Macht – Die dreifache Versuchung für christliche Leiter

Die Bibel berichtet, dass Jesus sich vor dem Beginn seines öffentlichen Dienstes einer besonderen Prüfung unterziehen musste. Nach einer 40-tägigen Fastenzeit in der Wüste wurde er dreifach vom Teufel versucht (Matthäus 4, 1-11; siehe auch Lukas 4, 1-13). Diese kurze Geschichte ist vor allem für christliche Leiter von enormer und grundlegender Bedeutung. Denn die Strategien des „Versuchers“ (in der Bibel eine andere Bezeichnung für den Teufel) sind bis heute die gleichen geblieben:

1. Missbrauch der eigenen Macht

Als Jesus nach der langen Fastenzeit überaus hungrig war, machte ihm der Teufel einen verführerischen Vorschlag: „Wenn du der Sohn Gottes bist, befiehl doch, dass die Steine hier zu Brot werden!“ Keine Frage: Jesus hätte das gekonnt! Wer Wasser in Wein verwandeln kann, kann auch Steine in Brot verwandeln. Aber er wusste, dass er seine Macht nicht beliebig für die eigene Bedürfnisbefriedigung missbrauchen durfte.

Missbrauch der eigenen Macht ist bis heute eines der größten Probleme in unseren Gemeinden. Kirchen- und Gemeindeleiter missbrauchen ihre Macht, um ihre eigene Position und die eigenen Kirchen- und Gemeindestrukturen abzusichern. Wie viele Aufbrüche wurden abgewürgt, weil sie nicht die bestehenden Strukturen gestützt haben, sondern weil der neue Wein neue Schläuche gebraucht hätte? Wie viele Aufbrüche wurden bekämpft, weil sie den Wünschen der Mächtigen in Kirchen und Gemeinden widersprachen? Wie viele Gottesdienste und Gemeinden sind routiniert und kraftlos, weil Kirchen- und Gemeindeleiter ihre Macht missbrauchen, um Veränderung zu unterdrücken? Wie viel kraftvolles Gotteswort ist verloren gegangen, weil die Mächtigen in Kirchen und Gemeinden das Kanzelrecht aufgrund von Ämtern und Ausbildung vergeben statt aufgrund von Gabe und Berufung?

Jesus antwortet mit einem Schriftwort: „In der Heiligen Schrift steht: Der Mensch lebt nicht nur von Brot. Nein, vielmehr lebt er von jedem Wort, das aus dem Mund Gottes kommt.“ Wo geistliche Leiter nur ihre eigenen Brötchen backen, verhungern Kirchen und Gemeinden. Geistliches Leben entsteht dort, wo wir dem kraftvollen Wirken von Gottes Wort Raum geben, auch wenn wir die Wirkungen dieses Wortes nicht kontrollieren können.

2. Missbrauch der Nähe zur Macht Gottes

Im zweiten Anlauf versucht der Teufel, Jesus mit seiner Nähe zur Macht Gottes zu verführen: „Wenn du der Sohn Gottes bist, spring hinunter! Denn in der Heiligen Schrift steht: ›Er wird seinen Engeln befehlen: Auf ihren Händen sollen sie dich tragen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt.‹“ Jesus war sich der Macht Gottes sicher bewusst. Gott sandte ihm immer wieder Engel, so auch am Ende dieser Geschichte in der Wüste. Und was wäre das für eine Show gewesen! Ein Mann, der vom Dach des Tempels springt und von Engeln aufgefangen wird, bräuchte nicht mehr mühsam um Respekt und Aufmerksamkeit kämpfen.

Auch heute noch ist die (gefühlte oder angemaßte) Nähe zur Macht Gottes eine gewaltige Versuchung für christliche Leiter. Ich denke an manche charismatische Frontleute, die eine emotional aufgeladene Atmosphäre, Wunder und Geistesgaben nutzen, um Aufmerksamkeit und Spendenaufkommen zu generieren. Ich denke an manche Christen, die vorschnell persönliche Meinungsäußerungen mit „So spricht der Herr“ oder „Die Bibel sagt“ unterlegen, um Widerspruch von vornherein auszuschließen. Ich denke an manche Kirchen- und Gemeindeleiter, die ihr Amt missbrauchen, um Dinge und Handlungen zu segnen, die Gott niemals segnen würde. Ich denke an manche Pfarrer, Pastoren und Prediger, die ihr Amt missbrauchen, indem sie wahllos jedem das Heil, den Segen und die Vergebung Gottes zusprechen, ohne zugleich über die Realität der Sünde und die Notwendigkeit zur Umkehr zu sprechen. Und ich frage mich, wie oft ich selbst schon in solche Fallen getappt bin.

Die Antwort Jesu ist klar: „Es steht aber auch in der Heiligen Schrift: ›Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen!“ Gott vor den eigenen Karren zu spannen, hat immer katastrophale Folgen.

3. Missbrauch der Nähe zur weltlichen Macht

Im dritten Anlauf lenkt der Teufel den Blick Jesu auf die weltliche Macht: „Er zeigte ihm alle Königreiche der Welt in ihrer ganzen Herrlichkeit. Er sagte zu ihm: »Das alles will ich dir geben, wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest!«“ Damit ließ der Teufel Jesus spüren: In diesem Augenblick bist Du mit der zentralen Schaltstelle der weltlichen Macht in Verbindung. Ein kurzes Gebet – und die Macht gehört Dir! Du könntest sie für großartige Dinge einsetzen: Kriege beenden. Für soziale Gerechtigkeit sorgen. Übeltäter stoppen…

Ich sehe das überall in der kirchlichen Welt: Die Nähe zur politischen Macht und zu den intellektuellen Eliten ist überaus verführerisch. Da lohnt es sich doch scheinbar, das Evangelium ein wenig zeitgeistiger zu formulieren, um von Steuertöpfen profitieren zu können, um in den Medien Beifall zu bekommen, um in der akademischen Welt Anerkennung zu finden. Und es lohnt sich doch scheinbar, sich nicht mit der Kirchenleitung anzulegen, ganz egal, wie sehr sie sich auch verirrt. Wenn ich mich mit der Kirchenleitung gut stelle, dann darf ich vielleicht ein wenig mitreden. Dann kann ich vielleicht eher die eigenen Interessen einbringen. Dann bekommt meine Organisation vielleicht ein paar mehr Stellen und ein wenig mehr Geld aus den Kirchensteuer- bzw. Spendentöpfen. Und damit könnte man doch so großartige Dinge bewegen…

Auf solche Spielchen ließ Jesus sich nicht ansatzweise ein: „Da sagte Jesus zu ihm: »Weg mit dir, Satan! Denn in der Heiligen Schrift steht: ›Du sollst den Herrn, deinen Gott, anbeten und ihn allein verehren!‹« Daraufhin verließ ihn der Teufel. Und es kamen Engel und sorgten für ihn.“ Die Grundlage für den Dienst Jesu lag darin, all diesen Versuchungen zur Macht gründlich zu widerstehen. Stattdessen behielt er den Fokus auf Gottes Macht und Souveränität. Seine feste Verwurzelung in der Heiligen Schrift war dafür von entscheidender Bedeutung.

Wir müssen uns bewusst machen, wie verführbar wir sind

Die Botschaft dieser biblischen Episode ist drastisch: Wehe uns, wenn wir selbst die Macht in den Gemeinden und Kirchen übernehmen, statt Christus das Haupt der Kirche sein zu lassen. Wehe uns, wenn wir Gott für unsere eigenen Ziele missbrauchen. Wehe uns, wenn wir das Evangelium beschneiden, um von weltlicher oder kirchlicher Macht profitieren zu wollen. Ja, natürlich sollen wir unsere Talente und unseren Einfluss weise nutzen. Natürlich sollen wir Gottes Macht endlos viel zutrauen. Natürlich sollen Christen auch die Welt mitgestalten und dafür gerne auch politische Macht anstreben. Aber wir müssen uns dabei jederzeit unserer enormen Verführbarkeit bewusst sein. Wir müssen uns immer wieder klar machen: Die Versuchung zum Machtmissbrauch ist gigantisch. Das gilt besonders dann, wenn wir persönlichen Mangel erleben und gerade durch eine Wüstenzeit gehen.

Es gibt für uns nur einen Schutz: Die Anbetung Gottes. Die feste Verwurzelung in dem Vertrauen, dass ER uns versorgt und sein Werk in der Kirche Jesu und in der Welt tut, so dass wir ihm nicht mit eigenen Machtmitteln vorgreifen müssen. Und die feste Verwurzelung in der Heiligen Schrift. Dieser Fokus, dieses Vertrauen und diese Verwurzelung war die unverzichtbare Grundlage für den Dienst Jesu. Wir sollten nicht glauben, dass wir diesen Versuchungen entgehen können, wenn wir diesen Fokus und diese Verwurzelung nicht haben.

Es sollte uns in eine gesunde Unruhe versetzen, wenn wir sehen, wie viele geistliche Leiter in eine oder mehrere dieser Fallen getappt sind und dadurch schlimmen Schaden für sich selbst und für die Kirche Jesu verursacht haben. Immer wieder will ich mir deshalb bewusst machen: Ich bin nicht besser als sie! Ich bin genauso verführbar! Die Versuchung klopft genauso auch an meine Tür! Und ich habe selbst oft genug versagt. Ich brauche Gottes Gnade, das Aufschauen zu Jesus und die feste Verwurzelung in seinem Wort, um so wie Jesus bestehen zu können und dadurch bereit zu werden für einen gesegneten Dienst.

Spaltet Populismus die Evangelikalen?

Ein Narrativ geht durch die evangelikale Welt. Man könnte es in etwa so formulieren: Die größte Gefahr für evangelikale Christen liege heutzutage darin, rechtspopulistischen Versuchungen zu erliegen.[1] Eine Reihe von Signalen eines „rechtspopulistisch verfremdeten Christentums“ gibt demnach Anlass zur Sorge[2]: Abgrenzung gegen den gesellschaftlichen und medialen „Mainstream“. Eine kämpferische Rhetorik. Eine pessimistische bis apokalyptische Gesinnung. Eine identitätsstiftende „Anti-Haltung“, auf deren Basis man auch Verbindungen mit nichtchristlichen rechten Organisationen nicht mehr scheut. Als abschreckendes Beispiel dient der Blick in die USA, wo 80% der weißen Evangelikalen Donald Trump gewählt haben. Das hat dem Ruf der Evangelikalen sehr geschadet. Sind solche Entwicklungen auch in Deutschland zu befürchten?

Nach meiner Beobachtung ist es unter anderem auch diese Sorge, die dazu führt, dass viele christliche Leiter sich immer skeptischer und distanzierter verhalten gegenüber Christen, die sich aus ihrer Sicht nicht klar genug abgrenzen von politischen Positionen rechts der Mitte. Auf gar keinen Fall möchte man in Verbindung gebracht werden mit „Impfskeptikern“, „Klimaleugnern“ oder „radikalen Abtreibungsgegnern“. Misstrauen zieht ein, selbst unter Christen, die in Bezug auf ihre Theologie und Prägung eigentlich ganz nah beieinander sein sollten. Mich betrübt das sehr.

Umso mehr war ich überrascht von der EKD-Synode in Magdeburg. Mir fiel auf: Sämtliche oben genannte Signale waren dort in Reinform zu finden. Ich kenne keine Bewegung, die so pessimistisch, ja apokalyptisch ist wie die „Letzte Generation“. Diese Gruppe ist kämpferisch, nicht nur verbal, sondern auch durch ihre gesetzeswidrigen Aktionsformen. Sie stellt sich auf den Straßen sichtbar gegen den Mainstream, der aus ihrer Sicht viel zu zögerlich auf die Klimakrise reagiert. Sie hat eine klare Anti-Haltung gegenüber unserer sozialen Marktwirtschaft, weil aus ihrer Sicht der „westliche Kapitalismus“ für die Klimakrise verantwortlich sei und überwunden werden müsse. Trotzdem rief die Präses der EKD Anna Nicole Heinrich dazu auf, dass die Kirche sich mit diesen „radikalen Klimaaktivist*innen“ vernetzen und solidarisieren solle. Der einzige Unterschied zum eingangs geschilderten Narrativ: Diese Organisation ist nicht „rechts“, im Gegenteil: Auf der Homepage der Letzten Generation wird für eine Solidaritätserklärung der Interventionistischen Linken geworben, die vom Verfassungsschutz beobachtet und als linksextremistisch betrachtet wird.

Nun stellt sich mir die Frage: Warum höre ich von Christen, die das eingangs geschilderte Narrativ so betonen, jetzt so wenig Kritik? Und überhaupt: Warum blickt dieses Narrativ denn eigentlich nur nach „rechts“? Gibt es auf der anderen Seite des politischen Spektrums nicht genau die gleiche Gefahr? Macht nicht gerade diese EKD-Synode mehr als deutlich, dass „links“ genau die gleiche Versuchung lauert?

Mein Eindruck ist: Auch ein einseitiger und inflationärer Gebrauch des Populismusvorwurfs kann zu Polarisierung und Spaltung führen, auch unter Christen. Und wir sollten uns immer bewusst sein: Der Kirche Jesu droht immer eine weit grundsätzlichere Gefahr als Populismus. Egal wie wichtig und richtig bestimmte Anliegen wie der Klima- oder der Lebensschutz auch sein mögen: Die Mitte der Kirche Jesu muss immer das Feuer der Liebe Gottes und die Leidenschaft für das Evangelium sein. Randthemen drängen sich immer besonders dann besonders leicht ins Zentrum, wenn dieses Feuer erkaltet und das Evangelium verschwimmt. Wenn die Identität in Christus schwindet, dann wächst die Versuchung, eine Ersatzidentität in (populistischen) politischen Zielen zu suchen. Dann wird die christliche Hoffnung überlagert von Sorge und Angst. Dann schieben sich andere Botschaften vor die Botschaft vom Kreuz. Dann werden politische Übereinstimmungen plötzlich wichtiger als der gemeinsame Glaube. Dann hält die gesellschaftliche Polarisierung Einzug in die Kirche.

Ich finde es gut, wenn Christen sich auch politisch engagieren. Und ich unterstütze die Warnung vor undemokratischen Extremen, egal aus welcher Richtung sie kommen. Zugleich meine ich, dass wir Christen uns nicht voneinander distanzieren sollten, nur weil wir zu Themen wie Impfung, Klima, Medien oder Parteien unterschiedliche Einschätzungen haben. In politischen Fragen waren sich Christen noch nie einig. Was die Kirche eint, ist die Liebe zu Christus und der gemeinsame Auftrag, den Christus uns gegeben hat: Machet zu Jüngern alle Völker. Es gibt keinen besseren Schutz vor “populistischen” Versuchungen als die heiße Liebe zu Jesus, das demütige Hören auf sein Wort sowie die gemeinsame Leidenschaft für seine Rettungsbotschaft, die allen Menschen gilt. Die Besinnung auf dieses Zentrum würde ich gerade auch meiner evangelischen Kirche dringendst wünschen und empfehlen.

[1] So schreibt Thorsten Dietz im Buch „Menschen mit Mission“: „Ich sehe in der rechtspopulistischen Versuchung die größte Gefahr der Evangelikalen in der Gegenwart.“ (S. 301)

[2] Ausführlich im Präsesbericht 2022 von Steffen Kern Seite 21 ff. (https://www.gnadauer.de/uploads/_gnadauer/2022/03/22-02-Pra%CC%88sesbericht-Druck.pdf)

Offen.bar feiert Geburtstag!

Heute feiert die offen.bar-Mediathek ihren ersten Geburtstag! 🎉 Aus diesem Anlass haben wir ein kleines Video produziert mit einem Überblick, welche guten Inhalte sich im vergangenen Jahr bei offen.bar bereits angesammelt haben. Schau mal rein:

Wir sind dankbar für wachsenden Zuspruch und viele gute Rückmeldungen, die wir auf unterschiedlichen Kanälen bekommen. Zum Ausblick sei gesagt: Wir haben viel vor im kommenden Jahr! Und dafür brauchen wir Dich. Wie hat Dir offen.bar bisher gefallen? Was können wir noch besser machen? Wir würden uns freuen, von Dir zu hören. Und wir wären Dir dankbar, wenn Du mithilfst, offen.bar bekannt zu machen!

Die gute Nachricht vom erlösenden Kreuz

Dieser Artikel entspricht in weiten Teilen dem gleichnamigen Vortrag, der am 15.10.2022 bei der Pfarrerarbeitsgemeinschaft Confessio gehalten wurde, und der hier auf YouTube angesehen werden kann:

Kürzlich hatte ich im Internet eine kleine Diskussion mit einem Pfarrer. Ich hatte die These vertreten, dass wir in der Kirche keine Einigkeit haben zu der Frage, was denn eigentlich das Evangelium ist. Der Pfarrer war empört. Seine Meinung war: Selbstverständlich sind wir beim Evangelium beieinander. Und natürlich verkünden wir dieses Evangelium gemeinsam. Auf meine Frage, was denn aus seiner Sicht diese gemeinsame Evangeliumsbotschaft ist, antwortete er:

Das Evangelium ist, dass Gott in Christus Mensch wurde, um der Welt seine Liebe zu zeigen.

Nach kurzem Nachdenken habe ich geantwortet: Diese Aussage stimmt zwar. Aber das Problem beginnt schon bei der Frage: Sind wir uns denn wirklich einig darin, dass Gott in Christus Mensch wurde? War Jesus von Nazareth wirklich der präexistente, menschgewordene Gott, wie das Johannes 1 so eindrücklich bezeugt? Meine Wahrnehmung ist, dass das in der evangelischen Theologie bestenfalls eine Minderheitenmeinung darstellt. Von Konsens kann keine Rede sein.

Zudem bin ich der Meinung: Ein Evangelium, das sich nur auf die Liebe Gottes beschränkt, aber nichts sagt über Sünde, Schuld, Trennung von Gott, Vergebung, Rechtfertigung, Erlösung, das ist höchstens die halbe Botschaft. Das ist bei weitem nicht das Evangelium der Bibel, das der Kirche aufgetragen ist.

Es geht um den innersten Kern unseres Glaubens

Die kurze Diskussion macht deutlich: Das Evangelium und die Kreuzestheologie ist kein Sonderthema für nerdige Theologen. Bei der Kreuzestheologie geht es ans Eingemachte. Es geht um den innersten Kern unseres Glaubens, um den Kern des Evangeliums, um das Zentrum der Kirche Jesu. Wer die Kreuzestheologie ändert, der verpasst dem Christentum keinen neuen Haarschnitt, sondern der nimmt am Christentum eine Herztransplantation vor. Die Frage, warum Jesus am Kreuz gestorben ist, hat für unseren Glauben und für unsere Kirche extrem weitreichende und sehr praktische Konsequenzen.

Persönlich habe ich erst relativ spät angefangen, mich mit dieser Frage zu beschäftigen. Jahrzehntelang war für mich die Antwort eigentlich simpel und sonnenklar. Warum ist Jesus am Kreuz gestorben? Logisch: Für mich! Um meiner Vergehen willen! Die Strafe, die ich verdient hätte, lag auf ihm, damit ich Frieden habe mit Gott. Sein Opfer hat meine Schuld bezahlt (oder „gesühnt“). Mein Schuldschein hängt am Kreuz. Deshalb habe ich freien Zugang zu Gott und deshalb steht mein Name im Buch des Lebens. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, dass es bei diesen allerzentralsten Aussagen unseres Glaubens etwas zu diskutieren gäbe.

Ein Wust von Deutungen

Es ist erst ein paar Jahre her, dass ich einsehen musste: In der theologischen Welt ist bei diesem Thema überhaupt nichts klar ist, im Gegenteil: Zur Frage, warum Jesus am Kreuz gestorben ist, ist mir ein ganzer Wust an „Deutungen“ entgegengeschwappt. Klar war für diese Theologen eigentlich nur eines: Meine simple Sühneopfererklärung sei jedenfalls grundverkehrt.

In der Mediathek Worthaus fiel mir auf, dass gleich zwei Referenten (Thomas Breuer und Wilfried Härle) wortgleich sagten: „Gott braucht kein Opfer und schon gar kein Blut.“ Thomas Breuer legt zudem nach mit den Worten: „Ein Gott der Menschenopfer braucht ist nicht der gütige Vater, es ist nicht Jahwe, es ist der Gott Moloch. Es ist kein Gott dem man vertrauen kann.“ „Jesu Tod an sich ist sinnlos.“ „Erlösend ist nicht der Tod am Kreuz, erlösend ist allein die Liebe Gottes.“

Sehr beschäftigt hat mich auch der Worthausvortrag von Thorsten Dietz zu diesem Thema. Darin äußert er: „Diese stellvertretende Strafleidungstheorie, wo ist das im neuen Testament? Das ist nicht zu finden!“ „Nicht Menschen versöhnen Gott, sondern Gott versöhnt Menschen. … Das ist ein Versöhnungshandeln Gottes, ein Befreiungshandeln, es ist ein Heilshandeln. Und da ist 0,0 bei: Ja, jetzt musst Du Gott wieder versöhnen, der ist sauer, der kocht vor Wut, du musst den beschwichtigen. Das ist überhaupt nicht. … Die Botschaft ist: Gott für uns! Jesus für uns! Jesus zu unserem Heil! … Es geht um eine Botschaft der Liebe. Es geht um eine Botschaft der radikalen Barmherzigkeit. Es geht um eine Liebeserklärung. Es geht darum, was man manchmal mit einem Blumenstrauß ausdrückt: Ein  großes »Für Dich«! Ein großes „Ja“!“

Und im freikirchlich geprägten SCM-Buch „glauben lieben hoffen“ schreibt der Baptistenpastor Matthias Drodofsky: „So wurde und wird häufig argumentiert: Infolge des Sündenfalls ist der Mensch getrennt von Gott, und nur ein vollkommenes Opfer kann die Beziehung zwischen Gott und Mensch wieder in Ordnung bringen. … Hat eigentlich mal jemand gefragt, warum eine Opferhandlung  … dies erreichen können soll? … Gott vergibt, weil er ein gnädiger Gott ist, ohne dass Gott durch Töten und Blutvergießen milde gestimmt werden müsste. … um die Sünde der Menschen hinweg zu nehmen, braucht es eigentlich kein Opfer und keinen Geopferten.“

Ist das Kreuz nur für die Menschen da?

