Die verlorene Heiligkeit wieder entdecken

Eindrücke aus dem Buch „Majestät“ von Rainer Harter

„Gott ist Liebe.“ (1. Johannes 4, 8+16)

Nur zweimal finden wir diese enorm wichtige Aussage in der Bibel. Sie hat sie unsere heutige Theologie stark geprägt – zurecht. Aber was ist damit eigentlich gemeint? Heißt das, dass Gott immer nett und entgegenkommend ist? Geht er jederzeit nachsichtig und großzügig mit uns um? Hat er immer nur mutmachende und aufrichtende Worte für uns? In seinem Buch „Majestät“ macht der Autor Rainer Harter deutlich: Man kann die Liebe Gottes nur dann richtig verstehen, wenn man zugleich eine weitere zentrale Eigenschaft Gottes im Blick behält:

„Heilig, heilig, heilig ist der HERR.“ (Jesaja 6,3; Offb. 4,8)

Meine Wahrnehmung ist: Diese Eigenschaft Gottes kommt in vielen Predigten heute eher selten vor. Rainer Harter schreibt sogar: „Die postmoderne Kirche hat die Erkenntnis und Erfahrung von Gottes Heiligkeit in weiten Teilen verloren. Dadurch ist der unfassbare, geheimnisvolle, unbezähmbare und majestätische Gott zu einer diffusen „Macht“ für die einen und zu einer Art spirituellem Übervater für die anderen geworden. Dem Begriff „Gott“ wurde die ihm innewohnende Herrlichkeit, Gewalt, Wildheit und Kraft genommen, die uns die Bibel beschreibt. Damit wurde uns der Weg zu einem „hausgemachten Gottesbild“ gebahnt, welches zum Verlust des Staunens, der Ehrfurcht und der Dankbarkeit geführt hat.“ (S. 19) Harter untermauert diese Einschätzung durch eine US-amerikanische Studie, die im Ergebnis das Bild eines Leibes Christi zeichnet, „dessen Glieder zu einer Gemeinde gehören und die Bibel lesen, das Konzept oder die Bedeutung der Heiligkeit jedoch nicht verstehen, sich persönlich nicht nach Heiligkeit ausstrecken und deshalb wenig oder nichts dafür tun, um ihr nachzujagen.“ (S. 25)

Die Heiligkeit Gottes: Eine zentrale Botschaft der Bibel

Neu ist dieses Problem nicht. Auch Billy Graham fiel schon auf: „Wir haben den Blick für die Heiligkeit und Reinheit Gottes heute weitestgehend verloren. Das ist einer der Gründe dafür, warum wir Sünde so leicht tolerieren.“ (S. 54) Eigentlich ist das erstaunlich. Denn in der Bibel ist die Heiligkeit Gottes ein enorm wichtiges Thema: „Die Aussage, dass Gott heilig ist, ist zentral und unersetzlich für den christlichen Glauben. Es ist die Grundbotschaft der Heiligen Schrift. … Eine weitere die Heiligkeit betreffende biblische Grundaussage, … die sich durch die gesamte biblische Geschichte zieht, ist die Feststellung, dass der Mensch seit dem Sündenfall nicht mehr heilig ist.“ (S. 54/56) „Die Bibel lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass der Gedanke der göttlichen Heiligkeit eines ihrer wichtigsten Grundkonzepte ist. Wäre Gott nicht heilig und wäre er nicht in der Lage zu heiligen, gäbe es keine Schuld, weil ohne einen klaren Maßstab auch nichts als Abweichung gelten könnte. Aber es gäbe auch keine Vergebung und schon gar keine Möglichkeit für den Menschen, Jesus ähnlicher zu werden. Dies alles steht und fällt mit der Frage nach Gottes Heiligkeit. Würden wir Gott in unserem Denken und Handeln seiner Heiligkeit berauben, würden wir zugleich dem christlichen Glauben eine seiner zentralen Grundlagen nehmen. Dann ergäbe unser Glaube keinen Sinn mehr.“ (S. 52) Harter tritt zudem dem Gerücht entgegen, dass die Heiligkeit Gottes vor allem ein Thema des Alten Testaments sei: „Nirgendwo im Neuen Testament gibt es einen Hinweis darauf, dass Jesus die Heiligkeit des Vaters oder den Aufruf Gottes an seine Kinder, ein heiliges Leben zu führen, in irgendeiner Form abgemildert hätte.“ (S. 30)

Der Verlust der Heiligkeit hat Konsequenzen

Es ist angesichts dieses beeindruckenden biblischen Befunds kein Wunder, dass der Verlust der Heiligkeit Gottes weitreichende Konsequenzen für viele Aspekte unseres Glaubens hat: „Selbst die Gnade Gottes wirkt billig und seine Liebe bekommt den Anschein, selbstverständlich zu sein, wenn wir sie nicht aus dem Blickwinkel seiner Heiligkeit betrachten. Alles wird schal und im schlimmsten Fall empfinden wir sogar Langeweile bei einem so wunderbaren Satz wie „Gott liebt dich“, wenn wir nicht eine Ahnung davon haben, wer und wie er ist.“ (S. 20) Harter sieht zudem einen direkten Zusammenhang zwischen dem Verlust der Heiligkeit und der Lauheit in unserem christlichen Leben: „Ein … ausschließlich zum „lieben Vater“ degradierter Gott weckt kaum Leidenschaft in uns.“ (S. 34) Deshalb ist es aus der Sicht von Harter „unklug, die Ehrfurcht vor Gottes Heiligkeit zugunsten einer falsch verstandenen Niederschwelligkeit in unseren Gottesdiensten abzuschaffen. Spätestens wenn wir damit anfangen, diejenigen Eigenschaften und Worte Gottes, die in unseren Augen nicht mehr zeitgemäß oder für uns schwer verständlich sind, bewusst zu verschweigen oder gar zu verleugnen, sind wir der Versuchung erlegen, uns einen Gott nach unserem Bilde zu schaffen. … Mit guten Absichten laden wir Menschen zu uns ein und präsentieren ihnen ein unrealistisches Gottesbild, das aus einer Mischung von „gutem Onkel“ und „Kumpel im Alltag“ besteht. Das Credo lautet nicht mehr: „Wir glauben an einen heiligen Gott“, sondern „Gott will, dass es uns gut geht“. Der Verlust der Heiligkeit macht Kirche letztlich zu einer fantasievoll ausgestalteten Umkreisung des Menschen um sich selbst.“ (S. 29)

Der Verlust der Heiligkeit hat auch für unsere Gottesdienste weitreichende Konsequenzen: „Ohne die Realität des Heiligen in unserer Mitte müssen wir Wege finden, um Kirche durch andere Dinge attraktiv zu machen. … Verlieren wir die Realität der Heiligkeit aus dem Blick, werden unsere Gottesdienste bald zu „Menschendiensten“, in denen ein „Evangelium light“ präsentiert wird und das Empfangen im Vordergrund steht, während die Verehrung Gottes und das Geheimnisvolle ausgeblendet werden.“ (S. 27/28) Harter stellt sogar in Frage, ob ein Gottesdienst, in dem die Heiligkeit Gottes keine zentrale Rolle spielt, überhaupt noch etwas mit dem wahren Gott zu tun hat: „Alle Engel und die seltsamen Wesen sowie die geheimnisvollen Ältesten reagieren in Gottes Nähe ausschließlich mit Ehrfurcht und Anbetung. Denken Sie jetzt im Vergleich dazu noch einmal an unsere Gottesdienste. Wir behaupten zwar, dass wir Gott dort begegnen, doch scheint diese Begegnung wenig Ehrfurcht, Kapitulation oder echte Herzensanbetung in uns zu wecken. Das Staunen über die Heiligkeit Gottes ist uns verloren gegangen. Gott ist uns zum Gewohnten geworden. Oder ist es vielleicht gar nicht Gott, an den wir uns da gewöhnt haben? … Eine traurige Armut und Hilflosigkeit liegen über so manchen Kirchengemeinden. Programme und Aktivitäten können das staunende Erleben der Heiligkeit Gottes einfach nicht ersetzen.“ (S. 95)

Ein falsches Konzept von Heiligung

Aber woran liegt es eigentlich, dass die Heiligkeit Gottes und der Ruf zur Heiligung derart aus der Mode gekommen ist? Rainer Harter schreibt: „Es gibt durchaus die Angst, unsere über Jahre erworbene Freiheit der Gnade wieder zu verlieren und zurück in alte Systeme zu fallen, die uns eher geknechtet als frei gemacht haben. Tatsächlich beanspruchten manche der alten Formen vordergründig, zur Heiligkeit zu führen, in der Realität hatten sie aber viel mehr mit einem leistungsorientierten oder sogar unterdrückenden Glauben zu tun als mit der Heiligkeit, die Gott meint.“ (S. 42) Diese Beobachtung kann ich nur bestätigen. Leider geschieht es immer wieder, dass Christen und Gemeinden die Notwendigkeit zur Heiligung auf einen moralischen Appell reduzieren, der uns unter Druck bringt und uns überfordert. Dabei ist der Prozess der Heiligung in der Bibel nicht das Ergebnis menschlicher Anstrengung sondern ein Wirken und ein Geschenk Gottes: „Alles Verändernde kommt von Gott alleine.“ (S. 191) Diese Veränderung beginnt nicht mit guten Vorsätzen, sondern mit einer Kapitulation: „Lassen Sie uns damit aufhören, nach außen heiliger wirken zu wollen, als wir es sind. In der Regel sind wir nämlich nicht so heilig, wie wir uns gerne sehen möchten oder wie andere uns wahrnehmen. Einige Ausdrucksformen unserer Heiligkeit sind nichts anderes als Scheinheiligkeit. Lassen wir das lieber gleich. Stattdessen steht am Beginn des Weges eine Kapitulation; wir geben zu, dass wir aus eigener Kraft nicht in der Lage sind, wie Jesus zu werden. Wir sind völlig von Gott und seiner Hilfe abhängig. … Im Neuen Testament wird deutlich, dass nur Gott selbst durch das vollkommene Opfer seines eigenen Sohnes ein neues Leben für uns möglich machen und uns heiligen kann.“ (S. 168)

Diese Kapitulation beinhaltet auch die Erkenntnis: Nicht wir ändern unser Leben aus eigener Kraft, sondern ER verwandelt unser Leben in sein Bild, wenn wir im Aufschauen zu ihm unser Leben führen: „Verabschieden Sie sich also besser gleich vom ungesunden Unterdrücken und starten Sie mit einer Strategie, die wesentlich besser funktioniert: Vertrauen Sie sich Gottes Hilfe an. Tun Sie, was die Bibel Ihnen rät, um wie Jesus zu werden: Schauen Sie ihn an. Beim Lesen der Bibel, im stillen Gebet, im Nachdenken über seine Worte, indem Sie sich in eine biblische Person hineinversetzen und nachspüren, wie deren Begegnung mit Jesus war. … Anstatt sich anzustrengen, nutzen Sie Ihre Zeit und Energie lieber dafür, Gott besser kennenzulernen. Nehmen Sie sich Zeit, um ihn in seiner Schönheit zu betrachten. Wenn Sie erst einmal gesehen haben, wie schön er ist, und gespürt haben, wie sehr er Sie liebt, werden Sie sich nicht mehr so leicht mit Ersatzlösungen zufriedengeben. In der Nähe Gottes wird in Ihnen eine geheimnisvolle Kraft aufsteigen, die Sie nach und nach entdecken lässt: Ich habe mich wirklich verändert.“ (S. 166/167) Wenn Gott uns beschenkt, können wir sehr viel leichter die sündigen Dinge loslassen, die uns selbst und Anderen schaden: „Wer gelernt hat, durch Gottes Liebe in seiner Seele satt zu werden, wird in die Lage versetzt, plötzlich Dinge loslassen zu können, die zuvor sehr bedeutend für sein Leben waren, die aber vielleicht zur Sammlung seiner Ersatzlösungen gehört haben oder schlicht Sünde sind.“ (S.186)

Ein weitere Grundlage für einen gesunden Prozess der Heiligung ist die Entscheidung, dass Jesus der Herr unseres Lebens sein soll: „Es ist Zeit für eine Palastrevolution. Anstatt weiter den König „ICH“ unseren Herrn sein zu lassen, sollten wir den König der Heiligkeit wählen, der uns heil machen kann und durch uns seine Heiligkeit in diese Welt bringen möchte.“ (S. 204)

Die Heiligkeit Gottes: Ein Schlüssel für gesunden Glauben und eine attraktive Kirche

Heiligung ist also möglich. Und die Bibel macht immer wieder deutlich: Sie ist ein unverzichtbarer Bestandteil unseres Lebens als Nachfolger Jesu:

„Ihr sollt heilig sein, weil ich heilig bin.“ (3. Mose 11,44; 19,2; 1.Petr. 1,16)

Rainer Harter schreibt dazu: „Eine Kirche ohne Heiligkeit kann nicht Kirche Jesu sein. Wenn die Menschen draußen die verändernde Kraft der Gnade Gottes nicht an uns sehen können, werden sie auch nicht auf die Idee kommen, dass Gott mit uns ist, und nicht nach ihm fragen. Kirche muss „anders“ sein, um attraktiv für Menschen zu sein, die Gott noch nicht kennen. Kirche muss Anleitung dafür geben, wie ihre Mitglieder ein Leben der Heiligung führen können, um so von Jesus zu zeugen. Wir sind schlechte Botschafter, wenn wir unsere Botschaft vergessen haben und denjenigen, der uns gesandt hat, nur aus der Ferne kennen. Vielfach stehen wir als Kirche heute vor den Menschen dieser Welt und versuchen, auf unterschiedliche Art und Weise ihre Aufmerksamkeit zurückzugewinnen. Doch wenn die grundlegende und lebensverändernde Wahrheit über Gottes Wesen und die daraus resultierenden Handlungen Gottes nicht mehr verstanden und gepredigt werden und deshalb unser eigenes Leben nicht von ihm zeugt, wird das auf Dauer nicht funktionieren. Was wir wirklich brauchen, ist die Gegenwart des heiligen Gottes. Wir brauchen sie in unseren Familien und an unserem Arbeitsplatz, in unseren Versammlungen und Gottesdiensten. Wenn Menschen dann in Berührung mit dem Geheimnis seines Wesens und seiner Kraft kommen, werden Gemeinden wieder wachsen, und das Evangelium wird unsere Städte durchdringen.“ (S. 208/209)

Wie wahr! Ich kann deshalb das neu aufgelegte Buch „Majestät“ von Rainer Harter nur von Herzen empfehlen und hoffe, dass dieser wichtige Impuls weite Verbreitung findet.

Das Buch „Majestät“ von Rainer Harter kann hier direkt vom Gebetshaus Freiburg bezogen werden:
https://www.gebetshaus-freiburg.org/product-page/buch

Die verlorene Kraft des Evangeliums

„Ich schäme mich des Evangeliums von Christus nicht. Denn es ist eine Kraft Gottes, die da selig macht alle, die daran glauben.“ (Römer 1, 16)

Dieser Vers ist meine Konfirmationsspruch. Der darin enthaltene Begriff „Evangelium“ wurde in der Antike verwendet, wenn der Kaiser oder der König eine wichtige gute Nachricht zu verkünden hatte. Ein militärischer Sieg zum Beispiel. Oder die Geburt eines Thronfolgers. Paulus will mit diesem Begriff offenkundig deutlich machen: Auch ich habe eine ganz entscheidende, frohe Botschaft vom König aller Könige Jesus Christus zu verkünden. Eine Botschaft, für die ich mich nicht schämen muss. Denn es handelt sich um eine heilbringende, rettende und seligmachende Botschaft, die allen Menschen gilt. Die große Frage ist nur: Wenn Paulus doch einfach nur eine frohe Botschaft zu verkünden hatte, warum wurde er dann immer wieder vertrieben, eingesperrt, geschlagen und gesteinigt? Warum wurde er am Ende sogar umgebracht?

Dieser Artikel gehört zum offen.bar-Vortrag “Die verlorene Kraft des Evangeliums”:

Warum löste das Evangelium weltweit so viel Widerstand aus? Und warum wird es bei uns hingegen als harmlos und banal empfunden?

Diese Frage stellt sich auch heute noch. Weltweit werden hunderte Millionen von Christen verfolgt. Warum eigentlich? Christen sind bekanntermaßen ein fröhliches und friedliches Völkchen. Sie reden gerne und viel von der Liebe Gottes. Sie werden durch ihren Glauben verpflichtet, die Autoritäten ihres Landes zu respektieren. Niemand müsste vor Christen Angst haben. Warum also löst diese frohe Evangeliumsbotschaft einen derart drastischen Widerstand aus? Warum wird weltweit die Bibel in vielen Ländern verboten?

Und noch eine Frage stellt sich: Der Römerbrief ist historisch gesehen wohl der wirkmächtigste und einflussreichste Brief, der je geschrieben wurde. Kein Brief hat die Kultur der westlichen Welt so geprägt wie dieser Brief. Die Botschaft von Paulus wirkte ein Stück weit wie ein Manifest. Sie enthielt revolutionäre Botschaften: Dass jeder Mensch eine gottgegebene Würde hat. Dass vor Gott alle Menschen gleich sind. Dass man deshalb armen, kranken und schwachen Menschen helfen sollte. Das war damals völlig neu! Bis zur Ausbreitung des Christentums galten Eroberer als Helden, ganz egal, wie grausam und grauenvoll sie vorgegangen sind. Dass wir heute Friedensstifter feiern, die sich für das Wohl von Ausgegrenzten und Schwachen einsetzen, geht allein auf das Christentum zurück, nicht auf römische oder griechische Philosophen.

Aber wenn man sich heute in unserem Land umschaut, könnte man meinen: Diese Botschaft interessiert kaum noch jemand. Das Wort „Evangelium“ hört man in kirchlichen Kreisen zwar noch des Öfteren. Aber irgendwie lässt es die Leute kalt. Das Evangelium wird bestenfalls als nette, herzerwärmende Botschaft wahrgenommen, die doch zugleich aber harmlos, marginal und belanglos erscheint.

Die große Frage ist: Warum löst diese Botschaft, mit der Paulus doch so unfassbar viel bewegt hat, heute nur noch Schulterzucken aus? Könnte es sein, dass mit der heutigen Verkündigung des Evangeliums irgendetwas nicht stimmt? Könnte es sein, dass das Evangelium, das wir heute verkünden, oft nicht mehr übereinstimmt mit der Evangeliumsbotschaft von Paulus? Und wenn das stimmen sollte: Was genau haben wir denn verändert an diesem Evangelium?

Ich finde, man kann die Bedeutung dieser Frage kaum überschätzen. Denn tatsächlich bin ich überzeugt: Der Bedeutungsverlust der Kirche Jesu in unserem Land hat so einiges, vielleicht sogar hauptsächlich damit zu tun, dass wir das Evangelium von Paulus geglättet, verharmlost, entschärft und entstellt haben. Ich möchte diese These belegen anhand von 7 Eckpfeilern des Evangeliums im Römerbrief, die Antwort geben auf 7 Grundfragen der Menschheit. Ich hoffe, dass ich dabei deutlich machen kann: Diese 7 Eckpfeiler haben auch heute noch absolut nichts von ihrer Brisanz, Schärfe und Kraft verloren. Wenn wir eine Kirche Jesu wollen, die Salz und Licht ist in diesem Land, dann ist es von entscheidender Bedeutung, dass wir eine klare Sicht haben über die folgenden 7 Grundaussagen der Evangeliumsbotschaft im Römerbrief.

7 Grundfragen der Menschheit – 7 Eckpfeiler des Evangeliums im Römerbrief

Die erste Grundfrage, die Paulus in seinem Evangelium beantwortet, heißt:

1. Gibt es objektive Wahrheit über Gott?

Diese Frage galt in Europa lange Zeit als entschieden. Die wissenschaftliche Revolution in der westlichen Welt basierte auf der grundlegenden Annahme: Es gibt Wahrheit und Irrtum. Und nur die Wahrheit wird uns freimachen. So steht es zum Beispiel auf einem zentralen Gebäude der Universität Freiburg: „Die Wahrheit wird euch frei machen“. Auf Basis des Jesusworts in Johannes 8, 32 sollte damit deutlich werden: Wir müssen die Wahrheit herausfinden! Denn nur die Orientierung an der Realität wird am Ende dazu führen, dass unser Leben besser wird. Dieses Prinzip galt damals nicht nur für die Naturwissenschaften, sondern für alle Fakultäten und Disziplinen, einschließlich der Theologie.

Heute müssen wir jedoch beobachten, dass diese Grundlage des Denkens ins Wanken gerät. Fast überall kann man heute die These hören: Jeder soll doch nach seiner eigenen Façon selig werden. Persönliche Religiosität ist O.K., solange sie nicht den Anspruch erhebt, dass Andere das Gleiche glauben sollten. In der Postmoderne geht man davon aus: In Glaubensfragen ist Wahrheit nur subjektiv gültig, niemals objektiv. Wer im religiösen Bereich die Existenz von allgemeingültigen Wahrheiten vertritt, die für alle Menschen gleichermaßen gelten sollen, der liegt nicht nur falsch. Der ist auch intolerant und gefährlich. Der gefährdet den gesellschaftlichen Frieden. Man darf deshalb in der Postmoderne zwar seine persönlichen Glaubensüberzeugungen haben. Aber dabei muss klar sein: Diese Überzeugungen gelten nur für Dich persönlich. Für Andere kann eine völlig andere Überzeugung genauso richtig sein.

Wie sieht das Paulus? Der erste Eckpfeiler seines Evangeliums sagt:

Es gibt Wahrheit und Irrtum. Nur der Glaube an die Wahrheit rettet!

Gleich in den ersten beiden Versen des Römerbriefs schreibt Paulus dazu:

„Es schreibt Paulus, ein Sklave von Christus Jesus, berufen zum Apostel und dazu bestimmt, Gottes Freudenbotschaft bekannt zu machen. Dieses Evangelium hat Gott schon im Voraus durch seine Propheten in heiligen Schriften angekündigt.“ (Römer 1, 1-2)

Paulus stellt also klar: Was ihr hier lest, ist nicht einfach nur eine Idee oder ein Vorschlag von mir, über den man diskutieren kann. Ich bin ein Diener von Jesus Christus. Ich bin zum Apostel, also zum Sendboten Gottes berufen. Von ihm bin ich dazu bestimmt, nicht meine, sondern GOTTES Gute Nachricht zu verkünden. Und das ist eine Nachricht, die Gott schon im Voraus durch die Propheten angekündigt hat. Was für ein ungeheuerlicher Anspruch! Letztlich sagt Paulus: Achtung! Diese Botschaft ist nicht von dieser Welt. Wir haben es mit göttlicher Wahrheit zu tun. Und das Grundproblem der Menschheit liegt darin, dass sie genau diese göttliche Wahrheit verworfen hat.

In Römer 1, 25 schreibt Paulus: „Die Menschen tauschten die Wahrheit Gottes gegen die Lüge.“ Für ihn ist also klar: Es gibt auch bei der Frage nach Gott richtig und falsch. Es gibt auch bei der Frage nach Gott objektiv gültige Wahrheiten und Realitäten, die für alle Menschen gelten! Und jede Aussage, die dieser Wahrheit widerspricht, ist nicht einfach nur eine alternative Wahrheit. Nein, sie ist falsch. Sie ist ein Irrtum. Und Paulus unterstellt sogar, dass es Menschen gibt, die diese falschen Aussagen wissentlich in die Welt setzen. Er sagt: Diese Aussagen sind eine Lüge.

Das ist natürlich harter Tobak. Und schon hier merken wir, wie hochaktuell und brisant die Botschaft von Paulus bis heute ist. Denn Paulus macht damit klar: Sein Evangelium steht ganz grundlegend auf dem Konzept von Wahrheit und Irrtum. Es basiert auf dem Anspruch, dass hier eine objektive Wahrheit verkündet wird, die für alle Menschen gilt, unabhängig davon, ob sie diese Wahrheit verstehen und akzeptieren oder nicht. Die Idee, dass jeder nach seiner Façon selig werden kann, wäre zwar bequem. Sie klingt nett und tolerant. Aber sie passt in keiner Weise zur Botschaft von Paulus. Der Gedanke, dass sich jeder selbst eine Religion zusammen zimmern kann, die sich für ihn am besten anfühlt, ist für Paulus genauso absurd, wie der Gedanke, dass Du gegen Deine Krankheit einfach die Pille nimmst, die Dir am besten schmeckt. Das kannst Du ja gerne machen. Aber gesund machen wird Dich nur die Pille, die tatsächlich genau den Wirkstoff enthält, der genau die Krankheit bekämpft, die Du tatsächlich in der Realität hast. Die Wirksamkeit der Pille hängt von der objektiven Wahrheit der Diagnose ab, nicht von Geschmacksfragen. Ganz genauso geht es Paulus um die Frage: Was ist objektiv aus Gottes Sicht tatsächlich die Wahrheit über Gott und über die Welt? An welcher Realität müssen wir uns orientieren, damit uns wirklich geholfen werden kann?

Auch mit dem zweiten Eckpfeiler seines Evangeliums gibt Paulus eine Antwort auf eine zentrale Grundfrage der Menschheit:

2. Woher kommen wir?

Dazu schreibt Paulus in Römer 1, 19-22:

„Denn was man von Gott erkennen kann, ist unter ihnen bekannt, weil Gott es ihnen längst vor Augen gestellt hat. Seine unsichtbare Wirklichkeit, seine ewige Macht und göttliche Majät sind nämlich seit Erschaffung der Welt in seinen Werken zu erkennen. Die Menschen haben also keine Entschuldigung. Trotz allem, was sie von Gott wussten, ehrten sie ihn aber nicht als Gott und brachten ihm auch keinerlei Dank. Stattdessen verloren sich ihre Gedanken ins Nichts, und in ihrem uneinsichtigen Herzen wurde es finster. Sie hielten sich für Weise und wurden zu Narren. Die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes vertauschten sie mit Bildern von sterblichen Menschen, mit Abbildern von Vögeln, vierfüßigen und kriechenden Tieren.“

Wir können auf dieser Grundlage den zweiten Eckpfeiler seines Evangeliums wie folgt zusammenfassen:

Die Schöpfung beweist, dass es einen Schöpfer gibt, der unsere Verehrung verdient!

Die Beweisführung von Paulus für diesen Eckpfeiler ist denkbar einfach und für jeden Menschen sofort verständlich. Paulus sagt ganz simpel: Schau Dich um in der Natur. Was siehst du da? Du siehst überall Geschöpfe. Und wo es Geschöpfe gibt, da muss es einen Schöpfer geben. Auch wir sagen heute noch: Wo es eine Uhr gibt, da muss es einen Uhrmacher geben. Wo es ein Kunstwerk gibt, da muss es einen Künstler geben. Und Paulus schlussfolgert weiter: Wenn es einen Schöpfer gibt, dann hat unser Schöpfer auch unsere Verehrung verdient. Wir sind schließlich heute immer noch der Meinung, dass der Schöpfer eines Kunstwerks es verdient hat, dass sein Name genannt und geehrt wird. Auch heute noch würde niemand ein Konzert geben mit einer wundervollen Symphonie, ohne dazu zu sagen, wer diese Symphonie komponiert hat. Es wäre völlig absurd, sich stattdessen vor den Notenblättern zu verneigen, weil sie uns diese Symphonie vorgegeben haben. Aber Paulus sagt: Genau das tun die Menschen! Sie verneigen sich vor den Geschöpfen statt vor dem Schöpfer. Sie verneigen sich vor Bildern und Statuen. Wie absurd! Sie sind zu Narren geworden!

