Das schwarze Loch und der Vater des Lichts

Ist Jesus wirklich auferstanden? Hat ein Schöpfer die Welt erschaffen? Mit wissenschaftlichen Mitteln können wir das nicht prüfen. Gott und seine Wunder entziehen sich einer naturwissenschaftlichen Beobachtung. An die Schöpfung und die Auferstehung können wir nur glauben – oder auch nicht.
 
Wirklich?
 
Vor einigen Tagen haben Wissenschaftler ein “Foto” eines schwarzen Lochs veröffentlicht. Vom schwarzen Loch ist auf dem Bild allerdings nichts zu sehen. Schwarze Löcher entziehen sich einer direkten Beobachtung, denn sie sind so stark, dass sie alles um sich herum aufsaugen, sogar das sie umgebenden Licht. Untersuchen und bildlich darstellen kann man nur die Auswirkungen des schwarzen Lochs: Heiße Gaswirbel, die schwarze Löcher umkreisen und darauf hinweisen, dass sich im Zentrum ein unfassbar starkes Kraftfeld befindet.
 
Auch die Auswirkungen der Schöpfung können wir untersuchen:
 
Und wir können die Auswirkungen der Auferstehung untersuchen:
 
  • Eine extrem dynamische Bewegung, die direkt am Ort und in der Zeit des Geschehens begann, der schon nach 30 Jahren der Brand Roms in die Schuhe geschoben wurde, die nach 300 Jahren gegen massivste Widerstände den gesamten Mittelmeerraum erobert hatte und den römischen Kaiser zwang, das Christentum zur Staatsreligion zu machen
  • Zahllose Zeugen, die bereit waren, für die Botschaft der Auferstehung alles aufzugeben und den Märtyrertod zu sterben – inklusive dem leiblichen Bruder Jesu (wie der Nichtchrist Josephus berichtet)
  • Zahllose Menschen, die völlig entgegen ihren Traditionen plötzlich anfingen, den Auferstehungssonntag statt den Samstag zum Feiertag zu machen und einen elend gekreuzigten Zeitgenossen als Gott und Herrn anzubeten
Was ist im Zentrum all dieser Beobachtungen? Zufall? Einbildung? Betrug? Alle Versuche, die Fakten auf natürlichem Weg zu erklären sind kläglich gescheitert. Es ist offensichtlich: Im Zentrum von all dem ist die stärkste Kraft des Universums: Gott selbst, der das Leben erschaffen und den Tod überwunden hat.
 
Die Wissenschaft kann den Schöpfer und den Herrn des Lebens nicht untersuchen. Aber sie kann die Spuren untersuchen, die er hinterlassen hat. Wo sie es mit offenem Herzen tut stößt sie nicht auf ein schwarzes Loch – sondern auf den Vater des Lichts.

Weiterführend zum Thema Schöpfung:

Weiterführend zur Auferstehung Jesu:

Das geplante Universum – Wie die Wissenschaft auf Schöpfung hindeutet

In den letzten Monaten sind mir eine Reihe von Theologen begegnet, die der Überschrift dieses Artikels wohl entgegnen würden: Wer mit der Wissenschaft die Existenz eines Schöpfers begründen will begeht von vornherein einen grundlegenden Kategorienfehler. Denn Wissenschaft und Religion bewegen sich auf 2 vollständig verschiedenen Ebenen.

Richtig daran ist: Mit Mitteln der Naturwissenschaft ist das Wesen und der Charakter eines Schöpfers ebenso wenig greifbar wie die Wunder, von denen die Bibel berichtet. Denn naturwissenschaftliche Methoden erfassen nur das Beobachtbare, das festen Gesetzmäßigkeiten gehorcht und deshalb überall auf der Welt in Experimenten wiederholbar ist. Was die Wissenschaft aber sehr wohl untersuchen kann sind die Spuren, die ein Schöpfer möglicherweise hinterlassen hat. In ihrem Buch „Das geplante Universum“ haben sich Markus Widenmeyer, Tobias Holder, Boris Schmidtgall und Peter Trüb auf diese Spurensuche gemacht und dabei eindrücklich dargelegt, wie stark gerade die Naturwissenschaft dafür spricht, dass das Leben und das Universum auf das Wirken eines intelligenten Geistes zurückgehen müssen. Denn wer mit den Augen eines Naturwissenschaftlers auf das Universum, die Erde und die Lebewesen schaut, stößt dort regelmäßig auf höchst funktionale Konstruktionen, die ganz offenkundig gezielt lebensfreundlich konzipiert sind und die gemäß all unserer Erfahrung und unserer empirischen Forschung unmöglich ein Resultat von absichtslosen, zufälligen Prozessen sein können. „Der Eindruck intelligenter Planung ist überwältigend“ schrieb der Physiker Paul Davies angesichts unseres Universums“ (zitiert auf S. 132).

Um diese These zu untermauern betrachten die Autoren die Welt aus mathematischer, physikalischer, chemischer und biologischer Sicht. Obwohl das Buch auch für Laien gut lesbar ist merkt man schnell: Diese Leute sind vom Fach! Markus Widenmeyer hat Chemie und Philosophie studiert. Tobias Holder promovierte am Max-Planck-Institut für Festkörperforschung. Boris Schmidtgall ist Chemiker, Peter Trüb ist ein Teilchenphysiker, der zwischenzeitlich mit der Berechnung von 22,4 Billionen Dezimalstellen der Zahl pi sogar einen Weltrekord aufgestellt hatte. Eine erste bedeutende Feststellung des Autorenteams stammt dementsprechend auch aus dem Feld der Mathematik: „Gemeinsam mit großen Wissenschaftlern wie Galileo Galilei oder Eugene Wigner kann man mit Fug und Recht sagen, dass unser Universum in der Sprache der Mathematik geschrieben ist.“ (S. 35) In einem „ungeplanten Universum“ ist das ebenso wenig selbstverständlich wie die Tatsache, dass es Naturgesetze gibt. Wer hat diese Gesetze „erlassen“? Und warum folgen sie vergleichsweise simplen, symbolisch elegant darstellbaren mathematischen Formeln? „Naturgesetze sind natürlich naturwissenschaftlich erfassbar. Sind sie aber wirklich auch naturwissenschaftlich erklärbar?“ (S. 11) Dazu stellen die Autoren fest: Nur der Theismus ist „im Einklang mit der Tatsache, dass Naturgesetze keinen abschließend erklärenden, sondern im Grunde nur einen beschreibenden Charakter haben.“ (S. 13)

Absolut faszinierend ist darüber hinaus, dass die Naturgesetze ebenso wie die Naturkonstanten und die Massen der Elementarteilchen höchst präzise genau so „konstruiert“ und fein aufeinander abgestimmt sind, dass biologisches Leben möglich ist. Die Tatsache, dass die Masse in unserem Universum weder in sich zusammensackt noch unkontrolliert auseinanderdriftet sondern stabile Strukturen für einen lebensfreundlichen Planeten bildet, ist extrem erstaunlich. In einem „zufälligen Universum“ dürfte man das niemals erwarten.

Auch in der Chemie setzt sich dieses Muster fort: „ An den Beispielen Kohlenstoff, Sauerstoff, Wasserstoff, Stickstoff und Phosphor haben wir gesehen, dass viele Elemente maßgeschneiderte, einzigartige und dabei nach allem, was wir wissen, unverzichtbare Eigenschaften für eine komplexe, funktionale Chemie besitzen, wie sie für organisches Leben nötig ist. … Eine geringfügige Veränderung der Parameter, die dem Baukastensystem zugrunde liegen, würde das ganze System zusammenbrechen lassen.“ (S. 101)

Alle diese perfekten Eigenschaften der Elemente würden aber nichts nützen ohne den extrem außergewöhnlichen energetischen Zustand des Universums: „Der … Zustand des Universums ist … mit einem Ritt auf der Rasierklinge zu vergleichen – und zwar in einer ganz extremen Weise. Weder ist die Energie statistisch gleichmäßig über den Raum verteilt, noch liegt sie räumlich zusammengeklumpt … Vielmehr liegt die Energie hochgradig ungleichmäßig vor, äußerst weit entfernt von einem Gleichgewichtszustand“ … und zwar konzentriert auf einen „Volumenanteil von rund 10-44 des Universums; andererseits ist sie aber auf rund 1080 Portionen verteilt.“ (S. 70/71) „Der Zustand unseres Universums ist also eine Besonderheit mit einer statistischen Unwahrscheinlichkeit, die jede Vorstellung sprengt, nämlich eins zu 10 hoch 10123!“ (S. 72)

Für mich als Biologen ist darüber hinaus natürlich die Frage nach der Entstehung des Lebens besonders spannend. Dazu stellen die Autoren fest: „Charles Darwin ahnte nicht ansatzweise, welche Komplexität biologischem Leben zugrunde liegt. Auch heutige Ingenieure können von vergleichbaren Konstruktionen auf technischer Ebene nur träumen.“ (S. 75) Entsprechend hat kein Biologe bis heute eine auch nur einigermaßen vielversprechende Idee, wie die phantastisch komplexen molekularen Maschinen, die in jeder einzelnen unserer Zellen höchst zuverlässig arbeiten, durch absichtslose Prozesse von selbst entstanden sein könnten.

Die bemerkenswerteste Eigenschaft unseres Universums ist wohl der Umstand, dass wir Menschen einen selbst-bewussten Geist haben, der über das Universum und seine Herkunft nachdenkt, der Mathematik und Philosophie betreibt und nach Moral, Ethik, Liebe und Schönheit fragt. Wie kann geistlose Materie Geist hervorbringen? Auch hier zeigt sich die Stärke der These einer geistigen Verursachung des Universums: „Der Theismus … steht … harmonisch mit der Tatsache im Einklang, dass es mit uns Menschen Geist in der Welt ohnehin gibt.“ (S. 140)

Nun ist all das im strengen Sinne natürlich kein Beweis für Gott. Schließlich ist nicht immer das richtig, was augenscheinlich naheliegend ist. Könnte es für die Feinabstimmung des Universums vielleicht trotzdem eine rein materielle Erklärung geben? Die Autoren behandeln verschiedene solcher Erklärungsversuche. Der berühmteste ist wohl das sogenannte „Multiversum“. Dieses Konzept geht „von der spekulativen Annahme aus, dass es einen Mechanismus gibt, der unendlich viele oder zumindest unvorstellbar viele Teiluniversen hervorbringt. Dabei soll der Mechanismus idealerweise nicht nur die Anfangsbedingungen, sondern auch die Naturkonstanten und vielleicht auch einige Aspekte der naturgesetzlichen Struktur variieren.“ (S. 120) Die Idee dahinter ist: Auch der unwahrscheinlichste Zufall wird irgendwann wieder wahrscheinlich, wenn die Anzahl der Optionen, in denen dieser Zufall eintreten könnte, ausreichend groß ist. So populär dieser spekulative Erklärungsversuch auch ist: Er erklärt eigentlich gar nichts. Denn: „Ein reales Multiversum setzt … zuerst ganz konkret ein produzierendes System für unzählige Dinge voraus.“ (S. 123) Woher kommt dieses produzierende System mit seinen feinabgestimmten Eigenschaften? Das grundlegende Problem des Multiversum-Ansatzes betrifft auch alle anderen Erklärungsversuche, die immer wieder vorgebracht werden: Es löst das Problem der Unwahrscheinlichkeit nicht, es verschiebt es nur! Entsprechend folgern die Autoren: „Erklärungsversuche der Feinabstimmung müssen an irgendeiner Stelle von speziellen Naturgesetzen und Randbedingungen ausgehen, die nicht weiter erklärbar sind. In diesen wäre dann die ganze Information der strukturellen Ordnung des Universums verpackt, sie selbst bleibt radikal unerklärt. … Bei allen innerweltlichen Erklärungen muss (mindestens) ein ähnliches Maß an Komplexität und Spezifität vorausgesetzt werden, wie es eigentlich zu erklären wäre. Der enorm unwahrscheinliche Zufall bleibt bestehen und kann substanziell nicht wegerklärt werden.“ (S. 150)

Die Autoren folgern deshalb zurecht: „Wir wissen, dass das Hervorbringen von komplexen, für einen bestimmten Zweck präzise maßgeschneiderten Objekten etwas mit Intelligenz und Geist zu tun hat. Das wissen wir zumindest in allen Fällen, bei denen der Ursprung der Objekte geklärt ist. Wir wissen, dass das Entwickeln und Anwenden mathematischer Konzepte ebenso etwas mit Intelligenz und Geist zu tun haben. Sowohl für die maßgeschneiderte Struktur einer Leben ermöglichenden Physik und Chemie als auch für die mathematischen Konzepte, die unser Universum regieren, ist es naheliegend, eine intelligente Person, einen Schöpfer anzunehmen.“ (S. 134) „Wir schlussfolgern, dass ein transzendentes, geistiges Wesen von sehr großer Intelligenz und Macht dieses Universum gewollt, geplant und hervorgebracht hat. Und dieses Wesen nennen wir Gott.“ (S. 150)

Sind wir Menschen ganz bewusst gewollte Geschöpfe? Oder sind wir Produkte des Zufalls und „Zigeuner am Rande des Universums“, das „für seine Musik taub ist und gleichgültig gegen seine Hoffnungen, Leiden oder Verbrechen“[1]? Diese Fragen sind für jeden Menschen existenziell. Sie sind eng mit der Frage nach unserer Identität, nach dem Sinn des Lebens, dem Wert und der Würde des Menschen verknüpft. Auch die Fragen nach Moral, Ethik, nach der Realität des freien Willens und der Verantwortung des Menschen hängen eng damit zusammen. Die Frage nach unserer Herkunft ist deshalb selbstverständlich auch für den christlichen Glauben höchst relevant. Nach vielen Jahrzehnten, in denen die Naturwissenschaft zumeist als überlegener Feind des Christentums dargestellt wurde, ist es eine bedeutende Nachricht, dass die Naturwissenschaft heute deutlicher denn je bestätigt, dass die biblische Annahme eines Schöpfers von den wissenschaftlichen Fakten klar gestützt wird. Es ist traurig, dass dieser Umstand bislang auch unter Christen noch so wenig bekannt ist und von einigen Theologen sogar immer noch bekämpft und belächelt wird[2]. Noch trauriger ist, dass unseren Schülern nach wie vor häufig das völlig schiefe Bild vermittelt wird, dass man die „Hypothese Gott“ für die Erklärung der Existenz des Universums und des Lebens nicht brauche[3].

Der Rückschluss von der naturwissenschaftlichen Faktenlage auf einen Schöpfer beruht dabei nicht – wie oft behauptet – auf immer kleiner werdenden Erklärungslücken. Es geht nicht um einen „Lückenbüßergott“, der eines Tages dem wachsenden wissenschaftlichen Fortschritt vollends zum Opfer fällt. Wer so argumentiert, übersieht mindestens 3 Dinge:

  • Erstens handelt es sich bei den ungeklärten Fragen ja nicht um „Lücken“, denn das würde ja nahelegen, dass die meisten Dinge schon erklärt wären. Neben all den Ungereimtheiten der Evolutionstheorie (z.B. der hochgradig diskontinuierliche Fossilbericht[4]) geht es bei den offenen Fragen ja um die absolut zentralen und grundsätzlichen Themen, die sich im Blick auf die Entstehung des Universums und des Lebens stellen: Wie kann hochspezifische Ordnung, zweckdienliche Information, Zielgerichtetheit und Geist durch geist- und ziellose, zufällige Prozesse entstehen?
  • Zweitens sind diese ungeklärten Fragen in den letzten 160 Jahren seit Darwin ja gerade nicht kleiner sondern mit dem wachsenden Wissen über die Komplexität des Lebens, die Feinabgestimmtheit des Universums und das Wesen von digitaler Information immer größer geworden – was im Trend für die Annahme spricht, dass schlüssige materialistische Erklärungen nachhaltig nicht gefunden werden können.
  • Drittens verzichtet die Annahme eines geistigen Verursachers ja gerade darauf, ungeklärte Fragen durch außerwissenschaftliche Annahmen „wegzuerklären“, so wie es der Materialismus tut mit der Annahme, dass man in Zukunft ganz bestimmt noch materialistische Erklärungen für die offenen Fragen finden werde. Das Zulassen der Option einer geistigen Verursachung wäre hingegen nur dann außerwissenschaftlich, wenn man aufgrund einer philosophischen Entscheidung den methodischen Atheismus der Naturwissenschaft derart verabsolutiert, dass auch ein punktuelles Schöpfungshandeln von vornherein prinzipiell ausgeschlossen wird. Das käme aber einer Beschneidung des freien, ergebnisoffenen wissenschaftlichen Denkens und Forschens gleich.

Die Annahme eines schöpferischen Geistes beruht nicht auf dem, was wir nicht wissen sondern auf dem, was wir wissen: Hochspezifische Ordnung und zweckdienliche codierte Information lässt gemäß allen unseren Beobachtungen, Erfahrungen und empirischen Ergebnissen immer auf einen geistigen Verursacher schließen. Der Rückschluss von den Eigenschaften unserer Welt auf einen Schöpfer ist deshalb in hohem Maße vernünftig und faktenbasiert. Ich finde: Gerade junge und sinnsuchende Menschen sollten die eindrücklichen Fakten dazu kennen, damit sie die Chance haben, sich selbst ein Bild zur Frage nach ihrer Herkunft und ihrer Identität machen.

Ich kann deshalb dem äußerst fundierten und zugleich spannenden und gut lesbaren Buch „Das geplante Universum“ nur eine möglichst weite Verbreitung wünschen.

Das Buch „Das geplante Universum – Wie die Wissenschaft auf Schöpfung hindeutet“ ist 2019 bei SCM-Hänssler erschienen und kann hier bestellt werden.


[1] So schreibt es der Nobelpreisträger Jaques Monod in „Zufall und Notwendigkeit“, Übersetzung: Friedrich Griese, Piper Verlag, München 1971

[2] So äußert z.B. der Theologe Siegfried Zimmer: „So einfach ist es nicht, dass man sagt: Ich kucke die Welt an, und wie wenn ich ein Bild irgendwo sehe, dann sag ich doch auch, das hat jemand gemalt, und wenn ich die Welt ankucke, dann sag ich, das hat jemand gemacht. Gell: Die lieben Christlein legen es sich so hübsch naiv zurecht.“ Im Vortrag: „Die erste Schöpfungserzählung (1. Mose 1,1-2,4a) – Teil 2“ Weimar: 21. Mai 2018, online unter https://worthaus.org/worthausmedien/die-erste-schoepfungserzaehlung-1-mose-11-24a-teil-2-8-4-2/ ab 10:37

[3] Gemäß dem berühmten Ausspruch des französischen Mathematikers, Physikers und Astronomen Pierre-Simon Laplace, der im Gespräch mit Napoleon geäußert haben soll: „Gott? Diese Hypothese habe ich nicht nötig!”

[4] Siehe dazu den AiGG-Artikel: „Evolution – Welterklärungsmodell am Abgrund?“ http://blog.aigg.de/?p=4140

Echte Liebe

Stell Dir einen Mann vor, der sagt: “Ich liebe diese Frau! Aber ich liebe nur Teile von ihr. Was mir an ihr nicht gefällt, das ignoriere ich einfach. Oder ich versuche, sie zu ändern.”
Wir würden sagen: Das ist keine Liebe. Das ist ein Egotrip. Es geht Dir doch nur um Dich und Deine Bedürfnisse. Echte Liebe selektiert nicht. Sie sagt Ja zum ganzen Menschen, so wie er ist. Sie stellt diesen Menschen in den Mittelpunkt, nicht die eigenen Vorlieben.