Immer wieder wird da also gesagt: Das Kreuzesgeschehen ist für die Menschen da. Gott muss nicht versöhnt werden. Gott braucht kein Opfer. Bei Gott ist alles in Ordnung. Er ist nicht gekränkt oder sauer. Und da möchte man spontan natürlich am liebsten sagen: Ja, natürlich. Bestimmt ist Gott nicht launisch. Er hat sich emotional vermutlich sehr viel besser im Griff als wir. Aber trotzdem frage ich mich: Geht es beim Kreuzesgeschehen wirklich nur um uns Menschen? Geht es nur darum, dass wir Menschen uns mit Gott, mit uns selbst und mit anderen Menschen versöhnen können? Wäre für Gott denn auch ohne das Kreuz schon alles in Ordnung gewesen?

Eine Fülle von Bildern und Vergleichen

Richtig ist: Im Neuen Testament werden sehr verschiedene Bilder und Begriffe gebraucht, um die Bedeutung des Kreuzestodes zu beschreiben. Da gibt es Bilder aus der Welt des Tempelkults, aus dem Bereich der Justiz, aus der Welt des Sklavenmarkts, aus dem Umfeld der Familie. Da ist die Rede von Sühnung, von Rechtfertigung, von Erlösung, von Versöhnung. Aber was folgt daraus? Heißt das, dass sich das Neue Testament gar nicht einig darüber ist, was der Tod Jesu am Kreuz zu bedeuten hat? Sind das alles nur Deutungsversuche der ersten Christen, die darum gerungen haben, diesem grauenvollen Geschehen irgendwie einen Sinn zu geben? So wird das ja manchmal dargestellt.

Genau mit dieser Frage habe ich mich intensiv beschäftigt. Im Neuen Testament ist mir dabei aufgefallen: Man kann viele Bibelverse finden, in denen mehrere dieser Bilder und Vergleiche in einem Satz miteinander verbunden und aufeinander bezogen werden. Das heißt: Diese Bilder wirken zusammen! Man kann sie nicht gegeneinander ausspielen oder als alternative Varianten betrachten. Sie beschreiben alle gemeinsam dieses große Heilsgeschehen am Kreuz.

Das stellvertretende Opfer: Ein roter Faden quer durch die ganze Bibel

Was mich aber am meisten beeindruckt hat, sind diese großen roten Fäden zum stellvertretenden Sühneopfer, die sich quer durch die ganze Bibel ziehen. Ich denke zum Beispiel an die Geschichte von Abraham und Isaak, bei dem ein Schaf stirbt anstelle von Isaak, und zwar genau an dem Ort, an dem später der Sohn Gottes tatsächlich diesen Opfertod stirbt. Ich denke an das geschlachtete Lamm beim Auszug Israels aus Ägypten, das die Israeliten vor dem todbringenden Gericht Gottes rettet. Ich denke an die Evangelien, in denen Jesus als das Lamm Gottes bezeichnet wird, das die Sünde der Welt trägt. Und nach der Chronologie des Johannes starb Jesus genau in dem Moment am Kreuz, in dem im Tempel die Passalämmer geschlachtet wurden. Ich denke an die Offenbarung, in der es vielfach heißt, dass die Heiligen ihre Gewänder im Blut des Lammes gewaschen haben. Und was mich persönlich am meisten beeindruckt ist dieses unfassbare Kapitel Jesaja 53! Da lesen wir, dass dieser Gottesknecht um unserer Sünde willen zerschlagen wird, dass die Strafe auf ihm liegt, dass er wie ein Lamm zur Schlachtbank geführt wird, dass er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat, dass er unsere Sünden trägt.

Das bedeutet: Die gesamte Bibel ist in Bezug auf das Motiv des stellvertretenden Opfertods absolut klar. Und es ist dieser stellvertretende Opfertod, der auch im Zentrum all dieser neutestamentlichen Bilder steht. Der Theologe John Stott schrieb dazu:

„Wenn Gott in Christus nicht an unserer Stelle gestorben wäre, könnte es weder Sühnung noch Erlösung, weder Rechtfertigung noch Versöhnung geben.“

„Für uns“ gestorben – was bedeutet das?

Dass das so ist, weiß die Kirche nicht erst seit Anselm von Canterbury, wie manche Leute meinen. Schon im Nicäno-Konstantinopolitanum, dem großen Glaubensbekenntnis aus dem 5. Jahrhundert, das bis heute weltweit die christlichen Kirchen verbindet, heißt es: Er ist „FÜR UNS“ gestorben („PRO NOBIS“). Was bedeutet das? Ist dieses „für uns“ wirklich nur als Liebesbeweis gemeint? Das kann ich mir nicht vorstellen. Wie sollte denn eine grauenvolle Hinrichtung ein Liebesbeweis sein? Meine Frau freut sich, wenn ich ihr Blumen bringe, aber nicht, wenn ich ihr schreibe: Heute sterbe ich für Dich. Das macht keinen Sinn. Ein Liebesbeweis wäre das nur dann, wenn meine Frau dadurch gerettet wird. Wenn nur noch 1 Platz im Rettungsboot frei ist und ich sage zu meiner Frau: Du gehst rein und ich bleibe hier. Ich sterbe, damit Du leben kannst. DAS wäre ein Liebesbeweis.

Der Theologe Gerhard Barth hat deshalb zurecht geschrieben:

„Das ‚für′ … muss … nicht immer und überall den Gedanken der Stellvertretung einschließen, sondern kann auch einfach besagen: ‚zugunsten von′. Wird freilich weiter darüber reflektiert, inwiefern sein Tod zu unseren Gunsten geschehen sei, kommt man doch auf den Stellvertretungsgedanken.“

Wovor werden wir gerettet?

Die Frage ist natürlich: Wovor werden wir denn durch den Kreuzestod Jesu gerettet? Im Römerbrief schreibt Paulus:

„Das Blut von Christus wurde für uns vergossen. Umso gewisser können wir sein, dass wir dann auch vor Gottes Zorn gerettet werden.“ (Römer 5,9)

Demnach ist es also der Zorn Gottes, vor dem wir gerettet werden müssen. Tatsächlich sehen wir im Römerbrief: Die Sündhaftigkeit der Menschen, die den Zorn Gottes hervorruft, ist die Grundlage, auf der Paulus das Evangelium entfaltet.

Mit dem Zorn Gottes tun wir uns heute allerdings ungeheuer schwer. Ist Gott nicht die Liebe? Wie passt das zu einem zornigen, richtenden Gott? Tatsache ist: Wer die Bibel liest, kommt am Zorn und am Gericht Gottes nicht vorbei. Auch wenn uns das vielleicht nicht schmeckt: Die Bibel ist voll davon! Denken wir an die Sintflut. Denken wir an Sodom und Gomorra. Denken wir an Gottes Gericht über Israel, an ihre Vertreibung in die ganze Welt. Und so geht es ja weiter im Neuen Testament: Jesus selbst hat immer wieder Gericht angekündigt. Und die Gerichtsankündigungen in der Offenbarung sind nicht weniger erschreckend als die Gerichtsankündigungen der Propheten im Alten Testament.

Natürlich ist Gott die Liebe. Aber die Bibel macht zugleich immer und immer wieder deutlich, dass unser Gott eben auch ein Richter ist. Er ist zwar langsam zum Zorn. Aber er ist auch kein Schwamm-Drüber-Gott, der endlos zusieht, wie wir Menschen uns gegenseitig quälen, berauben, belügen, mobben und zerstören. Gerade weil Gott die Menschen liebt ruft es seinen Zorn hervor, wenn wir so grausam und brutal mit seinen geliebten Menschenkindern umgehen.

Gott kann nicht wegschauen

Schauen Sie gerne Tatort? Ich und meine Frau sehen uns das immer wieder gerne an. Aber ich mag es nicht, wenn die Gewalt allzu explizit wird. Dann mache ich lieber die Augen zu und rufe mir ins Gedächtnis: Das ist alles nur Film. Das Blut ist nicht echt. Der ist nicht wirklich tot. Aber bei Gott ist das anders: Er kann nicht wegsehen. Da schwenkt die Kamera nicht weg. Die Grausamkeit ist echt. Er ist gerade jetzt live dabei in der Ukraine. Im Iran. Und in so vielen Häusern mitten in Deutschland, wo der Menschenhandel blüht. Wo Frauen und Kinder missbraucht werden. Wo Ungeborene abgetrieben werden. Er muss sich das alles live und in Farbe mit ansehen, was wir da tun. Er spürt die ganze Grausamkeit.

Glauben wir ernsthaft, dass ein Gott, der die Menschen liebt, da nicht zornig wird? Glauben wir ernsthaft, dass Gott da einfach sagt: Nicht so schlimm… Ich finde: Ein Gott, der angesichts der Gewalt auf der Erde nicht zornig werden würde, das wäre auch kein Gott der Liebe. Das wäre ein kalter, abgebrühter, gleichgültiger Gott. Aber beim Gott der Bibel ist das anders. Der Gott der Bibel ist kein netter Opa im Himmel, der unsere Verbrechen einfach weglächelt. Er ist ein heiliger Gott, ein verzehrendes Feuer. Er liebt die Menschen – und gerade deshalb hasst er die Sünde!

Deshalb geht es beim Tod Jesu am Kreuz eben nicht nur um den Menschen, sondern eben auch um Gott. Um seinen Zorn. Um seine Heiligkeit. Um seine Gerechtigkeit. Denn das macht die Bibel ja immer wieder klar: Das Unrecht, das auf dieser Welt geschieht, wird nicht einfach vergessen. Am Ende kommt alles noch einmal auf den Tisch. Der Tag des Gerichts ist real. Gott wird für Gerechtigkeit sorgen. Was für eine gute Nachricht für all die unterdrückten und bedrängten Menschen auf dieser Welt!

Wir hätten es allesamt verdient, verurteilt zu werden

Aber Gott wusste eben auch: Wenn er für völlige Gerechtigkeit sorgt, dann wird er am Ende jeden Menschen verurteilen müssen. Denn jeder Mensch ist verstrickt in Sünde, ausnahmslos. Jeder Mensch tut böse Dinge. Jeder Mensch schädigt andere Menschen. Das gilt nicht nur für schlimme Verbrecher. Das gilt auch für Dich und für mich. Deshalb musste Gott einen Weg zum Umgang mit unserer Sünde finden, der sowohl seiner Liebe und Gnade wie auch seiner Gerechtigkeit und Heiligkeit entspricht. Er musste einen Weg finden, durch den wir leben können, ohne dass die Ungerechtigkeit unserer Sünde und seine Gerechtigkeit übergangen wird.

Und deshalb geht es beim Kreuz auf keinen Fall nur darum, dass unser menschliches Gewissen entlastet wird. Nein, das Kreuz hat auch etwas mit der Heiligkeit und mit dem gerechten Zorn Gottes zu tun, der hier am Kreuz in ein schreckliches Gerichtshandeln, in eine schreckliche Strafe mündet. Eine Strafe, die Jesus, der Sohn Gottes, selbst an unserer Stelle trägt. Jesus, und somit Gott selbst, erleidet die Strafe, die wir verdient hätten. Er stirbt den Tod, den wir hätten sterben müssen, damit wir das Leben haben. Oder um es noch einmal mit John Stott zu sagen:

„Das biblische Evangelium der Sühne ist, dass Gott sich selbst Genüge tat, indem er selbst an unsere Stelle trat.“Es ist ein und derselbe Gott, der uns durch Christus vor sich selbst rettet.“

DAS ist in wenigen Worten zusammengefasst die gute Nachricht vom erlösenden Kreuz.

Warum Jesu Kreuzestod kein Menschenopfer ist

Und damit ist übrigens auch klar: Natürlich ist dieser Tod am Kreuz kein Menschenopfer, wie manche behaupten. Denn Jesus von Nazareth war ja nun einmal nicht nur ein Mensch. Die Bibel macht klar: Er war zugleich auch ganz Gott. Gott opfert sich selbst am Kreuz. Und wer das versteht, der kann eigentlich nur noch anbetend auf die Knie fallen vor diesem unglaublichen Gott.

Warum ist das so wichtig? Was steht auf dem Spiel?

Warum brauchen wir diese Lehre von der Stellvertretung, vom Zorn und vom Gericht Gottes? Ist das nicht alles nur Streit um Worte? Verschrecken wir damit die Menschen nicht eher, als dass wir sie gewinnen? Warum kann das nicht jeder so sehen, wie er möchte? Sollten wir uns nicht lieber gemeinsam darauf konzentrieren, uns zu engagieren für die Menschen und für eine bessere Gesellschaft?

Das höre ich so oft: Lasst uns doch nicht um solche theologischen Fragen streiten. Wir wollen uns doch lieber engagieren für die Bewahrung der Schöpfung, für Flüchtlinge, für den Klimaschutz, für soziale Gerechtigkeit. Und ja, ich finde ja auch: Natürlich muss die Kirche einen Beitrag dazu leisten, dass diese Welt ein besserer Ort wird. Da sind wir uns völlig einig. Die Frage ist nur: Wie geht das? Wie können wir diese Welt wirklich nachhaltig verbessern?

Die erneuernde Kraft des Evangeliums steht auf dem Spiel

Und auf diese Frage hat das biblische Evangelium eine sehr radikale Antwort. Dieses Evangelium sagt: Das Herz der Probleme dieser Welt sind nicht die ungerechten Umstände, wie Karl Marx das fälschlicherweise angenommen hat. Das Herz der Probleme ist nicht das System. Es ist nicht der Kapitalismus, der Ungerechtigkeit hervorbringt. Das biblische Evangelium sagt: Das Herz des Problems ist das Problem unseres Herzens, das hoffnungslos in Sünde verstrickt ist. Es ist unser menschliches Herz, das alle diese Ungerechtigkeiten hervorbringt. Und genau damit konfrontiert uns das Kreuz! Es zeigt uns, dass wir Menschen so tief in Sünde verstrickt sind, dass ein anderer unsere Strafe erleiden muss, um uns zu retten. Das ist demütigend. Das holt uns herunter vom hohen Ross unserer Selbstgerechtigkeit. Und genau das ist so wichtig für uns! Denn wer noch auf dem hohen Ross sitzt, der braucht keine Umkehr. Der braucht keine Gnade. Der braucht keine Erneuerung des Herzens durch das Kreuz und durch den Heiligen Geist.

Genau in dieser Demütigung liegt das Geheimnis und die Kraft des Evangeliums! Ja, das Christentum hat eine weltverbessernde Kraft. Das kann man gerade in der Geschichte Europas sehr eindrucksvoll nachweisen. Aber diese Kraft des Evangeliums liegt eben nicht in moralischen Aufrufen, die Welt zu verbessern. Das Evangelium geht tiefer. Es geht an die Wurzel unserer Probleme. Das Evangelium tut das, was kein Politiker kann. Es zielt im Kern auf eine Erneuerung der Herzen. Und genau deshalb bleibt Theologie so fruchtlos, wenn sie nur auf moralische Weltverbesserung zielt. Was die Welt wirklich verändert, das ist dieses Evangelium, das die Sündhaftigkeit und die Erlösungsbedürftigkeit der Menschen in den Blick nimmt. Wer das nicht glaubt, dem empfehle ich dringend zum Beispiel die Lektüre des „Buchs der Mitte“ von Vishal Mangalwadi. Echte Veränderung unserer Kultur und unserer Gesellschaft, echte Verbesserung der Lebensverhältnisse geschieht immer dort, wo das ganze biblische Evangelium ernst genommen und verkündigt wird.

Die Rechtfertigung aus Gnade steht auf dem Spiel

Aber das ist nicht der einzige Grund, warum mir dieses Thema so wichtig ist. Erst vor kurzem schrieb mir ein Pfarrer: Das sei doch Unsinn, dass Gott ein stellvertretendes Opfer braucht, um vergeben zu können. Gott kann doch einfach so vergeben. Er hat das doch auch immer wieder getan! Denk an Ninive! Die Menschen haben Buße getan, und das hat genügt. Da hat es kein Opfer gebraucht, um das Gericht Gottes über Ninive abzuwenden. Und das stimmt! In Hesekiel Kapitel 18 entfaltet der Prophet diese Wahrheit ganz ausführlich. Hesekiel sagt da: Wer Böses tut, wird gerichtet und muss sterben. Aber wer sich an Gottes Gebote hält, der wird leben. Und wer umkehrt und Buße tut und Gottes Gebote hält, der wird leben und nicht sterben. Da ist weit und breit nicht von Opfer und Sühne die Rede. Es stimmt also: Gott kann auch so vergeben, wenn wir Buße tun und uns an seine Gebote halten.

Das Problem ist nur: Wo landen wir, wenn wir das Evangelium auf diese Botschaft reduzieren und das Sühneopfer weglassen? Auch im Neuen Testament ist ja von Umkehr die Rede, von guten Werken, vom Halten der Gebote. „Lehrt sie halten alles, was ich euch befohlen habe“, sagt Jesus. Und: „Wer mich liebt, der wird meine Gebote halten.“ Aber wie gut, dass das nicht die ganze Botschaft ist! Wie gut, dass die Forderung nach dem Halten der Gebote im Neuen Testament auf dem Fundament der Rechtfertigung allein aus Gnade steht. Wie gut, dass ich im Gericht nicht auf mein bußfertiges Herz und auf meine guten Werke zeigen muss, um bestehen zu können. Denn da wäre ich mir sicher: Meine guten Werke reichen nicht. Wie oft schon habe ich diese Gebote übertreten. Wie oft schon war ich eben nicht so bußbereit, wie ich hätte sein sollen! Und deshalb ist es so gut, dass ich stattdessen auf den zeigen kann, der meine Schuld und mein Versagen getragen hat. Und die ganze Bibel zeigt ja: Ich bin da nicht allein! Ninive war eine seltene Ausnahme. Die Regel ist: Wir Menschen scheitern an diesem Anspruch des Gesetzes.

Deshalb ist es so gut, dass ich nicht in meiner Gerechtigkeit vor den Richterstuhl treten muss, sondern dass ich die Gerechtigkeit anziehen darf, die Jesus durch sein stellvertretendes Opfer am Kreuz für mich erworben hat, weil er meine Schuld und meine gerechte Strafe getragen hat! „Christi Blut und Gerechtigkeit, das ist mein Schmuck und Ehrenkleid. Damit will ich vor Gott besteh‘n, wenn ich zum Himmel wird eingehn.“ Das steht auf der Todesanzeige meiner Mutter. An diesem Vers will auch ich mich festhalten – im Leben und im Sterben. Was ein wundervolles, was für ein kostbares Evangelium!

Aber ich beobachte an so vielen Stellen: Genau dieses Evangelium geht verloren, wo das stellvertretende Sühneopfer verloren geht. Stattdessen kriecht die Werkgerechtigkeit wieder durch die Hintertür hinein in unsere Kirche. Da wird das Christentum wieder moralinsauer. Da wird der Glaube wieder zur Leistungsreligion. Und ich hoffe, es wird spätestens hier deutlich, wie entscheidend wichtig dieses Thema ist. Denn ohne die Rechtfertigung aus Gnade durch den stellvertretenden Opfertod Jesu landen wir bei einem therapeutischen und einem moralischen Evangelium, das die Menschen verbessern will, ohne die Herzen zu erneuern. Aber dann verpassen wir genau das, was auch Martin Luther schon so begeistert hat. Dann verpassen wir die Gnade. Und damit meine ich nicht diese billige Gnade, die heute überall umsonst verschleudert wird. Nein, ich meine die teure Gnade, die Jesus alles gekostet hat, und die in uns echten Jubel über unsere Erlösung auslöst. Wenn wir diese teure Gnade nicht mehr kennen, dann ist es kein Wunder, wenn in unseren Gottesdiensten zwar bei der Psalmlesung von Jauchzen und Jubel die Rede ist, aber die Atmosphäre eher zu einer Beerdigung passt. Wenn wir dieses biblische Evangelium verlieren, dann verliert die Kirche ihren allergrößten Schatz.

Die Einheit und die missionarische Dynamik steht auf dem Spiel

Und noch einen letzten Grund möchte ich nennen, warum dieses Thema so unglaublich wichtig ist: Die gemeinsame Botschaft geht uns verloren. Und damit auch die missionarische Dynamik. Ich will das am Ende noch einmal klarstellen, dass es hier nicht um theologische Feinheiten geht. Es ist nun einmal ein grundlegender Unterschied, ob…

… Gott uns einfach so vergibt oder ob er uns verurteilt, dann aber selbst die Strafe übernimmt.

… wir uns nur subjektiv schuldig fühlen oder ob wir objektiv schuldig sind und von Gott eigentlich im Gericht verurteilt werden müssten.

… Jesu Tod nur ein Akt der Solidarität und Hingabe war oder ein wirksames Opfer zur Vergebung unserer Schuld.

… wir nur belastete Menschen sind, die Zuspruch und Ermutigung bekommen sollen oder ob wir ohne das Kreuz verloren sind und Rettung brauchen.

Wir müssen es so deutlich sagen: Diese Differenz ist so grundlegend, dass es hier letztlich um ein anderes Evangelium geht. Und das ist dramatisch. Denn wenn wir uns beim Evangelium nicht einig sind, dann gibt es auch nichts mehr, was wir in der Kirche ganz selbstverständlich miteinander feiern, besingen und bezeugen können. Dann geht die Einheit und die Leidenschaft in unserer Kirche verloren. Dann hat die Kirche kein Profil. Dann wissen die Leute nicht, wofür die Kirche eigentlich steht. Und dann marginalisiert sich die Kirche. Genau das ist das riesengroße Problem, unter dem unsere Kirche heute leidet.

Dieses Problem gibt es nicht nur in den Landeskirchen. Ansgar Hörsting, der Präses des Bundes der Freien Evangelischen Gemeinden, sagt aus seiner reichen Erfahrung mit vielen Gemeinden im ganzen Land:

„Ich kenne keine missionarisch wirksame Gemeinde, in der es nicht Leute gibt, die klar auf dem Schirm haben: Ohne Jesus Christus sind Menschen verloren.“

Anders gesagt: Wenn unser Evangelium nicht mehr die Botschaft beinhaltet, dass wir ohne den Tod Jesu am Kreuz rettungslos verloren sind, dann ist ein entscheidender Teil unserer Evangeliumsbotschaft verloren gegangen. Und ich bin genau wie Ansgar Hörsting überzeugt: Die Kirchen leeren sich nicht, weil dieses Evangelium provokant, kantig und anstößig ist, sondern im Gegenteil: Die Kirchen leeren sich immer dann, wenn wir uns von diesem kantigen, rauen und anstoßerregenden Evangelium entfernen!

