Das biblische Bibelverständnis

Die Inhalte dieses Artikels werden auch in der Podcastfolge “#6 Das biblische Bibelverständnis” besprochen.

Es ist normal, dass verschiedene Christen verschiedene Texte der Bibel unterschiedlich auslegen. Ein grundsätzlicheres Problem besteht jedoch, wenn verschiedene Christen grundverschiedene Bibelverständnisse haben. Denn dann werden sie zwangsläufig regelmäßig zu teils sehr verschiedenen Auslegungen kommen, die sämtliche Bereiche des Glaubens betreffen können. Das kann zu tiefen Gräben zwischen Christen führen.[1]

Umso wichtiger ist die Frage: Worauf begründen wir unser Bibelverständnis? Können Christen sich denn einfach frei aussuchen, welches Bibelverständnis ihnen am meisten einleuchtet? Eigentlich nicht. Denn Christen folgen ja Christus nach. Sein Leben und seine Lehre sollte für Christusnachfolger maßgebend sein. Deshalb ist für Christen die folgende Frage von großer Bedeutung: Welches Bibelverständnis hatte denn eigentlich Jesus? Und welches Bibelverständnis hatten die übrigen Autoren der Bibel? Anders gefragt: Wie will die Bibel eigentlich selbst gelesen und verstanden werden? Was ist denn das biblische Bibelverständnis?

Ein steiler Anspruch: Achtung, hier spricht Gott selbst!

Dazu sagt Prof. Gerhard Maier in seinem Vortrag “Der Offenbarungscharakter der Schrift” für die Mediathek offen.bar: “„Und Gott sprach“ ist der Grundton der biblischen Erfahrung. Keiner der biblischen Propheten beginnt seine Botschaft mit der Aussage: „Ich habe mit Gott folgende Erfahrungen gemacht.“ Oder ähnlichem. Nein, von Jesaja bis zur Johannes-Offenbarung beginnen Sie mit dem Hinweis: Der Herr redet. Das Wort des Herrn geschah. Er offenbart. Dies ist die Offenbarung Jesu Christi.” Dieser Anspruch, authentisches Reden des lebendigen Gottes zu vermitteln, beginnt schon bei Mose. Mose hat sich selbst als Prophet bezeichnet (5. Mose 18,15). Gleich an 17 Stellen werden im 3. Buch Mose lange Textabschnitte eingeleitet mit der folgenden Wendung: „Der Herr sprach mit Mose und forderte ihn auf mit den Israeliten zu reden und ihnen auszurichten: …“ [2] Mose will also immer wieder deutlich machen: Hier spricht nicht nur Mose. Hier spricht Gott selbst! Deshalb darf von seinen Worten nichts hinzugefügt und nichts weggelassen werden (5. Mose 13,1). Dazu stellt Mose harte Kriterien für echte Prophetie auf: Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie Vorhersagen machen, die tatsächlich eintreffen (5. Mose 18,22). Wer sich hingegen anmaßt, im Namen Gottes eine Botschaft zu verkünden, die Gott ihm gar nicht aufgetragen hat, macht sich des Todes schuldig (5. Mose 18,20). Die Aussage von Mose und den übrigen Propheten ist also überdeutlich: Sie wollen gerade nicht nur ein menschliches Zeugnis sondern im echten Sinn Wort Gottes weitergeben.

Umso mehr stellt sich die Frage: Ist das tatsächlich der durchgängige Selbstanspruch der Bibel? Haben andere biblische Autoren diesen extrem hohen Selbstanspruch bestätigt oder eher relativiert und in Frage gestellt?

Diese Frage ist für Protestanten auch deshalb so wichtig, weil die Reformatoren in Bezug auf die Bibel das Prinzip betont hatten: Sola Scriptura! Die Bibel muss das letzte Wort haben! Und deshalb muss die Bibel sich auch selbst auslegen. Nur dann können wir davon sprechen, dass die Bibel die „höchste Autorität in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung“ ist, wie es die evangelische Allianz in ihrer Glaubensbasis bekennt. Und nur dann sind wir auch ein wenig besser geschützt davor, dass wir uns die Bibel so zurechtbiegen, wie wir sie haben möchten.

