Wie denkt Gott über unsere Gemeinden?

5 beunruhigende Beobachtungen in den 7 Sendschreiben

Hast Du Dir schon einmal die Frage gestellt, was Gott wohl über den Zustand Deiner Gemeinde denkt? Meine Beobachtung ist: Wir stellen uns diese Frage kaum. Vielleicht denken wir ja: Diese Frage ist sinnlos. Wir können sowieso nicht wissen, was Gott über uns denkt. Das stimmt zwar. Allerdings gab es einmal sieben Gemeinden, die tatsächlich einen Brief von Gott bekommen haben – mit sehr konkreten Ansagen zu ihrem Zustand.

Der Inhalt dieser sogenannten „Sendschreiben“ hat mich beunruhigt. Stil und Inhalt wollen so gar nicht zu dem Bild passen, das wir gemeinhin von Gott verbreiten. Ist Gott vielleicht anders, als wir denken?

Schon klar: Die 7 Sendschreiben müssen in den gesamtbiblischen Kontext eingeordnet werden. Und natürlich müssen wir sie vor dem historischen Hintergrund der damaligen Gemeinden verstehen. Trotzdem: Wenn die Bibel wirklich unsere korrigierende Richtschnur sein soll, dann dürfen wir die Wucht ihrer Aussagen auch nicht immer gleich durch Historisierung und Kontextualisierung entschärfen und denken, dass das nichts mehr mit uns zu tun hätte. Schließlich beten wir noch immer zu dem gleichen Gott. Und die Gemeinden bestanden damals wie heute aus Menschen wie Du und ich.

Also schnall Dich an. Hier kommen 5 beunruhigende Beobachtungen zu der Frage, wie Gott über konkrete Gemeindesituationen denkt:

1. Mehr Tadel als Lob

In unserer heutigen christlichen Erbauungsliteratur steht Ermutigung, Trost und Zuspruch im Vordergrund. Das passt für uns zur biblischen Aussage, dass Gott die Menschen liebt. Aber deckt sich das auch mit den Sendschreiben? Die nüchterne Bilanz sieht so aus: Die 7 Sendschreiben enthalten 18 Verse mit Tadel und Aufrufen zur Umkehr. Dem stehen nur 14 Verse mit Lob und Ermutigung gegenüber. Mehr Tadel als Lob – das scheint für Gott kein Widerspruch zu seiner Liebe zu sein, denn er sagt: Alle, die ich liebe, weise ich zurecht und erziehe sie streng.“ (3,19) Puh. Neigen wir vielleicht dazu, Gottes Umgang mit uns schönzufärben? Haben wir womöglich eine einseitige Vorstellung davon, was Gott unter Liebe versteht?

2. Warnung vor Gericht

Ein richtender Gott kommt heute nur noch selten in Predigten vor. Wie sieht das in den Sendschreiben aus? Vier der sieben Gemeinden werden vor einem harten Gottesgericht gewarnt: „Wenn du dich nicht änderst, werde ich gegen dich vorgehen und deinen Leuchter von seinem Platz stoßen.“ (Ephesus/2,5) „Ändere dich also! Sonst werde ich bald gegen dich vorgehen.“ (Pergamon/2,16) „Auch ihre Anhänger werde ich in den Tod schicken“ (Thyatira/2,23; es geht um eine in der Gemeinde auftretende Prophetin). „Doch du bist lauwarm, weder heiß noch kalt. Darum will ich dich aus meinem Mund ausspucken.“ (Laodizea/3,16) Wenn das kein harter Tobak ist. Müssen wir uns vielleicht mit dem Gedanken anfreunden, dass Gott immer noch mit Gericht reagiert, wenn sein Volk nicht auf ihn hört? Könnte es sein, dass somit Gott selbst für den Niedergang von so manchen Kirchen und Gemeinden verantwortlich ist?

3. Das wichtigste Thema: Falsche Lehre

Das offene, namentliche Ansprechen von falscher Lehre findet man heute selten in christlichen Publikationen. Wie steht es um dieses Thema in den Sendschreiben? Die schockierende Wahrheit ist: Es nimmt fast ein Drittel der Texte[1] ein und ist somit das dominanteste Thema überhaupt! In 10 der 32 Verse werden drei der sieben Gemeinden entweder gelobt oder getadelt, weil sie falsche Lehre bzw. Lehrer entweder entlarvt haben oder aber gewähren lassen. Es geht um falsche Apostel, eine falsche Prophetin, um eine Lehre, die sich mit den „Tiefen des Satans“ befasst und um die „Nikolaiten“, die die Freiheit in Christus als Erlaubnis für sexuelle Freizügigkeit missverstanden[2] (wie hochaktuell!). Dazu sagt Gott zu den Ephesern: Allerdings spricht für dich, dass du das Treiben der Nikolaiten genauso hasst, wie ich es hasse.“ Da frage ich mich: Wann habe ich in christlichen Kreisen zuletzt eine Ermutigung zur Zurückweisung falscher Lehre gehört?

4. Entscheidend sind Taten

In unseren reformatorisch geprägten Kirchen steht die Erkenntnis im Vordergrund, dass wir allein durch Glauben, nicht durch Taten gerettet werden. Wie sieht das in den Sendschreiben aus? Fünf der sieben Ansprachen an die Gemeinden beginnen mit den Worten: „Ich kenne deine Taten.“ (2,2; 2,19; 3,1; 3,8; 3,15) Anhand der Taten werden dann drei Gemeinden gelobt und zwei Gemeinden getadelt. Besonders schockierend der Satz an die Gemeinde in Thyatira: „Jedem von euch werde ich das geben, was seinen Taten entspricht.“ (2,23) Haben wir hier etwa Werkgerechtigkeit vor uns? Im gesamtbiblischen Kontext sicher nicht. Aber wir sollten vielleicht doch noch einmal gründlich lesen, was Jakobus uns zum Thema Glaube lehrt: Glaube, der sich nicht in Taten zeigt, ist tot! (Jak. 2,17) Und wir sollten uns fragen: Was meint die Bibel eigentlich mit „Heiligung”? Welche Konsequenzen sollte unser Glaube für unseren praktischen Lebensstil haben?

5. Wir brauchen Standhaftigkeit im Kampf

Glaube als Kampf, in dem es darum geht, durchzuhalten und den Sieg zu erringen – ein derart olympischer oder militärischer Sprachgebrauch ist uns in Bezug auf das Christsein fremd. Wie ist das in den Sendschreiben? Gott macht den Christen aller Gemeinden dicke Versprechen von ewigem Heil und Teilhabe an Gottes Herrschaft. Sie gelten aber nur dem, der „siegreich ist und standhaft im Glauben“. Fünf der sieben Gemeinden werden schon zuvor für ihre Standhaftigkeit in Verfolgung und für das Festhalten an Gottes Botschaft gelobt. Dieses Thema wird insgesamt am öftesten erwähnt. Sind wir uns wirklich sicher, dass wir den Aufruf zur Standhaftigkeit gegenüber Versuchungen und Widerständen heute nicht mehr brauchen?

Schreck, lass nicht gleich nach!

Es geht in diesem Artikel nicht darum, Gottes väterliche Liebe, seinen Trost, seine Treue, seine Barmherzigkeit und Gnade zu relativieren. All das finden wir ja auch – Gott sei Dank – vielfach in der Bibel. Ich habe selbst sehr davon profitiert. Und doch glaube ich: Wir sollten uns die Fähigkeit bewahren, uns beunruhigen und aufschrecken zu lassen, wenn unser Bild von Gott den biblischen Realitäten widerspricht. Gott ist ganz offenkundig kein netter Opa, der uns immer nur anlächelt und tätschelt. Er ist heilig. Ein verzehrendes Feuer. Seine Gerichte sind buchstäblich zum Fürchten.

Ein heilsames Erschrecken könnte helfen, dass wir vernachlässigte Eigenschaften Gottes neu entdecken: Sein „Hass“ auf falsche Lehre. Seine Intoleranz gegenüber falschem Handeln. Seine Heiligkeit und Gerechtigkeit, die ihn durchaus auch gegen uns aufbringen kann, wenn wir seine Wege verlassen. Umso mehr brauchen wir Standhaftigkeit im Angesicht von Herausforderungen und Verführung. Dafür müssen wir fest verwurzelt sein in seinem Wort, damit wir merken, wenn unser Bild von Gott verrutscht und wir auf die schiefe Bahn geraten.

Eine offene, korrekturbereite Auseinandersetzung mit den sieben Sendschreiben könnte für diese Verwurzelung ein guter Anfang sein. Wie wäre es, wenn Du gleich jetzt die Bibel aufschlägst? Du findest die 7 Sendschreiben in Offenbarung 2 und 3. Ich wünsche Dir eine heilsam-beunruhigende Leseerfahrung.

Fußnoten

[1] Gemeint sind hier die Texte mit den konkreten Situationsbeschreibungen über die jeweiligen Gemeinden. Nicht mitgerechnet sind die Einleitungsformeln sowie die Verheißungen am Ende der Sendschreiben.

[2] Nachzulesen in der Erläuterung der Basis-Bibel

2022 – Woher kommt der Aufbruch?

Dieser Beitrag ist auch als Podcast verfügbar: https://bibel-live.aigg.de/2022-woher-kommt-der-aufbruch

„Es geht ohne Gott in die Dunkelheit…“ So sang es 1976 der christliche Liedermacher Manfred Siebald. Wenn er damit recht hat, dürfte es zunehmend düster werden in unserem Land. 2022 werden erstmals weniger als die Hälfte der Deutschen einer Kirche angehören. Der Religionssoziologe Detlef Pollack sieht Gesamtdeutschland damit vor einem Kipp-Punkt stehen, „von dem aus sich die Entkirchlichung wahrscheinlich beschleunigt.“[1] Der Rektor der pietistisch geprägten internationalen Hochschule Liebenzell Prof. Volker Gäckle ist sogar der Meinung, dass die volkskirchlichen Kipp-Punkte längst überschritten sind. Gemäß dem bekannten Philosophen Peter Sloterdijk befinde sich der Protestantismus wie Brennstäbe eines Atomkraftwerks im „Abklingbecken der Geschichte“. Da gäbe es zwar noch Restwärme, „aber es brennt hier nichts mehr und irgendwann ist auch die Restwärme Geschichte.“ Und Gäckle ergänzt: Auch der Pietismus befinde sich in einer „Situation der Windstille“. Man ringe um den Erhalt vieler Werke und Initiativen, die in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts in einer Phase des evangelikalen Aufbruchs entstanden sind. Aber man leide daran, dass „Gewissheiten wanken, die Flügel zerfasern.“ Das Klima sei „gereizt und nicht selten überhitzt“. Die Debatte drehe sich dabei längst nicht mehr nur um die Frage nach der Bewertung gleichgeschlechtlicher Sexualität sondern um viel zentralere Themen: „Gibt es ein letztes Gericht Gottes? Ist der Glaube an Jesus Christus das entscheidende Kriterium für Rettung und Verlorenheit? Ist die Heilige Schrift auch in geschichtlicher Hinsicht eine zuverlässige und vertrauenswürdige Grundlage für Glaube und Leben der Gemeinde? Darüber hat der Pietismus in den 60er- und 70er-Jahren mit der Ökumenischen Missionsbewegung und der liberalen Theologie auf Kirchentagen und Synoden gestritten. Heute streiten wir über ähnliche Fragestellungen im eigenen Laden.“[2]

Treffender kann man kaum zusammenfassen, was mich seit meiner Begegnung mit der Mediathek Worthaus im Jahr 2017 umtreibt. Ohne Zweifel trifft diese Situationsbeschreibung nicht nur auf den Pietismus zu. In vielen evangelikal geprägten Verbünden, Werken, Gemeinden und Gemeinschaften sieht es ähnlich aus. Die Corona-Krise hat dabei vielerorts wie ein Brandbeschleuniger gewirkt. Sie hat brüchige Einheit weiter untergraben und spärliches geistliches Leben weiter ausgedünnt oder gar ganz abgewürgt. Mich erinnern diese Vorgänge an Hebräer 12, 26b + 27:

„»Noch einmal werde ich nicht nur die Erde, sondern auch den Himmel erschüttern.« Das deutet auf eine Verwandlung der ganzen Schöpfung, die erschüttert wird, damit nur das Ewige bleibt.“

Könnte es wirklich Gott selbst sein, der diese Erschütterungen zulässt? Und könnte es sein, dass diese Erschütterungen eher noch weiter zunehmen? Tatsache ist: Das gesellschaftliche Klima wird rauer, gerade auch für Christen. Christliches Leben, das primär von Gewohnheit, Tradition und der „Restwärme“ vergangener Aufbrüche lebt, wird diesen Stürmen immer weniger standhalten können.

Umso dringender sollten wir gemeinsam die Frage stellen: Woher kommt ein neuer Aufbruch? Von wo kommt die Erweckung, die wir so dringend brauchen? Genau diese Frage habe ich Gott im vergangenen Jahr immer wieder gestellt. Und so langsam beginne ich zu ahnen: Gott denkt vielleicht sehr anders darüber, als wir oft meinen.

Eine radikal andere Ursachenanalyse

Eigentlich ist unsere Not ja nichts Neues. Immer wieder berichtet die Bibel, dass Gottes Volk in Bedrängnis gerät. Anders als heute waren die Widerstände damals meist sehr handfest. Es waren kriegerische Zeiten. Es ging nicht nur um schwindende Mitgliederzahlen. Die Menschen mussten wirklich um ihr Leben fürchten. Deshalb war die Frage damals noch sehr viel brisanter als heute: Was ist die Ursache für unsere Bedrängnis? Und woher wird die Rettung kommen?

Wäre die Bibel nur ein Spiegel damaliger menschlicher Erfahrungen und Überlegungen, dann müssten wir erwarten, dass sie sich vor allem mit den naheliegenden Problemursachen befasst: Machthungrige und hochgerüstete Nachbarvölker. Eine technisch und zahlenmäßig schwache eigene Armee. Schlechte Staatsführung und mangelnder Zusammenhalt. Eine falsche diplomatische Strategie. Doch das Verblüffende ist: Zu all diesen scheinbar vordringlichen Themen finden wir quer durch die biblischen Bücher ein weitgehendes, ja geradezu dröhnendes Schweigen. Stattdessen konfrontiert Gott sein Volk immer und immer wieder mit dieser einen, überaus provozierenden Aussage: Weder eure aggressiven Nachbarvölker noch eure eigene Schwäche sind euer Problem. Die wirkliche Ursache eurer Probleme hat nur vier Buchstaben: Gott! Mit Gottes Segen wäre ALLES möglich. Aber ohne ihn gibt es nur eine Richtung: Bergab.

An Gottes Segen ist alles gelegen

So lesen wir in den Abschiedsreden Josuas zum Beispiel: „Ja, ein Einziger von euch kann 1000 Mann in die Flucht schlagen. Denn der Herr, euer Gott, ist es, der für euch kämpft.“ (Josua 23,10) „Ich schickte wild gewordene Wespen gegen sie los und vertrieb die beiden Könige der Amoriter. Euer Schwert und euren Bogen brauchte ich nicht dazu.“ (24,12) Statt stolz seine Leistungen als erfolgreicher Feldherr zu preisen machte Josua damit deutlich: Es kam zu keiner Zeit auf ihn oder die Kriegstüchtigkeit Israels an! Gott war in allen Kämpfen der einzig entscheidende Faktor.

Noch deutlicher wird diese biblische Sichtweise, in Richter 7, wo Gideon sein Heer gegen die Midianiter führt. Gott musste das Heer zuerst drastisch reduzieren, damit Israel auch ganz sicher begreift, dass Gott der einzig entscheidende Faktor ist.[3] Können wir uns so etwas heute überhaupt vorstellen? Gäbe es unter uns wirklich jemand, der kurz vor einer Evangelisation die meisten Techniker nach Hause schickt, nur damit wir am Ende ganz sicher wissen, dass die vielen Bekehrten kein Resultat der medialen Gestaltung sondern allein ein Werk des Heiligen Geistes sind?

Aber was bedeutet diese provozierend andere Position der Bibel nun für die Frage dieses Artikels? Woher kommt der Aufbruch?

Der Aufbruch wird demnach auf keinen Fall von dort kommen, wo christliche Leiter den Zustand der Kirche mit widrigen Umständen entschuldigen. Um es ganz klar zu sagen: Nein, Säkularisierung, Individualisierung und Polarisierung sind genauso wenig unser Problem wie die Einschränkungen durch die Corona-Pandemie, mangelnde Kompetenzen oder fehlende finanzielle Mittel. Solche Probleme und Defizite mögen den laufenden Verfallsprozess vielleicht weiter beschleunigen. Aber unser eigentliches Problem hat auch heute noch die gleichen vier Buchstaben wie bei Josua und Gideon.

Nicht durch Heer oder Kraft

Der Aufbruch wird deshalb auch auf keinen Fall von dort kommen, wo als Reaktion auf die Krise primär über neue Strategien oder Methoden nachgedacht wird. Gleich gar nicht kommt der Aufbruch von dort, wo man die Krisensymptome ganz einfach durch Aufrufe und Appelle zu mehr Einheit, Spenden, Engagement oder Kompetenzaneignung bekämpfen möchte – selbst wenn diese Anliegen gut, die Strategien klug und die Kompetenzen wichtig sein mögen. Nichts davon wird die Wende bringen, wenn wir nicht das wahrhaben wollen, was Gott in der Bibel wieder und wieder klarstellt:

„Durch Heeresmacht und Kriegsgewalt wird nichts erreicht, sondern nur durch meinen Geist. Das sagt der Herr der himmlischen Heere.“ (Sacharja 4, 6)

Wir sind tatsächlich vollständig von Gott abhängig. Aber bedeutet das, dass wir deshalb zum Abwarten und Tee trinken verdonnert sind? Ist es somit Gottes Schuld, wenn die Segel unseres Kirchenschiffs schlaff herunterhängen? Nichts könnte weiter von der biblischen Botschaft entfernt sein als diese schlimmste aller Ausreden, die man leider unter Christen immer wieder hört.

Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang

Aus seiner Lebenserfahrung, dass Erfolg und Misserfolg letztlich allein vom Segen Gottes abhängt, leitete Josua aufrüttelnde Mahnungen ab:

„Achtet sehr darauf, den Herrn, euren Gott, zu lieben!“ (23,11) „Begegnet dem Herrn mit Ehrfurcht! Dient ihm aufrichtig und treu!“ (24,14)

Genau so hatte es Gott ihm auch selbst mit auf den Weg gegeben:

„Gib acht, dass du ganz nach der Weisung handelst, die dir mein Knecht Mose gegeben hat! Du sollst davon nicht abweichen, weder nach rechts noch nach links. So hast du Erfolg bei allem, was du unternimmst. Hör nicht auf, in dem Gesetzbuch zu lesen, und denk Tag und Nacht darüber nach. So weißt du, worauf du achtgeben musst. So kannst du dein ganzes Tun danach richten, wie es darin geschrieben steht. Dann wird dir alles gelingen, was du unternimmst. Dann hast du Erfolg. … Denn der Herr, dein Gott, ist mit dir bei allem, was du unternimmst!“ (Josua 1, 7-9)

Da haben wir es schwarz auf weiß, von wo der Aufbruch kommen wird: Von Menschen, die Gott und sein Wort von Herzen lieben und ihr ganzes Denken und Tun davon prägen lassen. Anders ausgedrückt: „Weisheit beginnt mit Ehrfurcht vor dem Herrn.“ (Psalm 111, 10, siehe auch Sprüche 1,7; 9,10; 14,27) Der Aufbruch wird von solchen Menschen ausgehen, die Gott in einer Art und Weise fürchten, dass sie ihren Fokus auf Gott und sein Wort richten, ihr Vertrauen ganz auf die Kraft seines Geistes setzen und deshalb in der Lage sind, sich von menschlichen Widerständen nicht mehr beeindrucken zu lassen.

Aber können wir ernsthaft hoffen, dass in absehbarer Zeit von solchen Menschen ein neuer Aufbruch ausgeht?

Das progressive Versprechen verliert an Strahlkraft

In den letzten Jahren hatte ich den Eindruck, dass der Trend leider in die entgegengesetzte Richtung läuft. Die Debatten in der evangelikalen Welt schienen zunehmend bestimmt zu sein von einem schillernden Versprechen: Wir bekommen das Kirchenschiff wieder flott, wenn wir es endlich mitschwimmen lassen in den Strömungen unserer Zeit. Wir finden heraus aus der Sackgasse, wenn wir mitlaufen bei Fridays for future, wenn wir uns mit engagieren für soziale Gerechtigkeit, wenn wir uns endlich auch eine Frauenquote vornehmen, unsere Sprache gendern und uns auf keinen Fall mehr einengen lassen durch ein überkommenes, fundamentalistisches Bibelverständnis. Mein Eindruck war, dass sich diese Botschaft gar nicht mehr aufhalten lässt an unseren Ausbildungsstätten, in den evangelikalen Medien, Werken und Gemeinschaften.

Gerade in den letzten Monaten sehe ich aber zunehmend auch Signale, dass dieses progressive Versprechen an Strahlkraft verliert. Immer mehr christliche Leiter scheinen zu merken: Die postevangelikalen und progressiven Strömungen sind zwar gut im Benennen von Fehlern und in der Dekonstruktion. Aber sie bieten nur wenig konstruktive Orientierung. Sie bringen wenig Hoffnungsmodelle hervor. Sie sind weitgehend ungeeignet für die Weitergabe des Glaubens. Und sie haben auch seelsorgerlich eher wenig zu bieten. Die Abschaffung des zornigen Gottes mag auf diejenigen, die unter evangelikaler Gesetzlichkeit gelitten haben, kurzzeitig wie eine Erlösung wirken. Aber auf Dauer merken wir: Ohne Gottes Zorn wird auch seine Gnade seltsam banal. Wenn Gott niemanden straft, dann brauchen wir auch kein rettendes Evangelium. Wenn in der Theologie alles gleich gültig ist, dann wird auch alles gleichgültig. Und damit irgendwann auch trost-los.

Erste Signale einer Wende?

Es ist deshalb vielleicht kein Zufall, dass nach dem Boom von Worthaus & Co. zuletzt mit glaubendenken und offen.bar gleich 2 neue Mediatheken entstanden sind, die ganz neu auf die Vertrauenswürdigkeit der Bibel setzen. IDEA Spektrum hat die offen.bar-Mediathek sogar zum Hoffnungsträger und Projekt des Jahres gekürt. Sehen wir hier vielleicht schon den Beginn einer Entwicklung, die in der Kirchengeschichte immer wieder zu beobachten ist? Denn genau so war es ja oft: Wenn es trocken wird, dann kehren Christen zurück zu den Quellen, die die Kirche Jesu zu allen Zeiten stark gemacht haben: Die Erlösung unter dem Kreuz. Die Kraft von Gottes lebendigem Wort. Die Stärkung im Gebet. Die Erneuerung durch den Heiligen Geist. Die Inspiration einer Gemeinschaft von Menschen, die Jesus leidenschaftlich folgt und anbetet. Nichts und niemand kann diese Quellen je ersetzen.

Die Furcht des Herrn auf Platz 1 der Bestsellerliste

Das letzte Buch, das ich in diesem Jahr gelesen habe, trug den Titel „Überrascht von Furcht“. Es stammt von Natha, der schon seit einiger Zeit mit crosspaint im Internet Furore macht und vor allem viele Jugendliche erreicht. Wer dieses Buch in die Hand nimmt merkt schnell: In diesem Buch weht raue Erweckungsluft. Es geht um Sünde und Kreuz, um Himmel und Hölle, um den Zorn und die Liebe Gottes, um die Notwendigkeit der Gottesfurcht, um Hingabe und Heiligung. Also alles Themen, von denen man meinen sollte: DAS ist doch nun wirklich vollkommen out. Aber stattdessen ist etwas völlig außergewöhnliches geschehen: Das Buch stand zwei Tage lang auf Platz 1 der Amazon Gesamt-Bestsellerliste! Ich kenne kein anderes christliches Buch, das das geschafft hat. Ist das nicht wirklich ein Zeichen, dass hier tatsächlich etwas in Bewegung geraten ist?

Man muss nicht jede Bibelauslegung von Natha teilen. Aber man wird Natha auch nicht vorwerfen können, dass er die Bibel verdreht. Im Gegenteil: Hier entsteht ganz offenkundig eine Gegenbewegung zu einem Christentum, das sich zwar gerne modern und progressiv gibt, das zugleich aber wichtige Elemente der Botschaft über Bord wirft, die das Christentum zu allen Zeiten so kraftvoll und revolutionär gemacht hat. Es war nun einmal kein Social Gospel, keine Befreiungstheologie, keine öffentliche Theologie und keine Transformationstheologie, die Gesellschaften verändert hat. Nein, es waren Erweckungsbewegungen wie das Urchristentum, der Pietismus, der Methodismus oder die Great Awakenings, die gezeigt haben: Es ist letztlich immer wieder dieses alte, raue Evangelium, das wirkliche Veränderung bringt, weil Menschen erleben: Nur sein Wort gibt Orientierung und Hoffnung über den Tod hinaus. Nur sein Geist schafft wirklich Neues. Und nur eine Transformation der Herzen führt am Ende auch zu echter Gesellschaftstransformation.