Heute halten wir uns für klüger. Wir verneigen uns nicht mehr vor Statuen und Bildern. Sind wir heute also besser als die Menschen damals? Na ja. Wir verneigen uns zwar nicht mehr vor Bildern und Statuen. Aber wir verneigen uns trotzdem nicht vor dem Schöpfer. Wir verneigen uns einfach vor gar niemandem mehr. Wir sagen: Es gibt gar keinen Schöpfer. Es ist alles von selbst durch Zufall entstanden. Das ist, wie wenn wir am Ende der Symphonie sagen würden: Wahrscheinlich hat ein Zufallsgenerator die Noten aufs Papier gezaubert. Wir brauchen keinem Komponisten die Ehre geben. Es gibt ja keinen. Ist das wirklich besser als das, was die Menschen zur Zeit von Paulus getan haben?

Tatsache ist: Wir leben wir in einer Welt, in der seit gut 200 Jahren Heerscharen von Wissenschaftlern versucht haben, die simple Beweisführung von Paulus zu widerlegen. In der akademischen Welt wird die Beweisführung von Paulus heute als „Intelligent Design“ bezeichnet. „Intelligent Design“ besagt ganz einfach: Die Natur weist Eigenschaften auf, die darauf hinweisen, dass sie von einem intelligenten Designer konzipiert worden sein muss. Dafür gibt es in der Tat sehr starke Argumente. Trotzdem wird heutzutage diese Sichtweise eher lächerlich gemacht und als unwissenschaftlicher Unfug dargestellt. Das ist bemerkenswert. Denn zugleich wussten wir noch nie so gut wie heute, wie viele Hinweise auf einen Schöpfer in der Welt existieren: Die Feinabstimmung der Naturkonstanten, die codierte Information der DNA, die molekularen Maschinen in unseren Zellen, die extreme Komplexität der biologischen Baupläne, dazu die Realität von Bewusstsein, Geist, Schönheit und Moral: All das sind natürlich extrem starke Hinweise darauf, dass es einen Schöpfer geben muss, der all das erschaffen hat. Denn alle unsere Experimente zeigen wieder und wieder, dass solche Dinge nicht von selbst entstehen. Die Vorstellung, unsere Welt könnte durch eine „Selbstorganisation der Materie“, also durch ziellose materielle Prozesse von selbst entstanden sein, ist angesichts unserer Kenntnisse über die Beschaffenheit der Welt heute mehr denn je absurd.

Trotzdem ehren wir den Schöpfer nicht. Warum nicht? Könnte es sein, dass das auch damit zusammenhängt, dass die Existenz eines Schöpfers die Autonomie der Geschöpfe in Frage stellen würde? Ein Schöpfer könnte uns ja womöglich eine Schöpfungsordnung mitgegeben haben, an die wir uns halten müssten. Könnte es sein, dass wir lieber autonom sein wollen? Könnte es sein, dass wir lieber selbst bestimmen wollen, wer wir sind und wie wir leben wollen?

Tatsache ist: Die Argumentation von Paulus steht bis heute unwiderlegt im Raum. Wer die Schöpfung sieht und dem Schöpfer trotzdem die Ehre verweigert, muss sich vorwerfen lassen, vor der offenkundigen Wahrheit davon zu rennen. Wir haben bis heute allen Grund, uns von diesem simplen Argument von Paulus provozieren, herausfordern und in Frage stellen zu lassen.

Nun könnte man natürlichauch sagen: Ja, ich erkenne ja an, dass es wohl einen Schöpfer geben muss. Aber das hat für mich keine Konsequenzen. Denn dieser Schöpfer hat sich bei mir noch nicht gemeldet. Also kann ich trotzdem weiterhin so leben, wie ich das für richtig halte. Wer das tut, den konfrontiert Paulus mit dem 3. Eckpfeiler seines Evangeliums, der wieder eine Antwort gibt auf eine zentrale Grundfrage der Menschheit:

3. Gibt es eine letzte Gerechtigkeit?

Oder anders gefragt: Kommen all die Ausbeuter und Gewalttäter und Betrüger einfach so davon? Oder wird eines Tages die schreiende Ungerechtigkeit dieser Welt noch einmal richtig gestellt?

Im Moment scheint kaum noch jemand zu glauben, dass es diese letzte Gerechtigkeit geben wird. Das war früher anders. Christen haben regelmäßig im apostolischen Glaubensbekenntnis bekannt: „Von dort wird er kommen, zu richten, die Lebenden und die Toten.“ Heute scheint die Vorstellung vom letzten Gericht immer mehr in der Versenkung zu verschwinden – auch in den Kirchen.

Diese Entwicklung führt zu unterschiedlichen Konsequenzen. Die einen fangen an, sich in einen ganz verbissenen Kampf für Gerechtigkeit zu begeben, weil sie sagen: Es gibt keinen Gott, der am Ende für Gerechtigkeit sorgt. Das müssen wir schon selber machen. Da reicht es heute auch nicht einmal mehr, dass jeder die gleichen Chancen hat. Nein, es muss sogar Gleichheit und Gleichstellung hergestellt werden. Gleich viele Männer und Frauen müssen in verantwortlichen Positionen sein. Und wenn sich das nicht von selbst einstellt, dann muss das mit Quoten erzwungen werden.

Die andere Konsequenz ist das Verschwinden von Gottesfurcht. In einer bekannten Zeitung erschien vor Kurzem ein Artikel mit dem Titel: „Warum ich gerne klaue“. Darin rechtfertigt sich der Autor für seine permanenten Diebstähle. Der Gedanke, dass er anderen Menschen damit schadet, kommt ihm nicht. Gleich gar nicht kommt ihm in den Sinn, dass seine Diebstähle irgendwann noch einmal vor einem göttlichen Gericht verhandelt werden könnten. Das zeigt: Der Schrei nach Gerechtigkeit ist in unserer heutigen Gesellschaft zwar groß. Dabei gilt aber: Wir wollen selbst die Richter sein! Wir wollen selbst entscheiden, was wir für gerecht halten und was nicht. Genau diesem Denken widerspricht Paulus ganz direkt, wenn er schreibt:

„Rechnest Du wirklich damit, dem Urteil Gottes entgehen zu können? … Du bist starrsinnig und im tiefsten Herzen nicht bereit, dich zu ändern. Und so ziehst du dir selbst mehr und mehr den Zorn Gottes zu bis zum Tag des Zorns. Das ist der Tag, an dem Gott sich als gerechter Richter offenbart. Gott wird allen das geben, was sie für ihre Taten verdienen. … Über jeden Menschen, der Böses tut, lässt er Not und Verzweiflung hereinbrechen. … Denn Gott richtet ohne Ansehen der Person.“ (Römer 2, Verse 3b,5,6,9,11)

Paulus lässt also überhaupt keinen Zweifel am dritten Eckpfeiler seines Evangeliums:

Es kommt ein Tag, an dem alles noch einmal vor dem Richterstuhl Gottes auf den Tisch kommt!

Paulus macht hier völlig klar: Diesem Gott entgeht nichts. Und dieser Gott wird zornig angesichts unseres ungerechten, egoistischen Verhaltens, mit dem wir uns und anderen Menschen schaden. Dieser Gott wird eines Tages alle unsere Taten ans Licht bringen und im Gericht für Gerechtigkeit sorgen.

Obwohl Paulus sich hier so eindeutig äußert, hört man diese Botschaft heute kaum noch von den Kanzeln. Selbst innerhalb der Kirche wird oft gesagt: Man darf doch mit solchen Gerichtsandrohungen nicht aus der Frohbotschaft eine Drohbotschaft machen. Das klingt einleuchtend. Das Problem ist nur: Jesus lehrt das letzte Gericht. Und Paulus lehrt es auch. In aller Deutlichkeit! Will Paulus die Menschen etwa einschüchtern? Will er sie manipulieren, um sie bei der christlichen Stange zu halten?

Tatsache ist: Düstere Warnungen dieser Art wären natürlich hochgradig verwerflich, wenn jemand sie bewusst erfunden hätte, um Menschen Angst zu machen und zu manipulieren. Aber wenn die Aussicht real ist, dass es einen göttlichen Richter gibt, der uns am Ende für unser Fehlverhalten zur Rechenschaft ziehen wird, dann wäre die Sachlage genau umgekehrt. Dann wäre es verwerflich, auf die Warnung zu verzichten! Dann müssten diejenigen schuldig gesprochen werden, die für die Warnung verantwortlich waren, sie aber – aus welchen Gründen auch immer – verschwiegen haben. Und für Paulus ist völlig klar: Das finale Gericht über alle Taten der Menschheit ist eine Realität. Es wäre fatal und verantwortungslos, das zu verschweigen.

Zumal diese Botschaft ja auch eine Hoffnungsbotschaft ist, und zwar für all die Unterdrückten, Ausgebeuteten, Bedrängten und Betrogenen dieser Welt, die von keinem weltlichen Gericht Gerechtigkeit erwarten können. Es wäre doch katastrophal, wenn wir diesen Menschen sagen müssten: Nichts und niemand wird sich jemals für das Unrecht interessieren, das dir widerfahren ist. Die gute Nachricht des Evangeliums ist aber: Am Ende kommt alles noch einmal auf den Tisch! Am Ende wird Recht gesprochen. Und diese Nachricht bleibt eine Bedrohung, eine Provokation und ein Ärgernis für Alle, die es sich bequem machen wollen in einer Welt ohne Gott, ohne Gericht, ohne Strafe, ohne Konsequenzen. Und sie nagt natürlich noch mehr als die Botschaft vom Schöpfer an der Autonomie des Menschen. Denn hier hören wir die Botschaft: Am Ende werden wir alle noch einmal konfrontiert mit dem, was wir getan haben, welchen Menschen wir geschadet haben und was wir damit angerichtet haben. Paulus macht also Allen einen dicken Strich durch die Rechnung, die nach dem Motto leben: Ich lebe mein Leben wie ich will und dafür muss ich mich vor niemand rechtfertigen.

Damit stellt sich aber jetzt die Frage: Müssen wir denn etwas befürchten in diesem letzten göttlichen Gericht? Oder können wir diesem Gericht beruhigt entgegen sehen, solange wir ein halbwegs ordentliches Leben führen, unsere Steuern zahlen, uns um unsere Familie kümmern und soweit es geht zu allen nett und freundlich sind? Damit kommen wir zur 4. Grundfrage der Menschheit, die Paulus in seinem Evangelium beantwortet:

4. Was ist die Ursache für das Drama der Menschheit?

Woran liegt es eigentlich, dass wir Menschen nicht einfach friedlich zusammenleben können? Warum bauen wir uns nicht einfach gemeinsam ein Paradies auf Erden? Warum haben wir stattdessen Krieg und Konflikte, Streit, Neid, Armut und Hunger, obwohl die Ressourcen der Erde doch locker für alle reichen würden? Warum ist das so?

Auf diese herausfordernde Frage gibt es sehr verschiedene Antworten. Vor allem in der Zeit der Aufklärung war eine Reihe von Philosophen der Meinung: Der Kern unseres Problems ist, dass wir die menschliche Vernunft viel zu lange begrenzt haben durch religiöse Autoritäten, durch angebliche heilige Schriften oder durch Traditionen, die doch längst überkommen sind. Wenn wir endlich die Vernunft nicht länger einschränken, dann wird schon bald der menschliche Fortschritt eine wunderbare Welt erschaffen. Aber nach der Aufklärung folgten die beiden schlimmsten Weltkriege aller Zeiten, begleitet vom entsetzlichen Massenmord an den Juden. Es ist erschreckend, wie viele Gelehrte in Deutschland dieses menschenverachtende Gedankengut unterstützt und befürwortet haben. Ganz offenkundig ist unsere menschliche Vernunft bei weitem nicht so verlässlich, wie manche Philosophen das behauptet haben.

Andere Leute im kommunistischen Umfeld vertraten die Position: Der Kern des Problems sind die ungerechten Umstände! Menschen sind böse, wenn sie ungerecht behandelt werden. Wenn wir die Ungerechtigkeit beseitigen, dann wird das Gute im Menschen hervorkommen und wir werden uns gemeinsam das Paradies auf Erden errichten. Die kommunistischen Systeme haben aber leider nicht das Paradies sondern eine beispiellose Blutspur hinterlassen.

Was sagt nun Paulus zu dieser Frage? Der 4. Eckpfeiler seines Evangeliums lautet: Nicht die Beschränkung der Vernunft, nicht die ungerechten Umstände, sondern…

Wir selbst sind der Kern unserer Probleme!

Oder anders ausgedrückt: Das Herz des Problems ist das Problem des menschlichen Herzens, das zutiefst verstrickt ist in sündiges, egoistisches Verhalten. In Römer 1, 28-30 schreibt Paulus:

„Sie hielten es nicht für wichtig, Gott anzuerkennen. Deshalb hat Gott sie ihrer schändlichen Gesinnung ausgeliefert. Daher tun sie, was sich nicht gehört. Sie strotzen vor Unrecht, Bosheit, Habgier und Schlechtigkeit. Sie sind voller Neid, Mordlust, Streitsucht, Hinterhältigkeit, Heimtücke, Verleumdung und übler Nachrede. Sie verachten Gott, sind gewalttätig, hochmütig und prahlerisch. Im Bösen sind sie erfinderisch und ihren Eltern gegenüber ungehorsam.“

Deutlicher kann man es nicht sagen. Besonders niederschmetternd für uns Menschen: Das Gericht Gottes besteht darin, dass er uns einfach unserer eigenen Gesinnung ausliefert. Er lässt uns einfach machen, wie wir denken und wollen. Gott muss uns nicht aktiv bestrafen. Wir Menschen bereiten uns schon selbst gegenseitig die Hölle auf Erden, wenn Gott uns einfach nur in die Autonomie entlässt, die wir so lautstark verlangen. Diese Aussage ist tatsächlich der ultimative Tiefschlag für uns Menschen. Mehr Provokation geht eigentlich nicht.

Aber Paulus setzt noch einen drauf: „Juden und Griechen befinden sich gleichermaßen in der Gewalt der Sünde. So steht es auch in der Heiligen Schrift: „Keiner ist gerecht – nicht ein Einziger. Keiner ist einsichtig, keiner fragt nach Gott. Alle sind sie von ihm abgefallen, allesamt sind sie verdorben. Es gibt keinen, der etwas Gutes tut! Auch nicht einen Einzigen!“ (Römer 3, 9-12) Und in Römer 7, 14 macht Paulus deutlich, dass er sich selbst hier überhaupt nicht ausnimmt: „Ich weiß: So wie ich von Natur aus bin, wohnt in mir nichts Gutes.“ Spätestens beim Lesen dieser Sätze wird klar, warum die „Gute Nachricht“ von Paulus oft so schlecht angekommen ist. Wer will sich denn schon gerne ein derart vernichtendes Urteil ausstellen lassen? Tatsächlich könnte man Paulus fragen: Muss das wirklich sein? Könntest Du Deine Botschaft nicht ein wenig netter vermitteln?

Ich selbst würde diese Botschaft von Paulus jedenfalls nicht ungefiltert jedem Mitmenschen einfach so aufs Brot schmieren. Aber eigentlich gilt hier doch genau das Gleiche, was schon bei der Botschaft des Gerichts galt: Wäre diese Diagnose aus der Luft gegriffen, um Menschen klein und gefügig zu machen, dann wäre sie hochgradig verwerflich. Aber wenn sie zutrifft, dann wäre es verwerflich, diese Diagnose zu verschweigen. Ein Arzt, der bei der Diagnose nicht schonungslos ehrlich ist, findet auch keine Therapie, die wirklich heilen kann. Ein guter Arzt muss ehrlich sein, auch wenn die Wahrheit erschütternd ist. Sonst wäre er kein guter Arzt. Und deshalb lautet die entscheidende Frage: Hat Paulus recht mit seiner niederschmetternden Diagnose?

Paulus steht mit seiner Position in der Bibel nicht alleine da. Dieses pessimistische Menschenbild zieht sich quer durch die ganze Bibel. Das beginnt schon in 1. Mose 8, 21: „Der Mensch ist böse von Jugend auf.“ Immer und immer wieder schildert die Bibel, wie die Menschen sich verrennen in zerstörerischen Verhaltensweisen, in Lug und Trug, in Ausbeutung und Gewalt.

Aber wie sieht es aus, wenn wir heute auf unsere Welt und in unsere Geschichte schauen? Müssen wir nicht ehrlicherweise sagen, dass die Diagnose von Paulus zutrifft? Auch heute müssen wir überall auf der Welt auf unseren Geldbeutel und unsere Wertsachen aufpassen. Überall in der Welt wird Polizei und eine ordnende Staatsmacht benötigt, um das Böse in Schach zu halten. Wir Menschen haben es nirgends je geschafft, ein System zu entwickeln, in dem einfach alle Menschen gut miteinander umgehen. Keine Systemänderung hat dazu geführt, dass plötzlich überall der gute Kern des Menschen die Oberhand gewinnt.

Ganz offenkundig schaffen wir Menschen es einfach nicht, uns unser eigenes Paradies zu bauen. Der gute König, der einfach nur das Beste für sein Volk will, existiert nur im Märchen. Sex, Macht und Geld korrumpiert uns Menschen. Die Demokratie ist gerade deshalb eine so gute Staatsform, weil in ihr jede Macht von anderen Mächten kontrolliert wird und im Zweifelsfall abgesetzt werden kann. Deshalb bin ich der Meinung: Die Geschichte hat wieder und wieder bewiesen, dass Paulus recht hat mit seiner Diagnose.

Aber wenn es stimmt, dass wir Menschen Sünder sind und Schuld auf uns laden, folgt daraus die nächste große Grundfrage der Menschheit:

5. Wer erlöst uns von Schuld und Scham?

Ich höre oft die These, dass der moderne Mensch sich nicht mehr interessieren würde für die Frage nach der Erlösung von Schuld. Die Menschen würden sich doch gar nicht mehr schuldig fühlen. Also brauchen sie auch keine Erlösung. Meine Beobachtung ist offen gesagt eine völlig andere. Erst kürzlich hat sich ein Bekannter von mir in den Urlaub verabschiedet. Er hatte eine tolle Reise geplant auf einen anderen Kontinent, eine Kombination aus Flugreise und Rundreise mit einem Mietwagen. Aber am Ende unseres Gesprächs sagte er: Ich habe ja so ein schlechtes Gewissen! Ich zerstöre damit doch das Klima! Welche Welt hinterlasse ich meinen Nachkommen?

Meine Wahrnehmung ist: Schuld ist tatsächlich gerade jetzt wieder ein riesengroßes Thema in unserer westlichen Welt! Wir sind schuld am Klimawandel. An der Umweltverschmutzung. Am Artensterben. An Armutsmigration, Flucht und Vertreibung. Wir sind schuld an ungerechten Lieferketten. An Diskriminierung, Rassismus und Kolonialismus. Wir könnten die Reihe noch lange fortsetzen.

Schuld und Moral hat Konjunktur in unserer Gesellschaft. Sogar die Witze von Otto Waalkes werden heute offenbar als so diskriminierend empfunden, dass man vor ihnen warnen muss. Winnetou wird aus den Medien verbannt, weil das ja kulturelle Aneignung sei. Das Problem daran ist: Wenn der Moralismus derart stark wird, dann hat auch Schuld und Scham Hochkonjunktur. Denn wer von uns ist denn noch in Ordnung, wenn sogar Otto Waalkes und Winnetou, die Helden unserer Kindheit, Diskriminierer sind?

Eine Antwort unserer Zeit lautet: Vielleicht können wir uns ja freikaufen! Wir könnten parallel zur Flugbuchung für ein Aufforstungsprojekt spenden. Oder wir werden Veganer. Oder wir verzichten auf Kinder, um CO2 zu sparen. Oder wir schmücken uns mit Regenbogenfarben und bauen sogar Sternchen und Sprechpausen in unsere Sprache ein, um ja niemand zu vergessen oder zu verletzen. Die Frage ist nur: Wird das reichen? Werden wir dadurch erlöst von Schuld und Scham? Paulus hat dazu eine überaus klare Position. Der 5. Eckpfeiler seines Evangeliums lautet:

Wir können uns nicht selbst erlösen. Allein aus Gnade werden wir gerettet!

Paulus hat dazu im Römerbrief revolutionäre Sätze geprägt, die später auch die Reformation vorangetrieben haben:

„Denn wir sind der Überzeugung, dass der Mensch allein aufgrund des Glaubens gerecht ist – unabhängig davon, ob er das Gesetz befolgt.“ (Römer 3, 28) „Wenn es aber aus Gnade geschah, dann spielen die eigenen Taten dabei keine Rolle. Sonst wäre die Gnade ja nicht wirklich Gnade.“ (Römer 11, 6)

Für Paulus gilt also: Kein noch so frommes oder gut gemeintes Werk bringt mir Erlösung, im Gegenteil: Jede Leistung, mit der ich mir ein gutes Gewissen oder gar Gottes Gunst verdienen will, wirft mich aus der Spur des gesunden, rettenden Glaubens, der allein auf die unverdiente Gnade Gottes setzt und der sagt: Ich kann mich nicht selbst erlösen. Aber ich bin von Gott angenommen, weil Jesus alles Notwendige bereits getan hat. Ich bin gerecht, weil Gott am Kreuz für mich Gerechtigkeit erworben hat und sie mir ohne mein Zutun schenkt. Das ist das Evangelium. Das ist Rechtfertigung allein aus Gnade.

Die große Not unserer Gesellschaft ist demnach, dass sie diese Gnade nicht kennt und dass sie diese Gnade auch gar nicht haben will. Ich kann das verstehen. Ich will ja auch lieber sitzen bleiben auf dem hohen Ross meiner Selbstgerechtigkeit. Ich will auch lieber Lohn für meine Leistung statt gnädig beschenkt zu werden. Die Gnade, die Gott uns anbietet, ist demütigend! Denn sie sagt uns: Wir sind so schuldig, dass ein anderer für uns sterben muss. Wir sind so hoffnungslos verloren, dass ein anderer am Kreuz die Suppe auslöffeln muss, die wir eingebrockt haben. Wie demütigend ist das! Und wie erlösend zugleich! Denn jetzt hängt meine Erlösung nicht mehr von mir ab und von meinen guten Vorsätzen, die ich doch morgen wieder fallen lasse. Jetzt werde ich wirklich befreit von Schuld und Scham. Denn was Jesus am Kreuz getan hat, ist genug – ein für alle Mal. Das ist wirklich, wirklich gute Nachricht. Das ist echtes, befreiendes Evangelium.

Darauf könnten Kritiker jetzt allerdings antworten: Ernsthaft? Unsere Schuld wird einfach so vergeben? Wir bekommen einfach so einen Freibrief und können ansonsten weitermachen wie bisher? Das soll die ganze christliche Botschaft sein? Tatsächlich ist das noch nicht die ganze Botschaft. Der 6. Eckpfeiler im Evangelium von Paulus gibt wieder Antwort auf eine große Grundfrage der Menschheit:

6. Was macht uns zu besseren Menschen?

Oder anders gefragt: Wie können wir Menschen uns bessern im Umgang mit uns selbst und mit anderen? Diese Frage bewegt viele Menschen. Wenn wir in eine Buchhandlung gehen, können wir dazu zahlreiche Ratgeber finden. Der Tenor vieler dieser Bücher lautet in etwa so: Folge deinem Herzen! Werde du selbst! Entdecke Dein Potenzial! Nimm Dein Leben in die Hand! Dann kannst du über dich hinauswachsen! Dann kannst du dich selbst und deine Umwelt verändern! Dann wirst du glücklich, zufrieden und erfolgreich!

Es wäre schön, wenn es so einfach wäre. Einfach nur ein gutes Buch kaufen, und schon geht es aufwärts in meinem Leben. Aber funktioniert das wirklich? Paulus macht uns wenig Hoffnung, im Gegenteil: Der 6. Eckpfeiler seines Evangeliums lautet:

Wir werden verändert durch die Erneuerung unseres Herzens!

Und Erneuerung bedeutet für ihn: Unser altes Leben muss sterben, damit ein neues Leben geboren werden kann. In Römer 6, 6-8+11 schreibt Paulus dazu:

„Wir wissen doch: Der alte Mensch, der wir früher waren, ist mit Christus am Kreuz gestorben. Dadurch wurde der Leib vernichtet, der im Dienst der Sünde stand. Jetzt sind wir ihr nicht mehr unterworfen. Wer gestorben ist, auf den hat die Sünde keinen Anspruch mehr. Wir sind nun also mit Christus gestorben. Darum glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden. … Genau das sollt ihr auch von euch denken: Für die Sünde seid ihr tot. Aber ihr lebt für Gott, weil ihr zu Christus Jesus gehört.“

Paulus knüpft hier an seine These an, dass alle Menschen unter dem Diktat der Sünde stehen. Das heißt: Wir können unseren Lebensstil nicht einfach so ändern. Jedenfalls nicht aus eigener Kraft. Die Chance, die Gott uns anbietet, besteht vielmehr darin, dass wir unser bisheriges Leben mit Christus am Kreuz „sterben“ lassen, damit Raum für ein neues Leben entsteht, das nicht mehr unter dem Diktat der Sünde steht. Erst durch dieses Sterben und dieses Neuwerden wird die Sündenverstrickung durchbrochen.

Wir finden diesen Gedanken auch bei Jesus: Im Gespräch mit Nikodemus sagt er in Johannes 3, 3: Nur wenn jemand neu geboren wird, kann er das Reich Gottes sehen. Entsprechend spricht Paulus auch an anderen Stellen immer wieder von einem alten und einem neuen Menschen (z.B. Epheser 4, 22-24). In Galater 2, 20 geht er sogar so weit, zu sagen: „Ich lebe, aber nicht mehr ich selbst, sondern Christus lebt in mir.“

Das heißt: Beim Evangelium von Paulus geht es gerade nicht darum, die inneren Potenziale zu heben. Im Gegenteil: Hier geht es darum, unser bisheriges Wesen sterben zu lassen. Und Sterben heißt: Loslassen. Aufgeben. Ich hänge meinen Stolz, meine Selbstgerechtigkeit und meinen Eigensinn an den Nagel. Ich gehe innerlich und äußerlich auf die Knie und sage zu Gott: Ich kann es nicht! Ich brauche Deine Kraft! Ich lasse mich taufen, um mein altes Wesen in den Tod zu geben und in der Kraft des Heiligen Geistes ein neues Leben beginnen. Ich bete um die Fülle des Heiligen Geistes, damit ER ein neues Wesen, einen christusgemäßen Charakter in mir wachsen lässt, geprägt von Liebe statt Gleichgültigkeit, Freude statt Zynismus, Freundlichkeit statt Ungeduld, Güte statt Härte, Treue statt Egoismus, Selbstbeherrschung statt Faulheit.

Das mag von außen so aussehen, als ob jemand einfach nur sein Verhalten ändert. Aber Christen sind überzeugt: Hinter dieser äußerlich sichtbaren Veränderung steht Gott selbst, der durch den Heiligen Geist unsere Herzen erneuert. Genau das hat Gott durch die Propheten angekündigt. In Jeremia 31, 33 sagt Gott: „Doch dies ist der neue Bund, den ich an jenem Tag mit dem Volk Israel schließen werde, spricht der Herr. Ich werde ihr Denken mit meinem Gesetz füllen, und ich werde es in ihr Herz schreiben.“ Gott schenkt uns ein neues Herz, das die Gebote Gottes liebt und sie von Herzen gerne lebt.

