Jesus starb für mich: Der unaufgebbare Kern unseres Glaubens

Dieser Text ist das Skript des Vortrags von Martin P. Grünholz, Dozent für Dogmatik, Ethik, Gemeindepraxis und Kirchengeschichte an der Biblisch Theologischen Akademie am Forum Wiedenest. Der Vortrag wurde gehalten beim Allianz Symposium “Verbindende Glaubensschätze – Wie gelingt Einheit in Vielfalt?” am 09.12.2022 in Bad Blankenburg.

Der Titel des Vortrags macht es deutlich: Bei diesem Thema geht es um den innersten Kern des Evangeliums. Bei der Frage nach der Schrift und bei der Frage nach dem Kreuz geht es um die wichtigsten Elemente und die Grundstruktur der christlichen Theologie. Wenn wir hier abweichen, stellt sich die Frage, ob wir die christliche Theologie nicht aufs Spiel setzen und verlieren.

Die Lehre von der Stellvertretung: Die umstrittene Grundlage der Kreuzestheologie

Paulus schreibt in Römer 5, 8-10: „Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. Um wie viel mehr werden wir nun durch ihn bewahrt werden vor dem Zorn, nachdem wir jetzt durch sein Blut gerecht geworden sind! Denn wenn wir mit Gott versöhnt worden sind durch den Tod seines Sohnes, als wir noch Feinde waren, um wie viel mehr werden wir selig werden durch sein Leben, nachdem wir nun versöhnt sind.“ Ebenso zieht er in 1. Thessalonicher 5, 9-10 eine klare Verbindungslinie zwischen der Sünde, der Feindschaft gegen Gott, Gottes gerechtem Zorn und der Sühne durch das stellvertretende Opfer des Sohnes Jesus Christus, der sich aus verschenkender Liebe für uns hingibt, um uns zu versöhnen. Liebe – Sünde – Feindschaft – Gericht – Zorn: Um alle diese hochemotionalen Begriffe geht es in der Lehre der Stellvertretung. Und das alles gilt: Für mich! Jesus für Dich!

Die überarbeiteten Fassung der Glaubensbasis der Evangelischen Allianz aus dem Jahr 2018 stellt dazu fest:

„Jesus Christus, der Mensch gewordene Sohn Gottes, ist stellvertretend für alle Menschen gestorben. Sein Opfertod allein ist die Grundlage für die Vergebung von Schuld, für die Befreiung von der Macht der Sünde und für den Freispruch in Gottes Gericht. Jesus Christus, durch Gott von den Toten auferweckt, ist der einzige Weg zu Gott. Der Mensch wird allein durch den Glauben an ihn durch Gottes Gnade gerecht gesprochen.”

Jetzt könnte man meinen: Mit dem Schriftzeugnis und der Glaubensbasis der evangelischen Allianz sind alle Fragen geklärt. Dem ist aber leider nicht so. So stellt der bekannte Neutestamentler der Universität Zürich, Prof. Jörg Frey, ernüchternd fest: „In der neutestamentlichen Diskussion um den Begriff der ‚Stellvertretung‘ ist fast alles strittig.“[1] Als Systematiker muss ich ergänzen: Nicht nur in der Diskussion um biblische Begriffe sondern auch in der Dogmatik wird alles auf den Prüfstand gestellt. In der Erlösungslehre („Soteriologie“) ist ebenso fast alles strittig. Die Aussage „Jesus starb für mich“ bzw. „Jesus Christus starb für dich“ wird heute zunehmend als hochproblematisch empfunden. Sie gilt teilweise sogar eher als Affront statt als tröstender Zuspruch des Glaubens und des Evangeliums. Das gilt zunehmend auch in evangelikalen Kreisen. Deshalb tun wir uns auch mit der Evangelisation so schwer. Die Krise der Evangelisation hat auch damit zu tun, dass wir uns so schwer tun mit diesem Zeugnis.

Doch wie konnte es dazu kommen?

Zwei Grundtypen der Soteriologie

In der Lehre von der Erlösung („Soteriologie“) gibt es ein komplexes Zusammenspiel der Lehre von Gott, vom Menschen („Anthropologie“), von Christus („Christologie“), vom Heiligen Geist („Pneumatologie“) und möglicherweise auch von der Gesellschaft („Soziologie“). Alle treffen in der Soteriologie aufeinander und ringen miteinander. So hält der Würzburger Systematiker Prof. Matthias Reményi in seinen spannenden Überlegungen zur Soteriologie im Jahr 2017 fest:

„Aber insbesondere der Gedanke, dass Gott nicht einfach so die Sünden nachlassen kann, sondern um der Freiheit und Würde des Menschen willen eine Genugtuung (satisfactio) fordern muss, zieht sich in Zustimmung und Widerspruch wie ein roter Faden auch durch gegenwärtige deutschsprachige Soteriologien.“[2]

Wo liegt das Problem? In der Soteriologie gibt es zwei Grundvarianten, wie Christi Heilshandeln verstanden werden kann. Es gibt zum einen den Grundtypus der Solidaritätschristologie: Das Leben, Wirken, Sterben und Auferstehen Jesu wird als exemplarisch und solidarisch gedeutet. Alles, was Jesus tut, hat einen Vorbildcharakter für uns: Der neue Adam, das erneuerte Geschöpf, das den Willen Gottes befolgt und als befreites Subjekt agiert. Es geht um die sich verschenkende Art, wie Jesus auf Menschen zugeht, seine Liebe für die Benachteiligten und Unterdrückten. Es geht darum, wie er die Feindseligkeit erleidet und den Hass der Menschen lieber erträgt und erduldet, statt mit Hass und Gewalt zu antworten. In all dem solidarisiert er sich mit uns und lebt exemplarisch vor, wie wir leben sollen (siehe auch Johannes 14, 12[3]).

Der zweite Grundtypus ist die Stellvertreterchristologie. Das Wirken Jesu wird hier ganz stark vom Kreuz her gedacht und von seinem Versöhnungshandeln durch seinen Tod. Der menschgewordene Gott stirbt „für uns“, an „unserer statt“ und bewirkt eine wirkliche Stellvertretung dadurch, dass seine Lebenshingabe ein Opfer ist, einen Loskauf bewirkt, Sühne ermöglicht und uns Menschen in eine neue Gemeinschaft mit dem Vater überführt. Der Opferkult des AT vom großen Versöhnungstag (Yom Kippur, 3. Mose 16) bis hin zu Jesaja 53 (der leidende Gottesknecht) bilden hier die biblischen Analogien (siehe auch Markus 10, 45[4]).

Vier Ebenen der Kritik an der Stellvertretung

Das Problem liegt darin, dass diese beiden Grundtypen der Kreuzesdeutung immer zusammengedacht und sich als gegenseitig bedingend betrachtet wurden, inzwischen aber voneinander losgelöst werden und gegeneinander ausgespielt werden, ganz nach dem Motto der Schlange: Sollte Gott tatsächlich gesagt haben, dass… Das heißt konkret: Die Stellvertreterchristologie wird kritisiert, abgelehnt und geleugnet, dagegen wird die Solidaritätschristologie hochgehalten. Dadurch meint man, dass man das Ärgernis des Kreuzes überwinden könnte, ohne die heilsvermittelnde Wirkung Jesu aufzuheben.

Dieser Prozess ist nicht neu und findet in konzentrierter Form seit der sogenannten Aufklärung statt. Immanuel Kant kritisierte die Stellvertreterchristologie auf einer Ebene der Subjektivität. Für ihn war klar, dass die Sünde eine moralische Verfehlung des individuellen Subjekts ist, und daher keine, wie er es beschrieb, „transmissible Verbindlichkeit“[5], keine delegierbare und auf andere autonome Subjekte übertragbare Sache sei. In moralischen Dingen sei der Mensch schlicht unvertretbar.

Der Regionalbischof des Sprengels Lüneburg, Dr. Stephan Schaede, hat bei einem interdisziplinären Symposion 2004 in Tübingen dazu herausgearbeitet: „Viel faszinierender ist, dass Kant bei aller Kritik an der Schuldogmatik selber Stellvertretungsstrukturen benötigt. Er hat der Sache nach die Stellvertretung nach innen verlegt. Es gibt bei ihm eine komplexe, dreifache Stellvertretung im menschlichen Subjekt.“[6] Und auch der EDK Grundlagentext „Für uns gestorben“ über die Bedeutung von Leiden und Sterben Jesu Christi aus dem Jahr 2015 stellt die Anfrage, ob Kants Versuch der Überwindung des Stellvertreter-konzeptes auf die Ebene der Innerlichkeit des menschlichen Subjekts nicht letztlich eine „raffinierte Konzeption“ ist, die letztlich nichts anderes als das Münchhausen-Konzept des Menschen sei, der versucht sich selbst am Zopf aus dem Sumpf heraus zu ziehen.[7]

Auf einer zweiten Ebene wird die Stellvertreterchristologie mit dem Vorwurf des Gottesbildes angegriffen: Die Lehre der Stellvertretung und Sühne sei unvereinbar mit dem biblischen Versöhnungsgedanken, dass Gott sich grundlos neu dem Sünder zuwendet und ihm die Versöhnung schenkt. Friedrich Nietzsche hat diesen Einwand eindrücklich vorgebracht und geschrieben: „Gott gab seinen Sohn zur Vergebung der Sünden […]. Das Schuldopfer und zwar in seiner widerlichsten, barbarischsten Form, das Opfer des Unschuldigen für die Sünden der Schuldigen! Welches schauderhafte Heidenthum!“[8]

Nietzsche greift vor allem die Satisfaktionslehre des Anselm von Canterbury an und wirft der Theologie insgesamt vor, hier ein blutrünstiges Zerrbild von Gott zu vertreten. Gerade dieses Argument begegnet mir immer häufiger auch in neueren Diskussionen, gerade auch inmitten von evangelikalen Gemeinden, Verbänden, Bünden und Ausbildungsstätten immer häufiger, leider auch zunehmend in unseren eigenen Publikationen. Die Frage dabei ist jedoch, wer hier ein Zerrbild von wem aufbaut und ob die Kritik nicht gerade ein Strohmannargument ist. Maßgeblich wird Anselm kritisiert, dass er ein solch falsches Gottesbild in die Theologie hineingepflanzt habe. Wenn man sich aber mit Anselm beschäftigt, entdeckt man, dass dieser durchgehend die Freiwilligkeit und die Selbsthingabe des Sohnes betont und exegetisch belegt. Es ist gerade die Liebe Gottes, die den Sohn, antreibt, sich selbst hinzugeben und zu retten, was verloren ist, wie Jesus in Lukas 19, 10 und Markus 10, 45 betont. Dazu nochmal Prof. Reményi:

„Die Kernintuition Anselms ist und bleibt, dass der stellver­tretende Tod des Gott-Menschen deshalb heilsnotwendig ist, weil nur er die Gott geschuldete Genugtuung für unsere Sünden leisten kann. Nur weil er als der einzig Sündlose in freiwilligem Gehorsam gegenüber dem Versöhnungswillen des Vaters sein Leben für die Sünder hingibt.“ [9]

In freiwilligem Gehorsam, aus Liebe!

Eine dritte Ebene der Kritik ist, dass wir doch nicht mehr von Gericht und Schuld sprechen könnten. Dies wäre eine unberechtigte Drohbotschaft, durch die wir mit mittelalterlichen Methoden die Hölle an die Wand malen würden, um dann Menschen zu manipulieren und vom Glauben zu überzeugen. Es ginge in unserer Zeit nicht mehr um die Frage der Schuld, sondern vielmehr um Scham. Der kanadische Sozialphilosoph Charles Taylor hält dazu fest:

„In diesem anthropozentrischen Klima muss die Vorstellung vom Spirituellen, sofern überhaupt noch vorhanden, völlig konstruktiv und positiv sein. Sie […] ist immer weniger dazu imstande, einen strafenden Gott in Betracht zu ziehen. Der Zorn Gottes verschwindet, und zurück bleibt nur seine Liebe. Nach älterer Auffassung musste der Zorn mit zum Gesamtpaket gehören. Das Gefühl der Erlösung war vom Eindruck der Sündigkeit und Niedrigkeit nicht zu trennen vom Begriff der verdienten Strafe“.[10]

In diesem anthropozentrischen Klima unserer westlichen Zivilisation, haben wir aber nicht mehr das Gefühl, der Sündhaftigkeit und Niedrigkeit. Daher sprechen wir lieber von der Scham statt von Schuld, da es den Fokus auf den Menschen, seine Emotionen und seinen Lifestyle legt.

Was dabei aber passiert ist, dass wir die postmoderne Anthropologie über die Theologie setzen. Wir begehen den alten Fehlschluss des „homo incuvatus in se ipsum“, des in sich selbst verkrümmten Menschen, der sich um sich selbst dreht und gerade durch die Selbstdrehung gefangen ist in sich selbst, vielleicht sogar mit der Illusion der Freiheit. Aber die Ohnmacht des Menschen ist real, sie wird erlebt und erfahren. Sie wird nur häufig mit anderen Worten und Beschreibungen bezeichnet. Die postmoderne Anthropologie läuft auf die Ohnmacht des Menschen und den Nihilismus hinaus, wie sich an der Entwicklung der Philosophiegeschichte seit dem 2. Weltkrieg gut nachzeichnen lässt.

Solidarität und Stellvertretung gehören zusammen

Wie Sie eben schon bemerkt haben, habe ich die Linie der Kreuzeskritik schon von der philosophischen Infragestellung weitergezogen auf heutige Debatten. Wir haben in unseren Kreisen und Bewegungen die gleichen Gefährdungen. Wir haben die kleinen Reduzierungen und Nivellierungen auch in unserer Theologie. Und in der Folge wundern wir uns, dass wir nicht mehr sprachfähig sind über das Evangelium und dass die Verteidigung des Glaubens, die Apologetik, verloren ging.

Das erschreckende dabei aber ist, dass die Evangelische Allianz, die konservativen Christen, die Evangelikalen oder wie auch immer Sie unsere Bewegung nun fassen möchten, durchgehend die Verteidiger der Kreuzestheologie waren in der Kombination von Stellvertretungschristologie und Solidaritätschristologie. Wir haben um die Einheit von beidem immer gerungen und gekämpft. Unsere Glaubensbasis hält beides zusammen: Jesus Christus starb für uns. Und der Freispruch durch seinen Tod lässt uns leben durch den Glauben. Deshalb ist auch im nächsten Satz das neue Leben durch den Glauben im Heiligen Geist beschrieben, der uns in den Dienst nimmt. Wenn wir diese Verbindung aufgeben, weil wir meinen, den Anstoß des Kreuzes wegnehmen zu wollen, um dadurch besser das Evangelium verkündigen zu können, dann sind wir die törichtesten Toren von allen (1. Korinther 1, 18-25). Die Botschaft des Evangeliums ist untrennbar mit der Lehre der Stellvertretung verbunden: „Dass Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift; und dass er begraben worden ist; und dass er auferstanden ist am dritten Tage nach der Schrift; und dass er gesehen worden ist von Kephas, danach von den Zwölfen.“ (1Kor 15,3b-5).

Warum müssen wir festhalten an der Lehre, dass Jesus für uns starb?

Ich fasse zusammen. Warum müssen wir festhalten an der Lehre, dass Jesus Christus für uns starb, als dem unaufgebbaren Kern des Glaubens?

Es geht um Gott. Um Gottes Heiligkeit. Und in der Konsequenz erst um uns.  Arthur W. Pink stellt in seiner Studie über die Eigenschaften Gottes erstaunt fest, dass: „Wenn man den Vergleich zieht, wird man feststellen, dass in der Bibel weit mehr von Gottes Zorn die Rede ist, als von Seiner Liebe und Freundlichkeit.“[11] Wie sehr haben wir die Theologie schon verschoben auf die Anthropologie und auf die Soziologie? Wir schauen auf uns, auf unsere Bedürfnisse, unsere Sorgen und Anliegen und sind uns viel zu wenig bewusst, dass wir es mit einem lebendigen, gerechten und heiligen Gott zu tun haben. „Gottes Zorn wird vom Himmel her offenbart über alles gottlose Wesen und alle Ungerechtigkeit der Menschen.“ (Römer 1, 18) So beginnt der Römerbrief! Diese Ausgangslage dürfen wir nicht aus dem Blick verlieren!

Damit zusammen hängt die Sündenlehre. Der Münchener Systematiker Prof. Wolfhart Pannenberg stellt in seiner Anthropologie fest:

„Die Verkehrung des Verhältnisses von Ichzentrum und exzentrischer Bestimmung des Menschen bedeutet Selbstverfehlung des Menschen, weil er durch sein Streben, sich selbst zu gewinnen, seine exzentrische Bestimmung versäumt.[12]

Wir Menschen sind eine entfremdete Kreatur, die von ihrer exzentrischen Bestimmung abgewichen ist und die sich selbst versucht zu gewinnen. Das ist die fassbare und erfahrbare Entfremdung des Menschen. Doch zugleich schreibt Pannenberg: „Sünde ist nicht ein Schicksal, das als eine fremde Macht über den Menschen kommt, der gegenüber er ohnmächtig wäre. Ihr Begriff ist untrennbar von Verantwortung und Schuld.“[13] Beides müssen wir zugleich festhalten: Die Entfremdung des Menschen von sich selbst und zugleich die bleibende Schuld und Verantwortung. Das ist, was Edmund Schlink als das „Elend des Sünders“ beschreibt.[14]

Und gerade aus diesem Grund können wir Menschen uns nicht selbst retten. Jeder Versuch einer pelagianistischen Selbsterlösung scheitert an der Entfremdung und Schuld des Menschen durch die Sünde. Und auch die Fokussierung auf Scham, wo die Schuld außer Acht gelassen wird und nicht als Wurzel und Ursache der Scham angesehen wird, läuft ins Leere.

Die Erlösung kann nur „extra nos“, also außerhalb von uns selbst erwirkt werden. Es braucht die Ebene der Transzendenz und nicht den abgeschlossenen, selbstgenügsamen, immanenten Humanismus, von dem Taylor spricht. Es braucht die Lehre, dass „… wir Vergebung der Sünde bekommen und vor Gott gerecht werden aus Gnade um Christi willen durch den Glauben, nämlich wenn wir glauben, dass Christus für uns gelitten hat und dass uns um seinetwillen die Sünde vergeben, Gerechtigkeit und ewiges Leben geschenkt wird.“ (Augsburger Bekenntnis Artikel 4) Das ist der Kern! Denn es ist „schrecklich in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen“ (Hebräer 10, 31) ohne einen Mittler, ohne Jesus Christus, der für uns gestorben ist zur Vergebung der Sünden. Denn, wie John Stott ausführlich beschreibt: Am Kreuz geschieht beides, Solidarität und Stellvertretung. Der Sohn Gottes wird ganz Mensch, nimmt unsere Natur an, solidarisiert sich mit uns und zeigt, wie wir leben sollten und sollen, doch zugleich stirbt er stellvertretend für uns, um uns mit dem Vater im Himmel zu versöhnen und Frieden zu machen zwischen Gott und uns, wie Paulus in Römer 5, 1 und Epheser 2, 13f. ausführt.

John Stott sagt deshalb zurecht:

„Stellvertretung ist also keine ‚Sühnetheorie‘. Sie ist auch kein zusätzliches Bild, das als weitere Option neben die anderen gestellt werden könnte. Sondern sie ist die Essenz jedes Bildes und das Herz des Sühnegeschehens selbst.“[15]

In der Lehre vom Kreuz, an dem Christus für uns starb, geht es um Sühnung, Solidarität, Erlösung, Rechtfertigung, Versöhnung. Und all das kommt zusammen in der Aussage: Jesus Christus starb für dich. Das ist das Evangelium, welches wir zu verkündigen haben in dieser Welt: „So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.“ (2Kor 5,20-21)

Das ist unser tiefster Glaubensschatz. Das ist der unaufgebbare Kern des Evangeliums und unseres Glaubens. Und das ist die Botschaft, die wir zu verkündigen und zu leben haben. Wo wir diese Botschaft in den Hintergrund drängen, wo wir daran herumdoktern oder sie sogar aufgeben, da verlieren wir unsere Einheit, da verlieren wir unsere Tradition, wir verlieren wir unseren geistlichen Auftrag und unsere Vollmacht. Denn wir sind Botschafter an Christi statt. Wenn wir das aufgeben, werden wir zu Moralisten und zu Gesetzlichen.

Wir sind eine Bewegung des Kreuzes. Wir sind eine Bewegung von Christus, dem Gekreuzigten, die ihn proklamiert. Und gerade deshalb können und sollen wir voller Hoffnung das Evangelium verkündigen: Jesus Christus starb für dich! Das ist die einzige Hoffnung für diese Welt.

 

Literaturverzeichnis:

Agamben, Giorgio: Pilatus und Jesus, Berlin 2014.

EKD: Für uns gestorben. Die Bedeutung von Leiden und Sterben Jesu Christi. Ein Grundlagentext des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Gütersloh 2015.

Frey, Jörg: Die Deutung des Todes Jesu als Stellvertretung. Neutestamentliche Perspektiven, in: Janowski, J. Christine u.a. (Hg.): Stellvertretung. Theologische, philosophische und kulturelle Aspekte. Interdisziplinäres Symposion Tübingen 2004 Bd. Bd. 1, Neukirchen-Vluyn 2006, 87–124.

Kant, Immanuel: Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft, Immanuel Kant: Werke in zwölf Bänden Bd. 8, Frankfurt a. M. 1977.

Lubahn, Erich: Heilsgeschichtliche Theologie und Verkündigung. Mit Beiträgen von Otto Michel, Stuttgart 61993.

Nietzsche, Friedrich: Der Fall Wagner. Götzen-Dämmerung. Der Antichrist. Ecce homo. Dionysos-Dithyramben. NIetzsche contra Wagner: Sämtliche Werke. KSA 6, 15 Bde., hg. v. Colli, Giogio, Montinari, Mazzino, München 122017.

Packer, J. I.: Gott erkennen, Bad Liebenzell 1977.

Pannenberg, Wolfhart: Anthropologie in theologischer Perspektive, Göttingen 1983.

Reményi, Matthias: Stellvertretung, nicht Äquivalenz. Überlegungen zur Soteriologie im Anschluss an Cur Deus homo, in: Gasser u.a. (Hg.): Handbuch für analytische Theologie. STEP Bd. 11, Münster 2017, 695–719.