Wenn wir uns auf die Suche nach dem biblischen Bibelverständnis machen, dann sind zwangsläufig zwei Fragen von zentraler Bedeutung. Die erste Frage lautet:

Welches Verständnis hatten die Autoren des Neuen Testaments von den Schriften des Alten Testaments?

Wenn man das Neue Testament mit der Frage liest, welche Sicht diese Autoren auf das Alte Testament hatten, dann fällt zunächst einmal eines besonders auf:

Das Neue Testament wurzelt zutiefst im Alten Testament

Das Neue Testament ist voller Zitate und Anspielungen auf das Alte Testament. Der Theologe Roger Nicole schrieb in seinem Artikel über den neutestamentlichen Gebrauch des Alten Testaments: Unter Berücksichtigung aller Anspielungen und freier Zitate bestehen etwa 9 % des Neuen Testaments aus Zitaten oder direkten Anspielungen auf das Alte Testament! Schon dieser Befund macht deutlich: Die Schriften des Alten Testaments haben für die Autoren des Neuen Testaments eine enorm große Rolle gespielt. Diese Schriften waren für sie ganz offenkundig extrem wertvoll.

Dieser Umstand ist alles andere als selbstverständlich. Die Apostel hätten ja auch sagen können: Die heiligen Schriften der Juden betreffen halt den alten, den mosaischen Bund. Aber Jesus hat uns etwas Neues gelehrt und wir haben jetzt etwas Neues gestartet! Deshalb sind die Texte zum alten Bund doch ein wenig überholt und nur noch mit Vorsicht zu genießen… Tatsächlich gab es schon früh in der Kirchengeschichte einen einflussreichen Irrlehrer namens Marcion, der meinte: Für Christen ist das Alte Testament nicht mehr bindend. Und auch heute kann man viele Stimmen hören, die meinen: Für uns gilt im Wesentlichen nur noch das Neue Testament – und da vor allem die Lehre und das Vorbild von Jesus. Diese Vorstellung steht jedoch im direkten Widerspruch zum Umgang der Apostel mit dem Alten Testament und zu Jesus selbst, der immer und immer wieder aus den Schriften des Alten Testaments zitiert hat.

Trotzdem stellt sich die Frage: In welcher Form waren die Schriften des Alten Testaments für die Autoren des Neuen Testaments von Bedeutung? Um das herauszufinden habe ich mir mit der Unterstützung eines guten Freunds die Mühe gemacht, mehr als 200 alttestamentliche Zitate im Neuen Testament durchzuschauen. Dabei hat uns insbesondere die Frage interessiert: Wie wird denn da über diese alttestamentlichen Stellen gesprochen und gedacht? Als erstes fällt auf:

Dem Alten Testament wird immer uneingeschränkte Autorität beigemessen

Wenn die neutestamentlichen Autoren etwas aus dem Alten Testament zitieren, dann ist das immer normativ, das heißt: Dann gilt das. Dann ist das somit bewiesen. Wendungen wie „Es steht geschrieben“ oder „Die Schrift sagt“ oder „Der Prophet sagt“ oder „Im Gesetz heißt es“ sind immer Autoritätsformeln, bei denen davon ausgegangen wird: Somit ist das eindeutig wahr!

Jesus hat in seinen Diskussionen zudem immer wieder die Formel benutzt: „Habt ihr nicht gelesen?“ (z.B. Mt.12,3+5) Damit sagte er: Wenn ihr aufmerksam hingeschaut hättet, was in den Heiligen Schriften steht, dann könntet ihr euch eure Frage selbst beantworten. Als der Teufel ihn mit Bibelstellen verführen wollte, ist Jesus ihm nicht mit Gegenargumenten sondern mit anderen Schriftstellen entgegengetreten. Ein derartiges Argumentieren auf Basis eines Schriftbeweises funktioniert natürlich nur, wenn das Prinzip gilt: Die Aussagen der Heiligen Schrift sind absolut gültig.