Damit sind wir beim 7. Eckpfeiler des Evangeliums von Paulus, der uns eine Antwort auf die folgende grundlegende Menschheitsfrage gibt:

7. Wie werden wir Menschen wirklich frei?

Unsere Antwort darauf lautet normalerweise: Wir werden frei, indem wir uns von Zwängen entledigen. Freiheit bedeutet: Menschen müssen sich nach nichts und niemandem mehr richten. Sie bestimmen ihr Leben selbst. Freiheit bedeutet Autonomie, also die Befreiung von äußeren Zwängen und Regeln.

Aber die große Frage ist: Macht Autonomie uns Menschen wirklich frei? Paulus sagt dazu zwar einerseits: Ja, es stimmt, Christen sind zur Freiheit berufen. Er spricht sogar von der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes (Römer 8,21). Nur: Diese Freiheit ist gerade das Gegenteil von Autonomie. Der 7. Eckpfeiler des Evangeliums von Paulus lautet:

Jesus ist Herr! Freiheit und Gehorsam gehören zusammen!

Wir finden diesen Eckpfeiler gleich zu Beginn des Römerbriefs. Da schreibt Paulus einen Satz, der so gar nicht zur Freiheit des Menschen zu passen scheint: „Was ich verkünde, ist die gute Nachricht von Jesus Christus, unserem Herrn! … Sie sollen Christus gehorsam sein, den Glauben annehmen und so seinem Namen Ehre machen.“ (Römer 1, 4b+5b) Und in Römer 6, 17 fügt Paulus hinzu: „Dank sei Gott! Denn früher wart ihr Diener der Sünde. Aber jetzt gehorcht ihr von ganzem Herzen der Lehre, auf die ihr verpflichtet worden seid.“ Christen sollen also gehorsam sein! Sie gehören nicht sich selbst, im Gegenteil: „Denn wir gehören zu Christus Jesus, unserem Herrn.“ (Römer 6, 23) Das ist also buchstäblich das Gegenteil von Autonomie. Wir gehören nicht uns selbst. Wir gehören Jesus.

Bibelleser sollte das eigentlich nicht überraschen. Denn in den Evangelien wird ja immer wieder deutlich: Die Botschaft Jesu drehte sich im Kern um ein Königreich. Immer und immer wieder sagt er: Ändert euch. Kehrt um. Denn das Reich Gottes, die Herrschaft Gottes ist nahe. Jesus lehrt uns beten: „Dein Reich komme. Dein Wille geschehe.“ Und Jesus betont: „MIR ist alle Macht gegeben, im Himmel und auf der Erde.“ (Matthäus 28,18) Und „wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote befolgen.“ (Johannes 14, 15) Da wird also ein ganz klarer Herrschaftsanspruch formuliert! Aber wie passt diese Botschaft von der notwendigen Unterordnung unter die Herrschaft Jesu dazu, dass Christen frei sind?

Genau darauf gibt Paulus in den Kapiteln 6-8 des Römerbriefs eine ganz klare Antwort. Im Kern sagt er: Eine souveräne Freiheit im Sinne einer völligen Unabhängigkeit gibt es für uns Menschen nicht. Niemals. Für niemand von uns! Wir Menschen sind immer von etwas bestimmt – entweder vom Geist Gottes oder aber von unserer menschlichen, in Sünde verstrickten Natur. Die Wahrheit ist laut Paulus also paradox: Je mehr wir uns von Gott frei machen wollen, umso mehr werden wir zu Gefangenen und Getriebenen unserer Wünsche, Süchte, Begierden und der Erwartungen anderer Menschen. Aber je mehr wir uns der Herrschaft Jesu unterordnen, umso mehr dürfen wir erleben, wie ER unsere Füße auf weiten Raum stellt und uns in wahre Freiheit führt.

Der Einstieg in die Freiheit besteht also gerade nicht darin, dass wir uns von allen Geboten entledigen. Im Gegenteil: Die Freiheit beginnt dort, wo wir uns freiwillig unter die Herrschaft Gottes begeben. Christen nennen Jesus ganz bewusst und mit Freude „Herr“. Und Gott schenkt ihnen wachsende Freude daran, ein Leben zu führen, das seinen Geboten und Ordnungen entspricht – nicht aus Zwang und Druck sondern aus dem Erleben, dass Gottes Gebote keine einengenden Schikanen sind, sondern dass es sich um heilsame Hilfen zum Leben handelt. Und Gottes Geist schenkt uns die Kraft und das Verlangen, in diesen heilsamen Ordnungen zu leben. DAS führt uns in die herrliche Freiheit der Kinder Gottes. Ist das nicht großartig?

Das Evangelium erklärt und provoziert die Welt

Ich hoffe, ich konnte zeigen: Das Evangelium ist tatsächlich viel mehr als eine nette Botschaft von der grenzenlose Liebe Gottes. Der bekannte englische Schriftsteller C.S. Lewis hat einmal geschrieben:

„Ich glaube an Christus, so wie ich glaube, dass die Sonne aufgegangen ist, nicht nur, weil ich sie sehe, sondern weil ich durch sie alles andere sehen kann.“

Genau so geht es mir, wenn ich auf diese 7 Punkte schaue. Sie zeigen mir nicht nur, wer und wie Gott ist. Im Licht dieser Botschaft kann ich auch mich selbst erkennen. Ich kann erkennen, welche Würde ich habe als sein Geschöpf. Aber ich verstehe auch, wie tief ich verstrickt bin in Sünde und was diese Sünde in meinem Leben anrichtet. Ich verstehe, wie rettungsbedürftig ich bin. Und ich verstehe immer besser, was in dieser Welt geschieht und warum sie so ist, wie sie ist. Mir fallen so viele Belege und Erfahrungen ein, die mir zeigen: Ja, dieses Evangelium ist tatsächlich wahr. Diese Diagnose trifft zu. Und deshalb kann ich mich auch darauf verlassen, dass in diesem Evangelium die heilende und rettende Botschaft enthalten ist, die mir tatsächlich hilft. Deshalb kann ich mit Freude mein Leben auf diese Botschaft bauen. Darin liegt für mich die ganze Kraft und Schönheit des Evangeliums.

Zudem wird in diesen 7 Punkten deutlich, warum dieses Evangelium zu allen Zeiten auf so viel Widerstand gestoßen ist. Ja, das Evangelium ist sehr gute Nachricht. Es ist rettende Nachricht, wenn wir verstanden haben, wie rettungsbedürftig wir sind. Aber solange wir der Meinung sind, dass wir eigentlich soweit ganz in Ordnung sind, ist dieses Evangelium pure Provokation. Und es steht damals wie heute im grundlegenden Widerspruch zu vielen Denkweisen, die in unserer Gesellschaft scheinbar ganz selbstverständlich sind.

Es ist nun einmal ein riesiger Unterschied, ob …

… wir die Wahrheit in uns selbst finden oder ob sie von außen auf uns zukommt und uns gegenübertritt.

… wir selbst und unsere subjektiven Erfahrungen der Maßstab für unsere Gotteserkenntnis sind, oder ob der Maßstab für unsere Gotteserkenntnis objektive Wahrheiten sind, die Gott uns in der Bibel offenbart.

… die Schöpfung nur auf ziellose Zufallsprozesse hinweist, die uns in unserer Autonomie in keiner Weise stören, oder ob die Schöpfung auf einen Schöpfer hinweist, der unsere Verehrung verdient.

… wir selbst beurteilen, was gerecht ist, oder ob wir uns bewusst sind, dass wir uns eines Tages vor dem Richterstuhl Gottes verantworten müssen, wo wir nach Gottes Maßstäben beurteilt werden und nicht nach unseren eigenen Maßstäben.

… das Grundproblem der Menschheit die bösen Umstände sind oder ob wir selbst das Problem sind, weil unser eigenes Herz hoffnungslos verstrickt ist in Sünde.

… wir uns selbst erlösen wollen durch moralisches Verhalten oder ob uns Erlösung ausschließlich durch Gnade geschenkt wird durch das Erlösungswerk Jesu am Kreuz.

… wir bessere Menschen werden, indem wir unsere eigenen Potenziale entfalten oder ob wir unseren alten Menschen am Kreuz in den Tod geben, damit der Heilige Geist uns ein neues Herz schenken kann und wir von neuem geboren werden.

… wir frei werden durch das Ablegen von äußeren Zwängen oder ob wir ganz im Gegenteil frei werden durch die Unterordnung unter die gute und heilsame Herrschaft Jesu!

Mir macht diese Gegenüberstellung zwischen dem Evangelium von Paulus und den Denkweisen in unserer Gesellschaft deutlich: Die gute Nachricht, die Paulus damals so viel Widerstand eingebracht hat, ist seither nicht populärer geworden. Auch heute noch steht sie so ziemlich gegen alles, was in unserer Gesellschaft scheinbar ganz selbstverständlicher Mainstream ist. Paulus hat damals geschrieben, dass seine Botschaft eine Torheit ist und ein Ärgernis ist (1. Korinther 1, 23). Diese Gegenüberstellung zeigt: Das hat sich bis heute nicht geändert.

Welches Evangelium predigen wir?

Umso mehr frage ich mich: Predigen wir in unseren Kirchen und Gemeinden wirklich das paulinische Evangelium? Konkret gefragt: Sprechen wir über Wahrheit und Irrtum? Oder wollen wir lieber niemand auf die Füße treten in Bezug auf seine persönlichen religiösen Vorstellungen? Sprechen wir darüber, dass es einen Schöpfer gibt, der unsere Verehrung verdient? Sprechen wir darüber, dass wir Menschen so tief in Sünde verstrickt sind, dass Gott uns im Gericht verurteilen muss? Machen wir deutlich, dass wir uns aus diesem Zustand nicht selbst retten können und dass wir deshalb von neuem geboren werden müssen? Rufen wir dazu auf, vor Jesus die Knie zu beugen und ihn zum Herrn unseres Lebens zu machen? Oder geht es uns letztlich um – vielleicht sogar fromme – Selbstbestätigung und Selbstverwirklichung? Stehen wir und unsere Bedürfnisse im Zentrum unserer Botschaft oder steht Jesus und seine Herrschaft im Mittelpunkt?

Dieses Evangelium hat offenkundig noch nie dem Zeitgeist entsprochen. Dieses Evangelium kann und wird uns auch heute noch Widerspruch einbringen. Aber vergessen wir nicht: Trotzdem ist genau dieses Evangelium die erfolgreichste Botschaft aller Zeiten! Es war dieses Evangelium, das einst das menschenverachtende römische Reich trotz massivster Widerstände überwunden und die Welt umgekrempelt hat. Es ist dieses Evangelium, das bis heute alle Kulturen erreicht, durchdringt und verändert, obwohl es bis heute verfolgt, bekämpft und unterdrückt wird. Ich bin überzeugt: Dieses Evangelium ist der größte Schatz, den die Kirche Jesu hat und den unsere Gesellschaft so dringend braucht! Denn dieses Evangelium operiert nicht an den Symptomen der menschlichen Probleme herum. Dieses Evangelium geht an die Wurzel der Probleme, die wir in unserer Gesellschaft haben. Und die Wurzel der Probleme ist und bleibt unser Herz, das in Sünde verstrickt ist.

Nachhaltige Gesellschaftstransformation bringt nur das Evangelium

So viele Erweckungsbewegungen der Vergangenheit haben bewiesen: Echte Gesellschaftstransformation entsteht nicht durch Aktivismus oder Umstürze sondern durch die Transformation der Herzen, die nur das Evangelium bewirken kann. Dieses Evangelium hat rettende, heilende, befreiende und erneuernde Kraft, weil es wahr ist, weil es eine zutreffende Beschreibung der Wirklichkeit ist, weil es die richtige Diagnose über den Zustand von uns Menschen stellt und weil es uns deshalb auch die richtige Therapie bringt.

Und deshalb habe ich eine dringende Bitte an unsere Gemeinde- und Kirchenleiter, Verkündiger und Theologen: Bitte predigt genau dieses Evangelium, das Paulus gepredigt hat! Ich bin überzeugt, dass ihr feststellen werdet: Die Kirchen leeren sich nicht, weil dieses Evangelium provokant, kantig und anstößig ist. Im Gegenteil, ich bin mir sicher: Die Kirchen leeren sich immer dann, wenn wir uns von diesem Evangelium entfernen! Denn die Menschen spüren, dass jede andere Botschaft oberflächlich bleibt. Ein abgespecktes Evangelium mag nett und eingängig klingen, aber die Menschen spüren, dass es unsere Probleme nicht löst, dass es nur eine dünne Suppe ist, von der sich niemand ernähren kann. Aber das biblische Evangelium ist kraftvoll. Es macht den Menschen Mut und Hoffnung. Dieses Evangelium erneuert die Herzen und damit auch ganze Familien, Betriebe und Gemeinschaften. Deshalb lasst uns gemeinsam alles dafür tun, um diesen kostbaren Schatz zu hüten und zu bewahren. Und lasst uns gemeinsam mit Leidenschaft und Freude dieses Evangelium den Menschen und der Welt verkünden.

Deutschland braucht eine große Koalition

2023 war kein gutes Jahr für Deutschland. Neben Bildung und Wirtschaft ist vor allem der gesellschaftliche Zusammenhalt weiter geschrumpft. Immer deutlicher wird: Deutschland ist ein Schnittblumenland. Die christlichen Wurzeln, die unser Land so positiv geprägt haben, sind weitgehend abgeschnitten. Folglich verblüht auch unser verbindender Wertekanon.

Viele Menschen setzen ihre Hoffnung jetzt auf neues politisches Personal. Jedoch muss uns klar sein: Auch die besten Politiker können die bröckelnden Wertefundamente nicht ersetzen. Was unser Land deshalb dringender denn je benötigt, ist ein neuer geistlicher Aufbruch. Deutschland braucht dringend, ja verzweifelt eine Erweckung, aus der eine Kirche hervorgeht, die wieder Salz und Licht ist für unser Land.

Leider sind vor allem die großen Kirche davon weiter entfernt denn je. Sie werden fast nur noch durch Skandale und Mitgliederschwund wahrgenommen. Aber auch das freikirchliche und allianzevangelikale Umfeld hat viel von seiner Ausstrahlung verloren. Der Schnittblumeneffekt wirkt auch hier: Die gemeinsamen, verbindenden Glaubensgrundlagen sind durch das Vordringen von progressiver und postevangelikaler Theologie weitgehend aufgeweicht. Auch in vielen allianzevangelikalen Institutionen kann man sich kaum noch darauf einigen, was denn eigentlich das Evangelium ist. Und in ethischen Fragen verfällt man bestenfalls in Sprachlosigkeit, immer öfter aber in offenen Streit und Spaltung. Insgesamt gibt es immer weniger, was man ganz selbstverständlich miteinander feiern, besingen und bezeugen kann. Aber ohne Profil kann man auch nicht Salz und Licht für die Gesellschaft sein.

In meinen Begegnungen mit christlichen Leitern ist mir zudem viel Entmutigung begegnet. Nicht Wenige haben das Gefühl: Wir stehen auf verlorenem Posten. Eine Autorin, die sich seit Jahren in Büchern und Vorträgen für eine gesunde biblische Sexualethik engagiert, sagte mir jüngst: Es bringt nichts. Wir dringen in den Gemeinden nicht mehr durch. Der Einfluss von Zeitgeist und progressiver Theologie ist einfach zu stark. Wie konnte es soweit kommen?

Drei Milieus fließen nebeneinander her

Ich habe mich in den letzten Jahrzehnten in ganz unterschiedlichen christlichen Milieus bewegt. Dabei durfte ich wunderbare Menschen kennenlernen, die in ihrem Einflussbereich großartige Arbeit machen. Aber zunehmend fiel mir auf: Zwischen diesen Milieus gibt es nur wenig Zusammenarbeit. Das gilt auch dann, wenn sie theologisch eigentlich ganz nah beieinander sind. Ich sehe vor allem drei verschiedene Ströme, die nach meiner Wahrnehmung weitgehend getrennt nebeneinander herfließen:

  • Da sind zum einen die „Bekenntnisleute“, also bibeltreue (Laien-)Theologen, die sich in unterschiedlichsten Initiativen und Netzwerken für die Autorität der Schrift und die Gültigkeit ihrer Botschaft einsetzen.
  • Zum zweiten denke ich an die „Beter“, die sich in einer Vielzahl von Gebetsbewegungen und Gebetshäusern engagieren und dort ihre Zeit und Kraft dafür investieren, Gottes Angesicht zu suchen und möglichst viele Christen in die Gottesbegegnung mit hineinzunehmen.
  • Und schließlich sehe ich die vielen „Praktiker“, die unsere Gemeinschaften, Gemeinden und Werke am Laufen halten, also Pastoren, Älteste sowie Leiter von christlichen Werken und Institutionen aller Art.

Und ich habe mich gefragt: Woran liegt es, dass es zwischen diesen drei Milieus scheinbar so wenig Zusammenarbeit gibt?

Vorurteile, Verletzungen und trennende Dynamiken

Meine Wahrnehmung ist: Zwischen diesen drei Milieus stehen Vorurteile im Raum, die auch auf Verletzungen durch negative Erfahrungen in der Vergangenheit beruhen. Die Aussagen klingen immer wieder ähnlich:

  • Diese Leute aus den verschiedenen Bekenntnisgruppen: Die neigen doch eher zu Gesetzlichkeit und dogmatischer Kälte. Intellektuell und wissenschaftlich sind sie nur selten auf der Höhe der Zeit. Und zudem sind sie doch eher anticharismatisch, verkopft und gefühlsfeindlich.
  • Diese Beter aus den verschiedenen Gebetsbewegungen und Gebetshäusern: Die sind doch eher theologiefeindlich und gefühlsbetont. Ökumene ist ihnen wichtiger als die biblische Wahrheit. Mystische Erfahrungen lieben sie mehr als gesunde, biblisch fundierte Theologie.
  • Diese Praktiker, die unsere Gemeinden, Gemeinschaften, Werke und Institutionen leiten: Die sind doch eher methoden- als bibelorientiert. Oft sind sie verstrickt in Abhängigkeiten. Sie müssen sich halt mit denen gut stellen, die ihre Jobs und Werke finanzieren. Deshalb positionieren sie sich theologisch lieber gar nicht, um ja bei niemand anzuecken.

Hast Du so ähnliche Einstellungen auch schon wahrgenommen? Sind Dir vielleicht sogar Menschen begegnet, die von Erfahrungen berichten, die solche Vorurteile zu bestätigen scheinen? Hast Du vielleicht selbst schon solche Missstände in anderen Milieus erlebt und bleibst deshalb lieber auf Distanz?

Neben solchen Vorurteilen, schlechten Erfahrungen und Verletzungen beobachte ich noch weitere Dynamiken, die die Kooperation zwischen diesen drei Gruppen behindern können, zum Beispiel:

  • Die Sorge um den guten Ruf: Man kann ja leicht als intolerant, hartherzig und ausgrenzend eingestuft werden, wenn man sich kritisch über problematische Theologien oder Theologen äußert bzw. wenn man sich öffentlich mit Leuten verbindet, die das tun.
  • Die Angst vor beziehungs- oder existenzgefährdenden Konflikten: Der Streit um theologische Fragen hat schließlich schon oft zu zerstörerischen Spaltungen geführt.
  • Die Sehnsucht nach möglichst großer Ökumene und Reichweite: Um möglichst viele Christen aus den unterschiedlichsten Lagern einzubinden, möchte man Lehrfragen lieber gar nicht erst ansprechen – und auch die Leute meiden, die das tun.
  • Das Narrativ, dass eine offene Theologie Einheit in Vielfalt bringt, während das Beharren auf gemeinsamen Lehrüberzeugungen spaltet. Dabei ist es in Wahrheit eher umgekehrt: Eine zu offene Theologie raubt der Kirche die Basis für Einheit und führt zur ungehinderten Verbreitung von immer neuen Spaltpilzen.

Warum wir einander brauchen

Die Mauern, die unter Christen durch solche Dynamiken, Vorurteile und schlechte Erfahrungen entstanden sind, schaden der Kirche Jesu enorm. Denn meine Beobachtung ist:

  • Wo die bibeltreuen Theologen fehlen, da fehlt nicht selten auch der theologische Kompass, der das Kirchenschiff in den heftiger werdenden zeitgeistigen Strömungen dauerhaft auf einem gesunden Kurs halten kann. Die Kirche braucht gesunde theologische und denkerische Grundlagen, um die verbindenden Bekenntnisgrundlagen immer wieder neu mit Leben zu füllen und in Bezug auf unsere Botschaft sprachfähig zu bleiben.
  • Wo die Beter fehlen, da wird es irgendwann gesetzlich, trocken und unattraktiv. Dann verlagert sich unser Vertrauen zunehmend auf Wissen, Methoden und Menschen statt auf Gottes Kraft und auf seinen Segen. Dann vergessen wir, dass letztlich alles an Gottes Segen gelegen ist und dass wir ohne ihn NICHTS tun können, egal wie klug und methodisch durchdacht wir die Dinge auch anpacken.
  • Wo die Praktiker fehlen, da wird es irgendwann verkopft und praxisfremd oder aber abgehoben, hypergeistlich und weltfremd. Letztlich hilft uns die großartigste Theologie und die tiefste Gottesbegegnung nicht weiter, wenn es nicht Menschen gibt, die Gemeinden und Strukturen bauen, durch die geistliches Leben nachhaltig wachsen und gedeihen kann.

Paulus hat diese Realität so ausgedrückt:

„Und da wir alle in Christus ein Leib sind, gehören wir zueinander, und jeder Einzelne ist auf alle anderen angewiesen. (Römer 12, 5b)

Genau deshalb braucht Deutschland so dringend eine große Koalition aus bibeltreuen Theologen, Betern und Praktikern. Die Kraft von Gottes Wort, von Gebet und von gesunden Strukturen muss zusammenfließen, damit die Kirche Jesu wieder aufblühen kann.

Zarte Anfänge und wachsende Einheit

Im Oktober 2022 durfte ich gemeinsam mit Rainer Harter, dem Leiter des Gebetshauses Freiburg, eine ganz besondere Veranstaltung auf den Weg bringen: Vertreter von Bibel- und Bekenntnisinitiativen haben sich getroffen mit Vertretern von Gebetshäusern und Gebetsbewegungen aus dem ganzen Land. Am Morgen dieses Tages war ich sehr nervös. Ich war mir unsicher, wie das wohl ausgehen würde. Der Tag begann mit einem sehr offenen, ehrlichen Austausch. Dabei kamen auch kritische Fragen und schwierige Erfahrungen aus der Vergangenheit zur Sprache. Zugleich waren wir überrascht, wie viel uns doch miteinander verbindet. Im „Ergebnisprotokoll“ schrieb Frank Laffin vom Gebetshaus Bremen unter anderem:

„Es gab echtes Interesse aneinander und eine gemeinsame Liebe zur Wahrheit, Liebe zur Bibel und zu Gebet. Ein Treffen unter Geschwistern in großer Ernsthaftigkeit. Wir haben Einheit in Kernfragen erlebt. Wir fördern die Stärkung der beiden “Bewegungen”, um frühere Verletzungen auszuräumen, hier hat ein Lernprozess auf mehreren Seiten begonnen. Wir kehren zurück zu den Wurzeln unserer Väter: Bibel und Gebet. Wir wollen füreinander einstehen und beten. Wir profitieren voneinander. Wir wollen miteinander auf Gott hören.

Seit diesem Tag habe ich viele weitere ermutigende Begegnungen zwischen „Bibelleuten“, „Betern“ und „Praktikern“ erlebt. Meine Hoffnung wächst, dass der Leib Christi wieder zusammenfindet und sich versammelt auf diesem einen Fundament, ohne das die Kirche aufhört, Kirche zu sein:

„Ihr seid auf dem Fundament der Apostel und Propheten aufgebaut, in dem Jesus Christus selbst der Eckstein ist. Durch ihn sind alle Bauteile fest miteinander verbunden, sodass durch ihn, unseren Herrn, ein einzigartiges Heiligtum entsteht.“ (Epheser 2, 20+21)

Paulus macht hier deutlich: Echte Einheit im biblischen Sinn ist nicht menschengemacht. Sie ist kein Resultat von geschickter Diplomatie. Erst recht entsteht sie nicht durch die Reduktion auf den kleinsten gemeinsamen Nenner. Echte Einheit ist eine natürliche Folge davon, dass wir uns mit dem Haupt der Gemeinde, mit Jesus Christus verbinden. ER ist es, der die Glieder seines Leibes miteinander verbindet. Und er gebraucht dafür sein heiliges Wort, das uns in den Schriften der Apostel und Propheten als gemeinsame Grundlage gegeben ist.

Nach dieser Art von Einheit sehne ich mich. Viel wichtiger als formale Bündnisse scheinen mir geistgewirkte, christuszentrierte Vertrauensnetzwerke von Leitern zu sein, die voneinander wissen: Wir lieben Jesus gemeinsam. Wir folgen ihm von Herzen nach. Wir sind (trotz mancher Differenzen in theologischen Randfragen) gemeinsam verwurzelt im inspirierten Wort Gottes. Wir halten fest an den soliden Lehr- und Bekenntnisgrundlagen des historischen Christentums. Und wir brauchen einander in unseren vielfältigen Diensten und Berufungen, damit die Kirche Jesu wieder Salz und Licht werden kann für unser Land. Das wünsche ich mir mehr als alles andere für die vor uns liegende Zeit.

Wann kommt Jesus wieder?

„Mit den Wolken wird er wiederkommen. Alle werden ihn sehen, auch die, die ihn durchbohrt haben!“ (Offenbarung 1,7)

Jesus kommt wieder! Diese Vorhersage kennen wir auch aus den Evangelien.[1] Johannes verbindet sie hier mit einer Prophetie aus dem Alten Testament. Dort wird über die Nachkommen Davids und die Einwohner Jerusalems gesagt: „Dann werden sie zu mir aufblicken, den sie durchbohrt haben.“ (Sacharja 12, 10) Am Ende werden also ALLE Jesus sehen – sowohl das ethnische und geografische Israel als auch die Völker aus aller Welt. Alle werden erleben, wie sein Königreich aufgerichtet wird. Dieses Reich war mit dem ersten Kommen Jesu bereits „nahe herbeigekommen“ (z.B. Markus 1,15). Aber wir gehen auf eine Zeit zu, in der sich jedes Knie beugen und jede Zunge bekennen wird: Jesus Christus ist der Herr! (Phil. 2,10+11)

Die neutestamentliche Hoffnung auf die Wiederkunft Jesu und die Aufrichtung seines Königreichs hat die Kirche von Beginn an stark geprägt. Paulus hielt die Freude auf die sichtbare Wiederkunft Jesu sogar für ein zentrales Merkmal von Menschen, die von Gott gerecht gesprochen werden.[2] Mit dem „Advent“ (von lateinisch „Adventus domini“ = „Ankunft des Herrn“) hat die Kirche die Erwartung der Ankunft Jesu fest im Kirchenjahr verankert. Und sie ist natürlich fester Bestandteil der zentralen Bekenntnisse des Christentums.

Seit jeher stellt sich für Christen aller Zeitalter deshalb die Frage: Wann wird es soweit sein? Wann kommt Jesus wieder? Jesus hat uns zwar fest versprochen: „Ich komme bald.“ (Offb.3,11;22,7+12+20; 22,20) Aber mittlerweile sind fast 2.000 Jahre vergangen, in denen das finale Gebet der Bibel immer noch nicht erfüllt wurde: “Amen, komm doch, Herr Jesus!” (Offb. 22,20) Müssen wir womöglich noch weitere tausend Jahre warten? Oder gibt es Anzeichen, dass dieses größte Ereignis der Weltgeschichte nun tatsächlich bald bevorsteht?

