Das Manifest (1): Es gibt Wahrheit und Irrtum. Nur der Glaube an die Wahrheit rettet!

„Paulus, Diener von Christus Jesus, zum Apostel berufen und dazu bestimmt, Gottes Gute Nachricht zu verkünden. Gott hat sie ja durch seine Propheten in der Heiligen Schrift schon im Voraus angekündigt.“ (1,1+2)

Paulus leitet seinen Brief schon im ersten Vers mit einem extrem steilen Anspruch ein. Er sagt: Ich bin von Jesus Christus beauftragt. Und: Meine Botschaft ist nicht von dieser Welt. Es handelt sich um GOTTES Gute Nachricht, die Gott schon im Voraus angekündigt hatte.

Damit ist klar: Diese Botschaft will nicht einfach nur eine neue These oder Überlegung sein, die man diskutieren und mehr oder weniger gut finden kann. Nein: Diese Botschaft tritt mit dem Anspruch auf, absolut wahr zu sein, weil sie von Gott persönlich stammt. Und sie sieht das Grundproblem der Menschheit darin, dass es eine göttliche Wahrheit gibt, die die Menschen verworfen haben:

„Die Menschen tauschten die Wahrheit Gottes gegen die Lüge.“ (1,25a)

Diese Realität von Wahrheit und Irrtum bzw. Lüge ist für Paulus grundlegend für alle weiteren Überlegungen. Das gilt für ihn gerade auch im Blick auf sein eigenes jüdisches Volk:

„Ich kann bezeugen, dass sie sich wirklich für die Sache Gottes einsetzen. Nur haben sie nicht die rechte Erkenntnis. Sie verstehen nicht, worum es bei der Gerechtigkeit Gottes geht. Stattdessen streben sie nach dem, was sie selbst für Gerechtigkeit halten. Deshalb haben sie sich nicht der Gerechtigkeit untergeordnet, die Gott ihnen schenken will.“ (10,2-3)

Paulus sagt also: Guter Wille und gut gemeinter Einsatz für die Sache Gottes reicht nicht. Wer vor Gott als gerecht gelten möchte, braucht dazu die richtige Erkenntnis zu der Frage, was ER sich unter Gerechtigkeit vorstellt. Paulus scheut sich nicht, ganz klar zu sagen: Mein jüdisches Volk hat diese richtige Erkenntnis leider nicht. Stattdessen eifert es nur eigenen, falschen Vorstellungen nach.

Ungeheuerlich!

Gibt es in Glaubensfragen objektive Wahrheiten?

Paulus richtet damit einen klaren Kontrapunkt auf zu der These, die man heute fast überall hören kann und die es wohl auch damals schon gab: Jeder soll nach seiner eigenen Façon selig werden. Persönliche Religiosität ist O.K., solange sie nicht den Anspruch erhebt, dass Alle das Gleiche glauben müssen.

Die Postmoderne ging sogar noch einen Schritt weiter und entwickelte die Idee: Eigentlich gibt es in Glaubensfragen gar keine Wahrheiten, die für alle Menschen gelten. Wahrheit ist immer nur subjektiv, niemals objektiv. Wer die Existenz von allgemeingültigen Wahrheiten vertritt, die für alle Menschen bindend sein sollen, der überschätzt sich nicht nur selbst, der ist auch intolerant und gefährlich, weil er den gesellschaftlichen Frieden gefährdet. Allgemeingültige Wahrheit bzw. objektiver Irrtum gäbe es demnach in Glaubensdingen gar nicht oder sie wäre zumindest für uns Menschen nicht greifbar oder fassbar.

Mit dieser postmodernen Sicht wurde der ursprüngliche Toleranzbegriff („Ich respektiere Dich und stelle mich schützend vor Dich, auch wenn ich Deine Meinung für falsch halte bzw. Du meine Meinung für falsch hältst.“) umgedeutet in die Forderung, dass man generell darauf verzichten soll, von allgemeingültigen Wahrheiten für alle zu sprechen. In diesem Denken ist nur der tolerant, der sagt: Ich habe zwar eine Position. Aber die gilt nur für mich. Deine völlig andere Position kann für Dich genauso richtig sein. Dabei merkt man oft gar nicht, dass diese postmoderne Sichtweise sich selbst widerlegt. Denn wer behauptet, dass es keine objektiven, für alle gültigen Wahrheiten gibt, stellt damit ja selbst eine Behauptung mit allgemeingültigem Wahrheitsanspruch auf.

Wahrheit oder Irrtum – eine Entscheidung mit weitreichenden Konsequenzen

Die Position von Paulus ist dagegen vollkommen anders. Er sagt: Es gibt in den existenziellen Menschheitsfragen objektiv gültige, göttliche Wahrheiten, die in menschlichen Worten verkündbar, beschreibbar und begreifbar sind und die somit jeden Menschen vor die Wahl stellen, dieser Wahrheit entweder zu glauben oder sie zurückzuweisen. Dabei gilt laut Paulus: Nur diese Wahrheit rettet! Die Idee, dass ein anderer, selbst konstruierter Glaube im Leben und im Sterben tragfähig sein könnte, ist für ihn offenbar genauso absurd wie die Vorstellung, dass ein schwerkranker Patient sich selbst die Pille aussucht, die ihn heilen soll, weil sie ihm farblich und geschmacklich am meisten zusagt. Entscheidend für die Heilung sind aber nicht die Vorzüge des Patienten, sondern einzig und allein die Frage, ob die Pille genau den Wirkstoff enthält, der die tödliche Krankheit bekämpfen kann. Die Entscheidung für eine bestimmte Arznei oder Therapie hat deshalb weitreichende Konsequenzen. Sie kann letztlich über Leben und Tod entscheiden. Ein verantwortungsvoller Arzt muss sich deshalb unbedingt dafür einsetzen, dass sein Patient sich nicht auf eine falsche Therapie verlässt, die ihm nicht nur nicht helfen kann sondern die ihn womöglich auch noch von der wirklich rettenden Therapie abhält. Genauso wird bei Paulus in vielen seiner Briefe deutlich: Es ist trotz allen Unannehmlichkeiten unbedingt notwendig, sich für die Wahrheit einzusetzen und vor falscher Lehre deutlich zu warnen.

Verrückte, Lügner oder Propheten?

Der Anspruch von Paulus, objektiv gültige, göttliche Wahrheit zu verkündigen, zeigt den grundsätzlichen Unterschied der biblischen Schriften zu allen anderen theologischen Texten: Nur die biblischen Autoren können einen Wahrheitsanspruch erheben, der sich direkt auf Gottes Autorität beruft. Spätestens die Reformation hat klar gestellt: Das könnte und dürfte sich seither kein Theologe und kein kirchlicher Leiter mehr anmaßen. Mit ihrem einzigartigen Anspruch auf göttliche Wahrheit stellen uns die biblischen Autoren vor eine grundsätzliche Glaubensentscheidung: Entweder wir halten diese Leute für überspannt oder durchgeknallt. Oder wir halten sie für Lügner. Oder wir kommen zu dem Schluss, dass sie echte Propheten sind, denen man besser glauben sollte, wenn man sich nicht mit Gott selbst anlegen will.

Bevor Du Dich für eine dieser Optionen entscheidest: Schau Dir doch zunächst einmal an, welche Inhalte Paulus für objektiv wahr und gottgegeben hält. Dazu lege ich Dir die folgenden Artikel zu den 6 weiteren Thesen des Römerbriefs ans Herz:


Übersicht und Einleitung: Das Manifest – 7 fundamentale Thesen des Römerbriefs

Die Artikel zu den weiteren Thesen erscheinen in Kürze.

Das Manifest: 7 fundamentale Thesen des Römerbriefs

Das Leben des Paulus ist von einem seltsamen Widerspruch geprägt: Einerseits war es seine Mission, allen Menschen eine überaus gute Nachricht zu bringen, für die er sich nach eigener Aussage nicht zu schämen brauchte:

„Denn ich schäme mich nicht für die Gute Nachricht. Sie ist eine Kraft Gottes, die jeden rettet, der glaubt.“ (Römer 1,16)

Andererseits war sein Leben geprägt von heftigstem Widerstand und schwerer Verfolgung, die ihn am Ende sogar das Leben kostete. Seither haben zahllose Christen in der ganzen Welt erlebt: Die gute Nachricht („Evangelium“) des Paulus löst nicht nur Begeisterung sondern auch Verachtung, Widerspruch oder sogar Verfolgung aus. Die große Frage ist:

Warum führt eine gute Nachricht so oft zu solch unguten Reaktionen?

Wer sich den Römerbrief aufmerksam durchliest, begreift rasch den Grund: Mit seiner Botschaft hat Paulus einen Stachel ins Fleisch der Menschheit getrieben. Seit 2000 Jahren reizt er die Menschen entweder zum empörten Widerspruch oder zur Umkehr zu Gott. Dazwischen lässt Paulus wenig Spielraum – es sei denn, man jagt seine Botschaft so oft durch den theologischen Weichspüler, bis nichts mehr von ihr übrig ist.

7 Artikel zu 7 Thesen des Römerbriefs

Diese kleine Artikelserie hat sich vorgenommen, Paulus möglichst ungezähmt zu Wort kommen zu lassen. Sie beleuchtet seine Botschaft anhand von 7 fundamentalen Thesen des Römerbriefs. Thesen, die letztlich nichts anderes sind als ein Frontalangriff auf die Autonomie des Menschen. Thesen, die uns konfrontieren mit unangenehmen Wahrheiten und uns vor weitreichende Entscheidungen stellen. Thesen, die bis heute Widerspruch auslösen und verächtlich gemacht werden. Thesen, an der jede Theologie Maß nehmen muss, wenn sie wirklich das paulinische Evangelium wiedergeben will, statt es zu verzerren oder zu verdrehen – und ihm damit seine rettende, menschen- und weltverändernde Kraft zu rauben. Thesen, die laut Paulus jeder Mensch kennen sollte, weil an ihnen das Leben hängt.

Ich lade Dich ein, ganz neu und ungeschminkt diese revolutionäre „Gute Nachricht“ kennen zu lernen, die wie keine andere gehasst und geliebt wurde, die seit 2000 Jahren die Welt erobert, die schon zahllose Herzen erneuert und ganze Nationen verändert hat.


Die 7 Thesen im Überblick:

These 1: Es gibt Wahrheit und Irrtum. Nur der Glaube an die Wahrheit rettet!

Die Links zu den weiteren Artikeln erscheinen in Kürze hier!

Warum das Design-Argument ein Gamechanger ist!

Es tut sich etwas in der wissenschaftlichen Welt. Die „Gott-Hypothese“ kehrt zurück.[1] Und eine entscheidende Rolle spielt dabei das Design-Argument. Doch leider wird die Bedeutung, die Tragweite und die Wucht dieses Arguments bislang in unseren Breitengraden noch eher selten erkannt – leider auch von Christen und Theologen. Dabei rüttelt das Design-Argument an einem der grundlegendsten Paradigmen, das die akademische Welt über ein Jahrhundert dominiert hat.

Knapp zusammengefasst lautet dieses Paradigma: Seriöse Wissenschaft rechnet ausschließlich mit innerweltlichen, naturgesetzlich erklärbaren Ursachen. Damit wird nicht nur gesagt, dass Wissenschaft göttliche Eingriffe mit ihren Methoden nicht erfassen kann. Das Paradigma verlangt vielmehr, dass göttliche Eingriffe als Erklärung prinzipiell ausgeschlossen werden! Das gilt nicht nur für die Erforschung unserer geschaffenen Welt sondern auch für die Erforschung des Ursprungs der Welt, für die Erforschung des menschlichen Geistes und für die Erforschung der Bibel – mit allen weitreichenden Konsequenzen für unser Welt- und Menschenbild sowie für die Theologie, das Bibelverständnis, die Exegese und die Verkündigung in den Gemeinden.[2]

Das Problem war bisher: Der von diesem Paradigma geprägte Wissenschaftsbegriff galt vielfach als derart selbstverständlich, dass er kaum thematisiert geschweige denn hinterfragt wurde.[3] Dabei ist dieses Paradigma noch nie bewiesen worden. Philosophisch wurde es schon des Öfteren in Frage gestellt.[4] Wenn sich jetzt auch noch in den unterschiedlichsten naturwissenschaftlichen Fachdisziplinen[5] das Bild verfestigt, dass die Entstehung des Universums und des Lebens unmöglich allein durch innerweltliche Prozesse erklärt werden kann, dann ist die Vorstellung von einer Welt als geschlossenem System, in dem jede beobachtete Wirkung grundsätzlich auf eine natürliche, innerweltliche Ursache zurückgeführt werden kann, auch aus naturwissenschaftlichen Gründen passé. Dann ist klar: Wir befinden uns in Wahrheit in einer offenen Welt, die einerseits wohlgeordnet ist, in die ihr Ordnungsgeber aber auch eingreifen kann. Denn genau das hat er gemäß dem Design-Argument ja offenkundig bereits getan, und zwar nicht nur am Anfang der Weltgeschichte. Die Entstehung des Lebens wird ja gerade im konventionellen Modell nicht am Beginn, sondern erst lange Zeit nach der Entstehung des Universums angenommen. Das Design-Argument zeigt also: Im Verlauf der Weltgeschichte muss es „geistige Verursachungen“ gegeben haben!

Wenn das stimmt, dann ist es nicht mehr länger sachgemäß, die Option historischer Schöpfungsakte als „unwissenschaftlich“ darzustellen und grundsätzlich vom Diskurs in der biologischen Ursprungsforschung auszuschließen. Auch in anderen Wissenschaftsbereichen ergeben sich neue Möglichkeiten:

  • In der Neurologie kann wieder offen die Option diskutiert werden, dass der menschliche Geist nicht nach dem Ursache-Wirkungsprinzip einer chemischen Maschine funktioniert sondern wesensmäßig immaterieller Natur sein könnte und damit auch einen freien Willen und eine die Zeit überdauernde personale Identität haben kann.[6]
  • In der akademischen Theologie kann wieder offen die Option diskutiert werden, dass biblische Wunderberichte auf tatsächliche, historische Wunder zurückgehen, dass biblische Vorhersagen bereits vor ihrem Eintreffen aufgeschrieben wurden und dass die biblischen Texte gemäß ihrem Selbstanspruch echten Offenbarungscharakter haben könnten.

Die Konsequenz wäre also, dass die wissenschaftliche Welt ihre Suche nach Wahrheit deutlich ergebnisoffener betreiben könnte. Es müsste keinen grundsätzlichen Gegensatz mehr geben zwischen wissenschaftlichem Arbeiten und dem Glauben an Gott. Mehr noch: Christen dürften wissen, dass es für ihren Glauben auch gute naturwissenschaftliche Argumente gibt. Und sie hätten einen weiteren Grund, der Bibel zu vertrauen. Denn schließlich lehrte uns die Bibel schon immer drei Dinge über die Welt, die durch das Design-Argument jetzt ganz neu bestätigt werden:

  1. Wir leben in einer geschaffenen Welt.
  2. Schöpfer und Schöpfung sind strikt getrennt.
  3. Gott kann punktuell in den Lauf der Welt eingreifen.

Es war dieses biblische Weltbild, das die Erfolgsgeschichte der Wissenschaft einst in Gang gesetzt hat[7]. Gerade der Glaube an einen intelligenten „Gesetzgeber“ hatte Wissenschaftspioniere wie Newton, Kopernikus oder Kepler dazu motiviert, nach Naturgesetzen zu suchen. Heute bestätigt das Design-Argument erneut, dass das biblische Weltbild eine sehr gute Grundlage für fruchtbare Wissenschaft bietet.

Deshalb bin ich so dankbar für das von Reinhard Junker und Markus Widenmeyer herausgegebene Buch „Schöpfung ohne Schöpfer?“. Im Artikel „Warum Intelligent Design für Wissenschaft unverzichtbar ist“ hat Junker zentrale Thesen dieses Buchs zusammengefasst. Dabei wird deutlich: Anders als oft behauptet ist das Design-Argument sehr gut begründet, und zwar sowohl wissenschaftlich als auch wissenschaftsphilosophisch. Und es ist auf der Höhe der Zeit! Gerade die neuesten rasanten Entwicklungen in der Molekularbiologie liefern ständig neue Bestätigungen dafür, dass die Entstehung des Lebens und der biologischen Baupläne nicht allein auf ziellose, selbstorganisierende Prozesse zurückgeführt werden können. Die immer offenkundigeren Hinweise auf die kreative Tätigkeit eines intelligenten, zielorientierten Designers können nicht mehr länger einfach vom Tisch gewischt werden, wenn man intellektuell redlich auf die faszinierenden Fakten schauen möchte.