Oft wird an dieser Stelle eingewandt: Jesus hat doch manchmal auch aus dem Alten Testament zitiert und dann gesagt: „Ich aber sage euch…“ (z.B. Mt.5,22,32,34,39,44) Hat Jesus also doch dem Alten Testament widersprochen? Wer diese Passagen genauer prüft, merkt schnell: Jesus hat die Gebote des Alten Testaments nicht aufgehoben. Er hat sie entweder sogar verschärft oder aber den tieferen Sinn deutlich gemacht. Dazu sagte Jesus in Matth. 5,17, dass er eben nicht gekommen ist, um die Schrift aufzulösen, sondern um sie zu erfüllen. In Vers 18 ergänzt er: „Ich versichere euch: „Solange der Himmel und die Erde bestehen, wird selbst die kleinste Einzelheit von Gottes Gesetz gültig bleiben, so lange, bis ihr Zweck erfüllt ist.“ Damit wird klar: Jesus hat sich vollständig und komplett hinter die Autorität des Alten Testaments gestellt. Das gleiche gilt für Paulus. In Apostelgeschichte 24 muss Paulus sich vor dem Statthalter Felix verteidigen. In Vers 14 sagt er: „Ich bete daher den Gott unserer Vorfahren an, indem ich an alles glaube, was im jüdischen Gesetz und in den prophetischen Büchern steht.“ Auch Paulus hat sich somit rückhaltlos hinter die Texte des Alten Testaments gestellt.

Wenn die Schrift etwas sagt, spricht Gott!

Etwa ein Viertel der AT-Zitate im Neuen Testament werden gar nicht eingeleitet mit der Wendung „Die Schrift sagt“ oder „Es steht geschrieben“, sondern mit Formulierungen wie diesen: „Gott sagt.“ „Der Heilige Geist sagt.“ Oder an einer Stelle sogar: „Christus sagt.“ Wenn man diese Stellen im Alten Testament nachliest, dann findet man da tatsächlich oft Stellen, in denen berichtet wird, dass Gott etwas gesprochen hat, zum Beispiel in den prophetischen Aussprüchen oder in den 10 Geboten. Aber immer wieder kommt es auch vor, dass diese Wendung „Gott sagt“ angewendet wird auf ganz normale Textpassagen des Alten Testaments, die gar keine speziellen Aussprüche Gottes sind. So heißt es zum Beispiel im Gebet der Gemeinde in Apostelgeschichte 4,25: „Du (Gott) hast durch den Mund unseres Vaters David, deines Knechtes, durch den Heiligen Geist gesagt: »Warum toben die Heiden, und die Völker nehmen sich vor, was vergeblich ist?“ Die Gemeinde zitiert hier aus Psalm 2,1. Wenn man diese Passage liest, kommt man jedoch überhaupt nicht auf die Idee, dass dieser Satz ein spezieller Gottesausspruch ist. Der Satz liest sich vielmehr wie ein ganz normaler Psalmtext. Trotzdem ist die Gemeinde überzeugt: Hier spricht Gott selbst.

Bei Jesus finden wir das gleiche Prinzip. In Matthäus 19, 5 sagt er: „»Wisst ihr nicht, dass der Schöpfer von Anfang an die Menschen als Mann und Frau geschaffen hat?« Weiter sagte er [also der Schöpfer!]: »Deshalb verlässt ein Mann Vater und Mutter und verbindet sich mit seiner Frau. Jesus zitiert hier aus 1. Mose 2, 24. Auch dieser Text ist im Original nicht etwa als ein Ausspruch Gottes gekennzeichnet sondern er liest sich wie ein ganz normaler Textbaustein des Autors dieser Schöpfungsgeschichte. Trotzdem sagt Jesus: Hier spricht der Schöpfer. Hier spricht Gott selbst.