Bei Christus gilt das gleiche. Wir können nicht sagen: Ich liebe Jesus, aber nur, wenn er von der Feindesliebe spricht und Kinder segnet. Doch wenn er die Händler im Tempel schlägt und von der Hölle redet, dann ignoriere ich das lieber.

Wir können auch nicht sagen: Ich liebe sein Wort. Aber ich nehme darin nur das ernst, was mir gut gefällt. Die schwierigen Stellen ignoriere ich. Oder ich interpretiere sie einfach um und erkläre sie für überholt.
Das ist ein Egotrip. Echte Liebe sucht den echten Jesus, so wie er ist, in allen seinen Facetten, wie die Bibel ihn uns beschreibt von 1. Mose 1 bis Offenbarung 22. Sie will immer mehr über Jesus lernen und das eigene Bild von ihm korrigieren lassen. Sie nimmt sein Wort wichtiger als Menschenworte, selbst wenn sie laut, fordernd und besserwisserisch daherkommen. Denn kein Mensch weiß etwas über Jesus, außer es wird ihm von Gott und seinem Wort offenbart.

Echte Liebe sagt: Ich liebe diesen Jesus. Ihm will ich folgen. Und wer mir etwas über ihn beibringen will, der soll es aus seinem Wort heraus tun. Denn nur auf ihn kann und will ich mich verlassen – im Leben und im Sterben.

Was soll ich tun, um das ewige Leben zu bekommen?

Renaissance einer Frage

Scheinbar bewegt sie heute niemand mehr: Die Frage nach dem ewigen Leben, die Jesus z.B. in Markus 10, 17 gestellt wurde. Zu Luthers Zeiten war sie noch hoch aktuell. Heute hingegen sind die Menschen diesseits- statt jenseitsorientiert. Die Hölle ist – wenn schon – eine Hölle auf Erden, in die man als Opfer hineingeraten kann, aber nicht wegen eigener böser Taten. Himmel ist, wenn man ein gutes Eis genießt oder einen schönen Urlaub erlebt. Aber mit dem Jenseits haben diese Begriffe nichts mehr zu tun.

Den großen Trend zur Diesseitsorientierung schildert der Theologe Patrick Becker in seinem Worthaus-Vortrag „Das vergessene Jenseits“. Er zeichnet dabei ein düsteres Bild von der Entwicklung der großen Kirchen, denen er vorhält, selbst an ihrem Relevanzverlust, ja sogar an ihrer Abschaffung beteiligt zu sein (ab Minute 36:50):

„Man kann eine Selbstmarginalisierung der Jenseitsvorstellungen in den Religionen darstellen. Und das versuche ich unter Aufgreifen des Historikers Thomas Großbölting ein bisschen zu verdeutlichen: Der hat vor ein paar Jahren ein Buch mit dem bezeichnenden Titel „Der verlorene Himmel“ geschrieben. … Er stellt fest, dass die Religionsgemeinschaften nach wie vor in Deutschland sehr stark präsent sind. … Wenn man mal mit nichtchristlicher Brille durch die Stadt läuft wird man erstaunt sein, wie viele christliche Symbole man schon allein architektonisch präsentiert bekommt. … Die Zahl der Kirchgänger ist zugleich sehr klein und weiterhin stark schrumpfend. … Das geht damit einher, dass die Kirchen zwar sehr stark politisch aktiv und einflussreich sind, aber wenig Zugriff auf das Individuum haben. … Manche Kirchen scheinen deshalb auf die Idee zu kommen, dass es klug wäre, sich auf genau diese äußeren Vorgänge zu konzentrieren … als moralische, kulturtragende Instanz, soziale Arbeit, moralische Stimme in bestimmten Gremien und eben vom Orgelkonzert bis was auch immer im Kulturbereich aktiv zu machen. Das kommt auch an. … Die Zeit ist vorbei wo der Mainstream, die Masse sich quasi an der Kirche abarbeiten würde, wo sie noch wirklich überhaupt etwas wüsste, woran sie sich abarbeiten könnte. Also man nimmt die Kirche eigentlich nur noch von außenstehend wahr und sagt dann: Ja, es ist gut, dass es Kirchen gibt. Die soll eben genau das tun: Moral und Kultur. Aber ich selbst brauch sie nicht. … Das ist ein bisschen beruhigend, weil die Kirchen dann ihren Ort haben. Aber Sie werden es erahnen, meine Grundaussage hier ist: Damit verfehlen die Kirchen exakt ihre Pointe und machen sich überflüssig. Weil Moral und Kultur tragen, dazu brauche ich nicht religiös zu sein. … Die Pointe von Religion ist eine Andere: Die Sinnstiftung. Und die funktioniert im religiösen Kontext immer unter Bezugnahme auf ein Jenseits. Und hier kommt eben diese These raus, dass die Christenheit in Deutschland … tatsächlich selbst beteiligt ist an ihrer quasi Abschaffung, an ihrem Relevanzverlust. Das sagt Thomas Großbölting … genau in der Mitte seines Buchs … : Zentral an allen diesen historischen Prozessen … ist „der Wandel des Gottesbildes und der damit verbundenen Jenseitsvorstellungen.“ … Rein historisch betrachtet – wenn er an den Beginn des 20. Jahrhunderts geht – stößt er dort auf eine Jenseitspredigt, die den strafenden Gott in den Vordergrund stellt, wo die Hölle eine reale Erwartung gepredigt wird und wo der Himmel mit einer Exklusivität ausgestattet ist. Also die Botschaft ist: Jeder Einzelne muss in seinem Leben genau aufpassen und wenn er nicht so lebt wie es eben den religiösen Vorstellungen entspricht – also moralisch – dann erwartet ihn am Ende ein dramatisches Schicksal. Um das zu verhindern muss man das irdische Leben schon danach ausrichten, was eben sich am Jenseits orientiert. … Das war so negativ belastet, dass die christliche Predigt – um überhaupt noch gehört zu werden – … genau ins andere Extrem umgeschwenkt ist: Zum lieben Gott. Es gibt dann quasi nur noch den liebenden Gott. Der Himmel ist quasi geschenkt. Das finden Sie auch in den theologischen Eschatologien als Standardaussage: Eigentlich kommt jeder Mensch in den Himmel. Es wird immer dazu gesagt: Die Hölle ist eine Denkmöglichkeit, die real sein muss, weil sonst die Freiheit des Menschen nicht ernst genommen wäre. Aber eigentlich gehen wir davon aus, dass alle Menschen im Himmel landen werden. Und wenn der Himmel quasi so automatisch geschenkt, uns zugesagt ist, dann ist er auch nicht mehr relevant. Also was ich sowieso in der Tasche habe, darum brauche ich mich nicht mehr zu bemühen.“

Patrick Becker ist in seiner gesellschaftlichen Analyse ohne Zweifel zuzustimmen. Richtig ist auch, dass der Jenseitsverlust ein wichtiger Grund ist für den Abwärtsstrudel der Kirchen. Was er allerdings nicht erwähnt ist der tiefere Hintergrund für diesen Jenseitsverlust: Der Verlust der Schriftautorität! Denn Fakt ist nun einmal: Man kann nur dann Antworten auf Fragen zu transzendenten Themen geben, wenn man aus einer transzendenten Quelle schöpft. Menschen interessieren sich nicht für Spekulationen von Theologen. Sie wissen: Kein Mensch weiß etwas darüber, was nach dem Tod geschieht. Gott allein kann das wissen. Wenn aber der Text der Bibel nur noch zeitbedingtes Menschenwort statt geistinspiriertes Gotteswort ist, dann kann auch die Bibel keine Auskunft mehr über das Jenseits geben. Das gilt umso mehr, wenn es in der Theologie keinerlei Einheit mehr über Jenseitsfragen gibt.

Um das Jenseits wieder glaubwürdig ins Spiel bringen zu können ist deshalb auch eine Umkehr in unserer Haltung zur Heiligen Schrift alternativlos. Damit verbietet es sich dann allerdings auch, die Botschaft dieser Heiligen Schrift nach unserem eigenen Geschmack zu verbiegen. Die Menschen spüren nun einmal sofort, ob die Kirche aus einer Quelle schöpft, die außerhalb ihrer selbst liegt und deren Botschafter sie ist, oder ob sie sich eine eigene Botschaft konstruiert, mit der sie den Menschen nach dem Mund redet.

Wenn wir der Schrift folgen können wir klarstellen, dass weder die eine noch die andere von Thomas Großbölting geschilderten Jenseitspredigten der Wahrheit entspricht. Moralisches Leben bringt uns nicht in den Himmel. Niemals. Trotzdem ist der Himmel auch keine Selbstverständlichkeit, um die wir uns nicht kümmern müssten. Die Hölle ist viel mehr als eine theoretische „Denkmöglichkeit“. Jesus hat häufig über sie gesprochen und intensiv vor ihr gewarnt. Wir sind zum Glück nicht in der Position des Richters, somit müssen und dürfen wir auch nicht entscheiden, wer in die Hölle kommt. Aber wir dürfen und müssen die einzige gute Botschaft weitergeben, die uns sicher zum Vater und zum ewigen Leben führt. Das geht eben nicht durch moralische Werke oder durch irgendetwas, was wir Menschen tun könnten. „Bei den Menschen ist’s unmöglich“ sagte Jesus. Allein das feste Vertrauen auf Jesus und sein Erlösungshandeln am Kreuz hilft uns weiter: „Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern das ewige Leben hat.“ (Johannes 3, 16) Das ist das Herz des Evangeliums.

Ich bin überzeugt: Mehr Menschen als wir glauben, machen sich sehr wohl Gedanken darüber, wie es nach dem Tod weitergeht. Die Kirche hat dazu eine phantastische Botschaft aus einer einzigartigen Quelle. Denn dieser Jesus hat nicht nur geredet. Er ist auch nicht nur am Kreuz gestorben. Er hat selbst den Tod besiegt! Zahllose Zeitgenossen Jesu gaben ihr Leben aus lauter Begeisterung darüber, dass dieser Jesus tatsächlich von den Toten auferstanden ist. Die Botschaft von der Auferstehung hat quer durch die Zeiten und Kulturen Menschen inspiriert, getröstet und verändert. Nur dieser Jesus weiß, wie wir über den Tod hinaus leben können. Nur bei ihm sind wir richtig mit der Frage aller Fragen: Wie bekomme ich das ewige Leben?

Lassen wir uns nicht irritieren davon, dass das Jenseits scheinbar aus der Mode gekommen ist. Tragen wir vielmehr alle gemeinsam dazu bei, dass die Frage nach dem ewigen Leben wieder ganz neu gestellt wird. Und vor allem: Verbreiten wir die lebensspendende Antwort unseres Herrn, bis sie wieder zu hören ist in jedem Winkel unseres Landes!

Christliche Apologetik go home?

von Dr. Reinhard Junker

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Die Internetseite „Worthaus“ hat einen Vortrag der Theologin Christiane Tietz mit dem Thema „Glaube und Zweifel“ veröffentlicht. Frau Tietz äußert sich darin kritisch zu Gottesbeweisen im Allgemeinen und speziell zum Ansatz des „Intelligent Design“, den sie in der Tradition des teleologischen Gottesbeweises von Thomas von Aquin sieht. Die Ausführungen von Frau Tietz laufen auf eine Abschaffung von Apologetik hinaus. Denn sie argumentiert gegen apologetische Arbeit, die positiv für die Wahrheit des biblischen Schöpfungszeugnisses eintritt; dagegen sollte man den Verstand nutzen, um das Geglaubte zu durchdenken, aber auch um die Lehren des Christentums kritisch zu hinterfragen. Doch gerade wenn auf diesem Wege kritische Fragen aufgeworfen werden, ist Apologetik gefragt.

I. Apologetik und das Design-Argument:
Das christliche Schöpfungszeugnis gegen Kritik behaupten

Wohl jeder Christ kennt solche Situationen: In einem Gespräch über Jesus Christus oder über die Bibel kommen Einwände: „Wie, Du bist so altmodisch und glaubst noch an Gott? Ich dachte Du seist intelligent!“ Oder: „Die Bibel ist doch voller Fehler und Widersprüche“, womit angedeutet wird, sie sei ziemlich unglaubwürdig. Oder: „Die Wissenschaft hat doch widerlegt, dass… Damals wussten die Menschen noch nicht, dass… usw.“ Nicht nur von Menschen, die mit der Bibel und dem Christsein nichts zu tun haben wollen, kommt solche Kritik, sondern auch von manchen „Frommen“. Man könne die Bibel nicht mehr so lesen wie früher und Vieles mehr.

Mit Fragen dieser Art sind wir mitten drin in der Apologetik. Darunter versteht man die Verteidigung der biblischen Botschaft und ihrer Glaubwürdigkeit mithilfe von Sachinformation und logischen Argumenten gegen Einwände aller Art. Es geht darum, Kritik an der christlichen Weltsicht mit Fakten und sachlichen Argumenten zurückzuweisen oder wenigstens zu entkräften, Deutungsalternativen aufzuzeigen (wie kann man eine Sache mit guten Gründen auch verstehen?) und argumentative oder logische Fehler aufzudecken. Im besten Fall kann es auf diese Weise gelingen, Glaubenshindernisse auszuräumen und für die Glaubwürdigkeit der Bibel zu punkten. Mehr kann Apologetik nicht erreichen – gute Argumente alleine bewirken keinen persönlichen lebendigen Glauben. Aber für einen ehrlichen Sucher kann es sehr wichtig sein, dass seine Fragen – und damit er selber – ernst genommen werden. Und Gott kann es auch schenken, dass Menschen, die dem christlichen Glauben ablehnend gegenüberstehen, durch Argumente in ein ernsthaftes Nachdenken geführt werden. Es gibt viele Zeugnisse dafür, dass apologetischer Einsatz eine wichtige Rolle dabei gespielt hat, dass Menschen den Schritt zur persönlichen Nachfolge Jesu und zum Vertrauen in Gottes Wort, die Bibel, gemacht haben oder dabei geblieben sind. Apologetische Arbeit abzulehnen oder für unnötig zu erachten, hieße nichts anderes, als Menschen mit ehrlichen kritischen Fragen zur Glaubwürdigkeit der Bibel im Regen stehen zu lassen. Darüber hinaus ist Apologetik auch deshalb wertvoll, insofern sie helfen kann, wichtige biblisch bezeugte Wahrheiten (wieder) sichtbar werden zu lassen. So ist die Erkenntnis, dass wir in einer geschaffenen Welt leben, auch deshalb von herausragender Bedeutung, weil Menschen ihretwegen „keine Entschuldigung haben“ (Römer 1,20), wenn sie sich dereinst für ihren Unglauben zu rechtfertigen haben.

Apologetik im Bereich der Schöpfungslehre

Es gibt viele Felder für christliche Apologetik. Dieser Beitrag geht schwerpunktmäßig auf das Feld der biblischen Schöpfungslehre ein. Diese steht ohne Zweifel unter Berufung auf Wissenschaft schwer unter Beschuss – und zwar in fast jeder Hinsicht, nicht nur dann, wenn man die Schöpfungstexte des Buches Genesis als Schilderungen tatsächlicher Ereignisse liest. Schon die Auffassung, es habe schöpferische Inputs, eine geistige Verursachung[1] gegeben, durch die die Welt, die Lebewesen und mit ihnen auch der Mensch ins Dasein gekommen sind, stößt auf starken Widerspruch, sei es im akademischen Bereich, im Bildungssektor oder in den Massenmedien. Praktisch jeder Schöpfungsansatz wird pauschal als unwissenschaftlich abgetan. Der Grund ist, dass der Naturalismus kulturell zum Leitparadigma des Westens geworden ist, weswegen die akademische Welt durch diese Weltanschauung regelrecht beherrscht ist, was sich vor allem in Ursprungsfragen zeigt.[2] Wäre dem Anspruch des Naturalismus gemäß die Welt tatsächlich ohne das absichtsvolle, zielgerichtete Wirken Gottes entstanden, dann wäre ein Schöpfer überflüssig und das biblische Schöpfungszeugnis nicht nur unglaubhaft, sondern sogar unsinnig – es sei denn, man hätte überzeugende Gründe dafür, dass der Schöpfer die Spuren seines Schöpfungshandelns bewusst verbergen wollte und auch konnte.

Die Bibel bezeugt demgegenüber Gott als Schöpfer in verschiedensten Zusammenhängen, aus denen hervorgeht, dass er eingreifen kann und auch eingegriffen hat. Die Bibel spricht zwar auch davon, dass Gott immer in verborgener Weise wirkt, jedoch sind zumindest die Resultate seines Schöpfungs- und Wunderhandelns als solche offensichtlich, und entsprechend wird Gottes schöpferisches und eingreifendes Handeln bezeugt. Römer 1,20 wurde bereits genannt. Und was sollte zum Beispiel Psalm 94,9 bedeuten, wenn Gottes Wirken als Schöpfer nicht wirklich erkennbar wäre: „Der das Auge gemacht hat, sollte der nicht sehen? Der das Ohr gebildet hat, sollte der nicht hören?“ Hier wird das Schöpfungshandeln Gottes in Beziehung gesetzt zum persönlichen Ergehen dessen, der auf Gottes Eingreifen hofft. Oder greifen wir Jesu Worte aus der Bergpredigt heraus: „Schaut die Lilien auf dem Felde an, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch, dass auch Salomo in seiner Pracht nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen. Wenn nun Gott das Gras auf dem Felde so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: sollte er das nicht viel mehr tun für euch, ihr Kleingläubigen?“ (Mt. 6,28b-30) Auch hier wird die Zusage der persönlichen Zuwendung und Fürsorge Gottes an das Zeugnis seiner Schöpferkraft gekoppelt. In einer Welt, die ihre Existenz nur dem Zufall und zufällig existierenden Naturgesetzen verdankte, hätte diese Zusage keine Basis. Das alleine ist für einen Christen schon Grund genug, nachzuhaken: Sind die Ansprüche des Naturalismus und der Evolutionsanschauung überhaupt gerechtfertigt? Genau diese Frage führt in die Apologetik. Sie zielt nicht darauf ab, Schöpfung formal zu beweisen. Es geht vielmehr darum, die Behauptung, ein eingreifender und Wunder wirkender Schöpfer sei überflüssig, argumentativ mit Befunden aus den Naturwissenschaften qualifiziert in Frage zu stellen.

Wir werden darauf zurückkommen. Zunächst aber noch ein paar weitere Blicke auf biblische Schöpfungstexte: Der Prophet Jeremia stellt Gott als Schöpfer den wirkungslosen und eigentlich harmlosen Götzen gegenüber: „Der HERR ist es, der die Erde durch seine Kraft geschaffen, den Erdkreis durch seine Weisheit fest gegründet und durch seine Einsicht den Himmel ausgespannt hat“ (Jer. 10,12). Hier werden Kraft, Weisheit und Einsicht Gottes betont. Durch den Kontrast mit den selbstgemachten Göttern, den Götzen, die nicht reden, gehen, schaden oder nutzen können, wird umso deutlicher, was Gott als Schöpfer tut. Er kann dies alles, was die Götzen nicht können.

Der Hebräerbrief bringt es prägnant auf den Punkt: „Aufgrund des Glaubens erkennen wir, dass die Welt durch Gottes Wort erschaffen worden und dass so aus Unsichtbarem das Sichtbare entstanden ist“ (Hebr. 11,1; EÜ). Das Wort Gottes, das hier genannt wird, kann mit dem Wort, das in 1. Mose 1 und in Joh. 1 bezeugt wird, identifiziert werden; es ist das Wort, durch das Gott geschaffen hat. Man wird nicht fehlgehen, wenn mit dem „Wort“ auch Information, Plan, Überlegung und Zielsetzung einschließt.

