Glauben, lieben, hoffen – aber was?

Ich kann mich nicht erinnern, wann mich zuletzt ein Buch derart aufgewühlt hat wie dieses. Dabei ist das im Juli 2021 erschienene Werk „glauben lieben hoffen“ eigentlich nur eine Sammlung von Antworten auf 103 Grundfragen zum christlichen Glauben. Laut Buchrücken sollen die Texte den Glauben „auf eine solide Grundlage stellen“. Also nichts wirklich Neues, sollte man meinen. Und doch markiert die hier vorliegende Kombination von Autoren, Zielgruppe und Inhalt aus meiner Sicht nichts weniger als einen Umbruch in der freikirchlich evangelikalen Welt.

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Geschrieben wurden die Texte zum einen von den vier Herausgebern Andreas Schlüter und Johannes Krupinski (Leiter der Jugendarbeit des Bundes Freier evangelischer Gemeinden FeG) sowie Volkmar Hamp und Simon Werner (Referenten beim Gemeindejugendwerk des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemein­den, BEFG, Baptisten). Außerdem haben 8 FeG- bzw. EFG-Pastoren sowie der Theologie­professor Michael Schroth von der FeG-Hochschule Ewersbach mitgewirkt. Das Buch zielt also mitten hinein in die freikirchliche und traditionell evangelikale Welt und dort vor allem in den Jugendbereich – also die Zukunft der freikirchlich-evangelikalen Bewegung. Umso spannender war für mich die Frage: Welche Theologie wird hier vertreten?

Ein nur scheinbar konservatives Bibelverständnis

Beide Teile der Bibel sind „Gottes Wort in Menschenwort“, schreibt Volkmar Hamp, und konkretisiert: „Ihre Denkweisen … sind den Orten und Zeiten verhaftet, aus denen sie stammen.“ (S. 23) Tatsächlich wird es als „Missverständnis“ bezeichnet, dass die alttestamentlichen Propheten über ihre Zeit hinausgeblickt und Zukunftsvorhersagen gemacht hätten.[1] Auch in den apokalyptischen Texten im Neuen Testament „geht es nicht um einen Plan für die Zukunft, sondern darum, den Menschen Mut zu machen.“ (S. 230, A. Schlüter) Die Offenbarung „ist nicht Weissagungsschrift, sondern eine Mahn- und Trostschrift.“ (S. 248, V. Hamp) Folgerichtig wird auch klargestellt: „Jesus wird nicht im Alten Testament vorausgesagt.“ Diese Vorstellung wäre „christliche Arroganz, die im Antisemitismus endet.“ [2]

Simon Werner geht zudem davon aus, dass die Bibel keine theologische Einheit ist, sondern selbst eine theologische Entwicklung durchläuft: „Die Bibel ist von einer Entwicklung hin zum Monotheismus geprägt.“ (S. 49) Die „Vorstellungen“ von Teufel, Himmel und Hölle hätten sich laut Hamp wohl erst nach dem babylonischen Exil entwickelt, vermutlich durch den Einfluss des Zoroastrismus und des griechischen Denkens.[3] Die Vielfalt der biblischen Bilder von Gott seien zudem „von einer patriarchalen Kultur geprägt“, weshalb es entscheidend sei, sie „von Christus her aufzubrechen“. (S. 29/30, V. Hamp)

Der biblische Anspruch, die Geschichte Gottes mit den Menschen durch authentische historische Berichte zu schildern, wird immer wieder negiert. Die biblische Urgeschichte sei komplett unhistorisch.[4] Trotz der in Matthäus und Lukas klar bezeugten Jungfrauengeburt wird unterstellt, dass sowohl die Evangelisten als auch Paulus von einer biologischen Vaterschaft Josefs ausgegangen seien.[5] An der „stofflichen Form“ der Himmelfahrt habe die Bibel trotz der „erzählerischen Ausgestaltung“ von Lukas kein Interesse.[6] Zwar hat Jesus wirklich Wunder getan, jedoch: „Wir würden andererseits uns und unser aufgeklärtes Weltbild nicht ernst nehmen, wenn wir die Wundertaten wie einen magischen Zauber einfach als gegeben hinnähmen.“ (S. 91, S. Werner)[7] Zur Auferstehung betont M. Drodofsky, dass die „Erscheinungen“ und „Erfahrungen“ mit dem auferstandenen Jesus nur von Gläubigen bezeugt worden seien.[8]

Ein naturalistisch geprägter Wissenschaftsbegriff

Insgesamt wird deutlich, dass viele Autoren sich weitgehend von einem naturalistisch geprägten Wissenschaftsbegriff leiten lassen, der in der Forschung nicht mit Übernatürlichem rechnet. In Bezug auf die Schöpfung wird „Intelligent Design“ mit „Kreationismus“ gleichgesetzt und gleichermaßen verworfen. Stattdessen ist Hamp überzeugt: „Jedes Schöpfungs­werk lässt sich auch ohne Gott als blindes Spiel von Zufall und Notwendigkeit begreifen.“ (S. 37) Das Leben auf der Erde ist ein „vermutlich einzigartiger kosmischer Glücksfall.“ (S. 42)

Ist das stellvertretende Sühneopfer nur mittelalterliche Theologie?

Konnte Jesus seinen Tod am Kreuz wirklich vorhersehen, wie es in den Evangelien behauptet wird? Simon Werner meint: Jesus konnte zwar allgemein vorhersehen, dass er (so wie jeder Mensch) sterben muss. Aber „dass das Sterben auf diese Art kam, lag wohl eher daran, dass Jesus sich während seines Lebens auf dieser Erde zu viele Feinde gemacht hatte.“ (S. 83) Entsprechend hält M. Drodofsky den Tod Jesu nicht etwa für die Konsequenz unserer Sünde, sondern: „Jesus starb. Das war die Konsequenz seines Lebens. Punkt.“ (S. 68)

Die traditionelle und reformatorische Sichtweise, dass Jesus mit seinem Kreuzestod ganz bewusst ein Sühneopfer für die Schuld der Menschheit gebracht hat, verwirft M. Drodofsky komplett. Er meint, diese Sichtweise ginge nicht etwa auf die Bibel, sondern auf mittelalterliche Theologie zurück:

„In der christlichen Tradition war allerdings über Jahrhunderte ein anderes Verständnis von Opfer leitend, welches auf Anselm von Canterbury (ca. 1033-1109) zurückgeht. Dieses Opferverständnis sieht – vereinfacht gesagt – Jesu Tod als wirksame Opferhandlung an, bei der die menschliche Schuld vor Gott bezahlt wird. Denn so wurde und wird häufig argumentiert: Infolge des Sündenfalls ist der Mensch getrennt von Gott, und nur ein vollkommenes Opfer kann die Beziehung zwischen Gott und Mensch wieder in Ordnung bringen. … Die Theorie von Anselm von Canterbury entfaltete – bis in unsere Zeit hinein – enorme Wirkung. Dies ist beachtlich, da die Hebräische Bibel [so wird hier das AT bezeichnet] die Vorstellung einer automatisch wirksamen Opferhandlung scharf kritisiert. … Gott vergibt, weil er ein gnädiger Gott ist, ohne dass Gott durch Töten und Blutvergießen milde gestimmt werden müsste. In welchem Sinne kann Jesu Tod nun als Opfer verstanden werden? Offenbar ja nicht als ein quasi automatisch wirksames Ritual, das Gott gnädig stimmt. Das heißt aber auch, um die Sünde der Menschen hinweg zu nehmen, braucht es eigentlich kein Opfer und keinen Geopferten.“ (S. 69)

Auch A. Schneider und S. Werner halten die „Vorstellung, dass Stellvertretung manchmal als Übernahme von Strafe interpretiert wird“, für problematisch. Es sei ein „Missverständnis, dass nicht die Menschen die Sühne bräuchten, sondern Gott.“[9] Entsprechend meint Werner auch: „Die Bitte um Vergebung ist kein Muss! … Die Bitte um Vergebung ist ein Angebot an uns. Nicht Gott braucht sie, sondern wir.“ (S. 179) Auch Samantha Mail hält das Bild von einem strafenden Gott für ein „Fehlverständnis“.[10]

Kein doppelter Ausgang?

Die „Vorstellung von einem doppelten Ausgang der Weltgeschichte“, nach der im finalen Weltgericht Menschen entweder zu ewiger Strafe verurteilt oder zum ewigen Leben bestimmt werden, ist für Volkmar Hamp nur eine von mehreren Denkmöglichkeiten. Er empfiehlt dazu das Studium des Buchs „Das letzte Wort hat die Liebe“ von Rob Bell, in dem die Möglichkeit einer Realität der Hölle gänzlich ausgeschlossen und geradezu lächerlich gemacht wird. Wichtig ist ihm zudem: „Niemand steht es zu, andere Menschen für verloren zu erklären.“ (S. 241)

Der Glaube wird subjektiv

Die Annahme, dass biblische Wahrheiten für alle Menschen gelten, wird ohnehin in diesem Buch immer wieder verneint: „Wenn für mich das Christentum wahr ist, kann ich von diesem Standpunkt aus keine objektive Schlussfolgerung über die Wahrheit anderer Religionen für andere Menschen ziehen und dementsprechend bewerten.“ (S. 215, M. Schroth) „Der Glaube … bietet keine allgemeine Gewissheit, sondern immer nur eine individuelle.“ (S. 15, V. Hamp) „Ein Bekenntnis ist eine Selbstauskunft und keine normative Aussage, die für andere Menschen Geltung beansprucht.“ (S. 58, J. Best)

Ethik und Menschenbild

Entsprechend vorsichtig werden biblische Vorgaben zur Ethik behandelt. Das Verbot von Sex vor der Ehe hält Sebastian Wickel für eine „plumpe Grenzziehung“, die in der Bibel nicht vorkomme.[11] Zur Frage nach der Segnung bzw. Trauung gleichgeschlechtlicher Paare schreibt er: „In manchen Kirchen werden Paare getraut oder gesegnet, in anderen werden sie nur geduldet, wieder andere schließen sie aus. … Diese Freiheit hat jede Ortsgemeinde.“ (S. 162) Zu den einschlägigen Bibelstellen in 1. Kor. 6,9-12 und 1. Tim. 1,8-11 ist er der Meinung: „Nicht Homosexualität an sich, erst recht nicht in einer gleichberechtigten Liebesbeziehung, sondern ein Abhängigkeitsverhältnis ist hier gemeint.“ (S. 264)

Dabei geht er grundsätzlich von einem Menschenbild aus, in dem der Mensch zum Tun des Guten fähig und in der Lage ist. Zwar könne man mit Römer 7,14-20 und Genesis 6,5 aus der Bibel auch eine negative Lehre vom Menschen „konstruieren“, das würde aber nicht der Aussageabsicht dieser Passagen und ihrer Kontexte entsprechen und viele andere biblische Aussagen ausblenden.[12]

Widersprüchliche Positionen

Aber vertritt Wickel damit nicht die Lehre des Pelagius, nach der man Sünde vermeiden kann, wenn man will? Und ist es nicht ein Widerspruch, wenn Simon Werner später schildert, dass die Lehre von Pelagius von der Kirche verworfen wurde?[13] Jedenfalls räumen die Herausgeber offen ein, dass die 13 Autoren dieses Buchs keineswegs immer einer Meinung sind.[14] Diese theologische Diversität führt natürlich zu der Frage: Wie solide kann eine Glaubensgrundlage dann noch sein? Welche Konsequenzen hat es für die Glaubensweitergabe, wenn man sich in der freikirchlichen Welt schon bei den Glaubensgrundlagen nicht mehr einigen kann? Und wie können christliche Gemeinschaften „nachvollziehbare Leitbilder zur Sexualität vermitteln“, wenn man kaum noch klare Aussagen macht und die konkreten Entscheidungen jeder Gemeinde überlässt?

Der Mensch im Mittelpunkt

Aufgefallen ist mir schließlich noch, wie sehr in diesem Buch der Mensch im Mittelpunkt steht. „Gottesdienst heißt Gottesdienst, weil Gott mir dient.“ (S. 201, A. Mang) Die Kirche und sogar der Lobpreis ist dafür da, den persönlichen Glauben der Menschen zu unterstützen.[15] Ein Artikel über die Anbetung Gottes ist im Buch nicht enthalten. Stattdessen wird Gott letztlich insgesamt vom Menschen her gedacht: „So steht das Wort Gott in einem übertragenen Sinn generell für alles, was Menschen letzte Lebensorientierung und ihrem Leben Sinn gibt.“ (S. 19, V. Hamp)

Was wird jetzt aus den gemeinsamen Bekenntnissen?

Ich will in diesem Artikel darauf verzichten, die geschilderten Positionen inhaltlich zu diskutieren. Ich habe das bereits ausführlich getan in meinem Buch „Zeit des Umbruchs“ sowie in diversen Blogartikeln.[16] Dass solche Positionen seit einiger Zeit auch in der evangelikalen Welt vertreten werden, überrascht mich spätestens seit meiner Beschäftigung mit der Worthaus-Mediathek nicht mehr. Wirklich neu war für mich aber, mit welcher Selbstverständlichkeit solche Positionen nun auch in einem Buch leitender Freikirchler vertreten werden.

Bislang ging ich davon aus, dass zum Beispiel das Apostolische Glaubensbekenntnis (mit dem das Buch auch beginnt!) in den Freikirchen gesetzt ist, und dass deshalb von der Historizität der Jungfrauengeburt oder der Himmelfahrt ganz selbstverständlich ausgegangen wird. Ist dem jetzt nicht mehr so? Und stimmt es wirklich, dass jetzt auch im FeG-Verbund jede Gemeinde selbst entscheiden darf, ob sie gleichgeschlechtliche Paare traut oder nicht?

Mehr noch treibt mich die Frage um: Was wird eigentlich aus der Glaubensbasis der Deutschen Evangelischen Allianz? Dort wird zum Beispiel bekannt: „Die Bibel, bestehend aus den Schriften des Alten und Neuen Testaments, ist Offenbarung des dreieinen Gottes. Sie ist von Gottes Geist eingegeben, zuverlässig und höchste Autorität in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung.“ Das passt natürlich in keiner Weise zu einer Bibel, die veraltete Vorstellungen und Gottesbilder enthält, die in wichtigen historischen Angaben nicht ernst zu nehmen ist, die entgegen ihren eigenen Bekundungen nichts vorhersagen kann und in ethischen Fragen auch dann nicht ernst genommen werden muss, wenn ihre Aussagen eindeutig sind und alle durchgängig in die gleiche Richtung zielen.