Der Aufbruch kommt

Die Worte aus dem Lied von Manfred Siebald klingen für mich heute fast prophetisch:

„Es geht ohne Gott in die Dunkelheit, aber mit ihm gehen wir ins Licht! Sind wir ohne Gott macht die Angst sich breit aber mit ihm fürchten wir uns nicht.“

Genau das sehen wir heute in unserer Gesellschaft: Angst macht sich breit. Angst vor der Klimakatastrophe. Angst vor Infektion und Krankheit. Angst vor dem Zusammenbruch des Gesundheitswesens. Angst vor Existenzverlust und wirtschaftlichem Niedergang. Angst vor dem Blackout. Angst vor Extremisten und Ideologien. Angst vor Überfremdung. Und es gibt sogar Leute, die behaupten: Angst sei gut, damit wir uns richtig verhalten. Ein Stück weit stimmt das ja auch. Aber ich sehe eben auch immer mehr Menschen, die wirklich leiden unter ihrer Angst. Ich sehe, wie Angst Konflikte produziert. Ich sehe, wie Angst die Grenzen des Respekts und der Achtung niederreist. Ich sehe, wie Angst verhindert, dass wir respektvoll miteinander reden und diskutieren können. Ich sehe, wie Angst das Miteinander in unserer Gesellschaft zerstört. Und ich sehe, dass Angst eben doch am Ende ein schlechter Ratgeber ist, weil sie das nüchterne, rationale Denken zerstört.

Deshalb bete ich in dieser aufgewühlten Zeit um Frieden für unser Land. Ich bete für unsere Politiker, dass sie gute Entscheidungen treffen, die helfen, dass das Miteinander wieder verbessert wird. Ich bete um Gottes Segen für unser Land, damit die Wirtschaft und damit auch unser Sozialstaat nicht zusammenbricht. Aber wir sollten auch nicht überrascht sein, wenn es Folgen hat, wenn ein Volk sich säkularisiert, wenn es sich von Gottes Geboten emanzipiert und wenn seine Leiter glauben, ohne Gottes Hilfe regieren zu können. Es sollte uns Christen nicht überraschen, wenn die Orientierungslosigkeit, die Angst, die Polarisierung und die Konflikte in der Gesellschaft in der kommenden Zeit noch weiter zunehmen.

Trotzdem gibt es für Christen keinen Grund, sich entmutigen zu lassen. Denn ich bin mir sicher: Gott hat keine Angst. Gott ist stärker als alles Dunkle, das in dieser Welt am Werk ist. Gott hat alles unter Kontrolle. Er regiert! Und er hat einen guten Plan. Er ist schon längst am Werk. Und deshalb bin ich mir auch sicher: Der Aufbruch kommt! Und wenn er losgeht, will ich gerne dabei sein. Lasst uns gemeinsam zu diesen Menschen gehören, die ihren Fokus ganz auf Gott und sein Wort richten, die ihr Vertrauen ganz auf die Kraft seines Geistes setzen und die erfüllt sind von dieser Hoffnung, dass für unseren Gott nichts unmöglich ist.


[1] „Die Bedeutung des Islams in Deutschland wird steigen und die des Christentums zurückgehen“ Interview mit Detlef Pollack in der NZZ am 25.12.2021 https://www.nzz.ch/international/weihnachten-2021-das-christentum-ist-auf-dem-rueckzug-ld.1661792

[2] Volker Gäckle: „Windstille, Wandel und Gottes Wirken“, in „Lebendige Gemeinde“ 4 / 2021, S. 14 https://lebendige-gemeinde.de/wp-content/uploads/2021/12/LG_2021_04_ChristusBewegung.pdf

[3] Richter 7, 2: „Der Herr sagte zu Gideon: »Das Heer, das du bei dir hast, ist zu groß. So wie es jetzt ist, kann ich die Midianiter nicht in eure Gewalt geben. Sonst könnten die Israeliten mir gegenüber behaupten: ›Wir haben uns aus eigener Kraft gerettet!‹“

Wollte Gott, dass rebellische Söhne gesteinigt werden sollen?

Der Inhalt dieses Artikels ist auch Gegenstand des Podcasts “#9 Hat Gott gefordert, dass rebellische Söhne gesteinigt werden sollen?” bei Bibel-live.

Das Studium der Gesetze und Gebote in den 5 Büchern Mose ist manchmal harte Kost. Da gibt es zwar einige Vorschriften, die uns auch heute noch einleuchten: Die 10 Gebote zum Beispiel. Oder auch so simple Vorschriften, dass man auf dem Dach der Gebäude Geländer anbringen soll, damit niemand herunterfällt (5. Mose 22,8). Es gibt aber auch einige Gebote, die heute sehr fremd, ja regelrecht abstoßend und verstörend auf uns wirken. In seinem Worthausvortrag „Jesus und die blutende Frau“ beschäftigt sich Siegfried Zimmer zum Beispiel mit einigen Reinheitsgeboten für Frauen, die er für so absurd und menschenfeindlich hält, dass er sie mit folgenden Worten kommentiert: „In religiösen Dingen, da gibt es Systeme, da gibt es Reinigungsgesetze von äußerster Kälte und Frauenfeindlichkeit. Die können auch in der heiligen Schrift stehen. 3. Buch Mose – sagt man ja so – das ist Gottes Wort. Meint ihr wirklich, dass Gott selber dermaßen frauenfeindliche Gesetze erlassen hat? Stellt ihr euch Gott so vor? … Oder sind das nicht eher Männerphantasien? Priesterphantasien?“ (ab 36:57)

Natürlich kann man unsere heutigen Schwierigkeiten mit diesen Geboten ganz einfach wegerklären, indem man sie für überkommene menschliche Ideen hält. Das Problem ist nur: Nebenbei wird damit auch das reformatorische Prinzip über Bord geworfen, dass die Bibel sich selbst auslegen muss. Denn die Bibel selbst ist überhaupt nicht der Meinung, dass es sich hier um Männer- oder Priesterphantasien handelt. Im Gegenteil: Gleich an 17 Stellen werden im 3. Buch Mose lange Textabschnitte eingeleitet mit der folgenden Wendung: „Der Herr sprach mit Mose und forderte ihn auf mit den Israeliten zu reden und ihnen auszurichten: …“[1] Der Bibeltext selbst will also immer wieder deutlich machen: Hier spricht nicht nur ein Mensch. Hier spricht Gott selbst! Und genau diese Überzeugung wird in der Bibel auch nirgends in Frage gestellt, im Gegenteil: Jesus selbst hat klargestellt, dass es sich hier um Gottes Gesetz handelt, das voll und ganz gültig bleibt: „Ich versichere euch: „Solange der Himmel und die Erde bestehen, wird selbst die kleinste Einzelheit von Gottes Gesetz gültig bleiben, so lange, bis ihr Zweck erfüllt ist.“ (Matthäus 5,18) Und Paulus schreibt in Römer 7, 12: „Es bleibt dabei: Das Gesetz an sich ist heilig, und das einzelne Gebot ist heilig, gerecht und gut.“ Also keine Spur davon, dass ein biblischer Autor sich von diesen Gesetzen und deren göttlichem Ursprung distanzieren würde.[2] Umso mehr stellt sich die Frage: Wie gehen wir um mit solchen Geboten im mosaischen Gesetz, die uns heute vollkommen unverständlich erscheinen?

Zur Klärung dieser Frage befasst sich dieser Artikel beispielhaft mit einem besonders krassen Fall. Die Forderung der Todesstrafe für rebellische Söhne steht in 5. Mose 21, 18-21:

„Folgender Fall: Jemand hat einen aufsässigen und rebellischen Sohn. Der lässt sich nichts sagen, weder von seinem Vater noch von seiner Mutter. Sie versuchen es mit Strafen, aber er hört trotzdem nicht auf sie. Dann sollen sein Vater und seine Mutter ihn packen und zu den Ältesten der Stadt bringen. Im Tor des Ortes soll der Fall behandelt werden. Sie sollen zu den Ältesten der Stadt sagen: »Das ist unser Sohn, er ist aufsässig und rebellisch. Nie hört er auf uns. Er verschwendet alles und ist ein Säufer.« Dann sollen alle Männer der Stadt ihn steinigen, und er soll sterben. So sollst du das Böse aus deiner Mitte entfernen. Alle Menschen in Israel sollen davon erfahren, damit sie es sich zu Herzen nehmen.“

Es kann meines Erachtens keine zwei Meinungen darüber geben, dass eine derart drakonische Gesetzgebung heutzutage vollkommen inakzeptabel ist. Aber wie sollen Christen dann mit so einer Bibelstelle umgehen? Und inwiefern können wir das heute noch als „Gottes Wort“ betrachten? Hat Gott denn wirklich ein so verstörendes Gesetz erlassen?

Was bedeutet es, die Bibel historisch zu lesen?

Von Seiten der progressiven Theologie wird immer wieder die Forderung erhoben: Wir müssen die Bibel doch historisch lesen, statt sie 1:1 als Gottes Wort zu verstehen. Die Frage ist nur: Ist das denn wirklich ein Widerspruch? Dieses Gebot könnte doch beides sein: Gemäß seinem Selbstanspruch ist es voll und ganz Gottes offenbartes Wort. Aber natürlich hat Gott hier in eine bestimmte Zeit hineingesprochen. Deshalb können wir Gottes Reden womöglich erst dann richtig verstehen, wenn wir auch etwas vom historischen Kontext wissen, in den dieses Wort hineingesprochen wurde.

Das führt uns natürlich zu der Frage: Welches historische Umfeld kann denn dieses verstörend wirkende Gebot verständlich machen?

Gott spricht hier in eine Zeit hinein, in der die Familie als die entscheidende soziale Einheit in der Gesellschaft galt. Es gab damals keine Rente und keine Seniorenwohnheime. Stattdessen waren die Kinder für die Versorgung der Eltern unverzichtbar notwendig. Die Familien haben also dafür gesorgt, dass alle versorgt werden. Damit waren die Familien für die Stabilität der Gesellschaft von entscheidender Bedeutung.

Vor diesem Hintergrund wird verständlicher, warum der Respekt vor den Eltern in den 10 Geboten fest verankert wurde. Für die Stabilität der Familien war der Respekt vor den Eltern ungeheuer wichtig. Und generell war im Denken und in der Erfahrung der Menschen damals das Prinzip verankert: Wenn die Familie zerfällt, dann zerfällt auch die Gesellschaft. Deshalb müssen wir alles tun, um die Familienstrukturen zu schützen.

In dieser Sichtweise ist ein Sohn, der das Eigentum der Familie verschwendet und „versäuft“, nicht nur einfach eine ärgerliche Enttäuschung für die Eltern, sondern existenzbedrohend für die Familie und damit auch gefährlich für die Gesellschaft. Es war deshalb normal, dass man so einen Fall nicht einfach laufen lassen konnte oder wollte. Im Gegenteil: Es war verbreitet, hart dagegen vorzugehen, wenn ein Sohn, der doch bald die Verantwortung in der Familie übernehmen sollte, in seiner Aufgabe nicht nur versagte, sondern im Gegenteil auch noch der Familie massiv schadete, indem er den Familienbesitz verschwendete und seine Eltern im Stich ließ.

Im römischen Recht galt dabei: Der Vater der Familie hatte das Recht über Leben und Tod seiner Familie. Der Familienvater konnte also nach eigenem Gutdünken entscheiden, ob ein Sohn, der die Eltern nicht respektiert und den Besitz der Familie verprasst, sterben muss. Auch über die jüdische Gesellschaft schreibt die Religionswissenschaftlerin Elisabeth Bellefontaine: In der vorjahwistischen Zeit wäre die Todesstrafe … direkt von den Eltern oder anderen Verwandten ausgesprochen und vollstreckt worden – manchmal auch mit Druck der Gruppe.“ [3]

Das bedeutet: Die Praxis, rebellische Söhne zu verurteilen und zu töten, war damals nicht ungewöhnlich. Und es lag vielfach in der Hand des Vaters oder der Familie, wenn gegen einen Sohn vorgegangen wurde – bis hin zur Todesstrafe.

Was ist eigentlich das Ziel dieses Gesetzes?

Wie reagiert nun das mosaische Gesetz auf diese gesellschaftliche Realität? Wenn wir genau hinschauen, merken wir: Das mosaische Gesetz brachte nicht etwa eine Verschlechterung sondern eine erhebliche Verbesserung des Rechtsschutzes der Söhne! Denn die Möglichkeit der Todesstrafe, die es in der damaligen Gesellschaft ohnehin schon gab, wird in diesem Gesetz sehr weitgehend reglementiert:

  • Eine Anklage ist überhaupt nur möglich, wenn Vater UND Mutter gleichermaßen den Sohn für schuldig halten. Eine Verurteilung war nur möglich, wenn auch die Mutter den Sohn für todeswürdig hält. Diese Regelung ist erstaunlich in einer patriarchalen Gesellschaft, in der Frauen oft gar nicht als rechtsfähig angesehen wurden.
  • Der Ungehorsam und fehlende Respekt des Sohnes allein genügt nicht. Zusätzlich muss hier ein Lebensstil vorliegen, der den Besitz der Familie verprasst inklusive einer Trunksucht, die den Sohn davon abhält, seinen Pflichten nachzukommen.
  • Die Eltern mussten zunächst sämtliche erzieherischen Möglichkeiten ausgeschöpft haben. Sie mussten zunächst versuchen, ihn mit sanfteren Strafen zum Umdenken zu bewegen. Erst dann durfte die Todesstrafe erwogen werden.
  • Ganz wichtig: Den Fall durften nicht die Eltern und auch nicht der Familienclan entscheiden. Er musste stattdessen den „Ältesten“ der lokalen Gemeinschaft vorgetragen werden. Diese Ältesten mussten dann im Falle des Schuldspruchs auch selbst das Urteil vollstrecken.

Im jüdischen Talmud sind diese Regelungen noch weiter konkretisiert worden, wie die jüdischen Schriftsteller Gevaryahu und Sicherman berichten: Der Junge hat nur wenige Monate Zeit, um das Verbrechen zu begehen; die Einzelheiten des Vergehens sind genau festgelegt und begrenzt (Verzehr einer großen Menge Fleisch und Wein in kurzer Zeit); er muss gewarnt und erneut gewarnt werden; der Junge kann nur mit Zustimmung beider Elternteile unter Verwendung derselben Worte verurteilt werden und schließlich, aber sicher nicht zuletzt, “müssen die Ältesten der Stadt ihn verurteilen”, wodurch den Eltern die letzte Zuständigkeit vollständig entzogen wird.“ [4]

Angesichts dieser zahlreichen Regeln und Auflagen stellt sich jetzt natürlich die Frage: Hat es diesen Fall überhaupt jemals gegeben? Fakt ist: Wir wissen nicht genau, ob es in der Praxis überhaupt jemals einen Fall gegeben hat, dass ein Sohn gemäß 5. Mose 21,18-21 gesteinigt wurde. Aber ganz sicher ist: Diese Regelung hat den Beteiligten so hohe Auflagen auferlegt, dass diese Regelung letztlich zur kompletten Abschaffung der Hinrichtungspraxis rebellischer Söhne geführt hat.

Gevaryahu und Sicherman berichten, dass die talmudische Diskussion angesichts dieses Dickichts von Regeln zu dem Schluss kommt, dass dieses Gebot gar nicht praxistauglich ist. Im babylonischen Talmud gilt es deshalb als eines von drei Geboten aus der Tora, „die niemals waren und niemals sein werden“. Das heißt: Diese Gesetze kamen und kommen nie zur praktischen Anwendung. Dazu gehörte auch das Gebot von der abtrünnigen Stadt, die verwüstet werden soll (5. Mose 13,13-18) und das infizierte Haus, das abgerissen werden soll (3. Mose, 14,34-55). Und weil diese Gesetze nie zur Anwendung kamen, glauben Gevaryahu und Sicherman, dass diese Gesetze, „entgegen der üblichen Auslegung gar nicht dazu gedacht waren, die potenziellen Sünder (den Sohn, die Stadtbewohner, den Hausbesitzer) abzuschrecken, sondern vielmehr dazu, die Ausübung potenziell großer Ungerechtigkeit zu zügeln: Den rachsüchtigen Vater, die wütende Mehrheit und den korrupten Priester. In jedem dieser Fälle greift die Tora eine wahrscheinlich vorherrschende soziale Praxis auf und wendet sie von der Praxis zur Theorie.“ [5] Das heißt: Nach Einführung dieser Regelungen war die Umsetzung so schwierig geworden, dass die soziale Praxis sich völlig verändert hat in einem Ausmaß, dass die Todesstrafe in der Praxis gar nie mehr vollstreckt wurde.

Gott berücksichtigt die Verständnisfähigkeit der Menschen

Das führt natürlich zu der Frage: Warum stehen in der Bibel Vorschriften, die gar nicht praxistauglich sind? Warum sagt Gott nicht ganz einfach: Söhne dürfen nicht umgebracht werden. Punkt.

Jesus selbst gibt uns zu dieser Frage einen entscheidenden Hinweis: In Matthäus 19 spricht Jesus über das Thema Ehescheidung. Dabei macht er klar, dass gemäß Gottes Plan Mann und Frau eine Einheit bilden sollen, die niemals durch Scheidung aufgelöst werden soll. Die Pharisäer fragen ihn deshalb zurecht: Warum hat Mose dann erlaubt, dass ein Mann seiner Frau eine Scheidungsurkunde ausstellen soll und sie damit wegschicken kann? Die Antwort Jesu ist bemerkenswert: Weil ihr euer Herz gegen Gott verschlossen habt! Nur deshalb hat euch Mose erlaubt, eure Frauen wegzuschicken. Doch ursprünglich war das nicht so.“ (Matthäus 19, 8)

Jesus sagt somit: Der Plan war eigentlich, dass Mann und Frau sich überhaupt nicht scheiden lassen sollen. Aber ihr Menschen habt euch so weit von Gottes Plan entfernt, dass Gott zuerst einmal wenigstens eine kleine Verbesserung bringen musste. Tatsächlich hatte die mosaische Regelung zur Scheidungsurkunde den Frauen eine enorme Verbesserung gebracht. Die Scheidungsurkunde war die Grundlage dafür, dass die verstoßene Frau wieder heiraten konnte und damit eine Chance hatte, im Alter versorgt zu sein. Trotzdem machte Jesus deutlich: Diese Regelung war eher ein Notgesetz, das Rücksicht nimmt auf den tiefen Fall des menschlichen Herzens. Anstatt den Menschen Regelungen aufzuerlegen, die für sie völlig unverständlich und damit überfordernd gewesen wären, holt Gott die Menschen da ab, wo sie stehen, und versucht, die Verhältnisse schrittweise zu verbessern.

Genau dieses Prinzip lässt sich auch im Gebot über den rebellischen Sohn erkennen. Gott holt die Menschen da ab, wo sie stehen. Es war damals leider üblich, dass Söhne getötet werden können, wenn sie der Familie schaden. Gott holte die Menschen in dieser Situation dadurch ab, dass er sagte: Wenn ihr das tut, dann müsst ihr jede Menge Regeln beachten. Im Ergebnis hat Gott damit eine Abschaffung der Todesstrafe an den eigenen Kindern bewirkt.

Gibt es eine tiefere Bedeutung des Gebotes zum rebellischen Sohn?

Aber wenn diese Vorschrift nur für die Leute damals passend war, warum sollten wir uns dann heute noch dafür interessieren?

Einen Hinweis zur Beantwortung dieser Frage gibt uns Paulus in 1. Korinther 9, 9. Dort zitiert er das folgende Gebot aus 5. Mose 25, 4: „Im Gesetz des Mose steht nämlich: »Du sollst einem Ochsen beim Dreschen nicht das Maul zubinden.“ Dann beschäftigt sich Paulus damit, was dieses Gebot bedeutet. Und er macht deutlich: Aus seiner Sicht geht es hier gar nicht um Tierschutz, wie man zunächst meinen sollte. Wörtlich schreibt er: „Geht es Gott dabei etwa um die Ochsen?“ Die Antwort war für Paulus offenkundig: „Nein“. Aber im übertragenen Sinn machte das Gesetz für ihn sehr viel Sinn! Er war der Meinung: In Wahrheit geht es hier um Menschen, die sich für das Reich Gottes einsetzen. Gott ist es wichtig, dass solche Menschen dafür entlohnt werden sollen. Es war für Paulus also angemessen, hinter solchen Gesetzen eine tiefere Bedeutung zu vermuten, die sich uns erst erschließt, wenn wir das Gebot im übertragenen Sinne verstehen.

Aber was könnte jetzt der tiefere Sinn der Todesstrafe für den rebellischen Sohn sein? Die Antwort ist eigentlich ziemlich naheliegend. Die Bibel macht immer wieder deutlich, dass Gott sein Volk Israel wie einen Sohn betrachtet: So spricht der Herr: Israel ist wie mein erstgeborener Sohn.“ (2. Mose 4,22) Aber Israel war ein rebellischer Sohn, der sich der göttlichen Erziehung immer wieder widersetzt hat: Als Israel jung war, gewann ich es lieb. Aus Ägypten rief ich sie wie ein Vater seinen Sohn. Doch kaum hatte ich sie gerufen, liefen sie von mir davon. Sie brachten Schlachtopfer dar für die Baal-Götter und Räucheropfer für die Götterbilder.“ (Hosea 11, 1-2) Gott hat alles versucht, um seinen Sohn Israel zu erziehen. In Vers 7 lautet jedoch das frustrierte Fazit: „Trotzdem will mein Volk nicht zu mir zurückkehren.“ Der Sohn Israel blieb rebellisch. Er verprasste seine Güter für fremde Götter. Gott ist deshalb hin- und hergerissen. Er sagt: Eigentlich müsste ich Israel vernichten. Aber ich will das nicht tun: „Ich lasse meinen glühenden Zorn nicht zur Tat werden.“ (Hosea 11, 9) Was ist die Lösung dieses Dilemmas?

Jesus nimmt den Platz des rebellischen Sohnes ein

Auch im Neuen Testament finden wir einen Bezug zum Gebot vom rebellischen Sohn. Immer wieder wurde Jesus von seinen Zeitgenossen als „Fresser und Säufer” bezeichnet wurde (Matthäus 11, 19). Jesus wurden also genau die Eigenschaften nachgesagt, wegen denen gemäß dem mosaischen Gesetz ein rebellischer Sohn zum Tod verurteilt werden sollte. Und obwohl dieser Vorwurf bei Jesus natürlich vollkommen unberechtigt war, wurde an ihm – anders als bei Israel – tatsächlich die Todesstrafe vollzogen. Anders gesagt: Jesus starb die Todesstrafe, die Israel eigentlich verdient gehabt hätte. Und noch viel erstaunlicher ist: Jesus starb diese Todesstrafe genau in der Art und Weise, die Mose direkt im Anschluss an das Gebot über den rebellischen Sohn beschreibt:

„Folgender Fall: Jemand hat ein Verbrechen begangen, auf das die Todesstrafe steht. Er wird hingerichtet, und du hängst ihn an einem Holzbalken auf. Dann soll die Leiche nicht über Nacht am Balken hängen, sondern du sollst ihn am selben Tag noch begraben. Denn wer so aufgehängt wird, gilt als von Gott verflucht.“ (5. Mose 21, 22-23)

Tatsächlich hing Jesus am Holzbalken. Und tatsächlich wurde er noch am selben Tag abgehängt und begraben (was damals ungewöhnlich war, weil Gekreuzigte oft über mehrere Tage hängen gelassen wurden). Kein Wunder, dass Paulus sich genau auf diese Stelle bezieht, wenn er in Galater 3, 13 schreibt: „Christus hat uns von dem Fluch des Gesetzes erlöst, indem er für uns zum Fluch wurde, denn es steht geschrieben: “Verflucht ist jeder, der am Holz hängt”.“ Paulus zitiert hier also exakt aus dem Text, der unmittelbar nach dem Gebot zum rebellischen Sohn beschreibt, wie man mit so einem Verbrecher verfahren soll! Damit macht die Bibel ganz deutlich: Jesus, der treue und gehorsame Sohn Gottes, hat stellvertretend den Fluch und die Strafe getragen, die eigentlich der untreue und rebellische Sohn Israel verdient gehabt hätte.

Jesus starb den Tod, den wir verdient hätten

Natürlich ist diese Botschaft nicht nur für Israel wichtig. Denn Gottes Gebot gilt ja auch für uns: Auch wir sollen nicht verschwenderisch leben. Und Paulus schreibt: Wir sollen uns nicht mit Wein betrinken, sondern uns mit dem Heiligen Geist erfüllen lassen. Und natürlich gilt auch für uns immer noch das 5. Gebot: Wir sollen unsere Eltern ehren und achten. Und nach wie vor gilt auch für uns Christen: Gegen Gottes Gebote zu verstoßen, ist Sünde. Und Sünde hat gemäß Römer 6, 23 immer noch tödliche Konsequenzen: Denn der Lohn der Sünde ist der Tod.“ Der Fluch des Gesetzes gilt für uns Christen somit auch heute noch. Er kostet uns zwar hier auf der Erde nicht das Leben. Aber wenn wir die Bibel ernst nehmen, dann passiert etwas viel schlimmeres: Er kostet uns das ewige Leben!