Besonders spannend ist ein Zitat in 1. Korinther 9, 9, in dem Paulus zunächst folgendes schreibt: „Im Gesetz des Mose steht nämlich: »Du sollst einem Ochsen beim Dreschen nicht das Maul zubinden.« Paulus leitet sein Zitat aus 5. Mose 25,4 also mit den Worten ein: „Im Gesetz des Mose steht…“ Damit macht er deutlich: Dieses Gesetz stammt von einem Menschen, genauer gesagt von Mose. Aber dann fährt Paulus wie folgt fort: „Geht es Gott dabei etwa um die Ochsen? Oder sagte er das nicht vielmehr wegen uns?“ Plötzlich sagt Paulus also: Es ist Gott selbst, der hier spricht! Paulus kann zu diesem Text also beides sagen! Er sagt einerseits: So steht es im Gesetz des Mose. Und er sagt zum gleichen Text: „Gott sagt.“ Das war für ihn ganz offenkundig letztlich dasselbe. Wenn etwas im Gesetz, in der Tora, in den 5 Büchern Mose steht, dann schreibt da aus der Sicht von Paulus einerseits Mose. Und zugleich spricht da Gott. Für Paulus war dieser Text also beides zugleich: Das Wort eines Menschen. Aber zugleich auch Wort Gottes.

In den Schriften reden Menschen getrieben vom Heiligen Geist

In 2. Petrus 1, 20+21 schreibt Petrus: Ihr sollt vor allem eines wissen: Kein prophetisches Wort aus der Heiligen Schrift lässt eine eigenmächtige Deutung zu. Denn keines dieser Worte wurde jemals verkündet, weil ein Mensch es so gewollt hätte. Vielmehr waren Menschen vom Geist Gottes ergriffen und haben in seinem Auftrag geredet. Petrus sagt also: Da reden Menschen, die ihren Stil, ihre Situation, ihre Perspektive einbringen. Aber sie sind dabei getrieben und ganz geprägt vom Heiligen Geist. Ganz deutlich wird dieses Prinzip auch in Markus 12, 36, als Jesus einen Psalmtext zitiert und dieses Zitat einleitet mit den Worten: „David selbst hat im Heiligen Geist gesagt:“ Auch hier bestätigt Jesus: David sagt etwas. Aber er tut es geleitet vom Heiligen Geist.

Paulus beschreibt dieses Prinzip ganz direkt in seiner berühmten Passage in 2. Timotheus 3, 16: „Die ganze Schrift ist von Gott eingegeben.“ Wörtlich steht hier: „theopneustos“, also gottgehaucht, geistdurchhaucht. Die Basisbibel übersetzt diesen Satz wie folgt: „Und auch dazu ist jede Schrift nützlich, die sich dem Wirken von Gottes Geist verdankt.“ Auch hier wird das gleiche Prinzip sichtbar: Die Schriften sind zwar von Menschen geschrieben. Aber sie sind zugleich Ausdruck des Wirkens des Heiligen Geistes.

Insgesamt wird damit verständlich, warum der Theologe Prof. Gerhard Maier in seinem Buch “Biblische Hermeneutik” geschrieben hat: „Im Neuen Testament wird das gesamte damalige ‚Alte Testament‘ … als von Gott eingegeben aufgefasst.“ (S. 83) Das heißt: Die alttestamentlichen Bücher gelten insgesamt als Gottes Wort, nicht nur ein paar göttliche Zitate darin. Weiter schreibt Gerhard Maier: Für die Autoren des Neuen Testaments waren „die beiden Wendungen ‚Die Schrift sagt‘ und ‚Gott sagt‘ untereinander austauschbar.“ (S. 150) Für sie war also klar: Wenn die Schrift etwas sagt, dann spricht Gott selbst.

