Gedanken zu einem AUFATMEN-GesprÀch zwischen Thorsten Dietz und Stephanus SchÀl
Wie gelingt Einheit in Vielfalt? Das ist zweifellos eine SchlĂŒsselfrage fĂŒr die evangelikale Bewegung in Deutschland. In einer Serie von Artikeln haben Thorsten Dietz und Stephanus SchĂ€l ĂŒber diese Frage gesprochen.[1] Beide sind einflussreich im allianzevangelikalen Umfeld.[2] In welche Richtung denken sie? Kann man manches auch anders sehen? Gibt es fehlende Aspekte? Ein Beitrag zu einer Diskussion, die dringender denn je gefĂŒhrt werden muss.
Warum tun wir uns so schwer mit der Einheit, fĂŒr die Jesus doch so intensiv gebetet hat? Zurecht weisen SchĂ€l und Dietz darauf hin: Es sind allzuoft ganz menschliche AbgrĂŒnde, die unsere Einheit untergraben. Wenn Machtstreben sich verbindet mit der UnfĂ€higkeit, zwischen biblischer Aussage und eigener Bibelauslegung zu unterscheiden, dann kann Einheit nicht gelingen. Zudem betonen beide: Durch unsere Zugehörigkeit zu Christus sei Einheit ja schon RealitĂ€t. Wir gehören zur gleichen Familie, egal ob wir uns lieben oder streiten. Deshalb sollten wir doch miteinander statt ĂŒbereinander reden, Vorurteile und âLagerdenkenâ vermeiden, vom Kampf- in den Dialogmodus wechseln und stets die Begrenztheit der eigenen Perspektive im Blick behalten. Wenig hilfreich sei es, zwischen âinnen“ und âauĂen“ bzw. zwischen âuns“ und âihnen“ zu unterscheiden. Wir sollten Einheit nicht zerreden, sondern sie lieber erfahrbar werden lassen im Einsatz fĂŒr gemeinsame Ziele und die gemeinsame Sendung der Kirche.
Ein fehlender Aspekt: ZurĂŒckweisung von falscher Lehre
All das lĂ€sst sich biblisch gut begrĂŒnden. Allerdings findet man im Neuen Testament einen weiteren Aspekt zum Thema Einheit, der in der Artikelserie fehlt: Die notwendige ZurĂŒckweisung falscher Lehre. In den 7 Sendschreiben der Offenbarung nimmt dieses Thema sogar den gröĂten Raum ein. Einige Briefe im NT (insbesondere der Judasbrief) sind regelrechte Streitschriften gegen falsche Lehre. Das âNehmt einander an, wie Christus euch angenommen hatâ (Römer 15, 7) steht im Neuen Testament durchgĂ€ngig auf dem Fundament der apostolischen Lehre als einer verbindlichen gemeinsamen Grundlage:
âIch bitte euch aber, BrĂŒder, nehmt euch vor denen in Acht, die von der Lehre abweichen, wie ihr sie gelernt habt! Sie rufen nur Spaltungen hervor und bringen den Glauben der Geschwister in Gefahr. Geht ihnen aus dem Weg!â (Römer 16, 17)
Falsche Lehre wird von Paulus also ausdrĂŒcklich als Spaltungsursache benannt. Auch deshalb findet er so harte Worte, wenn am Evangelium etwas verĂ€ndert wird (Galater 1, 8+9). Und er scheut sich nicht, fĂŒr die Verteidigung des Evangeliums auch ĂŒbereinander zu reden (zum Beispiel ĂŒber die Verfehlungen von Petrus in Galater 2, 11-14).
Biblische Offenbarung als Basis fĂŒr starke Mitte?
SchÀl schreibt deshalb zurecht:
âChristliche Einheit braucht ⊠das Festhalten an der biblischen Offenbarung als zuverlĂ€ssige Richtlinie fĂŒr Lehre und Leben. Wo die Bibel nicht mehr norma normans, also normierende Norm fĂŒr Glauben, Theologie und Ethik ist, verkommt die Einheit zur Beliebigkeit.â
Und Thorsten Dietz ergĂ€nzt: âEine starke Mitte kann sehr, sehr viel Buntes und Verschiedenes aushalten.â Die Frage ist nur: Wie soll die verbindende starke Mitte definiert und der Inhalt der ânormierenden Normâ festgestellt werden, wenn wir zwar âFesthalten an der Wahrheit der Bibelâ, aber zugleich wissen, âdass unsere eigene Perspektive auf diese Wahrheit begrenzt, stĂŒckhaft und unvollstĂ€ndig istâ (Stephanus SchĂ€l)?
SchĂ€l schlĂ€gt einen Minimalkonsens vor: âWir gruppieren uns um Christus, so wie er uns in der Bibel beschrieben wird. Und: Ich glaube, Einheit ist wirklich nicht möglich, wenn wir in Zweifel ziehen, dass die Offenbarung Gottes Grundlage fĂŒr unser ganzes Denken ist.â Reicht der so formulierte Bezug auf Christus, Bibel und Offenbarung, um zu gemeinsamen, verbindenden KernĂŒberzeugungen zu gelangen?