Schaede, Stephan: Jes 53, 2 Kor 5 und die Aufgabe systematischer Theologie, von Stellvertretung zu reden, in: Janowski, J. Christine u.a. (Hg.): Stellvertretung. Theologische, philosophische und kulturelle Aspekte. Interdisziplinäres Symposion Tübingen 2004 Bd. Bd. 1, Neukirchen-Vluyn 2006, 125–148.

Schlink, Edmund: Ökumenische Dogmatik. Grundzüge, Schriften zu Ökumene und Bekenntnis Bd. 2, Göttingen 32005.

Stott, John: Das Kreuz. Zentrum des christlichen Glaubens, Marburg 22019.

Taylor, Charles: Ein säkulares Zeitalter, Berlin 22020.

Fußnoten:

[1] Frey, Die Deutung des Todes Jesu (2006), 87.

[2] Reményi, Stellvertretung nicht Äquivalenz (2017), 696.

[3] Johannes 14,12: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer an mich glaubt, der wird die Werke auch tun, die ich tue, und wird größere als diese tun; denn ich gehe zum Vater.“

[4] Markus 10,45: „Denn der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene, und gebe sein Leben als Lösegeld für viele.“

[5] 1. KANT, Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft, B 95 A 88. Kant, Die Religion innerhalb der Grenzen (1977), 725.

[6] Schaede, Die Aufgabe systematischer Theologie (2006), 127. Kant spricht davon, dass die gute Gesinnung die verderbte Gesinnung vertritt. Dann, dass die gute Gesinnung die noch zu tätigen, guten Taten vor der intellektuellen Anschauung Gottes vertritt. Und dass eine heilige Gesinnung eine Ohnmächtige vertritt. Die Qualität der Gesinnung tritt also für den mangelnden Grad der Realisierungskraft ein.

[7] Vgl. EKD, Für uns gestorben (2015), III. 5.2; 98-100.

[8] Nietzsche, Der Antichrist (KSA 6) (2017), KSA 6, Nr. 41. S. 214f.

[9] Reményi, Stellvertretung nicht Äquivalenz (2017), 698.

[10] Taylor, Ein säkulares Zeitalter (2020), 1078f.

[11] A.W. Pink, Die Eigenschaften Gottes, Seite 75, zitiert nach: Packer, Gott erkennen (1977), 136.

[12] Pannenberg, Anthropologie (1983), 103.

[13] A.a.O., 107.

[14] Schlink, Ökumenische Dogmatik (2005), 124.

[15] Stott, Das Kreuz (2019), 260. Und ebenso: Lubahn, Heilsgeschichtliche Theologie und Verkündigung (1993), 62f.

Warum das Bibelverständnis so weitreichende Konsequenzen hat

Der nachfolgende Text ist ein Transskript des Vortrags, den Pfarrer Johannes Röskamp am 9.12.2022 beim Allianz-Symposium “Verbindende Glaubensschätze – Wie gelingt Einheit in Vielfalt” in Bad Blankenburg gehalten hat. Der Text wurde an einigen Stellen leicht angepasst, um das gesprochene Wort in eine gut lesbare Schriftsprache zu bringen. Er wird mit freundlicher Genehmigung von Johannes Röskamp veröffentlicht.

Der Titel für meinen Impuls lautet: „Warum das Bibelverständnis so weitreichende Konsequenzen hat“. Ich muss gestehen: Als ich gefragt wurde, ob ich das machen könnte, da war ich zuerst ziemlich zögerlich. Ich wusste: Hier werden viele bekannte Leute sein mit langjähriger Leitungserfahrung, dazu akademische Theologen mit internationalem Ruf. Da habe ich gedacht: Und ich als kleiner Gemeindepfarrer aus einer kleinen landeskirchlichen Gemeinde in Minden? Kein Mensch weiß, wo das liegt! Klar, ich bin auch Theologe, ich habe Theologie studiert. Ich habe das auch gerne gemacht. Aber mir war schon mein ganzes Studium lang klar: Ich will in die Praxis! Ich will Pastor werden. Ich will meine Kraft und meine Zeit dafür einsetzen, die gute Botschaft von Jesus Christus zu den Menschen zu bringen. Ich will das, was ich von Jesus verstanden habe, an andere weitergeben. Ich will evangelistisch tätig sein unter Menschen, die Jesus noch nicht glauben. Ich will Ihnen die Schönheit, die Liebe Christi vor Augen malen. Und ich will gemeinsam mit Ihnen Jesus immer tiefer kennenlernen, ihm immer besser nachfolgen. Ich will das, weil ich mit 17 Jahren selbst am eigenen Leib erfahren habe, wie sich das ganze Leben verändert, wie alles neu wird, wenn ich die Liebe von Jesus mit Kopf und Herz begreife. Und seitdem bin ich zutiefst davon überzeugt: Es gibt nichts Schöneres, es gibt nichts Lohnenderes, als dieser Liebe Christi mein Leben hinzugeben und mit ihm zusammen unterwegs zu sein. Dafür möchte ich leben. Dafür möchte ich arbeiten, solange ich kann. Was ich nie wollte, war: Promovieren. In die theologische Forschung gehen. Zu Symposien fahren. Mich an theologischen Debatten beteiligen.

Trotzdem bin ich heute hier und ich spreche heute zu euch über ein zutiefst theologisches Thema, nämlich über das Schriftverständnis. Warum mache ich das? Weil ich überzeugt bin: Bei der Frage, wie wir die Bibel eigentlich verstehen, geht es um alles. Ich glaube, es geht um nicht weniger als die Grundlage für das, was ich gerne mit Liebe und mit Leidenschaft tue und auch weiterhin tun will. Wie wir die Bibel lesen, wie wir sie verstehen, das ist nicht zweitrangig, das ist kein Randthema. Das ist nicht eine Geschmacksfrage wie die Frage nach liturgischen Formen. Es ist nicht so wie die Frage nach der Präsenz Christi im Abendmahl, bei der wir uns darauf verständigt haben, dass man das als zweitrangig ansehen kann. Oder die Frage nach der Taufe von Unmündigen. Nein, wie wir die Bibel verstehen, das hat fundamentale Auswirkungen.

Ich will ausdrücklich dazu sagen: Damit meine ich nicht jede einzelne Detailfrage des Schriftverständnisses. Ich glaube, wir brauchen keine Einheit bis in die letzte Verästelung der Inspirationslehre hinein. Aber ich glaube doch, dass mindestens eine Frage beim Schriftverständnis entscheidend ist. Theologen haben ja oft ein wenig Bauchschmerzen damit, wenn Sachen zu sehr vereinfacht werden. Ich habe mich entschieden: Ich traue mich das trotzdem heute, weil ich denke, dass es wichtig ist, das klar zu benennen: Ich glaube, dass es beim Schriftverständnis am Ende auf eine Frage entscheidend ankommt und die heißt: Ist die Bibel Gottes Wort an uns? Oder enthält sie nur Gottes Wort – und das müssen wir dann irgendwie identifizieren und freilegen.

Mir ist klar, dass es beim Schriftverständnis noch um viel mehr geht, dass da noch viel mehr Themen dranhängen, dass es da Einzelfragen gibt und Differenzierungen. Mir ist auch klar: Wenn man diese eine Frage beantwortet, sind anschließend nicht alle Probleme gelöst. Aber ich bin überzeugt:

Wenn wir beieinander bleiben wollen, dann brauchen wir mindestens in dieser einen Frage Einheit und Übereinstimmung miteinander: Ist die Bibel göttliche Rede an uns in menschlichen Worten oder ist die Bibel nur menschliche Rede über Gott, die Gott dann vielleicht in seiner Güte hier und da gebraucht, um sein Wort da mit hinein zu legen? Ist die Bibel Gottes Wort oder enthält sie nur Gottes Wort? Das ist aus meiner Sicht die eine hermeneutische Bruchlinie, die ganz entscheidend ist.

Und ich sage das als Landeskirchler aus leidvoller Erfahrung, dass das tatsächlich eine entscheidende Bruchlinie ist. Und ich werde nachher gleich noch ein etwas mehr dazu sagen, welche Auswirkungen und Konsequenzen das hat.

Und ich sage auch: Ich sehe mit großer Sorge, dass diese Frage auch in unseren Kreisen, auch in evangelikalen Kontexten, nicht mehr wirklich in jeder Hinsicht klar ist, nicht mehr so eindeutig, wie das vielleicht einmal gewesen ist. Ich weiß, dass mir jetzt manche direkt entgegenhalten würden: Johannes, so wichtig, wie du sagst, ist die Bibel doch auch wieder nicht. Das ist ja kein Papst aus Papier. Unsere Mitte ist doch bitte kein Buch, sondern unsere Mitte ist doch Jesus Christus. Und ja, natürlich ist Christus unsere Mitte. Natürlich ist er das eine Wort Gottes. Selbstverständlich. Aber gerade mein Verhältnis zu Christus hängt doch daran, wie ich die Bibel lese und verstehe. Woher kenne ich denn Christus und sein Wort überhaupt, wenn nicht aus der Bibel? Die Bibel ist die Quelle für alles, was wir überhaupt über Gott, über Jesus Christus und auch über uns als Menschen wissen und sagen können. „Sola scriptura“ hat Luther gesagt. Allein aus der Schrift haben wir Kenntnis von Christus und kennen wir überhaupt nur sein Evangelium. Und deshalb ist die Frage, wie wir die Bibel verstehen, so fundamental wichtig.

In meiner Landeskirche erlebe ich das immer wieder, dass das Schriftverständnis unklar ist, dass es da keine Einigkeit gibt. Und ich erlebe, dass das ganz praktische Konsequenzen und Auswirkungen hat. Und ich möchte euch das gerne anhand von zwei Beispielen zeigen:

Ich kann mich sehr gut daran erinnern, wie mir dieser tiefe Graben zum ersten Mal bewusst geworden ist, der sich auftut und uns trennt, wenn wir die Bibel so fundamental unterschiedlich lesen. Und zwar war das im Studium. Ich hatte einen Kommilitonen, mit dem ich mich wirklich gut verstanden habe. Wir haben oft etwas zusammen unternommen. Es war ein schönes, freundschaftliches Verhältnis, das wir zueinander hatten. Eines Tages waren wir zusammen zu Fuß auf dem Rückweg von der Uni in unser Wohnheim. Ich weiß das noch wie heute. Wir kamen ins Gespräch über solche Fragen wie: Ist der Mensch im Kern gut oder schlecht? Kann man das so sagen, dass Alle Sünder sind? Brauchen wir tatsächlich Jesus für unsere Erlösung? Darüber kamen wir ins Gespräch. Und aus meiner Sicht war das alles völlig eindeutig. Ich bin auch heute noch davon überzeugt, dass es dazu unzählige Belegstellen gibt. Ich kann jetzt gar nicht alle aufführen, nur eine einzige: In Römer 3, 12 schreibt Paulus: „Alle sind abgewichen, sie sind allesamt verdorben. Da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht einer.“ Das war für mich klar. Auch dass wir Jesus brauchen, um gerettet zu werden und um zu Gott kommen zu können, fand ich ganz eindeutig. Schließlich sagt Jesus ja selber diesen berühmten Satz, den ihr alle schon 100.000 Mal gehört habt. In Johannes 14, 6 sagt Jesus: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand – sagt er – niemand kommt zum Vater, es sei denn durch mich. Für mich war das alles in diesem Gespräch so klar und so eindeutig aus einem Grund: Weil die Bibel da klar und eindeutig formuliert! Nur für meinen Kollegen war das gar nicht so klar. Er war da völlig anderer Meinung. Er sagte: Nein, der Mensch ist eigentlich gut und es sind die gesellschaftlichen Umstände, die ihn schlecht handeln lassen. Und der Tod Jesu ist nicht wirklich heilsnotwendig. Ihr kennt das wahrscheinlich alles. Was mich so schockiert und so betroffen gemacht hat, war nicht so sehr, dass wir unterschiedliche Ansichten und Meinungen hatten. Das gibt es unter Menschen. Aber was mich wirklich betroffen gemacht hat war, dass mir im Laufe dieser Diskussion klar wurde: Wir haben gar keine gemeinsame Gesprächsbasis mehr! Denn immer, wenn ich ein biblisch begründetes Argument brachte, dann wischte er das vom Tisch, weil er meinte: Ja, das steht da zwar, aber das ist ja nur eine zeitgebundene menschliche Meinung von Paulus oder von Johannes oder von wem auch immer. Und selbst wenn ich Aussagen brachte, die laut dem biblischen Text von Jesus selber sind, dann ist das doch nachösterliche Gemeindebildung und damit zweitrangig. Das zählt nicht. Und so ging das bei jedem einzelnen Punkt. So ging es bei jedem einzelnen Bibelvers, der nicht zu seinen Überzeugungen passte. Die biblischen Aussagen waren für ihn immer nur menschliche Meinungen, die man auch ganz anders sehen kann. Und die waren aus seiner Sicht jedenfalls nicht dazu geeignet, herauszufinden, was Gott denkt über dieses oder jenes Thema.

Und je länger dieses Gespräch ging, desto frustrierter und desto verzweifelter wurde ich, weil ich gemerkt habe: Das ist ein Freund und ein Theologe wie ich. Aber für ihn ist die Bibel gar nicht die letzte Autorität in Glaubensfragen, sondern eine Sammlung von menschlichen Aussagen über Gott. Und die kann man auch ganz anders beurteilen. Und da habe ich kapiert:

Wenn wir die Bibel so unterschiedlich ansehen, dann haben wir keine Basis mehr, auf der wir uns geistlich noch miteinander verständigen könnten.

Wir können dann zwar kommunizieren. Wir können uns auch hier treffen zu solchen Symposien oder Veranstaltungen. Aber wir können dann eigentlich nicht mehr wirklich miteinander reden, weil wir von vollkommen unterschiedlichen Voraussetzungen ausgehen auf geistlicher Ebene.

Genauso erlebe ich das auch – und das ist mein zweites Beispiel – in der Debatte um biblische Sexualethik, die uns seit Jahrzehnten beschäftigt. Ich bin kein großer Fan davon, ständig über Homosexualität, über gleichgeschlechtliche Ehen und neuerdings Genderdiversität zu reden. Das ist echt nicht mein Lieblingsthema. Aber ich kann es uns auch nicht ganz ersparen, weil ich die ganze Diskussion darum seit Jahren so erlebe, dass es zum Beispiel bei der Frage zur Bewertung der „Ehe für alle“ im Kern eigentlich nie wirklich um Sexualethik ging. Es ist im tiefsten Kern eine hermeneutische Frage. Es ging schon immer darum, wie wir eigentlich die Bibel lesen und sie verstehen.

Oft wird ja gerade denjenigen, die eher eine traditionelle christliche Sexualethik vertreten, vorgeworfen: Ihr nehmt ein biblisches Randthema, das ganz wenig Bedeutung in der Bibel hat, und stellt das so in den Mittelpunkt. Und ja, es ist richtig, dass Homosexualität und auch Gender von der von der reinen Häufigkeit her keine Hauptthemen der Bibel sind, das ist ganz klar. Aber: Es gibt eben Stellen, die dazu etwas sagen. Und es ist auch nicht bloß eine einzige oder zwei. Es gibt relevante biblische Aussagen dazu! Sogar die EKD hat 1996 noch eine Handreichung veröffentlicht, in der festgehalten wird, dass – wörtliches Zitat – es keine biblischen Aussagen gibt, die Homosexualität in eine positive Beziehung zum Willen Gottes setzen. Wenn die EKD das tut, dann muss dieser exegetische Befund echt eindeutig sein. Und dann ist aus meiner Sicht nur noch die schlichte Frage: Betrachten wir die Bibel als Gottes Wort? Lassen wir uns das sagen und gestehen ihr dann auch entsprechendes Gewicht zu, uns das auch sagen zu dürfen? Oder halten wir sie prinzipiell für Menschenwort und nehmen uns deshalb heraus, auch gegen den Wortlaut der Bibel anzuargumentieren?

Wie trennend das ist, wenn man das macht, das habe ich gerade erst kürzlich wieder erlebt. Wir haben bei uns im Kirchenkreis in Minden so ein kleines Werk für überregionale Jugendarbeit. Da sind vier Hauptamtliche, die die Jugendarbeit in den Gemeinden vor Ort unterstützen sollen. Und diese Hauptamtlichen sind tolle Leute, wirklich engagierte Menschen mit einem ganz großen Herzen, mit einer großen Liebe zu den Jugendlichen. Ich arbeite sehr gerne mit ihnen zusammen. Als Pfarrer bin ich in einem kirchlichen Ausschuss, der diese Arbeit „beaufsichtigen“ und begleiten soll. Und mit diesem Gremium haben wir neulich einen Klausurtag gehabt. An einem Samstag haben wir zusammengesessen. Unter anderem ging es um das Thema Genderdiversität in der Jugendarbeit. Das Thema hieß: Was sagt die Bibel zum Thema Gender? Gibt es mehr als zwei Geschlechter? Der erste Programmpunkt dieses Tages sollte eine biblische Einordnung zu dem Thema sein. Da habe ich gedacht: Das ist doch klasse, dass wir als Christen als allererstes nicht auf Psychologie oder auf gesellschaftliche Trends schauen, sondern dass wir gemeinsam in Gottes Wort schauen. Und dann waren zwei Pfarrer gebeten worden, jeweils 20 Minuten dazu etwas zu sagen aus verschiedenen Perspektiven. Der eine davon war ich. Ich sollte etwas aus der traditionellen Perspektive dazu sagen. Und dann war da ein Kollege, der vertrat eine liberaltheologische Sicht. Zwischenmenschlich war das super. Das lief alles sehr angenehm ab. Es war ganz fair, eine ganz gute Atmosphäre. Aber es war trotzdem für mich am Ende unglaublich frustrierend. Denn am Ende standen unsere beiden Kurzreferate nebeneinander im Raum. Und dann passierte: Nichts. Es passierte nichts! Man sagte uns höflich „Dankeschön“ für unsere Mühe, die wir uns gemacht hatten. Und dann ging es weiter in der Tagesordnung. Es gab überhaupt kein Gespräch über die Frage: Was stimmt denn jetzt eigentlich? Wir hatten zwei vollkommen unterschiedliche Referate zu ein und demselben Thema gehört und die Frage „Was ist denn jetzt richtig?“, die gab es gar nicht! Und der Grund, warum diese Frage überhaupt nicht gestellt wurde, der war für mich mit Händen zu greifen. Warum diese Frage jetzt nicht auf den Tisch kam, war ganz einfach: Es gab einfach kein gemeinsames Kriterium, nach dem man das Gehörte jetzt irgendwie hätte einordnen oder beurteilen können. Das gab es nicht. Ich hatte aus meiner Sicht relevante biblische Belege gebracht, bei denen ich der Überzeugung war, dass das zu dieser Frage etwas austrägt. Mein Kollege, der die Gegenposition hatte, hat auch Bibelstellen zitiert. Aber ganz ehrlich: Die meisten Bibelstellen zitierte er nur, um sie direkt im Anschluss als zeitgebundenes Menschenwort gleich wieder zu relativieren. Was es überhaupt nicht gab, war ein gemeinsames Verständnis darüber, dass die Bibel Gottes Wort für uns ist und wir uns deshalb gegebenenfalls auch von ihr korrigieren lassen wollen. Das gab es nicht.

Und ich glaube: Genau darum geht es eigentlich am Ende beim Bibelverständnis.

Es geht am Ende um diese Frage: Ist die Bibel Gottes Wort? Darf sie mir etwas sagen? Bin ich bereit, mich von den Aussagen der Bibel auch korrigieren zu lassen? Oder ist es anders herum? Darf ich zuallererst etwas über die Bibel sagen, was ich meine, in ihr korrigieren zu müssen?

Ich glaube, diesen Trend und diese Gefahr sehen wir im Moment auch im evangelikalen Kontext. Die sehen wir in Büchern wie „TheoLab“. Ich glaube, wir sehen sie bei Worthaus und – wie ich meine – auch zum Beispiel an manchen Stellen bei Michael Diener. Wenn die Bibel Gottes Wort an mich ist und wenn sie Autorität hat, dann werde ich mich ihrem Wort unterordnen. Darum geht es am Ende. Das ist eine Theologie der Demut. Wenn sie aber nur Gottes Wort enthält unter ganz vielen anderen Wörtern, dann werde ich mich automatisch zu einer höheren Warte irgendwie aufschwingen müssen. Denn dann muss ich ja – es geht gar nicht anders – anfangen zu urteilen, was darin denn jetzt Gottes Wort ist, das gilt. Und was ist in ihr nur zeitgebunden? Was kann ich weglassen? Was ist zu relativieren? Wenn wir das machen, dann gibt es ganz grundsätzlich nichts, was dann nicht mehr in Frage gestellt werden könnte. Glaube mir das. Ich bin Landeskirche, ich weiß das. Das zeigt uns der Blick in unsere eigene theologische Geschichte und – besonders schmerzhaft und auch zerstörerisch meiner Meinung nach – der Blick auf die Theologie meiner evangelischen Landeskirche. Da gibt es nichts mehr, was nicht in Frage gestellt werden könnte.

Wenn wir uns in der Evangelischen Allianz beim Schriftverständnis dieselbe Pluralität erlauben, wie das meine Landeskirche tut, und wenn wir sagen: Ach, weißte, Johannes, das Schriftverständnis ist so ein schwieriges und sperriges Thema, lass uns da mal nicht drüber streiten – ich glaube, dann wird die Evangelische Allianz auseinanderdriften. Beim Bibelverständnis geht es ums Ganze. Es geht darum, was wir als Christen gemeinsam glauben können, was wir gemeinsam bezeugen können, was wir gerade auch in der Evangelisation gemeinsam verkündigen können, was wir gemeinsam anbeten können.

Und das hat Auswirkungen, im Guten wie im Schlechten. Ich möchte es ausdrücklich auch positiv sagen: Wenn wir uns da einig sind, dann hat das total belebende positive Auswirkungen auf unsere geistliche Wirkkraft, die in der Bibel „Vollmacht“ heißt. Es hat Auswirkungen auf die Lebendigkeit unserer Gemeinden, auf unsere Einheit, auf unser missionarisches Zeugnis, auf die Hoffnung, die wir ausstrahlen in die Welt, auf die Ethik, nach der wir leben, auf die Standhaftigkeit, wenn uns Kritik aus der Gesellschaft entgegenschlägt, auf unsere Opferbereitschaft… auf alles!