Paulus hatte also doch recht, als er schrieb, dass die Schöpfung klare Hinweise enthält, dass es einen Schöpfer gibt:

„Seit Erschaffung der Welt haben die Menschen die Erde und den Himmel und alles gesehen, was Gott erschaffen hat, und können daran ihn, den unsichtbaren Gott, in seiner ewigen Macht und seinem göttlichen Wesen klar erkennen.“

(Römer 1, 20)


[1] Siehe dazu das aktuell erschienene Buch von Stephen C. Meyer „Return of the God-Hypothesis“. Hintergrund ist die Erzählung, dass der französische Mathematiker, Physiker und Astronom Pierre-Simon Laplace im frühen 19. Jahrhundert zu Napoleon in Abgrenzung zu Isaac Newton gesagt haben soll: „Gott? Diese Hypothese benötige ich nicht.“

[2] Siehe dazu Markus Till: „Das wunderkritische Paradigma“ (https://blog.aigg.de/?p=5240)

[3] Die Argumente, die zur Durchsetzung des naturalistisch geprägten Wissenschaftsbegriffs geführt haben, werden erläutert und diskutiert in Markus Till: “Außerwissenschaftliche Vorannahmen: Denkvoraussetzungen von Wissenschaftlern und Theologen” (https://blog.aigg.de/?p=4930)

[4] Ein jüngeres Beispiel ist Keil, Geert, Naturgesetze, Handlungsvermögen und Anderskönnen, Deutsche Zeitschrift für Philosophie, 2007, 55 (6), 929-948.

[5] Das Design-Argument erweist sich nicht nur in der Biologie, sondern auch in der Kosmologie, Physik, Chemie und in der Mathematik als schlagkräftig! Siehe dazu das Buch „Das geplante Universum: Wie die Wissenschaft auf Schöpfung hindeutet“ von Markus Widenmeyer et al. (https://blog.aigg.de/?p=4615)

[6] Siehe dazu das Buch von Markus Widenmeyer: „Welt ohne Gott? Eine kritische Analyse des Naturalismus“

[7] So schrieb z.B. C.S. Lewis: „Die Menschen wurden Wissenschaftler, weil sie Gesetze in der Natur erwarteten, und sie erwarteten Gesetze in der Natur, weil sie an einen Gesetzgeber glaubten.“ Carl Friedrich von Weizsäcker stellte fest: Die moderne Wissenschaft ist „ein Geschenk, ich hätte auch sagen dürfen, ein Kind des Christentums.“

 

Warum „Intelligent Design“ für Wissenschaft unverzichtbar ist

Von Reinhard Junker

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Wenn Wissenschaftler die Geschichte des Lebens, der Erde oder des ganzen Kosmos rekonstruieren möchten, arbeiten sie ähnlich wie ein Kriminalkommissar, der ein vergangenes Geschehen aufzuklären hat und die Umstände herausfinden möchte, die zu einem Todesfall führen. War es Mord oder Selbstmord oder trat der Tod auf natürlichem Wege ein? Das vergangene Geschehen ist der direkten Beobachtung entzogen; wir können es nicht wiederholen, auch wenn einzelne Aspekte, die gesetzmäßigen Charakter haben, experimentell zugänglich sein können (der Kriminalist kann z. B. anhand von Zerfallsprozessen an der Leiche den Todeszeitpunkt ziemlich genau bestimmen). Wenn glaubwürdige Augenzeugen fehlen, ist nur ein Indizienbeweis möglich, um eine stimmige Erklärung der am Tatort gefundenen Indizien zu erhalten; im Idealfall gibt es nur eine einzige widerspruchsfreie Erklärung und der Fall ist gelöst, zumindest nach bestem Wissen. Unter Umständen bleibt der Fall aber mangels Beweisen ungelöst, weil die Indizien zu mehreren Szenarien passen (und kein Geständnis vorliegt).

Wenn der Kriminalkommissar seine Arbeit korrekt – und damit insbesondere unvoreingenommen – macht, berücksichtigt er alle zugänglichen Indizien, um zu einem möglichst umfassenden Gesamtbild zu kommen, und er wird allen Spuren und Verdachtsmomenten nachgehen. Das heißt: Er ist für alle möglichen Antworten offen. Ein Kommissar, der eine der möglichen Erklärungen grundsätzlich ausschließen würde, hat seinen Beruf verfehlt. Oder was würden Sie von einem Kommissar halten, der „Mord“ von vornherein ausschließen würde mit der „Begründung“, es müsse unter allen Umständen eine Erklärung dafür geben, dass der Tod auf natürlichem Wege eingetreten sei? Die Möglichkeit, dass es einen Täter gab, der absichtsvoll gehandelt hat, dürfe nicht berücksichtigt werden?

Muss „Schöpfung“ ausgeschlossen werden?

Die Aufklärung der Entstehung des Lebens und zur Geschichte der Lebewesen ist mit einem Kriminalfall vergleichbar: Ein vergangenes Geschehen soll anhand von Indizien aufgeklärt werden. Und wenn kein Augenzeugenbericht vorliegt, sind die Indizien die einzigen Wegweiser.[1] Aber erstaunlicherweise geht die überwältigende Mehrheit der heutigen Biologen in ihren Forschungen zum Ursprung der Lebewesen so vor wie ein Kommissar, der eine geplante Handlung eines Täters grundsätzlich ausschließt. Die Möglichkeit, dass ein Schöpfer absichtsvoll gehandelt hat und dass dies die korrekte Erklärung für die Existenz von Lebewesen ist, wird prinzipiell ausgeschlossen.[2] Selbst wenn es deutliche Spuren gibt, die auf einen Schöpfer hinweisen, werden diese gewöhnlich nicht verfolgt. So schreibt Scott Todd (1999) in der Wissenschaftszeitschrift Nature: „Selbst wenn alle Daten auf einen intelligenten Schöpfer weisen, würde eine solche Hypothese aus der Wissenschaft ausgeschlossen werden, weil sie nicht naturalistisch ist.“ Der Genetiker Richard Lewontin (1997) hat sich ähnlich geäußert: „Wir sind … durch unsere von vornherein getroffene Grundsatzentscheidung für den Materialismus dazu gezwungen, Forschungsansätze und Erklärungskonzepte zu entwickeln, die sich auf materialistische Erklärungen beschränken. Dabei spielt es keine Rolle, wie sehr sie der Intuition der Nichteingeweihten entgegenstehen oder ob sie ihnen rätselhaft erscheinen. Darüber hinaus ist dieser Materialismus absolut, denn wir können keinen göttlichen Fuß in der Tür zulassen.“

Diese Zitate besagen: Die Wissenschaftlergemeinschaft sei faktisch darauf festgelegt, dass es auf alle Ursprungsfragen eine naturalistische bzw. materialistische Antwort geben muss. Mit „naturalistisch“ ist hier gemeint, dass ausschließlich natürliche Vorgänge den betreffenden Naturgegenstand hervorgebracht haben und die Möglichkeit einer absichtsvollen, kreativen Verursachung ausgeschlossen ist. Wo Wissenschaftler diese naturalistische Vorannahme treffen, werden nur natürliche Vorgänge in Erklärungen der Entstehung biologischer Gegenstände berücksichtigt und zwar unabhängig von der Beweislage. Dies führt automatisch zu einer Evolutionsanschauung, zur Vorstellung einer allgemeinen Abstammung aller Lebewesen von andersartigen Vorfahren, wobei dieser Evolutionsprozess ohne jede Zielorientierung verlaufen sein soll, wie von Evolutionsbiologen in der Regel deutlich betont wird.[3]

Dass die Beweislage keine Rolle spielt, bringen die Lehrbuchautoren Zrzavy, Storch & Mihukla (2009, 439) wie folgt zum Ausdruck: „Wir wissen es nicht, wir haben keine Ahnung. Wir wissen nur, dass der Darwinismus in der Lage ist, alles zu erklären, und letztendlich irgendeine Erklärung bieten wird, wenn wir das Phänomen wirklich unter die Lupe nehmen würden.“ So ist auch der Biologe Axel Lange (2020, 11) angesichts offener Fragen in der Evolutionsforschung überzeugt: „Antworten, die noch fehlen, wird es irgendwann geben“ und meint damit Antworten im Rahmen des Naturalismus.

Wie wird diese Vorgehensweise begründet?

Sehr oft wird behauptet, dass Wissenschaft das Wirken eines Schöpfers methodisch ausblenden müsse, auch in Fragen des Ursprungs und der erstmaligen Entstehung. Das beruht aber auf einem folgenschweren Denkfehler: Zwar sind naturwissenschaftliche Erklärungen auf naturwissenschaftlich zugängliche Faktoren (d.h. Gesetzmäßigkeiten und Randbedingungen) beschränkt. Ein Schöpfer ist kein solcher Faktor. Falsch ist aber, wenn man daraus schließen wollte, dass alle Erklärungen naturwissenschaftlich sein müssten und also ein Schöpfer auszuschließen wäre. Allein unser Alltagsdenken kennt zwei ganz unterschiedliche Faktoren, durch die wir Dinge erklären: Erstens natürliche Faktoren. Und zweitens geistige oder personale Faktoren, d.h. Personen und ihre Handlungen.

Durch diesen Fehlschluss resultiert für  Ursprungfragen eine inakzeptable Vorentscheidung in der Sache: Von vornherein wird ein planvolles und zielorientiertes Handeln eines Schöpfers ausgeschlossen. Damit wird insbesondere ein Grundprinzip wissenschaftlichen Arbeitens aufgegeben, nämlich die (unvoreingenommene) Suche nach der zutreffenden Antwort.[4] Stattdessen wird die „beste“ naturalistische Antwort gesucht – „beste“ in Anführungszeichen, weil alle naturalistischen Antworten falsch sein könnten und falsche Antworten nie die besten sein können.

Die Festlegung auf den Naturalismus bildet den weltanschaulichen Hintergrund der Arbeitsweise der institutionalisierten Wissenschaften, oder wenigstens des derzeit dominanten Teils. Ohne Kenntnis dieses Hintergrundes sind aktuelle Diskussionen über evolutionäre Erklärungen und über den Design-Ansatz nicht zu verstehen.

Wir wollen noch genauer auf den erwähnten Fehlschluss eingehen. Er besteht darin, dass der Bereich, in dem per definitionem oder zumindest aus guten Gründen naturwissenschaftliche Methoden anzuwenden sind, auf andere oder gar alle Sachbereiche ausgedehnt wird. Wo sind per definitionem naturwissenschaftliche Erkenntnismethoden anzuwenden? Dies sind experimentelle Zusammenhänge. Hier geht es darum, in kontrollierbaren Experimenten gesetzmäßige, also in diesem Sinne rein natürliche Zusammenhänge herauszuarbeiten. Denn das ist der Sinn und Zweck naturwissenschaftlicher Experimente. Aus guten Gründen werden wissenschaftliche Methoden angewandt, wo wir aus hinreichend ähnlichen, paradigmatischen Beispielen wissen, dass sie akkurat anwendbar sind. Beispiele sind Planentenbewegungen, chemische Reaktionen, Mechanik oder Elektrizität.

Beides trifft bei der Frage um Schöpfung vs. natürliche Entstehung (Evolution) nicht zu: Hier geht es in erster Linie nicht um experimentelle Wissenschaft und es geht nicht um Fälle, die den genannten paradigmatischen Fällen hinreichend ähnlich sind. Stattdessen steht die Frage nach der erstmaligen Entstehung von ganz besonderen Naturgegenständen im Raum: Wie entstanden erste Lebewesen, wie entstanden komplex-funktionale Konstruktionen der Lebewesen wie z. B. molekulare Nano-Maschinen in den Zellen oder eine flugtaugliche Vogelfeder? Für Lebewesen und ihre Konstruktionen sind dabei ganz andere Gegenstände paradigmatisch, nämlich insbesondere maschinenartige Gebilde. Alle Gegenstände dieser Art, deren Ursprung uns bekannt ist, kamen aufgrund des Einsatzes von Intelligenz und Planung ins Dasein.[5] In den weitgehend experimentellen, empirischen[6] Naturwissenschaften ist eine methodische Beschränkung auf natürliche, gesetzmäßig beschreibbare Ursachen und Ursache-Wirkungszu­sam­menhänge erforderlich.[7] Im günstigen Fall kann dadurch herausgefunden werden, was natürliche Prozesse zu leisten vermögen. Ob und wie in den regelhaft verlaufenden natürlichen Prozessen Gottes Wirken zu Buche schlägt, kann hier methodisch ausgeblendet werden und darüber kann auch mit der empirischen Methode der Naturwissenschaften nichts ausgesagt werden.[8]

Ganz anders ist die Situation, wenn es um Ursprungsfragen geht, um Fragen der erstmaligen Entstehung und somit um ganz bestimmte einmalige Vorgänge in der Vergangenheit. Diese Vorgänge kann man nicht experimentell untersuchen. Sie müssen anhand von Indizien rekonstruiert werden.

Bei der Ermittlung relevanter Indizien zur Aufklärung der Entstehung des Lebens und seiner Baupläne spielt Naturwissenschaft natürlich trotzdem eine unverzichtbare Rolle: Naturwissenschaftliche Forschung liefert die erforderlichen Indizien: Wie sind die Lebewesen aufgebaut und welche Prozesse des Lebens sind bekannt? Unsere Kenntnisse über die Lebewesen sind die Indizien, die zur Lösung des Falles „Schöpfung/Evolution“ herangezogen werden können. Daher ist die verbreitete Einschätzung falsch, dass der „Design-Ansatz“ (Intelligent Design) ein „science stopper“ sei, weil bei offenen Fragen auf einen Schöpfer verwiesen werde. Das stellt die Tatsachen in Wirklichkeit auf den Kopf: Tatsächlich wird jede erdenkliche naturwissenschaftliche Forschung benötigt, um überhaupt mögliche Indizien für einen Schöpfer zu entdecken! Damit ist auch das Lückenbüßer-Argument zurückzuweisen, das häufig gegen den Design-Ansatz vorgebracht wird (s. u.).

Gründe für „Design“

Die naturalistische Weltanschauung ist seit etwa dem 19. Jahrhundert sehr stark im Denken vieler Naturwissenschaftler verankert. Dennoch ist sie nicht im Konzept der Naturwissenschaft enthalten. Das Konzept der Naturwissenschaft beinhaltet die Anwendung der naturwissenschaftlichen Methode in ihrem Bereich, aber nicht die universelle Anwendung auf alle Seinsbereiche. Die empirisch-theoretische Methode der Naturwissenschaft ist daher völlig unabhängig vom weltanschaulichen Rahmen anwendbar: Naturalisten können genauso wie Kreationisten erfolgreich Motoren entwickeln, die Mechanismen bestimmter chemischer Reaktionen erforschen oder Planentenbewegungen berechnen. Darin liegt eine der Stärken dieser Methode. Die Studiengemeinschaft Wort und Wissen hat sich das Motto „Wissenschaft in einer geschaffenen Welt“ gegeben. Denn gerade in einer intelligent geplanten und geschaffenen Welt sind „intelligente“ Naturdinge zu erwarten, die hochkomplexe, feinabgestimmte Strukturen enthalten, welche vielschichtige Zweck-Mittel-Beziehungen widerspiegeln; und entsprechende empirische Forschungen sind vielversprechend. Von einem intelligenten Schöpfer kann man jedenfalls intelligent gestaltete Werke und Naturabläufe erwarten. Im Rahmen des Naturalismus gibt es dagegen für diese Erwartung keine guten, klaren Gründe.