Und wer von uns kann ehrlich sagen, dass er immer ein treuer Sohn Gottes war? Wie oft schon habe ich meine Gaben und Talente, meine Zeit, meine Kraft, mein Geld für irgendwelchen Mist verschwendet? Wie oft habe ich Gott nicht gehorcht? Wie oft habe ich gegen seine Gebote verstoßen? Wie oft bin ich vor ihm davongelaufen? Wie viele Dinge gibt es in meinem Leben, bei denen ich nicht so lebe, wie Gott das von mir möchte? Wie oft schon war ich wahrlich ein verschwenderischer, ein rebellischer Sohn Gottes?

Und wie gut ist es da, dass Jesus an meiner Stelle den Fluch des Gesetzes getragen hat, dass er, der treue und gehorsame Sohn Gottes, den Tod des rebellischen Sohnes am Kreuz gestorben ist, den ich verdient hätte! Wie gut, dass er am Holz gehangen hat und damit für mich und für uns alle den Fluch des Gesetzes erlitten hat! Wie gut, dass wir, die wir wirklich so oft verschwenderisch und rebellisch sind, durch seinen stellvertretenden Tod dem gerechten Urteil entgehen und trotz unseres Versagens ewig leben dürfen!

Das Gebot über den rebellischen Sohn führt zum Evangelium!

Wir können also zusammenfassen: Das zunächst so verstörend klingende Gebot der Steinigung von rebellischen Söhnen bekommt ein völlig anderes Gesicht, wenn wir es vor dem historischen Kontext lesen. Dann merken wir: In Wahrheit handelte es sich um eine derart massive Verbesserung des Rechtsschutzes von Söhnen gegenüber ihren Vätern, dass die verbreitete Praxis der Tötung rebellischer Söhne vollkommen abgeschafft wurde. Gott hat die Menschen da abgeholt, wo sie waren, mit Geboten, die sie damals fassen konnten. Und so hat Gott dafür gesorgt, dass so etwas gar nicht mehr vorkommt.

Darüber hinaus hat dieses Gebot einen enormen bleibenden Wert für uns, weil es ein großes Gleichnis ist für das Drama, das sich zwischen Gott und den Menschen abspielt: Gottes Kinder sind störrisch, verschwenderisch und ungehorsam. Sie hätten die Todesstrafe verdient. Aber Gott selbst lässt sich in seinem treuen, gehorsamen Sohn als „Fresser und Säufer“ bezeichnen und erleidet stellvertretend die Todesstrafe, die wir verschwenderische, rebellische Kinder Gottes verdient hätten, damit wir leben können.

Das Unglaubliche ist also: Auch bei einer derart dunkel erscheinenden Stelle stoßen wir am Ende auf das Evangelium! Ist das nicht wirklich zum Staunen?

Ich finde: Umso weniger brauchen wir daran zweifeln, dass es sich auch bei solchen auf den ersten Blick schwer verständlichen biblischen Stolperstellen im echten Sinn um Worte des lebendigen Gottes an uns Menschen handelt.


[1] 3. Mose 1,1+2; 4,1+2; 7,22+23; 7,28+29; 11,1+2; 12,1+2; 15,1+2; 18,1+2; 19,1+2; 20,1+2; 21,16+17; 23,1+2;23,9+10; 23,23+24; 23,33+34; 25,1+2;27,1+2

[2] Siehe dazu: „Das biblische Bibelverständnis“ (https://blog.aigg.de/?p=5853)

[3] Elisabeth Bellefontaine: “Deuteronomy 21:18-21: Reviewing the case of the rebellious son”; JSOT 13 (1979) 13-31

[4] Gilad J. Gevaryahu und Harvey Sicherman: “What never was and never will be: Rebellious son – subverted city – infected house”; Jewish bible quarterly, Vol. 29, No. 4, 2001

[5] Ebd.

 

Entstehung und Autorität des neutestamentlichen Kanons – Einsichten in das Bibelverständnis von Thorsten Dietz

Dieser Artikel ist zuerst in der Zeitschrift “Glauben & Denken heute” erschienen in der Ausgabe 2/2021. Er kann hier auch als PDF heruntergeladen werden.

Welcher Prozess hat dazu geführt, dass Christen heute eine Sammlung von genau 27 Büchern als Neues Testament bezeichnen und als Wort Gottes bzw. Heilige Schrift betrachten? Und welche Konsequenzen ergeben sich daraus für unser Bibelverständnis? Inwieweit können die biblischen Texte heute noch als inspiriert gelten und autoritativer Maßstab für den christlichen Glauben sein? Über diese grundlegenden Fragen spricht Thorsten Dietz in seinem Worthausvortrag „Entstehung und Autorität des neutestamentlichen Kanons“[1]. Seine Antworten machen theologische Entwicklungen sichtbar, die zweifelsohne im Hintergrund vieler aktueller innerchristlicher Konflikte stehen.

Leitend ist für Thorsten Dietz zunächst die Frage: Welcher Faktor hat denn eigentlich den Prozess der Kanonbildung maßgeblich geprägt und beeinflusst? Dietz stellt dazu drei häufig vertretene Antwortmöglichkeiten vor:

  1. Die neutestamentlichen Schriften selbst waren entscheidend. Der Kanon hat sich selbst durchgesetzt bzw. „imponiert“.
  2. Die Kirche und ihr Lehramt war die entscheidende Autorität, die über den Umfang des neutestamentlichen Kanons entschieden hat.
  3. Der Kanon ist das Ergebnis menschlicher Überlegungen und gegebenenfalls auch Machtkämpfe.

Früh stellt Thorsten Dietz klar: „Ich halte diese Deutungen der Kanonwerdung alle drei für irreführend.“ (16:30) Stattdessen ist er überzeugt: „Diese Dinge hängen ineinander und alle Versuche von einer Seite her, die Bibel dem Evangelium oder Jesus oder der Kirche radikal überzuordnen oder die Kirche dem Evangelium oder der Bibel überzuordnen, sind immer Versuche, es in irgendeiner Weise in den Griff zu kriegen, es irgendwie verfügbar zu machen, handhabbar zu machen und das Ganze in irgendeiner Weise so richtig eindeutig auch festzustellen.“ (ab 1:08:50)

Wie kommt Thorsten Dietz zu dieser Sichtweise?

Lang andauernde Unklarheiten beim Kanonumfang

Ausführlich spricht Thorsten Dietz darüber, dass es neben den heute als kanonisch geltenden Büchern noch viele weitere Anwärter auf diesen exklusiven Status gab. Konkret nennt er eine Reihe weiterer Evangelien und sonstiger Schriften, die angeblich von Aposteln oder von frühen Kirchenvätern stammten. Umgekehrt wurden einige der heute als kanonisch anerkannten Bücher bis in die Reformationszeit hinein immer wieder angezweifelt oder sogar offen abgelehnt. Zwar gab es schon früh Kriterien, um die Kanonizität eines Texts zu beurteilen. Dietz nennt konkret die „Ursprungsnähe zu Jesus, die „apostolische Autorität des Anfangs“, die Übereinstimmung mit den Lehren Jesu, der Apostel und den zentralen Bekenntnissen der Christen (die sogenannte Glaubensregel oder „regula fidei“) und schließlich die Anerkennung in den Gemeinden. Jedoch hätten auch diese Kriterien nicht zu einer schnellen, abschließenden Definition des Kanons geführt.

Dietz weist zudem darauf hin: Auch bei der Frage, welche Schriften denn zum Alten Testament gehören, gab es Unklarheiten. Autorität hatte für die Apostel damals die Septuaginta, also die griechische Übersetzung des Alten Testaments, die für viele Juden und Christen als „inspiriert“ galt, die aber einige Bücher und Zusätze enthält, die unter evangelischen Christen heute weithin nicht mehr als kanonisch gelten.

Damit hat Thorsten Dietz ohne Zweifel recht. Aber sprechen diese historisch belegten Unsicherheiten beim Kanonumfang denn wirklich gegen die Auffassung, dass die Autorität der kanonischen Texte selbst der entscheidende Faktor für die Kanonbildung waren?

Frühe Klarheit bei den Kernbeständen

Thorsten Dietz betont selbst, dass man bereits „Mitte des zweiten Jahrhunderts sagen kann: Die vier Evangelien … waren früh am Start und früh anerkannt und früh unumstritten. Soweit das Auge reicht, sind diese vier Evangelien eine wesentliche Quelle für alle Christen.“ (33:40) Und er ergänzt: 20 neutestamentliche Schriften (4 Evangelien, Apostelgeschichte, 13 Paulusbriefe, 1. Petrus- und 1. Johannesbrief) „waren im Grunde nie umstritten. … Ein Großteil des Neuen Testaments wächst rein in diese Rolle, kanonische Schriften zu sein.“ (56:05)

Tatsächlich machen die genannten 20 Schriften bereits mehr als 85% des heutigen neutestamentlichen Textbestands aus. Wie früh ein großer Teil der neutestamentlichen Texte bereits als autoritativ galten, zeigt zudem ein Blick in die Schriften von Kirchenleitern der ersten nachapostolischen Generation. Bischof Polykarp von Smyrna zitiert in seinem Brief an die Philipper, der grob auf das Jahr 120 datiert wird, bereits aus 19 der 27 neutestamentlichen Bücher, darunter auch aus dem Jakobusbrief und dem 2. Johannesbrief. Deutlich wird dabei: Schon Polykarp misst diesen Schriften genau die gleiche Schriftautorität bei wie den alttestamentlichen Schriften.[2] Und sie haben für ihn genau wie für Bischof Ignatius von Antiochien[3] eine unfehlbare Autorität, die kein Text späterer Kirchenleiter mehr für sich in Anspruch nehmen konnte.[4] Zurecht schrieb deshalb der Neutestamentler Theodor Zahn: Die Möglichkeit, „dass ein Apostel in seinen an die Gemeinden gerichteten Lehren und Anweisungen geirrt habe könnte, hat offenbar im Vorstellungskreis der nachapostolischen Generation keinen Raum gehabt.“[5] Lange bevor begrifflich von einem „Neuen Testament“ die Rede war und lange bevor über den endgültigen Kanonumfang entschieden wurde, stand somit der größte Teil des Neuen Testaments den frühen Christen bereits als Urkunde und Maßstab des Glaubens zur Verfügung, ohne dass dazu eine Synode tagen oder auf andere Weise um Entscheidungen gerungen werden musste.

Man kann Thorsten Dietz deshalb nicht zustimmen, wenn er äußert: Wir finden keinen Beleg dafür, dass sie [d.h. die Kirchenväter] die [Jesusworte oder Paulusworte] genau so als Fortsetzung des Alten Testaments empfinden“ (27:10) „In den ersten 80 bis 100 Jahren gibt’s diese ganze Kategorie Kanon, Heilige Schrift, Neues Testament nicht“ (56:25). Es stimmt zwar, dass der Begriff „Neues Testament“ erst später aufkam. Aber die Einordnung der Evangelien und der Apostelbriefe in die Kategorie „Heilige Schrift“ und die Unterscheidung dieser Schriften von allen anderen Texten (was ja die Basis des Kanongedankens darstellt) ist bereits ab dem ersten Jahrhundert zu beobachten[6] und letztlich schon im Neuen Testament selbst angelegt.[7] Das räumt auch Thorsten Dietz ein: „Man kann doch im Neuen Testament selbst schon eigentlich sehen, dass diese Schriften kanonischen Anspruch erheben.“ (18:25) Dietz belegt das durch die Ähnlichkeit des Beginns des Johannesevangeliums mit dem Beginn der Genesis, durch den autoritativen Selbstanspruch von Paulus sowie durch den Umstand, dass schon Paulus einem Jesuswort die gleiche Autorität gab wie der Tora.[8]

Umso mehr stellt sich die Frage: Warum hält Dietz denn dann die Sichtweise von der Selbstdurchsetzung der kanonischen Schriften für „irreführend“? Was wäre denn die Alternative? Das von Dietz vorgeschlagene „Ineinander“ von Textautorität, kirchlichem Lehramt und menschlichen Interessen kann in dieser frühen Phase noch nicht in Frage kommen. Es gab ja noch gar keine institutionalisierten kirchlichen Gremien, in denen etwas beschlossen oder mit menschlichen Machtmitteln durchgesetzt werden konnte. Andere Erklärungen für diesen historisch extrem ungewöhnlichen (und somit erklärungsbedürftigen) Vorgang der Herausbildung einer Sammlung autoritativer heiliger Schriften liefert Thorsten Dietz in seinem Vortrag nicht.

Das Ringen drehte sich eigentlich um die Ränder des Kanons

Auch das spätere Ringen zur endgültigen Definition des neutestamentlichen Kanons drehte sich nie um das Grundprinzip, dass es sich bei den authentischen apostolischen Texten um einzigartig autoritative Schriften handelt. Stattdessen ging es schon früh nur um zweifelhafte Wackelkandidaten, also um die Frage nach den Rändern des Kanons.

Diese Frage nach den Kanonrändern hat die Christenheit zu allen Zeiten beschäftigt. Sie war und ist in einigen Kirchen bis heute akut in Bezug auf die Apokryphen des Alten Testaments, die von manchen Kirchen anerkannt, von anderen abgelehnt werden. Und alle Kirchen leben zum Beispiel mit dem Problem, dass die Kanonizität des langen Endes des Markusevangeliums unklar ist.

Solche Unschärfen beim Kanonrand ändern aber nichts daran, dass die Kirche in Bezug auf den weitaus größten Teil der Heiligen Schrift von Beginn an einen großen Konsens hatte, der nicht aus Machtkämpfen, Vernünfteleien oder Synodenentscheidungen resultierte, sondern letztlich nur auf die Autorität der Texte und ihrer Autoren zurückgeführt werden kann. Unschärfen an den Kanonrändern ändern zudem überhaupt nichts am Konsens über das Grundprinzip, dass diesen Schriften eine unfehlbare Autorität zukommt. Auch Martin Luther hatte zwar Zweifel an der Kanonizität mancher Schriften. Aber er hat die volle Autorität der unzweifelhaft kanonischen Schriften nicht in Frage gestellt[9] sondern ausdrücklich dem Kirchenvater Augustinus zugestimmt, der von der Irrtumslosigkeit der kanonischen Schriften ausging.[10]

Aber was folgt für Thorsten Dietz nun aus seiner Darstellung der Geschichte der Kanonentstehung? Welche Konsequenzen zieht er für sein Bibelverständnis? Sein Vortrag wirft bei vier Themen grundlegende Fragen auf:

1. Ist die Bibel ein Maßstab des Glaubens?

Ein zentrales Thema der Reformation war das Ringen um den Status der Bibel. Für Martin Luther war allein die sich selbst auslegende Schrift die letzte Instanz, der sich alle anderen Instanzen unterordnen müssen („Sola Scriptura“). Die Kammer für Theologie der EKD schreibt dazu in ihrer Publikation „Die Bedeutung der Bibel für kirchenleitende Entscheidungen“: „Die biblischen Texte sind das erste und grundlegende Wort, auf das Kirche, Theologie und Glaubensleben immer wieder rückgebunden sind, als Texte, die den kritischen Maßstab bilden und an dem die Traditionen und Lehrbildungen der Kirche zu prüfen sind. Der Kanon der biblischen Schriften ist allen anderen Traditionen als norma normans, das heißt als kritischer Maßstab vorgeordnet, so dass diese – wenn nötig – kritisiert werden können.“ (S. 49, Hervorhebung nachträglich).

Diese Formulierungen knüpfen an das Bibelverständnis der frühen Kirche an. Schon im zweiten Jahrhundert wurden die allgemein anerkannten apostolischen Schriften als Maßstab zur Prüfung anderer Lehren und Schriften verwendet. Irenäus hatte um 180 die „regula fidei“ (Regel oder Norm des Glaubens), die sich bei ihm schon weitestgehend mit dem später formulierten Apostolikum deckte, aus den apostolischen Schriften abgeleitet. In seinen Schriften gegen die Häresien (Irrlehren) zitierte er aus fast allen neutestamentlichen Büchern abgesehen von Philemon, 2. Petrus, 3. Johannes und Judas.[11]

Thorsten Dietz äußert hingegen: „Man kriegt die Bibel nicht als Knüppel oder Maßstab oder Vereindeutigungsinstrument gegen alle Instanzen eindeutig in den Griff.“ (1:09.30) Der Gewinn, dass man in der Bibel eine hilfreiche Autorität sehen darf, „wird nicht selten so verspielt, dass man durch seine eigene Bibeltreue … meint zu wissen, die Wahrheit in der Tasche zu haben. Anders als die anderen, die irgendwie häretisch oder abgeirrt oder zu selbstbewusst oder zu verführt oder zu irregegangen oder wer weiß was sind. Hier wird Autorität bisweilen zum Autoritarismus, zum Anspruch absoluter Wahrheit, die sich nur durchdrücken kann, die unterdrückt, die nur auf Befehl und Gehorsam geeicht ist.“ (1:12.00)

Richtig ist natürlich: Auch mit einer völlig vertrauenswürdigen Bibel haben wir die „Wahrheit nicht in der Tasche“. Und tatsächlich gab und gibt es unter Christen immer wieder das Phänomen eines toxischen „Autoritarismus“, der Bibelstellen als Machtinstrument missbraucht. Die Kirchengeschichte kennt leider zahllose Beispiele, in denen viel zu schnell aufgrund einer speziellen Bibelauslegung eine andere Position als Irrlehre ausgegrenzt und die Christenheit damit unnötig gespalten wurde.

Trotzdem stellt sich bei diesem Zitat die Frage: Macht man denn die Bibel immer zum „Knüppel“, wenn man in ihr einen Maßstab sieht, den man so wie Irenäus auch zur Entlarvung falscher Lehren verwendet? Ist die Identifikation von falscher Lehre durch den Vergleich mit dem Maßstab der Lehre Jesu und der Apostel schon per se ein Ausdruck von „Autoritarismus“? Wurde denn die Warnung vor falscher Lehre nicht sowohl in der frühen Kirche als auch im Neuen Testament als wichtige Aufgabe kirchlicher Leiter angesehen?

Ja, es ist wichtig, vor vorschnellen und selbstherrlichen Irrlehrenjägern zu warnen. Aber angesichts der traurigen Tatsache, dass heute in der evangelischen Kirche[12] und bis tief in evangelikale Kreise hinein der öffentliche Hinweis auf falsche Lehre weitgehend zum Tabu geworden ist, wäre es ebenso wichtig gewesen, den dringend notwendigen und Orientierung gebenden Unterscheidungsdienst auf Basis des biblischen Maßstabs zu würdigen. Diese Würdigung fehlt leider im Vortrag von Thorsten Dietz.

2. Dürfen biblische Aussagen bezweifelt werden?

Thorsten Dietz unterstützt die Auffassung, dass Christen der Bibel „Autorität“ beimessen sollten. Aber was versteht er unter diesem Begriff? Dazu sagt er ab 1:15:20: „Ein Mensch hat Autorität, wenn er eine Sache besser kennt, wenn er einen Weg besser kennt, wenn er einen Zusammenhang durchschaut. Und wenn man ihm das abkauft, wenn man ihm das abnimmt, na ja, dann hört man auch auf ihn, dann lässt man sich auch was sagen. Und dann ist es auch hilfreich. Und ich denke, das ist das Besondere bei Jesus, bei Paulus, bei den Aposteln, dass Menschen hier spüren: Sie hören Jesusworte und sagen: Das hätte ich jetzt nicht besser gewusst, gar nicht. Und ich merke, dass er es aus einer Gewissheit sagt und aus einer Überzeugung heraus, die ich so nicht habe. Und ich merke, dass es mich anspricht und dass es mich fasziniert.“

Entsprechend ordnet Dietz auch den Charakter der Paulusbriefe ein: „Paulus ist nicht in diesem Sinne autoritär, sondern er sagt: Denkt nach, prüft, fragt. Prüfet alles. Behaltet das Gute. Er ist sehr stark in seinen Überzeugungen. So, und er sagt: Wenn ihr das noch anders seht, wird Gott es euch anders lehren. So aber er lässt sich auf Gespräch, auf Diskussion ein. Er ist nicht von einem falschen Autoritarismus, sondern seine Autorität ist befreiend, anregend, fördernd. Sie will befähigen zum Nachdenken, Anstöße geben.“ (ab 1:13:30) Sollen wir die Briefe von Paulus also prüfen und nur das in unseren Augen Gute behalten? Und was machen wir dann mit Bibeltexten, die wir erst einmal überhaupt nicht als einleuchtend und ansprechend, geschweige denn als faszinierend empfinden?

Zur Verteidigung seiner Sichtweise einer guten Autorität, die sich primär aus einem spürbaren Informationsvorsprung nährt und sich selbst zur Diskussion stellt, verwendet Dietz ein Beispiel aus dem Bauwesen: „Man ist gut beraten, bei allerlei Baumaßnahmen und handwerklichen Dingen schon auch mehr auf die zu hören, die sich mit diesem Sachverhalt auskennen. Mehr als auf das eigene Bauchgefühl.“ (ab 1:16:35) Das ist wahr. Jeder Planer weiß, dass im Bau sämtliche sicherheitsrelevante Fragen zur Statik, zum Brandschutz, zum Arbeitsschutz usw. anhand von feststehenden Normen entschieden werden müssen, die gelten – auch dann, wenn Planer und Bauherren so manche Norm für wenig sinnvoll halten mögen. Das Beispiel, das Dietz verwendet, zeigt also eher das Gegenteil dessen, was Dietz sagen will: Auch in Alltagsfragen funktioniert unsere Gesellschaft eben gerade nicht so, dass Autorität immer diskutierbar ist und vom zustimmenden Empfinden der Menschen abhängt.

Entsprechend sind auch die Aussagen in den Paulusbriefen keinesfalls so gemeint, dass ihre Autorität von unserem Empfinden abhängt und diskutiert werden können. Das räumt Thorsten Dietz in seinem Vortrag zuvor auch selbst ein: „Paulus schreibt ja nicht so seine Briefe, dass er sagt: Hier, ich möchte mal ein Gesprächsgang anstoßen, ich habe ein paar Ideen. Können wir uns vielleicht drüber austauschen. Ich lerne auch gern dazu, bin auch gern bereit, mich auf völlig neue Ideen bringen zu lassen, wie alles gewesen sein könnte. Also nehmt das jetzt nicht zu ernst, was ich schreibe. Es sind Vorschläge oder so. Macht er ja nicht.“ (ab 0:19:05) In der Tat. Wenn es um das Evangelium geht, kannte Paulus keine Kompromisse. Da zögerte er auch nicht, Petrus öffentlich anzugreifen (Gal.2,11ff.). Drastisch formulierte er im Brief an die Galater: „Wer euch eine andere Gute Nachricht verkündet als die, die ihr bereits angenommen habt, soll verflucht sein!“ (Gal.1,9). Von Diskussionsbereitschaft keine Spur. Dazu bestätigt Petrus in 2. Petr. 3,16: Auch wenn in den Paulusbriefen manche Dinge schwer zu verstehen sind (und dem Leser somit zunächst einmal gar nicht einleuchten wollen), ist es keinesfalls erlaubt, an diesen Aussagen herumzuschrauben. Eine Wertschätzung von Zweifeln an Aussagen der Schrift und der Apostel findet sich weder in der Bibel noch in der frühen Kirche.

Trotzdem assoziiert Thorsten Dietz eine Infragestellung von Zweifeln eher mit einem autoritären Leitungsstil: „Also wenn du Zweifel hast, darfst Du die äußern, kannst du zu deinem Seelsorger gehen ist okay. Wir wollen da menschenfreundlich mit umgehen. Aber eigentlich ist das Ziel immer den Zweifel wieder loszuwerden. Der Zweifel ist eigentlich schlecht. Der Zweifel ist eigentlich gefährlich. Versuch es loszuwerden. Sprich mit Seelsorgern. Der hört dir liebevoll zu. Aber eigentlich, weil die Texte inspiriert sind, sind sie wahr. Höre, glaube, gehorche, handle. Schluss. Alles andere braucht kein Mensch.“ (ab 1:18:20) Ist bleibender Zweifel an biblischen Aussagen in den Augen von Thorsten Dietz also etwas Normales und Gutes, das nicht in Frage gestellt werden sollte?