Und deshalb ist es mir so ein Herzensanliegen, deshalb werbe ich so darum: Lasst uns an diesem einen zentralen Punkt klar bleiben! Und zwar so klar, wie es ja auch schon in der Glaubensbasis der Evangelischen Allianz formuliert ist. Da steht wörtlich: „Die Bibel ist von Gottes Geist eingegeben, zuverlässig und höchste Autorität in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung.“ Und ich sage von ganzem Herzen “Amen” dazu.

Zeit des Umbruchs: Der Verlust der Selbstverständlichkeiten

Als im Oktober 2017 die erste Version meines Artikels über die Worthaus-Mediathek online ging, konnte ich nicht ahnen, was das alles auslösen und nach sich ziehen würde. 5 Jahre später scheint mir die Debatte intensiver denn je zu sein. Im Dezember 2022 durfte ich meine Perspektive einem Kreis von rund 100 Leitern aus dem allianzevangelikalen Umfeld im Rahmen des Allianz-Symposiums “Verbindende Glaubensschätze” darlegen. Da die Videoaufnahme nicht ganz vollständig ist, stelle ich hier zusätzlich mein Skript zur Verfügung. Was ist Ihre Meinung dazu? Schreiben Sie mir gerne einen Kommentar oder eine persönliche Nachricht.

Ich empfinde es als unglaubliches Vorrecht, dass ich heute zu euch / zu Ihnen sprechen darf. Ich freue mich sehr auf alle Gespräche und Begegnungen. Einige, die hier sind, kennen mich bereits. Aber da ich noch nicht allen bekannt, will ich mich noch einmal kurz vorstellen:

Mein Name ist Markus Till. Ich gehöre zur evangelischen Landeskirche. Gemeinsam mit meiner Frau bin ich in meiner Heimatgemeinde in Weil im Schönbuch aktiv. Ich komme aus dem schwäbischen Pietismus. Und diese tiefe, nüchterne Verwurzelung in der Bibel, die ich da mitbekommen habe, prägt mich bis heute. Aber wer mich kennt weiß, dass ich auch durch charismatische Einflüsse geprägt worden bin. Es gibt eine Lobpreis-CD von mir. Man findet meinen Namen in den Feiert Jesus-Büchern. Und ich habe einen Glaubenskurs entwickelt: Aufatmen in Gottes Gegenwart. Vor kurzem ist mein überarbeitetes Buch dazu erschienen und eine Homepage mit vielen Videos und Materialien ist online gegangen.

Im Jahr 2017 ist noch etwas dazu gekommen, was mich seither sehr beschäftigt. Auf meinem Blog hatte ich einen Artikel veröffentlicht über die Worthaus-Mediathek. Der Artikel ist viral gegangen. IDEA hat eine Kurzversion davon abgedruckt. Etwas später hat mich SCM gebeten, ein Buch über Postevangelikalismus zu schreiben, das 2019 erschienen ist unter dem Titel „Zeit des Umbruchs“. Und in der Folge wurde ich dann auch immer öfter angefragt, Artikel zu schreiben und Vorträge zu halten. Ulrich Parzany hat mich eingeladen, beim Netzwerk Bibel und Bekenntnis mitzuwirken, was ich seither sehr gerne tue. Und seit etwas mehr als 1 Jahr mit ich mitverantwortlich für die Mediathek offen.bar.

Eine Lebensfrage: Wie gelingt Einheit in Vielfalt?

Ein großes Thema, das sich durch mein ganzes Glaubensleben zieht, ist die Frage: Wie gelingt Einheit in Vielfalt? Das liegt zum einen daran, dass ich eine sehr schmerzhafte Spaltung durchlitten habe. Da sind viele persönliche Freundschaften zu Bruch gegangen. Für mich und meine Frau war das ein echtes Trauma. Zum anderen habe ich aber vor allem in den letzten 10 Jahren auch viele Versöhnungsprozesse erleben dürfen. Insgesamt hatte ich lange Zeit den Eindruck: Die Einheit wächst! Ich habe früher oft gelitten unter dieser Spaltung zwischen charismatisch und pietistisch geprägten Christen. Nie werde ich vergessen, wie ich 1991 beim Gemeindekongress in Nürnberg dabei sein durfte, als Klaus Eickhoff und Friedrich Aschoff sich gegenseitig um Vergebung baten für alle Vorurteile, für alles gegenseitige Misstrauen. Ich habe buchstäblich geweint an diesem Abend vor Freude. Und ich habe in den Folgejahren erleben dürfen, dass dieser tiefe Graben tatsächlich immer mehr überwunden wurde.

Wachsende Risse im evangelikalen Umfeld

Nur leider hat sich dieser Einheitstrend nicht verfestigt. Ulrich Eggers hat vor einiger Zeit in AUFATMEN geschrieben: „Wir alle merken: Gemeinsam – das fällt in diesen Zeiten, in denen sich viele gewachsene Traditionen auflösen, selbst Einheits- oder Allianz-gewillten Christen zunehmend schwer! … Zunehmend zieht Misstrauen und Entfremdung ein, bedroht Einheit – und damit auch die gemeinsame Arbeitsplattform für missionarische Bewegung.“ Und ich denke, wir merken alle: Das stimmt! Und meine Wahrnehmung ist: Wir haben etwas verloren im evangelikalen Umfeld: Wir haben eine Selbstverständlichkeit verloren. Was meine ich damit?

Ein selbstverständlicher verbindender Glaubenskern

Im Jahr 1994 waren meine Frau und ich in Berlin beim Marsch für Jesus. Gemeinsam mit etwa 70.000 Christen sind wir singend und betend durch Berlin gezogen. Wir haben dort gemeinsam ein Bekenntnis gesprochen: „Ich nehme die Bibel an als das heilige und ewige Wort Gottes. Die ganze Schrift ist inspiriert durch den Heiligen Geist; sie ist Gottes verbindliche Offenbarung.“ Ich habe das damals als völlig normal empfunden. Dass man sich auf einer evangelikalen Großveranstaltung zur Autorität und zum Offenbarungscharakter der Bibel bekennt, das war für mich etwas Selbstverständliches. Und für mich war klar: In den allianzevangelikalen Kreisen sind wir zwar in vielen Dingen sehr verschieden. Aber wenn es um die Bibel und ihre zentralen Aussagen geht, da sind wir ganz selbstverständlich beieinander. Das verbindet uns miteinander über alle Unterschiede hinweg.

Jürgen Mette hat das in seinem Buch „Die Evangelikalen“ einmal so formuliert: „Wer sich in Christologie und Soteriologie in der Mitte findet, der kann sich Differenzen an der Peripherie des Kirchenverständnisses, des Taufverständnisses, der Eschatologie leisten.“ Einfach ausgedrückt: Wer sich darin einig ist, wer Jesus ist und warum er am Kreuz für uns gestorben ist, der kann Differenzen bei Fragen zur Kirchenstruktur, zur Tauffrage oder zu Endzeitfragen aushalten. Das ist zwar keine Garantie für Einheit – das wissen wir alle. Aber jedenfalls wird Einheit möglich. Und der Aufbruch der Evangelikalen im letzten Jahrhundert hat gezeigt: Diese Einheit ist tatsächlich immer wieder in beeindruckender Weise gelungen, wenn ich da nur an die Lausanner Bewegung denke und an so viele übergemeindliche evangelikale Werke und Initiativen, die da gegründet aufgebaut worden sind.

Eine Grundlage für Einheit in Vielfalt: Konsens im Kern, Weite in Randfragen

Wie hat diese Einheit in Vielfalt funktioniert? Ich habe versucht, dieses Prinzip, das auch Jürgen Mette hier formuliert hat, einmal grafisch darzustellen. Die Kernaussage ist: Im Kern brauchen wir Konsens. Aber je randständiger die Themen sind, umso mehr Weite brauchen wir. Bei Paulus können wir das auch erkennen: Paulus war bei kulturellen Fragen enorm flexibel. Er hat geschrieben: Ich bin allen alles geworden, damit ich einige retten kann. Aber im Kern, wenn es ums Evangelium ging, da konnte der gleiche Paulus plötzlich enorm scharf werden. Da hat er sich nicht gescheut, sogar Petrus namentlich öffentlich anzugreifen. Den Galatern hat er geschrieben: „Wer euch eine andere Gute Nachricht verkündet als die, die ihr bereits angenommen habt, soll verflucht sein!“ Welch harte Worte! Wenn es ums Evangelium ging, war Paulus absolut kompromisslos.

Bekenntnisse fassen den unaufgebbaren Kern unseres Glaubens in Worte

Die große Frage ist aber jetzt: Was ist denn das Evangelium? Was ist der Kern unseres Glaubens, an dem wir unbedingt festhalten müssen? Diese Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten. Wie gut ist es da, dass wir dieses Rad nicht neu erfinden müssen! Denn diese Frage hat ja schon so viele Christen vor uns beschäftigt. Sie haben hart gearbeitet, intensiv die Bibel gelesen und hart miteinander gerungen, bis sie diese wundervollen Bekenntnisse formuliert hatten. Das waren keine langen Texte. Aber zu diesen wenigen Sätzen haben sie gesagt: Das sind Aussagen, die aus der Bibel vollkommen klar und eindeutig hervorgehen. Deshalb kann und darf es zu diesen Aussagen unter uns keine zwei Meinungen geben.

Dass wir solche Bekenntnisse brauchen, haben Christen schon immer gespürt. Wir finden sie schon in der Bibel selbst. Wir kennen alle diese wunderbaren altkirchlichen Bekenntnisse. Und bis heute werden immer wieder solche bekenntnisartigen Texte formuliert. Einer der wichtigsten Texte aus der Neuzeit ist für mich die Glaubensbasis der größten Einheitsbewegung unserer Zeit, der evangelischen Allianz. Und ich muss ehrlich sagen: Ich liebe diesen Text! Wenn ich das lese, dann sagt mein Herz: Ganz genau! Da wird wunderbar zusammengefasst, was mich bewegt und trägt. Und wo das geglaubt wird, da sind meine Brüder und Schwestern, egal aus welcher Kirche und welcher Prägung sie kommen. Da ist meine Familie. Da ist meine geistliche Heimat.

Nichtevangelikale Theologie zunehmend auch im evangelikalen Umfeld

Und gerade deshalb, weil mir diese Heimat und diese Einheit in Vielfalt so kostbar ist, deshalb treibt es mich auch so um, wenn ich sehe: Diese gemeinsame Glaubensgrundlage ist heute leider bei weitem nicht mehr so selbstverständlich, wie sie es einmal war. Als ich mich vor 5 Jahren so intensiv mit Worthaus beschäftigt habe, da bin ich ja nicht so sehr über die Theologie erschrocken, die mir da begegnet ist. Ich bin evangelisch. Ich kenne diese Art von Theologie seit langem. Wir Evangelikale wollten aber immer ganz bewusst einen anderen theologischen Weg gehen. Deshalb ging ich damals fest davon aus: Ganz bestimmt werden evangelikale Leiter jetzt deutlich machen: Diese Art von Theologie passt nicht zu uns passt. Aber meine Beobachtung war eher: Viele Leiter schweigen. Oder sie machen einfach weiter damit, postevangelikale Formate und ihre Vertreter populär zu machen. Auch in Publikationen im evangelikalen Umfeld wird Werbung für Worthaus und dazu noch für viele andere nichtevangelikale Theologen wie z.B. Dorothee Sölle.

Mir begegnet das zum Beispiel in Büchern wie „glauben lieben hoffen“ oder in der Buchreihe „TheoLab“. Das sind ja nicht irgendwelche Bücher. Das sollen theologische Grundlagenwerke sein für die Jugendarbeit im freikirchlichen bzw. im landeskirchlich/pietistischen Umfeld. Diese Bücher sollen also unsere Jugend und damit unsere Zukunft theologisch prägen. Und meine Beobachtung ist: Das funktioniert! Diese Art von Theologie kommt an! Sie belegt oft Spitzenplätze bei den Klickzahlen im Internet. Sie ist attraktiv. Sie umgibt sich gern mit der Aura von Aufgeklärtheit, von Toleranz, von intellektueller Überlegenheit. Sie entlässt uns aus Konflikten zwischen biblischen Aussagen und den Werten unserer Kultur. Sie verspricht gesellschaftliche und akademische Anerkennung. Kein Wunder, dass diese Art von Theologie meine evangelische Kirche schon längst im Sturm erobert hat. Und deshalb versetzt es mir immer einen Stich ins Herz, wenn ich sehe, wie auch unter uns Evangelikalen immer wieder so völlig unkritisch dafür Werbung gemacht wird. Denn diese Theologie hat nun einmal Konsequenzen. Was meine ich damit?

Der Verlust der verbindenden Gemeinsamkeiten

Im Jahr 2020 lag auf der Theke meiner christlichen Buchhandlung in Dutzendware ein Buch über Ostern auf dem Tisch. Ich kannte den Autor sehr gut, ich war selbst immer wieder persönlich mit ihm im Gespräch. Und in dem Buch fand ich den Satz: „Wenn es Dir also wichtig ist, an Jesus als den Sohn einer Jungfrau zu glauben, dann tu es. Mit Freude. Wenn dich diese Vorstellung jedoch eher befremdet, dann lass es. Und bitte nicht minder freudig.“ Das klingt weitherzig und großzügig. Aber was ist die Konsequenz? Die Konsequenz ist: Wir haben wieder etwas von dem verloren, was uns bisher ganz selbstverständlich miteinander verbunden hat. Unsere gemeinsame Basis ist wieder kleiner geworden. Und wisst ihr: Solche relativierende und subjektivierende Aussagen sind mir so oft begegnet in den letzten Jahren, nicht nur zur Jungfrauengeburt sondern zum Bibelverständnis. Zur Kreuzestheologie. Zur Auferstehung. Zur Wiederkunft Jesu. Also zu all den Themen, über die in der Glaubensbasis der evangelischen Allianz so viel ausgesagt wird!

Es geht ans Eingemachte – und um weitreichende Konsequenzen

Thorsten Dietz hat in seinem Buch „Menschen mit Mission“ geschrieben: „Die Allianz ist eine ökumenische Bewegung, die gerade darum das gemeinsame Bekenntnis so knapp wie möglich formuliert hat.“ Und ja, ich glaube: Das stimmt. Aber wenn das so ist, dann heißt das auch: Wenn nun selbst diese wenigen, allerzentralsten Sätze hinterfragt, relativiert und subjektiviert werden, dann driften wir nicht mehr nur bei Randfragen des Glaubens auseinander. Nein, dann geht es wirklich ans Eingemachte. Dann geht es um den innersten Kern unseres Glaubens. Und ich bin überzeugt: Wenn wir diesen gemeinsamen Glaubenskern verlieren, dann müssen wir uns nicht wundern, wenn wir in unserer Mitte immer mehr Tendenzen sehen, die ich aus meiner evangelischen Kirche zur Genüge kenne: Wir haben keine gemeinsame Botschaft mehr. Wir haben keine Einheit mehr. Wir haben keine missionarische Dynamik mehr. Stattdessen verzetteln wir uns in politischen Botschaften, die die Spaltung nur noch mehr vorantreiben. Liebe Freunde: Das kann doch niemand von uns wollen!

Ein alternatives Narrativ zur Ursache der Spaltungstendenzen

In letzter Zeit habe ich oft ein anderes Narrativ gehört zu der Frage, warum es unter uns Evangelikalen wachsende Gräben gibt. Immer wieder habe ich gelesen, es gäbe da zwei Strömungen, die in Spannung zueinander stünden. Auch Thorsten Dietz spricht in seinem Buch von den sogenannten „Bekenntnis-Evangelikalen“ auf der einen Seite und den “Allianzevangelikalen” auf der anderen Seite. Und er sagt: Die Allianzevangelikalen, das sind die, die „stärker um Vermittlung und Dialog bemüht“ sind. Sie könnenunterschiedliche moralische Überzeugungen aushalten und ihren gemeinsamen missionarischen Auftrag ins Zentrum stellen.“ Und auf der anderen Seite nennt er auf der letzten Seite seines Buchs das Netzwerk Bibel und Bekenntnis. Und er sagt, dieses Netzwerk strebe an, dass „man sich verbindlich auf eindeutige Bekenntnisse einigt und entsprechend auf allen Ebenen durchsetzt, was in der jeweiligen Gemeinde, Kirche oder Allianz vertreten werden darf.“ Und die Frage ist: Ist das so? Ist damit die Landkarte der Evangelikalen richtig beschrieben?

Worum es tatsächlich geht: Die verbindenden Glaubensschätze bewahren

Ich möchte es heute abend wagen, eine Gegenthese zu formulieren. Ich glaube: Wir Allianzevangelikale waren doch schon immer zugleich auch Bekenntnisevangelikale! Wir haben doch schon immer betont, dass wir an den zentralen Bekenntnissen festhalten wollen und müssen. Und deshalb tut es mir weh, wenn hier ein Widerspruch aufgebaut wird. Denn Christen wie mir geht ja gar nicht darum, in rechthaberischer Weise etwas durchzusetzen! Die Bekenntnisse muss man nicht durchsetzen. Die sind bekannt, die sind veröffentlicht, auf die muss man sich nicht mehr einigen. Es geht nicht darum, etwas durchzusetzen, sondern etwas zu bewahren. Etwas, das überaus wertvoll ist! Es geht um unsere verbindenden Glaubensschätze, die uns helfen, Einheit in Vielfalt ganz praktisch zu leben und gemeinsam missionarisch zu sein.

Wir Evangelikale wollten doch schon immer zweierlei: Wir wollen die Liebe zu Christus stärken! Denn das verbindende Zentrum unseres Glaubens ist nicht eine Lehre, sondern die Person Jesus Christus, darin sind wir uns einig. Aber gerade um dieser Christusmitte willen wollen wir zugleich auch festhalten an der Autorität der Bibel. Denn über diesen Jesus Christus, dem wir gemeinsam folgen wollen, über seine Lehre, sein Erlösungswerk, über das Evangelium wissen wir ja nichts außer das, was die Bibel uns sagt! Ohne die Autorität und die Klarheit der Schrift wird „Christus“ zur Hülse wird, die jeder subjektiv mit etwas anderem füllt. Aber eine Hülse kann uns nicht miteinander verbinden.

Was jetzt zu tun ist: Unsere Glaubensbasis verteidigen und zum Leuchten bringen

Und deshalb bin ich überzeugt, liebe Freunde: Wir haben eine große Aufgabe vor uns, die wir nur gemeinsam schaffen können. Wir müssen wieder sprachfähig werden in Bezug auf die Grundlagen unseres Glaubens. Wir müssen neu lernen, zu begründen, warum wir diese Glaubensbasis haben und warum sie für uns unaufgebbar wichtig ist. Und ja, ich glaube, dazu gehört eben auch, dass wir wieder lernen müssen, zu widersprechen, wenn diesen Glaubensgrundlagen in unserer Mitte widersprochen wird. Ich weiß: Das ist nicht cool. Das ist in unserer postmodernen Gesellschaft überhaupt nicht schick. Und trotzdem bin ich überzeugt: Es ist notwendig und im besten Sinne not-wendend.

Denn so viel ist doch klar: Es gäbe uns heute nicht, wenn nicht schon die Apostel und die frühen Kirchenleiter Position bezogen hätten gegen die Häresien, wenn da zum Beispiel ein Marcion auftritt, wenn da Gnostiker auftreten, wenn da Ablasshandel betrieben wird und, und, und. Die Kirche Jesu musste sich zu allen Zeiten gegen Lehren wenden, die ihre Einheit und ihre Botschaft unterwandern wollten. Und glauben wir denn wirklich, dass wir das ausgerechnet heute nicht mehr bräuchten? Ich glaube: Doch, wir brauchen das. Gerade auch heute. Und deshalb ist meine Bitte: Lasst uns wieder lernen, unsere Glaubensgrundlagen zu verteidigen. Freundlich. Respektvoll. Klug. Gebildet. Aber auch leidenschaftlich und klar. Damit Menschen Orientierung finden und sich verwurzeln können in der freimachenden Wahrheit von Gottes Wort. Wir tun es nicht um des Rechthabens willen. Wir tun es nicht, weil wir Angst vor Neuem haben. Wir tun es aus Liebe zu den Menschen, die ohne dieses rettende Evangelium verloren gehen. Wir tun es aus Liebe zu den Gemeinden, die ohne Gottes kraftvolles Wort nicht wachsen und gedeihen können. Und wir tun es um der Einheit willen, die ohne eine gemeinsame Glaubensbasis zerfällt und zerbricht. Lasst uns gemeinsam unsere verbindenden Glaubensschätze hochhalten, zum Leuchten bringen und auch gegen Widerspruch verteidigen. Ich freue mich sehr darauf, mit Ihnen und mit euch über dieses wichtige Thema ins Gespräch zu kommen.

Vom Ringen um Einheit – Eindrücke vom Allianz-Symposium „Verbindende Glaubensschätze“

Drei extrem intensive Tage liegen hinter mir. Das lag nicht nur am Programm, das mit 17 Kurzvorträgen und diversen Diskussionsrunden mehr als vollgepackt war. Dazu kamen die Sitzungen der Vorbereitungsgruppe sowie viele spannende Gespräche mit überaus wertvollen Mitchristen (insgesamt waren fast 100 Leiter aus den verschiedensten Bereichen der evangelikalen Welt zusammengekommen). Die größte Herausforderung war für mich, dass eben auch eine gewisse Spannung in der Luft lag, die hier und da auch in offene Kontroversen mündete. Aber dazu später mehr.

Worum ging es bei diesem Symposium?

Die Überschrift machte es deutlich: Es ging um unsere „verbindenden Glaubensschätze” sowie um die aktuell immer drängender werdende Frage: “Wie gelingt Einheit in Vielfalt?“ Erläuternd war dazu im Programmablauf zu lesen:

„Die Zukunft der Allianzbewegung und die Gültigkeit ihrer theologischen Basis als gemeinsame Vertrauens-Plattform. Ziel: Glaubensgrundlagen stärken, Begegnung ermöglichen, Unterschiedliche Sorgen verstehen und ernst nehmen, das Miteinander stärken, gemeinsam Jesus-gemäße Wege in die Zukunft erkunden“

Ein absolutes Highlight des Symposiums waren für mich dabei die vielen großartigen Vorträge, die diese Fragestellung ausleuchteten. Noch nie wurde mir so deutlich, wie viel Potenzial wir in unseren evangelikalen Reihen haben: Kluge Denker. Kühne Evangelisten. Gründliche Theologen. Aufopferungsvolle Beter. Visionäre Gemeindebauer. Allesamt durchdrungen von spürbarer Liebe, Leidenschaft und Herzlichkeit. Das habe ich in dieser Dichte und Vielfalt noch nie erlebt.