Weiter frage ich mich: Wie soll Einheit noch gelingen, wenn zum Beispiel die neutestamentliche Selbstverständlichkeit, dass Jesus im AT vorhergesagt wird[17], nicht nur abgelehnt sondern auch noch mit Arroganz und Antisemitismus in Verbindung gebracht wird? Und wie soll Einheit noch gelingen, wenn sich bei der Kreuzestheologie solche Gegensätze auftun, wie die nachfolgende Gegenüberstellung zeigt:

Aus der Glaubensbasis der evangelischen AllianzZitat aus „glauben lieben hoffen“
„Der Mensch … ist durch Sünde und Schuld von Gott getrennt.
Jesus Christus, der Mensch gewordene Sohn Gottes, ist stellvertretend für alle Menschen gestorben. Sein Opfertod allein ist die Grundlage für die Vergebung von Schuld, für die Befreiung von der Macht der Sünde und für den Freispruch in Gottes Gericht.“
„So wurde und wird häufig argumentiert: Infolge des Sündenfalls ist der Mensch getrennt von Gott, und nur ein vollkommenes Opfer kann die Beziehung zwischen Gott und Mensch wieder in Ordnung bringen. … Hat eigentlich mal jemand gefragt, warum eine Opferhandlung … dies erreichen können soll? … Gott vergibt, weil er ein gnädiger Gott ist, ohne dass Gott durch Töten und Blutvergießen milde gestimmt werden müsste. … um die Sünde der Menschen hinweg zu nehmen, braucht es eigentlich kein Opfer und keinen Geopferten.“ (S. 69, M. Drodofsky)

Wir sind hier wohlgemerkt beim innersten und für mich persönlich unaufgebbaren Kern des christlichen Glaubens angelangt. Es ist der stellvertretende Opfertod Jesu, der mich bei jedem Abendmahl bewegt und mich mit meinen Mitchristen verbindet. Welche Konsequenz wird es für die evangelische Allianz und ihre Einheit haben, wenn nun auch Vertreter des BEFG und des FeG-Verbunds diese allerwichtigste verbindende Glaubenswahrheit öffentlich verwerfen? Was wird aus der evangelikalen Bewegung, den evangelikalen Werken (wie zum Beispiel der AEM) und den evangelikalen Großveranstaltungen, wenn man sich nicht einmal mehr auf diesen innersten Kern des Evangeliums einigen kann? Und wie wird es sich auf die missionarische Dynamik der freikirchlichen Gemeinden auswirken, wenn man Menschen nicht mehr als verloren bezeichnen darf? Schließlich war es ausgerechnet der FeG-Präses Ansgar Hörsting, der unlängst geäußert hatte: „Ich kenne keine (!) missionarisch wirksame Gemeinde, in der es nicht Leute gibt, die klar auf dem Schirm haben: Ohne Jesus Christus sind Menschen verloren.“[18]

Ist universitäre Theologie jetzt auch für Evangelikale der Maßstab?

Noch eine letzte Beobachtung: Das Buch „glauben lieben denken“ enthält zahlreiche Leseempfehlungen. Es handelt sich fast durchweg um Bücher von universitären Theologen. Eine Empfehlung für einen wirklich evangelikalen Autor ist mir (abgesehen von Adolf Pohls Kommentar zur Offenbarung) unter den Empfehlungen nicht aufgefallen. Gleich dreimal werden mir als Leser stattdessen Werke von Dorothee Sölle empfohlen, über die Wikipedia schreibt: „Sölle vertrat eine politische Theologie, die sich durch eine radikale Diesseitigkeit und eine Entmythologisierung der Bibel auszeichnete. In ihrem Buch Gegenwind (erschienen 1995) schrieb sie: »Theologisches Nachdenken ohne politische Konsequenzen kommt einer Heuchelei gleich. Jeder theologische Satz muss auch ein politischer sein.« Weiterhin bestimmend war eine durch den Feminismus geprägte Mystik, die ohne die Vorstellung eines persönlichen Gottes auskam.“

Und da denke ich mir: So haben sich die Zeiten geändert! Früher ging ich in meine christliche Buchhandlung, weil ich mir sicher war, dort auf inspirierende evangelikale Alternativen zu Leuten wie Sölle und zur universitären Theologie zu treffen. Heute wird in meiner christlichen Buchhandlung ein Buch präsentiert, das Werbung für universitäre Theologie und Dorothee Sölle macht. Aber wenn das jetzt so prominent in meiner Buchhandlung ausliegt: Muss ich dann nicht davon ausgehen, dass dieses Gedankengut, dem ich in keiner Weise folgen kann, jetzt auch überall in der evangelikalen Welt kursiert?

Das Ende einer Erfolgsgeschichte?

Ich kann im Moment jedenfalls nicht anders als zu schlussfolgern: Damit ist dann wohl die missionarische Erfolgsgeschichte einer evangelikalen Bewegung, die Differenzen in den Randfragen aushalten konnte, weil sie in den wesentlichen Kernfragen übereingestimmt hat, Geschichte. Ich hoffe, ich täusche mich. Ich würde mich riesig freuen.

Ja, ich weiß: Jesus hat alles unter Kontrolle. ER wird seine Kirche trotz aller Rückschläge bauen. Ich weiß: Ich soll mir keine Sorgen machen, Hoffnung verbreiten und zuversichtlich in die Zukunft schauen, weil Jesus ganz sicher zu seinem Ziel kommen wird. Morgen werde ich all das wieder tun. Aber heute trauere ich, dass ein weiteres Stück meiner evangelikalen Heimat verloren geht und damit auch eine Segensgeschichte abzubrechen droht, von der ich selbst so sehr profitiert habe.


[1] „Die Propheten der Hebräischen Bibel werden oft als „Zukunftsvoraussager“ missverstanden. Die Propheten sagen keine Zukunft voraus, sondern sie deuten ihre Gegenwart aus der Sicht Gottes.“ (S. 88, S. Werner)

[2] „Jesus wird nicht im Alten Testament vorausgesagt, sondern die ersten Christen beschreiben ihn als Erfüllung der alten Hoffnung. … Unseren jüdischen Glaubensgeschwistern würden wir jegliche Grundlage ihres Glaubens nehmen, wenn wir meinten Jesus sei vorausgesagt. Die unaugesprochene Konsequenz wäre: „Ihr habt es nur nicht richtig verstanden.“ Das ist christliche Arroganz, die im Antisemitismus endet.“ (S. 87/88, S. Werner)

[3] „Es scheint so zu sein, dass das Judentum erst in den Jahren nach dem babylonischen Exil (6.-4. Jh. V. Chr.) die Vorstellung vom Teufel als Gegenspieler Gottes und personifiziertem Bösen aufgenommen hat. Auch Himmel und Hölle als jenseitige Aufenthaltsorte für gute und böse Menschen spielten im älteren Judentum noch keine Rolle und gewinnen erst in dieser Zeit an Bedeutung. Die Begegnung mit dem Zoroastrismus, der dualistisch geprägten Religion Persiens, mag dabei ebenso eine Rolle gespielt haben wie die mit dem griechischen Denken. Über die jüdische Tradition sind diese Vorstellungen dann auch in die christliche und die islamische Religion eingegangen und dort zu zentralen Elementen geworden.“ (S. 46, V. Hamp)

[4] „Weder Adam noch Eva noch Noah und seine Familie sind historisch fassbare einzelne Menschen, auf die man die ganze Menschheit zurückführen könnte. Sie stehen vielmehr exemplarisch für den sesshaft gewordenen Menschen der Jungsteinzeit, des Neolithikums, der irgendwann feststellte, dass er aus der weitgehend unbewussten Einheit mit der Natur (und mit Gott) herausgefallen war und nicht nun „jenseits von Eden“ wiederfand. In Flut- und anderen Katastrophengeschichten – wie der vom Turmbau zu Babel (Gen 11,1-9) – reflektieren die Menschen der Alten Welt ihr stets durch (Natur-)Katastrophen gefährdetes Dasein.“ (S. 35, V. Hamp)

[5] „Die Evangelien nach Lukas (Lk 1, 26-38) und Matthäus (Mt. 1, 18-25) legen also diese griechische Übersetzung von Jesaja 7, 14 zugrunde und berichten, dass bei der Entstehung des Jesus-Kindes kein Mann beteiligt war und seine Mutter Maria bis zu seiner Geburt keinen Geschlechtsverkehr hatte. Gleichzeitig ordnen die Stammbäume der beiden Evangelien Jesus in die Linie seines Vaters Josef ein Mt. 1, 1-17; Lk. 3, 23-38), und auch Paulus spricht in Römer 1,3 von Gottes „Sohn, Jesus Christus, unserem Herrn, der geboren ist aus dem Geschlecht Davids nach dem Fleisch.“ Er setzt damit die biologische Vaterschaft Josefs voraus, denn dem Geschlecht Davids ist Jesus nur über seinen Vater Josef verbunden.“ (S. 60, J. Best / A. Schlüter)

[6] „Die Himmelfahrt Jesu erklärt, warum Jesus nicht mehr sichtbar gegenwärtig war und zeigt, dass Jesu Auferweckung keinen erneuten Tod nach sich zog. Bei Lukas – und nur bei Lukas! (Lk 24,50-53 und Apg. 1,9-11) – wird dieser Gedanke in der Himmelfahrt erzählerisch ausgestaltet. … Der Gedanke der Erhöhung Jesu ist von zentraler Bedeutung für den christlichen Glauben. In welcher stofflichen Form sie geschah, daran hat die Bibel kein Interesse.“ (S. 78, M. Drodofsky)

[7] Weiter erläutert Werner zum Thema Wunder: „Die Selbstverständlichkeit, mit der wir einen Schalter betätigen und irgendwo beginnt ein Licht zu leuchten, ist für die Zeit Jesu ganz und gar keine Selbstverständlichkeit. Der Begriff „Wunder“ ist also eher ein Begriff, um sich Wirklichkeit zu erschließen – von hinten her beschreibend für das verwendet, was anders nicht zu beschreiben ist. … Das eigentliche Wunder ist, das Gott und Menschen sich begegnen und in Interaktion treten.“ (S. 92)

[8] „Zeugen der Auferstehung sind nur Gläubige. Das Wunder der Auferstehung ist also schon in den biblischen Texten eines, welches sich nur den Gläubigen zu erschließen vermag.“ (S. 73, M. Drodofsky)

[9] „»Jesus hat am Kreuz für uns Menschen die Schuld gesühnt, obwohl eigentlich wir den Tod verdient hätten.« So oder ähnlich kann man es oft hören. … Stellvertretend tritt Jesus in die verhängte Strafe ein und nimmt sie auf sich. So sühnt er unsere Schuld. Lange und wirkmächtig hat diese Vorstellung die Verkündigung des Evangeliums in der Kirche geprägt. Durch eine falsche Voraussetzung hat diese Vorstellung lange eine Fehldeutung erfahren. Es entsteht das Missverständnis, dass nicht die Menschen die Sühne bräuchten, sondern Gott. … Dieses Motiv gehört eng mit der Sühne- und Gerichtsvorstellung zusammen. Jesus tritt stellvertretend für uns ein und nimmt die Konsequenzen unserer Sünden auf sich. Probleme bereitet die Vorstellung, dass Stellvertretung manchmal als Übernahme von Strafe interpretiert wird. … Der Opferbegriff wird im Neuen Testament stellenweise für das Kreuz Jesu in Anspruch genommen – und das, obwohl Jesus durch die Römer hingerichtet worden ist und sein Tod in keinem religiös-rituellen Kontext stand.“ (S. 180-183)

[10] „Der christliche Umgang mit der Hebräischen Bibel war und ist immer wieder von Fehlverständnissen geprägt. Christinnen und Christen trugen im Hinterkopf das Bild von einem verärgerten, strafenden Gott, der durch ein unschuldiges Opfer besänftigt werden muss.“ (S. 127)

[11] „Erstaunlich ist, dass sich nirgends der zum Teil so prominente Satz „Kein Sex vor der Ehe“ findet.“  Anstelle einer plumpen Grenzziehung stellt die Bibel dar, dass Geschlechtsverkehr ein seelisch-körperlicher Vorgang ist und fordert auf, Sexualität und Verantwortung(-sübernahme) zusammen zu denken. Wenn Paulus an einigen Stellen vor Unzucht warnt, so sieht er diesen Zusammenhang von Verantwortung und Sexualität gestört.“ (S. 159)

[12] „Der Mensch ist zum Tun des Guten in der Lage. Nicht immer. Nicht … unbedingt aus sich heraus. Doch er hat das Potenzial dazu. Der umgekehrten Annahme läge jedenfalls ein Menschenbild zugrunde, das weder die Bibel noch eine Betrachtung des Weltgeschehens nahelegt. Man könnte zwar mit Römer 7, 14-20 und Genesis 6,5 auch aus der Bibel eine solch negative Lehre vom Menschen konstruieren, aber diese würde nicht nur die Aussageabsicht dieser Passagen und ihrer Kontexte missachten, sondern gleich eine ganze Fülle anderer biblischer Aussagen ausblenden (z.B. Eph. 1,8; 1. Thess. 5, 15, Tit. 2,14, Jak. 2,14). Der Mensch ist zum Bösen und zum Guten fähig. Er hat in seiner geschöpflichen Freiheit die Verantwortung bekommen, sein Leben und die Welt zu gestalten (Gen 1,28;2,15). Dass er dabei scheitern kann, ist genauso unbestritten wie, dass er nicht scheitern muss.“ (S. 152)

[13] „Die eine Position (Augustinus) ist Fatalismus: „Ich kann nichts gegen die Sünde tun, weil sie mir schon im Zeugungsakt weitergegeben wurde.“ Die andere Position (Pelagius) ist Selbstermächtigung: „Ich kann ein Leben ohne Sünde führen, wenn ich das will.“ Die Lehre des Pelagius wurde bald von der Kirche für falsch erklärt. Die des Augustinus hingegen ist offizielle Lehre der Kirche geworden.“ S. 172, S. Werner)

[14] Es kann „zu unterschiedlichen Auslegungen und Interpretationen der Bibel kommen. Das ist den Texten anzumerken und auch der Grund, weshalb unter jedem Artikel der Name des jeweiligen Autors bzw. der jeweiligen Autorin zu finden ist.“ (S. 11, die Herausgeber)

[15] „Genau diese Unterstützung des Glaubens ist Aufgabe der Kirche. Sie muss das Ziel haben, dem persönlichen Glauben auf die unterschiedlichstesn Arten zu dienen. Predigt, Abendmahl und Taufe, Lobpreis, Gebet, Seelsorge und Erleben von Gemeinschaft – all das sind Formen, durch die Kirche den persönlichen Glauben unterstützt.“ (S. 206, M. Schroth)

[16] Relevant für die Thesen dieses Buchs sind vor allem die Artikel: Das Kreuz – Stolperstein der Theologie; Das wunderkritische Paradigma; Streit um das biblische Geschichtsverständnis; Können Christen heute noch an Adam, Eva und die Arche glauben?; Das geplante Universum – Wie die Wissenschaft auf Schöpfung hindeutet; Warum sind Menschen böse? Eine Wegscheide des Denkens und des Glaubens

[17] Man denke nur an die Worte Jesu in Lukas 24, 25-27: „Ihr Unverständigen und im Herzen (zu) träge, an alles zu glauben, was die Propheten geredet haben! Musste nicht der Christus dies leiden und in seine Herrlichkeit hineingehen? Und von Mose und von allen Propheten anfangend, erklärte er ihnen in allen Schriften das, was ihn betraf.“

[18] In: „Mission Zukunft“, herausgegeben von Michael Diener und Ulrich Eggers, SCM R. Brockhaus, 2018, S. 52 (das Ausrufezeichen wurde nachträglich von mir eingefügt) Weiter schrieb Hörsting in diesem Buch: Es ist „ein Hemmnis für Mission, wenn diese zentrale Botschaft vergessen, verändert oder aus der Mitte verdrängt wird. Die mangelnde Klarheit in der Verkündigung zum Sühnopfer Jesu ist ein trauriges Beispiel dafür. Menschen, die die Liebe Gottes nur allgemein und nicht in dieser zugespitzten Form verstehen, werden nicht im Namen Jesu missionarisch sein.“ (S.49)

AiGG 12: Leben und aufblühen in Gottes Berufung

Ein Fisch fühlt sich nur im Wasser wohl. Ebenso können wir Menschen nur dann aufblühen, wenn wir das Leben leben, für das Gott uns geschaffen hat. Aber wie finden wir dieses Leben? Soviel ist sicher: Ein Leben in Gottes Berufung ist ein Leben, das sich wirklich lohnt!

