Von Brillen und Missverständnissen – eine Antwort an Rolf Krüger

In den vergangenen Monaten habe ich mich immer wieder mit sogenannten „Postevangelikalen“ befasst, also Menschen die ihren evangelikalen Hintergrund aus unterschiedlichsten Gründen verlassen haben. Ich habe Vorträge gehört, Bücher gelesen, mich in Facebook, per Mail und persönlich mit Menschen ausgetauscht. Dabei habe ich auch so manche traurige Geschichte gehört. Ein Resultat daraus war der Artikel „6 Gründe für die Flucht aus Evangelikalien“, der sich vor allem auf das Buch „Flucht aus Evangelikalien“ von Gofi Müller bezog. Der Artikel führte zu einer Einladung zum Hossa-Talk, an den ich mit Freude zurückdenke. Vor einigen Tagen ist der Artikel dann in etwas abgewandelter Form in der Zeitschrift AUFATMEN (3/18) erschienen. Er richtet sich selbstkritisch an die Evangelikalen im Land, zu denen ich mich von Herzen zähle. Nur ganz am Ende wende ich mich noch mit den folgenden Sätzen auch an Postevangelikale:

„Ich kann viele der Gründe gut verstehen, die Sie dazu bewegt haben, die evangelikale Welt hinter sich zu lassen. Wenn ich es könnte, würde ich Sie gerne im Namen meiner evangelikalen Freunde um Vergebung bitten, dass wir Sie so oft mit Ihren Fragen allein gelassen haben und stattdessen mit mehr oder weniger Druck zwingen wollten, „auf Linie“ zu bleiben. Es ist schrecklich, dass so etwas immer wieder passiert. Mit diesem Artikel werde ich wohl niemanden gewinnen können, in meine evangelikale Welt zurück zu kehren. Aber ich will zumindest sagen, warum ich auch zukünftig gerne in „Evangelikalien“ bleibe. Ich finde: Wegen Zerrbildern das Vertrauen in die Verlässlichkeit der Bibel über Bord zu werfen, ist die falsche Konsequenz. Zur Kritik gehört immer auch Selbstkritik – und ein heiles neues Bild entsteht nun einmal nicht aus der Summe unserer Verletzungen. Mich befriedigt der Gedanke nicht, die Frage nach „wahr“ und „falsch“ in der Bibel daran zu entscheiden, was unserem begrenzten Verstand einleuchtet oder nicht. Menschen für Jesus zu begeistern und gegen den Trend lebendige Kirche zu bauen: Das traue ich doch immer noch am ehesten diesem alten, rauen Evangelium der ersten Zeugen zu, das schon damals gegen alle Widerstände die Welt auf den Kopf gestellt hat und das auch heute noch weltweit seine Kraft beweist – selbst in schwierigsten Verfolgungssituationen. Ich liebe Theologie. Aber meine Erfahrung ist: Theologie ist gerade dann kraftvoll und lebendig, wenn sie voll und ganz auf das von Gottes Geist inspirierte Wort der ersten Zeugen baut. Die grünen Auen und das frische Wasser finde ich dort, wo ich den Worten des guten Hirten kindlich vertraue. Ja, es stimmt: Gott gibt uns Freiheit. Selbst wenn wir wie Jona manchmal weglaufen, verliert Gott nicht die Geduld mit uns. Aber am Ende gibt es nichts Schöneres und Heilsameres als die Rückkehr in die Arme des himmlischen Vaters. Diese Erfahrung wünsche ich allen – innerhalb und außerhalb von Evangelikalien.“

Nun hat Rolf Krüger, der langjährige Leiter von jesus.de und Leiter der Öffentlichkeitsarbeit von Fresh X eine Replik auf den Artikel veröffentlicht:

Die evangelikalen Missverständnisse über progressive Christen – eine Replik auf Markus Till

Krüger bezieht sich darin fast nur auf die oben einkopierten letzten Sätze meines Artikels. Seine Hauptdiagnose ist: Mein Artikel basiere auf falschen Voraussetzungen, weil ich immer noch eine evangelikale Brille aufhabe. Mit diesen wenigen Sätzen würde ich zeigen, „wie viel an Missverständnissen und Vorurteilen immer noch selbst in klugen Köpfen sitzt.“

Was bedeutet „Verlässlichkeit“?

Das Kompliment mit dem klugen Kopf freut mich natürlich. Ebenso freue ich mich immer über die von Krüger angebotene Hilfe, um progressive Christen (zu denen auch die Postevangelikalen gehören) besser verstehen zu können. Seine Verstehenshilfe beginnt mit der These: Mir sei da ein „beliebter Flüchtigkeitsfehler von Evangelikalen“ unterlaufen. Denn ich würde behaupten, dass progressive Christen die Bibel nicht für verlässlich halten.

Nun habe ich meine Worte an die Postevangelikalen ja ganz bewusst als “Ich-Botschaft” und nicht als Zuschreibung verfasst. Denn erstens sind Postevangelikale und Progressive ja alles andere als eine einheitliche Gruppe. Und zweitens gilt: Gerade wenn es um Begegnungen zwischen unterschiedlichen “Lagern” geht ist Kommunikation ganz besonders anspruchsvoll. Identische Begriffe rufen oft ganz unterschiedliche Emotionen und Verknüpfungen, manchmal auch Verletzungen hervor. Und sie werden vor allem oft mit ganz anderen Inhalten gefüllt. Rolf Krüger beschreibt das in seinem Artikel geradezu exemplarisch anhand des Begriffs “Verlässlichkeit der Bibel”. Zunächst zeigt er, dass er doch vergleichsweise gut weiß, was ich darunter verstehe: Tatsächlich ist für mich die ganze Bibel so von Gottes Geist durchweht, dass ich sie insgesamt als Gottes verlässliches Wort betrachte (übrigens auch in ihren historisch gemeinten Aussagen). Sie ist mir als Ganzes ein kostbarer Juwel und Richtschnur für mein Leben. Und deshalb stellt sie für mich auch eine Einheit dar, die sich gegenseitig ergänzt und sich selbst auslegt.

Aus Krügers Sicht hingegen kann man von der Bibel keine „Verlässlichkeit im Sinne einer einheitlichen Aussage über ein Thema“ erwarten. Folgerichtig macht für ihn die Wendung „Die Bibel sagt“, wie sie z.B. der evangelikale Prediger Billy Graham oft verwendet hat, keinen Sinn. Denn eine einheitliche Aussage erwartet er nicht von Texten, die über einen so langen Zeitraum von so verschiedenen Menschen aus völlig unterschiedlichen Kulturen geschrieben wurden. „Verlässlichkeit“ bedeutet für ihn: Die Bibel ist ein verlässliches Stück Literatur. Ihre Texte sind “verlässliche zeitgeschichtliche Zeugen”. Sie ist aber „kein kunstvoll geschliffener Juwel … sondern ein Steinbruch, in dem man zahlreiche Edelsteine findet … aber eben auch Dinge, wo die Protagonisten und Autoren der Bibel entweder einen sehr kurzen Horizont hatten oder sich sogar völlig verrannten.“

Das Phänomen, dass man Begriffe ganz anders füllen und dadurch trotz völlig unterschiedlicher Sichtweisen an den gleichen Begriffen festhalten kann, ist mir in der Auseinandersetzung mit Progressiven und Postevangelikalen oft begegnet. Ich respektiere natürlich, dass Rolf Krüger die Bibel trotz dieser komplett anderen Sichtweise in seinem Sinne trotzdem für verlässlich hält. Aber Fakt ist auch: Die Art von Verlässlichkeit, die ich in der Bibel sehe und die ich (übrigens aus vielen guten Gründen) nicht über Bord werfen möchte, lehnt er ja tatsächlich in einer seltenen Offenheit und Direktheit ab.

Die Bibel: Juwel oder ein Steinbruch mit Juwelen?

Rolf Krüger spekuliert dann weiter über mich: „Für ihn scheint wie für viele Evangelikale die Sache ganz klar: Wer mit dem Satz „Die Bibel sagt…“ nichts anfangen kann, kann die Bibel nicht ernst nehmen.“ Nein, so denke ich nicht und so würde ich niemals reden. Ich habe es in den letzten Monaten immer wieder von Postevangelikalen gehört und gelesen: „Ich nehme die Bibel auch ernst! Ich verstehe sie nur anders als Du!“ Und ich musste feststellen: Ja, tatsächlich wird auch unter Postevangelikalen oft nicht leichtfertig mit den biblischen Texten umgegangen sondern sie werden sorgfältig bedacht, untersucht und abgewogen. Wo immer möglich möchte man sie für sich fruchtbar machen. Aber man liest sie auch kritisch, weil man sie nicht ohne weiteres 1:1 auf das Heute übertragen kann.

Und dieser Sichtweise würden ja – soweit ich das sehe – auch fast alle Evangelikalen zustimmen, solange man mit “Kritik” “Unterscheidung” meint und nicht eine Abwertung von biblischen Texten. Der Satz „Wer die Bibel kennt, kennt Gottes Willen“, den Rolf Krüger den Evangelikalen unterschiebt, ist natürlich auch für Evangelikale mindestens stark verkürzt. Denn auch sie haben vor Augen, dass z.B. die Schriftgelehrten zur Zeit Jesu die damalige Bibel ganz hervorragend kannten – und trotzdem Gottes Sohn abgelehnt haben.

Ja, ich glaube wie die Reformatoren an die “Klarheit der Schrift”. Ich glaube daran, dass alle wichtigen und heilsrelevanten Aussagen der Bibel auch von Laien verstanden werden können und dass es deshalb ein richtiger und wichtiger Schritt von Luther war, den Laien die Bibel selbst in die Hand zu geben. Aber auch Evangelikale wissen, dass die Auslegung der Bibel und die Anwendung auf aktuelle Fragen ein anspruchsvolles Geschäft ist. Dafür braucht es Gottes Geist. Und dazu hilft natürlich auch sorgfältige Bibelwissenschaft, die Textkritik betreibt, Textgattungen unterscheiden hilft, das damalige historische Umfeld und damalige Wortbedeutungen und Wahrheitsverständnisse überprüft, um Missverständnisse zu vermeiden, wenn so uralte Texte auf uns als Kinder einer völlig anderen Zeit mit völlig anderer Prägung, anderen Vorverständnissen und anderer Denkweise treffen. Mir ist nicht klar, wie Rolf Krüger darauf kommt, dass ich das Kommunikationsproblem beim Verstehen von so uralten Texten ignorieren wollte.

Und mehr noch: Evangelikale wissen, dass sie die Einbindung in die Auslegungsgemeinschaft der weltweiten und der historischen Kirche brauchen. Deshalb sind ihnen Bekenntnisse wichtig. Wir müssen beim Auslegen der Bibel voneinander lernen, um nicht einseitig zu werden und schräge Ideen zu entwickeln, was Gottes Wille in aktuellen oder persönlichen Fragestellungen ist. Und natürlich wissen auch Evangelikale: Niemand kann für sich in Anspruch nehmen, Gottes Willen bis ins Detail unfehlbar aus der Bibel herauslesen zu können.

Übrigens ist mir in meiner langjährigen Zeit unter Evangelikalen wirklich noch niemand begegnet, der die Bibel für ein „wortwörtliches Diktat“ hält. Selbst die Chicago-Erklärung hält ja fest: „Die Art und Weise der göttlichen Inspiration bleibt zum größten Teil ein Geheimnis für uns. … Wir verwerfen die Auffassung, dass Gott die Persönlichkeit dieser Schreiber ausgeschaltet habe.“ Man muss die Chicago-Erklärung ja nicht in allen Details gut finden. Auch für mich ist sie nicht das Maß aller Dinge. Aber ich finde: Wer sie nennt und sich auf sie bezieht sollte das fair und ausgewogen tun.

Bibel lesen ohne den Verstand einzuschalten?

Rolf Krüger schreibt weiter: „Markus Till postuliert – bewusst oder unbewusst – man könne an einen antiken Text wie die Bibel herangehen, ohne den Verstand einzuschalten, ganz ohne subjektive Verarbeitung des Gelesenen.“ Puh, bei diesem Satz musste ich kurz tief durchatmen. Nicht nur, weil mir – wie oben beschrieben – die Subjektivität unserer Wahrnehmung natürlich bewusst ist. Dazu kommt: Nichts läge mir ferner als Verstandesfeindlichkeit beim Lesen der Bibel. Wer meine Artikel kennt weiß, dass ich das Gegenteil betone. Auch in dem AUFATMEN-Artikel dreht sich ja der ganze erste Abschnitt um die Notwendigkeit, dass es in unseren Gemeinden viel Raum zum Denken gibt. Unser Verstand ist ein Geschenk Gottes. Wir dürfen und sollen ihn reichlich benutzen – gerade auch beim Bibellesen! In meinem Artikel „Tödliche Buchstaben – Befreiende Wahrheit“ schreibe ich deshalb: „Ich werde oft als “bibeltreu” bezeichnet. Das ist auch O.K. solange klar ist, dass ich keine blinde, hirn- und herzlose Bibeltreue befürworte. Was wir vielmehr brauchen ist eine mündige Liebe zur Bibel mit wachem Verstand.“ Rolf Krüger hat also natürlich recht, wenn er schreibt: „Es ist ganz schön gewagt zu behaupten, nur wer die Bibel einfach liest, statt sie mit Verstand zu untersuchen und zu analysieren, könne ihren wahren Inhalt erkennen.“ Ich bin gespannt, ob ich unter meinen evangelikalen Freunden einmal jemand kennen lerne, der das behauptet.

Nein, die Diskussion geht doch nicht um die Frage, ob der Verstand eine wichtige Rolle spielen muss. Die Frage ist doch vielmehr: Wer hat am Ende das letzte Wort? Ordnen wir unseren Verstand der Schrift unter oder machen wir ihn zum Richter über richtig und falsch in der Bibel? Im idea-Gespräch mit Prof. Dietz habe ich es so formuliert: “Wissen und Vernunft sind wichtig. Aber regieren muss letztlich die ganze, sich selbst auslegende Schrift.” Martin Luther hat geschrieben: “Ich will …, dass allein die Schrift regiert.” Ich glaube nicht, dass ihm deshalb jemand unterstellt hat, dass er den Verstand beim Bibellesen ausgeschaltet sehen wollte.

Verfälscht die Bibelwissenschaft das Evangelium?

Ich freue mich, dass Rolf Krüger meine Sehnsucht teilt, die ursprüngliche Botschaft des historischen Jesus von Nazareth möglichst authentisch zu entdecken. Dazu stellt er dann folgende Frage:

Hat die moderne Bibelwissenschaft die Botschaft verfälscht und nur ein rohes Lesen des Textes, einfach so wie er ist, lässt uns die ursprüngliche Botschaft erkennen?

…oder…

Fehlt uns für das rohe Lesen einfach viel zu viel Verständnis für den Text und hilft die moderne Bibelwissenschaft uns gerade dabei, die ursprüngliche Botschaft unter der Auslegungstradition der Jahrtausende, Jahrhunderte und Jahrzehnte wieder auszugraben?

Meine Rückfrage dazu wäre dazu: Was ist denn „die moderne Bibelwissenschaft“? Meint Rolf Krüger historisch-kritische Theologie in der Tradition von Troeltsch und Bultmann? Dann würde ich sagen: Ja. Diese spezielle Schule der Bibelwissenschaft hat trotz einiger solider wissenschaftlicher Arbeit aus meiner Sicht am Ende wenig von der biblischen Botschaft übrig gelassen. Wer nur das glauben kann, was den Troeltsch‘schen Kriterien der Kritik, Analogie und Korrelation standhält und deshalb z.B. die Möglichkeit von Wundern oder einer leiblichen Auferstehung von vornherein grundsätzlich ausschließt, der wird der Bibel aus meiner Sicht nicht gerecht aus Gründen, die ich bereits ausführlich erläutert habe. Einer Theologie, die Wissenschaftlichkeit mit dem Prinzip des methodischen Atheismus gleichsetzt und deshalb die Bibel untersucht, “als ob es Gott nicht gäbe” traue ich tatsächlich nicht zu, dass sie mich der Botschaft des Jesus von Nazareth näher bringt.

