Ist Jesus für unsere Scham gestorben?

„Jesus starb für mich!“ In diesen 4 Worten fasste der Prediger Charles H. Spurgeon seine Theologie zusammen. Aber warum tat Jesus das? Für mich war immer klar: Er starb für meine Schuld. Er nahm die Strafe, die ich verdiene, stellvertretend auf sich, damit ich leben kann – in Ewigkeit. In einem Artikel von Andreas Boppart las ich vor einiger Zeit jedoch:

„Er hing am Kreuz nicht nur mit unserer Schuld, sondern hat auch unsere Scham auf sich genommen, damit wir uns nicht mehr selbst schämen und auch nicht mehr andere beschämen müssen.“

Dazu erläutert er: Dass Jesus am Kreuz auch unsere Scham getragen hat, sollten wir heute mehr denn je betonen. Denn unsere Gesellschaft hat sich gewandelt. Aus der ehemaligen Schuldkultur ist eine Schamkultur geworden. Die Frage nach Schuld und Vergebung spielt für die Menschen praktisch keine Rolle mehr. Das hat Konsequenzen für ihre Empfänglichkeit für die christliche Botschaft: „Menschen, die sich nicht schuldig fühlen, brauchen keinen Christus, der am Kreuz für ihre Schuld stirbt.“

Aus dem gleichen Grund hatte zuvor schon Tobias Faix für einen alternativen „Scham-Annahme-Zugang“ zum Evangelium geworben, in dem das Thema Gemeinschaft eine zentrale Rolle spielt: „Gott ist Vater und Mutter. Der Mensch fragt, wie Gemeinschaft gelingen kann. Jesus kommt als der Versöhner, wenn das nicht gelingt. Jüngerschaft heißt Loyalität und Solidarität. Die Metapher ist Gemeinschaft haben. Und das Gute ist, Teil dieser Gemeinschaft zu sein.“[i] Im Vergleich dazu sei der „Schuld-Vergebungs-Zugang“ zum Evangelium zwar nicht falsch, aber viele Menschen verstünden ihn heute nicht mehr. Er liefert Antworten auf Fragen, die niemand mehr stellt.

Muss ich also den AiGG-Glaubenskurs umschreiben, weil hier immer noch Schuld und Vergebung im Mittelpunkt steht? Rede ich an den Menschen vorbei? Diese Frage hat mich beschäftigt. Und ich habe das getan, was schon die Menschen in Beröa taten: „Sie … forschten … in der Schrift, ob sich’s so verhielte.“ (Apg.17,11). Begonnen habe ich mit einer simplen Begriffsanalyse:

Eine Wort- und Spurensuche

Begriffe, die im „Scham-Annahme-Zugang“ eine Rolle spielen, kommen gemäß meiner Suche in der Basis-Bibel 391 mal vor, davon 89 mal im Neuen Testament. Begriffe, die zum „Schuld-Vergebungs-Zugang“ gehören, finden sich an 868 Stellen, davon 238 mal im Neuen Testament. Allerdings sind solche Zahlen wenig aussagekräftig. Häufigkeit korreliert in der Bibel nicht immer mit Bedeutsamkeit. Wesentlich wichtiger ist die Frage: Was sagen diese Stellen tatsächlich aus? Und wie bedeutsam sind sie für die große „Gesamt-Story“ der Bibel?

Ich habe mir alle 327 Verse im Neuen Testament angeschaut. Schnell wurde deutlich: Stellen mit Begriffen zum „Schuld-Vergebungs-Zugang“ sind nicht nur sehr viel häufiger. Viele davon sind zudem absolut grundlegend für die großen Erzählzusammenhänge der Bibel. Sie beantworten die grundlegendsten Fragen, die man als Bibelleser haben kann:

Was ist das große Grundproblem der Menschheit? Durch einen einzigen Menschen kam die Sünde in die Welt. Und durch die Sünde kam der Tod. So verfielen alle Menschen dem Tod. Denn alle Menschen haben Schuld auf sich geladen.“ (Röm.5,12)

Worin bestand Jesu Mission? „Er wird sein Volk retten: Er befreit es von aller Schuld.“ (Mt.1,21) „Seht doch! Das ist das Lamm Gottes. Es nimmt die Sünde dieser Welt weg! (Joh.1,29) „Christus Jesus ist in diese Welt gekommen, um die Sünder zu retten.(1.Tim.1,15) „Ihr wisst: Jesus Christus ist gekommen, um die Sünden wegzunehmen.“ (1.Joh.3,5)

Worin bestand Jesu Botschaft im Kern? Lasst euch taufen und ändert euer Leben! Gott will euch eure Schuld vergeben.“ (Lk.3,3)

Wem galt seine Botschaft? Ich bin nicht gekommen, um die Gerechten zu rufen, sondern die Sünder.“ (Mk.2,17)

Worin bestand Jesu Auftrag an die Jünger? Allen Völkern muss in seinem Namen verkündet werden: ›Ändert euer Leben! Gott will euch eure Schuld vergeben.‹ Fangt in Jerusalem an!“ (Lk.24,47)

Wofür hat Jesus sein Blut vergossen? „Dann reinigt uns das Blut von jeder Schuld, das sein Sohn Jesus für uns vergossen hat.“ (1.Joh.1,7) „Er liebt uns und hat uns durch sein Blut von unserer Schuld befreit.“ (Offb.1,5)

Worin bestand Jesu Erlösungswerk? „Der schenkt uns die Erlösung, die Vergebung unserer Sünden.“ (Kol.1,14)

Worin besteht im Kern Gottes neuer Bund mit den Menschen? „Das ist der Bund, den ich, der Herr, mit ihnen geschlossen habe. Er wird erfüllt, wenn ich ihre Sünden von ihnen nehme.“ (Röm.11,27)

Worum geht es beim Abendmahl? „Das ist mein Blut. Es steht für den Bund, den Gott mit den Menschen schließt. Mein Blut wird für die vielen vergossen werden zur Vergebung ihrer Sünden.“ (Mt.26,28)

Was stand im Zentrum der Botschaft der Apostel? „Ändert euer Leben! Lasst euch alle taufen im Namen von Jesus Christus. Dann wird Gott euch eure Schuld vergeben und euch den Heiligen Geist schenken.“ (Apg.2,38) „Ebenso bezeugen alle Propheten von Jesus: Durch die Macht seines Namens werden allen, die an ihn glauben, ihre Sünden vergeben.“ (Apg.10,43)

Was stand im Zentrum des Glaubens der ersten Christen? „Was ich euch weitergegeben habe, habe ich selbst als Überlieferung empfangen. Grundlegend ist: Christus ist für unsere Sünden gestorben, wie es in der Heiligen Schrift steht.“ (1.Kor.15,3)

Die genannten Stellen sind nur eine Auswahl. Beim Durchsehen der Bibelstellen haben sich mir noch viele weitere Verse aufgedrängt, die es verdient hätten, in diese Liste aufgenommen zu werden.

Beim Durchsehen der Verse mit Begriffen zum sogenannten „Scham-Annahme-Zugang” ergab sich hingegen ein vollkommen anderes Bild:

Redet die Bibel von einer „Entschämung“?

Mir ist keine Stelle begegnet mit der direkten Aussage, dass Gott uns von Scham befreit. Paulus schreibt den Römern sogar im Gegenteil, dass sie sich immer noch für ihre früheren Sünden schämen (Röm.6,21). Zugleich hält er aber fest, dass Gott uns mit Ehre“, also mit dem Gegenteil von Scham beschenkt: Aber jedem, der Gutes tut, schenkt Gott Herrlichkeit, Ehre und Frieden.“ (Röm.2,10) Zum Thema „Schande“ lesen wir im Hebräerbrief: „Mose setzte sich derselben Schande aus, die auch Christus auf sich nahm.“ (Heb.11,26) „Wir wollen die Schande auf uns nehmen, die er zu tragen hatte.“ (Heb.13,13). Christus hat am Kreuz also Schande auf sich genommen. Warum er das getan hat, wird im Vers davor erläutert: „So hat er durch sein eigenes Blut das Volk heilig gemacht.“ (Heb.13,12) Jesus hat die Schande also ertragen, damit unsere Sünde getilgt wird.

Sehr viel mehr sagt das NT zum Thema Versöhnung: Als wir noch Feinde waren, wurden wir mit Gott versöhnt durch den Tod seines Sohnes. … Wir dürfen regelrecht stolz darauf sein, dass wir zu Gott gehören. Das verdanken wir Jesus Christus, unserem Herrn. Durch ihn haben wir jetzt schon die Versöhnung erlangt.“ (Röm.5,10+11) Der Tod Jesu versöhnt uns also. Paulus spricht sogar davon, dass wir stolz sein dürfen. In Kolosser 1,20 ergänzt er: Er wollte, dass alles durch ihn Versöhnung erfährt. … Denn er hat Frieden gestiftet durch das Blut, das er am Kreuz vergossen hat.“ Die Frage ist: Wie kann der Tod und das Blut Jesu Versöhnung bewirken? Dazu stellt Paulus im Korintherbrief klar: „In Christus war Gott selbst am Werk, um die Welt mit sich zu versöhnen. Er hat den Menschen ihre Verfehlungen nicht angerechnet.“ (2.Kor.5,18-19) Auch beim Thema “Versöhnung” geht es also darum, dass „Verfehlungen nicht angerechnet“ werden. Noch deutlicher schreibt Johannes dazu: Er hat unsere Schuld auf sich genommen und uns so mit Gott versöhnt.“ (1.Joh.2,2, siehe auch 4,10) Versöhnung und Vergebung gehören also untrennbar zusammen.

Biblische Bilder voll Würde, Ehre und Versöhnung

Es reicht aber nicht, die Bibel nach Begriffen abzusuchen. Die Bibel erzählt viele Wahrheiten in Bildern und Geschichten. So spricht sie zum Beispiel davon, dass wir von Gott als seine Kinder angenommen werden (Joh.1,12), dass wir geadelt werden als „Botschafter“ (2.Kor.5,20), „Freunde“ (Joh.15,15), „Erben“ (Röm.8,17), „Könige und Priester“ (1.Pet.2,9). All das ist tatsächlich das Gegenteil von Scham.

Immer wieder wird aber auch deutlich: Auch für diese Zusprüche ist die Vergebung und Erlösung am Kreuz die Basis: „Wenn wir Kinder sind, dann sind wir aber auch Erben: Erben Gottes und Miterben von Christus. Voraussetzung ist, dass wir sein Leiden teilen. Denn dadurch bekommen wir auch Anteil an seiner Herrlichkeit.“ (Röm.8,17)

Die Folgen von Schuld: Scham und ein schlechtes Gewissen

Am Kreuz wird somit zurückgedreht, was die Menschen sich beim Sündenfall eingebrockt hatten: Adam und Eva hatten gegen Gottes Gebot verstoßen. Sie haben gesündigt – und sich in der Folge vor Gott geschämt. Scham war also die Konsequenz der Sünde. Dieses Prinzip findet man noch öfter im Alten Testament, zum Beispiel in Jeremia 3,25: „In unserer Schande liegen wir da, unsere Schmach bedeckt uns. Denn wir haben Sünden begangen.“ (vgl. auch Jer.6,15; Esr.9,6; Hes.36,31-33; Dan.9,8; Röm.6,20-21).

Im Zusammenhang mit Scham spielt auch unser Gewissen eine wichtige Rolle. Das NT macht deutlich: Das Blut Jesu sowie die Taufe kann uns vom schlechten Gewissen befreien: „Denn unsere Herzen sind besprengt worden mit dem Blut von Jesus. So wurde unser Gewissen rein von der Schuld, die es belastet.“ (Hebr.10,22) „Bei der Taufe wird nicht Schmutz vom Körper gewaschen. Vielmehr ist sie die an Gott gerichtete Bitte um ein reines Gewissen.“ (1.Petr.3,21) Die „Ent-schämung“ basiert also auch hier auf der „Ent-schuldung“.

Meine kleine biblische Analyse zur Frage, ob Jesus auch für unsere Scham gestorben ist, kommt also zu einem überraschend klaren Ergebnis:

Ja: Jesus ist auch gestorben, um uns zu „ent-schämen“

Jesu Tod am Kreuz hat gemäß dem biblischen Zeugnis ohne Zweifel auch eine „Ent-Schämung“, eine Versöhnung und eine Wiederherstellung unserer Würde und Ehre zur Folge. Das ist eine gute Nachricht für die vielen Menschen in unserer Gesellschaft, die leiden unter einer durch das Internet massiv forcierten Schamkultur, in der Menschen sich ausgegrenzt, abgehängt und unwürdig fühlen. Die gute Nachricht ist: Jesus verleiht uns Würde. Er spricht uns Annahme und Wert zu. Unser himmlischer Vater gibt uns Heimat, Identität und Geborgenheit. Diese herrlichen Wahrheiten sind wichtige Anknüpfungspunkte zur Verkündigung des Evangeliums in einer Gesellschaft, die kaum noch über objektive Schuld nachdenkt und keinen Bedarf auf Vergebung sieht. Auch im AiGG-Glaubenskurs ist die Frage nach Identität, Wert und Annahme der erste, zentrale Anknüpfungspunkt. Zugleich gilt aber auch:

Keine “Entschämung” ohne “Entschuldung”!

Unsere Evangeliumsbotschaft bleibt unvollständig und oberflächlich, wenn wir verschweigen, woher unsere Scham letztendlich kommt. Ihre tiefste Ursache liegt in unserer Verstrickung in Sünde, in unserer Ignoranz gegenüber unserem Schöpfer, seiner Liebe, seiner Gerechtigkeit und seinen Geboten für ein gelingendes Leben. Die Wiederherstellung unserer Ehre und Würde gelingt nur über das Kreuz, über die Vergebung unserer Schuld und die Erneuerung unseres Lebens durch den Heiligen Geist.

Schuld und Scham sind somit keine alternativen Zugänge zum Evangelium, zwischen denen wir wählen können. Schuld ist und bleibt unser zentrales Problem. Auch Menschen, die sich nicht schuldig fühlen, brauchen Christus, der am Kreuz für ihre Schuld stirbt. Denn die Überwindung der subjektiven Scham basiert letztlich auf der Beseitigung der objektiven Schuld, die real vorhanden ist und uns von Gott und vom Heil trennt – ob wir sie wahrnehmen oder nicht. Wo nur noch von Annahme und Versöhnung die Rede ist und das Schuldproblem nicht mehr im Mittelpunkt steht, da sind wir bei einem anderen Evangelium gelandet, das sich nicht auf die Bibel berufen kann.

Das Wichtigste muss das Wichtigste bleiben!

Als Jesus den Gelähmten heilte, den seine Freunde durchs Dach heruntergelassen hatten, sagte er etwas Überraschendes: „Nur Mut, mein Kind! Deine Sünden sind dir vergeben!“ (Mt.9,2) Damit hatte niemand gerechnet. Das offenkundige Problem dieses Mannes war ja nicht seine Sündenschuld, sondern seine Krankheit. Indem Jesus die Vergebung vor die erhoffte Heilung stellt, macht er deutlich: Schuld ist auch dann das zentrale Problem, wenn wir sie überhaupt nicht auf dem Schirm haben.

Egal, was wir uns von Jesus wünschen: Er wird uns irgendwann immer auf unser Kernproblem ansprechen: Unsere Schuld, die uns von Gott und seiner Liebe trennt und uns letztlich den Tod bringt. Es wird deshalb auch für uns  immer eine entscheidende Aufgabe bleiben, die Menschen zu diesem Zentrum unserer Probleme hinzuführen. Tun wir das nicht, sind wir wie ein Arzt, der einem Menschen seinen Wunsch nach einem Schmerzmittel erfüllt, ihm aber zugleich nicht ehrlich sagt, dass die Schmerzen von einer sehr viel grundlegenderen Krankheit verursacht werden, mit der wir uns unbedingt auseinandersetzen müssen, um unser Problem zu lösen.