Den Vortrag als Audio hören:

Vertiefend zu diesem Thema:

Ergänzend das Buchkapitel zu Baustein 4: “Gemeinsam Feiern und Beten in Gottes Gegenwart”

In eigener Sache: Die AiGG-Gebetsmail

Vor mir liegt ein “heißer Herbst”. Die AiGG-Homepage zum Glaubenskurs steht kurz vor der Fertigstellung. Aber vor allem stehen einige Veranstaltungen, Publikationen, Projekte und Ereignisse an, die mich wirklich herausfordern. Das meine ich nicht nur kräftemäßig. Für das Reich Gottes und für das Evangelium zu arbeiten, bedeutet eben immer auch, Teil einer geistlichen Auseinandersetzung zu sein. Umso mehr spüre ich, wie abhängig ich von Gottes Segen, Führung und Schutz bin – und dass die anstehenden Ereignisse unbedingt Gebet benötigen.

Deshalb meine Frage an Dich: Hättest Du vielleicht Zeit und Kapazität, immer mal wieder für diese Dienste und gemeinsam mit mir für unser Land und für die Kirche Jesu zu beten?

Wenn ja, dann schreibe mir doch bitte eine kurze, formlose Mail an “info@aigg.de” mit dem Stichwort “AiGG-Gebetsmail”.

Du bekommst dann in unregelmäßigen Abständen eine vertrauliche Gebetsmail mit aktuellen (Hintergrund-)Informationen zu den laufenden Entwicklungen.

Herzliche Grüße, Markus

 

nonbiblipedia

Das Bibelverständnis der apostolischen Väter

Dieses Thema wird auch behandelt im Podcast Bibel-live #5 Der Gamechanger – Bibelverständnis Teil 2

Unter dem Oberbegriff „Apostolische Väter“ versteht man im Allgemeinen eine Sammlung von Schriften aus der ersten nachapostolischen Generation, geschrieben von Kirchenleitern, die sehr wahrscheinlich noch persönlichen Kontakt mit den von Jesus berufenen Aposteln hatten.

In dieser Zeit begann sich auch das Neue Testament zu formen (ohne dass es diesen Begriff damals schon gegeben hätte). Umso spannender ist die Frage: Welches Bibelverständnis hatten diese Leute? Wie sind sie mit den Schriften des Alten Testaments umgegangen? Und vor allem: Wie haben sie die Texte eingeschätzt, die wir heute im Neuen Testament vorfinden? War das für sie damals auch schon heilige Schrift?

Aufschluss zu diesen wichtigen Fragen geben vor allem 4 Schriften aus dem Kreis der apostolischen Väter:

  • Der Clemensbrief an die Korinther stammt vermutlich noch vom Ende des ersten Jahrhunderts. Clemens war etwa in den Jahren 91-101 Bischof von Rom (als zweiter oder dritter Nachfolger von Petrus).
  • Ignatius war Bischof in Antiochien. Etwa im Jahr 110 verfasste er auf dem Weg zu seinem Martyrium in Rom 7 Briefe an verschiedene Gemeinden sowie an Bischof Polykarp von Smyrna.
  • Polykarp lebte von ca. 69 bis 155 n.Chr. Ihm wurde vor allem ein guter Kontakt zum Jünger Johannes nachgesagt. Überliefert wurde von ihm ein Brief an die Gemeinde in Philippi, den er in der Zeit um das Jahr 120 geschrieben hat.
  • Auch Papias von Hierapolis soll ein Schüler des Apostels Johannes und zugleich ein Freund Polykarps gewesen sein. Von seinen 5 Büchern mit Auslegungen von Jesusworten, die er um das Jahr 120 verfasst hat, sind uns leider nur einzelne Fragmente überliefert.

Was lernen wir nun aus diesen Texten über das Bibelverständnis der Kirchenleiter aus der unmittelbaren nachapostolischen Zeit?

Höchste Wertschätzung und Unfehlbarkeit des Alten Testaments

Zunächst fällt auf: Der 1. Clemensbrief läuft geradezu über von Zitaten aus dem Alten Testament. Sie machen ein gutes Viertel des gesamten Textes aus! Das zeugt nicht nur von genauer Kenntnis sondern vor allem von höchster Wertschätzung für diese Texte. Tatsächlich hält Clemens sie für unfehlbare, heilige Worte Gottes, die vom heiligen Geist eingegeben sind:

„Die heiligen Schriften kennt ihr, Geliebte, und zwar gut, und ihr habt euch vertieft in die Worte Gottes.“ (1.Cl. 53, 1)

Die heiligen Schriften, die wahren, die vom Heiligen Geist eingegebenen, habt ihr genau durchforscht. Ihr wisst, dass nichts Unrechtes und nichts Verkehrtes in denselben geschrieben steht.“ (1.Cl. 45, 2+3)

Entsprechend leitet Clemens manche AT-Zitate ein mit der Formel:

Es sagt nämlich der Heilige Geist: …“ (1.Cl. 13,1)

Clemens rechnet sogar damit, dass Christus im Alten Testament spricht:

„All dies befestigt der Glaube an Christus. Denn auch er selbst redet durch den Heiligen Geist uns also an: …“ (1.Cl. 22, 1) Es folgt ein langes Zitat aus Psalm 33.

Die Schriftautorität der neutestamentlichen Texte

Für Clemens waren auch die Paulusbriefe vom Heiligen Geist inspiriert:

„Nehmt den Brief des seligen Paulus, des Apostels. Was hat er euch im Anfang seiner Predigt geschrieben? Wahrhaft vom Geist angeregt, hat er euch belehrt über sich selbst und über Kephas und über Apollo, weil ihr auch damals Parteien gebildet hattet.“ (1.Cl. 47, 1-3)

Besonders bemerkenswert ist im Clemensbrief ein gemischtes Bibelzitat, das er einleitet mit der Formel „…was geschrieben steht; es sagt nämlich der Heilige Geist: …“. Das Zitat selbst enthält eine Kombination von Worten aus Jeremia 9, 23+24 und der typischen Paulusformulierung „Wer sich rühmt, rühme sich im Herrn“ (1.Kor.1,31; 2.Kor.10,17). Offenbar sah also schon Clemens die Paulusbriefe als inspirierte „Schrift“ an.

Ganz eindeutig ist dies bei Polykarp gut 20 Jahre später der Fall. Er schreibt:

„Ich vertraue zu euch, dass ihr in den heiligen Schriften wohl bewandert seid; … Nur das sage ich, wie es in diesen Schriften heißt: „Zürnet, aber sündiget nicht“, und: „Die Sonne soll nicht untergehen über eurem Zorne.“ (12,1) Dabei bezieht sich das erste Schriftzitat auf Psalm 4,5, das zweite Schriftzitat auf Epheser 4,26. Hier wird also dem Paulustext genau die gleiche Schriftautorität beigemessen wie den Schriften des Alten Testaments.

Dazu muss man wissen, dass der Polykarpbrief ebenso wie der Clemensbrief prall gefüllt ist mit Bibelzitaten. Allerdings sind bei Polykarp bereits Zitate aus neutestamentlichen Texten vorherrschend. Er zitiert aus nicht weniger als 19 (!) der 27 neutestamentlichen Bücher, darunter die 4 Evangelien, die Apostelgeschichte, fast alle Paulusbriefe, der Jakobusbrief, der 1. Petrusbrief und 2 Johannesbriefe. Diese Bücher machen bereits etwa 85% Prozent des neutestamentlichen Textbestands aus! Demnach war der größte Teil des neutestamentlichen Textbestands schon in der ersten nachapostolischen Generation Grundlage und Maßstab für den Glauben der Christen.

Die einzigartige Autorität der Apostel

Ein weiterer wichtiger Befund ist: Keiner der apostolischen Väter wollte sich selbst oder seine Schriften mit den Texten der Apostel gleichstellen. So schrieb Ignatius in seinem Brief an die Trallianer:

Nicht soweit glaubte ich (gehen zu dürfen), dass ich, ein Verurteilter, wie ein Apostel euch befehle.“ (3,3b)

Das bedeutet: Obwohl er selbst ja Bischof war, hatten für ihn ausschließlich die Apostel uneingeschränkte Autorität. Genau gleich äußert sich Polykarp:

„Denn weder ich noch sonst einer meinesgleichen kann der Weisheit des seligen und berühmten Paulus gleichkommen, der persönlich unter euch weilte und die damaligen Leute genau und untrüglich unterrichtete im Worte der Wahrheit, der auch aus der Ferne euch Briefe schrieb, durch die ihr, wenn ihr euch genau darin umsehet, erbaut werden könnt in dem euch geschenkten Glauben.“ (3,2)

Entsprechend hielt der renommierte Neutestamentler Theodor Zahn fest: Die Möglichkeit, „dass ein Apostel in seinen an die Gemeinden gerichteten Lehren und Anweisungen geirrt habe könnte, hat offenbar im Vorstellungskreis der nachapostolischen Generation keinen Raum gehabt.“[1]

Klare Kriterien für die Kanonbildung

Diese Linie der unfehlbaren apostolischen Autorität wurde auch später in allen Diskussionen um die noch offenen und strittigen Kanonfragen beibehalten. Um entscheiden zu können, ob ein Text Schriftautorität besaß oder nicht (und ob er somit im Gottesdienst der Gemeinde vorgelesen werden durfte oder nicht) wurde immer gefragt:

  • Stammt der Text von einem Apostel oder zumindest aus der apostolischen Generation?
  • Stimmt er mit den von Beginn an unumstrittenen apostolischen Schriften und den in den Evangelien niedergelegten Lehren Jesu überein?

Wenn diese Fragen nicht mit „ja“ beantwortet werden konnten, dann wurden die Schriften zwar gegebenenfalls zur privaten Lektüre empfohlen, aber nicht zur Lesung im Gottesdienst. Damit wurde von Beginn an eine klare Grenze markiert zwischen heiligen, unfehlbaren Texten mit Schriftautorität und fehlerhaften Texten nachfolgender Theologen und Kirchenleiter.

Die Evangelien gehen auf Apostel zurück

Deshalb war auch früh die Frage von Bedeutung: Haben die Evangelien apostolische Autorität? Der Kirchengeschichtler Eusebius zitierte aus den ihm noch zugänglichen Büchern des Papias von Hierapolis folgende Aussage:

„Markus hat die Worte und Taten des Herrn, an die er sich als Dolmetscher des Petrus erinnerte, genau, allerdings nicht ordnungsgemäß, aufgeschrieben. Denn nicht hatte er den Herrn gehört und begleitet; wohl aber folgte er später, wie gesagt, dem Petrus, welcher seine Lehrvorträge nach den Bedürfnissen einrichtete, nicht aber so, dass er eine zusammenhängende Darstellung der Reden des Herrn gegeben hätte. Es ist daher keineswegs ein Fehler des Markus, wenn er einiges so aufzeichnete, wie es ihm das Gedächtnis eingab. Denn für eines trug er Sorge: nichts von dem, was er gehört hatte, auszulassen oder sich im Berichte keiner Lüge schuldig zu machen.“

Das Markusevangelium hatte also Autorität, weil es letztlich auf den Apostel Petrus zurückging. Das Matthäusevangelium schrieb Papias dem Jünger Matthäus zu. Ob er auch das Evangelium des Paulusbegleiters Lukas und das Johannesevangelium kannte, wissen wir nicht. Aber im Zusammenhang mit den zahlreichen neutestamentlichen Zitaten im Brief Polykarps wird deutlich: Diesen vier Evangelien wurde schon früh apostolische Autorität zugesprochen. Spätestens Ende des zweiten Jahrhunderts war die Kanonizität dieser 4 Evangelien trotz der Existenz vieler apokrypher Evangelien eindeutig geklärt.

Fazit: Die Heiligen Schriften als solides Fundament der Kirche

Die christliche Kirche hatte somit schon in der ersten nachapostolischen Generation neben den mündlichen Überlieferungen einen soliden Textbestand, um sich an der Lehre Jesu und der Apostel orientieren zu können. Das feste Vertrauen in die volle Autorität sowohl der alttestamentlichen Texte als auch der Schriften der Apostel und der Evangelien schuf eine solide Grundlage, um die schnell um sich greifenden Irrlehren (Doketismus, Gnosis, Marcionismus…) in die Schranken weisen, um Glaubensbekenntnisse entwickeln[2] und wichtige theologische Fragen entscheiden zu können.

(Unterstreichungen in den Zitaten wurden vom Autor dieses Artikels nachträglich vorgenommen)


[1] Theodor Zahn: Geschichte des neutestamentlichen Kanons, Bd. 1: Das Neue Testament vor Origenes, Teil 1, Erlangen 1888, S. 805.

[2] In seinem sehr empfehlenswerten Artikel „Plädoyer für das Apostolische Glaubensbekenntnis – den zeitlosen Klassiker“ weist Christian Haslebacher nach, dass zum Beispiel das apostolische Glaubensbekenntnis schon weitgehend in den Schriften des Kirchenvaters Irenäus dargestellt ist und dass dieser die Inhalte aus den apostolischen Schriften abgeleitet hat.

AiGG 11: Vereint in Gottes Familie – nur gemeinsam sind wir stark!

Jesus hat intensiv für die Einheit seiner Nachfolger gebetet. Er stellte sich seine Nachfolger nicht als Einzelkämpfer vor sondern als starke Gemeinschaft, in der Jeder Jeden unterstützt und Jeder auf Jeden angewiesen ist. Leider sieht die Praxis in christlichen Gemeinschaften oft anders aus. Woran liegt das? Und was können wir tun, um das zu ändern?

Den Vortrag als Audio hören:

Vertiefend zu diesem Thema:

Das Lied zum Thema: “Mach uns eins”:

Das Akkordsheet zum Lied “Mach uns eins” zum Download

Zwei Bibelverständnisse im Kampf um die Herzen der Evangelikalen

Dieser Vergleich der 2 Bibelverständnisse wird mündlich erläutert im Podcast “Bibel live” Folge #4 Gamechanger Bibelverständnis-Teil 1.

Die Frage nach dem Bibelverständnis ist keine Nebensache. Letztlich prägt unser Bibelverständnis unser gesamtes Glaubensleben. Nicht umsonst stand diese Frage mit im Zentrum der Reformation.