Aber weltweit gibt es ja auch zahlreiche großartige Bibelwissenschaftler, die keinen Widerspruch erkennen zwischen fundierter wissenschaftlicher Arbeit und dem Vertrauen, dass die Bibel verlässliches und zuverlässiges Gotteswort ist. Gerade erst habe ich mich in die „Die Einleitung in das Neue Testament“ von Prof. Armin D. Baum eingearbeitet. Ich staune über die intensive wissenschaftliche Arbeit, die da geleistet wird. Deshalb befürworte und begrüße ich Bibelwissenschaft – wie eigentlich alle Evangelikalen, die ich kenne. Mir ist schon klar, dass Rolf Krüger andere Bibelwissenschaftler hilfreich findet als ich. Aber ich finde es weder fair noch angemessen, Evangelikalen deshalb Wissenschaftsfeindlichkeit zu unterstellen.

Was ist Freiheit?

Rolf Krüger meint schließlich, ich würde die christliche Freiheit fast unmerklich und elegant „dämonisieren“. So fragwürdig ich seine Ausdrucksweise finde: Es scheint mir richtig zu sein, dass wir ein sehr unterschiedliches Verständnis davon haben, was die Bibel und was insbesondere Paulus mit Freiheit meint. Freiheit heißt für Paulus ja ausdrücklich nicht: Tu, was Du willst. Freiheit heißt für ihn, nicht mehr Sklave der Sünde zu sein, damit wir Diener Gottes werden können (z.B. Römer 6,15-22). Christen haben Jesus immer als Herrn bezeichnet. Sie gehen nicht, wohin sie wollen sondern sie folgen ihm nach. Und mir geht es so: Ich muss immer wieder umkehren, wenn ich merke, dass ich IHN aus dem Blick verloren habe, wenn ich mich nicht mehr von Gottes Geist und Gebot sondern von meinem Ego leiten lasse. Ja: Ich glaube tatsächlich, dass allein dieser Weg der Jesusnachfolge wahres Leben bringt. Ist das dämonisch? Ist das Festhalten am “Christus allein” tatsächlich ein “Quell von Zwietracht, Ausgrenzung und Leid und nicht selten auch von Krieg, Zerstörung und Tod”, wie Krüger nahelegt? Ich glaube nicht. Das “Niemand kommt zum Vater außer durch mich” stand für Jesus in keinem Gegensatz zu “Liebe Deinen Nächsten” und “Liebt eure Feinde”. Leider sind es heute weltweit gerade die Christen, die in vielen Ländern Ausgrenzung und Leid erfahren, nur weil sie wie die ersten Jünger bekennen: “In keinem anderen ist das Heil.” (Apg. 4,12)

Brillen oder Missverständnisse?

Ich staune schon etwas über die doch weitreichenden Deutungen, die Rolf Krüger aus meinen Sätzen zieht. Hatte ich bei den letzten Zeilen meines AUFATMEN-Artikels also eine evangelikale Brille auf, die meinen Blick auf Progressive und Postevangelikale verzerrt? Natürlich würde ich nie behaupten, andere und anders geprägte Christen ganz zu verstehen. Wer kann das schon? Ich möchte immer weiter lernen, meine Mitmenschen besser wahrnehmen und ihr Denken besser nachvollziehen zu können. Aber es sei auch die Frage erlaubt: Ist es Rolf Krüger gelungen, mich und meine Zeilen frei von progressiven Brillen auf Evangelikale zu bewerten? Die Antwort auf diese Frage möchte ich meinen Lesern überlassen.

Anmerkungen zum idea Streitgespräch

4. Juli, 11.00 Uhr, Frankfurt am Main. Der Termin in meinem Kalender bedeutete ein kleines Abenteuer für mich. Nach meiner Rezension zum neuen Buch von Prof. Thorsten Dietz “Weiterglauben”und seiner Antwort im Blog von Tobias Faix hatte sich Karsten Huhn von idea gemeldet und uns eingeladen zum „idea-Streitgespräch“, das in der Ausgabe Nr. 29/30 am 18.07.2018 veröffentlicht wurde. Ich als Laie in einer öffentlichen Diskussion mit einem derart profilierten Theologen? Kann das gut gehen?

Die Begrüßung war jedenfalls schon einmal sehr herzlich, geradezu fröhlich. Herr Dietz und Herr Huhn sind zwei überaus sympathische Menschen. Als Herr Huhn nach gut 1 Stunde Gespräch das Mikro abschaltete packte mich aber erst einmal der Frust. Ich hatte mir doch so viele Argumente zurechtgelegt. Viele davon hatte ich gar nicht anbringen können. Aber logisch: In dieser kurzen Zeit kann man solche anspruchsvollen Themen unmöglich fundiert zu Ende diskutieren. Das meiste wird zwangsläufig nur angerissen.

Umso mehr freue ich mich, dass Sie hier in meinem Blog vorbeischauen! Denn ein paar der Aussagen aus dem Gespräch würde ich gerne noch ein wenig erläutern. Z.B. diese hier:

„Der Versuch, den Ursprung aller Dinge rein naturalistisch zu erklären, ist bislang kra­chend gescheitert.“

Herr Dietz hält das für Dogmatik, da sich die offenen Fragen in der Entstehung der Lebewesen ja vielleicht zukünftig noch klären könnten. Nun, das ist natürlich denkbar. Aber der Trend scheint mir dagegen zu sprechen. Denn soweit ich es sehe, sind die offenen Fragen in den letzten 150 Jahren eben nicht kleiner sondern stetig größer geworden. Noch nie wussten wir so viel über die unfassbare Komplexität selbst der einfachst denkbaren Lebensformen und über die enormen Schwierigkeiten, das Evolutionsmodell mit den vorhandenen Fakten in Einklang zu bringen, wie ich in dem Artikel „Evolution – ein Welterklärungsmodell am Abgrund?“ berichte. Und in “4 Dinge, für die ich Atheisten bewundere“ werden die 4 wichtigsten Gründe zusammengefast, warum ich den Versuch, die Entstehung der Welt ohne Gott erklären zu wollen, für sehr kühn, letztlich für unmöglich halte.

Nicht wirklich beantwortet habe ich im Streitgespräch die folgende Frage von Herrn Dietz:

Wie kriegen Sie es hin, dass die biblische Frühgeschichte in nur 6.000 Jah­ren Platz findet? Sehen Sie dafür auch nur eine Denkmög­lichkeit?

Wie gesagt: Da gibt es natürlich viele offene Fragen. Ich möchte hier aber wenigstens darauf hinweisen, dass es neben den innerbiblischen Argumenten für eine Historizität der Urgeschichte durchaus auch außerbiblische Argumente gibt. Einige erstaunliche Fakten habe ich im Artikel „Geschichten, die die Welt bewegen“ kurz angerissen. Dazu gibt es auf der Seite von Wort und Wissen eine gute Zusammenfassung von Fakten, die durchaus gut zur Annahme einer jungen Erde passen. Allerdings möchte ich auch noch einmal wiederholen: Ich kann durchaus auch damit leben, wenn einige Theologen wie Johannes Hartl oder Timothy Keller nicht zwingend von einer historischen biblischen Urgeschichte ausgehen, solange sie ihre Position aus der Bibel heraus begründen und damit nicht auch die theologischen Aussagen der Urgeschichte über Bord werfen (was ich allerdings angesichts des biblischen Zusammenhangs zwischen Adam und Christus und der biblischen Lehre, dass der Tod eine Folge der Sünde ist (Röm. 5, 12-21; 1. Kor. 15, 21-22) gar nicht so einfach finde).

Kommen wir deshalb zu den wichtigeren Themen der Diskussion, vor allem zur Frage der Unfehlbarkeit der Schrift und meiner Aussage:

„Das Verständnis der Bibel als irrtumsloses, unfehlbares Wort Gottes erscheint mir wichtig“

Dazu möchte ich Ihnen gerne meinen neuen Artikel „Ist die Bibel unfehlbar?“ ans Herz legen, in dem ich diese Aussage ausführlich begründe. Dazu habe ich unter der Überschrift „10 Gründe, warum es auch heute noch vernünftig ist, der Bibel zu vertrauen“ dargelegt, warum der Glaube an die Unfehlbarkeit der Schrift nicht einfach nur naiv ist oder gar ein Rückfall hinter die Aufklärung darstellt sondern dass es auch gute, rationale Argumente für diese Haltung gibt.

Manche fragen sich vielleicht: Warum streitet der Till um solche Fragen? Ist das nicht kleinkariert? Ich finde nicht. Gerade in den letzten Monaten wurde mir deutlich, wie sehr und wie schnell es ans Eingemachte des christlichen Glaubens geht, wenn die Unfehlbarkeit der Schrift in Frage gestellt wird. Die immer wieder gehörte Aussage, dass die Christen unabhängig von ihrem Bibelverständnis sich doch in den wesentlichen Dingen alle einig seien, ist leider ein hohles Versprechen. Am meisten schmerzt mich, dass auch in der evangelikalen Christenheit ganz offensichtlich inzwischen eine große Verwirrung über die Bedeutung des Kreuzestodes Jesu herrscht, wie ich in meinem Artikel „Das Kreuz – Stolperstein der Theologie“ nachgezeichnet habe. Und das Kreuz ist nun einmal DAS Innerste des Inneren des christlichen Glaubens.

Dazu werden in den Vorträgen der Worthaus-Kollegen von Herrn Dietz noch viel mehr grundlegende christliche Glaubenssätze in Frage gestellt, wie ich in meiner Analyse von Worthaus-Vorträgen („Worthaus – Universitätstheologie für Evangelikale?“) dokumentiert habe. Der Artikel hat offenbar einen Nerv getroffen. Er ist der mit Abstand meistgelesene Artikel meines Blogs und wurde inzwischen mehrfach nachgedruckt. Ganz offensichtlich ist hier eine Entwicklung im Gange, die im evangelikalen Bereich Viele umtreibt. Mir scheint deshalb: Wir müssen reden in „Evangelikalien“. Es ist dringend notwendig, diese Themen offen anzusprechen.

Kommen wir deshalb zur wohl kontroversesten Aussage im Streitgespräch:

„Herr Dietz verwirft die Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift.“

Herr Dietz kontert meine These im Gespräch ja mit der Aussage: „Ich schreibe an keiner Stelle „Die Schrift irrt!“ Das stimmt. In seinem Buch gibt es aber gleich mehrere Passagen, die ich nun einmal so verstanden habe, z.B. wenn Herr Dietz folgende Extreme als Negativbeispiele einander gegenüberstellt: „Das ist auf der einen Seite die Irrtumslosigkeit der Bibel und auf der anderen Seite die […] Vorstellung, dass der Historiker über ganz klare Maßstäbe verfüge und von vornherein ausschließen könne, dass Gott redet und tote Menschen auferweckt werden.“ (S. 94) Die Position der Irrtumslosigkeit wird hier mit dem Begriff „Fundamentalismus“ verknüpft und in verschiedener Hinsicht negativ dargestellt.

Aber könnte es vielleicht sein, dass es sich nur um ein großes Missverständnis handelt? Hat Herr Dietz vielleicht gar nicht die Irrtumslosigkeit der Schrift an sich verworfen sondern nur Kritik daran geübt, der Bibel ein aus seiner Sicht falsches, modern rationalistisches Wahrheitsverständnis überzustülpen?

Das würde mich natürlich freuen. Aber diese Frage müsste Herr Dietz letztlich selbst beantworten. Auf meine Erwähnung der Aussagen von Prof. Zimmer, dass die Evangelis­ten Markus, Matthäus und Lukas die Gleichnisse Jesu falsch verstanden hätten (genau gesagt lehrt er, sie hätten ihm eine von Jesus nicht beabsichtigte allegorische Deutung des Gleichnisses vom Sämann nachträglich in den Mund gelegt, siehe dazu dieser Worthausvortrag), hat Herr Dietz im Streitgespräch leider nicht reagiert – obwohl das ja ein klarer Irrtum der Schrift wäre, der laut Prof. Zimmer die gesamte Kirche 1800 Jahre lang auf eine falsche Fährte geführt hat. Stattdessen äußert er, dass inzwischen auch evangelikale Theologen davon reden würden, dass z.B. im Johannesevangelium nicht alle Jesusworte original von Jesus stammen sondern „nach Ostern weiter entfaltet wurden“. Sind also einige der Jesuszitate im NT gar nicht von Jesus selbst sondern ein Resultat nachträglicher „Gemeindebildung“? Ich habe noch einmal nachgeschaut: In seiner “Einleitung in das Neue Testament” erläutert der evangelikale Theologieprofessor Armin Baum ausführlich, dass auch im damaligen Wahrheitsverständnis von Autoren verlangt wurde, dass bei der Wiedergabe direkter Rede zwar nicht der Wortlaut, sehr wohl aber der Inhalt dem Original entsprechen musste. Außerdem arbeitet Baum heraus, dass die Unterschiede zwischen den Synoptikern (Matthäus, Markus und Lukas) und dem Johannesevangelium zwar den Wortlaut und die Häufigkeit bestimmter Begriffe betreffen, dass die Christologie aber im wesentlichen identisch ist.

Begibt sich Herr Dietz hier auf den gleichen Pfad wie der Worthausreferent Prof. Stefan Schreiber, der in seinem Vortrag zwischen einem „historischen“ und einem „urchristlichen“ Jesus sowie zwischen echten und nachträglich in den Mund gelegten Aussagen Jesu unterscheiden möchte? Diese Position hat mich stark an klassisch bibelkritische Ansätze erinnert, wie ich sie im unter Theologiestudenten weit verbreiteten „Arbeitsbuch zum Neuen Testament“ von Conzelmann & Lindemann gefunden habe. Im Artikel „Stolz und Vorurteil? Wie wissenschaftlich ist die Bibelwissenschaft?“ habe ich diese theologische Verwandtschaft beschrieben. Darin findet sich auch der Hinweis auf das von mir im Streitgespräch erwähnte Interview, das der evangelische Theologe Andreas Lindemann 1999 dem Spiegel gab und in dem er äußert, dass die starken Vorbehalte gegenüber dem Wahrheitsgehalt der Evangelien unter Bibelauslegern weit verbreitet sind und noch zuneh­men. Wörtlich sagt er darin sogar: “Dass es sich bei den Evangelien um Lebensbeschreibungen Jesu handelt […] wird seit Jahrzehnten von keinem ernst zu nehmenden Exegeten mehr behauptet.“

Theologen, die die Evangelien für historische Berichte halten, werden an den theologischen Fakultäten also gar nicht ernst genommen? Das lässt meinen Optimismus in Bezug auf die Universitätstheologie natürlich nicht gerade wachsen. Aber, ihr lieben Theologen: Bitte berichtet mir, wenn sich das Blatt an den Universitäten tatsächlich wenden sollte. Ich bin der erste, der diese gute Nachricht begeistert weiter verbreitet. Bis dahin bleibt meine Sorge, dass durch Formate wie Worthaus nicht etwa die Universitätstheologie evangelikaler sondern die evangelikale Christenheit bibelkritischer wird. Zu dem Ziel, den Evangelikalen die Universitätstheologie näher zu bringen, hat sich Prof. Dietz ja gleich auf der ersten Seite seines Vorworts von „Weiterglauben“ erneut ausdrücklich bekannt (im Buch auf S. 9). Ich bleibe dabei: Angesichts der Auswirkungen der Universitätstheologie auf meine evangelische Kirche, für die ich mich ehrenamtlich stark engagiere, kann ich davor nur leidenschaftlich warnen.