“Die Schrift” spricht! Sie wird somit als Einheit angesehen!

Diese Austauschbarkeit galt auch in die umgekehrte Richtung: Die immer wieder auftauchenden Wendung “Die Schrift sagt” zeigt zum einen: Die heiligen Schriften wurden als eine Einheit und nicht etwa als eine Vielzahl sich widersprechender Stimmen betrachtet. Wenn Christen heute darüber sprechen, dass “die Bibel” etwas sagt, dann sind sie damit in bester biblischer Tradition. An manchen Stellen wirkt “die Schrift” in der Bibel beinahe so, als wäre sie eine Person: “Die Schrift aber, voraussehend, dass Gott die Nationen aus Glauben rechtfertigen werde, verkündigte dem Abraham die gute Botschaft voraus: »In dir werden gesegnet werden alle Nationen.«” (Gal. 3,8) Das bedeutet natürlich nicht, dass die Schriften selbst als göttlich angesehen wurden. Aber es wird dadurch umso mehr deutlich, wie stark die Autoren des Neuen Testaments die Worte der Schrift als Worte Gottes angesehen haben.

Nachdem wir die Sichtweise des NT über das AT betrachtet haben stellt sich nun die zweite wichtige Frage:

Wie sieht das Neue Testament die Schriften des Neuen Testaments?

Kann das Neue Testament überhaupt irgendetwas über sich selbst sagen? Schließlich ist der Kanon des Neuen Testaments erst lange nach der Abfassung der neutestamentlichen Schriften endgültig festgelegt worden. Und trotzdem ist die klare Antwort: Ja, natürlich! Sehr wohl hat das Neue Testament etwas über das Wesen und den Charakter der neutestamentlichen Texte zu sagen. Auch dort wird vielfach der Anspruch erhoben, dass hier von Gott selbst inspirierte Wahrheit verkündet wird: Paulus bestand ausdrücklich darauf, dass seine Botschaft nicht auf menschlicher Vernunft beruht, sondern dass ihm seine Botschaft direkt von Jesus offenbart wurde. In Galater 1,11-12 schreibt er: „Das will ich euch klar und deutlich sagen, Brüder und Schwestern: Die Gute Nachricht, die ich verkündet habe, stammt nicht von Menschen. Ich habe sie nicht von einem Menschen übernommen. Ich wurde auch nicht von einem Menschen darin unterrichtet. Nein, Jesus Christus selbst hat sie mir offenbart.“

Paulus litt also nicht unter falscher Bescheidenheit. Das gilt auch für sein Aussage in 1. Thessalonischer 2, 13: „Deshalb danken wir Gott immer wieder dafür, dass ihr durch unsere Verkündigung sein Wort empfangen habt. Ihr habt sie nicht als Menschenwort angenommen, sondern als das Wort Gottes, was sie tatsächlich ist.“ Paulus hat somit klar gemacht: Was ich verkündige, ist tatsächlich Gottes Wort.

Veränderungsverbote bei Petrus und in der Offenbarung

Genau diesen steilen Anspruch hat Petrus später in Bezug auf die Schriften von Paulus bestätigt. In 2. Petrus 3, 15-16 macht er eine ganz erstaunliche Bemerkung über die Briefe von Paulus: „Das hat auch unser lieber Bruder Paulus geschrieben, dem Gott so viel Weisheit geschenkt hat. … Manches darin ist allerdings schwer zu verstehen. Das werden die verdrehen, die nichts davon verstehen. So werden sie es auch mit den anderen Schriften machen – zu ihrem eigenen Verderben.“ Mit den „Schriften“ meinte Petrus natürlich zunächst die heiligen Schriften des Alten Testaments, zu denen wir bereits festgestellt haben: Diese Schriften hatten für Petrus verbindliche Autorität. Sie dürfen deshalb nicht verdreht und nicht verändert werden. Wir würden Verderben über uns bringen, wenn wir das täten. Genau diesen Anspruch wendet Petrus hier jetzt aber auch auf die Paulusbriefe an. Auch sie dürfen nicht verdreht werden – auch dann, wenn sie schwer zu verstehen sind.