Die evangelikale Welt erlebt momentan eine Auseinandersetzung zwischen zwei grundverschiedenen Bibelverständnissen. Allerdings wird diese Differenz kaum thematisiert. Nach meiner Beobachtung wird sie oft eher verschwiegen, verdrängt, verharmlost oder verschleiert. Dabei zeigt sich immer wieder: Zahlreichen Konflikten und Entfremdungsprozessen (samt den damit verbundenen Verlusten von Einheit und missionarischer Dynamik) unter Evangelikalen liegt letztlich diese Differenz beim Bibelverständnis zugrunde. Umso wichtiger ist es, dass wir den Schleier der Begriffshülsen und Strohmänner lüften und ehrlich darauf schauen, welcher Graben sich da auftut. Denn nur, wenn wir die Situation offen betrachten, können wir auch einen guten Umgang mit ihr finden.

Die beiden Bibelverständnisse werden nachfolgend als das „historische“ und das „progressive“ Bibelverständnis bezeichnet. Die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede lassen sich wie folgt zusammenfassen:

Gemeinsamkeiten

Beide Bibelverständnisse…

… grenzen sich von einem islamischen Schriftverständnis ab und bekennen: Die einzelnen biblischen Bücher wurden von Menschen geschrieben und geprägt. Die Bibel ist somit nicht nur Gottes Wort sondern auch voll und ganz Menschenwort.

… gehen davon aus, dass die Bibel an sich nicht göttlich ist. Christen singen und beten zu Gott, aber niemals zur Bibel. Jesus, der in der Bibel als DAS Wort Gottes bezeichnet wird, ist der Bibel immer vorgeordnet. Nur ihm gilt unsere Hingabe und Anbetung.

… sind sich einig, dass die Bibel auslegungsbedürftig ist. Bibelstellen müssen immer im biblischen Gesamtkontext verstanden werden. Die Textgattung, die Reichweite, die Adressaten sowie das historische und heilsgeschichtliche Umfeld müssen immer differenziert beachtet werden! Zum richtigen Verstehen der Texte wird zudem der Heilige Geist benötigt.

… formulieren übereinstimmend:
– Die Bibel ist Gottes Wort im Menschenwort.
– Die Bibel ist inspiriert.

Unterschiede

Trotz dieser scheinbar weitreichenden Übereinstimmungen gibt es grundlegende Differenzen mit weitreichenden Konsequenzen für den Umgang mit der Bibel, für das Verständnis biblischer Aussagen und somit für die Prägung des christlichen Glaubens insgesamt:

 Historisches BibelverständnisProgressives Bibelverständnis
Wesen und Charakter der biblischen Texte:Die Bibel ist Offenbarung des lebendigen Gottes.(1)Die Bibel ist ein Zeugnis der Offenbarung des lebendigen Gottes.(2)
Inwiefern ist die Bibel Gottes Wort?Die biblischen Texte sind Gottes verschriftlichte Worte.Gott kann biblische Texte gebrauchen, um sie für uns beim Lesen zu Gottes Wort zu machen.(3)
Die Inspiration der Bibel bezieht sich auf…… die Entstehung der Texte.(4)… die Rezeption und das Verstehen der Texte.(5)
„Gotteswort im Menschenwort“ bedeutet:Die Bibel ist ganz Menschenwort und ganz Gotteswort.Die Bibel ist ganz Menschenwort und kann Gottes Wort enthalten bzw. vermitteln.(6)
Gibt es Fehler und Widersprüche in der Bibel?Die Bibel enthält (7) keine Fehler und Widersprüche, weil Gott keine Fehler macht (8) und sich nicht selbst widerspricht (Unfehlbarkeit und Einheit der Schrift).Als menschliches Zeugnis der Offenbarung enthält die Bibel selbstverständlich zahlreiche Fehler und Widersprüche.
Kann man davon sprechen, dass „die Bibel“ etwas aussagt?Ja. Die Bibel macht als Gesamteinheit klare, verständliche Aussagen. (Klarheit der Schrift)„Die Bibel“ macht keine Aussagen. Vielmehr machen verschiedene biblische Autoren verschiedene, teils widersprüchliche Aussagen.
Ist inhaltliche Sachkritik an der Bibel möglich?Nein. Welcher Mensch könnte Gott kritisieren? Die menschliche Vernunft ist wichtig, steht letztlich aber unter Gottes Wort.Ja. Das menschlich fehlerhafte Zeugnis der Offenbarung Gottes kann auf der Basis heutiger Vernunft kritisiert werden.(9)
Ist die Bibel Maßstab für den christlichen Glauben, mit dem auch falsche Lehre identifiziert werden kann?Ja.(10)Nein, das kann sie angesichts ihrer Fehlerhaftigkeit, Widersprüchlichkeit und Vieldeutigkeit nicht sein. Sie ist eher Gesprächs- und Inspirationsgrundlage.(11)
Ist der Offenbarungsprozess mit Abschluss der Bibel abgeschlossen?Ja. Über die Bibel hinaus kann die Kirche keine grundlegend neuen Lehren mehr entwickeln. (Abgeschlossenheit der Schrift)Nein. Der Heilige Geist setzt den Offenbarungsprozess auch nach der Apostelgeschichte progressiv weiter fort.(12)

(1) So formuliert die deutsche evangelische Allianz in ihrer Glaubensbasis: „Die Bibel, bestehend aus den Schriften des Alten und Neuen Testaments, ist Offenbarung des dreieinen Gottes. Sie ist von Gottes Geist eingegeben, zuverlässig und höchste Autorität in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung.“ (Hervorhebung nachträglich)

(2) So heißt es in einem aktuellen Grundsatztext der EKD: „Die biblischen Texte werden gehört und ausgelegt als Gottes Wort im Menschenwort, das das endgültige Wort Gottes in Person und Wirken Jesu Christi bezeugt.“ (In: „Die Bedeutung der Bibel für kirchenleitende Entscheidungen“, S. 34)

(3) Dazu der Theologe Udo Schnelle: „Natürlich ist die Bibel das Wort Gottes. Sie ist es aber nicht an sich, sondern immer dann, wenn sie für Menschen zum Wort Gottes wird. In dem Moment, wo es Menschen erreicht und zum Glauben an Jesus Christus führt, wird die Bibel zum Wort Gottes.“ (Karsten Huhn im Gespräch mit Armin Baum und Udo Schnelle: Wie entstand das Neue Testament, in: idea Spektrum 23/2018, S. 19)

(4) Zum Beispiel gemäß 2. Petrus 1, 21: Denn niemals wurde eine Weissagung durch den Willen eines Menschen hervorgebracht, sondern von Gott her redeten Menschen, getrieben von Heiligem Geist.“

(5) Dazu Thorsten Dietz: „Inspiration ist insofern keine Inspiriertheit, keine mechanische Theorie, so und so sind diese Schriften entstanden. Inspiration ist ein Mitteilungs- und Erkenntnisraum, ein Mitteilungs- und Erkenntniszusammenhang, in dem gehört, gelesen, verstanden, bezeugt und gelebt wird.“ (im Worthausvortrag „Entstehung und Autorität des neutestamentlichen Kanons“, ab 1:22:15)

(6) Dazu Siegfried Zimmer: „Der Satz ‚Die Bibel ist Gottes Wort‘ meint: Gott kann und will durch die Bibel zu uns reden.“ In: „Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben?“, Göttingen 2012, S. 112

(7) … in Bezug auf den kanonischen Urtext im Rahmen der bibeleigenen Aussageabsicht und des zugrunde gelegten Wahrheitsverständnisses …

(8): Dazu der Theologe Heinzpeter Hempelmann: „Sowohl philosophische wie theologische Gründe machen es unmöglich, von Fehlern in der Bibel zu sprechen. Mit einem Urteil über Fehler in der Bibel würden wir uns über die Bibel stellen und eine bibelkritische Position einnehmen … Die Bibel ist als Gottes Wort Wesensäußerung Gottes. Als solche hat sie teil am Wesen Gottes und d.h. an seiner Wahrheit, Treue, Zuverlässigkeit. Gott macht keine Fehler.“ In: „Plädoyer für eine Hermeneutik der Demut, Theologische Beiträge 33 (2002)

(9) Dazu Siegfried Zimmer: „Eine Kritik an den Offenbarungsereignissen selbst steht keinem Menschen zu. … Die schriftliche Darstellung von Offenbarungsereignissen darf man aber untersuchen, auch wissenschaftlich und ‚kritisch‘.“ In: „Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben?“, Göttingen 2012, S. 88

(10) Dazu der Grundsatztext der EKD „Die Bedeutung der Bibel für kirchenleitende Entscheidungen“: „Die biblischen Texte sind das erste und grundlegende Wort, auf das Kirche, Theologie und Glaubensleben immer wieder rückgebunden sind, als Texte, die den kritischen Maßstab bilden und an dem die Traditionen und Lehrbildungen der Kirche zu prüfen sind. Der Kanon der biblischen Schriften ist allen anderen Traditionen als norma normans, das heißt als kritischer Maßstab vorgeordnet, so dass diese – wenn nötig – kritisiert werden können.“ (S. 49).

(11) Dazu Thorsten Dietz: „Man kriegt die Bibel nicht als Knüppel oder Maßstab oder Vereindeutigungsinstrument gegen alle Instanzen eindeutig in den Griff.“ … Der Gewinn, dass man in der Bibel eine hilfreiche Autorität sehen darf, „wird nicht selten so verspielt, dass man durch seine eigene Bibeltreue … meint zu wissen, die Wahrheit in der Tasche zu haben. Anders als die anderen, die irgendwie häretisch oder abgeirrt oder zu selbstbewusst oder zu verführt oder zu irregegangen oder wer weiß was sind. Hier wird Autorität bisweilen zum Autoritarismus, zum Anspruch absoluter Wahrheit, die sich nur durchdrücken kann, die unterdrückt, die nur auf Befehl und Gehorsam geeicht ist.“ (im Worthausvortrag „Entstehung und Autorität des neutestamentlichen Kanons“, ab 1:09.30 bzw. ab 1:12.00)

(12) Als klassische Beispiele werden die Überwindung des Patriarchats oder der Sklaverei angeführt. Entsprechend könne nun auch z.B. die biblische Sichtweise im Umgang mit Homosexualität auf Basis des biblischen Liebesgebots weiter entwickelt werden. Vertreter des historischen Bibelverständnisses entgegnen, dass die Überwindung von Patriarchat und Sklaverei schon sehr klar im Bibeltext angelegt ist, während es für eine Überwindung der ablehnenden Haltung gegenüber praktizierter Homosexualität keinerlei Indizien im biblischen Gesamtzeugnis gibt.

Gibt es einen brückenbauenden Mittelweg?

Es gibt Theologen, die einem progressiven Bibelverständnis folgen, der Bibel aber trotzdem mit großem Vorvertrauen begegnen und entsprechend kaum von Fehlern, Widersprüchen und von der Weiterentwicklung veralteter Sichtweisen reden. Entsprechend nähern sich dann die Auslegungsergebnisse an. Die Praxis in der evangelikalen Welt zeigt jedoch: Wenn der Anker des Offenbarungscharakters einer unfehlbaren, einheitlichen, klaren und abgeschlossenen Schrift erst einmal gelöst ist, dann tun sich schon bald auch in den allerzentralsten Glaubensfragen unüberbrückbare Gräben auf wie z.B. beim stellvertretenden Sühneopfer, bei der Leiblichkeit der Auferstehung, bei der Historizität der Heilsereignisse (z.B. Jungfrauengeburt), bei der Göttlichkeit Jesu, bei der Realität des kommenden Gerichts und der Sündhaftigkeit des Menschen.

Das hat vor allem zwei Gründe:

  • Die Vertreter eines progressiven Bibelverständnisses gehen meist wertschätzend mit den Einflüssen der universitären Bibelwissenschaft um. Vertreter des historischen Bibelverständnisses hingegen lehnen den an den Universitäten vorherrschenden Wissenschaftsbegriff ab, nach dem bei der Erforschung der Bibel nicht mit der Realität von Wundern und Offenbarung gerechnet werden darf. Entsprechend stehen sie Modellbildungen und exegetischen Ergebnissen, die auf diesem naturalistisch geprägten Wissenschaftsbegriffs basieren, kritisch gegenüber.
  • Im Rahmen des progressiven Bibelverständnisses ist eine kritische Auseinandersetzung mit falscher Lehre kaum möglich. Stattdessen werden Glaubensüberzeugungen eher “subjektiviert”, das heißt sie gelten nicht mehr objektiv für alle Gläubigen (so wie es Christen bislang in Glaubensbekenntnissen zum Ausdruck gebracht haben) sondern nur noch subjektiv für denjenigen, der eine Wahrheit für sich als Gottes Wort empfindet. Damit fehlt der Einheit in Gemeinden, Gemeinschaften und Kirchen schon bald das Fundament von gemeinsam geteilten Glaubensüberzeugungen. Entsprechend schwindet das gemeinsame Engagement.

Um der Einheit willen ist es angesichts der grundlegenden Differenzen und der weitreichenden Konsequenzen dringend notwendig, solche Differenzen beim Bibelverständnis offen anzusprechen.

Ist Jesus für unsere Scham gestorben?

„Jesus starb für mich!“ In diesen 4 Worten fasste der Prediger Charles H. Spurgeon seine Theologie zusammen. Aber warum tat Jesus das? Für mich war immer klar: Er starb für meine Schuld. Er nahm die Strafe, die ich verdiene, stellvertretend auf sich, damit ich leben kann – in Ewigkeit. In einem Artikel von Andreas Boppart las ich vor einiger Zeit jedoch:

„Er hing am Kreuz nicht nur mit unserer Schuld, sondern hat auch unsere Scham auf sich genommen, damit wir uns nicht mehr selbst schämen und auch nicht mehr andere beschämen müssen.“

Dazu erläutert er: Dass Jesus am Kreuz auch unsere Scham getragen hat, sollten wir heute mehr denn je betonen. Denn unsere Gesellschaft hat sich gewandelt. Aus der ehemaligen Schuldkultur ist eine Schamkultur geworden. Die Frage nach Schuld und Vergebung spielt für die Menschen praktisch keine Rolle mehr. Das hat Konsequenzen für ihre Empfänglichkeit für die christliche Botschaft: „Menschen, die sich nicht schuldig fühlen, brauchen keinen Christus, der am Kreuz für ihre Schuld stirbt.“

Aus dem gleichen Grund hatte zuvor schon Tobias Faix für einen alternativen „Scham-Annahme-Zugang“ zum Evangelium geworben, in dem das Thema Gemeinschaft eine zentrale Rolle spielt: „Gott ist Vater und Mutter. Der Mensch fragt, wie Gemeinschaft gelingen kann. Jesus kommt als der Versöhner, wenn das nicht gelingt. Jüngerschaft heißt Loyalität und Solidarität. Die Metapher ist Gemeinschaft haben. Und das Gute ist, Teil dieser Gemeinschaft zu sein.“[i] Im Vergleich dazu sei der „Schuld-Vergebungs-Zugang“ zum Evangelium zwar nicht falsch, aber viele Menschen verstünden ihn heute nicht mehr. Er liefert Antworten auf Fragen, die niemand mehr stellt.