Zurück zum Termin am 4. Juli: Der Abschied nach unserem Gespräch und einem guten gemeinsamen Mittagessen beim Thailänder war ebenso herzlich wie die Begrüßung. Ich denke immer noch gerne an diese schöne und spannende Begegnung zurück. Ich hoffe, wir treffen uns wieder – zum fröhlichen Diskutieren und dann vielleicht auch zum gemeinsamen Gebet. Das wäre schön.

Ich bedanke mich herzlich bei Herrn Dietz, dass er meine laienhaften Gedanken so ernst genommen hat und sich offen dem kritischen Dialog stellt. Das ist alles andere als selbstverständlich! Ich würde mir wünschen, dass noch mehr Theologen sich der Diskussion auch mit “nervigen Laien” stellen. Und ich bedanke mich vor allem auch bei Karsten Huhn und idea-Spektrum für deren wertvolle Arbeit, die ich hier einmal live und hautnah miterleben durfte.

Weiterglauben im Gespräch: Eine Antwort von Ulrich Parzany

Die AiGG-Rezension zum neuen Buch von Prof. Thorsten Dietz “Weiterglauben” schlägt ungeahnte Wellen. Zunächst hatte Ulrich Parzany die AiGG-Rezension aufgegriffen und auf der Seite des Netzwerks Bibel und Bekenntnis weiter verbreitet. Dann erschien im Blog des Professors für praktische Theologie an der CVJM-Hochschule Kassel Tobias Faix eine Stellungnahme von Prof. Thorsten Dietz zur AiGG-Rezension unter dem Titel:

“Weiterglauben im Gespräch. Eine Antwort auf die Kritik von Markus Till.”

„Weiterglauben im Gespräch. Eine Antwort auf die Kritik von Markus Till. Ein Gastbeitrag von Thorsten Dietz.“

Darin schreibt Prof. Dietz gleich zu Beginn unter der Überschrift “Besser Streiten”: “Bei aller Kritik, die Till im Einzelnen äußert, nehme ich erfreut zur Kenntnis, wie gründlich und fair – und oft auch zustimmend – seine Wiedergabe wichtiger Inhalte ausfällt.” Dieses Kompliment möchte ich gerne an Prof. Dietz zurückgeben.  Ich denke, Manfred Siebald müsste seine helle Freude haben, da er uns doch alle singen lehrte: “Und wir lernen wie man streiten und sich dennoch lieben kann.” Wie schön, dass hier ein Stück guter, respektvoller Dialog gelingt!

Grund genug, diesen guten Dialog fortzusetzen. In der Stellungnahme von Prof. Dietz wird u.a. auch Ulrich Parzany direkt angesprochen. Nachfolgend seine Stellungnahme zum Text von Prof. Dietz:


Thorsten Dietz stellt vier Forderungen auf, denen man grundsätzlich gern folgt: 1. Besser Streiten, 2. Klarer Bekennen, 3. Ehrlicher Urteilen, 4. Neu denken.

Zu „Besser Streiten“ schreibt Dietz: „In meinem Buch geht es nicht zuletzt um das Ziel: Besser streiten. Es gibt gegenwärtig erhebliche Spannungen, die sich quer durch unterschiedlichste christliche Kirchen und Strömungen ziehen. Viele strittige Fragen sind so heiß, dass sie kaum noch offen diskutiert werden.“ Recht hat er. In seinem Buch schreibt er zwar grundsätzlich über ethische Urteilsbildung, aber leider kein konkretes Wort über die Konflikte, die heute Kirchen und Gemeinschaften spalten.

Sollen denn nun gleichgeschlechtliche Paare gesegnet oder getraut werden? Ist praktizierte Homosexualität Sünde oder nicht? Bedeuten die von Thorsten Dietz genannten Grundsätze, dass man zu keinen klaren Erkenntnissen kommen kann und jede Gemeinde und Gemeinschaft sehen muss, wie sie zurechtkommt? Warum führen denn die Professoren evangelikaler Hochschulen und die Vorsitzenden der Gemeinschaftsverbände die Auseinandersetzung über diese Fragen nicht in öffentlichen Debatten? Clemens Hägele, der Rektor des Albrecht-Bengel-Hauses in Tübingen, hat neulich in einem bemerkenswerten Vortrag den Verlust solider Debatten in den Kirchen geschildert und beklagt. Der Verlust ist auch in Landeskirchlichen Gemeinschaften festzustellen, falls es ihn dort je gab.

Unter der Überschrift „Klarer Bekennen“ schreibt Thorsten Dietz: „Genug nun der Harmonie, streiten wir ein wenig. Dabei möchte ich mich nicht bei diesem oder jenem Detail aufhalten, wo ich mich un- oder missverstanden fühle. Tills kritische Anfragen drehen sich vor allem um Fragen des Schriftverständnisses (in meinem Buch die Kapitel 4-6). Bei aller Zustimmung, die er für einige Gedanken aufbringen kann, stellt er an entscheidender Stelle doch fest: Ich schütte ‚das Kind mit dem Bade‘ aus. Und dabei sind wir offensichtlich nicht einig, was in Sachen Schriftverständnis das ‚Kind im Bade‘ ist.“

Ich will sagen, wo ich bei Thorsten Dietz das Kind mit dem Bade ausgeschüttet sehe. Er schreibt in seinem Buch (S. 118): „Die Erzählungen der biblischen Urgeschichte sind nicht einfach ‚nur‘ Dichtung, auch wenn sich in diesem ‚nur‘ eine traurige Unterschätzung dessen zeigt, was Poesie sein kann. Diese Texte sind noch mehr als Dichtung, es handelt sich um theologische Verdichtung von Menschheitserfahrungen.“ Was ist eine theologische Verdichtung? Wer verdichtet die Erfahrungen der Menschheit wo? Soll ich mir das wie die Archetypenlehre von C.G. Jung vorstellen? Gibt es ein kollektives Gedächtnis der Menschheit, das sich in Märchen, Legenden, religiösen Texten äußert? Wenn nicht der einzelne Mensch, dann ist doch die Menschheit als Kollektiv offenbar der Produzent von Wahrheiten.

Hat Gott selbst geredet und gehandelt, wie es die Bibel berichtet? Ist die Bibel also das Dokument der Offenbarung Gottes oder die Verdichtung von Menschheitserfahrungen? Ist „Offenbarung Gottes“ nur ein Schwindeletikett für menschliche Produktion, wie die Religionskritiker uns seit langem vorgeworfen haben? In dieser Frage bin ich wirklich für klares Bekennen.

Gern gebe ich eine Antwort auf eine Frage von Thorsten Dietz. Er schreibt: „Wenn Ulrich Parzany z.B. sagt: ‚Ich war immer dafür, dass auf die Kanzel gehört, wer von Gott berufen und begabt ist. Da geht es nicht ums Geschlecht‘ stimme ich ihm grundsätzlich und in der Sache völlig zu. Eine andere Frage ist es, ob man eine solche Haltung biblisch gut begründen kann, so, dass auch konservative Gläubige merken, dass man biblische Aussagen nicht einfach ignoriert, sondern begründet zeigen kann, warum sie heute nicht mehr gelten, sondern gelesen werden müssen im Horizont ihrer damaligen Zeit.“

Es geht bei dieser Frage gar nicht um „heute“ oder „damals“. In der Bibel lesen wir, dass Frauen leiten und das Wort Gottes verkünden. Deborah ist Richterin und Prophetin des Volkes Israel. (Richter 4-5) Die Prophetin Hulda verkündete dem König Josia und seinen Ministern das Wort Gottes. (2.Könige 22) Und die vier Töchter des Diakonen und Evangelisten Philippus redeten als Prophetinnen. (Apostelgeschichte 21,9) Paulus kommt in ihre Gemeinde nach Cäsarea am Meer. Wir lesen nicht, dass er ihr Verhalten kritisiert hätte. Die Bibel legt sich selber aus. Wenn sie unterschiedliche Aussagen zur gleichen Frage macht, gibt es also Grund, bei Entscheidungen abzuwägen. In Bezug auf homosexuelle Handlungen gibt es in der ganzen Bibel nicht einmal Andeutungen von unterschiedlichen Beurteilungen. Da geht es also darum, ob biblische Aussagen überhaupt als maßgebend anerkannt werden oder nicht.

Thorsten Dietz schreibt: „Ethische Fragen stellen uns heute vor komplexe Herausforderungen. Christinnen und Christen kommen nicht nur zu unterschiedlichen Ergebnissen. Sie können häufig kaum erklären, wie sie überhaupt zu ethischen Urteilen kommen. An dieser Stelle haben viele ernsthafte Auseinandersetzungen gerade erst begonnen.“  Ich habe nicht den Eindruck, dass „ernsthafte Auseinandersetzungen“ in Kirchen und Gemeinschaften überhaupt gewollt werden.Über die Gründe kann man Vermutungen anstellen. Aber wenn die Auseinandersetzungen nicht stattfinden, müssen wir uns nicht wundern, dass Christen ethische Urteile nicht begründen können.

Ulrich Parzany, 18.06.2018

Evolution – ein Welterklärungsmodell am Abgrund?

Woher kommen wir? Sind wir die Krone von Gottes guter Schöpfung? Oder hatte der Biologe Jacques Monod recht, als er schrieb: “Der Mensch muss seine totale Verlassenheit, seine radikale Fremdheit erkennen. Er weiß nun, dass er seinen Platz wie ein Zigeuner am Rande des Universums hat, das für seine Musik taub ist und gleichgültig gegen seine Hoffnungen, Leiden oder Verbrechen.” Fragen dieser Art sind nicht nur für Wissenschaftler sondern letztlich für alle Menschen von großem Interesse. Unsere Herkunft ist ein entscheidender Baustein unseres Weltbilds und unserer Identität. Umso wichtiger wäre es eigentlich, dass jeder Schüler im Unterricht nüchtern, neutral und sachlich über die Fakten aufgeklärt wird, damit er gut informiert selbst entscheiden kann, welches Weltbild er für glaubwürdig hält.

Aber im Feld der Ursprungsfragen geht es alles andere als neutral, nüchtern und sachlich zu – weder an den Schulen noch in der akademischen Forschung. Dr. Günter Bechly musste das hautnah erleben. Im Jahr 2009 war er als überzeugter Atheist noch für die Sonderausstellung zum Darwin-Jahr im staatlichen Naturkundemuseum Stuttgart verantwortlich. In einem Ausstellungsstück wollte er Publikationen der sogenannten „Intelligent Design-Bewegung” (ID) lächerlich machen. Die ID-Bewegung vertritt die These, dass ein (wie auch immer gearteter) intelligenter Verursacher an der Entstehung der Organismenvielfalt beteiligt gewesen sein muss. Doch als er anfing, in diesen Büchern zu lesen, erlebte er eine große Überraschung: Da wurden keine religiösen Märchen verbreitet sondern handfeste, wissenschaftlich belastbare Fakten, die die allgemein verbreitete naturalistische Evolutionstheorie grundsätzlich in Frage stellen.

Als Bechly begann, in seinem Umfeld kritische Fragen zu stellen stellte er fest: Viele Wissenschaftler scheuen nicht deshalb die öffentliche Debatte mit Intelligent Design-Vertretern, weil sie diesen Spinnern kein öffentliches Forum geben wollen, sondern weil sie fürchten, argumentativ nicht gegenhalten zu können. Schließlich kam Bechly zu dem Schluss: „Die Dogmatiker sitzen keineswegs ausschließlich auf der religiösen Seite, sondern auch und sehr stark auf der Seite der Materialisten und Evolutionsbiologen.“ Und letztlich überzeugte ihn, was er zuvor verachtete: Der christliche Glaube.

Als Bechly begann, seine Fragen und Gedanken auf einer privaten Webseite öffentlich zu machen bekam er massiven Gegenwind: Alle größeren Projekte wurden ihm entzogen. Seine wissenschaftlichen Veröffentlichungen wurden von der Internetseite des Museums gelöscht. Schließlich wurde ihm nahegelegt zu kündigen, was er dann auch tat.

Aber was sind denn nun die Fakten, die Bechly zu einem so grundlegenden Umdenken bewegt haben? Am 7. Mai 2018 hielt Bechly beim Evangelischen Arbeitskreis der CDU Stuttgart einen beeindruckenden Vortrag mit dem Titel: „Wissenschaft ohne Scheuklappen – Einwände gegen Darwins Evolutionstheorie“. Darin werden die wichtigsten Fakten gegen die Annahme einer naturalistischen Evolution (also einer rein materiellen Entwicklung der Organismenvielfalt ohne Einfluss eines intelligenten Verursachers) zusammengefasst:

1. Es gibt keine Erklärung für eine naturalistische Entstehung der ersten Zelle

Schon die einfachste denkbare Zelle ist ein unfassbar komplexes System aus ausgetüftelten, ineinandergreifenden molekularen Maschinen, die tatsächlich auch wie Maschinen aussehen und arbeiten (wie dieses beeindruckende Video zeigt). Allein schon die zufällige Entstehung eines einzigen funktionierenden Proteins (=Eiweiß) ist ein völliges Rätsel. Proteine bestehen aus langen Ketten, die aus 20 verschiedenen sogenannten „Aminosäuren“ gebildet werden. Nur eine von 1077 (!) denkbaren Aminosäurekombinationen ergibt ein sinnvolles, biologisch wirksames Protein. Wie wurde eine solche extrem seltene wirksame Kombination gefunden? Und wie konnte sie sich später zu einer anderen funktionierenden Kombination weiter entwickeln, wenn es keine sinnvollen Zwischenstufen gibt? Bechly kommentiert: „Man müsste mit einem Schlag 100 Aminosäuren richtig verändern damit man wieder zu einem funktionierenden Protein kommt. Und das ist dann nicht mehr Evolution, das ist dann ein Wunder.“ (Kap. 6)

Für die Funktion einer rotierenden Bakteriengeißel sind gleich 40 verschiedene funktionierende Proteine notwendig. Wenn man nur eines der 40 Proteine verändert, dann funktioniert das komplette System nicht mehr. Das System ist also „nicht reduzierbar komplex“. Darwin schrieb einst: “Wenn gezeigt werden könnte, dass ein komplexes Organ existiert, welches sich nicht durch viele aufeinander folgende geringfügige Modifikationen entwickelt haben könnte, dann würde meine Theorie vollkommen zusammenbrechen.” Genau das müssen wir heute jedoch feststellen.

Ein ebenso großes Phänomen ist das DNA-Molekül, auf dem der Bauplan der Organismen gespeichert ist. Die DNA enthält Information in Form eines nach grammatischen Regeln geordneten Codes, der einen eindeutigen Zweck verfolgt und eine sinnvolle Botschaft übermittelt. Die Wissenschaft kennt heute nur einen Verursacher für die Entstehung derartiger Informationen: Ein intelligenter Urheber!