Die Vorträge waren in 4 Blöcke eingeteilt:

Im 1. Block unter dem Titel „Die Herausforderung in den Blick nehmen“ ging es um eine Bestandsaufnahme der IST-Situation. Wie steht es um unsere „fromme Landschaft“ im landes- und freikirchlichen Bereich? Darüber sprachen Volker Gäckle, Alexander Garth und Ansgar Hörsting. Mein Vortrag befasste sich dazu mit der Frage: Wie gestaltet sich das Miteinander? Welche theologischen Spannungen gibt es und wie sollten wir darauf reagieren? Und welche Rolle spielen dabei die Bekenntnisse, insbesondere die Glaubensbasis der evangelischen Allianz?

Der 2. Block war überschrieben mit dem Titel „Der Blick zurück – Was lehrt uns die Geschichte?“ Prof. Roland Werner und Rainer Harter sprachen über die frühe Kirche: Welche Prinzipien haben sie zur Bewegung werden lassen? Wie gingen sie mit falschen Lehren um? Welche Rolle haben ethische Fragen gespielt? Welche Bedeutung hatten die Bekenntnisse? Rainer Harter machte deutlich: Das Nicäno-Konstantinopolitanum ist ein wunderschöner Glaubensschatz, der bis heute weltweit zahllose Kirchen miteinander verbindet. Ulrich Parzany blickte in seinem Vortrag auf den Aufbruch der Evangelikalen im 20. Jahrhundert zurück – eine beeindruckende Innenansicht, die zeigte: Viele äußere Erfolge waren auch hart umkämpft.

Im 3. Block ging es um die Kernfrage dieses Symposiums: „Einheit in Vielfalt – Was ist unser verbindender Kern?“ Die Vorträge von Johannes Röskamp, Martin P. Grünholz und Nicola Vollkommer-Sperry gaben dazu drei eindrückliche Antworten: Der Offenbarungscharakter der Bibel! Der stellvertretende Opfertod Jesu! Und die Leidenschaft für Jesus Christus, wie er uns in der Bibel offenbart wird! Aber genügt diese Übereinstimmung für echte Einheit? Ulrich Eggers wies in seinem Vortrag auf notwendige Herzenshaltungen hin, die für Einheit unverzichtbar sind.

Der 4. Block am Freitagabend unter dem Titel „Der Blick nach vorne: Was wir jetzt brauchen!“ war zunächst geprägt von einem beeindruckenden Vortrag von Dr. Fabian Grassl zur dringenden Notwendigkeit der (verlorenen) Kunst der Apologetik. In einem Podiumsgespräch wurde herausgearbeitet: Wir müssen die Kunst der theologischen Debatte wieder ganz neu lernen! Der Abend mündete in einen Aufruf zum Gebet um Erweckung und zum notwendigen Miteinander zwischen Betern, Bibel- und Bekenntnisleuten sowie Praktikern in Gemeinden und Werken.

Der 5. Block am Samstagmorgen war überschrieben mit dem Titel: „Einheit im Spannungsfeld“. Stephanus Schäl sprach konkret über „Einheit im Spannungsfeld zwischen Gesetzlichkeit und Beliebigkeit“. Armin Baum nahm sich des Themas an, das die ganze Zeit über immer wieder aufblitzte, weil es faktisch so oft im Zentrum der laufenden Auseinandersetzungen steht: Wie gelangt man von den biblischen Aussagen zur ethischen Praxis? Dirk Scheuermann, Reinhard Spincke und Gernot Elsner machten deutlich, dass alles notwendige theologische Ringen kein Selbstzweck ist, sondern am Ende zur missionarischen Praxis führen muss. Die äußerst ermutigenden Berichte aus der erwecklich gewachsenen Kirchengemeinde Nierenhof sowie von den missionarischen Einsätzen am Ballermann in Mallorca haben sicher bei vielen Symposiumsteilnehmern bleibenden Eindruck hinterlassen.

Die gesamte Playlist mit allen Vorträgen findet sich hier auf dem YouTube-Kanal der Evangelischen Allianz.

Und was war das Ergebnis?

Über der gesamten Veranstaltung schwebten letztlich 2 Grundfragen, die nach meiner Wahrnehmung wie große Elefanten im Raum standen. Die erste Frage hieß: Wie gehen wir um mit der Glaubensbasis der evangelischen Allianz? In meinem Vortrag hatte ich dazu Thorsten Dietz zitiert mit dem Satz: „Die Allianz ist eine ökumenische Bewegung, die gerade darum das gemeinsame Bekenntnis so knapp wie möglich formuliert hat.“ Damit hat er sicher recht. Aber wenn das so ist, dann heißt das eben auch: Wenn selbst diese wenigen, allerzentralsten Sätze hinterfragt, relativiert oder subjektiviert werden, dann driften wir eben nicht mehr nur bei Randfragen des Glaubens auseinander, sondern dann geht es wirklich ans Eingemachte, um den innersten, verbindenden Kern unseres Glaubens.

Umso mehr bin ich überaus dankbar dafür, dass die Vorbereitungsgruppe des Symposiums (Ekkehart Vetter, Reinhardt Schink, Ulrich Eggers und ich) zu dieser Frage eine klare Antwort fand, die wir auch gemeinsam öffentlich bekanntgaben:

„Als Vorbereitungsgruppe des Symposiums sind wir dankbar für unsere intensive Tagung, bekräftigen und feiern die theologische Basis der EAD und halten fest, wie wichtig persönliche Begegnung und vertrauensvolles Gespräch für die Erfüllung unseres Auftrags ist. Gemeinsam wünschen wir uns mitten in den drängenden Fragen und Nöten unserer Zeit einen Neuaufbruch unserer Gemeinden und Werke zu vermehrtem Gebet und missionarischem Christus-Zeugnis in Wort und Tat.“

Diese Aussage haben wir unterstrichen durch einen Bekenntnisakt am Ende des Symposiums, den Ekkehart Vetter in IDEA wie folgt beschrieb:

„Ich bin Jahrzehnte im Kontext von Evangelischer Allianz unterwegs, aber das Symposium, prall gefüllt mit 17 Kurzreferaten, Diskussion, Gebet, viel Begegnung bis tief in die Nacht, endete mit einem für mich anfangs nicht geplanten Novum: Das versammelte Plenum des Symposiums las, ja proklamierte die Glaubensbasis der EAD als gemeinsames Bekenntnis. Ein fast historischer Moment, der nach meinem Eindruck nicht ohne Folgen bleiben wird.“

Diese Worte kann ich nur dick unterstreichen. Ich bin deshalb auch sehr ermutigt aus diesem Symposium herausgegangen. Gleichwohl steht natürlich immer noch eine zweite große Frage im Raum: Wie gehen wir damit um, wenn in unserer Mitte der Glaubensbasis widersprochen wird? Sollten wir wieder neu lernen unsere Glaubensgrundlagen leidenschaftlich zu verteidigen? Oder sollten wir unsere theologische Position nur möglichst bescheiden vertreten oder gar ganz zurückstellen, um keine Spaltung zu verursachen? Diese wichtige Frage wurde zwar andiskutiert, aber sie ist nach meinem Empfinden nach wie vor unbeantwortet.

Das Überwinden von Klischees als erster Schritt?

Ich hoffe aber, dass das Symposium zumindest geholfen hat, ein paar Klischees zu überwinden, die das Gespräch zu dieser Frage bisher belastet haben. Oft wird ja behauptet, hier stünden sich 2 Lager gegenüber: Die einen hätten ihre Priorität auf Einheit, ihr Denken sei von Offenheit geprägt, sie lesen die Bibel von Jesus her, sie glauben einander den Glauben, sie sind lernbereit im Umgang mit anderen Christen, ihre Priorität ist Gemeindebau und Mission aus Liebe zu den Menschen und um dieser Prioritäten willen sind sie offen für neue Impulse und Entwicklungen. Diesem „offenen“ Lager stünden die sogenannten „Bekenntnisevangelikalen“ gegenüber, die die Priorität auf die Durchsetzung eigener Überzeugungen legen, deren Denken von Grenzen geprägt ist, die dem Buchstaben und ihrer persönlichen Bibelauslegung folgen, deren Priorität der theologische Streit ist, die neue Entwicklungen als angsteinflößende Gefahr für die rechte Lehre empfinden und sich kulturpessimistisch von der „Welt“ abkapseln.

Das Symposium hat hoffentlich gezeigt: Auch diejenigen, die dafür eintreten, dass wir unsere Glaubensgrundlagen hochhalten, begründen und verteidigen sollten, haben in vielen Fragen der Theologie und Prägung eine große Weite. Auch sie stellen Christus ins Zentrum. Es geht ihnen gerade nicht ums Rechthaben sondern um eine gesunde Grundlage für Einheit, Gemeindebau und Mission. Sie verstecken sich nicht hinter dogmatischen Mauern, sondern sie sind leidenschaftliche Beter, Gemeindebauer, Evangelisten und Missionare. Aber sie sehen eben im schwindenden Konsens zu den Kernfragen unseres Glaubens eine Hauptursache dafür, warum unsere Einheit und unsere missionarische Dynamik schwindet. Gerade um der Einheit und der Mission willen ringen sie um diese Themen. Das angebliche Gegeneinander von „Allianzevangelikalen“ und „Bekenntnisevangelikalen“ ist aus ihrer Sicht ein Mythos, denn: Allianzevangelikale waren doch schon immer zugleich auch Bekenntnisevangelikale. Mehr noch: Für das historische Christentum haben Bekenntnisse schon immer eine entscheidende Rolle gespielt. „Allianz“ und „Bekenntnis“ gehörte schon immer untrennbar zusammen. Wer die Bekenntnisse auflöst, untergräbt auch die Einheit. Die Bekenntnisse hochzuhalten und zum Leuchten zu bringen ist deshalb ein aktiver Dienst für unsere Einheit und das missionarische Miteinander.

Wie geht es weiter?

Vielleicht wird es ja möglich sein, auf einer klischeebereinigteren Grundlage die Gespräche auf einer breiteren Basis fortzusetzen. Das würde ich mir zumindest sehr wünschen. Die Vorträge des Symposiums könnten dafür eine solide Gesprächsgrundlage sein. Sie werden aktuell nachbearbeitet und in Kürze online gestellt. Ich empfehle dringend, am besten sämtliche Vorträge anzuschauen. Ich hoffe, dass zukünftig noch mehr Christen sich in diese so wichtige Debatte einbringen. Und lasst uns gemeinsam dafür beten, dass die Kirche Jesu insgesamt auf eine Spur findet, die zu wachsender Einheit und zu einem erwecklichen, missionarischen Aufbruch führt.

Macht – Die dreifache Versuchung für christliche Leiter

Die Bibel berichtet, dass Jesus sich vor dem Beginn seines öffentlichen Dienstes einer besonderen Prüfung unterziehen musste. Nach einer 40-tägigen Fastenzeit in der Wüste wurde er dreifach vom Teufel versucht (Matthäus 4, 1-11; siehe auch Lukas 4, 1-13). Diese kurze Geschichte ist vor allem für christliche Leiter von enormer und grundlegender Bedeutung. Denn die Strategien des „Versuchers“ (in der Bibel eine andere Bezeichnung für den Teufel) sind bis heute die gleichen geblieben:

1. Missbrauch der eigenen Macht

Als Jesus nach der langen Fastenzeit überaus hungrig war, machte ihm der Teufel einen verführerischen Vorschlag: „Wenn du der Sohn Gottes bist, befiehl doch, dass die Steine hier zu Brot werden!“ Keine Frage: Jesus hätte das gekonnt! Wer Wasser in Wein verwandeln kann, kann auch Steine in Brot verwandeln. Aber er wusste, dass er seine Macht nicht beliebig für die eigene Bedürfnisbefriedigung missbrauchen durfte.

Missbrauch der eigenen Macht ist bis heute eines der größten Probleme in unseren Gemeinden. Kirchen- und Gemeindeleiter missbrauchen ihre Macht, um ihre eigene Position und die eigenen Kirchen- und Gemeindestrukturen abzusichern. Wie viele Aufbrüche wurden abgewürgt, weil sie nicht die bestehenden Strukturen gestützt haben, sondern weil der neue Wein neue Schläuche gebraucht hätte? Wie viele Aufbrüche wurden bekämpft, weil sie den Wünschen der Mächtigen in Kirchen und Gemeinden widersprachen? Wie viele Gottesdienste und Gemeinden sind routiniert und kraftlos, weil Kirchen- und Gemeindeleiter ihre Macht missbrauchen, um Veränderung zu unterdrücken? Wie viel kraftvolles Gotteswort ist verloren gegangen, weil die Mächtigen in Kirchen und Gemeinden das Kanzelrecht aufgrund von Ämtern und Ausbildung vergeben statt aufgrund von Gabe und Berufung?

Jesus antwortet mit einem Schriftwort: „In der Heiligen Schrift steht: Der Mensch lebt nicht nur von Brot. Nein, vielmehr lebt er von jedem Wort, das aus dem Mund Gottes kommt.“ Wo geistliche Leiter nur ihre eigenen Brötchen backen, verhungern Kirchen und Gemeinden. Geistliches Leben entsteht dort, wo wir dem kraftvollen Wirken von Gottes Wort Raum geben, auch wenn wir die Wirkungen dieses Wortes nicht kontrollieren können.

2. Missbrauch der Nähe zur Macht Gottes

Im zweiten Anlauf versucht der Teufel, Jesus mit seiner Nähe zur Macht Gottes zu verführen: „Wenn du der Sohn Gottes bist, spring hinunter! Denn in der Heiligen Schrift steht: ›Er wird seinen Engeln befehlen: Auf ihren Händen sollen sie dich tragen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt.‹“ Jesus war sich der Macht Gottes sicher bewusst. Gott sandte ihm immer wieder Engel, so auch am Ende dieser Geschichte in der Wüste. Und was wäre das für eine Show gewesen! Ein Mann, der vom Dach des Tempels springt und von Engeln aufgefangen wird, bräuchte nicht mehr mühsam um Respekt und Aufmerksamkeit kämpfen.

Auch heute noch ist die (gefühlte oder angemaßte) Nähe zur Macht Gottes eine gewaltige Versuchung für christliche Leiter. Ich denke an manche charismatische Frontleute, die eine emotional aufgeladene Atmosphäre, Wunder und Geistesgaben nutzen, um Aufmerksamkeit und Spendenaufkommen zu generieren. Ich denke an manche Christen, die vorschnell persönliche Meinungsäußerungen mit „So spricht der Herr“ oder „Die Bibel sagt“ unterlegen, um Widerspruch von vornherein auszuschließen. Ich denke an manche Kirchen- und Gemeindeleiter, die ihr Amt missbrauchen, um Dinge und Handlungen zu segnen, die Gott niemals segnen würde. Ich denke an manche Pfarrer, Pastoren und Prediger, die ihr Amt missbrauchen, indem sie wahllos jedem das Heil, den Segen und die Vergebung Gottes zusprechen, ohne zugleich über die Realität der Sünde und die Notwendigkeit zur Umkehr zu sprechen. Und ich frage mich, wie oft ich selbst schon in solche Fallen getappt bin.

Die Antwort Jesu ist klar: „Es steht aber auch in der Heiligen Schrift: ›Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen!“ Gott vor den eigenen Karren zu spannen, hat immer katastrophale Folgen.

3. Missbrauch der Nähe zur weltlichen Macht

Im dritten Anlauf lenkt der Teufel den Blick Jesu auf die weltliche Macht: „Er zeigte ihm alle Königreiche der Welt in ihrer ganzen Herrlichkeit. Er sagte zu ihm: »Das alles will ich dir geben, wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest!«“ Damit ließ der Teufel Jesus spüren: In diesem Augenblick bist Du mit der zentralen Schaltstelle der weltlichen Macht in Verbindung. Ein kurzes Gebet – und die Macht gehört Dir! Du könntest sie für großartige Dinge einsetzen: Kriege beenden. Für soziale Gerechtigkeit sorgen. Übeltäter stoppen…

Ich sehe das überall in der kirchlichen Welt: Die Nähe zur politischen Macht und zu den intellektuellen Eliten ist überaus verführerisch. Da lohnt es sich doch scheinbar, das Evangelium ein wenig zeitgeistiger zu formulieren, um von Steuertöpfen profitieren zu können, um in den Medien Beifall zu bekommen, um in der akademischen Welt Anerkennung zu finden. Und es lohnt sich doch scheinbar, sich nicht mit der Kirchenleitung anzulegen, ganz egal, wie sehr sie sich auch verirrt. Wenn ich mich mit der Kirchenleitung gut stelle, dann darf ich vielleicht ein wenig mitreden. Dann kann ich vielleicht eher die eigenen Interessen einbringen. Dann bekommt meine Organisation vielleicht ein paar mehr Stellen und ein wenig mehr Geld aus den Kirchensteuer- bzw. Spendentöpfen. Und damit könnte man doch so großartige Dinge bewegen…

Auf solche Spielchen ließ Jesus sich nicht ansatzweise ein: „Da sagte Jesus zu ihm: »Weg mit dir, Satan! Denn in der Heiligen Schrift steht: ›Du sollst den Herrn, deinen Gott, anbeten und ihn allein verehren!‹« Daraufhin verließ ihn der Teufel. Und es kamen Engel und sorgten für ihn.“ Die Grundlage für den Dienst Jesu lag darin, all diesen Versuchungen zur Macht gründlich zu widerstehen. Stattdessen behielt er den Fokus auf Gottes Macht und Souveränität. Seine feste Verwurzelung in der Heiligen Schrift war dafür von entscheidender Bedeutung.

Wir müssen uns bewusst machen, wie verführbar wir sind

Die Botschaft dieser biblischen Episode ist drastisch: Wehe uns, wenn wir selbst die Macht in den Gemeinden und Kirchen übernehmen, statt Christus das Haupt der Kirche sein zu lassen. Wehe uns, wenn wir Gott für unsere eigenen Ziele missbrauchen. Wehe uns, wenn wir das Evangelium beschneiden, um von weltlicher oder kirchlicher Macht profitieren zu wollen. Ja, natürlich sollen wir unsere Talente und unseren Einfluss weise nutzen. Natürlich sollen wir Gottes Macht endlos viel zutrauen. Natürlich sollen Christen auch die Welt mitgestalten und dafür gerne auch politische Macht anstreben. Aber wir müssen uns dabei jederzeit unserer enormen Verführbarkeit bewusst sein. Wir müssen uns immer wieder klar machen: Die Versuchung zum Machtmissbrauch ist gigantisch. Das gilt besonders dann, wenn wir persönlichen Mangel erleben und gerade durch eine Wüstenzeit gehen.

Es gibt für uns nur einen Schutz: Die Anbetung Gottes. Die feste Verwurzelung in dem Vertrauen, dass ER uns versorgt und sein Werk in der Kirche Jesu und in der Welt tut, so dass wir ihm nicht mit eigenen Machtmitteln vorgreifen müssen. Und die feste Verwurzelung in der Heiligen Schrift. Dieser Fokus, dieses Vertrauen und diese Verwurzelung war die unverzichtbare Grundlage für den Dienst Jesu. Wir sollten nicht glauben, dass wir diesen Versuchungen entgehen können, wenn wir diesen Fokus und diese Verwurzelung nicht haben.

Es sollte uns in eine gesunde Unruhe versetzen, wenn wir sehen, wie viele geistliche Leiter in eine oder mehrere dieser Fallen getappt sind und dadurch schlimmen Schaden für sich selbst und für die Kirche Jesu verursacht haben. Immer wieder will ich mir deshalb bewusst machen: Ich bin nicht besser als sie! Ich bin genauso verführbar! Die Versuchung klopft genauso auch an meine Tür! Und ich habe selbst oft genug versagt. Ich brauche Gottes Gnade, das Aufschauen zu Jesus und die feste Verwurzelung in seinem Wort, um so wie Jesus bestehen zu können und dadurch bereit zu werden für einen gesegneten Dienst.

Spaltet Populismus die Evangelikalen?

Ein Narrativ geht durch die evangelikale Welt. Man könnte es in etwa so formulieren: Die größte Gefahr für evangelikale Christen liege heutzutage darin, rechtspopulistischen Versuchungen zu erliegen.[1] Eine Reihe von Signalen eines „rechtspopulistisch verfremdeten Christentums“ gibt demnach Anlass zur Sorge[2]: Abgrenzung gegen den gesellschaftlichen und medialen „Mainstream“. Eine kämpferische Rhetorik. Eine pessimistische bis apokalyptische Gesinnung. Eine identitätsstiftende „Anti-Haltung“, auf deren Basis man auch Verbindungen mit nichtchristlichen rechten Organisationen nicht mehr scheut. Als abschreckendes Beispiel dient der Blick in die USA, wo 80% der weißen Evangelikalen Donald Trump gewählt haben. Das hat dem Ruf der Evangelikalen sehr geschadet. Sind solche Entwicklungen auch in Deutschland zu befürchten?

Nach meiner Beobachtung ist es unter anderem auch diese Sorge, die dazu führt, dass viele christliche Leiter sich immer skeptischer und distanzierter verhalten gegenüber Christen, die sich aus ihrer Sicht nicht klar genug abgrenzen von politischen Positionen rechts der Mitte. Auf gar keinen Fall möchte man in Verbindung gebracht werden mit „Impfskeptikern“, „Klimaleugnern“ oder „radikalen Abtreibungsgegnern“. Misstrauen zieht ein, selbst unter Christen, die in Bezug auf ihre Theologie und Prägung eigentlich ganz nah beieinander sein sollten. Mich betrübt das sehr.

Umso mehr war ich überrascht von der EKD-Synode in Magdeburg. Mir fiel auf: Sämtliche oben genannte Signale waren dort in Reinform zu finden. Ich kenne keine Bewegung, die so pessimistisch, ja apokalyptisch ist wie die „Letzte Generation“. Diese Gruppe ist kämpferisch, nicht nur verbal, sondern auch durch ihre gesetzeswidrigen Aktionsformen. Sie stellt sich auf den Straßen sichtbar gegen den Mainstream, der aus ihrer Sicht viel zu zögerlich auf die Klimakrise reagiert. Sie hat eine klare Anti-Haltung gegenüber unserer sozialen Marktwirtschaft, weil aus ihrer Sicht der „westliche Kapitalismus“ für die Klimakrise verantwortlich sei und überwunden werden müsse. Trotzdem rief die Präses der EKD Anna Nicole Heinrich dazu auf, dass die Kirche sich mit diesen „radikalen Klimaaktivist*innen“ vernetzen und solidarisieren solle. Der einzige Unterschied zum eingangs geschilderten Narrativ: Diese Organisation ist nicht „rechts“, im Gegenteil: Auf der Homepage der Letzten Generation wird für eine Solidaritätserklärung der Interventionistischen Linken geworben, die vom Verfassungsschutz beobachtet und als linksextremistisch betrachtet wird.