Richtig ist natürlich, dass wir immer bedenken müssen, dass die Bibel ausgelegt werden muss. Da unsere Auslegung niemals fehlerfrei ist, kann unser Verständnis und unsere Auslegung biblischer Aussagen natürlich auch bezweifelt werden. Kein sorgfältiger Theologe oder Seelsorger dürfte deshalb einem zweifelnden Bibelleser einfach so entgegenschleudern: „Höre, glaube, gehorche, handle. Schluss.“ Gerade der Zweifel an einer Interpretation biblischer Aussagen kann ja oft auch dazu führen, dass man mehr darüber lernt, wie diese Bibelstelle im gesamtbiblischen Kontext richtig auszulegen ist. Zudem hat Thorsten Dietz natürlich vollkommen recht, dass biblische Autorität nicht klein, unmündig und hörig machen darf, sondern zu Mündigkeit, Eigenständigkeit und Reife führen muss. Paulus will, dass der Glaube der Epheser zur vollen Reife gelangt“, damit sie nicht länger wie Kinder sind (Eph. 4, 13+14). Das steht aber für Paulus ganz offenkundig gerade nicht im Widerspruch zu einem apostolischen und biblischen Offenbarungs- und Wahrheitsanspruch, der von den Hörern letztlich Glauben und Vertrauen statt Zweifel und Widerspruch erwartet. Sowohl die innerbiblische wie auch die urkirchliche Sichtweise steht somit in einem deutlichen Gegensatz zu einer Sichtweise, nach der die Autorität gründlich untersuchter und sorgfältig ausgelegter biblischer Texte eher vom Empfinden des Lesers abhängt und bleibend bezweifelt werden könnte.

3. Bezieht sich die Inspiration der Bibel primär auf die Rezeption statt auf die Entstehung ihrer Texte?

Die Autorität der biblischen Texte hängt eng mit der Frage nach ihrer Inspiriertheit zusammen. Wer könnte den biblischen Texten mit Vorbehalten oder Zweifeln entgegentreten, wenn die Inspiration der Bibel bedeutet, dass hier letztlich Gott selbst spricht?

Thorsten Dietz stellt dazu einerseits klar: Für die frühe Kirche waren die kanonischen Texte auch inspirierte Texte: „Bibel unterscheidet sich von nicht in Bibel wie Inspiration von nicht Inspiration.“ (59:10) Jedoch meint er zugleich, dass der Begriff „Inspiration“ damals nur als „ein weiterer Terminus“ (59:55) für die Gültigkeit eines Textes verwendet worden sei (er habe damals z.B. auch für die Übersetzung der Septuaginta gegolten). Die Inspiriertheit eines Textes habe man ja auch nicht „messen“ können. Zugleich wendet er sich mit scharfen Worten gegen ein aus seiner Sicht völlig falsches Inspirationsverständnis (ab 1:18.05): Ein falsches Verständnis von Inspiration ist die Inspiriertheit als feststehende Tatsache einer bestimmten Gruppe von Schriften, wo man sagt: Die sind von Gott inspiriert. Das heißt, die sind absolut wahr. Das heißt, du musst das alles glauben. Das heißt, du darfst nicht nachdenken dabei großartig. Du darfst das nicht verstehen wollen, Du lieber Himmel! Darfst auch eigentlich nicht Zweifel haben.Ein solches Verständnis von Inspiriertheit ist durchtränkt von einem autoritären Geist, der menschenfeindlich und freiheitszerstörend sein kann und ist so dem Geist Gottes, wie ihn die Bibel uns vor Augen malt, schlicht nicht gemäß.“

Aber hätten nicht auch Jesus und Paulus einem Inspirationsverständnis zugestimmt, das beinhaltet, dass die Schriften „absolut wahr“ sind und dass wir das „alles glauben“ sollen? Schließlich sagt Thorsten Dietz selbst: „Paulus ist klar: Die Texte des Alten Testaments, die Heilige Schrift, klar, das ist von Gott, das sind Gottes Worte. Das ist Gottes Reden. Das ist aus dem Geist Gottes.“ (ab 01:20:29) So ist es. Und ganz eindeutig galt für die Autoren des Neuen Testaments: Wenn Gott spricht, dann ist es wahr. Und auf Gottes Worte kann nur Glaube und Gehorsam die angemessene Reaktion sein.

Zudem stellt sich die Frage: Warum sollte ein solches Grundvertrauen denn bedeuten, dass man über den Text nicht richtig nachdenken, ihn nicht verstehen wollen und keine Zweifel haben darf? Ist nicht vielmehr genau das Gegenteil wahr? Gerade, wenn man die Bibel für absolut wahr hält, muss doch der Wunsch besonders groß sein, intensiv über den Text nachzudenken und immer wieder daran zu zweifeln, ob man ihn bisher auch richtig verstanden hat. Warum also verknüpft Dietz hier das in weiten Teilen der Kirchengeschichte ganz selbstverständliche Vertrauen auf die völlige Wahrheit und Glaub-Würdigkeit der inspirierten Schrift mit einer plumpen Denkfeindlichkeit?

Thorsten Dietz fährt fort mit den Worten: „Ein solches Verständnis von Inspiriertheit beschreiben die biblischen Texte schlicht auch gar nicht. Es gibt ja letztlich nur diesen einen Vers, wo es von der Schrift heißt, sie sei theopneustos, gottdurchgeistet, gottbegeistet [gemeint ist 2. Tim. 3,16]. Gemeint ist hier völlig eindeutig die Septuaginta, ist das Alte Testament, von der wird es gesagt, wie es im hellenistischen Judentum üblich war. Das ist an dieser einen Stelle so, ansonsten heißt es von den Propheten: Sie haben getrieben vom Heiligen Geist geredet, was auch von David…, also da gibt’s mehr Stellen, das ist völlig klar. Inspiriertheit der Texte, aber letztlich dieser eine einzige Vers, aus dem in manchen Teilen des Christentums ein völlig maßloser Bibelglaube konzipiert worden ist, der als solcher gar nicht biblisch ist.“ (ab 1:19:15)

Hier stellt sich die Frage, auf welches Inspirationsverständnis Dietz mit dieser Kritik denn eigentlich zielt? Ist es denn wirklich ein „völlig maßloser“ und nur auf einem einzigen Vers basierender Bibelglaube, wenn man von der völligen Wahrheit und Glaubwürdigkeit der biblischen Texte ausgeht? Thorsten Dietz macht hier selbst klar, dass es ja noch zahllose weitere Bibelstellen gibt, die deutlich machen, dass Jesus und die Autoren des NT (genau wie die Kirchenväter) ganz selbstverständlich davon ausgingen, dass in den biblischen Texten Gott bzw. der Heilige Geist selbst redet. Schließlich haben sie die Wendung „die Schrift sagt“ und „Gott sagt“ letztlich als austauschbare Autoritätsformel benutzt. Es gibt zudem keinerlei Hinweise, dass Jesus, die Apostel oder die Kirchenväter von einem Kanon im Kanon ausgegangen wären oder dass sie auf eine sonstige Weise zwischen Gottes- und Menschenwort in den biblischen Texten unterschieden hätten. Insofern steht 2. Timotheus 3,16 im Neuen Testament keineswegs alleine da, sondern fügt sich vielmehr nahtlos ein in ein biblisch breit bezeugtes Bibel- und Inspirationsverständnis. Was wäre also „maßlos“ daran, als Nachfolger Jesu und als Schüler der Apostel von der völligen Wahrheit und Glaub-Würdigkeit dieser Texte auszugehen? Und was wäre „maßlos“ daran, Menschen dabei helfen zu wollen, diesen Worten wirklich zu vertrauen, statt beim Zweifel stehen zu bleiben?

Nach seiner Zurückweisung einer aus seiner Sicht falschen Inspirationslehre spricht Thorsten Dietz über sein eigenes Verständnis von Inspiration. Dabei bezieht er die Inspiration der biblischen Texte weniger auf ihre Entstehung, sondern vielmehr auf ihre Rezeption (ab 1:22:15): „Inspiration ist insofern keine Inspiriertheit, keine mechanische Theorie, so und so sind diese Schriften entstanden. Inspiration ist ein Mitteilungs- und Erkenntnisraum, ein Mitteilungs- und Erkenntniszusammenhang, in dem gehört, gelesen, verstanden, bezeugt und gelebt wird. Dieses Verständnis von Inspiration ist sehr wesentlich, sehr wertvoll, wird oft erstickt durch ein Inspiriertheitsdogma, was in dieser Form gar nicht biblisch ist.“

Richtig ist: Natürlich ist Inspiration keine „mechanische Theorie“. Christen glauben nicht, dass die biblischen Autoren beim Schreiben zu roboterhaften Marionetten wurden. Sie haben ganz offenkundig ihren persönlichen Stil und ihre Perspektive eingebracht. Die Bibel ist somit auch ganz Menschenwort. Die Art und Weise, wie der Heilige Geist dafür gesorgt hat, dass die Worte der Apostel und Propheten trotzdem zugleich auch zu Gottesworten wurden, bleibt wohl ein Geheimnis. Das ändert nichts daran, dass gemäß dem biblischen Selbstzeugnis der Heilige Geist gleichermaßen für das Verständnis UND für die Entstehung der biblischen Texte eine entscheidende Rolle spielt. Eine Verengung des Geisteswirkens auf die Rezeption der biblischen Texte[13] würde sowohl dem innerbiblischen wie auch dem historischen und dem reformatorischen Bibelverständnis vollständig entgegenstehen.

4. Ist die Bibel fehlerhaft?

Wenn die ganze Bibel in ihrer Entstehung von Gottes Geist inspiriert ist, dann müsste sie natürlich auch eine Einheit bilden und als unfehlbar angesehen werden. Gott macht schließlich keine Fehler. Und er widerspricht sich nicht selbst. An dieser Sichtweise der Unfehlbarkeit der Schrift arbeitet sich Thorsten Dietz jedoch immer wieder ab. Von einer unfehlbaren Bibel auszugehen, hält er für „irreführend (15:15 / 16:40). Wer die Unfehlbarkeit der Schrift für wichtig hält, der spiele die Bibel gegen Christus aus (1:05:30)[14]. Die Annahme, dass man eine unfehlbare Bibel brauche, um von ihr zu Jesus geführt zu werden, sei auch „nicht das, was die frühen Christen gemacht haben.“ (1:05:50) Diese hätten ja vielmehr Christus als „Maßstab und Prinzip der Bibel“ gesehen. Auch Paulus habe die Schriften immer von Jesus her und auf ihn hin ausgelegt. Die Annahme der Unfehlbarkeit der Schrift sei hingegen der Versuch, „Jesus in den Griff zu kriegen.“ (1:06:28)

Damit baut Thorsten Dietz aber einen Scheinwiderspruch auf. Jesus als Mitte und Auslegungs­richtschnur der Bibel steht ja in keinem Widerspruch zu der Annahme, dass die Bibel über eine unfehlbare Autorität verfügt. Im Gegenteil: Ohne die verlässlichen kanonischen Aufzeichnungen über Jesus hätten wir ja gar keine Möglichkeit, die Schrift von Jesus her auszulegen.

Der Vorwurf, man wolle mit der Unfehlbarkeit der Schrift Jesus „in den Griff bekommen“, ist dementsprechend ein Strohmann. Auch die meisten konservativen Theologen sind sich natürlich bewusst, dass man in Bezug auf Jesus, seine Lehre, das Ausmaß seiner Liebe und die Größe seines Erlösungswerks niemals auslernt. Auch mit einer unfehlbaren Bibel bekommen wir Jesus natürlich nicht „in den Griff“. Jesus ist Wahrheit in Person. Als Christen hoffen wir darauf, dass diese Wahrheit uns immer mehr in den Griff bekommt, nicht umgekehrt. Aber gerade dafür ist es doch von entscheidender Bedeutung, dass sein in der Bibel dokumentiertes Handeln und Reden unsere Fehler kritisieren und korrigieren darf, statt dass wir umgekehrt der Bibel Fehler unterstellen.

Nun ist die Frage nach der Unfehlbarkeit der Bibel natürlich komplex. Sie erfordert eine differenzierte Antwort, weil genau definiert werden muss, in welcher Hinsicht die biblischen Texte denn fehlerlos sein können.[15] Fakt ist jedoch: Auch wenn die Bibel Begriffe wie „Irrtumslosigkeit“, „Fehlerlosigkeit“ oder „Unfehlbarkeit“ selbst nicht gebraucht, so spricht sie doch in Bezug auf ihre heiligen Schriften erst recht nie von Fehlern oder dergleichen. Auf Basis einer sauberen Definition lässt sich sehr wohl ein biblischer Selbstanspruch auf Unfehlbarkeit nachweisen. So wird den Schriften des Alten Testaments im Neuen Testament durchgängig eine uneingeschränkte Autorität beigemessen. Für die Autoren des Neuen Testaments galt das Prinzip: Wenn die Schrift etwas sagt, spricht Gott! In den Schriften reden Menschen getrieben vom Heiligen Geist (2.Petr.1,20+21, Mark.12,36). Paulus sah aber auch seine eigene Botschaft als von Gott offenbart und als Gottes Wort an (Galater 1,11-12; 1. Thessalonischer 2, 13). An zwei Stellen werden biblische Texte sogar unter ein gerichtsbelegtes Veränderungsverbot gestellt, dabei stellt Petrus die Briefe des Paulus den „Schriften“ gleich (2. Petrus 3, 15-16, Offenbarung 22, 18-19).[16] Es ist also durchaus gerechtfertigt, die Irrtumslosigkeit des Neuen Testaments auch als ein Konzept des Neuen Testaments zu bezeichnen.[17]

Fazit: Eine fehlerhafte Bibel verliert ihre Orientierung gebende Kraft

Der Vortrag hinterlässt ein gemischtes Bild. Es gibt gute Passagen, die neben interessanten Informationen auch zurecht missbräuchliche Fehlhaltungen ansprechen, die es unter Christen leider tatsächlich gibt. Problematisch ist dabei jedoch oft die unsaubere Definition, welches Spektrum an Positionen von der Kritik denn eigentlich ins Visier genommen werden. So kann leider der Eindruck entstehen, dass der Glaube an eine Fehlerlosigkeit und völlige Vertrauenswürdigkeit der Bibel per se autoritär, denk- und vernunftfeindlich sein könne.

Welches Bibel- und Inspirationsverständnis Thorsten Dietz selbst im Einzelnen vertritt, wird oft nicht abschließend klar. Hält Thorsten Dietz daran fest, dass die Bibel eine Offenbarung des dreieinen Gottes ist (und nicht nur bezeugt) und damit auch als verbindlicher Maßstab („Norma normans“) des Glaubens angesehen werden muss, wie es z.B. die deutsche evangelische Allianz in ihrer Glaubensbasis bekennt?[18] Einige Passagen in diesem Vortrag können den Eindruck erwecken, dass Dietz ein solches Bekenntnis nicht nur in seinen extremen Ausformungen verwirft, sondern grundsätzlich in Frage stellt.

Ganz eindeutig ist hingegen: Thorsten Dietz wendet sich gegen den Gedanken an eine Unfehlbarkeit im Sinne einer Fehlerlosigkeit der Bibel.[19] Und in der Praxis zeigt sich oft: Wo entgegen dem biblischen Vorbild die Rede von Fehlern in der Bibel ermöglicht wird, da öffnet sich die Tür zu einem sachkritischen Umgang mit der Bibel, in dem irgendwann auch durchgängige, klare und zentrale Aussagen des christlichen Glaubens bezweifelt und kritisiert werden können. So fällt bei Thorsten Dietz auf: Er kann sich trotz der durchgängigen biblischen Ablehnung gleichgeschlechtlicher Sexualpraxis rückhaltlos hinter die Position Martin Grabes stellen, dass gleichgeschlechtliche Paare getraut werden sollen.[20] In Folge 10 seines viel beachteten Podcasts „Das Wort und das Fleisch“ über „Die neuen Evangelikalen“ stellt er einzig die Postevangelikale Rachel Held Evans als uneingeschränkt vorbildlich dar.[21] In einem Worthaus-Vortrag distanziert er sich deutlich erkennbar vom stellvertretenden Sühneopfer.[22] Und er kann zu einem Buch mit einem äußerst liberalen Bibelverständnis[23] ein uneingeschränkt begeistertes Vorwort schreiben.[24] Diese Beispiele verdeutlichen: Auch ein konservativ klingendes Bibelverständnis, das von der Autorität und Inspiration der Bibel redet, kann in der Praxis zu fundamental anderen exegetischen Ergebnissen führen, wenn es die Kritisierbarkeit der als fehlerhaft angesehenen biblischen Texte ermöglicht.[25]

Die Bibelfrage stand nicht umsonst im Zentrum der Reformation. Sie steht erkennbar auch heute im Zentrum der wachsenden Spannungen unter Christen. Gerade um der Einheit willen ist es deshalb so wichtig, dass verantwortliche christliche Leiter das Thema Bibelverständnis nicht zur Randfrage erklären, sondern sich im Gegenteil intensiv damit auseinandersetzen, welches Bibelverständnis in ihrem Umfeld vertreten wird und welche praktischen exegetischen Konsequenzen es hat.


[1] Thorsten Dietz: Entstehung und Autorität des neutestamentlichen Kanons | 9.11.2, Worthaus Pop-Up 2019 – Heidelberg: 30.12.2019, online unter https://worthaus.org/worthausmedien/entstehung-und-autoritaet-des-neutestamentlichen-kanons-9-11-2/

[2] So schreibt Polykarp: „Ich vertraue zu euch, dass ihr in den heiligen Schriften wohl bewandert seid; … Nur das sage ich, wie es in diesen Schriften heißt: „Zürnet, aber sündiget nicht“, und: „Die Sonne soll nicht untergehen über eurem Zorne.“ (Polykarp 12,1) Dabei bezieht sich das erste Schriftzitat auf Psalm 4,5, das zweite Schriftzitat auf Epheser 4,26.

[3] In seinem Brief an die Trallianer schreibt Ignatius: Nicht soweit glaubte ich (gehen zu dürfen), dass ich, ein Verurteilter, wie ein Apostel euch befehle.“ (3,3b)

[4] „Denn weder ich noch sonst einer meinesgleichen kann der Weisheit des seligen und berühmten Paulus gleichkommen, der persönlich unter euch weilte und die damaligen Leute genau und untrüglich unterrichtete im Worte der Wahrheit, der auch aus der Ferne euch Briefe schrieb, durch die ihr, wenn ihr euch genau darin umsehet, erbaut werden könnt in dem euch geschenkten Glauben.“ (Polykarp 3,2)

[5] Theodor Zahn: Geschichte des neutestamentlichen Kanons, Bd. 1: Das Neue Testament vor Origenes, Teil 1, Erlangen 1888, S. 805.

[6] Bemerkenswert ist dazu z.B. ein gemischtes Bibelzitat im 1. Clemensbrief (ca. 98 n.Chr.), das eingeleitet wird mit der Formel „…was geschrieben steht; es sagt nämlich der Heilige Geist: …“. Das Zitat enthält eine Kombination von Worten aus Jeremia 9, 23+24 und der typischen Paulusformulierung „Wer sich rühmt, rühme sich im Herrn“ (1.Kor.1,31; 2.Kor.10,17). Offenbar sah also schon Clemens (etwa in den Jahren 91-101 Bischof in Rom) die Paulusbriefe als inspirierte „Schrift“ an.

[7] Thorsten Dietz erwähnt in diesem Zusammenhang die Bemerkung in 2. Petrus 3, 16, dass in den Paulusbriefen einiges schwer zu verstehen ist, „was die Unwissenden und Ungefestigten verdrehen, wie auch die übrigen Schriften zu ihrem eigenen Verderben.“ Dietz kommentiert: „Der eigentliche Punkt ist ja hier: Die werden verdreht, genauso wie andere Schriften. Das ist schon eine sehr auf Wohlwollen setzende Exegese zu sagen: Da sieht man ja, dass hier die Paulusbriefe längst auf der Ebene der Tora gehandhabt werden.“ (23:30) M.E. entkräftet Dietz damit jedoch die von Petrus intendierte Gleichsetzung der Paulusbriefe mit der Tora nicht. Insbesondere durch die Bemerkung „zu ihrem eigenen Verderben“ stellt Petrus ja klar, dass das Verdrehen der Paulusbriefe genauso Gottes Gericht zur Folge hat wie das Verdrehen der Tora.

[8] In 1. Timotheus 5, 18 zitiert Paulus nach der Autoritätsformel „Die Schrift sagt“ zunächst aus 5. Mose 25,4 und dann ein Jesuswort aus Lukas 10,7. Thorsten Dietz sagt also zurecht: „Offensichtlich ist das für Paulus so: Tora und Jesus, das sind autoritative Setzungen Gottes, Jesu, die einfach gelten.“ (20:10)

[9] Siehe dazu Clemens Hägele: „Mit Christus gegen die Apostel? Beobachtungen zur Deutung zweier Lutherworte“. Erschienen im Deutschen Pfarrerblatt, Ausgabe: 10 /2016

[10] So schrieb Luther in seiner „Assertio“: „Wieviele Irrtümer sind schon in den Schriften aller Väter gefunden worden! Wie oft widersprechen sie sich selbst! Wie oft sind sie untereinander verschiedener Meinung! … Keiner hat der Heiligen Schrift Vergleichbares erreicht … Ich will …, dass allein die Heilige Schrift herrsche … [Ich] ziehe … als hervorragendes Beispiel Augustinus heran … was er in einem Brief an Hieronymus schreibt: ‚Ich habe gelernt, nur den Büchern, die als kanonisch bezeichnet werden, die Ehre zu erweisen, dass ich fest glaube, keiner ihrer Autoren habe geirrt.“ Aus: Assertio omnio articulorum, Vorrede (1520), in: Cochlovius/Zimmerling: Evangelische Schriftauslegung (wie Anm. 83), S. 26 f.

[11] Siehe dazu Christian Haslebacher 2021 in: https://danieloption.ch/featured/plaedoyer-fuer-das-apostolische-glaubensbekenntnis-den-zeitlosen-klassiker/

[12] Was leider noch lange nicht heißt, dass die evangelische Kirche heute keine „Knüppel“ gegen ihr nicht genehme Lehre mehr auspacken würde. Wenn es zum Beispiel um die Lehre geht, dass gleichgeschlechtliche Paare nicht gesegnet oder getraut werden können oder dass die Bibel nur zwei biologische Geschlechter kennt, dann zeigt sich leider immer wieder, dass die zur Schau getragene Toleranz rasch enden kann. So schreibt Martin Grabe: „In vielen evangelischen Landeskirchen ist die vollständige Gleichstellung homosexueller Partnerschaften mit heterosexuellen inzwischen vollzogen. Pfarrer, die aufgrund ihres Gewissens immer noch nicht mitziehen, werden sanktioniert.“ (In: „Homosexualität und christlicher Glaube: ein Beziehungsdrama“, Francke 2020, S. 17)

[13] Ein solches Inspirationsverständnis würde sich jedoch gut decken mit einem Bibelverständnis, wie es beispielsweise der Theologe Udo Schnelle formuliert: „Natürlich ist die Bibel das Wort Gottes. Sie ist es aber nicht an sich, sondern immer dann, wenn sie für Menschen zum Wort Gottes wird. In dem Moment, wo es Menschen erreicht und zum Glauben an Jesus Christus führt, wird die Bibel zum Wort Gottes.“ Karsten Huhn im Gespräch mit Armin Baum und Udo Schnelle: Wie entstand das Neue Testament, in: idea Spektrum 23/2018, S. 19

[14] „Das sagen manchmal auch sehr konservative Christen. Die sagen: Man darf nicht Jesus gegen die Bibel ausspielen. Es gibt konservative Christen, die das so sagen, es aber machen. Weil sie sagen: … Jesus ist natürlich der wichtigste Inhalt der Bibel. Ist ja klar. Aber man muss die Bibel anerkennen. Und nur wer die Bibel als unfehlbar anerkennt, der hat überhaupt eine Basis, auch zum biblischen Christus zu kommen. Naja, für mich ist das leider auch eine Weise, Jesus gegen die Bibel auszuspielen, nur umgekehrt. Denn so wird die Bibel ja letztlich Jesus übergeordnet in einer Weise, dass man sagt: Du musst zunächst einmal ein bestimmtes Bibelverständnis anerkennen, du musst die Bibel als unfehlbar und irrtumslos und absolut anerkennen, dann wirst du von ihr auch zu Jesus geführt.“ (ab 1:04:40)

[15] Siehe dazu Markus Till: „Ist die Bibel unfehlbar?“ AiGG-Blog 2018 blog.aigg.de/?p=4212

[16] Siehe dazu Markus Till: „Das biblische Bibelverständnis“, AiGG-Blog 2021 blog.aigg.de/?p=5853

[17] Empfohlen sei dazu z.B. Armin D. Baum: „Is new testament inerrancy a new testament concept? A traditional and therefore open minded answer“ In: JETS 57/2 (2014) 265-80; online unter: www.etsjets.org/files/JETS-PDFs/57/57-2/JETS_57-2_265-80_Baum.pdf

[18] „Die Bibel, bestehend aus den Schriften des Alten und Neuen Testaments, ist Offenbarung des dreieinen Gottes. Sie ist von Gottes Geist eingegeben, zuverlässig und höchste Autorität in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung.“

[19] Das erinnert an die jüngst veröffentlichte Erklärung zum Schriftverständnis der evangelischen Hochschule Tabor, in der Adolf Schlatter zitiert wird mit den Worten: „Denn nicht das ist Gottes Herrlichkeit, dass er vor uns den Beweis führt, dass er ein fehlloses Buch verfassen kann, sondern das, dass er Menschen so mit sich verbindet, dass sie als Menschen sein Wort sagen […] Nicht die Schrift, sondern der die Schrift gebende und durch sie uns berufende Gott ist unfehlbar. […] Darin besteht die Fehllosigkeit der Bibel, dass sie uns zu Gott beruft.“ In: „Die Bibel verstehen – der Schrift vertrauen – mit Christus leben“, Erklärung zum Schriftverständnis der ev. Hochschule Tabor vom 09.08.2021, https://www.eh-tabor.de/sites/default/files/die_bibel_verstehen_-_der_schrift_vertrauen_-_mit_christus_leben.pdf

[20] Am 16.07.20 würdigte Thorsten Dietz auf Facebook gemeinsam mit Michael Diener das Buch „Homosexualität und christlicher Glaube – ein Beziehungsdrama“ von Martin Grabe mit den Worten: „Das Buch von Martin Grabe, dem Vorsitzenden der Akademie für Psychotherapie und Seelsorge, ist eine sehr persönliche und erfahrungsgesättigte Darstellung dessen, was schwule und lesbische Gläubige in evangelikalen Kreisen erlebt und erlitten haben. Und er beschreibt den langen Weg, den es gebraucht hat, dass er am Ende selbst sagen kann. “Homosexuelle Christen dürfen ebenso wie heterosexuelle Christen eine verbindliche, treue Ehe unter dem Segen Gottes und der Gemeinde eingehen und sind in der Gemeinde in jeder Hinsicht willkommen. (S. 76)”

[21] Das Bild der (leider inzwischen verstorbenen) US-Amerikanerin Rachel Held Evans ziert auch die Internetseite zu dieser Podcastfolge (wort-und-fleisch.de/die-neuen-evangelikalen/). Eine ausführliche Darstellung ihrer theologischen Positionen und ihres Bibelverständnisses liefern die Artikel „Rachel Held Evans – Eine postevangelikale Hoffnung für die Kirche?“ (blog.aigg.de/?p=5447) sowie „Rachel Held Evans – Ein neuer Zugang zur Inspiration der Bibel?“ (blog.aigg.de/?p=5460) von Markus bzw. Martin Till im AiGG-Blog.