Kein Wunder, dass in der Forschung inzwischen zu immer seltsameren Konstrukten gegriffen wird, um Denkansätze für eine naturalistische Entstehung des Lebens, der molekularen Maschinen und der Information finden zu können. So wurde jüngst in einem seriösen wissenschaftlichen Journal offen diskutiert, ob neue genetische Informationen vielleicht durch Viren auf Kometen von anderen Planeten eingeschleppt worden sein könnten. Auch die Annahme unendlich vieler Paralleluniversen (die schon in der Physik helfen sollen, das Rätsel der Feinabstimmung der Naturkonstanten zu erklären), wurde inzwischen als Erklärung für die extrem unwahrscheinliche zufällige Entstehung der ersten Zelle herangezogen. Fakt bleibt aber, was der bekannte US-amerikanische Chemiker Prof. James M. Tour im Jahr 2016 so zusammengefasst hat: „Diejenigen die denken, dass die Wissenschaft die Details des Ursprungs des Lebens verstanden hätte, sind vollständig uninformiert. Niemand versteht es. … Die Basis, auf der wir als Wissenschaftler stehen, ist so wackelig, dass es das Beste wäre, die Situation ganz offen als das zu bezeichnen, was es ist: Ein Rätsel.“ (ab 1:07:13)

2. Die Erkenntnisse der Populationsgenetik sprechen gegen eine naturalistische Höherentwicklung

Michael Behe, einer der bekanntesten Vertreter der Intelligent Design-Bewegung, hat im Jahr 2007 eine Arbeit vorgelegt, in der er anhand von Beobachtungen zum Auftreten der Chloroquinresistenz von Malariaerregern berechnete, dass es etwa 1015 Jahre dauern müsste, bis sich beim Menschen eine einzige koordinierte Mutation (also 2 Mutationen, die nur gemeinsam einen adaptiven Vorteil haben) durchsetzen kann. Dieser Zeitraum ist sehr viel länger als unser Universum überhaupt existiert. Die Forscher Durrett & Schmitt wollten diese These deshalb im Jahr 2008 widerlegen. Auf Basis rein mathematischer Modelle berechneten sie, dass es „nur“ 216 Millionen Jahre dauern sollte, bis sich eine koordinierte Mutation beim Menschen durchsetzt. Selbst wenn sie recht hätten: Auch dieser Zeitraum ist immer noch um Dimensionen zu lang, schließlich soll die Abspaltung der Menschenlinie vom Schimpansen vor nur etwa 6 Millionen Jahren stattgefunden haben. In dieser Zeit hätten 5 % des genetischen Materials, also Millionen von Basenpaaren umgeschrieben werden müssen. Ein biologischer Mechanismus, der solch schnelle genetische Veränderungen hervorbringen kann, wie sie in der Evolutionstheorie gefordert werden, ist also bis heute völlig unbekannt.

3. Der Fossilbericht spricht gegen eine schrittweise (= graduelle) Höherentwicklung

Der bekannte Atheist Richard Dawkins schrieb im Jahr 2009: „Evolution ist nicht nur faktisch ein gradueller Prozess, sondern in der Tat muss er graduell sein, wenn er überhaupt irgendetwas erklären soll.“ 1 Anders ausgedrückt: Evolution muss langsam und schrittweise erfolgen. Eine sprunghafte Neuentwicklung von komplexen Strukturen ist naturalistisch unmöglich erklärbar.

Das Problem ist nur: Der Fossilbericht spricht vollständig dagegen, dass es in der Geschichte der Erde solche graduelle Entwicklungen von Arten gegeben hat. Im Gegenteil: Die Arten treten praktisch immer abrupt, plötzlich und voll entwickelt auf. Wichtige Teile der angenommenen Abstammungslinien sind durch keinerlei Fossilien belegt. Es gibt also nicht nur einzelne „missing links“ sondern regelmäßig große Lücken im Fossilbericht.

Noch verblüffender sind die zahlreichen erdgeschichtlichen „Explosionen“ (wie z.B. die kambrische Explosion), also das plötzliche gleichzeitige Auftreten zahlreicher Tier- und Pflanzenformen innerhalb von geologisch äußerst kurzen Zeiträumen. Umgekehrt ist erstaunlich, dass es „lebende Fossilien“ gibt, die sich über lange Zeiträume fast gar nicht verändert haben. So hat sich z.B. der Pfeilschwanzkrebs trotz zahlreicher grundsätzlicher Umwälzungen seiner Lebensräume über eine halbe Milliarde Jahre kaum verändert.

Wie kommt es, dass natürliche Auslese offenbar einerseits immer wieder abrupt und plötzlich eine riesige Vielfalt neuer Arten hervorbringt, während sie an anderer Stelle bestimmte Arten über hunderte von Millionen Jahren unverändert konserviert?

Eine Erklärung könnte sein: Unser Fossilbericht ist unvollständig, weil wir viele wichtige Fossilien einfach noch nicht gefunden haben. Dieses Argument wurde oft ins Feld geführt, aber es trägt nicht mehr. Denn Analysen zu Fundhäufigkeiten zeigen, dass unser Fossilbericht inzwischen vollständig genug ist, dass Lücken und Diskontinuitäten nicht als Wissenslücken wegerklärt werden können sondern zu erklärende Daten darstellen. Fakt ist: Der Fossilbericht widerspricht fundamental den Erwartungen und Vorhersagen, die die naturalistische Evolutionstheorie aufgestellt hat.

Die grundsätzliche Krise des Neodarwinismus ist hinter den Kulissen längst bekannt!

Bechly folgert deshalb in Bezug auf den Neodarwinismus (also die weiter entwickelte Evolutionstheorie Darwins): „Diese Geschichte klingt, wenn man sie einfach so liest im Schulbuch, sehr schön, aber sie ist einfach mathematisch informationstheoretisch nicht nachvollziehbar, es funktioniert nicht.“ (Kapitel 8)

Aber kann es denn wirklich sein, dass sich so viele Wissenschaftler irren? Bechly sagt dazu: „Nun werden viele Biologen Ihnen sagen: Das ist alles nur Geschwätz von Kreationisten und Leuten, die da weltanschaulich verblendet sind. Es gibt keine Diskussion. Die Evolutionstheorie ist unumstritten. Und das ist schlichtweg entweder völliges Unwissen oder es ist eine Lüge. … Die wenigen theoretischen Biologen, die sich über die Grundpfeiler dieser Theorie überhaupt Gedanken machen sind inzwischen alle kritisch, was die neodarwinistische Theorie angeht.“ (Kap. 10)

Tatsächlich räumte der renommierte Evolutionsbiologe Prof. Gerd Müller 2016 in seinem Eröffnungsvortrag zu einer Evolutionskonferenz in der Londoner Royal Society offen ein, dass der Neodarwinismus die Entstehung komplexer neuer Organe und abrupter Übergänge im Fossilbericht nicht erklären kann, wie Bechly berichtet (Kap. 10). Und im Ankündigungstext für eine Evolutionskonferenz im Juli 2018 wird sogar schriftlich ganz offen festgehalten: „Inzwischen ist es anerkannt, dass Fehler (=Mutationen) die Entstehung genetischer Neuheiten und Komplexität nicht erklären können.“ Bechly kommentiert: „Die Evolutionstheorie ist auch intern in einer Krise, das wird nur in den Medien nicht an die große Glocke gehängt.“ (Kap. 10)

Das bedeutet aber auch: Spitzenforscher räumen somit heute ein, dass unsere Schüler über Jahrzehnte hinweg falsch informiert wurden, als ihnen beigebracht wurde, dass man mit Hilfe von fehlerhaften Genkopien (Mutationen) eine naturalistische Höherentwicklung erklären könnte, dass die Fossilien diese Höherentwicklung dokumentieren würden und dass eine naturalistische Entstehung von Leben denkbar sei. Und es ist nach wie vor nicht absehbar, wann sich an dieser Praxis, die so prägend in die Persönlichkeitsentwicklung der Schüler eingreift, etwas ändern wird. Nicht einmal Theologen und die Kirchen trauen sich, an dieser Lehrpraxis in den Schulen zu rütteln, obwohl der Naturalismus seit vielen Jahrzehnten äußerst erfolgreich auch an den Grundfesten der Kirche rüttelt. Woran liegt das?

Warum wird die Debatte um „Intelligent Design“ so emotional geführt?

Normalerweise sollten wissenschaftliche Diskussionen sachlich und nüchtern geführt werden. Bechly hingegen berichtet sogar von regelrechtem Hass, der ihm vereinzelt nach seinem Umdenken entgegenschlug. Seine Erklärung dafür?

„Es gibt eine neue Priesterkaste, das sind heute die Wissenschaftler. Damit verbunden ist eine gewisse Machtposition, Gelder, Positionen, Einfluss und Renommee. Der Darwinismus ist das Schlachtfeld, wo die Entscheidung fällt, ob der Naturalismus hinreichend ist, um die Welt zu erklären, oder nicht. Ich glaube, deshalb wird das so mit Zähnen und Klauen verteidigt, weil man weiß: Wenn man das zur Disposition stellt, dann ist „Game Over“ für den Naturalismus und dann haben wir die Erklärungshoheit, dass wir die ganze Welt naturalistisch erklären können, verloren.“ (Kap. 21)


1: zitiert aus “The greatest show on Earth: The Evidence for Evolution” S. 155: “Evolution not only is a gradual process as a matter of fact; it has to be gradual if it is to do any explanatory work.”

Herzlichen Dank an Dr. Günter Bechly für das Gegenlesen und die Korrekturvorschläge zu diesem Artikel!

Weiterführende Links:

In diesem 30-minütigen Interview erzählt Günter Bechly die bewegende Geschichte seines Umdenkens.

Der Vortrag von Dr. Günter Bechly vom 7. Mai 2018 vor dem Evangelischen Arbeitskreis der CDU Stuttgart ist vollständig im Internet verfügbar, aufgeteilt in 21 Kapitel:

1: Einführung – Günter Bechly

2: Naturwissenschaft und Glaube

3: Was versteht man unter Evolution

4: Durch Darwin-Ausstellung zum Zweifler

5: Ungelöste Erklärung zum Ursprung des Lebens

6: Proteine – Unwahrscheinlichkeit eines zufälligen Entstehens

7: Nicht reduzierbare Komplexität – Herausforderung für die Evolutionstheorie

8: Problem der spezifisch-komplexen Information

9: Das Wartezeiten-Problem – Problem der koordinierten Mutation

10: Interne Krise des Neodarwinismus

11: Ist graduelle Entwicklung belegbar?

12: Fossilbericht zeigt sprunghafte Entwicklungen

13: Lebende Fossilien – Problem der Konvergenz

14: Widerlegte Beispiele gradueller fossiler Übergänge

15: Was ist Intelligent Design und was nicht?

16: Welche Relevanz hat die Intelligent Design-Theorie für die Forschung?

17: Intelligent Design – welche Erklärungen für die Einwirkung von Intelligenz gibt es?

18: Intelligent Design – können metaphysische Erklärungen wissenschaftlich sein?

19: Einschätzung zu einer kurzen Datierung des Erdalters

20: Komplexität innerhalb der Zelle – Einschätzung zum Forschungsstand

21: Warum ist die Debatte um Intelligent Design so emotional aufgeladen?

Die gesamte Playlist findet sich auf YouTube unter: https://www.youtube.com/playlist?list=PLwBfDPNE4CobU4KVWs2hPdFtHYIIhBUg9

Siehe auch:

Andere Fragen – anderes Evangelium?

„Wie kann meine Sünde vergeben werden?“ „Wie finde ich Gnade vor Gott?“ „Wie komme ich in den Himmel?“ Zur Zeit Martin Luthers waren das brandheiße Fragen, die viele Menschen beschäftigten – so sehr, dass sie sogar bereit waren, Geld für Ablassbriefe zu bezahlen, um Vergebung, Gnade und den Himmel zu finden. Martin Luthers Lehre, dass allein der Glaube uns rettet und Vergebung bringt, war eine phantastische Antwort auf die brennenden Fragen der damaligen Zeit. Luther hat für die damaligen Menschen eine Brücke gebaut über einen reißenden Strom von weit verbreiteten Ängsten, den die Kirche mit ihrem Ablasshandel zusätzlich geschürt hat.

Der reißende Strom von damals ist heute höchstens noch ein kleines Rinnsal, für das kein Mensch mehr eine Brücke braucht. Sünde beschäftigt die Menschen höchstens noch in Bezug auf falsche Ernährung. Außerdem steht für die meisten Menschen fest: Falls es Gott gibt, dann ist es in jedem Fall ein lieber Gott, der mich niemals in die Hölle schmeißen würde.

Der Fluss der Fragen und Ängste fließt heutzutage anderswo. Da geht es um die Suche nach Identität, nach Sinn, nach Orientierung und tragfähigen Beziehungen. Brauchen diese neuen Fragen also ganz neue Antworten? Müssen wir vielleicht ganz neue Brücken bauen statt die alte Brücke der Reformationszeit zu renovieren und zu modernisieren? Braucht unsere heutige Gesellschaft ein anderes Evangelium als die Gesellschaft Martin Luthers?

Bei Paulus lesen wir, dass es ihm auf seinen Missionsreisen äußerst wichtig war, genau darauf zu achten, welche Fragen die Menschen bewegen und womit sie sich beschäftigen. Er suchte nach guten Anknüpfungspunkten, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen (Apostelgeschichte 17, 23). Das zeigt: Die Orientierung an den Fragen der Menschen ist wichtig für unsere missionarische Arbeit. Und auch in Deutschland sind wir ja längst wieder in einer Missionssituation, die sich von der Situation des Paulus kaum unterscheidet.

Müssen wir also unsere Botschaft verändern, damit die Kirche in Deutschland gegen den Trend wieder wachsen kann? Müssen wir lernen, das Evangelium ganz anders zu positionieren und mit ganz anderen Schwerpunkten zu versehen als Martin Luther das tat?

Nein, ich glaube nicht. Denn die Annahme, dass wir als Kirche missionarisch erfolgreicher werden, wenn wir nur eine passende Kommunikationsstrategie entwickeln, beruht m.E. auf einem grundsätzlichen Missverständnis:

Warum war denn die erste Generation der Christen eigentlich so erfolgreich? Warum wächst heute das Evangelium wie verrückt in absolut christenfeindlichen Gesellschaften wie z.B. dem Iran oder China? Ganz sicher nicht deshalb, weil dort die Christen viel Zeit auf soziokulturelle Studien verwenden und sich passende Kommunikationsstrategien antrainieren. Auch nicht, weil das Evangelium eine passende Antwort auf menschliche Bedürfnisse bietet. Im Gegenteil: In der Verfolgungssituation entzieht das Evangelium Sicherheit, statt Sicherheit zu geben. Es entzieht Gemeinschaft, statt Gemeinschaft zu geben. Wenn die neuen Christen aus ihren Familien ausgestoßen und gesellschaftlich geächtet werden entzieht das Evangelium Schutz und Annahme statt Schutz und Annahme zu geben. Es bringt gesellschaftliche Schande über die Menschen statt die Scham zu nehmen.

Schauen wir uns doch einmal die Schlüsselsätze aus den extrem erfolgreichen Botschaften der Apostel an: „In keinem anderen Namen ist das Heil!“ (Apg. 4, 12) „Kehrt um!“ (Apg. 2, 38) Dieser Absolutheits- und Wahrheitsanspruch, der dem damaligen gesellschaftlichen Konsens komplett widersprach, sowie das grundlegende Infragestellen des bisherigen Lebensstils der Menschen war noch nie populär. Das war noch nie Antwort auf die Fragen der Menschen. Das war im Gegenteil schon immer ein provokatives und polarisierendes Ärgernis, das nur deshalb so erfolgreich war, weil die Zeugnisgeber eine so enorme Ausstrahlung hatten und so glaub-würdig waren.

Das Evangelium stellt ja gerade nicht den Menschen mit seinen Bedürfnissen, Ideen, Ängsten und Fragen in den Mittelpunkt sondern den gekreuzigten Christus und die Botschaft, dass wir mit Christus am Kreuz sterben müssen, damit Erneuerung möglich wird. Erst durch diese Erneuerung, diese Neugeburt durch Taufe und Heiliger Geist beginnt das Evangelium, auch Bedürfnisse nach Annahme, Liebe, Versorgung, Gemeinschaft, Identität, Zukunft, Sicherheit usw. zu stillen. Aber ohne diese Erneuerung bleiben alle Versprechen nach Bedürfnisstillung leere Versprechen, mit denen man gerade in der Verfolgungssituation erst gar nicht zu kommen braucht. Und auch bei uns leiden doch so viele Gemeinden daran, dass immer mehr Gemeindeglieder die Erwartung haben, dass die Gemeinde ihre Bedürfnisse stillen soll. Das kann niemals funktionieren. Am Ende kann Gott allein unsere Bedürfnisse stillen. Wenn wir nicht lernen, unsere Bedürfnisse selbst aus einem lebendigen geistlichen Leben zu stillen und das stattdessen primär von der Gemeinde erwarten, denn wird das zwangsläufig immer in Frust und Zerwürfnissen enden. Solange wir in unseren Gemeinden keine geistlichen Selbstversorger sondern nur Konsumenten hervorbringen bleibt Gemeindearbeit ein zähes Geschäft, in dem die einen unzufrieden sind und die anderen in den Burnout getrieben werden.