Muss ich also den AiGG-Glaubenskurs umschreiben, weil hier immer noch Schuld und Vergebung im Mittelpunkt steht? Rede ich an den Menschen vorbei? Diese Frage hat mich beschäftigt. Und ich habe das getan, was schon die Menschen in Beröa taten: „Sie … forschten … in der Schrift, ob sich’s so verhielte.“ (Apg.17,11). Begonnen habe ich mit einer simplen Begriffsanalyse:

Eine Wort- und Spurensuche

Begriffe, die im „Scham-Annahme-Zugang“ eine Rolle spielen, kommen gemäß meiner Suche in der Basis-Bibel 391 mal vor, davon 89 mal im Neuen Testament. Begriffe, die zum „Schuld-Vergebungs-Zugang“ gehören, finden sich an 868 Stellen, davon 238 mal im Neuen Testament. Allerdings sind solche Zahlen wenig aussagekräftig. Häufigkeit korreliert in der Bibel nicht immer mit Bedeutsamkeit. Wesentlich wichtiger ist die Frage: Was sagen diese Stellen tatsächlich aus? Und wie bedeutsam sind sie für die große „Gesamt-Story“ der Bibel?

Ich habe mir alle 327 Verse im Neuen Testament angeschaut. Schnell wurde deutlich: Stellen mit Begriffen zum „Schuld-Vergebungs-Zugang“ sind nicht nur sehr viel häufiger. Viele davon sind zudem absolut grundlegend für die großen Erzählzusammenhänge der Bibel. Sie beantworten die grundlegendsten Fragen, die man als Bibelleser haben kann:

Was ist das große Grundproblem der Menschheit? Durch einen einzigen Menschen kam die Sünde in die Welt. Und durch die Sünde kam der Tod. So verfielen alle Menschen dem Tod. Denn alle Menschen haben Schuld auf sich geladen.“ (Röm.5,12)

Worin bestand Jesu Mission? „Er wird sein Volk retten: Er befreit es von aller Schuld.“ (Mt.1,21) „Seht doch! Das ist das Lamm Gottes. Es nimmt die Sünde dieser Welt weg! (Joh.1,29) „Christus Jesus ist in diese Welt gekommen, um die Sünder zu retten.(1.Tim.1,15) „Ihr wisst: Jesus Christus ist gekommen, um die Sünden wegzunehmen.“ (1.Joh.3,5)

Worin bestand Jesu Botschaft im Kern? Lasst euch taufen und ändert euer Leben! Gott will euch eure Schuld vergeben.“ (Lk.3,3)

Wem galt seine Botschaft? Ich bin nicht gekommen, um die Gerechten zu rufen, sondern die Sünder.“ (Mk.2,17)

Worin bestand Jesu Auftrag an die Jünger? Allen Völkern muss in seinem Namen verkündet werden: ›Ändert euer Leben! Gott will euch eure Schuld vergeben.‹ Fangt in Jerusalem an!“ (Lk.24,47)

Wofür hat Jesus sein Blut vergossen? „Dann reinigt uns das Blut von jeder Schuld, das sein Sohn Jesus für uns vergossen hat.“ (1.Joh.1,7) „Er liebt uns und hat uns durch sein Blut von unserer Schuld befreit.“ (Offb.1,5)

Worin bestand Jesu Erlösungswerk? „Der schenkt uns die Erlösung, die Vergebung unserer Sünden.“ (Kol.1,14)

Worin besteht im Kern Gottes neuer Bund mit den Menschen? „Das ist der Bund, den ich, der Herr, mit ihnen geschlossen habe. Er wird erfüllt, wenn ich ihre Sünden von ihnen nehme.“ (Röm.11,27)

Worum geht es beim Abendmahl? „Das ist mein Blut. Es steht für den Bund, den Gott mit den Menschen schließt. Mein Blut wird für die vielen vergossen werden zur Vergebung ihrer Sünden.“ (Mt.26,28)

Was stand im Zentrum der Botschaft der Apostel? „Ändert euer Leben! Lasst euch alle taufen im Namen von Jesus Christus. Dann wird Gott euch eure Schuld vergeben und euch den Heiligen Geist schenken.“ (Apg.2,38) „Ebenso bezeugen alle Propheten von Jesus: Durch die Macht seines Namens werden allen, die an ihn glauben, ihre Sünden vergeben.“ (Apg.10,43)

Was stand im Zentrum des Glaubens der ersten Christen? „Was ich euch weitergegeben habe, habe ich selbst als Überlieferung empfangen. Grundlegend ist: Christus ist für unsere Sünden gestorben, wie es in der Heiligen Schrift steht.“ (1.Kor.15,3)

Die genannten Stellen sind nur eine Auswahl. Beim Durchsehen der Bibelstellen haben sich mir noch viele weitere Verse aufgedrängt, die es verdient hätten, in diese Liste aufgenommen zu werden.

Beim Durchsehen der Verse mit Begriffen zum sogenannten „Scham-Annahme-Zugang” ergab sich hingegen ein vollkommen anderes Bild:

Redet die Bibel von einer „Entschämung“?

Mir ist keine Stelle begegnet mit der direkten Aussage, dass Gott uns von Scham befreit. Paulus schreibt den Römern sogar im Gegenteil, dass sie sich immer noch für ihre früheren Sünden schämen (Röm.6,21). Zugleich hält er aber fest, dass Gott uns mit Ehre“, also mit dem Gegenteil von Scham beschenkt: Aber jedem, der Gutes tut, schenkt Gott Herrlichkeit, Ehre und Frieden.“ (Röm.2,10) Zum Thema „Schande“ lesen wir im Hebräerbrief: „Mose setzte sich derselben Schande aus, die auch Christus auf sich nahm.“ (Heb.11,26) „Wir wollen die Schande auf uns nehmen, die er zu tragen hatte.“ (Heb.13,13). Christus hat am Kreuz also Schande auf sich genommen. Warum er das getan hat, wird im Vers davor erläutert: „So hat er durch sein eigenes Blut das Volk heilig gemacht.“ (Heb.13,12) Jesus hat die Schande also ertragen, damit unsere Sünde getilgt wird.

Sehr viel mehr sagt das NT zum Thema Versöhnung: Als wir noch Feinde waren, wurden wir mit Gott versöhnt durch den Tod seines Sohnes. … Wir dürfen regelrecht stolz darauf sein, dass wir zu Gott gehören. Das verdanken wir Jesus Christus, unserem Herrn. Durch ihn haben wir jetzt schon die Versöhnung erlangt.“ (Röm.5,10+11) Der Tod Jesu versöhnt uns also. Paulus spricht sogar davon, dass wir stolz sein dürfen. In Kolosser 1,20 ergänzt er: Er wollte, dass alles durch ihn Versöhnung erfährt. … Denn er hat Frieden gestiftet durch das Blut, das er am Kreuz vergossen hat.“ Die Frage ist: Wie kann der Tod und das Blut Jesu Versöhnung bewirken? Dazu stellt Paulus im Korintherbrief klar: „In Christus war Gott selbst am Werk, um die Welt mit sich zu versöhnen. Er hat den Menschen ihre Verfehlungen nicht angerechnet.“ (2.Kor.5,18-19) Auch beim Thema “Versöhnung” geht es also darum, dass „Verfehlungen nicht angerechnet“ werden. Noch deutlicher schreibt Johannes dazu: Er hat unsere Schuld auf sich genommen und uns so mit Gott versöhnt.“ (1.Joh.2,2, siehe auch 4,10) Versöhnung und Vergebung gehören also untrennbar zusammen.

Biblische Bilder voll Würde, Ehre und Versöhnung

Es reicht aber nicht, die Bibel nach Begriffen abzusuchen. Die Bibel erzählt viele Wahrheiten in Bildern und Geschichten. So spricht sie zum Beispiel davon, dass wir von Gott als seine Kinder angenommen werden (Joh.1,12), dass wir geadelt werden als „Botschafter“ (2.Kor.5,20), „Freunde“ (Joh.15,15), „Erben“ (Röm.8,17), „Könige und Priester“ (1.Pet.2,9). All das ist tatsächlich das Gegenteil von Scham.

Immer wieder wird aber auch deutlich: Auch für diese Zusprüche ist die Vergebung und Erlösung am Kreuz die Basis: „Wenn wir Kinder sind, dann sind wir aber auch Erben: Erben Gottes und Miterben von Christus. Voraussetzung ist, dass wir sein Leiden teilen. Denn dadurch bekommen wir auch Anteil an seiner Herrlichkeit.“ (Röm.8,17)

Die Folgen von Schuld: Scham und ein schlechtes Gewissen

Am Kreuz wird somit zurückgedreht, was die Menschen sich beim Sündenfall eingebrockt hatten: Adam und Eva hatten gegen Gottes Gebot verstoßen. Sie haben gesündigt – und sich in der Folge vor Gott geschämt. Scham war also die Konsequenz der Sünde. Dieses Prinzip findet man noch öfter im Alten Testament, zum Beispiel in Jeremia 3,25: „In unserer Schande liegen wir da, unsere Schmach bedeckt uns. Denn wir haben Sünden begangen.“ (vgl. auch Jer.6,15; Esr.9,6; Hes.36,31-33; Dan.9,8; Röm.6,20-21).

Im Zusammenhang mit Scham spielt auch unser Gewissen eine wichtige Rolle. Das NT macht deutlich: Das Blut Jesu sowie die Taufe kann uns vom schlechten Gewissen befreien: „Denn unsere Herzen sind besprengt worden mit dem Blut von Jesus. So wurde unser Gewissen rein von der Schuld, die es belastet.“ (Hebr.10,22) „Bei der Taufe wird nicht Schmutz vom Körper gewaschen. Vielmehr ist sie die an Gott gerichtete Bitte um ein reines Gewissen.“ (1.Petr.3,21) Die „Ent-schämung“ basiert also auch hier auf der „Ent-schuldung“.

Meine kleine biblische Analyse zur Frage, ob Jesus auch für unsere Scham gestorben ist, kommt also zu einem überraschend klaren Ergebnis:

Ja: Jesus ist auch gestorben, um uns zu „ent-schämen“

Jesu Tod am Kreuz hat gemäß dem biblischen Zeugnis ohne Zweifel auch eine „Ent-Schämung“, eine Versöhnung und eine Wiederherstellung unserer Würde und Ehre zur Folge. Das ist eine gute Nachricht für die vielen Menschen in unserer Gesellschaft, die leiden unter einer durch das Internet massiv forcierten Schamkultur, in der Menschen sich ausgegrenzt, abgehängt und unwürdig fühlen. Die gute Nachricht ist: Jesus verleiht uns Würde. Er spricht uns Annahme und Wert zu. Unser himmlischer Vater gibt uns Heimat, Identität und Geborgenheit. Diese herrlichen Wahrheiten sind wichtige Anknüpfungspunkte zur Verkündigung des Evangeliums in einer Gesellschaft, die kaum noch über objektive Schuld nachdenkt und keinen Bedarf auf Vergebung sieht. Auch im AiGG-Glaubenskurs ist die Frage nach Identität, Wert und Annahme der erste, zentrale Anknüpfungspunkt. Zugleich gilt aber auch:

Keine “Entschämung” ohne “Entschuldung”!

Unsere Evangeliumsbotschaft bleibt unvollständig und oberflächlich, wenn wir verschweigen, woher unsere Scham letztendlich kommt. Ihre tiefste Ursache liegt in unserer Verstrickung in Sünde, in unserer Ignoranz gegenüber unserem Schöpfer, seiner Liebe, seiner Gerechtigkeit und seinen Geboten für ein gelingendes Leben. Die Wiederherstellung unserer Ehre und Würde gelingt nur über das Kreuz, über die Vergebung unserer Schuld und die Erneuerung unseres Lebens durch den Heiligen Geist.

Schuld und Scham sind somit keine alternativen Zugänge zum Evangelium, zwischen denen wir wählen können. Schuld ist und bleibt unser zentrales Problem. Auch Menschen, die sich nicht schuldig fühlen, brauchen Christus, der am Kreuz für ihre Schuld stirbt. Denn die Überwindung der subjektiven Scham basiert letztlich auf der Beseitigung der objektiven Schuld, die real vorhanden ist und uns von Gott und vom Heil trennt – ob wir sie wahrnehmen oder nicht. Wo nur noch von Annahme und Versöhnung die Rede ist und das Schuldproblem nicht mehr im Mittelpunkt steht, da sind wir bei einem anderen Evangelium gelandet, das sich nicht auf die Bibel berufen kann.

Das Wichtigste muss das Wichtigste bleiben!

Als Jesus den Gelähmten heilte, den seine Freunde durchs Dach heruntergelassen hatten, sagte er etwas Überraschendes: „Nur Mut, mein Kind! Deine Sünden sind dir vergeben!“ (Mt.9,2) Damit hatte niemand gerechnet. Das offenkundige Problem dieses Mannes war ja nicht seine Sündenschuld, sondern seine Krankheit. Indem Jesus die Vergebung vor die erhoffte Heilung stellt, macht er deutlich: Schuld ist auch dann das zentrale Problem, wenn wir sie überhaupt nicht auf dem Schirm haben.

Egal, was wir uns von Jesus wünschen: Er wird uns irgendwann immer auf unser Kernproblem ansprechen: Unsere Schuld, die uns von Gott und seiner Liebe trennt und uns letztlich den Tod bringt. Es wird deshalb auch für uns  immer eine entscheidende Aufgabe bleiben, die Menschen zu diesem Zentrum unserer Probleme hinzuführen. Tun wir das nicht, sind wir wie ein Arzt, der einem Menschen seinen Wunsch nach einem Schmerzmittel erfüllt, ihm aber zugleich nicht ehrlich sagt, dass die Schmerzen von einer sehr viel grundlegenderen Krankheit verursacht werden, mit der wir uns unbedingt auseinandersetzen müssen, um unser Problem zu lösen.

Der Heilige Geist ist unser Kommunikationshelfer

Auch, wenn unsere Gesellschaft für das Schuldthema „unmusikalisch“ geworden ist: Wir dürfen zuversichtlich sein, dass es trotzdem heute noch gelingen kann, diese Botschaft zu vermitteln. Jesus hat versprochen: Der Heilige Geist hilft uns, den Menschen ihr Schuldproblem aufzuzeigen. Genau das ist sein wichtigster Job: „Wenn dann der Beistand kommt, wird er dieser Welt die Augen öffnen – für ihre Schuld, für die Gerechtigkeit und das Gericht.“ (Joh.16,8)

Im Vertrauen auf den Heiligen Geist können und sollen wir zur richtigen Zeit und in geeigneter Form mit den Menschen auch über die Realität ihrer Schuld sprechen. Denn wenn die Bibel recht hat, dann ist Schuld ihr zentrales Problem. Es wäre schlicht lieblos, dieses Thema den Menschen zu verschweigen.


[i] Tobias Faix: Warum ist Spiritualität in und Kirche out, Vortrag vom 10.5.2018, Kassel, https://www.baptisten.de/aktuelles-schwerpunkte/bundesratstagung-2018/nachlese/audio-vortrag-tobias-faix, ab 37:29.

Von der Dekonstruktion zur Rekonstruktion

Wie fühlt es sich an, wenn der Glaube, von dem man sich viele Jahre geprägt und getragen fühlte, plötzlich zu zerfallen droht? Genau das hat Alisa Childers erlebt. Unter dem Einfluss eines progressiven Pastors wurden schrittweise alle ihre Glaubensfundamente dekonstruiert, auf die sie sich immer ganz selbstverständlich verlassen hatte. Tiefe Verunsicherung und Verzweiflung war die Folge.