Genau das gleiche Verbot finden wir auch ganz am Ende des Neuen Testaments. Im viert- und drittletzten Vers der Bibel schrieb Johannes in Offenbarung 22, 18-19: „Und ich versichere jedem, der die prophetischen Worte dieses Buchs hört: Wenn jemand dem, was hier geschrieben steht, irgendetwas hinzufügt, wird Gott ihm die Plagen zufügen, die in diesem Buch beschrieben werden. Und wenn jemand irgendetwas von den prophetischen Worten dieses Buchs wegnimmt, wird Gott ihm seinen Anteil am Baum des Lebens und an der Heiligen Stadt wegnehmen, die in diesem Buch beschrieben werden“

Der Autor der Johannesoffenbarung übernimmt also den Anspruch aus 5. Mose 13,1, dass nichts hinzugefügt und nichts weggelassen werden darf. Und auch hier wird gesagt: Wer diesen Text verändert, der bringt Verderben über sich selbst. Daran wird deutlich, welch einzigartigen Autoritätsanspruch diese Texte haben. Jeden späteren Theologen, der solche Sätze über seine eigenen Schriften äußern würde, würden wir zurecht zurückweisen. Kein Mensch der Welt dürfte seither so etwas je wieder sagen. Diesen einzigartigen Autoritätsanspruch durften nur die Autoren der Bibel für sich in Anspruch nehmen.

Für Paulus hatten auch Jesuszitate bereits Schriftstatus!

In 1. Timotheus 5, 18 zitiert Paulus noch einmal genau den gleichen Vers aus dem AT, der uns vorhin schon in 1. Korinther 9, 9 begegnet ist: „Denn in der Heiligen Schrift steht: »Du sollst einem Ochsen beim Dreschen nicht das Maul zubinden.« Hier ergänzt Paulus aber noch ein weiteres Zitat: „Es heißt außerdem: »Wer arbeitet, hat ein Anrecht auf seinen Lohn.« Das erstaunliche ist: Dieses Zitat finden wir nicht im Alten Testament. Tatsächlich zitiert Paulus hier ein Jesuswort, das wir in Lukas 10, 7 finden. Das zeigt: Die überlieferten Jesusworte hatten für Paulus bereits genau die gleiche höchste Autorität wie die Schriften des Alten Testaments.

Wir können also zusammenfassen: Was für die apostolischen Väter galt, das lässt sich auch schon in der Bibel selbst beobachten: Neutestamentliche Texte werden auf die gleiche Stufe gestellt wie das Alte Testament. Und die Autoren hatten zudem einen einzigartigen Autoritätsanspruch, den schon die nächste Generation der Kirchenleiter in keiner Weise mehr auf sich selbst anwenden wollten.[4]

Für uns bedeutet dieser Befund:

Die Bibel stellt uns in Bezug auf sich selbst vor eine Glaubensentscheidung

Entweder wir sagen: Die Bibel ist glaubwürdig. Dann müssen wir sie aber auch so lesen, wie sie selbst gelesen werden möchte. Dann müssen wir ihr die Autorität geben, die sie selbst für sich beansprucht. Dann müssen wir davon ausgehen, dass die Bibel das ist, was sie selbst sein will: Ganz Menschenwort. Aber zugleich auch ganz Gotteswort. Und damit auch eine theologische Einheit, die sich selbst nicht widerspricht. Und damit auch unfehlbarer Maßstab für unseren Glauben, für unser Leben und für die Kirche Jesu. Ich habe an anderer Stelle bereits ausführlich begründet, warum ich diesen Selbstanspruch der Bibel für absolut schlüssig und glaubwürdig halte. Denn die Bibel hat nun einmal zahlreiche Eigenschaften, die absolut einmalig sind unter allen Büchern dieser Erde und die beweisen, dass dieses Buch ganz eindeutig einen weit größeren Horizont hat als jedes andere Buch, das nur von Menschen stammt.[5]