Daher steht die naturalistische Weltanschauung in Spannung zu einigen systematischen Befunden der Naturwissenschaften, insbesondere der Biologie (um die es in diesem Beitrag geht), aber auch der Physik und Chemie (Widenmeyer 2019). Denn der Wissensfortschritt offenbart zunehmend eine atemberaubende Komplexität und vielfache informationsgesteuerte Prozesse sowie vielfältige Wechselwirkungen und anspruchsvolle Regelkreise bei Organismen. Wir wissen aufgrund der Ergebnisse des ENCODE-Projekts, dass das menschliche Erbgut sehr viel ausgeklügelter aufgebaut ist als man zu Beginn der Jahrtausendwende noch wusste (Borger 2021). Es gibt atemberaubend komplexe und intelligent eingerichtete, flexible Verhaltensweisen bei Tieren. Lebewesen sind plastisch an verschiedene Umweltbedingungen anpassbar, es gibt Redundanzen, Reparaturmechanismen, Puffersysteme und andere generelle Eigenschaften, die nach all unserer Erfahrung ein kaum vorstellbares Ausmaß an Planung erfordern und eine klare Zukunftsorientierung erkennen lassen und somit klare Design-Indizien sind. Denn nur eine handelnde Person kann planen und zukunftsorientiert sein (siehe dazu den Kasten „Der Kern des Design-Arguments“).

Dieser Wissenszuwachs hat Folgen für den Fall „Schöpfung/Evolution“: Durch den immensen Fortschritt der empirischen Forschung der Naturwissenschaftsdisziplin Biologie steigen auch die Anforderungen an eine Erklärung für die Entstehung der Naturgegenstände deutlich an. Die Hinweise auf Planung und Zielsetzung und damit die Anlässe, „Design“ bzw. „Schöpfung“ als Erklärung in Betracht zu ziehen, häufen sich und werden zunehmend stärker. Dagegen bleiben die hinreichend konkretisierten und empirisch belegten natürlichen Evolutionsprozesse, die als Erklärungen in Frage kommen könnten, immer weiter hinter dem Erklärungsziel zurück.

Die Folge ist: Evolutionstheoretiker legen höchst vage Modelle vor, die die wesentlichen Fragen nicht beantworten, sie setzen das Erklärungsziel herab, indem das, was zu erklären ist, nur ziemlich unscharf formuliert wird (s. das Beispiel „Vogelfeder“ weiter unten). Nicht selten werden darüber hinaus handelnde Pseudosubjekte eingeführt. Zwei aktuelle Beispiele: „Die Evolution […] kann schneller reagieren und Evolutionsverläufe verkürzen“ (Lange 2020, 195). „In jüngerer Zeit wird […] von Handlungsinstanzen und Akteuren des Organismus gesprochen“ (Lange 2020, 142). Oder es wird einfach an die Vorstellungskraft appelliert.[9]

Darüber hinaus gibt es ein grundsätzliches methodisches Problem bei Erklärungen zur Entstehung von evolutionären Neuheiten (Makroevolution): Der naturwissenschaftliche Erklärungsbegriff wird stark verwässert, um weiterhin von vermeintlichen evolutionstheoretischen Erklärungen reden zu können. Dies geschieht dadurch, dass die in den Naturwissenschaften verwendete Erklärung eines Sachverhaltes aus Gesetzmäßigkeiten und bestimmten Randbedingungen eingeschränkt oder ganz aufgegeben wird. Manche Wissenschaftler räumen offen ein, dass die Entstehung evolutiver Neuheiten nicht aus Gesetzmäßigkeiten der Natur hergeleitet werden kann. Das heißt aber nichts anderes, als dass die Möglichkeit einer naturwissenschaftlichen Erklärung in Frage gestellt wird und jedenfalls nicht vorliegt.[10]

Insofern Evolutionstheoretiker die Entstehung des Neuen in der Evolution nicht naturwissenschaftlich erklären können (und z. T. das gar nicht als möglich betrachten), ist dies ein weiterer Anlass dafür, dass ein ganz anderer Erklärungstyp – Erklärung durch geistige, kreative Verursachung – mindestens ernsthaft in Betracht gezogen werden sollte. Dieser Erklärungstyp ist eine vollkommen rationale, jedoch natürlich keine  naturwissenschaftliche Alternative (d. h. nicht allein auf der Basis vom Gesetzmäßigkeiten und Randbedingungen erklärend, sondern diese lediglich berücksichtigend). Aber gerade diesbezüglich ist er gegenüber evolutionären Erklärungsansprüchen nicht im Nachteil, da auch diese hier faktisch keine naturwissenschaftliche Erklärung liefern.

Aber genau diese Option der kreativen Verursachung ist in großen Teil der Wissenschaftsgemeinschaft seltsamerweise tabu. „Seltsamerweise“ deshalb, weil dafür keine rationalen Gründe vorgelegt werden konnten. Im Gegenteil: Alle Gegenstände, die aufgrund ihrer komplexen zweckorientierten Beschaffenheit den hier zu erklärenden biologischen Sachverhalten ähneln und deren Ursprung uns bekannt ist, sind durch Planung und Einsatz von Intelligenz entstanden. Entsprechend springen die Anlässe, die Option „Design“ zu erwägen, geradezu ins Auge (s. o.) und Biologen bringen dies auch regelmäßig zum Ausdruck. So definiert Richard Dawkins – einer der profiliertesten Gegner des Gedankens an Planung in der Natur – Biologie als „das Studium komplizierter Dinge, die so aussehen, als seien sie zu einem Zweck entworfen worden“ (Dawkins 1987, 13), um anschließend das Design als Illusion zu werten. Auch für Ayala (1994, 4) scheint „das funktionale Design der Organismen und ihrer Eigenschaften … die Existenz eines Designers zu sprechen.“ Ähnliche Zitate finden sich bei vielen Evolutionstheoretikern.[11] Gründe, diesem Anschein eines Designs nachzugehen und offen für einen „Design-Ansatz“ zu sein, gibt es genug.

Das Beispiel Vogelfeder und Vogelflug

Am Beispiel der Erklärung der Entstehung von Vogelfeder und Vogelflug soll diese paradoxe Situation – klare Hinweise auf einen Schöpfer und dennoch dessen Ausschluss – in aller Kürze erläutert werden (ausführlicher bei Junker 2016).

Vogelfedern sind die komplexeste Körperbedeckung im Tierreich und erfüllen vielfältige Funktionen.

Flugfedern sind trotz ihrer erstaunlichen Leichtheit zugleich auch sehr robust, biegsam, drehbar und knickfest. Sie kombinieren also sehr unterschiedliche Eigenschaften. Dafür ist zunächst geeignetes Baumaterial erforderlich. Dieses Material besteht vor allem aus langen Proteinfasern aus einem speziellen Eiweiß-Stoff, dem beta-Keratin, aus dem über 80 % der Feder bestehen. Außerdem muss das Keratin in Federschaft, -ästen und -strahlen auf eine ganz bestimmte, passende Weise „verbaut“ sein. Nur dann weisen die Federn ihre besonderen Eigenschaften auf. Einzelne Faserzüge zweigen in die Federäste ab, die Federäste „wurzeln“ also sozusagen im Schaft. Das trägt zu ihrer Stabilität und Knickfestigkeit bei.

Ganz speziell gebaut sind auch die Federstrahlen, die von den Federästen nach beiden Seiten hin abgehen. Die Hakenstrahlen auf der einen Seite haben winzige Häkchen, die mit den Strahlen des benachbarten Astes wie bei einem Reißverschluss verhaken. Sie schließen dabei so dicht, dass die Federfahne luftundurchlässig ist. Bei zu starker Belastung kann der „Reißverschluss“ kontrolliert aufreißen, ohne dass die Feder beschädigt wird. Der Vogel kann die Feder mithilfe des Schnabels wieder in Ordnung bringen. Auch der Schaft hat es in sich: In seinem Inneren befindet sich ein schaumartiges Netzwerk von Fasern. Diese Fasern sind mit einem chemischen Stoff beschichtet, der Gase bindet. Das führt dazu, dass die Feder unter schwachem Druck steht. So kann sie nicht so leicht geknickt werden und springt nach einer Verbiegung in die normale Form zurück.

Aber selbst die allerbesten Federn ermöglichen noch lange keinen Flug. Es wird auch eine zweckmäßige Verankerung im Körper benötigt. Die Federn dürfen nicht zu locker und nicht zu fest sitzen. Dafür sorgen Bindegewebe und Fettpolster. Am eingesenkten Teil der Feder, der Federspule, setzt ein Muskelgeflecht an. Damit können die Federn koordiniert bewegt werden. Für die Funktion dieser Muskeln sind wiederum Blutgefäße und Verbindungen zu den Nervenbahnen nötig. Außerdem registrieren Sinneskörperchen und spezielle Fadenfedern die Positionen der einzelnen Federn. Diese Positionsinformation wird genutzt, um die gerade passenden Federbewegungen auszulösen.

Außerdem muss insgesamt ein funktionsfähiges Federkleid ausgebildet sein, vielfältige Steuerungsmechanismen und Koordination der Bewegungen, eine entsprechende Gehirnorganisation und anderes mehr.

Aufgrund der vielfältigen Verflechtungen vom Baumaterial bis zur Bewegungssteuerung weisen viele Forscher auf den Aspekt der Synorganisation hin. Die einzelnen Module und Ebenen können nicht isoliert voneinander verstanden werden und auch nicht isoliert entstanden sein. In Summe haben wir mit dem Federkleid eine Gesamtorganisation vor uns, die insgesamt bezüglich der Flugfähigkeit in wesentlichen Teilen nichtreduzierbar komplex erscheint und ein klares Design-Indiz (vgl. Kasten „Der Kern des Design-Arguments“) darstellt, weil zahlreiche typische Merkmale für eine kreative Entstehung vorliegen.

Evolutionäre Entstehungsmodelle beinhalten 5–8 hypothetische Stadien von einem haarartigen Auswuchs bis zur asymmetrischen flugtauglichen Feder. Solche Modelle sind viel zu grob und zu vage und daher völlig ungeeignet, eine evolutive Entstehung zu erklären, denn sie berücksichtigen die zahlreichen Details und Wechselbeziehungen nicht einmal ansatzweise. Man kann leicht zeigen, dass die Unterschiede von Stadium zu Stadium viel zu groß sind, um sie durch kleinschritte Veränderungen erklären zu können, die auf richtungslosen Mutationen und zukunftsblinder Selektion beruhen (Details dazu bei Junker 2017).

Ähnlich ist die Situation bezüglich der Entstehung des Vogelflugs. Hier stehen sich klassischerweise die Cursorial- und die Arborealhypothese gegenüber, d. h. eine Entstehung des Vogelflugs vom Boden aus (schnelles Laufen) oder von Bäumen aus (beginnend mit Sprüngen), in jüngerer Zeit auch Mischhypothesen aus diesen beiden Ansätzen. Eine Analyse der Kriterien, mit denen die Theoriekonkurrenten getestet werden, zeigt, dass viele gar nicht als Tests geeignet sind, weil sie zu vage sind und nicht den in Rede stehenden Vorgang der Flugentstehung testen, sondern nur Rahmenbedingungen. Weiterhin wird häufig mit Kritik am Konkurrenzmodell argumentiert, was aber nicht als Test und auch nicht als positives Argument für die eigene Hypothese gelten kann. Gegen alle diskutierten Vogelflug-Entstehungsmodelle gibt es eine Fülle von schwerwiegenden Einwänden, von denen die meisten schon für sich alleine das jeweilige Modell in Frage stellen (Junker 2017). Erklärungsversuche im Rahmen des Naturalismus sind daher bisher faktisch gescheitert. Es sind keine regelhaften oder gar als Naturgesetze beschreibbaren biologischen Zusammenhänge bekannt, die eine natürliche Entstehung flugtauglicher Federn, des Vogelflugs und der damit zusammenhängenden Synorganisationen plausibel machen.

Vor diesem Hintergrund kann man sagen: Die evolutionären Modelle zur Entstehung von Federn von Flug bleiben nur deshalb im Rennen, weil die grundsätzliche Alternative einer Schöpfung ausgeschlossen wird. Bestünde Offenheit für die Option „Schöpfung“, müsste die Indizienlage im Rahmen eines Vergleichs zwischen Schöpfung und natürlicher Evolution bewertet werden und nicht alleine innerhalb des Naturalismus. Und bei diesem Vergleich hätte der Ansatz „Schöpfung“ folgende Argumente (bzw. Design-Indizien) auf seiner Seite:

  • Die ausgeprägte Synorganisation der Federstruktur samt Follikel, Federmuskeln, Sinnesorganen in der Haut ist ein klares Schöpfungsindiz. Denn es müssen viele Aspekte und Details über mehrere Ebenen hinweg aufeinander abgestimmt sein, damit Flugtauglichkeit gewährleistet ist. Natürliche, geistlose Mechanismen sind nach allem, was wir wissen, mit der dafür erforderlichen Koordination überfordert.
  • Die Flugtauglichkeit der Federn – so anspruchsvoll die Voraussetzungen dafür sind – ist aber nur eine notwendige und noch keine hinreichende Voraussetzung für die Flugfähigkeit. Dafür müssen gleichzeitig viele weitere morphologische Strukturen, ausgefeilte Steuerungen und angepasste Verhaltensweisen verwirklicht sein, die wiederum mit den Eigenschaften der Federn abgestimmt sein müssen. Dass dafür enormer planerischer und ingenieurstechnischer Aufwand betrieben werden muss, weiß jeder Flugzeugkonstrukteur.
  • Alle bisherigen evolutionären Flugentstehungshypothesen haben sich nachhaltig als unplausibel erwiesen (Junker 2017).

Der Design-Ansatz legt sich im Gegensatz zum naturalistischen Ansatz der Evolution nicht von vornherein auf einen bestimmten Erklärungstyp fest. Es handelt sich um einen ergebnisoffenen  Ansatz:  Die  vorliegenden  relevanten Indizien sollen daraufhin bewertet werden, ob rein natürliche, planlose Prozesse für die Entstehung eines in Rede stehenden Naturgegenstandes (z. B. Flugfeder) ausreichen, oder ob ein geistiger Input als wesentliche Ursache wahrscheinlicher ist. Dabei schließen sich beide Antworttypen gegenseitig aus: Entweder sind natürlich Ursachen alleine ausreichend oder sie erklären einen Naturgegenstand nicht und ein geistiger Input ist (an irgendeiner Stelle) erforderlich. Für sich gegenseitig ausschließende Sichtweisen gilt: Nachhaltiges Scheitern eines Ansatzes (hier: natürliche Evolution) trotz intensiver Lösungsbemühungen ist zugleich ein Argument für den Alternativansatz (hier: Schöpfung). Im Falle von Vogelfedern und Vogelflug liegt eine Fülle typischer Design-Indizien vor, die mit dem Fortschritt der Forschung kontinuierlich zugenommen hat. Während die Option „Schöpfung“ also klare Indizien für sich verbuchen kann, steht die Option „Natürliche Mechanismen“ trotz vielfältiger Bemühungen mit ziemlich leeren Händen da. Wenn man einen Vergleich der Stimmigkeit der beiden Erklärungstypen mit den Indizien zulässt, ist klar, wohin sich die Waage neigt.

Das Beispiel von Vogelfeder und Vogelflug kann als paradigmatisch angesehen werden. Bei jedem komplex-funktionalen Organ – anfangen von molekularen Nano-Maschinen in den Zellen bis zu anatomisch-physiologischen Bauplanmodulen und komplexen Verhaltensweisen – zeigen sich vergleichbare Verhältnisse wie bei Vogelfeder und Vogelflug. Man kann auch bei anderen Beispielen leicht erkennen, dass 1. Evolutionstheoretiker die Latte des Erklärungszieles viel zu tief hängen, indem zahlreiche minimal für die Funktionalität erforderliche Details nicht berücksichtigt werden, und 2. dass die evolutionären Entstehungsmodelle viel zu grob sind, um eine schrittweise Entstehung plausibel zu machen.