Das Evangelium: Die erfolgreichste Botschaft aller Zeiten

Dieses Evangelium hat noch nie dem Zeitgeist entsprochen. Schon Paulus selbst hat geschrieben: Dieses Evangelium ist den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit. Und trotzdem war dieses Evangelium die erfolgreichste Botschaft aller Zeiten. Es war dieses Evangelium, das damals das menschenverachtende römische Reich trotz massivster Widerstände überwunden hat. Es ist dieses Evangelium, das alle Kulturen erreicht, durchdringt und verändert, obwohl es bis heute weltweit verfolgt und unterdrückt wird. Ganz offenkundig stimmt es, was Paulus geschrieben hat: Wir brauchen uns dieses Evangeliums nicht zu schämen, denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben. Dieses Evangelium hat rettende, heilende, befreiende und erneuernde Kraft. Dieses Evangelium ist der größte Schatz, den die Kirche Jesu hat. Wir sollten alles tun, um diesen Schatz zu hüten. Und wir sollten es gemeinsam mit Leidenschaft und Freude der Welt präsentieren.

Mehr zu diesem Thema inklusive vieler Quellenangaben:

Evangelikale Bewegung – wohin?

Der Vortrag “Evangelikale Bewegung – wohin?” wurde am 24.09.2022 beim Arbeitskreis bekennender Christen in Bayern gehalten. Der Vortragstext kann hier auch als PDF heruntergeladen werden.

Die sogenannte evangelikale Bewegung bedeutet mir ungeheuer viel. Diese Bewegung ist meine geistliche Heimat. Seit ich denken kann liebe ich es, Teil dieser so ungeheuer vielfältigen Bewegung zu sein. Evangelikale findet man in Landes- und Freikirchen. Sie haben teils sehr unterschiedliche Prägungen, Frömmigkeitsstile und sehr verschiedene Überzeugungen zu durchaus wichtigen theologischen Fragen wie z.B. zur Kinder- und Erwachsenentaufe. Und trotzdem sammeln sie sich um Jesus Christus herum, um Bibel und Gebet, um das Evangelium, von dem sie gemeinsam der Überzeugung sind: Jeder Mensch soll es hören, dass Jesus lebt! Jesus ist für unsere Schuld gestorben! Wenn wir an ihn glauben, empfangen wir Vergebung und ewiges Leben. Dieser uralte Glaube, der seit 2000 Jahren um die Welt geht, fasziniert uns gemeinsam. Er tröstet und trägt uns. Er setzt unsere Herzen in Brand. Und er verbindet uns. Weil Jesus unser gemeinsamer Herr ist, sind wir gemeinsam auch Glieder an seinem Leib, auch wenn wir so verschieden sind.

Die Evangelikalen sind meine Familie

Evangelikale sind deshalb für mich mehr als nur eine interessante Bewegung. Sie sind für mich auch mehr als nur Gleichgesinnte. Sie sind Schwestern und Brüder! Geschwister sucht man sich manchmal nicht aus. Manchmal ärgert man sich über sie. Aber sie sind und sie bleiben trotzdem meine Geschwister. Ich fühle mich mit ihnen allen aufs herzlichste verbunden. Die Frage nach der Zukunft der evangelikalen Bewegung kann ich deshalb nicht wie ein nüchterner Dozent behandeln, der ein paar Fakten zusammengetragen hat. Ich bin ja ein zutiefst Beteiligter, der leidenschaftlich in dieses Thema involviert ist. Es geht hier um meine Familie! Die Liebe und Verbundenheit mit meinen evangelikalen Geschwistern prägt alle meine Gedanken, die mich zu dieser Frage umtreiben.

Unsere Gesellschaft braucht eine lebendige Jesusbewegung

Ein weiterer Grund, warum mich die Frage nach der Zukunft der Evangelikalen so umtreibt, ist meine Liebe zu den Menschen um mich herum und die Überzeugung: Was unsere Gesellschaft und unser Land dringender denn je braucht, ist eine lebendige, kraftvolle Jesusbewegung. Es braucht lebendige, christuszentrierte Gemeinden und Gemeinschaften, damit die Menschen um uns herum zu Jesus finden können und mit ihm das ewige Leben.

Zudem braucht es eine lebendige evangelikale Bewegung als Salz und Licht dieser Gesellschaft, die in immer turbulenteres Fahrwasser gerät, die immer polarisierter und orientierungsloser wird. Die Geschichte hat immer wieder gezeigt, dass kraftvolle christliche Bewegungen ganze Nationen prägen und verändern konnten. Denken wir nur an die Great Awakenings in Amerika. Denken wir an den Pietismus in Süddeutschland. Wer das „Buch der Mitte“ von Vishal Mangalwadi gelesen hat, der weiß: Letztlich hat die Bibel ganz Europa und die westliche Welt geprägt und überaus viel Segen gebracht. Deshalb bin ich überzeugt: Unser Land braucht heute mehr denn je dieses Salz und Licht einer lebendigen, kraftvollen Kirche Jesu, die auf dem Fundament der Bibel steht.

Was sind die Wurzeln der Evangelikalen?

Bevor wir uns der Frage stellen, wo es mit dieser evangelikalen Bewegung hingehen soll, sollten wir zunächst einmal genauer auf die Frage schauen: Was ist das eigentlich, die evangelikale Bewegung? Zu dieser Frage ist dieses Jahr ein interessantes Buch erschienen. In „Menschen mit Mission“ erläutert Prof. Thorsten Dietz, dass die Wurzeln der evangelikalen Bewegung äußerst bunt und vielfältig sind. Er nennt täuferische und freikirchliche Impulse, er nennt den Pietismus und den Methodismus, er weist auf pfingstliche und charismatische Aufbrüche hin. Und er sagt: Letztlich lassen sich die Spuren bis zur Reformation zurückverfolgen.

Für mich wird spätestens an dieser Stelle klar: Letztlich wollen wir Evangelikalen nichts anderes sein als die heutige Konkretion des historischen Christentums. Wir folgen von Herzen diesem Jesus von Nazareth, wie ihn die Bibel bezeugt. Die Lehre der Apostel und Propheten, die wir in der Bibel finden, soll für uns genau wie für die allerersten Christen Richtschnur und Maßstab sein. Der Heilige Geist, der seit Pfingsten in der Kirche Jesu wirkt, soll uns erfüllen.

Aber gerade im letzten Jahrhundert haben sich diese Strömungen stärker denn je formiert, um eine gemeinsame, stärker sichtbare Jesusbewegung zu bilden. Einige Organisationen haben sich gebildet, die evangelikale Frömmigkeit in besonderer Weise bündeln. Thorsten Dietz nennt dazu vor allem die Lausanner Bewegung und die Evangelische Allianz. Zudem sind viele evangelikal geprägte Gemeinden und Gemeinschaften entstanden. Und dazu wurden im 20. Jahrhundert eine Reihe von Verlagen, Medien, Ausbildungsstätten, Großveranstaltungen und noch einiges mehr gegründet.

Was verbindet die Evangelikalen?

Trotz all der Vielfalt evangelikaler Organisationen betont Thorsten Dietz zurecht: „Sie haben kein gemeinsames Lehramt. Sie haben keine liturgischen Traditionen, die sie verbinden.“ Und sie haben „keinerlei kirchliche Struktur.“ Umso erstaunlicher ist es, dass aus dieser bunten, unstrukturierten, führungslosen Menge an Gruppierungen eine gemeinsame Bewegung entstanden ist. Der britische Historiker David Bebbington hat 4 Merkmale identifiziert, die man trotz aller Vielfalt in sämtlichen evangelikalen Strömungen vorfinden kann:

  1. „Bekehrung“ meint die starke Betonung der Notwendigkeit einer persönlichen Hinwendung zu Jesus Christus.
  2. „Aktivismus“ meint: Nicht nur Priester oder Pastoren, sondern alle Gläubigen sind aufgerufen, sich zu engagieren, vor allem für Gemeindebau, Evangelisation und (Welt-)Mission.
  3. Was mit „Biblizismus“ gemeint ist, kann man am besten mit einer Passage aus der Glaubensbasis der Evangelischen Allianz in Deutschland erklären. Da heißt es: „Die Bibel, bestehend aus den Schriften des Alten und Neuen Testaments, ist Offenbarung des dreieinen Gottes. Sie ist von Gottes Geist eingegeben, zuverlässig und höchste Autorität in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung.“
  4. Auch die Bedeutung von „Kreuzeszentrierung“ kann man gut mit einer Passage aus der Glaubensbasis der Evangelischen Allianz zeigen: „Jesus Christus, der Mensch gewordene Sohn Gottes, ist stellvertretend für alle Menschen gestorben. Sein Opfertod allein ist die Grundlage für die Vergebung von Schuld, für die Befreiung von der Macht der Sünde und für den Freispruch in Gottes Gericht.“

Bebbington sagt: Diese 4 Punkte sind Grundüberzeugungen, die alle Evangelikalen einen, quer durch alle Gruppierungen hindurch. Das ist nicht viel. Das Band, das die Evangelikalen eint, ist dünn. Und doch war es stark genug, eine dynamische, weltweite Bewegung zu formen.

Steht die evangelikale Bewegung am Scheideweg?

Heute fragen sich allerdings Manche, ob diese Erfolgsgeschichte zu Ende geht. Es gibt Beobachter, die sagen: Es gibt Spaltungstendenzen unter den Evangelikalen. Ulrich Eggers hat dieses Problem in der Zeitschrift AUFATMEN wie folgt beschrieben: „Wir alle merken: Gemeinsam – das fällt in diesen Zeiten, in denen sich viele gewachsene Traditionen auflösen, selbst Einheits- oder Allianz-gewillten Christen zunehmend schwer! … Zunehmend zieht Misstrauen und Entfremdung ein, bedroht Einheit – und damit auch die gemeinsame Arbeitsplattform für missionarische Bewegung.“

Ich teile diese Beobachtung. Solange ich denken kann, war für mich die evangelische Allianz das, was Ulrich Eggers in diesem Artikel als eine „sichere Burg der Freunde” bezeichnet hat. Ich war mir einfach sicher: In den Allianz-Kreisen, da sind wir zwar bei vielen Themen sehr vielfältig. Aber im Kern, da sind wir eins. Wenn es um das Evangelium geht, da stehen wir zusammen. Dieses Evangelium können wir ganz selbstverständlich gemeinsam feiern, besingen und aller Welt bezeugen.

Aber genau diese Selbstverständlichkeit scheint gerade jetzt verloren zu gehen. Und die große Frage ist: Woran liegt das? Warum gelingt scheinbar plötzlich das nicht mehr, was doch so viele Jahre lang weitgehend gelungen ist? Natürlich kann man dafür schnell einige Gründe finden:

  • Christen nehmen Anteil an der wachsenden Polarisierung der Gesellschaft. Wir erleben das an den heißen Diskussionen auch unter Christen zu Themen wie Corona, zum Umgang mit Flüchtlingen im Mittelmeer oder zur Klimaproblematik. Befeuert werden die Differenzen durch die Echokammern und Filterblasen in den sozialen Medien.
  • Und dann ist da natürlich dieses große Thema Sexualethik und die Frage nach dem Umgang mit gleichgeschlechtlichen Paaren. Dieses Thema ist im Moment in der weltweiten Christenheit DER Spaltpilz. Und es wird auch bei evangelikal geprägten Christen immer mehr zum Streitpunkt.

Ohne Fragen sind diese Themen wirklich belastend für die Einheit in vielen Gemeinden, in Verbünden und christlichen Werken. Thorsten Dietz sieht jedoch noch einen tieferen Grund für die auseinanderlaufenden Tendenzen in der evangelikalen Welt. Im Verlauf seines fast 500 Seiten langen Buchs stellt Dietz die These auf, dass es zwei verschiedene Grundströmungen unter den Evangelikalen gibt, die sich zunehmend schwer miteinander tun: Die eine Gruppierung nennt Dietz die „Allianzevangelikalen“. Auf der anderen Seite identifiziert Thorsten Dietz eine Gruppe, die er als „Bekenntnisevangelikale“ bezeichnet. Auf den letzten beiden Seiten identifiziert Dietz diese beiden Gruppen mit konkreten Personen, die für zwei verschiedene Umgangsweisen mit der Pluralität in der evangelikalen Bewegung stehen. Er sagt:

  • Auf der einen Seite stehe Michael Diener, der ehemalige Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbands und ehemalige Vorsitzenden der Deutschen Evangelischen Allianz. Sein Vorschlag sei, mit Pluralität so umgehen, „dass die Evangelikalen, Pietisten etc. unterschiedliche moralische Überzeugungen aushalten und ihren gemeinsamen missionarischen Auftrag ins Zentrum stellen.“
  • Auf der anderen Seite stehe das Netzwerk Bibel und Bekenntnis, das laut Dietz anstrebt, „dass man sich verbindlich auf eindeutige Bekenntnisse einigt und entsprechend auf allen Ebenen durchsetzt, was in der jeweiligen Gemeinde, Kirche oder Allianz vertreten werden darf“.

Die Konfliktfrage: Wie gelingt Einheit in Vielfalt?

Tatsächlich beobachte auch ich, dass unter Evangelikalen mit wachsender Schärfe diskutiert wird, wie denn heutzutage noch Einheit in Vielfalt unter Evangelikalen gelingen kann. Grundsätzlich gilt ja: Wenn ein Konsens verloren geht, dann kann man prinzipiell auf 2 verschiedene Weisen darauf reagieren:

Reaktionsmöglichkeit 1: Wir müssen den Konsens in den Kernfragen verteidigen und – wo er verloren gegangen ist – wieder neu gewinnen.

Reaktionsmöglichkeit 2: Wir müssen den Konsens bewusst loslassen und uns stattdessen üben in gelebter Toleranz. Oft ist da die Rede von sogenannter „Ambiguitätstoleranz“.

Wer die Reaktionsmöglichkeit 1 für richtig hält, der sieht die Einheit dort bedroht, wo Menschen den Konsens in Frage stellen. Für den gelten die als Brückenbauer, denen es gelingt, in zentralen Fragen einen Konsens unter Christen herzustellen bzw. zu bewahren.

Wer hingegen die Reaktionsmöglichkeit 2 für richtig hält, für den sind die Feinde der Einheit die, die unbedingt am Konsens festhalten wollen. Brückenbauer sind hingegen solche Leute, die zwar einen Standpunkt haben, die aber anderslautende Standpunkte als genauso richtig anerkennen und somit eher nur subjektive statt objektive Wahrheiten vertreten.

Warum mehr Toleranz nicht unbedingt zu mehr Einheit führt

In den letzten Jahren war meine Beobachtung: Scheinbar neigen immer mehr Leiter von christlichen Werken, Gemeinschaften und Gemeinden dazu, dass Einheit in Vielfalt nicht über Konsens sondern über mehr Toleranz funktionieren müsse. Da wird dann zum Beispiel gesagt: Die verbindende Mitte des Christentums, das sei keine Lehre, sondern die Person Jesus Christus. Deshalb sollten wir doch Enge und Rechthaberei überwinden, uns gegenseitig unseren Glauben glauben und Raum geben für unterschiedliche Sichtweisen und Erkenntnisse. Das klingt weitherzig und versöhnlich. Die große Frage ist nur: Funktioniert das auch? Gewinnen wir so tatsächlich Einheit in Vielfalt? Aus zwei Gründen bin ich skeptisch:

Zum einen beobachte ich: Christen, die sich theologisch liberal geben, können in ethischen oder politischen Fragen zugleich sehr intolerant sein. Das gilt in sehr unterschiedlichen Bereichen, vor allem aber natürlich im Feld der Sexualethik. Der Postevangelikale David P. Gushee war jüngst Hauptredner bei der Coming-In-Tagung in Niederhöchststadt. Er schrieb schon im Jahr 2016: „Neutralität ist keine Option. Ebenso wenig wie eine höfliche Halbakzeptanz. Genauso wenig wie das Vermeiden des Themas. Wie sehr Sie sich auch verstecken mögen, das Thema wird Sie finden.“ Und die evangelische Pastorin Sandra Bils, die inzwischen an der CVJM-Hochschule Kassel lehrt, hat schon 2015 in ihrem Blog geschrieben: „Ich freue mich, wenn sich mein Landesbischof öffentlich äußert und stolz auf die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare in der Hannoverschen Landeskirche hinweist und gleichzeitig merke ich, dass es mir nicht weit genug geht, weil er im gleichen Atemzug anderen Meinungen eine Daseinsberechtigung zuspricht.“ Da ist also keinerlei Toleranz für die traditionelle Position spürbar, die heute immer noch von der übergroßen Mehrheit der weltweiten Christenheit geteilt wird.

Meine zweite Beobachtung ist: Einheit auf Basis einer Christusmitte funktioniert nicht, wenn der Begriff „Christus“ nur noch eine Hülse ist, die jeder subjektiv ganz unterschiedlich füllen kann. Denn die Frage ist ja: Wer und wie ist denn dieser Christus, der uns verbinden soll? Was hat er getan? Was hat er gelehrt? Worin liegt sein Erlösungswerk? Wir haben nur eine einzige Informationsquelle zu solchen Fragen: Die Bibel. Wenn aber die Bibel kein verbindlicher Maßstab mehr ist, dann wird es letztlich auch bei diesen allerzentralsten Fragen des Glaubens unmöglich, gemeinsame Antworten geben zu können. Dann haben wir auch keine gemeinsame Botschaft mehr. Dann verlieren wir unser Profil. Dann weiß niemand mehr, wofür wir stehen. Dann marginalisiert sich die Kirche. Und dann gibt es auch nichts mehr, was man ganz selbstverständlich miteinander feiern, besingen und bezeugen kann. Dann gibt es zwar vielleicht keinen Streit mehr, aber es gibt etwas, was noch schlimmer ist: Wir entfremden uns voneinander. Unsere Jesusbewegung trocknet langsam aus.

Wenn mehr Toleranz nicht die Lösung ist, was ist es dann?

Der Autor Jürgen Mette hat in seinem Buch „Die Evangelikalen“ folgende These aufgestellt: „Wer sich in Christologie und Soteriologie in der Mitte findet, der kann sich Differenzen an der Peripherie des Kirchenverständnisses, des Taufverständnisses, der Eschatologie leisten.“

Einfach ausgedrückt sagt Jürgen Mette: Wer sich darin einig ist, wer Jesus ist und warum er am Kreuz für uns gestorben ist, der kann Differenzen bei Fragen zur richtigen Kirchenstruktur, zur Tauffrage oder zu Endzeitfragen aushalten. Wenn wir im Kern beieinander sind, dann trennen uns die Differenzen in den Randfragen nicht.

Ich bin überzeugt: Das stimmt! Genau das war das Erfolgsgeheimnis der Evangelikalen! Diese starke Übereinstimmung im Kern und beim Evangelium ermöglicht es ihnen, die enorme Vielfalt an Prägungen, an Kulturen und an Strukturen auszuhalten.

Flexibilität und Intoleranz: 2 Pole im Neuen Testament

Genau diese doppelte Ausrichtung finden wir auch im Neuen Testament. Die junge Christenheit war eine sehr bunte Bewegung, die enorm viele, teils krasse Differenzen aushalten musste. Da kamen Juden mit Nichtjuden unterschiedlichster Hintergründe zusammen. Da gab es gesellschaftliche Differenzen: Gutsherren, Sklaven, Männer, Frauen und Kinder kamen zusammen. Das war damals absolut revolutionär. Und Paulus war er der Meinung: Es ist so wichtig, dass wir uns da nicht trennen lassen. Von sich selbst hat er gesagt: Ich bin allen alles geworden, damit ich so viele wie möglich gewinnen kann. Da hatte Paulus also eine enorme Weite und eine große Flexibilität.

Aber wenn es um das Evangelium ging, da wurde Paulus plötzlich absolut kompromisslos. Da ging er scharf gegen falsche Lehre vor. Den Galatern schrieb er sogar: „Wer euch eine andere Gute Nachricht verkündet als die, die ihr bereits angenommen habt, soll verflucht sein!“ Er scheute nicht einmal davor zurück, Petrus öffentlich anzugreifen, wenn es um das Evangelium geht.

Genau diese Haltung sehen wir später auch bei den apostolischen Vätern und den Kirchenvätern. Die junge Christenheit musste sich gegen viele falsche Lehren erwehren: Gesetzlichkeit, Gnosis, Doketismus, Marcionismus… Das Abwehren von falscher Lehre gehörte von Beginn an zur Aufgabe von christlichen Leitern dazu. Und die Kirche hat überhaupt nur überlebt, weil die christlichen Leiter diese Aufgabe ernst genommen haben.

Die wichtige Funktion der Bekenntnisse

Für die Abwehr falscher Lehre haben die frühen Christen solch wundervolle Bekenntnisse wie das Apostolikum und das Nicäno-Konstantinopolitanum formuliert, die bis heute die Christenheit miteinander verbinden. Schon immer hatten diese Bekenntnisse auch die Funktion, falsche Einflüsse zurückzuweisen und deutlich zu machen, was Christen miteinander verbindet.

Auch den Christen, die die evangelische Allianz gegründet haben, war das wichtig. Die Deutsche evangelische Allianz hat ihre Glaubensbasis erst vor kurzem wieder aktualisiert, um sagen zu können: Trotz aller Vielfalt und Differenzen sind es diese Überzeugungen, die uns einen. Diese wenigen Sätze beschreiben einen gemeinsamen Kern, der uns verbindet und der uns die Kraft gibt, die Differenzen bei vielen anderen Fragen auszuhalten. Thorsten Dietz schreibt dazu zurecht: „Die Allianz ist eine ökumenische Bewegung, die gerade darum das gemeinsame Bekenntnis so knapp wie möglich formuliert hat.“ Wie wahr! Aber gerade deshalb ist es ja so ungeheuer wichtig, wenigstens diese wenigen Sätze zu schützen und zu bewahren! Und meine Beobachtung war in den letzten Jahren leider, dass leider auch diese ganz zentralen Grundbekenntnisse der Evangelikalen in Frage gestellt werden – nicht nur von außen, sondern auch mitten im allianzevangelikalen Umfeld.

Entscheidende Differenzen beim Bibelverständnis

Um zu zeigen, was ich meine, möchte ich gerne mit Ihnen genauer auf diesen letzten Satz in der Glaubensbasis der Evangelischen Allianz schauen. Er lautet:

„Die Bibel, bestehend aus den Schriften des Alten und Neuen Testaments, ist Offenbarung des dreieinen Gottes. Sie ist von Gottes Geist eingegeben, zuverlässig und höchste Autorität in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung.“

Hier wird mit wenigen Worten ein Bibelverständnis zusammengefasst, das oft als konservativ oder auch als biblizistisch oder fundamentalistisch bezeichnet wird. Ich persönlich bezeichne dieses Bibelverständnis lieber als das „historische Bibelverständnis“. Historisch deshalb, weil ich der Überzeugung bin, dass sich dieses Bibelverständnis in der ganzen Kirchengeschichte immer wieder nachweisen lässt, gerade auch in der Reformation, aber auch bei den Kirchenvätern, bei den apostolischen Vätern und vor allem – und das ist natürlich am wichtigsten – in der Bibel selbst.