Fragwürdige Endzeitfahrpläne

Wir sehen in der Kirchengeschichte, dass man bei dieser Frage auf zwei Seiten vom Pferd fallen kann. Einerseits gab es Zeiten, in denen Menschen glaubten, auf der Basis einzelner Bibelstellen mehr oder weniger genau wissen zu können, wann Jesus wiederkommt. Regelrechte Endzeitfahrpläne wurden aufgestellt. Und man scheute sich nicht, aktuelle Ereignisse großzügig in diese Fahrpläne einzusortieren. Aber je präziser die Endzeitvorhersagen wurden, umso peinlicher wurde es, wenn die Realität sie über den Haufen warf.

Leider haben so manche Endzeitexperten nicht genügend berücksichtig, dass die Auslegung von biblischen Aussagen zum „Ende der Zeit“ (Jud. 1,18) knifflig sein kann. In Matthäus 16, 28 sagt Jesus: „Es stehen einige hier, die werden den Tod nicht schmecken, bis sie den Menschensohn kommen sehen in seinem Reich.“ Dachte Jesus etwa, dass er noch zu Lebzeiten der ersten christlichen Generation wiederkommen werde? Ein Blick auf die Parallelstellen im Lukas- und Markus-Evangelium[3] legt nahe: Jesus sprach hier wohl nicht von seiner Wiederkehr am Ende der Tage, sondern von der Ausbreitung seines Reichs durch das rapide und von Wundern begleitete Gemeindewachstum nach Pfingsten. Auch in Johannes 14, 16-18 beendet Jesus seine Ankündigung des Kommens des Heiligen Geistes mit den Worten: „Ich werde euch nicht allein und verwaist zurücklassen. Ich komme zu euch!“ Der Theologe Karl Barth unterschied deshalb drei Formen der Wiederkunft Jesu:

  1. Seine Wiederkunft an Ostern nach seinem Tod
  2. Seine Wiederkunft in Form des Heiligen Geistes an Pfingsten
  3. Seine Wiederkunft am Ende der Tage

Die Sache mit der Endzeit ist also komplex. Petrus durchkreuzte alle Datierungsversuche mit dem Hinweis: Bei Gott sind 1000 Jahre wie ein Tag.[4] Jesus selbst hat klargestellt: „Tag und Stunde von diesen Ereignissen weiß niemand, nicht einmal die Engel im Himmel; nur der Vater weiß es. … Der Menschensohn wird dann kommen, wenn ihr es gerade nicht erwartet.” (Matth. 24,36+44) Zeitliche Festlegungen zur Wiederkunft Jesu verbieten sich also prinzipiell.

Wenn die Erwartung der Wiederkunft Jesu verloren geht

Aber die Kirche ist immer wieder auch auf der anderen Seite vom Pferd gefallen. Dann wird die Rede von der Endzeit und der Wiederkunft Jesu immer seltener – oder sie fällt ganz unter den Tisch. Biblische Texte zu diesem Thema werden nur noch symbolisch gedeutet. Die Verknüpfung von realen Ereignissen mit biblischer Prophetie wird weitestgehend vermieden. Die Erwartung der konkreten Wiederkunft Jesu verschwimmt im Nebel. Entsprechend wird die Adventszeit immer mehr auf die Erwartung des Weihnachtsfests reduziert. Ich kenne dieses Problem bestens aus meiner evangelischen Kirche.

Dabei warnt uns Jesus vor diesem Irrweg in aller Deutlichkeit. Immer wieder fordert er uns auf, jederzeit mit seiner Wiederkunft rechnen: “Seid also wachsam!”, sagte Jesus, “denn ihr kennt weder den Tag noch die Stunde.” (Matth.25,13) In mehreren Gleichnissen schärft er uns ein: Es wäre fatal, wenn unser Glaube einschläft, weil sich seine Wiederkehr hinzieht.

Als die Jünger Jesus nach einem Zeichen für seine Wiederkehr und für das Ende der Welt befragten (Matth. 24,3), wies Jesus diese Frage nicht zurück, im Gegenteil: Er ermutigte sie, vom Feigenbaum zu lernen. Seine beginnende Blüte zeigt doch, dass bald der Sommer kommt. Genauso gebe es Geschehnisse, die zeigen: Jesus kommt bald wieder! In den drei Überlieferungen der „Endzeitreden“ Jesu[5] finden wir eine ganze Reihe solcher Ereignisse, die uns gemäß der Worte Jesu Hinweise geben sollen, dass seine Wiederkunft näher rückt.

Hinweise auf eine baldige Wiederkunft Jesu?

Jesus spricht von Kriegen, Hungersnöten, Erdbeben und Seuchen. Allerdings sagt er dazu auch: „Das ist erst der Anfang der Geburtswehen“ (Mt.4,8). Bis zur Geburt seines Königreichs werden solche Ereignisse also in Wellen immer wieder über die Menschheit kommen. Jesus hat recht behalten. Keine Philosophie, keine politische Revolution, kein wissenschaftlicher Fortschritt und erst recht nicht irgendwelche Befreiungs- oder Transformationstheologien haben uns Menschen je dazu verholfen, dass wir in Liebe und Frieden zusammenleben, die üppigen Ressourcen der Erde gerecht verteilen oder gar Erdbeben und Seuchen verbannen können. Der Krieg in der Ukraine und die Corona-Krise haben uns das jüngst wieder schmerzlich vor Augen geführt. Es wird uns Menschen nicht gelingen, uns selbst ein Paradies auf Erden zu bereiten.

Über einen Krieg sprach Jesus ausführlicher: Zur bevorstehenden und im Jahr 70 n.Chr. eingetretenen Zerstörung Jerusalems und des Tempels sagte er: Es kommt eine Zeit, da wird von dem, was ihr hier seht, kein Stein auf dem anderen bleiben; es wird alles zerstört werden. … Wenn ihr seht, dass Jerusalem von feindlichen Heeren eingeschlossen ist, könnt ihr sicher sein, dass seine Zerstörung unmittelbar bevorsteht. Dann sollen die Bewohner Judäas in die Berge fliehen.“ (Lk.21,6,20+21) Diese Warnung war für die frühen messianischen Juden in Jerusalem von großer Bedeutung. Der Kirchenvater Epiphanius berichtet, dass sie sich aufgrund dieser Vorhersage rechtzeitig in Sicherheit brachten[6], während es in Jerusalem zu einem grauenvollen Blutbad kam. Allerdings zeigt das auch: Zur Frage, ob die Wiederkunft Jesu in unmittelbare Nähe rückt, tragen Kriege und Katastrophen eher wenig bei. Sie gehören schon seit 2.000 Jahren zu der „Endzeit“, die Jesus beschrieben hat.

Etwas anders ist das bei der Ankündigung Jesu, dass seine Nachfolger weltweit Verfolgung erleben werden:

„Dann wird man euch bedrängen, misshandeln und töten. Die ganze Welt wird euch hassen, weil ihr zu mir gehört.“ (Matth. 24,9)

Zwar hat die Kirche von Beginn an schwere Verfolgungswellen erlebt. Aber erst mit der globalen Verbreitung des Evangeliums bekam dieses Phänomen eine weltweite Dimension. Inzwischen beziffert Open Doors die Zahl der verfolgten Christen auf rund 360 Millionen Menschen – weit mehr als in jeder anderen Religion. Hier geht ganz offenkundig erst jetzt etwas in Erfüllung, was Jesus im Blick auf die Zeit vor seiner Wiederkehr vorhergesagt hat.

Noch beeindruckender ist die Vorhersage Jesu von der weltweiten Verbreitung des Evangeliums:

„Und diese Freudenbotschaft von der Gottesherrschaft wird in der ganzen Welt gepredigt werden, damit alle Völker sie hören. Dann erst kommt das Ende.“ (Matth.24,14)

Diese Vorhersage war zur Zeit der Abfassung des Neuen Testaments extrem gewagt. Das Christentum war ja nur eine kleine Sekte unter vielen. Wer hätte damals schon vorhersehen können, dass die Bibel und die darin enthaltene Botschaft tatsächlich alle Völker erreicht? Heute ist die Bibel das mit großem Abstand am weitesten verbreitete und am häufigsten übersetzte Buch der Welt. Im Jahr 2022 konnten bereits 96,5% der Weltbevölkerung zumindest Teile der Bibel in ihrer eigenen Sprache lesen. Die Entwicklung von künstlicher Intelligenz wird den zahlreichen Übersetzungsprojekten einen kräftigen weiteren Schub verleihen. Auch diese von Jesus vorhergesagte Vorbedingung für seine Wiederkehr geht also gerade jetzt in beeindruckender Weise in Erfüllung.

Am spannendsten ist für mich aber die Vorhersage Jesu, dass Jerusalem zeitlich befristet von Heidenvölkern besetzt wird:

„Jerusalem wird so lange von fremden Völkern niedergetreten werden, bis auch deren Zeit abgelaufen ist.“ (Lukas 21, 24)

Damit knüpft Jesus an eine prophetische Linie des Alten Testaments an. An zahlreichen Stellen, die manchmal sogar ganze Kapitel füllen, lesen wir immer wieder die gleiche Botschaft: Israel wird in alle Welt zerstreut und verfolgt. Aber Gott wird sein Volk aus allen Himmelsrichtungen wieder sammeln und zurück nach „Zion“ bringen.[7] Deshalb haben Juden in aller Welt seit Jahrhunderten den ersten Abend des Pessach-Festes mit dem Satz beendet: Nächstes Jahr in Jerusalem! Die Erfüllung dieses Traums schien lange Zeit unmöglich zu sein. Und doch geschieht dieses in der Bibel vorhergesagte Wunder seit dem Ende des 19. Jahrhunderts vor unseren Augen.

Dass ein Volk 2.000 Jahre in alle Welt verstreut ist, trotzdem seine Identität behält und sich schließlich in seiner angestammten Region wieder sammelt, ist historisch ein absolut einzigartiger Vorgang. Karl Barth hat ihn mit den Worten kommentiert: „Jetzt können wir‘s in der Zeitung lesen: Gott hält seine Verheißung.“ Der zunehmende Antisemitismus befördert diese Entwicklung weiter. Läuft die Zeit der Völker also ab? Steht nun bald das bevor, was Paulus in Bezug auf Israel vorhergesagt hat? Seine Worte sind jedenfalls eindrücklich:

„Ein Teil von Israel hat sich verhärtet. Aber das gilt nur so lange, bis die volle Zahl von Menschen aus den anderen Völkern zum Glauben gekommen ist. Israel als Ganzes wird dann so gerettet werden, wie geschrieben steht: “Aus Zion wird der Retter kommen, der alle Gottlosigkeit von Jakobs Nachkommen entfernt.” (Römer 11, 25-27)

Unerfüllte Vorhersagen

Noch haben sich nicht alle biblischen Vorhersagen erfüllt. Mehrfach finden wir die Ankündigung, dass in der kosmischen Welt und bei den Gestirnen etwas durcheinandergeraten wird.[8] Zudem wird angekündigt, dass es zu einem Krieg kommt, in dem alle Völker sich gegen Israel wenden. Gott wird aber final eingreifen und sein Volk beschützen.[9] Im Moment hat Israel noch Verbündete. Trotzdem ist es verblüffend, dass schon seit Jahren kein Volk der Welt auch nur annähernd mit so vielen UN-Resolutionen belegt wird wie ausgerechnet das kleine Israel, die einzige Demokratie im Nahen Osten und das einzige Land mit Religionsfreiheit und höchsten Menschenrechtsstandards in dieser Region. Und trotzdem grassiert auch in den Ländern, die jetzt noch solidarisch mit Israel sind, der Antisemitismus. Das gilt auch für das akademische Umfeld – also der Bereich, der die Zukunft dieser Nationen prägen wird. Der weltweite Hass gegen dieses winzige Volk ist rational in keiner Weise erklärbar. Ganz offenkundig sind hier noch andere Mächte am Werk als nur Terroristen und Hassprediger. Für mich belegt das nur umso mehr: Auch das moderne Israel spielt ganz offenkundig eine wichtige Rolle bei der Wiederkunft Jesu und der Aufrichtung seines Königreichs.

Der gefällte Feigenbaum fängt an, wieder aufzublühen

Ist es Zufall, dass Jesus in seinen Endzeitreden ausgerechnet auf die Blüte des Feigenbaums hinweist? Fakt ist: Im Alten Testament wird der Feigenbaum auch als Bild für Israel verwendet.[10] Spannend ist zudem das Gleichnis Jesu in Lukas 13, 6-9:

Dann erzählte Jesus folgendes Gleichnis: “Ein Mann hatte einen Feigenbaum in seinem Weinberg stehen. Doch wenn er kam, um nach Früchten zu sehen, fand er keine. Schließlich sagte er zu seinem Gärtner: ‘Seit drei Jahren suche ich Frucht an diesem Feigenbaum und finde keine. Hau ihn um! Wozu soll er den Boden aussaugen?’ ‘Herr’, erwiderte der Gärtner, ‘lass ihn dieses Jahr noch stehen! Ich will den Boden um ihn herum aufgraben und düngen. Vielleicht trägt er dann im nächsten Jahr Frucht – wenn nicht, kannst du ihn umhauen lassen.'”

Könnte es sein, dass Jesus hier über Israel spricht? Drei Jahre lang war Jesus in Israel unterwegs. Er hat das Reich Gottes mit Zeichen und Wundern demonstriert, zur Umkehr gerufen und nach Glauben gesucht. Bis zur Steinigung von Stephanus hat sich auch das Wirken der Apostel ein weiteres Jahr lang ganz auf Jerusalem und Israel konzentriert. Trotzdem blieb die Zahl der Juden, die dem Evangelium gefolgt sind, äußerst überschaubar. Wenige Jahre später verlor Israel seinen Status als Nation. Doch jetzt ist die Nation Israel dabei, wieder aufzublühen. Und es gibt zarte Ansätze dafür, dass Juden sich für ihren Messias Jesus öffnen. Vor diesem Hintergrund klingen die Worte Jesu spannender denn je:

„Vom Feigenbaum könnt ihr Folgendes lernen: Wenn seine Zweige weich werden und die Blätter zu sprießen beginnen, wisst ihr, dass es bald Sommer wird. Genauso ist es, wenn ihr seht, dass alle diese Dinge geschehen. Dann steht sein Kommen unmittelbar bevor.“ (Matth. 24, 32+33)

Es gibt Grund zur Hoffnung – mehr denn je!

Ich finde es elektrisierend, die Vorhersagen der Bibel zu studieren und parallel die Nachrichten zu verfolgen. Natürlich ändern aktuelle Entwicklungen nichts an der Tatsache: Niemand kann wissen, wann Jesus wiederkommt. Es könnte heute noch geschehen. Und es könnte auch noch länger dauern. Und doch ist es atemberaubend, wie selbst die unwahrscheinlichsten Vorhersagen Jesu Schritt für Schritt Wirklichkeit werden. Das belegt auf jeden Fall: Gott steht zu seinen Versprechen! Er ist immer noch der Herr der Geschichte. Das kann uns Mut machen, umso mehr an unserem Glauben festzuhalten: Jesus wird wiederkommen! Keine christliche Generation vor uns hatte so viele gute Gründe, seine baldige Wiederkunft zu erwarten. Wir dürfen uns von Jesu Worten ermutigen lassen:

„Wenn das alles anfängt, dann hebt den Kopf und richtet euch auf, denn dann ist eure Erlösung nicht mehr weit.“ (Lukas 21,28)


[1] Matth. 24,30; 26,64; Mk. 13,26; 14,62; Lk. 21,27

[2] „Jetzt liegt der Ehrenkranz für mich bereit, die Gerechtigkeit, die der Herr als gerechter Richter mir an jenem großen Tag zuerkennen wird – aber nicht nur mir, sondern auch allen anderen, die sich auf sein sichtbares Wiederkommen freuen.“ (2.Tim.4,8)

[3] Lukas 9, 27: “Aber es ist auch wahr: Einige von denen, die hier stehen, werden nicht sterben, bis sie die Gottesherrschaft gesehen haben.” Markus 9, 1: “Ich versichere euch: Einige von denen, die hier stehen, werden nicht sterben, bis sie die Gottesherrschaft in ihrer Macht kommen sehen.”

[4] Eins dürft ihr dabei nicht übersehen, liebe Geschwister: Für den Herrn ist das, was ‹für uns› ein Tag ist, wie tausend Jahre; und was ‹für uns› tausend Jahre sind, ist ‹für ihn› wie ein einziger Tag. Der Herr verzögert seine Zusage nicht, wie manche das meinen. Im Gegenteil: Er hat Geduld mit euch, denn er will nicht, dass irgendjemand ins Verderben geht, sondern dass alle umkehren zu ihm. Der Tag des Herrn wird aber so unerwartet kommen wie ein Dieb.“ (1. Petr.3,8-10)

[5] Matthäus 24, Markus 13, Lukas 21

[6] „Alle Jünger hatten sich in Pella niedergelassen, nachdem sie aus Jerusalem weggezogen waren. Christus hatte ihnen aufgetragen, Jerusalem zu verlassen und sich von dort zurückzuziehen, weil es belagert werden sollte.“ (Epiphanius, Panarion 29,7,8, geschrieben 374-377 n.Chr.)

[7] Eine schöne Übersicht findet sich zum Beispiel hier: https://s5f056e292d37b7ac.jimcontent.com/download/version/1538469253/module/13859081832/name/Flyer%20Bibelstellen%20zur%20Sammlung%20und%20Wiederherstellung%20Israels.pdf

[8] Joel 3,3-4; 4,15; Matth.24,29; Lk.21,25; Mk.13,24-25; Offb. 6,12-17

[9] Hesekiel 38+39; Sacharja 12, 1-9; Joel 4,2; Offb. 16,14-16

[10] Jeremia 24,1-10; Hosea 9,10

Kirche wohin? – 9,5 Thesen zur Situation und zur Zukunft der (evangelischen) Kirche

Dieser Artikel ist eine gekürzte Fassung des Vortrags „Kirche wohin? Herausforderungen und Chancen der Kirche heute“, der am 20.10.2023 im Rahmen eines Themenabends der Lebendigen Gemeinde Christusbewegung in Pfalzgrafenweiler gehalten wurde. Der Artikel kann hier als PDF heruntergeladen werden.

Wie kann die evangelische Kirche Zukunft haben? Zu dieser Frage gibt es unzählige, sich vielfach widersprechende Ideen und Vorschläge. Was aber vollkommen fehlt, ist eine gemeinsame Vision. Das beklagte jüngst auch Prof. Volker Gäckle, der Rektor der Internationalen Hochschule Liebenzell: „Was wir in dieser historischen Situation brauchen, ist eine überzeugende theologische Deutung der Situation, Einigkeit und Entschlossenheit in den entscheidenden Gremien, Veränderungsfähigkeit auf allen Ebenen und eine größere Geschwindigkeit in den nötigen Prozessen … und kein Allotria!“[1] Das ist ohne Zweifel richtig. Die Frage ist nur: Woher soll die Einigkeit und Geschlossenheit kommen?

Gegründet wurde die evangelische Kirche einst auf der Basis: Sola Scriptura! Allein die Schrift soll regieren. Sie soll Richtschnur und Maßstab für die Kirche sein. Und auch heute noch gilt: Die gemeinsame Orientierung an der Heiligen Schrift ist die einzige Chance, um dem heillosen Meinungswirrwarr wenigstens teilweise entkommen zu können. Die dringend notwendige „überzeugende theologische Deutung“ als Grundlage für Einigkeit und Entschlossenheit kann die Kirche nur dann finden, wenn sie vor allem eines tut: Gemeinsam die Bibel aufschlagen und mit offenem Herzen hören, was Jesus, der Herr der Kirche, ihr zu sagen hat.

In Johannes 15, 1 – 10 finden wir eine Rede Jesu[2], die in sehr verdichteter Form entscheidende Hinweise zur Situation und zur Zukunft der Kirche geben kann. Dieser Artikel leitet aus diesem Abschnitt neun Thesen ab sowie einen zusätzlichen Hinweis zur Situation und zur Zukunft der Kirche. Er hat dabei primär die evangelische Kirche im Blick. Die neun Thesen und der zusätzliche Hinweis sind aber natürlich generell für alle Denominationen gültig.

1. Fokus Zeitenwende: Die Zukunft gestalten, statt nur den Niedergang zu verwalten!

„Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt reichlich Frucht.“ (V. 5)

Jesus sagt also: Seine Nachfolger sind Fruchtbringer! Man erkennt sie daran, dass in ihrem Umfeld etwas Positives wächst. Tatsächlich haben sich die Jünger Jesu als extrem fruchtbar erwiesen. Innerhalb von nur drei Jahrhunderten haben sie die Botschaft Jesu durch die ganze damals bekannte Welt getragen. Sie haben überall Gemeinden gegründet. Das Christentum ist trotz massiver Widerstände derart schnell gewachsen, dass die Machthaber schließlich sagen mussten: Wir können den christlichen Zug nicht stoppen. Dann setzen wir uns eben selbst ins Führerhaus. Wir machen das Christentum zur Staatsreligion.

Was dann geschah, bezeichnen wir heute als die „konstantinische Wende“: Aus einer Freiwilligen- und Minderheitenkirche wurde eine Staats- oder Volkskirche, wie wir heute sagen. Die Folge war: Plötzlich mussten die Kirchenleiter keine Frucht mehr bringen. Wenn das ganze Volk schon per Definition zur Kirche gehört, dann muss man nicht mehr evangelisieren. Oder um es im Bild des Weinstocks zu sagen: Man muss sich nicht mehr mit Wachstum und Frucht beschäftigen, wenn der Wein jeden Sonntag frei Haus geliefert wird. Die Leute kommen zur Kirche, ob man sich um sie bemüht oder nicht.

Dieses System hat viele Jahrhunderte lang funktioniert. Aber seit rund 70 Jahren leben wir in einer Zeitenwende. Die wachsende Individualisierung und Säkularisierung hat zur Folge, dass Staat und Gesellschaft in Bezug auf Glaube und Religion keine Vorgaben mehr machen. Jeder entscheidet selbst, was er glauben möchte. Auch die Eltern überlassen es ihren Kindern, wie sie es mit Glaube und Kirche halten wollen. Die Folge ist: Die konstantinische Wende wird rückabgewickelt. Das „Volk“ läuft den großen Kirchen in Scharen davon. Sie sind faktisch schon jetzt wieder Minderheiten- und Freiwilligenkirchen.

Volker Gäckle prognostiziert, dass die evangelische Kirche sich bereits in den nächsten 10 bis 17 Jahren noch einmal halbieren wird.[3] Entsprechend wird auch der Zufluss an Kirchensteuermitteln immer dünner. Im Bild gesprochen: Die Kiste Wein, die uns jahrhundertelang frei Haus geliefert wurde, wird jedes Jahr kleiner. Und deshalb fragen wir uns: Wie können wir denn unser parochiales, volkskirchliches System weiter aufrechterhalten? Wie können wir weiterhin in jedem Ort Gottesdienste, Trauungen, Beerdigungen usw. anbieten, wenn wir doch immer weniger Personal und immer weniger Finanzen haben? Diese Frage bindet unsere Gedanken und unsere Kräfte. Wir sind beschäftigt damit, den Niedergang zu verwalten.

Dabei bin ich überzeugt: Eigentlich ist diese Zeitenwende keine Katastrophe. Dass die Kirche die dominante Mehrheit darstellt, ist biblisch, historisch und weltweit gesehen doch ohnehin eine seltene Ausnahme. Die Normalität ist: Kirche Jesu war und ist zuallermeist eine Minderheiten- und Freiwilligenkirche. Sie existiert dort – und nur dort – wo Menschen Frucht bringen, weil sie das Evangelium verkünden und weil sie Gemeinden gründen und bauen.

Natürlich müssen wir uns in der evangelischen Kirche mit den vielen praktischen Fragen beschäftigen, die sich aus der kollabierenden Mitgliederzahl ergeben. Aber wäre es für unsere Zukunft nicht noch erheblich wichtiger, dass wir uns fragen: Wie schaffen wir eine gesunde Grundlage dafür, dass wir als Minderheiten- und Freiwilligenkirche eine Zukunft haben? Sollte das nicht sogar die dominante und vorherrschende Frage sein, wenn wir als evangelische Kirche eine Zukunft haben wollen? Die folgenden acht Thesen befassen sich jedenfalls mit genau dieser Frage. Und sie lenken den Blick zunächst auf die zentrale Bedeutung der lokalen Ortsgemeinde:

2. Fokus Gemeinde: Der Aufbau profilierter Gemeinden ist alternativlos!

„Die Herrlichkeit meines Vaters wird dadurch sichtbar, dass ihr viel Frucht bringt und euch so als meine Jünger erweist.“ (V. 8)

Jesus sagt also: Die Schönheit, die Kraft, die Herrlichkeit Gottes wird für die Menschen sichtbar durch Menschen, die durch ihr Leben und ihren Umgang miteinander etwas davon sichtbar werden lassen. Der antike Kirchenschriftsteller Tertullian schrieb im zweiten Jahrhundert, dass über die Christen folgendes gesagt wurde: „Siehe, wie sie sich untereinander lieben!“[4] Ganz offenkundig waren die Christen auffällig anders. Und das wurde vor allem sichtbar in den christlichen Gemeinden.

Insgesamt fällt im Neuen Testament auf: Ortsgemeinden sind im Fokus! Viele neutestamentliche Briefe richten sich an Gemeinden. Auch die Sendschreiben in der Offenbarung richten sich nicht etwa an die Kirche in Kleinasien oder an bestimmte Kirchenleiter, sondern an Ortsgemeinden. Tatsächlich war die Gründung und der Aufbau von Ortsgemeinden DIE zentrale Missionsstrategie der jungen Kirche. Und weltweit sehen wir: Auch heute noch sind profilierte Gemeinden alternativlos. Und mit „profiliert“ meine ich: Gemeinden wachsender Kirchen sind nicht nur einfach ein Abbild der Gesellschaft. Sie machen einen Unterschied! Sie spiegeln etwas wieder vom Wesen Gottes.

Volker Gäckle schreibt deshalb zurecht: „Was wir brauchen, sind qualitative Kriterien für intakte und aufbruchsfähige Gemeinden mit einem dynamischen Gemeindeleben, die dann, wenn alle Pfarrpläne ausgereizt sind, neu anfangen können.“[5] In der Tat: Genau das ist letztlich DIE Überlebensfrage für die Kirche! Wir werden die Kirchenaustritte nicht stoppen können, gleich gar nicht durch die Anbiederung an zeitgeistige Milieus. Im Gegenteil: Die Politisierung unserer Kirche beschleunigt die Austrittsdyanmik nur noch mehr. Wir verbauen den Menschen den Zugang zum Evangelium, wenn wir es mit einer bestimmten politischen Meinung verbinden. Ich finde es deshalb bestürzend, wenn die Tagesordnung so mancher Synoden eher zu einem Parteitag passt. Die Zukunft der Kirche hängt nicht von politischen Fragen ab, sondern vor allem davon, ob es ihr gelingt, vor Ort lebendige, attraktive, profilierte Gemeinden zu bauen.