Einschub: Der Kern des Design-Arguments

Was starke Indizien für Schöpfung sind (Design-Indizien) und wann die Indizienlage gegen eine natürliche Entstehung spricht, ist im Grunde leicht nachvollziehbar, denn wir sind als Menschen selbst kreativ und künstlerisch tätig. Daher haben wir in der Regel ein sehr gutes Gespür dafür, welche Merkmale geschaffene Gegenstände kennzeichnen. Solche Merkmale kommen bei bloßen Naturprodukten nicht vor. Eine entscheidende, für uns als geistbegabte, kreative Wesen kennzeichnende Fähigkeit ist, dass wir in der Lage sind, uns Dinge vorzustellen, die noch gar nicht existieren. Das betrifft vor allem zukünftige Dinge, zum Beispiel eine Maschine, die wir bauen wollen, oder ein Bild, das wir gerne malen würden. Entsprechend können wir uns Ziele setzen, Wege überlegen, wie wir diese Ziele erreichen werden, und für diesen Zweck geeignete Mittel auswählen (Tab. 1). So entwerfen und konstruieren Techniker Maschinen, Programmierer schreiben Computerprogramme und Künstler modellieren einen Gegenstand oder malen ein Gemälde.

Wichtig ist nun: All das können rein natürliche Prozesse, also Zufall und Naturgesetze nicht. Natürliche Prozesse sind sozusagen „blind“ in Bezug auf Ziele oder das Erreichen eines Zieles durch geeignete Mittel. Sie können keine Ziele analysieren oder geeignete Mittel bei der Verfolgung eines Zieles auswählen. Die Dinge laufen einfach so ab, wie es die Naturgesetze und zufälligen Rahmenbedingungen vorgeben. So ist das z.B., wenn Wasser einen Abhang hinunterströmt, bei der Erosion von Fels durch Wind und Wasser, beim Fallen von Gegenständen, bei der Anziehung oder Abstoßung geladener Teilchen, bei der Entstehung von Wolken und Niederschlag, bei der Bildung von Rippeln an einem sandigen Ufer usw.

Es ist somit ein enormer Unterschied, ob für die Gestaltung eines Gegenstandes die geistigen Kapazitäten einer Person zur Verfügung stehen oder nur natürliche Prozesse und zufällige Effekte. Entsprechend groß sind auch die Unterschiede zwischen geistig (kreativ) verursachten Gegenständen und rein natürlich entstandenen Dingen. Es verwundert daher nicht, dass sich die Merkmale von Gegenständen, die rein natürlichen Ursprungs sind, in allen klaren Fällen sehr deutlich von kreativ verursachten Gegenständen unterscheiden (z. B. ein Kieselstein in einem Bachbett im Vergleich zu einer Skulptur eines Bildhauers; vgl. auch Abb. 1). Schöpfungsindizien und Indizien einer rein natürlichen Verursachung sind in der Regel sehr verschieden und klar unterscheidbar (Tab. 2).

Tabelle 1:  Kennzeichen von Schöpfung bzw. kreativer Verursachung

  • Zielsetzung (Zukunftsorientierung)
  • Planung
  • Wahl (der Mittel)
  • Überlegungen zu Zwischenschritten
  • Einkalkulieren möglicher Hindernisse
  • Gedankliches Vorstellen von Weg und Ziel

=> Natürliche Vorgänge können das nicht.

Abbildung 1: Funktionale und nicht-funktionale Komplexität

Abbildung 1 zeigt zwei komplexe Konstellationen, links den Teil einer Maschine, rechts eine Halde aus grobem Geröll und Felsbrocken im Hochgebirge. Nur im Fall der Maschine ist die Komplexität zugleich funktional und organisiert. Genau dafür – für das Funktionieren der Maschine – müssen die Anordnungen der Teile und auch ihre eigene Beschaffenheit hochspezifisch sein. Das heißt: Die Struktur ist nur von ihrem Zweck bzw. von ihrer Zielsetzung her zu verstehen. Intuitiv erfassen wir sofort, dass die Organisiertheit der Maschine Planung und Konstruktion voraussetzt. Bei der Geröllhalde reichen Naturprozesse aus, um die vorliegende Konstellation zu erklären.

Die Gründe, weshalb wir in einem Fall eine nichtgeistige und im anderen eine geistige Verursachung annehmen, kann man allgemein gemäß Tab. 2 zusammenfassen.

Diese Kriterien können auch auf Lebewesen, ihre Teile oder auch ihr Verhalten angewendet werden und mit ihnen kann festgestellt werden, ob Design-Indizien vorliegen, die auf das Wirken eines Schöpfers hinweisen.

Tabelle 2: Indizien für geistige und natürliche Verursachung

Indizien für geistige, kreative Verursachung (Schöpfung)

  • Spezifische, komplexe Muster mit erkennbarer Zielsetzung
  • Bei hinreichenden Kenntnissen über natürliche Vorgänge (was läuft naturgesetzmäßig ab, was nicht?): Keine konkreten Mechanismen für Entstehung der zweckmäßigen Struktur in Sicht
  • Bei Lebewesen und in der Technik: Zweckmäßigkeit eines Gebildes aus mehreren aufein­ander abgestimmten spezifisch strukturierten Teilen

Indizien für natürliche Entstehung

  • Unspezifische (zufällige) Formen in Bezug auf einen Zweck/eine Funktion im technischen Sinne
  • Natürliche Gesetzmäßigkeiten reichen nach aller bisherigen Kenntnis aus
  • Keine Zweckmäßigkeit in sich

Wichtig ist dabei: Design (Schöpfung, geistige, kreative Verursachung) und Nicht-Design (natürliche, zufällige Verursachung) schließen einander aus. Entweder liegt im Wesentlichen eine kreative Verursachung eines Gegenstandes vor oder dieser ist alleine aufgrund natürlicher Prozesse entstanden. Bei der kreativen Verursachung können natürliche materielle Dinge und natürliche Abläufe beteiligt sein, aber sie sind nicht die entscheidende Ursache.


Das angebliche Lückenbüßer-Problem

Im Rahmen des naturalistischen Ansatzes wird oft argumentiert, es handle sich nur um ein vorläufiges Nichtwissen oder um vorläufig noch offene Fragen bezüglich der Entstehungsvorgänge. Doch woher will man das wissen? Der Wissensfortschritt könnte die Situation genauso gut verschärfen und das ist in der Vergangenheit auch regelmäßig geschehen. So haben z. B. die neueren Forschungen zum Federfeinbau gezeigt, dass der Bau der Federn noch sehr viel komplizierter ist als zuvor bekannt (Lingham-Soliar & Murugan 2013; Lingham-Soliar 2017; Laurent et al. 2014; Wang & Meyers 2017).

Grundsätzlicher muss hier aber bedacht werden: Die Erklärung durch kreative Verursachung (Schöpfung) ist gar nicht in den Lücken einer naturalistischen Ursprungshypothese zu verorten und ergänzt eine solche auch nicht, sondern sie ist eine Alternative zu einer solchen Hypothese, die einen völlig andersartigen Prozess darbietet. Die Vorstellung, mit einer Erklärung durch Schöpfung würden Lücken geschlossen, übersieht, dass ein anderer Erklärungstyp anstelle eines gescheiterten naturwissenschaftlichen Erklärungsversuchs vorliegt.

Das vermeintliche Lückenargument, das gegen den Design-Ansatz vorgebracht wird, setzt zudem (ohne Beleg) den Naturalismus als Standard voraus: der Naturalismus wäre demzufolge die zutreffende Weltanschauung und eine Erklärung alleine durch natürliche Prozesse wäre möglich. Nur unter dieser Voraussetzung erscheinen ungelöste Fragen als „Lücken“. Fällt diese Voraussetzung dagegen weg und lässt man einen offenen Ansatz zu, können „Lücken“ auch Indizien dafür sein, dass es einen natürlichen Entstehungsweg gar nicht gibt. Ob das so ist, muss Forschung zeigen und deshalb ist Forschung gerade auch für den Design-Ansatz wichtig.

Übrigens dienen erklärungstechnisch leere evolutionäre Spekulationen oder der Verweis auf zukünftige Forschung häufig als Platzhalter im evolutionstheoretischen Theoriengebäude. Dabei handelt es sich wirklich um Lückenbüßer, weil der substanziell unbegründete Anspruch besteht, alles durch natürliche, evolutive Prozesse erklären zu wollen.

„Schöpfung ohne Schöpfer? Eine Verteidigung des Design-Arguments in der Biologie“

Aber haben wir etwas übersehen? Wie kann es trotz der geschilderten Situation sein, dass der Design-Ansatz in der Biologie in der akademischen Welt nicht verfolgt wird, ja verpönt ist und dass „Intelligentes Design“ als mögliche entscheidende Ursache für biologische Phänomene bei der Suche nach der zutreffenden Erklärung nicht in Betracht gezogen wird? Warum wird eine (rein) natürliche Evolution der Lebewesen als Tatsache angesehen, und warum werden diejenigen, die diese vermeintliche „Tatsache“ in Frage stellen, fast vollständig aus dem wissenschaftlichen Diskurs ausgeschlossen? (vgl. Schmidtgall 2018) Gibt es hierfür irgendwelche besonderen wissenschaftlichen, methodischen, philosophischen oder gar theologischen Gründe?

In dem jüngst veröffentlichten Sammelband „Schöpfung ohne Schöpfer? Eine Verteidigung des Design-Arguments in der Biologie“ wird diesen Fragen nachgegangen. Die oben angeschnittenen Themen werden ausführlich in insgesamt 23 Einzelbeiträgen von fünf Autoren behandelt. Die meisten Beiträge stammen aus der Feder der Herausgeber Reinhard Junker und Markus Widenmeyer.

Im Einzelnen werden folgende Fragestellungen und Zielsetzungen verfolgt:

  • Kritische Analysen von Evolutionstheorien. Welchen Status haben Evolutionstheorien als historische Rekonstruktionen der Naturgeschichte? Hier wird z. B. gezeigt, dass die methodische Vorgehensweise bei historischen Evolutionstheorien[12] in vielerlei Hinsicht der Vorgehensweise im Rahmen des Design-Ansatzes ähnelt. Als Konsequenz ergibt sich, dass die Gründe, die für den Ausschluss des Design-Ansatzes aus wissenschaftlichen Erklärungen im Wesentlichen auch für die historische Evolutionstheorien gelten würden.
  • Welche Erklärungskraft haben aktuelle kausale Evolutionstheorien, die die Ursachen des Formenwandels und insbesondere der Entstehung evolutionärer Neuheiten (Makroevolution) beschreiben?
  • Wie wird Wissenschaft, einschließlich Naturwissenschaft, im Rahmen eines Schöpfungsparadigma (Design-Ansatz) betrieben?
  • Welches sind die grundlegenden Argumente bzw. Überlegungen im Rahmen des Design-Ansatzes? Welche Kritik gibt es an diesem Ansatz und wie stark ist ihre argumentative Kraft?
  • Welche (Typen von) Indizien sind an den Lebewesen nachweisbar, die als „Spuren eines Schöpfers“ interpretiert werden können?

Es wird gezeigt, dass es gute Gründe dafür gibt, den Design-Ansatz zu verfolgen und dass die Einbeziehung dieses Ansatzes erkenntnisfördernd ist. Auf klassische Gegenargumente wie z. B., dass Kritik an einem umfassenden „Ansatz Evolution“ bzw. der „Design-Ansatz“ per se unwissenschaftlich oder gar wissenschaftsfeindlich sei, oder auch auf den Lückenbüßervorwurf (s. o.) wird ausführlich eingegangen. Es wird dargelegt, dass ein Ausschluss des Erklärungstyps „Design“ ohne zwingende Sachgründe und aus vermeintlich methodischen Gründen eine unwissenschaftliche, weil dogmatische Haltung widerspiegelt .

Zusammenfassend ergeben sich drei wichtige Gründe für eine umfassende Suche nach zutreffenden Antworten unter Einschluss des Antworttyps „Schöpfung“ („Design“):

  1. Bestimmte Antwortoptionen dürfen nicht von vornherein ausgeschlossen werden, weil sonst möglicherweise die zutreffende Antwort ausgeschlossen wird. Die Offenheit für den Design-Ansatz ist nicht nur eine legitime, sondern auch eine notwendige Voraussetzung für eine rationale, d. h. ergebnisoffene, wahrheitsorientierte Ursprungsforschung.
  2. Es gibt tatsächlich sehr starke Indizien für einen Schöpfer. Solche Indizien werden anhand von Kriterien erkannt, die auf anderen Gebieten unstrittig sind. Wir zögern normalerweise keine Sekunde, ein komplex-funktionales Gebilde wie eine Maschine auf einen Urheber zurückführen. Warum soll beispielsweise funktionale Komplexität bei Lebewesen kein Indiz für einen Schöpfer sein, wo dieses Kennzeichen in Bereich der Technik ein unstrittiges Indiz ist?
  3. Die untersuchten nicht-empirischen, d. h. philosophischen oder methodologischen Argumente gegen einen Design-Ansatz zeigen sich bei genauer Analyse als unbegründet.

Kurzer Überblick über das Buch

Im längeren Teil I dieses Buches werden grundlegende wissenschaftstheoretische Fragen zu historischen und kausalen Evolutionstheorien behandelt. Evolutionstheoretische Modellierungen werden in Bezug auf ihre Argumentationsstruktur untersucht und es wird herausgearbeitet, dass Evolutionstheorien, die Innovationen in der Biologie zum Gegenstand haben, zumindest derzeit nicht als naturwissenschaftliche Theorien formuliert werden können. Die Besonderheiten von Ursprungsforschung und der Rekonstruktion der Naturgeschichte im Vergleich zur naturwissenschaftlichen Hypothesenbildung werden diskutiert. Eine wichtige Einsicht ist: Evolutionstheorien bilden ein konzeptionelles Gerüst für die Formulierung historischer und kausaler Evolutionstheorien, das ein Ergebnis einer Wahl bzw. einer Konvention ist, die grundsätzlich auch anders ausfallen könnte – und auch anders ausfallen sollte, falls es dafür gute Gründe gibt.

Bereits in Teil I wird an passenden Stellen darauf hingewiesen, dass und warum es in Ursprungsfragen bei der Erklärung naturwissenschaftlicher Daten angebracht ist, auch eine Schöpfung in Betracht zu ziehen, also eine geistige bzw. kreative Verursachung, die wir auch sonst in vielen Bereichen des Lebens und in der Wissenschaft als Erklärung heranziehen (z. B. Forensik, Unterscheidung von Artefakten und zufällig geformten Strukturen). Dieser Erklärungsansatz, von den Autoren als „Design-Ansatz“ bezeichnet und unter dem Schlagwort „Intelligent Design“ bekannt, wird in Teil II des Buches entfaltet und in mehreren Beiträgen gegen verschiedene Arten von Kritik verteidigt.

Ein wissenschaftlicher Ansatz ist generell ergebnisoffen, was natürlich auch für den Design-Ansatz gelten muss. Es werden daher Kriterien formuliert, anhand derer untersucht werden kann, ob eine geistige oder nicht-geistige (natürliche) Ursache für die Entstehung eines Naturgegenstandes wahrscheinlicher ist. Das Ergebnis steht im Einzelfall erst fest, wenn aussagekräftige Indizien geprüft wurden. Das ist anders als in einem naturalistischen Ansatz, in dem die Suche auf natürliche, intelligenzfreie Ursachen beschränkt ist und jegliche Bezugnahme auf einen zielorientiert handelnden Akteur ausgeschlossen wird. Ansätze, die sich auf eine naturalistische Weltanschauung festlegen, tun dies entsprechend auf Kosten zweier grundlegender wissenschaftlicher Grundsätze: Ergebnisoffenheit und Orientierung an Tatsachen.

In Teil III werden schließlich einige neuere Buchpublikationen, die sich mit den Themen dieses Sammelbandes befassen, vorgestellt.

Ein Teil der Beiträge dieses Bandes wurde in den vergangenen Jahren bereits in ähnlicher Form publiziert, meistens als Internetartikel auf der Homepage der Studiengemeinschaft Wort und Wissen (wort-und-wissen.org) und einige in der Zeitschrift „Studium Integrale Journal“ (si-journal.de). Für die Publikation in diesem Sammelband wurden alle Beiträge jedoch gründlich überarbeitet und teilweise erweitert. Da alle Beiträge ursprünglich als Einzelbeiträge entstanden sind und jeder Beitrag ohne Kenntnis der anderen lesbar sein sollte, haben wir einige Redundanzen in Kauf genommen.