Nun stellt sich mir die Frage: Warum höre ich von Christen, die das eingangs geschilderte Narrativ so betonen, jetzt so wenig Kritik? Und überhaupt: Warum blickt dieses Narrativ denn eigentlich nur nach „rechts“? Gibt es auf der anderen Seite des politischen Spektrums nicht genau die gleiche Gefahr? Macht nicht gerade diese EKD-Synode mehr als deutlich, dass „links“ genau die gleiche Versuchung lauert?

Mein Eindruck ist: Auch ein einseitiger und inflationärer Gebrauch des Populismusvorwurfs kann zu Polarisierung und Spaltung führen, auch unter Christen. Und wir sollten uns immer bewusst sein: Der Kirche Jesu droht immer eine weit grundsätzlichere Gefahr als Populismus. Egal wie wichtig und richtig bestimmte Anliegen wie der Klima- oder der Lebensschutz auch sein mögen: Die Mitte der Kirche Jesu muss immer das Feuer der Liebe Gottes und die Leidenschaft für das Evangelium sein. Randthemen drängen sich immer besonders dann besonders leicht ins Zentrum, wenn dieses Feuer erkaltet und das Evangelium verschwimmt. Wenn die Identität in Christus schwindet, dann wächst die Versuchung, eine Ersatzidentität in (populistischen) politischen Zielen zu suchen. Dann wird die christliche Hoffnung überlagert von Sorge und Angst. Dann schieben sich andere Botschaften vor die Botschaft vom Kreuz. Dann werden politische Übereinstimmungen plötzlich wichtiger als der gemeinsame Glaube. Dann hält die gesellschaftliche Polarisierung Einzug in die Kirche.

Ich finde es gut, wenn Christen sich auch politisch engagieren. Und ich unterstütze die Warnung vor undemokratischen Extremen, egal aus welcher Richtung sie kommen. Zugleich meine ich, dass wir Christen uns nicht voneinander distanzieren sollten, nur weil wir zu Themen wie Impfung, Klima, Medien oder Parteien unterschiedliche Einschätzungen haben. In politischen Fragen waren sich Christen noch nie einig. Was die Kirche eint, ist die Liebe zu Christus und der gemeinsame Auftrag, den Christus uns gegeben hat: Machet zu Jüngern alle Völker. Es gibt keinen besseren Schutz vor “populistischen” Versuchungen als die heiße Liebe zu Jesus, das demütige Hören auf sein Wort sowie die gemeinsame Leidenschaft für seine Rettungsbotschaft, die allen Menschen gilt. Die Besinnung auf dieses Zentrum würde ich gerade auch meiner evangelischen Kirche dringendst wünschen und empfehlen.

[1] So schreibt Thorsten Dietz im Buch „Menschen mit Mission“: „Ich sehe in der rechtspopulistischen Versuchung die größte Gefahr der Evangelikalen in der Gegenwart.“ (S. 301)

[2] Ausführlich im Präsesbericht 2022 von Steffen Kern Seite 21 ff. (https://www.gnadauer.de/uploads/_gnadauer/2022/03/22-02-Pra%CC%88sesbericht-Druck.pdf)

Offen.bar feiert Geburtstag!

Heute feiert die offen.bar-Mediathek ihren ersten Geburtstag! 🎉 Aus diesem Anlass haben wir ein kleines Video produziert mit einem Überblick, welche guten Inhalte sich im vergangenen Jahr bei offen.bar bereits angesammelt haben. Schau mal rein:

Wir sind dankbar für wachsenden Zuspruch und viele gute Rückmeldungen, die wir auf unterschiedlichen Kanälen bekommen. Zum Ausblick sei gesagt: Wir haben viel vor im kommenden Jahr! Und dafür brauchen wir Dich. Wie hat Dir offen.bar bisher gefallen? Was können wir noch besser machen? Wir würden uns freuen, von Dir zu hören. Und wir wären Dir dankbar, wenn Du mithilfst, offen.bar bekannt zu machen!

Die gute Nachricht vom erlösenden Kreuz

Dieser Artikel entspricht in weiten Teilen dem gleichnamigen Vortrag, der am 15.10.2022 bei der Pfarrerarbeitsgemeinschaft Confessio gehalten wurde, und der hier auf YouTube angesehen werden kann:

Kürzlich hatte ich im Internet eine kleine Diskussion mit einem Pfarrer. Ich hatte die These vertreten, dass wir in der Kirche keine Einigkeit haben zu der Frage, was denn eigentlich das Evangelium ist. Der Pfarrer war empört. Seine Meinung war: Selbstverständlich sind wir beim Evangelium beieinander. Und natürlich verkünden wir dieses Evangelium gemeinsam. Auf meine Frage, was denn aus seiner Sicht diese gemeinsame Evangeliumsbotschaft ist, antwortete er:

Das Evangelium ist, dass Gott in Christus Mensch wurde, um der Welt seine Liebe zu zeigen.

Nach kurzem Nachdenken habe ich geantwortet: Diese Aussage stimmt zwar. Aber das Problem beginnt schon bei der Frage: Sind wir uns denn wirklich einig darin, dass Gott in Christus Mensch wurde? War Jesus von Nazareth wirklich der präexistente, menschgewordene Gott, wie das Johannes 1 so eindrücklich bezeugt? Meine Wahrnehmung ist, dass das in der evangelischen Theologie bestenfalls eine Minderheitenmeinung darstellt. Von Konsens kann keine Rede sein.

Zudem bin ich der Meinung: Ein Evangelium, das sich nur auf die Liebe Gottes beschränkt, aber nichts sagt über Sünde, Schuld, Trennung von Gott, Vergebung, Rechtfertigung, Erlösung, das ist höchstens die halbe Botschaft. Das ist bei weitem nicht das Evangelium der Bibel, das der Kirche aufgetragen ist.

Es geht um den innersten Kern unseres Glaubens

Die kurze Diskussion macht deutlich: Das Evangelium und die Kreuzestheologie ist kein Sonderthema für nerdige Theologen. Bei der Kreuzestheologie geht es ans Eingemachte. Es geht um den innersten Kern unseres Glaubens, um den Kern des Evangeliums, um das Zentrum der Kirche Jesu. Wer die Kreuzestheologie ändert, der verpasst dem Christentum keinen neuen Haarschnitt, sondern der nimmt am Christentum eine Herztransplantation vor. Die Frage, warum Jesus am Kreuz gestorben ist, hat für unseren Glauben und für unsere Kirche extrem weitreichende und sehr praktische Konsequenzen.

Persönlich habe ich erst relativ spät angefangen, mich mit dieser Frage zu beschäftigen. Jahrzehntelang war für mich die Antwort eigentlich simpel und sonnenklar. Warum ist Jesus am Kreuz gestorben? Logisch: Für mich! Um meiner Vergehen willen! Die Strafe, die ich verdient hätte, lag auf ihm, damit ich Frieden habe mit Gott. Sein Opfer hat meine Schuld bezahlt (oder „gesühnt“). Mein Schuldschein hängt am Kreuz. Deshalb habe ich freien Zugang zu Gott und deshalb steht mein Name im Buch des Lebens. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, dass es bei diesen allerzentralsten Aussagen unseres Glaubens etwas zu diskutieren gäbe.

Ein Wust von Deutungen

Es ist erst ein paar Jahre her, dass ich einsehen musste: In der theologischen Welt ist bei diesem Thema überhaupt nichts klar ist, im Gegenteil: Zur Frage, warum Jesus am Kreuz gestorben ist, ist mir ein ganzer Wust an „Deutungen“ entgegengeschwappt. Klar war für diese Theologen eigentlich nur eines: Meine simple Sühneopfererklärung sei jedenfalls grundverkehrt.

In der Mediathek Worthaus fiel mir auf, dass gleich zwei Referenten (Thomas Breuer und Wilfried Härle) wortgleich sagten: „Gott braucht kein Opfer und schon gar kein Blut.“ Thomas Breuer legt zudem nach mit den Worten: „Ein Gott der Menschenopfer braucht ist nicht der gütige Vater, es ist nicht Jahwe, es ist der Gott Moloch. Es ist kein Gott dem man vertrauen kann.“ „Jesu Tod an sich ist sinnlos.“ „Erlösend ist nicht der Tod am Kreuz, erlösend ist allein die Liebe Gottes.“

Sehr beschäftigt hat mich auch der Worthausvortrag von Thorsten Dietz zu diesem Thema. Darin äußert er: „Diese stellvertretende Strafleidungstheorie, wo ist das im neuen Testament? Das ist nicht zu finden!“ „Nicht Menschen versöhnen Gott, sondern Gott versöhnt Menschen. … Das ist ein Versöhnungshandeln Gottes, ein Befreiungshandeln, es ist ein Heilshandeln. Und da ist 0,0 bei: Ja, jetzt musst Du Gott wieder versöhnen, der ist sauer, der kocht vor Wut, du musst den beschwichtigen. Das ist überhaupt nicht. … Die Botschaft ist: Gott für uns! Jesus für uns! Jesus zu unserem Heil! … Es geht um eine Botschaft der Liebe. Es geht um eine Botschaft der radikalen Barmherzigkeit. Es geht um eine Liebeserklärung. Es geht darum, was man manchmal mit einem Blumenstrauß ausdrückt: Ein  großes »Für Dich«! Ein großes „Ja“!“

Und im freikirchlich geprägten SCM-Buch „glauben lieben hoffen“ schreibt der Baptistenpastor Matthias Drodofsky: „So wurde und wird häufig argumentiert: Infolge des Sündenfalls ist der Mensch getrennt von Gott, und nur ein vollkommenes Opfer kann die Beziehung zwischen Gott und Mensch wieder in Ordnung bringen. … Hat eigentlich mal jemand gefragt, warum eine Opferhandlung  … dies erreichen können soll? … Gott vergibt, weil er ein gnädiger Gott ist, ohne dass Gott durch Töten und Blutvergießen milde gestimmt werden müsste. … um die Sünde der Menschen hinweg zu nehmen, braucht es eigentlich kein Opfer und keinen Geopferten.“

Ist das Kreuz nur für die Menschen da?

Immer wieder wird da also gesagt: Das Kreuzesgeschehen ist für die Menschen da. Gott muss nicht versöhnt werden. Gott braucht kein Opfer. Bei Gott ist alles in Ordnung. Er ist nicht gekränkt oder sauer. Und da möchte man spontan natürlich am liebsten sagen: Ja, natürlich. Bestimmt ist Gott nicht launisch. Er hat sich emotional vermutlich sehr viel besser im Griff als wir. Aber trotzdem frage ich mich: Geht es beim Kreuzesgeschehen wirklich nur um uns Menschen? Geht es nur darum, dass wir Menschen uns mit Gott, mit uns selbst und mit anderen Menschen versöhnen können? Wäre für Gott denn auch ohne das Kreuz schon alles in Ordnung gewesen?

Eine Fülle von Bildern und Vergleichen

Richtig ist: Im Neuen Testament werden sehr verschiedene Bilder und Begriffe gebraucht, um die Bedeutung des Kreuzestodes zu beschreiben. Da gibt es Bilder aus der Welt des Tempelkults, aus dem Bereich der Justiz, aus der Welt des Sklavenmarkts, aus dem Umfeld der Familie. Da ist die Rede von Sühnung, von Rechtfertigung, von Erlösung, von Versöhnung. Aber was folgt daraus? Heißt das, dass sich das Neue Testament gar nicht einig darüber ist, was der Tod Jesu am Kreuz zu bedeuten hat? Sind das alles nur Deutungsversuche der ersten Christen, die darum gerungen haben, diesem grauenvollen Geschehen irgendwie einen Sinn zu geben? So wird das ja manchmal dargestellt.

Genau mit dieser Frage habe ich mich intensiv beschäftigt. Im Neuen Testament ist mir dabei aufgefallen: Man kann viele Bibelverse finden, in denen mehrere dieser Bilder und Vergleiche in einem Satz miteinander verbunden und aufeinander bezogen werden. Das heißt: Diese Bilder wirken zusammen! Man kann sie nicht gegeneinander ausspielen oder als alternative Varianten betrachten. Sie beschreiben alle gemeinsam dieses große Heilsgeschehen am Kreuz.

Das stellvertretende Opfer: Ein roter Faden quer durch die ganze Bibel

Was mich aber am meisten beeindruckt hat, sind diese großen roten Fäden zum stellvertretenden Sühneopfer, die sich quer durch die ganze Bibel ziehen. Ich denke zum Beispiel an die Geschichte von Abraham und Isaak, bei dem ein Schaf stirbt anstelle von Isaak, und zwar genau an dem Ort, an dem später der Sohn Gottes tatsächlich diesen Opfertod stirbt. Ich denke an das geschlachtete Lamm beim Auszug Israels aus Ägypten, das die Israeliten vor dem todbringenden Gericht Gottes rettet. Ich denke an die Evangelien, in denen Jesus als das Lamm Gottes bezeichnet wird, das die Sünde der Welt trägt. Und nach der Chronologie des Johannes starb Jesus genau in dem Moment am Kreuz, in dem im Tempel die Passalämmer geschlachtet wurden. Ich denke an die Offenbarung, in der es vielfach heißt, dass die Heiligen ihre Gewänder im Blut des Lammes gewaschen haben. Und was mich persönlich am meisten beeindruckt ist dieses unfassbare Kapitel Jesaja 53! Da lesen wir, dass dieser Gottesknecht um unserer Sünde willen zerschlagen wird, dass die Strafe auf ihm liegt, dass er wie ein Lamm zur Schlachtbank geführt wird, dass er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat, dass er unsere Sünden trägt.

Das bedeutet: Die gesamte Bibel ist in Bezug auf das Motiv des stellvertretenden Opfertods absolut klar. Und es ist dieser stellvertretende Opfertod, der auch im Zentrum all dieser neutestamentlichen Bilder steht. Der Theologe John Stott schrieb dazu:

„Wenn Gott in Christus nicht an unserer Stelle gestorben wäre, könnte es weder Sühnung noch Erlösung, weder Rechtfertigung noch Versöhnung geben.“

„Für uns“ gestorben – was bedeutet das?

Dass das so ist, weiß die Kirche nicht erst seit Anselm von Canterbury, wie manche Leute meinen. Schon im Nicäno-Konstantinopolitanum, dem großen Glaubensbekenntnis aus dem 5. Jahrhundert, das bis heute weltweit die christlichen Kirchen verbindet, heißt es: Er ist „FÜR UNS“ gestorben („PRO NOBIS“). Was bedeutet das? Ist dieses „für uns“ wirklich nur als Liebesbeweis gemeint? Das kann ich mir nicht vorstellen. Wie sollte denn eine grauenvolle Hinrichtung ein Liebesbeweis sein? Meine Frau freut sich, wenn ich ihr Blumen bringe, aber nicht, wenn ich ihr schreibe: Heute sterbe ich für Dich. Das macht keinen Sinn. Ein Liebesbeweis wäre das nur dann, wenn meine Frau dadurch gerettet wird. Wenn nur noch 1 Platz im Rettungsboot frei ist und ich sage zu meiner Frau: Du gehst rein und ich bleibe hier. Ich sterbe, damit Du leben kannst. DAS wäre ein Liebesbeweis.

Der Theologe Gerhard Barth hat deshalb zurecht geschrieben:

„Das ‚für′ … muss … nicht immer und überall den Gedanken der Stellvertretung einschließen, sondern kann auch einfach besagen: ‚zugunsten von′. Wird freilich weiter darüber reflektiert, inwiefern sein Tod zu unseren Gunsten geschehen sei, kommt man doch auf den Stellvertretungsgedanken.“

Wovor werden wir gerettet?

Die Frage ist natürlich: Wovor werden wir denn durch den Kreuzestod Jesu gerettet? Im Römerbrief schreibt Paulus:

„Das Blut von Christus wurde für uns vergossen. Umso gewisser können wir sein, dass wir dann auch vor Gottes Zorn gerettet werden.“ (Römer 5,9)

Demnach ist es also der Zorn Gottes, vor dem wir gerettet werden müssen. Tatsächlich sehen wir im Römerbrief: Die Sündhaftigkeit der Menschen, die den Zorn Gottes hervorruft, ist die Grundlage, auf der Paulus das Evangelium entfaltet.

Mit dem Zorn Gottes tun wir uns heute allerdings ungeheuer schwer. Ist Gott nicht die Liebe? Wie passt das zu einem zornigen, richtenden Gott? Tatsache ist: Wer die Bibel liest, kommt am Zorn und am Gericht Gottes nicht vorbei. Auch wenn uns das vielleicht nicht schmeckt: Die Bibel ist voll davon! Denken wir an die Sintflut. Denken wir an Sodom und Gomorra. Denken wir an Gottes Gericht über Israel, an ihre Vertreibung in die ganze Welt. Und so geht es ja weiter im Neuen Testament: Jesus selbst hat immer wieder Gericht angekündigt. Und die Gerichtsankündigungen in der Offenbarung sind nicht weniger erschreckend als die Gerichtsankündigungen der Propheten im Alten Testament.

Natürlich ist Gott die Liebe. Aber die Bibel macht zugleich immer und immer wieder deutlich, dass unser Gott eben auch ein Richter ist. Er ist zwar langsam zum Zorn. Aber er ist auch kein Schwamm-Drüber-Gott, der endlos zusieht, wie wir Menschen uns gegenseitig quälen, berauben, belügen, mobben und zerstören. Gerade weil Gott die Menschen liebt ruft es seinen Zorn hervor, wenn wir so grausam und brutal mit seinen geliebten Menschenkindern umgehen.

Gott kann nicht wegschauen

Schauen Sie gerne Tatort? Ich und meine Frau sehen uns das immer wieder gerne an. Aber ich mag es nicht, wenn die Gewalt allzu explizit wird. Dann mache ich lieber die Augen zu und rufe mir ins Gedächtnis: Das ist alles nur Film. Das Blut ist nicht echt. Der ist nicht wirklich tot. Aber bei Gott ist das anders: Er kann nicht wegsehen. Da schwenkt die Kamera nicht weg. Die Grausamkeit ist echt. Er ist gerade jetzt live dabei in der Ukraine. Im Iran. Und in so vielen Häusern mitten in Deutschland, wo der Menschenhandel blüht. Wo Frauen und Kinder missbraucht werden. Wo Ungeborene abgetrieben werden. Er muss sich das alles live und in Farbe mit ansehen, was wir da tun. Er spürt die ganze Grausamkeit.

Glauben wir ernsthaft, dass ein Gott, der die Menschen liebt, da nicht zornig wird? Glauben wir ernsthaft, dass Gott da einfach sagt: Nicht so schlimm… Ich finde: Ein Gott, der angesichts der Gewalt auf der Erde nicht zornig werden würde, das wäre auch kein Gott der Liebe. Das wäre ein kalter, abgebrühter, gleichgültiger Gott. Aber beim Gott der Bibel ist das anders. Der Gott der Bibel ist kein netter Opa im Himmel, der unsere Verbrechen einfach weglächelt. Er ist ein heiliger Gott, ein verzehrendes Feuer. Er liebt die Menschen – und gerade deshalb hasst er die Sünde!

Deshalb geht es beim Tod Jesu am Kreuz eben nicht nur um den Menschen, sondern eben auch um Gott. Um seinen Zorn. Um seine Heiligkeit. Um seine Gerechtigkeit. Denn das macht die Bibel ja immer wieder klar: Das Unrecht, das auf dieser Welt geschieht, wird nicht einfach vergessen. Am Ende kommt alles noch einmal auf den Tisch. Der Tag des Gerichts ist real. Gott wird für Gerechtigkeit sorgen. Was für eine gute Nachricht für all die unterdrückten und bedrängten Menschen auf dieser Welt!

Wir hätten es allesamt verdient, verurteilt zu werden

Aber Gott wusste eben auch: Wenn er für völlige Gerechtigkeit sorgt, dann wird er am Ende jeden Menschen verurteilen müssen. Denn jeder Mensch ist verstrickt in Sünde, ausnahmslos. Jeder Mensch tut böse Dinge. Jeder Mensch schädigt andere Menschen. Das gilt nicht nur für schlimme Verbrecher. Das gilt auch für Dich und für mich. Deshalb musste Gott einen Weg zum Umgang mit unserer Sünde finden, der sowohl seiner Liebe und Gnade wie auch seiner Gerechtigkeit und Heiligkeit entspricht. Er musste einen Weg finden, durch den wir leben können, ohne dass die Ungerechtigkeit unserer Sünde und seine Gerechtigkeit übergangen wird.

Und deshalb geht es beim Kreuz auf keinen Fall nur darum, dass unser menschliches Gewissen entlastet wird. Nein, das Kreuz hat auch etwas mit der Heiligkeit und mit dem gerechten Zorn Gottes zu tun, der hier am Kreuz in ein schreckliches Gerichtshandeln, in eine schreckliche Strafe mündet. Eine Strafe, die Jesus, der Sohn Gottes, selbst an unserer Stelle trägt. Jesus, und somit Gott selbst, erleidet die Strafe, die wir verdient hätten. Er stirbt den Tod, den wir hätten sterben müssen, damit wir das Leben haben. Oder um es noch einmal mit John Stott zu sagen:

„Das biblische Evangelium der Sühne ist, dass Gott sich selbst Genüge tat, indem er selbst an unsere Stelle trat.“Es ist ein und derselbe Gott, der uns durch Christus vor sich selbst rettet.“

DAS ist in wenigen Worten zusammengefasst die gute Nachricht vom erlösenden Kreuz.

Warum Jesu Kreuzestod kein Menschenopfer ist

Und damit ist übrigens auch klar: Natürlich ist dieser Tod am Kreuz kein Menschenopfer, wie manche behaupten. Denn Jesus von Nazareth war ja nun einmal nicht nur ein Mensch. Die Bibel macht klar: Er war zugleich auch ganz Gott. Gott opfert sich selbst am Kreuz. Und wer das versteht, der kann eigentlich nur noch anbetend auf die Knie fallen vor diesem unglaublichen Gott.