[22] Siehe dazu der Artikel „Quo vadis Worthaus? Quo vadis evangelikale Bewegung“ in GuDh 1/2020, in dem auch der Worthausvortrag von Thorsten Dietz „Der Prozess – Warum ist Jesus gestorben?“ besprochen wird.

[23] Sein Bibelverständnis erläutert der FeG-Pastor Sebastian Rink in seinem Buch „Wenn Gott reklamiert“ (Neukirchener, 2021) wie folgt: „Warum entstehen überhaupt Bibeltexte? Ich stelle mir das so vor: Menschen machen Erfahrungen. … Irgendwann beginnen sie, über all das nachzudenken. … Sie suchen nach einer Sprache, die den Geheimnissen der Welt und des Lebens angemessen ist. Und sie (er-)finden Worte dafür. Das größte unter ihnen heißt „Gott“. … Irgendwann denken und erzählen sie nicht mehr nur, sondern schreiben. … Sie halten fest, wie sie Gott erfahren. Menschen notieren, wie sie sich die geheimnisvolle Wirklichkeit des Göttlichen vorstellen. Sie schreiben, diskutieren, korrigieren. Sie machen neue Erfahrungen und alte Ideen verändern sich. Und sie schreiben weiter. Und schreiben anders. Und schreiben neu. Sie bewahren nicht alles auf, denn nicht alle Ideen passen in jedes Leben. Deshalb entwickelt jede Gemeinschaft eigene Vorstellungen. So bilden sich nach und nach Sammlungen der wichtigsten Texte. Das Beste setzt sich durch. Dokumente, an denen Menschen sich gemeinsam orientieren und die ihnen zum Maßstab (griechisch: Kanon) werden für ihren Umgang mit dem Geheimnis Gottes. So stelle ich mir das vor und biete an, einmal auf diese Weise an die Texte heranzugehen. Nicht in tiefster Ehrfurcht vor ihrer vermeintlichen Heiligkeit, sondern höchst ergriffen von ihrer schamlosen Menschlichkeit.“ (S. 25-26)

[24] Das Vorwort von Thorsten Dietz zum Buch „Wenn Gott reklamiert“ kann nachgelesen werden in der online verfügbaren Leseprobe unter www.scm-shop.de/media/import/mediafiles/PDF/156757000_Leseprobe.pdf

[25] Siehe dazu Markus Till: „Zwei Bibelverständnisse im Kampf um die Herzen der Evangelikalen“, AiGG Blog 2021, blog.aigg.de/?p=5749

Wichtiger denn je: Fester Halt in stürmischen Zeiten

Das Internet ist Segen und Fluch. Es bietet phantastische Möglichkeiten, das Evangelium zu verbreiten. Aber es überflutet uns auch mit einer unfassbaren Vielfalt an Meinungen und Positionen, die wir selbst oft gar nicht bewerten können. Ich merke das besonders in der Corona-Krise: Ständig werden uns Daten präsentiert, die ganz klar eine bestimmte Meinung belegen sollen. Das Problem ist nur: Man kann mit Zahlen und Daten fast alles belegen, sogar dass es ganz eindeutig die Störche sind, die uns die Kinder bringen, wie die hier verlinkte Grafik zeigt. Wer da noch widerspricht, dem ist angesichts dieser klaren Fakten doch nicht mehr zu helfen, oder? 😉

Eigentlich hätten gerade die öffentlich-rechtlichen Medien die Aufgabe, die gewaltige Daten- und Meinungsflut für uns zu filtern, professionell zu bewerten und uns mit gut begründeten und soliden Fakten und Positionen zu versorgen. Leider haben in den vergangenen Jahren viele Menschen das Vertrauen verloren, dass die öffentlich-rechtlichen Medien dieser Aufgabe gerecht werden. Umfragen haben belegt, was Viele längst in der Berichterstattung gespürt haben: Der politische Journalismus ist deutlich stärker links orientiert als das gesellschaftliche Spektrum. Und nicht wenige Journalisten haben begonnen, die Menschen mit ihrer Berichterstattung erziehen zu wollen, statt einfach nur neutral zu berichten, was lost ist in der Welt. Dieser zunehmende “Haltungsjournalismus” hat gerade auch im konservativen Spektrum bewirkt, dass immer mehr Menschen zu sogenannten „alternativen Medien“ abgewandert sind. Auch ich habe dort vieles gelesen, was ich spannend und einleuchtend fand. Nur: Es wäre ein schwerer Irrtum, zu glauben, dass alternative Medien wirklich verlässlicher wären.

Das Internet ist nun einmal insgesamt eine wenig verlässliche Informationsquelle. Sehr oft ist es ganz einfach nur ein Ort, an dem Stimmung und Meinung gemacht wird mit vereinfachten, emotional aufgeheizten Botschaften, die möglichst viele Klicks generieren sollen. Und niemand von uns sollte denken, er wäre davor gefeit, sich mitreißen zu lassen und infiziert zu werden von charismatischen Wortführern oder von den Anklagen dramatischer Schwarzmaler und Verschwörungstheoretiker.

Und niemand von uns sollte denken, dass wir die Stimmen und Meinungen im Internet immer richtig bewerten könnten. Denn in der Geschichte gab es ja tatsächlich immer wieder beides: Phantastische Aufbrüche, bei denen es gut gewesen wäre, wenn noch mehr Leute sich hätten anstecken lassen. Und düstere Verschwörungen, bei den es wichtig gewesen wäre, wenn mehr Leute frühzeitig dagegen aufgestanden wären. Wer hinter jeder Euphorie nur Schönfärberei und hinter jeder düsteren Warnung nur Verschwörungstheorien sieht, der hat die Geschichte nicht auf seiner Seite.

Orientierung wird überlebenswichtig

Wir sind also doppelt gefährdet: Wir können mitgerissen werden von falschen, manipulierenden Botschaften. Und wir können aus Misstrauen blind werden für echte Chancen und für ernstzunehmende Warnungen. Und ich glaube: Noch nie war es so schwierig, das eine vom anderen zu unterscheiden. Je aufgewühlter und polarisierter die Welt um uns herum ist, umso größer wird die Gefahr, irgendwann auf einen völlig falschen Zug aufzuspringen.

In all dem bin ich überzeugt: Die stürmischen Zeiten haben gerade erst begonnen. Deshalb ich möchte Dich inständig bitten: Vertrödle nicht Deine Zeit mit 1000 Ablenkungen! Suche JETZT nach einer festen, tragfähigen Verankerung für dein Leben! Du brauchst mehr denn je einen Kompass, der Dich verlässlich vor Verirrung schützen kann.

Aber wo finden wir diesen festen Anker? Wo finden wir diesen Kompass, der uns zuverlässig durchs Dikicht der widerstreitenden Meinungen und Informationen führt? Zu dieser Frage möchte ich Dir heute 2 Dinge dringend ans Herz legen, weil ich sie in der vor uns liegenden Zeit wirklich für überlebensnotwendig halte:

1. Lebe eine leidenschaftliche Christusbeziehung im Alltag

Halte Dich ganz eng an den Einzigen, der wirklich den Überblick hat: Jesus Christus! Sei Dir dabei bewusst: Es reicht nicht, an Jesus zu glauben oder die grundlegenden christlichen Überzeugungen für wahr zu halten. Was Du brauchst ist eine echte, persönliche Beziehung zu Jesus. Sei mit ihm auf Du und Du! Suche seine lebendige Gegenwart! Nimm Dir Zeit für Stille und Gebet! Suche dafür Formen, die alltagstauglich sind! Vielleicht gehst Du gerne spazieren und beten im Wald. Vielleicht richtest Du Dir eine Gebetsecke in Deiner Wohnung ein. Vielleicht gründest Du eine kleine Gebetsgruppe, mit der Du Dich regelmäßig triffst. Wie auch immer Du es machst: Es muss echt und lebendig sein. Es muss geisterfüllt sein. Jesus kann und will Dir begegnen, immer wieder neu. Er ist kein totes Dogma, sondern ein lebendiger Herr, der uns liebt, der uns begegnet, der unsere Gebete hört. Nichts brauchst Du in diesen stürmischen Zeiten mehr als die intakte Verbindung zu Deinem Herrn, Deinem Freund, Deinem Versorger, Helfer, Tröster, Beschützer, Ermahner, Vater, Schöpfer, Retter und Erlöser Jesus Christus. Mach es Dir zum wichtigsten in Deinem Leben, ihn zu loben und zu lieben. Bitte ihn regelmäßig um Wegweisung und Weisheit.

In SEINER Nähe wirst Du merken: Die Krisen und Stürme um uns herum haben nicht das letzte Wort. ER hat alles unter Kontrolle. Bei IHM bist Du auf der Seite des Siegers. Du kannst nicht tiefer fallen als in seine Hand. Das macht gelassen. Das macht fröhlich. Das macht dankbar. Das gibt Frieden und Hoffnung. Wer sich an Jesus hängt wird immer weniger anfällig dafür, sich zu sehr an fehlerhafte Menschen zu hängen. Und wer die Stimme des guten Hirten hört, der kann schneller auch die Stimmen erkennen, die nicht aus diesem Christusfrieden heraus kommen sondern die uns manipulieren, Angst machen, empören oder von Christus weglocken wollen. Jesus hat es fest versprochen:

„Meine Schafe hören auf meine Stimme. Ich kenne sie, und sie folgen mir. Ich gebe ihnen das ewige Leben. Sie werden in Ewigkeit nicht ins Verderben stürzen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen.(Johannes 10, 27+28)

2. Verwurzle Dich tief in Gottes Wort

Falls Dir das Bibellesen schwerfällt, habe ich heute eine schlechte Nachricht für Dich: Es gibt keine Alternative dazu! Du kannst auf Dauer nicht leben von dem, was Gott zu Anderen gesagt hat. Es reicht nicht, immer nur Impulse, Predigten, Vorträge oder Bücher zu konsumieren. Wenn es ernst wird, dann wird Dir nur das, was Du selbst von Gott gehört hast, wirklich Halt und Orientierung geben. Und da Gott nun einmal vor allem und primär durch die Bibel zu uns spricht, musst Du lernen, dieses Buch zu lesen und zu lieben. Es gibt keinen anderen verlässlichen, Orientierung gebenden Maßstab in dieser Welt außer Gottes lebendiges Wort, das wir in der Bibel finden.

Aber ich habe auch eine gute Nachricht für Dich: Dieses Buch mag manchmal schwer zu verstehen sein. Aber je mehr man sich damit befasst, umso faszinierender, tiefer und kraftvoller wird es. Und die wirklich wichtigen Dinge sind darin am Ende doch sehr viel leichter zu verstehen, als man am Anfang glaubt. Wichtig ist dabei: Rechne damit, dass es wirklich Gott ist, der hier spricht. Denn genau das ist der Selbstanspruch dieses Buches. Vertraue darauf, dass der Heilige Geist Dir dieses Buch aufschließen und verständlich machen kann. Ich bin mir sicher: Es wird Dir am Ende genau so gehen wie mir: Dieses Buch ist ein kostbarer Schatz. Es hat mein Leben total verändert. Verpasse nicht, dieses Buch zu Deinem ständigen Begleiter zu machen. Und höre auf das, was Gott zu Josua sagte:

„Hör nicht auf, in dem Gesetzbuch zu lesen, und denk Tag und Nacht darüber nach. So weißt du, worauf du achtgeben musst. So kannst du dein ganzes Tun danach richten, wie es darin geschrieben steht. Dann wird dir alles gelingen, was du unternimmst. Dann hast du Erfolg.“ (Josua 1, 8)

Sei kein Einzelkämpfer, sondern lass Dir helfen

Ich verspreche Dir: Wenn Du diese beiden Punkte befolgst, dann bist Du schon mal auf einem ziemlich soliden Kurs. Unser Problem ist nur: In unserer lauten und ablenkungsreichen Welt fällt das Beten und Bibellesen so leicht unter den Tisch. Was wir deshalb unbedingt dazu noch brauchen ist die Gemeinschaft mit Menschen, die mit uns auf diesem Weg der Jesusnachfolge sind. Menschen, die uns ermutigen, für uns beten, uns ermahnen und Mut machen, auf dem Weg mit Jesus weiter zu gehen. Und dazu brauchen wir eine gesunde Verwurzelung in der historischen und weltweiten Christenheit. Ich werde sehr skeptisch, wenn ich theologische Positionen höre, die behaupten, die Bibel plötzlich besser verstehen zu können als zahllose Generationen von Christen vor uns. Der Heilige Geist hat schon immer den Menschen geholfen, die Bibel zu verstehen. Er tut es auch heute auf der ganzen Welt. Deshalb ermutige ich Dich, gute Bücher von wichtigen christlichen Lehrern zu lesen und gute Vorträge zu biblischen Themen zu hören. Dafür ist auch das Internet eine große Hilfe. Bleibe stets eine Lernender, damit Du nicht einseitig wirst und allzu viele blinde Flecken bekommst.

Wirf JETZT den rettenden Anker aus!

Es ist eigentlich gar nicht schwer: Pflege Deine Christusbeziehung. Verwurzele Dich in Gottes Wort. Lerne von der weltweiten und historischen Christenheit. Und teile Dein Leben mit Geschwistern, die gemeinsam mit Dir Jesus dienen und nachfolgen. Ich bin mir sicher: Je dunkler es in unserer Gesellschaft wird, umso mehr werden die Menschen und Gemeinschaften, die einen festen Halt in Christus gefunden haben, ein Licht sein in dieser Welt. Und viele werden kommen, um sich an diesem Licht zu orientieren.

Ist Einheit zwischen progressiven und konservativen Christen möglich? – Erkenntnisse aus einem Forschungsprojekt

Der Begriff „evangelikal“ ist in Verruf geraten. Evangelikalen wird nachgesagt, sich besonders leicht für politische Ideologien vereinnahmen zu lassen und intolerant zu sein. Aber stimmt das auch? Trevin Wax hat auf der Internetseite der „Gospel Coalition“ die Ergebnisse eines Forschungsprojekts präsentiert, das das Phänomen des wachsenden Gegeneinanders zwischen „konservativen“ und „progressiven“ Christen beleuchtet. Die Ergebnisse sind überraschend – und auch für die evangelikale Welt in Deutschland hoch relevant!

Veröffentlicht wurden die Forschungsergebnisse in dem Buch „One Faith No Longer: the Transformation of Christianity in Red and Blue America“ („Nicht länger ein Glaube: Die Transformation des Christentums im roten und blauen Amerika“) von George Yancey und Ashlee Quosigk. Als konservativ galten dabei Christen, die glauben, dass die Bibel das irrtumslose Wort Gottes und Jesus der einzige Weg zur Erlösung ist. Christen, die dem nicht zustimmen, wurden als progressiv eingestuft. Ein grundlegendes Ergebnis der Untersuchung war:

„Progressive Christen … sind mehr, nicht weniger politisch als konservative Christen.“

Zudem ergaben sich aus den Untersuchungen und Interviews 3 überraschende Erkenntnisse in Bezug auf die Identität, die Toleranz und die missionarische Ausrichtung von progressiven bzw. konservativen Christen. Die erste Überraschung lautet:

1. „Progressive Christen definieren ihre Identität eher über Politik, während konservative Christen ihre Identität in der Theologie finden.“

Bei der Frage, mit wem man sich zusammengehörig fühlt, neigen progressive Christen dazu, sich weniger um theologische Übereinstimmung zu kümmern. Stattdessen stehen für sie politische Werte im Vordergrund. Konservative Christen hingegen legen (anders als oft behauptet) keinen großen Wert auf politische Übereinstimmung. Ihr Hauptanliegen ist die Frage, ob man in theologischen Kernpunkten übereinstimmt.

Die zweite Überraschung heißt folgerichtig:

2. „Konservative Christen sind eher bereit, über abweichende politische Auffassungen hinwegzusehen als progressive Christen.“

Wax berichtet: Schon zur Zeit von Donald Trump wehrten sich viele konservative evangelikale Führungspersönlichkeiten unter großen persönlichen Opfern gegen “konservative politische Ideologie”, wo sie biblischen Lehren und Werten widerspricht. Auch heute noch gibt es theologisch konservative Evangelikale mit großen Meinungsverschiedenheiten bei politischen Fragen. Bei progressiven christlichen Leitern ist das hingegen nicht der Fall. „Das einzige politische Thema, bei dem mehrere Blogger von der allgemeinen progressiven politischen Grundausrichtung abwichen, war das Thema Abtreibung”, so die Autoren, und selbst da war die Gegenwehr gering.“

Und die dritte Überraschung lautet:

3. „Progressive Christen missionieren eher konservative Christen als Nichtchristen.“

Wax schreibt: „Die allgemeine Auffassung ist, dass theologisch konservative Christen in einer Blase von Gleichgesinnten verharren. Aber die Untersuchungen von Yancey und Quosigk haben das Gegenteil gezeigt. Es sind theologisch progressive Christen, die sich mit homogen denkenden Gleichgesinnten umgeben, und ein Teil dieser Homogenität definiert sich durch eine “überwältigend negative” Sicht auf konservative Christen. … In der Tat ist die progressive Sicht der Konservativen so düster, dass sich Progressive eher mit Muslimen als mit konservativen Christen verbunden fühlen.“

Das hat Konsequenzen für die Frage, wen progressive Christen missionieren: „Die meisten progressiven Christen gründen ihre Religion nicht auf verbindlichen Gehorsam gegenüber der Bibel, und sie haben auch nicht das Bedürfnis, andere zu ermutigen, ihre Interpretation der Bibel zu akzeptieren oder gar den christlichen Glauben anzunehmen. Der Kern ihrer Religion beruht auf den Werten der Integration, der Toleranz und der sozialen Gerechtigkeit. … Die Menschen, die am meisten der “Bekehrung” bedürfen, sind deshalb nicht Ungläubige, sondern konservative Christen.“

Fazit

Trevin Wax kommt zu dem Schluss: „One Faith No Longer stellt die herkömmliche Vorstellung auf den Kopf, dass konservative Christen in besonderem Maße dazu neigen, unbiblischen politischen Ideologien zu verfallen, oder dass konservative Christen von Wut auf ihre theologischen Gegner erfüllt sind. Anhand von Recherchen und Interviews zeigen Yancey und Quosigk das Gegenteil: Es sind die Progressiven, die selten von ihrer politischen Grundausrichtung abweichen und Verachtung für die Konservativen hegen. Und die sich verhärtenden Grenzen zwischen diesen beiden Gruppen untermauern die These, die J. Gresham Machen vor einem Jahrhundert aufstellte: Wenn es um das Christentum und den theologischen Liberalismus geht, haben wir es wirklich mit zwei verschiedenen Religionen zu tun.“

Was heißt das für die Situation im deutschsprachigen Raum?

Meine Beobachtungen von Progressiven und Konservativen im deutschsprachigen Raum vermitteln mir den Eindruck: Die Polarisierung ist bei uns noch nicht so weit vorangeschritten. Der Trend geht aber in die gleiche Richtung wie in den USA. Und die Ursachen sind vergleichbar.

Zugleich sehen wir im allianzevangelikalen Umfeld unverkennbar einen sich verfestigenden Trend: Viele evangelikale Werke versuchen, die progressiven und postevangelikalen Stimmen in ihr Spektrum zu integrieren. Da dies zwangsläufig zu immer größeren theologischen Differenzen führt, redet man immer seltener über die eigene Glaubensbasis. Stattdessen wird immer stärker die Notwendigkeit von mehr „Ambiguitätstoleranz“ betont, also das Stehenlassen und Aushalten gegensätzlicher Positionen. Vielerorts sind die Verflechtungen und Sympathien auf den Leitungsebenen offenkundig so stark, dass es auf diesem Weg kein Zurück mehr zu geben scheint.

Aber kann dieser Integrationsversuch auf Dauer gelingen? Ist es möglich, dass Progressive, Postevangelikale und Konservative im gleichen Team spielen? Wenn nein: Sind daran wirklich nur die Konservativen schuld, wie oft behauptet wird?

Die Ergebnisse von „One Faith No Longer” legen nahe: Progressive sind zwar theologisch sehr tolerant. Aber das heißt nicht, dass sie insgesamt toleranter sind als Konservative. Sie haben einfach nur andere Identitätsmarker. Sie stehen konservativen Forderungen nach einer Rückbesinnung auf historische Glaubensgrundlagen und Bekenntnisse zurückhaltend oder ablehnend gegenüber. Stattdessen fordern sie eher eine rasche Anpassung der Kirche an gesellschaftliche Entwicklungen in Bereichen wie Gender, Gleichstellung, Sexualethik, Ökologie oder linke Wirtschafts-, Sozial- und Flüchtlingspolitik. Und sie sind bei diesen polarisierenden Themen deutlich weniger tolerant als Konservative.

Am geringsten ist ihre Toleranz jedoch oft in Bezug auf die konservativen Christen. Konservative verfolgen oft die Strategie, eine christliche Gegenkultur zu etablieren an Stellen, an denen sich die Gesellschaft von biblischen Normen entfernt. Von Progressiven werden sie deshalb tendenziell als Bremsklötze empfunden auf dem Weg „Raus aus der Sackgasse“ einer von ihnen empfundenen gesellschaftlichen Rückständigkeit und theologischen Enge der Konservativen. Das gleichnamige Buch von Michael Diener macht diese Sichtweise deutlich. Und es zeigt beispielhaft den von Wax beschriebenen missionarischen Eifer, Konservative zum progressiven Kurs bekehren zu wollen.

Was würde es bedeuten, wenn diese Beschreibung der Situation zwischen Konservativen und Progressiven auch nur einigermaßen zutrifft? Die Konsequenz wäre: Alle Aufrufe zum Miteinander würden am Ende nicht fruchten. Im Gegenteil: Mit der Zeit würde immer deutlicher werden, dass Konservative und Progressive vielfach gegensätzliche Ziele verfolgen. Dann würde sich die Entscheidung, Progressive und Postevangelikale ins evangelikale Spektrum integrieren zu wollen, als historischer Fehler erweisen, weil sie zwangsläufig dorthin führt, wo man andernorts schon angekommen ist: In immer tieferer innerer Entfremdung und wachsendem Gegeneinander (wie in den USA), in offenen Spaltungen (wie bei den weltweiten Methodisten) oder in der weitgehenden Verdrängung der Konservativen (wie in der evangelischen Kirche).

Ich wünsche mir keines dieser Szenarien. Deshalb werde ich nicht aufhören, in der evangelikalen Welt Werbung dafür zu machen, die eigene Glaubensbasis hochzuhalten. Dafür ist es so wie im Neuen Testament notwendig, im Bedarfsfall nicht nur positiv vom eigenen Glauben zu reden sondern in zentralen Glaubensfragen auch „nein“ zu sagen zu Lehren und Einflüssen, die der eigenen Glaubensbasis widersprechen. Glaubensverteidigende Apologetik war schon immer ein wichtiges Feld der Theologie. Sie gehörte zu allen Zeiten zum Aufgabenbereich christlicher Leiter. Sie wird heute dringender denn je gebraucht.