Vertrauen in die Haltung statt in prĂŒfbare theologische Aussagen
Leider zeigt das GesprÀch von Dietz und SchÀl, wie auch solche konservativ klingenden Formulierungen unterlaufen werden können. Dietz greift die Aussagen von SchÀl zwar zustimmend auf. Er kommentiert jedoch zugleich:
âGemeinsamkeit kann nur dort entstehen, wo man einander den Glauben glaubt. ⊠Einheit ist möglich, wo wir einander zugestehen, dass die Bibel fĂŒr uns die Grundlage des Glaubens ist, … Ja, es gibt erhebliche Unterschiede, wie wir die Bibel auslegen und verstehen. Welche Worte wir heute fĂŒr die Dreieinigkeit Gottes finden, ob und wie wir von Gottes Offenbarung reden und wie wir sie ins VerhĂ€ltnis setzen zur Vielfalt der Religionen heuteâ.
ZunĂ€chst fĂ€llt auf: Die oberste PrioritĂ€t hat hier nicht die biblische Norm, sondern das Vertrauen in die Haltung des Anderen. Wir sollen einfach glauben, dass fĂŒr unser GegenĂŒber die Bibel die Grundlage ist – unabhĂ€ngig davon, wie er die Bibel versteht und auslegt. Und unabhĂ€ngig davon, wie bzw. ob ĂŒberhaupt (!) er von Gottes Offenbarung redet.
Offenbarung und Sexualethik: Spezialfragen ohne Bekenntnisrang?
Zugleich warnt Dietz davor, âalle möglichen Spezialfragen, wie ich die Offenbarung verstehe oder wie ich Sexualethik deute, zu Bekenntnisrang hochzupushen.â Hier ist wohlgemerkt nicht vom Buch der Offenbarung die Rede, sondern allgemein vom Offenbarungshandeln Gottes. Dazu bekennt schon das NicĂ€no-Konstantinopolitanum: âWir glauben an den Heiligen Geist, der ⊠gesprochen hat durch die Prophetenâ. Und die deutsche evangelische Allianz formuliert in ihrer Glaubensbasis: âDie Bibel ⊠ist Offenbarung des dreieinen Gottes. Sie ist von Gottes Geist eingegeben.â Zur Sexualethik stellt sie klar: âDer Mensch ⊠ist als Mann und Frau geschaffen.â Schon diese wenigen Beispiele zeigen: Hier muss man nichts mehr pushen. Aussagen zu diesen Themen haben schon lĂ€ngst Bekenntnisrang.[3]
In seinem Buch âMenschen mit Missionâ hatte Dietz formuliert: âDie Allianz ist eine ökumenische Bewegung, die gerade darum das gemeinsame Bekenntnis so knapp wie möglich formuliert hat.â Aber auch dieses maximal verknappte Bekenntnis kann in seinen Augen offenkundig keine Grundlage fĂŒr eine gemeinsame starke Mitte sein. Im Gegenteil: Er warnt ausdrĂŒcklich davor, einige der dort formulierten Aussagen festzuschreiben.
Die Zusammenfassung der gemeinsamen Botschaft aller Christen, die Dietz in AUFATMEN dann selbst zu formulieren versucht[4], kommt tatsĂ€chlich ohne die Themen SĂŒnde und Schuld, die Trennung des Menschen von Gott, Jesu Opfertod als alleinige Grundlage fĂŒr Vergebung und den Freispruch in Gottes Gericht und auch ohne die Wiedergeburt durch den Heiligen Geist aus â alles Themen, die die evangelische Allianz in ihrer Glaubensbasis fĂŒr unaufgebbar wichtig hĂ€lt. Die Allianz bekennt sich zudem in aller Klarheit zur ZentralitĂ€t des stellvertretenden SĂŒhneopfers – Dietz hingegen hat es schon 2019 in einem Worthausvortrag weitgehend relativiert.[5]
Die evangelische Kirche ist nicht beliebig
Trotzdem wendet sich Dietz gegen den Verdacht der Beliebigkeit in kirchlichen Kreisen:
âViele Dinge werden dort sehr ernst genommen. Es wird z.B. sehr intensiv darĂŒber diskutiert, ob man ĂŒberhaupt noch Fleisch anbietet in kirchlichen TagungshĂ€usern. Es wird ĂŒber Tempolimit und Tierschutz und Frauenrechte und die Rechte von Transmenschen geredet. Ich kenne in den Landeskirchen keine Menschen, die sagen wĂŒrden: âIch finde Beliebigkeit super, soll doch jeder, wie er will.“
Diese Aussage kann ich nur bestĂ€tigen. Schon 2020 habe ich ganz Ă€hnlich geschrieben: âDie Vorstellung, dass man Einheit in Vielfalt gewinnt, wenn man theologische Differenzen fĂŒr nebensĂ€chlich erklĂ€rt, ist eine Illusion. Wo in der Kirche Jesu nicht mehr um theologische Fragen gestritten wird, da schlagen die Wellen stattdessen hoch bei anderen Fragen: Wie stehst Du zu Trump? Wie stehst Du zum Klimawandel? Wie stehst Du zur FlĂŒchtlingsrettung im Mittelmeer? Wo die theologischen Kernfragen nicht mehr polarisieren, da nimmt die Kirche umso mehr teil an der gesellschaftlichen Polarisierung in tagesaktuellen Fragen.â[6] Beliebigkeit gibt es zwar nicht in der Kirche. Aber die Themen, bei denen in der Kirche Entschiedenheit gefordert wird, haben nur wenig mit den zentralen Bekenntnissen der Christenheit zu tun. Und bei diesen Themen ist definitiv noch weniger Einheit unter Christen zu gewinnen als bei den zentralen Glaubensfragen.