Das Evangelium stellt ja gerade nicht den Menschen mit seinen Bedürfnissen, Ideen, Ängsten und Fragen in den Mittelpunkt sondern den gekreuzigten Christus und die Botschaft, dass wir mit Christus am Kreuz sterben müssen, damit Erneuerung möglich wird.

Deshalb bin ich überzeugt davon: Unsere lahmende Kirche kann nur dann erfolgreich werden, wenn Sie das Geheimnis der Erneuerung in Christus durch das Kreuz und den Heiligen Geist wieder entdeckt und wenn daraus authentische, glaubwürdige Gläubige und schließlich auch Gemeinden wachsen, in denen der Jubel der Erlösten, die Dankbarkeit der Begnadigten und die Gemeinschaft der Heiligen sichtbar und spürbar wird. Wachstum wird möglich mit Gemeinden, die einen offenkundigen Unterschied zur Welt machen, nicht weil sie die besseren Vorsätze haben sondern weil in ihnen eine übernatürliche Kraft des Heiligen Geistes sichtbar und spürbar wird, die die Menschen so sichtbar verändert und erneuert, dass sogar die Esoteriker neidisch werden (Apg. 8, 18).

Um im Bild vom Fluss und der Brücke zu bleiben: Der entscheidende Fluss, den das Evangelium überbrückt, hat sich nie verändert und er wird sich nie verändern bis Jesus wiederkommt: Das ist die Sündhaftigkeit des Menschen, der es aus eigener Kraft eben niemals schafft, Solidarität, Liebe, Gemeinschaft, Selbstlosigkeit, Freiheit usw. zu leben. Deshalb ist auch die Brücke des Evangeliums im Kern seit 2.000 Jahren in aller Welt und in allen Kulturen die gleiche: Jesus erlöst uns aus unserem alten Leben der Verstrickung in die weltlichen Denk- und Verhaltensmuster, indem wir unser Leben in den Tod geben (Taufe), um uns aus Gnade mit Vergebung beschenken und durch den Heiligen Geist erneuern zu lassen.

Der entscheidende Fluss, den das Evangelium überbrückt, hat sich nie verändert und er wird sich nie verändern bis Jesus wiederkommt: Das ist die Sündhaftigkeit des Menschen, der es aus eigener Kraft eben niemals schafft, Solidarität, Liebe, Gemeinschaft, Selbstlosigkeit, Freiheit usw. zu leben.

Den schwersten Schaden nimmt die Kirche daher immer dann, wenn sie das Ärgernis des Kreuzes beseitigt, wenn sie das Geheimnis der Neugeburt durch Wasser und Geist nicht mehr mit Leben füllen kann und wenn sie stattdessen versucht, ihre verloren gegangene Kraft und Ausstrahlung mit intellektuellen Strategien zu kompensieren oder gar mit dem Versuch, das Evangelium mit den säkularen intellektuellen Strömungen kompatibel zu machen. Das kann niemals funktionieren. Gerade für die Klugen und Intellektuellen ist das Evangelium doch die größte Provokation (1. Kor. 1, 20), weil es die Weisheit dieser Welt und den dahinter stehenden menschlichen Stolz komplett in Frage stellt und stattdessen sagt: Die Furcht des Herrn ist der Anfang aller Weisheit (Psalm 111, 10; Sprüche 9, 10).

Bevor wir uns also ausgiebig mit Kommunikationsstrategien befassen steht die Kirche zunächst vor einer anderen Aufgabe: Wie können wir zurückkehren zu unserer ersten Liebe zu Christus? (Offb. 3, 5) Wie können wir Anbetung, Gebet und Hören auf Gottes Wort neu beleben, damit unser Glaube wieder lebendiger, leidenschaftlicher, dadurch auch authentischer und glaub-würdiger wird? Denn eine Botschaft, die wir nicht existenziell leben, wird gerade in der heutigen Zeit niemals nachhaltigen Eindruck bei den Menschen hinterlassen.

Bevor wir uns also ausgiebig mit Kommunikationsstrategien befassen steht die Kirche zunächst vor einer anderen Aufgabe: Wie können wir zurückkehren zu unserer ersten Liebe zu Christus?

Jesus hat zudem zum Ausdruck gebracht, dass unsere Einheit miteinander der entscheidende Schlüssel ist, dass die Welt glaubt (Joh. 17, 21). Echte Einheit wächst aber nie durch intellektuellen Konsens sondern immer vom Haupt Christus her, der die Gelenke seines Leibes miteinander verbindet (Kol. 2, 19). Ich habe es so oft erlebt: Wo Christus die gelebte Mitte ist, da wächst Einheit wie von selbst. Nur authentisches Christsein und geistgewirkte Einheit gibt unserem Zeugnis in der Welt die notwendige Glaubwürdigkeit, die unbedingt notwendig ist.

Wenn die Kirche sich auf diese Punkte konzentriert und dann zusätzlich noch über kluge Kommunikation und Anknüpfungspunkte in der konkreten Missionssituation nachdenkt, dann ist das ein gutes i-Tüpfelchen zu der Frage, wie wir unsere Gesellschaft mit dem Evangelium erreichen können.

AiGG meets Hossa Talk

… und darüber haben wir gesprochen:

Im Oktober 2017 erschien im AiGG-Blog der Artikel “6 Gründe für die Flucht aus Evangelikalien”, im wesentlichen eine Rezension von Gofi Müllers Buch “Flucht aus Evangelikalien”, aber auch eine Schilderung meiner Eindrücke vom Hören verschiedener Folgen des Podcasts “Hossa Talk” von Gofi Müller und Jakob Friedrichs. Der Artikel hat mir eine Einladung zu Hossa Talk eingebracht. Im März hatten wir ein äußerst interessantes, kontroverses und doch schönes Gespräch miteinander. Am 13. Mai ging der “Talk” online unter

http://hossa-talk.de/97-im-angesicht-meiner-feinde/

Als kleiner Service für alle Hörer des Talks: Über diese Artikel haben wir uns unter anderem miteinander unterhalten:

6 Gründe für die Flucht aus Evangelikalien

Scheinbar gibt es vielerorts Absetzbewegungen in Richtung eines liberalen Bibelverständnisses. Um besser zu verstehen, woran das eigentlich liegt, habe ich mich für einige Zeit aus „Evangelikalien“ ins „Hossa-Land“ aufgemacht, die Welt von Gofi und Jay und ihren wöchentlich Podcast „Hossa-Talk“. Gofi hat jüngst ein Buch herausgebracht mit dem Titel “Flucht aus Evangelikalien”. Ich habe viel gelernt im „Hossa-Land“. Denn dort wird uns Evangelikalen ein Spiegel vorgehalten, in den wir unbedingt mal hineinschauen sollten, auch wenn es weh tut.

Das Kreuz – Stolperstein der Theologie

Warum ist Jesus am Kreuz gestorben? Jahrzehntelang war für mich die Antwort auf diese Frage simpel und sonnenklar. Vor einigen Jahren wurde ich erstmals mit einer theologischen Welt konfrontiert, in der bei dieser Frage überhaupt nichts klar ist, im Gegenteil: Ein ganzer Wust an „Deutungen“ des Kreuzestodes schwappte mir entgegen. Dabei ist ein klarer Blick auf die biblische Botschaft vom Kreuz eine Grundvoraussetzung dafür, dass die Kirche wieder wachsen kann!

Worthaus – Universitätstheologie für Evangelikale?

Die Worthaus-Mediathek ist inzwischen auch unter Evangelikalen sehr populär – obwohl der Hauptreferent Siegfried Zimmer ausdrücklich vor Evangelikalen warnt. Die Analyse der Worthaus-Vorträge zeigt: Die evangelikale Bewegung steht vor einer grundlegenden Entscheidung, wenn sie nicht in den Abwärtsstrudel der liberalen Kirchen hineingezogen werden möchte. Deshalb müssen wir über Worthaus reden. Dringend.

4 Dinge für die ich Atheisten bewundere 

Es gibt Menschen, die mich für einen besonders gläubigen Zeitgenossen halten. Heutzutage noch an Gott zu glauben, trotz all der Erkenntnisse und Errungenschaften der Wissenschaft, das sei zwar naiv, aber irgendwie doch bewunderns- und vielleicht auch ein wenig beneidenswert. Vielen Dank für die Blumen. Gerne möchte ich heute dieses Kompliment einmal zurückgeben. Hier die 4 wichtigsten Dinge, für die ich den atheistischen ‪#‎Glauben‬ bewundere.Schöpfer und Zufall

10 Gründe, warum es auch heute noch vernünftig ist, der Bibel zu vertrauen

Kann man sich in der Welt der Aufklärung, der Wissenschaft und der liberalen Theologie auch heute noch auf die Worte der Bibel verlassen? Aber ja! Tatsächlich gibt es nüchtern betrachtet eine ganze Reihe an beeindruckenden Fakten, die klar darauf hinweisen, dass die Bibel vertrauenswürdig ist und von Gott inspiriert sein muss.

Stolz und Vorurteil? Wie wissenschaftlich ist die Bibelwissenschaft?

In den vergangenen 150 Jahren ist etwas Dramatisches passiert: Die Theologie hat den Blick für das Wunder der Bibel verloren! Müssen wir das als aufgeklärte und rationale Menschen in Kauf nehmen, weil die wissenschaftliche Untersuchung der Bibel schlicht keine anderen Schlussfolgerungen zulässt? Oder könnte es sein, dass es schlicht und einfach außerwissenschaftliche Vorurteile sind, die der modernen Bibelwissenschaft den Blick für das Wunder der Bibel verstellen? Eine Analyse eines verbreiteten Klassikers der theologischen Ausbildung liefert dazu spannende Einsichten.

Und außerdem:

Worthaus – Universitätstheologie für Evangelikale?

Worthaus macht universitäre Theologie populär – auch unter Evangelikalen. Die Analyse der Worthaus-Vorträge zeigt: Die evangelikale Bewegung steht vor einer grundlegenden Entscheidung, wenn sie nicht in den Abwärtsstrudel der liberalen Kirchen mit hineingezogen werden möchte.

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Warum dieser Artikel?

Ich mag es nicht, wenn selbsternannte „Irrlehrenjäger“ in jeder christlichen Initiative die Haare in der Suppe suchen. Niemand ist fehlerlos. Wir leben alle aus Gottes unverdienter Gnade. Wir sollten unser Hauptaugenmerk auf das Original richten und nicht auf Fälschungen. Seit ich eine Zeit lang unter einigen gesetzlich-tradi­tionellen Christen ziemlich zu leiden hatte, ist mir Weite und Liebe zur Vielfalt wichtig geworden. Ich gehöre zur Leitung einer evangelisch-landeskirchlichen Gemeinde, in der wir sehr verschieden geprägt sind. Aber gemeinsam teilen wir die Liebe zu Jesus und das Vertrauen auf die Verlässlichkeit der Bibel. Auf diesem gemeinsamen Fundament können wir Differenzen in einzelnen Lehrinhalten und im Frömmigkeitsstil fröhlich aushalten und gemeinsam erfolgreich Gemeinde bauen.

Aber was mir wirklich das Herz bricht ist, dass ich sonst in meiner Landeskirche so viel trostlosen Zerfall sehen muss. Mit Schmerzen höre ich, wie der theologische Pluralismus so oft genau das Fundament der Einheit zerstört, das meiner Gemeinde so viel Segen bringt. Christen wandern ab, weil sie bei Pfarrern keine verständliche und keine tröstliche Botschaft mehr hören und weil sie ihrer Kirchenleitung nicht mehr vertrauen, die sich viel mehr um Politik als um das Evangelium kümmert. Nicht einmal mehr in den zentralen Glaubensfragen gibt es Einheit. Selbst der Jubel über die Auferstehung Jesu ist keine selbstverständliche gemeinsame Grundlage mehr. Kein Wunder, dass es überall Spaltungstendenzen gibt und Gemeinden eingehen, weil man nicht mehr gemeinsam an einem Strang ziehen kann.

Angesichts dieser Not macht es mich tieftraurig, wenn ich sehe, dass offenbar auch immer mehr evangelikale Hoffnungsprojekte in ein Fahrwasser hineingehen, das nach meiner Überzeugung zwangsläufig schrittweise ihre Ausstrahlung und Einheit untergraben wird. Genau deshalb müssen wir über Worthaus reden. Dringend.

Worthaus – Was ist das?

Worthaus ist eine frei zugängliche Mediathek mit inzwischen 87 Vorträgen von 12 verschiedenen Theologen zu unterschiedlichsten theologischen Themen. Zwei Drittel der Vorträge werden vom emeritierten Professor für evangelische Theologie Siegfried Zimmer gehalten, der in Württemberg bereits durch die Nachteulengottesdienste in Ludwigsburg bekannt geworden war.

Auch Prof. Thorsten Dietz gehört zum Kreis der Worthaus-Referenten. Er lehrt an der evangelischen Hochschule Tabor, die sich selbst zur Konferenz bibeltreuer Ausbildungsstätten zählt. In einem Bericht zu einer Worthaus-Veranstaltung wird erwähnt, wie leidenschaftlich Thorsten Dietz für Worthaus Werbung macht:

“Es ist ja nicht nur himmlische Fügung, dass Menschen durch Träume und ähnliches zu Worthaus finden – daher liken, posten, teilen”

Auch Worthaus-Referent Prof. Peter Zimmerling ist unter vielen Evangelikalen sehr bekannt, ebenso der jüngst neu hinzugekommene Prof. Tobias Faix von der CVJM-Hochschule Kassel. Das zeigt: Worthaus ist angekommen unter den Evangelikalen. Worthaus-Refe­renten sind auch auf evangelikalen Großveranstaltungen anzutreffen wie z.B. auf dem Spring-Festival oder dem „Freak­stock“. Auch der unter Evangelikalen sehr beliebte christliche Blog „gekreuzsiegt.de“ wirbt ausführlich für Worthaus – obwohl Prof. Zimmer selbst ausdrücklich vor Evangelikalen warnt („auf keinen Fall evangelikal“1). Wie ist dieser Widerspruch zu erklären?

Worthaus gibt sich „bibeltreu“

Worthaus ist kein einheitlicher Block mit einheitlicher Theologie. Jedoch gibt es eine klare gemeinsame Prägung (weshalb in diesem Artikel meist vereinfachend von Worthaus als Ganzem gesprochen wird2). Worthaus bekennt sich klar zur historisch-kritischen universitären Theologie, will aber gleichzeitig bibeltreu sein – sogar wesentlich bibeltreuer als konservative Christen. Durch die Berücksichtigung moderner bibelwissenschaftlicher Erkenntnisse soll ein „unverstellter Blick“ auf die Bibel gewonnen werden. Biblische Textgattungen sollen sauber unterschieden werden und das historisch-kulturelle Umfeld sowie die Entstehungsgeschichte der biblischen Texte berücksichtigt werden, um viel fundierter beleuchten zu können, was die biblischen Texte ursprünglich wirklich sagen wollten (z.B. ob die Geschichten historisch gemeint waren oder nicht). Entsprechend lautet die Vision von Worthaus: „Alles auf Null“. Das will sagen: Wir stellen vorurteilsfrei noch einmal alles in Frage, um zu gut begründeten Überzeugungen zu gelangen. Das klingt auch für viele konservative Zuhörer gut, die ja zuallermeist längst nicht so wissenschaftsfeindlich sind, wie das von Worthaus oft behauptet wird.

Aber arbeitet Worthaus tatsächlich so vorurteilsfrei?