Die Frage ist jetzt aber: Ist dieses historische Bibelverständnis denn heute noch Konsens unter Evangelikalen? Nach meiner Beobachtung muss ich diese Frage mit einem ganz klaren „nein“ beantworten. Meine Beobachtung ist, dass heute auch mitten im allianzevangelikalen Umfeld ein konkurrierendes Bibelverständnis vertreten wird, das zwar oft mit ähnlichen Worten beschrieben wird, das aber im Kern vollkommen anders ist und zu völlig anderen Konsequenzen führt.

Dieses konkurrierende Bibelverständnis hat verschiedene Bezeichnungen. Ich bezeichne es gerne als „progressives Bibelverständnis“. Das Problem ist: Vielen Christen fällt gar nicht auf, wie grundsätzlich anders dieses Bibelverständnis ist, denn oft werden nur die Gemeinsamkeiten zwischen dem historischen und dem progressiven Bibelverständnis betont. Und tatsächlich gibt es diese Gemeinsamkeiten:

  • Beide Bibelverständnisse sind sich einig, dass die Bibel ganz Menschenwort ist, dass hier Menschen geschrieben haben und dass ihr Charakter und ihre Erfahrungen ihre Texte geprägt haben.
  • Beide Bibelverständnisse sind sich einig, dass die Bibel auslegungsbedürftig ist. Bibelstellen müssen immer im biblischen Gesamtkontext verstanden werden. Die Textgattung, die Reichweite, die Adressaten sowie das historische und heilsgeschichtliche Umfeld müssen differenziert beachtet werden! Und zum richtigen Verstehen der Texte wird der Heilige Geist benötigt.
  • Und beide Bibelverständnisse sagen übereinstimmend:
    Die Bibel ist Gottes Wort im Menschenwort.
    Die Bibel ist inspiriert.

Sind sich die Evangelikalen im Kern also doch einig? Meine Beobachtung ist: Nein, überhaupt nicht. Denn trotz dieser Übereinstimmungen gibt es ganz gravierende Unterschiede, die weitreichende Konsequenzen haben:

Der wichtigste Unterschied betrifft das Wesen und den Charakter der biblischen Texte. Das Bibelverständnis der Evangelischen Allianz sagt dazu: „Die Bibel IST Offenbarung des lebendigen Gottes.“ Das progressive Bibelverständnis sagt hingegen: Die Bibel ist ein Zeugnis der Offenbarung des lebendigen Gottes. So heißt es zum Beispiel in einem aktuellen Grundsatztext der EKD: „Die biblischen Texte werden gehört und ausgelegt als Gottes Wort im Menschenwort, das das endgültige Wort Gottes in Person und Wirken Jesu Christi bezeugt.“

Im historischen Bibelverständnis wird also gesagt: Die Bibel IST Offenbarung. Die Texte sind so, wie sie dastehen, offenbarte Worte Gottes. Im progressiven Bibelverständnis wird hingegen gesagt: Die Bibel bezeugt die Offenbarung. Was sich so unscheinbar anhört, hat in Wahrheit gewaltige Konsequenzen. Gerade die Formel „Gotteswort im Menschenwort“ hat dann eine ganz unterschiedliche Bedeutung. Im historischen Bibelverständnis heißt diese Formel: Die Bibel ist ganz Menschenwort UND zugleich ganz Gotteswort. Im progressiven Bibelverständnis bedeutet diese Formel hingegen: Die Bibel ist ganz Menschenwort und sie kann Gottes Wort enthalten bzw. vermitteln. So schreibt zum Beispiel Siegfried Zimmer: „Der Satz ‚Die Bibel ist Gottes Wort‘ meint: Gott kann und will durch die Bibel zu uns reden.“ Oder der Theologe Udo Schnelle schreibt: „Natürlich ist die Bibel das Wort Gottes. Sie ist es aber nicht an sich, sondern immer dann, wenn sie für Menschen zum Wort Gottes wird. In dem Moment, wo es Menschen erreicht und zum Glauben an Jesus Christus führt, wird die Bibel zum Wort Gottes.“

Damit wird der Unterschied im progressiven Bibelverständnis deutlich: Hier ist die Bibel nicht an sich Gotteswort, sondern sie kann es beim Lesen individuell für uns werden! Daraus leitet sich dann auch ein unterschiedliches Inspirationsverständnis ab. Im historischen Bibelverständnis wird die Inspiration der Bibel stark auf die Entstehung der Texte bezogen. Man sagt also: Der Heilige Geist hat bei der Entstehung der Texte mitgewirkt, so wie Petrus zum Beispiel sagt: „Vom Heiligen Geist haben Menschen in Gottes Auftrag geredet.“ Im progressiven Bibelverständnis hingegen sagt man: Die Inspiration der Texte bezieht sich primär auf unser heutiges Lesen und Verstehen der Bibeltexte. Wenn wir die Bibel lesen, dann kann der Heilige Geist diese Texte für uns individuell zu inspirierten Gottesworten machen.

Der Knackpunkt: Das progressive Bibelverständnis ermöglicht Sachkritik

Damit kommen wir zum entscheidenden Unterschied dieser beiden Bibelverständnisse: Wenn die Bibel Gottes Offenbarung IST, wie es in der Glaubensbasis der evangelischen Allianz festgehalten wird, dann können wir diese Bibelworte natürlich unmöglich inhaltlich kritisieren! Wir können zwar unterscheiden lernen, wie diese Texte gemeint sind und wie sie einzuordnen sind. Aber wenn es Gott ist, der in den biblischen Texten zu Wort kommt, dann können wir die Aussagen, die wir aus den biblischen Texten ableiten, letztlich nicht kritisieren, sondern dann haben wir sie als Gotteswort demütig zu hören. Wenn Gott spricht, dann kann nur Vertrauen und Gehorsam unsere Antwort sein.

Im progressiven Bibelverständnis hingegen ist das anders. Da sagt man ja: Die Bibeltexte sind zunächst einmal nur Menschenwort. Sie sind nur ein Zeugnis der Offenbarung. Aber ein Zeugnis kann auch fehlerhaft sein. Es kann auch widersprüchlich sein. Und deshalb kann man diese Texte natürlich auch kritisieren. Dazu noch einmal Siegfried Zimmer: „Eine Kritik an den Offenbarungsereignissen selbst steht keinem Menschen zu. … Die schriftliche Darstellung von Offenbarungsereignissen darf man aber untersuchen, auch wissenschaftlich und ‚kritisch‘.“

Und da haben wir die ganz entscheidende Differenz schwarz auf weiß: Wenn der biblische Text die Offenbarung nur bezeugt aber nicht selbst IST, dann können wir diese Texte natürlich heute auf Basis unserer Vernunft auch inhaltlich kritisieren. In der Theologie würden wir dann von „Sachkritik“ sprechen. Und genau hier laufen die Wege auseinander. Denn Sachkritik, also inhaltliche Kritik an biblischen Gesamtaussagen, wird im Rahmen des progressiven Bibelverständnisses für etwas völlig Normales gehalten.

Das wird beispielhaft deutlich im Buch „glauben lieben hoffen“, das von Vertretern der freikirchlichen Jugendarbeit im SCM-Verlag herausgegeben wurde. Knapp zusammengefasst wird da zum Beispiel gesagt:

  • In den prophetischen Texten wird keine Zukunft vorhergesagt.
  • Jesus wird nicht im Alten Testament vorausgesagt.
  • „Die Bibel ist von einer Entwicklung hin zum Monotheismus geprägt.“ Das heißt also: Die Bibel enthält veraltete Gottesbilder.
  • Die „Vorstellungen“ von Teufel, Himmel und Hölle haben sich wohl erst nach dem babylonischen Exil entwickelt, vermutlich durch den Einfluss des Zoroastrismus und des griechischen Denkens
  • Matthäus, Lukas und Paulus seien von einer biologischen Vaterschaft Josefs ausgegangen.

Natürlich widersprechen diese Aussagen komplett den Aussagen, die die Texte selbst machen wollen. Aber derartige Bibelkritik wird möglich, wenn die Bibel die Offenbarung Gottes nur bezeugt, aber nicht selbst ist. Das Problem ist: Etwas, das ich auf Basis meiner Vernunft kritisieren kann, das kann natürlich nicht mehr so wie in der Glaubensbasis der evangelischen Allianz als „zuverlässig und höchste Autorität in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung“ gelten. Diesen Wert als Norm des Glaubens hat die Bibel dann verloren.

Die Folge: Widersprüchliche Lehren bei den Kernfragen des Glaubens

In der Praxis zeigt sich: Mit der Öffnung für Sachkritik wird die Tür geöffnet für Lehren, die nicht mehr mit durchgängigen Aussagen der Bibel zusammenpassen. Wie drastisch sich dieses Bibelverständnis selbst auf die innersten Kernfragen des Glaubens auswirkt, sieht man besonders gut bei der Frage, warum denn eigentlich Jesus am Kreuz gestorben ist. Schauen wir doch einmal, was das Bekenntnis der evangelischen Allianz zu dieser Frage sagt und was wir im Vergleich dazu im Buch „glauben lieben hoffen“ lesen:

Aus der Glaubensbasis der
evangelischen Allianz
Zitat aus „glauben lieben hoffen“
„Der Mensch … ist durch Sünde und Schuld von Gott getrennt.

Jesus Christus, der Mensch gewordene Sohn Gottes, ist stellvertretend für alle Menschen gestorben. Sein Opfertod allein ist die Grundlage für die Vergebung von Schuld, für die Befreiung von der Macht der Sünde und für den Freispruch in Gottes Gericht.“

„So wurde und wird häufig argumentiert: Infolge des Sündenfalls ist der Mensch getrennt von Gott, und nur ein vollkommenes Opfer kann die Beziehung zwischen Gott und Mensch wieder in Ordnung bringen. … Hat eigentlich mal jemand gefragt, warum eine Opferhandlung  … dies erreichen können soll? … Gott vergibt, weil er ein gnädiger Gott ist, ohne dass Gott durch Töten und Blutvergießen milde gestimmt werden müsste. … um die Sünde der Menschen hinweg zu nehmen, braucht es eigentlich kein Opfer und keinen Geopferten.“ (S. 69, M. Drodofsky)

Ohne Zweifel steht die Kreuzestheologie mitten im Zentrum unseres Glaubens. Und es ist nun einmal ein riesengroßer Unterschied, ob…

… Gott uns einfach so vergibt oder ob er uns verurteilt, dann aber selbst die Strafe übernimmt.

… wir uns nur subjektiv schuldig fühlen oder ob wir objektiv schuldig sind und von Gott eigentlich im Gericht verurteilt werden müssten.

… Jesu Tod nur ein Akt der Solidarität und Hingabe ist oder ein wirksames Opfer zur Vergebung unserer Schuld.

… wir nur belastete Menschen sind, die Zuspruch und Ermutigung bekommen sollen oder ob wir ohne das Kreuz verloren sind und Rettung brauchen.

Wir müssen es so deutlich sagen: Es handelt sich bei dieser progressiven Deutung der Kreuzestheologie letztlich um ein anderes Evangelium.

Die missionarische Dynamik geht verloren

Welche Konsequenzen ergeben sich aus diesen Differenzen beim Evangelium? Im Buch „Mission Zukunft“ hat der Präses des Bundes der Freien evangelischen Gemeinden Ansgar Hörsting geschrieben: „Ich kenne keine missionarisch wirksame Gemeinde, in der es nicht Leute gibt, die klar auf dem Schirm haben: Ohne Jesus Christus sind Menschen verloren.“ Die Kirche Jesu verliert also ihre missionarische Dynamik, wenn sie Botschaft vom Kreuz verliert oder umdeutet.

Und Pfarrer Swen Schönheit, Theologischer Referent der Geistlichen Gemeindeerneuerung schreibt: „Die „Botschaft vom Kreuz“ ist im Raum der Kirche verblasst. Damit verliert sich „Gottes Kraft“ und Kirche reduziert sich selbst zu einer Agentur der Mitmenschlichkeit.“

Das heißt also: Das veränderte Bibelverständnis führt zu einer veränderten Theologie, die wiederum ganz direkte Auswirkungen hat auf die missionarische Kraft und Ausstrahlung der Kirche. Der evangelische Pfarrer Alexander Garth schreibt dazu in seinem Buch „Untergehen oder umkehren“:

„Es besteht ein Zusammenhang zwischen liberaler westlicher Theologie und dem Niedergang von Gemeinden. Es sind fast ausschließlich liberale Kirchen, die teilweise dramatisch Mitglieder verlieren.“ „Wenn man in der Welt aufstrebende Gemeinden und Bewegungen bestimmen möchte, die nicht evangelikal sind, so würde man kaum etwas finden. Zumindest gehört das zu den gesicherten Forschungsergebnissen der Religionssoziologie.“

Das Ringen um gesunde Theologie ist von entscheidender Bedeutung

Dieses Zitat macht etwas deutlich, was aus meiner Sicht auch für den weiteren Weg der evangelikalen Bewegung ganz entscheidend ist: Theologie zählt! Ich höre heute auch mitten im allianzevangelikalen Umfeld häufig die These: Lasst uns doch nicht über Theologie streiten. Lasst uns lieber gemeinsam evangelisieren und Gemeinde bauen. Das hört sich schön an. Und ich würde sofort zustimmen, wenn die Praxis nicht zeigen würde: Unsere Theologie ist ganz offenkundig ein entscheidender Faktor dafür, ob wir miteinander fruchtbar evangelisieren und Gemeinde bauen können oder nicht. Theologie kann Einheit, Evangelisation und Gemeindebau befruchten, sie kann aber auch Einheit, Evangelisation und Gemeindebau unterwandern und zerstören. Deshalb müssen wir gerade um der Evangelisation, der Mission und des Gemeindebaus willen, ringen, streiten um die zentralen theologischen Fragen.

Stellen Sie sich einmal diese Situation vor: Da steht jemand auf dem Feld mit einer stumpfen Sense und kommt kaum voran bei der Ernte. Und ein anderer rennt hin und sagt: Mensch, der Bauer hat doch gesagt, wir sollen zum Ernten den Mähdrescher nehmen. Und der erste sagt: Jetzt mecker nicht rum. Schnapp Dir die Sense und hilf mit!

Genau so empfinde ich diese Aufrufe, nicht über Theologie zu streiten, obwohl doch das Ringen um die richtige Theologie schon in der Bibel eine enorm wichtige Rolle spielt. Die Bibel macht immer wieder deutlich: Wir können und dürfen nicht einfach schweigend zusehen, wenn Leute in unserer Mitte aufstehen und Dinge lehren, die nicht zum biblischen Evangelium passen. Gerade um der Mission willen, gerade um der Einheit willen, gerade um des Gemeindebaus willen müssen wir ganz neu lernen, um die richtige Theologie zu streiten. Es gäbe uns heute nicht, wenn nicht die Apostel, die Kirchenväter oder die Reformatoren intensiv um theologische Fragen gestritten hätten! Streit ist zwar Mist, wenn es um Randfragen geht, wenn es ums pure Rechthaben geht, wenn der Streit lieblos und arrogant geführt wird. Aber wo unser Herz brennt für das Evangelium und für die verlorenen Menschen, da wird Gott mit uns sein, wenn wir sagen: Hier stehe ich und kann nicht anders. Ich muss widersprechen, um des Wortes Gottes und des Evangeliums willen. Das wünsche ich mir, dass das wieder viel häufiger geschieht.

Allianzevangelikale sind immer auch Bekenntnisevangelikale

Aber was bedeutet das jetzt für die Zukunft der Evangelikalen? Das war ja die Frage dieses Vortrags: Evangelikale Bewegung, wohin? Das Bild, das Thorsten Dietz gezeichnet hat, hatte die Botschaft: Da gibt es eine Weggabelung und die evangelikale Bewegung muss sich entscheiden: Folgen wir den Allianzevangelikalen? Oder folgen wir den Bekenntnisevangelikalen? Die Frage ist nur: Ist das wirklich die Weggabelung, vor der die evangelikale Bewegung steht? Ich bin der Meinung, dass das tatsächliche Bild etwas anders aussieht.

Ich glaube nicht, dass es zu dieser Aufspaltung kommt. Das tatsächliche Bild, das ich wahrnehme sieht so aus: Es gibt keine Differenz zwischen Allianz- und Bekenntnisevangelikalen. Ohne Bekenntnis kann es keine Allianz geben. Deshalb waren Allianzevangelikale immer schon zugleich auch Bekenntnisevangelikale! Die Glaubensbasis der evangelischen Allianz, das Apostolikum, das Nicäno-Konstantinopolitanum, das sind feststehende Bekenntnisse, die grundlegend sind für die Evangelikalen, für die Lausanner Bewegung und für die evangelische Allianz. Deshalb brauchen wir beides, wenn wir auch in Zukunft noch Einheit in Vielfalt wollen: Wir brauchen Toleranz in den Randfragen. Und wir brauchen Konsens in den zentralen Bekenntnisfragen.

Es geht um die Bewahrung unserer verbindenden Glaubensschätze

Thorsten Dietz hat deshalb auch das Anliegen des Netzwerks Bibel und Bekenntnis leider falsch dargestellt. Er meint, das Netzwerk Bibel und Bekenntnis wolle, dass „man sich verbindlich auf eindeutige Bekenntnisse einigt und entsprechend auf allen Ebenen durchsetzt, was in der jeweiligen Gemeinde, Kirche oder Allianz vertreten werden darf.“ Nichts könnte verkehrter sein als das. Das Anliegen des Netzwerks Bibel und Bekenntnis ist nicht, dass man sich auf etwas Neues einigt. Es geht nicht darum, etwas durchzusetzen. Es geht vielmehr darum, etwas zu bewahren! Auf die Bekenntnisse muss man sich nicht einigen, die sind ja längst vorhanden und veröffentlicht. Das Anliegen des Netzwerks Bibel und Bekenntnis ist: Die Liebe zu Christus zu stärken und zugleich Festhalten an den veröffentlichten Bekenntnissen, die unverzichtbar sind für die Einheit der Evangelikalen. Wir arbeiten und beten dafür, dass die veröffentlichten Bekenntnisse und Glaubensgrundlagen nicht zu Papiertigern verkommen, sondern das bleiben, was sie schon immer waren: Verbindende Glaubensschätze, die man über alle Unterschiede hinweg ganz selbstverständlich miteinander feiern, besingen und bezeugen kann. Lassen Sie uns das gemeinsam weiter tun!

Kurs halten auf der einzigartigen Erfolgsspur der Evangelikalen!

Ich möchte diesen Vortrag abschließen mit einem Zitat aus dem Buch „Menschen mit Mission“, über das wir heute so viel gesprochen haben. Ich nehme wahr, dass manche Evangelikale heute entmutigt sind. Man hat das Gefühl: Wir sind Wenige. Wir sind auf dem Rückzug. Wir werden in der Gesellschaft immer mehr an den Rand gedrängt. Niemand nimmt uns mehr ernst. Das spannende ist: Genau dieses Gefühl hätten die Evangelikalen auch für einem halben Jahrhundert haben können. Der Lausanner Kongress ist jetzt beinahe 50 Jahre her. Auch damals waren die Evangelikalen eine Randgruppe. Aber Thorsten Dietz schreibt:

Warum handelt es sich bei den Evangelikalen heute um die weltweit zweitgrößte christliche Strömung nach dem Katholizismus? Niemand hätte sich das vor 50 oder 60 Jahren träumen lassen. Der Lausanner Kongress wurde in der deutschen Öffentlichkeit nur am Rande registriert. Die meisten (gerade auch in den Kirchen) waren sich sicher: Zukunft kann nur eine Christenheit haben, die sich für die Moderne öffnet, die das aufgeklärte Wahrheitsbewusstsein der Wissenschaften respektiert und eine politisch-gesellschaftliche Kraft für eine bessere Welt wird. Welche Zukunft sollten da schon Grüppchen haben, denen Evangelisation und Mission über alles geht, die im Zweifelsfall lieber der Bibel glauben als der historischen Forschung? Wer wird schon Ewiggestrige ernst nehmen, die sich radikal der sexuellen Liberalisierung der 1960er-Jahre verweigern? Aber entgegen allen Erwartungen ist keine religiöse Gruppe im letzten halben Jahrhundert dynamischer gewachsen als diese.

Evangelikale Bewegung wohin? Aus meiner Sicht kann es darauf nur 1 Antwort geben: Weiter hinter Jesus her! Weiter auf der Spur, die sein Wort uns zeigt! Lassen wir uns nicht entmutigen. Lassen wir uns nicht einschüchtern. Lassen wir uns nicht aus der Segensspur drängen. Machen wir uns eins mit so vielen evangelikalen Geschwistern auf der ganzen Welt, die Jesus folgen, oft unter großen Opfern, die sein Wort weitertragen bis an die Enden der Erde und die gemeinsam mit uns darauf warten, dass unser Herr wiederkommt und sein Reich aufrichtet. Lassen wir es zu, dass diese Hoffnung neu unser Herz erfüllt. Lassen Sie uns gemeinsam mutig dafür beten und arbeiten, dass sein Reich schon jetzt unter uns Gestalt gewinnt.