Besonders deutlich wurde das in der Abschlusspredigt zum letzten evangelischen Kirchentag von Pastor Quinton Ceasar. Darin hatte er geĂ€uĂert:
âWir können nicht mehr warten. ⊠Die Zeit ist jetzt, zu sagen: Wir sind alle die Letzte Generation. Jetzt ist die Zeit, zu sagen: Black lives always matter. Jetzt ist die Zeit, zu sagen: Gott ist queer. Jetzt ist die Zeit, zu sagen: We leave no one to die. Jetzt ist die Zeit, zu sagen: Wir schicken ein Schiff. ⊠es ist auch die Zeit fĂŒr das Ende der Geduld.â
Was fĂŒr eine proklamative Botschaft! Von Dialogbereitschaft und Wissen um die Begrenztheit der eigenen Perspektive keine Spur. Trotzdem kommentiert Dietz in einer Kirchenzeitung hocherfreut: âSchön, dass der Kirchentag den Mut hatte, mit einer so herausfordernden Botschaft zu schlieĂen!â[7] In einem Facebookpost schreibt er zudem: âGott steht jenseits der Geschlechterdifferenz. Gott ist weder Mann noch Frau. Und zugleich sind Mann und Frau zu seinem Bilde geschaffen (Gen 1, 27). Genau das ist doch der Sinn von Queer, jenseits der binĂ€ren Geschlechterlogik. Und genau darum ist es fĂŒr queere Menschen so tröstlich, sich das vor Augen zu fĂŒhren. Wenn sie zum Bilde Gottes geschaffen sind und Gott queer ist, dann ist Gott wirklich ein safe place, das Gegenteil von dem, was sie in vielen Kirchen erfahren haben. Das ist fĂŒr viele reinstes Evangelium.â
Polarisierung statt AnnÀherung
Diese Begeisterung fĂŒr die Abschlusspredigt des Kirchentags bringe ich nur schwer zusammen mit den Aussagen von Dietz in AUFATMEN, in denen er sich AnnĂ€herung wĂŒnscht:
âLasst uns wenigstens nicht mehr kaputt machen. Wir sehen, wie schlimm es werden kann und können daraus lernen: In die Richtung wollen wir auf keinen Fall weiter. Es mĂŒsste wieder zurĂŒck an runde Tische.â
Ich möchte Dietz diesen Wunsch gerne glauben. Aber Tatsache ist aus meiner Sicht: Es gab in letzter Zeit wohl kaum eine Predigt wie die von Quinton Ceasar, die so viel Zusammenhalt kaputt gemacht und Polarisierung unter Christen vorangetrieben hat. Denn wĂ€hrend Ceasar seine Positionen als moralisch alternativlos darstellt, ist fĂŒr zahlreiche Christen klar: Die GesetzesbrĂŒche und die angstmachenden Botschaften der sogenannten âLetzten Generationâ sind inakzeptabel. Das von der EKD finanzierte Rettungsschiff âSea watch 4â, das unter einer linksradikalen Flagge fĂ€hrt, ist kein passender Ausdruck von christlicher Diakonie und NĂ€chstenliebe. Und zum Thema âGott ist queerâ schreibt der Vorsitzende der deutschen evangelischen Allianz Reinhardt Schink:
âGott lĂ€sst sich von uns nicht in ein bestimmtes „Raster“ pressen, um menschliche, zumeist ideologische, Interessen theologisch zu legitimieren. Es gibt in der Geschichte leider viel zu viele Beispiele davon: Gott als Judenfeind, Gott als Antikatholik, Gott als Nationalist (âGott mit unsâ auf den Koppelschlössern), Gott als Kommunist oder Antikommunist, Gott als Kolonialist, Gott als weiĂer Mann, Gott als mĂ€nnlich, weiblich oder „queer“. Den heiligen Gott in so ein Raster pressen zu wollen, ist eine völlig unangemessene und hĂ€ufig blasphemische Vorstellung. All dies ist Gott nicht. Vielmehr zieht sich durch die gesamte Bibel wie ein roter Faden das Bekenntnis: Gott ist heilig.â
Deutlicher könnten die GegensÀtze kaum sein.
Einheit ohne Grenzen? Jedenfalls nicht beim Thema Sexualethik!
FĂŒhrt die Offenheit von Dietz nicht zu einer grenzenlosen Ăkumene? Dietz antwortet:
âDie Grenze ist da, wo Menschen unfĂ€hig sind, ihre Bibelauslegung von der Bibel selbst zu unterscheiden ⊠und wo unterschiedliche ethische Erkenntnisse das Christusbekenntnis an Gewicht ĂŒberbieten.â
Demnach scheint grenzenlose Einheit tatsĂ€chlich möglich zu sein. Denn natĂŒrlich wird kein einigermaĂen reflektierter Christ behaupten, dass seine Bibelauslegung 1:1 mit der tatsĂ€chlichen Aussageabsicht der Bibel ĂŒbereinstimmt. Und kein Christ wird ethische Fragen ĂŒber das Christusbekenntnis stellen.
Bemerkenswerterweise ist es aber Thorsten Dietz selbst, der an anderer Stelle der These von der grenzenlosen Einheit widerspricht. In der live auf dem Kirchentag aufgenommenen Podcastfolge 24 von âKarte und Gebietâ sagt Dietz: Innergemeindliche âEinheit in Vielfaltâ oder âversöhnte Verschiedenheitâ kann beim Thema âEhe fĂŒr alleâ unmöglich funktionieren. Denn das wĂ€re ja âversöhnte Verschiedenheit auf Kosten von Betroffenenâ.[8] Dietz bestĂ€tigt damit, worauf viele Konservative seit langem hinweisen: Wo progressive Sexualethik in einer bislang konservativen Gemeinde Raum gewinnt, da gibt es auf Dauer nur 2 Möglichkeiten: Entweder setzt sich eine der beiden Positionen durch. Oder es muss irgendeine Form von Trennung geben. Grenzenlose Einheit ist gerade auch bei Progressiven unmöglich, wenn es um die Sexualethik geht.