Die Brillen der „Worthaus-Theologie“

Worthaus basiert auf 5 Thesen, aus denen sich grundlegende Denkvoraussetzungen von Worthaus erkennen lassen:

Die Bibel ist nicht ohne weiteres verständlich

Da der Blick auf die Bibel „oftmals durch Glaubenssätze, Ideologien, falsche Annahmen und Unkenntnis der biblischen Entstehungsgeschichte verstellt“ sei (These 2) ist es „nicht selbstverständlich, die Botschaften der Bibel richtig zu verstehen.“ (These 3) Entsprechend gilt für Worthaus: Ohne Kenntnis der Ergebnisse aus den modernen Bibelwissenschaften ist es nicht möglich, die Bibel richtig zu interpretieren. Tatsächlich habe praktisch die gesamte Kirche viele Bibeltexte 1800 Jahre lang falsch interpretiert und „Millionen von Christen“ tun es bis heute, sofern sie keinen Kontakt zur universitären Theologie haben.3

Die Bibel ist widersprüchlich

In seiner 4. These formuliert Worthaus: „Ein geschlossenes Weltbild auf der Grundlage der Bibel ist nicht machbar.“ Entsprechend wird immer wieder betont: Die Bibel enthält natürlich sowohl sachliche als auch theologische Widersprüche.

Die Bibel ist fehlerhaft

Worthaus folgt immer wieder klar erkennbar der in der universitären historisch-kritischen Theologie domi­nie­ren­den wissenschaftlichen Methode, in der die Bibel so untersucht wird, als sei Gott nicht existent4. Entsprechend geht die Bibelkritik von Worthaus sehr viel weiter, als nur die wahre Aussageabsicht der Bibel unter Berücksichtigung der damaligen Zeit und Kultur herauszuarbeiten. Auch vielen eindeutig historisch gemeinten Texten in den Evangelien (von Lukas als „Augenzeugenberichte“ charakterisiert, Luk. 1, 2) sprechen Worthaus-Referenten die Historizität ab,5 was neben den Konsequenzen für die Glaubwürdigkeit der Bibel natürlich auch gravierende theologische Konsequenzen hat, da die Geschichtlichkeit oft wesentlicher Bestandteil der theologischen Aussage ist6.

Folgerichtig enthält die Bibel aus Worthaussicht natürlich auch theologische Fehler. So äußerst Dr. Breuer: Paulus habe viel Kluges, aber auch Unkluges geschrieben. Manche seiner Argumente seien gar „einigermaßen hanebüchen“, weshalb man allein mit Bibelstellen auch keinen theologischen Standpunkt begründen könne7. Auch für Prof. Zimmer enthält die Bibel „hunderte von Fehlern“ 8. Insbesondere müsse man die Bibel überall da ablehnen, wo sie Jesus Christus widerspricht: „Im Konfliktfall argumentieren wir ohne jedes Zögern mit Jesus Christus gegen die Bibel.“ 9

Aber ist Jesus Christus für Worthaus dann tatsächlich der verlässliche Wahrheitsanker, der uns helfen kann, die Bibel richtig zu deuten und ggf. auch zu kritisieren?

Jesus verschwimmt im historischen Nebel

Worthaus trennt klar zwischen dem Jesus der Evangelien und dem „historischen Jesus“. Welche der biblischen Jesus-Zitate wirklich von Jesus stammen und welche ihm später in den Mund gelegt wurden, muss individuell geprüft werden.10 Dr. Breuer räumt diesbezüglich ein, dass es kein einziges Zitat von Jesus gibt, dessen historische Echtheit nicht schon von Theologen bezweifelt worden wäre.11 Ob Jesus sich selbst als Messias sah ist für Prof. Schreiber völlig unklar.10 Wer Jesus war, wie er sich selbst sah und was er tatsächlich gelehrt hat, verschwimmt also im historischen Nebel. Kein Wunder also, dass auch die Person Jesus Christus kein eindeutiges Unterscheidungskriterium für richtig und falsch in der Bibel mehr darstellen kann. Die Worthaus-Vorträge belegen, dass damit der theologischen Willkür letztlich Tür und Tor geöffnet wird:

Worthaus geht „ans Eingemachte“

In seiner Begeisterung für die Universitätstheologie verschweigt Prof. Zimmer leider die Tatsache, dass in der universitären Bibelwissenschaft letztlich sämtliche Kernsätze des apostolischen Glaubensbekenntnisses in Frage gestellt wurden und werden.12 Auch in den Worthaus-Vorträgen werden zahlreiche Kernsätze des Glaubens abgeräumt, die in der weltweiten Kirche fast durchgängig als klare, eindeutige Aussagen der Schrift verstanden wurden und werden:

  • Jesu Tod am Kreuz sei eindeutig kein Sühneopfer für die Schuld der Menschheit gewesen. Paul Gerhardts Lied „O Haupt voll Blut und Wunden“ transportiere eine irrige Passionsfrömmigkeit.13 Im Abendmahl feiern wir im Kern die „Kontaktfreudigkeit“ und „Zuwendungslust“ Jesu14.
  • Das Grab sei voll gewesen. Auch Himmelfahrt und Pfingsten waren keine historischen Ereignisse.5
  • Das Heil sei nicht exklusiv nur in Jesus Christus zu finden.15
  • Der Tod sei keine Folge der Sünde sondern Teil von Gottes Schöpfung.16
  • Der Himmel sei kein fassbarer Ort. Man kann dort keine Bekannten wieder treffen. Erst recht gibt es keine wie auch immer geartete Hölle.17 Der Glaube an eine ewige Verdammnis zeuge von einem „eiskalten Glauben“ und primitiver Moral.18
  • Der Teufel sei (sehr wahrscheinlich) keine Person. Wer in der Schlange im Schöpfungsbericht den Teufel erkennt sei „balla balla“.19

Schon aus diesen wenigen Beispielen wird deutlich: Worthaus setzt dem theologischen Pluralismus der modernen Bibelkritik keine wirksame Grenze. Vielmehr zeigt sich wieder einmal, dass die moderne Bibelkritik eine seifige, schiefe Ebene ist, die in ein unklares und letztlich in ein anderes Evangelium mündet.

Umdeutung von Begriffen

Vor diesem Hintergrund ist es auf den ersten Blick überraschend, wenn Prof. Zimmer immer wieder betont, dass für ihn selbstverständlich die ganze Bibel durch und durch wahres Wort Gottes sei und dass sie trotz aller Fehler und Widersprüche in den wesentlichen Aussagen so klar sei, dass sich alle Christen in den heilsentscheidenden Punkten einig seien.8 Hält Worthaus also an der Wahrheit, Einheit und Klarheit der Bibel fest? Dieses Versprechen kann Worthaus nur – wenn überhaupt – durch eine Umdeutung von Begriffen einhalten:

  • Unter der Einheit der Schrift versteht Prof. Zimmer nicht eine theologische Einheit (in der sich die Aussagen zu einem großen Ganzen ergänzen), sondern eine „dialogische Einheit“, in der auch zahlreiche theologische Widersprüche ihren Platz hätten.20
  • Unter der Wahrheit der Bibel versteht Worthaus nicht etwa Fehlerlosigkeit21. Die Bibel sei vielmehr insofern wahr, dass sie von Jesus Christus zeugt. Und für die Bibel selbst sei ja Jesus Christus die Wahrheit, nicht die Bibel.22

Darüber hinaus gibt es viele Beispiele von schwerwiegenden Begriffsumdeutungen, die die theologischen Aussagen zwar traditionell klingen lassen aber trotzdem gänzlich abweichen von den traditionellen Sichtweisen und Auslegungsprinzipien evangelikaler und reformatorischer Theologie.23

Abkehr vom reformatorischen Erbe

Prof. Wilfried Härle bezeichnet sich selbst als Luther-Fan. Prof. Zimmer sagt, er sei ein „Schüler Luthers“. Entsprechend beruft er sich immer wieder auf den Reformator24. In der Tat hat auch Luther die Bibel kritisiert, wo sie seiner Ansicht nach nicht das lehrt, „was Christum treibet“. Allerdings gibt es einen grundlegenden Unterschied: Wenn ein biblisches Buch Luthers Ansicht nach nicht zur Botschaft Christi gepasst hat, dann hat Luther angezweifelt, ob es zum biblischen Kanon gehört. Aber kanonische Bücher hatten für die Reformatoren selbstverständlich absolute und irrtumsfreie Autorität.25 Sie waren für ihn in ihrer Aussage so klar, dass auch Laien sie verstehen konnten. Und sie waren so wahr, dass sie nur durch weitere Bibeltexte und nicht durch außerbiblische menschliche Maßstäbe ausgelegt und interpretiert werden durften. Dr. Armin Baum bemerkt daher zurecht: „Für das von ihm vertretene Modell sollte sich ZIMMER nicht auf LUTHER berufen. […] Der von ZIMMER befürwortete Ansatz, dass auch kanonische Schriften theologische Fehler aufweisen und fehlerhafte Aussagen sogar als „Gottes Wort“ zu gelten haben, ist meines Erachtens nicht reformatorisch.“ 26

Mit der Übersetzung der Bibel in die Alltagssprache hatte Luther die Bibel in die Hand der einfachen Menschen gelegt. Damit hat er eine weitreichende geistliche Erneuerungsbewegung ausgelöst und letztlich die Grundlage für die heutige Denk- und Religionsfreiheit geschaffen. Für Prof. Zimmer hingegen ist klar: Laien, die nicht eingeweiht sind in moderne Theologie, Archäologie, historische Wissenschaften und antike Sprachen, haben eigentlich keine Chance, sich selbst ein angemessenes Bild von den Aussagen der Bibel zu machen. Schließlich habe sich ja sogar die ganze Kirche in vielen Punkten 1800 Jahre lang geirrt!3 Von einer für jeden Laien verständlichen Klarheit der Schrift, die Luther so wichtig war, kann also keine Rede mehr sein. Auch damit verspielt Worthaus eine der zentralsten Errungenschaften der Reformation, weil es den theologisch nicht Gebildeten die Bibel aus der Hand nimmt.

Konservative Klischees und Pappkameraden

Prof. Zimmer will ein Brückenbauer sein. Er will auch Konservative mit der Bibelwissenschaft versöhnen. Die Darstellung konservativer Christen ist in den Worthaus-Vorträgen jedoch meist klischeehaft und undifferenziert. Ein Hauptvorwurf ist die angebliche vollständige Ablehnung sämtlicher bibelwissenschaftlichen Methoden und eine „Vergöttlichung“ der Bibel, die die Vorrangstellung der Person Jesus Christus gegenüber der Bibel ablehnt. Die „Fundamentalisten“ in den konservativen Kreisen hätten letztlich ein islamisches Schriftverständnis und würden an eine „Vierfaltigkeit“ glauben: Vater, Sohn, Heiliger Geist und Bibel.8

Mit diesem Vorwurf stellt sich Prof. Zimmer in eine alte Tradition. Schon Spurgeon schrieb 1891 in seinem Kampf gegen das Vordringen liberaler Bibelkritik: „Wer an der Unfehlbarkeit der Schrift festhält, den bezichtigen sie der ‚Bibliolatrie‘ (= Vergötterung der Bibel). Dabei beteuern sie, sie würden nicht das Buch anbeten, sondern verehrten dessen Autor.“ 27 Dr. Armin Baum kommentiert diesen Vorwurf wie folgt: „Um im evangelikalen Lager Theologen ausfindig zu machen, die die moderne Bibelwissenschaft ablehnen und den Vorrang Jesu vor der Bibel bestreiten, muss man sicherlich sehr lange suchen. Dass man dabei fündig wird, halte ich nicht für ganz ausgeschlossen. Evangelikale Theologen, die im von Zimmer definierten Sinne fundamentalistisch denken, sind jedoch eine ausgesprochen rare Spezies.“ 28      

Anders gesagt: Wort­haus produziert hier „fundamentalistische Pappkameraden“, die mit der Realität wenig zu tun haben, auf die dann aber umso heftiger eingedroschen wird, wie Michael Kotsch in seinem Kommentar zu Zimmers Vortrag „Die schwule Frage“ schreibt: „In etwa einem Viertel seines Vortrags bringt Zimmer seinen – man kann es leider nicht anders nennen – Hass auf konservative Christen zum Ausdruck. […] Siegfried Zimmer bezeichnet konservative Christen als „dümmlich“, „engstirnig“, „tragisch“, „bibelverkorkst“ und „rechthaberisch“. Sie […] haben kein Interesse, sich zu informieren […] bei ihnen wird die Bibel „dumm zitiert“. Sie „liegen fürchterlich daneben“ in ihrem Umgang mit der Bibel, weil sie „nicht einmal das ABC historischer Hintergrundkenntnis“ mitbringen. Mit ihrer Theologie betrieben sie „schwerste Bibelmanipulation“. […] Bei den konservativen Christen wird die Bibel „missbraucht“ und „instrumentalisiert“. Sie „haben die Bibel in ihrem Schwitzkasten“ und „bauen eine eigene Ideologie auf“, behauptet Zimmer. Aber nicht genug! Konservative Christen gehen mit der Bibel um „wie die islamischen Salafisten“ mit dem Koran. Sie gehören „in Nachbarschaft zu Zeugen Jehovas und Mormonen“. Diese Evangelikalen seien generell „unseriös“, „fehlgeleitete Leute“, die nicht so genau hinschauen.“ 29 Solche grob beleidigenden Aussagen finden sich leider in vielen Worthaus-Vorträgen.

Warum das Worthaus – Bibelverständnis nicht überzeugen kann

Dieser Artikel bietet nicht den Raum, das Bibelverständnis der Worthaus-Referenten umfangreich und fundiert zu analysieren und zu beantworten. Dazu gibt es gute Literatur30. Nur ein zentraler Punkt sei hier kurz genannt: Wenn Prof. Zimmer empfiehlt, mit Jesus die Bibel zu kritisieren stellt sich natürlich die Frage: Wie ist denn Jesus selbst mit dem Alten Testament umgegangen? War Jesus denn tatsächlich bibelkritisch? Dazu schreibt der Theologe Ron Kubsch: „Zimmer bietet keine überzeugenden Belege dafür, dass Jesus die alttestamentlichen Schriften zum Gegenstand seiner Kritik gemacht hat. Jesus ist nicht gekommen, um „das Gesetz oder die Propheten“ zu kritisieren oder „aufzulösen“, „sondern um zu erfüllen“ (Mt 5,17). Für Jesus verfällt nicht „ein einziges Jota oder ein einziges Häkchen“ vom Gesetz, bis Himmel und Erde vergehen (Mt 5,18). Jesus unterscheidet eindeutig zwischen menschlicher Überlieferung und dem Wort Gottes, das Mose im Auftrag seines Herrn gesprochen hatte (vgl. Mt. 7,10-13). John Wenham kommt in seiner umfangreichen Untersuchung ‘Jesus und die Bibel‘ zu dem Ergebnis, dass für Jesus Christus die Schriften des Alten Testaments wahr, autoritativ und inspiriert sind und dasjenige, was in ihnen geschrieben steht, Gottes Wort ist.“ 31 Auch Prof. Gerhard Maier betont in seinem Standardwerk Biblische Hermeneutik: „Jesu Praxis und Lehre erlaubt es uns nicht, die Schrift und Christus als einen Gegensatz aufzufassen.“ Die Worthaus-Theologie widerspricht somit fundamental dem reformatorischen Prinzip, dass die Bibel sich selbst auslegt („Sacra scriptura sui ipsius interpres“), da keiner der biblischen Autoren so mit den biblischen Schriften umging wie Worthaus das tut.

Worthaus lohnt sich – wenn es kritisch genossen wird

Es lohnt sich, sich Worthaus-Vorträge anzusehen! Die überwiegend kurzweiligen und lebendig vorgetragenen Beiträge sind oft hochinteressant und stellen insgesamt definitiv einen horizonterweiternden Bildungs-Beitrag dar.