Haben Fundamentalisten die Unfehlbarkeit der Bibel erfunden? – Ein Faktencheck

Es macht mich immer skeptisch, wenn eine theologische Lehre den Anspruch erhebt, neu und innovativ zu sein. Ich glaube, dass die biblische Offenbarung abgeschlossen ist. Es ist für mich schwer vorstellbar, dass der Heilige Geist uns nach 2000 Jahren immer noch völlig neue Auslegungen offenbart. Ich halte es deshalb lieber mit C.H. Spurgeon, wenn er schreibt: „Es gibt nichts Neues in der Theologie außer dem, was falsch ist.“

Neuerdings werden aber Stimmen lauter, die genau diesen Vorwurf gegenüber theologisch konservativen Christen erheben. Konkret wird behauptet: Die Lehre von der Fehlerlosigkeit der Schrift sei eine moderne Erfindung von protestantischen Fundamentalisten aus dem späten 19. bzw. frühen 20. Jahrhundert. So berichtet der US-amerikanische Kirchenhistoriker Prof. John Woodbridge in seiner Analyse zu der Frage, ob Fundamentalisten die Irrtumslosigkeit erfunden haben:

„Noch in den 1970er Jahren gingen die meisten Evangelikalen davon aus, dass die biblische Irrtumslosigkeit zu ihren nicht verhandelbaren Grundüberzeugungen gehört.“ Doch eine „neue Darstellung der historischen Entwicklung schlug vor, dass die biblische Irrtumslosigkeit angeblich weder eine evangelikale Lehre noch eine zentrale Lehre der westlichen christlichen Kirchen sei. Vielmehr handele es sich um eine typisch fundamentalistische Überzeugung, die ihren Ursprung im späten neunzehnten Jahrhundert habe. …  Die neue historische Darstellung, dass die biblische Irrtumslosigkeit eine fundamentalistische Lehre ist, hat das Denken einer Reihe angesehener protestantischer und römisch-katholischer Theologen und Kirchenhistoriker geprägt.“

Tatsächlich äußerte Prof. Thorsten Dietz in einem IDEA-Interview (Ausgabe 21.2022):

„Die absolute Irrtumslosigkeit der Bibel ist ja eine Idee des 20. Jahrhunderts. Ich weiß, dass diejenigen, die die völlige Irrtumslosigkeit der Bibel vertreten, das anders sehen. Sie glauben, dass sie die traditionelle Auffassung vertreten. Das tun sie aber nicht!“

Nun sind Begriffe wie „Irrtumslosigkeit“ oder „Unfehlbarkeit“ natürlich definitionsbedürftig (siehe dazu der AiGG-Artikel „Ist die Bibel unfehlbar?“). Bei Fragen zum Urtext, zu den Kanonrändern, zur Textgattung, zur Aussageabsicht und zur Auslegung kann es auch aus meiner Sicht keine Unfehlbarkeit geben. Trotzdem hat mich die These von Thorsten Dietz überrascht. Im AiGG-Artikel über „das biblische Bibelverständnis“ habe ich begründet, warum ich überzeugt bin, dass schon die Bibel selbst die Heiligen Schriften als inspiriertes Wort Gottes mit absoluter Autorität ansieht (2.Tim.3,16; 2.Petr.1,20+21). Auch Prof. Gerhard Maier zeigt sich überzeugt: „Im Neuen Testament wird das gesamte damalige ‚Alte Testament‘ … als von Gott eingegeben aufgefasst.“ Für die Autoren des Neuen Testaments waren „die beiden Wendungen ‚Die Schrift sagt‘ und ‚Gott sagt‘ untereinander austauschbar.“ Für Jesus war „selbst die kleinste Einzelheit von Gottes Gesetz gültig“ (Matth. 5, 18). Entsprechend durfte von den Schriften nichts weggelassen, hinzugefügt oder verdreht werden (Offb.22,18-19, 5.Mose13,1; 2. Petr.3,15-16).

Kann der Glaube an die Irrtumslosigkeit der Schrift also wirklich etwas so Neues sein?

Irrtumslosigkeit der Schrift bei den Kirchenvätern

Der renommierte Neutestamentler Theodor Zahn hielt fest, dass auch im Vorstellungskreis der nachapostolischen Generation die Möglichkeit, „dass ein Apostel in seinen an die Gemeinden gerichteten Lehren und Anweisungen geirrt habe könnte“ offenbar keinen Raum hatte. Tatsächlich finden sich viele Belege für den Glauben an die Unfehlbarkeit in den Schriften der frühen Kirchenleiter. Der Harvard-Professor James L. Kugel, selbst kein Anhänger der Irrtumslosigkeit der Schrift, hielt es für „auffallend, dass alle antiken Ausleger anscheinend die gleichen Erwartungen an den biblischen Text hatten”, nämlich dass die „Bibel keine Widersprüche oder Fehler enthält.“ „Und natürlich sollte die Bibel sich nicht selbst widersprechen oder sich sogar scheinbar unnötig wiederholen, so dass, wenn es zweimal heißt »und die beiden gingen zusammen«, das zweite Vorkommen nicht einfach eine Wiederholung sein kann; es muss etwas anderes bedeuten als das erste. Kurzum, die Bibel sei ein völlig konsistentes, nahtloses, perfektes Buch.“

Auch der oft als „Kirchenvater“ bezeichnete Augustinus sah es im 4. Jahrhundert als eine nicht verhandelbare kirchliche Lehre an, dass es in der Heiligen Schrift keine Fehler gibt:

„Ich habe gelernt, diesen Respekt und diese Ehre nur den kanonischen Büchern der Schrift zu geben: Nur von diesen allein glaube ich fest entschlossen, dass das, was Autoren geschrieben haben, ohne jegliche Fehler ist. Und wenn ich in diesen Schriften auf etwas stoße, das mir der Wahrheit zu widersprechen scheint, so zögere ich nicht, anzunehmen, dass entweder die Handschrift fehlerhaft ist, oder dass der Übersetzer den Sinn des Gesagten nicht erfasst hat, oder dass ich selbst es nicht verstanden habe.“

Für Augustinus gab es im Falle eines scheinbaren Fehlers also nur 3 Möglichkeiten: Ein Fehler im Manuskript. Ein Fehler in der Übersetzung. Oder aber der Ausleger hatte eine Aussage der Schrift einfach falsch verstanden. Ein Fehler des biblischen Autors kam für ihn nicht in Frage.

Irrtumslosigkeit in der Reformationszeit

Genau auf diese Aussage von Augustinus berief sich später auch Martin Luther, als er in seiner „Assertio omnio articulorum“ schrieb:

„Wieviele Irrtümer sind schon in den Schriften aller Väter gefunden worden! Wie oft widersprechen sie sich selbst! Wie oft sind sie untereinander verschiedener Meinung! … Keiner hat der Heiligen Schrift Vergleichbares erreicht … Ich will …, dass allein die Heilige Schrift herrsche … [Ich] ziehe … als hervorragendes Beispiel Augustinus heran … was er in einem Brief an Hieronymus schreibt: ‚Ich habe gelernt, nur den Büchern, die als kanonisch bezeichnet werden, die Ehre zu erweisen, dass ich fest glaube, keiner ihrer Autoren habe geirrt.“

Luther hatte zwar bei manchen biblischen Büchern Zweifel, ob sie zum Kanon gehören. Aber kanonische Bücher hatten für ihn absolute Autorität. Laut Hans Küng hatte die Sichtweise von Augustinus das ganze Mittelalter hindurch bis in die Neuzeit hinein starken Einfluss. Deutlich wird das zum Beispiel an einer Debatte zwischen Johannes Eck, einem römisch-katholischen Zeitgenossen Martin Luthers, und dem Gelehrten Erasmus. Letzterer vertrat die Meinung, dass es der Schriftautorität keinen Abbruch täte, falls zum Beispiel Matthäus ein Jeremiazitat versehentlich Jesaja zugeschrieben hätte – eine Argumentation, die man auch heute häufig hört. Sind also kleinere Fehler unrelevant? Die Antwort von Eck ist bemerkenswert. Er zitiert die seiner Meinung nach zentrale augustinische Lehre von der Irrtumslosigkeit der Bibel:

“Hör zu, lieber Erasmus: Glaubst du, dass irgendein Christ es geduldig erträgt, wenn man ihm sagt, dass die Evangelisten in ihrem Evangelium Fehler gemacht haben?” “Wenn die Autorität der Heiligen Schrift an dieser Stelle wackelig ist, kann dann irgendeine andere Stelle frei vom Verdacht des Irrtums sein? Eine Schlussfolgerung, die der heilige Augustinus in einer eleganten Argumentationskette gezogen hat.”

Irrtumslosigkeit als kirchliche Lehre in der Moderne

Nicht nur für Luther, sondern auch für seinen katholischen Kontrahenten war also die völlige Fehlerfreiheit der kanonischen Schriften eine Selbstverständlichkeit. Diese Position wurde in der katholischen Kirche noch lange Zeit aufrecht erhalten. Ende des 19. Jahrhunderts hielt Papst Leo XIII. in einer Enzyklika fest, dass die römisch-katholische Kirche die Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift nicht nur in Fragen des Glaubens und der Praxis, sondern auch in Fragen der Geschichte und der Wissenschaft bejaht. Er tadelte diejenigen, die die Irrtumslosigkeit der Schrift auf Fragen des Glaubens und der Moral beschränken wollten mit dem Hinweis, dass sich doch alle Väter einig seien, „dass die göttlichen Schriften… frei von jedem Irrtum sind“ und dass sie sich deshalb „ernsthaft bemühten, … jene zahlreichen Stellen miteinander zu versöhnen, die widersprüchlich zu sein scheinen.“ Erst in der letzten Ausgabe von „Dei Verbum“ im Jahr 1965 wurde in Bezug auf die Irrtumslosigkeit der Bibel eine Formulierung gewählt, die so verstanden werden kann, dass die Irrtumslosigkeit nur solche Aussagen betreffe, die „um unseres Heils willen“ offenbart wurden.

Entsprechend zitiert John Woodbridge den bekannten US-amerikanischen Geschichtstheologen Richard A. Muller mit den Worten:

„Die katholische Lehre vor der Reformation ging von der Unfehlbarkeit der Schrift aus, ebenso wie die Reformatoren – die protestantischen Orthodoxen haben das Konzept nicht erfunden. Die Lehre von der unfehlbaren Autorität der Schrift blieb eine Konstante.”

Und Woodbridge ergänzt: „Die zentrale Debatte drehte sich nicht um die Unfehlbarkeit der Heiligen Schrift – diese wurde von beiden Seiten als selbstverständlich angesehen – sondern um die Frage der Autorität, insbesondere der Autorität der Auslegung.“

Die Unfehlbarkeit der Bibel: Eine gängige Lehre der christlichen Kirchen

Das Fazit von John Woodbridge fällt eindeutig aus:

„Die Lehre von der Irrtumslosigkeit der Bibel ist keine späte, fantasievolle Schöpfung … des amerikanischen Fundamentalismus des 20. Jahrhunderts. Vielmehr ist sie eine wesentliche evangelische Überzeugung, die sich auf eine biblische Begründung stützt. Sie steht ganz in der augustinischen Tradition der Wahrhaftigkeit der Bibel. Sowohl die römischen Katholiken als auch die protestantischen Reformatoren haben diese Lehre der Kirche bekräftigt. …  Vor 1881 glaubten zahllose römische Katholiken und evangelische Protestanten, dass die Bibel nicht nur in Fragen des Glaubens und der Praxis, sondern auch in Geschichte und Wissenschaft unfehlbar sei. Die diesbezügliche Lehre des Augustinus kam für viele römische Katholiken und Protestanten einer wesentlichen Kirchenlehre gleich. Einige behaupteten, dieser Glaube ergebe sich direkt aus der Prämisse, dass Gott, der Urheber der Wahrheit, auch der letztliche Autor der Heiligen Schrift sei. Daher sei die Schrift ohne Irrtum. Viele glaubten, die Lehre diene als starke Leitplanke gegen die Möglichkeit, in falsche Lehre oder Schlimmeres abzurutschen oder abzustürzen. Viele gingen davon aus, dass dies eine nicht verhandelbare Überzeugung ihrer evangelischen theologischen Identität sei.“

Viele Zitate dieses Artikels stammen aus „Did Fundamentalists Invent Inerrancy?“ von Prof. John Woodbrigde. Der Artikel ist eine Bearbeitung des Kapitel 4 “Evangelical Self-Identity and the Doctrine of Biblical Inerrancy” in “Understanding the Times: New Testament Studies in the 21st Century: Essays in Honor of D. A. Carson on the Occasion of His 65th Birthday” (Crossway, 2011).

Mein Traum geht in die Verlängerung (2)

Im Juli 2020 habe ich einen Artikel veröffentlicht, an den ich in den letzten Tagen immer wieder denken musste. Er befasste sich mit meinem großen Lebenstraum „von einer fröhlichen, bunten und vielfältigen Jesus-Bewegung, die gemeinsam für diese eine Botschaft steht: Jesus ist Herr! Er ist der Weg, die Wahrheit und das Leben! Sein Blut reinigt uns von unserer Schuld! Komm und lass Dich von ihm retten!“ Ich habe in diesem Artikel meine Enttäuschung darüber geschildert, dass unter uns Christen in den letzten Jahren nicht nur alte Spaltpilze überwunden wurden, sondern leider auch der verbindende Konsens in zentralen Glaubensfragen dahingeschmolzen ist – und damit auch die Basis für unsere Einheit.

Besonders bewegt haben mich die immer lautstärkeren Rufe nach einer “Öffnung” im Bereich der Sexualethik. Das hat mich zu der Frage geführt: „Sollte ich mir vielleicht doch einen Ruck geben und mit auf den Zug aufspringen? Offenkundig steigen nicht wenige geschätzte Mitchristen ein in diesen Zug, der jetzt wieder einmal lautstark zum Mitfahren lockt. Aber nein. Ich werde nicht mitfahren. Es zerreißt mir zwar das Herz, dass sich dadurch wohl auch Wege trennen müssen. Aber ich kann trotzdem nicht anders.“ Denn ich kann mein Gewissen vor Gott nicht kompromittieren. Und ich kann zudem absolut nicht erkennen, dass dieser Zug in Richtung Einheit und Erweckung fährt.

Der Zug ist in rasantem Tempo weitergefahren

Seither ist der Zug der progressiven Sexualethik in rasantem Tempo weitergefahren. Neben zahlreichen Worthausvorträgen, Podcasts und Büchern gab es 2021 das erste größere Treffen der Initiative „Coming-In“. Schon der Name vermittelt das Bild: Wer praktizierte Homosexualität nicht gutheißt, der glaubt nicht, dass bei Gott alle Menschen willkommen sind. In meinem Kommentar zur Gründung von „Coming-In“ hatte ich drei Bitten an die Unterstützer formuliert: Bitte sprecht anderen Christen nicht von vornherein die Liebe ab! Baut selbst Gemeinden statt andere Gemeinden umdrehen zu wollen! Und helft doch bitte mit, dass in unserem Land eine Atmosphäre echter Toleranz bewahrt bleibt, in der auch Gemeinschaften mit einer konservativen Position respektiert werden, so dass es ein respektvolles Nebeneinander und vielleicht sogar zumindest punktuell ein Miteinander geben kann. „Vielleicht gelingt das ja eines Tages, dass wir gelassen sagen können: We agree to disagree. Wir sind uns einig, dass wir uns nicht einig sind. Aber wir unterstellen dem Anderen deshalb keine bösen Motivationen.“

Zum „Coming-In“ gesellt sich das „Get out“

Ein weiteres Jahr später sehe ich: Meine Bitten werden nicht gehört. Auf der diesjährigen Coming-In-Tagung in Niederhöchststadt verglich Michael Diener seine Hinwendung zur progressiven Sexualethik mit dem biblischen Saulus/Paulus-Ereignis. Früher habe er andere Menschen „diskriminiert, falsch beraten, ihnen so Schaden zugefügt“ und „die Gnade, die Liebe Gottes, das Evangelium […] viel kleiner gemacht“. Christliche Gemeinschaften, die seinen Weg nicht mitgehen wollen, bezeichnet er als „abgeschlossene Gruppen“, in denen ein „Zeitgeist von vorgestern“ herrscht, und die „ohne Impuls von außen nicht in der Lage sind, sich dem Wirken des lebendigen Geistes Gottes […] zu öffnen”. “Mit aus dem Zusammenhang gerissenen Bibelzitaten wollen sich manche durch eine komplexe Zeit navigieren. Die Bibel wird so aber überfordert und ungeistlich missbraucht.“ Auf der Tagung ist davon die Rede, dass die Sünde der Ausgrenzung aufhören müsse. Ein guter Freund von mir reagierte mit den Worten: Wenn er Recht hat, bin ich ein selbstgerechter, verdammter Irrlehrer. Eine schärfere Infragestellung habe ich noch nie erlebt.“ Der Blogger Matt Studer erkennt in der Tagung gar ein „polemisches Storytelling”. Stillschweigend werde „Willkommenskultur“ (die alle wollen!) mit „Gutheissungskultur“ gleichgesetzt (was niemand durchhalten kann, weil jeder Toleranzgrenzen hat). Konservativen werde unterstellt, nicht die ganze Bibel bei der Auslegung zu berücksichtigen. Sie werden als wissenschaftsfeindlich und realitätsfern dargestellt. Studers Fazit: „Inklusion kommt für Progressive auch an ihre Grenze, wenn es um uns Konservative geht. Denn uns könnt ihr ja unmöglich inkludieren, es sei denn wir tun Busse und denken um!“

Für mich bestätigt sich hier, was ich schon früher beobachtet habe: „Ambiguitätstoleranz“ war gestern. Jetzt werden auch im freikirchlichen Bereich Stimmen laut, die ich aus der evangelischen Kirche schon lange kenne. Die evangelische Pastorin Sandra Bils (die inzwischen an der CVJM-Hochschule Kassel lehrt) schrieb schon 2015 in ihrem Blog, dass sie der Gedanke stört, dass man der konservativen Position noch eine Daseinsberechtigung zuspricht. Die Nordkirche (die ev. Landeskirche in Schleswig Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern) hat 2019 nicht nur beschlossen, gleichgeschlechtliche Paare zu trauen, sondern zugleich auch die Gewissensfreiheit für Pastoren in dieser Frage abzuschaffen – womit Konservative dort keinen Pfarrdienst mehr anstreben können, wenn sie ihr Gewissen nicht kompromittieren wollen. 2020 hatten die Tübinger Theologieprofessoren die konservative Position als „unerträglich“ bezeichnet. Der Trend ist klar: Zum „Coming-In“ gesellt sich rasch das „Get out“ an alle, die diesen Weg nicht mitgehen wollen.

Noch 3 weitere Beobachtungen aus den vergangenen Jahren verfestigen sich:

1. Die progressive Sexualethik geht einher mit einem veränderten Bibelverständnis

So sagt Michael Diener: Er sei gebunden gewesen an eine bestimmte Lesart der Bibel. Heute begreife er die Bibel immer noch als Heilige Schrift und Gottes Wort, “aber zugleich so, dass sie die in ihr steckende Kraft nicht im Buchstaben allein, sondern durch Gottes Geist und in die Zeit hinein entfaltet”. Nun war Michael Diener als Vorsitzender der Deutschen Evangelischen Allianz und Präses des Gnadauer Gemeinschaftsverbandes sicher noch nie ein radikaler Biblizist. Aber auch ein grundsolides evangelikal-/pietistisches Bibelverständnis ist offenkundig nicht mehr vereinbar mit den Thesen, die heute im Umfeld von Coming-In vertreten werden.

2. Progressive Christen missionieren mit Vorliebe konservative Christen

Michael Diener ruft dazu auf, gemeinsam zu glauben, zu hoffen, zu lieben und zu “arbeiten für christliche Gemeinden, in denen Menschen nach ihrem Coming Out ein herzliches Coming In erfahren egal, ob lesbisch, schwul, bi, trans, hetero oder anders queer”. Nun gibt es ja bereits massenhaft Gemeinden, in denen gleichgeschlechtliche Paare getraut werden, vor allem in der evangelischen Kirche, zu der Michael Diener gehört. Trotzdem wird bei Coming-In in Workshops über notwendige Change-Prozesse nachgedacht, damit Gemeinden sich für die LSBTIQ-Community öffnen und „Hartnäckige Missverständnisse“ überwinden. Ich finde es immer noch wenig fair und überzeugend, mit missionarischem Eifer lebendige Gemeinden umdrehen zu wollen, die Christen mit einer anderen Position zum Blühen gebracht haben, während zugleich liberale Gemeinden massenhaft zugrunde gehen. Und auffällig ist: Während Konservative bei jeder Äußerung zum Thema Sexualethik mit dem Vorwurf konfrontiert werden, sie würden nur um das Thema Sex kreisen, wird auf der anderen Seite dieses Thema mit immer größerer Frequenz auf die Tagesordnung gesetzt. Es werden sogar spezielle Tagungen zu diesem Thema abgehalten.

3. Es ist naiv, zu glauben, dass es Einheit gibt, wenn Konservative die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare tolerieren

Die Agenda der progressiven Sexualethik ist lang. Erst kürzlich habe ich begründet, warum ich – gerade auch als Christ – niemals gendern werde. Michael Diener forderte hingegen bereits in seinem Buch „Raus aus der Sackgasse“ die Durchsetzung von Gendersprache und Frauenquoten, und zwar „auch gegen eine eher fundamentalistische oder biblizistische Minderheit. Und bitte halten Sie das nicht für ein Nebenthema!“ (S. 206)

Direkt nach der Coming-In-Tagung lud Michael Diener leidenschaftlich ein zur Tagung: “Zurück zur »natürlichen« Ordnung? Theologische und theopolitische Dimensionen des Anti-Gender-Diskurses”, veranstaltet vom Studienzentrum der EKD für Genderfragen. Auf der Rednerliste der Tagung steht unter anderem Thorsten Dietz, der über „Heteronormative Geschlechterpolitik im Evangelikalismus und seine Probleme“ spricht. Höhepunkt der Tagung ist der öffentliche Abendvortrag von Neil Datta, dem Generalsekretär des „European Parliamentary Forum for Sexual and Reproductive Rights (EPF)“ und zugleich Vorkämpfer für das “Recht auf Abtreibung” und gegen verpflichtende Beratungsgespräche. Aus seiner Sicht ist Deutschland noch lange nicht im grünen Bereich, was das “Recht auf Abtreibung” betrifft, wie dieser WELT-Online-Artikel zeigt.

Dass die progessive Sexualethik und Genderbewegung auch Abtreibung mit im Gepäck hat, mag manche überraschen. Neu ist die Öffnung in der Abtreibungsfrage im kirchlich-progressiven Umfeld aber nicht. 2018 wurde in der evangelischen Kirchenzeitschrift Chrismon aktiv für die Abschaffung des §219a geworben. 2019 rechtfertigte die US-amerikanische Pastorin Nadia Bolz-Weber (laut dem christlichen Medienmagazin PRO „so etwas wie der Star der Emergenten und progressiven Evangelikalen“) ihre eigene Abtreibung mit der These, dass das Leben mit dem Atem beginne – ein wahrhaft verstörender Satz. Denn als Christ und als Biologe muss ich sagen: Auch im Mutterleib sind Kinder bereits Kinder – mit einer gottgegebenen Würde und einem Recht auf Leben. Wer daran zweifelt, dem empfehle ich den Gang durch eine Frühgeborenenstation. Wie Christen sich mit Kräften gemein machen können, die die geltenden Regelungen zum Thema Abtreibung in Deutschland aufkündigen und ein “Recht auf Abtreibung” vorantreiben wollen, ist mir schleierhaft. Ganz sicher ist: Zu solchen Positionen werde ich niemals Brücken bauen können.