Deshalb frage ich mich: Wo und wie kümmern wir uns um den Aufbau profilierter, attraktiver Gemeinden, in denen die Herrlichkeit Gottes und die Schönheit des Evangeliums sichtbar und spürbar wird? Ja, wir kümmern uns darum, dass überall noch der Laden läuft. Wir kümmern uns darum, dass am Sonntag an jedem Ort noch jemand die Orgel spielt und eine Predigt gehalten wird. Aber zugleich ist meine Wahrnehmung: Es wird immer schwieriger, profilierte Gemeinden zu bauen. Denn was passiert im Moment? Gemeinden werden zusammengelegt. Pfarrer müssen zunehmend übergemeindlich denken und kooperieren. Dass wir vor Ort eine Gemeindeleitung haben, in der ein Pfarrer und die Gemeindeleitung gemeinsam langfristig eine biblisch profilierte Gemeinde entwickeln, das ist immer seltener möglich. Diesen Missstand müssen wir dringend ändern, wenn wir als evangelische Kirche eine Zukunft haben wollen.

3. Fokus Fruchtbarkeit: Wir brauchen die Konzentration auf das, das Wachstum hervorbringt!

„Jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, schneidet er weg, und jede, die Frucht bringt, schneidet er zurück und reinigt sie so, damit sie noch mehr Frucht bringt.“ (V. 2)

Gott macht also zwei Dinge: Er reinigt das, was Frucht bringt. Und er schneidet weg, was keine Frucht bringt. Wie machen wir das in unserer Kirche? Meine Wahrnehmung ist: Die Frage, ob in einer Gemeinde der Gottesdienst leer oder voll ist, ob es ehrenamtliches Engagement gibt, ob es Kinder-, Jugend- und Seniorenarbeit gibt, ob die Gemeinde evangelistisch aktiv ist oder nicht, das spielt bei der Verteilung von Stellen und Ressourcen in der evangelischen Kirche keine Rolle. Wir versuchen nicht einmal, unsere Kräfte auf solche Aktivitäten zu konzentrieren, die tatsächlich Frucht bringen. Wir spüren zwar, dass wir an vielen Stellen neue Angebote bräuchten, um die Menschen mit dem Evangelium zu erreichen. Aber weil wir nicht den Mut haben, Bestehendes zu kürzen oder zu streichen, haben wir auch keine Kraft für Neues. Und meine Frage ist deshalb: Müssten wir nicht viel konsequenter alles das reduzieren, was sich totgelaufen hat, damit wir das fördern können, was wirklich Frucht bringt? Volker Gäckle bringt es so auf den Punkt: „Wir brauchen den Mut zum würdigen Abschied und Ende von dem, was sich überlebt hat.“[6]

4. Fokus Jesus Christus: Die Liebe zu Jesus muss das Zentrum sein!

„Getrennt von mir könnt ihr gar nichts bewirken. … Ich habe euch genauso geliebt, wie der Vater mich geliebt hat. Bleibt in meiner Liebe!“ (V. 5+9)

Das ist bei weitem nicht die einzige Bibelstelle, in der deutlich zum Ausdruck kommt, wie zentral die Liebe zu Jesus ist. Jesus sagt sogar: Gott zu lieben von ganzem Herzen, mit ganzem Willen und mit ganzer Kraft ist das Wichtigste überhaupt. (Mk. 12,29-39) Deshalb frage ich mich: Wo steht es in unserer Kirche um die Liebe zu Jesus? Wo spürt man uns die innige Verbindung mit ihm ab?

Ulrich Parzany hat vor kurzem geäußert: „Ich beobachte seit längerer Zeit, dass es Predigten in evangelischen Gottesdiensten gibt, in denen Jesus gar nicht vorkommt. Das trifft aus meiner Sicht auch für viele kirchliche Äußerungen zu. Natürlich ist das meine subjektive Wahrnehmung. Ich wäre froh, wenn mir nachgewiesen würde, dass ich mit dieser Behauptung falsch liege. Ich halte diese Jesus-Vergessenheit – ich nenne sie Jesus-Demenz – für eine tödliche Seuche.“[7]

Ich kann diese Beobachtung leider nur bestätigen. Schon vor einigen Jahren hatte die EKD ein Internetportal aufgesetzt, um Menschen für den Pfarrberuf zu begeistern. Beim Durchklicken der Seiten fiel mir auf: In den über 40 Artikeln kam das Wort „Jesus“ überhaupt nur zweimal vor: In einer Erläuterung der synoptischen Evangelien. Und in einem Artikel unter der Überschrift „Geistliche Kuriositäten“. Seither frage ich mich: Was soll aus unseren Gemeinden werden, wenn Jesus bei der Anwerbung von Gemeindeleitern offenkundig kaum eine Rolle spielt? Denn wenn wir Jesus ernst nehmen, dann ist Jesus-Demenz absolut tödlich für die Kirche! Denn sie raubt ihr ihre Fruchtbarkeit.

Aber auch wenn wir den Begriff Jesus oft auf den Lippen haben, heißt das noch nicht, dass wir Jesus wirklich lieben. Wenn wir nur eine dogmatische Rechtgläubigkeit haben, die aber nicht getränkt ist in der Liebe Gottes, dann wird Glaube oft hart und gesetzlich. Dann werden Gemeinden kalt und abstoßend. Deshalb macht Jesus so deutlich: Nur wo Menschen unterwegs sind, die Jesus wirklich lieben, ist echte Frucht und echtes Wachstum zu erwarten. Dort – und nur dort – hat Kirche Zukunft.

5. Fokus Gottes Wort: Ohne Vertrauen in die Inspiration der Schrift gibt es keine Kirche!

„Wenn ihr in mir bleibt und wenn meine Worte in euch bleiben, dann…“ (V. 7)

Jesus betont hier einen Doppelklang: Wir sollen in IHM bleiben, das heißt: In ihm als Person, die heute lebendig ist und an den wir uns im Gebet jederzeit wenden können. Aber zugleich gilt: Auch seine Worte müssen in uns bleiben! Damit sind natürlich nicht nur biblische Jesuszitate gemeint. Die Bibel selbst macht immer wieder klar: Jesus ist Gott. Und die ganze Bibel, bestehend aus Altem und Neuem Testament, ist sein Wort.[8] Und Jesus macht hier deutlich: Ohne sein Wort entsteht keine Frucht! Genau deshalb ist es so dramatisch, wenn die Kirche bezweifelt, ob die Bibel tatsächlich Gottes Wort ist.

Diese Zweifel begegnen uns heute in ganz unterschiedlichen Formulierungen.[9] So wird zum Beispiel gesagt: Die Bibel bezeugt Gottes Wort. Oder: Die Bibel enthält Gottes Wort. Oder: Die Bibel kann zum Wort Gottes für uns werden. Gott kann diese Texte für uns zu seinem Wort machen. Alle diese Formulierungen ändern nichts daran, dass die Worte der Bibel letztlich zu menschlichen Worten degradiert werden. Und wie alle menschlichen Worte sind sie natürlich auch fehlerhaft. Und deshalb müssen wir sie kritisch lesen, das heißt: Wir müssen auf Basis eigener Kriterien unterscheiden, was darin wohl Gottes Wesen wiederspielgelt und was nur veraltete Vorstellungen über Gott transportiert. Da man sich in Bezug auf diese Unterscheidung niemals wird einigen können, ist die Konsequenz am Ende immer: Wir wissen nichts gesichertes mehr darüber, was Gott gesagt hat. Wir haben sein Wort verloren.

Martin Luther hat die Aussage geprägt: „Wo das Wort ist, da ist die Kirche.“[10] Kirche ist nichts anderes als eine „creatura verbi“, ein Geschöpf des Wortes Gottes. Und das gilt aus guten Gründen: Kirche ohne Gottes Wort hat keine Botschaft, denn sie ist ja nur Botschafter an Christi statt. Kirche ohne Gottes Wort kennt nur Meinungen, aber keine Gewissheiten. Kirche ohne Gottes Wort kann niemanden trösten und niemandem Halt geben, weil sie selbst nichts Sicheres weiß über Gott, über die existenziellen Grundfragen der Menschen und über die Ewigkeit. Kirche ohne die Offenbarungsquelle von Gottes Wort hört auf, Kirche zu sein.

Deshalb frage ich mich: Wann werden wir uns daran erinnern, auf welchem Fundament unsere Kirche steht? Wann werden wir uns wieder gemeinsam beugen unter dieses von Gottes Geist inspirierte Wort, statt uns kritisch über die Schrift zu stellen? Denn so viel ist klar: Ohne das kraftvolle Wort Gottes wächst kein geistliches Leben. Ohne das Licht des Wortes Gottes verliert und verläuft sich die Kirche im Nebel der Zeit – wie man schon jetzt vielerorts traurig beobachten muss.

6. Fokus Gottes Gebot: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen!

„Bleibt in meiner Liebe! Ihr bleibt darin, wenn ihr meinen Anweisungen folgt. Auch ich habe immer die Weisungen meines Vaters befolgt und bleibe in seiner Liebe.“ (V. 9b+10)

Jesus sagt also: Es reicht nicht, Gottes Wort zu kennen. Wir müssen die darin enthaltenen Anweisungen auch befolgen! Gott zu lieben und seine Gebote zu befolgen ist in der Bibel immer untrennbar miteinander verbunden. Seine Gebote sind Ausdruck seiner Liebe zu uns. Unser Gehorsam ist Ausdruck unserer Liebe zu Gott. Wer von der Liebe Gottes spricht, muss deshalb zugleich auch immer die hohe Bedeutung seiner Gebote im Blick behalten.

Eines seiner Gebote lautet: Du sollst nicht töten. Christen aller Zeitalter und Denominationen waren sich einig: Dieses Gebot bezieht sich selbstverständlich auch auf das ungeborene Leben. Deshalb ist es so dramatisch, wenn die EKD diesen biblisch klar begründeten Konsens nun verlässt und die Tötung ungeborenen Lebens zumindest bis zur 22. Schwangerschaftswoche freigeben will.[11] Damit bringt sie zahllose Christen in eine schwerwiegende Gewissensnot. Ich kann nur hoffen, dass eine Vielzahl kirchlicher Leiter sich eindeutig und klar gegen diese Verirrung der EKD positioniert.

Im Alten wie im Neuen Testament spielen zudem die Gebote zur Sexualethik eine wichtige Rolle. Der bekannte Theologe N.T. Wright schreibt dazu: „Während der gesamten ersten christlichen Jahrhunderte, als jede Art von Sexualpraktik, die in der Menschheit jemals bekannt war, in der antiken griechischen und römischen Gesellschaft weit verbreitet war, bestanden Christen wie Juden darauf, dass die ausgelebte Sexualität auf die Ehe zwischen einem Mann und einer Frau zu beschränken sei. Heute wie damals denkt der Rest der Welt, das sei verrückt. Der Unterschied besteht leider darin, dass heute auch die halbe Kirche dasselbe denkt.“[12]

Quer durch die Jahrtausende hindurch haben Menschen das Wort Gottes bei diesem Thema zumindest in den Grundlinien gut verstanden. Schon immer hat sich Gottes Volk damit in einen scharfen Gegensatz zur kulturellen Umgebung begeben. Auch deshalb wurde die junge Kirche verachtet und verfolgt. Und doch hatte gerade diese Kirche eine enorme Ausstrahlung. Sie hat extrem viel Frucht gebracht, von der wir heute noch zehren.

Aber ist das heute vielleicht anders als damals? Müsste sich die Kirche heute vielleicht stärker anpassen, um die Menschen in der Gesellschaft zu erreichen? In seinem Buch „Menschen mit Mission“ schreibt Thorsten Dietz über die Evangelikalen: „Warum handelt es sich bei den Evangelikalen heute um die weltweit zweitgrößte christliche Strömung nach dem Katholizismus? Niemand hätte sich das vor 50 oder 60 Jahren träumen lassen. … Welche Zukunft sollten … schon Grüppchen haben, denen Evangelisation und Mission über alles geht, die im Zweifelsfall lieber der Bibel glauben als der historischen Forschung? Wer wird schon Ewiggestrige ernst nehmen, die sich radikal der sexuellen Liberalisierung der 1960er-Jahre verweigern? Aber entgegen allen Erwartungen ist keine religiöse Gruppe im letzten halben Jahrhundert dynamischer gewachsen als diese.[13]

Es waren also ausgerechnet diese komischen Evangelikalen mit ihrer angeblich so überkommenen Sexualethik, die Frucht gebracht haben – während zugleich die liberalen Kirchen weltweit schrumpften. Welchen Beweis brauchen wir noch, bis wir verstehen, dass Jesus tatsächlich über harte Realitäten spricht, wenn er Fruchtbarkeit mit dem Befolgen der Gebote verknüpft?

Trotzdem fordern christliche Leiter immer wieder: Lasst uns doch nicht streiten wegen sexualethischen Fragen. Und natürlich hat niemand Lust auf Streit. Aber die Bibel ist nun einmal durchgängig völlig eindeutig: Wenn Gottes klare Gebote missachtet werden, dann verlieren wir den Segen Gottes. Und ohne Gottes Segen geht die Kirche zugrunde. Deshalb müssen wir – gerade auch aus Liebe zur Kirche – darauf bestehen, dass die Kirche an Gottes Geboten festhält.

7. Fokus Evangelisation: Menschen aktiv in die Nachfolge rufen!

„Ihr allerdings seid schon rein, weil ihr mein Wort gehört und angenommen habt.“ (V. 3)

Jesus formuliert hier in einer sehr verdichteten Kurzform das, was der Kern aller kirchlichen Aktivitäten sein sollte:

  1. Menschen hören Gottes Wort.
  2. Menschen nehmen es an.
  3. Menschen werden rein. Ihre Schuld wird abgewaschen. Sie finden Versöhnung und Gemeinschaft mit Gott und dadurch auch ewiges Leben bei ihm.

In 2. Korinther 5, 20-21 formuliert es Paulus ein wenig ausführlicher so: „So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.“ Das ist der Kernauftrag und die Kernbotschaft der Kirche. Das ist der Kern des Evangeliums. Echte Kirche Jesu wird im Kern immer alles daran setzen, dass die Menschen diese Botschaft hören und annehmen.

Trotzdem höre ich in meiner evangelischen Kirche häufig eine andere Botschaft, in der den Menschen in etwa folgendes vermittelt wird:

  1. Die Menschen sind schon rein und versöhnt mit Gott, weil sie ja getauft sind.
  2. Dessen müssen wir sie jetzt nur noch versichern.
  3. Wenn sie noch nicht getauft sind, laden wir sie zu einer niedrigschwelligen Taufe ein.

So schreibt die EKD zum Beispiel auf ihrer Internetseite zu ihrer großen Taufaktion: „Die Taufe besiegelt die Beziehung zwischen dem einzelnen Menschen und Gott. … Sie gibt uns Anteil an seinem Leben, Reden und Handeln.“ Angesichts ihrer Kindertaufpraxis ist es kein Wunder, dass die evangelische Kirche auf Basis solcher Aussagen kaum noch evangelisiert. Warum auch? Alle Getauften sind ja bereits mit Gott verbunden! Übrig bleibt eine Botschaft, die sich in Zuspruch erschöpft, in der aber von Gericht, Umkehr, Rettung und Erlösung nichts mehr zu hören ist.

Die Frage ist nur: Reicht eine Kindertaufe wirklich, um am Tag des Gerichts bestehen zu können? In Markus 16, 16 lesen wir: „Wer glaubt und sich taufen lässt, den wird Gott retten. Wer nicht glaubt, den wird Gott verurteilen.“ Die Bibel ist also eindeutig: Taufe ohne Glaube rettet nicht. Eine Taufrettungstheologie verfälscht das Evangelium. Und sie hat zur Konsequenz, dass die Kirche stirbt, weil sie nicht mehr evangelisiert. Einmal mehr zeigt sich: Kirche wächst nicht, wenn sie ihre Botschaft glättet, um nirgends Anstoß zu erregen. Sie wächst vielmehr dort, wo sie das ein für allemal überlieferte Evangelium ins Zentrum ihrer Botschaft stellt und klar verkündigt.

8. Fokus Priestertum aller Gläubigen: Hin-Gabe geht vor Amt und Hierarchie!

„Ihr könnt keine Frucht bringen, wenn ihr nicht mit mir verbunden bleibt.“ (V. 4)

Jesus betont also: Die gelebte Verbindung mit ihm ist die entscheidende Grundlage, um fruchtbar in der Kirche dienen zu können. Umso mehr stellt sich die Frage: Woher kommt eigentlich dieser Gedanke, dass das Austeilen des Abendmahls, die Verkündigung von Gottes Wort und die Leitung einer Gemeinde in der evangelischen Kirche einzig und allein an einem völlig gemeindefernen und zudem bibelkritischen Theologiestudium hängt? Wollten wir nicht eine Kirche sein, die das sogenannte „Priestertum aller Gläubigen“ hochhält?

Und zudem frage ich mich: Können wir uns das denn wirklich noch länger leisten, dass die sogenannten „Laien“ zwar die Kinder- und Jugendarbeit und viele andere Dienste in unseren Gemeinden übernehmen, aber von der Verkündigung und von der Leitung der Gemeinde auch dann ausgeschlossen sind, wenn sie eng verbunden sind mit Jesus, wenn sie tief verwurzelt sind in Gottes Wort und wenn sie ihr Leben ausrichten an seinen Geboten? Und warum tun wir das eigentlich? Warum lassen wir Gaben und Talente verkümmern, während zugleich Gemeinden verkümmern, weil sich angesichts des wachsenden Pfarrermangels niemand mehr um sie kümmern kann?

Wenn die Kirche Zukunft haben möchte, muss sie ernst machen mit dem Priestertum aller Gläubigen. Die längst überfällige Zulassung von Absolventen freier theologischer Ausbildungsstätten für das Pfarramt wäre ein erster Schritt. Aber wenn wir wirklich wollen, dass in der Fläche lebendige, profilierte Gemeinden wachsen, dann müssen wir darüber hinaus Ausschau halten nach begabten Menschen, die eng mit Christus verbunden sind und verwurzelt sind in seinem Wort. Wo auch immer wir solche Menschen finden, sollten wir sie gemäß ihren Gaben ausbilden segnen, bevollmächtigen und senden. Volker Gäckle schreibt dazu: „Wir brauchen … eine breite theologische Qualifizierung und Ausbildungskultur von Ehrenamtlichen.“[14] Und ich möchte ergänzen: Wir brauchen dazu natürlich auch eine konkrete Perspektive, wie diese Ehrenamtlichen dann auch Verantwortung übernehmen können in den Gemeinden. Denn warum sollten sie sich sonst ausbilden lassen? Es wird für die Kirche eine Überlebensfrage sein, ob sie den Mut aufbringt, nicht länger Universitätsstudium, Amt und Hierarchie höher zu werten als die Hingabe an Christus und als die Gaben und Berufungen, die der Heilige Geist frei den Menschen zuteilt, denen er sie zuteilen will.

9. Fokus Gebet: An Gottes Segen ist alles gelegen!

„Wenn ihr in mir bleibt und wenn meine Worte in euch bleiben, dann könnt ihr bitten, um was ihr wollt: Ihr werdet es bekommen.“ (V. 7)

Was für ein unglaubliches Versprechen! Es sind Verheißungen wie diese, die Christen zu allen Zeiten ins Gebet getrieben haben. Denn sie haben gewusst und gespürt: Das Wachstum der Kirche ist nicht machbar. Es ist immer ein Wunder, wenn Menschen zum lebendigen Glauben finden. Es ist immer ein Wirken des Heiligen Geistes, wenn es geistliche Aufbrüche gibt, wenn Gemeinde und Kirche wächst und wenn Menschen anfangen, Jesus nachzufolgen. Die Frage ist: Ist uns das bewusst, dass an Gottes Segen alles gelegen ist? Und wenn uns das bewusst ist: Warum beten wir dann so wenig?

Von Martin Luther ist uns der Satz überliefert: „Heute habe ich viel zu tun, deswegen muss ich viel beten.“ Ihm war noch bewusst: Die Arbeit am Haus Gottes ist umsonst, wenn wir sie in eigener Kraft tun. Ohne Gottes Segen bemühen wir uns vergeblich. Deshalb galt zu allen Zeiten: Wo Kirche wächst, da findet man immer auch Christen, die sich Zeit nehmen für das Gebet. Wo Christen auf ihren Knien sind, da fängt die Kirche an, aufzustehen, zu wachsen und zu gedeihen.

Ergänzend zu den neun Thesen lässt sich nun aus den Worten Jesu noch ein wichtiger, ergänzender Hinweis ableiten:

9,5. Es ist dringend! JETZT ist die Zeit der mutigen Pioniere!

„Wer nicht mit mir verbunden bleibt, wird weggeworfen und verdorrt wie eine nutzlose Rebe. Solche Reben sammelt man nur noch auf, um sie zu verbrennen.“ (V. 6)

Immer wieder hört man die These: Die Kirche kann nicht untergehen. Denn Jesus hat doch fest versprochen: Die Pforte der Hölle werden sie nicht überwinden (Mt. 16, 18). Das stimmt. Aber das gilt natürlich nur für die Kirche Jesu insgesamt. Für eine bestimmte Institution, Denomination oder Konfession hingegen gibt es keine Bestandsgarantie. Das hat die Kirchengeschichte wieder und wieder gezeigt. Es ist also angebracht, sich ernste Sorgen um das Überleben der evangelischen Kirche zu machen.

Die Kirchengeschichte hat jedoch auch gezeigt: Neue Aufbrüche sind möglich, wo Menschen sich vom Heiligen Geist anzünden und sich von Gottes Wort prägen und leiten lassen. Unser Gott ist immer noch derselbe wie zur Zeit Martin Luthers. Gott kann auch heute wieder die Kirche erneuern. Und die dramatische Mitgliederentwicklung sollte uns deutlich machen: Viel Zeit bleibt nicht mehr. Wir müssen JETZT mutige Schritte der Erneuerung gehen, wenn die Kirche eine Zukunft haben soll.

Das gilt umso mehr, da die hier vorgestellten Thesen ja nicht neu sind. In seiner Schrift „Pia desideria“ hat Philipp Jacob Spener bereits im Jahr 1675 viele dieser Thesen vertreten[15]: Das Priestertum aller Gläubigen. Die praxisnahe Reform der Ausbildung zukünftiger Gemeindeleiter. Die Förderung des Bibelstudiums aller Gläubigen. Die Notwendigkeit der praktischen Umsetzung von Gottes Wort und Gebot. Die Zentralität der Liebe Gottes. Alles das hat Spener auch im 17. Jahrhundert der Kirche schon ins Stammbuch geschrieben. Und er war ein Mann der Praxis. Er hat nicht gewartet, bis die Kirchenpolitik ihn verstanden hat. Er hat einfach angefangen, mit den Menschen die Bibel zu studieren, zu beten und über die geistliche Praxis zu sprechen. Die Folge waren diese wunderbaren geistlichen Aufbrüche, die wir heute als Pietismus bezeichnen und von denen wir bis heute profitieren.

Aber es ist leider nicht alles praktisch geworden, was Spener sich gewünscht hat. Manches ist auch liegen geblieben. Vor allem die grundlegende Reform der Ausbildung der Gemeindeleiter steht bis heute aus. Das konnte sich die Kirche ja auch lange Zeit leisten. Denn egal, ob ein Pfarrer begabt war oder nicht, ob er ein hingebungsvoller Jesusliebhaber war oder nicht, das System hat trotzdem funktioniert. Aber diese Zeit ist jetzt vorbei. Unsere Kirche stirbt, wenn sie nicht ganz neu lernt, fruchtbar zu sein.

Wir müssen uns der Tatsache stellen: Wenn die Kirche vor allem versucht, an den volkskirchlichen Strukturen festzuhalten, dann muss sie sich um ihre Zukunft keine Sorgen machen. Dann hat sie keine. Aber wenn wir uns an Jesus, den Herrn der Kirche halten, wenn wir uns tief in ihm, in seinem Wort und Gebot verwurzeln, dann hat auch die evangelische Kirche ihre beste Zeit noch vor sich. Und genau das wünsche ich mir! Nicht nur wegen unserer Kirche, sondern auch für unser Land, das so dringend das Salz und Licht einer lebendigen Kirche braucht. Und vor allem für die vielen Menschen, die so dringend das rettende Evangelium hören müssen.

Und deshalb gilt: Jetzt ist die Zeit, mutig die Strukturen der Kirche so zu ändern, dass sie zu einer Freiwilligenkirche passen und dass sie wieder fruchtbar wird. Jetzt ist die Zeit, sich neu in der Liebe Christi und in seinem Wort zu verwurzeln. Jetzt ist die Zeit, Gottes Wort und Gebot wieder hochzuhalten. Jetzt ist die Zeit für mutige Pioniere, das Evangelium zu verbreiten und Gemeinden mit Profil zu bauen, egal ob sie Theologen oder sogenannte Laien sind. Und: Jetzt ist die Zeit, Gott zu suchen im Gebet, damit er das tut, was er verheißen hat: Dass wir hingehen und Frucht bringen. Frucht die Gott Ehre macht. Frucht, die in Ewigkeit bleibt.


[1] In: LG-Magazin 3 2023, S. 10

[2] Johannes 15, 1-10 in der Neuen evangelistischen Übersetzung: „1 Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater ist der Weingärtner. 2 Jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, schneidet er weg, und jede, die Frucht bringt, schneidet er zurück und reinigt sie so, damit sie noch mehr Frucht bringt. 3 Ihr allerdings seid schon rein, weil ihr mein Wort gehört und angenommen habt. 4 Bleibt in mir, und ich bleibe in euch! Eine Rebe kann nicht aus sich selbst heraus Frucht bringen; sie muss am Weinstock bleiben. Auch ihr könnt keine Frucht bringen, wenn ihr nicht mit mir verbunden bleibt. 5 Ich bin der Weinstock; ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt reichlich Frucht. Denn getrennt von mir könnt ihr gar nichts bewirken. 6 Wer nicht mit mir verbunden bleibt, wird weggeworfen und verdorrt wie eine nutzlose Rebe. Solche Reben sammelt man nur noch auf, um sie zu verbrennen. 7 Wenn ihr in mir bleibt und wenn meine Worte in euch bleiben, dann könnt ihr bitten, um was ihr wollt: Ihr werdet es bekommen. 8 Die Herrlichkeit meines Vaters wird dadurch sichtbar, dass ihr viel Frucht bringt und euch so als meine Jünger erweist. 9 Ich habe euch genauso geliebt, wie der Vater mich geliebt hat. Bleibt in meiner Liebe! 10 Ihr bleibt darin, wenn ihr meinen Anweisungen folgt. Auch ich habe immer die Weisungen meines Vaters befolgt und bleibe in seiner Liebe.“

[3] „Das Ergebnis ist, dass die Landeskirchen pro Jahr zwischen 2,5 % und 4,6 % ihrer Mitglieder verlieren und der einzige Trend, der gegenwärtig wächst, ist, dass diese Prozentzahl von Jahr zu Jahr höher wird. Man braucht bei diesen Zahlen keinen Taschenrechner, um zu begreifen, dass die drohende Halbierung nicht erst 2060 eintritt, sondern je nach Landeskirche zwischen 2035 und 2040. Wenn das exponentielle Wachstum der Austrittszahlen andauern sollte, auch schon früher. Anders ausgedrückt: in 10 bis 17 Jahren! Und auch danach wird der Prozess nicht einfach aufhören.“ LG-Magazin 3 2023, S. 9

[4] In: Apologetikum, Kap. 39

[5] In: LG-Magazin 3 2023, S. 10

[6] In: LG-Magazin 3 2023, S. 10

[7] Aus dem Vortrag von Ulrich Parzany: „Jesus-Demenz in der Christenheit – eine tödliche Seuche“ gehalten am IX. Ökumenischen Bekenntniskongress der IKBG, 14.8.2022, Ev. Akademie Loccum

[8] Siehe dazu den AiGG-Artikel: „Das biblische Bibelverständnis“ im AiGG-Blog 10 2021

[9] Ausführlich erläutert im Vortrag von Markus Till: „Die Bibel: Was ist das eigentlich? Die Frage nach dem Bibelverständnis“ vom Juni 2023, Skript und Video unter blog.aigg.de/?p=6707

[10] „Ubi est verbum, ibi est ecclesia“ (Wo das Wort ist, da ist Kirche). In: WA 39 II, 176, 8f Promotionsdisputation von Johannes Macchabäus Scotus, 1542.