Der Heilige Geist ist unser Kommunikationshelfer

Auch, wenn unsere Gesellschaft für das Schuldthema „unmusikalisch“ geworden ist: Wir dürfen zuversichtlich sein, dass es trotzdem heute noch gelingen kann, diese Botschaft zu vermitteln. Jesus hat versprochen: Der Heilige Geist hilft uns, den Menschen ihr Schuldproblem aufzuzeigen. Genau das ist sein wichtigster Job: „Wenn dann der Beistand kommt, wird er dieser Welt die Augen öffnen – für ihre Schuld, für die Gerechtigkeit und das Gericht.“ (Joh.16,8)

Im Vertrauen auf den Heiligen Geist können und sollen wir zur richtigen Zeit und in geeigneter Form mit den Menschen auch über die Realität ihrer Schuld sprechen. Denn wenn die Bibel recht hat, dann ist Schuld ihr zentrales Problem. Es wäre schlicht lieblos, dieses Thema den Menschen zu verschweigen.


[i] Tobias Faix: Warum ist Spiritualität in und Kirche out, Vortrag vom 10.5.2018, Kassel, https://www.baptisten.de/aktuelles-schwerpunkte/bundesratstagung-2018/nachlese/audio-vortrag-tobias-faix, ab 37:29.

Von der Dekonstruktion zur Rekonstruktion

Wie fühlt es sich an, wenn der Glaube, von dem man sich viele Jahre geprägt und getragen fühlte, plötzlich zu zerfallen droht? Genau das hat Alisa Childers erlebt. Unter dem Einfluss eines progressiven Pastors wurden schrittweise alle ihre Glaubensfundamente dekonstruiert, auf die sie sich immer ganz selbstverständlich verlassen hatte. Tiefe Verunsicherung und Verzweiflung war die Folge.

Trotzdem hat Alisa Childers ihren Glauben nicht einfach weggeworfen. Stattdessen ging sie der Frage nach: Stimmen die Argumente, die meinen Glauben in Frage stellen, denn wirklich? Ihre Suche wurde schon bald zur Entdeckungsreise. Alisa Childers bemerkte, dass der christliche Glaube keineswegs nur auf Gefühlen und blindem Vertrauen basiert, sondern dass es zahlreiche vernünftige Gründe gibt, Jesus und seinem in der Bibel festgehaltenen Wort zu vertrauen. Und so erlebt der Leser dieses flüssig und spannend geschriebenen Buchs nicht nur die emotionale Achterbahnfahrt von Alisa Childers. Nebenbei lernt er wichtige Einstiegslektionen in das Fach „Apologetik“ kennen, also in die Lehre von der Verteidigung des christlichen Glaubens.

Besonders bedeutsam waren für Childers die Schriften der frühen Kirchenväter. Sie schreibt: Darin “entdeckte ich zu meiner Freude sehr Vertrautes, so uralt es auch war: eine tiefe Liebe zur Heiligen Schrift und eine beinahe empörte Verteidigung des Evangeliums. Ja, es gab zu jeder Zeit Lehrstreitigkeiten, Debatten über Auslegungen und Auseinandersetzungen über die Anwendung und Praxis. Eines aber lässt sich durch die Geschichte bis zur Entstehung des Christentums zurückverfolgen, nämlich dass die Bibel – jedes Wort darin – für Christen das Wort Gottes ist. Ab und zu gerieten Dinge aus der Spur, aber von Anfang an waren Christen sich einig, dass die Bibel zusammenhängend, schlüssig, von Gott inspiriert und maßgeblich für unser Leben ist.” (S. 96)

Zugleich deckt Childers grundlegende Schwächen in der Argumentation und Denkweise vieler sogenannter „progressiver“ Christen auf. So schreibt sie: “Den progressiven Christen zufolge haben wir die Bibel bisher immer falsch verstanden. Haben wir erst jetzt, zweitausend Jahre später, herausgefunden, wie wir sie richtig lesen müssen? Hat Gott nun endlich einigen wenigen Auserwählten unter den wohlhabendsten Leuten der westlichen Zivilisation offenbart, wie die Heilie Schrift richtig auszulegen und anzuwenden ist? Ich glaube nicht.” (S. 129)

Am Ende ist sie Gott sogar dankbar für die Zeit, in der ihr Glaube erschüttert wurde. Denn heute weiß sie, dass ihr rekonstruierter Glaube sehr viel fester und belastbarer geworden ist. Ihr Fazit ist ermutigend: „Langsam und stetig baute Gott meinen Glauben wieder auf. Die Fragen, die meinen Überzeugungen den Boden unter den Füßen weggezogen hatten … wurden nicht einfach nur beantwortet. Sie schrumpften unter handfesten Belegen und einer wasserdichten Logik zusammen, die so robust war, dass ich mir vorkam wie ein Kind im Süßigkeitenladen, das eben erst herausgefunden hat, dass es Süßigkeiten gibt.“ (S. 257/258)

Wie sehr würde ich mir wünschen, dass diese Liebe zur Apologetik wieder um sich greift! Denn mir hat das Buch gezeigt: Die Denkmuster der „progressive Christen“ im US-amerikanischen Raum sind in vielen Punkten sehr ähnlich wie die Argumentationsmuster des rasch wachsenden Postevangelikalismus im deutschsprachigen Raum, den ich in meinem Buch „Zeit des Umbruchs“ beschrieben habe. Sie führen hier wie dort zu einer Unterwanderung des historischen christlichen Glaubens.

Umso mehr kann ich dieses Buch nur leidenschaftlich weiter empfehlen. Es wird gerade jetzt dringendst gebraucht.

Transformation – Eine Aufgabe der Kirche?

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Verbindungen zwischen evangelikalen Christen mit Politikern wie Trump oder Bolsonaro wurden in den letzten Monaten auch von Christen teils heftig kritisiert. Manch einer sah darin sogar einen Grund, nicht mehr evangelikal sein zu wollen. Und auch ich bin der Meinung: Trotz allem begrüßenswerten Einsatz Trumps gegen Abtreibung und für Israel dürfen wir nie vergessen, dass das Reich Jesu nicht von dieser Welt stammt (Joh.18,36). Die Kirche Jesu hat einen Auftrag, der nicht mit Mitteln der Politik erreicht werden kann. Und wenn Kirche sich zu eng und unkritisch mit Politikern verbündet, dann werden auch alle ihre Schwächen und Fehler auf die Kirche zurückfallen – was bei Trump nicht nur angesichts seiner extrem polarisierenden Rhetorik besonders viel Schaden angerichtet hat.

Die Einsicht, dass die Kirche Jesu sich niemals zu sehr mit politischen Schwergewichten gemein machen sollte, schien mir zuletzt eigentlich weitgehender Konsens unter Evangelikalen in Deutschland zu sein. Umso mehr erstaunt es mich, immer öfter auch aus dem evangelikalen Umfeld Forderungen zu hören, dass Christen sich mit Greta Thunberg und Fridays for Future solidarisieren sollten. Zwar kann ich gut verstehen, dass auch vielen Christen Klimaschutz sehr wichtig ist. Jedoch ist auch Thunbergs Rhetorik teilweise sehr polarisierend und deshalb (m.E. zurecht) hoch umstritten.[1] Zudem hat Thunberg sowie die internationale FFF-Leitung ausgerechnet nach den fürchterlichen Raketenangriffen der Hamas auf Israel Inhalte der als antisemitisch einzustufenden BDS-Bewegung verbreitet. Hinzu kommen Hinweise auf linksextreme Einflüsse bei FFF. Greta Thunberg bekleidet zwar kein politisches Amt. Trotzdem gilt sie als eine der politisch einflussreichsten Persönlichkeiten der Gegenwart. Auch wenn man sie natürlich in keiner Weise mit Donald Trump vergleichen kann, frage ich mich: Müsste für die Kirche Jesu nicht auch bei Greta Thunberg und FFF genau die gleiche Warnung gelten, sich niemals öffentlich zu sehr mit politischen Akteuren gemein zu machen?

Transformieren oder Untergehen?

Um genauer zu verstehen, warum jetzt auch im evangelikalen Umfeld für den Schulterschluss mit FFF geworben wird, habe ich das „Handbuch Transformation“ gelesen, das von Tobias Faix und Tobias Künkler (beide Dozenten an der CVJM-Hochschule Kassel) herausgegeben wurde. Auf 383 Seiten findet man dort Artikel von 24 verschiedenen Autoren zum Thema „Transformation“. Den Begriff definiert Tobias Faix dabei wie folgt:

„Transformation beschreibt im Sinne einer Theologie der Transformation das Heilshandeln Gottes (missio Dei) an einer sich verändernden Welt.“ (S. 228)

Schon auf den ersten Seiten zeigt sich: Die Herausgeber Faix und Künkler legen allen Überlegungen zur Transformation eine pessimistische Weltsicht zugrunde, die sich weitgehend mit den Sichtweisen vieler FFF-Aktivisten deckt:

„Wir wissen immer deutlicher, dass die Menschheit längst mehrere planetare Grenzen überschritten hat und dabei hochkomplexe, irreversible Prozesse in Gang gesetzt hat, die gravierende negative Auswirkungen auf die Menschheit haben werden, besonders auf die zukünftigen Generationen und besonders die in Armut lebenden. Vor allem unter dem Eindruck der Klimakrise wächst gegenwärtig das gesellschaftliche Bewusstsein, dass es eine »Große Transformation« hin zu einer wirklich nachhaltigen Gesellschaft geben muss. … Einen Zwang zur Transformation zu postulieren, mag harsch klingen, aber letztlich stehen wir hier vor der Wahl, wie sie Harald Welzer folgendermaßen auf den Punkt brachte: »Transformation by design oder desaster«. Entweder wir schaffen es, die nötigen Transformationen zu gestalten, o­der wir werden durch Krisen und Katastrophen hierzu genötigt. Betrachtet man die wissenschaftlichen Prognosen des Klimawandels, dann werden die bereits gravierenden gesellschaftlichen Transformationen und Änderungen unserer Lebensweise, in die wir gegenwärtig durch die Covid-19-Pandemie gezwungen werden, im Rückblick dabei vielleicht vergleichsweise harmlos erscheinen.“ (S. 11) „Neben der Hitze sind aber auch Hunger, Ertrinken, Flächenbrände, Süßwassermangel, sterbende Meere, verpestete Luft, Seuchen, zusammenbrechende Wirtschaftssysteme, Klimaflüchtlinge und Klimakonflikte weitere Auswirkungen des Klimawandels. Mit anderen Worten: »Die desaströsen Auswirkungen, die wir heute überall um uns herum erleben, sind immer noch besser als das Best-Case-Szenario.« Genau deswegen leben wir in einem Kairos, der eine dritte Große Transformation nötig macht.“ (S. 22)

Jürgen Harder verstärkt dies noch mit den Worten (S. 33/34): „So ist »Das Ende der Welt, wie wir sie kannten« keine ferne Dystopie, sondern bereits jetzt im Gange« … »Eine Gesellschaft, die über ihren Fortbestand angesichts sich dramatisch verändernder Umweltbedingungen nicht nachdenkt … wird unter großen menschlichen Kosten peu a peu zerfallen … Oder sie wird sich kulturell und sozial erneuern und als eine andere, transformierte, überleben.«“

Die Klimakatastrophe: Ein geeigneter Motor für Transformation?

Wie gesichert und faktenbasiert diese apokalyptisch anmutende Sichtweise tatsächlich ist, wird im Buch nicht diskutiert. Ich habe zu diesen Fragen durchaus unterschiedliche und sich widersprechende Meinungen von Experten gehört. Da ich mich in diesem Feld nicht auskenne, kann ich das nicht bewerten. Meine Erfahrung ist aber zumindest, dass Wissenschaft hinter den Kulissen oftmals weit komplexer und weniger eindeutig ist, als dies in der Öffentlichkeit dargestellt wird. Tatsache ist zudem, dass sich solche angsterzeugenden Weltuntergangsszenarien (wie z.B. vom im Buch erwähnten „Club of Rome“) in den vergangenen Jahr­zehnten schon des Öfteren als grob falsch erwiesen haben.[2]

Aber auch wenn man eine kommende Klimakatastrophe für wissenschaftlich gesichert hält, stellt sich aus meiner Sicht die Frage: Inwieweit können denn düstere Untergangswarnungen ein guter Antrieb für positive gesellschaftliche Transformationen sein? Anders gefragt: Ist Angst ein guter Ratgeber? Zumindest darüber hätte ich mir in diesem Buch einen abwägenden Diskurs gewünscht, um der Meinungsvielfalt in der Gesellschaft Rechnung zu tragen.

Transformation auf allen Ebenen

Die aus Sicht der Autoren unumgängliche „große Transformation“ soll laut Faix / Künkler alle Ebenen betreffen: Auf der „Mikroebene“ geht es um die Transformation einzelner Menschen. Auf der „Mesoebene“ geht es um die Transformation von Institutionen oder Organisationen. Auf der „Makroebene“ werden Transformationen der Gesamtgesellschaft erwartet. Und auf der „Metaebene“ kommen Transformationsprozesse bei gesellschaftskonstituierenden Ideen und Prozessen (z.B. aus philosophischer Perspektive) in den Blick.

Das führt natürlich zu der Frage: Welche Rolle kann bzw. soll die Kirche bei derartigen allumfassenden Transformationen spielen?

Transformation im biblischen Sinn ist nur christuszentriert zu denken

Ohne Zweifel sagt die Bibel viel zum Thema Transformation. Jedoch ist sie dort niemals ohne das konkrete Einlassen auf Gottes Wirken und seinen Willen denkbar. Volker Rabens schreibt dazu: „Unsere Untersuchung zur Transformation im Neuen Testament hat unsere Aufmerksamkeit wiederholt auf die zentrale Rolle Jesu Christi gelenkt.“ (S. 178) Genauer gesagt: „In der innigen, transformierenden Beziehung zu Gott werden die Gläubigen gemeinsam in das Bild Christi geformt.“ (S. 175) Auch Rüdiger Gebhardt bestätigt: „Wer in einer solchen Christusbeziehung lebt, ist ein veränderter ein neuer Mensch mit einem neuen Leben. … Das neue Leben – samt seiner neuen ethischen Ausrichtung – ist nicht mehr das eigene Leben, sondern es ist das Leben in Christus bzw. das Leben Christi in mir.“ (S. 191)

Für Gebhardt ist somit allein Christus die treibende Kraft echter Transformation: „Dadurch, dass Christus in ihm lebt, hat er eine neue Identität, ein neues Wesen (=forma) erlangt, obgleich er seinem Äußeren (=materia) nach als er selbst erkennbar bleibt. Und das ist exakt das, was durch den Begriff „Transformation“ zum Ausdruck gebracht werden kann.“ (S. 192) Transformation ist für Gebhardt deshalb „konsequent relational zu denken“: Die „eigentliche Pointe einer an Transformation orientierten Theologie“ ist die „permanente Rückbindung der Transformationsprozesse an die Gottes- bzw. Christusbeziehung.“ (S. 194)

Es geht im Neuen Testament somit gerade nicht nur um die Verbreitung „christlicher Werte“ oder einer von Christus losgelösten „jesuanischen Ethik“. Gleich gar nicht geht es um die Verbreitung eines „universellen Humanismus“, den Uwe Schneidewind in seinem Artikel für den Beitrag der Kirchen in den anstehenden gesellschaftlichen Transformationsprozessen hält (S. 43). Es geht vielmehr im Kern um eine Erneuerung der Herzen, die nur in der praktisch gelebten Beziehung mit dem auferstandenen Christus gelingen kann.

Das Reich Gottes ist dort, wo Christus herrscht

Das zeigt sich auch in der Lehre Jesu vom Reich Gottes. „Dein Reich komme“ gehörte für Jesus unmittelbar zusammen mit der Bitte „Dein Wille geschehe“. Entsprechend rief Jesus dazu auf, dass alle Menschen gelehrt werden sollten, alles zu halten, was Jesus befohlen hat (Mt. 28,20). Zurecht stellt Marcel Redling deshalb fest: „Im Zentrum eines jeden Gottesdienstes steht das gemeinsame Bekenntnis: Jesus ist Herr.“ (S. 134) Und Bernhard Ott, der als Gottes Ziel mit dieser Welt den „Shalom“ (also einen umfassenden Frieden) sieht, betont: „Shalom kann gefunden werden in der Beziehung zu Gott und in der Gemeinschaft des Volkes Gottes, das nach den Weisungen dieses Gottes lebt.“ (S. 153) Alle positiven Eigenschaften des künftigen und doch bereits angebrochenen Gottesreichs (wie z.B. Friede, Gerechtigkeit, Heil) hängen im Neuen Testament also immer untrennbar mit der Unterordnung unter Gottes Herrschaft zusammen.