Und es ist vor diesem Hintergrund selbstverständlich, dass man danach fragen kann, ob sich in den geschaffenen Dingen Hinweise auf die Kraft, Weisheit und Einsicht Gottes als Schöpfer finden lassen. Das ist es ja, was Paulus im 1. Kapitel des Römerbriefes feststellt: „Denn was man von Gott erkennen kann, das ist unter ihnen wohlbekannt; Gott selbst hat es ihnen ja kundgetan. Sein unsichtbares Wesen lässt sich ja doch seit Erschaffung der Welt an seinen Werken mit dem geistigen Auge deutlich ersehen, nämlich seine ewige Macht und göttliche Größe“ (Röm. 1,19-20; nach H. Menge). Das heißt: Die Werke der Schöpfung sind so gestaltet, dass an ihnen deutlich, ja gleichsam offensichtlich die Spuren eines mächtigen Schöpfers erkannt werden können. Die Wendung „mit dem geistigen Auge ersehen“ meint den Einsatz des Verstandes; im verwendeten griechischen Wort „nooumena“ steckt „nous“, Verstand. Luther übersetzt mit „durch Nachdenken“. Die Spuren sind also gut erkennbar, und das ist so, weil Gott sie selber „kundgemacht“, sozusagen öffentlich zugänglich gemacht hat. Und sie sind so deutlich, dass wie oben bereits erwähnt im weiteren Text davon die Rede ist, dass es keine Entschuldigung dafür gibt, sie zu ignorieren oder als nichtssagend abzutun. Paulus schreibt weiter, dass viele Menschen nicht mit Dank und Anbetung auf die Offenbarung Gottes in seiner Schöpfung antworten. An dieser Stelle endet dann auch jede christliche Apologetik: Den persönlichen Schritt des Glaubens an Jesus Christus und des Vertrauens in sein Wort kann sie nicht bewirken.

Die Aussagen von Paulus in Römer 1,20ff. würden aber keinen Sinn machen, ja sie wären unmittelbar falsch, wenn in der Schöpfung gar keine Spuren der Tätigkeit des Schöpfers gefunden werden könnten, unbeschadet der Tatsache, dass Spuren im Einzelfall nicht immer eindeutig sein mögen und dass Spuren gelesen und interpretiert werden müssen. Aber solche klaren Spuren sind zu erwarten. Und sie sind wirklich da und man kann sie tatsächlich erkennen und das in manchen Fällen sogar recht leicht.

Der Design-Ansatz in der Biologie

Genau an dieser Stelle knüpft der Design-Ansatz an, der populär unter dem Schlagwort „Intelligent Design“ bekannt ist. Vorab ist wichtig: Es geht beim Design-Ansatz in der Biologie (worauf wir uns hier beschränken) um Ursprungsfragen, um die Frage nach der erstmaligen Entstehung von Naturgegenständen (z.B. die Entstehung des Lebens oder die Entstehung biologischer Konstruktionen oder die für Leben maßgeschneiderten Naturgesetze). Es geht also nicht darum, eine andere Art von Naturwissenschaft zu betreiben, sondern vielmehr die Daten der Naturwissenschaften als Indizien heranzuziehen, um die Frage zu beantworten, ob …

  • eine natürliche oder eine schöpferische Verursachung wahrscheinlicher ist.
  • der Anspruch einer naturalistischen Erklärung durch die Daten gedeckt ist und
  • ob die Behauptung, ein Schöpfer sei überflüssig, begründet ist.

Der hier relevante[3] Design-Ansatz kann sehr gut so definiert werden, dass er sich nicht weltanschaulich auf den Naturalismus oder zumindest nicht auf einzelne naturalistische Grundprinzipien festlegt. Er lässt daher die Möglichkeit zu, dass Lebewesen oder bestimmte Aspekte von ihnen durch die Tätigkeit eines Schöpfers entstanden sind, insbesondere wenn Erklärungen durch ungerichtete, natürliche Prozesse nachhaltig versagen und Gründe benannt werden können, warum das so ist. Der Design-Ansatz legt sich also nicht von vornherein auf Schöpfung fest, sondern kalkuliert diese Möglichkeit ein. Damit erfüllt dieser Ansatz auch ein wesentliches Kriterium echter Wissenschaftlichkeit, nämlich eine prinzipielle Ergebnisoffenheit historisch-wissenschaftlichen Arbeitens ohne weltanschauliche Engführung.

Den Grundgedanken des Design-Ansatzes kann man auch so formulieren: Es soll untersucht werden, ob man an den Strukturen der Lebewesen (oder auch der unbelebten Welt) Eigenschaften erkennen kann, die auf das Wirken eines intelligenten, willensbegabten Urhebers (Designers, Schöpfers) hinweisen und andere Möglichkeiten ihrer Herkunft unwahrscheinlich machen. Eine wissenschaftliche Analyse soll Indizien dafür aufdecken, dass der Kosmos und die Lebewesen durch das schöpferische Wirken eines Designers entstanden sind.

Es geht also darum, mögliche Indizien einer geistig-schöpferischen Verursachung auf Grundlage naturwissenschaftlicher Analysen der erforschten Gegenstände (seien es Lebewesen, potenzielle menschliche Artefakte oder auch Dinge der unbelebten Welt) identifizieren zu können. Dieselben Prinzipien kommen auch sonst bei der Unterscheidung von Artefakten von Naturprodukten oder (spezieller) in der Kriminalistik zum Tragen (vgl. Kasten „Der Fall ‚Schöpfung oder Evolution‘ als Kriminalgeschichte“). Sie werden in der biologischen Intelligent-Design-Forschung auf die Analyse von Lebewesen bezogen.

Der Kern des Design-Ansatzes

Auf biologische Details soll hier nicht eingegangen werden; das geschieht an anderer Stelle.[4] Wichtig ist, den Kern des Design-Ansatzes zu verstehen. Der Design-Ansatz geht von der fundamentalen Unterscheidung zwischen Geistigem und Nicht-Geistigem aus, zwischen geistlosen und geistigen Ursachen, dem durch Geist und durch geistlose Prozesse Verursachten, sowie den daraus resultierenden Merkmalen.

Eine geistbegabte Person, ein Schöpfer, Künstler, Konstrukteur oder Programmierer, kann Ziele setzen und den zukünftigen Zielzustand gedanklich vorwegnehmen. Er ist also zukunftsorientiert, kann planen, benötigte Mittel zur Erreichung des Zieles organisieren, Zwischenschritte einplanen und mögliche Hindernisse einkalkulieren. All das können Naturprozesse nicht. Diese laufen nach Gesetzmäßigkeiten ab und haben dabei weder eine Wahl noch ein Ziel. Denn nichtgeistige Dinge und Abläufe sind völlig blind in Bezug auf Ziele oder das Erreichen eines Zieles durch geeignete Mittel und können keine Mittel zum Erreichen eines Zieles wählen. Erklärungen, die nicht auf geistiger Verursachung beruhen, können lediglich auf drei Faktoren Bezug nehmen: Naturgesetze, (statistisch qualifizierter!) Zufall und wahrscheinliche Randbedingungen. Unter solchen Bedingungen sind aber keine Merkmale zu erwarten, wie sie bei geistig verursachten Gegenständen vorliegen. Naturprozessen stehen also sehr viel weniger Möglichkeiten zur Verfügung. In aller Regel ist der Unterschied der Merkmale von geistig oder nicht-geistig verursachten Gegenständen leicht erkennbar, weil die Merkmale geschaffener Gegenstände allgemeine Merkmale geistiger Wesen widerspiegeln, wie insbesondere eine komplex realisierte Zweckmäßigkeit. Daher kennen wir auch keine Gegenstände, die eine komplexe Zweckmäßigkeit widerspiegeln, deren Ursprung geklärt ist und die allein durch ungeplante, natürliche Prozesse entstanden sind.

Der Design-Ansatz ist ein rein wissenschaftlicher Ansatz, der ohne jeden Bezug zu theologischen Aussagen verfolgt werden kann. Das ist seine Stärke, bedingt aber auch Grenzen. Denn auf diesem Wege kann noch nichts über die Identität und spezielle Attribute des Designers gesagt werden. Hat der Gott der Bibel die DNA geschaffen? Oder ein anderes außerweltliches, göttliches Wesen? Oder waren es (innerweltliche) Außerirdische? Sind wir das Werk eines verrückten Physikers, der unsere Welt nur auf seinem Supercomputer simuliert? Alle diese Ansätze (auch wenn sie z.T. nach Science-Fiction klingen, werden tatsächlich von namhaften Wissenschaftlern diskutiert).

Aber: Der Design-Ansatz, wo er fruchtbar ist, macht dadurch die christliche Weltsicht signifikant wahrscheinlicher. Dabei ist er natürlich offen für Konkretisierungen, wer dieser Schöpfer ist. Solche Konkretisierungen können auch zunächst aus dem Bereich der natürlichen Theologie stammen (z.B. über das Moral-Argument oder die historische Apologetik). Die konkrete Anwendung auf theologische Fragen ist aber erst ein zweiter oder ggf. dritter Schritt. Konkrete Aussagen über den Schöpfer folgen jedenfalls nicht aus der Design-Analyse. Auch auf diesen Punkt werden wir weiter unten zurückkommen.

Das angebliche Lückenbüßer-Problem

Eine der häufigsten Einwände gegen den Design-Ansatz ist, man argumentiere mit einem „Lückenfüller“ oder „Lückenbüßer“. Diesen Einwand gibt es in theologischer und in wissenschaftsmethodischer Hinsicht. Er ist aber in beiden Hinsichten verfehlt.

Der methodische Einwand besagt: Wenn es Lücken im Verständnis einer natürlichen Entstehung gibt, könne man daraus nicht auf einen Schöpfer schließen, der diese Lücke fülle. Weitere Forschung würde diese Lücken in Zukunft füllen.

Doch woher weiß man das? Weitere Forschung könnte ebenso gut diese Lücken noch größer werden lassen – dafür gibt es auch zahlreiche Beispiele aus der aktuellen Forschung. Wer mit dem Lückenbüßer-Argument gegen den Design-Ansatz argumentiert, setzt also einfach ohne weitere Begründung voraus, es gebe eine naturalistische Erklärung, sie müsse nur noch gefunden werden. Mit anderen Worten: Unbekannte natürliche Prozesse werden – ohne dass es Indizien für ihre Existenz Indizien gibt – als Lückenfüller des Naturalismus eingesetzt. Denn natürlich sind alle unsere Naturdaten stark unterbestimmt – und damit per se lückenhaft. Auf die meisten Sachverhalte zur Erklärung der Welt müssen wir über mehr oder weniger indirekte Argumente schließen. Die Frage ist, welche Argumente bzw. welche „Lückenfüller“ die rational annehmbarsten sind. Irgendwelche Lückenfüller – wenn man das Wort verwenden will – brauchen wir also. Die einseitige (und dabei meist polemische) Verwendung des Wortes ist daher inkonsequent. Offenkundig ist also die Lückenbüßer-Argumentation kein treffendes Argument.

Liegen Erklärungslücken vor, müssen also in einem Vergleich möglicher Erklärungen („natürlich entstanden“ versus „geistig-kreativ verursacht“) die vorliegenden relevanten Indizien bewertet werden: Sprechen diese eher für natürliche (nicht-geistige) oder für kreative (geistige) Verursachung? Diese Vorgehensweise entspricht der o.g. Ergebnisoffenheit des Design-Ansatzes.

Ein weiterer Aspekt dabei ist dieser: Bezeichnen wir einen Ingenieur oder einen Programmierer als Lückenbüßer, weil wir noch nicht verstanden haben, wie eine Maschine oder ein Computerproramm alleine durch natürliche Vorgänge entsteht? Würde jemand in solchen Fällen auf den Gedanken kommen, das Wirken einer willensbegabten und mit Verstand ausgestatteten Person nicht als Erklärung zuzulassen, weil diese Erklärung nicht allein auf rein naturgesetzlich beschreibbare Faktoren zurückgreift?

Ein weiterer Aspekt. Es geht bei der Frage „Schöpfung oder rein natürliche Verursachung“ nicht darum, ob hier und da ein Schöpfer in einen ansonsten natürlich verlaufenden Prozess eingegriffen hat (was man nach dem Konzept einer theistischen Evolution annehmen könnte, die hier aber nicht vertreten wird). Die Frage ist vielmehr: Hat ein natürlicher Prozess zu einem bestimmten Naturgegenstand geführt oder liegt ein Fall von Planung und zielorientierter Realisierung vor, bei dem ein Schöpfer (oder Konstrukteur, Programmierer oder Künstler) eingegriffen hat und / oder die natürlichen Gegebenheiten kreativ genutzt hat, wobei seine geistige Tätigkeit aber von vornherein entscheidend für das Hervorbringen war.

Der Design-Ansatz ist also keinesfalls ein Konkurrent zu naturwissenschaftlicher Forschung und verhindert diese auch nicht – im Gegenteil! Indizien für einen Designer werden durch Forschung entdeckt. Kenntnisse über die Natur liefern Design-Indizien, nicht das Unentdeckte. Eines der größten und leider auch verbreiteten Missverständnisse über den Design-Ansatz ist, es gehe um eine andere Naturwissenschaft oder andere Art von Forschung. In Wirklichkeit geht es aber um Interpretations-Optionen in Bezug auf Ursprungsfragen. Die naturwissenschaftliche Forschung erfolgt methodisch auf gleiche Weise, unabhängig davon, ob man vom Naturalismus oder Theismus ausgeht oder ergebnisoffen arbeitet. Die Wege trennen sich erst, wenn es um Deutungen der Forschungsergebnisse in Bezug auf Ursprungsfragen geht (Schöpfung, Evolution).


Der Fall „Schöpfung oder Evolution“ als Kriminalgeschichte

Wenn Wissenschaftler vergangene Ereignisse (Schöpfung oder Evolution) rekonstruieren möchten, arbeiten sie ähnlich wie ein Kriminalist, der einen Todesfall aufzuklären hat. War es Mord oder Selbstmord oder trat der Tod auf natürlichem Wege ein? Wenn Augenzeugen fehlen, ist nur ein Indizienbeweis möglich. Das ist kein absolut unzweifelhafter Beweis im mathematischen Sinne, sondern eine stimmige Erklärung der am Tatort gefundenen Indizien; im Idealfall gibt es nur eine einzige stimmige Erklärung und der Fall scheint gelöst zu sein. Unter Umständen bleibt der Fall aber mangels Beweisen ungelöst, weil die Indizien mehrere Szenarien erlauben.

Wenn der Kommissar seine Arbeit unvoreingenommen macht, sammelt er möglichst viele Indizien, um zu einem möglichst umfassenden Gesamtbild zu kommen, und er wird allen Spuren nachgehen. Vor allem: Er ist für alle möglichen Antworten offen. Ein Kommissar, der eine der möglichen Erklärungen grundsätzlich ausschließen würde, hat seinen Beruf verfehlt. Oder was würden Sie von einem Kommissar halten, der „Mord“ von vornherein ausschließen würde mit der Begründung, es müsse unter allen Umständen eine Erklärung dafür geben, dass der Tod auf natürlichem Wege eingetreten sei? Die Möglichkeit, dass ein Täter absichtsvoll gehandelt habe, dürfe nicht berücksichtigt werden?

Genauso fragwürdig ist aber tatsächlich die Herangehensweise der überwältigenden Mehrheit der heutigen Biologen in ihren Forschungen zur Entstehung des Lebens und zur Geschichte der Lebewesen. Die Möglichkeit, dass ein Schöpfer absichtsvoll gehandelt hat und dass daraus die korrekte Erklärung folgt, wird prinzipiell ausgeschlossen, angeblich aus methodischen Gründen, aber in Wirklichkeit ist es eine Vorentscheidung in der Sache. Mindestens wird die Spur einer Schöpfung gewöhnlich nicht verfolgt. Nur ein Zitat von vielen, das diese Einstellung verdeutlicht: „Selbst wenn alle Daten auf einen intelligenten Schöpfer weisen, würde eine solche Hypothese aus der Wissenschaft ausgeschlossen werden, weil sie nicht naturalistisch ist.“[1] Dieses Zitat besagt: Die Wissenschaftlergemeinschaft ist faktisch darauf festgelegt, dass es auf alle Ursprungsfragen eine naturalistische Antwort geben muss. „Schöpfung“ sei auszuschließen, da dies unwissenschaftlich sei. Damit aber wird ein Grundprinzip wissenschaftlichen Arbeitens aufgegeben, nämlich die Suche nach der zutreffenden Antwort.[1] Stattdessen wird die „beste“ naturalistische Antwort gesucht. (In Anführungszeichen deshalb, weil falsche Antworten nie die besten sein können.) Es gibt also gute Gründe dafür, dass diese verengte Suche ein Holzweg ist.


II. Zum Vortrag „Glaube und Zweifel“ von Christiane Tietz

Teil I soll helfen, die Aussagen von Christiane Tietz einordnen und kommentieren zu können. Frau Tietz äußert sich zu Gottesbeweisen, speziell zum teleologischen Gottesbeweis nach Thomas von Aquin[5], und leitet anschließend zum Ansatz des „Intelligent Design“ (ID) über, der im Folgenden wie in Teil I kurz als „Design-Ansatz“ bezeichnet werden soll. Sie beginnt mit der Erklärung, wie der Begriff „Gottesbeweis“ im Mittelalter verstanden wurde: „Es ist vernünftig, an Gott zu glauben. Glaube und Vernunft widersprechen sich nicht.“ Einen Beweis im mathematischen Sinne gibt es hier nicht.

In der Diskussion um „Gottesbeweise“ ist es wichtig zu klären, was mit „Gottesbeweis“ gemeint ist. So kann es in der Frage nach Schöpfung versus Naturalismus nur darum gehen, ob die Annahme des Wirkens eines Schöpfers wahrscheinlicher ist als die Annahme, dass ein Schöpfer keine Rolle bei der Entstehung des Kosmos oder der Lebewesen spielte. Für einen Apologeten würde sogar genügen, wenn die Annahme eines Schöpfers als vernünftige Option aufgezeigt werden kann. Hier werden jedoch oft völlig überzogene Forderung an die theistische Position gestellt, so als …

  • sei die Beweislast einseitig auf der Seite des Design-Ansatzes,
  • müssten naturalistische Erklärungen widerlegt werden,
  • sei der Naturalismus bis zum Beweis des Gegenteils als wahr anzunehmen,
  • müsse der Theist sogar den Unmöglichkeitsbeweis führen, dass naturalistische Hypothesen (z. B. der Entstehung des Lebens) prinzipiell scheitern werden.

Aber selbstverständlich sind (auch) Naturalisten hinsichtlich ihrer eigenen Behauptungen in der Begründungspflicht und können nicht einfach dem Gegner einen Unmöglichkeitsbeweis aufbürden. Sie selbst müssen z.B. hinreichend starke Indizien für eine rein natürliche Entstehung des Lebens vorlegen, genauso wie Befürworter des Design-Ansatzes Indizien für Schöpfung zusammentragen müssen. Es geht also immer um einen Vergleich: Welche Position hat die überzeugenderen Indizien auf ihrer Seite?