Zwei unvereinbare Positionen stehen im Raum

Umso mehr bin ich froh, dass ich 2020 nicht in diesen Zug eingestiegen bin. Die “Öffnung” beim Thema Sexualethik hat zu vieles im Gepäck, was ich nicht teilen kann, darunter auch eine liberalere Theologie, die weltweit Kirchen schrumpfen lässt, wie Alexander Garth in seinem Buch „Untergehen oder umkehren“ eindrücklich dargelegt hat. Wie spaltend progressive Sexualethik wirkt, macht im Moment auch der synodale Weg” in der katholischen Kirche vor. Es ist zwar traurig, aber wir müssen realistisch sein: Hier stehen sich zwei unvereinbare Positionen gegenüber. Auf beiden Seiten handelt es sich nicht nur um eine Meinung, sondern um eine Gewissensfrage. Diesen Dissens kann man vielleicht auf Kongressen übergehen, aber in jeder Gemeinde muss zwangsläufig eine Entscheidung getroffen werden. Wenn sich ein Gemeindebund nicht dazu positionieren will, dann wird der Konflikt auf die Ebene der lokalen Gemeinden verschoben und damit vielfach multipliziert – mit allen zerstörerischen Folgen, die das für die Gemeinden mit sich bringen kann.

Umso mehr bin ich dankbar für alle, die sich mutig, sensibel und kenntnisreich dafür einsetzen, dass wir gemeinsam an dem Konsens festhalten, der in der historischen Kirche durchgehend galt und bis heute für den allergrößten Teil der Weltkirche gilt, wie jüngst der Generalsekretär der Weltweiten Evangelischen Allianz Prof. Thomas Schirmacher bekräftigt hat. Johannes Traichel hat in seinem Buch “Evangelikale und Homosexualität” wunderbar beschrieben: An der Schönheit und Kraft biblischer Sexualethik dürfen wir nicht nur aus soliden biblischen Gründen fröhlich festhalten. Wir müssen diese Sexualethik auch aktiv einüben. Wir müssen lernen, wie sie in unseren Gemeinden praktisch gelebt werden kann. Der Versuch, das Thema um des scheinbaren lieben Friedens willen einfach totzuschweigen, kann also aus vielen Gründen keine Option sein.

Mein Traum ist lebendiger denn je

Mein Traum von Einheit in Vielfalt ist zwar immer noch in der Verlängerung. Aber er ist lebendiger denn je! Ich sehe viele Anzeichen, dass jenseits des Postevangelikalismus eine neue Einheit unter Jesusnachfolgern wächst. Das Bewusstsein wird geschärft, wie wichtig und unersetzbar die Hochschätzung der biblischen Autorität für die Einheit der Kirche Jesu ist. Wo die Liebe zu Jesus gelebt wird und die gemeinsame Schrift- und Bekenntnisgrundlage feststeht, da können große Differenzen in der Prägung und in theologischen Randfragen ausgehalten werden. Dort gelingt es auch, Menschen gemeinsam zur Nachfolge Jesu einzuladen. Dort wachsen Gemeinden auch gegen den Trend.

Deshalb werbe ich leidenschaftlich dafür, dabei zu bleiben: Christen sind Christusnachfolger. Sie folgen den Worten ihres Meisters, die sie in der Bibel finden. Ja, diese Worte bestehen aus Buchstaben. Die Buchstaben entfalten ihre Kraft nur durch den Heiligen Geist. Aber der Heilige Geist wird sich niemals gegen den Buchstaben stellen. Nur im Einklang mit Gottes Wort hat die Kirche Jesu Zukunft.

Die Artikel, die in diesem Artikel erwähnt werden:

Untergehen oder umkehren

Eine dramatische Analyse – Ein Ruf zur Umkehr – Ein Mutmacher für einen neuen Aufbruch

„Wir stehen auf der Schwelle in eine neue Ära der Kirche. Die Volkskirche, wie wir sie aus der Vergangenheit kennen, gibt es bald nicht mehr.“(S. 149)

Diese Grundthese des Buchs „Untergehen oder Umkehren“ begründet der Autor Alexander Garth mit zwei nicht aufzuhaltenden Megatrends: „Der Niedergang institutioneller Religiosität bzw. geerbter Religion und der Aufschwung individueller Religiosität bzw. gewählter Religion.“ (S. 69) Die Zeiten sind demnach vorbei, in denen es genügte, irgendwie mit der Kirche zu glauben. „Die Menschen brauchen ihren persönlichen Zugang, ihr eigenes Erweckungserlebnis.“ (S. 25)

Bekehrung rückt in den Fokus

Für die großen Kirchen bringt dieser Wandel eine dramatische Konsequenz mit sich: „Eine Kirche, die aus dem volkskirchlichen Betreuungsmodell nicht gewählter Religion hin zu einer Kirche der Zukunft aufbrechen will, wo gewählte Religion zur Normalität wird, muss dem Thema Konversion (früher sagte man »Bekehrung« dazu) höchste Priorität einräumen. Denn die Übermorgenkirche wird aus Menschen bestehen, die Glaube und Kirche gewählt haben.“ (S. 153) Dabei ist diese zentrale Bedeutung von „Bekehrung“ für Garth nichts Neues: „Das Thema Bekehrung zieht sich wie eine Leuchtspur durch die ganze Kirchengeschichte. In den dynamisch wachsenden Kirchen Afrikas, Asiens und Leinamerikas ist Bekehrung ein Massenphänomen. Und bei uns? Es wird wieder ein wichtiges Thema in der Kirche, oder aber es gibt sie nicht mehr.“ (S. 177)

Volkskirche ist von Haus aus antimissionarisch

Der grundlegende Wandel in Richtung gewählter Religiosität stellt die großen Volkskirchen vor eine doppelte Herausforderung. Einerseits ist sie seit der konstantinischen Wende geradezu antimissionarisch aufgestellt, denn: „Wenn alle Bürger schon irgendwie Christen sind, dann ist Mission eigentlich überflüssig, ja sogar schädlich, weil es dann Christen gibt, die etwas Besseres sein wollen, bekehrter, echter, hingegebener. Es genügt dann, dass die Kirchenmitglieder in ihrem (Minimal)-Glauben betreut und gestärkt werden. Sie werden parochialisiert (Gemeinden zugeordnet), sakramentalisiert, aber nicht missioniert.“ (S. 45/46) Den getauften Kirchenmitgliedern wieder zu sagen, dass sie sich bekehren müssen, würde einen grundlegenden Paradigmenwechsel bedeuten, der momentan nicht erkennbar ist. Stattdessen ist Garth‘s Beobachtung: „Mission ist für die liberalen Kirchen des Westens peinlich. Sie gilt als übergriffiger Akt, der das emanzipierte, mündige Gegenüber nicht ernst nimmt. … Es geht nicht mehr um Konversion, sondern um Entwicklungshilfe, um Dialog, um Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung. Der Missionsauftrag Jesu, alle Völker zu Jüngern zu machen, wird auf die Ethik reduziert.“ (S. 99/100)

Auch die Kirche selbst hat die Bevölkerung gegen den Glauben immunisiert

Hinzu kommt ein zweites Problem: Während überall in der Welt der christliche Glaube an Dynamik gewinnt, scheint in Deutschland geradezu eine „Herdenimmunität“ gegenüber dem christlichen Glauben zu bestehen. Aber warum ist das eigentlich so, dass die „Menschen bei uns weithin allergisch auf den christlichen Glauben reagieren“ (S. 55)? Garth nennt 5 Faktoren:

  1. Die über sehr lange Zeit währende Verbindung von staatlicher Macht und Kirche hat die Menschen misstrauisch gemacht.
  2. Das volkskirchliche Minimalchristentum macht immun gegen den echten christlichen Glauben.
  3. Der Religionsmonopolismus eines religiösen Anbieters kann nicht genügend Zugänge zum Glauben anbieten, was aber in einer offenen, diversen Gesellschaft erforderlich ist.“
  4. Reduktive Theologien … haben die Volksfrömmigkeit beschädigt“.
  5. DieMoralisierung des Glaubens führt dazu, dass Menschen sich sagen: Glauben brauche ich nicht, denn ich kann auch ohne ein guter Mensch sein.“ (S. 51/52) „Religion, die sich in sozialem Engagement, Klimarettung, Geschlechtergerechtigkeit und Weltverantwortung erschöpft, schafft sich ab.“ (S. 81)

Anpassung ist nicht die Lösung, sondern das Problem

Die gängige Frömmigkeit, die man in den Kirchen antreffen kann, beschreibt Garth in deutlichen Worten: „Statt des Glaubens, wie ihn z.B. die altkirchlichen Bekenntnisse bezeugen, finden wir eine diffuse Religiosität an einen Kuschelgott, der für das persönliche Wohlergehen zuständig ist und die Freiheit nicht einschränken darf.“ (S. 60) „Dass im Zentrum des christlichen Glaubens der Erlösungsgedanke steht, ist komplett außerhalb des Blickfeldes.“ (S. 78)

Aber ist es nicht zwangsläufig notwendig, dass die Kirche sich an die Menschen anpassen muss, wenn sie nicht noch mehr Mitglieder verlieren möchte? Garth schreibt dazu: „Liberale Christen vereint eine Illusion: Sie glauben, dass moderne Zeiten eine moderne Religion erfordern. … Die Religion der Zukunft muss sanft und moderat sein, pluralistisch und nicht exklusiv, spirituell, aber nicht dogmatisch, den Menschen bestätigend, nicht hinterfragend, eine gefällige Religion, die sich an die Erwartungen der Gesellschaft anpasst und keine Forderungen an die Gläubigen stellt. Dean M. Kelleys Studie und auch andere religionssoziologischen Erhebungen kommen zu dem gegenteiligen Schluss, nämlich dass diese Form von Softreligion das sicherste Rezept für Erfolgslosigkeit ist.“ (S. 112/113)

Aber warum ist das so? Garth beschreibt die selbstzerstörerische Dynamik der kirchlichen Anpassung so: Das Resultat der Anpassung ist ein weichgespültes Evangelium und eine profillose Kirche. … Dennoch verstärkt sich der Trend zum Kirchenaustritt. Die Logik geht nicht auf. Der Nivellierungskurs führt zu einer Banalisierung des Glaubens. Kaum einer weiß noch, wofür die evangelische Kirche eigentlich steht – außer natürlich für das, wofür auch der gesellschaftliche Mainstream steht. Aber dafür braucht es keine Kirche. Wer in der Kirche auf Anpassung setzt, schafft sie ab. … Eine an die Allgemeinheit angepasste Kirche produziert Langeweile und Gleichgültigkeit. Und sie trägt bei zur Immunisierung gegenüber dem Evangelium, erworben durch den schleichenden Kontakt mit einem harmlosen, verdünnten Christentum.“ (S. 61/62)

Die Entstehung einer „reduktiven Theologie“

Eine große Rolle spielen für Garth dabei die Entwicklungen an den theologischen Fakultäten in den letzten 200 Jahren: „Unter den Bedingungen einer Staats- und Volkskirche, in der man Mission nicht nötig hatte, weil alle dazu gehörten, konnte sich ein theologisches Denkmodell entwickeln, das … den missionarischen Aufbruch des Glaubens behindert und verhindert: Das liberale Denkraster. Die sogenannte liberale Theologie des Westens – global betrachtet ein Randphänomen – hat mit ihrem Erkenntnisreduktionismus, der einem materialistischen Weltbild verpflichtet ist, das Fundament des christlichen Glaubens in einen Sumpf verwandelt und die missionarische Kraft der Kirchen beschädigt. Das ist das geistliche Drama des Westens mit der Folge einer desaströsen geistlichen Frucht- und Vollmachtslosigkeit.“ (S. 26/27) Diese „reduktive Theologie, die den Zweifel zum normativen Prinzip erhob, hat einen großen Anteil an der Immunisierung vieler Menschen gegen den christlichen Glauben.“ (S. 77) Garth spricht dabei lieber von „reduktiver“ statt von „liberaler“ Theologie, denn: „Das liberale reduktive Denkraster ist das Resultat einer reduktiven Vorannahme, nämlich der wissenschaftlich nicht begründbaren Entscheidung, Wunder, Offenbarungen und göttliches Eingreifen von vornherein auszuschließen. … Dieser Grundsatz dominiert bis heute als methodisches Axiom die exegetischen Wissenschaften und entzieht damit den anderen theologischen Disziplinen ihr biblisches Fundament.“ (S. 84)

Die entscheidende Rolle der Theologie

Heute ist oft der Ruf zu hören: Lasst uns doch nicht um Theologie streiten, sondern gemeinsam evangelisieren! Garth macht hingegen deutlich: Gerade um der Mission willen muss dringend um Theologie gestritten werden, denn: „Es besteht ein Zusammenhang zwischen liberaler westlicher Theologie und dem Niedergang von Gemeinden. Es sind fast ausschließlich liberale Kirchen, die teilweise dramatisch Mitglieder verlieren.“ (S. 108) Umgekehrt ist für Garth ebenso klar: „Wenn man in der Welt aufstrebende Gemeinden und Bewegungen bestimmen möchte, die nicht evangelikal sind, so würde man kaum etwas finden. Zumindest gehört das zu den gesicherten Forschungsergebnissen der Religionssoziologie.“ (S. 174) Diese Aussage ist umso erstaunlicher, da Garth sich selbst gar nicht unbedingt als Evangelikaler sieht. Seine Selbstbeschreibung lautet vielmehr: „Heute bin ich vielleicht so etwas wie ein evangelikal-liberaler Lutheraner mit katholischen und pentekostalen Neigungen.“ (S. 206)

Aber warum führt „reduktive Theologie“ zur Schrumpfung der Kirchen? Garth erklärt: „Dieser fundamentalistische Rationalismus macht aus der großen Geschichte Gottes mit der Menschheit ein armseliges Trauerspiel der Auflösung des Glaubens in lauter harmlose Existenzialismen und Moralismen. Das ist nicht nur eng, das ist langweilig.“ (S. 90) Er ist zudem „ein Commitment-Killer erster Güte. Eine Kirche mit einer beschädigten Christologie vermag nicht das Commitment zu generieren, das für einen missionarischen Aufbruch des Glaubens notwendig ist.“ (S. 147) Warum trotz dieser klaren Fakten ein Teil der freikirchlichen Evangelikalen ernsthaft mit der Theologie der großen Kirchen flirtet, wird mir wohl immer ein Rätsel bleiben.

Was sich ändern muss: Die Bibel hochhalten und eine gesunde Christologie entwickeln

Trotz der harten Diagnose ist Garth keineswegs ein Pessimist in Bezug auf die Zukunft der Kirche, im Gegenteil: Er ist überzeugt, dass der christliche Glaube seine beste Zeit noch vor sich hat. Aber was muss denn nun aus seiner Sicht nun geschehen, damit Kirche Zukunft hat? Sie muss zunächst einen anderen Umgang mit der Bibel finden: „Die Kirche der Zukunft wird auf jeden Fall die Bibel als einzigartiges Dokument der Offenbarung Gottes hochhalten.“ (S. 92) Denn: „Das Christentum ist wesensmäßig eine Offenbarungsreligion.“ (S. 97)

Garths Ausführungen zum Thema Bibelverständnis bleiben allerdings ein wenig vage. Wichtiger scheint ihm zu sein, dass die Kirche wieder eine solide Christologie (Lehre von Christus) entwickelt. Denn im Moment ist seine Wahrnehmung: „In der evangelischen Kirche ist überhaupt nicht mehr klar, wer Jesus Christus ist.“ (S. 152) Wenn aber „der Christus der Verkündigung nicht mehr der Christus der Bibel und der kirchlichen Bekenntnisse ist (vom Apostolischen Glaubensbekenntnis bis zum Bekenntnis von Barmen), dann sind die Folgen leere Kirchen, frustrierte Prediger, gelangweilte Menschen, keine Bekehrungen. Dann wird das ganze Christentum müde und farblos. Der Grund? Gottes Geist macht sich rar. … Der Heilige Geist sagt: »Nicht mein Jesus! Da bleib ich zu Hause.«“ (S. 118/119) Deshalb ist Garth überzeugt: „Die Neuformatierung von einer Volkskirche zu einer missionarischen Kirche benötigt eine gesunde, biblische, und gemäß den altkirchlichen und reformatorischen Bekenntnissen geformte Christologie.“ (S. 26)

Die Jungfrauengeburt ist entscheidend

Eine gesunde Christologie macht Garth ganz besonders auch an der Jungfrauengeburt fest: „Dass Jesus wahrer Mensch und wahrer Gott ist, findet seinen unüberbietbaren Ausdruck in der Jungfrauengeburt. Nur ein paar Theologen des Westens, welche eine unglaublich arrogante Skepsis zur norma normans, zum normierenden Prinzip gemacht haben und in ihrer Gefolgschaft einige von Zweifeln beseelte Abendländler, meinen, dass der Glaube unbeschadet bleibt ohne »Jungfrau.«“ (S. 96) Hier muss die Kirche also zwingend zurück zu ihren Bekenntnisgrundlagen, denn: „Ohne eine von reduktiver Überfremdung gereinigte Christologie gibt es keinen Aufbruch des Glaubens.“ (S. 157) Punkt. Auch seine vielen internationalen Erfahrungen bestärken Garth in dieser Sichtweise: „Ich war öfters in Afrika, Indien und in anderen Teilen der Welt und habe dort studiert, wie Gemeinden sich entwickeln, welche missionarischen Konzept sie vertreten und was ihre Theologie ausmacht. Ich habe von verschiedenen Pastoren und Gemeindegründern mehrfach einen Satz gehört: »Wenn du willst, dass deine Gemeinde stirbt und dass dein Dienst ohne Frucht bleibt, dann übernimm die Theologie Europas!«“ (S. 160) Umso wichtiger ist es Garth, dass das Christentum in Deutschland endlich von den weltweit wachsenden Kirchen lernt.

Konservativ ist auch keine Lösung

Die Lösung besteht für Garth aber keineswegs darin, einfach nur konservativ zu werden. Stattdessen schreibt er: Die globale religionssoziologische Perspektive zeigt: Wachsende Gemeinden sind nicht einfach nur konservativ. Sie haben eine Doppelstrategie. Einerseits haben sie eine konservative Christologie verbunden mit dem Enthusiasmus, Menschen in die Nachfolge Jesu zu rufen. Im Bereich Moral sind diese Gemeinden zumeist sehr konservativ. Besonders in Sachen Sexualmoral vertreten sie Ansichten, die – zumindest aus westlicher Sicht – unerträglich streng und gestrig sind. Andererseits sind diese Gemeinden auffällig progressiv. Sie sind digital gut vernetzt bei Facebook, Youtube, Instagram und Twitter. … Überhaupt ist das ganze Erscheinungsbild aufstrebender Kirchen auffällig zeitgemäß.“ (S. 199) Parallelen dazu sieht Garth auch schon in der frühen Kirche: „In unserer heutigen sexualisierten Kultur fällt auf, dass in der frühen Kirche eine strenge Sexualmoral gelebt wurde, die sich von der Moral der Heiden unterschied. Sex außerhalb der Ehe galt als Unzucht.“ (S. 37) Kulturelle Differenzen sind für Garth aber kein Problem, sondern eine Chance auch für die heutige Kirche: „Ich sehe im Niedergang des Systems Volkskirche, der sicher ein schmerzhafter Prozess ist, die enorme Chance, dass Kirche wieder das werden kann, wozu sie berufen ist: eine Kontrastgesellschaft zur Bürgergesellschaft, ein göttlicher Gegenentwurf zur Welt, eine Einladung Christi, Gottes Alternative zu leben.“ (S. 27/28) Eine Kirche, die sich so auf den Weg macht, wird aus Garth’s Sicht auch keine finanziellen Probleme haben, denn: „Wo der Heilige Geist ist, da ist auch Geld. Finanzielle Großzügigkeit verrät immer, dass da etwas geschieht, was Menschen begeistert.“ (S. 190)

Hat die Umkehr schon begonnen?

Garths Analyse und Ruf zur Umkehr spricht mir insgesamt sehr aus dem Herzen. Sein Optimismus, dass in der evangelischen Kirche nicht nur in einzelnen Gemeinden sondern auf breiter Front eine Umkehr stattfinden wird, kann ich im Moment allerdings noch nicht wirklich teilen. Ich bin eher skeptisch, wenn Garth schreibt: „Auch die universitäre Theologie wird in einen Prozess der Erneuerung eintauchen, wenn nämlich immer mehr Studenten nach der Aneignung missionarischer und kybernetischer Kompetenz verlangen.“ (S. 164) Garth sieht sogar schon erste zarte Pflänzchen wachsen: „Die neue Pfarrergeneration, die viele Ideen für einen Aufbruch der Kirche hat, organisiert sich bereits in dem Netzwerk Churchconvention. Sie wollen eine »Mission-Shaped Church«, eine missionsgeformte Kirche.“ (S. 158) Ich wünschte, er hätte recht. Aber meine Beobachtung ist eher: Die auch von Garth erwähnte „Evangelikalenphobie“ in kirchlichen Fakultäten und Gremien ist ungebrochen und nimmt sogar eher noch zu. Auch der Niedergang der Kirche oder der Pfarrermangel ändert daran bisher überhaupt nichts. Wie strikt die Abwehrhaltung gegenüber evangelikal ausgebildeten Theologen selbst in der als vergleichsweise konservativ geltenden württembergischen Landeskirche noch ist, musste ich jüngst in meiner eigenen Gemeinde schmerzhaft erleben.

Die Kirche wird nicht durch die Konzentration auf Kirchenrettung gerettet

Lange Jahre war ich Teil der Initiative „Network XXL“, die stark inspiriert war von der anglikanischen Gemeindegründungsbewegung „Fresh Expressions of church“, die auch im Garths Buch thematisiert wird. Die Berichte aus England hatten mich begeistert und die Hoffnung geweckt, dass „Fresh X“ auch in Deutschland ein Motor der Erneuerung werden könnte. Inzwischen bin ich tief enttäuscht. Der deutsche Fresh X-Zweig hat sich progressiven und teilweise sogar tief liberalen theologischen Vertretern geöffnet. Die „reduktive Theologie“ führt auch hier dazu, dass theologisches Profil verloren geht.