Haben die Autoren des „Handbuchs Transformation“ angesichts dieses eindeutigen biblischen Befunds somit das Ziel vor Augen, die ganze Gesellschaft in die Nachfolge Jesu zu rufen, damit die ganze Gesellschaft transformiert werden kann?

Zwei Arten von Transformation

Damit kommen wir zum größten Problem dieses Buchs: Immer wieder wird stillschweigend gewechselt zwischen der Transformation in Christus einerseits und politischen sowie gesellschaftlichen Transformationsprozessen andererseits, ohne dabei ausreichend deutlich zu machen, dass sich diese beiden Arten von Transformation natürlich grundlegend voneinander unterscheiden:

Für eine Transformation in Christus ist der Ruf zur Christusnachfolge eine unabdingbare Voraussetzung. Viele gesellschaftliche Transformationsprozesse hingegen haben mit christlich-religiösen Einflussfaktoren zunächst einmal wenig oder gar nichts zu tun. Man kann zwar Vermutungen anstellen, dass auch hinter manchen Gesellschaftstransformationen ein göttliches Wirken stehen könnte oder dass es sich zumindest um eine Folgewirkung christlicher Einflüsse handelt.[3] Das ändert aber nichts daran, dass solche philosophisch, techno­logisch, soziologisch oder politisch verursachten gesellschaftlichen Verschiebungen und „Mind-Shifts“ etwas kategorial anderes sind als die im Neuen Testament beschriebene Erneuerung in Christus.

Ein gesellschaftskritisches Amt der Kirche?

Richtig ist natürlich, dass Christen sich für beide Arten von Transformation interessieren sollten. Wie alle Bürger einer demokratischen Gesellschaft sind auch Christen gerufen, sich politisch zu engagieren und positive gesellschaft­liche Veränderungen mit voranzubringen. Ich habe allergrößte Hochachtung vor Christen, die sich für die Überwindung von Sklaverei und Menschenhandel, für die Aufforstung von Wüstengebieten oder für die Gewährleistung gerechter Lieferketten engagieren.

Aber ist die öffentliche Einmischung in gesamtgesellschaftliche Transformationsprozesse wirklich auch der (öffentliche) Auftrag kirchlicher Institutionen? Tobias Faix meint: Ja! Er fordert deshalb eine „öffentliche Theologie“, die er wie folgt definiert: „Öffentliche Theologie … fordert eine prophetische Stimme und »Einmischung und Anwaltschaft« kirchlicher Akteure aufgrund der christlichen Tradition und ihrer Werte, die ein Orientierungspotenzial anbieten und immer auch eine gesellschaftskritische Dimension verkörpern. Sie setzen sich mit den Zukunftsfragen der Menschheit auseinander und kämpfen für die Durchsetzung der Menschenrechte sowie für die soziale Gerechtigkeit.“ (S. 227)

Um diesen Auftrag der Kirche biblisch zu begründen, zieht Tobias Faix eine Parallele zwischen heutiger politischer Agitation und den alttestamentlichen Propheten: „Das prophe­tische Amt der Kirche besteht vor allem darin, ungerechte Strukturen und unterdrückende Systeme zu identifizieren und aufzudecken. Und dies in Art und Weise der alttestamentlichen Propheten, also in einer Mischung aus Gesellschaftskritik und Poesie, mit Leidenschaft, analytischer Klugheit, Fantasie und Kreativität.“ (S. 234)

Dabei erwähnt Faix jedoch nicht, was Bernhard Ott richtigerweise als die entscheidende Mitte der Botschaft der Propheten ausmacht: „Die Botschaft der Propheten lautet durchgehend: Kehrt um zu Gott und zu seinen Schalom-Weisungen, dann werdet ihr aufblühen und Gottes Segen erfahren.“ (S. 158) Also gilt auch hier genau wie beim Reich Gottes: Die Hinweise der Propheten auf soziale und gesellschaftliche Missstände können niemals losgelöst verstanden werden von ihrem Ruf zur Unterordnung unter Gottes Herrschaft. Der Vergleich heutiger Gesellschaftskritik mit den alttestamentlichen Propheten blendet deshalb den entscheidenden Kern und zentralen Bezugspunkt der damaligen prophetischen Botschaften aus.

Wer sind die „Mächte und Gewalten“, gegen die die Kirche kämpft?

Ähnlich fragwürdig erscheint mir der Versuch, die biblische Rede vom Kampf gegen „Mächte und Gewalten“ auf irdische Institutionen umzumünzen: „Was die Bibel ‚Mächte und Gewalten‘ nennt, wird in der zeitgenössischen Sprache ‚Image‘, ‚Ideologie‘ und ‚Institution‘ genannt“ (S. 214), liest man im Artikel von Thomas Zeilinger, der dazu den Theologen Walter Wink zitiert: „Wir alle haben mit den Mächten dieser Welt zu tun. Sie leiten unsere Krankhäuser und unsere Rathäuser, versammeln sich in den Vorstandsräumen der Konzerne, ziehen unsere Steuern ein und stehen unseren Familien vor.“ (S. 214) Das steht natürlich im direkten Gegensatz zu Paulus, der ausdrücklich betont: „Denn unser Kampf richtet sich nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut. Er richtet sich gegen die Mächte und Gewalten, die Weltenherrscher, die diese Finsternis regieren. Ja, er richtet sich gegen die bösen Geister, die im Reich der Lüfte herrschen.“ (Eph.6,12)

Dazu kommt: In Bezug auf Gesellschafts­­kritik herrscht im Neuen Testament ein geradezu dröhnendes Schweigen. Dabei standen die gelebten Werte der ersten Christen in einem scharfen Kontrast zu den damaligen gesellschaftlichen Maßstäben. Zudem wurden die Christen zeitweise massiv benachteiligt und verfolgt. Sie hätten somit allen Grund gehabt, die gesellschaftlichen Zustände und die Herrschenden zu kritisieren. Trotzdem sucht man solche Kritik weitgehend vergeblich im Neuen Testament. Stattdessen hat Paulus die staatlichen Obrigkeiten auch noch ausdrücklich als von Gott eingesetzt bestätigt (Röm.13,1-7).

Die Transformation der Herzen als Fokus der kirchlichen Arbeit

Richtig ist natürlich, dass die Verbreitung des frühchristlichen Evangeliums tatsächlich zu einer grundlegenden Gesellschaftstransformation geführt hat. Aber die Strategie bestand zu keiner Zeit darin, dass Christen an die politischen Schalthebel der Macht gehen und die Gesellschaft durch sozialkritische Apelle umkrempeln sollten. Die Verkündigung des Evangeliums zielte nicht auf die Symptome, sondern vielmehr auf die Wurzel aller gesellschaftlicher Probleme: Dem menschlichen Herzen, das heillos in Sünde verstrickt ist und deshalb immer wieder auch böse Werke und (systemische) Ungerechtigkeit hervorbringt.

Rüdiger Gebhardt schreibt deshalb zurecht: „Es gilt, bei der Person anzusetzen und nicht am Werk. Nur so ist auch – in einem tiefen und radikalen Sinn – Erneuerung – Transformation – denkbar.“ Außerdem ergänzt er: „Die Frage, ob sich wirklich eine Transformation ereignen kann, entscheidet sich … daran, wo diese Einflüsse den inneren Menschen erreichen: nur auf einer Appell-Ebene – theologisch: als „Gesetz“ – oder im Personzentrum als „Evangelium“, das allein die Herzen von Menschen erreichen und verändern kann.“ (S. 192)

Anders gesagt: Mit politischen Apellen und Moralismus ist aus neutestamentlicher Sicht keine echte Transformation zu erreichen. Auch in vielen Erweckungsbewegungen war Gesellschafts­transformation nur eine sekundäre Folge davon, dass immer mehr Menschen Erneuerung in Christus erfahren haben und sich diese Herzenstransformation dann ausgewirkt hat auf das diakonische Engagement sowie auf die gesellschaftlichen Bezüge, in denen Christen standen, sei es in Familien, Unternehmen, Organisationen, Parteien oder Administrationen. Die Kirche Jesu hatte dafür aber nie politische Agitation im Fokus, sondern immer die Transformation von Menschen in Christus mithilfe all der Dinge, die mir in diesem Buch leider viel zu kurz kommen: Evangelisation, Gebet, Verkündigung von Gottes Wort, persönliche Christusnachfolge und Aufbau christuszentrierter Gemeinschaften.

Führt „Inklusion“ zu Einheit?

Dabei befasst sich das Buch durchaus auch mit dem grundlegenden Transformationsprozess, den die Institution Kirche aktuell durchläuft: Sie wird Minderheiten-, Missions- und Laienkirche – und verliert rapide an gesellschaftlichem Einfluss. Umso mehr wird zukünftig die Einheit der Kirche eine zwingende Voraussetzung für ihre gesellschaftliche Relevanz. Die Grundfrage ist dabei jedoch: Auf welcher Basis kann die Einheit der Kirche wachsen und gedeihen? Findet die Kirche Einheit in einer grenzenlosen „Inklusion“? Oder muss sie ganz bewusst Grenzen setzen, weil sie sonst ihr Profil, ihre Identität, ihre Botschaft und damit auch ihre Einheit verliert?

Marcel Redling zitiert dazu eine Verlautbarung des Ökumenischen Rates der Kirchen: „Die Kirche ist berufen, eine inklusive, eine niemanden ausgrenzende Gemeinschaft zu sein […]. Ihrem Wesen nach ist die die Kirche ein Ort und ein Prozess der Gemeinschaft, der für alle Menschen ohne Diskriminierung offen ist und zu dem alle eingeladen sind.“ (S. 130) Und er ergänzt: „Jede inklusive Gemeindepraxis wird sich daran messen lassen müssen, ob es gelingt, auch Menschen mit einer anderen Prägung zu beheimaten und diesen das Recht zuzugestehen, gegebenenfalls eine »eigenständige Praxis des Glaubens« zu gewinnen.“

Wie weit diese Eigenständigkeit geht, wird nicht definiert. Geht es nur um die Integration unterschiedlicher gesellschaftlicher Milieus und kultureller Ausdrucksformen des Glaubens, so wie es das Neue Testament in beeindruckender Weise von den ersten Christen schildert? Oder soll hier jeder seine eigene (Erfahrungs-)Theologie ent­wickeln dürfen?[4] Gibt es somit keine verbindlichen gemeinsamen Bekenntnisse mehr?

Das wäre problematisch. Denn Christen sind eine Bekenntnisgemeinschaft. Und ein gemeinsames Bekenntnis grenzt natürlich auch aus. Es schafft aber zugleich einen gesunden Rahmen, in dem eine große Vielfalt des Glaubensausdrucks zusammenfinden und beieinanderbleiben kann. Ohne Bekenntnisrahmen zerfällt Einheit – auch deshalb, weil rasch neue Maßstäbe wachsen, die zur Ausgrenzung von Andersdenkenden führen.

Das gilt gerade auch beim Thema Inklusion. So schreibt zum Beispiel Tobias Künkler auf der Internetseite „Coming-In.de“ zur Debatte um die Segnung und Trauung von gleichgeschlechtlichen Paaren: „Wie viele Gemeinden und wie viele Menschen sind an dieser ‚Frage‘ zerbrochen…Ich bin mittlerweile aus guten Gründen überzeugt: Dieses ‚Menschenopfer‘ ist dem Herrn ein Gräuel.“ Bringen Christen also „Menschenopfer“, wenn sie sich in ihrem Gewissen an die Schrift gebunden wissen und deshalb praktizierte Homosexualität nicht der Ehe gleichstellen können? Bei derart drastischen Formulierungen kann ich rein gar nichts mehr spüren von der ansonsten so vielgepriesenen „Ambiguitätstoleranz“. Vielmehr begibt sich Künkler hier selbst lautstark an die Front des Konflikts, der aktuell die Weltchristenheit spaltet wie kein anderer.

Trägt die Politisierung der Kirche zu ihrer Einheit bei?

Aber könnte die Kirche vielleicht an Einfluss und Relevanz gewinnen, wenn sie sich verstärkt auf politische Ziele konzentriert, hinter denen sich Christen mit ganz verschiedenen theologischen Standpunkten versammeln können, weil diese Ziele einer allgemein akzeptierten christlichen Ethik entsprechen?

Meine Beobachtung ist: Genau das Gegenteil ist der Fall. Gerade in politischen Fragen hat es unter Christen noch nie Einheit gegeben! So sind bei weitem nicht alle Christen der Meinung, dass politisch linke und grüne Konzepte oder moralische Appelle die richtige Antwort sind auf die gesellschaftlichen Herausforderungen in Sachen Klima, soziale Gerechtigkeit oder Rassismus. Ich bin zum Beispiel überhaupt nicht wie Raban Daniel Fuhrmann der Meinung, dass Nationalstaat, Bürokratie und Parteien überholte „politische Techniken des 19. Jahrhunderts“ sind (S. 115). Ich halte auf Basis der historischen Erfahrungen soziale Marktwirtschaft samt einem gesunden Leistungsprinzip und dem Schutz von Privateigentum für wesentlich sozialer und gerechter als jede Form von Sozialismus. Deshalb glaube ich auch, dass wir eher mehr statt weniger unternehmerische Freiheit und eher weniger statt mehr Staat, Steuern und Dirigismus brauchen, um die aktuellen Herausforderungen zu bewältigen. Ich halte Ingenieurskunst für die verheißungsvollere Antwort auf die Klimafrage als Verbote und Steuererhöhungen. Ich halte Atomenergie bislang noch für einen unverzichtbaren Baustein, um den CO2-Ausstoß wirksam reduzieren zu können. Ich bin der Meinung, dass die „Gendersprache“, die auch in diesem Handbuch durchgehend angewendet wird, die Gesellschaft eher spaltet, statt sie füreinander zu sensibilisieren. Ich halte es für problematisch, rechtlich fragwürdige „Schulstreiks“ als Form der politischen Meinungsäußerung zu bejubeln. Und schließlich hätte meine politische Agenda auch noch ganz andere Prioritäten. So läge mir zum Beispiel das Thema Lebensschutz (Abtreibung und Sterbehilfe), Familienförderung oder der Kampf gegen Prostitution und Pornografie sehr auf dem Herzen – Themen, die mir im Handbuch Transformation leider überhaupt nicht begegnet sind.

Mir ist bewusst, dass andere Christen das anders sehen. Das trennt mich nicht von ihnen. Aber ich will mit diesen Sätzen deutlich machen: Es ist eine Illusion zu glauben, man könne die Nachfolger Jesu zu einer vereinten politischen Kraft zusammenführen. Im Gegenteil: Eine politisierte Kirche muss zwangsläufig immer eine besonders fragmentierte Kirche sein – oder aber sie wird intolerant, weil sie sich auf eine bestimmte Meinungsblase konzentriert und Christen mit anderer Meinung zunehmend ausgrenzt, so wie ich es in meiner evangelischen Kirche leider immer mehr beobachten muss.[5]

Transformation durch Zerstörung?

Aber wie soll denn eine so grundlegend erneuerte Gesellschaft eigentlich aussehen? Was ist das Ziel der angestrebten „großen Transformation“? Dazu liefert das Buch sehr unterschiedliche, teils recht widersprüchliche Aussagen. Wirklich erschrocken bin ich über den Artikel von Gerhard Wegner über „Transformation als globale Veränderungskraft“, in dem er eine „radikale Veränderung“ und „schöpferische Zerstörung“ des bestehenden Systems fordert und sich dabei unter anderem auf Marx und die „leninistische Revolutionstheorie“ beruft: „Transformation … setzt wichtige gesellschaftliche Kräfte voraus, die nicht nur entschieden etwas Neues schaffen, sondern ebenso entschieden Altes zerstören. … Zudem gilt, dass die beharrenden Kräfte, wie schon die leninistische Revolutionstheorie behauptete, nicht mehr die Schalthebel der Macht bedienen können.“  Im Blick auf unsere Gesellschaft meint Wegner: Reformen reichen nicht für das „Ziel der Überwindung der kapitalistischen Gesellschaftsstruktur“.