Der teleologische Gottesbeweis nach Thomas von Aquin

Beim teleologische Gottesbeweis nach Thomas von Aquin handelt es sich um den sogenannten „Fünften Weg“ seiner Gottesbeweise. Beispielhaft sei sein Argument anhand der Flugbahn eines Pfeiles erläutert: Thomas von Aquin schließt aus der Tatsache, dass der auf ein Ziel fliegende geistlose Pfeil nicht selber zielorientiert ist, dass es ein dahinterstehendes Ziel bzw. eine entsprechende Absicht geben muss. Diese ist natürlich im Geist des Schützen zu finden. Diesen Gedanken wendet er auf die Welt als Ganzes an und schließt auf Gott, der sie in Bewegung gesetzt hat.
Die Originalformulierung findet man hier: http://www.k-l-j.de/068_gottesbeweise_thomas_aquin.htm


Das Design-Argument in biologischer Sicht

Kommen wir zum Vortrag von Frau Tietz zurück. Die Referentin weist zunächst unter Berufung auf Kant den teleologischen Gottesbeweis von Thomas von Aquin (siehe Kasten) zurück. Dessen Beweisführung gelte nach Kant nur in der sinnlichen Welt. Den Rückschluss auf Gott könne man nicht machen, weil er kein Gegenstand der sinnlichen Welt (in Raum und Zeit) ist. Dieser Rückschluss sei prinzipiell nicht möglich.[6] Mit dieser Kritik kommt sie anschließend auf den Design-Ansatz in der Biologie zu sprechen, den sie mit dem teleologischen Gottesbeweis von Thomas in Verbindung bringt. Diese Verbindung ist nicht ganz korrekt, da es bei Thomas um teleologische (d.h. zielorientierte) Bewegungen geht (die ohne personale Ursache letztlich nicht verstanden werden können), während der zentrale Aspekt beim Design-Argument die Zweckmäßigkeit bzw. Funktionalität biologischer Strukturen ist.[7] Organe oder biologische Konstruktionen können nur dann eine Funktion ausüben, wenn mehrere Teile ausgebildet und passend aufeinander abgestimmt sind. Daraus ergibt sich das Argument der „nichtreduzierbaren Komplexität“. Es besagt zum einen, dass ein Minimum an Teilen und deren Abstimmung nicht reduziert werden darf, ohne einen totalen Funktionsausfall zu haben (in Bezug auf die Funktion des Systems). Zum anderen heißt dies, dass dieses Minimum an nichtreduzierbarer Komplexität komplett vorhanden sein muss und nicht schrittweise durch Versuch und Irrtum in einem natürlichen Evolutionsprozess aufgebaut werden kann. Denn Vorstufen wären nicht funktional und könnten in Bezug auf die Funktion des ganzen Systems nicht durch Selektion ausgelesen werden, sondern würden viel eher abgebaut, bevor weitere aufbauende Schritte folgen.

Frau Tietz charakterisiert den Design-Ansatz korrekt: Ein intelligenter Designer sei aufgrund der Gegebenheiten in der Natur erschließbar; eine planvolle Zusammenstellung von Teilen könne man nur auf einen Schöpfer zurückführen, und zwar notwendigerweise. Als Beispiele nennt sie komplexe Strukturen wie Auge oder Flügel. Naturgesetze würden nicht ausreichen, solche Strukturen hervorzubringen.

„Was sagen Biologen dazu?“ fragt Frau Tietz und meint, sie würden darauf verweisen, dass es weniger komplexe Formen gebe, die auch irgendwie funktionieren, nicht nur die vollendete Form. Als Beispiel nennt sie Lungen von Lungenfischen, die einfacher gebaut sind als Lungen von Landwirbeltieren. Das Beispiel ist jedoch denkbar schlecht gewählt, weil alle diese Lungen eine Lungenfunktion ausüben, während es beim Design-Argument der nichtreduzierbaren Komplexität um die erstmalige Entstehung einer minimalen Lungenfunktion geht.[8]

Außerdem – so würden Biologen behaupten – sei eine scharfe Abgrenzung zwischen funktional und nicht funktional gar nicht möglich; etwas könne auch „ein bisschen“ funktionieren. Ein Beispiel dafür nennt sie nicht. Aber davon abgesehen setzt „ein bisschen funktionieren“ de facto ein Funktionieren voraus; eine biologische Zelle, die „ein bisschen funktioniert“, sprich: auf jeden Fall lebt, ist mit einer Erbinformation einschließlich Auslese- und Reparaturvorrichtungen, zahlreichen Proteinen, einer funktionalen Zellmembran u. v. m. bereits hochkomplex und spezifisch aufgebaut. Dasselbe gilt z.B. für ein Echolotsystem bei verschiedenen Säugern, die bereits „ein bisschen“ funktionieren.
Es ist also gerade die Frage, auf welchem Wege eine neue, vorher nicht realisierte Minimalfunktion zustande kommt. Ohne eine Minimalfunktion kann nicht auf die betreffende Funktion ausgelesen werden und wenn eine Minimalfunktion viele aufeinander abgestimmte Schritte (Mutationen) erfordert, sind nach allem, was wir wissen, die bekannten Evolutionsmechanismen klar überfordert. Das wird heute auch von einer Reihe von Evolutionsbiologen eingeräumt.[9] Auch dieser Einwand geht am Kern des Arguments vorbei.

Hier kann natürlich keine Detaildiskussion geführt werden; dies ist an anderer Stelle erfolgt und es sei auf den in Anmerkung 10 genannten Grundsatzartikel verwiesen. Es sei nur noch angemerkt, dass es zahlreiche andere Arten von Design-Argumenten in der Biologie gibt: Das Argument der nichtreduzierbaren Komplexität ist sicher besonders populär, aber nur eines unter vielen.[10] Man kann Frau Tietz als Theologin vielleicht keinen Vorwurf machen, dass sie hier nicht besser und ausgewogener informiert ist. Es ist aber fahrlässig, auf dünner Kenntnisdecke einen Ansatz als untauglich hinzustellen.

Das Design-Argument in theologischer Sicht

Mehr Zeit verwendet Frau Tietz im Folgenden darauf, den Design-Ansatz theologisch zu kritisieren. Dabei greift sie nochmals auf biologische und methodologische Aspekte zurück.

Ihr erster Punkt: Beim Design-Ansatz werde Gott als Ursache „innerhalb des Weltbildes“ gesehen. Phänomene, die wir nicht erklären können, müssten von Gott verursacht worden sein. Der Gottesbegriff, wonach Gott innerhalb der Kausalkette wirke, sei problematisch. Gott werde als Arbeitshypothese verwendet, die man einsetzt, wenn man nicht mehr weiterwisse. Man dürfe Gott nicht in Erklärungslücken stecken; Gott werde sonst zum Lückenbüßer; der sich durch Wissensfortschritt auf einem fortgesetzten Rückzug befinde.

Diese scheinbare Kurzform des Arguments („Phänomene, die wir nicht erklären können, müssen von Gott verursacht worden sein“) wird aber von keinem Befürworter vertreten, es ist lediglich eine (leicht angreifbare) Karikatur. Frau Tietz bringt wie viele andere Redner oder Autoren keine Originalzitate von Befürwortern des Design-Ansatzes. Das Problem ist hier eine unklare Rede von „Lücken“ und eine Unklarheit darüber, welche „Phänomene“ überhaupt gemeint sind, die nicht erklärt werden.

Da die „Lückenbüßer“-Kritik sehr populär ist, soll darauf nochmals etwas ausführlicher eingegangen werden.[11]

  1. Es ist notwendig, zwischen Wissenslücken und Erklärungslücken zu unterscheiden. Beim Design-Ansatz geht es um letztere und zwar um Erklärungslücken in Bezug auf die vergangene, erstmalige Entstehung von Naturgegenständen. Tatsächlich gibt es viele Beispiele dafür, dass das Schließen von Wissenslücken die Erklärungslücken im Rahmen des Naturalismus vergrößert.[12] Der Design-Ansatz wird nicht durch Wissenslücken begünstigt; vielmehr muss sich zeigen, ob sich durch Erweiterung unserer Kenntnisse der Design-Ansatz bewährt oder ob er fallen gelassen werden kann. Die Erweiterung unseres Wissens ist eine Prüfmöglichkeit für den Design-Ansatz und im Erfolgsfalle führt das zu seiner Stärkung. Das gilt vice versa auch für den naturalistischen Ansatz. Auch im Rahmen dieses Ansatzes stellt sich die Frage, ob das Schließen von Wissenslücken naturalistischen Deutungen stärkt oder schwächt.
    Es geht auch nicht darum ob Gott „zwischendurch immer wieder mal eingreift“ und „bestimmte Sachen gemacht hat, die wir anders noch nicht verstehen“, wie Frau Tietz mutmaßt, sondern darum, ob es Indizien dafür gibt, dass Gott, der außerhalb seiner Werke steht, von vornherein geplant und zielorientiert gehandelt hat. Gottes Schöpferhandeln kann natürlich weder demonstriert noch modelliert werden, und am allerwenigsten ist es in irgendwelchen Lücken zu finden. Der eingangs genannte Vergleich mit einem Computer macht es klar: Der Konstrukteur findet sich ja auch nicht in Lücken unseres Verständnisses über die Funktionsweise des Computer, sondern befindet sich außerhalb des Systems, das ohne sein Wirken nicht verstanden werden kann.
  1. Von Lücken zu sprechen, macht zudem nur dann Sinn, wenn das Ganze in Grundzügen bekannt ist, so dass das Fehlende als Lücke zu bezeichnen ist. Daraus folgt: Die Behauptung von Lücken in erklärenden naturalistisch-evolutionären Hypothesen beinhaltet, dass das zu Beweisende vorausgesetzt wird (dass es das „Ganze“, also eine naturalistische Erklärung gibt, die jedoch noch nicht geliefert wurde). Das zu Beweisende wird in doppelter Hinsicht vorausgesetzt, nämlich dass die „Lücke“ naturwissenschaftlich geschlossen werden kann und dass es sich überhaupt um das Fehlen eines Teils in einem vorausgesetzten existierenden Ganzen handelt.
    x
  2. Die Erklärung durch geistige Verursachung ist nicht in den Lücken einer naturwissenschaftlichen Ursprungshypothese zu verorten und ergänzt eine solche auch nicht, sondern sie ist eine Alternative zu einer solchen Hypothese, weil ein anderer Prozess im Fokus steht. Mit Design werden also nicht Lücken geschlossen, sondern ein anderer Erklärungstyp anstelle eines gescheiterten naturwissenschaftlichen Erklärungsversuchs ins Spiel gebracht.

Daraus folgt: Falls ein (Natur-)Gegenstand nur durch einen kreativen Akt entstehen kann, werden naturalistische Entstehungshypothesen scheitern und aus der Sicht des Naturalismus wird dies notwendigerweise als (stets auf vorläufiges Nichtwissen basierende) „Lücke“ erscheinen – aber eben nur aus dieser Sicht (s. o.).

Fazit zum ersten Punkt. Wichtig ist die Unterscheidung zwischen bloßen Wissenslücken und Erklärungslücken. Wissenslücken können geschlossen werden. Erklärungslücken können sich als grundsätzlich herausstellen und damit auf Grenzen natürlicher Prozesse verweisen. Die unklare Rede von Lücken und das Vermischen der verschiedenen Arten von „Lücken“ führen zu Scheinargumenten und Irreführung.

Entsprechend müssen die Fragestellungen nach Aufbau und Funktion eines Naturgegenstands einerseits und nach seiner Entstehung andererseits unterschieden werden. Auch diese Unterscheidung wird oft nicht beachtet; auch dadurch kommt es zu irreführenden Argumenten. Die häufig wiederholte Behauptung, zunehmende Kenntnisse würden die Lücken unseres Wissens verkleinern, trifft nachweislich nur auf das Funktionieren zu. Dagegen ist die Entwicklung in der Frage nach Mechanismen der Entstehung von Naturgegenständen uneinheitlich und von Fall zu Fall gesondert zu beurteilen; der Wissenszuwachs lässt die Fragen nach der Entstehung oft noch schwieriger werden.

Ein zweiter Punkt: Frau Tietz weist darauf hin, dass Naturwissenschaften methodisch ohne Gott im Experimentalbereich arbeiten müssen. Naturwissenschaftler müssten so argumentieren, dass Gott nicht vorkommt. Richtig verstanden ist das korrekt und eine methodisch sinnvolle Beschränkung.[13] Nun behauptet Frau Tietz aber weiter, Befürworter des Design-Ansatzes würden die Naturwissenschaften dafür kritisieren, dass sie methodisch ohne Gott arbeiten und damit ein gottloses Weltbild vertreten. Das ist bestenfalls ein grobes Missverständnis. Es sei dazu an das im Teil I Gesagte erinnert: Es geht nicht um eine andere Art von Naturwissenschaft, sondern darum, die Daten der Naturwissenschaften als Indizien heranzuziehen, um die Frage zu beantworten, ob eine natürliche oder eine schöpferische (geistige) Verursachung bei der erstmaligen Entstehung eines Naturgegenstandes wahrscheinlicher ist. Die naturwissenschaftliche Forschung erfolgt aber methodisch auf gleiche Weise, unabhängig davon, ob man ihre Ergebnisse im Rahmen des Naturalismus oder aus der Schöpfungsperspektive deutet.

An dieser Stelle fehlt im Vortrag von Frau Tietz eine weitere wichtige Unterscheidung, nämlich die Unterscheidung zwischen dem Experimentalrahmen (wo das Wirken Gottes mit den Methoden der Naturwissenschaften gar nicht berücksichtigt werden kann) und dem naturhistorischen Bereich, in dem nicht experimentell gearbeitet werden kann und auch die Fragestellung in der Regel eine andere ist.[14] Wird dieser Unterschied nicht beachtet, gerät einiges durcheinander. Vor allem läuft es darauf hinaus, Gottes Wirken nicht nur methodisch, sondern auch faktisch auszuschließen. Denn wenn man Gottes Wirken in Ursprungsfragen methodisch ausschließt, bedeutet das, dass man sich in naturhistorischen Fragen auf Erklärungen mit ausschließlich natürlichen Prozessen und somit auf gesetzmäßig Beschreibbares und zufällige Faktoren beschränkt und prinzipiell nur solche Erklärungen zulässt. „Methodischer Naturalismus“ oder „methodischer Atheismus“ läuft somit letztlich auf einen weltanschaulichen Naturalismus bzw. Atheismus hinaus. Denn warum forscht man so, „als ob“ es X, Y und Z nicht gäbe bzw. irrelevant sei? Der einzig klare Grund kann nur sein: Weil man entweder glaubt, dass es X, Y und Z tatsächlich nicht gibt oder es als irrelevant für den Forschungsgegenstand betrachtet (d. h. hier: nicht als Schöpfer gehandelt hat).

Ein dritter Punkt. Christiane Tietz verweist auf Martin Luthers Erklärung zur Schöpfung im Kleinen Katechismus, wonach Schöpfung auch natürlich erklärbare Dinge wie „Kleider und Schuh, Essen und Trinken, Haus und Hof, Weib und Kind, Acker, Vieh und alle Güter“[15] einschließt. Doch Luther kann keinesfalls als Kronzeuge dafür angeführt werden, dass auch die Schöpfung insgesamt sich durch natürliche Prozesse entfaltet hat. Vielmehr beschreibt Luther hier eine Lehre, die auch als concursus divinus bezeichnet wird (das bedeutet „göttliche Mitwirkung“), deren Inhalt das Wirken Gottes auch nach Abschluss der Schöpfung am Anfang meint und die der deistischen Vorstellung entgegensteht, Gott greife nach vollendeter Schöpfung nicht mehr in den Lauf der Welt ein. Oft wird dies auch als creatio continua[16] bezeichnet und von der creatio originalis unterschieden. In Teil I wurde bereits ausgeführt, dass die Heilige Schrift vielfach und in vielerlei Zusammenhängen Gottes besonderes Schöpfungshandeln bezeugt. Biblisch gesehen kann Gottes Schöpfungshandeln nicht auf seine Fürsorge reduziert werden; das ist auch nicht die Absicht Luthers mit seinen Formulierungen im Kleinen Katechismus.

Viertens. Schließlich kritisiert Frau Tietz allgemein an den Gottesbeweisen (und implizit am Design-Ansatz), es handle sich um den Versuch, über Gott aus einer neutralen Warte heraus zu reden. Sie verweist auf den Theologen Werner Elert, der die Gottesbeweise als klassisches Beispiel menschlicher „Abstandshaltung“ (Gott gegenüber) ansieht. Man finde zwar heraus, dass es Gott gebe, aber der habe mit mir erst mal gar nichts zu tun. Das sei aber nicht der Gott, der den Menschen beansprucht. Es sei nicht der Gott der biblischen Texte, der in Beziehung mit den Menschen stehen wolle. Frau Tietz zitiert in diesem Zusammenhang auch den Theologen Rudolf Bultmann, wonach wir von Gott nur reden könnten, wenn wir von uns selber reden[17] und das mache ein Gottesbeweis nicht. Es gehe darin nicht um das, was Gott für mich bedeutet. Der Gottesbeweis rede vielmehr distanziert.

Dieser Ansatz ist allein schon deshalb deplatziert, weil durch ihn ein Sachargument „widerlegt“ werden soll, indem man versucht diejenigen, die es vorbringen, zu psychologisieren, also ihnen z.B. bestimmte Motive zu unterstellen. Aber genauso wenig kann man z. B. die die Allgemeine Relativitätstheorie widerlegen, indem man Albert Einstein bestimmte Motive unterstellt.

Der Aspekt der existentiellen Herausforderung betrifft zudem das Thema „Gottesbeweise“ gar nicht. Mit den Gottesbeweisen (im oben erläuterten Sinne) ist nicht der Anspruch verbunden, die Existenz des Gottes der Bibel oder gar seine besonderen Attribute nachzuweisen. Es geht vielmehr darum aufzuzeigen, dass es vernünftig und nicht gegen naturwissenschaftliches Wissen ist, an einen Schöpfer zu glauben. Wie im Teil I erläutert, endet Apologetik (und mit ihr die Gottesbeweise) an der Stelle, wo eine persönliche Antwort gefragt ist. Die Betrachtung der Natur kann in der Tat nicht klar aufzeigen, wie Gott ist, außer dass er sehr intelligent und mächtig sein muss. Genau das geht aus der eingangs zitierten Passage aus dem ersten Kapitel des Römerbriefes hervor: Die Schöpfung weist auf Gottes „unsichtbares Wesen“, seine „ewige Macht“ und „göttliche Größe“. Von der Liebe und Heiligkeit Gottes, von seiner Barmherzigkeit, von seinem Interesse mit dem Menschen in Beziehung zu treten, von seinem selbstlosen Einsatz für die Menschen bis zum bitteren Kreuzestod und davon, dass er Auferstehungskraft hat und den Jesus-Nachfolgern ewiges Leben verheißt und von vielem anderem  ist an dieser Stelle nicht die Rede. Das alles von Apologetik zu erwarten und ihr gleichsam vorzuwerfen, dass sie nicht auch noch zu diesen Erkenntnissen führe, die wir doch nur durch Gottes Offenbarung in seinem Wort erlangen können, wäre unangemessen und entspräche auch nicht dem Anspruch, der mit Apologetik eingelöst werden soll. Gute Apologetik versucht, Menschen auf Jesus Christus hin zu lenken und zu seinem Wort zu führen. Es ist nicht nachvollziehbar, weshalb Apologetik hierfür in irgendeiner Weise hinderlich sein soll.[18]

„Wo gibt es dennoch einen Ort für das Denken?“

Nach diesen Ausführungen über die Distanziertheit und die vermeintliche Gefahr der Irreleitung durch Gottesbeweise wirft Frau Tietz die Frage auf: „Wenn es so ist, dass das Denken diesen Gott nicht beweisen kann, … gibt es dennoch die Möglichkeit, nachzudenken über Gott, ohne dass der Glaube dabei verloren geht?“ Diese Frage wird bejaht, denn zum christlichen Glauben gehöre auch das Verstehen. Es gehe um ein Hinterherdenken dem, was man glaubt, um eine kritische Reflexion über das, was man glaubt. Sie akzeptiert ein Nachdenken dem, was vorgegeben ist, nämlich Gottes Selbstoffenbarung in Christus. Man könne über den Glauben nachdenken; wie das im Glauben Geglaubte zu verstehen ist. Aber was ist, wenn genau dagegen unter Berufung auf Wissenschaft Einwände erhoben werden? Dann muss man wohl oder übel sich doch apologetischer Arbeit unterziehen. Frau Tietz fragt selber: „Wenn man behaupten würde, man darf noch nicht einmal anfangen, die Lehren des Christentums zu hinterfragen, sonst geht der Glaube kaputt, dann würde man den Menschen zwingen, seinen Verstand quasi vor der Kirchentür abzugeben, und das kann langfristig nicht gut gehen, weil der Mensch auch ein Verstandeswesen ist.“ Ja, natürlich soll niemand von kritischem Nachdenken abgehalten oder dafür getadelt werden. Aber auf solche kritische Fragen gibt es in vielen Fällen gute apologetische Antworten.[19] Warum Frau Tietz, wie es scheint, einer positiv argumentierenden Apologetik nichts abgewinnen kann, ist unverständlich. Denn mit demselben Verstand, mit dem wir das Geglaubte denkerisch durchdringen und der dabei Fragen aufwirft, können wir auch versuchen, Antworten zu geben, die die Glaubwürdigkeit der Bibel auch in ihren historischen  Aussagen stützen und den Glauben zu stärken, dass die Bibel Gottes verlässliches Wort an uns ist. Genau aus diesem Grunde ist christliche Apologetik unverzichtbar. Und ein wichtiger Teil von ihr ist der Design-Ansatz.