Warum ist das so wichtig? Was steht auf dem Spiel?

Warum brauchen wir diese Lehre von der Stellvertretung, vom Zorn und vom Gericht Gottes? Ist das nicht alles nur Streit um Worte? Verschrecken wir damit die Menschen nicht eher, als dass wir sie gewinnen? Warum kann das nicht jeder so sehen, wie er möchte? Sollten wir uns nicht lieber gemeinsam darauf konzentrieren, uns zu engagieren für die Menschen und für eine bessere Gesellschaft?

Das höre ich so oft: Lasst uns doch nicht um solche theologischen Fragen streiten. Wir wollen uns doch lieber engagieren für die Bewahrung der Schöpfung, für Flüchtlinge, für den Klimaschutz, für soziale Gerechtigkeit. Und ja, ich finde ja auch: Natürlich muss die Kirche einen Beitrag dazu leisten, dass diese Welt ein besserer Ort wird. Da sind wir uns völlig einig. Die Frage ist nur: Wie geht das? Wie können wir diese Welt wirklich nachhaltig verbessern?

Die erneuernde Kraft des Evangeliums steht auf dem Spiel

Und auf diese Frage hat das biblische Evangelium eine sehr radikale Antwort. Dieses Evangelium sagt: Das Herz der Probleme dieser Welt sind nicht die ungerechten Umstände, wie Karl Marx das fälschlicherweise angenommen hat. Das Herz der Probleme ist nicht das System. Es ist nicht der Kapitalismus, der Ungerechtigkeit hervorbringt. Das biblische Evangelium sagt: Das Herz des Problems ist das Problem unseres Herzens, das hoffnungslos in Sünde verstrickt ist. Es ist unser menschliches Herz, das alle diese Ungerechtigkeiten hervorbringt. Und genau damit konfrontiert uns das Kreuz! Es zeigt uns, dass wir Menschen so tief in Sünde verstrickt sind, dass ein anderer unsere Strafe erleiden muss, um uns zu retten. Das ist demütigend. Das holt uns herunter vom hohen Ross unserer Selbstgerechtigkeit. Und genau das ist so wichtig für uns! Denn wer noch auf dem hohen Ross sitzt, der braucht keine Umkehr. Der braucht keine Gnade. Der braucht keine Erneuerung des Herzens durch das Kreuz und durch den Heiligen Geist.

Genau in dieser Demütigung liegt das Geheimnis und die Kraft des Evangeliums! Ja, das Christentum hat eine weltverbessernde Kraft. Das kann man gerade in der Geschichte Europas sehr eindrucksvoll nachweisen. Aber diese Kraft des Evangeliums liegt eben nicht in moralischen Aufrufen, die Welt zu verbessern. Das Evangelium geht tiefer. Es geht an die Wurzel unserer Probleme. Das Evangelium tut das, was kein Politiker kann. Es zielt im Kern auf eine Erneuerung der Herzen. Und genau deshalb bleibt Theologie so fruchtlos, wenn sie nur auf moralische Weltverbesserung zielt. Was die Welt wirklich verändert, das ist dieses Evangelium, das die Sündhaftigkeit und die Erlösungsbedürftigkeit der Menschen in den Blick nimmt. Wer das nicht glaubt, dem empfehle ich dringend zum Beispiel die Lektüre des „Buchs der Mitte“ von Vishal Mangalwadi. Echte Veränderung unserer Kultur und unserer Gesellschaft, echte Verbesserung der Lebensverhältnisse geschieht immer dort, wo das ganze biblische Evangelium ernst genommen und verkündigt wird.

Die Rechtfertigung aus Gnade steht auf dem Spiel

Aber das ist nicht der einzige Grund, warum mir dieses Thema so wichtig ist. Erst vor kurzem schrieb mir ein Pfarrer: Das sei doch Unsinn, dass Gott ein stellvertretendes Opfer braucht, um vergeben zu können. Gott kann doch einfach so vergeben. Er hat das doch auch immer wieder getan! Denk an Ninive! Die Menschen haben Buße getan, und das hat genügt. Da hat es kein Opfer gebraucht, um das Gericht Gottes über Ninive abzuwenden. Und das stimmt! In Hesekiel Kapitel 18 entfaltet der Prophet diese Wahrheit ganz ausführlich. Hesekiel sagt da: Wer Böses tut, wird gerichtet und muss sterben. Aber wer sich an Gottes Gebote hält, der wird leben. Und wer umkehrt und Buße tut und Gottes Gebote hält, der wird leben und nicht sterben. Da ist weit und breit nicht von Opfer und Sühne die Rede. Es stimmt also: Gott kann auch so vergeben, wenn wir Buße tun und uns an seine Gebote halten.

Das Problem ist nur: Wo landen wir, wenn wir das Evangelium auf diese Botschaft reduzieren und das Sühneopfer weglassen? Auch im Neuen Testament ist ja von Umkehr die Rede, von guten Werken, vom Halten der Gebote. „Lehrt sie halten alles, was ich euch befohlen habe“, sagt Jesus. Und: „Wer mich liebt, der wird meine Gebote halten.“ Aber wie gut, dass das nicht die ganze Botschaft ist! Wie gut, dass die Forderung nach dem Halten der Gebote im Neuen Testament auf dem Fundament der Rechtfertigung allein aus Gnade steht. Wie gut, dass ich im Gericht nicht auf mein bußfertiges Herz und auf meine guten Werke zeigen muss, um bestehen zu können. Denn da wäre ich mir sicher: Meine guten Werke reichen nicht. Wie oft schon habe ich diese Gebote übertreten. Wie oft schon war ich eben nicht so bußbereit, wie ich hätte sein sollen! Und deshalb ist es so gut, dass ich stattdessen auf den zeigen kann, der meine Schuld und mein Versagen getragen hat. Und die ganze Bibel zeigt ja: Ich bin da nicht allein! Ninive war eine seltene Ausnahme. Die Regel ist: Wir Menschen scheitern an diesem Anspruch des Gesetzes.

Deshalb ist es so gut, dass ich nicht in meiner Gerechtigkeit vor den Richterstuhl treten muss, sondern dass ich die Gerechtigkeit anziehen darf, die Jesus durch sein stellvertretendes Opfer am Kreuz für mich erworben hat, weil er meine Schuld und meine gerechte Strafe getragen hat! „Christi Blut und Gerechtigkeit, das ist mein Schmuck und Ehrenkleid. Damit will ich vor Gott besteh‘n, wenn ich zum Himmel wird eingehn.“ Das steht auf der Todesanzeige meiner Mutter. An diesem Vers will auch ich mich festhalten – im Leben und im Sterben. Was ein wundervolles, was für ein kostbares Evangelium!

Aber ich beobachte an so vielen Stellen: Genau dieses Evangelium geht verloren, wo das stellvertretende Sühneopfer verloren geht. Stattdessen kriecht die Werkgerechtigkeit wieder durch die Hintertür hinein in unsere Kirche. Da wird das Christentum wieder moralinsauer. Da wird der Glaube wieder zur Leistungsreligion. Und ich hoffe, es wird spätestens hier deutlich, wie entscheidend wichtig dieses Thema ist. Denn ohne die Rechtfertigung aus Gnade durch den stellvertretenden Opfertod Jesu landen wir bei einem therapeutischen und einem moralischen Evangelium, das die Menschen verbessern will, ohne die Herzen zu erneuern. Aber dann verpassen wir genau das, was auch Martin Luther schon so begeistert hat. Dann verpassen wir die Gnade. Und damit meine ich nicht diese billige Gnade, die heute überall umsonst verschleudert wird. Nein, ich meine die teure Gnade, die Jesus alles gekostet hat, und die in uns echten Jubel über unsere Erlösung auslöst. Wenn wir diese teure Gnade nicht mehr kennen, dann ist es kein Wunder, wenn in unseren Gottesdiensten zwar bei der Psalmlesung von Jauchzen und Jubel die Rede ist, aber die Atmosphäre eher zu einer Beerdigung passt. Wenn wir dieses biblische Evangelium verlieren, dann verliert die Kirche ihren allergrößten Schatz.

Die Einheit und die missionarische Dynamik steht auf dem Spiel

Und noch einen letzten Grund möchte ich nennen, warum dieses Thema so unglaublich wichtig ist: Die gemeinsame Botschaft geht uns verloren. Und damit auch die missionarische Dynamik. Ich will das am Ende noch einmal klarstellen, dass es hier nicht um theologische Feinheiten geht. Es ist nun einmal ein grundlegender Unterschied, ob…

… Gott uns einfach so vergibt oder ob er uns verurteilt, dann aber selbst die Strafe übernimmt.

… wir uns nur subjektiv schuldig fühlen oder ob wir objektiv schuldig sind und von Gott eigentlich im Gericht verurteilt werden müssten.

… Jesu Tod nur ein Akt der Solidarität und Hingabe war oder ein wirksames Opfer zur Vergebung unserer Schuld.

… wir nur belastete Menschen sind, die Zuspruch und Ermutigung bekommen sollen oder ob wir ohne das Kreuz verloren sind und Rettung brauchen.

Wir müssen es so deutlich sagen: Diese Differenz ist so grundlegend, dass es hier letztlich um ein anderes Evangelium geht. Und das ist dramatisch. Denn wenn wir uns beim Evangelium nicht einig sind, dann gibt es auch nichts mehr, was wir in der Kirche ganz selbstverständlich miteinander feiern, besingen und bezeugen können. Dann geht die Einheit und die Leidenschaft in unserer Kirche verloren. Dann hat die Kirche kein Profil. Dann wissen die Leute nicht, wofür die Kirche eigentlich steht. Und dann marginalisiert sich die Kirche. Genau das ist das riesengroße Problem, unter dem unsere Kirche heute leidet.

Dieses Problem gibt es nicht nur in den Landeskirchen. Ansgar Hörsting, der Präses des Bundes der Freien Evangelischen Gemeinden, sagt aus seiner reichen Erfahrung mit vielen Gemeinden im ganzen Land:

„Ich kenne keine missionarisch wirksame Gemeinde, in der es nicht Leute gibt, die klar auf dem Schirm haben: Ohne Jesus Christus sind Menschen verloren.“

Anders gesagt: Wenn unser Evangelium nicht mehr die Botschaft beinhaltet, dass wir ohne den Tod Jesu am Kreuz rettungslos verloren sind, dann ist ein entscheidender Teil unserer Evangeliumsbotschaft verloren gegangen. Und ich bin genau wie Ansgar Hörsting überzeugt: Die Kirchen leeren sich nicht, weil dieses Evangelium provokant, kantig und anstößig ist, sondern im Gegenteil: Die Kirchen leeren sich immer dann, wenn wir uns von diesem kantigen, rauen und anstoßerregenden Evangelium entfernen!

Das Evangelium: Die erfolgreichste Botschaft aller Zeiten

Dieses Evangelium hat noch nie dem Zeitgeist entsprochen. Schon Paulus selbst hat geschrieben: Dieses Evangelium ist den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit. Und trotzdem war dieses Evangelium die erfolgreichste Botschaft aller Zeiten. Es war dieses Evangelium, das damals das menschenverachtende römische Reich trotz massivster Widerstände überwunden hat. Es ist dieses Evangelium, das alle Kulturen erreicht, durchdringt und verändert, obwohl es bis heute weltweit verfolgt und unterdrückt wird. Ganz offenkundig stimmt es, was Paulus geschrieben hat: Wir brauchen uns dieses Evangeliums nicht zu schämen, denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben. Dieses Evangelium hat rettende, heilende, befreiende und erneuernde Kraft. Dieses Evangelium ist der größte Schatz, den die Kirche Jesu hat. Wir sollten alles tun, um diesen Schatz zu hüten. Und wir sollten es gemeinsam mit Leidenschaft und Freude der Welt präsentieren.

Mehr zu diesem Thema inklusive vieler Quellenangaben:

Evangelikale Bewegung – wohin?

Der Vortrag “Evangelikale Bewegung – wohin?” wurde am 24.09.2022 beim Arbeitskreis bekennender Christen in Bayern gehalten. Der Vortragstext kann hier auch als PDF heruntergeladen werden.

Die sogenannte evangelikale Bewegung bedeutet mir ungeheuer viel. Diese Bewegung ist meine geistliche Heimat. Seit ich denken kann liebe ich es, Teil dieser so ungeheuer vielfältigen Bewegung zu sein. Evangelikale findet man in Landes- und Freikirchen. Sie haben teils sehr unterschiedliche Prägungen, Frömmigkeitsstile und sehr verschiedene Überzeugungen zu durchaus wichtigen theologischen Fragen wie z.B. zur Kinder- und Erwachsenentaufe. Und trotzdem sammeln sie sich um Jesus Christus herum, um Bibel und Gebet, um das Evangelium, von dem sie gemeinsam der Überzeugung sind: Jeder Mensch soll es hören, dass Jesus lebt! Jesus ist für unsere Schuld gestorben! Wenn wir an ihn glauben, empfangen wir Vergebung und ewiges Leben. Dieser uralte Glaube, der seit 2000 Jahren um die Welt geht, fasziniert uns gemeinsam. Er tröstet und trägt uns. Er setzt unsere Herzen in Brand. Und er verbindet uns. Weil Jesus unser gemeinsamer Herr ist, sind wir gemeinsam auch Glieder an seinem Leib, auch wenn wir so verschieden sind.

Die Evangelikalen sind meine Familie

Evangelikale sind deshalb für mich mehr als nur eine interessante Bewegung. Sie sind für mich auch mehr als nur Gleichgesinnte. Sie sind Schwestern und Brüder! Geschwister sucht man sich manchmal nicht aus. Manchmal ärgert man sich über sie. Aber sie sind und sie bleiben trotzdem meine Geschwister. Ich fühle mich mit ihnen allen aufs herzlichste verbunden. Die Frage nach der Zukunft der evangelikalen Bewegung kann ich deshalb nicht wie ein nüchterner Dozent behandeln, der ein paar Fakten zusammengetragen hat. Ich bin ja ein zutiefst Beteiligter, der leidenschaftlich in dieses Thema involviert ist. Es geht hier um meine Familie! Die Liebe und Verbundenheit mit meinen evangelikalen Geschwistern prägt alle meine Gedanken, die mich zu dieser Frage umtreiben.

Unsere Gesellschaft braucht eine lebendige Jesusbewegung

Ein weiterer Grund, warum mich die Frage nach der Zukunft der Evangelikalen so umtreibt, ist meine Liebe zu den Menschen um mich herum und die Überzeugung: Was unsere Gesellschaft und unser Land dringender denn je braucht, ist eine lebendige, kraftvolle Jesusbewegung. Es braucht lebendige, christuszentrierte Gemeinden und Gemeinschaften, damit die Menschen um uns herum zu Jesus finden können und mit ihm das ewige Leben.

Zudem braucht es eine lebendige evangelikale Bewegung als Salz und Licht dieser Gesellschaft, die in immer turbulenteres Fahrwasser gerät, die immer polarisierter und orientierungsloser wird. Die Geschichte hat immer wieder gezeigt, dass kraftvolle christliche Bewegungen ganze Nationen prägen und verändern konnten. Denken wir nur an die Great Awakenings in Amerika. Denken wir an den Pietismus in Süddeutschland. Wer das „Buch der Mitte“ von Vishal Mangalwadi gelesen hat, der weiß: Letztlich hat die Bibel ganz Europa und die westliche Welt geprägt und überaus viel Segen gebracht. Deshalb bin ich überzeugt: Unser Land braucht heute mehr denn je dieses Salz und Licht einer lebendigen, kraftvollen Kirche Jesu, die auf dem Fundament der Bibel steht.

Was sind die Wurzeln der Evangelikalen?

Bevor wir uns der Frage stellen, wo es mit dieser evangelikalen Bewegung hingehen soll, sollten wir zunächst einmal genauer auf die Frage schauen: Was ist das eigentlich, die evangelikale Bewegung? Zu dieser Frage ist dieses Jahr ein interessantes Buch erschienen. In „Menschen mit Mission“ erläutert Prof. Thorsten Dietz, dass die Wurzeln der evangelikalen Bewegung äußerst bunt und vielfältig sind. Er nennt täuferische und freikirchliche Impulse, er nennt den Pietismus und den Methodismus, er weist auf pfingstliche und charismatische Aufbrüche hin. Und er sagt: Letztlich lassen sich die Spuren bis zur Reformation zurückverfolgen.

Für mich wird spätestens an dieser Stelle klar: Letztlich wollen wir Evangelikalen nichts anderes sein als die heutige Konkretion des historischen Christentums. Wir folgen von Herzen diesem Jesus von Nazareth, wie ihn die Bibel bezeugt. Die Lehre der Apostel und Propheten, die wir in der Bibel finden, soll für uns genau wie für die allerersten Christen Richtschnur und Maßstab sein. Der Heilige Geist, der seit Pfingsten in der Kirche Jesu wirkt, soll uns erfüllen.

Aber gerade im letzten Jahrhundert haben sich diese Strömungen stärker denn je formiert, um eine gemeinsame, stärker sichtbare Jesusbewegung zu bilden. Einige Organisationen haben sich gebildet, die evangelikale Frömmigkeit in besonderer Weise bündeln. Thorsten Dietz nennt dazu vor allem die Lausanner Bewegung und die Evangelische Allianz. Zudem sind viele evangelikal geprägte Gemeinden und Gemeinschaften entstanden. Und dazu wurden im 20. Jahrhundert eine Reihe von Verlagen, Medien, Ausbildungsstätten, Großveranstaltungen und noch einiges mehr gegründet.

Was verbindet die Evangelikalen?

Trotz all der Vielfalt evangelikaler Organisationen betont Thorsten Dietz zurecht: „Sie haben kein gemeinsames Lehramt. Sie haben keine liturgischen Traditionen, die sie verbinden.“ Und sie haben „keinerlei kirchliche Struktur.“ Umso erstaunlicher ist es, dass aus dieser bunten, unstrukturierten, führungslosen Menge an Gruppierungen eine gemeinsame Bewegung entstanden ist. Der britische Historiker David Bebbington hat 4 Merkmale identifiziert, die man trotz aller Vielfalt in sämtlichen evangelikalen Strömungen vorfinden kann:

  1. „Bekehrung“ meint die starke Betonung der Notwendigkeit einer persönlichen Hinwendung zu Jesus Christus.
  2. „Aktivismus“ meint: Nicht nur Priester oder Pastoren, sondern alle Gläubigen sind aufgerufen, sich zu engagieren, vor allem für Gemeindebau, Evangelisation und (Welt-)Mission.
  3. Was mit „Biblizismus“ gemeint ist, kann man am besten mit einer Passage aus der Glaubensbasis der Evangelischen Allianz in Deutschland erklären. Da heißt es: „Die Bibel, bestehend aus den Schriften des Alten und Neuen Testaments, ist Offenbarung des dreieinen Gottes. Sie ist von Gottes Geist eingegeben, zuverlässig und höchste Autorität in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung.“
  4. Auch die Bedeutung von „Kreuzeszentrierung“ kann man gut mit einer Passage aus der Glaubensbasis der Evangelischen Allianz zeigen: „Jesus Christus, der Mensch gewordene Sohn Gottes, ist stellvertretend für alle Menschen gestorben. Sein Opfertod allein ist die Grundlage für die Vergebung von Schuld, für die Befreiung von der Macht der Sünde und für den Freispruch in Gottes Gericht.“

Bebbington sagt: Diese 4 Punkte sind Grundüberzeugungen, die alle Evangelikalen einen, quer durch alle Gruppierungen hindurch. Das ist nicht viel. Das Band, das die Evangelikalen eint, ist dünn. Und doch war es stark genug, eine dynamische, weltweite Bewegung zu formen.

Steht die evangelikale Bewegung am Scheideweg?

Heute fragen sich allerdings Manche, ob diese Erfolgsgeschichte zu Ende geht. Es gibt Beobachter, die sagen: Es gibt Spaltungstendenzen unter den Evangelikalen. Ulrich Eggers hat dieses Problem in der Zeitschrift AUFATMEN wie folgt beschrieben: „Wir alle merken: Gemeinsam – das fällt in diesen Zeiten, in denen sich viele gewachsene Traditionen auflösen, selbst Einheits- oder Allianz-gewillten Christen zunehmend schwer! … Zunehmend zieht Misstrauen und Entfremdung ein, bedroht Einheit – und damit auch die gemeinsame Arbeitsplattform für missionarische Bewegung.“

Ich teile diese Beobachtung. Solange ich denken kann, war für mich die evangelische Allianz das, was Ulrich Eggers in diesem Artikel als eine „sichere Burg der Freunde” bezeichnet hat. Ich war mir einfach sicher: In den Allianz-Kreisen, da sind wir zwar bei vielen Themen sehr vielfältig. Aber im Kern, da sind wir eins. Wenn es um das Evangelium geht, da stehen wir zusammen. Dieses Evangelium können wir ganz selbstverständlich gemeinsam feiern, besingen und aller Welt bezeugen.

Aber genau diese Selbstverständlichkeit scheint gerade jetzt verloren zu gehen. Und die große Frage ist: Woran liegt das? Warum gelingt scheinbar plötzlich das nicht mehr, was doch so viele Jahre lang weitgehend gelungen ist? Natürlich kann man dafür schnell einige Gründe finden:

  • Christen nehmen Anteil an der wachsenden Polarisierung der Gesellschaft. Wir erleben das an den heißen Diskussionen auch unter Christen zu Themen wie Corona, zum Umgang mit Flüchtlingen im Mittelmeer oder zur Klimaproblematik. Befeuert werden die Differenzen durch die Echokammern und Filterblasen in den sozialen Medien.
  • Und dann ist da natürlich dieses große Thema Sexualethik und die Frage nach dem Umgang mit gleichgeschlechtlichen Paaren. Dieses Thema ist im Moment in der weltweiten Christenheit DER Spaltpilz. Und es wird auch bei evangelikal geprägten Christen immer mehr zum Streitpunkt.