Ich habe mich beim Lesen wirklich gefragt: Wie konnten angesichts der grauenvollen (und zudem antichristlichen) Blutspur, die der Marxismus / Leninismus im letzten Jahrhundert hinterlassen hat, solche zumindest missver­ständliche Formulierungen (siehe dazu noch weitere Zitate im Anhang des Artikels) in dieses Buch geraten? Und warum wird dieser Artikel von den Herausgebern undifferenziert gelobt?[6]

Jedenfalls wird mir als leidenschaftlichem Anhänger unserer Demokratie und unserer sozialen Marktwirtschaft beim Lesen solcher Thesen tatsächlich angst und bange. Und ich bin mir sicher: Wenn derart ex­treme Meinungen jetzt auch noch im evangelikalen Umfeld Raum gewinnen, wird der Schaden für die Einheit der Kirche Jesu gewaltig sein. Umso dringender ist mein Appell: Lasst uns als Kirche Jesu klar den Fokus behalten auf dem Auftrag, den unser Herr uns mit auf den Weg gegeben hat:

»Geht nun hin zu allen Völkern und ladet die Menschen ein, meine Jünger und Jüngerinnen zu werden. Tauft sie im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes! Und lehrt sie, alles zu tun, was ich euch geboten habe!« (Mt.28,19+20)

Ich habe es oft erlebt: Unter diesem Auftrag können Christen mit ganz verschiedenen politischen Positionen Einheit finden. Und ich bin zudem überzeugt: Eine bessere Strategie für echte, nachhaltige Transformation und für eine in jeder Hinsicht bessere Zukunft gibt es nicht.


Der Artikel “Transformation – Eine Aufgabe der Kirche?” kann hier als PDF heruntergeladen werden.

Das von Tobias Faix und Tobias Künkler herausgegebene „Handbuch Transformation“ ist 2021 in der Neukirchener Verlagsgesellschaft mbH, Neukirchen-Vluyn, erschienen. Es ist hier erhältlich: https://neukirchener-verlage.de/catalog/product/view/_ignore_category/1/id/1933945/s/handbuch-transformation-9783761567739/

Fußnoten:

[1] Im Editorial von AUFATMEN 1/2012 schreibt Ulrich Eggers: „Und, ja, ich bin beeindruckt von Gretas Leidenschaft, ihrem Mut, ihrer Wut – etwa bei ihrer denkwürdigen Rede vor der UNO-Vollversammlung, bei der sie den Staatslenkern dieser Welt ihr „How dare you!“ entgegenschleuderte: … „Die Augen aller zukünftigen Generationen sind auf euch gerichtet, und wenn ihr euch entscheidet, uns zu enttäuschen, sage ich, dass wir euch das nie vergeben werden! Wir werden euch damit nicht davonkommen lassen!“ „How dare you!“ Was für ein prophetischer Ruf!“ Ich gebe zu Bedenken: 1. Greta Thunberg beansprucht für sich, für alle zukünftigen Generationen zu sprechen. Sie hat dafür aber keinerlei demokratische Legitimation. Auffällig war, dass bei einer aktuellen Volksabstimmung in der Schweiz vor allem die junge Generation gegen das geplante CO2-Gesetz gestimmt hat. 2. Ich halte es für problematisch, die Klimafrage als einen Generationenkonflikt darzustellen. Dies kann das Klima und den Respekt zwischen den Genera­tionen sehr real belasten, wie z.B. die Aufregung um das WDR-Kinderchorlied zur Oma als „Umweltsau“ gezeigt hat. 3. Die Ankündigung, niemals zu vergeben, wenn die eigenen Erwartungen enttäuscht werden, halte ich nicht nur mit christlichen Werten für unvereinbar, sondern vor allem auch für undemokratisch. Viele Entscheidungen zur Klimapolitik haben komplexe, weitreichende, teils existenzielle Folgewirkungen, so dass immer ein gesamtgesellschaftlicher Aushandlungsprozess stattfinden muss. Dabei muss jede gesellschaftliche Kraft immer kompromiss- und versöhnungswillig sein, auch wenn nicht alle eigenen Forderungen umgesetzt werden. 4. Was bedeutet eigentlich konkret die Aussage: „Wir werden euch nicht davonkommen lassen“? Angesichts wachsender Gewalt auch von linksextremen Kräften sollten einflussreiche Menschen in besonderem Maß darauf achten, nur Formulierungen zu verwenden, die nicht missbraucht werden können.

[2] Ausführlich dokumentiert im Cicero-Artikel „Untergänge, die untergehen“: https://www.cicero.de/wirtschaft/unterg%C3%A4nge-die-untergehen/38945

[3] So schreiben Thorsten Dietz und Tobias Faix: „Die Schöpfung Gottes und sein erlösendes Handeln zielen auf den freien und befreiten Menschen. Schon von daher kann eine transformative Ethik den Liberalismus der Moderne nicht pauschal verdächtigen oder verurteilen, sie wird ihn vielmehr als Teil einer Wirkungsgeschichte des Christentums in dieser Welt sehen.“ (S. 253)

[4] So legt es zumindest das Kapitel von Sabrina Müller über „gelebte Theologie“ nahe, Zitat: „Gelebte Theologie gründet in der Erfahrungswelt und Lebensrealität der Menschen.“ (S. 263)

[5] Siehe dazu der besonders krasse Fall der öffentlichen Stigmatisierung eines Pfarrers aufgrund seiner traditionellen Haltung zum Thema Gender und Familie: https://www.bibelundbekenntnis.de/stellungnahmen/auf-dem-weg-zur-verbalinquisition-cancel-culture-in-der-kirche/

[6] Faix / Künkler über den Artikel von Gerhard Wegner: „Transformation setzt daher immer auch die Negation und Zerstörung vorheriger Formationen voraus, und Innovation bedarf Exnovation. All dies wird im Beitrag präzise analysiert.“ (S. 273)

Anhang: Zitate aus dem Artikel von Gerhard Wegner „Transformation als globale Veränderungskraft“, ab S. 277ff.:

„Transformation impliziert eine radikale Veränderung des Bestehenden, einen Austausch derjenigen Muster, die bisher Gesellschaften, Organisationen oder auch Individuen bestimmen. Das Leben orientiert sich im Prozess einer Transformation an anderen grundlegenden Referenzen, an anderen Werten und Leitbildern, als es das bisher getan hat. Wenn man so will, entsteht eine neue Welt, in der anders gelebt wird, als dies bisher der Fall gewesen ist. Insofern ist ein tiefes Erschrecken angemessen, wenn man wirkliche Transformationen herbeirufen will.“

„Dieses eigentlich notwendige Erschrecken kommt in einer Formel zum Ausdruck, wie ich sie zur Beschreibung von Transformation zu benutzen vorschlage: Transformation ist die schöpferische Zerstörung einer Lebensform. Wohlmeinende und freundliche Zeitgenoss:innen werden die Verwendung des Wortes Zerstörung an dieser Stelle kritisieren: Es ginge doch nicht darum, mit dem Transformationsbegriff Angst zu machen. Aber solche Kritik akzeptiert nicht wirklich, worum es mit der notwendigen Transformation unserer Gesellschaftsordnung – im Kern unserer eigenen Lebensweisen – tatsächlich geht. Es braucht grundlegende Orientierungsänderungen, die nicht ohne schmerzhafte Einschnitte in uns lieb gewordenen Lebensweisen möglich sein werden.“

„So gab es in den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts die Vorstellung, mittels einer gut geplanten Kette von Reformen die Gesellschaftsordnung strukturell zu verändern. Das Ziel entsprach durchaus dem, was man auch als Transformation hätte bezeichnen können, nämlich dem Austauschen der Grundstruktur einer Gesellschaftsordnung. Aber man hoffte, durch diese Begrifflichkeit die fehlende Akzeptanz für die mit einer »Revolution« verbundene Zerstörung der alten Gesellschaftsordnung, und damit möglicherweise der Anwendung von Gewalt, umgehen zu können. Im Rückblick hat sich dieses Konzept weitgehend als illusionär erwiesen. Das damals fixierte Ziel der Überwindung der kapitalistischen Gesellschaftsstruktur ist nicht nur nicht erreicht worden, sondern die vorgenommenen tatsächlichen Reformen haben zumindest in Deutschland den Kapitalismus gestärkt und ihn dauerhafter gemacht als vorher.“

„In unseren Lebensweisen sind wir Menschen in der Regel zufrieden und glücklich – und deswegen sind sie so schwer zu ändern. Es wäre alles viel einfacher, wenn die Menschen in Deutschland auch auf der Ebene ihrer subjektiven Gefühlswelten mit ihren Lebensbedingungen massiv unzufrieden wären. Wer Transformation will, braucht Unzufriedenheit. Wie könnt ihr in eurem falschen Leben so glücklich sein? Die Bude brennt! Seht ihr es denn nicht? Es braucht mithin nichts anderes als: Konversionen.“

„Die entscheidende Frage ist, ob sich das »erforderliche Transformationsdesign Stück für Stück und im demokratischen Umgang mit seinen sozial- und verteilungspolitischen Implikationen« durchsetzt oder ob es dafür Katastrophen und Desaster braucht.“

„Das, was sich in solchen prägenden Mustern den Menschen aufzwingt, ist nicht zufällig, sondern entstammt nicht zuletzt den Mechanismen einer ökonomischen Grundstruktur, die sich nach wie vor am besten als »Kapitalismus« beschreiben lässt. Es sind grundlegende, vor allem im ökonomischen Bereich existierende, sich selbst reproduzierende Strukturen, die Formen des Kapitalismus als Lebensformen kultivieren und die dementsprechend im Zentrum einer transformativen Praxis stehen müssen. Entscheidend ist dabei die von Karl Marx und anderen immer wieder herausgehobene Bedeutung der selbstgenerativen Form des Kapitals.“

„Redet man von einer notwendigen Transformation, also einer Aufhebung, des Kapitalismus, so kommt man nicht darum herum, insbesondere auf eine Studie einzugehen, die die Entstehung dieser Gesellschaftsform als einen umfassenden Transformationsprozess überzeugend analysiert hat: Karl Polanyis Analyse der Durchsetzung von kapitalistischen Marktstrukturen im England des 18. und 19. Jahrhunderts.“

„Mit dem, was hier durch ganz direktes Bereicherungsinteresse vorangetrieben und aus Gründen der Produktivität und Reichtumssteigerung der Gesellschaft insgesamt durch den Staat flankiert wurde, gelang eine Transformation, wie sie die Gesellschaft bis dato noch nirgends erlebt hatte.“

„Der Gesamtcharakter der Gesellschaft und ihre aggressiv-expansionistische Grundstruktur bleibt ungebrochen. Wenn es um eine wirkliche Transformation der Gesellschaft gehen soll, so muss ein ähnlich grundlegender Prozess in Gang gesetzt werden, wie er seinerzeit bis zum Take-off des Kapitalismus vorangetrieben wurde.“

„Transformation … setzt wichtige gesellschaftliche Kräfte voraus, die nicht nur entschieden etwas Neues schaffen, sondern ebenso entschieden Altes zerstören und einen Staat, der dies aktiv unterstützt, zumindest aber flankiert. Zudem gilt, dass die beharrenden Kräfte, wie schon die leninistische Revolutionstheorie behauptete, nicht mehr die Schalthebel der Macht bedienen können.“

„Natürlich führt kein Weg daran vorbei, all diese Aspekte nicht nur aus harmlosen reformistischen Perspektiven, sondern eben von einer grundsätzlichen transformativen Perspektive aus zu bearbeiten.“

„Um es zu wiederholen: Schöpferische Zerstörung ist notwendig. Aber ob es sie angesichts der übergroßen Abhängigkeit der Menschen von ihrer Einbindung nicht nur in die kapitalistischen Geldkreisläufe, sondern in die damit gegebene Formatierung ihrer Bedürfnisse geben kann, bleibt fraglich. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass das Primäre bei einer solchen Transformation tatsächlich die Zerstörung sein könnte, das heißt die Erfahrung großer Katastrophen, die allein neue Formen eines nachhaltig solidarischen Zusammenlebens plausibler machen könnten.“

Jetzt Neu: Bibel live – Der AiGG-Podcast

Worum geht es im neuen AiGG-Podcast?

Seit jeher haben Christen geglaubt, dass die Bibel „Gottes Wort“ ist. Damit meinten die Reformatoren, dass die Bibel zwar von Menschen geschrieben ist, dass die biblischen Texte zugleich aber von Gottes Geist inspiriert sind. Aber kann man das heute noch guten Gewissens glauben? Hat die Wissenschaft nicht längst bewiesen, dass die Bibel zahllose sachliche und theologische Widersprüche enthält? Ist sie nicht voller Fehler in ihren historischen Angaben und in ihrem Weltbild? Sind die Wunderberichte nicht eher Märchen und Mythen? Diese und weitere Fragen beschäftigen viele Christen. Dieser Podcast will zeigen: Niemand muss seine Vernunft an der Kirchentür abgeben, wenn er seinen Glauben auf die Aussagen der Bibel gründet. Es gibt gute und vernünftige Gründe, der Bibel auch heute noch zu vertrauen. Die rund 45 Minuten langen Folgen von „Bibel live“ liefern Denkfutter zu den heißesten Themen rund um das Buch der Bücher, Antworten auf schwierige Fragen und vor allem Lust und Leidenschaft für dieses einmalige Buch, das auch heute noch kraftvoll und lebendig ist.

Die Homepage zum Podcast: https://bibel-live.aigg.de

Den Bibel live-Podcast findest Du außerdem auf Spotify und Apple Podcasts:

Bibel live auf Spotify: https://open.spotify.com/show/6pETBlgAJ55C1m9JesOVx8

Bibel live auf Apple Podcasts: https://podcasts.apple.com/us/podcast/bibel-live-der-aigg-podcast/id1574213440

Folge 1: Gewalttexte in der Bibel – wie ist das zu verstehen?

Gott ist Liebe! Er ruft uns auf, sogar unsere Feinde zu lieben! Darüber reden Christen gern und oft. Aber wie passt das zu den Texten in der Bibel, in denen über Krieg und Gewalt gesprochen wird – und in denen angeblich sogar Gott selbst dazu aufruft? Ist der Gott des Alten Testaments etwa ganz anders als der Gott des Neuen Testaments? Vermittelt das Alte Testament ein veraltetes Gottesbild? Das sind spannende Fragen mit weitreichenden Konsequenzen für unseren Umgang mit der Bibel und letztlich für unser ganzes Christsein.

Hier gehts zur Podcastfolge:

Gewalttexte in der Bibel – wie ist das zu verstehen?

Ich freue mich über jede Art von Feedback, Kommentare und Rückfragen. Und natürlich freue ich mich, wenn Du den Podcast bei Apple oder Spotify abbonierst!

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Der große Graben

In Matthäus 28, 20 sagt Jesus zu seinen Jüngern: „Lehrt sie, alles zu tun, was ich euch geboten habe.“ In diesem kurzen Satz stecken einige Aussagen, die zum innersten Kern des christlichen Glaubens gehören:

  • Gott hat zu uns Menschen gesprochen und uns Gebote gegeben.
  • Gottes Worte sind so klar und verständlich, dass sie durch Lehre und Predigt weitergegeben werden können.
  • Dadurch werden wir Menschen vor die Entscheidung gestellt, ob wir tun wollen, was Gott sagt.

Soweit, so selbstverständlich – hätte ich bis vor einigen Jahren gedacht. Das ist es aber nicht. Eher im Gegenteil. Es erschüttert mich immer wieder, in welchem Umfang heutige Theologie diese zentrale christlich / jüdische Grundlage eines sich offenbarenden, redenden und sich verständlich machenden Gottes in den Wind schlägt. Das ging mir zuletzt so beim Studium des Buchs „Zwischen Entzauberung und Remythisierung“, das der Theologieprofessor Jörg Lauster im Jahr 2008 verfasst hat. Ich habe dabei nicht den Eindruck, dass Prof. Lauster eine Randposition in der heutigen universitären Theologie einnimmt. Jedenfalls betont er selbst immer wieder, dass viele seiner Annahmen allgemeiner Konsens in der heutigen Theologie seien. Und er spricht selbst davon, dass es zwischen diesem Konsens und dem traditionellen reformatorischen Bibelverständnis einen großen, “garstigen Graben” gibt.