Das wurde zuletzt auch deutlich in einem Gottesdienst der Gemeinde âUND Marburgâ, die unter anderem geleitet wird von Tobias Faix, dem Podcastpartner von Thorsten Dietz. In der Predigt wurde die These vertreten: Die âAufregungâ um die Predigt von Quinton Ceasar und seinen Satz âGott ist queerâ zeige, wie viel âQueerfeindlichkeitâ es immer noch unter Christen gebe. Von Offenheit fĂŒr andere Positionen auch hier keine Spur, stattdessen die Unterstellung niedriger Motive. Das hört sich fĂŒr mich nicht so an, als ob man hier wieder runde Tische mit Konservativen sucht.
Tiefe theologische GrÀben
Zugleich wurden die Gottesdienstbesucher von UND-Marburg aufgefordert, beim âVater-Unserâ den Begriff âVaterâ durch eine beliebige andere Anrede zu ersetzen. Es ist schon bemerkenswert: WĂ€hrend es in progressiven Kreisen fast als Verbrechen gilt, die selbstgewĂ€hlten Pronomen einer Person zu ignorieren, setzt man sich bei der Anrede Gottes groĂzĂŒgig darĂŒber hinweg, wie Gott selbst angesprochen werden möchte: âIhr sollt vielmehr so beten: Unser VaterâŠâ (Matth. 6, 9)
Hinzu kommt: Gott kann natĂŒrlich unmöglich âqueerâ sein in dem Sinne, wie der Begriff im Allgemeinen verwendet wird. Denn anders als wir Menschen hat Gott kein biologisches Geschlecht, mit dem er sich in Spannung befinden könnte. Er hat auch kein wie auch immer geartetes sexuelles Begehren. Zugleich macht Jesus deutlich, dass Gott mit der âbinĂ€ren Geschlechterlogikâ offenbar keinerlei Probleme hat:
âHabt ihr nie gelesen“, erwiderte Jesus, „dass Gott die Menschen von Anfang an als Mann und Frau geschaffen hat? Und dass er dann sagte: ‚Deshalb wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und sich an seine Frau binden, und die zwei werden völlig eins sein.‘? Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins. Und was Gott so zusammengefĂŒgt hat, sollen Menschen nicht scheiden!“â (MatthĂ€us 19, 4-6)
Die Ehe von Mann und Frau ist fĂŒr Jesus offenkundig eine Idee des Schöpfers – weshalb Scheidung fĂŒr ihn normalerweise nicht in Frage kommen kann. Thorsten Dietz hingegen schreibt im Medienmagazin PRO: âDie Ehe ist keine christliche Idee. ⊠FĂŒr Christen gilt: Der Wunsch nach Ordnung ist eng verknĂŒpft mit Konservatismus. Zu dieser Ordnung gehört auch die Familie. Kurz gesagt: Je unruhiger die Welt, desto gröĂer der Wunsch nach Erhalt und Ordnung. Die Ehe ist ein Ordnungsmittel. So erklĂ€re ich mir den Hype darum.â[9] Der Ehe-âHypeâ des âKonservatismusâ ist also eine Folge von Ordnungssehnsucht? Auch diese Unterstellung niedriger Motive empfinde ich nicht gerade als Beitrag zum respektvollen Dialog. Und die Beispiele mögen zeigen: Hier werden theologische Wege eingeschlagen, die Evangelikale unmöglich mitgehen können – denn sie wĂ€ren dann nicht mehr evangelikal.
Wie geht es weiter?
Wie werden wir wohl in 20 Jahren auf diese konfliktreiche Zeit zurĂŒckblicken? SchĂ€l Ă€uĂert dazu: âIch glaube, wir schauen entspannter zurĂŒck, so wie wir jetzt auf den Anfang des 20. Jahrhunderts, als die charismatische Bewegung aufkam. Heute schmunzelt man und Ă€rgert sich ein bisschen.â Sind also die Auseinandersetzungen unserer Zeit nur ein Sturm im Wasserglas, der sich mit der Zeit von selbst wieder legen wird?
Ich halte SchĂ€lâs Vergleich fĂŒr fragwĂŒrdig. Denn genau wie Volker GĂ€ckle (Rektor der Internationalen Hochschule Liebenzell) nehme auch ich wahr, dass die heutigen Konflikte viel zentralere Themen betreffen als der Streit um Charismen:
âDie Debatte nahm ihren Ausgangspunkt bei der Frage nach der Bewertung gleichgeschlechtlicher SexualitĂ€t und ist mittlerweile bei viel zentraleren theologischen Fragen gelandet: Gibt es ein letztes Gericht Gottes? Ist der Glaube an Jesus Christus das entscheidende Kriterium fĂŒr Rettung und Verlorenheit? Ist die Heilige Schrift auch in geschichtlicher Hinsicht eine zuverlĂ€ssige und vertrauenswĂŒrdige Grundlage fĂŒr Glaube und Leben der Gemeinde? DarĂŒber hat der Pietismus in den 60er- und 70er-Jahren mit der Ăkumenischen Missionsbewegung und der liberalen Theologie auf Kirchentagen und Synoden gestritten. Heute streiten wir ĂŒber Ă€hnliche Fragestellungen im eigenen Laden.â [10]
Die Konflikte, die jetzt auch mitten im allianzevangelikalen Umfeld aufbrechen, sind also im Kern die gleichen Konflikte, die im letzten Jahrhundert schon einmal im kirchlichen Umfeld aufbrachen. Im Zentrum standen damals wie heute die zentralen Fragen nach dem Schrift- und OffenbarungsverstÀndnis, nach der Christologie und nach der Kreuzestheologie. Diese Konflikte haben sich nicht wieder beruhigt, im Gegenteil: Jahrzehnte spÀter nutzt die EKD ihre noch verbliebene Macht mehr denn je, um Evangelikale von den AusbildungsstÀtten und Leitungsgremien fernzuhalten.