[11] „Stellungnahme des Rates der EKD zur Frage, ob und unter welchen Voraussetzungen eine Regelung zum

Schwangerschaftsabbruch außerhalb des Strafgesetzbuchs möglich ist“ vom 11.10.2023, S. 7

[12] Aus N.T. Wright: „Warum Christsein Sinn macht“, 2009 Johannis bei SCM Hänssler, S. 231

[13] In Thorsten Dietz: „Menschen mit Mission“, 2022, SCM R. Brockhaus, S. 92

[14] In: LG-Magazin 3 2023, S. 10

[15] Siehe dazu der offen.bar-Vortrag vom 4.10.2023 von Albrecht Wandel „Was die Kirche jetzt braucht – Von den Pietisten lernen“: https://youtu.be/az6yWXPYX1M

4 aktuelle christliche Megatrends

Nichts ist so beständig wie der Wandel. Das war schon dem griechischen Philosoph Heraklit bewusst. Das Tempo des Wandels scheint sich aber ständig zu steigern. Das gilt nicht nur für technische oder gesellschaftliche Entwicklungen, sondern auch für den Zustand der Kirche Jesu in unserem Land. Dieser Artikel beleuchtet vier bedeutende aktuelle Trends im christlichen Umfeld. Und er will zeigen: Neben allen Herausforderungen bergen sie auch große Chancen!

Vier Milieus im frommen Umfeld

Wenn die Öffentlichkeit auf das Christentum in Deutschland schaut, hat sie zumeist die beiden großen Kirchen im Blick. Deren dramatischer Abwärtstrend ist hinlänglich bekannt. Kaum wahrgenommen werden hingegen die Trends im kirchlich-pietistischen, freikirchlichen und allianzevangelikalen Umfeld, obwohl dieser Bereich vor allem in Bezug auf die Gottesdienstbesucherzahlen längst mindestens ebenso bedeutsam ist.[1] Man kann diese „Szene“ grob vereinfacht in vier verschiedene Milieus unterteilen:

Die klassisch Evangelikalen (die sich im landeskirchlichen Umfeld oft auch als Pietisten bezeichnen) betonenden lebendigen Christus als Zentrum des Glaubens und der Kirche. Unaufgebbar ist für sie zugleich das Festhalten an der Bibel als „unfehlbares“[2] Wort Gottes und an den zentralen Bekenntnissen der Christenheit. Der stellvertretende Opfertod Jesu am Kreuz steht für sie im Zentrum des Evangeliums. Und im ethischen Bereich sind sie auf der Basis des biblischen Zeugnisses weithin überzeugt: Gott segnet praktizierte Sexualität nur im Rahmen einer Ehe von einem Mann und einer Frau.

Postevangelikale und Progressive hingegenhalten das evangelikale Festhalten an der Heiligen Schrift als göttliches Offenbarungsdokument für prämodern und fundamentalistisch. Das stellvertretende Sühneopfer gilt für sie bestenfalls als eine von mehreren Deutungsmöglichkeiten des Kreuzestodes Jesu. Und die evangelikale Ablehnung der Trauung gleichgeschlechtlicher Paare empfinden sie als lieblos und diskriminierend, teilweise gar als unerträglich.

Das pragmatische Milieu ist bemüht, derartige Differenzen zu überbrücken durch eine eher untheologische und pragmatische Herangehensweise. Die Themen in diesem Milieu sind vorwiegend seelsorgerlicher und erbaulicher Natur. Verbindend ist für sie „das Evangelium“, der lebendige Christus (statt eines toten Dogmas) sowie die gemeinsame praktische Arbeit für Gemeindebau, Mission und Evangelisation. Bekenntnisse werden eher als ausgrenzend und spaltend empfunden. Theologische Fragen nach dem Bibel- und Kreuzesverständnis sowie nach der Sexualethik betreffen für sie nicht den Kern des Glaubens und können daher unterschiedlich gesehen werden.

Ganz im Gegensatz dazu sind für Konfessionalisten bestimmte theologische Spezialitäten so unaufgebbar wichtig, dass sie konfessionsübergreifenden Einheitsbemühungen insgesamt eher skeptisch bis ablehnend gegenüberstehen.

Diese vier Milieus gibt es schon seit längerem. Doch mit wachsendem Tempo finden Verschiebungen statt. Aktuell lassen sich vier bedeutende Trends beobachten:

1. Trend: Der Verlust der Selbstverständlichkeiten

Der eher untheologische Kurs des pragmatischen Milieus hat lange Zeit gut funktioniert. Die Pragmatiker konnten für sich in Anspruch nehmen, Brückenbauer zu sein und zugleich ganz praktisch die Verbreitung des Evangeliums voranzubringen, statt sich in theologischen Debatten aufzureiben. Möglich war dieser untheologische Pragmatismus aber nur, weil die evangelikalen und pietistischen Wurzeln einige „Selbstverständlichkeiten“ hinterlassen haben, die man miteinander feiern konnte, ohne sie vertieft besprechen und inhaltlich beleuchten zu müssen. Vor allem das „Evangelium“ mit Jesus Christus im Zentrum galt als selbstverständliche Mitte, die alle Christen verbindet und ihnen hilft, Differenzen fröhlich auszuhalten.

Aber spätestens seit der Corona-Krise orientieren sich die Menschen zunehmend selbständig im Internet. Dabei stoßen sie auch in Bezug auf die allerzentralsten Glaubensfragen auf die unterschiedlichsten Quellen mit sehr verschiedenen, oft gegensätzlichen Inhalten. Seither gilt zunehmend: Es ist nichts mehr selbstverständlich. Auch im pietistisch-evangelikalen Umfeld wird die ausufernde theologische Pluralität immer mehr zur Belastung.[3] Bestimmte Begriffe wie „Gottes Wort“, „Christus“ oder „Evangelium“ sind zwar noch weit verbreitet. Aber wenn man genauer hinschaut, merkt man: Es sind oft nur noch Begriffshülsen, die vollkommen unterschiedlich oder sogar gegensätzlich gefüllt werden – und deshalb ihre verbindende Kraft verlieren.

2. Trend: Progressive und Postevangelikale werden „liberaler“ und „missionarischer“

Es ist erst drei Jahre her, als das Buch „Homosexualität und christlicher Glaube“ erschien. Der Chefarzt der christlichen Klinik Hohe Mark Martin Grabe legte darin seine progressiven sexualethischen Positionen dar. Im Zuge dieser Veröffentlichung bekannten sich gleich mehrere postevangelikale Persönlichkeiten öffentlich dazu, dass sie die klassisch evangelikalen Positionen in Bereich der Sexualethik verlassen haben.

Seither hat sich die Situation dramatisch verändert. Die einstige postevangelikale Zurückhaltung in sexualethischen Fragen hat sich in kürzester Zeit in eine enorme missionarische Dynamik verwandelt. Fast pausenlos erscheinen neue Vorträge, Bücher, Artikel und Podcasts mit dem Ziel, die im landeskirchlichen Umfeld längst vorherrschende progressive Sexualethik auch im freikirchlichen und allianzevangelikalen Umfeld voranzutreiben. Dabei wird das Bild erzeugt: Es sei nur eine Frage der Zeit, bis die alten Positionen überwunden sind und man sich an diesen Konflikt nur noch so kopfschüttelnd erinnere wie an frühere Auseinandersetzungen um die Sklaverei und das Patriarchat. Zudem wird betont: Die Zukunft der Kirche Jesu hänge daran, dass dieser Wandel rasch vollzogen wird. Wer weiterhin die klassischen Positionen vertritt, wird als lieblos, diskriminierend oder gar als „fundamentalistischer Hetzer“ dargestellt, der jedenfalls nicht die Liebe und Gnade Jesu repräsentiert und deshalb dringend umkehren müsse.

Der Wandel betrifft aber nicht nur die Sexualethik. Lange Zeit war es ein aufwändiges Unterfangen, die Differenzen zwischen evangelikaler und postevangelikaler Theologie für jedermann deutlich sichtbar zu machen. Viele Postevangelikale hatten sich bemüht, ihre Theologie in Formulierungen zu kleiden, denen sich auch Evangelikale anschließen können. Das ist heute immer weniger der Fall. Bekannte postevangelikale Vertreter scheuen sich nicht, ihre „liberalen“[4] Positionen sehr offen anzusprechen. Sie bekunden öffentlich ihre Sympathien für Theologen wie Eugen Drewermann, Dorothee Sölle oder Paul Tillich und werben für solche Theologie. Sie unterstützen den stark politisierten Kurs der EKD. Die Distanz zwischen Postevangelikalen und Evangelikalen ähnelt damit zunehmend dem tiefen Graben, der sich im letzten Jahrhundert zwischen der universitären Theologie und den Evangelikalen auftat und der letztlich zum Aufbau vieler evangelikaler (Parallel-)Strukturen und Organisationen führte.

3. Trend: Mehr Theologie, Apologetik und Vernetzung unter Evangelikalen

Der Verlust der Selbstverständlichkeiten sowie die wachsende „missionarische Dynamik“ der Progressiven löst im Umfeld der klassisch Evangelikalen zwei Konsequenzen aus:

Zum einen ist unübersehbar: Immer mehr Leiter im evangelikalen Umfeld bemerken, dass die tragenden und verbindenden theologischen Grundlagen verschwimmen oder „dekonstruiert“ werden. Und sie verstehen: Die Strategie, über strittige Themen einfach den Mantel des Schweigens zu breiten, funktioniert nicht mehr. Wer das versucht, überlässt nur kampflos das Feld den immer „missionarischeren“ progressiven Kräften – mit der Konsequenz, dass das eigene Werk, die Gemeinde oder Gemeinschaft von immer heftigeren Gegensätzen gelähmt oder gar zerrissen wird. Die wachsende Zahl an apologetischen Initiativen (wie z.B. offen.bar, Daniel-Option, Bibelfit oder die Apologetikinitiative) ist auch eine Folge dieser wachsenden Verunsicherung und des steigenden Bedarfs nach Orientierung.

Aber auch immer mehr Pastoren und Leitungsgremien beschäftigen sich mit dem Phänomen der „Dekonstruktion“ und fangen an, sich bei den umkämpften Themen zu positionieren und über zentrale theologische Grundlagen zu lehren. Kurz gesagt: Die Evangelikalen werden wieder theologischer – und dadurch auch sprachfähiger in Bezug auf die Grundlagen ihres Glaubens. Sie lernen wieder mehr, ihre grundlegenden und verbindenden Glaubensschätze zu begründen und offensiv zu vertreten – auch gegen Widerspruch aus den eigenen Reihen. Diese Fähigkeit hat bereits die frühen Kirchenväter ausgezeichnet. Sie war ein wichtiges Element der Reformation. Sie erlebt in unseren Tagen eine Renaissance.

Und noch eine zweite Konsequenz fällt auf: Immer mehr Christen spüren, dass man einander braucht, wenn man prägend wirksam sein möchte. Die Einflüsse von progressiven und postevangelikalen Formaten und Publikationen wirken grenzüberschreitend hinein in alle Gruppen, Bünde und Werke. Dagegen kommt man als Einzelner kaum an. Deshalb wächst die Bereitschaft, zumindest punktuell die eigenen Spezialitäten zurückzustellen. Überkonfessionelle Netzwerke werden gestärkt. Und auch neue Verbindungen und Netzwerke entstehen. Das erlebe ich gerade live vor meinen Augen.

4. Trend: Die Pragmatischen in der Zerreißprobe

Alle diese Trends haben zur Folge, dass die Strategie des pragmatischen Milieus in immer schwierigeres Fahrwasser gerät. Der Verlust der Selbstverständlichkeiten, die zunehmende „missionarische“ Aktivität der Progressiven sowie die wachsenden apologetischen Anstrengungen von Evangelikalen führt das pragmatische Milieu zwangsläufig immer mehr in die Zerreißprobe. Wohin das führen kann, haben die schweren Konflikte und die Spaltung unter den weltweiten Methodisten sowie die historische Spaltung der Anglikaner bereits gezeigt. Die Signale mehren sich, dass wir in den kommenden Jahren mit ähnlichen Entwicklungen auch in Deutschland rechnen müssen.

Dieser Trend ist vor allem für solche Bünde und Werke ein Problem, die bislang versucht haben, Evangelikale und Postevangelikale durch einen pragmatischen Kurs gleichermaßen zu umwerben und einzubinden. Denn zunehmend führen Brückenbauversuche in die eine Richtung gleichzeitig zum Vertrauensverlust in die andere Richtung – und umgekehrt.

Der Kampf um die Deutungshoheit: Wo ist die Mitte der Evangelikalen?

Als Autor kenne ich dieses Phänomen: Um die eigene Position als gesund und ausgewogen darzustellen, grenzt man sich gerne von Randpositionen auf beiden Seiten ab und stellt sich selbst als die ausgewogene Mitte dar. Aber wo ist eigentlich die gesunde und ausgewogene Mitte der evangelikalen Bewegung? In welchem Milieu ist sie am ehesten zu finden?

Die Deutungshoheit zu dieser Frage ist heftig umkämpft. Deutlich wurde mir das in den letzten Jahren vor allem am Umgang mit dem Netzwerk Bibel und Bekenntnis und den beiden Leitern Ulrich Parzany und Rolf Hille. Ohne Frage waren diese beiden Männer zentrale Protagonisten des evangelikalen Aufbruchs in Deutschland in den letzten Jahrzehnten. Kaum jemand hat so viel für Einheit, gemeinsame Evangelisation und Mission getan wie diese beiden. Nicht wenigen „Frommen“ waren sie im letzten Jahrhundert noch eher zu links und zu „offen“ gewesen. Umso erstaunlicher ist es, dass ihr Netzwerk heute oft als der „rechte Rand“ der Evangelikalen dargestellt wird, das eher spaltend statt verbindend wirke. Haben sich diese beiden Männer denn wirklich so verändert?

Ich hatte in den letzten Jahren das Vorrecht, Ulrich Parzany und Rolf Hille aus nächster Nähe persönlich kennen lernen zu dürfen. Ihr tiefer persönlicher Glaube, ihr Humor, ihre Liebe zu den Menschen, ihre ehrliche Sorge um die Kirche Jesu hat mich tief beeindruckt. So manche prominente Christen verlieren eher, wenn man ihnen näherkommt. Bei Rolf Hille und Ulrich Parzany ging es mir genau umgekehrt. Sie wurden für mich mehr denn je zu großen Vorbildern im Glauben.

Deshalb sage ich es mit aller Entschiedenheit: Nein, diese Männer haben sich nicht verändert. Sie stehen bis heute unverändert für dieses klassisch evangelikale Christentum mit großem Vertrauen in die Bibel als Heilige Schrift, mit klarem Fokus auf Jesus Christus und mit einem weiten Herzen für die Vielfalt an (Aus-)Prägungen von Jesusnachfolge in Landes- und Freikirchen. Der Umgang mit ihnen und ihrem Netzwerk beweist vielmehr, wie sehr sich die Position vieler Meinungsmacher im allianzevangelikalen Umfeld zwischenzeitlich verschoben hat. Es war und ist gerade auch das pragmatische Milieu, das Stimmen wie Hille und Parzany heute als störend empfindet, weil sie sich dafür einsetzen, Kurs zu halten und klassisch evangelikale Grundüberzeugungen nicht aufzugeben.

Aber die hier dargestellten Trends zeigen: Diese Situation verändert sich. Die klassisch evangelikale Bewegung, die im letzten Jahrhundert durch Leiter wie Billy Graham, John Stott, Francis Schaeffer und in Deutschland durch Ulrich Parzany, Rolf Hille und andere geprägt wurden, wird gerade jetzt wieder neu gestärkt. Das Bewusstsein wächst, auf welchen Grundlagen diese Bewegung entstanden ist und woran sie festhalten muss, um auch in Zukunft fruchtbar zu bleiben. Diese evangelikale Bewegung ist laut Thorsten Dietz „entgegen allen Erwartungen“ im letzten halben Jahrhundert dynamischer gewachsen ist als jede andere religiöse Gruppe[5]. Es mag sein, dass sie zukünftig noch weniger Wert auf die Bezeichnung „evangelikal“ legt, denn sie will ja letztlich nichts anderes sein als die heutige Konkretion des historisch-„orthodoxen“[6] Christentums, das sich gründet auf die biblische Lehre der Apostel und Propheten. Aber unabhängig von diesem Begriff bin ich überzeugt: Diese Bewegung ist nicht am Ende. Sie steckt nicht in einer Sackgasse. Im Gegenteil: Sie hat ihre beste Zeit noch vor sich. Es ist mir ein Vorrecht, diese Entwicklung miterleben und mitgestalten zu dürfen.


[1] Siehe dazu z.B. die „Stuttgarter Gottesdienst- und Gemeindestudie“ des LIMRIS-Insituts von der Internationalen Hochschule Liebenzell, online unter: https://ihl.eu/wp-content/uploads/2022/09/ihl_limris_broschuere_03_DEF_compressed.pdf

[2] Der Begriff „unfehlbar“ muss genau wie der Begriff „irrtumslos“ genau definiert werden, damit er nicht zu Missverständnissen führt. Siehe dazu z.B. der AiGG-Artikel „Ist die Bibel unfehlbar?“ blog.aigg.de/?p=4212

[3] So beschrieb z.B. der Rektor der Internationalen Hochschule Liebenzell Prof. Volker Gäckle schon im Jahr 2018 die Situation in „pietistischen Gemeinden“ so: „Von gemäßigt liberalen bis hin zu fundamentalistischen Positionen, von radikal reformierten, extrem nüchternen und anticharismatischen bis zu intensiv-pentekostalen und leicht katholisierenden Frömmigkeitsformen kann einem auch in unseren Gemeinden heute alles begegnen.“ Diese Situation sei für Pastoren eine wachsende Belastung und trage zur Krise des Pastorenamts bei. In: „Evangelikale Ausbildungsstätten: Pastorenamt ist in einer Krise“, IDEA 30.11.2018, online unter www.idea.de/spektrum/evangelikale-ausbildungsstaetten-pastorenamt-ist-in-einer-krise 

[4] Der Begriff „liberal“ wird hier nicht im akademischen Sinne sondern als Sammelbegriff für nichtevangelikale Theologie verwendet.

[5] So schreibt Thorsten Dietz in seinem Buch „Menschen mit Mission“: „Warum handelt es sich bei den Evangelikalen heute um die weltweit zweitgrößte christliche Strömung nach dem Katholizismus? Niemand hätte sich das vor 50 oder 60 Jahren träumen lassen. Der Lausanner Kongress wurde in der deutschen Öffentlichkeit nur am Rande registriert. Die meisten (gerade auch in den Kirchen) waren sich sicher: Zukunft kann nur eine Christenheit haben, die sich für die Moderne öffnet, die das aufgeklärte Wahrheitsbewusstsein der Wissenschaften respektiert und eine politisch-gesellschaftliche Kraft für eine bessere Welt wird. Welche Zukunft sollten da schon Grüppchen haben, denen Evangelisation und Mission über alles geht, die im Zweifelsfall lieber der Bibel glauben als der historischen Forschung? Wer wird schon Ewiggestrige ernst nehmen, die sich radikal der sexuellen Liberalisierung der 1960er-Jahre verweigern? Aber entgegen allen Erwartungen ist keine religiöse Gruppe im letzten halben Jahrhundert dynamischer gewachsen als diese.“ (S. 92)

[6] Mit „orthodox“ ist hier nicht die konfessionelle orthodoxe Kirche gemein, sondern die „rechtgläubige“ Christenheit, die festhält an der Lehre der Apostel und Propheten und den zentralen christlichen Bekenntnissen.

6 Wege zur Einheit zwischen Evangelikalen und Postevangelikalen

und warum sie in der Praxis auf Dauer nicht funktionieren (können)

Ist Einheit zwischen Evangelikalen und Postevangelikalen möglich? Fakt ist: Die theologischen Differenzen zwischen Evangelikalen und Postevangelikalen sind oft grundsätzlicher Natur. Sie betreffen den innersten Kern des Evangeliums und die zentralen, verbindenden Merkmale der weltweiten evangelikalen Bewegung.[1] Es ist deshalb nicht überraschend, dass die Ausbreitung postevangelikaler Theologie im allianzevangelikalen Umfeld in der Praxis oft nicht zu fröhlicher Vielfalt führt, sondern eher zu wachsender Entfremdung, zu Streit und Spaltung[2] oder zur schrittweisen Verdrängung evangelikaler Überzeugungen.

Dennoch höre ich seit Jahren: Einheit zwischen Evangelikalen und Postevangelikalen sei trotzdem möglich. Mehr noch: Es sei unsere Pflicht, diese Einheit anzustreben! Die Vorschläge, wie das trotz der grundlegenden Differenzen gelingen soll, klingen immer wieder ähnlich. Die 6 verbreitetsten Vorschläge zum Brückenbau zwischen Evangelikalen und Postevangelikalen beschreibt dieser Artikel. Und er gibt Hinweise, warum sie in der Praxis oft so wenig funktionieren – und warum sie auf Dauer kaum erfolgversprechend sind.

1. Der pragmatische Ansatz: Lasst uns lieber miteinander evangelisieren und Gemeinde bauen, statt über theologische Themen zu streiten!

Dieser Vorschlag packt uns Evangelikale an einer Stelle, an der wir ganz besonders zugänglich sind. Mission, Evangelisation und Gemeindebau war schon immer unser großes Herzensanliegen. Sollte es uns nicht tatsächlich am wichtigsten sein, einfach Menschen gemeinsam für Jesus zu gewinnen? Und hat Jesus uns nicht gelehrt, dass unsere Einheit eine entscheidende Basis für die Glaubwürdigkeit unseres Zeugnisses ist (Johannes 17, 21-23)? Wer von uns wollte schon schuld daran sein, dass Menschen Jesus nicht begegnen, weil wir mit theologischen Debatten beschäftigt sind? Niemand.

Aber das Problem an diesem Vorschlag ist: Wie sollen wir gemeinsam evangelisieren, wenn wir keine gemeinsame Evangeliumsbotschaft haben? Während das stellvertretende Sühneopfer für Evangelikale klar im Zentrum des Evangeliums steht,[3] wird es im Umfeld von liberaler, progressiver und postevangelikaler Theologie weithin bezweifelt, subjektiviert oder offen abgelehnt. Zugleich geht man dort vielfach davon aus: Gott offenbart sich auch in anderen Religionen. Und am Ende zieht er alle Menschen zu sich – unabhängig von ihrem Glauben und ihrer Religion.[4] Ziel von „Mission“ ist daher eher ein Gesinnungswechsel für mehr Mitmenschlichkeit[5] und die Transformation der Gesellschaft statt die rettende Bekehrung und Wiedergeburt der Herzen.[6] Wenig überraschend ist deshalb, dass „die wenigsten innovativen missionarischen Projekte aus dem Bereich der Großkirchen kommen“.[7] Die gähnend leeren Kirchen sind die zwangsläufige Konsequenz. Die evangelische Kirche unterstreicht somit auf traurige Weise: Wer auf die missionarische Praxis fokussiert, ohne dabei die theologischen Grundlagen für diese Praxis hochzuhalten, bei dem geht am Ende beides verloren: Die Praxis und die Einheit.

2. Der christuszentrierte Ansatz: Unsere verbindende Mitte ist kein Dogma sondern die Person Jesus Christus!

Auch dieser Vorschlag klingt für Evangelikale naheliegend. Kein Evangelikaler würde sich dagegen wenden, dass der lebendige, auferstandene Christus die Mitte und das verbindende Haupt der Gemeinde Jesu ist. Unsere Verbindung mit ihm besteht nicht nur in einem rationalen Fürwahrhalten biblischer Lehrsätze. Evangelikale sind überzeugt: Der lebendige Christus ist in unserer Mitte! Im Gebet sind wir ihm nahe. Was könnte uns mehr miteinander verbinden als die gemeinsame Begegnung mit unserem auferstandenen Herrn? Wer will denn mitten in der staunenden Anbetung noch Diskussionen über das richtige Bibelverständnis anfangen? Niemand.

Aber das Problem an diesem Vorschlag ist: Die Theologie hat eine Unzahl an verschiedenen, oft gegensätzlichen Christusbildern hervorgebracht. Verbinden kann uns aber nur der eine lebendige Christus, der tatsächlich existiert. Um verstehen zu können, wer dieser reale Christus wirklich ist, was er lehrt und was er am Kreuz und an Ostern für uns getan hat, haben wir nur genau eine einzige Informationsquelle: Die Bibel. Wenn der Christusbegriff von der biblischen Offenbarung getrennt wird, dann wird er zur Hülse, die jeder beliebig füllen kann – der uns aber nicht mehr miteinander verbindet. In meiner Kirche erlebe ich zudem: Je beliebiger das Bild von Christus wird, umso mehr schläft auch die Anbetung ein. Dann verliert die Kirche ihre Mitte – und damit auch ihre Einheit.

3. Der diplomatische Ansatz: Wir sollten auf die Gemeinsamkeiten statt auf die Differenzen schauen!

Dieser Vorschlag weckt die Hoffnung: Wenn wir uns auf die Dinge konzentrieren, die wir immer noch gemeinsam sagen und bezeugen können, dann werden die Differenzen mit der Zeit immer weniger wichtig. Wenn wir die konfliktträchtigen Themen aus dem Zentrum rücken oder am besten gar nicht ansprechen, dann streiten wir auch nicht. Dann können wir unsere Kraft und Energie für Konstruktiveres einsetzen als für Debatten, die womöglich in Streit und Spaltungen münden. Das klingt gut. Niemand von uns hat Zeit und Kraft für überflüssige Konflikte übrig.

Aber das Problem an diesem Vorschlag ist: Die Differenzen verschwinden nicht, indem wir sie unter den Teppich kehren oder verschleiern durch gemeinsame Begriffe, die wir aber ganz unterschiedlich füllen. Spätestens im (g)rauen Gemeindealltag kommen sie wieder mit voller Wucht auf den Tisch, und zwar spätestens dann, wenn wir uns entscheiden müssen: Trauen wir in unserer Gemeinde gleichgeschlechtliche Paare oder nicht? Geben wir ihnen Leitungsverantwortung oder nicht? Lehren wir unsere Jugendlichen, dass sie ruhig schon vor der Ehe Sex haben können oder nicht? Es sind gerade auch die Progressiven, die bei solchen Themen oft keinerlei Kompromissmöglichkeiten sehen, weil sie sie die konservative Position für lieblos und diskriminierend halten.[8] Und für die theologischen Differenzen zum Evangelium gilt: Wer sie kleinredet oder verschweigt, vermeidet vielleicht den Streit. Aber die Entfremdung findet trotzdem statt. Und jeder Paarberater weiß: Wo nicht mehr gestritten wird, da ist die Ehe tot. Je eher wir uns offen und ehrlich den (potenziellen) Konfliktthemen stellen, umso größer ist die Chance, dass wir belastbare und praxistaugliche gemeinsame Wege zur Einheit finden – oder uns respektvoll und geordnet in Liebe einander loslassen, wenn offenkundig die gemeinsame Grundlage fehlt.