Wer aber nur die Formen, nicht aber die theologischen Fundamente der Kirche erneuert, bleibt letztlich verhaftet in einem „Ekklesiozentrismus“, denn man daran erkennt, „dass die Kirche zu sich einlädt, statt zu Jesus, von sich schwärmt, aber nicht von Jesus.“ (S. 186) Garth hingegen stellt klar: „Es geht nicht um Mitgliedergewinnung. Es geht darum, dass Menschen sich rufen lassen, Jünger und Jüngerinnen Christi zu werden.“ (S. 170) Damit das gelingt, benötigt die Kirche der Zukunft im Kern ein solides Bibelverständnis, aus dem eine gesunde Christologie und damit auch eine dynamische, geisterfüllte, missionarische Gemeindearbeit in vielfältigen Formen erwachsen kann. Dann wird die Kirche Jesu in der Lage sein, unsere vielfältige Gesellschaft mit dem Evangelium zu erreichen. Eine Abkürzung oder ein alternativer Weg existiert nicht. Die Alternative wäre Untergang. Ich bin Alexander Garth sehr dankbar, dass er das in diesem Buch so eindrücklich deutlich gemacht hat.

Das Buch “Untergehen oder Umkehren – Warum der christliche Glaube seine beste Zeit noch vor sich hat” von Alexander Garth ist hier erhältlich.

Johannes Traichel: Evangelikale und Homosexualität – Mehr als eine Rezension

Um es gleich vorweg zu sagen: Das Buch „Evangelikale und Homosexualität“ ist aus meiner Sicht schon jetzt das Buch des Jahres 2022. Wenn es die Möglichkeit gäbe, dass ich jedem evangelikalen Leiter ein bestimmtes Buch zum Lesen empfehlen dürfte, dann wäre es dieses. Manche Leser wird das überraschen. Handelt es sich beim Thema Homosexualität nicht um ein Randthema? Wurde darüber nicht schon genügend gestritten? Sollten wir das nicht endlich ruhen lassen und uns lieber gemeinsam auf Evangelisation und Gemeindebau konzentrieren?

So sehr ich diese Anliegen teile, so klar sehe ich aber auch: Man kann das Thema Homosexualität zwar auf Konferenzen und Kongressen an den Rand schieben, aber auf Gemeindeebene gilt: „Die ethische Beurteilung kann nicht offenbleiben, da hier spätestens in der Praxis in der Ortsgemeinde unüberbrückbare Spannungen aufkommen werden, die auch auf Denominationen ausstrahlen und gewaltiges Konfliktpotenzial ausstrahlen. Ob Menschen mit gleichgeschlechtlichen Sexualpartnern in der Gemeinde mitarbeiten können (und wenn ja, in was für einem Umfang), oder ob Trauungen und Segenshandlungen möglich sein werden, ist eine Frage, in der eine Entscheidung zu treffen ist.“ (S. 251) Zudem äußert Traichel: „Die Heftigkeit dieser Debatte liegt nach Hempelmann darin verortet, dass sie im Kern eine Stellvertreterdebatte um die Frage ist, welche Geltung die Bibel hat.“ (S. 11) „Es geht aus traditioneller oder konservativer Sicht schlussendlich um die Frage, wer am Ende definiert, was gut und böse ist; der Mensch und seine vorläufigen anthropologischen Überlegungen und Modelle, oder Gott und sein in der Bibel offenbartes Wort?“ (S. 22) Wenn es stimmt, dass hinter den sexualethischen Debatten letztlich die Bibelfrage steht, dann geht es hier tatsächlich ans Eingemachte. In meinem Buch „Zeit des Umbruchs“ hatte ich dargelegt, dass die Bibelfrage tatsächlich DAS Knackpunktthema ist, an dem sich zahlreiche Konflikte im evangelikalen Umfeld entzünden.

Der Zusammenhang zwischen sexualethischen Positionen und dem Bibelverständnis wird gegenwärtig aber oft eher kleingeredet. Behauptet wird, man könne die Bibel als höchste Autorität ernst nehmen und trotzdem praktizierte Homosexualität mit der Bibel für vereinbar halten. Deshalb widmet sich Johannes Traichel diesem Thema sehr intensiv. Der Bundessekretär des Bunds freier evangelischer Gemeinden Reinhard Spincke schreibt dazu: „Johannes schildert die aktuelle Diskussion im evangelikalen Raum sowohl von ihrer historischen Entwicklung als auch von den biblisch-theologischen Argumenten sehr gut.“ (S. 4) Und der katholische Publizist Bernhard Meuser attestiert gar: „Ich halte die Darlegung von Johannes Traichel für eine der theologisch gründlichsten und besten Arbeiten, die ich zum Thema kenne.“ (S. 5) Lothar Krauss vom LEITERBLOG ergänzt: „In über 500 Fußnoten erschließen sich dem Leser die reichhaltigen Quellen, auf denen seine Arbeit gründet.“ (S. 5) Tatsächlich waren die vielen Zitate von hochrangigen Experten auch für mich besonders wertvoll, weil sie hochinteressante Schlaglichter werfen sowohl auf die historische Situation als auch auf die tatsächliche Aussageabsicht der biblischen Autoren. Und sie machen deutlich, dass Traichel sich auch mit vielen Verfechtern der progressiven Position (z.B. Thorsten Dietz) gründlich auseinandergesetzt hat.

Auf dieser soliden Grundlage kommt Traichel zu einem (für Viele vielleicht überraschend) klaren Fazit: „Das Ergebnis der Untersuchung des Schriftbefundes und der ethischen Beurteilung ist, dass der biblische Schriftbefund praktizierte Homosexualität kennt und diese als Sünde deklariert.“ (S. 239) „Insgesamt bleibt einer christlichen Ethik, die an die Heilige Schrift gebunden ist, nichts anderes übrig, als daran festzuhalten, dass der Ort der ausgelebten Sexualität exklusiv in eine Ehe von Mann und Frau zu verorten ist und auch aus biblischer Sicht nirgend anders ihren Platz hat.“ (S. 198) „Revisionistische Versuche zu begründen, dass die biblischen Verfasser keine homosexuellen Beziehungen kannten und daher nicht auf solche bezogen werden können, scheitern sowohl an den außerbiblischen historischen Quellen als auch an der gründlichen Exegese der biblischen Texte.“ (S. 269)

Deutlich wird zudem, dass das Thema Sexualethik in der Bibel durchaus keine Nebensache ist: „Es ist zu beachten, dass die Ethik eng mit der Dogmatik verbunden ist und dass die Bibel eine Trennung von Leben und Lehre nicht kennt. … Ulrich Wilckens schreibt: »In allen Mahnungen zum christlichen Leben nimmt das sexuelle Verhalten den obersten Rang ein.«“ (S. 261) Deshalb folgert Traichel: „Kompromisse in der Sexualethik, die über den Rahmen der Bibel hinausgehen, sind schädlich für die Gemeinde. Hier ist es notwendig, dass auch Grenzen gezogen werden, wenn die Gemeinde geistlich gesund gedeihen soll.“ (S. 270/271)

Zugleich fordert Traichel auch die Konservativen sehr heraus. Er hält nicht weniger als eine neue Kultur im Umgang mit Singles und mit gleichgeschlechtlich empfindenden Menschen für geboten: „Evangelikale Gemeinden brauchen eine Kultur des offenen Umgangs mit ihren Sehnsüchten, Kämpfen und ihrem Scheitern. Gleichzeitig ist eine Kultur der Gnade und Barmherzigkeit zwingend, wenn wir Gemeinde im Sinne Jesu sein wollen. Unerlässlich ist eine Kultur der Vertrautheit und Freundschaft, um auch den zölibatären Lebensstil als eine gangbare Alternative zu leben.“ (S. 269) Mir wurde beim Lesen deutlich: Es gibt enorm viel zu tun und zu verändern, wenn uns ein liebevoller Umgang mit gleichgeschlechtlich empfindenden Menschen wirklich am Herzen liegt. Und das muss es uns unbedingt, denn: „Gott liebt homosexuell empfindende Menschen unendlich. Die Aufgaben der Christen ist es, homosexuell empfindende Menschen zu lieben, wie sich selbst! Hier darf es keine Abstriche geben. Die zweite Wahrheit lautet: Geschlechtsverkehr gehört nur in eine heterosexuelle Ehe. Jegliche Abweichung davon ist Sünde. Beide Wahrheiten gehören zusammen. Wenn eine der beiden Wahrheiten (scheinbar) zugunsten der anderen Wahrheit abgeschwächt wird, kommt eine geistliche Schieflage herein. Zu oft wurde die gesunde Spannung dieser Wahrheiten künstlich harmonisiert. Dies hat entweder zu einer Diskriminierung von homosexuell Empfindenden geführt oder zu einer libertinistischen Ethik, die sich über Gottes Rahmen hinwegsetzte und am Ende selbst definierte, was Gut und Böse ist. … Die eine Gefahr ist die Lieblosigkeit und Verachtung. … Die zweite Gefahr ist eine ethische Beliebigkeit, wenn die Liebe (oder was dafür ausgegeben wird) gegen die Wahrheit ausgespielt wird.“ (S. 272) Dieser ausgewogenen Sichtweise kann ich nur rundum zustimmen.

Besonders wertvoll wurde für mich Traichels Buch aber auch durch seine Darstellung der aktuellen Konflikte im evangelikalen Umfeld, die ja auch mich in den letzten Jahren sehr beschäftigt haben. Das nachfolgende etwas längere Zitat macht die Brisanz besonders deutlich:

„Das Thema Homosexualität polarisiert und spaltet bekanntlich. Dies muss allen Beteiligten mehr als deutlich sein. Gleichzeitig bauen viele Beteiligte eine emotionale Spannung auf, die einen sachgerechten Dialog kaum möglich macht. Hier werden unsachgemäße Vorwürfe geäußert, homosexuell empfindende Menschen seien in evangelikalen Gemeinden nicht willkommen. … Oder Vorwürfe, dass die traditionelle christliche Ethik grundsätzlich eine Diskriminierung darstelle, für Suizide verantwortlich ist und der Art Jesu widerspricht. Ob dies ein guter Stil ist, das dürfte eine andere Frage sein, die nicht allzu schwer zu beantworten sein sollte. … Während es, vermutlich ohne besondere Verwerfungen möglich sein dürfte, sich in bestehenden liberal geprägten Gemeindestrukturen, wie den evangelischen Landeskirchen, zu organisieren und LGBTQ-Gemeinden (die auch bereits vorhanden sind) zu gründen, erscheint es mir nun, dass hier der Weg des maximalen Konfliktes gewählt wird. So ist zu beobachten, dass auch in Denominationen, die traditionell eine konservative Ethik vertreten, eine gut vernetzte und teilweise auch recht offensiv auftretende Minderheit versucht, diesen Konsens zu kippen. Die Methodik ist hier zwar teilweise leicht zu durchschauen und simpel in der Art, aber dennoch erfolgreich. Hier wird meiner Beobachtung nach zuerst mit einem großen Selbstbewusstsein Toleranz und Akzeptanz für die liberale Position eingefordert, in dem Wissen, dass diese nicht mit dem Konsens der Denomination in Einklang zu bringen ist. Sie werben um Verständnis und beginnen die Gewissensfreiheit ins Feld zu führen. Die zweite Stufe ist dann, dass sie die neue Position auch offiziell zu Gehör bringen wollen. Wenn ein offizielles Papier der Denomination verabschiedet wird, das ganz selbstverständlich die bisherige Sicht darlegt, legen sie zuerst leichten und dann immer deutlicheren Protest ein und erheben die Forderung, dass auch die neue liberale/progressive Position zumindest positiv als Alternative und anschlussfähige Sichtweise genannt wird. Eine Phase, die immer danach mehr zu beobachten ist, ist die scharfe Verurteilung der traditionellen Position, indem sie diese mit emotional aufgeladenen Vorurteilen verleumden. So wird regelmäßig in sozialen Medien oder in Veranstaltungsforen die traditionelle Form als unerträglich, als diskriminierend, als schädlich und als menschenverachtend beschrieben. Eine Sichtweise, die heute nicht mehr vertretbar sei, wenn man gesellschaftsrelevante Gemeinde bauen, missional aktiv sein möchte und den Menschen keine Hindernisse zum Glauben aufbauen will. Auf diese Art und Weise wird ein Weg eingeschlagen, der meines Erachtens die Spaltung von Gemeinden und Denominationen billigend in Kauf nimmt, wenn nicht gar aktiv befeuert.“ (S. 241 – 243)

Ich kann diese Warnung aus meinen Beobachtungen heraus nur voll und ganz unterstreichen. In meiner evangelischen Kirche sind wir längst soweit, dass die traditionelle Position aus den Machtpositionen der meisten Gremien und Ausbildungsstätten weitestgehend hinausgedrängt wurde. Es ist also ein großer Irrtum, zu glauben, dass man ein friedvolles Miteinander erreicht, indem man diese Fragestellung einfach zur Randfrage erklärt, die jede Gemeinde frei entscheiden kann. Im Gegenteil: Wenn ein Gemeindebund sich zu dieser Frage nicht positionieren will, dann wird der Konflikt nicht gelöst sondern nur von der obersten Leitungsebene auf die Ebene der lokalen Gemeinden verschoben – und damit um ein vielfaches multipliziert.

Zudem teile ich mit Traichel „die brennende Sorge, dass Gemeinden, die hier liberal (sie würden es progressiv nennen) werden, großen geistlichen Schaden erleiden werden, weil Gott sich aus diesen Gemeinden, aufgrund einer deutlichen Opposition gegen sein Wort (siehe auch Jes 5,20), zurückziehen könnte und sie dann dem geistlichen Untergang dahingegeben werden. … Beispiele von Gemeinden, die den liberalen Weg eingeschlagen sind und geistlich untergingen, gibt es leider genug.“ (S. 262) Wie wahr! Deshalb hoffe ich gerade um der Einheit und der missionarischen Dynamik willen, dass gerade auch Leitungspersonen im evangelikalen Umfeld dieses Buch studieren.

Auch sonst lege ich die Lektüre jedem Jesusnachfolger sehr ans Herz. Die biblische Tugend, dass neue Lehren anhand der Schrift geprüft werden müssen (Apg. 17, 11), scheint heute etwas aus der Mode gekommen zu sein. Trotzdem brauchen wir sie in unserer vielstimmigen Zeit mehr denn je. Johannes Traichel macht vor, wie das geht: Sachlich, differenziert und doch leidenschaftlich und mit einem klaren Ziel, das ich zu 100% teile: „Ich wünsche mir und bete für eine Rückbesinnung und neue Konzentration auf die Werte, die in der Kirchengeschichte die Erfolgsgeschichte der evangelikalen Bewegung begründet haben: Den persönlichen Glauben und die begeisterte Nachfolge von Christus, das Vertrauen, dass sein Wort, die Bibel, Wahrheit ist und unser Leben bestimmt und den Heißhunger nach diesem lebendigen Wort Gottes. Das Gebet um Erweckung und Erneuerung. Die brennende Liebe zur Welt, mit dem Hunger nach Gerechtigkeit und Erlösung für alle Menschen.“ (S. 274)

Das Buch “Evangelikale und Homosexualität” von Johannes Traichel ist hier erhältlich.

Anhang: Einige der Zitate, die ich mir in diesem Buch angestrichen habe:

„Es kann durchaus gesagt werden, dass die Trennung von Gottes Wort und Heiliger Schrift sowie die Trennung von Geschichte und Glauben Grundwurzeln der Krise des Bibelverständnisses darlegt.“ (S. 25)

Zitat N.T. Wright: „There is a popular belief just now that the ancients didn’t know about lifelong same-sex relationships, but this is easily refuted by the evidence both literary and archaeological.” (S. 82)

Zitat Armin Baum.: „Obwohl es in der Antike noch nicht unser modernes Wort „homosexuell“ gab, kannte man sowohl gleichgeschlechtliche Handlungen als auch gleichgeschlechtliche Neigungen.” (S. 82)

Zitat Joel White: „„Die Ansicht, dass Menschen in der Antike nichts von einer homosexuellen Orientierung wussten, wird immer wieder in die Diskussion eingebracht, seitdem John Boswell 1980 diese These erörterte. Sie ist nachweislich falsch. Viele antike Autoren nehmen wahr, dass manche Menschen grundsätzlich homoerotisch veranlagt sind, und es fehlt nicht an Diskussionen über die Ursachen hierfür.“ (S. 84)

Zitat Stefan Scholz (WiBiLex): „Ganz selbstverständlich galt dem Frühjudentum gleichgeschlechtliches Verhalten als Sünde der Heiden.“ (S. 84)

„Die jüdische und später die christliche Sexualethik stand in einem starken Kontrast zur griechisch-römischen Welt.“ (S. 85) … Zitat N.T. Wright: „Throughout the early centuries of Christianity, when every kind of sexual behaviour ever known to the human race was widely practised throughout ancient Greek and Roman society, the Christians, like the Jews, insisted that sexual activity was to be restricted to the marriage of a man and a woman. The rest of the world, then as now, thought they were mad. The difference, alas, is that today half the church seems to think so too.“ (S. 85)

Zitat Carsten Schmelzer (der eine liberale Position in der Frage der Homosexualität vertritt): „Einige Bibelstellen sind aus unserer modernen Sicht genauso „homophob“, wie sie klingen. Sie umzudeuten bedeutet, der Schrift Gewalt anzutun, indem man sie unter einen modernen Blickwinkel stellt.“ (S. 120)

„Die These, dass Paulus zu einem anderen Urteil kommen würde, wenn er einvernehmliche und lebenslange Beziehungen von Erwachsenen kennen würde (ob er solche kannte oder nicht bleibt am Ende unbekannt, es ist allerdings nicht unwahrscheinlich), ist dagegen nicht nur äußerst spekulativ, sondern mit großer Sicherheit falsch.“  (S. 111)

Der Begriff „»porneia« … schloss sämtlichen Geschlechtsverkehr außerhalb einer Ehe von Mann und Frau ein. … In seinen Äußerungen über sexuelle Unmoral benennt Jesus Homosexualität nicht direkt, aber er schließt sie mit ein.“ (S. 114/115)

„Gerrit Hohage folgert aus den Aussagen von Jesus im Zusammenhang mit der Schöpfungserzählung sechs Kennzeichen einer christlichen Ehe: »1. Es handelt sich um eine exklusive Zweierbeziehung. 2. Die Zweierbeziehung ist gegengeschlechtlich, auf Fortpflanzung angelegt. 3. Sie hat einen offiziellen Charakter (erkennbar am sichtbaren „Verlassen“ des Elternhauses), soll also keine geheime Verbindung sein. 4. Sie ist der legitime Ort sexueller Begegnung. 5. Sie wird auf Lebenszeit geschlossen und soll nicht vom Menschen geschieden werden. 6. Sie ist geschützt und soll nicht gebrochen werden (Bezugnahme auf das 6. Gebot). Ehebruch des Partners ist denn auch der einzige Grund, der die Fortsetzung der Partnerschaft in Frage stellt.«“ (S. 117)

„Die Sichtweise, dass Christus mit dem Prinzip der Liebe Einzelgebote außer Kraft setzte, ist ein populärer Irrtum, der theologisch nachweislich völlig falsch ist. … Der Christus, den die Bibel bezeugt, stellt nicht die Liebe gegen die Gebote, sondern er erklärt mit der Liebe die Gebote und ihr Verständnis. Eine Trennung der Gebote von dem Doppelgebot der Liebe … führt am Ende dazu, dass der Liebesbegriff zu einer offenbarungsfremden Leerformel wird.“ (S. 136/137)

„Zur Beurteilung der außerehelichen Sexualität sei festgestellt, dass in der Bibel die Verortung des Geschlechtsverkehrs in der Ehe zwingend war, was im alten Israel als selbstverständlich galt, insbesondere, wenn man den Schriftbefund mit Aussagen zur damaligen Zeit vergleicht. … So zitiert Baltes den Philosophen Philo (Joseph, 43): »Bei den anderen Völkern ist es für Jugendliche ab vierzehn Jahren üblich, dass sie zu Prostituierten gehen oder mit Frauen schlafen, mit denen sie nicht verheiratet sind. … Aber bei uns ist es anders: Bevor wir gesetzlich verheiratet sind, wissen wir nichts von irgendwelchen anderen Frauen, sondern wir kommen als unerfahrene Bräutigame und unerfahrene Bräute zusammen.«“ (S. 150/151)

Zitat Guido Baltes: „Auch für Jesus und Paulus war die Frage der Gestaltung von Sexualität übrigens keine Nebensache, auch wenn es manchmal so zu lesen ist. […] Wer sich stattdessen die Mühe macht, die jüdische Welt von Jesus und Paulus besser kennenzulernen, der entdeckt, dass sich beide in diesen Fragen einig waren mit den meisten ihrer jüdischen Zeitgenossen. Und dass sie deshalb nicht viel dazu sagen mussten. Ein Thema, über das man nicht viel reden muss, ist entweder eine Nebensache oder eine Selbstverständlichkeit. In dieser Frage gilt aber mit Sicherheit das Zweite: Das wird dort deutlich, wo Jesus und Paulus die wichtigsten Grundregeln eines gottgemäßen Lebensstils in kurzen Listen zusammenfassen. In solchen Aufzählungen nennen sie stets das griechische Wort porneia (hebr. zenuth). Dieses Wort schließt nach jüdischem Verständnis alle sexuellen Beziehungen außerhalb der Ehe ein. Mehr Worte musste man deshalb in der jüdischen Welt gar nicht verschwenden, um eindeutig Position zu beziehen.“ (S. 151)

„Es gibt nichts daran zu rütteln. Wir Christen und Evangelikale sind schuldig an homosexuell Empfindenden geworden. Wir wurden schuldig durch unseren lieblosen und verachtenden Umgang mit ihnen; wir wurden schuldig, in dem wir sie ausgegrenzt und diskriminiert haben; wir wurden schuldig, indem wir keinen Raum in unserer Gemeinde für sie hatten; wir wurden schuldig, indem wir ihnen die liebevoll annehmende seelsorgerliche Begleitung nicht gaben.“ (S.167)

Zitat Richard B. Hays: „Während Paulus das Zölibat als ein Charisma ansah, nahm er deswegen nicht an, dass diejenigen, denen dieses Charisma fehlte, frei waren, ihre sexuellen Begierden außerhalb der Ehe zu genießen. Heterosexuell orientierte Personen werden ebenfalls zur Abstinenz vom Sex gerufen, wenn sie nicht verheiratet sind (1.Kor.7,8-9). Der einzige Unterschied – zugegeben ein auffälliger – im Falle von homosexuell orientierten Personen besteht darin, dass sie nicht die Option einer homosexuellen »Ehe« haben. Wo stehen sie damit? Sie stehen damit in genau derselben Position wie ein Heterosexueller, der heiraten möchte, aber nicht den passenden Partner finden kann (und es gibt viele in dieser Lage): Sie sind zu einem schwierigen, kostspieligen Gehorsam gerufen, während sie »seufzen nach der Erlösung unseres Körpers« (Römer 8,23). Wer dies nicht als eine Beschreibung der authentischen christlichen Existenz erkennt, hat niemals ernsthaft mit den Imperativen des Evangeliums gerungen, die unsere »natürlichen« Impulse auf zahllosen Wegen herausfordern und frustrieren. Ein Großteil der zeitgenössischen Debatte dreht sich um diesen letzten Punkt. Viele der Verteidiger einer unqualifizierten Akzeptanz der Homosexualität scheinen mit einer simplizistischen Anthropologie zu operieren, die annimmt, dass alles gut sein muss, was ist: Sie haben eine Theologie der Schöpfung, aber keine Theologie der Sünde und Erlösung.“ (S. 176/177)