Trotzdem hat Alisa Childers ihren Glauben nicht einfach weggeworfen. Stattdessen ging sie der Frage nach: Stimmen die Argumente, die meinen Glauben in Frage stellen, denn wirklich? Ihre Suche wurde schon bald zur Entdeckungsreise. Alisa Childers bemerkte, dass der christliche Glaube keineswegs nur auf Gefühlen und blindem Vertrauen basiert, sondern dass es zahlreiche vernünftige Gründe gibt, Jesus und seinem in der Bibel festgehaltenen Wort zu vertrauen. Und so erlebt der Leser dieses flüssig und spannend geschriebenen Buchs nicht nur die emotionale Achterbahnfahrt von Alisa Childers. Nebenbei lernt er wichtige Einstiegslektionen in das Fach „Apologetik“ kennen, also in die Lehre von der Verteidigung des christlichen Glaubens.

Besonders bedeutsam waren für Childers die Schriften der frühen Kirchenväter. Sie schreibt: Darin “entdeckte ich zu meiner Freude sehr Vertrautes, so uralt es auch war: eine tiefe Liebe zur Heiligen Schrift und eine beinahe empörte Verteidigung des Evangeliums. Ja, es gab zu jeder Zeit Lehrstreitigkeiten, Debatten über Auslegungen und Auseinandersetzungen über die Anwendung und Praxis. Eines aber lässt sich durch die Geschichte bis zur Entstehung des Christentums zurückverfolgen, nämlich dass die Bibel – jedes Wort darin – für Christen das Wort Gottes ist. Ab und zu gerieten Dinge aus der Spur, aber von Anfang an waren Christen sich einig, dass die Bibel zusammenhängend, schlüssig, von Gott inspiriert und maßgeblich für unser Leben ist.” (S. 96)

Zugleich deckt Childers grundlegende Schwächen in der Argumentation und Denkweise vieler sogenannter „progressiver“ Christen auf. So schreibt sie: “Den progressiven Christen zufolge haben wir die Bibel bisher immer falsch verstanden. Haben wir erst jetzt, zweitausend Jahre später, herausgefunden, wie wir sie richtig lesen müssen? Hat Gott nun endlich einigen wenigen Auserwählten unter den wohlhabendsten Leuten der westlichen Zivilisation offenbart, wie die Heilie Schrift richtig auszulegen und anzuwenden ist? Ich glaube nicht.” (S. 129)

Am Ende ist sie Gott sogar dankbar für die Zeit, in der ihr Glaube erschüttert wurde. Denn heute weiß sie, dass ihr rekonstruierter Glaube sehr viel fester und belastbarer geworden ist. Ihr Fazit ist ermutigend: „Langsam und stetig baute Gott meinen Glauben wieder auf. Die Fragen, die meinen Überzeugungen den Boden unter den Füßen weggezogen hatten … wurden nicht einfach nur beantwortet. Sie schrumpften unter handfesten Belegen und einer wasserdichten Logik zusammen, die so robust war, dass ich mir vorkam wie ein Kind im Süßigkeitenladen, das eben erst herausgefunden hat, dass es Süßigkeiten gibt.“ (S. 257/258)

Wie sehr würde ich mir wünschen, dass diese Liebe zur Apologetik wieder um sich greift! Denn mir hat das Buch gezeigt: Die Denkmuster der „progressive Christen“ im US-amerikanischen Raum sind in vielen Punkten sehr ähnlich wie die Argumentationsmuster des rasch wachsenden Postevangelikalismus im deutschsprachigen Raum, den ich in meinem Buch „Zeit des Umbruchs“ beschrieben habe. Sie führen hier wie dort zu einer Unterwanderung des historischen christlichen Glaubens.

Umso mehr kann ich dieses Buch nur leidenschaftlich weiter empfehlen. Es wird gerade jetzt dringendst gebraucht.

Transformation – Eine Aufgabe der Kirche?

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Verbindungen zwischen evangelikalen Christen mit Politikern wie Trump oder Bolsonaro wurden in den letzten Monaten auch von Christen teils heftig kritisiert. Manch einer sah darin sogar einen Grund, nicht mehr evangelikal sein zu wollen. Und auch ich bin der Meinung: Trotz allem begrüßenswerten Einsatz Trumps gegen Abtreibung und für Israel dürfen wir nie vergessen, dass das Reich Jesu nicht von dieser Welt stammt (Joh.18,36). Die Kirche Jesu hat einen Auftrag, der nicht mit Mitteln der Politik erreicht werden kann. Und wenn Kirche sich zu eng und unkritisch mit Politikern verbündet, dann werden auch alle ihre Schwächen und Fehler auf die Kirche zurückfallen – was bei Trump nicht nur angesichts seiner extrem polarisierenden Rhetorik besonders viel Schaden angerichtet hat.

Die Einsicht, dass die Kirche Jesu sich niemals zu sehr mit politischen Schwergewichten gemein machen sollte, schien mir zuletzt eigentlich weitgehender Konsens unter Evangelikalen in Deutschland zu sein. Umso mehr erstaunt es mich, immer öfter auch aus dem evangelikalen Umfeld Forderungen zu hören, dass Christen sich mit Greta Thunberg und Fridays for Future solidarisieren sollten. Zwar kann ich gut verstehen, dass auch vielen Christen Klimaschutz sehr wichtig ist. Jedoch ist auch Thunbergs Rhetorik teilweise sehr polarisierend und deshalb (m.E. zurecht) hoch umstritten.[1] Zudem hat Thunberg sowie die internationale FFF-Leitung ausgerechnet nach den fürchterlichen Raketenangriffen der Hamas auf Israel Inhalte der als antisemitisch einzustufenden BDS-Bewegung verbreitet. Hinzu kommen Hinweise auf linksextreme Einflüsse bei FFF. Greta Thunberg bekleidet zwar kein politisches Amt. Trotzdem gilt sie als eine der politisch einflussreichsten Persönlichkeiten der Gegenwart. Auch wenn man sie natürlich in keiner Weise mit Donald Trump vergleichen kann, frage ich mich: Müsste für die Kirche Jesu nicht auch bei Greta Thunberg und FFF genau die gleiche Warnung gelten, sich niemals öffentlich zu sehr mit politischen Akteuren gemein zu machen?

Transformieren oder Untergehen?

Um genauer zu verstehen, warum jetzt auch im evangelikalen Umfeld für den Schulterschluss mit FFF geworben wird, habe ich das „Handbuch Transformation“ gelesen, das von Tobias Faix und Tobias Künkler (beide Dozenten an der CVJM-Hochschule Kassel) herausgegeben wurde. Auf 383 Seiten findet man dort Artikel von 24 verschiedenen Autoren zum Thema „Transformation“. Den Begriff definiert Tobias Faix dabei wie folgt:

„Transformation beschreibt im Sinne einer Theologie der Transformation das Heilshandeln Gottes (missio Dei) an einer sich verändernden Welt.“ (S. 228)

Schon auf den ersten Seiten zeigt sich: Die Herausgeber Faix und Künkler legen allen Überlegungen zur Transformation eine pessimistische Weltsicht zugrunde, die sich weitgehend mit den Sichtweisen vieler FFF-Aktivisten deckt:

„Wir wissen immer deutlicher, dass die Menschheit längst mehrere planetare Grenzen überschritten hat und dabei hochkomplexe, irreversible Prozesse in Gang gesetzt hat, die gravierende negative Auswirkungen auf die Menschheit haben werden, besonders auf die zukünftigen Generationen und besonders die in Armut lebenden. Vor allem unter dem Eindruck der Klimakrise wächst gegenwärtig das gesellschaftliche Bewusstsein, dass es eine »Große Transformation« hin zu einer wirklich nachhaltigen Gesellschaft geben muss. … Einen Zwang zur Transformation zu postulieren, mag harsch klingen, aber letztlich stehen wir hier vor der Wahl, wie sie Harald Welzer folgendermaßen auf den Punkt brachte: »Transformation by design oder desaster«. Entweder wir schaffen es, die nötigen Transformationen zu gestalten, o­der wir werden durch Krisen und Katastrophen hierzu genötigt. Betrachtet man die wissenschaftlichen Prognosen des Klimawandels, dann werden die bereits gravierenden gesellschaftlichen Transformationen und Änderungen unserer Lebensweise, in die wir gegenwärtig durch die Covid-19-Pandemie gezwungen werden, im Rückblick dabei vielleicht vergleichsweise harmlos erscheinen.“ (S. 11) „Neben der Hitze sind aber auch Hunger, Ertrinken, Flächenbrände, Süßwassermangel, sterbende Meere, verpestete Luft, Seuchen, zusammenbrechende Wirtschaftssysteme, Klimaflüchtlinge und Klimakonflikte weitere Auswirkungen des Klimawandels. Mit anderen Worten: »Die desaströsen Auswirkungen, die wir heute überall um uns herum erleben, sind immer noch besser als das Best-Case-Szenario.« Genau deswegen leben wir in einem Kairos, der eine dritte Große Transformation nötig macht.“ (S. 22)

Jürgen Harder verstärkt dies noch mit den Worten (S. 33/34): „So ist »Das Ende der Welt, wie wir sie kannten« keine ferne Dystopie, sondern bereits jetzt im Gange« … »Eine Gesellschaft, die über ihren Fortbestand angesichts sich dramatisch verändernder Umweltbedingungen nicht nachdenkt … wird unter großen menschlichen Kosten peu a peu zerfallen … Oder sie wird sich kulturell und sozial erneuern und als eine andere, transformierte, überleben.«“

Die Klimakatastrophe: Ein geeigneter Motor für Transformation?

Wie gesichert und faktenbasiert diese apokalyptisch anmutende Sichtweise tatsächlich ist, wird im Buch nicht diskutiert. Ich habe zu diesen Fragen durchaus unterschiedliche und sich widersprechende Meinungen von Experten gehört. Da ich mich in diesem Feld nicht auskenne, kann ich das nicht bewerten. Meine Erfahrung ist aber zumindest, dass Wissenschaft hinter den Kulissen oftmals weit komplexer und weniger eindeutig ist, als dies in der Öffentlichkeit dargestellt wird. Tatsache ist zudem, dass sich solche angsterzeugenden Weltuntergangsszenarien (wie z.B. vom im Buch erwähnten „Club of Rome“) in den vergangenen Jahr­zehnten schon des Öfteren als grob falsch erwiesen haben.[2]

Aber auch wenn man eine kommende Klimakatastrophe für wissenschaftlich gesichert hält, stellt sich aus meiner Sicht die Frage: Inwieweit können denn düstere Untergangswarnungen ein guter Antrieb für positive gesellschaftliche Transformationen sein? Anders gefragt: Ist Angst ein guter Ratgeber? Zumindest darüber hätte ich mir in diesem Buch einen abwägenden Diskurs gewünscht, um der Meinungsvielfalt in der Gesellschaft Rechnung zu tragen.

Transformation auf allen Ebenen

Die aus Sicht der Autoren unumgängliche „große Transformation“ soll laut Faix / Künkler alle Ebenen betreffen: Auf der „Mikroebene“ geht es um die Transformation einzelner Menschen. Auf der „Mesoebene“ geht es um die Transformation von Institutionen oder Organisationen. Auf der „Makroebene“ werden Transformationen der Gesamtgesellschaft erwartet. Und auf der „Metaebene“ kommen Transformationsprozesse bei gesellschaftskonstituierenden Ideen und Prozessen (z.B. aus philosophischer Perspektive) in den Blick.

Das führt natürlich zu der Frage: Welche Rolle kann bzw. soll die Kirche bei derartigen allumfassenden Transformationen spielen?

Transformation im biblischen Sinn ist nur christuszentriert zu denken

Ohne Zweifel sagt die Bibel viel zum Thema Transformation. Jedoch ist sie dort niemals ohne das konkrete Einlassen auf Gottes Wirken und seinen Willen denkbar. Volker Rabens schreibt dazu: „Unsere Untersuchung zur Transformation im Neuen Testament hat unsere Aufmerksamkeit wiederholt auf die zentrale Rolle Jesu Christi gelenkt.“ (S. 178) Genauer gesagt: „In der innigen, transformierenden Beziehung zu Gott werden die Gläubigen gemeinsam in das Bild Christi geformt.“ (S. 175) Auch Rüdiger Gebhardt bestätigt: „Wer in einer solchen Christusbeziehung lebt, ist ein veränderter ein neuer Mensch mit einem neuen Leben. … Das neue Leben – samt seiner neuen ethischen Ausrichtung – ist nicht mehr das eigene Leben, sondern es ist das Leben in Christus bzw. das Leben Christi in mir.“ (S. 191)

Für Gebhardt ist somit allein Christus die treibende Kraft echter Transformation: „Dadurch, dass Christus in ihm lebt, hat er eine neue Identität, ein neues Wesen (=forma) erlangt, obgleich er seinem Äußeren (=materia) nach als er selbst erkennbar bleibt. Und das ist exakt das, was durch den Begriff „Transformation“ zum Ausdruck gebracht werden kann.“ (S. 192) Transformation ist für Gebhardt deshalb „konsequent relational zu denken“: Die „eigentliche Pointe einer an Transformation orientierten Theologie“ ist die „permanente Rückbindung der Transformationsprozesse an die Gottes- bzw. Christusbeziehung.“ (S. 194)

Es geht im Neuen Testament somit gerade nicht nur um die Verbreitung „christlicher Werte“ oder einer von Christus losgelösten „jesuanischen Ethik“. Gleich gar nicht geht es um die Verbreitung eines „universellen Humanismus“, den Uwe Schneidewind in seinem Artikel für den Beitrag der Kirchen in den anstehenden gesellschaftlichen Transformationsprozessen hält (S. 43). Es geht vielmehr im Kern um eine Erneuerung der Herzen, die nur in der praktisch gelebten Beziehung mit dem auferstandenen Christus gelingen kann.

Das Reich Gottes ist dort, wo Christus herrscht

Das zeigt sich auch in der Lehre Jesu vom Reich Gottes. „Dein Reich komme“ gehörte für Jesus unmittelbar zusammen mit der Bitte „Dein Wille geschehe“. Entsprechend rief Jesus dazu auf, dass alle Menschen gelehrt werden sollten, alles zu halten, was Jesus befohlen hat (Mt. 28,20). Zurecht stellt Marcel Redling deshalb fest: „Im Zentrum eines jeden Gottesdienstes steht das gemeinsame Bekenntnis: Jesus ist Herr.“ (S. 134) Und Bernhard Ott, der als Gottes Ziel mit dieser Welt den „Shalom“ (also einen umfassenden Frieden) sieht, betont: „Shalom kann gefunden werden in der Beziehung zu Gott und in der Gemeinschaft des Volkes Gottes, das nach den Weisungen dieses Gottes lebt.“ (S. 153) Alle positiven Eigenschaften des künftigen und doch bereits angebrochenen Gottesreichs (wie z.B. Friede, Gerechtigkeit, Heil) hängen im Neuen Testament also immer untrennbar mit der Unterordnung unter Gottes Herrschaft zusammen.

Haben die Autoren des „Handbuchs Transformation“ angesichts dieses eindeutigen biblischen Befunds somit das Ziel vor Augen, die ganze Gesellschaft in die Nachfolge Jesu zu rufen, damit die ganze Gesellschaft transformiert werden kann?