4. Der entwaffnende Ansatz: Wir beziehen uns doch alle auf die Bibel, wir legen sie nur unterschiedlich aus!

Dieser Vorschlag packt uns bei der Tatsache, dass niemand von uns einen absolut objektiven Zugang zur Bibel hat. Jeder liest und versteht die Bibel durch die Brille seiner persönlichen Biografie und Prägung. Wer das leugnet und behauptet, die tatsächliche Aussageabsicht der Bibel durchgängig genau zu kennen, ist entweder naiv oder arrogant. Wir Christen sind zur Demut aufgerufen. Kann ich dem Heiligen Geist nicht zutrauen, dass er anderen Menschen ganz andere Dinge aus der Bibel heraus wichtig macht als mir? Ja, das kann ich.

Aber das Problem an diesem Vorschlag ist: Er ignoriert die entscheidende Frage nach dem Bibelverständnis. Wer dem biblischen Selbstanspruch nicht glauben kann, Offenbarung Gottes und damit höchste Autorität zu sein,[9] nimmt der Bibel ihre Kraft, der Christenheit eine verbindende gemeinsame Grundlage zu geben. Dann gibt es zunehmend nur noch persönliche Wahrheiten (Du hast Deine Wahrheit und ich habe meine Wahrheit), aber immer weniger, was man ganz selbstverständlich miteinander feiern, besingen und bezeugen kann. Luther sprach nicht umsonst davon, dass allein die Schrift herrschen soll. Und er ging von der Klarheit der Schrift aus, das heißt: Für ihn waren die wesentlichen biblischen Aussagen so eindeutig, dass er damit die Lehren seiner Zeit prüfen und ihnen auf biblischer Basis widersprechen konnte. Für ihn war klar: Nur als verlässliche und verständliche Offenbarungsquelle kann die Bibel eine „normierende Norm“ sein und der Kirche Orientierung, Profil und eine feste gemeinsame Hoffnung geben. Auf diese Grund-legende biblische Offenbarungsquelle ist die Kirche Jesu auch heute angewiesen. Es ist deshalb kein Beitrag zur Einheit, den Offenbarungscharakter der Bibel (wie ihn z.B. die evangelische Allianz bekennt[10]) für nebensächlich zu halten.

5. Der seelsorgerliche Ansatz: Wir sollten einander den Glauben glauben!

Dieser Vorschlag packt uns bei einer Warnung, die im Neuen Testament weit verbreitet ist: Richtet und verurteilt einander nicht. Seid nicht hochmütig. Nehmt einander an, wie Christus uns angenommen hat – nämlich als wir noch verirrte Sünder waren. Wir sind alle fehlerhaft und leben aus der unverdienten Gnade Gottes. Ist es nicht lieb- und herzlos, jemand anderem abzusprechen, dass auch er von Herzen Jesus folgen will und die Bibel wirklich so versteht, wie er sie nun einmal versteht? Und schaden wir uns mit dieser Lieblosigkeit nicht auch selbst? Steckt nicht in jedem Hinweis auf falsche Lehre bei Anderen die Versuchung, ein arroganter, unbarmherziger Richter und Machtmensch zu werden? Ja, das ist ohne Zweifel so.

Aber das Problem an diesem Vorschlag ist, dass er zwei völlig verschiedene Ebenen durcheinanderwirft: Die Haltung eines Menschen. Und der Inhalt seiner Botschaft. Niemand von uns hat das Recht, einem Menschen niedere Motive oder einen schlechten Charakter zu unterstellen, weil er Zigaretten raucht. Aber wenn dieser Mensch die These verbreitet, dass Rauchen harmlos sei und nicht süchtig macht, dann müssen wir das richtigstellen – auch wenn er ehrlich überzeugt davon ist. Denn sonst wären wir mitverantwortlich dafür, wenn Andere süchtig und krank werden. Keine Gemeinschaft kann auf Dauer nach dem Motto leben, dass nur die Haltung und nicht der Inhalt zählt – auch nicht die Kirche Jesu. Zwar steht es keinem Menschen zu, sich ein abschließendes Urteil über die Haltung, das Heil und die Motive anderer Menschen zu bilden. Gott allein ist der Richter! Nur er kann in die Herzen schauen. Das entbindet uns aber nicht von der Aufgabe, die Inhalte der Botschaft von anderen Menschen anhand des biblischen Maßstabs zu beurteilen. Das Neue Testament fordert uns auf: Prüft alles! Es lobt Christen, die falsche Lehre zurückweisen.[11] Es ist nicht lieblos, auf inhaltliche Widersprüche zu Gottes Wort und Gebot aufmerksam zu machen, im Gegenteil: Wenn bei uns alles vertreten werden darf, solange man es nur authentisch tut, dann verlieren wir die gemeinsame Grundlage unseres Glaubens.

6. Der Rat des Gamaliel: Wir müssen nichts tun! Mit der Zeit werden sich die Konflikte ganz von selbst beruhigen!

Dieser Vorschlag, der sich an Apostelgeschichte 5, 33-42 orientiert[12], wirkt reif und souverän: Du musst Dich nicht verkämpfen! Gott ist in Kontrolle. Wenn Du recht hast mit Deiner kritischen Einschätzung, dann wird das mit der Zeit am ausbleibenden Segen von selbst sichtbar werden. Also reicht es, wenn Du mit Gott im Gebet darüber sprichst. Die Wahrheit und die Bibel muss nicht verteidigt werden. Das kann sie schon selbst. Dieser Vorschlag wirkt auf mich persönlich besonders attraktiv. Ich bin ein Harmoniemensch. Es kostet mich immer viel Überwindung, Anderen zu widersprechen. Wieviel Zeit und Nerven könnte ich sparen, wenn ich die Entwicklungen einfach Gott überlasse!

Aber das Problem an diesem Vorschlag ist: Er hat kein Fundament, weder in der Bibel noch in der Kirchengeschichte. Quer durch die Bibel kümmert Gott sich nicht einfach selbst um die falschen Lehren, Lehrer und Propheten. Immer wieder schickt er Menschen, um ihnen zu widersprechen. So schreibt Paulus an Timotheus: „Verkündige das Wort ‹Gottes›! Tritt dafür ein, ob es den Leuten passt oder nicht. Rede ihnen ins Gewissen, warne und ermahne sie! Verliere dabei aber nicht die Geduld und unterweise sie gründlich! Denn es wird eine Zeit kommen, da werden sie die gesunde Lehre unerträglich finden und sich Lehrer nach ihrem Geschmack aussuchen, die ihnen nur das sagen, was sie gern hören wollen.“ (2. Tim. 4, 2-3) Von Zurückhaltung keine Spur. Paulus scheut sich nicht einmal, dem Kirchenleiter Petrus öffentlich zu widersprechen, wenn dieser sich nicht evangeliumsgemäß verhält. Auch die frühen Kirchenleiter mussten intensiv gegen falsche Lehre vorgehen. Es hätte keine Reformation gegeben, wenn Luther nicht so klar und pointiert gegen falsche Lehre aufgetreten wäre. Die Kirchengeschichte zeigt zudem: Falsche Lehren verschwinden nicht einfach von selbst. Sie haben sich oft jahrhundertelang gehalten, zahllose Menschen irregeführt und ganze Werke und Denominationen zerstört. Die gemeinsame, verbindende Lehrgrundlage der Kirche war schon immer umkämpft. Sie musste zu allen Zeiten gegen Widerspruch verteidigt werden. Auch heute noch brauchen wir den Mut, falsche Lehre im geeigneten Rahmen öffentlich anzusprechen – liebevoll, demütig, differenziert, informiert und klug, aber so klar, dass Menschen und Gemeinden sich orientieren können. Nur so können wir die gemeinsame Grundlage unseres Glaubens und unserer Einheit bewahren.

Das Grundproblem: Einheit auf Kosten der Wahrheit zerstört die Einheit

Letztlich haben alle sechs Vorschläge das gleiche Problem: Unsere bisher verbindlichen und damit verbindenden Glaubensfundamente gelten nicht mehr objektiv für alle, sondern sie werden zu randständigen und subjektiven Wahrheiten herabgestuft. Die „Einheit“, die man auf diese Weise gewinnen kann, muss folglich auf andere Faktoren als das gemeinsame Bekenntnis setzen: Gemeinsame Traditionen, gemeinsame Frömmigkeitsformen, gemeinsames Vokabular und gemeinsame Institutionen. Tatsächlich können evangelikal geprägte Formate (Gemeinden, Bünde, Werke, Kongresse, Medien, Ausbildungsstätten …) durchaus lange davon zehren, dass man zusammen die gleichen Lieder singt, die gewohnten Begriffe benutzt und sich in langjährig gewachsenen Institutionen und Veranstaltungen trifft. Das Problem ist nur: Brücken ohne gemeinsame Bekenntnisgrundlage haben ein eingebautes Verfallsdatum. Denn früher oder später wirkt sich die unterschiedliche Theologie auch auf die Formen, die Lieder, die Strukturen und das Vokabular aus (man denke nur an die Gendersprache[13]). Und dann gibt es gar keine gemeinsame Grundlage mehr.

Und was noch schlimmer ist: Brücken ohne gemeinsame Bekenntnisgrundlage senden das Signal, dass die Bekenntnisse für uns nicht verbindlich sind. Das zerstört die Vertrauensgrundlage für die Einheit mit all den Gruppen, mit denen wir auch bisher schon ausschließlich durch das gemeinsame Bekenntnis verbunden waren.Gerade das ist ja das zentrale Erfolgsgeheimnis der Evangelikalen: Sie bilden eine weltweite und kulturübergreifende Bewegung, obwohl sie über kein gemeinsames Lehramt, keine gemeinsamen Traditionen, Institutionen, Prägungen und Strukturen verfügen. Diese einzigartige Einheit in Vielfalt kann nicht bestehen, wenn die verbindenden Bekenntnisgrundlagen zerfallen, die sich aus den zentralen und klaren Aussagen der Heiligen Schrift ergeben.[14] Brückenbau über Bekenntnisgrenzen hinweg führt also immer dazu, dass zugleich bestehende Brücken geschwächt oder eingerissen werden. Wir sollten deshalb aufhören, solche Bestrebungen als Brückenbau zu feiern. Echter Brückenbau und echter Einsatz für Einheit in Vielfalt muss immer auch die Stärkung und Verteidigung unserer verbindlichen und verbindenden Bekenntnisgrundlagen beinhalten. Ansonsten kaschieren wir nur unsere Probleme, die dann im Hintergrund umso ungehinderter wuchern können.

Warum Haltung trotzdem wichtig ist

Obwohl ich diese 6 Vorschläge also für wenig zielführend halte, erkenne ich in ihnen trotzdem wichtige Wahrheiten, die wir unbedingt bedenken sollten:

  1. Eine Theologie, die nicht in eine gesunde Praxis führt, ist offenkundig ungesund.
  2. Ein rationales Fürwahrhalten von Dogmen ohne die gelebte Liebe zum lebendigen Christus führt nicht zu echter Herzenseinheit.
  3. Gelassenheit und Weite bei Rand-, Kultur- und Prägungsfragen ist eine ebenso wichtige Tugend wie die Wahrung unserer verbindenden Bekenntnisgrundlagen.
  4. Unsere Bibelauslegung bleibt fehlerhaft und unvollständig. Deshalb bleiben wir angewiesen auf die große Auslegungsgemeinschaft der historischen und weltweiten Kirche.
  5. Die Liebe glaubt und hofft immer (1. Kor. 13,7). In einer von Misstrauen und Skepsis geprägten Kultur kann nichts Gutes gedeihen.
  6. Bei allem aktiven Einsatz für eine gesunde Kirche brauchen wir zugleich die Gelassenheit, dass am Ende Gott selbst das allein Entscheidende tut.

Wir dürfen niemals vergessen: Widerspruch gegen falsche Lehre beinhaltet immer auch eine große Versuchung: So leicht fangen wir an, uns innerlich über andere zu stellen. So schnell bauen wir uns eine Identität aus dem Rechthaben, statt unseren Wert in Christus zu haben. So leicht lassen wir es zu, dass Widerspruch uns zynisch, verurteilend und bitter macht. Debatten und Konflikte sind manchmal notwendig. Aber es ist eine anspruchsvolle Aufgabe, unser Herz dabei rein, weich und korrigierbar zu halten. Nicht selten verstecken sich ganz menschliche Abgründe hinter theologischem Streit. Gesunde Lehre muss eingebettet sein in einen Lebensstil des Gebets, in die gelebte Liebesbeziehung zu Jesus Christus, in eine echte Liebe zu den Menschen, egal ob sie uns zustimmen oder nicht.

Auf dem Weg zur Einheit, für die Jesus gebetet hat, haben wir alle noch viel zu lernen. Lasst uns gemeinsam beides tun: Die gesunde, verbindende Lehrgrundlage der Kirche Jesu hochhalten – und zugleich herunterkommen vom hohen Ross unserer Selbstgerechtigkeit. Unsere Hoffnung ist und bleibt Christus allein. Denn Einheit können wir nicht machen. Er selbst ist es, der die Glieder seines Leibes miteinander verbindet (Eph. 4, 15-16), durch sein Wort und seinen Geist. Ich sehne mich so sehr danach, dass diese christusgewirkte Einheit wächst – und dadurch ein Stück Himmelreich auf Erden sichtbar wird.


Fußnoten:

[1] Die 4 zentralen und verbindenden Merkmale der evangelikalen Bewegung sind gemäß dem Historiker D. Bebbington: Die Betonung der völligen Vertrauenswürdigkeit der Bibel, die Zentralität des Versöhnungswerks Christi am Kreuz durch seinen stellvertretenden Opfertod, die Notwendigkeit einer persönlichen Bekehrung und der aktive Einsatz aller Christen für die Ausbreitung des Evangeliums. Alle diese Merkmale werden im postevangelikal/progressiven Umfeld hinterfragt oder offen abgelehnt: Die Autorität der Schrift (blog.aigg.de/?p=6707), der stellvertretende Opfertod Jesu (blog.aigg.de/?p=3887), die Notwendigkeit der Bekehrung (siehe Fußnote 4), und der Einsatz für Mission (siehe die Fußnoten 5 und 6).

[2] So schreibt z.B. Ulrich Eggers in der Zeitschrift AUFATMEN: „Wir alle merken: Gemeinsam – das fällt in diesen Zeiten, in denen sich viele gewachsene Traditionen auflösen, selbst Einheits- oder Allianz-gewillten Christen zunehmend schwer! … Zunehmend zieht Misstrauen und Entfremdung ein, bedroht Einheit – und damit auch die gemeinsame Arbeitsplattform für missionarische Bewegung.“

[3] So bekennt z.B. die deutsche evangelische Allianz in ihrer Glaubensbasis: „Jesus Christus, der Mensch gewordene Sohn Gottes, ist stellvertretend für alle Menschen gestorben. Sein Opfertod allein ist die Grundlage für die Vergebung von Schuld, für die Befreiung von der Macht der Sünde und für den Freispruch in Gottes Gericht.“

[4] So schreibt z.B. Rolf Krüger, der ehemalige Leiter von jesus.de: „Gott wird nach dem Tod keine Bestrafung vornehmen … Wenn aber niemand vor Gott gerettet werden muss, sondern die Menschheit nur vor sich selbst, wenn es darum geht, dass Gott uns zu einem Lebensstil der Liebe und Versöhnung ruft, dann ist das Einmischen in die Politik sogar ein zentrales Element von Mission … Oder der Dialog mit anderen Religionen: Wenn ein Mensch Christ werden muss, um die Ewigkeit glücklich zu verbringen, können Moslems, Buddhisten oder Atheisten nicht einfach solche bleiben. Mission ist in diesem Fall erst mit einem Religionswechsel ein Erfolg. Im anderen Fall ist der nicht nötig, denn es geht um die Idee, für die Jesus steht … Ziel von Mission ist dann nicht ein Religionswechsel, sondern ein Gesinnungswechsel.“ In: „Der Elefant im christlichen Raum“, 15.1.2018, www.aufnkaffee.net/2018/01/der-elefant-im-christlichen-raum

[5] So äußert der Postevangelikale Torsten Hebel im „Hossa-Talk“: „Ich glaube, dass alle Menschen bei Gott sind. Das glaube ich. Und deshalb macht es für mich auch keinen Sinn zu bekehren. Aber ich glaube auch, dass es in der Diesseitigkeit einen Riesenunterschied macht: Wofür setzt du dein Leben ein? … Und da sehe ich Bekehrung, also diese Umkehr hin zu dem anderen, diese Hinwendung, Mensch zu werden, wie es eigentlich gedacht war, – das empfinde ich schon als eine Art Bekehrung. Wenn das dann dazu dient, bin ich der erste, der wieder zur Bekehrung aufruft.“ In: Ex-Evangelisten unter sich. Hossa Talk Nr. 5, 11.1.2015, https://hossa-talk.de/hossa-talk-5-ex-evangelisten-unter-sich-mit-t-hebel/, ab 51:50.

[6] Siehe dazu der AiGG-Artikel „Transformation – Eine Aufgabe der Kirche?“ (blog.aigg.de/?p=5699), eine Rezension zum „Handbuch Transformation“, herausgegeben von Tobias Faix und Tobias Künkler, 2021, Neukirchener

[7] In: „Mission Zukunft“, SCM 2018, S. 292

[8] So sagt z.B. Thorsten Dietz im Podcast „Karte und Gebiet“ Folge 24 „Live auf dem Kirchentag“ ab 36:50: Einheit in Vielfalt oder auch versöhnte Verschiedenheit „sind aber Dinge, die gehen ja nicht überall. Also nehmen wir „Ehe für alle“: Man kann in einer Gemeinde nicht Betroffenen zumuten, hier ‚Komm zum Gottesdienst‘ und die einen werden dich umarmen und sagen: Schön, dass Du da bist. Und die anderen werden sagen: Guten Morgen, aber Sünde ist es doch. Das ist irgendwie ein bisschen doof. Das wäre ein Kompromiss und versöhnte Verschiedenheit auf Kosten von Betroffenen.“ Dietz schlägt deshalb vor, im Rahmen eines „good disagreement“ „verschiedene Wege“ zu gehen, die „unterschiedliche Räume vorhalten“, so dass „safe places“ für alle da sind.

[9] Siehe dazu den AiGG-Artikel: Das biblische Bibelverständnis: https://blog.aigg.de/?p=5853

[10] So heißt es in der Glaubensbasis der EAD: „Die Bibel… ist Offenbarung des dreieinen Gottes.“

[11]  Röm.12,2; 16,17; 1.Thess. 5,21; 1.Joh. 4,1; 2.Joh.1,10; Offenbarung 2,2

[12] Die fragwürdige Argumentation und die historische Wirkungsgeschichte rund um den „Rat des Gamaliel“ wird aufschlussreich dargestellt im äußerst empfehlenswerten Artikel: „Die Gamaliel-Strategie“ von Peter Bruderer (danieloption.ch/featured/die-gamaliel-strategie/) im Blog Daniel-Option, 2023

[13] Warum ich mich gerade auch als Christ niemals an diesen Eingriffen in die Sprache beteiligen kann, erläutert einer der meistgelesenen AiGG-Artikel: blog.aigg.de/?p=6323

[14] Dass das apostolische Glaubensbekenntnis schon für die frühen Kirchenväter letztlich nichts anderes war als ein Extrakt aus den zentralen und eindeutigen biblischen Botschaften, weist Christian Haslebacher nach in seinem sehr empfehlenswerten Artikel „Plädoyer für das Apostolische Glaubensbekenntnis – den zeitlosen Klassiker“ (https://danieloption.ch/featured/plaedoyer-fuer-das-apostolische-glaubensbekenntnis-den-zeitlosen-klassiker/ ) im Blog Daniel-Option, 2021.

Grenzen der Einheit? Einheit ohne Grenzen?

Gedanken zu einem AUFATMEN-Gespräch zwischen Thorsten Dietz und Stephanus Schäl

Wie gelingt Einheit in Vielfalt? Das ist zweifellos eine Schlüsselfrage für die evangelikale Bewegung in Deutschland. In einer Serie von Artikeln haben Thorsten Dietz und Stephanus Schäl über diese Frage gesprochen.[1] Beide sind einflussreich im allianzevangelikalen Umfeld.[2] In welche Richtung denken sie? Kann man manches auch anders sehen? Gibt es fehlende Aspekte? Ein Beitrag zu einer Diskussion, die dringender denn je geführt werden muss.

Warum tun wir uns so schwer mit der Einheit, für die Jesus doch so intensiv gebetet hat? Zurecht weisen Schäl und Dietz darauf hin: Es sind allzuoft ganz menschliche Abgründe, die unsere Einheit untergraben. Wenn Machtstreben sich verbindet mit der Unfähigkeit, zwischen biblischer Aussage und eigener Bibelauslegung zu unterscheiden, dann kann Einheit nicht gelingen. Zudem betonen beide: Durch unsere Zugehörigkeit zu Christus sei Einheit ja schon Realität. Wir gehören zur gleichen Familie, egal ob wir uns lieben oder streiten. Deshalb sollten wir doch miteinander statt übereinander reden, Vorurteile und „Lagerdenken“ vermeiden, vom Kampf- in den Dialogmodus wechseln und stets die Begrenztheit der eigenen Perspektive im Blick behalten. Wenig hilfreich sei es, zwischen „innen” und „außen” bzw. zwischen „uns” und „ihnen” zu unterscheiden. Wir sollten Einheit nicht zerreden, sondern sie lieber erfahrbar werden lassen im Einsatz für gemeinsame Ziele und die gemeinsame Sendung der Kirche.

Ein fehlender Aspekt: Zurückweisung von falscher Lehre

All das lässt sich biblisch gut begründen. Allerdings findet man im Neuen Testament einen weiteren Aspekt zum Thema Einheit, der in der Artikelserie fehlt: Die notwendige Zurückweisung falscher Lehre. In den 7 Sendschreiben der Offenbarung nimmt dieses Thema sogar den größten Raum ein. Einige Briefe im NT (insbesondere der Judasbrief) sind regelrechte Streitschriften gegen falsche Lehre. Das „Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat“ (Römer 15, 7) steht im Neuen Testament durchgängig auf dem Fundament der apostolischen Lehre als einer verbindlichen gemeinsamen Grundlage:

„Ich bitte euch aber, Brüder, nehmt euch vor denen in Acht, die von der Lehre abweichen, wie ihr sie gelernt habt! Sie rufen nur Spaltungen hervor und bringen den Glauben der Geschwister in Gefahr. Geht ihnen aus dem Weg!“ (Römer 16, 17)

Falsche Lehre wird von Paulus also ausdrücklich als Spaltungsursache benannt. Auch deshalb findet er so harte Worte, wenn am Evangelium etwas verändert wird (Galater 1, 8+9). Und er scheut sich nicht, für die Verteidigung des Evangeliums auch übereinander zu reden (zum Beispiel über die Verfehlungen von Petrus in Galater 2, 11-14).

Biblische Offenbarung als Basis für starke Mitte?

Schäl schreibt deshalb zurecht:

„Christliche Einheit braucht … das Festhalten an der biblischen Offenbarung als zuverlässige Richtlinie für Lehre und Leben. Wo die Bibel nicht mehr norma normans, also normierende Norm für Glauben, Theologie und Ethik ist, verkommt die Einheit zur Beliebigkeit.“

Und Thorsten Dietz ergänzt: „Eine starke Mitte kann sehr, sehr viel Buntes und Verschiedenes aushalten.“ Die Frage ist nur: Wie soll die verbindende starke Mitte definiert und der Inhalt der „normierenden Norm“ festgestellt werden, wenn wir zwar „Festhalten an der Wahrheit der Bibel“, aber zugleich wissen, „dass unsere eigene Perspektive auf diese Wahrheit begrenzt, stückhaft und unvollständig ist“ (Stephanus Schäl)?

Schäl schlägt einen Minimalkonsens vor: „Wir gruppieren uns um Christus, so wie er uns in der Bibel beschrieben wird. Und: Ich glaube, Einheit ist wirklich nicht möglich, wenn wir in Zweifel ziehen, dass die Offenbarung Gottes Grundlage für unser ganzes Denken ist.“ Reicht der so formulierte Bezug auf Christus, Bibel und Offenbarung, um zu gemeinsamen, verbindenden Kernüberzeugungen zu gelangen?

Vertrauen in die Haltung statt in prüfbare theologische Aussagen

Leider zeigt das Gespräch von Dietz und Schäl, wie auch solche konservativ klingenden Formulierungen unterlaufen werden können. Dietz greift die Aussagen von Schäl zwar zustimmend auf. Er kommentiert jedoch zugleich:

„Gemeinsamkeit kann nur dort entstehen, wo man einander den Glauben glaubt. … Einheit ist möglich, wo wir einander zugestehen, dass die Bibel für uns die Grundlage des Glaubens ist, … Ja, es gibt erhebliche Unterschiede, wie wir die Bibel auslegen und verstehen. Welche Worte wir heute für die Dreieinigkeit Gottes finden, ob und wie wir von Gottes Offenbarung reden und wie wir sie ins Verhältnis setzen zur Vielfalt der Religionen heute“.

Zunächst fällt auf: Die oberste Priorität hat hier nicht die biblische Norm, sondern das Vertrauen in die Haltung des Anderen. Wir sollen einfach glauben, dass für unser Gegenüber die Bibel die Grundlage ist – unabhängig davon, wie er die Bibel versteht und auslegt. Und unabhängig davon, wie bzw. ob überhaupt (!) er von Gottes Offenbarung redet.

Offenbarung und Sexualethik: Spezialfragen ohne Bekenntnisrang?

Zugleich warnt Dietz davor, „alle möglichen Spezialfragen, wie ich die Offenbarung verstehe oder wie ich Sexualethik deute, zu Bekenntnisrang hochzupushen.“ Hier ist wohlgemerkt nicht vom Buch der Offenbarung die Rede, sondern allgemein vom Offenbarungshandeln Gottes. Dazu bekennt schon das Nicäno-Konstantinopolitanum: Wir glauben an den Heiligen Geist, der … gesprochen hat durch die Propheten“. Und die deutsche evangelische Allianz formuliert in ihrer Glaubensbasis: „Die Bibel … ist Offenbarung des dreieinen Gottes. Sie ist von Gottes Geist eingegeben.“ Zur Sexualethik stellt sie klar: Der Mensch … ist als Mann und Frau geschaffen.“ Schon diese wenigen Beispiele zeigen: Hier muss man nichts mehr pushen. Aussagen zu diesen Themen haben schon längst Bekenntnisrang.[3]

In seinem Buch „Menschen mit Mission“ hatte Dietz formuliert: „Die Allianz ist eine ökumenische Bewegung, die gerade darum das gemeinsame Bekenntnis so knapp wie möglich formuliert hat.“ Aber auch dieses maximal verknappte Bekenntnis kann in seinen Augen offenkundig keine Grundlage für eine gemeinsame starke Mitte sein. Im Gegenteil: Er warnt ausdrücklich davor, einige der dort formulierten Aussagen festzuschreiben.

Die Zusammenfassung der gemeinsamen Botschaft aller Christen, die Dietz in AUFATMEN dann selbst zu formulieren versucht[4], kommt tatsächlich ohne die Themen Sünde und Schuld, die Trennung des Menschen von Gott, Jesu Opfertod als alleinige Grundlage für Vergebung und den Freispruch in Gottes Gericht und auch ohne die Wiedergeburt durch den Heiligen Geist aus – alles Themen, die die evangelische Allianz in ihrer Glaubensbasis für unaufgebbar wichtig hält. Die Allianz bekennt sich zudem in aller Klarheit zur Zentralität des stellvertretenden Sühneopfers – Dietz hingegen hat es schon 2019 in einem Worthausvortrag weitgehend relativiert.[5]

Die evangelische Kirche ist nicht beliebig

Trotzdem wendet sich Dietz gegen den Verdacht der Beliebigkeit in kirchlichen Kreisen:

„Viele Dinge werden dort sehr ernst genommen. Es wird z.B. sehr intensiv darüber diskutiert, ob man überhaupt noch Fleisch anbietet in kirchlichen Tagungshäusern. Es wird über Tempolimit und Tierschutz und Frauenrechte und die Rechte von Transmenschen geredet. Ich kenne in den Landeskirchen keine Menschen, die sagen würden: „Ich finde Beliebigkeit super, soll doch jeder, wie er will.”