Internet-Artikel zur Vertiefung

Markus Widenmeyer und Reinhard Junker:
Der Kern des Design-Arguments in der Biologie und warum die Kritiker daran scheitern http://www.wort-und-wissen.de/artikel/a22/a22.pdf

Reinhard Junker:
Das Design-Argument in der Biologie – ein Lückenbüßer?
http://www.wort-und-wissen.de/artikel/a19/a19.pdf

Reinhard Junker:
Das Design-Argument und der Bastler-Lückenbüßer-Gott
http://www.wort-und-wissen.de/artikel/a07/a07.pdf

Reinhard Junker:
Nichtreduzierbare Komplexität https://www.genesisnet.info/pdfs/Irreduzible_Komplexitaet.pdf

Markus Widenmeyer:
Kann man die Existenz Gottes beweisen? https://www.afet.de/download/2016/WidenmeyerJETh2016Endfassung.pdf

[1]siehe dazu den Abschnitt „Der Kern des Design-Ansatzes“

[2]Vgl. Boris Schmidtgall: Die Intoleranz des Naturalismus. http://www.wort-und-wissen.de/disk/d18/2/d18-2.html

[3] Im Rahmen z.B. unseres Alltagslebens, der Kriminalistik, der Archäologie bis hin zur Suche nach Außerirdischen wird ebenfalls der Design-Ansatz verwendet, um zwischen intelligent verursachten Signalen und natürlichen Sachverhalten zu unterscheiden, jedoch zielt er hier auf innerweltliche intelligente Urheber.

[4] Siehe z. B.: Markus Widenmeyer und Reinhard Junker: Der Kern des Design-Arguments in der Biologie und warum die Kritiker daran scheitern. http://www.wort-und-wissen.de/artikel/a22/a22.pdf

[5] Sie benutzt den Begriff „teleologischer Gottesbeweis“ zwar nicht. Er ist aber der Sache nach gemeint (vgl. Kasten „Der teleologische Gottesbeweis nach Thomas von Aquin“).

[6] So könne man aus dem Brennen des Dornbusches bei Mose auch nicht auf Gott schließen. Dieses Beispiel taugt allerdings nicht als Veranschaulichung des „Fünften Wegs“ von Thomas, da es hier nicht um einen teleologischen Vorgang geht. Davon abgesehen war es nicht das Feuer an sich, das bei Mose Erstaunen hervorrief, sondern der Umstand, dass der Dornbusch trotz Feuer nicht verbrannte.

[7] Siehe auch die Diskussion zu Kant bei Markus Widenmeyer, Kann man die Existenz Gottes beweisen? https://www.afet.de/download/2016/WidenmeyerJETh2016Endfassung.pdf

[8] Näheres dazu in einem ausführlichen Grundsatzartikel zur kritischen Diskussion des Arguments der nichtreduzierbaren Komplexität hier:

https://www.genesisnet.info/pdfs/Irreduzible_Komplexitaet.pdf.

Außerdem ist dieses Argument nach M. Behe, Darwin’s Black Box (1996) nur auf einzelne Systeme, nicht auf Komplexe von Systemen wie ganzen Organen (z. B. der Lunge) anwendbar. Näheres dazu im verlinkten Artikel.

[9]So z.B. R. Junker, Entstehung evolutionärer Neuheiten – ungelöst! https://www.genesisnet.info/schoepfung_evolution/n243.php. Die betreffenden Evolutionskritiker lehnen Evolution als Rahmenparadigma allerdings nicht ab.

[10]Die Plastizität der Lebewesen (individuelle Anpassungsfähigkeit der Lebewesen bei speziellen Umwelteinflüssen), die überaus häufigen und komplexen Konvergenzen (mehrfach unabhängig entstandene ähnliche Konstruktionen), Beispiele von Optimalität (z. B. beim genetischen Code), Robustheit, Redundanz oder spielerische Komplexität (phantasievolle Merkmale, die keinen erkennbaren selektierbaren Nutzen bringen. Näheres im unter Anm. 3 verlinkten Artikel.

[11] Noch ausführlicher wird auf die Kritik, es werde mit einem Lückenbüßer argumentiert, im Beitrag „Das Design-Argument in der Biologie – ein Lückenbüßer?“ eingegangen: http://www.wort-und-wissen.de/artikel/a19/a19.pdf

Theologische Fragen im Zusammenhang mit dem angeblichen Lückenbüßer-Problem werden hier behandelt: „Das Design-Argument und der Bastler-Lückenbüßer-Gott“: http://www.wort-und-wissen.de/artikel/a07/a07.pdf

[12]Zwei Beispiele dafür sind die Entdeckung molekularer Maschinen oder die Entdeckung intrinsisch unstrukturierter Proteine in den Zellen. (Siehe R. Junker & S. Scherer (2013) Evolution – ein kritisches Lehrbuch, Gießen, Kapitel  IV.9.7 sowie B. Schmidtgall (2018) Intrinsisch unstrukturierte Proteine. Studium Integrale Journal 25, 84-91.)

[13]„Richtig verstanden“ ist der methodische Ausschluss Gottes in den Naturwissenschaften dann, wenn nichts dazu ausgesagt wird, ob und ggf. wie Gott in den regelhaften Abläufen wirkt. Naturwissenschaft kann zum Wirken Gottes in den regelhaften Prozessen (was die Bibel bezeugt) nichts sagen; dafür ist ihre Methode nicht geeignet. Sie kann damit Gottes Wirken auch nicht aus den gewöhnlichen, regelhaften Prozessen ausschließen. (Vgl. dazu die weiter unten gemachten Ausführungen zum concursus divinus.)

[14] Experimente bezüglich des Naturhistorischen sind nur in Form von Simulationsexperimenten möglich, deren Randbedingungen aber wiederum nicht durch direkte Untersuchung ermittelt werden können. Bei naturhistorischen Fragenstellungen geht es darum, welche Ereignisse zu einer bestimmten Zeit der Fall waren. Bei Experimenten geht es darum festzustellen, welche allgemeinen (zu jeder Zeit geltenden) gesetzmäßigen Zusammenhänge bestehen.

[15] https://www.ekd.de/Kleiner-Katechismus-Zweite-Hauptstuck-13471.htm

[16] Auch wenn dieser Begriff häufig verwendet wird, halte ich ihn für unglücklich, weil es sich nicht im eigentlichen Sinne um „creatio“ handelt.

[17] Das ist eine mindestens sehr missverständliche Formulierung.

[18] Frau Tietz betont, dass Gott und Glaube zusammen gehören. Das ist natürlich richtig, aber es ist irrelevant für das Thema Gottesbeweise. Was Gott für jeden einzelnen Menschen bedeutet, ist eine weiterführende Frage, die von der Frage der Gottesbeweises nicht tangiert wird.

[19] Ein schönes neutestamentliches Beispiel dafür ist Paulus, der in 1. Kor 15 Einwände gegen die leibliche Auferstehung Jesu mit rationalen Argumenten zurückweist. Frau Tietz geht darauf ein, unterlässt aber den Hinweis, dass Paulus hier einer Art von Apologetik betreibt, deren Wert sie in ihrem Vortrag in Frage stellt.

5 Wenden, welche die Landeskirche einleiten muss

von Pfarrer David Brunner

Dieser Artikel ist zuerst am 4.2.2019 im Blog von David Brunner (https://david-brunner.de/blog/) erschienen und wird mit freundlicher Genehmigung des Autors wiedergegeben.

Ich gebe es zu: Ich bin nicht immer “amused” über den Zustand unserer Volkskirche. Da ich mich im Süden Deutschlands befinde, sind meine Überlegungen und Gedanken natürlich besonders geprägt von “meiner” Landeskirche – die evangelische Landeskirche in Baden (www.ekiba.de). Ich liebe und schätze es, in dieser Kirche zu arbeiten und zu wirken – gleichwohl muss ich nicht zu allem “Ja und Amen” sagen und sind kritische Töne erlaubt. Aber weil ich es liebe, in dieser evangelischen Landeskirche in Baden zu arbeiten, ist mir ihr “Zustand” alles andere als egal. Sie hat ein riesengroßes Potenzial, das sie noch mehr ausschöpfen könnte, wenn ihr diese fünf Wenden gelingen.

Ich schreibe bewusst von Wenden und nicht von Krisen oder Abgründen, weil ich glaube, dass Wenden immer etwas Positives beinhalten – nämlich den Turnaround, die Umkehr, den Blick auf das Bessere. Und ich bin der festen Überzeugung: Wenn die Volkskirche (ich werde den Begriff “Landeskirche” in diesem Artikel synonym verwenden) diesen Turnaround schafft, wird sie zurückfinden in die Fülle göttlicher Verheißungen. Sie kann es – wenn sie will.

Ebenso will ich den Blick nach vorne richten. Ich hoffe und bete, dass die Landeskirche diese Wenden wirklich packt. Es wäre mein großer Wunsch! Ja, ich höre viele Menschen rufen, dass die Landeskirche doch böse sei und dass sie ohnehin keine Zukunft hat. Schreit weiter, liebe Leute – ihr habt Unrecht! Ich kann euch verstehen, dass euch Dinge auf die Nerven gehen und dass ihr gerne eine veränderte Kirche sehen wollt. Ja. Das will ich auch. Ich will aber nicht nur motzen und jammern.

Ich möchte nicht beim Negativen stehenbleiben, ich möchte nach vorne schauen. Ich möchte nicht “draufhauen”, sondern bei aller Kritik auch Handlungsoptionen zeigen, welche die Wende einleiten oder bedeuten könnten. Ich möchte selbst Teil sein einer großen Veränderung innerhalb der Landeskirche – und sehe sie hier und da schon klein aber fein aufblitzen.

1 Von liberaler Intoleranz zu wirklicher Toleranz

Wer meinen Blog verfolgt, wer meine Predigten hört, wer mich kennt, der weiß: Ich bin nicht liberal. Ich bin theologisch recht konservativ, bemühe mich aber, keine Kampfbegriffe zu verwenden oder Schubladendenken zu forcieren. Ich habe das jahrelang (noch im Studium beginnend) getan und dabei rückblickend festgestellt: Das bringt nichts.

Wenn ich meinen Blick so über die kirchliche Landschaft schweifen lasse, stelle ich eine zunehmende Liberalität fest. Allerdings ist es keine gesunde Liberalität im Sinne einer pluralistischen Weltoffenheit, sondern eher eine liberale Intoleranz. Was ich meine, will ich dir an einer konkreten Begebenheit verdeutlichen, das sinnbildlich für mich für das steht, was ich mit “liberaler Intoleranz” meine:

Als sich die Synode meiner Landeskirche dafür aussprach, die “Ehe für alle” auch kirchlich zu vollziehen, wurden die Pfarrkonvente (Zusammenkunft aller Pfarrerinnen und Pfarrer eines Kirchenbezirks) unserer Landeskirche von Vertretern des Oberkirchenrates besucht. In diesen Gesprächen ging es um die Konsequenzen dieses Beschlusses auf unterschiedlichen Ebenen: liturgisch, pastoraltheologisch und kirchenrechtlich. Was ich feststellte: Wer eine theologisch konservative Meinung einnahm und diesem Synodal-Beschluss nicht positiv gegenüberstand, wurde als “ewiggestrig” und “fortschrittsfeindlich”, ja sogar als “menschenfeindlich” bezeichnet.

Ich gab dem Vertreter des Oberkirchenrats auf seine Bitte, was er denn mitnehmen solle, meine Wahrnehmung mit auf den Weg: Wer theologisch konservativ ist, kann sachlich ausgewogen argumentieren – er wird sehr oft unsachlich in eine Ecke gedrängt, die nicht wirklich angenehm ist. Er wird abgestempelt und spürt recht wenig vom “toleranten Geist” unserer Gesellschaft. Er wird belächelt, verachtet und abgestempelt.

Ich weiß nicht, was der Vertreter des Oberkirchenrates aus meiner Wortmeldung gemacht hat und ob er meine Meinung an irgendeiner Stelle eingespielt hat.

Die Landeskirche gibt sich immer sehr tolerant – ist es aber bei weitem nicht so sehr, wie sie es sich selbst auf die Fahnen schreibt. Ja, ich weiß, es gibt “theologisch Konservative” in unserer Kirche, die es auch nicht gelernt haben, sich sachlich auszudrücken und Diskussionen anständig zu führen. Das gibt Kirche aber noch lange nicht das Recht, mit theologisch Konservativen generell intolerant umzugehen. Wenn die Landeskirche es nicht lernt, wirklich tolerant zu sein, dann wird sie nicht zukunftsfähig sein, weil sie selbst immer wieder auf Menschen stoßen wird, die anderer Meinung sind als sie.

Die oft postulierte Toleranz muss allen theologischen Richtungen gelten – oder sie ist eine Schein-Toleranz. Da der postmoderne Mensch jedoch eine sehr feinfühlige Wahrnehmung dafür hat, ob es seinem Gegenüber wirklich ernst ist mit der Toleranz oder nicht, wird Kirche nur dazu gewinnen, wenn sie eine wirkliche Toleranz lebt. Eine Toleranz, die den anderen ohne Geringschätzung stehen lässt – mag seine Meinung noch so anders sein als die eigene.

Mir fällt das manchmal selbst sehr schwer. Ist doch klar, dass das keiner von Geburt an hervorragend beherrscht. Aber es wäre ein Versuch wert, sich darin zu üben, den anderen stehen zu lassen, in meinem Gegenüber einen wunderbaren Menschen zu sehen, den Gott nicht weniger liebt als mich – und der nicht zwangsläufig falsch liegen muss, nur weil er eine andere Meinung hat als ich.

Eine gesunde Streit- und Debattenkultur beginnt doch dort, wo ich den anderen nicht von vornherein wegen seiner “andersartigen Meinung” ablehne, sondern ihn annehme, stehen lasse, diskutiere und wir Gemeinsamkeiten suchen. Immer dann, wenn das in “kirchlichen Gremien” geschieht, freue ich mich. Und ich habe schon in unterschiedlichsten Konstellationen mit anderen zusammengearbeitet. Immer dann, wo eine wirkliche Toleranz gelebt wird, ist es bereichernd. Für alle.

2 Von historisch-kritischer Engführung zu hermeneutischer Vielfalt

Wenn Kirche nicht versteht, dass es mehr Auslegungsmöglichkeiten gibt, als die historisch-kritische Methode, die unsäglichen Schaden angerichtet hat, wird sie nicht zukunftsfähig sein. Zu viele Theologinnen und Theologen unterschiedlichster theologischer Ausrichtung kommen zu vielen relevanten theologischen Aussagen – ohne die historisch-kritische Methode zu verwenden. Und jetzt? Sind sie schlechte Theologen? Sind ihre Aussagen nicht gültig?

Leider erlebe ich es sehr oft, dass andere hermeneutische Konzepte als das der historisch-kritischen Methode mit einem Lächeln abgetan werden, als sei es ansteckend wie eine Krankheit oder gar tödlich.

Dabei reicht doch ein Blick in unsere kirchliche Landschaft: Landauf landab gibt es unzählige Gemeinden und Gottesdienste innerhalb der evangelischen Landeskirche. Würde die historisch-kritische Methode einen solchen Ertrag bringen, wie ihre Vertreter immer meinen, hätten wir nicht unbedingt volle Kirchen, müssten aber mit Mitglieder- und Gottesdienstbesucherwachstum rechnen. Das Gegenteil ist der Fall. Seit Jahren schrumpfen die Mitgliederzahlen der Landeskirchen und die Zahl der Gottesdienstbesucher hält sich penetrant bei 3 bis 4 Prozent ihrer Mitglieder, die ja zurückgehen – weswegen auch der absolute Gottesdienstbesuch zurückgeht.

Nein, die historisch-kritische Methode hat nicht das Zeug dazu, für eine Erweckung in unserer Kirche zu sorgen. Vielmehr hat sie dazu geführt, dass Sonntag für Sonntag noch jede Menge leere Plätze in den Kirchen zu finden sind, die gefüllt werden könnten. Klar: Kaum ein Theologe vertritt die historisch-kritische Methode in Reinform und gleichzeitig gibt es Arbeitsschritte innerhalb dieser Methode, die einen großen Wert haben. Mir geht es um die Vorherrschaft dieser Methode in der Ausbildung und im Schriftverständnis.

Eine Hermeneutik muss dem unverfügbaren Wirken des Heiligen Geistes offen gegenüber stehen und mit wirklichen Wundern rechnen, wenn sie der Kirche einen Weg in die Zukunft ebnen will. Eine Hermeneutik, die dem Diktat der Rationalität unterworfen ist, wird dem Menschen auch nur so viel Gewinn bringen, wie der menschliche Verstand zu fassen vermag. Gottes Wirken jedoch wird dann beim besten Willen kaum damit verbunden sein, da dieses sich unserem menschlichen Verstand oft entzieht und diesen bei weitem übersteigt.

Darüber hinaus wird es die Kirche wieder dorthin bringen, wo alles begann und was – besser: wer – immer Zentrum von Kirche ist: Jesus Christus selbst. Ich glaube, dass eine hermeneutische Vielfalt uns nicht nur aus der Enge der historisch-kritischen Methode befreit sondern auch aus der Vergessenheit darüber, dass Jesus Christus Anfänger und Vollender ist (Hebräer 12,2), der selbe gestern, heute und in alle Ewigkeit (Hebräer 13,8) und dass es um ihn geht als dem einzigen Weg zum Vater im Himmel (Johannes 14,6).