Über den Autor

Dr. Reinhard Junker (Jahrgang 1956), ursprünglich Gymnasiallehrer für Biologie und Mathematik, seit 1985 wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Studiengemeinschaft Wort und Wissen. 1992 Promotion über eine kritische Beurteilung theistischer Evolutionsvorstellungen an der Evangelisch-Theologischen Fakultät Leuven/Belgien. Arbeitsgebiete: Design-Argument in der Biologie, Leistungsfähigkeit der Variationsmechanismen, Vergleichende Biologie und Paläontologie, theologische Fragen über „Bibel und Naturwissenschaft“.

Zum Buch

Junker R & Widenmeyer M (Hg, 2021) Schöpfung ohne Schöpfer? Eine Verteidigung des Design-Arguments in der Biologie. Studium Integrale. SCM Hänssler, Hardcover, 328 Seiten, ca. 30 Abb., Format 16,5 x 24, 19,95 €.

Inhaltsverzeichnis und Bestellmöglichkeit:

https://www.wort-und-wissen.org/produkt/schoepfung-ohne-schoepfer/


Fußnoten:

[1] Für Christen sind die biblischen Schöpfungstexte allerdings gleichsam Augenzeugenberichte.

[2] Irgendein Schöpfer wird nicht unbedingt ausgeschlossen, wohl aber ein Schöpfer, der konkret in der Welt geschaffen hat, so dass auch Spuren seines Schöpfungshandelns vorliegen und gefunden werden können.

[3] Zwar gibt es auch Wissenschaftler, die diese naturalistische Vorannahme nicht machen; eine deutliche Mehrheit denkt aber derzeit in einem solchen naturalistischen Rahmen.

[4] Es mag sein, dass eine Antwort nicht gelingt; es geht hier darum, alle denkbaren Antwortmöglichkeiten einzubeziehen.

[5] Wobei die Konstruktionen der Lebewesen ungleich leistungsfähiger sind als technische Konstruktionen; das wird allgemein anerkannt.

[6] „empirisch“ bedeutet „durch Erfahrung“; im Bereich der Naturwissenschaft: „durch Beobachtung“ (meistens im Rahmen eines Experiments).

[7] Das ist manchmal gar nicht so trivial, weil dazu der zu untersuchende Vorgang von unerwünschten Einflussgrößen isoliert werden muss und gleichzeitig die tatsächlichen Einflussgrößen bekannt und beherrschbar sein müssen.

[8] Es gibt zahlreiche biblische Aussagen über das beständige Wirken Gottes in der Schöpfung; Theologen sprechen von „concursus divinus“ (göttliche Mitwirkung).

[9] Beispiel: „Man kann sich leicht vorstellen, dass der hervorragend angepasste Körper und breite Schwanz des Bibers in der heutigen Form erst evolviert sind, nachdem der Biber viele Generationen lang konsequent seine spezielle Nische aus Damm und Wasser gebaut hat“ (Lange 2020, 204).

[10] Dass keine Erklärung für evolutive Neuheiten vorliegt, wird von vielen Evolutionstheoretikern aktuell ausdrücklich festgestellt, vgl  Junker (2015) und beispielhafte Zitate unter https://www.genesisnet.info/schoepfung_evolution/n243.php

[11] Rammerstorfer (2006) hat dazu einige interessante Zitate zusammengetragen, die hier z. T. wiedergegeben wurden.

[12] Historische Evolutionstheorien haben Rekonstruktionen der hypothetischen Evolution zum Inhalt, während kausale Evolutionstheorien zum Ziel haben, natürliche Mechanismen des Formenwandels zu beschreiben.


Quellen

Ayala F (1994) Darwin’s Revolution. In: Campbell J & Schopf J (eds) Creative Evolution?! Boston, Mass.

Borger P (2021) „Wenn ENCODE richtig liegt, dann ist Evolution falsch.“ Wie ENCODE unser Verständnis des Erbguts veränderte. Stud. Integr. J. 28, 30–37.

Dawkins R (1987) Der blinde Uhrmacher. Ein neues Plädoyer für den Darwinismus. München.

Gould SJ (1991) Eine Anhörung für Vavilov. In: Gould SJ: Wie das Zebra zu seinen Streifen kommt. Frankfurt, S. 132-142.

Junker R (2015) „Brauchen wir eine neue Evolutionstheorie?“ Stud. Integr. J. 22, 48–51.

Junker R (2016) Vogelfedern und Vogelflug. 1. Was eine Evolutionshypothese erklären müsste. Stud. Integr. J. 23, 75–82.

Junker R (2017) Dino-Federvieh – Zum Ursprung von Vogelfeder und Vogelflug. Internetartikel. https://www.wort-und-wissen.org/wp-content/uploads/b-17-1_feder-und-flug.pdf

Lange A (2020) Evolutionstheorie im Wandel. Ist Darwin überholt? Berlin: Springer.

Laurent CM, Palmer C, Boardman RP, Dyke G & Cook RB (2014) Nanomechanical properties of bird feather rachises: exploring naturally occurring fibre reinforced laminar composites. J. R. Soc. Interface 11: 20140961; doi:10.1098/rsif.2014.0961

Lewontin R (1997) Billions and billions for demons. The New York Review, January 9, S. 31. www.nybooks.com/articles/1997/01/09/billions-and-billions-of-demons/

Lingham-Soliar T & Murugan N (2013) A new helical crossed-fibre structure of b-keratin in flight feathers and its biomechanical implications. PLoS ONE 8(6): e65849. doi:10.1371/journal.pone.0065849

Lingham-Soliar T (2017) Microstructural tissue-engineering in the rachis and barbs of bird feathers. Sci. Rep. 7:45162; doi:10.1038/srep45162.

Rammerstorfer M (2006) Nur eine Illusion? Biologie und Design. Marburg.

Schmidtgall B (2018) Die Intoleranz des Naturalismus. https://www.wort-und-wissen.org/wp-content/uploads/d18-2.pdf

Todd SC (1999) A view from Kansas on that evolution debate. Nature 401, 423.

Wang B & Meyers MA (2017) Light like a feather: A fibrous natural composite with a shape changing from round to square. Adv. Sci. 2017, 4, 1600360.

Widenmeyer M (2019) Das geplante Universum. Holzgerlingen: SCM.

Zrzavy J, Storch D & Mihukla S (2009) Evolution. Ein Lese-Lernbuch. Heidelberg. Spektrum Akademischer Verlag.

AiGG 10: Wie Krisen zu Chancen werden können

Warum lässt Gott Krisen und Leid im Leben seiner Kinder zu? Ist er nicht ein Gott der Liebe? Und wie können wir mit Krisen so umgehen, dass sie uns nicht hart und bitter machen, sondern dass letztlich Gutes daraus wachsen kann? Das Buch Hiob ist eine wahre Fundgrube und Schatzkammer zu diesen großen Fragen, mit denen sich jeder Nachfolger Jesu auseinandersetzen muss.

Den Vortrag als Audio hören:

Vertiefend zu diesem Thema:

Das Lied zum Thema: “Du warst hier”:

Das Akkordsheet zum Lied “Du warst hier” zum Download

Coming-In: Willkommenskultur oder Polarisierung?

Ich war sehr nachdenklich in den letzten Wochen. Was ich gehört und gelesen habe, hat mich aufgewühlt. So viele Meinungen, die meilenweit auseinander liegen. Und das nicht nur in unserer Gesellschaft, sondern auch mitten in unserem christlichen Umfeld. Das habe ich in diesem Ausmaß noch nie erlebt. Es scheint kein wirksames Mittel gegen die rasch wachsende Polarisierung zu geben.

Umgetrieben hat mich dabei auch die Internetseite „coming-in.de“, in der Christen Werbung machen für einen offenen Umgang mit LSBT (lesbische, schwule, bisexuelle und transidente)-Menschen in konservativen bzw. evangelikalen Gemeinden. Das fände ich ja eigentlich gut. Denn in der Tat gibt es da viel zu lernen unter uns Evangelikalen. Wie wir in der Vergangenheit mit diesem Thema und diesen Menschen umgegangen sind, ist teilweise ein schmerzhaftes Kapitel. Deshalb kann ich nur von Herzen zustimmen: Auch LSBT-Menschen sollen natürlich in unseren Gemeinschaften und Gemeinden herzlich willkommen sein! Denn es ist ja keine Frage: Gott liebt alle Menschen gleich. Er heißt alle Menschen willkommen. Und ja: Wir haben viel zu lernen im Umgang mit diesen Menschen. Ich zuerst.

Insofern könnte ich eigentlich viele Formulierungen auf dieser Seite unterschreiben. Ein „freundliches Gesicht“ gegenüber allen Menschen darf und muss unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung in unseren Gemeinden eine Selbstverständlichkeit sein. Und es tut mir leid, ja es schmerzt mich, dass dieses freundliche Gesicht Menschen mit homoerotischem Empfinden oft versagt worden ist. Wir haben viel Schuld auf uns geladen.

Geht es nur um Willkommenskultur?

Aber beim Lesen dieser Seite stellt sich mir die Frage: Geht es wirklich nur um Willkommenskultur? Geht es nur um ein „freundliches Gesicht“, das ich mir ja genauso wünsche? Zwischen den Zeilen und vor allem in den Statements von Persönlichkeiten wie Michael Diener, Martin Grabe, Tobias Künkler, Gofi Müller oder Jakob Friedrichs wächst in mir der Eindruck: Hier geht es um mehr. Willkommenskultur wird hier verknüpft mit der Forderung, ausgelebte Homosexualität gutzuheißen und ihr den Segen Gottes zuzusprechen. Martin Grabe, der zusammen mit Thorsten Dietz Hauptredner auf der letzten Coming-in-Tagung war, hatte in seinem aktuellen Buch ja bereits den folgenden „Einigungsvorschlag“ gemacht: „Homosexuelle Christen  dürfen ebenso wie heterosexuelle Christen eine verbindliche, treue Ehe unter dem Segen Gottes und der Gemeinde eingehen und sind in der Gemeinde in jeder Hinsicht willkommen.”

Nun waren sich fast 2000 Jahre lang die Christen weitestgehend einig, dass so eine Position mit der Bibel nicht vereinbar ist. Die meisten Christen weltweit sehen das auch heute noch so. Die Aussagen der Bibel sind einfach zu eindeutig und zu durchgängig. Deshalb stellt sich mir die Frage: Soll hier etwa der großen Mehrheit der Christen die Freundlichkeit, Offenheit und Willkommenskultur grundsätzlich abgesprochen werden, weil sie sich an diese biblischen Aussagen gebunden fühlen?

Hängt Annahme mit der Befürwortung des Lebensstils zusammen?

Die Frage stellt sich ja ganz grundsätzlich: Bin ich nur dann ein freundlicher und offener Mensch, wenn ich alles absegne, was mein Gegenüber tut? Ist menschliche Annahme nur dann echt, wenn sie den Lebensstil des Anderen befürwortet? Bei den folgenden Zeilen bekomme ich jedenfalls den Eindruck, dass die Macher von Coming-In offenbar genau dieser Meinung sind:

Das freundliche Gesicht hat „Willkommen!“ gesagt.
Ich hoffe, dass es ernst gemeint war.
Weil ich nicht immer willkommen bin.
Weil ich eine Frau liebe und selbst eine bin.
Wenn das freundliche Gesicht es ernst gemeint hat, dann ist ihm das egal.
Es wäre so schön, wenn es egal wäre.
Wenn wirklich alle willkommen wären.

„Egal“ steht hier sicher nicht für Desinteresse oder Gleichgültigkeit. „Egal“ meint hier vielmehr „Gleich-Gültigkeit“. Erwartet wird, dass eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft genauso befürwortet wird wie eine heterosexuelle Partnerschaft. Auf dieser Verknüpfung von Annahme mit Befürwortung des Lebensstils basieren nach meinem Eindruck einige Texte auf dieser Seite. Dadurch entsteht – gewollt oder ungewollt – das Bild: Christen, die sich in ihrem Gewissen an die biblische Ablehnung praktizierter Homosexualität gebunden fühlen, sind grundsätzlich unfreundlich, kalt und abweisend. Sie glauben nicht, dass bei Gott alle Menschen willkommen sind und dass Gott alle Menschen liebt. Michael Diener stellt sie gar in eine Reihe mit Christen, die Antisemitismus, Sklaverei oder Rassismus befürwortet hatten. Deshalb meint er: Es ist 20 nach 12, dass gerade konservative Kirchen und Gemeinschaften umkehren. Dafür setze ich mich ein – mit aller Kraft.”

Ist das eine Kampfansage?

Ich verstehe ja, dass viele LSBT-Menschen ihre Sexualität nicht nur als ein „Tun“ sondern als Teil ihrer Identität ansehen und dass es ihnen deshalb schwerfällt, sich angenommen zu fühlen, wenn man ihrem Tun aus Gewissensgründen nicht zustimmen kann. Trotzdem zucke ich zusammen, wenn z.B. Tobias Künkler von der CVJM-Hochschule Kassel schreibt:

„Wie viele Gemeinden und wie viele Menschen sind an dieser Frage zerbrochen… Ich bin mittlerweile aus guten Gründen überzeugt: Dieses ‚Menschenopfer‘ ist dem Herrn ein Gräuel.“

Werden hier konservative Christen bezichtigt, dem Moloch Menschenopfer zu bringen? Wenn ja, dann frage ich mich: Wie soll bei solchen Ansagen noch ein respektvolles Nebeneinander oder gar Miteinander gelingen? Oder kommt jetzt die Zeit, in der die evangelikale Bewegung insgesamt auf einen spaltenden Konflikt zusteuert, wie ihn die methodistische Weltkirche schon seit längerem durchleidet?

Ich kann jedenfalls nicht anders, als in derartigen Aussagen eine offene Kampfansage zu sehen, die ich so bislang nur aus meiner Landeskirche kannte. So hatten zum Beispiel die Tübinger Theologieprofessoren meine konservative Position für „unerträglich“ erklärt. Die Predigerin beim Abschlussgottesdienst des letzten Kirchentags Sandra Bils schrieb schon 2015 in ihrem Blog, dass sie der Gedanke stört, dass man der konservativen Position noch eine Daseinsberechtigung zuspricht. Inzwischen lehrt Sandra Bils an der CVJM-Hochschule Kassel. Umso mehr wächst in mir das Gefühl: „Ambiguitätstoleranz“ war gestern. Jetzt scheint eine neue Phase zu beginnen, in der wohl auch im freikirchlichen Bereich und im Bereich der Gemeinschaftsverbände Menschen mit konservativen Positionen eher verdrängt werden sollen – genau wie es in meiner evangelischen Kirche ja schon längst geschieht. Wird aus dem „Coming-In“ am Ende womöglich ein „Get out“?

Bitte sprecht anderen Christen nicht von vornherein die Liebe ab!

Um das zu vermeiden würde ich mir von Christen, die die Position von Coming-In teilen, ein paar Dinge wünschen. Das erste ist:

Sprecht doch bitte nicht allen Menschen, die aufgrund ihres Glaubens zu dem Schluss kommen, dass Gott praktizierte Homosexualität nicht segnet, von vornherein die Liebe, den Respekt, die Freundlichkeit und die Offenheit ab. Man kann auch herzlich, offen und freundlich sein, wenn man den Lebensstil des Gegenübers nicht unterstützt und andere Werte vertritt. Mehr noch: Echte Annahme funktioniert generell nicht ohne das gleichzeitige Aushalten von unterschiedlichen Sichtweisen. Ich wünsche mir das jedenfalls von meinen Mitmenschen und auch von euch: Dass ihr mich annehmt, mir freundlich begegnet, mich willkommen heißt, auch wenn ihr einige meiner Meinungen oder Elemente meines Lebensstils nicht für richtig haltet – und wenn ihr deshalb lieber nicht wollt, dass ich in euren Kreisen predige.