Ohne Fragen sind diese Themen wirklich belastend für die Einheit in vielen Gemeinden, in Verbünden und christlichen Werken. Thorsten Dietz sieht jedoch noch einen tieferen Grund für die auseinanderlaufenden Tendenzen in der evangelikalen Welt. Im Verlauf seines fast 500 Seiten langen Buchs stellt Dietz die These auf, dass es zwei verschiedene Grundströmungen unter den Evangelikalen gibt, die sich zunehmend schwer miteinander tun: Die eine Gruppierung nennt Dietz die „Allianzevangelikalen“. Auf der anderen Seite identifiziert Thorsten Dietz eine Gruppe, die er als „Bekenntnisevangelikale“ bezeichnet. Auf den letzten beiden Seiten identifiziert Dietz diese beiden Gruppen mit konkreten Personen, die für zwei verschiedene Umgangsweisen mit der Pluralität in der evangelikalen Bewegung stehen. Er sagt:

  • Auf der einen Seite stehe Michael Diener, der ehemalige Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbands und ehemalige Vorsitzenden der Deutschen Evangelischen Allianz. Sein Vorschlag sei, mit Pluralität so umgehen, „dass die Evangelikalen, Pietisten etc. unterschiedliche moralische Überzeugungen aushalten und ihren gemeinsamen missionarischen Auftrag ins Zentrum stellen.“
  • Auf der anderen Seite stehe das Netzwerk Bibel und Bekenntnis, das laut Dietz anstrebt, „dass man sich verbindlich auf eindeutige Bekenntnisse einigt und entsprechend auf allen Ebenen durchsetzt, was in der jeweiligen Gemeinde, Kirche oder Allianz vertreten werden darf“.

Die Konfliktfrage: Wie gelingt Einheit in Vielfalt?

Tatsächlich beobachte auch ich, dass unter Evangelikalen mit wachsender Schärfe diskutiert wird, wie denn heutzutage noch Einheit in Vielfalt unter Evangelikalen gelingen kann. Grundsätzlich gilt ja: Wenn ein Konsens verloren geht, dann kann man prinzipiell auf 2 verschiedene Weisen darauf reagieren:

Reaktionsmöglichkeit 1: Wir müssen den Konsens in den Kernfragen verteidigen und – wo er verloren gegangen ist – wieder neu gewinnen.

Reaktionsmöglichkeit 2: Wir müssen den Konsens bewusst loslassen und uns stattdessen üben in gelebter Toleranz. Oft ist da die Rede von sogenannter „Ambiguitätstoleranz“.

Wer die Reaktionsmöglichkeit 1 für richtig hält, der sieht die Einheit dort bedroht, wo Menschen den Konsens in Frage stellen. Für den gelten die als Brückenbauer, denen es gelingt, in zentralen Fragen einen Konsens unter Christen herzustellen bzw. zu bewahren.

Wer hingegen die Reaktionsmöglichkeit 2 für richtig hält, für den sind die Feinde der Einheit die, die unbedingt am Konsens festhalten wollen. Brückenbauer sind hingegen solche Leute, die zwar einen Standpunkt haben, die aber anderslautende Standpunkte als genauso richtig anerkennen und somit eher nur subjektive statt objektive Wahrheiten vertreten.

Warum mehr Toleranz nicht unbedingt zu mehr Einheit führt

In den letzten Jahren war meine Beobachtung: Scheinbar neigen immer mehr Leiter von christlichen Werken, Gemeinschaften und Gemeinden dazu, dass Einheit in Vielfalt nicht über Konsens sondern über mehr Toleranz funktionieren müsse. Da wird dann zum Beispiel gesagt: Die verbindende Mitte des Christentums, das sei keine Lehre, sondern die Person Jesus Christus. Deshalb sollten wir doch Enge und Rechthaberei überwinden, uns gegenseitig unseren Glauben glauben und Raum geben für unterschiedliche Sichtweisen und Erkenntnisse. Das klingt weitherzig und versöhnlich. Die große Frage ist nur: Funktioniert das auch? Gewinnen wir so tatsächlich Einheit in Vielfalt? Aus zwei Gründen bin ich skeptisch:

Zum einen beobachte ich: Christen, die sich theologisch liberal geben, können in ethischen oder politischen Fragen zugleich sehr intolerant sein. Das gilt in sehr unterschiedlichen Bereichen, vor allem aber natürlich im Feld der Sexualethik. Der Postevangelikale David P. Gushee war jüngst Hauptredner bei der Coming-In-Tagung in Niederhöchststadt. Er schrieb schon im Jahr 2016: „Neutralität ist keine Option. Ebenso wenig wie eine höfliche Halbakzeptanz. Genauso wenig wie das Vermeiden des Themas. Wie sehr Sie sich auch verstecken mögen, das Thema wird Sie finden.“ Und die evangelische Pastorin Sandra Bils, die inzwischen an der CVJM-Hochschule Kassel lehrt, hat schon 2015 in ihrem Blog geschrieben: „Ich freue mich, wenn sich mein Landesbischof öffentlich äußert und stolz auf die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare in der Hannoverschen Landeskirche hinweist und gleichzeitig merke ich, dass es mir nicht weit genug geht, weil er im gleichen Atemzug anderen Meinungen eine Daseinsberechtigung zuspricht.“ Da ist also keinerlei Toleranz für die traditionelle Position spürbar, die heute immer noch von der übergroßen Mehrheit der weltweiten Christenheit geteilt wird.

Meine zweite Beobachtung ist: Einheit auf Basis einer Christusmitte funktioniert nicht, wenn der Begriff „Christus“ nur noch eine Hülse ist, die jeder subjektiv ganz unterschiedlich füllen kann. Denn die Frage ist ja: Wer und wie ist denn dieser Christus, der uns verbinden soll? Was hat er getan? Was hat er gelehrt? Worin liegt sein Erlösungswerk? Wir haben nur eine einzige Informationsquelle zu solchen Fragen: Die Bibel. Wenn aber die Bibel kein verbindlicher Maßstab mehr ist, dann wird es letztlich auch bei diesen allerzentralsten Fragen des Glaubens unmöglich, gemeinsame Antworten geben zu können. Dann haben wir auch keine gemeinsame Botschaft mehr. Dann verlieren wir unser Profil. Dann weiß niemand mehr, wofür wir stehen. Dann marginalisiert sich die Kirche. Und dann gibt es auch nichts mehr, was man ganz selbstverständlich miteinander feiern, besingen und bezeugen kann. Dann gibt es zwar vielleicht keinen Streit mehr, aber es gibt etwas, was noch schlimmer ist: Wir entfremden uns voneinander. Unsere Jesusbewegung trocknet langsam aus.

Wenn mehr Toleranz nicht die Lösung ist, was ist es dann?

Der Autor Jürgen Mette hat in seinem Buch „Die Evangelikalen“ folgende These aufgestellt: „Wer sich in Christologie und Soteriologie in der Mitte findet, der kann sich Differenzen an der Peripherie des Kirchenverständnisses, des Taufverständnisses, der Eschatologie leisten.“

Einfach ausgedrückt sagt Jürgen Mette: Wer sich darin einig ist, wer Jesus ist und warum er am Kreuz für uns gestorben ist, der kann Differenzen bei Fragen zur richtigen Kirchenstruktur, zur Tauffrage oder zu Endzeitfragen aushalten. Wenn wir im Kern beieinander sind, dann trennen uns die Differenzen in den Randfragen nicht.

Ich bin überzeugt: Das stimmt! Genau das war das Erfolgsgeheimnis der Evangelikalen! Diese starke Übereinstimmung im Kern und beim Evangelium ermöglicht es ihnen, die enorme Vielfalt an Prägungen, an Kulturen und an Strukturen auszuhalten.

Flexibilität und Intoleranz: 2 Pole im Neuen Testament

Genau diese doppelte Ausrichtung finden wir auch im Neuen Testament. Die junge Christenheit war eine sehr bunte Bewegung, die enorm viele, teils krasse Differenzen aushalten musste. Da kamen Juden mit Nichtjuden unterschiedlichster Hintergründe zusammen. Da gab es gesellschaftliche Differenzen: Gutsherren, Sklaven, Männer, Frauen und Kinder kamen zusammen. Das war damals absolut revolutionär. Und Paulus war er der Meinung: Es ist so wichtig, dass wir uns da nicht trennen lassen. Von sich selbst hat er gesagt: Ich bin allen alles geworden, damit ich so viele wie möglich gewinnen kann. Da hatte Paulus also eine enorme Weite und eine große Flexibilität.

Aber wenn es um das Evangelium ging, da wurde Paulus plötzlich absolut kompromisslos. Da ging er scharf gegen falsche Lehre vor. Den Galatern schrieb er sogar: „Wer euch eine andere Gute Nachricht verkündet als die, die ihr bereits angenommen habt, soll verflucht sein!“ Er scheute nicht einmal davor zurück, Petrus öffentlich anzugreifen, wenn es um das Evangelium geht.

Genau diese Haltung sehen wir später auch bei den apostolischen Vätern und den Kirchenvätern. Die junge Christenheit musste sich gegen viele falsche Lehren erwehren: Gesetzlichkeit, Gnosis, Doketismus, Marcionismus… Das Abwehren von falscher Lehre gehörte von Beginn an zur Aufgabe von christlichen Leitern dazu. Und die Kirche hat überhaupt nur überlebt, weil die christlichen Leiter diese Aufgabe ernst genommen haben.

Die wichtige Funktion der Bekenntnisse

Für die Abwehr falscher Lehre haben die frühen Christen solch wundervolle Bekenntnisse wie das Apostolikum und das Nicäno-Konstantinopolitanum formuliert, die bis heute die Christenheit miteinander verbinden. Schon immer hatten diese Bekenntnisse auch die Funktion, falsche Einflüsse zurückzuweisen und deutlich zu machen, was Christen miteinander verbindet.

Auch den Christen, die die evangelische Allianz gegründet haben, war das wichtig. Die Deutsche evangelische Allianz hat ihre Glaubensbasis erst vor kurzem wieder aktualisiert, um sagen zu können: Trotz aller Vielfalt und Differenzen sind es diese Überzeugungen, die uns einen. Diese wenigen Sätze beschreiben einen gemeinsamen Kern, der uns verbindet und der uns die Kraft gibt, die Differenzen bei vielen anderen Fragen auszuhalten. Thorsten Dietz schreibt dazu zurecht: „Die Allianz ist eine ökumenische Bewegung, die gerade darum das gemeinsame Bekenntnis so knapp wie möglich formuliert hat.“ Wie wahr! Aber gerade deshalb ist es ja so ungeheuer wichtig, wenigstens diese wenigen Sätze zu schützen und zu bewahren! Und meine Beobachtung war in den letzten Jahren leider, dass leider auch diese ganz zentralen Grundbekenntnisse der Evangelikalen in Frage gestellt werden – nicht nur von außen, sondern auch mitten im allianzevangelikalen Umfeld.

Entscheidende Differenzen beim Bibelverständnis

Um zu zeigen, was ich meine, möchte ich gerne mit Ihnen genauer auf diesen letzten Satz in der Glaubensbasis der Evangelischen Allianz schauen. Er lautet:

„Die Bibel, bestehend aus den Schriften des Alten und Neuen Testaments, ist Offenbarung des dreieinen Gottes. Sie ist von Gottes Geist eingegeben, zuverlässig und höchste Autorität in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung.“

Hier wird mit wenigen Worten ein Bibelverständnis zusammengefasst, das oft als konservativ oder auch als biblizistisch oder fundamentalistisch bezeichnet wird. Ich persönlich bezeichne dieses Bibelverständnis lieber als das „historische Bibelverständnis“. Historisch deshalb, weil ich der Überzeugung bin, dass sich dieses Bibelverständnis in der ganzen Kirchengeschichte immer wieder nachweisen lässt, gerade auch in der Reformation, aber auch bei den Kirchenvätern, bei den apostolischen Vätern und vor allem – und das ist natürlich am wichtigsten – in der Bibel selbst.

Die Frage ist jetzt aber: Ist dieses historische Bibelverständnis denn heute noch Konsens unter Evangelikalen? Nach meiner Beobachtung muss ich diese Frage mit einem ganz klaren „nein“ beantworten. Meine Beobachtung ist, dass heute auch mitten im allianzevangelikalen Umfeld ein konkurrierendes Bibelverständnis vertreten wird, das zwar oft mit ähnlichen Worten beschrieben wird, das aber im Kern vollkommen anders ist und zu völlig anderen Konsequenzen führt.

Dieses konkurrierende Bibelverständnis hat verschiedene Bezeichnungen. Ich bezeichne es gerne als „progressives Bibelverständnis“. Das Problem ist: Vielen Christen fällt gar nicht auf, wie grundsätzlich anders dieses Bibelverständnis ist, denn oft werden nur die Gemeinsamkeiten zwischen dem historischen und dem progressiven Bibelverständnis betont. Und tatsächlich gibt es diese Gemeinsamkeiten:

  • Beide Bibelverständnisse sind sich einig, dass die Bibel ganz Menschenwort ist, dass hier Menschen geschrieben haben und dass ihr Charakter und ihre Erfahrungen ihre Texte geprägt haben.
  • Beide Bibelverständnisse sind sich einig, dass die Bibel auslegungsbedürftig ist. Bibelstellen müssen immer im biblischen Gesamtkontext verstanden werden. Die Textgattung, die Reichweite, die Adressaten sowie das historische und heilsgeschichtliche Umfeld müssen differenziert beachtet werden! Und zum richtigen Verstehen der Texte wird der Heilige Geist benötigt.
  • Und beide Bibelverständnisse sagen übereinstimmend:
    Die Bibel ist Gottes Wort im Menschenwort.
    Die Bibel ist inspiriert.

Sind sich die Evangelikalen im Kern also doch einig? Meine Beobachtung ist: Nein, überhaupt nicht. Denn trotz dieser Übereinstimmungen gibt es ganz gravierende Unterschiede, die weitreichende Konsequenzen haben:

Der wichtigste Unterschied betrifft das Wesen und den Charakter der biblischen Texte. Das Bibelverständnis der Evangelischen Allianz sagt dazu: „Die Bibel IST Offenbarung des lebendigen Gottes.“ Das progressive Bibelverständnis sagt hingegen: Die Bibel ist ein Zeugnis der Offenbarung des lebendigen Gottes. So heißt es zum Beispiel in einem aktuellen Grundsatztext der EKD: „Die biblischen Texte werden gehört und ausgelegt als Gottes Wort im Menschenwort, das das endgültige Wort Gottes in Person und Wirken Jesu Christi bezeugt.“

Im historischen Bibelverständnis wird also gesagt: Die Bibel IST Offenbarung. Die Texte sind so, wie sie dastehen, offenbarte Worte Gottes. Im progressiven Bibelverständnis wird hingegen gesagt: Die Bibel bezeugt die Offenbarung. Was sich so unscheinbar anhört, hat in Wahrheit gewaltige Konsequenzen. Gerade die Formel „Gotteswort im Menschenwort“ hat dann eine ganz unterschiedliche Bedeutung. Im historischen Bibelverständnis heißt diese Formel: Die Bibel ist ganz Menschenwort UND zugleich ganz Gotteswort. Im progressiven Bibelverständnis bedeutet diese Formel hingegen: Die Bibel ist ganz Menschenwort und sie kann Gottes Wort enthalten bzw. vermitteln. So schreibt zum Beispiel Siegfried Zimmer: „Der Satz ‚Die Bibel ist Gottes Wort‘ meint: Gott kann und will durch die Bibel zu uns reden.“ Oder der Theologe Udo Schnelle schreibt: „Natürlich ist die Bibel das Wort Gottes. Sie ist es aber nicht an sich, sondern immer dann, wenn sie für Menschen zum Wort Gottes wird. In dem Moment, wo es Menschen erreicht und zum Glauben an Jesus Christus führt, wird die Bibel zum Wort Gottes.“

Damit wird der Unterschied im progressiven Bibelverständnis deutlich: Hier ist die Bibel nicht an sich Gotteswort, sondern sie kann es beim Lesen individuell für uns werden! Daraus leitet sich dann auch ein unterschiedliches Inspirationsverständnis ab. Im historischen Bibelverständnis wird die Inspiration der Bibel stark auf die Entstehung der Texte bezogen. Man sagt also: Der Heilige Geist hat bei der Entstehung der Texte mitgewirkt, so wie Petrus zum Beispiel sagt: „Vom Heiligen Geist haben Menschen in Gottes Auftrag geredet.“ Im progressiven Bibelverständnis hingegen sagt man: Die Inspiration der Texte bezieht sich primär auf unser heutiges Lesen und Verstehen der Bibeltexte. Wenn wir die Bibel lesen, dann kann der Heilige Geist diese Texte für uns individuell zu inspirierten Gottesworten machen.

Der Knackpunkt: Das progressive Bibelverständnis ermöglicht Sachkritik

Damit kommen wir zum entscheidenden Unterschied dieser beiden Bibelverständnisse: Wenn die Bibel Gottes Offenbarung IST, wie es in der Glaubensbasis der evangelischen Allianz festgehalten wird, dann können wir diese Bibelworte natürlich unmöglich inhaltlich kritisieren! Wir können zwar unterscheiden lernen, wie diese Texte gemeint sind und wie sie einzuordnen sind. Aber wenn es Gott ist, der in den biblischen Texten zu Wort kommt, dann können wir die Aussagen, die wir aus den biblischen Texten ableiten, letztlich nicht kritisieren, sondern dann haben wir sie als Gotteswort demütig zu hören. Wenn Gott spricht, dann kann nur Vertrauen und Gehorsam unsere Antwort sein.

Im progressiven Bibelverständnis hingegen ist das anders. Da sagt man ja: Die Bibeltexte sind zunächst einmal nur Menschenwort. Sie sind nur ein Zeugnis der Offenbarung. Aber ein Zeugnis kann auch fehlerhaft sein. Es kann auch widersprüchlich sein. Und deshalb kann man diese Texte natürlich auch kritisieren. Dazu noch einmal Siegfried Zimmer: „Eine Kritik an den Offenbarungsereignissen selbst steht keinem Menschen zu. … Die schriftliche Darstellung von Offenbarungsereignissen darf man aber untersuchen, auch wissenschaftlich und ‚kritisch‘.“

Und da haben wir die ganz entscheidende Differenz schwarz auf weiß: Wenn der biblische Text die Offenbarung nur bezeugt aber nicht selbst IST, dann können wir diese Texte natürlich heute auf Basis unserer Vernunft auch inhaltlich kritisieren. In der Theologie würden wir dann von „Sachkritik“ sprechen. Und genau hier laufen die Wege auseinander. Denn Sachkritik, also inhaltliche Kritik an biblischen Gesamtaussagen, wird im Rahmen des progressiven Bibelverständnisses für etwas völlig Normales gehalten.

Das wird beispielhaft deutlich im Buch „glauben lieben hoffen“, das von Vertretern der freikirchlichen Jugendarbeit im SCM-Verlag herausgegeben wurde. Knapp zusammengefasst wird da zum Beispiel gesagt:

  • In den prophetischen Texten wird keine Zukunft vorhergesagt.
  • Jesus wird nicht im Alten Testament vorausgesagt.
  • „Die Bibel ist von einer Entwicklung hin zum Monotheismus geprägt.“ Das heißt also: Die Bibel enthält veraltete Gottesbilder.
  • Die „Vorstellungen“ von Teufel, Himmel und Hölle haben sich wohl erst nach dem babylonischen Exil entwickelt, vermutlich durch den Einfluss des Zoroastrismus und des griechischen Denkens
  • Matthäus, Lukas und Paulus seien von einer biologischen Vaterschaft Josefs ausgegangen.

Natürlich widersprechen diese Aussagen komplett den Aussagen, die die Texte selbst machen wollen. Aber derartige Bibelkritik wird möglich, wenn die Bibel die Offenbarung Gottes nur bezeugt, aber nicht selbst ist. Das Problem ist: Etwas, das ich auf Basis meiner Vernunft kritisieren kann, das kann natürlich nicht mehr so wie in der Glaubensbasis der evangelischen Allianz als „zuverlässig und höchste Autorität in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung“ gelten. Diesen Wert als Norm des Glaubens hat die Bibel dann verloren.

Die Folge: Widersprüchliche Lehren bei den Kernfragen des Glaubens

In der Praxis zeigt sich: Mit der Öffnung für Sachkritik wird die Tür geöffnet für Lehren, die nicht mehr mit durchgängigen Aussagen der Bibel zusammenpassen. Wie drastisch sich dieses Bibelverständnis selbst auf die innersten Kernfragen des Glaubens auswirkt, sieht man besonders gut bei der Frage, warum denn eigentlich Jesus am Kreuz gestorben ist. Schauen wir doch einmal, was das Bekenntnis der evangelischen Allianz zu dieser Frage sagt und was wir im Vergleich dazu im Buch „glauben lieben hoffen“ lesen:

Aus der Glaubensbasis der
evangelischen Allianz
Zitat aus „glauben lieben hoffen“
„Der Mensch … ist durch Sünde und Schuld von Gott getrennt.

Jesus Christus, der Mensch gewordene Sohn Gottes, ist stellvertretend für alle Menschen gestorben. Sein Opfertod allein ist die Grundlage für die Vergebung von Schuld, für die Befreiung von der Macht der Sünde und für den Freispruch in Gottes Gericht.“

„So wurde und wird häufig argumentiert: Infolge des Sündenfalls ist der Mensch getrennt von Gott, und nur ein vollkommenes Opfer kann die Beziehung zwischen Gott und Mensch wieder in Ordnung bringen. … Hat eigentlich mal jemand gefragt, warum eine Opferhandlung  … dies erreichen können soll? … Gott vergibt, weil er ein gnädiger Gott ist, ohne dass Gott durch Töten und Blutvergießen milde gestimmt werden müsste. … um die Sünde der Menschen hinweg zu nehmen, braucht es eigentlich kein Opfer und keinen Geopferten.“ (S. 69, M. Drodofsky)

Ohne Zweifel steht die Kreuzestheologie mitten im Zentrum unseres Glaubens. Und es ist nun einmal ein riesengroßer Unterschied, ob…

… Gott uns einfach so vergibt oder ob er uns verurteilt, dann aber selbst die Strafe übernimmt.

… wir uns nur subjektiv schuldig fühlen oder ob wir objektiv schuldig sind und von Gott eigentlich im Gericht verurteilt werden müssten.

… Jesu Tod nur ein Akt der Solidarität und Hingabe ist oder ein wirksames Opfer zur Vergebung unserer Schuld.

… wir nur belastete Menschen sind, die Zuspruch und Ermutigung bekommen sollen oder ob wir ohne das Kreuz verloren sind und Rettung brauchen.

Wir müssen es so deutlich sagen: Es handelt sich bei dieser progressiven Deutung der Kreuzestheologie letztlich um ein anderes Evangelium.