Nur wer sich mit den theologischen Diskussionen unserer Zeit befasst, kann einen eigenen fundierten Standpunkt entwickeln und vertreten. Einbunkern und Abschotten ist eine Haltung, die Worthaus zurecht kritisiert. Wichtig ist nur (ganz im Sinne von Prof. Zimmer): Auf keinen Fall einfach nachplappern sondern prüfen und selber denken (siehe dazu hier die interaktive Tabelle mit Links zu Worthaus-Vorträgen und zugehörigen Kommentaren). Denn man darf nicht verdrängen, dass der Worthaus-Cocktail zwar verführerisch schmeckt, aber aus 2 Gründen trotzdem vergiftet ist:

Worthaus verschleiert die eigene Subjektivität

Worthaus stellt seine Lehraussagen immer wieder als intellektuell, wissenschaftlich, vernünftig, objektiv, vorurteilsfrei, reflektiert und differenziert dar. Dagegen seien die Konservativen/Evangelikalen/Fun­da­mentalisten (diese Begriffe sind für Worthaus offenbar austauschbar) denkfaul, eingebunkert, bildungsfeindlich, dümmlich, durcheinander, subjektiv, auf Vorurteilen und Prägungen basierend, intellektuell unterentwickelt (siehe auch die 1. Worthaus-These). Diese Überlegenheitsgeste ist deshalb unangemessen, weil natürlich auch die Worthaus-Referenten mit subjektiven Vorverständnissen und Auslegungsschlüsseln arbeiten. Statt der dauernden Rede vom angeblichen „unverstellten Blick“ wäre es redlicher, die eigenen Denkvoraussetzungen und Glaubensentscheidungen offen zu legen und die Subjektivität der Schlussfolgerungen offen zu legen.4 Wer diese Demut nicht hat, vertieft die Gräben in der Christenheit, weil es das sachliche Anerkennen unterschiedlicher Herangehensweisen an die Bibel durch das Verächtlichmachen anderer Haltungen und Denkweisen ersetzt – eine Gefahr, die übrigens in allen theologischen Lagern anzutreffen ist.32

Eine süße Mogelpackung und ein trojanisches Pferd

Der populärwissenschaftliche Anstrich lässt die Worthaus-Vorträge attraktiv und zugleich vernünftig und überlegen erscheinen. Sie entlassen den frommen Hörer zudem aus einer Menge von Konflikten in Bezug auf schwierige Bibelstellen oder z.B. bei Themen wie Homosexualität und die Ursprungsfrage (Schöpfung und Sündenfall). Mit dem Versprechen, die heilsentscheidenden Inhalte der Bibel unangetastet zu lassen und fest zur Wahrheit, Klarheit und Einheit der Schrift zu stehen, macht Worthaus sich auch unter Konservativen salonfähig – auch wenn dieses Versprechen massiv gebrochen wird. Mit dieser Mixtur hat Worthaus das Zeug zum trojanischen Pferd, das den theologischen Pluralismus mitten in die evangelikale Bewegung tragen kann.

Die evangelikale Bewegung am Scheideweg

Der überbordende theologische Pluralismus der modernen Theologie und die Abkehr von einem textgetreuen Verständnis der Bibel ist ohne Zweifel eine Hauptursache für den Niedergang der liberalen Kirchen in der ganzen westlichen Welt, weil er unüberbrückbare Gräben aufreißt, die die Gemeinden spalten. Deshalb wird sich die evangelische Hochschule Tabor, die Konferenz bibeltreuer Ausbildungsstätten und die evangelikale Bewegung insgesamt entscheiden müssen, wie sie mit Worthaus umgehen will. Totschweigen wird nicht gelingen, denn schon jetzt ist Worthaus nicht nur ein Internet-Hit sondern prägt durch seinen wachsenden Einfluss auf die evangelikalen Ausbildungsstätten längst auch die zukünftigen evangelikalen Multiplikatoren und Leiter.

Worthaus kann die evangelikale Bewegung vielleicht ein wenig aus der Schusslinie des Zeitgeistes holen. Aber der Preis ist hoch. Worthaus ist ein Spaltpilz, weil es mit evangelikaler Theologie und Frömmigkeit grundsätzlich unvereinbar ist. Worthaus wird, wenn es unkritisch aufgenommen wird, der evangelikalen Bewegung die Kraft und die Spitze nehmen, weil es ihre Botschaften verunklart und im Extremfall sogar durchstreicht.

Meine feste Überzeugung ist deshalb: Wenn sich die evangelikale Bewegung dieser Theologie weiter öffnet, wird sie letztlich das Schicksal der liberalen Kirchen in der ganzen westlichen Welt teilen: Keine klare Botschaft mehr, keine Einheit mehr – und folglich zunehmend auch keine Mitglieder mehr. Deshalb ist es jetzt unbedingt notwendig und im besten Sinne „not-wendend“, sich von Worthaus einerseits im notwendigen Maße abzugrenzen und gleichzeitig in den Gemeinden die reichhaltigen hermeneutischen Schätze aus den kirchlichen Bekenntnissen sowie den Schriften der Kirchenväter, der Reformatoren und der großen evangelikalen Theologen selbstbewusst und offensiv bekannt zu machen.


Danke für die fachlich kompetente Prüfung des Artikels und alle guten Anregungen, Kommentare und Korrekturen:

  • Ron Kubsch
  • Reinhard Junker
  • Holger Lahayne
  • David Brunner
  • Martin Till

Anmerkungen und Quellen:

1:   „Auf keinen Fall evangelikal. Der Preis ist leider zu hoch“ sagt Prof. Siegfried Zimmer am Ende seines Vortrags „Aufbruch in eine Erneuerung des christlichen Glaubens“ 1:10:10

2:  Auf den außenstehenden Beobachter wirkt Worthaus wie eine in sich kongruente Denkfabrik. Das hat mehrere Gründe:

  • Auf der Homepage werden alle Vorträge gleichermaßen leidenschaftlich beworben. Von Diskurs oder Widerspruch keine Spur.
  • Die 5 grundlegenden Worthaus-Thesen und die Grundvision von Worthaus geben einen gemeinsamen, durchgängigen Duktus vor.
  • Die Worthaus-Vorträge enthalten sich wiederholende Elemente, denen nirgends widersprochen wird, z.B. das Bekenntnis zum Segen der Universitätstheologie, die harsche Abgrenzung von den Konservativen / Evangelikalen / Fundamentalisten, das Bekenntnis zur Fehlerhaftigkeit und Widersprüchlichkeit biblischer Texte (Worthaus These 4) und einiges mehr.
  • Zimmer hält etwa 2/3 der Vorträge. Er war auf allen Worthaus-Tagungen dabei und prägt das Gesamtbild maßgebend. In einem Internetkommentar zu Worthaus 7 war jüngst zu lesen: „Siegfried „Siggi“ Zimmer bleibt selbstverständlich der uneingeschränkte Patriarch von Worthaus.“ Er ist DER prägende Referent von Worthaus mit allem, was er schon seit seinem Buch „Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben“ (2012) vertritt und mit all seiner ätzenden Herabwürdigung konservativer Christen.

Auf meine Nachfrage hin hat mir ein Worthaus-Referent jedoch versichert: Die Worthaus-Theologen seien sich keineswegs in allen Punkten einig. Hinter den Kulissen gäbe es viele Diskussionen. Die einheitliche Wirkung nach außen sei eine „optische Täuschung“. Es stellt deshalb eine der Übersichtlichkeit geschuldete Vereinfachung dar, wenn in diesem Artikel der Begriff „Worthaus“ so verwendet wird, als ob alle Vorträge eine geschlossene Sichtweise vertreten würden. Nicht zuletzt diese „optische Täuschung“ bedeutet jedoch: Jeder Worthaus-Referent promotet – gewollt oder ungewollt – mit seinem Namen letztlich alle Inhalte von Worthaus.

3:   So habe die Kirche z.B. 1800 Jahre lang die Gleichnisse Jesu irrtümlich allegorisch gedeutet (und sogar die Evangelienschreiber selbst hätten diesen Fehler gemacht!), und auch heute täten das bedrückenderweise immer noch Millionen von Christen, die keinen Kontakt zur Universitätstheologie haben (Prof. Zimmer in: „Ein Beispiel zur Arbeitsweise der modernen Bibelwissenschaft“ ab 24.12). Auch habe die Kirche bis ins 19. Jahrhundert praktisch durchgängig die falsche Lehre vertreten, dass der Tod eine Folge der Sünde und kein Schöpfungswerk Gottes sei (Prof. Zimmer: Ist der Mensch unsterblich erschaffen worden?)

4:   Wissenschaft wird oft fälschlicherweise mit Naturalismus gleichgesetzt, wonach alles immer und ausschließlich eine natürliche Ursache hat (was aber keine wissenschaftliche sondern eine philosophische Position darstellt). Vor diesem Hintergrund ist es bemerkenswert, wenn die universitäre christliche Theologie eine echte Wissenschaft im Sinne des Naturalismus sein möchte. Das bringt die Theologie in eine skurrile Situation: Viele “Lehrer von Gott” (=“Theologen”) rechnen in ihrer Forschung gar nicht mehr mit Gott! Sie betreiben ihre wissenschaftliche Forschung an der Bibel so als ob es Gott nicht gäbe („etsi Deus non daretur“ oder „methodischer Atheismus“). Folgerichtig misstrauen sie schon aus Prinzip den biblischen Berichten über Wunder, die Auferstehung oder die Jungfrauengeburt. Eingetroffene Prophetien halten sie prinzipiell für nachträgliche Manipulationen. Und natürlich muss eine solche „gott-lose“ Theologie die Bibel zwangsläufig als fehlerhaftes menschliches Machwerk einstufen. Wichtig ist dabei zu wissen: All das ist zunächst einmal kein Ergebnis kluger Forschungsarbeit, sondern nichts anderes als ein klassischer Zirkelschluss: Man bekommt das heraus, was man aufgrund der zugrunde gelegten Methode von Anfang an vorausgesetzt hat. Sollte Gott bei der Entstehung der Bibel doch eine Schlüsselrolle gespielt haben, dann muss diese Methode zwangsläufig zu völlig falschen Ergebnissen kommen.

5:  So lehrt z.B. Dr. Breuer: Jesu Grab war voll! „Ich bin überzeugt: Wenn man damals eine Videokamera am Grab Jesu installiert hätte, wäre nichts zu sehen gewesen. Nichts!“ Auch bei den Erscheinungen des Auferstandenen hätte eine Videokamera nichts gefilmt. Nur „sehr konservative Christen“ legten Wert auf das leere Grab. Aber eigentlich sei es genau wie die Jungfrauengeburt für den Glauben nicht von Bedeutung. Zwar sei der Tod Jesu ein historisches Ereignis, aber Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten auf keinen Fall. Die Tagesangaben zwischen diesen Ereignissen hätten nur metaphorische Bedeutung. Die Auferstehung war nur eine „Erkenntnis“ der Jünger, dass Jesus im Geist unter ihnen ist. Auch Paulus Begegnung mit dem auferstandenen Jesus sei eine „legendarische Ausschmückung“ von Lukas. In Dr. Thomas Breuer: Worauf gründet sich der Glaube an die Auferweckung Jesu von den Toten?

6:   Dazu schreibt z.B. der Alttestamentler C. John Collins: „Die Theologie kann nicht von der Geschichte getrennt werden, was wir an der Tatsache erkennen können, dass eine dieser ‚theologischen Wahrheiten‘ darin besteht, dass derjenige, der die Welt erschaffen hat, der gute Gott ist, der sich selber Israel offenbart hat, und nicht die launischen Götter anderer Völker – eine historische Behauptung!“ (C. John Collins (2011) Did Adam and Eve really exist? Who they were and why you should care. Wheaton, Illinois, S. 36., zitiert von Reinhard Junker in „Entmythologisierung für Evangelikale: Haben Adam und Eva wirklich nicht gelebt? 2014, S. 9)

7:   Im Vortrag von Dr. Thomas Breuer “Die Bedeutung des Kreuzestodes aus heutiger Perspektive”

8:   In Prof. Zimmer: Warum das fundamentalistische Bibelverständnis nicht überzeugen kann

9:   Aus Siegfried Zimmer „Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben?“ 2012, S. 93

10: Wie schwierig die Definition der Unterscheidungskriterien ist und wie problematisch im Einzelfall die Unterscheidung echter Jesus-Zitate von nachträglichen Deutungen Jesu ist, wird dargelegt im Vortrag von Prof. Stefan Schreiber: „Auf der Suche nach dem historischen Jesus

11: „Wir werden fast keinen Spruch Jesu finden, wo alle Theologen sagen: Das ist tatsächlich ein Originalwort Jesu.“ Dr. Thomas Breuer in: „Die Bedeutung des Kreuzestodes Jesu aus heutiger Perspektive“ 1:09:50

12: Genau dies kritisiert auch Dr. Armin D. Baum in seinem Text „Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben? Eine Rückmeldung an Siegfried Zimmer.“ (Ichthys 46, 2008, S. 86): „Die Tatsache, dass mit bibelwissenschaftlichen Argumenten nahezu jede Aussage des Apostolischen Glaubensbekenntnisses bestritten worden ist und bestritten wird, kommt praktisch nicht in den Blick.“ Andererseits gibt es unter den Universitätstheologen natürlich auch konservative Vertreter mit evangelikalen hermeneutischen Ansätzen. Es gibt also nicht DIE Universitätstheologie. Festzustellen ist jedoch: Der Graben zwischen evangelikaler und universitärer Theologie ist tief, wie Prof. Christoph Raedel vom Arbeitskreis für evangelikale Theologie (AfeT) berichtet. Zwischen universitärer und evangelikaler Theologie bestehe eine Art „Ekelschranke“. Auf beiden Seiten gebe es Entfremdungsprozesse und Berührungsängste.“ (zitiert aus idea Spektrum vom 27.09.2017)  

13: „Jesu Tod an sich ist sinnlos. … Erlösend ist nicht der Tod am Kreuz, erlösend ist allein die Liebe Gottes.“ Dr. Thomas Breuer in “Die Bedeutung des Kreuzestodes aus heutiger Perspektive” 1.13.10

14: In Prof. Siegfried Zimmer: „Vom Sinn des Abendmahls“

15: Diese Ansicht wird ausführlich erläutert von Prof. Klaus von Stosch in seinem Vortrag: „Viele Religionen – Eine Wahrheit?

16: In Prof. Siegfried Zimmer: Ist der Mensch unsterblich erschaffen worden?

17: In Dr. Thomas Breuer: „Was geschieht nach dem Tod? – Die christliche Erwartung einer Auferweckung der Toten“

18: In Prof. Siegfried Zimmer: „Gottes Liebe und Gottes Gericht: Wie passt das zusammen?