Konkret niederschlagen würde sich diese Wende in der Anerkennung anderer theologischer Abschlüsse als die, die an einer Universität oder “evangelischen Hochschule” erworben wurden. An vielen theologischen Seminaren und “Bibelschulen” wird (inzwischen) so sauber theologisch gearbeitet, dass es nicht intolerant ist, solche Abschlüsse nicht anzuerkennen, sondern schlicht und einfach arrogant. Im besten Fall geschieht dies aus Unwissenheit darüber, was an diesen theologischen Hochschulen gelehrt wird. Dauerhaft ist dieses Verhalten jedoch nicht förderlich und schon gar nicht zukunftsfähig. Denn auch der evangelischen Kirche geht das Personal aus – und obendrein noch das Geld. Da ist es schon rein strukturell nur gut, wenn sie sich anderen hermeneutischen Konzepten öffnet. Wobei ich es vor allem aus inhaltlicher Sicht natürlich einen maximalen Gewinn finde, wenn sich die Landeskirche dahingehend weiterentwickelt und eine Wende einleitet, dass sie auch Absolventen von theologischen Seminaren und Bibelschulen als kirchliche Mitarbeiter anerkennt.

3 Von liturgischen Absurditäten zu gottesdienstlicher Relevanz

Liebe Kolleginnen und Kollegen, bevor ihr nun eure Fingernägel wetzt, um mir an die Gurgel zu springen, gebt mir die Chance, zu erklären, was ich meine – und was nicht.

Ich sage nicht, dass die liturgische Form an sich weltfremd wäre. Ich will damit auch nicht sagen, dass eine traditionell-liturgische Form für den Gottesdienst keine Daseinsberechtigung mehr hat.

Ich glaube, das Problem liegt viel tiefer: Ein Großteil meiner Kolleginnen und Kollegen hat in ihrer Ausbildung nie gelernt, wie man Gottesdienste auch anders als mit Orgel, Wechselgesang und jahrhundertealten Ausdrucksweisen feiern kann. Auch das wäre noch nicht ganz so tragisch, wenn nicht obendrauf dann etwas viel Schlimmeres geschieht: Die Ansicht, neue Gottesdienstformen seien nicht nötig, sie seien eine Zeiterscheinung und man müsse die Gemeinde nur so weit erziehen und das ein oder andere liturgische Element erklären, so dass die liturgische Form des Gottesdienstes als Alleinstellungsmerkmal akzeptiert wird.

Ja, liebe Leserin, lieber Leser, falls du dir nun die Augen verwundert reibst: Diese Auffassung von Gottesdienstgestaltung gibt es – leider. Und sie hat überhaupt nichts damit zu tun, dass die Landeskirche gemeinhin auch “Volkskirche” genannt wird, da sie mit dieser klassischen Form Untersuchungen zu Folge nur zwei, maximal drei Milieus von zehn innerhalb unserer Gesellschaft erreicht. Aber wie soll sie auch zur Volkskirche werden, wenn ihre Mitarbeitenden niemals darin geschult und unterrichtet werden, das gesamte Volk im Blick zu haben, sondern lediglich die zwei bis drei Milieus, zu denen Kirche ohnehin schon einen relativ positiven Kontakt hat? Ein Teufelskreis – wenn dieses Wort im kirchlichen Kontext nicht so unangebracht erschiene.

Wieso um alles in der Welt lernen Theologinnen und Theologen in ihrer Ausbildung (Vikariat) nicht auch, wie man Gottesdienste in zeitgemäßer Form feiert mit zeitgemäßen Instrumenten und einer zeitgemäßen Sprache? Mit Elementen und Medien, die der Mensch von heute kennt und (ge-)braucht? Und damit meine ich nicht, dass man sich “die Sache mal anschaut” und das gleiche als ein nettes “Add-On” dargestellt wird, sondern dass in gleicher Intensität auch das Feiern von Gottesdiensten in anderer als in klassisch-liturgischer Form eine Rolle spielt.

Wieso diese Vorrangstellung des traditionell-liturgischen Gottesdienstes? Für mich gibt es auf diese Frage nur zwei Antworten, die mich aber nicht zufriedenstellen. Die eine Antwort ist der Satz, der bei Kirchen-Bingo dir den Sieg sichert: “Das war schon immer so!” Die zweite Antwort ist noch beunruhigender: Es fehlt schlicht und einfach an entsprechender Kompetenz auf Seiten der Lehrenden und Lernenden.

Also begnügt man sich damit, den Gottesdienst in seiner liturgischen Form weiterzufeiern, hier und da ein bisschen zu pimpen und für die Unverbesserlichen installiert man dann ein “zweites Programm”, einen “anderen Gottesdienst”, etwas “für Gäste” – als ob es weniger Wert wäre als das “erste Programm” – zumindest ist es hierarchisch abgestuft und nur das zweite, nicht das erste Programm.

“Aber die Bibel ist doch auch ein uraltes Buch und dennoch zeitgemäß”, höre ich dann immer wieder andere sagen. Das stimmt. Aber ich bin nicht so vermessen, meine Form des Gottesdienstes mit dem ewig gültigen Wort Gottes gleichzusetzen.

Ich komme beim letzten Punkt noch ausführlicher darauf zu sprechen. Aber wieder treibt mich eine Frage um: Wieso lernt man nicht von Freikirchen? Wieso schaut man nicht in die FEGs, in die ICFs und in andere freie Gemeinden? Ist man sich selbst genug? Hält man die anderen für zu fromm, abgefahren oder modern?

Und wieso müssen Pfarrerinnen und Pfarrer dabei selbst auf die Idee kommen, mal über den eigenen Tellerrand zu schauen, anstatt dass dies auch “von oben” gefördert und gewünscht wird und man so wirkliche Ökumene (und nicht nur evangelisch-katholische Ko-Existenz) feiert?

Oh wie schön wäre das doch, wenn kreative und innovative Theologinnen und Theologen, Pastorinnen und Pastoren mehr Gehör finden würden und nicht immer als Exoten dastünden.

Unsere Gesellschaft respiritualisiert sich gerade selbst und auch die “Generation Y” hat nur bedingt Vorbehalte gegen das (institutionelle) Religiöse. Der Mensch fragt nicht unbedingt nach dem großen Ganzen und dem letzten Sinn – aber erstaunlicherweise ist eine Sehnsucht in unserer Gesellschaft wahrzunehmen, welche die Moderne versucht hat, zu unterdrücken: eine Sehnsucht nach “Mehr”. Eine Sehnsucht danach, dass es noch mehr geben muss als das, was wir mit unseren Technologien und unserem Know-How selbst erschaffen können. Etwas, das sich unserem rationalisierten Weltbild entzieht, ein Stück weit mystisch und mythisch bleibt – et voilà: Willkommen in der geistlichen Realität.

Die Ampeln stehen nicht mehr auf Rot und der postmoderne Mensch bekommt nicht gleich die Krätze, wenn er von “Religion” liest oder hört. Nein. Er findet darin selbst etwas Heilsames und Sehnsuchtsstillendes. Bitte, bitte, liebe Kirche, lass dich auf die Wende ein und gib diesen Menschen ein Zuhause, ihrer Sehnsucht einen Ort und ihrer Spiritualität etwas, das sie wirklich erfüllt: das lebendige Wort Gottes in einem zeitgemäßen Gewand – nicht als Ergänzung, sondern als gleichberechtigte Form neben den klassischen und traditionellen Formen von Kirche.

4 Von einem fragwürdigen Taufverständnis zu einer Vielfalt der Mitgliedschaftsmöglichkeiten

Ich glaube, die Säuglingstaufe ist maximal die zweitbeste Form, wie man mit der Taufe umgehen kann. Biblisch betrachtet gibt es keine einzige explizite Erwähnung der Taufe von Säuglingen. “Er und sein ganzes Haus ließen sich taufen”, wie es im Neuen Testament immer wieder heißt, reichen für eine Legitimierung der Säuglingstaufe nicht aus. Nur weil etwas nicht negativ genannt wird, können wir nicht davon ausgehen, dass es positiv konnotiert ist. Jesus, Paulus oder andere großartige Personen und Verfasser neutestamentlicher Schriften haben sich auch über andere Dinge nicht negativ geäußert, die wir dann plötzlich positiv bewerten.

Also braucht es eine theologische Legitimierung der Säuglingstaufe, die volkskirchlich meist dadurch geschieht, dass sie die “gratia praeveniens”, also die “vorauseilende Gnade” Gottes zum Ausdruck bringen soll oder sie soll zum Ausdruck bringen, dass Gott durch die Taufe den Menschen annimmt.

Beides greift jedoch viel zu kurz – dazu reicht schon die Lektüre von Psalm 139, in dem König David Gott dafür dankt, dass er ihn wunderbar gemacht hat und ihn schon kannte und alle Tage seines Lebens schon aufgeschrieben wurden bei Gott, ehe auch nur der erste Tag schon begann. Ich weiß, dass diese wenigen Zeilen einer profunden Auseinandersetzung mit der Frage nach der Säuglingstaufe nicht gerecht wird – wer mehr wissen will, dem empfehle ich gerne meine ausführlichen Gedanken zu “Taufe in der Apostelgeschichte“.

Zurück zur Wende: Ich bin der festen Überzeugung, dass alternative Modelle der Mitgliedschaft, wie sie beispielsweise in der anglikanischen Kirche schon gelebt werden, nur förderlich und nicht hinderlich sein könnten – auch wenn man über das Problem der Taufe hinwegsieht. Konkretes Beispiel: Da wir im Normalfall in der evangelischen Landeskirche die so genannten parochiale Struktur haben (kurz gesagt: dort, wo ich wohne, gehöre ich der Gemeinde an), ist es für uns als “Grenzgemeinde” unmöglich, dass Personen aus der Schweiz Mitglied unserer Kirchengemeinde werden können, auch wenn sie jeden Sonntag zu uns kommen, unsere Hauskreise besuchen und in der Gemeinde mitarbeiten.

Aber auch was die Praxis der Taufe betrifft, muss sich die Volkskirche einer Wende öffnen, denn immer weniger Eltern lassen ihr Kind überhaupt noch Taufen im Alter von wenigen Monaten (oder Jahren). Der im kirchlichen Sprachgebrauch so unsäglich klingende “Taufaufschub” kommt immer mehr in der Praxis vor, was bedeutet: Immer weniger Menschen werden als Säuglinge getauft. Da aber das gesamte Kirchensteuersystem darauf aufbaut, dass Menschen schon Mitglied sind, bevor sie Kirchensteuer bezahlen, da es unwahrscheinlicher ist, auszutreten, wenn man schon dabei ist, als einzutreten, um seine Mitgliedschaft kundzutun, wird die Volkskirche mittelfristig große finanzielle Probleme bekommen.

Paradox an sich ist es ohnehin, Taufe und Kirchensteuer miteinander zu verknüpfen – aber meine Idee war es nicht… Im Ernst: Taufe soll und muss Ausdruck meines Bekenntnisses zu Jesus Christus bleiben. Finanzierung der kirchlichen Arbeit jedoch darf nicht mit der Taufe verknüpft werden. Hier brauchen wir eine komplette Veränderung und Öffnung zu alternativen Konzepten – oder kurz: eine Wende.

Wieso nicht ein ergänzendes Modell wählen, bei dem aus “dem großen Topf” alle Gemeinden bedacht werden, gleichzeitig die Menschen jedoch nicht allgemeine Kirchensteuer bezahlen, sondern einen Beitrag, das ihrer Kirchengemeinde direkt zugute kommt. Natürlich – das wäre für manche Gemeinden zwar nicht das Aus, aber sie müssten sich nach der Decke strecken. Leider. Bedeutet aber wiederum, dass sie zur Zeit ohnehin auf einer Scheinsicherheit ihre Finanzen aufbauen.

Dann wäre es auch nicht mehr von Bedeutung, ob ein Baby getauft oder gesegnet wird – im Blick auf die Mitgliedschaft.

5 Von einer trägen Inspirationslosigkeit zu einem leidenschaftlichen Verständnis von Kirche

Ja, ok. Ein wenig pointiert formuliert, ich weiß. Aber ganz ehrlich: Vieles, was in unserer Landeskirche geschieht, inspiriert mich nicht. Das ist so “old school” und für mich (für andere mag das anders sein) lebensfremd, dass mir schlicht und einfach die Leidenschaft und Lebendigkeit fehlt und fast schon abhanden kommt, wenn ich mich zu sehr damit auseinandersetze.

Ich glaube, dass es manchmal stimmt: Die Theologie will Antworten auf Fragen geben, die kein Mensch gestellt hat. Aber auf die wirklichen Fragen der Menschen, findet die Theologie oft keine Antwort oder auch nur einen Ansatz dazu. Das finde ich extrem schade, denn Theologie kann so was von inspirierend und leidenschaftlich betrieben werden, dass sie gar nicht anders kann, als die Glaubens- und Lebensfragen der Menschen aufzunehmen. Hier finde ich immer wieder Inspiration bei Theologen wie Tim Keller, Carey Nieuwhof oder Johannes Hartl.

Und hier fällt dir auf: Das sind keine klassischen landeskirchlichen Theologen, wo wir bei dem oben schon erwähnten Punkt der Inspiration durch andere Kirchen, dem Blick über den Tellerrand oder das Netzwerken im besten Sinne der Ökumene angekommen sind.

Ich lasse mich liebend gerne von anderen Kirchen und Gemeinden, von Theologinnen und Theologen, von Leiterinnen und Leitern, Pastorinnen und Pastoren anderer Gemeinden inspirieren. Dabei ist mir nicht wichtig, welches “Label” sie tragen, sprich: Zu welcher Kirche sie gehören. Ich will lernen. Schlicht und einfach lernen. Lernen, wie wir noch besser, noch zeitgemäßer, noch ansprechender das Evangelium verkündigen und Gemeinde leiten können, damit Menschen, die Gott noch nicht kennen, zu leidenschaftlichen Nachfolgern Jesu werden.

Diese Haltung benötigt die Volkskirche im großen Stil, um zukunftsfähig zu bleiben. Über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen bewahrt nicht nur davor, nur den Blick auf sich selbst zu richten, sondern lässt mich andere Perspektiven einnehmen, Inspiration empfangen und mit neuer Leidenschaft an die wunderbare Aufgabe der Gemeindeleitung herangehen.

Die Zukunft der Kirche wird kooperativ im besten Sinn sein: Ko-Operare, miteinander/gemeinsam agieren. Nicht jeder für sich in seinem Sumpf und Umfeld, sondern in einer großen Freundschaft und Verbundenheit mit anderen Gemeinden und Kirchen, die jenseits der eigenen Kirchengrenzen zu finden sind. Ich selbst profitiere sehr, sehr viel vom ICF Network oder auch von Willow Creek. Genauso ist “Der Leiterblog” ein wunderbarer Fundus, über den eigenen Tellerrand hinaus Inspiration und Leidenschaft zu bekommen. An dieser Stelle ein großes Dankeschön an Lothar Krauss, der diesen Blog initiiert hat und betreibt.

Die Zukunft der Kirche wird nicht nur kooperativ sein – sie wird leidenschaftlich sein, oder sie wird gar nicht sein.

Ich spreche niemandem seine Leidenschaft ab. Im Gegenteil. Ich sage es sehr deutlich und mit großer Freude, weil es die Pluralität und Vielfältigkeit unserer Kirche deutlich macht: Ich kenne Kolleginnen und Kollegen, die von Herzen gerne, mit großer Leidenschaft und ausgezeichneter Kompetenz liturgisch-traditionelle Gottesdienste feiern. Dabei predigen sie Gottes Wort voller Liebe und Vollmacht und Menschen wachsen im Glauben. Ja, ja, liebe Freikirchler: Es gibt Wachstum auch innerhalb der Landeskirche!

Aber noch nicht genug. Und hier wünsche ich mir mehr Leidenschaft, mehr Begeisterung. Ich bin Fußballfan. Ich war früher viel im Stadion. Die Menschen dort leben ihre Begeisterung, ihre Leidenschaft. Diese beiden Gefühlsäußerungen sind an sich nichts Negatives. Aber bei Kirchens sind sie leider oft außen vor. Das ist schade. Ich wünsche mir mehr Unkonventionelles und Unvorhersehbares, mehr Innovation und Mut zum Risiko.

Kooperation mit dem Heiligen Geist

Ich habe Hoffnung für die Landeskirche und schaue selbst voller Leidenschaft und Freude in die Zukunft. Warum? Weil nicht ich, nicht ein Oberkirchenrat, Landeskirchenamt oder sonst jemand der Boss ist – sondern Jesus selbst. Er ist und bleibt der Herr der Kirche. In Kooperation mit seinem, dem Heiligen Geist, wird unabhängig von unseren Fähigkeiten und unserem Können Gott selbst seine Güte und Größe zeigen.

In der Homiletik ist mir Rudolf Bohrens Aussage von der “theonomen Reziprozität” begegnet, die aber nicht nur auf die Predigtlehre, sondern generell für das Tun und Lassen bei Kirchens anzuwenden ist. Theonome Reziprozität bedeutet: eine von Gott gesetzte Wechselseitigkeit.

Gott selbst ist der Ursprung allen kirchlichen Handelns, damit es nicht in menschlichem Aktivismus verfällt. Dies aber bedeutet, konkret nach seinem Willen zu fragen und mit dem Heiligen Geist zu kooperieren. Das heißt: Ihn bitten, sich zu offenbaren, zu zeigen, in Situationen hineinzuwirken, wie wir Menschen es nicht tun können. Das heißt auch: Vertrauen darauf, dass der Heilige Geist übernatürlich und unseren Verstand übersteigend wirken kann zum Aufbau des Reiches Gottes. Ich glaube, wenn wir das verstärkt tun, werden wir Aufbrüche und Erneuerung in der Landeskirche erleben. Let’s go!

Was ist Wahrheit?

Eine Provokation

Pilatus entgegnete: »Dann bist du also doch ein König?« Jesus bestätigte: »Du sagst es: Ich bin ein König. Dazu bin ich geboren. Ich bin gekommen, um der Welt die Wahrheit zu bringen. Wer die Wahrheit liebt, wird erkennen, dass meine Worte wahr sind.« Da fragte Pilatus: »Was ist Wahrheit?« (Johannes 18, 37-83a)

Was für eine Provokation! Jesus sagt Pilatus nicht nur, dass seine Worte wahr sind und dass er wirklich ein König ist. Er sagt ihm zudem direkt ins Gesicht: Wer die Wahrheit liebt, wird das erkennen. Anders ausgedrückt: Wenn Du nicht anerkennst, dass ich die Wahrheit sage und ein König bin, dann hast Du ein gebrochenes Verhältnis zur Wahrheit. Schüchtern war Jesus noch nie gewesen.

Die Reaktion von Pilatus ist höchst aktuell. In 3 Worten fasst Pilatus den Kern der Postmoderne zusammen mit seiner Frage: „Was ist Wahrheit?“

Warum diese Frage?

Pilatus muss klar gewesen sein: Wenn ich anerkenne, dass Jesus ein König ist, dann müsste ich mich gegen die führenden Juden stellen. Und gegen den Kaiser. Dann verliere ich mein Amt, mein Ansehen, meinen Reichtum. Dieser Preis war Pilatus zu hoch. Was also tun?

Er hätte anfangen können, Gegenargumente zu sammeln um zu beweisen, dass die Behauptungen Jesu falsch sind. Genau das hat auch die Aufklärung und die Moderne versucht. Sie wollte die Wahrheit der biblischen Botschaft mit Gegenargumenten aushebeln. Mit Bibelkritik. Mit dem Versuch, die Entstehung der Welt ohne Gott zu erklären. Aber die Bibelkritik hat keine Antworten auf die  wundersamen Eigenschaften der Bibel wie z.B. ihre zahlreichen erfüllten Vorhersagen hervorgebracht. Und 160 Jahren nach Darwin sind wir weiter denn je davon entfernt, die Entstehung und Höherentwicklung des Lebens ohne einen intelligenten Schöpfer erklären zu können.