Zwei Arten von Transformation

Damit kommen wir zum größten Problem dieses Buchs: Immer wieder wird stillschweigend gewechselt zwischen der Transformation in Christus einerseits und politischen sowie gesellschaftlichen Transformationsprozessen andererseits, ohne dabei ausreichend deutlich zu machen, dass sich diese beiden Arten von Transformation natürlich grundlegend voneinander unterscheiden:

Für eine Transformation in Christus ist der Ruf zur Christusnachfolge eine unabdingbare Voraussetzung. Viele gesellschaftliche Transformationsprozesse hingegen haben mit christlich-religiösen Einflussfaktoren zunächst einmal wenig oder gar nichts zu tun. Man kann zwar Vermutungen anstellen, dass auch hinter manchen Gesellschaftstransformationen ein göttliches Wirken stehen könnte oder dass es sich zumindest um eine Folgewirkung christlicher Einflüsse handelt.[3] Das ändert aber nichts daran, dass solche philosophisch, techno­logisch, soziologisch oder politisch verursachten gesellschaftlichen Verschiebungen und „Mind-Shifts“ etwas kategorial anderes sind als die im Neuen Testament beschriebene Erneuerung in Christus.

Ein gesellschaftskritisches Amt der Kirche?

Richtig ist natürlich, dass Christen sich für beide Arten von Transformation interessieren sollten. Wie alle Bürger einer demokratischen Gesellschaft sind auch Christen gerufen, sich politisch zu engagieren und positive gesellschaft­liche Veränderungen mit voranzubringen. Ich habe allergrößte Hochachtung vor Christen, die sich für die Überwindung von Sklaverei und Menschenhandel, für die Aufforstung von Wüstengebieten oder für die Gewährleistung gerechter Lieferketten engagieren.

Aber ist die öffentliche Einmischung in gesamtgesellschaftliche Transformationsprozesse wirklich auch der (öffentliche) Auftrag kirchlicher Institutionen? Tobias Faix meint: Ja! Er fordert deshalb eine „öffentliche Theologie“, die er wie folgt definiert: „Öffentliche Theologie … fordert eine prophetische Stimme und »Einmischung und Anwaltschaft« kirchlicher Akteure aufgrund der christlichen Tradition und ihrer Werte, die ein Orientierungspotenzial anbieten und immer auch eine gesellschaftskritische Dimension verkörpern. Sie setzen sich mit den Zukunftsfragen der Menschheit auseinander und kämpfen für die Durchsetzung der Menschenrechte sowie für die soziale Gerechtigkeit.“ (S. 227)

Um diesen Auftrag der Kirche biblisch zu begründen, zieht Tobias Faix eine Parallele zwischen heutiger politischer Agitation und den alttestamentlichen Propheten: „Das prophe­tische Amt der Kirche besteht vor allem darin, ungerechte Strukturen und unterdrückende Systeme zu identifizieren und aufzudecken. Und dies in Art und Weise der alttestamentlichen Propheten, also in einer Mischung aus Gesellschaftskritik und Poesie, mit Leidenschaft, analytischer Klugheit, Fantasie und Kreativität.“ (S. 234)

Dabei erwähnt Faix jedoch nicht, was Bernhard Ott richtigerweise als die entscheidende Mitte der Botschaft der Propheten ausmacht: „Die Botschaft der Propheten lautet durchgehend: Kehrt um zu Gott und zu seinen Schalom-Weisungen, dann werdet ihr aufblühen und Gottes Segen erfahren.“ (S. 158) Also gilt auch hier genau wie beim Reich Gottes: Die Hinweise der Propheten auf soziale und gesellschaftliche Missstände können niemals losgelöst verstanden werden von ihrem Ruf zur Unterordnung unter Gottes Herrschaft. Der Vergleich heutiger Gesellschaftskritik mit den alttestamentlichen Propheten blendet deshalb den entscheidenden Kern und zentralen Bezugspunkt der damaligen prophetischen Botschaften aus.

Wer sind die „Mächte und Gewalten“, gegen die die Kirche kämpft?

Ähnlich fragwürdig erscheint mir der Versuch, die biblische Rede vom Kampf gegen „Mächte und Gewalten“ auf irdische Institutionen umzumünzen: „Was die Bibel ‚Mächte und Gewalten‘ nennt, wird in der zeitgenössischen Sprache ‚Image‘, ‚Ideologie‘ und ‚Institution‘ genannt“ (S. 214), liest man im Artikel von Thomas Zeilinger, der dazu den Theologen Walter Wink zitiert: „Wir alle haben mit den Mächten dieser Welt zu tun. Sie leiten unsere Krankhäuser und unsere Rathäuser, versammeln sich in den Vorstandsräumen der Konzerne, ziehen unsere Steuern ein und stehen unseren Familien vor.“ (S. 214) Das steht natürlich im direkten Gegensatz zu Paulus, der ausdrücklich betont: „Denn unser Kampf richtet sich nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut. Er richtet sich gegen die Mächte und Gewalten, die Weltenherrscher, die diese Finsternis regieren. Ja, er richtet sich gegen die bösen Geister, die im Reich der Lüfte herrschen.“ (Eph.6,12)

Dazu kommt: In Bezug auf Gesellschafts­­kritik herrscht im Neuen Testament ein geradezu dröhnendes Schweigen. Dabei standen die gelebten Werte der ersten Christen in einem scharfen Kontrast zu den damaligen gesellschaftlichen Maßstäben. Zudem wurden die Christen zeitweise massiv benachteiligt und verfolgt. Sie hätten somit allen Grund gehabt, die gesellschaftlichen Zustände und die Herrschenden zu kritisieren. Trotzdem sucht man solche Kritik weitgehend vergeblich im Neuen Testament. Stattdessen hat Paulus die staatlichen Obrigkeiten auch noch ausdrücklich als von Gott eingesetzt bestätigt (Röm.13,1-7).

Die Transformation der Herzen als Fokus der kirchlichen Arbeit

Richtig ist natürlich, dass die Verbreitung des frühchristlichen Evangeliums tatsächlich zu einer grundlegenden Gesellschaftstransformation geführt hat. Aber die Strategie bestand zu keiner Zeit darin, dass Christen an die politischen Schalthebel der Macht gehen und die Gesellschaft durch sozialkritische Apelle umkrempeln sollten. Die Verkündigung des Evangeliums zielte nicht auf die Symptome, sondern vielmehr auf die Wurzel aller gesellschaftlicher Probleme: Dem menschlichen Herzen, das heillos in Sünde verstrickt ist und deshalb immer wieder auch böse Werke und (systemische) Ungerechtigkeit hervorbringt.

Rüdiger Gebhardt schreibt deshalb zurecht: „Es gilt, bei der Person anzusetzen und nicht am Werk. Nur so ist auch – in einem tiefen und radikalen Sinn – Erneuerung – Transformation – denkbar.“ Außerdem ergänzt er: „Die Frage, ob sich wirklich eine Transformation ereignen kann, entscheidet sich … daran, wo diese Einflüsse den inneren Menschen erreichen: nur auf einer Appell-Ebene – theologisch: als „Gesetz“ – oder im Personzentrum als „Evangelium“, das allein die Herzen von Menschen erreichen und verändern kann.“ (S. 192)

Anders gesagt: Mit politischen Apellen und Moralismus ist aus neutestamentlicher Sicht keine echte Transformation zu erreichen. Auch in vielen Erweckungsbewegungen war Gesellschafts­transformation nur eine sekundäre Folge davon, dass immer mehr Menschen Erneuerung in Christus erfahren haben und sich diese Herzenstransformation dann ausgewirkt hat auf das diakonische Engagement sowie auf die gesellschaftlichen Bezüge, in denen Christen standen, sei es in Familien, Unternehmen, Organisationen, Parteien oder Administrationen. Die Kirche Jesu hatte dafür aber nie politische Agitation im Fokus, sondern immer die Transformation von Menschen in Christus mithilfe all der Dinge, die mir in diesem Buch leider viel zu kurz kommen: Evangelisation, Gebet, Verkündigung von Gottes Wort, persönliche Christusnachfolge und Aufbau christuszentrierter Gemeinschaften.

Führt „Inklusion“ zu Einheit?

Dabei befasst sich das Buch durchaus auch mit dem grundlegenden Transformationsprozess, den die Institution Kirche aktuell durchläuft: Sie wird Minderheiten-, Missions- und Laienkirche – und verliert rapide an gesellschaftlichem Einfluss. Umso mehr wird zukünftig die Einheit der Kirche eine zwingende Voraussetzung für ihre gesellschaftliche Relevanz. Die Grundfrage ist dabei jedoch: Auf welcher Basis kann die Einheit der Kirche wachsen und gedeihen? Findet die Kirche Einheit in einer grenzenlosen „Inklusion“? Oder muss sie ganz bewusst Grenzen setzen, weil sie sonst ihr Profil, ihre Identität, ihre Botschaft und damit auch ihre Einheit verliert?

Marcel Redling zitiert dazu eine Verlautbarung des Ökumenischen Rates der Kirchen: „Die Kirche ist berufen, eine inklusive, eine niemanden ausgrenzende Gemeinschaft zu sein […]. Ihrem Wesen nach ist die die Kirche ein Ort und ein Prozess der Gemeinschaft, der für alle Menschen ohne Diskriminierung offen ist und zu dem alle eingeladen sind.“ (S. 130) Und er ergänzt: „Jede inklusive Gemeindepraxis wird sich daran messen lassen müssen, ob es gelingt, auch Menschen mit einer anderen Prägung zu beheimaten und diesen das Recht zuzugestehen, gegebenenfalls eine »eigenständige Praxis des Glaubens« zu gewinnen.“

Wie weit diese Eigenständigkeit geht, wird nicht definiert. Geht es nur um die Integration unterschiedlicher gesellschaftlicher Milieus und kultureller Ausdrucksformen des Glaubens, so wie es das Neue Testament in beeindruckender Weise von den ersten Christen schildert? Oder soll hier jeder seine eigene (Erfahrungs-)Theologie ent­wickeln dürfen?[4] Gibt es somit keine verbindlichen gemeinsamen Bekenntnisse mehr?

Das wäre problematisch. Denn Christen sind eine Bekenntnisgemeinschaft. Und ein gemeinsames Bekenntnis grenzt natürlich auch aus. Es schafft aber zugleich einen gesunden Rahmen, in dem eine große Vielfalt des Glaubensausdrucks zusammenfinden und beieinanderbleiben kann. Ohne Bekenntnisrahmen zerfällt Einheit – auch deshalb, weil rasch neue Maßstäbe wachsen, die zur Ausgrenzung von Andersdenkenden führen.

Das gilt gerade auch beim Thema Inklusion. So schreibt zum Beispiel Tobias Künkler auf der Internetseite „Coming-In.de“ zur Debatte um die Segnung und Trauung von gleichgeschlechtlichen Paaren: „Wie viele Gemeinden und wie viele Menschen sind an dieser ‚Frage‘ zerbrochen…Ich bin mittlerweile aus guten Gründen überzeugt: Dieses ‚Menschenopfer‘ ist dem Herrn ein Gräuel.“ Bringen Christen also „Menschenopfer“, wenn sie sich in ihrem Gewissen an die Schrift gebunden wissen und deshalb praktizierte Homosexualität nicht der Ehe gleichstellen können? Bei derart drastischen Formulierungen kann ich rein gar nichts mehr spüren von der ansonsten so vielgepriesenen „Ambiguitätstoleranz“. Vielmehr begibt sich Künkler hier selbst lautstark an die Front des Konflikts, der aktuell die Weltchristenheit spaltet wie kein anderer.

Trägt die Politisierung der Kirche zu ihrer Einheit bei?

Aber könnte die Kirche vielleicht an Einfluss und Relevanz gewinnen, wenn sie sich verstärkt auf politische Ziele konzentriert, hinter denen sich Christen mit ganz verschiedenen theologischen Standpunkten versammeln können, weil diese Ziele einer allgemein akzeptierten christlichen Ethik entsprechen?

Meine Beobachtung ist: Genau das Gegenteil ist der Fall. Gerade in politischen Fragen hat es unter Christen noch nie Einheit gegeben! So sind bei weitem nicht alle Christen der Meinung, dass politisch linke und grüne Konzepte oder moralische Appelle die richtige Antwort sind auf die gesellschaftlichen Herausforderungen in Sachen Klima, soziale Gerechtigkeit oder Rassismus. Ich bin zum Beispiel überhaupt nicht wie Raban Daniel Fuhrmann der Meinung, dass Nationalstaat, Bürokratie und Parteien überholte „politische Techniken des 19. Jahrhunderts“ sind (S. 115). Ich halte auf Basis der historischen Erfahrungen soziale Marktwirtschaft samt einem gesunden Leistungsprinzip und dem Schutz von Privateigentum für wesentlich sozialer und gerechter als jede Form von Sozialismus. Deshalb glaube ich auch, dass wir eher mehr statt weniger unternehmerische Freiheit und eher weniger statt mehr Staat, Steuern und Dirigismus brauchen, um die aktuellen Herausforderungen zu bewältigen. Ich halte Ingenieurskunst für die verheißungsvollere Antwort auf die Klimafrage als Verbote und Steuererhöhungen. Ich halte Atomenergie bislang noch für einen unverzichtbaren Baustein, um den CO2-Ausstoß wirksam reduzieren zu können. Ich bin der Meinung, dass die „Gendersprache“, die auch in diesem Handbuch durchgehend angewendet wird, die Gesellschaft eher spaltet, statt sie füreinander zu sensibilisieren. Ich halte es für problematisch, rechtlich fragwürdige „Schulstreiks“ als Form der politischen Meinungsäußerung zu bejubeln. Und schließlich hätte meine politische Agenda auch noch ganz andere Prioritäten. So läge mir zum Beispiel das Thema Lebensschutz (Abtreibung und Sterbehilfe), Familienförderung oder der Kampf gegen Prostitution und Pornografie sehr auf dem Herzen – Themen, die mir im Handbuch Transformation leider überhaupt nicht begegnet sind.

Mir ist bewusst, dass andere Christen das anders sehen. Das trennt mich nicht von ihnen. Aber ich will mit diesen Sätzen deutlich machen: Es ist eine Illusion zu glauben, man könne die Nachfolger Jesu zu einer vereinten politischen Kraft zusammenführen. Im Gegenteil: Eine politisierte Kirche muss zwangsläufig immer eine besonders fragmentierte Kirche sein – oder aber sie wird intolerant, weil sie sich auf eine bestimmte Meinungsblase konzentriert und Christen mit anderer Meinung zunehmend ausgrenzt, so wie ich es in meiner evangelischen Kirche leider immer mehr beobachten muss.[5]

Transformation durch Zerstörung?