Dieser Diagnose kann ich mich nach der Lektüre des Buchs nur anschließen. Ich musste mich teilweise wirklich fragen: Kann man eine Theologie, die die oben genannten jüdisch/christlichen Grundlagen derart grundlegend verwirft, eigentlich noch als „christlich“ bezeichnen? Jedenfalls ärgert es mich zunehmend, wenn auch Evangelikale immer wieder äußern, konservative Christen würden durch ihre Debatten über theologische Fragen die Einheit zerstören. Tatsache ist: Die Einheit ist längst zerstört. Das liegt aber nicht daran, dass irgendwelche Konservative so dickköpfig und streitsüchtig sind. Das liegt vielmehr an einer Theologie, die nach eigener Selbstbekundung unüberbrückbare Gräben aufgerissen hat und die zugleich gegenüber Konservativen teils äußerst intolerant und herablassend auftritt – wie dieses Buch mir wieder gezeigt hat.

Ich bin mehr denn je überzeugt: Dieser große Graben verschwindet nicht, indem man ihn verharmlost, vernebelt oder totschweigt. Im Gegenteil: Wir Evangelikalen holen uns diesen großen Graben mitten in unsere Gemeinden, Gemeinschaften und Werke, wenn wir ihn nicht offen ansprechen.

Ich empfehle deshalb, das Buch von Jörg Lauster zu lesen, um einen Einblick in die Denkwelt vieler heutiger Theologen zu bekommen. Es hat nur 112 Seiten und ist auch für Laien weitgehend gut lesbar. Für alle, die nicht an das Buch herankommen (es ist aktuell leider nicht erhältlich) oder die sich nicht die Zeit dafür nehmen wollen, habe ich nachfolgend einige Zitate herausgeschrieben. Die farbig dargestellten kommentierenden Zwischenüberschriften stammen von mir.

Zitate aus Jörg Lauster: „Zwischen Entzauberung und Remythisierung“

Es gibt ein durchgängiges biblisches Zeugnis darüber, dass Gott zu den Menschen spricht und dass die biblischen Texte gemäß dem reformatorischen Verständnis das Reden Gottes wiedergeben:

S. 10: „Die gesamte Geschichte Gottes mit den Menschen ist nach alttestamentlicher Vorstellung maßgeblich davon bestimmt, dass Gott zu den Menschen und zu seinem Volk spricht. … Auf der Grundlage dieses biblischen Fundamentes ist in der christlichen Theologie die Vorstellung ausgebildet worden, dass Gott durch die Worte der Bibel zu Menschen spricht. Bei den Reformatoren tritt der Zusammenhang zwischen Wort Gottes und Bibel in besonderer Weise hervor.“

S. 31: „Die Bezeichnung der Bibel als Wort Gottes und als heilige Schrift ist für das Christentum eine essentielle Aussage.“

S. 70: „Die eingangs erörterte Gleichsetzung der Bibel mit dem Wort Gottes und die Bezeichnung ihrer Bücher als heilige Schriften sind Bestandteil dieses protestantischen Bibeldogmas.“

S. 72: „Festzuhalten ist jedenfalls, dass das protestantische Bibeldogma fort lebt und dazu gehört entscheidend die Auffassung, dass die inhaltliche Ausrichtung der christlichen Religion und die begriffliche Ausgestaltung der Lehre in den biblischen Schriften ihren originären Ursprung und ihren gegenwärtigen Maßstab habe. … Die Bibel ist als göttliches Wort die letzte Lehrautorität.“

Nach der “Entzauberung” der Bibel ist es heute eine Selbstverständlichkeit, die Bibel nicht mehr als Gotteswort sondern als Menschenwort anzusehen:

S. 9: „»Wie bitte?« – So lautet die vermeintlich überrascht indignierte Antwort eines Journalisten auf die theologische Feststellung, dass die Bibel nicht das Wort Gottes ist. Zugetragen hat sich dies bei einem Interview des Kirchenpräsidenten der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Peter Steinacker, mit der Zeitschrift ‚Zeitzeichen‘. … Die Bestreitung, dass die Bibel nicht das Wort Gottes sei, vermag noch immer für Aufsehen zu sorgen’. Das ist theologisch erstaunlich, denn Steinacker kann sich in seinen Bemerkungen zum Schriftverständnis auf einen großen Konsens innerhalb der akademischen Theologie berufen. Die Bibel ist nicht mit dem Wort Gottes gleichzusetzen.“
(Vgl. dazu das zitierte Interview in: Zeitzeichen 11/2005, 39-42. Das Interview ist überschrieben mit »Die Bibel ist nicht Gottes Wort«.)

S. 13: „Die Bibelkritik macht auf Fehler und innere Widersprüche in der Bibel aufmerksam, welche die Vorstellung, Gott habe den Verfassern die biblischen Texte diktiert, zusammenbrechen lassen. … Es ist aber keineswegs allein das Aufkommen einer historischen Bibelkritik, die über die Erforschung der Entstehungsbedingungen der Bibel die Identität von Bibel und Gotteswort auflöst. Schwerer wiegt, dass in wesentlichen Teilen biblische Auffassungen mit dem modernen Weltbild in Konflikt geraten. … Die Entzauberung der Bibel als Wort Gottes ist ein Faktum der europäischen Religionsgeschichte in der Moderne. … Der Neuprotestantismus bricht mit der altprotestantischen Vorstellung, die Bibel mit dem Wort Gottes gleichzusetzen und versucht, die Bedeutung der Bibel auf dem Boden historischer Einsichten zu begründen. Das Wort Gottes wird so zum Wort von Menschen.“

Auch die Barth’sche Wort-Gottes-Theologie trennt zwischen Bibeltext und Wort Gottes, traut der Bibel aber zu, dass Gott durch sie zum Menschen spricht:

S. 16/17: „Die Bibel ist ein ganz und gar „menschliches Dokument“ und es sei, so hält Barth ausdrücklich fest, nicht nötig, „diese offene Türe […] immer wieder einzurennen“. … Die Schrift ist daher nicht Gottes Wort im Sinne eines Zustands, sie kann jedoch zum Wort Gottes werden. Diese Wortwerdung fasst Barth als das Ereignis einer Inspiration. … Darum ist das Wort Gottes ein Ereignis und nicht eine den biblischen Texten an sich schon zukommende Eigenschaft. … Barths Wort-Gottes-Theologie gründet darum in einem Gottesbegriff, der eine fulminante Remythisierung der Vorstellung vom redenden Gott darstellt. Gott spricht – und die Bibel ist die ‚Fortsetzung‘ dieses göttlichen Sprechens. … Die Wort-Gottes-Theologie bewahrt in diesem Sinne ein wichtiges Moment des biblischen Gottesbildes.“

Aber auch die Wort-Gottes-Theologie wird hart kritisiert als eitler, autoritärer Biblizismus und „infantile“, „abschreckende“, „mythologisch-magische Vorstellung eines redenden Gottes“, die mit modernem Denken nicht kompatibel ist und große Flurschäden hinterlassen hat:

S. 19: „Seit den 6oer Jahren schwindet der Einfluss der Wort-Gottes-Theologie. … Paul Tillich witterte … in Barths Theologie einen „neuorthodoxen Biblizismus“ … Diese argumentative Selbstabschließung trage, so Tillich, fundamentalistische Züge in sich.“

S. 20: „Wort-Gottes-Theologie kann so ein religiöses Herrschaftsinstrument werden, und die im Umgang mit der Bibel bisweilen unerträglich gekünstelten Eingeständnisse, man wolle allein dem Wort des Herrn dienen, gleichen Unterwerfungsgesten, hinter denen sich ein ungeheures Maß an Eitelkeit verbirgt.“

S. 21: „Identifiziert man so das göttliche Offenbarungshandeln mit dem Begriff des Wortes Gottes, so steht dahinter letztlich eine »mythologisch-magische« Vorstellung eines redenden Gottes.“

S. 22: „Die Wort-Gottes-Theologie hat in der theologischen Landschaft Flurschäden hinterlassen. … Die methodische Haltung, im wissenschaftlichen Argumentationsgang mit Gründen zu operieren, über deren Plausibilität dann selbst keine Rechenschaft mehr abgelegt werden darf und kann, ist jedoch wissenschaftlichem Denken ganz und gar fremd. … Die Remythisierung der Gottesvorstellung, das beharrliche Insistieren darauf, dass Gott redet, stellt eine geradezu gewaltsame Infantilisierung des Gottesbegriffs dar, die vielfach abschreckend und ausschließend wirken muss, weil sie keinerlei Anknüpfungspunkte an modernes kritisches Denken bereithält und darüber hinaus theologisch weit hinter das zurückfällt, was die christliche Tradition über Gott lehrt und bekennt.“

Die Bibel ist gemäß dem heutigen „Grundkonsens“ „durch und durch Menschenwerk“ und „Propaganda“ ohne Interesse für die tatsächliche Geschichte:

S. 23: „Überblickt man diese Folgeschäden der Wort-Gottes-Theologie, so gäbe es durchaus gute Gründe, den Begriff des Wortes Gottes theologisch ganz aufzugeben. Denn daraus gehen zahlreiche Missverständnisse hervor. Besonders deutlich wird dies in der Bezeichnung der Bibel als Wort Gottes. Sie im wörtlichen Sinne als Wort Gottes zu bezeichnen, hat von ihren nachweislichen Entstehungsbedingungen und ihrer religionsgeschichtlichen Verankerung her keinen Anhaltspunkt.“

S. 24: „Unabweisbar stellt sich heraus, dass die biblischen Schriften nicht die aufgezeichneten Worte eines redenden Gottes sind, sondern von Menschen erdachte, verfasste, überarbeitete Texte. … Doch von diesen Einzelfragen zu unterscheiden ist das, was sich in den alttestamentlichen und neutestamentlichen Einleitungswissenschaften als Grundkonsens etabliert hat. Demnach sind die biblischen Texte durch und durch Menschenwerk. Sie sind ganz eingebunden in ihre Zeit und werden in einem komplexen Überlieferungsprozess bei ihrer Weitergabe umgestaltet und fortgeschrieben. Die historisch-kritische Exegese … hat … damit unbestreitbar religiöse Gewissheiten und das Vertrauen in die Bibel erschüttert. … Die großen Geschichtswerke des Alten Testaments sind über Jahrhunderte fortgeschrieben worden, hinter den Prophetenbüchern lassen sich kaum noch konkrete Persönlichkeiten ausmachen, die Evangelien sind nicht von Augenzeugen des Lebens Jesu geschrieben, sondern mindestens eine Generation später und obendrein im Dienste einer Missionspropaganda, die an einer ‚historischen‘ Biographie Jesu gar kein Interesse hatte.“

S. 26: „Doch eines lässt die wissenschaftliche Betrachtung der Bibel ganz außer Zweifel: Sie ist nicht übernatürlich auf geheimnisvolle Weise entstanden. … Heilig kann kein Attribut sein, dass ihr als inhärente Eigenschaft anhaftet.“

An die Stelle der biblischen Heilsgeschichte tritt „Mythos“ und „Fiktion“:

S. 41: „Die biblischen Texte – das ist die unaufgebbare Einsicht der modernen Exegese – sind nicht in einem modernen Sinne als historische Quelle zu gebrauchen.“

S. 44: „Ganz offensichtlich handelt es sich bei diesen biblischen Texten nicht um historische Erzählungen, sondern um Mythen. … Der Mythos ‚antwortet‘ durch eine narrative und fiktive Verarbeitungsleistung darauf, wie Menschen die Wirklichkeit erfahren.“

S. 47: „Die Texte bilden daher nicht einfach historische Ereignisse der Vergangenheit fotografisch ab, sie malen vielmehr ein eigenes Bild der Person Jesu, aus dem seine Bedeutung für die Tradenten hervorgeht. … Es sind nicht die Ereignisse selbst, sondern die Bedeutsamkeit dieser Ereignisse, die aus den Texten spricht. Dabei kommen wie schon im Alten Testament der Mythos und die Semiotisierung von Ereignissen zur Anwendung.“

S. 51: „Selbst der Mythos ist keine ‚Erfindung‘ ohne Anhaltspunkt, sondern eine Verarbeitung von Wirklichkeitserfahrungen mit den Mitteln der Fiktion.“

Die biblischen Texte sind vielfältige „Deutungen religiöser Erfahrung“, „Dichtung“, „religiöse Literatur“, „existentiale Selbstauslegungen“, die das Lebensgefühl von Menschen widerspiegeln:

S. 38: „Die biblischen Texte sind ihrem Wesen nach Deutungen religiöser Erfahrung. In produktiver Anknüpfung an die kulturell vorgegebenen Deutungsmöglichkeiten ihrer Zeit interpretieren sie den Einbruch der Transzendenz in die Lebenswelt der Menschen konkret als Gottesbegegnungen.“

S. 54: „Der als Gottesbegegnung gedeutete Einbruch von Transzendenz setzt eine Vielzahl von menschlichen Reaktionsmöglichkeiten frei. … Daraus ergibt sich notwendigerweise ihre Vielfalt. Es ist zudem damit zu rechnen, dass sich in der menschlichen Ausdrucksbildung Verzerrungen, Verfälschungen und Fehlinterpretationen einstellen.“

S. 40/41: „Die biblischen Texte räsonieren nicht über die Gottesbegegnung, sie erzählen sie. … Die Art der Erlebnisdeutung ist in den biblischen Texten eher mit der Dichtung als etwa mit einem philosophischen Zugang zu vergleichen. Mit gutem Recht lässt sich daher die deutende Wirklichkeitsverarbeitung der Bibel in ihrem ganzen Facettenreichtum als religiöse Literatur beschreiben.“

S. 41: „Die biblischen Schriften sind – um es fundamentaltheologisch zu formulieren – nicht Offenbarung an sich, sondern Deutungen von Ereignissen als Offenbarung.“

S. 87: „Die biblischen Sprachbilder symbolisieren Transzendenzerfahrungen, genauer, sie symbolisieren Gottesbegegnungen.“

S. 89: „Die biblischen Schriften artikulieren … sprachliche Deutungsmuster der Erfahrung von Transzendenz. Dabei interpretieren sie Transzendenz präziser als Gottesbegegnung. … In den biblischen Schriften spiegelt sich das Lebensgefühl von Menschen wider, die ihr Leben im Lichte der Begegnung mit Gott deuten und interpretieren. In diesem Sinne ist die Bibel als literarisches Aus- drucksuniversum religiöser Erfahrung zu verstehen, das religiöse Deutungsmuster für den Umgang mit Transzendenz bereitstellt.“

S. 105/106: „In diesem Sinne sind die biblischen Deutungen immer auch – darin Iiegt die bleibende Bedeutung Rudolf Bultmanns – existentiale Selbstauslegungen. In ihnen artikuliert sich, wie sich Menschen vor dem Einbruch und der Wirksamkeit göttlicher Präsenz verstehen.“

Die Gestalt des Kanons ist bis heute fraglich:

S. 56: „In diesem Prozess nehmen allerdings zeit- und kontextabhängige Erinnerungsinteressen Einfluss, deren Plausibilität schon damals fraglich war und vor allem dann späteren Generationen nicht immer als zwingend erscheinen muss. Die Grenzen zwischen den kanonischen und den apokryphen Schriften, die nicht in den Kanon gelangten, sind daher fließend.“

Die biblischen Texte sind als widersprüchliche „literarische Darstellung religiöser Gestimmtheiten“ gar nicht geeignet, um aus ihnen theologische Lehren zu begründen:

S. 76/77: „Die biblischen Schriften erfüllen … von ihrem Wesen her nicht die Funktion, theologische Lehrbildungen zu begründen. … Als literarische Darstellung religiöser Gestimmtheiten sind die neutestamentlichen Texte im Grunde nicht geeignet, aus ihnen Lehrgehalte zu erheben. … Die biblischen Texte geben das spezifische ‚Lebensgefühl‘ der ersten Christen in seinem ganzen Facettenreichtum wieder, sie fangen religiöse Stimmungen ein und bringen diese literarisch zum Ausdruck.“

S. 79/80/81: „Die Bibel ist in der Breite ihrer Aussagen und Ausdrucksformen nicht auf Lehren zu reduzieren, und schon gar nicht auf eine Lehraussage, sie thematisiert und artikuliert vielmehr ein Universum religiöser Gestimmtheiten. … Der Versuch, eine der Bibel gemäße Theologie zu konstruieren, wirft ein gravierendes Problem auf. Welche Theologie soll dies sein? Es ist ein theologisch sattsam bekanntes Faktum, dass der neutestamentliche Kanon eine Vielfalt von Theologien enthält. … Dieser plurale Charakter der biblischen Schriften ist in der Exegese weitgehend unstrittig: »Die Vorstellung einer Einheit im Sinn einer sich durchhaltenden einheitlichen Dogmatik im Neuen Testament ist eine Fiktion«.“*

*: Seltsam nur, dass auch Lauster selbst von einem durchgängigen “biblischen Gottesbild” eines redenden Gottes spricht (siehe oben), während er hier meint, so etwas wie ein biblisches Gottesbild gäbe es gar nicht.