Auch Pilatus muss gespürt haben, dass seine Argumente nicht reichen werden. Er hatte die Berichte von den gewaltigen Worten und Wundern Jesu gehört. Er muss gespürt haben: Wenn ich mich den Argumenten und den Realitäten stelle, dann werde ich Jesus am Ende zustimmen müssen. Dann kann ich am Wahrheitsanspruch Jesu nicht vorbei. Also greift Pilatus zur ultimativen Abwehrreaktion: Er argumentiert nicht gegen die Wahrheit der Worte Jesu. Er stellt das Konzept Wahrheit grundsätzlich in Frage. Die Strategie ist klar: Wenn es keine Wahrheit gibt, dann muss ich mich ihr auch nicht stellen.

Was ist Wahrheit?

Die Debatten zur Frage, was eigentlich „Wahrheit“ ist, füllen heute Regale voller Bücher. Philosophen, Theologen und andere Geisteswissenschaftler setzen zu komplexen geistigen Höhenflügen an, um hochabstrakt und fremdwörtergespickt über Wahrheit zu philosophieren. Dabei ist „Wahrheit“ eigentlich eine simple Alltagsrealität, die sich ausnahmslos jedem Zeitgenossen intuitiv erschließt. Ich muss nur aus dem Fenster in meinen winterlichen Garten schauen. Wenn mir jemand sagt: „Der Schnee ist weiß“, ist meine intuitive Reaktion: Das ist wahr. Es macht keinen Sinn, dagegen zu argumentieren. Ich werde das wohl akzeptieren müssen.

Als moderner Mensch könnte ich natürlich anfangen, trotzdem Gegenargumente zu suchen. Die Schneedecke ist uneben und wirft überall Schatten. Der Schnee ist also in Wahrheit gar nicht weiß sondern in den unterschiedlichsten Grautönen gefärbt. Aber wenn ich ehrlich bin: Dieses Argument trägt nicht. Die Schatten ändern nichts daran, dass der Schnee an sich weiß ist.

Also greife ich in die postmoderne Trickkiste: Je nach Betrachtungswinkel und Tageszeit ändert sich die Sonneneinstrahlung und somit auch die Färbung des Schnees, zum Beispiel im Abendrot. Schnee sieht also für jeden anders aus, sogar für mich selbst – je nach Tageszeit. Insgesamt ist Farbe ohnehin nur ein subjektiver Eindruck, der in meinem Gehirn erzeugt wird. Die Wirklichkeit ist viel komplexer als mein Gehirn es mir vorgaukelt. Denn dort kommt ja nur ein Teil der real existierenden Lichtwellen an. Die Nervenzellen der Netzhaut im Auge setzen nur einen bestimmten Ausschnitt des Wellenlängenspektrums in Nervenreize um. Die Aussage „Der Schnee ist weiß“ ist somit höchst simplifizierend (= vereinfachend) und höchstens subjektiv (also nur aus der eigenen Beobachterperspektive) wahr. Für Andere kann je nach Betrachtungsweise und Wahrheitskriterium (physiologisch oder physikalisch) etwas ganz anderes wahr sein. Die simple Aussage „Der Schnee ist weiß“ vernachlässigt also die Ergebnisse der modernen Physik, Physiologie, Hirnforschung und Kognitionswissenschaften. Wer sich da nicht auskennt, kann sowieso nicht wirklich mitreden…

Und bingo: Schon ist alles so kompliziert, dass ich mich selbst einer so simplen Aussage nicht mehr wirklich stellen muss. Ich kann mich sogar über alle die lustig machen, die solche primitiven Parolen immer noch für bare Münze nehmen.

Aber was habe ich damit gewonnen, außer mich selbst und andere von der Wirklichkeit abzuschneiden?

Machen wir uns nichts vor: Es gibt Wahrheit. Gott sei Dank! Ohne die Kategorien „wahr“ und „falsch“ könnten wir unseren Alltag nicht bewältigen. Es gäbe keine Mathematik, keine Wissenschaft und keine Technologie. Was „wahr“ und „falsch“ bedeutet, begreift jeder Mensch sofort. Stellen wir uns der Realität. Stellen wir uns der Wahrheit. Vor allem: Stellen wir uns dem Mann, der gesagt hat: Ich bin die Wahrheit – und das Leben.

Wie Vorannahmen die (Bibel-)Wissenschaft beeinflussen

– und warum sie von jedem Menschen auf Augenhöhe beurteilt werden können

In seinem Buch „Glaube, Wissenschaft und die Bibel“ befasst sich der finnische Professor Tapio Puolimatka mit der Frage: Wie beeinflussen die Grundüberzeugungen eines Menschen seine Denkergebnisse? Puolimatka zeigt, dass Forscher unumgänglich zu ganz anderen Ergebnissen kommen, wenn man die Existenz Gottes außer Acht lässt, wie auch manche moderne Bibelforscher dies tun. Wie C. S. Lewis kommt er zu dem ernüchternden Ergebnis, dass Gelehrtheit kein Garant ist für Urteilsvermögen.

Puolimatka unterscheidet drei unterschiedliche Grundüberzeugungen:

(Der nachfolgende Rest dieses Artikels setzt sich aus Auszügen aus dem Buch von T. Puolimatka zusammen, die Überschriften sind nachträglich eingefügt, die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.)

Nach der naturalistischen Herangehensweise kann man nur natürliche Gründe als Erklärung historischer Ereignisse anbringen. Übernatürliches gibt es nicht. Zumindest kann es den Gang der Geschichte nicht beeinflussen. Gott kann sich nicht selber den Menschen durch historische Ereignisse offenbaren. Die übernatürlichen Wundererzählungen der Bibel kann man als solche nicht als wahre Beschreibungen wirklicher geschichtlicher Ereignisse akzeptieren, sondern man muss eine natürliche Erklärung für sie finden. Nach der naturalistischen Auffassung müssen die Methoden, die Wissenschaft anwendet, „atheistisch“ sein. „Sie schließen Gott von Anfang an aus allen wissenschaftlichen Erklärungsmodellen aus.“ (Laato (1994), S. 7)

Neben dem weltanschaulich bindenden starken Naturalismus wird die Forschung beeinflusst durch den schwachen bzw. methodischen Naturalismus, der die Fragen nach Gottes Existenz und der Möglichkeit von Wundern offen lässt. Bei dieser Herangehensweise werden die Existenz Gottes, Jesu Göttlichkeit oder die Möglichkeit von Gottes Offenbarung weder bejaht noch verneint. In Kreisen wissenschaftlicher Forschung sind nur solche Annahmen statthaft, die alle Forscher akzeptieren können.

Nach dem Supernaturalismus kann man einen Ausgangspunkt , der sich auf die Offenbarung Gottes gründet, nicht mit guten Gründen aus dem Bereich der Wissenschaft ausschließen, da die beste Erklärung für alles Existierende aus Gott und seiner Offenbarung kommt. Nach der Auffassung des Supernaturalismus ist wissenschaftliche Forschung niemals neutral – im Hintergrund stehen immer Annahmen, die man weltanschaulich oder religiös klassifizieren kann.

Grundlegende Überzeugungen sind nicht immer bewusst, da sie häufig unter Wissenschaftlern einen Status der Selbstverständlichkeit haben. Vorweg-Annahmen sind wie Brillengläser, durch die man die Wirklichkeit betrachtet. Dem Menschen fällt es schwer, selbstkritisch auf seine eigenen vorgefassten Annahmen zu blicken, da er diese Annahmen durch dieselben Brillengläser betrachtet.

Forscher haben kein Sonderwissen im Hinblick auf diese Grundannahmen. Vergleicht man die Grundannahmen, so hat jeder beliebige Mensch die Voraussetzungen, die Überzeugungskraft von humanwissenschaftlichen und theologischen Forschungsergebnissen zu beurteilen.

Der Naturalismus beeinflusst die Bibelwissenschaft

Der Streit zwischen Naturalismus und Supernaturalismus nimmt in der Bibelkritik eine feste Form an in der Frage, ob Gott sich im Wort offenbart hat. Konnte Gott beispielsweise auf übernatürliche Weise die Entstehung der Texte der Bibel so steuern, dass man sie „Gottes Wort“ nennen kann? So mancher Forscher, der auf die wissenschaftliche Erforschung der Bibel spezialisiert ist, hat als Basis seiner Forschung die naturalistische Grundannahme verinnerlicht. Gott könne sich nicht auf übernatürliche Weise in historischen Ereignissen und im biblischen Wort offenbaren, oder zumindest könne man eine solche Offenbarung nicht als Ausgangspunkt der Forschung heranziehen. „Er erforscht die Bibel als menschliches Dokument, als würde Gott nicht existieren.“ (Laato 1994) Der Naturalismus (in seiner starken und schwachen Form) der die Kultur unserer Zeit und die Wissenschaft prägt, lässt den Gedanken an einen Gott hinter sich, der sich in den Ereignissen der Geschichte und im Wort der Bibel kundtut. Auch dann, wenn man die Möglichkeit eines solchen Gottes grundsätzlich bejaht (schwacher Naturalismus), gehört er doch nach dieser Anschauung nicht in den Bereich der Wissenschaft.

Theologen akzeptieren diese Herangehensweise, da der Naturalismus in der breiten wissenschaftlichen Öffentlichkeit eine Vormachtstellung einnimmt, und sie rechtfertigen sie damit, dass eine Auseinandersetzung zwischen Menschen mit verschiedenen Sichtweisen erst dadurch ermöglicht würde, dass man sich in der Wissenschaft auf solche Grundannahmen beschränke, die alle akzeptieren können. Wenn Theologen zum Ausgangspunkt ihrer Forschung nehmen würden, dass Gott gesprochen habe und dass man Gottes Sprechen erkennen und verstehen könne, dann würden sie in einen Konflikt mit der breiten wissenschaftlichen Öffentlichkeit geraten.

Es mag zu vereinfachend erscheinen, die Bibelkritik hauptsächlich aus der Perspektive zweier Herangehensweisen zu behandeln, des Supernaturalismus und des Naturalismus. Dies ist dennoch nicht so vereinfachend, wie man es anfangs meinen könnte. Nach Edward Craig (Craig, 2004) existieren nämlich nur zwei grundlegende Weltanschauungen oder Wirklichkeitsbegriffe, und alle anderen Auffassungen, Philosophien und Theorien bilden sich in Abhängigkeit von ihnen oder als ihre Variation heraus. Einerseits gibt es die supernaturalistische Vorstellung, nach der Gott der Ursprung der Wirklichkeit ist und der Mensch ein nach Gottes Bild geschaffenes Wesen, das in der von Gott geschaffenen Welt lebt. Andererseits gibt es die naturalistische Vorstellung, nach der die gesamte Wirklichkeit aus natürlichen Faktoren zu erklären ist. Für Craig ist es Selbstbetrug zu denken, dass es irgendeine neutrale Herangehensweise gebe, mithilfe derer es möglich sei, diese beiden Vorstellungen neutral zu untersuchen, ohne bei den Untersuchungen zu einer der beiden angebotenen Grundannahmen zu tendieren.

Warum in Bezug auf die Grundannahmen jeder Laie auf Augenhöhe mitreden kann

Die Frage, ob Gottes Offenbarung im Wort möglich ist, ist nach C.S. Lewis keine Sache, in der ein Forscher mehr Sachkenntnis oder Ansehen hätte als irgendein beliebiger Mensch. Es gibt keine eindeutige wissenschaftliche Antwort auf die Frage, ob Gott sich offenbaren kann. Hierzu nimmt man, bevor man zu forschen beginnt, eine Position ein, die auf Glauben beruht, und die eigene Position beeinflusst die Art und Weise, wie geforscht wird und die erzielten Ergebnisse. Nicht ein einziger Forscher ist Experte in grundlegenden Fragen der Existenz. „Hier (in der Frage nach der Möglichkeit des Übernatürlichen – Anm. des Übers.) reden sie einfach als Menschen; als Menschen, die vom Geist des Zeitalters, in dem sie aufwuchsen, offensichtlich beeinflusst und ihm gegenüber vielleicht zu unkritisch sind.“ (Lewis 1986)

Das besondere Können eines Forschers konzentriert sich auf ein sehr enges Sondergebiet. Was seine in die Forschungstätigkeit einfließenden Grundannahmen betrifft, ist er gezwungen, in gleicher Weise in Abhängigkeit von menschlichen Grunderfahrungen und Selbsterkenntnis zu handeln wie jeder beliebige Mensch. Daher kann jeder Mensch auch mit guten Gründen die in der wissenschaftlichen Öffentlichkeit dominierenden Denkvoraussetzungen beurteilen und seiner Kritik unterwerfen.

In vielen hervorragenden exegetischen Kommentaren kristallisiert sich eine große Menge an für den Bibelforscher nützlichem Wissen heraus. Das bedeutet aber nicht, dass man blind den Ergebnissen der exegetischen Forschung glauben kann. Denn die Forschung ist so stark an die vorausgehenden Annahmen und grundlegenden Grundüberzeugungen des Forschers gebunden; aus welchem Blickwinkel der Forscher die Dinge betrachtet und welche Fakten er von seinem Standpunkt der Interpretation aus für bedeutungsvoll erachtet und auswählt, bestimmt die Auslegung.

Daher kann ein gewöhnlicher Bibelleser, der das Alte Testament gut kennt, dem Text mehr gerecht werden als ein auf Auslegung spezialisierter Exeget, der den Schlüssel zur Interpretation in der griechisch-römischen Kultur zu finden glaubt.


Das Buch „Glaube, Wissenschaft und die Bibel“ von Prof. Tapio Puolimatka in der Übersetzung von Beile Ratut ist 2018 im Ruhland-Verlag erschienen. Es ist hochaktuell und grundlegend, indem es den Einfluss von Grundüberzeugungen auf das Leben, die Wissenschaften und insbesondere die Theologie untersucht. In Finnland mit seinen nur 5 Mio. Einwohnern gingen 6.000 Exemplare dieses Buchs über den Ladentisch.

Der Kampf ums Bibelverständnis

Wegweisende Erkenntnisse aus dem Buch „Biblische Hermeneutik“ von Prof. Gerhard Maier

„Biblische Hermeneutik“: Dieses Buch von Prof. Gerhard Maier hätte ich am liebsten jedem Theologen zu Weihnachten unter den Baum gelegt. Der Autor ist mir schon lange ein Begriff, schließlich war er 4 Jahre lang Landesbischof meiner württembergischen Landeskirche. Dass er zugleich ein herausragender Theologe ist, war mir auch schon zu Ohren gekommen. Tatsächlich ist sein Buch „Biblische Hermeneutik“ nichts weniger als ein grundlegender Ruf zur Umkehr in der Theologie. Maier setzt sich intensiv mit der sogenannten „historisch kritischen Methode“ (HKM) auseinander, die aktuell eine fast uneingeschränkte Dominanz besitzt:

„Die Meinung, „dahinter können wir nicht mehr zurück“, ist eine der am weitesten verbreiteten, auch im Kreise sog. „evangelikaler“ Theologen. … Noch 1971 konnte Richter schreiben: „Das Recht, die historisch-kritische Methode anzuwenden, ist heute … in der Theologie unbestritten“. Dabei ist allen klar, dass die „Kritik“ nicht nur die (selbstverständliche!) Aufgabe des Unterscheidens wahrnimmt, sondern ein „kritisches“ Beurteilen der biblischen Aussagen, ihre Bejahung oder Verwerfung, kurz: die Sachkritik an der Bibel, einschließt.“ (S. 214)

Eben diese Sachkritik ist für Maier das entscheidende Problem bei der HKM, denn: „Jede Sachkritik an der Bibel gibt … Teile ihres Inhalts preis. … Die zahllosen Schwankungen, denen innerhalb der letzten 300 Jahre die Sachkritik unterworfen war, widerlegen eindrucksvoll die Behauptung, die Schrift ermögliche aus sich selbst heraus eine solche Sachkritik.“ (S. 266)

Sachkritik bedingt immer, dass es einen menschlichen Kritiker geben muss: „Was sich … durch die ganze Geschichte der historischen Kritik hindurchzieht, das ist die Anschauung, dass der Mensch über den Wahrheitsgehalt der Offenbarung zu entscheiden habe.“ (S. 259) Der Bibel wird damit eine zweite Autoritätsinstanz beigestellt: „Das katholische Lehramt ist evangelischerseits im Laufe der Zeit durch Vernunft und Wissenschaftlichkeit, deren Inhalte umstritten blieben, ersetzt worden. … Wahrhaftigkeit und modernes Weltverständnis sind hier ethische und intellektuelle Verstehensvoraussetzungen, die in ihrer Kombination zu einer zweiten Instanz neben der Schrift führen.“ (S. 142) Somit ist die reformatorische Formel „Sola scriptura“ preisgegeben, die bis zum Pietismus noch galt. (S. 302)

Die zentrale Weichenstellung: Trennung von Text und Offenbarung

Grundsätzlich möglich wird die Bibelkritik der HKM durch folgende zentrale Weichenstellung: „Grundlegend für die historisch-kritische Arbeitsweise ist die Trennung von Schrift und Offenbarung bzw. von Bibel und Wort Gottes. Keinesfalls besteht hier eine Identität.“ (S. 262) Beispielhaft zeigt Maier das an der „dreifachen Gestalt des Wortes Gottes“ von Karl Barth, in der u.a. zwischen dem schriftlichen und dem offenbarten Wort Gottes unterschieden wird, wobei das schriftliche Wort (die Bibel) nicht die eigentliche Offenbarung ist. Die Bibel bezeugt sie nur. Maier begründet, warum er sich mit dieser Lehre nicht befreunden kann: „Sie zerbricht die Theopneustie („göttliche Eingebung“, „Durchhauchtsein mit dem Geist“, 2. Tim. 3, 16) an der entscheidenden Stelle, nämlich dort, wo gerade die Schrift als das final gemeinte Wort des Heiligen Geistes Gestalt gewinnen soll … indem sie uns letztlich an ein unkonkretes, zeitloses „Dahinter“ bindet. Und sie widerspricht auch der Position Luthers und der Reformatoren, für die das biblische Wort der eigentliche Wille Gottes war.“ (S. 104)

Erst durch diese Trennung zwischen biblischem Wort und Offenbarung ist es möglich, kritisch an das biblische Wort mit dem Prinzip des wissenschaftlichen Zweifels heranzutreten. Das ist für ihn die eigentliche „Innovation“ der historisch kritischen Methode: „Nicht die Entdeckung neuer, bisher unbekannter Arbeitsschritte oder methodischer Einzelverfahren war das Entscheidende. Sondern der prinzipiell vom Zweifel geprägte Umgang mit der Heiligen Schrift.“ (S. 221)

Deutlich wird dieser Zweifel zum Beispiel im Umgang mit den geschichtlichen Aussagen der Bibel. Das ist aus seiner Sicht besonders tragisch, denn: „Der biblische Glaube hängt tatsächlich aufs engste mit der wirklichen Geschichte zusammen. … Entzieht man ihm die geschichtliche Basis, auf die er aufgebaut ist, dann hat man ihn prinzipiell widerlegt. … Der Glaube hängt an seiner Geschichtlichkeit.“ (S. 181)

Hinzu kommt in der HKM die bis heute nicht überwundene allgemeine Skepsis gegen Wunder und Prophetie: „Im Grunde teilt das ganze 19. Jh., soweit es die historisch-kritische Forschung in Deutschland betrifft, das Urteil, dass wir heute an Wunder nicht mehr glauben können. … Ja selbst in unserem Jahrhundert noch wird die historische Kritik von dem Gedanken beherrscht, dass Wunder ungeschichtlich seien.“ (S. 196)

Daran zeigt sich, wie wenig die historisch kritische Methode ihren eigenen Anspruch einlöst, „wissenschaftlich“ und „objektiv“ zu sein: „Es besteht … unter den Anhängern der historischen Kritik eine erstaunliche Übereinstimmung darüber, dass sie „ein Kind der Aufklärung“ darstellt. … Damit ist die dominierende Rolle der Vernunft ausgesagt. … Hier erhält also … der Mensch einen absoluten Vorrang. … Auf der anderen Seite wird deutlich, dass diese „Vernunft“ keine weltanschauliche Neutralität besitzt. Im Gegenteil, sie ist eine religiös determinierte Größe. Um noch einmal Picht zu zitieren: „Die Vernunft des europäischen Denkens ist als Projektion des Gottes der griechischen Philosophie bis in ihre innersten Elemente vom Mythos durchtränkt. Es ist ein Zeichen mangelnder Aufklärung, wenn wir das nicht wissen. Von hier aus fällt ein neues Licht auf die Spannung zwischen Glauben und Vernunft, aber auch auf die unglückliche Liebe der Theologen zu dieser selben Vernunft.“ Das heißt, die Berührung der Theologie mit der Philosophie der Aufklärung und die Entwicklung einer vernunftverantwortlichen Bibelwissenschaft war eben kein Methodenproblem im neutralen Sinne, sondern eine religiöse Kontamination. … Die neue Situation, die durch eine solche Anwendung von Kritik entstand, muss eindeutig als ein Bruch mit der vorangehenden christlichen Geschichte bezeichnet werden.“ (S. 236/237)

Das Bibelverständnis muss aus der Bibel kommen!