Alle christlichen Gemeinden müssen lernen, alle Menschen als von Gott geliebte Menschen freundlich willkommen zu heißen, auch wenn sie nicht mit allem einverstanden sind, was diese Menschen denken und auch wenn es ihnen nicht egal sein kann, was diese Menschen tun und womit sie sich identifizieren. Alle Christen sollten zum Beispiel allen Muslimen freundlich, liebevoll, offen und einladend begegnen, auch wenn sie der Überzeugung sind, dass ihr Glaube ein Irrtum ist und sie nicht retten kann. Da für viele Muslime ihr islamischer Glaube ein wichtiger Teil ihrer Identität ist, ist das gar nicht so einfach. Umso mehr müssen wir lernen, dass die Annahme von Menschen und die Befürwortung ihres Lebensstils zwei grundverschiedene Dinge sind, die wir unbedingt auseinanderhalten müssen, wenn wir auf ein gelingendes Miteinander in der Gesellschaft hinarbeiten wollen.

Baut selbst Gemeinden statt andere Gemeinden umdrehen zu wollen!

Und zweitens: Es ist relativ leicht, unterschiedlichste Christen zu verbinden, wenn man ein emotional besetztes Feindbild hat. Liebevolle Gemeinschaften mit Ausstrahlung aufzubauen wird in dem Moment spannend, in dem man sich auf eine positive Glaubensbotschaft einigen muss. Und das wird nach meiner Erfahrung umso schwerer, je diverser die theologischen Positionen sind. Ihr wünscht euch lebendige Gemeinden, in denen gleichgeschlechtliche Paare ganz selbstverständlich in allen Dingen gleichgestellt sind? Dann ermutige ich euch: Gründet und baut solche Gemeinden! Oder belebt Gemeinden, die jetzt schon eure Werte teilen! Gerade in meiner evangelischen Landeskirche gibt es massenhaft Gemeinden, in denen ihr mit dieser Position uneingeschränkt begrüßt werdet und in denen ihr euch fröhlich entfalten könnt. Viele davon sind kurz vor dem Absterben. Ich würde mich sehr freuen, wenn ihr solche Gemeinden wieder zum Wachsen und zum Blühen bringt, zumal ihr ja offenkundig fest überzeugt seid, dass Gott nur eure Position wirklich gut findet und segnet.

Aber wenig fair und überzeugend finde ich es, wenn ihr stattdessen mit missionarischem Eifer die lebendigen Gemeinden umdrehen wollt, die Christen mit einer anderen Position als der euren zum Blühen gebracht haben. Bitte habt doch Respekt vor Gemeinschaften, die diese Frage für sich anders entschieden haben, weil sie so wie ich der Überzeugung sind, dass man nur schwer oder gar nicht missionarische Gemeinde bauen kann mit dem einseitig historisierenden oder gar liberalen Bibelverständnis, das eure Position nun einmal zwangsläufig im Gepäck hat und das mir bei vielen Vertretern, die ich auf eurer Seite sehe, begegnet ist. Ich weiß, ihr seht das anders. Aber beweist mir das Gegenteil doch lieber durch euren eigenen fruchtbaren Gemeindebau statt durch die Forderung, in konservativen Gemeinden predigen zu dürfen, um dort für eure Position zu missionieren.

Und schließlich: Helft doch bitte mit, dass in unserem Land eine Atmosphäre echter Toleranz bewahrt bleibt, in der auch Gemeinschaften mit einer konservativen Position sein dürfen und respektiert werden, so dass es ein respektvolles Nebeneinander und vielleicht sogar zumindest punktuell ein Miteinander geben kann, bei dem wir trotz dieser Differenz gemeinsam ein Zeugnis für unseren Glauben sein können. Vielleicht gelingt das ja eines Tages, dass wir gelassen sagen können: We agree to disagree. Wir sind uns einig, dass wir uns nicht einig sind. Aber wir unterstellen dem Anderen deshalb keine bösen Motivationen. Das wäre aus meiner Sicht echter Brückenbau.

AiGG 9: Der Heilige Geist – Leben aus einer neuen Kraftquelle

Als Jesus die Erde verließ versprach er, dass der Heilige Geist ihn hier auf Erden vertreten wird. Gerade durch ihn will Gott uns also ganz besonders nahe sein. Umso tragischer ist es, dass wir so oft noch fremdeln mit dieser Figur. Wer oder was ist der Heilige Geist eigentlich? Eine Art göttliches Kraft- und Energiefeld? Eine Stimmung oder Atmosphäre? So viel ist sicher: Christsein ohne den Heiligen Geist ist wie Autofahren ohne Benzin! Es funktioniert einfach nicht! Wer es versucht brennt frustriert aus. Der Heilige Geist macht den Unterschied!

Den Vortrag als Audio hören:

Vertiefend zu diesem Thema:

Das Lied zum Thema: “Jesus, führ mich an Dein Kreuz”:

Das Akkordsheet zum Lied “Jesus führ mich an dein Kreuz” zum Download

Rachel Held Evans – Ein neuer Zugang zur Inspiration der Bibel?

Eine Gastrezension von Pfarrer Martin Till

In diesem Buch geht es um die die Inspiration der Bibel. Die Autorin ist nicht eine Hermeneutik-Professorin sondern eine begnadete Geschichtenerzählerin und Literaturliebhaberin, die es versteht, den Leser durch ihre lebendigen und authentischen Erzählungen von biblischen Geschichten und Erfahrungen aus ihrem Leben auf eine ganz andere und – wie sie zeigen möchte – angemessenere Weise an die biblischen Berichte heranzuführen. Rachel Held Evans, die leider vor zwei Jahren auf tragische Weise und viel zu früh im Alter von 37 Jahren verstorben ist, kommt ursprünglich aus konservativ evangelikalem Gemeindehintergrund in den Südstaaten der USA. Dort wurde sie gelehrt, die biblischen Texte theologisch und ethisch im Verhältnis 1:1 auf das gegenwärtige Weltbild anzuwenden. Was sie zuerst aktiv verteidigt und vertritt wird ihr im Lauf der Zeit immer fraglicher. Nach ihrem Literaturstudium, ebenfalls an einer evangelikal fundamentalen Hochschule, bricht sie schließlich radikal mit diesem Schriftverständnis und wendet sich der historisch-kritischen Bibelauslegung zu. Sie arbeitet als Kolumnistin und Bloggerin und setzt sich für Minderheiten und Frauenrechte ein. Sie schreibt Bücher, in denen sie sich auf der einen Seite entschieden von ihrer Vergangenheit distanziert aber auf der anderen Seite auch versucht, einen neuen, positiven Zugang zur Bibel zu finden. Die Beobachtung, dass das Narrativ (Erzählen von Geschichten) die wohl am häufigsten in der Bibel verwendete Literaturgattung ist, wird zur Grundlage ihres hermeneutischen Ansatzes. Sie versucht in diesem Buch in acht Kapiteln über acht Hauptgruppen biblischer Literatur zu zeigen, dass es immer wieder erzählte und erlebte Geschichten waren, die die biblischen Autoren bewegt haben und durch die sie ihre Botschaft vermitteln wollten. Für Held Evans ist die Bibel insgesamt „die größte Geschichte die wir uns vorstellen können“ (218). Historische Hintergründe will sie nicht abstreiten, sie sind aber für ihren Ansatz letztlich nicht wichtig.  In Inspired schlägt Held Evans deshalb einen Mittelweg vor, der sowohl „strikten Literalismus“ als auch „selbstsicheren, desinteressierten Liberalismus“ vermeidet (xxii). Ihr Hauptanliegen dabei ist, dass die inspirierte Schrift immer zur aktiven Tat, zum Einsatz für verfolgte und unterdrückte Minderheiten führt.

Parallelen zu meiner Biografie

Von meiner eigenen Biografie her kann ich Rachel Held Evans Anliegen gut verstehen. Zwar verlief  die Entwicklung in meinem Leben genau gegensätzlich zu der ihrigen, aber die Parallelen sind doch auffallend. Aus liberalem landeskirchlichem Hintergrund kommend wurden mir im Religionsunterricht und in der Gemeinde als junger Mann faszinierende und aufrüttelnde sozialpolitische Ziele und Aktionen vor Augen geführt. Alle Bibelauslegung gipfelte damals für mich in der Bergpredigt und entsprechend wurde ich aktiv in der Altenarbeit und im Einsatz für Gefangene. Mein Problem war allerdings, dass unter der Decke all dieser Aktivitäten meine persönlichen Fragen und Probleme weitgehend ungelöst blieben und mir auch eine ausgedünnte und überalterte Ortsgemeinde dabei nicht wirklich weiterhelfen konnte.  Das wurde erst anders als ich durch eine Sommerfreizeit zum ersten Mal mit begeisterten jungen evangelikalen Christen in Kontakt kam, die mir nicht nur Freundschaft, Liebe und Respekt entgegenbrachten, sondern die mir Nachfolge Jesu authentisch vorlebten und mir die Bibel als feste Orientierung und geistliche Kraftquelle attraktiv machen konnten. Erst jetzt erfuhr ich mein Christsein als persönliche und befreiende Beziehung zu Jesus. Eine ganz neue Dimension der Bibel öffnete sich mir nun – vor allem auch im Studium des Johannesevangeliums, der Psalmen und des Römerbriefs. Ich wurde Mitarbeiter in der Jugendarbeit, später Pfarrer und schließlich Missionar.

Lange hatte ich auf diesem neuen Glaubensweg eine absolut negative Einstellung zu meiner christlich-sozialen Vergangenheit bis ich in meiner Arbeit als Missionar in Guinea-Bissau, West Afrika, zum ersten Mal „live“ die Armut und Ungerechtigkeit als Folge kolonialer Unterdrückung verstärkt durch Jahre kommunistischer Misswirtschaft erlebt habe. Bis heute leidet das guineische Volk noch unter korrupten Politikern und einer Drogenmafia, die jede Entwicklung des Landes systematisch zu verhindern sucht. Dringend braucht es da neben der biblischen Botschaft auch praktische Hilfe und Einsatz für die benachteiligten Randgruppen der Gesellschaft. Da war also offenbar doch ein wichtiges Element in der sozialen Praxis der Gemeinde, die ich als junger Mann erlebt hatte! Das Evangelium, so habe ich es seither in auch in vielen anderen weltmissionarischen Zusammenhängen erfahren, muss zwar in der Verkündigung von Kreuz und Auferstehung Jesu ihren Mittelpunkt haben, aber es muss sich auch um die ganzheitlichen Nöte der Menschen kümmern, sonst bleibt es unglaubwürdig. In der Sprache der Hermeneutik ausgedrückt: eine Kombination von Römerbrief und Bergpredigt! Wäre das ein Mittelweg zwischen „liberal und literal“, wie Held Evans ihn vorschlägt? Wäre das ein denkbarer Kompromiss?

Gute Einsichten und ein Spitzensatz

Dafür spricht in diesem Buch, dass Held Evans zurecht immer wieder auf die praktischen Konsequenzen im Leben hinweist, die die Auslegung jede der biblischen Literaturgattungen haben muss, auf die sie in ihrer Argumentation eingeht. Hermeneutik muss unser Leben praktisch beeinflussen, muss das Evangelium für die Welt sichtbar machen! Auch hat Held Evans meine Zustimmung darin, wenn sie sich dagegen wehrt, biblische Aussagen einfach 1:1 auf unser modernes Weltbild zu übertragen. Wer die Bibel einfach als Patentantwort für alle unsere Lebensfragen verwenden will, steht in der Gefahr, die Bibel von unserem gegenwärtigen Weltverständnis her „in den Griff“ zu nehmen, sich über sie zu stellen. Und er bewegt sich damit gefährlich nahe an einem  „Wohlstandsevangelium“, das Menschen am Ende immer enttäuscht und zerbrochen zurücklässt.  Einer der Spitzensätze von Held Evans ist, dass die Bibel sich so selten „benimmt“ wie wir es wollen (13). Wie wahr ist das! Wie viele haben schon gedacht, sie hätten den Generalschlüssel zu ihrer richtigen Auslegung in der Tasche und haben am Ende doch nur ihre eigenen Dogmen verstärkt und wichtige andere Aspekte der biblischen Botschaft vernachlässigt.

Ein halbherziger Kompromiss zur HKM

Leider ist da aber doch ein entscheidender Punkt in Held Evans Gedankenführung, der mich zurückschrecken lässt, auf den von ihr vorgeschlagenen Kompromissweg einzugehen. Denn so entschieden und leidenschaftlich – manchmal fast sarkastisch – sie sich von der „literalen“ bibelgläubigen Seite distanziert, so halbherzig und knapp tut sie das auf der anderen Seite gegenüber der „liberalen“ historisch-kritischen Exegese, der sie sich nach ihrer Abkehr von ihrer konservativen Vergangenheit zugewendet hatte.  Außer einer wiederholt zum Ausdruck gebrachten Sympathie für die biblischen Geschichten so wie sie dastehen, und außer der ehrlichen Schilderung ihrer intellektuellen Schwierigkeiten mit dem Inhalt mancher biblischer Berichte (vor allem der Kriegs- und Wundergeschichten!) gibt es keine Aussagen im Buch, die auch nur andeutungsweise ein Resultat der historisch-kritischen Exegese in Frage stellen würden. Im Gegenteil, die Schöpfungsberichte werden von ihr als historisch irrelevant und erst von der Exilgemeinde in Babylon entwickelte theologische Antwort an die Religion und Weltanschauung der Babylonier bewertet. Sie charakterisiert die Urgeschichte zwar als „Narrativ“, vergisst aber, dass es sich literarisch hier im Gegensatz zu den babylonischen Schöpfungsmythen eindeutig um „historisches Narrativ“ handelt (wie auch im ganzen Rest des 1.Buch Mose!), das eben nicht nur von Mythen und Symbolen, sondern von realen geschichtlichen Ereignissen reden will. Von den Wunderberichten des Neuen Testaments räumt Held Evans ein dass sie durchaus „farbenfrohe Übertreibungen von Ereignissen“ sind, die „geschehen oder nicht geschehen bzw. erzählt“ (worden) sind (179). Dabei ist sie sich wohl bewusst, dass in Analogie zur Fleischwerdung Jesu die biblischen Berichte eigentlich auch „leibhaftig“ verstanden und ausgelegt werden müssten. Im Blick auf die Faktizität der Auferstehung zum Beispiel räumt sie ein, dass ein farbiger Pastor ihr gegenüber einmal die leibliche Auferstehung mit den Worten begründet hat: „Wenn es bei der Auferstehung nur um Auferstehung in der Erinnerung und in den Herzen geht, ist das keine sehr gute Nachricht für meine Leute“ (178). Aber trotzdem kann sich Held Evans nie dazu durchringen, kritische Ergebnisse der historisch-kritischen Methode auch nur andeutungsweise in Frage zu stellen. So muss ihr Kompromiss zwischen „literal“ und „liberal“ letztlich halbherzig und unglaubwürdig bleiben.

Inspiriert oder kulturbedingt?

Unter Inspiration versteht Rachel Held Evans letztlich die Tatsache, dass Gott durch Menschen in menschlichen Umständen und trotz aller Fehler und Irrtümer dennoch seine „große Geschichte“ schreibt. Die Hauptaufgabe moderner Hermeneutik sieht sie darin „kulturell bedingte Annahmen von allgemeingültigen Wahrheiten zu trennen“ (203). Es muss an dieser Stelle die Frage erlaubt sein, wie sie im Einzelnen das Kulturbedingte von der allgemeiner Wahrheit unterschieden will ohne dabei „inspirierte“ Gedanken mit dem eigenen theologischen und ethischen Vorverständnis zu vermischen. Dass das schon automatisch durch die wissenschaftliche Auslegung im historischen Kontext mit Hilfe historisch-kritischer Arbeitsschritte garantiert wäre, kann aber nur der ernsthaft glauben, der nie mit solchen Werkzeugen gearbeitet hat.