Aus gutem Grund haben die evangelikalen Leiter im kirchlichen Umfeld damals gespĂŒrt: Wir mĂŒssen Parallelstrukturen bauen! So entstanden wunderbare evangelikale Verlage, Medien, Werke, Gemeinschaften und GroĂveranstaltungen, von denen auch ich sehr stark profitiert habe. Ich glaube nicht, dass diese evangelikalen Pioniere vom Lagerdenken getriebene Spalter waren. Denn sie hatten fĂŒr ihre Entscheidung, getrennte Wege zu gehen, handfeste GrĂŒnde:
Eine Theologie, die den Missionsauftrag entkernt
Mission und Evangelisation ist und bleibt das Herzensanliegen der Evangelikalen. Doch die Kirche fremdelt seit langem damit. Im Buch âMission Zukunftâ fiel auch Michael Diener auf: Es ist âwohl nicht ganz zufĂ€llig, dass sich alle BeitrĂ€ge aus der Leitung der EKD mit ⊠ethischen Haltungen der Mission beschĂ€ftigen.âUnd Alexander Garth bemerkt: âEs fĂ€llt auf, dass die wenigsten innovativen missionarischen Projekte aus dem Bereich der GroĂkirchen kommen ⊠obgleich sie ĂŒber immense Ressourcen an Finanzen und Manpower verfĂŒgt.â Die GrĂŒnde fĂŒr diese Missionsphobie der EKD werden in diesem Buch ĂŒberaus deutlich. So schreibt zum Beispiel der ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm: âMission, wie ich sie verstehe, ist nicht der strategische Versuch, Menschen zu einem bestimmten Bekenntnis zu veranlassen.â Gleich mehrfach wird ein Satz des Theologen Fulbert Steffensky zitiert:
âMission ist die gewaltlose, ressentimentlose und absichtslose Werbung fĂŒr die Schönheit eines Lebenskonzeptes. Mission heiĂt zeigen, was man liebt.â
War Paulus auf seinen Missionsreisen also âabsichtslosâ unterwegs gewesen? Wollte er in erster Linie die Welt bereisen und anderen Menschen nur bei Gelegenheit von seinem schönen Lebenskonzept erzĂ€hlen? Bernhard Meuser hĂ€lt zurecht dagegen: âDie Kirche muss wieder wollen, dass Menschen ihr Leben durch eine klare Entscheidung Jesus Christus ĂŒbergeben.â Diese auf dem Missionsbefehl basierende Perspektive ist in der EKD komplett verloren gegangen. Kein Wunder, dass evangelikale Pioniere auf Parallelstrukturen setzen mussten angesichts einer um sich greifenden Theologie, die mit Mission im biblischen Sinn vollstĂ€ndig inkompatibel ist.
Im GesprĂ€ch zwischen SchĂ€l und Dietz könnte man hingegen den Eindruck bekommen: Die gemeinsamen Ziele und die gemeinsame Sendung der Kirche wĂ€re so klar, dass man darĂŒber die theologischen Differenzen zurĂŒckstellen könnte.[11] Das erlebe ich tatsĂ€chlich vollkommen anders. Ich kenne keine Definition des Evangeliums und des Sendungsauftrags der Kirche, die in meiner evangelischen Kirche konsensfĂ€hig wĂ€re und zugleich von Evangelikalen mitgetragen werden könnte. Mir zeigt das: Wenn unsere Theologie nicht in der Lage ist, den Bekenntniskern des Christentums zu schĂŒtzen, dann gehen auch die gemeinsamen Ziele und die gemeinsame Sendung verloren. Dann hat die Kirche keine Zukunft. Oder bildlich gesprochen: Wer auf die Praxis fokussieren will, wĂ€hrend zugleich die zentralen theologischen Grundlagen verschwimmen, der ist wie ein KapitĂ€n, der sich auf dem sinkenden Boot aufs Fischen konzentriert, statt das Leck zu verschlieĂen.
Bibel und Bekenntnis sind unverzichtbar fĂŒr Einheit in Vielfalt
FĂŒr gelingende Einheit in Vielfalt und fĂŒr eine starke missionarische Dynamik ist deshalb eine verbindende Bekenntnisgrundlage (wie das Apostolikum, das NicĂ€no-Konstantinopolitanum oder die Glaubensbasis der evangelischen Allianz) unverzichtbar. Dabei muss klar sein: Bekenntnisse bilden natĂŒrlich immer auch eine Grenze! Sie sorgen fĂŒr ein âinnenâ und âauĂenâ und fĂŒr die Unterscheidung zwischen âunsâ und âihnenâ.