Der Artikel „3 Surprises from New Research on ‘Progressive’ and ‘Conservative’ Christians“ von Trevin Wax, aus dem die Zitate dieses Artikels stammen, kann hier vollständig nachgelesen werden: https://www.thegospelcoalition.org/blogs/trevin-wax/research-progressive-conservative-christians/

Die offen.bar ist eröffnet!

Im November 2020 hatte das Netzwerk Bibel und Bekenntnis zu einer Leiterkonsultation geladen. Im Rahmen des Austauschs mit Leitern aus dem ganzen Land wurde vor allem eines deutlich: Wir brauchen neue Wege, um gute, gesunde biblische Lehre in unserem Land verbreiten zu können! Deshalb hat sich ein Team gebildet, das schrittweise ein Konzept, ein Design und die technischen Voraussetzungen für den Aufbau einer neuen Mediathek entwickelt hat. Für mich persönlich ist es ein echtes Wunder, was innerhalb eines Jahres entstanden ist. Der erste Trailer zur offen.bar-Mediathek gibt einen Überblick:

Der Name offen.bar macht das Kernanliegen deutlich: Es geht darum, dass die Bibel das offenbarte Wort Gottes ist und zu allen Zeiten eine entscheidende Kraftquelle der Kirche Jesu war. Wo dieses offenbarte Wort Gottes fehlt, da wird und da muss Kirche Jesu verkümmern. Denn ohne Offenbarung können wir ja nichts wissen über Gott. Dann hat Kirche auch nichts mehr zu sagen. Dann verkümmert Mission und Evangelisation. Dann wird alles subjektiv. Dann haben wir zwangsläufig immer weniger Glaubensschätze, die wir ganz selbstverständlich über alle Konfessions- und Prägungsgrenzen hinweg gemeinsam feiern, besingen und bezeugen können. Dann verlieren wir das Miteinander. Und dann wird Kirche irrelevant. Denn die Kirche Jesu hat keine Autorität aus sich selbst heraus, sondern nur als Botschafter von Gottes offenbartem Wort und Gebot. Deshalb kann Kirche ohne Offenbarung nicht bestehen. Darüber wollen wir reden. Der zweite Trailer zur offen.bar-Mediathek macht dieses Kernanliegen noch deutlicher:

Am Samstag, den 6.11.2021 durfte ich die neue Mediathek im Rahmen des großen Studientags des Netzwerks Bibel und Bekenntnis feierlich eröffnen und dabei auch darüber sprechen, was diese Mediathek mit Fußball zu tun hat und warum es so wichtig ist, dass Christen nicht immer nur in der Defensive bleiben:

Auf der jetzt freigeschalteten Homepage offen.bar finden sich unter anderem Informationen zu den beteiligten Personen: Das Projekt wird von mir und Martin P. Grünholz gemeinsam geleitet. Mit dabei im Team ist zusätzlich unser Freund Matthias Lohmann von Evangelium 21. Die Kooperation mit Evangelium 21 ist uns besonders wichtig, denn offen.bar will Christen aller Generationen sowohl im landeskirchlichen wie im freikirchlichen Umfeld erreichen. Mit dabei ist zudem Sarah Gräßlin, die nicht nur Interviesw mit offen.bar-Referenten macht, sondern sich zudem um den ganzen Bereich der Social Media kümmert – was heutzutage absolut unverzichtbar ist, um Menschen zu erreichen.

Der erste Vortrag, den offen.bar veröffentlicht hat, stammt von meinem früheren württembergischen Landesbischof und meinem großen theologischem Vorbild Prof. Gerhard Maier. Sein Buch „Biblische Hermeneutik“ hat mich stark geprägt und ermutigt. Der folgende 3-Minuten-Clip fasst zentrale Aussagen des Vortrags zusammen:

Der komplette Vortrag findet sich hier: Ein besonderer Service von offen.bar ist, dass man den Vortrag immer auch schriftlich nachlesen und das Skript herunterladen kann, so auch das Skript zum Vortrag von Gerhard Maier.

Zudem hatte ich die große Ehre, Gerhard Maier interviewen zu dürfen. Für mich besonders bewegend war seine Aussage: “Die Erweckungen, die wir im Lauf der Geschichte hatten, die sind nie auf dem Gipfel der Berge oben entstanden, sondern alle in den Tiefen. Das heißt: Wenn es irgendwo runtergeht bei der kirchlichen Lage, wenn uns Gott in die Tiefe hinunterlässt, dann haben wir da auch die Hoffnung, dass da in der Tiefe eine Erweckung entsteht. Und die brauchen wir dringend. Ich bete darum und ich hoffe darauf.” Das komplette Interview findet sich hier:

Der erste Trailer hat es bereits angedeutet: Viele nationale und internationale Referenten werden noch dazu kommen und sprechen zu den spannenden Themen unserer Zeit: Hermeneutik, der Sühnetod Jesu, Sündenverständnis,  Evangelisation, Christus im AT und vieles mehr. Und natürlich wird es auch um das Thema gehen, das heute so viele Christen beschäftigt: Ethik im Allgemeinen und Sexualethik im Besonderen. Sam Alberry, der zu diesem Thema beim Studientag in Bielefeld einen wirklich ergreifenden Vortrag gehalten hat, hat speziell für offen.bar noch einen weiteren Vortrag aufgezeichnet, der dort in einigen Wochen veröffentlicht wird. Dazu haben wir natürlich auch ihm in einem Interview spannende Fragen gestellt.

Im zweiten Vortrag von offen.bar, zu dem bereits der nachfolgende Kurzclip veröffentlicht wurde, darf ich über die Frage sprechen: Brauchen wir wissenschaftliche Theologie?

Dazu gibt es ein Interview mit mir, in dem ich einige Frage beantworte, die mir immer wieder gestellt werden: Wie bekomme ich Familie, Beruf und mein sonstiges Engagement unter einen Hut? Können Laien sich überhaupt kompetent in theologische Debatten einmischen? Wieso geht es in meinem Buch „Zeit des Umbruchs“ so ausführlich um Dinge, die Christen voneinander trennen? Müssen wir nicht jedem seine eigene Wahrheit lassen? Ist Glaube und Wissenschaft nicht doch ein Widerspruch? Warum ist die Wunderfrage von so zentraler Bedeutung für die Theologie? Und warum gibt es trotz all der Herausforderungen Hoffnung für die Kirche Jesu?

Parallel arbeiten wir daran, die Vorträge auch noch als Audiospuren auf der Homepage und in einem Podcast anzubieten. Damit Du immer auf den Laufenden bleibst, solltest Du unbedingt den offen.bar-Newsletter abonnieren. Das geht hier: https://offen.bar/du/

Aber jetzt habe ich noch eine Bitte an Dich:

Zunächst: Bitte bete für dieses Projekt! Es geht hier ja nicht einfach nur um eine theologische Diskussion. Hier geht es um Grundlegendes. Und natürlich geht es um Dinge, die heiß umkämpft sind. Und diesen Kampf können wir nicht gewinnen, wenn Gott nicht wirkt, segnet, Kraft schenkt, schützt, Weisheit gibt, Herzen bewegt, öffnet und verändert. Und lass uns darüber hinaus beten für unser Land. Wir sehnen uns nach Erweckung, nach einem neuen Aufbruch, nach einer neuen Liebe zu Jesus, nach einer neuen Liebe zu Gottes Wort. Das ist das wichtigste!

Und außerdem: Nutze dieses Angebot nicht nur für Dich persönlich, sondern mache andere darauf aufmerksam! Schreib einen Artikel in eurem Gemeindebrief und/oder auf eurer Homepage. Mache andere Christen darauf aufmerksam. Die Reichweite dieses Angebots wird entscheidend davon abhängig sein, ob viele Christen das Projekt aktiv mit tragen, bekannt machen und fördern. Ich lade Dich zudem ein, Dich auch aktiv zu beteiligen an den Diskussionen, die diese Impulse sicher auslösen werden in den sozialen Medien oder wo auch immer über diese Impulse diskutiert wird. Und nicht zuletzt lade ich Dich ein, uns Feedback zu geben. Denn natürlich ist dieses Projekt noch lange nicht perfekt. Vieles ist noch im Aufbau. Und wir lernen immer gerne dazu.

Und eines möchte ich auch nicht verschweigen: Dieses Projekt kostet Geld. Wir haben bei weitem nicht den Etat, den so manches progressive Portal dieser Art hat. Aber wir sind sehr dankbar, dass Gott uns bis hierher gut versorgt hat. Viele, die an diesem Projekt mitarbeiten, machen das entweder ehrenamtlich oder für ganz wenig Geld. Aber natürlich brauchen wir auch Profis an der Kamera und im Videoschnitt. Denn wir finden: Die beste Nachricht der Welt hat es verdient, dass sie nicht lieblos verpackt wird sondern dass sie angemessen und zeitgemäß präsentiert wird. Wir sind so dankbar, dass wir großartige Partner gefunden haben, mit denen es sehr viel Freude macht, zu arbeiten. Gemeinsam mit diesem Team haben wir jetzt Material bis etwa zum kommenden Juni erarbeitet. Damit es weitergehen kann, sind wir dankbar für jede finanzielle Unterstützung (spenden kannst Du hier).

Also klick Dich rein in die vielfältigen Angebote von offen.bar. Mach dieses Angebot auch anderen Christen bekannt. Und bete mit, dass Christen, Gemeinschaften, Gemeinden, Kirchen und Werke ganz neu Vertrauen fassen, ermutigt und gestärkt werden durch Gottes kraftvolles, freimachendes, Orientierung gebendes, ewig wahres, offenbartes Wort.

Keine „Schöpfung“ im Buch „glauben lieben hoffen“

Ein Gastkommentar von Dr. Reinhard Junker

Das im Juli 2021 erschienene Werk „glauben lieben hoffen“ – eine Sammlung von Antworten auf 103 Grundfragen zum christlichen Glauben – enthält einige Abschnitte mit Bezug zum Thema „Schöpfung“, hauptsächlich in den Kapiteln 9 und 10. Dabei geht es um folgende Fragen:

  • „Wie verträgt sich der Glaube an den Schöpfer mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen?“
  • „Wie kann aus Adam und Eva die ganze Menschheit entstanden sein?“

Dieser Beitrag bringt eine Analyse der Ausführungen dieser beiden Kapitel und soll Hilfestellungen geben, wie man sachgemäß zu den angesprochenen Punkten argumentieren kann.

Zu Kapitel 9 „Wie verträgt sich der Glaube an den Schöpfer mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen?“

Überraschenderweise geht es in diesem Kapitel nur am Rande um die in der Überschrift aufgeworfene Frage, sondern um das Alter der Schöpfung, der Erde, des Lebens und des Menschen. Diese Frage ist sicherlich wichtig und anspruchsvoll, wenn man gemäß den biblischen Texten und biblischen Zusammenhängen von einer jungen Schöpfung ausgeht.[1] Volkmar Hamp, der Autor dieses Kapitels, geht auf diese Frage aber nicht wirklich ein. Stattdessen setzt er die naturalistische Deutung der Naturgeschichte als wahr voraus[2] und definiert davon ausgehend neu, was der Glaube an einen Schöpfer in unserer Zeit zu bedeuten hat.

Volkmar Hamp weist zunächst darauf hin, dass man in einen Konflikt mit heutigen Vorstellungen von der Entstehung der Welt gerät, wenn man die Genesistexte als historische Tatsachenberichte versteht. Dazu gibt er zu bedenken, dass der Kreationismus im 19. Jahrhundert als Widerstandsbewegung gegen die Evolutionstheorie entstanden sei (was zeitlich allerdings nicht stimmt) und behauptet, der Kreationismus „definiere“ sich heute vor allem über den „Kampf gegen die moderne Naturwissenschaft“.

Ich beschäftige mich seit meiner Bekehrung zu Jesus Christus vor 43 Jahren (damals war ich im 4. Semester des Biologiestudiums) mit dem Thema „Schöpfung und Evolution“ und habe ungezählte Bücher und Beiträge dazu gelesen, aber es ist mir bisher nie untergekommen, dass Christen, die eine direkte Schöpfung unmittelbar durch Gottes Wort vertreten oder eine allgemeine Evolution der Lebewesen nicht für eine Tatsache halten, irgendwie gegen die Naturwissenschaft kämpfen würden oder sich gar darüber definieren würden. Es dürfte schwer fallen, für diese Behauptung eine Quelle zu finden. Es ist nichts anderes als üble Nachrede, wie sie vor allem Hansjörg Hemminger wiederholt sinngemäß in seinen Anti-Kreationismus-Schriften unters Volk gebracht hat.

Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall – das wurde oft gesagt, begründet und publiziert: Naturwissenschaft ist eines der Mittel, um überhaupt Indizien für einen Schöpfer zu finden. Zweifellos findet man solche Indizien auch ohne Naturwissenschaft (vgl. Röm 1,20ff.), aber durch naturwissenschaftliche Forschung findet man viel mehr und detailliertere davon. Die Kreationisten, die sich angeblich dem Kampf gegen die moderne Naturwissenschaft verschrieben haben, sind mit  Freude Naturwissenschaftler, ganz im Sinne von Psalm 111,2: „Groß sind die Werke des HERRN; wer sie erforscht, der hat Freude daran.“ Einer der Mitarbeiter der Studiengemeinschaft Wort und Wissen, beendet seine Vorträge oft mit diesem Vers und mit dem Satz: „Danke Gott für die Wissenschaft.“ Ohne Naturwissenschaft wüssten wir viel weniger über die großartige und weisheitsvolle Schöpfung. Naturwissenschaftler decken laufend auf, was der Prophet Jeremia bezeugt: „Er ist es, der die Erde gemacht hat durch seine Kraft, der den Erdkreis gegründet durch seine Weisheit und den Himmel ausgespannt durch seine Einsicht“ (Jer 10,12). Das neue Buch „Schöpfung und Evolution. Ein klarer Fall!?[3] bringt dazu anschauliche und gut verständliche Beispiele.[4]

Beeindruckende Schöpfungsindizien gibt es auch in der unbelebten Welt. Ein Autorenteam hat dazu kürzlich ein allgemeinverständliches Buch verfasst: „Das geplante Universum. Wie die Wissenschaft auf Gott hindeutet“.[5]

Er darf niemals fehlen: Der „Lückenbüßergott“.

Im Weiteren spricht der Autor den sogenannten „Lückenbüßergott“ an. Wenn sich die Theologie auf Weltbilddiskussionen einlasse, könne sie am Ende nur verlieren. Denn mit jeder historischen oder naturwissenschaftlichen Erkenntnis, die ohne Gott auskommt, werde der Raum kleiner, für den Gott noch zuständig ist. Gott werde auf diese Weise zu einem „Lückenbüßergott“, der nur noch die Leerstellen in einem ansonsten in sich geschlossenen, rein mechanistischen Weltbild füllt (S. 32).

Das Lückenbüßer-Argument wird unablässig vorgebracht und es sitzt fest in vielen Köpfen. Was kann man dazu sagen?

Denken wir zunächst einmal im Sinne des Arguments weiter. Gott soll kein Lückenbüßer in einem „in sich geschlossenen, rein mechanistischen Weltbild“ sein, denn der Fortschritt der Forschung würde Gott aus diesen Lücken vertreiben. Offensichtlich besteht hier die Erwartung, dass die Wissenschaft es schaffen wird oder schaffen könnte, Gott aus allen Lücken zu vertreiben. Dann wäre Gott überflüssig. Gott wäre logischerweise auch dann überflüssig, wenn man ihn nicht für noch bestehende Lücken braucht. Ist es das, was der Autor sagen will? Anscheinend ja, denn der Autor schreibt in Kapitel 11: „Jedes Schöpfungswerk lässt sich auch ohne Gott als blindes Spiel von Zufall und Notwendigkeit begreifen“ (S. 37). Und in Kapitel 13: Das Leben auf der Erde sei ein „vermutlich einzigartiger kosmischer Glücksfall“ (S. 42). Damit stellt sich aber die Frage, warum man überhaupt an einen Schöpfergott glauben sollte. Er ist doch „radikal ausgebootet“ worden, wie es der Verhaltensforscher Wolfgang Wickler einmal auf den Punkt gebracht hat.[6] Wenn der Autor meint, man könnte die biblischen Schöpfungsaussagen in das heutige naturalistische Weltbild einbauen, versucht er, Feuer und Wasser zu mischen. Und der Naturalismus ist das Wasser – Löschwasser! Die Behauptung, beides könne „unabhängig voneinander gelesen werden“, ist eine bloße Worthülse. Denn man muss doch fragen: Was tut eigentlich Gott als Schöpfer, wenn er überflüssig ist?

Aber das Lückenbüßer-Argument ist ohnehin fehlerhaft. Natürlich befindet sich Gott nicht in den Lücken eines wie auch immer gearteten Weltbilds oder gar in den Lücken unseres Wissens. Das sagt auch kein Kreationist und es folgt auch nicht aus ihrer Position. Das Lückenbüßer-Argument ist irreführend und arbeitet mit unzutreffenden Unterstellungen. An anderer Stelle bin ich sowohl in Bezug auf biologische als auch auf theologische Fragen ausführlich auf das Lückenbüßer-Argument eingegangen.[7] Das im Einzelnen hier auszuführen würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen; daher an dieser Stelle nur wenige Stichworte: Das Lückenbüßer-Argument setzt eine naturwissenschaftliche Erklärbarkeit bzw. eine natürliche Entstehung und Entwicklung der Lebewesen von vornherein und ohne stichhaltige Begründung voraus; d. h. die naturalistische Weltsicht wird ohne Beweis als wahr zugrunde gelegt. Unter dieser Prämisse wird jegliches Fehlen von Erklärungen als bloße „Lücken“ klein geredet, auch wenn es sich möglicherweise um grundsätzliche Defizite handelt, die durch weitere Forschung bestätigt werden. Das Fehlen einer Erklärung ist aber gar keine Lücke in irgendetwas, sondern ein Anlass dafür, es mit einer anders gearteten Erklärung als einer natürlichen Entstehungsweise zu versuchen. Vor allem aber sucht kein schöpfungsgläubiger Mensch Gottes Wirken in den „Lücken“ eines naturalistischen Weltbildes! Das ist ein bilderbuchmäßiger Strohmann. Vielmehr stehen sich zwei grundlegend verschiedene Erklärungsansätze gegenüber: Entstehung alleine durch natürliche Ursachen (naturalistischer Ansatz) oder Entstehung im Wesentlichen durch kreative Tätigkeit (Schöpfungs-Ansatz). Und in Bezug auf die Entstehung der Lebewesen (oder auch der physikalischen Welt) geht es darum, welcher Ansatz besser durch Indizien aus der Naturwissenschaft gestützt wird. Es ist eine Karikatur, den Schöpfungsansatz irgendwie in einen naturalistischen Ansatz einbauen zu wollen.

Dabei muss auch klar sein: Es geht hier nicht um Wissenslücken, sondern um zutreffende Erklärungen: Diese beiden Dinge werden beim Einsatz des Lückenbüßerarguments oft durcheinandergebracht. Um es nochmals auf den Punkt zu bringen: Wissenslücken im Bereich der Natur werden durch Naturwissenschaft gefüllt und dadurch werden ggf. Indizien für einen Schöpfer gefunden.

Zu Kapitel 10 „Wie kann aus Adam und Eva die ganze Menschheit entstanden sein?“

Auch in diesem Kapitel passt die Überschrift kaum zum Inhalt. Denn die aufgeworfene Frage nach dem „Wie“ wird gar nicht behandelt. Dabei bietet das heutige genetische Wissen in Grundzügen durchaus Antworten auf diese Frage. Die Vielfalt innerhalb von Grundtypen[8] und entsprechend auch innerhalb der Menschheit kann auf der Basis bereits vorhandener Anlagen durchaus in wenigen Generationen ausgeprägt werden.[9] Diese Vielfalt muss nicht erst – wie im evolutionstheoretischen Rahmen – langwierig durch Darwin’sche Evolution (Mutation und deren zeitraubende Fixierung in der Population durch Selektion oder Gendrift) aufgebaut worden sein. In einem Schöpfungsrahmen gibt es hier kein grundsätzliches Problem bezüglich der Entstehung der Menschheit aus einem Paar bzw. der Noahfamilie.

Aber dies scheint den Autor von „Glauben lieben hoffen“ gar nicht zu interessieren, sondern er kommt stattdessen auf die biblische Sintflut zu sprechen. Geologische Befunde sprächen dagegen, dass die Menschheit von der Noahfamilie abstammt. Denn diese sprächen gegen eine weltweite Flut, ebenso wie physikalische Überlegungen. Hier gibt es – geowissenschaftliche Aspekte betreffend – tatsächlich schwerwiegende offene Fragen (zur Biologie s. o.). Der Autor kommt zu dem Schluss: „Wie auch immer: Weder Adam und Eva noch Noah und seine Familie sind historisch fassbare einzelne Menschen, auf die man die ganze Menschheit zurückführen könnte.“ Dieser Satz steht im Text hervorgehoben ohne jede Begründung. Irgendwann habe der Mensch festgestellt, dass er aus der „weitgehend unbewussten Einheit mit der Natur (und mit Gott) herausgefallen war und sich nun ‚jenseits von Eden‘ wiederfand“ (S. 35). Was soll hier „jenseits von Eden“ bedeuten, wenn es kein Eden und keinen Sündenfall gab? Dass der Mensch einerseits Geschöpf ist, andererseits Sünder geworden ist, der den Retter Jesus Christus braucht, geht völlig verloren. Die Aussage des Autors, dass die alten Geschichten, die nicht davon berichten, was wirklich geschehen ist, Hoffnung und Trost vermitteln sollen, ist hohl und hat keinerlei Fundierung. Der Autor meint, die Menschen hätten damals ihr „durch (Natur-)Katastrophen gefährdetes Dasein“ „reflektiert“. „Zugleich vergewisserten sie sich der Hoffnung, dass Gott sie durch alle Katastrophen hindurch bewahren und retten wird“ (S. 35). Reflexion und Selbstvergewisserung als Glaubensbasis? Wer soll hier was warum glauben? Was ist mit dem Anspruch der Heiligen Schrift, eine Offenbarung Gottes zu sein?

Wir können Jugendlichen, für die das Buch „glauben lieben hoffen“ gedacht ist, hier Besseres anbieten. Es gibt so viele Phänomene in der Natur, die förmlich nach einem Schöpfer schreien. Halten wir das den Jugendlichen vor Augen, damit sie das Schöpfersein Gottes ernst nehmen können und in ihrem Leben auch ganz real mit dem Wirken dieses Schöpfers rechnen.


[1] Hinweis auf https://www.wort-und-wissen.org/produkt/genesis-schoepfung-und-evolution/

[2] Er schreibt auf S. 37, dass jedes Schöpfungswerk sich auch ohne Gott als blindes Spiel von Zufall und Notwendigkeit begreifen lasse (s. u. im Text).

[3] https://www.wort-und-wissen.org/produkt/soe_klarer-fall/

[4] Das Buch ist laienfreundlich geschrieben. Die darin gemachten Aussagen sind durch aktuelle Fachliteratur belegt, was in einem ausführlichen Quellenteil am Schluss dokumentiert wird.

[5] https://www.wort-und-wissen.org/produkt/das-geplante-universum/

[6] Wolfgang Wickler: Der Schöpfer radikal ausgebootet. Bild der Wissenschaft 10/1987; Rezension des Buches „Der blinde Uhrmacher“ von Richard Dawkins.

[7] Aus biologischer Sicht: Das Design-Argument in der Biologie – ein Lückenbüßer? https://www.wort-und-wissen.org/wp-content/uploads/a19.pdf; in überarbeiteter Form auch im Sammelband „Schöpfung ohne Schöpfer?“ (https://www.wort-und-wissen.org/produkt/schoepfung-ohne-schoepfer/)

Aus theologischer Sicht:  Das Design-Argument und der Bastler-Lückenbüßer-Gott:

https://www.wort-und-wissen.org/wp-content/uploads/a07.pdf; in geringfügig überarbeiteter Form veröffentlicht auch im Sammelband „Genesis, Schöpfung und Evolution“ (https://www.wort-und-wissen.org/produkt/genesis-schoepfung-und-evolution/)

[8] Grundtypen sind Gruppen von biologischen Arten, die direkt oder indirekt miteinander kreuzbar sind. Dabei müssen die entstehenden Mischlinge nicht fortpflanzungsfähig sein, jedoch das Erbgut beider Elternarten ausprägen. Im Rahmen der biblischen Schöpfungslehre kann man Grundtypen als Abkömmlinge ursprünglich erschaffener Arten mit großem Variationspotential interpretieren.