Wenn wir uns aber entscheiden, diesen Selbstanspruch nicht zu akzeptieren und die Bibel nur als kritisierbares Menschenwort betrachten[6], dann sollten wir so ehrlich und konsequent sein, auch offen zu sagen: Die Bibel spricht sich selbst eine Autorität zu, die sie gar nicht hat. Und was machen wir mit Büchern oder Botschaften, die bei ihrem Selbstanspruch übertreiben? Wir sehen sie zurecht mit Skepsis. Die Bibel verliert dann ihre Glaubwürdigkeit. Sie ist dann vielleicht immer noch ein interessantes, liebenswertes historisches Zeugnis. Aber wer in Bezug auf sich selbst derart übertreibt, dem werden wir wohl kaum einen Autoritätsanspruch für unseren Glauben, für unser Leben und unsere Kirche beimessen können.

Dem Selbstanspruch der Bibel vertrauen

Deshalb plädiere ich daür, dass wir gemeinsam wieder Werbung dafür machen, dem Selbstanspruch der Bibel zu vertrauen und zu sagen: Die Bibel ist das, was sie selbst von sich sagt. Sie ist wirklich Heilige Schrift. Sie ist prophetisches Wort. Sie bezeugt nicht nur die Offenbarung Gottes. Sie wird nicht erst beim Lesen zum Wort Gottes. Nein, sie IST im echten Sinn offenbartes Wort des lebendigen Gottes. Es ist deshalb nicht angemessen, in Bezug auf dieses Wort von Fehlern zu sprechen. Angemessen ist vielmehr, eine tiefe Ehrfurcht vor diesen Texten zu haben. Es ist angemessen, diesen Texten mit Vertrauen und Demut zu begegnen. Ich bin zutiefst überzeugt: Die Kirche Jesu kann nur gesunden, wenn sie diese tiefe Ehrfurcht vor der Bibel zurückgewinnt.


[1] Ein dramatisches Beispiel ist das Buch „Zwischen Entzauberung und Remythisierung“ des populären Theologen Jörg Lauster, rezensiert in: „Der große Graben“: https://blog.aigg.de/?p=5667

[2] 3. Mose 1,1+2; 4,1+2; 7,22+23; 7,28+29;11,1+2;12,1+2;15,1+2;18,1+2;19,1+2;20,1+2;21,16+17;23,1+2;23,9+10;23,23+24;23,33+34;25,1+2;27,1+2

[3] Siehe dazu die Rezension zum freikirchlich geprägten Buch „glauben lieben hoffen“ aus dem SCM Brockhaus Verlag unter https://blog.aigg.de/?p=5819

[4] Siehe dazu der Artikel: „Das Bibelverständnis der apostolischen Väter“: https://blog.aigg.de/?p=5790

[5] Siehe dazu die Artikelsammlung: „10 Gründe, warum es auch heute noch vernünftig ist, der Bibel zu vertrauen“: https://blog.aigg.de/?p=3176

[6] Siehe dazu den Artikel: „Zwei Bibelverständnisse im Kampf um die Herzen der Evangelikalen“: https://blog.aigg.de/?p=5749

3 Gedanken zu „Das biblische Bibelverständnis“

  1. Hallo Markus

    Du hast viele sehr gute und voll umfängliche Gedanken formuliert und geschlussfolgert.
    Kann es nicht sein, dass sich Vieles verborgen in der moralischen Ebene entscheidet
    und sich dann vielfältig und auf mannigfaltige weise Abbild, daher die Unterschiede in der Auslegung?
    Also in unserer tiefen Begegnung mit der göttlichen Definition von Gut und Böse
    und damit in unserer hingebungsvollen Liebe zum Guten?

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