SelbstverstĂ€ndlich sind Christen allen Menschen in Liebe zugewandt. Aber die Zugehörigkeit zur Einheit der Familie Gottes gilt nun einmal nur den JĂŒngern Jesu, die alles halten wollen, was Jesus uns geboten hat (MatthĂ€us 28, 19). Die Lehre und Gebote Jesu finden wir ausschlieĂlich in der Bibel. Es stimmt zwar, dass unser VerstĂ€ndnis der biblischen Aussagen manchmal undeutlich ist und StĂŒckwerk bleibt. Aber in allen zentralen und heilsrelevanten Fragen sind die biblischen Aussagen doch so klar, dass Christen sie immer wieder in eindeutigen Bekenntnissen fassen und festschreiben konnten. Wenn aber selbst diese wenigen, allerzentralsten BekenntnissĂ€tze in Frage gestellt werden, dann lĂ€sst das ganz offenkundig auf ein BibelverstĂ€ndnis schlieĂen, in dem die Bibel faktisch keine ânormierende Normâ mehr ist.
Die Geschichte der Christenheit zeigt: Die Bibel kann der Christenheit eine gemeinsame, verbindende Basis und eine starke Mitte geben, die uns hilft, viele randstĂ€ndige Differenzen fröhlich auszuhalten. Das gilt aber nur, wenn wir an dem BibelverstĂ€ndnis festhalten, das die Bibel selbst bezeugt und das schon fĂŒr die ersten Kirchenleiter galt: Die Bibel IST Offenbarung. Sie enthĂ€lt oder bezeugt sie nicht nur. Hinter allen ihren Texten steht letztlich dieser eine Heilige Geist. Deshalb ist dieses Buch kein widersprĂŒchliches und fehlerhaftes Durcheinander, sondern eine verlĂ€ssliche und weithin verstĂ€ndliche Einheit. Wenn unser SchriftverstĂ€ndnis aber dazu fĂŒhrt, dass der Bekenntniskern verschwimmt, dann versandet auch die Einheit. Deshalb finden wir die orientierunggebende ZurĂŒckweisung falscher Lehre und das bekenntnishafte Benennen von Grenzen der Einheit nicht umsonst immer wieder im Neuen Testament. Beides ist unverzichtbar fĂŒr ein gelingendes Miteinander und fĂŒr eine starke, missionarische Kirche Jesu.
Mein Votum ist deshalb: Lasst uns beides wieder ganz neu schÀtzen lernen und praktizieren. Nicht aus Rechthaberei, Lagerdenken oder Machtstreben. Sondern aus Liebe zu den Menschen, zur Kirche Jesu und zu unserem Herrn, dem wir gemeinsam folgen.
FuĂnoten:
[1] âEinheit oder Einheitlichkeit?â In Aufatmen 2023, Ausgabe 2 (S. 52-58) und 3 (S. 44-47)
[2] Stephanus SchĂ€l ist Dozent fĂŒr Altes Testament an der Bibelschule Brake. Er ist stellvertretender Sprecher des Konvents der Evangelischen Allianz in Deutschland und Teil der EAD-Mitgliederversammlung. Prof. Dr. Thorsten Dietz lehrte bis 2022 als Professor fĂŒr Systematische Theologie an der Evangelischen Hochschule Tabor. Jetzt ist er unter anderem zustĂ€ndig fĂŒr die Erwachsenenbildung der Evangelisch-reformierten Kirche in der Schweiz. Medial prĂ€sent ist er vor allem durch seine Arbeit bei RefLab, als einer der Hauptreferenten der Mediathek Worthaus, beim Podcast âKarte und Gebietâ (gemeinsam mit Tobias Faix) sowie durch diverse BĂŒcher (zuletzt Menschen mit Mission, SCM R. Brockhaus 2022). Seit 2020 ist er Mitglied des TrĂ€gervereins des ERF.
[3] Zur Sexualethik wird zudem z.B. im Helvetischen Bekenntnis und im Westminster Bekenntnis einiges ausgesagt, siehe dazu der Artikel âDas reformierte Glaubensbekenntnis zur Ehe fĂŒr alleâ im Blog Daniel Option.
[4] Wörtlich schreibt Dietz: âAlle Kirchen verbindet der Glaube: Wir haben etwas wirklich Gutes zu erzĂ€hlen und zu feiern. Die Jesus-Geschichte des Neuen Testaments wurde fĂŒr die ersten Nachfolgenden ein Brennpunkt, in dem die Befreiungsgeschichten Israels zusammenliefen. Und zugleich öffneten sie sich zu einer umfassenden Einladung an alle Menschen, in diesem Jesus das unbedingte Ja Gottes des Schöpfers zu finden. Diese Botschaft von der groĂen Bejahung ist bis heute die GrĂŒndungsgeschichte der Christenheit, die es in immer neuen kreativen Formen weiterzuerzĂ€hlen gilt.â
[5] Der Worthausvortrag âDer Prozess â Warum ist Jesus gestroben?â von Thorsten Dietz (10.6.2019, worthaus.org/mediathek/der-prozess-warum-ist-jesus-gestorben-9-4-3/) wurde ausfĂŒhrlich zusammengefasst und kommentiert in: Markus Till: âQuo vadis Worthaus? Quo vadis evangelikale Bewegungâ, in âGlauben &Denken heuteâ, Ausgabe 1/2020, S. 25-31, PDF-Download unter: blog.aigg.de/wp-content/uploads/2020/06/QuoVadis_MarkusTill_GuDh1_2020.pdf
[6] Im AiGG-Blogartikel âWie gelingt Einheit in Vielfaltâ, 12.12.2020, blog.aigg.de/?p=5332
[7] In: âIst Gott queer?â, 16.6.2023, www.meine-kirchenzeitung.de/c-aktuell/ist-gott-queer_a41301
[8] So sagt er im Podcast âKarte und Gebietâ Folge 24 âLive auf dem Kirchentagâ ab 36:50: Einheit in Vielfalt oder auch versöhnte Verschiedenheit âsind aber Dinge, die gehen ja nicht ĂŒberall. Also nehmen wir âEhe fĂŒr alleâ: Man kann in einer Gemeinde nicht Betroffenen zumuten, hier âKomm zum Gottesdienstâ und die einen werden dich umarmen und sagen: Schön, dass Du da bist. Und die anderen werden sagen: Guten Morgen, aber SĂŒnde ist es doch. Das ist irgendwie ein bisschen doof. Das wĂ€re ein Kompromiss und versöhnte Verschiedenheit auf Kosten von Betroffenen.â Er schlĂ€gt deshalb vor, im Rahmen eines âgood disagreementâ âverschiedene Wegeâ zu gehen, die âunterschiedliche RĂ€ume vorhaltenâ , so dass âsafe placesâ fĂŒr alle da sind.
