. In der Stichprobe verglichen wir Gemeinden mit wachsendem Gottesdienstbesuch mit solchen, die kleiner wurden. Nachdem wir die Umfrageergebnisse von über 2.200 Gemeindemitgliedern und von ihren Geistlichen statistisch analysiert hatten, kamen wir zu einer Entdeckung, die man intuitiv nicht erwarten würde: Die konservative protestantische Theologie mit ihrem wörtlicheren Blick auf die Bibel ist ein wichtiger Prädiktor (d.h. Vorhersagevariable) für Gemeindewachstum, während liberale Theologie zum Niedergang führt. …

Zum Beispiel fanden wir heraus, dass 93 Prozent der Geistlichen und 83 Prozent der Gemeindeglieder aus wachsenden Gemeinden der Aussage “Jesus ist von den Toten auferstanden, mit einem echten Körper aus Fleisch und Blut, der ein leeres Grab hinterlässt” zustimmten. Im Vergleich dazu taten das 67 Prozent der Gemeindeglieder und 56 Prozent der Geistlichen aus schrumpfenden Gemeinden. Darüber hinaus stimmten alle Geistlichen wachsender Gemeinden sowie 90 Prozent ihrer Gemeindeglieder darin überein, dass “Gott als Antwort auf Gebete Wunder vollbringt”, verglichen mit 80 Prozent der Gemeindeglieder und nur 44 Prozent der Geistlichen aus schrumpfenden Gemeinden.

Auch jenseits unserer eigenen Forschungsarbeit wurde festgestellt: Wachsende Kirchen … waren in der Lehre fast ausschließlich konservativ. Wie wir in unserer wissenschaftlichen Studie darlegen, haben diese anderen Studien aufgrund methodischer Einschränkungen das Wachstum nicht mit der Theologie verknüpft. Aber unsere Arbeit legt nahe, dass diese Verknüpfung ein fruchtbarer Ansatz ist, den es zu verfolgen gilt.

Was erklärt den Wachstumsunterschied zwischen liberalen und konservativen Gemeinden? Zur Verteidigung liberaler Gemeinden könnte man behaupten, dass die eigentliche Ursache des Wachstums in der Stärke des Glaubens liegt und nicht am jeweiligen Glaubensinhalt. Wenn das zuträfe müssten Pastoren, die sich der liberalen Theologie verschrieben haben, mit der gleichen Wahrscheinlichkeit Kirchenwachstum erleben wie konservative Pastoren, sofern sie in ihren religiösen Überzeugungen nur fest und klar sind. Doch unterschiedliche Überzeugungen führen, auch wenn sie gleich stark sind, zu unterschiedlichen Ergebnissen.

Zum Beispiel nahmen die Geistlichen wachsender Gemeinden in unserer Studie aufgrund ihrer konservativen Einstellung den Befehl Jesu “Geht hin und macht zu Jüngern” wörtlich. So waren sie alle der Überzeugung, dass es “sehr wichtig ist, Nichtchristen zu ermutigen, Christen zu werden” und haben sich daher mit hoher Wahrscheinlichkeit bemüht, Nichtchristen zu bekehren. Umgekehrt war die Hälfte der Geistlichen in den schrumpfenden Kirchen aufgrund ihrer liberalen Orientierung im Gegenteil der Überzeugung, dass es nicht wünschenswert ist, Nichtchristen zu bekehren. Einige von ihnen waren zum Beispiel der Meinung, dass es kulturell unsensibel ist, außerhalb ihrer unmittelbaren Glaubensgemeinschaft mit ihrer Religion hausieren zu gehen.

Es sollte offensichtlich sein, welche dieser beiden Überzeugungen eher zu Gemeindewachstum führt.

Obwohl unsere Forschung hilft, die leerer werdenden Bänke liberaler Gemeinden in den großen Denominationen zu erklären, wird sie wahrscheinlich in der Welt der großen Denominationen wenig Freude auslösen, insbesondere im Bereich der theologischen Linken. Aber, falls das ein Trost ist: In Bezug auf das Gemeindewachstum in den großen Kirchen haben Spong und andere Liberale Recht mit ihrer Behauptung, dass das Christentum sich ändern oder sterben muss. Sie verstehen nur die Richtung der Änderung falsch.“


Zum Originalartikel der Washington Post: https://www.washingtonpost.com/posteverything/wp/2017/01/04/liberal-churches-are-dying-but-conservative-churches-are-thriving/

Zur Originalarbeit von Prof. Haskell: https://www.researchgate.net/publication/303506370_Theology_Matters_Comparing_the_Traits_of_Growing_and_Declining_Mainline_Protestant_Church_Attendees_and_Clergy