[9] Wir wissen heute viel besser als noch vor ein paar Jahrzehnten, dass die Lebewesen ein enormes Potential an Variationsprogrammen besitzen. Zudem geht aus vielen Studien hervor, dass mit einem anfänglich großen Ausmaß an Mischerbigkeit und  anderen Formen präexistenter genetischer Vielfalt gerechnet werden kann. Näheres z. B. in: Crompton N (2019) Mendel’sche Artbildung und die Entstehung der Arten, Internetartikel, https://www.wort-und-wissen.org/wp-content/uploads/b-19-3_mendel.pdf

Warum die „Woke-Culture“ die Evangelikalen spaltet

Eine Zeitanalyse von Prof. Carl R. Trueman

Der Ruf und die Einheit der Evangelikalen haben erheblich gelitten, seit bekannt wurde, dass der Wahlerfolg von Donald Trump zu einem nicht unerheblichen Teil auch auf die Unterstützung vieler evangelikaler Christen zurückzuführen war. Was ist da nur schiefgelaufen? Und was hätten evangelikale Leiter anders machen müssen, um diesen Schaden zu vermeiden?

Ein verbreitetes Narrativ lautet: Die Evangelikalen hätten sich eben viel früher und vor allem sehr viel deutlicher von Trump distanzieren müssen. Die breite Unterstützung Trumps zeigt doch, wie verführbar und naiv ein Großteil der Evangelikalen sei. Aber stimmt diese Erzählung auch?

In einer aktuellen Analyse erzählt der bekannte Autor und Professor für Bibel- und Religionswissenschaften Carl R. Trueman eine sehr viel differenziertere Geschichte. „Das Scheitern der evangelikalen Eliten“ (so die Überschrift seines Artikels) besteht für ihn vor allem auch in einer akuten Fehleinschätzung der aktuellen kulturellen Entwicklungen. Zudem beklagt er die Bereitschaft evangelikaler Leiter, notfalls auch zentrale christliche Überzeugungen zu opfern und sich von Glaubensgeschwistern zu distanzieren, um von den gesellschaftlichen Eliten akzeptiert zu werden. Wie kommt Trueman zu dieser provozierenden These?

Trueman beginnt zunächst mit einer Beobachtung, die in der Kirchengeschichte immer wieder gemacht werden kann:

„Es gibt Zeiten in der Geschichte, in denen das Christentum seinen Platz in der Gesellschaft bedroht sieht. Wenn es sich an den Rand gedrängt sieht, entstehen zwei Versuchungen. Die erste ist ein wütendes Anspruchsdenken, ein Impuls, die ganze Welt anzuprangern und sich in die kulturelle Isolation zurückzuziehen. Im frühen 20. Jahrhundert bot der amerikanische Fundamentalismus ein gutes Beispiel für diese Tendenz … Die zweite Tendenz ist subtiler und verführerischer. Während sie den Anschein erweckt, für die Wahrheit zu kämpfen, passt sie das Christentum dem Zeitgeist an. Wenn fundamentalistisches Fäusteballen die Versuchung der weniger gebildeten Masse ist, dann übt Anpassung auf die einen Reiz aus, die einen Platz am Tisch der gesellschaftlichen Elite suchen. Und diese Elite-Aspiranten geben oft den Massen die Schuld, wenn ihre Einladung an den hohen Tisch nicht zustande kommt. In den letzten Jahren hat Amerika viele Beispiele für beide Tendenzen erlebt. Wir haben die Wut der Evangelikalen erlebt, die glauben, dass ihnen das Land gestohlen wird, und wir haben die herablassende Haltung derer gesehen, die ihre weniger weltgewandten Glaubensbrüder für die Misere der Kirche und der Nation verantwortlich machen. Das Buch Prediger erinnert uns daran, dass es nichts Neues unter der Sonne gibt.“

Also alles schon mal dagewesen? Um diese These zu belegen, wirft Trueman einen Blick zurück auf einen bekannten deutschen Theologen:

„Friedrich Schleiermacher wird nachvollziehbar als der Vater der modernen Theologie bezeichnet, was in Wirklichkeit die moderne liberale protestantische Theologie meint. Liberale Protestanten leisteten Pionierarbeit mit der Taktik, Kritiker als “anti-modern” zu bezeichnen, anstatt auf ihre Argumente einzugehen. … Als Schleiermacher ein junger Mann war, beherrschte ein älterer, konfessioneller Protestantismus noch die institutionalisierte Kultur in seinem Heimatland Deutschland. Aber schon damals befand sich die Gesellschaft im Umbruch, und das Christentum verlor unter den Eliten an Boden. … Die Theologie, einst die Königin der Wissenschaften und die Krone der universitären Ausbildung, wurde durch das Denken der Aufklärung grundlegend in Frage gestellt. Der Empirismus von Denkern wie David Hume stellte die traditionellen Beweise für die Existenz Gottes und die Glaubwürdigkeit von Wundern in Frage. Beeinflusst von Hume, schloss Immanuel Kant jede Möglichkeit aus, transzendente Wirklichkeiten zu erkennen. Die kant‘sche Philosophie, die rasch die deutsche intellektuelle Welt beherrschte, machte es in der Folge unmöglich, den klassischen christlichen Theismus aufrechtzuerhalten. … Zur gleichen Zeit stellte die Romantik das Gefühl in den Mittelpunkt des Menschseins. Auch dies stand im Gegensatz zu den überlieferten Formen des Christentums mit ihren Dogmen und systematischen Theologien voller klarer Argumente und feiner Unterscheidungen. … In diesem Kontext verfasste Schleiermacher sein brillantes Werk „Über die Religion: Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern“. Er bestritt nicht Kants strikte Ablehnung der Metaphysik, die besagt, dass wir die Offenbarung Gottes nicht kennen können, und damit bestritt er die Gültigkeit christlicher Dogmatik. … Gott, so betonte Schleiermacher, ist kein Postulat. Er ist vielmehr das Objekt unserer intensivsten Gefühle. Religion ist also eine Sache der Gefühle, nicht der Vernunft. … Aufschlussreich ist jedoch nicht so sehr Schleiermachers Argumentation als vielmehr seine Strategie. Anstatt die christliche Orthodoxie zu verteidigen, räumt er das Terrain, das die kultivierten Verächter der Religion beanspruchen. Er definiert das Christentum neu, um es mit den Annahmen seiner Kritiker in Einklang zu bringen. … Indem er den dogmatischen Glauben früherer Generationen in eine Religion der Gefühle und Intuitionen verwandelte, konstruierte er die christlichen Lehren als Ausdruck religiöser Gefühle und nicht als Aussagen über die objektive Wahrheit.“

Trueman sieht in der Geschichte Schleiermachers mehrere Parallelen zur Gegenwart. Die erste Parallele ist, dass das Christentum sich heute ebenso in der Defensive befindet wie damals:

„Schleiermacher ist längst tot, ebenso wie das Publikum der Aufklärung, das er ansprechen wollte. Aber das Problem des Christentums und seiner kultivierten Verächter ist nicht verschwunden. Es ist in den letzten Jahrzehnten immer deutlicher hervorgetreten. Die mächtigen Kräfte des Säkularismus, des metaphysischen Materialismus und des Szientismus haben neben anderen Faktoren die Religion aus ihren früheren Einflussbereichen vertrieben. Man braucht nur darauf hinzuweisen, dass fast alle privaten Universitäten in den Vereinigten Staaten von religiösen Gruppen gegründet wurden und lange Zeit in einer religiösen Tradition verankert waren, um dann in den letzten beiden Generationen säkular zu werden.“

Die zweite Parallele, die Trueman zwischen Schleiermacher und der Gegenwart zieht, ist der Reflex christlicher Leiter, das Christentum so umzuformen, dass es gesellschaftsfähig bleiben kann: „Als Reaktion auf diesen Druck hat das Christentum wieder einmal diejenigen hervorgebracht, die versuchen, seine Verächter davon zu überzeugen, dass der Glaube nicht schädlich ist für die feine Gesellschaft.“ Trueman belegt dies zunächst anhand einer Schilderung aus den 1990er Jahren, als führende Köpfe der evangelikalen Bewegung (namentlich nennt er die Historiker Mark Noll und George Marsden) in den USA versuchten, mit der Unterstützung der Zeitschrift Christianity Today „ein Christentum zu zeichnen, das die Exzesse des Fundamentalismus vermeidet und gleichzeitig das orthodoxe Christentum verteidigt.“ Die Kernthese war, „dass der amerikanische Evangelikalismus gelähmt war durch sein Engagement für unhaltbare Positionen, denen es an intellektueller Glaubwürdigkeit mangelte. Dadurch zog sie die Verachtung gebildeter Menschen außerhalb der Kirche auf sich. Schlimmer noch, der Mangel an intellektuellen Standards machte nachdenklichen Menschen innerhalb der Kirche das Leben schwer.“ Konkret ging es um Überzeugungen des Dispensationalismus und der buchstäblichen Sechs-Tage-Schöpfung, die „weder vor den Regeln der Vernunft gerechtfertigt werden könnten noch für einen streng orthodoxen christlichen Glauben notwendig seien.“

Trueman kommentiert: „Anders als Schleiermacher sind Noll und Marsden darauf bedacht, vollmundige Bekenntnisse zum orthodoxen christlichen Glauben aufrechtzuerhalten. Und anders als bei Schleiermacher finde ich ihre Argumente überzeugend. Der Glaube an den heilbringenden Tod und die leibliche Auferstehung Jesu Christi untergräbt in keiner Weise die intellektuelle Redlichkeit. … Es kann jedoch kein Zweifel daran bestehen, dass die außerordentlich positive Aufnahme der Ideen von Noll und Marsden darauf zurückzuführen ist, dass die an den Universitäten ausgebildeten Evangelikalen in den 1990er Jahren aufgewühlt waren und sich nach Beruhigung sehnten. Die Universitäten, die sie besuchten, sagten ihnen zunehmend, dass ihr Glaube disqualifizierend sei. Noll und Marsden argumentierten anders und zeigten, dass ein gläubiger Mensch, der Selbstkritik übt und unhaltbare Überzeugungen verwirft, voll am modernen intellektuellen Leben teilnehmen kann.“

Die Thesen von Noll und Marsden schienen anfangs gute Früchte zu tragen. Ihre Doktoranden erhielten Stellen an Hochschulen und Universitäten. Als Musterbeispiel diente viele Jahre der von Obama eingesetzte evangelikal geprägte Leiter des Nationalen Gesundheitsinstituts Francis Collins. Gerade an seinem Beispiel macht Trueman jedoch deutlich, wie schwer es offenkundig ist, als evangelikaler Christ in solche Positionen aufzusteigen, ohne seine christlichen Werte zu kompromittieren. Collins ist dies offenbar nicht gelungen. Und Trueman stellt fest, dass es heutzutage kaum noch möglich ist, konfliktfrei an wichtigen christlichen Überzeugungen innerhalb der intellektuellen Eliten festzuhalten:

„Obwohl Marsden und Noll ihre Argumente vor weniger als dreißig Jahren vorbrachten, fällt mir auf, dass ihre Argumente aus einer längst vergangenen Zeit stammen. Die Vorstellung, dass eine Person, die sich zu Ehrlichkeit und Integrität in der Wissenschaft bekennt, Mitglied der heutigen Universitäten und anderer führender Institutionen werden kann, ist rückblickend betrachtet naiv. … Letztes Jahr habe ich am Grove City College einen Kurs über historische Methoden gehalten. Einer unserer Texte war Marsdens ‘The Outrageous Idea of Christian Scholarship’. Die Reaktion der Studenten auf das Buch war beeindruckend. Obwohl sie Marsden für einen nachdenklichen und engagierten Autor hielten, waren sie der Meinung, dass sein Argument – dass Christen einen Platz am Tisch der akademischen Welt finden könnten, wenn sie gute Gelehrte seien und ihre Kollegen mit Respekt behandelten – im heutigen Kontext nicht überzeugend ist. Kein Student glaubt heute, dass ein Professor einer Forschungsuniversität, der höflich und respektvoll zu einem schwulen Kollegen ist, auch seine Einwände gegen die Homo-Ehe äußern darf. So funktioniert das System nicht mehr.“

Aber warum ist das so? Trueman legt dar, dass die führenden Evangelikalen in ihrem Versuch, das Christentum in den intellektuellen Eliten gesellschaftsfähig zu machen, einen entscheidenden Punkt übersehen haben, der in den letzten 30 Jahren immer deutlicher zutage getreten ist:

„Das Hochschulwesen ist heute weitgehend das Land der „Woken“. Man mag ein brillanter Biochemiker sein oder ein profundes Wissen über die minoische Zivilisation haben, aber jedes Abweichen von der kulturellen Orthodoxie in Bezug auf Rasse, Sexualität oder sogar bei anderen Begriffen wird sich bei Einstellungs- und Bleibeverhandlungen als wichtiger erweisen als Fragen nach der wissenschaftlichen Kompetenz und sorgfältiger Forschung. … Meine Studenten können die Realität sehr genau einschätzen. Die kultivierten Verächter des Christentums von heute halten dessen Lehren nicht für intellektuell unplausibel, sondern für moralisch verwerflich. Und das war schon immer zumindest teilweise der Fall. Das war der Punkt, den Noll und Marsden übersehen haben – auch wenn er in den neunziger Jahren am Wheaton College oder an der Universität von Notre Dame vielleicht nicht so offensichtlich war wie heute fast überall im Hochschulbereich.”

Damit ist Trueman beim Kern seiner These angelangt: Das Christentum ist mit zentralen Denkweisen der vorherrschenden Kultur schlicht unvereinbar! Trueman führt dazu aus:

„Das Problem mit dem Ansatz von Noll und Marsden … besteht darin, dass die moderne intellektuelle Kultur nie interessiert war an einer moralisch neutralen Praxis der Weiterentwicklung der Regeln der intellektuellen Forschung und Debatte. … Die Aufklärung rebellierte nicht nur gegen die alten Vorstellungen über das Wissen, sondern auch gegen die moralischen Lehren des Christentums. Der Mainstream des modernen Denkens hat die Lehren von der Sündhaftigkeit des Menschen und der Sühne Christi als unvereinbar mit der menschlichen Autonomie und Freiheit angesehen. Dieser moralische und politische Einwand gegen das Christentum ist das beherrschende Motiv der heutigen kultivierten Verächter. … Unsere postmoderne Welt sieht alle Wahrheitsansprüche als Machtansprüche, alle unverrückbaren Denkkategorien als manipulativ an – und die Aufgabe der akademischen Welt ist es, die Studenten dazu zu erziehen. … Wer sich der kritischen Rassentheorie oder der Gender-Theorie widersetzt, nimmt eine moralische Position ein, die von den Wichtigtuern der Kultur von vornherein als unmoralisch angesehen wird. Die kleinste Andeutung von Opposition disqualifiziert einen von der Aufnahme in die feine Gesellschaft.“

Es ist also primär die wachsende Ablehnung zentraler christlicher Lehren durch die heutige Kultur, die das Christentum zunehmend zum Außenseiter macht. Das hat laut Trueman aber nichts daran geändert, dass führende Evangelikale weiterhin versuchen, das Christentum gesellschaftsfähig zu machen: „In christlichen Kreisen, insbesondere in den Leitungsebenen und den damit verbundenen Institutionen, ist der Wunsch, die kultivierten Verächter der Religion zu besänftigen, zu einer mächtigen Kraft geworden. … Das bedeutet nicht mehr nur, dass man sich an die Regeln des akademischen Diskurses hält, wie es Noll und Marsden wohlüberlegt getan haben. Es bedeutet, die woke Empörung zu teilen. Und es bedeutet, wo immer möglich, die Schuld für das Versagen des Christentums, elitären Standards zu genügen, anderen Christen zuzuschieben, typischerweise denen, die politisch rechts von den “guten Christen” stehen und die wirtschaftlich und gesellschaftlich unter ihnen stehen. Leider hat das schleiermacher‘sche Bestreben, die kultivierten Verächter zu beschwichtigen, die … Tendenz verstärkt, die “fundamentalistischen” Massen zu verhöhnen. Die Spaltung in der amerikanischen Gesellschaft zwischen den gebildeten Menschen, die relevant sind, und den “ungebildeten” Menschen, die nicht relevant sind, zeigt sich genau dort, wo sie niemals zu finden sein sollte: in der Gemeinschaft der christlichen Gläubigen. In diesem Zusammenhang war die militante Unterstützung der evangelikalen Basis für das Phänomen Trump paradoxerweise ein Geschenk an die evangelikalen Eliten. Für die evangelikalen Führer war es nur zu einfach, das simplifizierte progressive Narrativ zu übernehmen: Jeder einzelne Trump-Wähler ist ein ignoranter Fanatiker und, wenn er sich zum Christentum bekennt, auch ein Heuchler. Der Gedanke, dass nicht alle, die für Trump gestimmt haben, dies mit Begeisterung taten, hatte keinen Platz in der Interpretation der säkularen Elite von 2016; und er passte auch nicht in das therapeutische Narrativ, das von vielen Anti-Trump-Christen übernommen wurde. Zuzugeben, dass Trumps Sieg kein Produkt des weißen christlichen Nationalismus oder eines ähnlich simplen Konstrukts war, hätte ein schmerzhaftes Maß an Gewissensprüfung und Selbstkritik seitens der leitenden Schichten der Gesellschaft im Allgemeinen und des Christentums im Besonderen erfordert. Und das machte die beiden extremen Lager, Trump und Anti-Trump, ähnlich in ihrer moralischen Klarheit, mit der jedes glaubte, seine Gegner zu verstehen.“

Die Präsidentschaft von Donald Trump ist (vorerst?) Geschichte. Aber heißt das, dass die Lage sich jetzt wieder beruhigen und die gespaltene Christenheit wieder aufeinander zugehen kann? Trueman ist skeptisch:

„Nach Trump hat sich die politische Landschaft verschoben, aber das Spiel ist das gleiche. … Es ist daher nicht überraschend, dass die Mitglieder des christlichen Establishments in Fragen der Rasse so viel Empörung äußern. Dieses Thema bietet den christlichen Leitern die perfekte Gelegenheit, sich (ausnahmsweise) auf die “gute” Seite einer moralischen Debatte zu stellen, die in der breiteren Gesellschaft für Aufruhr sorgt, und sich damit auf die Seite der kultivierten Verächter zu stellen. Außerdem kann die ältere Generation der jungen Generation versichern, dass die Kirche kein Hort reaktionärer Fanatiker ist, wie ihre säkularen Altersgenossen glauben machen wollen. …  Dennoch agieren führende antirassistische Christen innerhalb der von den kulturellen Progressiven gesetzten Parameter. Polizeieinsätze im Jahr 2018 waren für den Tod von weniger als dreihundert Afroamerikanern verantwortlich, während im selben Jahr mehr als 117.000 afroamerikanische Babys abgetrieben wurden. Man sollte meinen, dass dieser extreme Unterschied (390 zu eins) die Abtreibung in den Mittelpunkt der christlichen Rassismuskritik rücken würde. Doch in den unzähligen Meinungsbeiträgen und Blogposts über George Floyd und die kritische Rassentheorie, die im Jahr 2020 die christlichen Internetseiten des Establishments beherrschten, wurde das Thema Abtreibung erstaunlich selten erwähnt. Das ist nicht überraschend: Die Verurteilung der Abtreibung wäre nicht nach dem Geschmack der kultivierten Verächter gewesen. Lassen Sie es mich unverblümt sagen: Mit empörter Stimme über Rassismus innerhalb der von der “Woke Culture” gesetzten Grenzen zu sprechen, ist ein ausgezeichneter Weg, um nicht über die dringenden moralischen Fragen zu sprechen, bei denen sich Christentum und Kultur gegenüberstehen: LGBTQ+-Rechte und Abtreibung. … Die christlichen Eliten versuchen, die säkulare Welt davon zu überzeugen, dass sie gar nicht so schlecht sind – nicht mehr im Sinne der aufklärerischen Vorstellungen von Vernunft, sondern im Sinne der durcheinandergeratenen moralischen Voreingenommenheiten unserer Zeit.“

Aber wird diese Strategie wirklich dazu führen, dass das Christentum gesellschaftliche Anerkennung findet? Trueman weist darauf hin, dass auch das weitreichende Entgegenkommen Friedrich Schleiermachers letztlich nur wenig dazu beigetragen hat, „die kulturelle Verachtung des Christentums durch die Elite zu mildern“. Deshalb rät Trueman evangelikalen Leitern dringend, zu einem biblischen Realismus zurückzukehren:

„Christen sollten nicht erwarten, von der Welt warmherzig umarmt zu werden. Sie sollten nicht einmal erwarten, toleriert zu werden. In Johannes 15 sagt Christus zu seinen Jüngern:

Wenn die Welt euch hasst, dann wisst, dass sie mich gehasst hat, bevor sie euch gehasst hat. Wenn ihr von der Welt wärt, würde die Welt euch lieben wie ihre eigenen Leute; weil ihr aber nicht von der Welt seid, sondern ich euch aus der Welt erwählt habe, darum hasst euch die Welt.

Auf die Worte Jesu zu hören, ist keine Entschuldigung für schlampige Forschung und auch keine Entschuldigung für Gleichgültigkeit gegenüber Ungerechtigkeit und Bösem. Es ist auch keine Rechtfertigung dafür, diejenigen, mit denen wir nicht einverstanden sind, mit Verachtung zu behandeln. Christen, die sich verachtenswert verhalten, sollten sich nicht beschweren, wenn sie verachtet werden. Aber die Warnung Jesu erinnert uns auf jeden Fall daran, dass wir unseren kulturellen Verächtern nicht glauben müssen; noch weniger sollten wir uns auf ihre Seite gegen diejenigen stellen, die tatsächlich unseren Glauben teilen. Das Christentum sagt der Welt, was sie nicht hören will. Wir sollten nicht erwarten, von denen umarmt zu werden, deren Gedanken und Taten den Wahrheiten unseres Glaubens widersprechen. Wir sollten auch nicht versuchen, unseren Glauben schmackhafter zu machen, sonst verliert das Salz seinen Geschmack. Sich den Forderungen der Welt anzupassen ist ein Irrweg, wie jeder wissen sollte, der Schleiermacher liest.“

Trueman beschreibt in seinem Artikel natürlich die Situation in den USA. Unabhängig davon, inwieweit man Trueman zustimmen möchte, stellt sich die Frage: Inwieweit lässt sich die dortige Situation auf den deutschsprachigen Raum übertragen? Denn ohne Zweifel ist die Situation nicht identisch. Die „Woke-Culture“ ist bei uns (noch?) nicht ganz so prägend wie in den USA. Trotzdem fielen mir beim Lesen des Artikels eine ganze Reihe von Äußerungen christlicher Leiter und Influencer ein, die recht nahtlos in das Bild passen, das Trueman zeichnet. Während die christliche Kritik bei Themen wie Abtreibung oder Sterbehilfe immer leiser zu werden scheint, wird das Werben zur Übernahme „woker“ Positionen in das Christentum im gleichen Maße lauter wie die immer pauschaleren Distanzierungen von den angeblich für das Christentum so schädlichen „Fundamentalisten“. Und immer häufiger wird behauptet, dass man mit dieser „Modernisierung“ des Christentums doch nur das Christentum retten und gerade auch die Gebildeten mit dem Glauben versöhnen wolle. Sind bei uns also ganz ähnliche Dynamiken im Gange? Jedenfalls meine ich: In allen Diskussionen zu den Ursachen wachsender Gräben innerhalb der christlichen Landschaft sollte die Stimme Truemans unbedingt aufmerksam gehört werden. Und gerade auch freikirchliche Christen sollten sich die Frage stellen: Wollen wir wirklich der evangelischen Kirche folgen und den Weg Schleiermachers gehen?


Der Artikel „The Failure of Evangelical Elites“ von Carl R. Trueman ist in der November 2021 Ausgabe der Zeitschrift FirstThings erschienen: https://www.firstthings.com/article/2021/11/the-failure-of-evangelical-elites

Eine vollständige Übersetzung des kompletten Artikels findet sich im Blog Glauben und Denken unter: www.glaubend.de/das-scheitern-der-evangelikalen-eliten/

Übersetzung und Veröffentlichung erfolgte mit freundlicher Genehmigung von FirstThings.

 

nonbiblipedia

Das biblische Bibelverständnis

Die Inhalte dieses Artikels werden auch in der Podcastfolge “#6 Das biblische Bibelverständnis” besprochen.

Es ist normal, dass verschiedene Christen verschiedene Texte der Bibel unterschiedlich auslegen. Ein grundsätzlicheres Problem besteht jedoch, wenn verschiedene Christen grundverschiedene Bibelverständnisse haben. Denn dann werden sie zwangsläufig regelmäßig zu teils sehr verschiedenen Auslegungen kommen, die sämtliche Bereiche des Glaubens betreffen können. Das kann zu tiefen Gräben zwischen Christen führen.[1]

Umso wichtiger ist die Frage: Worauf begründen wir unser Bibelverständnis? Können Christen sich denn einfach frei aussuchen, welches Bibelverständnis ihnen am meisten einleuchtet? Eigentlich nicht. Denn Christen folgen ja Christus nach. Sein Leben und seine Lehre sollte für Christusnachfolger maßgebend sein. Deshalb ist für Christen die folgende Frage von großer Bedeutung: Welches Bibelverständnis hatte denn eigentlich Jesus? Und welches Bibelverständnis hatten die übrigen Autoren der Bibel? Anders gefragt: Wie will die Bibel eigentlich selbst gelesen und verstanden werden? Was ist denn das biblische Bibelverständnis?