S. 104: „Von der Exegese führt kein unmittelbarer Weg zum Dogma und auch nicht zur Predigt. Sie zielt vielmehr auf die historische Rekonstruktion vergangener religiöser Sinnbildungs- und Deutungsprozesse im Kontext der Erfahrungszusammenhänge, aus denen sie entstehen.“

Strohmänner und Diffamierung: “Fundamentalismus” ist Bibelvergötzung und vernunftfeindliche „Propaganda“:

S. 15: „Der gesamte vormoderne Vorstellungskomplex vom redenden Gott, der die Bibel diktiert und so zu den Menschen spricht … ist gegenwärtig ein erfolgreiches Modell protestantischer Missionspropaganda.“

S. 30: „Entscheidend daran ist, dass es nach christlichem Verständnis um die Vergegenwärtigung einer Person, Jesus Christus, geht und nicht um die Anbetung eines Buches. … Der Fundamentalismus ignoriert die Unterscheidung zwischen Buch und Person ganz und vergöttert so die Schrift an sich.“*

*: Zum verbreiteten Strohmannargument der Bibelvergötzung siehe der Artikel “Die 5 häufigsten Strohmannargumente gegen ein konservatives Bibelverständnis”

S. 31: „Die Verleugnung oder Ignorierung einer historischen Betrachtung* der Bibel erhöht deren Glaubwürdigkeit keineswegs, sondern untergräbt sie in tragischen Ausmaßen. … Man muss an dieser Stelle Kant bemühen dürfen: »Eine Religion, die der Vernunft unbedenklich den Krieg ankündigt, wird es auf die Dauer gegen sie nicht aushalten“. … Eine tragende Bedeutung der Bibel ist in der Gegenwart nicht an der modernen Entzauberung vorbei oder gar gegen sie, sondern nur durch sie hindurch zu entfalten.“

*: Zum verbreiteten Strohmannargument, konservative Theologie würde das historische Umfeld und den historischen Abstand der biblischen Texte “verleugnen oder ignorieren” siehe der Artikel: “Streit um das biblische Geschichtsverständnis”

Zwischen der „neuprotestantischen“ Theologie und dem “Fundamentalismus” bzw. der Wort-Gottes-Theologie „klafft ein garstiger Graben“:

S. 72/73: „Für das ‚Dogma‘ der Bibel, oder anders formuliert, für eine systematisch-theologische Schriftlehre ergibt sich daraus gegenwärtig eine eigenwillige, ja eine fast skurrile Ausgangssituation. Einerseits finden sich vornehmlich im Fundamentalismus und in der Wort-Gottes-Theologie moderne Restaurierungs- und Reparaturversuche des altprotestantischen Schriftverständnisses. … Dagegen richtet sich andererseits das Verständnis der Bibel in dem weiten Feld des liberalen Neuprotestantismus. … Zwischen dem historischen Verständnis der biblischen Schriften in den exegetischen Disziplinen und dem Bibeldogma klafft ein garstiger Graben.“

S. 96: „Historische und dogmatische Methode sind vielmehr zwei grundverschiedene Stile, Theologie zu treiben, die sich durch alle theologischen Disziplinen ziehen. Die dogmatische Methode erhebt die eigene religiöse Überzeugung zur unhintergehbaren Voraussetzung, während die historische Methode die eigene Religion einer methodisch ausweisbaren, Wissenschaftlichen Überprüfung unterzieht.* … unaufgebbar entscheidend bleibt folgender Grundgedanke: Eine auf Plausibilität zielende Beschreibung des Christentums kann im Kontext der Neuzeit nur eine Beschreibung in rationaler, wissenschaftlicher Durchführung sein. Die historisch-kritische Methode der Exegese ist daher eine konkrete Erscheinungsform dessen, was Troeltsch historische Methode nennt. Sie ist der den neuzeitlichen Rationalitätsstandards sich verdankende Umgang mit den biblischen Texten.“

* Zum verbreiteten Strohmannargument der Vernunftfeindlichkeit konservativer Theologie und der angeblichen Unvoreingenommenheit der universitären Theologie siehe der Artikel „Das wunderkritische Paradigma“: Die traditionelle protestantische Theologie erhebt ja gerade nicht die „eigene religiöse Überzeugung“ zum Dogma, sondern sie nimmt im Gegensatz zur modernen universitären Theologie den Forschungsgegenstand Bibel samt dem bibeleigenen Selbstanspruch zum Wesen der Texte und zu ihrem Offenbarungscharakter ernst gemäß dem Prinzip: Die Schrift muss sich selbst auslegen. Gerade dadurch wird die Bibel vor menschlichen Übergriffen und „Eisegese“ (also das Hineininterpretieren bibelfremder Annahmen in die Texte) geschützt. Die neue Theologie ist hingegen keineswegs methodisch neutral, sondern sie basiert mit ihrem Wissenschaftsbegriff auf einem philosophischen Unterbau, der vom Rationalismus (hier als „neuzeitliche Rationalitätsstandards“ bezeichnet), Naturalismus und Wunderkritik geprägt ist.

Bibelkritik ist heute institutionalisierter Mainstream:

S. 103: „Historische Kritik, die einstmals Rebellion war, ist zur Institution geworden.“

Zwei abschließende Bemerkungen:

  • Es wirkt auf mich angesichts der Dominanz dieser theologischen Sichtweisen seltsam, wenn manche Postevangelikale sich immer noch als Rebellen inszenieren. Sie sind einfach nur auf den Weg des großen Mainstreams volkskirchlicher Theologie abgebogen.
  • Ganz wichtig: Auch in diesem Artikel geht es natürlich in keiner Weise um persönliche Kritik an Prof. Lauster. Es geht schlicht darum, nüchtern die grundlegenden Differenzen im Bibelverständnis transparent zu machen, die Prof. Lauster ja selbst offen anspricht.

Alle Zitate stammen aus Jörg Lauster: Zwischen Entzauberung und Remythisierung, Forum theologische Literaturzeitung, Evangelische Verlagsanstalt Leipzig, 2008

Das Manifest (8): Auch wenn die Antithesen populärer sind – bitte predigt genau dieses Evangelium!

Wenn man den 7 Thesen des Römerbriefs ihre Antithesen gegenüberstellt, ergibt sich ein verblüffend aktuelles Bild:

These des Römerbriefs Antithese
Es gibt Wahrheit und Irrtum. Nur der Glaube an die Wahrheit rettet! Jeder kann nach seiner Façon selig werden. Wahrheit ist subjektiv. Wer allgemeingültige Wahrheiten vertritt, ist intolerant.
Die Schöpfung beweist, dass es einen Schöpfer gibt, der unsere Verehrung verdient! Es gibt keinen Schöpfer, dem wir Ehre schulden. Die Welt ist durch ziellose Prozesse von selbst entstanden.
Es kommt ein Tag, an dem alles noch einmal auf den Tisch kommt! Der Mensch ist autonom und muss sich vor niemand rechtfertigen.
Wir selbst sind der Kern unserer Probleme! Der Mensch ist im Kern gut. Wenn wir die Ungerechtigkeiten beseitigen, werden wir auch gut miteinander umgehen.
Wir können uns nicht selbst erlösen. Allein aus Gnade werden wir gerettet! Wir sind in Ordnung, wie wir sind, und auch Gott findet uns gut, wenn wir uns moralisch verhalten.
Wir brauchen Erneuerung statt Veränderung! Wir können und sollen uns selbst und die Welt verändern.
Jesus ist Herr! Freiheit und Gehorsam gehören zusammen! Wir sind frei, um uns selbst zu finden und zu verwirklichen.

Diese Tabelle finde ich aus zwei Gründen spannend:

Erstens zeigt sich: Die gute Nachricht, die Paulus damals so viel Widerstand einbrachte, ist seither nicht populärer geworden. Auch heute noch steht sie so ziemlich gegen alles, was in unserer Gesellschaft scheinbar normaler Mainstream ist. Die Botschaft von Paulus ist noch immer eine Torheit und ein Ärgernis (1.Kor.1,23).

Zweitens frage ich mich beim Lesen dieser Tabelle: Wird in unseren Kirchen und Gemeinden wirklich das paulinische Evangelium gepredigt? Konkret gefragt:

  • Sprechen wir über Wahrheit und Irrtum? Oder wollen wir niemand in Bezug auf seine persönlichen religiösen Vorstellungen auf die Füße treten?
  • Stehen wir dazu, dass die Welt von Gott geschaffen ist? Oder stimmen wir mit ein, dass die Geschöpfe Produkte von Evolution, Zufall und natürlicher Auslese sind, um nicht als unwissenschaftlich zu gelten?
  • Sprechen wir darüber, dass wir Menschen so tief in Sünde verstrickt sind, dass Gott uns im Gericht verurteilen muss? Machen wir deutlich, dass wir uns aus diesem Zustand nicht selbst retten können und deshalb aus Gnade gerettet und neu geboren werden müssen?
  • Rufen wir dazu auf, vor Jesus die Knie zu beugen und ihn zum Herrn unseres Lebens zu machen? Oder geht es uns letztlich um (fromme) Selbstbestätigung, Selbstverwirklichung und die Befriedigung unserer Bedürfnisse?

Wie auch immer unsere Praxis aussieht – ich habe eine dringende Bitte an unsere Gemeinde- und Kirchenleiter, Verkündiger und Theologen:

Predigt bitte genau dieses Evangelium, das Paulus gepredigt hat!

Ich bin überzeugt, dass ihr feststellen werdet: Die Kirchen leeren sich nicht, weil dieses Evangelium provokant, kantig und anstößig ist. Im Gegenteil: Die Kirchen leeren sich immer dann, wenn wir uns von diesem Evangelium entfernen.

Das absolut erstaunliche ist ja: Obwohl dieses Evangelium offenkundig noch nie dem Zeitgeist entsprochen hat, ist es trotzdem die erfolgreichste Botschaft aller Zeiten. Es war dieses Evangelium, das einst das menschenverachtende römische Reich trotz massivster Widerstände überwunden und die Welt vollkommen umgekrempelt hat. Es ist dieses Evangelium, das bis heute alle Kulturen erreicht, durchdringt und verändert, obwohl es bis heute oft verfolgt und unterdrückt wird.

Dieses Evangelium hat rettende, heilende, befreiende und erneuernde Kraft. Dieses Evangelium ist der größte Schatz, den die Kirche Jesu hat. Wir sollten alles tun, um diesen Schatz gemeinsam zu hüten und ihn leidenschaftlich der Welt zu präsentieren.


Übersicht und Einleitung: 7 fundamentale Thesen des Römerbriefs

Das Manifest (7): Jesus ist Herr! Freiheit und Gehorsam gehören zusammen!

Christen sind zur Freiheit berufen (Gal.5,13)! Die Wahrheit macht uns frei (Joh.8,32)! Das Christentum als Religion der Freiheit – darüber reden wir oft und gerne. Dazu scheint jedoch nicht so recht zu passen, was Paulus schon gleich zu Beginn des Römerbriefs betont:

„Was ich verkünde, ist die gute Nachricht von Jesus Christus, unserem Herrn! … Sie sollen Christus gehorsam sein, den Glauben annehmen und so seinem Namen Ehre machen.“ (1,4b+5b)

Später fügt er hinzu:

„Dank sei Gott! Denn früher wart ihr Diener der Sünde. Aber jetzt gehorcht ihr von ganzem Herzen der Lehre, auf die ihr verpflichtet worden seid.“ (6,17)

Christen sollen also gehorsam sein! Und sie gehören nicht sich selbst, im Gegenteil:

„Denn wir gehören zu Christus Jesus, unserem Herrn.“ (6,23b)

Jesus Christus herrscht als König

Kenner der Evangelien sollte das nicht überraschen. Im Zentrum der Lehre Jesu stand immer die Botschaft vom nahe gekommenen Königreich (Mt.4,23;9,35;24,14; Mk.1,15+38 usw.). Jesus lehrte uns beten: Dein Reich komme. Dein Wille geschehe. Er hat betont: „Mir ist alle Macht gegeben, im Himmel und auf der Erde.“ (Mt. 28,18) Und eines Tages wird sich jedes Knie vor ihm beugen und jede Zunge bekennen, dass er der Herr ist (Röm.14,11; Phil.2,11).

Aber wie passt diese klare und durchgängige biblische Botschaft von der notwendigen Unterordnung unter die Herrschaft Jesu dazu, dass Christen frei sind?

Freiheit im Sinne von Unabhängigkeit ist eine Illusion

In den Kapiteln 6-8 des Römerbriefs beschreibt Paulus ausführlich seine Sichtweise, dass es souveräne Freiheit im Sinne einer völligen Unabhängigkeit für uns Menschen schlicht nicht gibt – für niemand von uns! Wir Menschen sind immer von etwas bestimmt – entweder vom Geist Gottes (8,4+9) oder aber von unserer menschlichen, in Sünde verstrickten Natur. Freiheit im biblischen Sinne ist deshalb in erster Linie immer eine Freiheit FÜR etwas bzw. eine Freiheit, etwas Bestimmtes zu tun. Genauer gesagt: Gott schenkt uns durch seinen Geist die Freiheit, nach seinem Willen zu leben – was wir aus eigener Kraft heraus niemals könnten.

Das klingt zunächst einmal ernüchternd. Das also soll die „herrliche Freiheit der Kinder Gottes“ (8,21) sein, dass wir frei sind zu tun, was ER will? Ist das nicht eher eine andere Form von Gefangenschaft und Sklaverei?

Macht Bindungslosigkeit wirklich frei?

Vielleicht klingen die Ansagen von Paulus für uns ja deshalb so fremd, weil wir in einer Gesellschaft leben, die von Bindung und Hingabe immer weniger wissen will. Sich lebenslang fest an einen einzigen Partner zu binden, scheint aus der Mode zu kommen. Die Frage ist nur: Werden die Menschen dadurch wirklich freier? Mir scheint eher das Gegenteil zuzutreffen: Nicht nur die Einsamkeit, auch Abhängigkeiten und Süchte nehmen zu. Das spricht dafür, dass Freiheit und Bindung in Wahrheit gar keine Gegensätze sind. Im Gegenteil: Sie gehören untrennbar zusammen!

Keine Liebe ohne Freiheitsverzicht

So habe ich das jedenfalls erlebt: Am Tag meiner Hochzeit habe ich mich freiwillig fest an meine Frau gebunden. Seither bin ich faktisch nicht mehr frei in Bezug auf meine Sexualität, meine Finanzen, die Gestaltung meiner Zeit und meiner Zukunft.

Aber diesen Preis bezahle ich gerne. Denn ich weiß, wie unendlich kostbar es ist, in Liebe mit einem Menschen verbunden zu sein. Ich verzichte fröhlich auf meine Unabhängigkeit und gewinne dafür die beglückende Freiheit, meine Frau lieben und mit ihr gemeinsam durchs Leben gehen zu dürfen. Ganz offenkundig lebt die Liebe, nach der wir uns alle sehnen, immer von zwei scheinbar gegensätzlichen Dingen: Sie braucht völlige Freiwilligkeit – und zugleich treue Verbindlichkeit und Hingabe.