Die missionarische Dynamik geht verloren

Welche Konsequenzen ergeben sich aus diesen Differenzen beim Evangelium? Im Buch „Mission Zukunft“ hat der Präses des Bundes der Freien evangelischen Gemeinden Ansgar Hörsting geschrieben: „Ich kenne keine missionarisch wirksame Gemeinde, in der es nicht Leute gibt, die klar auf dem Schirm haben: Ohne Jesus Christus sind Menschen verloren.“ Die Kirche Jesu verliert also ihre missionarische Dynamik, wenn sie Botschaft vom Kreuz verliert oder umdeutet.

Und Pfarrer Swen Schönheit, Theologischer Referent der Geistlichen Gemeindeerneuerung schreibt: „Die „Botschaft vom Kreuz“ ist im Raum der Kirche verblasst. Damit verliert sich „Gottes Kraft“ und Kirche reduziert sich selbst zu einer Agentur der Mitmenschlichkeit.“

Das heißt also: Das veränderte Bibelverständnis führt zu einer veränderten Theologie, die wiederum ganz direkte Auswirkungen hat auf die missionarische Kraft und Ausstrahlung der Kirche. Der evangelische Pfarrer Alexander Garth schreibt dazu in seinem Buch „Untergehen oder umkehren“:

„Es besteht ein Zusammenhang zwischen liberaler westlicher Theologie und dem Niedergang von Gemeinden. Es sind fast ausschließlich liberale Kirchen, die teilweise dramatisch Mitglieder verlieren.“ „Wenn man in der Welt aufstrebende Gemeinden und Bewegungen bestimmen möchte, die nicht evangelikal sind, so würde man kaum etwas finden. Zumindest gehört das zu den gesicherten Forschungsergebnissen der Religionssoziologie.“

Das Ringen um gesunde Theologie ist von entscheidender Bedeutung

Dieses Zitat macht etwas deutlich, was aus meiner Sicht auch für den weiteren Weg der evangelikalen Bewegung ganz entscheidend ist: Theologie zählt! Ich höre heute auch mitten im allianzevangelikalen Umfeld häufig die These: Lasst uns doch nicht über Theologie streiten. Lasst uns lieber gemeinsam evangelisieren und Gemeinde bauen. Das hört sich schön an. Und ich würde sofort zustimmen, wenn die Praxis nicht zeigen würde: Unsere Theologie ist ganz offenkundig ein entscheidender Faktor dafür, ob wir miteinander fruchtbar evangelisieren und Gemeinde bauen können oder nicht. Theologie kann Einheit, Evangelisation und Gemeindebau befruchten, sie kann aber auch Einheit, Evangelisation und Gemeindebau unterwandern und zerstören. Deshalb müssen wir gerade um der Evangelisation, der Mission und des Gemeindebaus willen, ringen, streiten um die zentralen theologischen Fragen.

Stellen Sie sich einmal diese Situation vor: Da steht jemand auf dem Feld mit einer stumpfen Sense und kommt kaum voran bei der Ernte. Und ein anderer rennt hin und sagt: Mensch, der Bauer hat doch gesagt, wir sollen zum Ernten den Mähdrescher nehmen. Und der erste sagt: Jetzt mecker nicht rum. Schnapp Dir die Sense und hilf mit!

Genau so empfinde ich diese Aufrufe, nicht über Theologie zu streiten, obwohl doch das Ringen um die richtige Theologie schon in der Bibel eine enorm wichtige Rolle spielt. Die Bibel macht immer wieder deutlich: Wir können und dürfen nicht einfach schweigend zusehen, wenn Leute in unserer Mitte aufstehen und Dinge lehren, die nicht zum biblischen Evangelium passen. Gerade um der Mission willen, gerade um der Einheit willen, gerade um des Gemeindebaus willen müssen wir ganz neu lernen, um die richtige Theologie zu streiten. Es gäbe uns heute nicht, wenn nicht die Apostel, die Kirchenväter oder die Reformatoren intensiv um theologische Fragen gestritten hätten! Streit ist zwar Mist, wenn es um Randfragen geht, wenn es ums pure Rechthaben geht, wenn der Streit lieblos und arrogant geführt wird. Aber wo unser Herz brennt für das Evangelium und für die verlorenen Menschen, da wird Gott mit uns sein, wenn wir sagen: Hier stehe ich und kann nicht anders. Ich muss widersprechen, um des Wortes Gottes und des Evangeliums willen. Das wünsche ich mir, dass das wieder viel häufiger geschieht.

Allianzevangelikale sind immer auch Bekenntnisevangelikale

Aber was bedeutet das jetzt für die Zukunft der Evangelikalen? Das war ja die Frage dieses Vortrags: Evangelikale Bewegung, wohin? Das Bild, das Thorsten Dietz gezeichnet hat, hatte die Botschaft: Da gibt es eine Weggabelung und die evangelikale Bewegung muss sich entscheiden: Folgen wir den Allianzevangelikalen? Oder folgen wir den Bekenntnisevangelikalen? Die Frage ist nur: Ist das wirklich die Weggabelung, vor der die evangelikale Bewegung steht? Ich bin der Meinung, dass das tatsächliche Bild etwas anders aussieht.

Ich glaube nicht, dass es zu dieser Aufspaltung kommt. Das tatsächliche Bild, das ich wahrnehme sieht so aus: Es gibt keine Differenz zwischen Allianz- und Bekenntnisevangelikalen. Ohne Bekenntnis kann es keine Allianz geben. Deshalb waren Allianzevangelikale immer schon zugleich auch Bekenntnisevangelikale! Die Glaubensbasis der evangelischen Allianz, das Apostolikum, das Nicäno-Konstantinopolitanum, das sind feststehende Bekenntnisse, die grundlegend sind für die Evangelikalen, für die Lausanner Bewegung und für die evangelische Allianz. Deshalb brauchen wir beides, wenn wir auch in Zukunft noch Einheit in Vielfalt wollen: Wir brauchen Toleranz in den Randfragen. Und wir brauchen Konsens in den zentralen Bekenntnisfragen.

Es geht um die Bewahrung unserer verbindenden Glaubensschätze

Thorsten Dietz hat deshalb auch das Anliegen des Netzwerks Bibel und Bekenntnis leider falsch dargestellt. Er meint, das Netzwerk Bibel und Bekenntnis wolle, dass „man sich verbindlich auf eindeutige Bekenntnisse einigt und entsprechend auf allen Ebenen durchsetzt, was in der jeweiligen Gemeinde, Kirche oder Allianz vertreten werden darf.“ Nichts könnte verkehrter sein als das. Das Anliegen des Netzwerks Bibel und Bekenntnis ist nicht, dass man sich auf etwas Neues einigt. Es geht nicht darum, etwas durchzusetzen. Es geht vielmehr darum, etwas zu bewahren! Auf die Bekenntnisse muss man sich nicht einigen, die sind ja längst vorhanden und veröffentlicht. Das Anliegen des Netzwerks Bibel und Bekenntnis ist: Die Liebe zu Christus zu stärken und zugleich Festhalten an den veröffentlichten Bekenntnissen, die unverzichtbar sind für die Einheit der Evangelikalen. Wir arbeiten und beten dafür, dass die veröffentlichten Bekenntnisse und Glaubensgrundlagen nicht zu Papiertigern verkommen, sondern das bleiben, was sie schon immer waren: Verbindende Glaubensschätze, die man über alle Unterschiede hinweg ganz selbstverständlich miteinander feiern, besingen und bezeugen kann. Lassen Sie uns das gemeinsam weiter tun!

Kurs halten auf der einzigartigen Erfolgsspur der Evangelikalen!

Ich möchte diesen Vortrag abschließen mit einem Zitat aus dem Buch „Menschen mit Mission“, über das wir heute so viel gesprochen haben. Ich nehme wahr, dass manche Evangelikale heute entmutigt sind. Man hat das Gefühl: Wir sind Wenige. Wir sind auf dem Rückzug. Wir werden in der Gesellschaft immer mehr an den Rand gedrängt. Niemand nimmt uns mehr ernst. Das spannende ist: Genau dieses Gefühl hätten die Evangelikalen auch für einem halben Jahrhundert haben können. Der Lausanner Kongress ist jetzt beinahe 50 Jahre her. Auch damals waren die Evangelikalen eine Randgruppe. Aber Thorsten Dietz schreibt:

Warum handelt es sich bei den Evangelikalen heute um die weltweit zweitgrößte christliche Strömung nach dem Katholizismus? Niemand hätte sich das vor 50 oder 60 Jahren träumen lassen. Der Lausanner Kongress wurde in der deutschen Öffentlichkeit nur am Rande registriert. Die meisten (gerade auch in den Kirchen) waren sich sicher: Zukunft kann nur eine Christenheit haben, die sich für die Moderne öffnet, die das aufgeklärte Wahrheitsbewusstsein der Wissenschaften respektiert und eine politisch-gesellschaftliche Kraft für eine bessere Welt wird. Welche Zukunft sollten da schon Grüppchen haben, denen Evangelisation und Mission über alles geht, die im Zweifelsfall lieber der Bibel glauben als der historischen Forschung? Wer wird schon Ewiggestrige ernst nehmen, die sich radikal der sexuellen Liberalisierung der 1960er-Jahre verweigern? Aber entgegen allen Erwartungen ist keine religiöse Gruppe im letzten halben Jahrhundert dynamischer gewachsen als diese.

Evangelikale Bewegung wohin? Aus meiner Sicht kann es darauf nur 1 Antwort geben: Weiter hinter Jesus her! Weiter auf der Spur, die sein Wort uns zeigt! Lassen wir uns nicht entmutigen. Lassen wir uns nicht einschüchtern. Lassen wir uns nicht aus der Segensspur drängen. Machen wir uns eins mit so vielen evangelikalen Geschwistern auf der ganzen Welt, die Jesus folgen, oft unter großen Opfern, die sein Wort weitertragen bis an die Enden der Erde und die gemeinsam mit uns darauf warten, dass unser Herr wiederkommt und sein Reich aufrichtet. Lassen wir es zu, dass diese Hoffnung neu unser Herz erfüllt. Lassen Sie uns gemeinsam mutig dafür beten und arbeiten, dass sein Reich schon jetzt unter uns Gestalt gewinnt.

Haben Fundamentalisten die Unfehlbarkeit der Bibel erfunden? – Ein Faktencheck

Es macht mich immer skeptisch, wenn eine theologische Lehre den Anspruch erhebt, neu und innovativ zu sein. Ich glaube, dass die biblische Offenbarung abgeschlossen ist. Es ist für mich schwer vorstellbar, dass der Heilige Geist uns nach 2000 Jahren immer noch völlig neue Auslegungen offenbart. Ich halte es deshalb lieber mit C.H. Spurgeon, wenn er schreibt: „Es gibt nichts Neues in der Theologie außer dem, was falsch ist.“

Neuerdings werden aber Stimmen lauter, die genau diesen Vorwurf gegenüber theologisch konservativen Christen erheben. Konkret wird behauptet: Die Lehre von der Fehlerlosigkeit der Schrift sei eine moderne Erfindung von protestantischen Fundamentalisten aus dem späten 19. bzw. frühen 20. Jahrhundert. So berichtet der US-amerikanische Kirchenhistoriker Prof. John Woodbridge in seiner Analyse zu der Frage, ob Fundamentalisten die Irrtumslosigkeit erfunden haben:

„Noch in den 1970er Jahren gingen die meisten Evangelikalen davon aus, dass die biblische Irrtumslosigkeit zu ihren nicht verhandelbaren Grundüberzeugungen gehört.“ Doch eine „neue Darstellung der historischen Entwicklung schlug vor, dass die biblische Irrtumslosigkeit angeblich weder eine evangelikale Lehre noch eine zentrale Lehre der westlichen christlichen Kirchen sei. Vielmehr handele es sich um eine typisch fundamentalistische Überzeugung, die ihren Ursprung im späten neunzehnten Jahrhundert habe. …  Die neue historische Darstellung, dass die biblische Irrtumslosigkeit eine fundamentalistische Lehre ist, hat das Denken einer Reihe angesehener protestantischer und römisch-katholischer Theologen und Kirchenhistoriker geprägt.“

Tatsächlich äußerte Prof. Thorsten Dietz in einem IDEA-Interview (Ausgabe 21.2022):

„Die absolute Irrtumslosigkeit der Bibel ist ja eine Idee des 20. Jahrhunderts. Ich weiß, dass diejenigen, die die völlige Irrtumslosigkeit der Bibel vertreten, das anders sehen. Sie glauben, dass sie die traditionelle Auffassung vertreten. Das tun sie aber nicht!“

Nun sind Begriffe wie „Irrtumslosigkeit“ oder „Unfehlbarkeit“ natürlich definitionsbedürftig (siehe dazu der AiGG-Artikel „Ist die Bibel unfehlbar?“). Bei Fragen zum Urtext, zu den Kanonrändern, zur Textgattung, zur Aussageabsicht und zur Auslegung kann es auch aus meiner Sicht keine Unfehlbarkeit geben. Trotzdem hat mich die These von Thorsten Dietz überrascht. Im AiGG-Artikel über „das biblische Bibelverständnis“ habe ich begründet, warum ich überzeugt bin, dass schon die Bibel selbst die Heiligen Schriften als inspiriertes Wort Gottes mit absoluter Autorität ansieht (2.Tim.3,16; 2.Petr.1,20+21). Auch Prof. Gerhard Maier zeigt sich überzeugt: „Im Neuen Testament wird das gesamte damalige ‚Alte Testament‘ … als von Gott eingegeben aufgefasst.“ Für die Autoren des Neuen Testaments waren „die beiden Wendungen ‚Die Schrift sagt‘ und ‚Gott sagt‘ untereinander austauschbar.“ Für Jesus war „selbst die kleinste Einzelheit von Gottes Gesetz gültig“ (Matth. 5, 18). Entsprechend durfte von den Schriften nichts weggelassen, hinzugefügt oder verdreht werden (Offb.22,18-19, 5.Mose13,1; 2. Petr.3,15-16).

Kann der Glaube an die Irrtumslosigkeit der Schrift also wirklich etwas so Neues sein?

Irrtumslosigkeit der Schrift bei den Kirchenvätern

Der renommierte Neutestamentler Theodor Zahn hielt fest, dass auch im Vorstellungskreis der nachapostolischen Generation die Möglichkeit, „dass ein Apostel in seinen an die Gemeinden gerichteten Lehren und Anweisungen geirrt habe könnte“ offenbar keinen Raum hatte. Tatsächlich finden sich viele Belege für den Glauben an die Unfehlbarkeit in den Schriften der frühen Kirchenleiter. Der Harvard-Professor James L. Kugel, selbst kein Anhänger der Irrtumslosigkeit der Schrift, hielt es für „auffallend, dass alle antiken Ausleger anscheinend die gleichen Erwartungen an den biblischen Text hatten”, nämlich dass die „Bibel keine Widersprüche oder Fehler enthält.“ „Und natürlich sollte die Bibel sich nicht selbst widersprechen oder sich sogar scheinbar unnötig wiederholen, so dass, wenn es zweimal heißt »und die beiden gingen zusammen«, das zweite Vorkommen nicht einfach eine Wiederholung sein kann; es muss etwas anderes bedeuten als das erste. Kurzum, die Bibel sei ein völlig konsistentes, nahtloses, perfektes Buch.“

Auch der oft als „Kirchenvater“ bezeichnete Augustinus sah es im 4. Jahrhundert als eine nicht verhandelbare kirchliche Lehre an, dass es in der Heiligen Schrift keine Fehler gibt:

„Ich habe gelernt, diesen Respekt und diese Ehre nur den kanonischen Büchern der Schrift zu geben: Nur von diesen allein glaube ich fest entschlossen, dass das, was Autoren geschrieben haben, ohne jegliche Fehler ist. Und wenn ich in diesen Schriften auf etwas stoße, das mir der Wahrheit zu widersprechen scheint, so zögere ich nicht, anzunehmen, dass entweder die Handschrift fehlerhaft ist, oder dass der Übersetzer den Sinn des Gesagten nicht erfasst hat, oder dass ich selbst es nicht verstanden habe.“

Für Augustinus gab es im Falle eines scheinbaren Fehlers also nur 3 Möglichkeiten: Ein Fehler im Manuskript. Ein Fehler in der Übersetzung. Oder aber der Ausleger hatte eine Aussage der Schrift einfach falsch verstanden. Ein Fehler des biblischen Autors kam für ihn nicht in Frage.

Irrtumslosigkeit in der Reformationszeit

Genau auf diese Aussage von Augustinus berief sich später auch Martin Luther, als er in seiner „Assertio omnio articulorum“ schrieb:

„Wieviele Irrtümer sind schon in den Schriften aller Väter gefunden worden! Wie oft widersprechen sie sich selbst! Wie oft sind sie untereinander verschiedener Meinung! … Keiner hat der Heiligen Schrift Vergleichbares erreicht … Ich will …, dass allein die Heilige Schrift herrsche … [Ich] ziehe … als hervorragendes Beispiel Augustinus heran … was er in einem Brief an Hieronymus schreibt: ‚Ich habe gelernt, nur den Büchern, die als kanonisch bezeichnet werden, die Ehre zu erweisen, dass ich fest glaube, keiner ihrer Autoren habe geirrt.“

Luther hatte zwar bei manchen biblischen Büchern Zweifel, ob sie zum Kanon gehören. Aber kanonische Bücher hatten für ihn absolute Autorität. Laut Hans Küng hatte die Sichtweise von Augustinus das ganze Mittelalter hindurch bis in die Neuzeit hinein starken Einfluss. Deutlich wird das zum Beispiel an einer Debatte zwischen Johannes Eck, einem römisch-katholischen Zeitgenossen Martin Luthers, und dem Gelehrten Erasmus. Letzterer vertrat die Meinung, dass es der Schriftautorität keinen Abbruch täte, falls zum Beispiel Matthäus ein Jeremiazitat versehentlich Jesaja zugeschrieben hätte – eine Argumentation, die man auch heute häufig hört. Sind also kleinere Fehler unrelevant? Die Antwort von Eck ist bemerkenswert. Er zitiert die seiner Meinung nach zentrale augustinische Lehre von der Irrtumslosigkeit der Bibel:

“Hör zu, lieber Erasmus: Glaubst du, dass irgendein Christ es geduldig erträgt, wenn man ihm sagt, dass die Evangelisten in ihrem Evangelium Fehler gemacht haben?” “Wenn die Autorität der Heiligen Schrift an dieser Stelle wackelig ist, kann dann irgendeine andere Stelle frei vom Verdacht des Irrtums sein? Eine Schlussfolgerung, die der heilige Augustinus in einer eleganten Argumentationskette gezogen hat.”

Irrtumslosigkeit als kirchliche Lehre in der Moderne

Nicht nur für Luther, sondern auch für seinen katholischen Kontrahenten war also die völlige Fehlerfreiheit der kanonischen Schriften eine Selbstverständlichkeit. Diese Position wurde in der katholischen Kirche noch lange Zeit aufrecht erhalten. Ende des 19. Jahrhunderts hielt Papst Leo XIII. in einer Enzyklika fest, dass die römisch-katholische Kirche die Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift nicht nur in Fragen des Glaubens und der Praxis, sondern auch in Fragen der Geschichte und der Wissenschaft bejaht. Er tadelte diejenigen, die die Irrtumslosigkeit der Schrift auf Fragen des Glaubens und der Moral beschränken wollten mit dem Hinweis, dass sich doch alle Väter einig seien, „dass die göttlichen Schriften… frei von jedem Irrtum sind“ und dass sie sich deshalb „ernsthaft bemühten, … jene zahlreichen Stellen miteinander zu versöhnen, die widersprüchlich zu sein scheinen.“ Erst in der letzten Ausgabe von „Dei Verbum“ im Jahr 1965 wurde in Bezug auf die Irrtumslosigkeit der Bibel eine Formulierung gewählt, die so verstanden werden kann, dass die Irrtumslosigkeit nur solche Aussagen betreffe, die „um unseres Heils willen“ offenbart wurden.

Entsprechend zitiert John Woodbridge den bekannten US-amerikanischen Geschichtstheologen Richard A. Muller mit den Worten:

„Die katholische Lehre vor der Reformation ging von der Unfehlbarkeit der Schrift aus, ebenso wie die Reformatoren – die protestantischen Orthodoxen haben das Konzept nicht erfunden. Die Lehre von der unfehlbaren Autorität der Schrift blieb eine Konstante.”

Und Woodbridge ergänzt: „Die zentrale Debatte drehte sich nicht um die Unfehlbarkeit der Heiligen Schrift – diese wurde von beiden Seiten als selbstverständlich angesehen – sondern um die Frage der Autorität, insbesondere der Autorität der Auslegung.“

Die Unfehlbarkeit der Bibel: Eine gängige Lehre der christlichen Kirchen

Das Fazit von John Woodbridge fällt eindeutig aus:

„Die Lehre von der Irrtumslosigkeit der Bibel ist keine späte, fantasievolle Schöpfung … des amerikanischen Fundamentalismus des 20. Jahrhunderts. Vielmehr ist sie eine wesentliche evangelische Überzeugung, die sich auf eine biblische Begründung stützt. Sie steht ganz in der augustinischen Tradition der Wahrhaftigkeit der Bibel. Sowohl die römischen Katholiken als auch die protestantischen Reformatoren haben diese Lehre der Kirche bekräftigt. …  Vor 1881 glaubten zahllose römische Katholiken und evangelische Protestanten, dass die Bibel nicht nur in Fragen des Glaubens und der Praxis, sondern auch in Geschichte und Wissenschaft unfehlbar sei. Die diesbezügliche Lehre des Augustinus kam für viele römische Katholiken und Protestanten einer wesentlichen Kirchenlehre gleich. Einige behaupteten, dieser Glaube ergebe sich direkt aus der Prämisse, dass Gott, der Urheber der Wahrheit, auch der letztliche Autor der Heiligen Schrift sei. Daher sei die Schrift ohne Irrtum. Viele glaubten, die Lehre diene als starke Leitplanke gegen die Möglichkeit, in falsche Lehre oder Schlimmeres abzurutschen oder abzustürzen. Viele gingen davon aus, dass dies eine nicht verhandelbare Überzeugung ihrer evangelischen theologischen Identität sei.“

Viele Zitate dieses Artikels stammen aus „Did Fundamentalists Invent Inerrancy?“ von Prof. John Woodbrigde. Der Artikel ist eine Bearbeitung des Kapitel 4 “Evangelical Self-Identity and the Doctrine of Biblical Inerrancy” in “Understanding the Times: New Testament Studies in the 21st Century: Essays in Honor of D. A. Carson on the Occasion of His 65th Birthday” (Crossway, 2011).