Aber wie soll denn eine so grundlegend erneuerte Gesellschaft eigentlich aussehen? Was ist das Ziel der angestrebten „großen Transformation“? Dazu liefert das Buch sehr unterschiedliche, teils recht widersprüchliche Aussagen. Wirklich erschrocken bin ich über den Artikel von Gerhard Wegner über „Transformation als globale Veränderungskraft“, in dem er eine „radikale Veränderung“ und „schöpferische Zerstörung“ des bestehenden Systems fordert und sich dabei unter anderem auf Marx und die „leninistische Revolutionstheorie“ beruft: „Transformation … setzt wichtige gesellschaftliche Kräfte voraus, die nicht nur entschieden etwas Neues schaffen, sondern ebenso entschieden Altes zerstören. … Zudem gilt, dass die beharrenden Kräfte, wie schon die leninistische Revolutionstheorie behauptete, nicht mehr die Schalthebel der Macht bedienen können.“  Im Blick auf unsere Gesellschaft meint Wegner: Reformen reichen nicht für das „Ziel der Überwindung der kapitalistischen Gesellschaftsstruktur“.

Ich habe mich beim Lesen wirklich gefragt: Wie konnten angesichts der grauenvollen (und zudem antichristlichen) Blutspur, die der Marxismus / Leninismus im letzten Jahrhundert hinterlassen hat, solche zumindest missver­ständliche Formulierungen (siehe dazu noch weitere Zitate im Anhang des Artikels) in dieses Buch geraten? Und warum wird dieser Artikel von den Herausgebern undifferenziert gelobt?[6]

Jedenfalls wird mir als leidenschaftlichem Anhänger unserer Demokratie und unserer sozialen Marktwirtschaft beim Lesen solcher Thesen tatsächlich angst und bange. Und ich bin mir sicher: Wenn derart ex­treme Meinungen jetzt auch noch im evangelikalen Umfeld Raum gewinnen, wird der Schaden für die Einheit der Kirche Jesu gewaltig sein. Umso dringender ist mein Appell: Lasst uns als Kirche Jesu klar den Fokus behalten auf dem Auftrag, den unser Herr uns mit auf den Weg gegeben hat:

»Geht nun hin zu allen Völkern und ladet die Menschen ein, meine Jünger und Jüngerinnen zu werden. Tauft sie im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes! Und lehrt sie, alles zu tun, was ich euch geboten habe!« (Mt.28,19+20)

Ich habe es oft erlebt: Unter diesem Auftrag können Christen mit ganz verschiedenen politischen Positionen Einheit finden. Und ich bin zudem überzeugt: Eine bessere Strategie für echte, nachhaltige Transformation und für eine in jeder Hinsicht bessere Zukunft gibt es nicht.


Der Artikel “Transformation – Eine Aufgabe der Kirche?” kann hier als PDF heruntergeladen werden.

Das von Tobias Faix und Tobias Künkler herausgegebene „Handbuch Transformation“ ist 2021 in der Neukirchener Verlagsgesellschaft mbH, Neukirchen-Vluyn, erschienen. Es ist hier erhältlich: https://neukirchener-verlage.de/catalog/product/view/_ignore_category/1/id/1933945/s/handbuch-transformation-9783761567739/

Fußnoten:

[1] Im Editorial von AUFATMEN 1/2012 schreibt Ulrich Eggers: „Und, ja, ich bin beeindruckt von Gretas Leidenschaft, ihrem Mut, ihrer Wut – etwa bei ihrer denkwürdigen Rede vor der UNO-Vollversammlung, bei der sie den Staatslenkern dieser Welt ihr „How dare you!“ entgegenschleuderte: … „Die Augen aller zukünftigen Generationen sind auf euch gerichtet, und wenn ihr euch entscheidet, uns zu enttäuschen, sage ich, dass wir euch das nie vergeben werden! Wir werden euch damit nicht davonkommen lassen!“ „How dare you!“ Was für ein prophetischer Ruf!“ Ich gebe zu Bedenken: 1. Greta Thunberg beansprucht für sich, für alle zukünftigen Generationen zu sprechen. Sie hat dafür aber keinerlei demokratische Legitimation. Auffällig war, dass bei einer aktuellen Volksabstimmung in der Schweiz vor allem die junge Generation gegen das geplante CO2-Gesetz gestimmt hat. 2. Ich halte es für problematisch, die Klimafrage als einen Generationenkonflikt darzustellen. Dies kann das Klima und den Respekt zwischen den Genera­tionen sehr real belasten, wie z.B. die Aufregung um das WDR-Kinderchorlied zur Oma als „Umweltsau“ gezeigt hat. 3. Die Ankündigung, niemals zu vergeben, wenn die eigenen Erwartungen enttäuscht werden, halte ich nicht nur mit christlichen Werten für unvereinbar, sondern vor allem auch für undemokratisch. Viele Entscheidungen zur Klimapolitik haben komplexe, weitreichende, teils existenzielle Folgewirkungen, so dass immer ein gesamtgesellschaftlicher Aushandlungsprozess stattfinden muss. Dabei muss jede gesellschaftliche Kraft immer kompromiss- und versöhnungswillig sein, auch wenn nicht alle eigenen Forderungen umgesetzt werden. 4. Was bedeutet eigentlich konkret die Aussage: „Wir werden euch nicht davonkommen lassen“? Angesichts wachsender Gewalt auch von linksextremen Kräften sollten einflussreiche Menschen in besonderem Maß darauf achten, nur Formulierungen zu verwenden, die nicht missbraucht werden können.

[2] Ausführlich dokumentiert im Cicero-Artikel „Untergänge, die untergehen“: https://www.cicero.de/wirtschaft/unterg%C3%A4nge-die-untergehen/38945

[3] So schreiben Thorsten Dietz und Tobias Faix: „Die Schöpfung Gottes und sein erlösendes Handeln zielen auf den freien und befreiten Menschen. Schon von daher kann eine transformative Ethik den Liberalismus der Moderne nicht pauschal verdächtigen oder verurteilen, sie wird ihn vielmehr als Teil einer Wirkungsgeschichte des Christentums in dieser Welt sehen.“ (S. 253)

[4] So legt es zumindest das Kapitel von Sabrina Müller über „gelebte Theologie“ nahe, Zitat: „Gelebte Theologie gründet in der Erfahrungswelt und Lebensrealität der Menschen.“ (S. 263)

[5] Siehe dazu der besonders krasse Fall der öffentlichen Stigmatisierung eines Pfarrers aufgrund seiner traditionellen Haltung zum Thema Gender und Familie: https://www.bibelundbekenntnis.de/stellungnahmen/auf-dem-weg-zur-verbalinquisition-cancel-culture-in-der-kirche/

[6] Faix / Künkler über den Artikel von Gerhard Wegner: „Transformation setzt daher immer auch die Negation und Zerstörung vorheriger Formationen voraus, und Innovation bedarf Exnovation. All dies wird im Beitrag präzise analysiert.“ (S. 273)

Anhang: Zitate aus dem Artikel von Gerhard Wegner „Transformation als globale Veränderungskraft“, ab S. 277ff.:

„Transformation impliziert eine radikale Veränderung des Bestehenden, einen Austausch derjenigen Muster, die bisher Gesellschaften, Organisationen oder auch Individuen bestimmen. Das Leben orientiert sich im Prozess einer Transformation an anderen grundlegenden Referenzen, an anderen Werten und Leitbildern, als es das bisher getan hat. Wenn man so will, entsteht eine neue Welt, in der anders gelebt wird, als dies bisher der Fall gewesen ist. Insofern ist ein tiefes Erschrecken angemessen, wenn man wirkliche Transformationen herbeirufen will.“

„Dieses eigentlich notwendige Erschrecken kommt in einer Formel zum Ausdruck, wie ich sie zur Beschreibung von Transformation zu benutzen vorschlage: Transformation ist die schöpferische Zerstörung einer Lebensform. Wohlmeinende und freundliche Zeitgenoss:innen werden die Verwendung des Wortes Zerstörung an dieser Stelle kritisieren: Es ginge doch nicht darum, mit dem Transformationsbegriff Angst zu machen. Aber solche Kritik akzeptiert nicht wirklich, worum es mit der notwendigen Transformation unserer Gesellschaftsordnung – im Kern unserer eigenen Lebensweisen – tatsächlich geht. Es braucht grundlegende Orientierungsänderungen, die nicht ohne schmerzhafte Einschnitte in uns lieb gewordenen Lebensweisen möglich sein werden.“

„So gab es in den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts die Vorstellung, mittels einer gut geplanten Kette von Reformen die Gesellschaftsordnung strukturell zu verändern. Das Ziel entsprach durchaus dem, was man auch als Transformation hätte bezeichnen können, nämlich dem Austauschen der Grundstruktur einer Gesellschaftsordnung. Aber man hoffte, durch diese Begrifflichkeit die fehlende Akzeptanz für die mit einer »Revolution« verbundene Zerstörung der alten Gesellschaftsordnung, und damit möglicherweise der Anwendung von Gewalt, umgehen zu können. Im Rückblick hat sich dieses Konzept weitgehend als illusionär erwiesen. Das damals fixierte Ziel der Überwindung der kapitalistischen Gesellschaftsstruktur ist nicht nur nicht erreicht worden, sondern die vorgenommenen tatsächlichen Reformen haben zumindest in Deutschland den Kapitalismus gestärkt und ihn dauerhafter gemacht als vorher.“

„In unseren Lebensweisen sind wir Menschen in der Regel zufrieden und glücklich – und deswegen sind sie so schwer zu ändern. Es wäre alles viel einfacher, wenn die Menschen in Deutschland auch auf der Ebene ihrer subjektiven Gefühlswelten mit ihren Lebensbedingungen massiv unzufrieden wären. Wer Transformation will, braucht Unzufriedenheit. Wie könnt ihr in eurem falschen Leben so glücklich sein? Die Bude brennt! Seht ihr es denn nicht? Es braucht mithin nichts anderes als: Konversionen.“

„Die entscheidende Frage ist, ob sich das »erforderliche Transformationsdesign Stück für Stück und im demokratischen Umgang mit seinen sozial- und verteilungspolitischen Implikationen« durchsetzt oder ob es dafür Katastrophen und Desaster braucht.“

„Das, was sich in solchen prägenden Mustern den Menschen aufzwingt, ist nicht zufällig, sondern entstammt nicht zuletzt den Mechanismen einer ökonomischen Grundstruktur, die sich nach wie vor am besten als »Kapitalismus« beschreiben lässt. Es sind grundlegende, vor allem im ökonomischen Bereich existierende, sich selbst reproduzierende Strukturen, die Formen des Kapitalismus als Lebensformen kultivieren und die dementsprechend im Zentrum einer transformativen Praxis stehen müssen. Entscheidend ist dabei die von Karl Marx und anderen immer wieder herausgehobene Bedeutung der selbstgenerativen Form des Kapitals.“

„Redet man von einer notwendigen Transformation, also einer Aufhebung, des Kapitalismus, so kommt man nicht darum herum, insbesondere auf eine Studie einzugehen, die die Entstehung dieser Gesellschaftsform als einen umfassenden Transformationsprozess überzeugend analysiert hat: Karl Polanyis Analyse der Durchsetzung von kapitalistischen Marktstrukturen im England des 18. und 19. Jahrhunderts.“

„Mit dem, was hier durch ganz direktes Bereicherungsinteresse vorangetrieben und aus Gründen der Produktivität und Reichtumssteigerung der Gesellschaft insgesamt durch den Staat flankiert wurde, gelang eine Transformation, wie sie die Gesellschaft bis dato noch nirgends erlebt hatte.“

„Der Gesamtcharakter der Gesellschaft und ihre aggressiv-expansionistische Grundstruktur bleibt ungebrochen. Wenn es um eine wirkliche Transformation der Gesellschaft gehen soll, so muss ein ähnlich grundlegender Prozess in Gang gesetzt werden, wie er seinerzeit bis zum Take-off des Kapitalismus vorangetrieben wurde.“

„Transformation … setzt wichtige gesellschaftliche Kräfte voraus, die nicht nur entschieden etwas Neues schaffen, sondern ebenso entschieden Altes zerstören und einen Staat, der dies aktiv unterstützt, zumindest aber flankiert. Zudem gilt, dass die beharrenden Kräfte, wie schon die leninistische Revolutionstheorie behauptete, nicht mehr die Schalthebel der Macht bedienen können.“

„Natürlich führt kein Weg daran vorbei, all diese Aspekte nicht nur aus harmlosen reformistischen Perspektiven, sondern eben von einer grundsätzlichen transformativen Perspektive aus zu bearbeiten.“

„Um es zu wiederholen: Schöpferische Zerstörung ist notwendig. Aber ob es sie angesichts der übergroßen Abhängigkeit der Menschen von ihrer Einbindung nicht nur in die kapitalistischen Geldkreisläufe, sondern in die damit gegebene Formatierung ihrer Bedürfnisse geben kann, bleibt fraglich. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass das Primäre bei einer solchen Transformation tatsächlich die Zerstörung sein könnte, das heißt die Erfahrung großer Katastrophen, die allein neue Formen eines nachhaltig solidarischen Zusammenlebens plausibler machen könnten.“

Jetzt Neu: Bibel live – Der AiGG-Podcast

Worum geht es im neuen AiGG-Podcast?

Seit jeher haben Christen geglaubt, dass die Bibel „Gottes Wort“ ist. Damit meinten die Reformatoren, dass die Bibel zwar von Menschen geschrieben ist, dass die biblischen Texte zugleich aber von Gottes Geist inspiriert sind. Aber kann man das heute noch guten Gewissens glauben? Hat die Wissenschaft nicht längst bewiesen, dass die Bibel zahllose sachliche und theologische Widersprüche enthält? Ist sie nicht voller Fehler in ihren historischen Angaben und in ihrem Weltbild? Sind die Wunderberichte nicht eher Märchen und Mythen? Diese und weitere Fragen beschäftigen viele Christen. Dieser Podcast will zeigen: Niemand muss seine Vernunft an der Kirchentür abgeben, wenn er seinen Glauben auf die Aussagen der Bibel gründet. Es gibt gute und vernünftige Gründe, der Bibel auch heute noch zu vertrauen. Die rund 45 Minuten langen Folgen von „Bibel live“ liefern Denkfutter zu den heißesten Themen rund um das Buch der Bücher, Antworten auf schwierige Fragen und vor allem Lust und Leidenschaft für dieses einmalige Buch, das auch heute noch kraftvoll und lebendig ist.

Die Homepage zum Podcast: https://bibel-live.aigg.de

Den Bibel live-Podcast findest Du außerdem auf Spotify und Apple Podcasts:

Bibel live auf Spotify: https://open.spotify.com/show/6pETBlgAJ55C1m9JesOVx8

Bibel live auf Apple Podcasts: https://podcasts.apple.com/us/podcast/bibel-live-der-aigg-podcast/id1574213440

Folge 1: Gewalttexte in der Bibel – wie ist das zu verstehen?

Gott ist Liebe! Er ruft uns auf, sogar unsere Feinde zu lieben! Darüber reden Christen gern und oft. Aber wie passt das zu den Texten in der Bibel, in denen über Krieg und Gewalt gesprochen wird – und in denen angeblich sogar Gott selbst dazu aufruft? Ist der Gott des Alten Testaments etwa ganz anders als der Gott des Neuen Testaments? Vermittelt das Alte Testament ein veraltetes Gottesbild? Das sind spannende Fragen mit weitreichenden Konsequenzen für unseren Umgang mit der Bibel und letztlich für unser ganzes Christsein.

Hier gehts zur Podcastfolge:

Gewalttexte in der Bibel – wie ist das zu verstehen?

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