Leider hat man beim Lesen von Held Evans Buch je länger je mehr dann genau diesen Eindruck: dass ihr sozial-aktivistisches Vorverständnis die Auslegung der biblischen Geschichten immer wieder entscheidend beeinflusst. Dabei muss ihr zugutegehalten werden, dass sie im Verlauf des Buchs nicht nur befreiungstheologische Standardtexte wie Exodus (Befreiung aus Ägypten), Deutero-Jesaja (Befreiung aus dem Exil) und die kleinen Propheten (Kritik an der Unterdrückung durch die Israelitischen Führer) in den Blick nimmt. Bewusst geht sie gerade auf die für sie schwierigsten Kapitel im Alten Testament ein: die „Kriegsgeschichten“ (61ff) bei Josua, den Richtern und den Königen. In ihnen erkennt sie Gewaltanwendung als biblische Realität an, will aber diese Texte trotzdem nicht per se von der biblischen Inspiration ausschließen. Am Ende will sie ihnen göttliche Eingebung wenigstens im Sinne einer Wahrnehmungshilfe für die Grausamkeit gegenwärtiger militärischer Konflikte zugestehen. Trotz aller Ehrlichkeit wird aber gerade hier deutlich, wie wenig offen Held Evans für die Gesamtbotschaft der Bibel ist. Ohne biblische Begründung kann sie schreiben: „Gott würde eher durch Gewalt umkommen als sie auszuüben“(77). Und per Zitat einen Autor sagen lassen: „Am Kreuz wurde der teuflische und gewaltsame „Krieger-Gott“, dem wir uns viel zu oft verschrieben haben, für immer verworfen“ (77). Die Frage bleibt, warum dann solche Berichte trotzdem so häufig in der Bibel stehen. Wieso wird Gott in Stellen wie Exodus 15,3 ausdrücklich als „Streiter“ (warrior) bezeichnet? Oder wie kommt es, dass in Offbg. 19,11ff der wiederkommende Christus eben nicht mehr arm auf einem Esel, sondern siegreich mit Schwert und Streitroß einreitet. Natürlich macht das Neue Testament klar, dass uns als Jünger Jesu Gewalt grundsätzlich verwehrt ist, aber Gott, der sich in Jesus im Fleisch offenbart, bleibt dennoch der Heilige! Sein Zorn bleibt eine biblische Wirklichkeit, und zwar von Genesis bis Offenbarung!

Kein biblischer Blick in die Zukunft?

Ähnliche Fragen an die Autorin stellen sich auch nach der Lektüre ihres 2. und 5.Kapitels über die prophetische und apokalyptische Literatur der Bibel. Kategorisch lehnt Held Evans hier die Zukunftsrelevanz aller prophetischen Schriften im AT und NT ab. Propheten reden grundsätzlich nur in ihre Gegenwart hinein. Apokalyptische Schriften sind nichts anderes als in die Zukunft verpackte Gegenwartsanalysen und lediglich dazu da, der gegenwärtigen Gemeinde Hoffnung und Kraft im Widerstand gegen die „Bestien“ der antichristlichen Königreiche (Babylon, Persien, Rom) zu geben. Das ist zwar nicht falsch, nimmt aber in seiner Einseitigkeit der Schrift nicht nur die Glaubwürdigkeit der messianischen Erfüllung alttestamentlicher Voraussagen, sondern auch die Aktualität und Stoßkraft ihrer Botschaft für die Zeitperiode, die der Wiederkunft Jesu unmittelbar vorausgeht. Natürlich warnt Jesus die Gemeinde vor Endzeit-Spekulationen und Berechnungen seiner Wiederkunft, aber er gibt der Gemeinde doch auch in allen drei synoptischen Evangelien sehr konkrete Zeichen und Anweisungen für diese Zeit, die sie auf die Kämpfe vor seinem sichtbaren Kommen vorbereiten sollen.

Was schützt uns vor unseren Vorurteilen?

Bleibt die Frage, was denn tragfähige(re!) Kriterien sein können, die Ausleger vor vorgefertigten Linsen und Vorurteilen in der Bibelauslegung schützen können. Held Evans schlägt vor, statt vorgefertigten Dogmen und Schlagworten lieber die biblischen Geschichten selbst sprechen zu lassen. Sie spricht von der „magischen Anziehungskraft“ (xi, xii, xxi, u.a.), die dieses Buch auf sie hatte und noch stets hat – trotz des Traumas, das sie durch ihren gesetzlich-engen Gemeindehintergrund in ihrer Kindheit und Jugend erfahren hat. Sie erwähnt das Vorbild ihrer eigenen Eltern, deren Bibelglauben sie trotz allem annehmen konnte, weil sie „auf ihre Fragen mit Einfühlungsvermögen geantwortet haben“ (xvii). Könnte die Antwort auf die Frage einer vorurteilsfreieren Bibelauslegung von hier her ihre Lösung finden? Martin Luther und die Reformatoren haben mit dem Schriftprinzip („Die Schrift legt sich selbst aus“) dazu ja schon lange einen entscheidenden Beitrag geleistet. Natürlich kann jeder Ausleger auch in den Prozess der Auslegung der Schrift mit der Schrift seine eigenen Meinungen und Vorurteile eintragen. Wenn aber in den Prozess die ganze Gemeinde einbezogen wird und dabei die Bekenntnisse als Maßstab zugezogen werden erweist sich meines Erachtens jedoch die Schrift selbst immer wieder als die tragfähigste und gegen Vorverständnisse am besten geschützte hermeneutische Grundlage.

Woher kommt die Kraft zur Umkehr?

Was schließlich bis zuletzt unklar bleibt in Held Evans Buch ist die Frage, woher denn die innere Kraft kommen soll, um den Kampf gegen die Unterdrückung und Ausgrenzung, die – wie sie schreibt – „harte Arbeit von Buße und Wiederherstellung“ (127) leisten zu können. Damit komme ich zurück zum Beginn dieses Artikels. Das war ja genau das Problem in meiner frühen Nachfolge: Ich hatte gute biblische Ziele, hatte das hohe Vorbild Jesu in der Bergpredigt. Aber ich hatte keine Hilfe zur inneren Veränderung, keine Hinführung zu einem neuen Leben aus dem Geist Gottes. Und vor allem keine lebendige Gemeinschaft, in der das alles sichtbar geworden wäre. Wären da nicht doch die Themen Sündenvergebung, Wiedergeburt und Heiligung von entscheidender Bedeutung, die Held Evans im ganzen Buch so vehement als gesetzlich und eng zurückzuweisen versucht? Themen, die ja nicht erst die Südlichen Baptisten in den USA erfunden haben, sondern die für die Kirche aller Zeiten wichtige Bestandteile der Lehre waren – neben allem daraus entstehenden sozialen und diakonischen Engagement? Bezogen auf das Buch: Müsste die Möglichkeit glaubwürdigen und tatkräftigen Christseins, die Held Evans bei ihren eigenen bibelgläubigen Eltern gesehen hat, prinzipiell dann nicht auch konservativen evangelikalen Gemeinschaften als Ganzes zugestanden werden können, wenn sie sich um das eben beschriebene Gleichgewicht zwischen innerer Erneuerung und daraus folgender Tat bemühen?

Eine demütige Haltung zur Schrift

In ihrem ganzen Buch schätze ich am meisten Rachel Held Evans Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit. Immer wieder gesteht sie ihre eigenen Grenzen ein, immer wieder ist sie bereit zuzugeben, dass sie auf manche Fragen schlicht keine Antwort hat. Diese Einstellung ehrt Gott in seiner Souveränität und Freiheit. Diese Haltung ehrt letztlich auch die Schrift, die immer über unseren Bemühungen zur Auslegung steht. Bei allen Fragen, die ich an Rachel  Held Evans gestellt habe, will ich mich ihr an diesem Punkt doch gerne anschließen. Bei mehr Bibeltexten und bei mehr christlichen Lebensentwürfen als uns lieb ist werden wir wahrscheinlich erst in der Ewigkeit erkennen, was Gott wirklich darüber gedacht hat.


Evans, Rachel Held. Inspired: Slaying giants, walking on water, and loving the Bible again. 2018. Nashville (TE): Nelson Books. 236 Seiten in englischer Sprache. Zitate wurden vom Autor aus dem Englischen übersetzt.

 

Rachel Held Evans – Eine postevangelikale Hoffnung für die Kirche?

In den letzten Wochen war der Worthaus-Podcast „Das Wort und das Fleisch“ mein stetiger Begleiter auf dem Weg zur Arbeit und wieder zurück. Die Einsichten über die Entwicklung der verschiedenen christlichen Strömungen seit den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts sind ohne Frage sehr unterhaltsam und hochinteressant. Am Ende lassen sie mich aber doch ein wenig ratlos zurück. Denn den vielen Verfallserscheinungen allerorten werden kaum hoffnungsvolle Perspektiven gegenübergestellt. Immerhin: Am Ende der Folge 10 über die „neuen Evangelikalen“ wird die (leider inzwischen verstorbene) US-Amerikanerin Rachel Held Evans als wegweisende Impulsgeberin vorgestellt. Ihr Bild ziert auch die Internetseite zu dieser Podcastfolge. Das hat mein Interesse geweckt. Ist da vielleicht wirklich ein Schatz zu finden, der wegweisend sein könnte für eine hoffnungsvolle Zukunft der Kirche Jesu?

Es ist kompliziert

Rachel Held Evans hat mehrere Bücher verfasst. Gelesen habe ich das Buch „Searching for Sunday“, das auf Deutsch unter dem Titel „Es ist kompliziert“ erschienen ist. Darin erzählt Evans auch ihre eigene Glaubensgeschichte. Aufgewachsen in einem traditionell evangelikalen Umfeld war sie lange Zeit eine engagierte Verfechterin typisch evangelikaler Standpunkte. Jedoch bekam ihr Glaubenssystem zunehmend Risse. Schließlich verließ sie ihre evangelikale Heimatgemeinde, weil sie „nicht so tun konnte, als würde ich Dinge glauben, an die ich nicht mehr glaubte.“ (S. 110) Anstoß nahm sie an weit verbreiteten evangelikalen Positionen wie der Unfehlbarkeit der Bibel, der Infragestellung der Evolutionstheorie oder dem Umgang mit dem Thema „Gericht und ewige Strafe“. Große Probleme bereiteten ihr zudem die oft fehlende Offenheit für Frauen in Leitungsämtern, der ablehnende Umgang mit LGBT (lesbisch, schwul, bisexuell, transgender)-Menschen, die weitgehend republikanisch geprägte politische Ausrichtung sowie die allgemein empfundene Unehrlichkeit im Umgang mit schwierigen Glaubensfragen. Nach einer gemeindelosen Zeit nahm Evans an einem Gemeindegründungsprojekt teil, das aber scheiterte. Schließlich schloss sie sich mit ihrem Mann einer episkopalen Gemeinde an.

Hin- und hergerissen

Immer wieder spürt man Rachel Held Evans ihre Zerrissenheit in Bezug auf die Evangelikalen ab. Als präzise Zusammenfassung ihres Zustands zitiert sie den Satz: „Also für mich sieht es so aus, als wäre der Evangelikalismus so was wie der Freund, mit dem du vor zwei Jahren schlussgemacht hast, auf dessen Facebookseite du aber immer noch regelmäßig zwanghaft vorbeischaust.“ (S. 297) Tatsächlich war sie trotz ihrer Abkehr vom Evangelikalismus durch ihren äußert erfolgreichen Blog jahrelang eine vielgefragte Referentin auf christlichen Konferenzen. Und auch wenn sie mit vielen Dingen in der evangelikalen Welt hadert, so verliert sie in ihrem Buch doch nie ihre Sehnsucht, in ihrem „Glauben zu Hause zu sein“ und darin „festen Grund unter den Füßen zu haben.“ (S. 245) Allerdings will sie sich dabei auf keinen Fall entscheiden müssen „zwischen Glaube und Wissenschaft, Christentum und Feminismus, der Bibel und der historisch-kritischen Methode, Lehre und Mitgefühl … Natürlich wollte ich glauben, aber ich wollte so glauben, dass meine intellektuelle Integrität und meine Intuition dabei keinen Schaden nahmen, so, dass sowohl Herz als auch Verstand voll beteiligt waren.“ (S. 91) Es ist ohne Zweifel kompliziert, einen fest gegründeten, heimatgebenden Glauben auf der Basis von historisch-kritischer Theologie zu entwickeln. Warum für Evans die Akzeptanz der historisch-kritischen Methode als Voraussetzung gilt, um intellektuell integer glauben zu können, wird im Buch leider nicht begründet.

Grenzen sind böse – ich muss mich abgrenzen!

Wie so oft in der postevangelikalen Welt begegnet uns auch bei Rachel Held Evans dieser typische Widerspruch zwischen einer leidenschaftlichen Ablehnung von Grenzen bei gleichzeitiger Abgrenzung vom Evangelikalismus. In den Worten von Evans hört sich das so an:

„Besonders der Evangelikalismus hat in den letzten Jahren ein Wiederaufleben der Grenzkontrollen erlebt. Dabei haben Allianzen und Koalitionen, die sich um gemeinsame theologische Themen gebildet haben, zweitrangige Angelegenheiten zu solchen von höchster Priorität erhoben. Alle, die nicht ihrem strengen Reglement bezüglich Glaubenssätzen und Verhaltensweisen gerecht werden, erklären sie als ungeeignet für die Gemeinschaft der Christen. Stets dazu verpflichtet, die Kirche von jedem fehlgeleiteten Gedanken, von jeder Meinungsverschiedenheit oder abweichenden Verhalten zu säubern, schnüren diese selbst ernannten Wächter schwere Pakete legalistischer Regeln und laden sie auf die Schultern matter Menschen. Sie sieben die Schmeißfliegen aus der Theologie aller anderen heraus, während sie ihre eigenen Ungereimtheiten von der Größe eines Kamels herunterschlucken. Sie schlagen den Leuten die Tür zum Reich Gottes vor der Nase zu und sagen ihnen, sie sollen wiederkommen, wenn sie nüchtern seien, wieder auf eigenen Füßen stehen können, Republikaner, geläutert, ohne Zweifel, ergeben, hetero. Aber das Evangelium braucht keinen Bund mit dem Ziel, die falschen Leute draußen zu halten.“ (S. 216) „Es gibt Denominationen, von denen ich nicht guten Gewissens ein Teil sein könnte, weil sie Frauen von der Kanzel und Schwule und Lesben vom Tisch des Herrn verbannen. … Dispute über die Glaubenslehre mögen in manchen Fragen vernachlässigbar sein, manche sind es aber auch wert, dass man sie ficht. Immerhin sind wir eine Familie, also streiten wir auch wie eine.“ (S. 257)

Evangelikalen wirft man ja häufig vor, die Sexualethik zum Hauptstreitpunkt zu machen, obwohl sie doch ein biblisches Randthema sei. Hier wird wieder deutlich: Es sind eben auch die Postevangelikalen selbst, die genau diese sexualethischen Fragen zum zentralen Streitthema machen, während sie das evangelikale Ringen um die Bewahrung zentraler Glaubensinhalte eher zur ausgrenzenden Rechthaberei erklären.