Die Bindung an Gott führt zu Reife und Mündigkeit

Auch für Paulus führt die völlige Bindung und Hingabe an Gott gerade nicht dazu, dass wir willenlose Marionetten werden. Vielmehr schreibt er:

„Alle, die sich von diesem Geist führen lassen, sind Kinder Gottes.“ (8,14)

Anders ausgedrückt: Wenn wir dem Heiligen Geist die Kontrolle über unser Leben überlassen, dann macht er uns zu Kindern, nicht zu Sklaven Gottes.

Kinder sind zwar abhängig und gebunden an ihre Eltern. Sie sollen ihren Eltern auch gehorchen. Aber sie sind zugleich in einer wechselseitigen Liebesbeziehung mit ihren Eltern verbunden. Ihre Eltern vermitteln ihnen Geborgenheit, Wertschätzung, Liebe und Sicherheit. Kein kleines Kind, das sich von seinen Eltern geliebt weiß, würde den Verlust seines Elternhauses als Freiheitsgewinn empfinden.

Zumal das Ziel guter Eltern für ihre Kinder ja gerade nicht blinder Gehorsam ist, sondern wachsende Reife und Mündigkeit. Entsprechend schreibt Paulus, dass wir reif und erwachsen werden sollen im Glauben (Eph.4,13). Je reifer Kinder werden, umso mehr werden sie (hoffentlich) zu einem Gegenüber und zu Freunden ihrer Eltern. Entsprechend hat Jesus seine Nachfolger sogar „Freunde“ genannt hat (Joh.15,15), so wie Gott schon mit Mose wie mit einem Freund gesprochen hat (2.Mos.33,11).

Das Paradox der Freiheit

Die Wahrheit ist laut Paulus also paradox:

  • Je mehr wir uns von Gott frei machen wollen, umso mehr werden wir zu Gefangenen und Getriebenen unserer Wünsche, Sehn-Süchte, Begierden und der Erwartungen anderer Menschen.
  • Aber je mehr wir uns von Jesus Christus gefangen nehmen lassen, umso mehr dürfen wir erleben, wie ER unsere Füße auf weiten Raum stellt und uns in wahre Freiheit führt.

Der Einstieg in die Freiheit besteht – genau wie bei einem Bund zwischen Mann und Frau – in der freiwillig gewählten Abhängigkeit von Gott. Christen nennen Jesus ganz bewusst und mit Freude „Herr“. Sie lieben es, seine Gebote zu befolgen (Joh. 14,15+21). Aber gerade diese Hingabe an Gott und die Unterordnung unter seinen Willen führt dazu, dass Christen als geliebte Kinder des himmlischen Vaters in eine wachsende Reife, Mündigkeit und Freiheit hineinfinden dürfen.

Die Herrschaft Jesu macht uns frei!

Wir verlieren somit nicht unsere Freiheit, wenn wir Jesus nachfolgen und heute schon freiwillig unsere Knie vor ihm beugen (statt es später gezwungenermaßen zu tun). Genau das Gegenteil ist wahr: Gerade dort, wo die Lehre von der Herrschaft Jesu und von der Notwendigkeit zum Gehorsam verloren geht, da geraten wir in andere Bindungen hinein. Und da geht auch unsere Liebesbeziehung zu Gott und damit auch unsere Freiheit verloren – und damit das wichtigste und schönste am Christsein überhaupt.


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Das Manifest (6): Wir brauchen Erneuerung statt Veränderung!

In Kapitel 6 des Römerbriefs findet sich eine geheimnisvolle Passage, die nahelegt, dass Christwerden etwas mit Sterben zu tun hat:

„Ihr wisst doch: Wir alle, die wir auf Christus Jesus getauft wurden, sind einbezogen worden in seinen Tod. Und weil wir bei der Taufe in seinen Tod mit einbezogen wurden, sind wir auch mit ihm begraben worden. Aber Christus wurde durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt. So werden auch wir ein neues Leben führen. … Wir wissen doch: Der alte Mensch, der wir früher waren, ist mit Christus am Kreuz gestorben. Dadurch wurde der Leib vernichtet, der im Dienst der Sünde stand. Jetzt sind wir ihr nicht mehr unterworfen. Wer gestorben ist, auf den hat die Sünde keinen Anspruch mehr. Wir sind nun also mit Christus gestorben. Darum glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden. … Genau das sollt ihr auch von euch denken: Für die Sünde seid ihr tot. Aber ihr lebt für Gott, weil ihr zu Christus Jesus gehört. (6, 3-8+11)

Paulus knüpft hier an seine These an, dass alle Menschen unter dem Diktat der Sünde stehen. Wir können unseren Lebensstil nicht einfach so ändern – jedenfalls nicht aus eigener Kraft. Stattdessen sagt Paulus: Die Chance, die Gott uns anbietet, besteht darin, dass wir unser bisheriges Leben am Kreuz „sterben“ lassen, damit Raum für ein neues Leben entsteht, das nicht mehr unter dem Diktat der Sünde steht. Durch das Sterben und die Auferstehung wird die Sündenverstrickung durchbrochen.

Gott will unser Leben nicht verändern. Er will es erneuern!

Deshalb spricht Paulus immer wieder von einem alten und einem neuen Menschen (z.B. Eph. 4, 22-24). Er geht sogar so weit, zu sagen: „Ich lebe, aber nicht mehr ich selbst, sondern Christus lebt in mir.“ (Gal. 2, 20). Auch Jesus sprach von der Notwendigkeit einer Neugeburt (Joh. 3,3). Entsprechend sagte er: “Wer dieses Leben verliert, wird sein Leben retten.” (Luk. 17, 33). Der Theologe Hans Peter Royer hatte es in seinem gleichnamigen Buch so ausgedrückt: Du musst sterben, bevor du lebst, damit du lebst, bevor du stirbst!

Ein lebenslanger Prozess

Daraus ergibt sich die Frage: Warum sündigen Christen dann immer noch, wenn sie doch neue Menschen sind? Die Antwort ist einfach: Die Erneuerung unseres Lebens ist keine Verwandlung, die in einem Augenblick geschieht. Im Kolosserbrief fordert Paulus uns auf, immer wieder neu den alten Menschen abzulegen und dafür den neuen Menschen anzuziehen (Kol. 3, 8-10). Damit macht er deutlich: Erneuerung und Wiedergeburt geschieht nicht komplett bei der „Bekehrung“. Sie ist vielmehr ein lebenslang andauernder Prozess.

“Sterben” – was bedeutet das praktisch?

Am Kreuz mit Jesus sterben bedeutet, mit Gottes Hilfe unsere alten zerstörerischen Verhaltens­muster loszulassen und sterben zu lassen. Ein solches Verhaltensmuster, mit dem ich persönlich immer wieder umgehen muss, ist Wut. Wenn mich jemand verletzt hat und ich ihm innerlich oder ganz offen seine Schuld vorrechnen möchte, dann ist es wie ein kleiner Tod, meine Sehnsucht nach Wut und Vergeltung bei Jesus loszulassen und stattdessen diesem Menschen seine Schuld zu erlassen und auf Wiedergutmachung zu verzichten. Das tut weh. Da stirbt etwas von meinem Drang zur Selbstbehauptung und zur Verteidigung meiner vermeintlichen Rechte. Aber wie viel Versöhnung und Wiederherstellung wächst, wenn wir unsere Wut, unsere Bitterkeit und unsere vermeintlichen Ansprüche am Kreuz in den Tod geben?!

Ein anderes Verhaltensmuster, das ich immer wieder loslassen und in den Tod geben muss, ist meine Sehnsucht, von Menschen bewundert und anerkannt sein zu wollen. Wenn ich etwas gut kann oder geleistet habe, es aber keiner bemerkt, mich niemand dafür lobt oder niemand meine Hilfe und Dienste in Anspruch nehmen möchte, dann fühle ich mich frustriert, zurückgewiesen und beleidigt. Wenn ich eine solche Reaktionen in mir bemerke, dann ist es wie ein kleiner Tod, meinen Wunsch nach Aufmerksamkeit und Bewunderung loszulassen und in den Tod zu geben.

Wie gut, wenn die Fassade fällt

Ebenso ist es wie ein kleiner Tod, wenn ich zugeben muss, dass ich eben nicht so perfekt bin, wie ich es nach außen gerne zeige. Wenn ich vor einem Menschen zugeben muss, dass ich einen Fehler gemacht habe, dass ich nicht alleine klarkomme, dass ich Hilfe brauche, dass ich Andere verletzt habe, dass ich gesündigt habe, dann stirbt da etwas in mir.

„Bekennt einander eure Schuld und betet füreinander, damit ihr geheilt werdet“, schreibt Jakobus (Jak. 5, 16). Sünde bekennen, für sich beten lassen, das heißt Schwäche zeigen! Das heißt, die Fassade zerbrechen lassen. Das heißt zugeben, dass ich Hilfe brauche. Das ist demütigend. Da stirbt etwas in mir. Aber gerade aus diesem Sterben wächst Gottes neues Leben! Es ist sogar der Beginn für einen völlig neuen Lebensstil.

Ein neuer Lebensstil aus der Kraft des Heiligen Geistes

Im Galaterbrief spricht Paulus davon, dass der Heilige Geist neue Charaktermerkmale in unserem Leben wachsen lässt, so wie Früchte an einem Baum wachsen (Gal. 5, 22). Im Römerbrief schreibt er dazu:

„Jetzt können wir Gott in einer neuen Weise dienen, die von seinem Geist geprägt ist – und nicht mehr in der alten Weise, die die durch Buchstaben bestimmt ist.“ (7,6b)

„Im Voraus hat er sie dazu bestimmt, nach dem Bild seines Sohnes neu gestaltet zu werden.“ (8,29)

Das Wirken des Heiligen Geist ist für Paulus zudem die Basis für eine völlig neuartige Gottesbeziehung:

„Ihr habt vielmehr einen Geist empfangen, der euch zu Kindern Gottes macht. Weil wir diesen Geist haben, können wir rufen: Abba! Vater!“ (8,15)

„Abba“ ist ein Kosewort, das man heute vielleicht mit „Papa“ oder „Papi“ übersetzen könnte. Eine derart intime Gottesbeziehung können wir aus uns selbst heraus ebenso wenig „machen“ wie die Veränderung unseres Lebensstils. Für Christen ist es deshalb so entscheidend wichtig, dem Heiligen Geist Raum zu geben und sich ihm hinzugeben, indem sie Gottes Wort lesen oder hören, indem sie Gott loben und anbeten oder einfach im Gebet seine Nähe suchen.

Ein neuer Motor statt äußerlicher Firlefanz

Solange unser Christsein nur in dem Versuch besteht, unser Leben aus eigener Kraft heraus christlicher zu gestalten, sind wir wie ein Autotuner, der sein Auto sportlich lackiert, tieferlegt, mit Sportlenkrad, Sportsitzen und Spoilern versieht. Aber solange der Motor der gleiche bleibt, wird er keinen Deut schneller vorankommen als vorher. Es ist nur Fassade, die spätestens bei voller Beladung am nächsten Berganstieg peinlich auffallen wird. Erst ein neuer Motor bringt das Auto wirklich in Schwung. Entsprechend brauchen wir ein neues Herz, damit unser Leben als Christ kraftvoll wird und wir auch in schweren Zeiten bestehen können.

Die Taufe als Bekenntnis zur Neugeburt

Das zentrale neutestamentliche Bild für diesen Erneuerungsprozess ist die Taufe. Das Wasser symbolisiert das Sterben unseres alten Menschen, damit durch den Heiligen Geist neues Leben in uns wachsen kann. Die Erneuerung unseres Lebens beginnt mit dem Eingeständnis: Ich schaffe es nicht aus eigener Kraft. Ich kann mich nicht selbst erlösen. Meine Rettung liegt darin, dass ER am Kreuz für mich starb und mich unverdient mit Vergebung und neuem Leben beschenkt. Dieses demütigende Eingeständnis tötet unseren Stolz. Und es schafft damit Raum für das Wirken des Heiligen Geistes in unserem Leben.

Erneuerung als Basis für Gottes neuen Bund mit den Menschen

Von außen mag das Wirken des Heiligen Geistes so aussehen, als ob jemand sein Verhalten ändert. Aber Verhaltensänderung wäre Selbsterlösung aus eigener Kraft. Christen glauben stattdessen, dass hinter jeder äußerlich sichtbaren Veränderung Gott selbst steht, der unsere Herzen erneuert, wie er es schon durch die Propheten angekündigt hatte:

„Und ich werde euch ein neues Herz geben und euch einen neuen Geist schenken. Ich werde das Herz aus Stein aus eurem Körper nehmen und euch ein Herz aus Fleisch geben.“ (Hes. 36, 26)

„Doch dies ist der neue Bund, den ich an jenem Tage mit dem Volk Israel schließen werde, spricht der Herr. Ich werde ihr Denken mit meinem Gesetz füllen, und ich werde es in ihr Herz schreiben.“ (Jer.31,33)

Für Paulus ist all das keine theologische Theorie sondern gelebte Praxis – eine Praxis, die wir heute ganz neu entdecken dürfen. Mehr noch: Die Lehre von der Erneuerung unseres Lebens ist absolut unverzichtbar, wenn wir einerseits die Gebote Gottes ernst nehmen und andererseits Moralismus und Gesetzlichkeit vermeiden wollen. Diese Lehre steht im Zentrum des Neuen Bundes zwischen Gott und den Menschen. Sie gehört deshalb wieder neu ins Zentrum der kirchlichen Verkündigung.


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Das Manifest (5): Wir können uns nicht selbst erlösen. Allein aus Gnade werden wir gerettet!

Dieser Artikel ist zuerst in idea 14/2021 erschienen.

Ich liebe meinen christlichen Glauben. Ich erlebe ihn als zutiefst befreiend, heilsam, tröstend, hoffnung-, frieden- und identitätsstiftend. Aber ich weiß aus meinem Umfeld sowie aus meinen Reisen durch „Postevangelikalien“, dass christlicher Glaube auch das genaue Gegenteil sein kann: Einengend. Bedrückend. Angstmachend. Entmündigend. Wie ist das möglich? Warum wirkt sich Glaube manchmal derart gegensätzlich aus, obwohl er sich äußerlich kaum unterscheidet?

Auf diese Frage gibt es viele Antworten, die immer auch mit der individuellen Biografie zu tun haben. Aber ein Thema steht doch immer wieder im Mittelpunkt: Die Frage nach der Rechtfertigung.

Rechtfertigung – das Lebenselixier des Glaubens

Was sich so theoretisch und theologisch anhört, betrifft in Wahrheit eine existenzielle Grundfrage jedes gläubigen Menschen: Wie denkt Gott über mich? Diese simple Frage hat weitreichende Konsequenzen für unsere Glaubenspraxis: Wer sich Gottes Gunst nicht gewiss ist, verliert die Hoffnung auf Gottes Zuwendung und damit auch die Zuversicht im Gebet, die Freude über die Erlösung und vor allem die Gewissheit, ein geliebtes und wertgeschätztes Kind Gottes zu sein. Ich kenne das gut aus meinem eigenen Leben: Scham- und Schuldgefühle gegenüber diesem perfekten und heiligen Gott können sich tief im Denken verankern. Umso wichtiger ist die Frage: Nimmt Gott mich wirklich an? Wenn ja: Unter welchen Umständen? Was kann, was muss ich dazu beitragen?

Glaube statt Gesetz!

Dazu schrieb Paulus im Römerbrief einen revolutionären Satz, der auch im Zentrum der Reformation stand:

„Denn wir sind der Überzeugung, dass der Mensch allein aufgrund des Glaubens gerecht ist – unabhängig davon, ob er das Gesetz befolgt.“ (3, 28)

Und weiter schrieb er:

„Wenn es aber aus Gnade geschah, dann spielen die eigenen Taten dabei keine Rolle. Sonst wäre die Gnade ja nicht wirklich Gnade.“ (11,6)

Das heißt: Kein noch so frommes Werk bringt mich näher zu Gott, im Gegenteil: Jede Leistung, mit der ich Gottes Gunst verdienen will, wirft mich aus der Spur des gesunden, rettenden Glaubens, der allein auf die unverdiente Gnade Gottes setzt und sagt: Ich kann mich nicht selbst erlösen. Aber ich bin von Gott angenommen, weil Jesus alles Notwendige bereits getan hat. Ich bin gerecht, weil Gott am Kreuz für mich Gerechtigkeit erworben hat und sie mir ohne mein Zutun schenkt.