Angesichts dieser grundsätzlichen Dramatik stellt sich nun umso drängender die Frage: Wie begegnet Gerhard Maier nun der HKM? Im ganzen Buch findet sich dazu immer das gleiche Prinzip: Maier setzt den Sichtweisen der HKM nicht einfach seinen eigenen Ansatz gegenüber. Zwar ist er sich zwar bewusst, dass „eine voraussetzungslose Auslegung ein Phantom, eine Selbsttäuschung darstellt. Doch gerade unsere Voraussetzungen will die Bibel in Frage stellen, korrigieren und teilweise zerstören.“ (S. 15) Prof. Maier betont also: Wir können unsere Denkvoraussetzungen beim Auslegen der Bibel nicht beliebig wählen. Die Bibel hat eine Meinung dazu, wie sie korrekt gelesen und ausgelegt werden will! Deshalb befragt Maier immer wieder den biblischen Text, den er durchweg als „Offenbarung“ bezeichnet. Er will sich sein Schriftverständnis von der Bibel selbst vorgeben lassen, denn: „Wahrscheinlich ist die wichtigste hermeneutische Entscheidung diejenige, ob wir den Ausgangspunkt bei der Offenbarung selbst oder beim Menschen nehmen.“ (S. 19) Er wendet damit vorbildlich das reformatorische Prinzip an, dass die Schrift sich selbst auslegen muss. Im Zentrum steht für Prof. Maier deshalb die Frage:

Welches Bibelverständnis gibt uns die Bibel vor?

Maier stellt zum einen fest, dass die Bibel die menschliche Vernunft als oberste Autoritätsinstanz für vollkommen ungeeignet hält: „Die Offenbarung kennt den „autonomen“ Menschen nur als den „verlorenen“ Menschen. … Seine Autonomie war von Anfang an eine Utopie und ein Weg in die Sklaverei, ja zum Rande des Untergangs.“ (S. 242/243)

Das biblische Bibelverständnis stellt sich für Maier nach ausführlicher Analyse der biblischen Aussagen wie folgt dar: „Diese Offenbarung beansprucht, aus Gottes Geist hervorgegangen zu sein. Sie ist … Anrede Gottes an uns. Wer sie hört, hört in erster Linie nicht die menschlichen Verfasser und Glaubenszeugen, sondern den dreieinigen ewigen Gott. … Als einzigartiges Reden Gottes hat sie eine einzigartige, unvergleichliche Autorität. An dieses Wort hat sich Gott gebunden. Er hat es zum Ort der Begegnung mit uns bestimmt. Er wird dieses Wort bis ins letzte hinein wahr machen und erfüllen. Die Schriftautorität ist im Grunde die Personenautorität des hier begegnenden Gottes.“ (S. 151)

Wichtig ist Prof. Maier dabei der Begriff der „Inspiration“. Nicht nur die biblischen Autoren waren von Gottes Geist inspiriert („Personalinspiration“), nein: Der Text selbst ist von Gottes Geist inspiriert („Verbalinspiration“), und zwar der vollständige Bibeltext aller kanonischer Bücher im endgültig vorliegenden Urtext („Ganzinspiration“). Genau das nimmt laut Maier auch der biblische Text für sich selbst in Anspruch: „Die weitaus meisten Schriften des Neuen Testaments sind nach der Selbstaussage des NT inspiriert … oder lassen den indirekten Anspruch erkennen, inspirierte Schrift zu sein. … Wenn später die Kirche … die Inspiration aller neutestamentlichen Schriften anerkannte, dann stand sie auf einem guten historischen Boden und darüber hinaus im Einklang mit der Offenbarung selbst.“ (S. 88)

Darüber hinaus beansprucht der Bibeltext noch folgende Eigenschaften für sich: „Die Offenbarung schreibt dem Worte Gottes vor allem vier Eigenschaften zu: Erstens: Es ist verlässlich. … Zweitens: Es ist wirksam. … Drittens: Es zeigt den Willen Gottes auf und damit den Weg zum Heil. … Viertens: Es ist verbindlich. … Man kann also beobachten, dass Begriffe wie „Irrtumslosigkeit“, „Fehlerlosigkeit“ oder „Unfehlbarkeit“ in der Bibel nicht gebraucht werden. Aber noch weniger spricht die Bibel von „Fehlern“ oder dergleichen.“ Ein bibelnaher Begriff für den Selbstanspruch der Bibel ist aus der Sicht von Maier: „Vollkommene Verlässlichkeit.“ (S. 122). Dazu erläutert er: „Das zur Schrift gewordene Wort Gottes ist vollkommen verlässlich und fehlerlos im Sinne seiner göttlichen Zwecke, also von Gott her betrachtet.“ (S. 125)

Mit Jesus die Bibel kritisieren? Die Einheit und Klarheit der Schrift

Aus der Urheberschaft Gottes folgt für Maier auch die Einheit der Schrift: „Die Einheit der Schrift wird am stärksten begründet durch den einen Urheber, den sie hat, Gott. … In der Tat ist die Behauptung einer Widersprüchlichkeit davon abhängig, dass man die menschlichen Glaubenszeugen zu den maßgeblichen Autoren der Schrift ernennt und den göttlichen Autor verdrängt.“ (S. 164) „Erst seit der Aufklärung ging die Überzeugung von der Einheit der Schrift in weiten christlichen Kreisen verloren.“ (S. 160) Das ist dramatisch, denn: „Wo man die Einheit der Schrift verliert, verliert man auch das Mittel, gegen die Häresie zu kämpfen. … Bezeichnenderweise gab es seit der Aufklärung zwar noch eine Kirchenzucht, aber im Grunde keine Lehrzucht mehr. … Damit wird jedoch das NT auf den Kopf gestellt.“ (S. 165)

Aber widerspricht sich die Bibel nicht selbst? Können bzw. müssen wir nicht mit Jesus andere Teile der Bibel kritisieren? Diesen Ansatz verwirft Maier aufs Schärfste: „Die Schrift war für Jesus wie für seine jüdischen Gesprächspartner die letzte Entscheidungsinstanz. … Es kann überhaupt kein Zweifel daran sein, dass den heiligen Schriften in den Augen Jesu eine unvergleichliche Autorität zukommt. Wer bei ihm „Kritik“ am AT finden will, muss alles auf den Kopf stellen.“ (S. 149) „Eine Anleitung aus der Schrift, Schrift mit Schrift abzulehnen (was ja der Begriff der „Sachkritik“ impliziert), gibt es nirgends.“ (S. 265)

Kritisch sieht Maier deshalb auch den Versuch, eine „Mitte der Schrift“ zu konstruieren: „Die „Mitte der Schrift“ wurde praktisch zum Ersatz für die verlorengegangene „Einheit der Schrift“. … Wird aus der Christusmitte ein Christusprinzip, dann wird die Schrift entleert und ihrer Fülle beraubt. … Es kann sich nur um eine personale Mitte handeln. … Jeder Versuch, diese Mitte als ein isolierbares Etwas herauszulösen oder in Form eines Lehrgesetzes zu formulieren, zersprengt die Kontinuität der heilsgeschichtlichen Offenbarung.“ (S. 174-176).

Dazu verteidigt Maier die „Klarheit der Schrift“: „Die Autorität der Schrift kann sich praktisch nur durchsetzen, wenn jeder schlichte Christ in der Lage ist, einen klaren Begriff vom Inhalt der Schrift zu gewinnen. … Jesus konnte die wiederholte Frage: „Habt ihr nicht gelesen?“ nur stellen, wenn er von der Klarheit der Heiligen Schrift überzeugt war. … Die schriftgewordene Offenbarung behauptet, für jedermann zugänglich und eindeutig genug zu sein.“ (S. 155/156)

Konsequenzen der HKM: Ethisierung, Subjektivierung, Individualisierung, Erfahrungstheologie

Gerhard Maier ist als ehemaliger Landesbischof nicht nur Theologe sondern auch Gemeindepraktiker. Vor diesem Hintergrund sollte man umso aufmerksamer hinhören, wenn er die negativen Folgen der historisch kritischen Methode wie folgt beschreibt: „Der Inhalt, von dem die Neologie (d.h. die aus der Aufklärung resultierende Lehre) den Offenbarungsbegriff entleert, ist der historische; der Inhalt, den sie neu einfüllt, ein rationaler. Sobald aber die Geschichte durch das Rationale ersetzt wird, wird die Bibel zum Lehrgesetz. Deshalb ist es überhaupt nicht erstaunlich, dass in der Aufklärung die sittliche Vernunft zum dogmatischen Kriterium wird, … und eine „Ethisierung des Christentums“ eintritt.“ (S. 170) Außerdem wächst für Maier „den subjektiven Faktoren eine beherrschende Rolle zu.“ (S. 9)  Und: „Mit dem Vernunftglauben ist der Individualismus einer der stärksten Motive der historischen Kritik.“ (S. 240) „Wir entdecken, dass die Trennung von Schrift und Offenbarung … einen ganz andersartigen Raum schaffen kann: dem Empfinden … Wie will die gemäßigte Kritik, gefangen im Zwei-Instanzen- und im Widersprüchlichkeits-Denken, den Umschlag in eine solche Erfahrungstheologie verhindern?“ (S. 331)

Ist „gemäßigte Kritik“ die Lösung?

Mit „gemäßigter Kritik“ meint Maier den theologischen Versuch, die historisch-kritische Herangehensweise mit konservativen theologischen Positionen zu verbinden. Diesem Versuch erteilt Maier eine Absage, denn: „Sie begnügt sich als Vermittlungstheologie … wo ein grundsätzlicher Neuanfang erforderlich wäre. Statt die Schrift als inspiriert zu betrachten lässt sie nur eine Inspiration der biblischen Schriftsteller gelten. Sie bleibt darin der Aufklärung verhaftet, dass sie neben die Schrift eine zweite Instanz stellen muss, vor der sich der Ausleger zu verantworten hat. Sie kann infolgedessen die reformatorische Sicht von der Bibel als der einzigen norma normans nicht durchhalten. Sie fordert die Sachkritik an der Bibel. Ohne Sachkritik gibt es für sie keine Theologie als Wissenschaft. Die Einheit der Schrift wird von ihr preisgegeben. Schrift und Offenbarung bleiben bei ihr verschiedene, sich nur teilweise deckende Größen. Deshalb folgt sie dem Trend, das Eigentliche jenseits der Schrift zu suchen. Indem sie Schrift und Offenbarung voneinander trennt und nur bestimmte Aussagedimensionen als Gottes Wort anerkennt, fördert sie den Hang zur Erfahrungstheologie.“ (S. 331)

Vertrauen und Offenheit statt „wissenschaftlicher Zweifel“

Grundsätzlich notwendig ist für Maier eine klare Absage an das Prinzip des „wissenschaftlichen Zweifels“, denn: „Eine Begegnung mit der Offenbarung, die Skepsis und Zweifel zum Prinzip macht, bedeutet ein brüskes Nein zu ihrer Vertrauensbemühung. Man kann den Ausleger psychologisch und existenziell in keine schroffere Gegenposition versetzen, als indem man ihm den Zweifel vorschreibt.“ (S. 247). Stattdessen fordert er einen theologischen Wissenschaftlichkeitsbegriff, der dem Forschungsgegenstand gerecht wird: „Ein prinzipieller Zweifel ist … das unangemessenste Verfahren für den Umgang mit der Bibel.“ (S. 14) „Jede Wissenschaft richtet sich nach ihrem Gegenstand. Biblische Wissenschaft müsste sich demnach aus dem Reden Gottes aufbauen. Sie müsste bereit sein, sich ihre Erkenntnisse und Positionen aus der Offenbarung selbst geben zu lassen.“ (S. 268) „Unter dieser Voraussetzung ist die Theologie samt ihrer Hermeneutik eine Wissenschaft. Allerdings eine Wissenschaft sui generis (eigener Art), die sich von allen anderen durch ihre Offenbarungsgebundenheit und ihren Glaubensbezug unterscheidet.“ (S. 34)

Entsprechend charakterisiert Maier die angemessene Haltung des Auslegers gegenüber dem biblischen Text wie folgt: „Nirgends ist uns die Unfehlbarkeit des Verständnisses versprochen (vgl. 1 Kor 13,9). Doch wird den Ausleger … ein Urvertrauen zur Bibel als der schriftgewordenen Offenbarung begleiten. … Dieses Urvertrauen schlägt sich nieder in dem Vertrauensvorschuss, der der Bibel gewährt wird.“ (S. 49) „Seine Grundhaltung ist das erwartungsvolle Gebet und die demütige Offenheit.“ (S. 339)

Ich kann meiner Kirche mit ihren theologischen Fakultäten nur von Herzen wünschen, dass sie auf Prof. Maier hört. Längst ist sein Ruf zur Umkehr auch in den Freikirchen und in der evangelikalen Bewegung insgesamt dringend notwendig, denn die Trennung zwischen Schrift und Offenbarung ist auch dort weit verbreitet.


Das Buch ist 1990 im SCM R.Brockhaus-Verlag erschienen (zuletzt 2017 in der 13. Auflage) und kann hier bestellt werden.

Nicht einschlafen!

Wir Deutschen sind Weltmeister im Warnen: Vor Farbstoffen in Lebensmitteln, vor Weichmachern in Plastikspielzeug, vor giftigen Gasen an der Verkehrskreuzung – und vor Müdigkeit beim Autofahren. In Autos mit Müdigkeitssensor fordert uns eine Kaffeetasse dazu auf, uns wieder fit zu machen, bevor wir in einen lebensgefärhlichen “Sekundenschlaf” fallen.

Auch in der Bibel gibt es jede Menge Warnungen: Vor Kriegen, Katastrophen und Christenverfolgung zum Beispiel. Wer genauer hinschaut merkt aber, dass der Hauptfokus auf dem folgenden Vierklang liegt:

  1. Jesus kommt wieder!
  2. Es gibt ein endzeitliches Gericht für alle Menschen!
  3. Es gibt eine ewige Verlorenheit!
  4. Die endzeitlichen Ereignisse werden sehr überraschend hereinbrechen!

Diesen Vierklang packt Jesus in die unterschiedlichsten Geschichten und Gleichnisse:

Die Hauptaussage ist immer die gleiche. Sie wird uns gleich 14 mal im Neuen Testament* vorgehalten: Seid wachsam! Werdet nicht müde im Glauben! Wer sich vom Alltag einlullen lässt, wer nicht mehr für Jesus brennt, wer sich nur noch um sich selbst und nicht um Andere kümmert ist in großer Gefahr – so wie bei einem Autofahrer schon ein Sekundenschlaf genügen kann, um irreparable, ewige Schäden anzurichten.

Niemand braucht diese Warnungen so dringend wie wir Christen der westlichen Kirche. Unser Luxus und scheinbaren Sicherheiten geben uns das Gefühl, auch ohne eine enge, lebendige Gottesbeziehung durchs Leben und in den Himmel zu kommen. Das verführt uns, das Beten, das Bibellesen und unsere Berufung schleifen zu lassen. Genau davor warnt uns die Bibel wieder und wieder und wieder.

Warum hört man dann in unseren Kirchen so wenig von diesen Warnungen? Dafür habe ich eigentlich nur eine Erklärung: Wir glauben Jesus nicht mehr so wirklich. Dass er wirklich wiederkommt. Dass unsere irdischen Entscheidungen ewige Konsequenzen haben. Dass es eine Gerichtsverhandlung für jeden Menschen gibt. Dass es einen leid- und qualvollen Ort der ewigen Gottverlassenheit gibt, den Jesus „Hölle“ nennt.

Vielleicht haben wir ja auch Angst, aus der Frohbotschaft des Evangeliums eine Drohbotschaft zu machen, wenn wir von den biblischen Warnungen reden. Aber das ist doch Unsinn: Berechtigte Warnungen sind keine Drohung sondern ein Ausdruck von Liebe! Es wäre unfassbar lieblos, ein Kind nicht vor der heißen Herdplatte zu warnen.

Deshalb sollten wir alle immer mal wieder unseren Glaubens-Müdigkeitssensor aktivieren. Sehr geeignet sind für mich dafür die folgenden 3 Fragen:

  1. Wann habe ich mich das letzte Mal beim Bibellesen oder Beten von Gott ganz persönlich angesprochen gefühlt?
  2. Wann habe ich zum letzten Mal intensiv für einen anderen Menschen gebetet?
  3. Wann habe ich zum letzten Mal mit einem Nichtchristen über Jesus gesprochen?

Wenn mir auf diese Fragen spontan keine Antworten einfallen ist mir das ein deutlicher Hinweis auf akute Müdigkeitserscheinungen im Glauben. Der Punkt ist ja: Ich kann ungeheuer umtriebig sein (vielleicht sogar mit guten geistlichen Dingen) und trotzdem müde werden in meiner Liebe und Leidenschaft für Jesus. Zu den Ephesern sagte Jesus: “Ich weiß alles, was du tust. … Aber ich habe gegen dich einzuwenden, dass ihr mich und euch einander nicht mehr so liebt wie am Anfang!” Ohne diese Liebe ist alle unsere (geistliche) Geschäftigkeit und Rechtgläubigkeit am Ende wertlos.

Je mehr ich darüber nachdenke merke ich, wie mein geistlicher Müdigkeitssensor wieder einmal Alarm schlägt. Deiner auch? Dann lass uns doch gleich jetzt zu Jesus gehen, um uns neu erfrischen zu lassen in seiner Gegenwart. Lassen wir bei ihm unser Öl nachfüllen (d.h. lassen wir uns neu mit dem Heiligen Geist erfüllen). Lassen wir uns anstecken von seiner Liebe für die Menschen um uns herum. Wuchern wir mit unseren Talenten! Kümmern wir uns um unsere Nächsten! Und stärken wir die, die um uns herum müde geworden sind. Genau dazu hat uns Jesus immer wieder aufgerufen.

* “Seid wachsam” im NT: Mk 13,9, Mk 13,33, Mk 13,35, Mk 13,37, Mk 14,38, Lk 21,34, Lk 21,36, Apg 20,31, 1Kor 16,13, Eph 6,18, 1Thess 5,6, 1Petr 5,8, 2Petr 3,17, Offb 16,15

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