19: In Prof. Siegfried Zimmer: „Gott und das Böse“

20: Dazu schreibt Dr. Armin D. Baum: „Für ZIMMER finden sich in der Bibel neben einer einheitlichen Grundbotschaft auch zahlreiche theologische Widersprüche. Die Einheit der Bibel sei „eine dialogische Einheit […] In dieser von Gott getragenen Gesprächsgemeinschaft haben auch kontroverse Positionen ihren Platz. […] Im Unterschied zu dieser von ZIMMER befürworteten Hermeneutik geht ein evangelikales Schriftverständnis von der Annahme aus, dass die Bibel – bei aller Unterschiedlichkeit der innerbiblischen Gesprächsbeiträge – nicht nur in ihren zentralen Aussagen, sondern insgesamt eine theologische Einheit darstellt und als solche respektiert werden will. Johannes warnt seine Leser ausdrücklich davor, zu „den Worten der Weissagung dieses Buches“ etwas hinzuzufügen oder etwas von ihnen wegzunehmen (Offb. 22, 18-19). Paulus hat für seine apostolische Botschaft einen vergleichbaren Anspruch erhoben (Gal. 1,1.8.11ff.; 1. Kor. 2, 13; 7, 17; 11,2.3.4; 14, 37 f.; 2. Kor. 13, 3; 1. Thess. 2, 13; 2. Thess. 2, 15; 3,6.14).“ In Dr. Armin D. Baum in seinem Text „Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben? Eine Rückmeldung an Siegfried Zimmer.“ Ichthys 46 (2008), S. 82-83

21: Evangelikale Theologie bekennt sich „zur göttlichen Inspiration der heiligen Schrift, ihrer völligen Zuverlässigkeit und höchsten Autorität in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung.“ (Theologische Grundlage des Arbeitskreises für evangelikale Theologie) Begriffe wie „Zuverlässigkeit“, „Wahrheit“, „Fehlerlosigkeit“ oder „Irrtumslosigkeit“ werden aber auch unter Evangelikalen immer wieder heiß diskutiert. Differenzierend vermerkt schon die sog. „Chicago-Erklärung“: „Wir verwerfen ferner die Auffassung, dass die Irrtumslosigkeit infrage gestellt werde durch biblische Phänomene wie das Fehlen moderner technischer Präzision, Unregelmäßigkeiten der Grammatik oder der Orthographie, Beschreibung der Natur aus dem Blickwinkel der subjektiven Beobachtung, Berichte über Unwahrheiten, durch den Gebrauch des Stilmittels der Hyperbel oder gerundeter Zahlen, thematischer Anordnung des Stoffes, unterschiedlicher Auswahl des Materials in Parallelberichten oder der Verwendung freier Zitate.“ (Artikel XIII). Heinzpeter Hempelmann vermerkte in der 14. seiner „18 Thesen und 10 Säulen zu einer Hermeneutik der Demut“: „Der Akzent bei der Bestimmung „Unfehlbarkeit“ liegt also nicht in der Behauptung einer in jedem Fall und in jeder Hinsicht notwendig gegebenen sachlichen Richtigkeit.“ Damit wollte er den biblischen Wahrheitsbegriff gegen einen seiner Meinung nach ihr fremden mathematisch-logischen Wahrheitsbegriff abgrenzen. Trotzdem galt auch für ihn (im Gegensatz zu Prof. Zimmer): „Die Bibel ist unfehlbar. Sowohl philosophische wie theologische Gründe machen es unmöglich, von Fehlern in der Bibel zu sprechen. Mit einem Urteil über Fehler in der Bibel würden wir uns über die Bibel stellen und eine bibelkritische Position einnehmen. Was dem Anspruch der Erweiterung unserer Erkenntnis dienen soll, würde durch ein solches Procedere gerade um seine erkenntnisproliferative Spitze gebracht und machte eine Auslegung der Heiligen Schrift als solche sinn-, zweck- und ergebnislos.“ (These 15)

22: Diese Position wird z.B. vertreten von Prof. Wilfried Härle in seinem Vortrag „Ist die Bibel Gottes Wort? Bibelauslegung, Bibelkritik und Bibelautorität“ Holger Lahayne schreibt dazu: „Erst ganz am Schluss beantwortet Härle die Frage des Vortrags. „Die Bibel ist durch ihren Inhalt Gottes Wort, indem sie Jesus Christus als das Menschgewordene Wort Gottes bezeugt. Indem sie das tut, wird sie und ist sie Wort Gottes.“ Die Bibel sei also im Kern funktionell Gottes Wort. Die Autorität der Bibel sei darin begründet, dass sie die Kraft hat, Glauben zu wecken und Hoffnung zu geben (ähnlich übrigens auch Christian A. Schwarz in Die dritte Reformation, Teil 2, Kap. 2). All dies erinnert an die Aussagen, die Bullinger im Zweiten Helveticum zur Gemeindepredigt macht, die insofern auch Gottes Wort ist, als sie das Wort Gottes recht auslegt und zum Glauben führt und ihn wachsen lässt. Gott nutzt dieses Instrument, um Glauben zu wecken. An sich sind die Worte menschlicher Prediger aber sicher nicht Gottes Wort. Die Predigt bezieht sich zurück auf das göttliche Wort, das seine Autorität wesensmäßig auch, aber nicht nur von seiner Funktion herleitet. Es stimmt ja beides: Weil die Bibel den Glauben wirkt, hat sie Autorität. Aber andersherum gilt genauso – und davon sagt Härle kein Wort: Weil das Wort an sich Gott zum Autor hat, kann es überhaupt so wirken. Weil Gott sich in seinem Wort durch menschliche Zeugen bezeugt, wirkt das Wort der Bibel.“ (Holger Lahayne in „Ist die Bibel Gottes Wort?“)

23: So schrieb mir z.B. ein Worthaus-Referent auf meine Nachfrage, ob für ihn denn das „Solus Christus“ noch gilt: „Es gilt, wenn ich unter Christus den Logos verstehe. Dieser ist in Jesus da, so dass ich in Jesus in allem mit dem Logos konfrontiert werden. Das bedeutet aber nicht das Jesus mit dem Logos identisch ist. Jesus ist ganz und gar der Logos. Aber der Logos ist nicht nur Jesus. Der Logos hat schon zu den Propheten gesprochen, als er noch gar nicht mit Jesus hypostatisch geeint war. Von daher solus Christus: Ja! Aber das impliziert nicht: solus Iesus!“

24: Besonders in „Prof. Siegfried Zimmer: Luthers Verständnis des Wortes“

25: Dazu schreibt Dr. Armin D. Baum: „Während es demnach nach evangelikaler Überzeugung im zwischen Theologen geführten Diskurs zahllose Irrtümer und Fehler, kontroverse Positionen und Widersprüche gibt, stehen die inspirierten Propheten und Apostel des Alten und Neuen Testaments mit ihrem Wahrheits- und Offenbarungsanspruch auf einer höheren Ebene. So besagt es das klassische christliche Schriftverständnis, dass bereits die Kirchenväter und Reformatoren vertreten haben. LUTHER schrieb 1520 in seiner Assertio omnium articulorum: „Welch große Irrtümer sind schon in den Schriften aller Väter gefunden worden? Wie oft widerstreiten sie sich selbst?  Wie oft weichen sie voneinander ab? […] Niemand hat eine mit der Schrift gleichwertige Stellung erlangt […] Ich will […], dass allein die Schrift regiert […] Dafür habe ich als besonders klares Beispiel das des Augustinus, […] [der] in einem Brief an den Heiligen Hieronymus sagt: ‚Ich habe gelernt, allein diesen Büchern, welche die kanonischen heißen, Ehre zu erweisen, so dass ich fest glaube, dass keiner ihrer Schreiber sich geirrt hat. Andere aber, wie viel sie auch immer nach Heiligkeit und Gelehrtheit vermögen, lese ich so, dass ich es nicht darum als wahr, glaube, weil sie selbst so denken, sondern nur insofern sie mich durch die kanonischen Schriften oder einen annehmbaren Grund überzeugen konnten“. Aus Dr. Armin D. Baum in seinem Text „Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben? Eine Rückmeldung an Siegfried Zimmer.“ Ichthys 46 (2008), S. 83

26: Dr. Armin D. Baum in „Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben? Eine Rückmeldung an Siegfried Zimmer.“ Ichthys 46 (2008), S. 83

27: C.H. Spurgeon „Finales Manifesto“ Fontis Verlag 2015, S. 24

28: in Dr. Armin D. Baum in „Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben? Fortsetzung eines schwierigen Gesprächs“ S. 6

29: aus Michael Kotsch: „Diffamierung als „bestes“ Argument“

30: Besonders empfohlen seien hier im direkten Zusammenhang mit Worthaus und Prof. Siegfried Zimmer:

31: Ron Kubsch: „Sollte Gott gesagt haben? Was steckt hinter der Bibelkritik?“ S. 22

32: Dazu schreibt Dr. Armin Baum: „Selbstverständlich kann auch ein nicht-evangelikales Schriftverständnis in einem „fundamentalistischen“ Sinne wirksam werden. Dies geschieht beispielsweise, wenn die Frage der übernatürlichen Offenbarung Gottes in der Geschichte nicht prinzipiell offen gehalten, sondern von vornherein negativ entschieden wird. Es geschieht, wenn die Wissenschaftlichkeit eines exegetischen Beitrags nicht aufgrund der Methode oder der Argumente, sondern anhand erzielter oder vorausgesetzter Einzelergebnisse beurteilt wird. Es geschieht, wenn versucht wird, bibelwissenschaftliche Beiträge aus anderen theologischen Lagern aufgrund ihrer theologischen Herkunft nicht zur wissenschaftlichen Diskussion zuzulassen. Es geschieht auch dann, wenn althergebrachte Überzeugungen aus Bequemlichkeit nicht mehr zur Diskussion gestellt werden. Derartige Gefahren und Missstände werden gelegentlich auch innerhalb des nichtevangelikalen Lagers selbstkritisch benannt. So diagnostizierte der Neutestamentler Dieter Sänger in Teilbereichen seiner Disziplin „einen gefährlichen Trend, der ein Grundprinzip wissenschaftlicher Arbeit auszuhebeln drohte: die Bereitschaft nämlich, positionelle Differenzen zu respektieren, die Stichhaltigkeit von Argumenten vorbehaltlos zu prüfen und sich gegebenenfalls von ihnen korrigieren zu lassen … die Beharrlichkeit, mit der missliebige Forschungspositionen und hermeneutische Alternativen ignoriert, abgekanzelt oder schlicht für absurd erklärt wurden, um sich ihrer zu entledigen, nährte bei mir den Verdacht, sie sollten von vornherein diskreditiert und so ins theologische Abseits befördert werden“. Auch hier gilt: Vor fundamentalistischen Versuchungen müssen nicht nur evangelikale, sondern Christen und Theologen aller Prägungen auf der Hut sein.“ Aus Dr. Armin D. Baum in „Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben? Fortsetzung eines schwierigen Gesprächs“ S. 8

Liebe und Wahrheit gehören zusammen

Mit Spannung verfolge ich die Diskussion zwischen dem Vorsitzenden der Deutschen Evangelischen Allianz und EKD-Ratsmitglied Michael Diener und dem bekannten Evangelisten Ulrich Parzany. In einem Welt-Online-Artikel und in einem PRO-Interview hatte Michael Diener die Evangelikalen zur Selbstkritik in Bezug auf den Umgang mit Homosexuellen ermahnt. Ulrich Parzany hat darauf in einem offenen Brief geantwortet und forciert inzwischen sogar die Gründung eines neuen Netzwerks für Bibel und Bekenntnis.

Hat Michael Diener Recht? In einer Sache auf jeden Fall: Wir müssen uns der traurigen Tatsache stellen, dass es auch unter uns Frommen Einige gibt, die Homosexuelle mit abschätzigen Begriffen ausgrenzen und beleidigen. Das sind nach meiner Beobachtung zwar sehr Wenige, aber doch genügend, um den Diskurs immer wieder zu vergiften, das Zeugnis der Jesus-Leute zu verdunkeln und die betroffenen Menschen schwer zu verletzen. Klischees, dumpfe Ausgrenzungsparolen und erst recht Hassbotschaften dürfen wir in unseren Reihen nicht tolerieren. Das muss angesprochen werden. Danke Michael Diener für diesen wichtigen Anstoß! Zumal die Bereitschaft zur Selbstkritik (die Bibel nennt das “Buße”) zu den Grundeigenschaften der Jünger Jesu gehören sollte.

Hat somit Ulrich Parzany unrecht? Auf keinen Fall! Völlig zu Recht weist er auf den gefährlichen Trend hin, dass die Evangelische Kirche und auch so manche Evangelikale die Auslegung der Bibel der Beliebigkeit preisgeben, um die christliche Botschaft zeitgeistkonform zu machen (wie auch Gerhard Besier hier eindrücklich darlegt). Wenn jemand etwas “geistlich für sich geklärt hat” heißt das eben noch lange nicht, dass diese Meinung mit Gottes Wort vereinbar ist. Die Händler im Tempel haben sich sicher auch gute theologische Rechtfertigungen für ihr Handeln zurechtgelegt. Trotzdem hat der liebevolle Jesus sie in geradezu verstörender Direktheit auf ihren Irrtum hingewiesen. Auch die Ehebrecherin hat er zwar begnadigt, aber sie trotzdem gerufen, nicht mehr zu sündigen. Liebe heißt nun einmal nicht immer “nach dem Mund reden” sondern manchmal auch zur Buße rufen! Liebe und Wahrheit gehören immer untrennbar zusammen.

Blogbild Liebe Wahrheit

Und damit sind wir beim Kern der Debatte. Die Frage nach der Homosexualität ist ja nur der Auslöser für eine viel zentralere Frage, bei der es für die Kirche Jesu wirklich ans Eingemachte geht. Und diese Frage lautet: Ist die Bibel Gottes Wort oder nicht? Hat sie von der ersten bis zur letzten Seite Autorität oder müssen wir uns zeitbedingt kritisch von einigen ihrer Aussagen lösen?

Der Glaube, dass die Bibel als Gottes Wort für die Kirche Jesu absolute Autorität hat, ist für viele Christen aus gutem Grund absolut unaufgebbar. Denn ohne dieses Fundament driftet Kirche auseinander, weil sie ihre gemeinsame Basis und ihre Botschaft verliert. Ohne dieses Fundament verkommt die Botschaft der Kirche zu einem Gutmenschenevangelium, das zwar nirgends Anstoß erregt aber auch saft- und kraftlos ist. Die dramatischen Folgen sind überall in der westlichen Welt unübersehbar. In der Diskussion um die Autorität der Bibel geht es also nicht darum, dass besonders buchstabengläubige oder gar gesetzlich lieblose Christen unbedingt Recht haben wollen. Es geht um die existenzielle Not, dass das rettende Evangelium vernebelt und verdunkelt wird und die Kirche ihr kraftvolles Zeugnis verliert. Es verwundert nicht, dass gerade ein Evangelist wie Ulrich Parzany diese Not am deutlichsten spürt und Alarm auslöst.

Deshalb ist das klare Bekenntnis zur Bibel als Gottes Wort gerade in dieser Diskussion so eminent wichtig. Natürlich können auch 100%ig bibeltreue Christen in Detailfragen zu unterschiedlichen Bibelauslegungen kommen. Das ist normal, denn schließlich bleibt unsere Erkenntnis Stückwerk. Und völlig richtig ist auch die Warnung, dass ein geistloser Buchstabenglaube immer zu Spaltungen und Verletzungen führt. Jedoch dürfen wir auf keinen Fall die Demut verlieren, dass wir uns der Bibel unterordnen statt uns zu Richtern über richtig und falsch in der Bibel zu machen. Und gerade beim Thema Homosexualität ist die Bibel nun einmal derart eindeutig, dass fast alle mir bekannten theologischen Rechtfertigungen ausgelebter Homosexualität mit der Preisgabe der durchgängigen Gültigkeit von Gottes Wort einher gehen. Die theologisch desaströse “Orientierungshilfe” der EKD zum Thema Familie ist ein Beispiel dafür, aber auch andere Stellungnahmen wie z.B. von Prof. Frenschkowski oder Prof. Siegfried Zimmer, wie Michael Kotsch und Johannes Hartl in ihren Entgegnungen eindrücklich dargelegt haben.

Deshalb wäre es wichtig gewesen, dass Michael Diener sein Statement kombiniert mit einem klaren Bekenntnis zur Autorität der Bibel, so wie er es in der Initiative “Zeit zum Aufstehen” schon einmal tat und wie es die Evangelische Allianz in ihrer Stellungnahme nun auch erfreulicherweise getan hat. So wie ich die Berichterstattung und Kommentare wahrnehme wirkt die Diskussion, die Michael Diener ausgelöst hat, im Moment viel eher polarisierend und spaltend statt brückenbauend, wie er es eigentlich wollte. Das ist sehr traurig. Gerade jetzt brauchen wir dringender denn je die Einheit aller, die Jesus lieben, um ein kraftvolles Zeugnis in unserer Gesellschaft zu sein! Allerdings hat die Kirchengeschichte leider schon oft gezeigt: Wenn die Wahrheit im Namen der Liebe für zweitrangig erklärt wird geht am Ende auch die Liebe verloren.

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