Sehnsucht nach Authentizität, Identität und Gemeinschaft ohne Grenzen

Wer glaubt, man könne Menschen wie Rachel Held Evans durch kulturell modernere Gemeinden oder durch mehr kluge Apologetik für den Evangelikalismus zurückgewinnen, täuscht sich. Evans schreibt: „Wir wollen kein moderneres oder hipperes sondern wahrhaftiges und authentisches Christentum.“ (S. 17) „Das letzte, das wir brauchen, ist mehr Information über Gott. Wir brauchen die Praxis der Auferstehung. … Sie wollen um jeden Preis mehr Gott erfahren. Nicht mehr über Gott. Mehr Gott.“ (S. 21) Am meisten bewegt hat mich dabei der Schrei nach Identität: „Wir alle sehnen uns danach, dass uns jemand sagt, wer wir sind. Der größte Kampf im Leben eines Christen ist es, den Namen, den Gott für uns hat, anzunehmen, zu glauben, dass wir geliebt sind, und zu glauben, dass das genug ist.“ (S. 49) Dazu sehnt sich Held nach einer Gemeinschaft, die alle gesellschaftlichen und kulturellen Grenzen überwindet und die Liebe Gottes durch uneingeschränkte gegenseitige Annahme sichtbar macht: „Eine Mahlzeit ist sakramental, wenn die Reichen und die Armen, die Mächtigen und die Randfiguren, Sünder und Heilige gleichberechtigt am Tisch sitzen. Eine Ortsgemeinde ist sakramental, wenn sie ein Ort ist, an dem die Letzten die Ersten sind und die Ersten die Letzten sind, und wenn diejenigen, die hungrig und durstig sind, zu essen und zu trinken bekommen. Und die Weltkirche ist sakramental, wenn sie keine geografischen Grenzen kennt, keine politischen Parteien, nicht eine vorherrschende Sprache oder Kultur und wenn sie sich nicht durch Macht und Gewalt vergrößert, sondern durch Handlungen der Liebe, der Freude und des Friedens, durch Missionen der Barmherzigkeit, der Freundlichkeit und der Demut.“ (S. 324)

Ich kann all das so gut verstehen. Mehr noch: Die Träume von Rachel Held Evans sind auch meine Träume! Die Sehnsucht nach Identität steht sogar im Mittelpunkt des Glaubenskurses Aufatmen in Gottes Gegenwart. Die Frage, wie Informationen über Gott in eine existenzielle Gottesbegegnung münden können, treibt mich ebenso um. Und selbstverständlich sehne auch ich mich nach christlichen Gemeinschaften, denen es gelingt, kulturelle und gesellschaftliche Barrieren zu überwinden und das zu leben, was in unserer Gesellschaft zwar dauernd lautstark gefordert aber doch nur selten gelebt wird: Liebevolle Gemeinschaft in vielfältiger Diversität, weil wir vor Gott alle gleich sind und das Evangelium alle kulturellen Grenzen sprengt. Ohne Zweifel versagen wir Evangelikalen oft bei diesen Themen. Ich frage mich jedoch: Können das die Progressiven, die Postevangelikalen und die Liberalen wirklich besser als die Evangelikalen?

Live it out!?

Scheinbar ja! Diesen Eindruck vermittelt zumindest Rachel Held Evans bewegender Bericht von der „Live it out“-Jahreskonferenz des Netzwerks homosexueller Christen. In hochemotionalen Treffen wird da der Schmerz von homosexuellen Christen verarbeitet, die in ihrem evangelikalen Umfeld viel Ablehnung erlebt haben. Wen könnte es kalt lassen, wenn homosexuelle Menschen endlich Verständnis und Annahme finden und wenn Ex-Evangelikale um Vergebung für frühere Ablehnung und Ausgrenzung bitten? Zumal es ja ohne Zweifel stimmt, dass viele Evangelikale im Umgang mit homoerotisch empfindenden Mitchristen viel Schuld auf sich geladen haben.

Und doch wurde mir gerade bei diesem Kapitel die Schwäche dieses Buchs deutlich: „Live it out“ funktioniert ja nur, solange man ausblendet, wie abgründig unsere menschliche Sexualität sein kann. Das geht auf Events und Konferenzen, aber nicht in Gemeinden, die Menschen dauerhaft begleiten müssen. Und auf Dauer kommt auch eine sexualethisch liberal geprägte Gemeinschaft nicht an der Frage vorbei, wie man mit Menschen umgeht, denen man insgesamt eben doch nicht unbedingt nach dem Mund reden kann. Denn selbst wenn ich heute zur praktizierten Homosexualität ja sage, stellt sich ja morgen die Frage: Wie gehe ich mit denen um, die in häufig wechselnden Partnerschaften oder polyamor leben (wollen)? Wie gehe ich mit denen um, die ein Kind abtreiben wollen, weil es der Karriere im Weg steht? Oder um ein aktuelles Beispiel aus meiner evangelischen Kirche aufzugreifen: Wie gehe ich mit denen um, die aktive Sterbehilfe praktizieren wollen? Sage ich da auch: „Live it out“?

Die menschliche Begierde nach Sex hat schon unzählige Menschen tief verletzt, Familien zerbrochen, Kindern ihre Heimat geraubt sowie unzähligen Prostituierten und Pornodarstellern ihre Würde und ihr Leben zerstört. Ich will deshalb in einer Gemeinde leben, die einem Mann mit einer kranken Frau nicht sagt: „Live it out“ sondern: Bleib treu, auch wenn es für Dich bedeutet, dass Du Deine Sexualität nicht ausleben kannst. Die eigentliche Herausforderung beginnt für alle Gemeinden da, wo wir sagen müssen: Lass es sein! Lebe heilig! Und halte Dich an den Gott, der besser weiß als wir, wie das Leben funktioniert und was wirklich ein Ausdruck von Liebe ist!

Deshalb beeindrucken mich Sprüche wie „Live it out“ oder „Bei uns sind alle willkommen“ wenig, solange man die Spannung zwischen Anspruch und Wirklichkeit christlicher Lebensführung einfach dadurch auflöst, dass man sich auf einen engen Ausschnitt fokussiert und behauptet, der biblische Anspruch existiere gar nicht. Auf Dauer kann sich keine christliche Gemeinschaft drücken vor dem anspruchsvollen Spannungsfeld zwischen Liebe und Wahrheit, zwischen menschlicher Annahme und notwendiger Konfrontation mit biblischer Ethik.

Wo ist das Tor zum Paradies?

Was mir generell fehlt in diesem Buch sind fundierte Antworten auf die Frage, wie wir denn die paradiesischen, alle Grenzen überwindenden Gemeinschaften bauen sollen, von denen ich ebenso träume wie Rachel Held Evans? Sätze wie diese hören sich ja wundervoll an: „Stellt euch vor, die Kirche würde zu einem Ort, an dem alle sicher sind, es aber niemand bequem hat. Stellt euch vor, die Kirche würde zu einem Ort, an dem wir einander die Wahrheit sagen. Es könnte tatsächlich passieren, dass wir ein Heiligtum schaffen.“ (S. 120) Tja, warum tun wir es dann nicht einfach? Warum sprießen nicht längst schon massenhaft neue progressiv/postevangelikale Gemeinden aus dem Boden, die die evangelikale Enge und Oberflächlichkeit hinter sich lassen und die Träume von offener, authentischer und ehrlicher Gemeinschaft in die Praxis umsetzen? Warum ist es ganz im Gegenteil so, dass der Liberalismus nach wie vor nur eine kleine Minderheit in der US-amerikanischen Kirchenlandschaft repräsentiert?

Ich glaube, das hat einen einfachen Grund: Es ist eben leicht, von grenzenlosen Gemeinschaften zu träumen. Es ist aber enorm schwer, sie tatsächlich zu bauen. Solche Träume funktionieren immer nur so lange, bis wir ganz konkret damit anfangen, mit echten Menschen echte Gemeinschaften aufzubauen. Jeder, der das schon versucht hat, weiß: Wenn unsere kitschigen Träume von grenzüberwindender Gemeinschaft von der harten Realität unserer Ecken und Kanten, unserer oft schwer erträglichen Verbiegungen, unseres Misstrauens, unseres Neids, unserer Vorurteile, unseres Hangs zur Manipulation, unserer Ichbezogenheit, unserer Arroganz, unserer Konsumhaltung und Faulheit eingeholt wird, dann erst zeigt sich, ob unser Evangelium die Kraft hat, das Wunder dauerhafter, liebevoller und heilsamer Gemeinschaften hervorzubringen. Und ich bin überzeugt: Erlöste Gemeinschaft wächst eben doch nur dort, wo Menschen durch das Kreuz erlöst worden sind.

Wasch mich, aber mach mich nicht nass

Manchmal scheint Rachel Held Evans dieses Problem zu spüren, wenn sie zum Beispiel schreibt: „Dieser Tage haben alle so ihre Meinung, warum Menschen die Kirche verlassen. Manche wollen das Problem lösen, indem sie das Christentum gefälliger machen – du weißt schon, den ganzen seltsamen mystischen Kram von wegen Sünde, Dämonen und Tod und Auferstehung weglassen und durch Selbsthilfebücher, Politik, theologische Systeme oder hippe Kaffeebars ersetzen. Aber manchmal glaube ich, was die Kirche am meisten braucht, ist die Wiederentdeckung ihrer seltsamen Seiten.“ (S. 52) Wie wahr. Genau darunter leide ich ja so sehr in meiner evangelischen Kirche. Der alte Versuch der liberalen Theologie, das Christentum durch Entmythologisierung intellektuell hoffähig zu machen, raubt ihm zugleich seine Kraft. Rachel Held Evans spürt also selbst, dass ein geschichtsloser, zeitgeistiger Glaube keine Wurzeln verleihen kann. Und doch scheint mir: Mit Sätzen wie dem folgenden zerstört sie wieder selbst genau diese Wurzeln:

„Im schlimmsten Fall hält die Kirche die Sakramente zurück in dem Versuch, Gott in einer Theologie, einem Regelverzeichnis, einem Glaubensbekenntnis, einem Gebäude einzuschließen.“ (S. 225)

Meine evangelische Kirche müsste demnach ein leuchtendes Hoffnungsmodell sein. Sie hat schon längst aufgehört, irgendjemand die Sakramente vorzuenthalten. Theologische Häresien kennt sie praktisch nicht. Regeln kennt sie eigentlich nur noch im Kirchenrecht, aber nicht mehr im Leben der Gläubigen. Und es gibt längst keinen Satz im apostolischen Glaubensbekenntnis mehr, der nicht von Theologen an den evangelischen Fakultäten bestritten worden wäre. Trotzdem ist sie weit davon entfernt, dass unter ihrem Dach viele hoffnungsvolle Gemeinschaften mit liebevoller Diversität heranwachsen.

Mich wundert das nicht. Denn ein Glaube, der Halt und Wurzeln verleiht, lebt davon, dass er aus etwas gespeist wird, das größer ist als wir selbst. Glaube lebt auch von der Ehrfurcht vor dem Heiligen, von einer mir übergeordneten Autorität, vor der ich mich beuge und an der ich mich zugleich festhalten kann. Anders ausgedrückt: Glaube, der Halt und Wurzeln verleiht, lebt von Theologie, Regeln und Bekenntnissen, die letztlich nicht menschengemacht sind, sondern die uns geschenkt und offenbart werden. Wer Gottes Königreich ohne die Gebote des Königs, wer die Wurzeln ohne die Regeln haben möchte, der lebt nach dem Motto: Wasch mich, aber mach mich nicht nass.

Die Kirche wird natürlich niemals vollkommen sein in ihrem Versuch, die Theologie, die uns in der Bibel von Jesus, von den Aposteln und den Propheten überliefert wurde, genau zu erfassen und zu vermitteln. Aber wenn sie aufhört, der biblischen Theologie in einer demütigen, sich unterordnenden Haltung nachzuspüren, sich unter das Erkannte zu beugen und daraus Regeln für das Leben und Bekenntnisse für unseren Glauben abzuleiten und daran auch den Segen und das Heil zu knüpfen, dann ist sie keine Kirche mehr. Dann verteilt sie nur noch das, was Bonhoeffer einst als billige Gnade und als Todfeind der Kirche bezeichnet hat. Denn was nichts kostet, ist auch nichts wert. Dafür bringt auch niemand Opfer. Dafür steht niemand morgens auf. Dafür spendet niemand Geld. Der katholische Priester Dwight Longenecker schrieb dazu treffend: „Die Modernisten sehen Religion nicht als Infragestellung, sondern als Erfüllung ihrer Bedürfnisse. Hedonisten werden bald begreifen, dass Religion – selbst in ihrer verwässerten modernen Form – den Stress nicht wert ist. … Das Dogma der Progressiven ist, dass „alle willkommen sind.“ Sie verstehen nicht, dass eine Religion nur dann eine Religion sein kann, wenn es Grenzen gibt. Kein Club ohne Regeln für die Mitlieder und keine Kirche ohne Dogma und moralische Erwartungen. Die Türen der progressiven Kirchen mögen weit offen sein… aber das führt letztlich dazu, dass die Menschen die Kirchen so schnell wie möglich verlassen werden.“

Keine Identität ohne Gottes Wort – Keine Gnade ohne das Kreuz

Rachel Held Evans sehnt sich zurecht nach einer Kirche, die Menschen Identität verleiht. Identität finden wir aber nur durch die Begegnung mit einem „Du“, einem Gegenüber, das uns Identität zusprechen kann. Wir finden deshalb nur dann eine neue Identität in Gott, wenn wir von Gott als Gegenüber angesprochen werden. Die Bibel ist das einzig verbindliche Zeugnis von Gottes Wort, das die Kirche hat. Eine kritische Theologie, die der Bibel immer mehr die Qualität abspricht, Gottes heiliges Wort an uns zu sein, sägt deshalb immer auch an der identitätsstiftenden Kraft der Kirche.

Rachel Held Evans sehnt sich zurecht nach einer Kirche voller Gnade. Aber Gnade fließt nur unter dem Kreuz, wo Christus an unserer Stelle für unsere Sünden stirbt und wir Menschen begreifen, wie verloren und wie sehr wir auf unverdiente Gnade angewiesen sind. Eine Theologie, die sich immer schwerer damit tut, von unserer Sündhaftigkeit, Verlorenheit und Erlösungsbedürftigkeit sowie vom stellvertretenden Sühneopfer Jesu zu sprechen, ersetzt die Gnade immer mehr durch Moralismus.

Wo sind die Modelle der Hoffnung?

Rachel Held Evans hat recht: Wir Evangelikalen haben allzu oft versagt darin, die identität- und gnadenbringenden Schätze der Bibel zu leben. Zu oft haben wir den Buchstaben bewahrt, aber die Kraft verloren. Zu oft sind wir abgerutscht in Gesetzlichkeit, die zwangsläufig in Heuchelei enden muss. Und doch glaube ich: Niemand hat es so oft wie wir Evangelikalen geschafft, genau das zu leben, wonach Rachel Held Evans sich sehnt: Identitätsstiftender, gnadenvoller, heilsamer Glaube in Gemeinschaften, die viele kulturelle und gesellschaftliche Schranken überwinden. Ich habe das selbst erlebt. Und ich sehe heute mit Staunen, wie auf der ganzen Welt evangelikal geprägte Gemeinschaften wachsen und dabei auch den widrigsten Umständen trotzen: In den Untergrundkirchen Chinas. In den südamerikanischen Favelas. Unter der menschenverachtenden Diktatur der iranischen Ajatollahs. Unter der Bedrohung grausamer Islamisten wie dem IS oder Boko Haram. In diesen Regionen zeigt sich heute, welche Form des Christentums tatsächlich in der Lage ist, ein authentischer, grenzüberwindender Hoffnungsbringer zu sein. Soweit ich es sehen kann, ist das Christentum dort überall evangelikal geprägt. Zu diesen bewundernswerten Leuten werde ich mich deshalb auch zukünftig gerne zählen.

Zugleich hoffe ich, dass wir uns von solchen ehrlichen und authentischen Stimmen wie die von Rachel Held Evans herausfordern lassen, immer wieder zurückzukehren zur ersten Liebe, zu Christus, seinem kraftvollen Wort und seinem Geist, damit Gesetzlichkeit, Heuchelei, Oberflächlichkeit und Gnadenlosigkeit unser Zeugnis nicht verdunkeln.


Das Buch “Es ist kompliziert” von Rachel Held Evans ist im Brendow-Verlag erschienen und hier erhältlich.

Siehe dazu auch:

AiGG 8: Befreit durch das Kreuz und verwandelt durch Gnade

Warum nur ist das „Logo“ des Christentums ein grausames Folter- und Mordinstrument? Tatsache ist: In keiner anderen Botschaft steckt so viel Dynamit und erneuernde Kraft wie in der Botschaft vom Kreuz! Sie ist ein Frontalangriff auf unseren Stolz. Und zugleich: Das Zentrum des Evangeliums! Die Mitte der Heilsbotschaft für die ganze Menschheit! Unter dem Kreuz werden wir beschenkt mit Vergebung und ewigem Leben. Unter dem Kreuz baut Gott seine Kirche, die nicht aus Gebäuden sondern aus begnadigten, erneuerten Menschen besteht. Die Botschaft vom Kreuz ist zurecht das Zentrum der Christenheit – und eindeutig die wichtigste Botschaft dieser Serie.

Den Vortrag als Audio hören:

Vertiefend zu diesem Thema:

Das Lied zum Thema: “Jesus, führ mich an Dein Kreuz”:

Das Akkordsheet zum Lied “Jesus führ mich an dein Kreuz” zum Download