Das ist Evangelium. Das ist Rechtfertigung allein aus Gnade – ein überaus kostbarer Schatz des Glaubens, den wir sorgfältig hüten und beschützen müssen. Denn seit jeher stand er in der Gefahr, ausgehöhlt und untergraben zu werden.

Wenn Paulus leidenschaftlich wird

Schon im Neuen Testament kämpft Paulus leidenschaftlich für dieses Evangelium. Als in Galatien die Forderung laut wird, Christen müssten sich gemäß dem jüdischen Gesetz beschneiden lassen, wird sein Ton ungewöhnlich scharf:

„Wenn wir durch das Gesetz gerettet werden könnten, hätte Christus nicht sterben müssen. O ihr unverständigen Galater! Wer hat euch so durcheinandergebracht?“ (Gal.2,21b-3,1a)

Gesetzlichkeit ist seither immer ein zentraler Feind des Evangeliums geblieben. Sie kriecht oft so subtil durch die Ritzen unseres Glaubens, dass wir gar nicht merken, was uns da schrittweise unsere Freude raubt.

Wie uns Gebote ein schlechtes Gewissen machen

Jede göttliche Norm, an der wir scheitern, erzeugt ein schlechtes Gewissen. Dieser Effekt kann auch beim Bibellesen auftreten: Ich soll auch meine Feinde lieben? Ich soll denen, die mich berauben, noch mehr dazu geben? Ich soll jederzeit barmherzig sein? Wenn ich über jemand urteile, dann werde auch ich verurteilt? Eine Frau begehrend anzusehen ist schon Ehebruch? Derartige Hardcorepassagen bieten genügend Stoff, um das Gefühl zu nähren, dass ich dringend mehr tun, radikaler nachfolgen, hingegebener dienen und anhaltender beten müsste, damit Gott mit mir zufrieden ist.

Ein neuer Moralismus

Also könnte man meinen: Wie gut, dass die Leute immer weniger Bibel lesen. Wie gut, dass Gesetze und Gebote aus der Mode gekommen sind. Für Gott etwas leisten? Wer will das heute noch? Stattdessen sagen wir: Du bist O.K. so wie Du bist, egal, welche Überzeugungen, welcher Lebensstil oder welchen Glauben Du hast. Mit dieser Botschaft brauchen wir im Grunde keine Gnade und keine Rechtfertigung mehr. Es ist ja schon von vornherein alles in Ordnung – bei jedem von uns.

Das klingt befreiend. Das Problem ist nur: Die Gesellschaft hat zwar die Gnade und die Rechtfertigung abgeschafft, aber nicht die Moral. Im Gegenteil: Die Moral hat Hochkonjunktur! Und sie fordert immer größere Opfer. Um uns von angeblichen „Mikroaggressionen“ fernzuhalten sollen wir immer verschwurbeltere Gender-Sprachverrenkungen auf uns nehmen. Die verbreitete Klimarhetorik treibt viele Menschen an, nicht nur aufs Auto, auf Fleisch, auf Milch und Käse sondern sogar auf Kinder zu verzichten.

Aber auch wenn wir heutzutage beim Essen, Einkaufen, Auto fahren oder durch Flugreisen sündigen – der Effekt ist der Gleiche wie beim Verstoß gegen biblische Gebote: Scham! Vor uns selbst. Vor den Mitmenschen. Und wo immer wir uns als Christen von dieser moralistischen Kultur prägen lassen natürlich auch gegenüber Gott. Und da wir an den heutigen Idealen genauso scheitern wie an den biblischen Geboten, hält auch hier das schlechte Gewissen Einzug. Besonders schlimm daran ist: Ohne Gnade und Rechtfertigung gibt es auch keine Chance auf Erlösung. Wir können uns nicht selbst erlösen. Die Scham bleibt. Sie wird unser ständiger, gnaden-loser Begleiter.

Der wichtigste Zweck von Gesetz und Moral

Umso wichtiger ist es, dass wir es neu betonen: Gesetz und Moral sind auch Wegweiser zu der Erkenntnis: Wir schaffen es beim besten Willen nicht. Nicht aus eigener Kraft. Wir können uns nicht selbst erlösen. Wir sind und bleiben Sünder. Deshalb musste ein anderer für uns sterben. Am Kreuz musste er die Suppe auslöffeln, die wir eingebrockt haben. Wie demütigend. Und wie erlösend zugleich! Wer die Knie vor dem Gekreuzigten beugt, sieht dort einen Mann, der…

… sich festnageln lässt, damit wir frei werden.

… an unserer Stelle stirbt, damit wir leben können.

… unsere Schuld auf sich nimmt, damit uns vergeben wird.

… Scham und Schande erträgt, um uns die Würde von Königskindern zu verleihen.

Wer derart beschenkt wird, muss nichts mehr tun, um sich das Heil zu verdienen. Das Befolgen von Gottes guten Geboten ist dann kein Zwang mehr. Es ist vielmehr Folge des Vertrauens, dass Gott uns liebt und am besten weiß, was gut für uns ist.

Vom Sein ins Tun statt umgekehrt

Das biblische Evangelium führt somit nicht vom Tun ins Sein sondern immer vom Sein ins Tun. Nichts, was wir tun, bringt uns das Angenommensein bei Gott. Aber weil wir Gottes Kinder sind, wächst auch sein Charakter in uns. Weil wir von ihm geliebt sind, fließt seine Liebe irgendwann ganz von selbst zum Nächsten weiter. Weil wir reich Beschenkte sind, können wir fröhlich weiterschenken. Weil wir von Gott bedingungslos angenommen sind, können wir auch andere Menschen annehmen. Weil Gott barmherzig mit uns umgeht, können wir auch zu anderen Menschen barmherzig sein. Ein gottgefälliges Leben entspringt also nicht unserem Willen oder unserem Gehorsam sondern ist eine Frucht seiner Gnade und seines Geistes, der in uns lebt und uns verändert.

Rechtfertigung aus Gnade: Gottes Antwort auf das Drama der Menschheit

Das Evangelium von der der Rechtfertigung aus Gnade löst unsere Probleme in doppelter Hinsicht: Es erlöst uns vom (frommen) Leistungsdruck – und bewahrt uns doch davor, uns nur noch lustgesteuert um uns selbst zu drehen. Es verleiht uns Wert und Identität – und reißt uns zugleich aus überheblicher Selbstgerechtigkeit. Es erlöst uns von Scham – ohne uns schamlos werden zu lassen.

Deshalb ist die Rechtfertigung aus Gnade die beste Antwort auf eine Welt, die in Moral, Scham, Schamlosigkeit, Unbarmherzigkeit und gegenseitiger Verachtung versinkt. Eine christliche Botschaft, die in Jesus nur ein Vorbild und in seiner Botschaft nur ein Ideal sieht und in deren Zentrum nicht mehr das Kreuz und die Rechtfertigung aus Gnade steht, ist kein Evangelium. Sie ist keine gute Botschaft. Ja mehr noch: Sie ist nicht einmal christlich. Sie hat der Welt nichts zu bieten außer noch mehr Moral, die uns noch weiter überfordert und tiefer beschämt. Wenn die Kirche die Rechtfertigung aus Gnade verliert, ist sie verloren.


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Das Manifest (4): Wir selbst sind der Kern unserer Probleme!

„Die ganze Welt ist vor Gott schuldig.“ (3,19b)

Diesen Satz muss man erst einmal sacken lassen. Wieder einmal nimmt Paulus für sich in Anspruch, Gottes Sicht der Dinge zu kennen. Und diese Sicht ist wenig schmeichelhaft. Ausführlich malt Paulus aus, in welches Verhalten wir Menschen abgerutscht sind, weil wir Gott nicht anerkennen wollen:

„Sie hielten es nicht für wichtig, Gott anzuerkennen. Deshalb hat Gott sie ihrer schändlichen Gesinnung ausgeliefert. Daher tun sie, was sich nicht gehört. Sie strotzen vor Unrecht, Bosheit, Habgier und Schlechtigkeit. Sie sind voller Neid, Mordlust, Streitsucht, Hinterhältigkeit, Heimtücke, Verleumdung und übler Nachrede. Sie verachten Gott, sind gewalttätig, hochmütig und prahlerisch. Im Bösen sind sie erfinderisch und ihren Eltern gegenüber ungehorsam.“ (1,28-30)

Auffällig ist dabei die Aussage, worin Gottes Gericht über uns Menschen besteht: Gott lässt uns einfach machen. Er liefert uns unserer eigenen Gesinnung aus. Und die ist laut Paulus „schändlich“.

Paulus lässt alle Illusionen platzen

Das ist der ultimative Tiefschlag für uns Menschen. Denn schließlich sind wir doch so gerne der Meinung, wir könnten mit Vernunft und Humanismus uns selbst helfen und unser eigenes Paradies errichten. Doch Paulus hört nicht auf, diese Illusion vollständig platzen zu lassen:

„Juden und Griechen befinden sich gleichermaßen in der Gewalt der Sünde. So steht es auch in der Heiligen Schrift: „Keiner ist gerecht – nicht ein Einziger. Keiner ist einsichtig, keiner fragt nach Gott. Alle sind sie von ihm abgefallen, allesamt sind sie verdorben. Es gibt keinen, der etwas Gutes tut! Auch nicht einen Einzigen!“ (3,9b-12)

Auch sich selbst nimmt Paulus dabei überhaupt nicht aus:

„Ich dagegen bin als Mensch ganz von meiner menschlichen Natur bestimmt. Ich bin mit Haut und Harren an die Sünde verkauft. … Ich weiß: So wie ich von Natur aus bin, wohnt in mir nichts Gutes. Der Wille zum Guten ist bei mir zwar vorhanden, aber nicht die Fähigkeit, es zu tun. … Obwohl ich das Gute tun will bringe ich nur Böses zustande. … Und dieses Gesetz macht mich zu seinem Gefangenen. Es ist das Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern steckt. …  Aber so wie ich von Natur aus bin, diene ich dem Gesetz der Sünde.“ (7,14b,18,21b,23b,25b)

Entsprechend haben wir Menschen überhaupt keine Chance, aus uns selbst heraus ein gottgefälliges Leben zu führen: „Wer also von seiner menschlichen Natur bestimmt ist, kann Gott unmöglich gefallen.“ (8,8)

Spricht Paulus den Menschen Wert und Würde ab?

Mehr Provokation geht nicht. Spätestens beim Lesen dieser Sätze wird klar, warum die „Gute Nachricht“ von Paulus oft so schlecht bei den Hörern ankam. Wer will sich schon gerne ein derart vernichtendes Urteil sagen lassen?

Und tatsächlich müssen wir die Frage stellen: Wertet Paulus hier die Menschen nicht ab? Spricht er ihnen nicht den Wert und die Würde ab? Raubt er den Menschen nicht den Selbstwert und das Selbstbewusstsein? Will er etwa, dass alle Menschen nur noch in einer gebückten Büßerhaltung durchs Leben gehen? Und inwiefern soll das dann noch eine „Gute Nachricht“ sein?

Jedoch gilt auch hier, was bereits bei der Botschaft des Gerichts galt: Wäre diese Diagnose aus der Luft gegriffen, um Menschen klein und gefügig zu machen, dann wäre sie hochgradig verwerflich. Wenn sie jedoch zutrifft, dann wäre es verwerflich, sie zu verschweigen. Ein Arzt, der bei der Diagnose nicht schonungslos ehrlich ist, findet auch keine Therapie, die wirklich heilen kann. Deshalb lautet die entscheidende Frage: Hat Paulus recht?

Der Realitäts-Check: Ist der Mensch wirklich böse?

Seit Jahrtausenden treibt Philosophen schon diese Frage um: Warum verhalten sich Menschen böse? Auf diese Frage gibt es prinzipiell 2 mögliche Antworten:

  1. Die Menschen tragen in ihrem Kern etwas Böses, das unabhängig von den Umständen immer wieder unweigerlich die Oberhand gewinnt.
  2. Die Menschen sind im Kern eigentlich gut, nur die widrigen Umstände können sie böse machen.

Weit populärer ist natürlich die zweite These. Kein Politiker dürfte äußern, dass Menschen im Kern böse sind. Auch in Kirchen hört man das kaum noch. Stattdessen hat es immer wieder Versuche gegeben, böses menschliches Verhalten durch böse Umstände zu erklären. Daraus entstand die Vorstellung: Wenn Gesellschaften von Machtstrukturen und ungleicher Besitzverteilung befreit werden, so dass sich niemand benachteiligt fühlt, dann wird das Gute im Menschen zum Vorschein kommen. Dann werden Alle Allen helfen, um diese Erde zu einem sehr guten Ort zu machen. Der Kommunismus ist das populärste Beispiel für diesen Traum.

Jedoch sind derartige Versuche bislang allesamt kläglich gescheitert. Alle Hoffnungen auf ein menschengemachtes kommunistisches Paradies haben sich nicht nur zerschlagen. Sie endeten in grauenvollen Tragödien. Sehr viel mehr Wohlstand ist hingegen in kapitalistischen Systemen entstanden. Wenn Paulus recht hat mit seiner Diagnose, dann ist das kein Wunder. Denn der Kapitalismus setzt im Kern auf den Egoismus des Menschen, der ihn antreibt, etwas für sich selbst zu erreichen. Offenbar bringen Menschen auf Dauer nur dann Leistung, wenn sie selbst davon profitieren, nicht aber wenn sie nur für die Allgemeinheit etwas Gutes tun sollen. Zudem zeigt die Erfahrung, dass in rein kapitalistischen Systemen die Unternehmer ihre Arbeiter schnell rücksichtslos ausbeuten. Gut, dass wir in Deutschland mittlerweile eine umfangreiche Sozialgesetzgebung eingeführt haben, um die Unternehmer zu zwingen, nicht nur in die eigene Tasche zu wirtschaften!

Auch bei den politischen Systemen zeigt sich, dass das biblische Menschenbild zutrifft: Eigentlich wäre eine Monarchie mit einem guten und weisen Herrscher wesentlich effizienter als eine träge Demokratie. Jedoch erweist sich die Demokratie deshalb als das wesentlich bessere Modell, weil in ihr sämtliche Machthaber und Kräfte von anderen Machthabern und Kräften kontrolliert werden und allesamt einem gemeinsamen Gesetz unterstellt sind. Und die Geschichte hat bewiesen: Wenn Machthaber nicht fürchten müssen, im Zweifelsfall bestraft und abgesetzt zu werden, werden sie schnell zu selbstgefälligen Ignoranten, die das Volk ausbeuten. Den guten König, der einfach nur das Beste für sein Volk will und ein Diener der Menschen ist, gibt es offenkundig nur im Märchen.

Das Herz des Problems ist das Problem des Herzens

Das von Paulus proklamierte Menschenbild, das sich beginnend mit 1. Mose 8, 21 („Der Mensch ist böse von Jugend auf“) quer durch die ganze Bibel zieht, hat sich also auch in der Geschichte immer wieder bestätigt. Wir tun deshalb gut daran, eine realistische Politik zu fördern, die das Böse im Menschen berücksichtigt. Wir sollten niemals denen glauben, die behaupten, dass das Paradies ausbricht, wenn wir nur die bösen Umstände beseitigen. Denn Paulus macht klar: Das Herz unserer Probleme ist das Problem des menschlichen Herzens. Unsere bösen Umstände sind primär eine Folge der menschlichen Verstrickung in böse Gedanken und Taten. Die einzig wirklich tragfähige und nachhaltige Basis für echte Gesellschaftstransformation ist die Transformation unseres menschlichen Herzens.

Wie gut also, dass Paulus uns keinen Honig ums Maul schmiert. Stattdessen fordert er uns auf, uns ihm anzuschließen in seinem Eingeständnis: So wie ich von Natur aus bin, wohnt in mir nichts Gutes. Das klingt schmerzhaft. Aber wenn Paulus recht hat, dann schaffen wir mit diesem Eingeständnis die entscheidende Grundlage für das Beste, was uns überhaupt passieren kann. Paulus nennt es die “Erlösung aus Gnade”. Darum geht es in der nächsten fundamentalen These des Römerbriefs.


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