Ein steiler Anspruch: Achtung, hier spricht Gott selbst!

Dazu sagt Prof. Gerhard Maier in seinem Vortrag “Der Offenbarungscharakter der Schrift” für die Mediathek offen.bar: “„Und Gott sprach“ ist der Grundton der biblischen Erfahrung. Keiner der biblischen Propheten beginnt seine Botschaft mit der Aussage: „Ich habe mit Gott folgende Erfahrungen gemacht.“ Oder ähnlichem. Nein, von Jesaja bis zur Johannes-Offenbarung beginnen Sie mit dem Hinweis: Der Herr redet. Das Wort des Herrn geschah. Er offenbart. Dies ist die Offenbarung Jesu Christi.” Dieser Anspruch, authentisches Reden des lebendigen Gottes zu vermitteln, beginnt schon bei Mose. Mose hat sich selbst als Prophet bezeichnet (5. Mose 18,15). Gleich an 17 Stellen werden im 3. Buch Mose lange Textabschnitte eingeleitet mit der folgenden Wendung: „Der Herr sprach mit Mose und forderte ihn auf mit den Israeliten zu reden und ihnen auszurichten: …“ [2] Mose will also immer wieder deutlich machen: Hier spricht nicht nur Mose. Hier spricht Gott selbst! Deshalb darf von seinen Worten nichts hinzugefügt und nichts weggelassen werden (5. Mose 13,1). Dazu stellt Mose harte Kriterien für echte Prophetie auf: Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie Vorhersagen machen, die tatsächlich eintreffen (5. Mose 18,22). Wer sich hingegen anmaßt, im Namen Gottes eine Botschaft zu verkünden, die Gott ihm gar nicht aufgetragen hat, macht sich des Todes schuldig (5. Mose 18,20). Die Aussage von Mose und den übrigen Propheten ist also überdeutlich: Sie wollen gerade nicht nur ein menschliches Zeugnis sondern im echten Sinn Wort Gottes weitergeben.

Umso mehr stellt sich die Frage: Ist das tatsächlich der durchgängige Selbstanspruch der Bibel? Haben andere biblische Autoren diesen extrem hohen Selbstanspruch bestätigt oder eher relativiert und in Frage gestellt?

Diese Frage ist für Protestanten auch deshalb so wichtig, weil die Reformatoren in Bezug auf die Bibel das Prinzip betont hatten: Sola Scriptura! Die Bibel muss das letzte Wort haben! Und deshalb muss die Bibel sich auch selbst auslegen. Nur dann können wir davon sprechen, dass die Bibel die „höchste Autorität in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung“ ist, wie es die evangelische Allianz in ihrer Glaubensbasis bekennt. Und nur dann sind wir auch ein wenig besser geschützt davor, dass wir uns die Bibel so zurechtbiegen, wie wir sie haben möchten.

Wenn wir uns auf die Suche nach dem biblischen Bibelverständnis machen, dann sind zwangsläufig zwei Fragen von zentraler Bedeutung. Die erste Frage lautet:

Welches Verständnis hatten die Autoren des Neuen Testaments von den Schriften des Alten Testaments?

Wenn man das Neue Testament mit der Frage liest, welche Sicht diese Autoren auf das Alte Testament hatten, dann fällt zunächst einmal eines besonders auf:

Das Neue Testament wurzelt zutiefst im Alten Testament

Das Neue Testament ist voller Zitate und Anspielungen auf das Alte Testament. Der Theologe Roger Nicole schrieb in seinem Artikel über den neutestamentlichen Gebrauch des Alten Testaments: Unter Berücksichtigung aller Anspielungen und freier Zitate bestehen etwa 9 % des Neuen Testaments aus Zitaten oder direkten Anspielungen auf das Alte Testament! Schon dieser Befund macht deutlich: Die Schriften des Alten Testaments haben für die Autoren des Neuen Testaments eine enorm große Rolle gespielt. Diese Schriften waren für sie ganz offenkundig extrem wertvoll.

Dieser Umstand ist alles andere als selbstverständlich. Die Apostel hätten ja auch sagen können: Die heiligen Schriften der Juden betreffen halt den alten, den mosaischen Bund. Aber Jesus hat uns etwas Neues gelehrt und wir haben jetzt etwas Neues gestartet! Deshalb sind die Texte zum alten Bund doch ein wenig überholt und nur noch mit Vorsicht zu genießen… Tatsächlich gab es schon früh in der Kirchengeschichte einen einflussreichen Irrlehrer namens Marcion, der meinte: Für Christen ist das Alte Testament nicht mehr bindend. Und auch heute kann man viele Stimmen hören, die meinen: Für uns gilt im Wesentlichen nur noch das Neue Testament – und da vor allem die Lehre und das Vorbild von Jesus. Diese Vorstellung steht jedoch im direkten Widerspruch zum Umgang der Apostel mit dem Alten Testament und zu Jesus selbst, der immer und immer wieder aus den Schriften des Alten Testaments zitiert hat.

Trotzdem stellt sich die Frage: In welcher Form waren die Schriften des Alten Testaments für die Autoren des Neuen Testaments von Bedeutung? Um das herauszufinden habe ich mir mit der Unterstützung eines guten Freunds die Mühe gemacht, mehr als 200 alttestamentliche Zitate im Neuen Testament durchzuschauen. Dabei hat uns insbesondere die Frage interessiert: Wie wird denn da über diese alttestamentlichen Stellen gesprochen und gedacht? Als erstes fällt auf:

Dem Alten Testament wird immer uneingeschränkte Autorität beigemessen

Wenn die neutestamentlichen Autoren etwas aus dem Alten Testament zitieren, dann ist das immer normativ, das heißt: Dann gilt das. Dann ist das somit bewiesen. Wendungen wie „Es steht geschrieben“ oder „Die Schrift sagt“ oder „Der Prophet sagt“ oder „Im Gesetz heißt es“ sind immer Autoritätsformeln, bei denen davon ausgegangen wird: Somit ist das eindeutig wahr!

Jesus hat in seinen Diskussionen zudem immer wieder die Formel benutzt: „Habt ihr nicht gelesen?“ (z.B. Mt.12,3+5) Damit sagte er: Wenn ihr aufmerksam hingeschaut hättet, was in den Heiligen Schriften steht, dann könntet ihr euch eure Frage selbst beantworten. Als der Teufel ihn mit Bibelstellen verführen wollte, ist Jesus ihm nicht mit Gegenargumenten sondern mit anderen Schriftstellen entgegengetreten. Ein derartiges Argumentieren auf Basis eines Schriftbeweises funktioniert natürlich nur, wenn das Prinzip gilt: Die Aussagen der Heiligen Schrift sind absolut gültig.

Oft wird an dieser Stelle eingewandt: Jesus hat doch manchmal auch aus dem Alten Testament zitiert und dann gesagt: „Ich aber sage euch…“ (z.B. Mt.5,22,32,34,39,44) Hat Jesus also doch dem Alten Testament widersprochen? Wer diese Passagen genauer prüft, merkt schnell: Jesus hat die Gebote des Alten Testaments nicht aufgehoben. Er hat sie entweder sogar verschärft oder aber den tieferen Sinn deutlich gemacht. Dazu sagte Jesus in Matth. 5,17, dass er eben nicht gekommen ist, um die Schrift aufzulösen, sondern um sie zu erfüllen. In Vers 18 ergänzt er: „Ich versichere euch: „Solange der Himmel und die Erde bestehen, wird selbst die kleinste Einzelheit von Gottes Gesetz gültig bleiben, so lange, bis ihr Zweck erfüllt ist.“ Damit wird klar: Jesus hat sich vollständig und komplett hinter die Autorität des Alten Testaments gestellt. Das gleiche gilt für Paulus. In Apostelgeschichte 24 muss Paulus sich vor dem Statthalter Felix verteidigen. In Vers 14 sagt er: „Ich bete daher den Gott unserer Vorfahren an, indem ich an alles glaube, was im jüdischen Gesetz und in den prophetischen Büchern steht.“ Auch Paulus hat sich somit rückhaltlos hinter die Texte des Alten Testaments gestellt.

Wenn die Schrift etwas sagt, spricht Gott!

Etwa ein Viertel der AT-Zitate im Neuen Testament werden gar nicht eingeleitet mit der Wendung „Die Schrift sagt“ oder „Es steht geschrieben“, sondern mit Formulierungen wie diesen: „Gott sagt.“ „Der Heilige Geist sagt.“ Oder an einer Stelle sogar: „Christus sagt.“ Wenn man diese Stellen im Alten Testament nachliest, dann findet man da tatsächlich oft Stellen, in denen berichtet wird, dass Gott etwas gesprochen hat, zum Beispiel in den prophetischen Aussprüchen oder in den 10 Geboten. Aber immer wieder kommt es auch vor, dass diese Wendung „Gott sagt“ angewendet wird auf ganz normale Textpassagen des Alten Testaments, die gar keine speziellen Aussprüche Gottes sind. So heißt es zum Beispiel im Gebet der Gemeinde in Apostelgeschichte 4,25: „Du (Gott) hast durch den Mund unseres Vaters David, deines Knechtes, durch den Heiligen Geist gesagt: »Warum toben die Heiden, und die Völker nehmen sich vor, was vergeblich ist?“ Die Gemeinde zitiert hier aus Psalm 2,1. Wenn man diese Passage liest, kommt man jedoch überhaupt nicht auf die Idee, dass dieser Satz ein spezieller Gottesausspruch ist. Der Satz liest sich vielmehr wie ein ganz normaler Psalmtext. Trotzdem ist die Gemeinde überzeugt: Hier spricht Gott selbst.

Bei Jesus finden wir das gleiche Prinzip. In Matthäus 19, 5 sagt er: „»Wisst ihr nicht, dass der Schöpfer von Anfang an die Menschen als Mann und Frau geschaffen hat?« Weiter sagte er [also der Schöpfer!]: »Deshalb verlässt ein Mann Vater und Mutter und verbindet sich mit seiner Frau. Jesus zitiert hier aus 1. Mose 2, 24. Auch dieser Text ist im Original nicht etwa als ein Ausspruch Gottes gekennzeichnet sondern er liest sich wie ein ganz normaler Textbaustein des Autors dieser Schöpfungsgeschichte. Trotzdem sagt Jesus: Hier spricht der Schöpfer. Hier spricht Gott selbst.

Besonders spannend ist ein Zitat in 1. Korinther 9, 9, in dem Paulus zunächst folgendes schreibt: „Im Gesetz des Mose steht nämlich: »Du sollst einem Ochsen beim Dreschen nicht das Maul zubinden.« Paulus leitet sein Zitat aus 5. Mose 25,4 also mit den Worten ein: „Im Gesetz des Mose steht…“ Damit macht er deutlich: Dieses Gesetz stammt von einem Menschen, genauer gesagt von Mose. Aber dann fährt Paulus wie folgt fort: „Geht es Gott dabei etwa um die Ochsen? Oder sagte er das nicht vielmehr wegen uns?“ Plötzlich sagt Paulus also: Es ist Gott selbst, der hier spricht! Paulus kann zu diesem Text also beides sagen! Er sagt einerseits: So steht es im Gesetz des Mose. Und er sagt zum gleichen Text: „Gott sagt.“ Das war für ihn ganz offenkundig letztlich dasselbe. Wenn etwas im Gesetz, in der Tora, in den 5 Büchern Mose steht, dann schreibt da aus der Sicht von Paulus einerseits Mose. Und zugleich spricht da Gott. Für Paulus war dieser Text also beides zugleich: Das Wort eines Menschen. Aber zugleich auch Wort Gottes.

In den Schriften reden Menschen getrieben vom Heiligen Geist

In 2. Petrus 1, 20+21 schreibt Petrus: Ihr sollt vor allem eines wissen: Kein prophetisches Wort aus der Heiligen Schrift lässt eine eigenmächtige Deutung zu. Denn keines dieser Worte wurde jemals verkündet, weil ein Mensch es so gewollt hätte. Vielmehr waren Menschen vom Geist Gottes ergriffen und haben in seinem Auftrag geredet. Petrus sagt also: Da reden Menschen, die ihren Stil, ihre Situation, ihre Perspektive einbringen. Aber sie sind dabei getrieben und ganz geprägt vom Heiligen Geist. Ganz deutlich wird dieses Prinzip auch in Markus 12, 36, als Jesus einen Psalmtext zitiert und dieses Zitat einleitet mit den Worten: „David selbst hat im Heiligen Geist gesagt:“ Auch hier bestätigt Jesus: David sagt etwas. Aber er tut es geleitet vom Heiligen Geist.

Paulus beschreibt dieses Prinzip ganz direkt in seiner berühmten Passage in 2. Timotheus 3, 16: „Die ganze Schrift ist von Gott eingegeben.“ Wörtlich steht hier: „theopneustos“, also gottgehaucht, geistdurchhaucht. Die Basisbibel übersetzt diesen Satz wie folgt: „Und auch dazu ist jede Schrift nützlich, die sich dem Wirken von Gottes Geist verdankt.“ Auch hier wird das gleiche Prinzip sichtbar: Die Schriften sind zwar von Menschen geschrieben. Aber sie sind zugleich Ausdruck des Wirkens des Heiligen Geistes.

Insgesamt wird damit verständlich, warum der Theologe Prof. Gerhard Maier in seinem Buch “Biblische Hermeneutik” geschrieben hat: „Im Neuen Testament wird das gesamte damalige ‚Alte Testament‘ … als von Gott eingegeben aufgefasst.“ (S. 83) Das heißt: Die alttestamentlichen Bücher gelten insgesamt als Gottes Wort, nicht nur ein paar göttliche Zitate darin. Weiter schreibt Gerhard Maier: Für die Autoren des Neuen Testaments waren „die beiden Wendungen ‚Die Schrift sagt‘ und ‚Gott sagt‘ untereinander austauschbar.“ (S. 150) Für sie war also klar: Wenn die Schrift etwas sagt, dann spricht Gott selbst.

“Die Schrift” spricht! Sie wird somit als Einheit angesehen!

Diese Austauschbarkeit galt auch in die umgekehrte Richtung: Die immer wieder auftauchenden Wendung “Die Schrift sagt” zeigt zum einen: Die heiligen Schriften wurden als eine Einheit und nicht etwa als eine Vielzahl sich widersprechender Stimmen betrachtet. Wenn Christen heute darüber sprechen, dass “die Bibel” etwas sagt, dann sind sie damit in bester biblischer Tradition. An manchen Stellen wirkt “die Schrift” in der Bibel beinahe so, als wäre sie eine Person: “Die Schrift aber, voraussehend, dass Gott die Nationen aus Glauben rechtfertigen werde, verkündigte dem Abraham die gute Botschaft voraus: »In dir werden gesegnet werden alle Nationen.«” (Gal. 3,8) Das bedeutet natürlich nicht, dass die Schriften selbst als göttlich angesehen wurden. Aber es wird dadurch umso mehr deutlich, wie stark die Autoren des Neuen Testaments die Worte der Schrift als Worte Gottes angesehen haben.

Nachdem wir die Sichtweise des NT über das AT betrachtet haben stellt sich nun die zweite wichtige Frage:

Wie sieht das Neue Testament die Schriften des Neuen Testaments?

Kann das Neue Testament überhaupt irgendetwas über sich selbst sagen? Schließlich ist der Kanon des Neuen Testaments erst lange nach der Abfassung der neutestamentlichen Schriften endgültig festgelegt worden. Und trotzdem ist die klare Antwort: Ja, natürlich! Sehr wohl hat das Neue Testament etwas über das Wesen und den Charakter der neutestamentlichen Texte zu sagen. Auch dort wird vielfach der Anspruch erhoben, dass hier von Gott selbst inspirierte Wahrheit verkündet wird: Paulus bestand ausdrücklich darauf, dass seine Botschaft nicht auf menschlicher Vernunft beruht, sondern dass ihm seine Botschaft direkt von Jesus offenbart wurde. In Galater 1,11-12 schreibt er: „Das will ich euch klar und deutlich sagen, Brüder und Schwestern: Die Gute Nachricht, die ich verkündet habe, stammt nicht von Menschen. Ich habe sie nicht von einem Menschen übernommen. Ich wurde auch nicht von einem Menschen darin unterrichtet. Nein, Jesus Christus selbst hat sie mir offenbart.“

Paulus litt also nicht unter falscher Bescheidenheit. Das gilt auch für sein Aussage in 1. Thessalonischer 2, 13: „Deshalb danken wir Gott immer wieder dafür, dass ihr durch unsere Verkündigung sein Wort empfangen habt. Ihr habt sie nicht als Menschenwort angenommen, sondern als das Wort Gottes, was sie tatsächlich ist.“ Paulus hat somit klar gemacht: Was ich verkündige, ist tatsächlich Gottes Wort.

Veränderungsverbote bei Petrus und in der Offenbarung

Genau diesen steilen Anspruch hat Petrus später in Bezug auf die Schriften von Paulus bestätigt. In 2. Petrus 3, 15-16 macht er eine ganz erstaunliche Bemerkung über die Briefe von Paulus: „Das hat auch unser lieber Bruder Paulus geschrieben, dem Gott so viel Weisheit geschenkt hat. … Manches darin ist allerdings schwer zu verstehen. Das werden die verdrehen, die nichts davon verstehen. So werden sie es auch mit den anderen Schriften machen – zu ihrem eigenen Verderben.“ Mit den „Schriften“ meinte Petrus natürlich zunächst die heiligen Schriften des Alten Testaments, zu denen wir bereits festgestellt haben: Diese Schriften hatten für Petrus verbindliche Autorität. Sie dürfen deshalb nicht verdreht und nicht verändert werden. Wir würden Verderben über uns bringen, wenn wir das täten. Genau diesen Anspruch wendet Petrus hier jetzt aber auch auf die Paulusbriefe an. Auch sie dürfen nicht verdreht werden – auch dann, wenn sie schwer zu verstehen sind.

Genau das gleiche Verbot finden wir auch ganz am Ende des Neuen Testaments. Im viert- und drittletzten Vers der Bibel schrieb Johannes in Offenbarung 22, 18-19: „Und ich versichere jedem, der die prophetischen Worte dieses Buchs hört: Wenn jemand dem, was hier geschrieben steht, irgendetwas hinzufügt, wird Gott ihm die Plagen zufügen, die in diesem Buch beschrieben werden. Und wenn jemand irgendetwas von den prophetischen Worten dieses Buchs wegnimmt, wird Gott ihm seinen Anteil am Baum des Lebens und an der Heiligen Stadt wegnehmen, die in diesem Buch beschrieben werden“

Der Autor der Johannesoffenbarung übernimmt also den Anspruch aus 5. Mose 13,1, dass nichts hinzugefügt und nichts weggelassen werden darf. Und auch hier wird gesagt: Wer diesen Text verändert, der bringt Verderben über sich selbst. Daran wird deutlich, welch einzigartigen Autoritätsanspruch diese Texte haben. Jeden späteren Theologen, der solche Sätze über seine eigenen Schriften äußern würde, würden wir zurecht zurückweisen. Kein Mensch der Welt dürfte seither so etwas je wieder sagen. Diesen einzigartigen Autoritätsanspruch durften nur die Autoren der Bibel für sich in Anspruch nehmen.

Für Paulus hatten auch Jesuszitate bereits Schriftstatus!

In 1. Timotheus 5, 18 zitiert Paulus noch einmal genau den gleichen Vers aus dem AT, der uns vorhin schon in 1. Korinther 9, 9 begegnet ist: „Denn in der Heiligen Schrift steht: »Du sollst einem Ochsen beim Dreschen nicht das Maul zubinden.« Hier ergänzt Paulus aber noch ein weiteres Zitat: „Es heißt außerdem: »Wer arbeitet, hat ein Anrecht auf seinen Lohn.« Das erstaunliche ist: Dieses Zitat finden wir nicht im Alten Testament. Tatsächlich zitiert Paulus hier ein Jesuswort, das wir in Lukas 10, 7 finden. Das zeigt: Die überlieferten Jesusworte hatten für Paulus bereits genau die gleiche höchste Autorität wie die Schriften des Alten Testaments.

Wir können also zusammenfassen: Was für die apostolischen Väter galt, das lässt sich auch schon in der Bibel selbst beobachten: Neutestamentliche Texte werden auf die gleiche Stufe gestellt wie das Alte Testament. Und die Autoren hatten zudem einen einzigartigen Autoritätsanspruch, den schon die nächste Generation der Kirchenleiter in keiner Weise mehr auf sich selbst anwenden wollten.[4]

Für uns bedeutet dieser Befund:

Die Bibel stellt uns in Bezug auf sich selbst vor eine Glaubensentscheidung

Entweder wir sagen: Die Bibel ist glaubwürdig. Dann müssen wir sie aber auch so lesen, wie sie selbst gelesen werden möchte. Dann müssen wir ihr die Autorität geben, die sie selbst für sich beansprucht. Dann müssen wir davon ausgehen, dass die Bibel das ist, was sie selbst sein will: Ganz Menschenwort. Aber zugleich auch ganz Gotteswort. Und damit auch eine theologische Einheit, die sich selbst nicht widerspricht. Und damit auch unfehlbarer Maßstab für unseren Glauben, für unser Leben und für die Kirche Jesu. Ich habe an anderer Stelle bereits ausführlich begründet, warum ich diesen Selbstanspruch der Bibel für absolut schlüssig und glaubwürdig halte. Denn die Bibel hat nun einmal zahlreiche Eigenschaften, die absolut einmalig sind unter allen Büchern dieser Erde und die beweisen, dass dieses Buch ganz eindeutig einen weit größeren Horizont hat als jedes andere Buch, das nur von Menschen stammt.[5]

Wenn wir uns aber entscheiden, diesen Selbstanspruch nicht zu akzeptieren und die Bibel nur als kritisierbares Menschenwort betrachten[6], dann sollten wir so ehrlich und konsequent sein, auch offen zu sagen: Die Bibel spricht sich selbst eine Autorität zu, die sie gar nicht hat. Und was machen wir mit Büchern oder Botschaften, die bei ihrem Selbstanspruch übertreiben? Wir sehen sie zurecht mit Skepsis. Die Bibel verliert dann ihre Glaubwürdigkeit. Sie ist dann vielleicht immer noch ein interessantes, liebenswertes historisches Zeugnis. Aber wer in Bezug auf sich selbst derart übertreibt, dem werden wir wohl kaum einen Autoritätsanspruch für unseren Glauben, für unser Leben und unsere Kirche beimessen können.

Dem Selbstanspruch der Bibel vertrauen

Deshalb plädiere ich daür, dass wir gemeinsam wieder Werbung dafür machen, dem Selbstanspruch der Bibel zu vertrauen und zu sagen: Die Bibel ist das, was sie selbst von sich sagt. Sie ist wirklich Heilige Schrift. Sie ist prophetisches Wort. Sie bezeugt nicht nur die Offenbarung Gottes. Sie wird nicht erst beim Lesen zum Wort Gottes. Nein, sie IST im echten Sinn offenbartes Wort des lebendigen Gottes. Es ist deshalb nicht angemessen, in Bezug auf dieses Wort von Fehlern zu sprechen. Angemessen ist vielmehr, eine tiefe Ehrfurcht vor diesen Texten zu haben. Es ist angemessen, diesen Texten mit Vertrauen und Demut zu begegnen. Ich bin zutiefst überzeugt: Die Kirche Jesu kann nur gesunden, wenn sie diese tiefe Ehrfurcht vor der Bibel zurückgewinnt.


[1] Ein dramatisches Beispiel ist das Buch „Zwischen Entzauberung und Remythisierung“ des populären Theologen Jörg Lauster, rezensiert in: „Der große Graben“: https://blog.aigg.de/?p=5667

[2] 3. Mose 1,1+2; 4,1+2; 7,22+23; 7,28+29;11,1+2;12,1+2;15,1+2;18,1+2;19,1+2;20,1+2;21,16+17;23,1+2;23,9+10;23,23+24;23,33+34;25,1+2;27,1+2

[3] Siehe dazu die Rezension zum freikirchlich geprägten Buch „glauben lieben hoffen“ aus dem SCM Brockhaus Verlag unter https://blog.aigg.de/?p=5819

[4] Siehe dazu der Artikel: „Das Bibelverständnis der apostolischen Väter“: https://blog.aigg.de/?p=5790

[5] Siehe dazu die Artikelsammlung: „10 Gründe, warum es auch heute noch vernünftig ist, der Bibel zu vertrauen“: https://blog.aigg.de/?p=3176

[6] Siehe dazu den Artikel: „Zwei Bibelverständnisse im Kampf um die Herzen der Evangelikalen“: https://blog.aigg.de/?p=5749