[9] In: âTheologe Thorsten Dietz: Die Ehe ist keine christliche Ideeâ, Christliches Medienmagazin PRO, 18.6.2023, www.pro-medienmagazin.de/theologe-thorsten-dietz-die-ehe-ist-keine-christliche-idee/
[10] Volker GĂ€ckle: âWindstille, Wandel und Gottes Wirkenâ, in âLebendige Gemeindeâ 4/2021, S. 14, online unter https://lebendige-gemeinde.de/wp-content/uploads/2021/12/LG_2021_04_ChristusBewegung.pdf
[11] So sagt SchĂ€l u.a. zu Dietz: âIch finde, du setzt da einen ganz wichtigen Akzent: âFĂŒr alle Kirchen und VerbĂ€nde dĂŒrfte das die entscheidende Herausforderung sein: Einheit nicht zu zerreden, sondern im Einsatz fĂŒr gemeinsame Ziele erfahrbar werden zu lassen. Zentrale Bedeutung hat die Besinnung auf die gemeinsame Sendung der Kirche.“ Ich schreibe ja, dass wir vom Kampf zum Dialogmodus gehen mĂŒssen. Und du setzt noch einen drauf: Wir mĂŒssen zum Sendungsmodus kommen. Ich finde das Ringen, das eher theoretische Ringen wichtig, aber der Punkt ist ja nicht, dass wir uns in einem Diskurs auf Einheit einigen, sondern dass wir als Kirche Jesu das umsetzen, was wir leben sollen.â

Danke fĂŒr den Beitrag, wie zutreffend!
Ein kurzes Statement von mir. Vielleicht verwundert es den ein oder anderen (was es aber eigentlich nicht mĂŒsste), aber:
(1) Ich kann mit dem Artikel voll und ganz mitgehen. Ja, es ist die Bibel als Wort Gottes, die die christliche Einheit und auch die Grenzen derselben definiert. Ich meine tatsĂ€chlich ernst, was ich im Artikel geschrieben habe. Christliche Einheit gibt es nur dort, wo an der Wahrheit der Bibel und der Bibel als norma normans fĂŒr alles Denken und Handeln festgehalten wird.
(2) Ich verstehe auch, dass diese Facette im GesprĂ€ch selbst noch stĂ€rker akzentuiert hĂ€tte werden sollen – obwohl sie von mir immer mitgedacht wurde und grundsĂ€tzlich auch vorhanden ist. Und ja:
(3) Diese Verpflichtung auf die Offenbarung Gottes meint, dass wir alle (egal wo wir uns auf dem Spektrum zwischen konservativ und progressiv befinden) uns und unsere Theologie immer wieder hinterfragen lassen mĂŒssen – durch die Schrift und durch andere Christen. Und genau hier braucht es den andauernden Diskurs fĂŒr den ich werbe. Einen Diskurs in dem Spannung manchmal ausgehalten werden mĂŒssen – ohne dass man das GegenĂŒber zu schnell (!) als âden anderenâ disqualifiziert. Darum werbe ich – ohne damit fĂŒr eine Einheit ohne Grenzen zu plĂ€dieren. Von daher: Danke Markus Till fĂŒr diesen klĂ€renden Zusatz!
Vielleicht ist es gut, mit den Worten von Joseph Ratzinger aus dem Vorwort des zweiten Bandes seiner Jesus-Biografie zu schlieĂen: âEs steht daher jedermann frei, mir zu widersprechen. Ich bitte die Leserinnen und Leser nur um jenen Vorschuss an Sympathie, ohne den es kein Verstehen gibt.â
In diesem Sinne: Gott mit euch bzw. Ihnen!
Stephanus SchÀl
Lieber Stephanus, ich freue mich sehr ĂŒber Deine positive RĂŒckmeldung und Deine klĂ€renden Worte in Bezug auf Deine eigene Position. Wir hatten es ja im persönlichen GesprĂ€ch bereits ausfĂŒhrlich thematisiert: Ich habe Dein Verhalten in dieser Artikelserie sehr bedauert. Seit Jahren versuche ich, mit meiner Arbeit der evangelikalen Welt deutlich zu machen, dass die Differenzen zwischen Evangelikalen und Postevangelikalen nicht nebensĂ€chlich sind, sondern dass es hier wirklich ans Eingemachte unseres Glaubens geht, weil ich eben sehe, welche Konsequenzen die Ausbreitung des Postevangelikalismus im allianzevangelikalen Umfeld hat, wie viel Spaltung und Konflikte es gibt. Diese Artikelserie erzeugt jetzt wieder genau das gegenteilige Bild. Und sie nutzt all die ĂŒblichen Argumentationsmuster, die mir so oft begegnen: Fokus auf den personifizierten Christus, auf die Haltung des Anderen und auf die Praxis statt auf die unaufgebbaren Glaubensinhalte. Dazu diese These, dass die „Aufregung“ wieder von alleine verschwinden wird und wir dann merken wĂŒrden, dass wir uns aktuell verrannt hĂ€tten. Und schlieĂlich das Bild, dass die Progressiven toleranter seien, weil sie ja Bibel von Bibelauslegung besser unterscheiden könnten. Umso mehr freut mich Dein jetziges Statement. Ich wĂŒrde mich sehr freuen, wenn wir gemeinsam daran arbeiten, die verbindende Bekenntnisgrundlage fĂŒr Einheit unter Evangelikalen zu stĂŒtzen und zu verteidigen. Herzlichst, Dein Markus
Niemand möchte Einheitsmuffel sein! Dass man als solcher angesehen wird, lÀsst sich immer weniger vermeiden.