„So ist ohne das Evangelium die ethische Forderung gesetzlich und unbarmherzig. Aber ohne ethische Forderung wird das Evangelium harmlos gemacht und Gottes Heiligkeit missachtet.“ (S. 226)

„So wird eine Gemeinde vor Gott schuldig, wenn sie es duldet, dass in ihrer Mitte Lehren verbreitet werden, die Menschen zu sexuellen Sünden führen. Vielmehr müssen sie dem entgegentreten. Wenn sexuelle Sünden zu einer Frage der persönlichen Meinung werden, über die man in der Gemeinde unterschiedlich denken kann, dann wird Christus dies der Gemeinde als Sünde vorhalten. Leiter von Gemeinden haben hier als Hirten ihre Gemeinden und Mitglieder vor Irrwegen zu schützen. Hier wären manche „Formen von Toleranz […] Sünde“. (S. 248)

„Eine jede Gemeinde und jede Denomination hat im Idealfall Grenzen und auch eine gemeinsame Mitte. Weder das Ziel einer Mitte noch die Ziehung von Grenzen dürften grundsätzlich abgelehnt werden, wenn keine pluralistische Beliebigkeit erfolgen soll, in der jegliche geistliche Einheit verschwimmt. … Die evangelikalen Gemeinden der Zukunft werden beide Elemente aufweisen, oder sie hören auf, evangelikal zu sein.“ (S. 249)

„Evangelikale sollen gute Zuhörer und freundliche Redner sein. Sie sollen gut und präzise, deutlich und verständlich darlegen, was die eigenen Positionen sind, und diese in einer wertschätzenden Freundlichkeit vortragen. Unvereinbare Positionen bedeuten keine Feindschaft. Gegensätzliche Handhabungen bedeuten nicht, dass es keine Gespräche und keinen Dialog geben kann oder geben sollte. … Kompromisse in der Lehre sollten allerdings in dieser Frage nicht eingegangen werden. Es braucht das klare eigene Profil und den freundlichen Dialog mit den Andersdenkenden.“ (S. 264)

„Die Kirche der Zukunft wird theologisch konservativ und in ihren Formen vielfältig und kreativ sein, oder sie wird gar nicht sein.“ (S. 264)

„Die Kirche der Zukunft wird eine ethische Kontrastgesellschaft sein, die sich aus dem Wort Gottes her definiert und sich auf Gottes Weisungen ausrichtet, auch wenn sie damit im Widerspruch zum Zeitgeist steht. Die frühe Kirche ist diesen Weg gegangen. Die Geschichte der frühen Christen war auch deshalb eine Erfolgsgeschichte, weil sie die biblische Ethik im Kontrast zur Umwelt lebten.“ (S. 265)

„Dass die Kirche im ganzen eine alternative Art von Gesellschaft sein müßte, ist den Christen Westeuropas nicht mehr bewußt oder gelangt gerade erst in den letzten Jahren langsam wieder in ihr Bewußtsein. Die Kirche der Zukunft wird sich im Bewusstsein halten müssen, dass gerade in der Ethik eine Anpassung an den Zeitgeist geistlich vernichtend ist. Die Kirche der Zukunft lässt sich dagegen nicht davon beirren, wenn ihre ethischen Positionen und Lebensweisen denen der Gesellschaft widersprechen oder von ihr als antiquiert wahrgenommen wird. Die Kirche der Zukunft wird der heranwachsenden Generation die christliche Ethik verständlich und einleuchtend vermitteln und sie ausrüsten, auch im gesellschaftlichen Druck den Weg der Christusnachfolge zu gehen. Die Kirche der Zukunft braucht daher auch lehrmäßige und geistliche tiefe Wurzeln. Sie hat ein Vertrauen in das offenbarte Wort Gottes, die Bibel. So kann gesagt werden: »Für die Zukunft der Gemeinde ist es entscheidend, dass wir von der Zuverlässigkeit der Schrift, von ihrem geistlichen Wert für unser Leben und auch von ihrer intellektuellen Kraft zutiefst überzeugt sind.« (Reinhard Spincke)“ (S. 266/267)

Zitat David Bennett: „Die Lüge, die wir uns einreden, lautet, wir könnten für Gemeindewachstum sorgen, indem wir Abstriche bei der Heiligung machen. Das ist falsch. Was dagegen in der Welt anziehend wirken wird, ist, wenn wir diejenigen willkommen heißen und stärken, die sexuell treu und gehorsam sind, als Zeugen gegenüber unserer Kultur. Ohne Heiligung kann die Welt Jesus Christus in uns nicht erkennen; und ohne Liebe wird die Welt sich gegen die Wahrheit dieser Heiligung sträuben.“ (S. 267)

„Evangelikale Gemeinden brauchen eine Kultur des offenen Umgangs mit ihren Sehnsüchten, Kämpfen und ihrem Scheitern. Gleichzeitig ist eine Kultur der Gnade und Barmherzigkeit zwingend, wenn wir Gemeinde im Sinne Jesu sein wollen. Unerlässlich ist eine Kultur der Vertrautheit und Freundschaft, um auch den zölibatären Lebensstil als eine gangbare Alternative zu leben.“ (S. 269)

„Evangelikal geprägte Gemeinden brauchen auch eine gut durchdachte Lehre zum Leben als Single und für den zölibatären Lebensstil. Es braucht Formen der Unterstützung für diejenigen, die sexuell enthaltsam leben, damit sie nicht unter der Einsamkeit leiden. Evangelikal geprägte Gemeinden brauchen aber auch eine profilierte biblische Ethik, was die Sexualität betrifft. Es wird eine Ethik sein, die Sexualität in der heterosexuellen Ehe würdigt und feiert, aber ihren Ort nur in dieser Form sieht. Ein klares Profil in diesen Fragen bedeutet auch eine lehrmäßige Abgrenzung.“ (S. 273)

 

 

 

 

6 Gründe, warum ich (gerade auch als Christ) niemals gendern werde

„Geschlechtergerechte Sprache bezeichnet einen Sprachgebrauch, der in Bezug auf Personenbezeichnungen die Gleichbehandlung von Frauen und Männern und darüber hinaus aller Geschlechter zum Ziel hat und die Gleichstellung der Geschlechter in gesprochener und geschriebener Sprache zum Ausdruck bringen will.“

So beschreibt „Wikipedia“ das Anliegen der sogenannten „Gendersprache“. Gerechtigkeit und Gleichberechtigung liegt auch Christen sehr am Herzen. Kein Wunder also, dass auch im christlichen Umfeld immer häufiger gegendert wird. Hier kommen 6 Gründe, warum ich gerade auch als Christ trotzdem niemals gendern werde:

1. Die Gendersprache befördert selbst das Problem, das sie lösen will

Die Behauptung, dass die deutsche Grammatik ungerecht und diskriminierend sei, ist mindestens fragwürdig. Denn das grammatische Geschlecht („Genus“) hat in der deutschen Sprache ja zuallermeist rein gar nichts mit dem biologischen Geschlecht („Sexus“) zu tun. Das gilt nicht nur für Gegenstände (“der Löffel”, “die Gabel”, “das Messer”) sondern auch für viele Personenbezeichnungen. Kein Mensch denkt bei femininen Begriffen wie „die Person“, „die Wache“, „die Geisel“ oder „die Koryphäe“ nur an Frauen.

Begriffe wie „Leiter“, „Lehrer“ oder „Arzt“, bei denen es zusätzlich eine spezifisch weibliche Form gibt („Leiterin“, „Lehrerin“, „Ärztin“) sind in der deutschen Sprache doppeldeutig. Sie können entweder geschlechtsneutral („generisch“) gemeint sein oder spezifisch männlich. „Der Leiter“ kann also ebenso wie „die Leitung“ gleichermaßen eine Frau wie einen Mann meinen. Wie wir diese doppeldeutigen Begriffe verstehen, hängt vom Kontext und auch von unserer Erfahrung ab. Da jeder von uns schon mit vielen Lehrerinnen und Ärztinnen zu tun hatte, denken wir intuitiv an Männer und Frauen gleichermaßen, wenn von einer „Gruppe von Lehrern und Ärzten“ die Rede ist. Wir gehen in diesem Fall also intuitiv vom „generischen Maskulinum“ aus, das mit dem biologischen Geschlecht nichts zu tun hat.

Ein Problem entsteht erst dann, wenn man in solchen Fällen das grammatische Geschlecht grundsätzlich mit dem biologischen Geschlecht verknüpft. Dann kann man zu der Meinung gelangen: Das generische Maskulinum sei diskriminierend, weil es männlich geprägt sei. Frauen würden bestenfalls mitgemeint, in der Aussprache aber unterschlagen. Das könne überkommene Rollenbilder verfestigen. Wer auf der Basis solcher Argumente meint, man müsse doch besser von einer „Gruppe von Lehrerinnen und Lehrern und Ärztinnen und Ärzten“ sprechen, erzeugt nicht nur einen sperrigen Bandwurmsatz, sondern auch ein Problem, das in anderen Sprachen ganz bewusst vermieden wird. Die Schriftstellerin Nele Pollatschek schreibt dazu:

„Das Wort Prime Minister bezeichnet de facto für den Großteil der englischen Geschichte einen Mann, einfach schon deshalb, weil Frauen weder wählen noch gewählt werden durften. Die englische Lösung für dieses Problem ist es nicht, eine weibliche Form einzuführen, obwohl Prime Ministress durchaus ginge, sondern eine Frau zu wählen. Spätestens ab 1979, als Margaret Thatcher Premier wurde, wurde das Wort Prime Minister de facto generisch (d.h. geschlechterunabhängig) und wird mit jedem weiblichen PM immer generischer.“[1]

Die englische Sprachentwicklung geht also genau den umgekehrten Weg wie die Gendersprache: Die historisch bedingte männliche Prägung des Begriffs wird durch die praktische Lebenserfahrung aufgelöst, statt sie zu verfestigen, indem man zusätzlich explizit weibliche Begriffe bildet. In der DDR gab es ähnliche Entwicklungen. Leitend ist dabei das Prinzip: Nichts ist so inklusiv und gerecht wie die Verwendung von Begriffen, die über das biologische Geschlecht gar nichts aussagen und somit grundsätzlich immer alle Menschen gleichermaßen meinen. Wer aber das grammatische Geschlecht grundsätzlich mit dem biologischen Geschlecht verknüpft, sexualisiert die Sprache und macht sie zum Schlachtfeld. Erst dann müssen Menschen verschiedenen Geschlechts in der Sprache um Gleichberechtigung kämpfen und Andere bedrängen, ihr angeblich diskriminierendes Sprachverhalten zu ändern. Gendern will also ein Problem lösen, das es durch die Verknüpfung von Genus und Sexus selbst erzeugt und befördert.

Ob das generische Maskulinum wirklich zur Festigung von Geschlechterrollen beiträgt, ist unter Experten übrigens hoch umstritten.[2] Fakt ist: Auch in Deutschland hat die jahrzehntelange Dauerberieselung mit dem Satz „Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker“ nicht verhindert, dass es in beiden Berufen heute einen hohen Frauenanteil gibt.

2. Gendersprache polarisiert die Gesellschaft

Die Gendersprache führt zu Lagerbildung: Während sich die einen ausgegrenzt, benachteiligt und „nicht mitgemeint“ fühlen, empfinden Andere die Gendersprache als elitäres, moralistisch aufgeladenes Umerziehungsprogramm. Während sich die einen als Vorkämpfer für eine bessere Gesellschaft fühlen (und Andersdenkende bekämpfen), sagen Andere: „Einen Text mit Gendersternchen lese ich nicht.“[3] Gendersprache zerstört also den sachlichen Diskurs, weil sie emotional aufgeladene Zustimmung oder Ablehnung erzeugt, noch bevor das erste Argument ausgetauscht wurde. Damit fördert sie die Blasenbildung und Polarisierung der Gesellschaft.

3. Gendersprache wird von einer wachsenden Mehrheit abgelehnt

Umfragen zeigen: Tatsächlich lehnt eine wachsende Mehrheit der Bevölkerung die Gendersprache ab. Im Jahr 2021 hat die Ablehnung der “Gendersprache” im Vergleich zu 2020 um 9% zugenommen, bei Jugendlichen sogar um 11%. Nur noch 26% der Bevölkerung waren 2021 “eher” oder “voll und ganz” dafür.[4] Es handelt sich hier also nicht um eine natürlich wachsende neue Sprachkultur, wie manchmal behauptet wird. Gendersprache ist vielmehr ein künstliches Sprachkonzept, das ein spezielles Milieu gegen den Willen der Mehrheit durchsetzen möchte. Natürlich sind Mehrheiten kein Argument für oder gegen die Gendersprache. Deutlich wird aber auch: Wer so wie Luther den Menschen „aufs Maul schauen“ möchte, um ihnen den Zugang zum Evangelium zu erleichtern, der sollte von der Gendersprache Abstand nehmen.

4. Gendersprache funktioniert nicht

Die wachsende Ablehnung der Gendersprache liegt auch darin begründet, dass sie in der Praxis schlicht nicht funktioniert, wenn man sie konsequent umsetzen will. Kein Mensch wird je von Bürger*innenmeister*innenkandidat*innen sprechen. Auch die immer häufiger anzutreffenden Partizipien („Studierende“) sind keine Lösung. Das liegt zum einen daran, dass die Partizipienbildung den Sinn verändert: Während der Satz „Der Autofahrer öffnet die Tür“ nicht weiter aufregend klingt, beschreibt der Satz „Der Autofahrende öffnet die Tür“ ein ziemlich dramatisches Geschehen. Auch ein „Leitender“ oder „Mitarbeitender“ ist nicht einfach sinnidentisch mit einem Leiter oder Mitarbeiter. Dazu kommt: Die Partizipienbildung ist immer dann gar nicht möglich, wenn sich die Bezeichnung von einem Substantiv ableitet (Autor, Abiturient, Influencer…). Und wollen wir ernsthaft in Zukunft von Klempnernden und Metzgernden sprechen?

5. Gendersprache erschwert die Kommunikation und grenzt Menschen aus

Kein Wunder, dass angesichts solcher Probleme bislang keine allgemeingültige Regeln für das “Gendern” entwickelt werden konnten. Vielmehr kursieren die unterschiedlichsten Vorschläge, wie die Gendersprache konkret ausgestaltet werden soll. Wenn offizielle Institutionen trotzdem die Gendersprache einführen, dann unterwandert das zwangsläufig die moderne Errungenschaft einer allgemeinverbindlichen Grammatik und damit auch einer gemeinsamen, verbindenden Sprache. Glauben wir wirklich, dass es unserem Bildungswesen nicht schadet, wenn sich selbst Schulbücher, Lehrer und Dozenten nicht mehr an grammatische Regeln halten und wenn wir Schüler mit solchen Aufgabenstellungen konfrontieren?

„Arbeitet nun zu zweit. Lest den rechts stehenden Text (S.7) folgendermaßen: Eine/r ist Zuhörer/in, der /die andere ist Vorleser/in. Eine/r liest den Abschnitt vor, der/die Zuhörer/in fasst das Gehörte zusammen. Der/die Vorleser/in muss angeben, ob die Zusammenfassung richtig war.“[5]

Und werden nicht noch mehr Bürger den Bezug zu Bürokratie, Behörden und Politik verlieren, wenn dort eine solche Sprache eingeführt wird?

 „1) Zur Vorbereitung ihrer Beratungen können die Fraktionen im Rahmen ihrer Aufgaben von der*vom Bürgermeister*in Auskünfte über die von dieser*diesem oder in ihrem*seinem Auftrag gespeicherten Daten verlangen, soweit der Datenübermittlung nicht Rechtsvorschriften, insbesondere Bestimmungen über den Datenschutz, entgegenstehen. 2) Das Auskunftsersuchen ist durch die*den Fraktionsvorsitzende*n schriftlich unter wörtlicher Wiedergabe des Fraktionsbeschlusses an die*den Bürgermeisterin*Bürgermeister zu richten.“[6]

Gendersprache ist eben gerade nicht inklusiv, im Gegenteil: Sie macht unsere Sprache noch sehr viel komplizierter und uneinheitlicher. Sie beschädigt deshalb die Kommunikation und grenzt vor allem all jene aus, für die die deutsche Sprache ohnehin schwer zu lernen und zu beherrschen ist.

6. Die Gendersprache ist auch ein Vehikel für fragwürdige Ideologie

Das größte Problem an der Gendersprache ist jedoch, dass es bei diesem Thema eben nicht nur um Sprache und Gleichberechtigung geht. So heißt es in einem aktuellen Aufruf, der von mehr als 200 Sprach- oder Literaturwissenschaftlern unterzeichnet wurde:

„Das Bemühen um Geschlechtergerechtigkeit auch im Sprachgebrauch ist ebenso legitim wie begrüßenswert und kann nicht pauschal als “ideologisch” qualifiziert werden. Dennoch haben ideologische Strömungen im Feminismus und auch die Identitätspolitik ganz maßgeblich die Entwicklung der Gendersprache geprägt und dominieren die auch mit moralischen Argumenten geführten Debatten heute noch.“[7]

Sichtbar werden solche ideologische Einflüsse besonders dort, wo Fakten einseitig interpretiert, geleugnet oder sogar aggressiv bekämpft werden. Ein besorgniserregender Fall von „Cancel Culture“ wurde jüngst wieder sichtbar, als ein Basisvortrag zur biologischen Zweigeschlechtlichkeit an der Berliner Humboldt-Universität wegen Protestaufrufen abgesagt wurde. Dabei ist die Zweigeschlechtlichkeit in der Biologie eine simple Tatsache, an der auch verschiedene genetische oder hormonelle Störungen nichts ändern. „Ein weiteres biologisches Geschlecht, welches für die Fortpflanzung der Lebewesen eine Rolle spielt, ist bis heute nirgends beschrieben worden“, sagt der Biologie Siegfried Scherer zurecht.[8] Was für Biologen eine Selbstverständlichkeit ist, wird von nicht wenigen Genderaktivisten heute als pure Menschenfeindlichkeit dargestellt. Mit einer derart aggressiven und diskursfeindlichen Ideologie kann und will ich mich gerade auch als Christ nicht gemein machen – auch aus biblischen Gründen. Schließlich bestätigt die biologische Forschung bis heute, was die Bibel bereits in ihrem ersten Kapitel lehrt:

„Gott schuf den Menschen nach seinem Bild. Als Gottes Ebenbild schuf er ihn, als Mann und Frau schuf er sie.“ (1. Mose 1, 27)

Folgerichtig bekennt die deutsche evangelische Allianz in ihrer Glaubensbasis:

„Der Mensch besitzt als Ebenbild Gottes eine unverwechselbare Würde. Er ist als Mann und Frau geschaffen.“

Ich meine: Daran sollten wir Christen gemeinsam festhalten. Die Verwendung von Gendersternchen, Doppelpunkten, Schrägtrichen, Unterstrichen oder anderen „mehrgeschlechtlichen Schreibweisen“ passt dazu nicht. Es gibt wesentlich bessere Wege, um unsere Liebe und unseren Respekt für alle vielfältigen Menschen auszudrücken und sie allesamt in unseren Gemeinschaften herzlich willkommen zu heißen.

Tipp: Sehr kurzweilig, fundiert und empfehlenswert zu diesem Thema ist das Video „Warum Gendersprache scheitern wird“ von der YouTuberin Alicia Joe, das inzwischen mehr als 1,6 Millionen mal angeklickt wurde:

[1] Dr. Nele Pollatschek: „Gendern macht die Diskriminierung nur noch schlimmer“, Tagesspiegel, 30.08.2022: https://www.tagesspiegel.de/kultur/deutschland-ist-besessen-von-genitalien-gendern-macht-die-diskriminierung-nur-noch-schlimmer/26140402.html

[2] So schreibt Philipp Hübl: “Die Studien haben fast alle einen Haken. Sie schliessen von einem Einfluss im besonderen Fall, also der gegenderten Form, auf einen vergleichbaren Einfluss im Standardfall, dem generischen Maskulinum. Das ist aber nur dann gerechtfertigt, wenn man andere Einflussfaktoren ausschliessen kann. Und der stärkste ist unser sozial erlerntes Rollenbild, das wir ganz unabhängig von der Sprache an die Welt herantragen. … Wäre das generische Maskulinum für die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau verantwortlich, müsste die Ungleichheit zwischen Mann und Frau in Genus-Sprachen wie dem Deutschen oder dem Französischen stärker ausfallen als in Sexus-Sprachen wie dem Englischen. Auch das scheint nicht der Fall zu sein.” In: “Steht die Gleichberechtigung in den Sternen”, NZZ 31.03.2018, www.nzz.ch/feuilleton/der-erfolg-des-steht-in-den-sternen-gendergerechte-sprache-ld.1369855

[3] Harald Schmidt in der SWR-Sendung Nachtcafe https://twitter.com/hawaiitoast_/status/1416667997725470721?lang=de

[4] Umfrageergebnis von infratest dimap: https://www.infratest-dimap.de/umfragen-analysen/bundesweit/umfragen/aktuell/weiter-vorbehalte-gegen-gendergerechte-sprache/

[5] In: „Treffpunkt Deutsch 3“, OEBV-Verlag S. 6, zitiert in „Gendern in Schulbüchern“, online unter https://vds-ev.de/wp-content/uploads/2017/02/deutschinsgg_gendern.pdf

[6] Aus der Geschäftsordnung des Rates der Stadt Neuss: https://www.neuss.de/rathaus/ortsrecht/pdf/30-02-geschaeftsordnung.pdf

[7] „Aufruf: Wissenschaftler kritisieren die Genderpraxis des öffentlich rechtlichen Rundfunks“ vom Juli 2022: www.linguistik-vs-gendern.de/

[8] Prof. Siegfried Scherer in: „Biologe Scherer: „Fortpflanzungsbiologen unterscheiden zwei Geschlechter – und zwar genau zwei“, 2.8.2022, PRO Medienmagazin www.pro-medienmagazin.de/biologie-scherer-wie-viele-geschlechter-gibt-es/