WĂ€hrend sich die theologisch gebildeten BrĂŒder streiten, bekommt aus meiner Sicht die Basis-Herde nicht so viel davon mit.
Ich glaube, dass viele Freikirchen lĂ€ngst unterwandert werden vom „progressiv-liberalen“ Geiste (oder Geistern?), wĂ€hrend die einfachen GlĂ€ubigen meinen, es sei alles gut, solange alles schön harmonisch ist. Streitthemen werden meistens in Predigt und Gottesdiensten gemieden.
Danke Markus, dass du das aufgenommen hast und sehr treffend kommentiert hast.
Auch dazu lesenswert ist der Artikel âDie Gamaliel-Strategieâ von Peter Bruderer in âDaniel Optionâ: https://danieloption.ch/featured/die-gamaliel-strategie/
Ich finde es wenig hilfreich und fast schon unglaubwĂŒrdig, wenn Stephanus SchĂ€l hier in der Diskussion sagt, dass er dem Artikel von Markus Till zustimmt, wĂ€hrend diese Klarheit in der Diskussion mit Thorsten Dietz an verschiedenen Stellen vernebelt wird. Gerade vor dem Hintergrund, dass zur Zeit parallel eine sehr kontroverse Diskussion im Bund Freier Evangelischer Gemeinden (FeG) lĂ€uft, mit einem Finale auf dem im September stattfindenden Bundestag, ist die Diskussion fĂŒr mich wie eine Inszenierung. Sie wird publiziert in einer Zeitschrift, die redaktionell von Ulrich Eggers geleitet wird, der aus meiner Sicht fĂŒr eine Einheit von Unvereinbarem eintritt und sie stellt, gewollt oder ungewollt, die FeG Initiative Bibel und Evangelium mit der sehr klaren Sicht, dass eine Dienstgemeinschaft mit Gemeinden, die homosexuelle Paare trauen und segnen, praktizierende Homosexuelle taufen und als Mitglieder aufnehmen und ihnen Leitungsverantwortung ĂŒbertragen, nicht denkbar ist, in die Ecke der Störer, Fundamentalisten und Diskurs UnfĂ€higen. So kann man dann auch Kirchenpolitik betreiben.
Im Ăbrigen geht es hier auch nicht darum, wie ein Diskurs aufrecht erhalten werden kann, sondern um die Frage, ob man noch gemeinsam Gemeinde bauen kann. Die Antwort heiĂt fĂŒr mich âneinâ, und ich denke, Thorsten Dietz wĂŒrde zustimmen.
Der Minimalkonsens fĂŒr eine Einheit:
a)Der Gott der Bibel -und nicht der Zufall- ist der Schöpfer von Allem von Beginn an.
b)Durch die ErbsĂŒnde der ersten Menschen trennte sich der Mensch unter dem Einfluss des Teufels von Gott.
c)ZurĂŒckfinden zu ihm, dem Gott der Bibel, kann er nur durch die Annahme des fĂŒr uns Menschen stellvertretenden Todes des
Gottessohnes Jesus Christus am Kreuz – UND seiner, Jesu Christi, Auferstehung. Zu unserer SĂŒndentilgung und fĂŒr unsere Zukunft.
d)Das glaube ich und nehme es dankbar in Anspruch.
Wer dies glaubend unterschreibt mit seinem Namen, erwirkt fĂŒr sich, dass aus einem verlorenen SĂŒnder durch Wiedergeburt ein Gotteskind geworden ist, damit zur Einheit der Kinder Gottes, dem unsichtbaren Leib Jesu, gehört.
ErgĂ€nzung: Der Begriff „Wiedergeburt“ -das Entscheidende fĂŒr mich als Person- geschieht durch a)Erkenntnis meines verlorenen Zustands, b)BuĂe (Reue, der Bitte an Jesus Christus um Vergebung meiner Schuld), c) was sich dann auch in verĂ€ndertem Lebenswandel manifestiert.
Ich finde es sehr bedrĂŒckend, wie hier mit dem etwas „anderen Glauben“ der nicht linientreuen evangelikalen Christen umgegangen wird.
BedrĂŒckend, belehrend, lieblos, ĂŒberheblich. Das hĂ€tte mich in jĂŒngeren Jahren fast meinen Glauben gekostet.
Ich bin froh, auch solche Christen und Christinnen wie T. Dietz zu hören oder von ihnen zu lesen! Mal gespannt, wie ĂŒberrascht wir
im Himmel sind, wenn wir dort Menschen treffen, die da unserer Meinung nach nie hingehört hĂ€tten… WĂ€hrend die Welt um
uns herum zunehmend sÀkularisiert splittern wir uns als Christen immer weiter auf.