Diese Aussage kann ich nur bestätigen. Schon 2020 habe ich ganz ähnlich geschrieben: „Die Vorstellung, dass man Einheit in Vielfalt gewinnt, wenn man theologische Differenzen für nebensächlich erklärt, ist eine Illusion. Wo in der Kirche Jesu nicht mehr um theologische Fragen gestritten wird, da schlagen die Wellen stattdessen hoch bei anderen Fragen: Wie stehst Du zu Trump? Wie stehst Du zum Klimawandel? Wie stehst Du zur Flüchtlingsrettung im Mittelmeer? Wo die theologischen Kernfragen nicht mehr polarisieren, da nimmt die Kirche umso mehr teil an der gesellschaftlichen Polarisierung in tagesaktuellen Fragen.“[6] Beliebigkeit gibt es zwar nicht in der Kirche. Aber die Themen, bei denen in der Kirche Entschiedenheit gefordert wird, haben nur wenig mit den zentralen Bekenntnissen der Christenheit zu tun. Und bei diesen Themen ist definitiv noch weniger Einheit unter Christen zu gewinnen als bei den zentralen Glaubensfragen.

Besonders deutlich wurde das in der Abschlusspredigt zum letzten evangelischen Kirchentag von Pastor Quinton Ceasar. Darin hatte er geäußert:

„Wir können nicht mehr warten. … Die Zeit ist jetzt, zu sagen: Wir sind alle die Letzte Generation. Jetzt ist die Zeit, zu sagen: Black lives always matter. Jetzt ist die Zeit, zu sagen: Gott ist queer. Jetzt ist die Zeit, zu sagen: We leave no one to die. Jetzt ist die Zeit, zu sagen: Wir schicken ein Schiff. … es ist auch die Zeit für das Ende der Geduld.“

Was für eine proklamative Botschaft! Von Dialogbereitschaft und Wissen um die Begrenztheit der eigenen Perspektive keine Spur. Trotzdem kommentiert Dietz in einer Kirchenzeitung hocherfreut: „Schön, dass der Kirchentag den Mut hatte, mit einer so herausfordernden Botschaft zu schließen!“[7] In einem Facebookpost schreibt er zudem: „Gott steht jenseits der Geschlechterdifferenz. Gott ist weder Mann noch Frau. Und zugleich sind Mann und Frau zu seinem Bilde geschaffen (Gen 1, 27). Genau das ist doch der Sinn von Queer, jenseits der binären Geschlechterlogik. Und genau darum ist es für queere Menschen so tröstlich, sich das vor Augen zu führen. Wenn sie zum Bilde Gottes geschaffen sind und Gott queer ist, dann ist Gott wirklich ein safe place, das Gegenteil von dem, was sie in vielen Kirchen erfahren haben. Das ist für viele reinstes Evangelium.“

Polarisierung statt Annäherung

Diese Begeisterung für die Abschlusspredigt des Kirchentags bringe ich nur schwer zusammen mit den Aussagen von Dietz in AUFATMEN, in denen er sich Annäherung wünscht:

„Lasst uns wenigstens nicht mehr kaputt machen. Wir sehen, wie schlimm es werden kann und können daraus lernen: In die Richtung wollen wir auf keinen Fall weiter. Es müsste wieder zurück an runde Tische.“

Ich möchte Dietz diesen Wunsch gerne glauben. Aber Tatsache ist aus meiner Sicht: Es gab in letzter Zeit wohl kaum eine Predigt wie die von Quinton Ceasar, die so viel Zusammenhalt kaputt gemacht und Polarisierung unter Christen vorangetrieben hat. Denn während Ceasar seine Positionen als moralisch alternativlos darstellt, ist für zahlreiche Christen klar: Die Gesetzesbrüche und die angstmachenden Botschaften der sogenannten „Letzten Generation“ sind inakzeptabel. Das von der EKD finanzierte Rettungsschiff „Sea watch 4“, das unter einer linksradikalen Flagge fährt, ist kein passender Ausdruck von christlicher Diakonie und Nächstenliebe. Und zum Thema „Gott ist queer“ schreibt der Vorsitzende der deutschen evangelischen Allianz Reinhardt Schink:

„Gott lässt sich von uns nicht in ein bestimmtes “Raster” pressen, um menschliche, zumeist ideologische, Interessen theologisch zu legitimieren. Es gibt in der Geschichte leider viel zu viele Beispiele davon: Gott als Judenfeind, Gott als Antikatholik, Gott als Nationalist („Gott mit uns“ auf den Koppelschlössern), Gott als Kommunist oder Antikommunist, Gott als Kolonialist, Gott als weißer Mann, Gott als männlich, weiblich oder “queer”. Den heiligen Gott in so ein Raster pressen zu wollen, ist eine völlig unangemessene und häufig blasphemische Vorstellung. All dies ist Gott nicht. Vielmehr zieht sich durch die gesamte Bibel wie ein roter Faden das Bekenntnis: Gott ist heilig.“

Deutlicher könnten die Gegensätze kaum sein.

Einheit ohne Grenzen? Jedenfalls nicht beim Thema Sexualethik!

Führt die Offenheit von Dietz nicht zu einer grenzenlosen Ökumene? Dietz antwortet:

„Die Grenze ist da, wo Menschen unfähig sind, ihre Bibelauslegung von der Bibel selbst zu unterscheiden … und wo unterschiedliche ethische Erkenntnisse das Christusbekenntnis an Gewicht überbieten.“

Demnach scheint grenzenlose Einheit tatsächlich möglich zu sein. Denn natürlich wird kein einigermaßen reflektierter Christ behaupten, dass seine Bibelauslegung 1:1 mit der tatsächlichen Aussageabsicht der Bibel übereinstimmt. Und kein Christ wird ethische Fragen über das Christusbekenntnis stellen.

Bemerkenswerterweise ist es aber Thorsten Dietz selbst, der an anderer Stelle der These von der grenzenlosen Einheit widerspricht. In der live auf dem Kirchentag aufgenommenen Podcastfolge 24 von „Karte und Gebiet“ sagt Dietz: Innergemeindliche „Einheit in Vielfalt“ oder „versöhnte Verschiedenheit“ kann beim Thema „Ehe für alle“ unmöglich funktionieren. Denn das wäre ja „versöhnte Verschiedenheit auf Kosten von Betroffenen“.[8] Dietz bestätigt damit, worauf viele Konservative seit langem hinweisen: Wo progressive Sexualethik in einer bislang konservativen Gemeinde Raum gewinnt, da gibt es auf Dauer nur 2 Möglichkeiten: Entweder setzt sich eine der beiden Positionen durch. Oder es muss irgendeine Form von Trennung geben. Grenzenlose Einheit ist gerade auch bei Progressiven unmöglich, wenn es um die Sexualethik geht.

Das wurde zuletzt auch deutlich in einem Gottesdienst der Gemeinde „UND Marburg“, die unter anderem geleitet wird von Tobias Faix, dem Podcastpartner von Thorsten Dietz. In der Predigt wurde die These vertreten: Die „Aufregung“ um die Predigt von Quinton Ceasar und seinen Satz „Gott ist queer“ zeige, wie viel „Queerfeindlichkeit“ es immer noch unter Christen gebe. Von Offenheit für andere Positionen auch hier keine Spur, stattdessen die Unterstellung niedriger Motive. Das hört sich für mich nicht so an, als ob man hier wieder runde Tische mit Konservativen sucht.

Tiefe theologische Gräben

Zugleich wurden die Gottesdienstbesucher von UND-Marburg aufgefordert, beim „Vater-Unser“ den Begriff „Vater“ durch eine beliebige andere Anrede zu ersetzen. Es ist schon bemerkenswert: Während es in progressiven Kreisen fast als Verbrechen gilt, die selbstgewählten Pronomen einer Person zu ignorieren, setzt man sich bei der Anrede Gottes großzügig darüber hinweg, wie Gott selbst angesprochen werden möchte: „Ihr sollt vielmehr so beten: Unser Vater…“ (Matth. 6, 9)

Hinzu kommt: Gott kann natürlich unmöglich „queer“ sein in dem Sinne, wie der Begriff im Allgemeinen verwendet wird. Denn anders als wir Menschen hat Gott kein biologisches Geschlecht, mit dem er sich in Spannung befinden könnte. Er hat auch kein wie auch immer geartetes sexuelles Begehren. Zugleich macht Jesus deutlich, dass Gott mit der „binären Geschlechterlogik“ offenbar keinerlei Probleme hat:

„Habt ihr nie gelesen”, erwiderte Jesus, “dass Gott die Menschen von Anfang an als Mann und Frau geschaffen hat? Und dass er dann sagte: ‘Deshalb wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und sich an seine Frau binden, und die zwei werden völlig eins sein.’? Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins. Und was Gott so zusammengefügt hat, sollen Menschen nicht scheiden!”“ (Matthäus 19, 4-6)

Die Ehe von Mann und Frau ist für Jesus offenkundig eine Idee des Schöpfers – weshalb Scheidung für ihn normalerweise nicht in Frage kommen kann. Thorsten Dietz hingegen schreibt im Medienmagazin PRO: „Die Ehe ist keine christliche Idee. … Für Christen gilt: Der Wunsch nach Ordnung ist eng verknüpft mit Konservatismus. Zu dieser Ordnung gehört auch die Familie. Kurz gesagt: Je unruhiger die Welt, desto größer der Wunsch nach Erhalt und Ordnung. Die Ehe ist ein Ordnungsmittel. So erkläre ich mir den Hype darum.“[9] Der Ehe-„Hype“ des „Konservatismus“ ist also eine Folge von Ordnungssehnsucht? Auch diese Unterstellung niedriger Motive empfinde ich nicht gerade als Beitrag zum respektvollen Dialog. Und die Beispiele mögen zeigen: Hier werden theologische Wege eingeschlagen, die Evangelikale unmöglich mitgehen können – denn sie wären dann nicht mehr evangelikal.

Wie geht es weiter?

Wie werden wir wohl in 20 Jahren auf diese konfliktreiche Zeit zurückblicken? Schäl äußert dazu: „Ich glaube, wir schauen entspannter zurück, so wie wir jetzt auf den Anfang des 20. Jahrhunderts, als die charismatische Bewegung aufkam. Heute schmunzelt man und ärgert sich ein bisschen.“ Sind also die Auseinandersetzungen unserer Zeit nur ein Sturm im Wasserglas, der sich mit der Zeit von selbst wieder legen wird?

Ich halte Schäl‘s Vergleich für fragwürdig. Denn genau wie Volker Gäckle (Rektor der Internationalen Hochschule Liebenzell) nehme auch ich wahr, dass die heutigen Konflikte viel zentralere Themen betreffen als der Streit um Charismen:

„Die Debatte nahm ihren Ausgangspunkt bei der Frage nach der Bewertung gleichgeschlechtlicher Sexualität und ist mittlerweile bei viel zentraleren theologischen Fragen gelandet: Gibt es ein letztes Gericht Gottes? Ist der Glaube an Jesus Christus das entscheidende Kriterium für Rettung und Verlorenheit? Ist die Heilige Schrift auch in geschichtlicher Hinsicht eine zuverlässige und vertrauenswürdige Grundlage für Glaube und Leben der Gemeinde? Darüber hat der Pietismus in den 60er- und 70er-Jahren mit der Ökumenischen Missionsbewegung und der liberalen Theologie auf Kirchentagen und Synoden gestritten. Heute streiten wir über ähnliche Fragestellungen im eigenen Laden.“ [10]

Die Konflikte, die jetzt auch mitten im allianzevangelikalen Umfeld aufbrechen, sind also im Kern die gleichen Konflikte, die im letzten Jahrhundert schon einmal im kirchlichen Umfeld aufbrachen. Im Zentrum standen damals wie heute die zentralen Fragen nach dem Schrift- und Offenbarungsverständnis, nach der Christologie und nach der Kreuzestheologie. Diese Konflikte haben sich nicht wieder beruhigt, im Gegenteil: Jahrzehnte später nutzt die EKD ihre noch verbliebene Macht mehr denn je, um Evangelikale von den Ausbildungsstätten und Leitungsgremien fernzuhalten.

Aus gutem Grund haben die evangelikalen Leiter im kirchlichen Umfeld damals gespürt: Wir müssen Parallelstrukturen bauen! So entstanden wunderbare evangelikale Verlage, Medien, Werke, Gemeinschaften und Großveranstaltungen, von denen auch ich sehr stark profitiert habe. Ich glaube nicht, dass diese evangelikalen Pioniere vom Lagerdenken getriebene Spalter waren. Denn sie hatten für ihre Entscheidung, getrennte Wege zu gehen, handfeste Gründe:

Eine Theologie, die den Missionsauftrag entkernt

Mission und Evangelisation ist und bleibt das Herzensanliegen der Evangelikalen. Doch die Kirche fremdelt seit langem damit. Im Buch „Mission Zukunft“ fiel auch Michael Diener auf: Es ist „wohl nicht ganz zufällig, dass sich alle Beiträge aus der Leitung der EKD mit … ethischen Haltungen der Mission beschäftigen.“Und Alexander Garth bemerkt: „Es fällt auf, dass die wenigsten innovativen missionarischen Projekte aus dem Bereich der Großkirchen kommen … obgleich sie über immense Ressourcen an Finanzen und Manpower verfügt.“ Die Gründe für diese Missionsphobie der EKD werden in diesem Buch überaus deutlich. So schreibt zum Beispiel der ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm: „Mission, wie ich sie verstehe, ist nicht der strategische Versuch, Menschen zu einem bestimmten Bekenntnis zu veranlassen.“ Gleich mehrfach wird ein Satz des Theologen Fulbert Steffensky zitiert:

„Mission ist die gewaltlose, ressentimentlose und absichtslose Werbung für die Schönheit eines Lebenskonzeptes. Mission heißt zeigen, was man liebt.“

War Paulus auf seinen Missionsreisen also „absichtslos“ unterwegs gewesen? Wollte er in erster Linie die Welt bereisen und anderen Menschen nur bei Gelegenheit von seinem schönen Lebenskonzept erzählen? Bernhard Meuser hält zurecht dagegen: „Die Kirche muss wieder wollen, dass Menschen ihr Leben durch eine klare Entscheidung Jesus Christus übergeben.“ Diese auf dem Missionsbefehl basierende Perspektive ist in der EKD komplett verloren gegangen. Kein Wunder, dass evangelikale Pioniere auf Parallelstrukturen setzen mussten angesichts einer um sich greifenden Theologie, die mit Mission im biblischen Sinn vollständig inkompatibel ist.

Im Gespräch zwischen Schäl und Dietz könnte man hingegen den Eindruck bekommen: Die gemeinsamen Ziele und die gemeinsame Sendung der Kirche wäre so klar, dass man darüber die theologischen Differenzen zurückstellen könnte.[11] Das erlebe ich tatsächlich vollkommen anders. Ich kenne keine Definition des Evangeliums und des Sendungsauftrags der Kirche, die in meiner evangelischen Kirche konsensfähig wäre und zugleich von Evangelikalen mitgetragen werden könnte. Mir zeigt das: Wenn unsere Theologie nicht in der Lage ist, den Bekenntniskern des Christentums zu schützen, dann gehen auch die gemeinsamen Ziele und die gemeinsame Sendung verloren. Dann hat die Kirche keine Zukunft. Oder bildlich gesprochen: Wer auf die Praxis fokussieren will, während zugleich die zentralen theologischen Grundlagen verschwimmen, der ist wie ein Kapitän, der sich auf dem sinkenden Boot aufs Fischen konzentriert, statt das Leck zu verschließen.

Bibel und Bekenntnis sind unverzichtbar für Einheit in Vielfalt

Für gelingende Einheit in Vielfalt und für eine starke missionarische Dynamik ist deshalb eine verbindende Bekenntnisgrundlage (wie das Apostolikum, das Nicäno-Konstantinopolitanum oder die Glaubensbasis der evangelischen Allianz) unverzichtbar. Dabei muss klar sein: Bekenntnisse bilden natürlich immer auch eine Grenze! Sie sorgen für ein „innen“ und „außen“ und für die Unterscheidung zwischen „uns“ und „ihnen“.

Selbstverständlich sind Christen allen Menschen in Liebe zugewandt. Aber die Zugehörigkeit zur Einheit der Familie Gottes gilt nun einmal nur den Jüngern Jesu, die alles halten wollen, was Jesus uns geboten hat (Matthäus 28, 19). Die Lehre und Gebote Jesu finden wir ausschließlich in der Bibel. Es stimmt zwar, dass unser Verständnis der biblischen Aussagen manchmal undeutlich ist und Stückwerk bleibt. Aber in allen zentralen und heilsrelevanten Fragen sind die biblischen Aussagen doch so klar, dass Christen sie immer wieder in eindeutigen Bekenntnissen fassen und festschreiben konnten. Wenn aber selbst diese wenigen, allerzentralsten Bekenntnissätze in Frage gestellt werden, dann lässt das ganz offenkundig auf ein Bibelverständnis schließen, in dem die Bibel faktisch keine „normierende Norm“ mehr ist.

Die Geschichte der Christenheit zeigt: Die Bibel kann der Christenheit eine gemeinsame, verbindende Basis und eine starke Mitte geben, die uns hilft, viele randständige Differenzen fröhlich auszuhalten. Das gilt aber nur, wenn wir an dem Bibelverständnis festhalten, das die Bibel selbst bezeugt und das schon für die ersten Kirchenleiter galt: Die Bibel IST Offenbarung. Sie enthält oder bezeugt sie nicht nur. Hinter allen ihren Texten steht letztlich dieser eine Heilige Geist. Deshalb ist dieses Buch kein widersprüchliches und fehlerhaftes Durcheinander, sondern eine verlässliche und weithin verständliche Einheit. Wenn unser Schriftverständnis aber dazu führt, dass der Bekenntniskern verschwimmt, dann versandet auch die Einheit. Deshalb finden wir die orientierunggebende Zurückweisung falscher Lehre und das bekenntnishafte Benennen von Grenzen der Einheit nicht umsonst immer wieder im Neuen Testament. Beides ist unverzichtbar für ein gelingendes Miteinander und für eine starke, missionarische Kirche Jesu.

Mein Votum ist deshalb: Lasst uns beides wieder ganz neu schätzen lernen und praktizieren. Nicht aus Rechthaberei, Lagerdenken oder Machtstreben. Sondern aus Liebe zu den Menschen, zur Kirche Jesu und zu unserem Herrn, dem wir gemeinsam folgen.


Fußnoten:

[1] „Einheit oder Einheitlichkeit?“ In Aufatmen 2023, Ausgabe 2 (S. 52-58) und 3 (S. 44-47)

[2] Stephanus Schäl ist Dozent für Altes Testament an der Bibelschule Brake. Er ist stellvertretender Sprecher des Konvents der Evangelischen Allianz in Deutschland und Teil der EAD-Mitgliederversammlung. Prof. Dr. Thorsten Dietz lehrte bis 2022 als Professor für Systematische Theologie an der Evangelischen Hochschule Tabor. Jetzt ist er unter anderem zuständig für die Erwachsenenbildung der Evangelisch-reformierten Kirche in der Schweiz. Medial präsent ist er vor allem durch seine Arbeit bei RefLab, als einer der Hauptreferenten der Mediathek Worthaus, beim Podcast „Karte und Gebiet“ (gemeinsam mit Tobias Faix) sowie durch diverse Bücher (zuletzt Menschen mit Mission, SCM R. Brockhaus 2022). Seit 2020 ist er Mitglied des Trägervereins des ERF.

[3] Zur Sexualethik wird zudem z.B. im Helvetischen Bekenntnis und im Westminster Bekenntnis einiges ausgesagt, siehe dazu der Artikel „Das reformierte Glaubensbekenntnis zur Ehe für alle“ im Blog Daniel Option.

[4] Wörtlich schreibt Dietz: „Alle Kirchen verbindet der Glaube: Wir haben etwas wirklich Gutes zu erzählen und zu feiern. Die Jesus-Geschichte des Neuen Testaments wurde für die ersten Nachfolgenden ein Brennpunkt, in dem die Befreiungsgeschichten Israels zusammenliefen. Und zugleich öffneten sie sich zu einer umfassenden Einladung an alle Menschen, in diesem Jesus das unbedingte Ja Gottes des Schöpfers zu finden. Diese Botschaft von der großen Bejahung ist bis heute die Gründungsgeschichte der Christenheit, die es in immer neuen kreativen Formen weiterzuerzählen gilt.“

[5] Der Worthausvortrag „Der Prozess – Warum ist Jesus gestroben?“ von Thorsten Dietz (10.6.2019, worthaus.org/mediathek/der-prozess-warum-ist-jesus-gestorben-9-4-3/) wurde ausführlich zusammengefasst und kommentiert in: Markus Till: „Quo vadis Worthaus? Quo vadis evangelikale Bewegung“, in „Glauben &Denken heute“, Ausgabe 1/2020, S. 25-31, PDF-Download unter: blog.aigg.de/wp-content/uploads/2020/06/QuoVadis_MarkusTill_GuDh1_2020.pdf  

[6] Im AiGG-Blogartikel „Wie gelingt Einheit in Vielfalt“, 12.12.2020, blog.aigg.de/?p=5332 

[7] In: „Ist Gott queer?“, 16.6.2023, www.meine-kirchenzeitung.de/c-aktuell/ist-gott-queer_a41301

[8] So sagt er im Podcast „Karte und Gebiet“ Folge 24 „Live auf dem Kirchentag“ ab 36:50: Einheit in Vielfalt oder auch versöhnte Verschiedenheit „sind aber Dinge, die gehen ja nicht überall. Also nehmen wir „Ehe für alle“: Man kann in einer Gemeinde nicht Betroffenen zumuten, hier ‚Komm zum Gottesdienst‘ und die einen werden dich umarmen und sagen: Schön, dass Du da bist. Und die anderen werden sagen: Guten Morgen, aber Sünde ist es doch. Das ist irgendwie ein bisschen doof. Das wäre ein Kompromiss und versöhnte Verschiedenheit auf Kosten von Betroffenen.“ Er schlägt deshalb vor, im Rahmen eines „good disagreement“ „verschiedene Wege“ zu gehen, die „unterschiedliche Räume vorhalten“ , so dass „safe places“ für alle da sind.

[9] In: „Theologe Thorsten Dietz: Die Ehe ist keine christliche Idee“, Christliches Medienmagazin PRO, 18.6.2023, www.pro-medienmagazin.de/theologe-thorsten-dietz-die-ehe-ist-keine-christliche-idee/

[10] Volker Gäckle: „Windstille, Wandel und Gottes Wirken“, in „Lebendige Gemeinde“ 4/2021, S. 14, online unter https://lebendige-gemeinde.de/wp-content/uploads/2021/12/LG_2021_04_ChristusBewegung.pdf

[11] So sagt Schäl u.a. zu Dietz: „Ich finde, du setzt da einen ganz wichtigen Akzent: „Für alle Kirchen und Verbände dürfte das die entscheidende Herausforderung sein: Einheit nicht zu zerreden, sondern im Einsatz für gemeinsame Ziele erfahrbar werden zu lassen. Zentrale Bedeutung hat die Besinnung auf die gemeinsame Sendung der Kirche.” Ich schreibe ja, dass wir vom Kampf zum Dialogmodus gehen müssen. Und du setzt noch einen drauf: Wir müssen zum Sendungsmodus kommen. Ich finde das Ringen, das eher theoretische Ringen wichtig, aber der Punkt ist ja nicht, dass wir uns in einem Diskurs auf Einheit einigen, sondern dass wir als Kirche Jesu das umsetzen, was wir leben sollen.“

Brauchen wir eine neue Sexualmoral?

Eindrücke aus dem Buch „Freie Liebe: Über neue Sexualmoral“ von Bernhard Meuser

Der katholische Theologe Bernhard Meuser hat ein bewegendes Buch geschrieben, das ich auch uns Evangelikalen sehr ans Herz legen möchte. Zwischen Katholiken und Evangelikalen gibt es bedeutende theologische Differenzen, die nicht kleingeredet werden dürfen. In diesem Buch geht es jedoch um eine Herausforderung, mit der Evangelikale und Katholiken gleichermaßen konfrontiert sind.

Plötzlich sind wir ein Ärgernis

Über viele Jahre haben wir eine Sexualethik vertreten, die in wesentlichen Teilen auch in unserer christlich geprägten Gesellschaft hohe Anerkennung fand – weshalb es keinen Grund zu geben schien, sie vertieft zu durchdenken und zu begründen. Diese Situation hat sich nun in relativ kurzer Zeit dramatisch gewandelt. Plötzlich sind wir mit unseren Ansichten nicht nur Exoten sondern ein Ärgernis geworden. Bernhard Meuser begründet diese Umkehrung der Verhältnisse mit der wachsenden Dominanz von kirchenferner „Zivilmoral“:

„Kennzeichen der Zivilmoral ist, dass sie keinen Begriff von wahr und falsch hat (und haben kann), wie sie auch nicht von gut oder böse sprechen kann. … Toleranz ist ihre höchste und einzige Tugend, die sie mit höchster Intoleranz … einfordert. Der Andere ist anders. Mehr ist über ihn nicht zu sagen, darf über ihn nicht gesagt werden. … Höchste Unmoral ist die Ausgrenzung von etwas, das jemand als böse oder falsch klassifiziert. … Den Ausgrenzer muss man ausgrenzen. Das Gute gut und das Böse böse zu nennen, ist inkorrekt, weil darin Absolutheitsansprüche zum Ausdruck kommen, die mangelnde Toleranz verraten und damit gegen das Ich-bin-okay-du-bist-okay-Gebot verstoßen wird.“ (S. 77)

Bernhard Meuser weist zwar zurecht darauf hin, dass diese Zivilmoral „verdeckt antiintellektuell und vernunftfeindlich“ ist, weil sie Denkverbote erlässt und uns daran hindert, offen und ehrlich darüber nachzudenken, welche Konsequenzen sich aus welchen Lebensmodellen ergeben. Aber das ändert nichts an dem wachsenden Druck, den diese gesellschaftliche Entwicklung auf Christen ausübt.

Die Folge ist bei Katholiken wie bei Evangelikalen ähnlich: Wir spalten uns. Die einen wollen den gesellschaftlichen Trend mitgehen, um die Kirche aus der Schusslinie (bzw. „aus der Sackgasse“) zu holen. Die Anderen wollen an der traditionellen Sexualethik festhalten, haben aber kaum gelernt, diese Position vor sich selbst und vor anderen durchdacht zu begründen.

Die Schattenseiten des sexualethischen Wandels

In seinem Buch schildert Bernhard Meuser offen, wie er selbst eine Missbrauchserfahrung durch einen katholischen Priester erlitten hat. Umso bemerkenswerter ist es, dass Meuser sich leidenschaftlich dagegen wendet, die kirchliche Sexualmoral im Sinne des sogenannten „Synodalen Wegs“ zu verändern. Er entlarvt gründlich, dass die Missbrauchsskandale oft nur als Vorwand genutzt werden, um biblische Gebote über Bord werfen zu können, die doch vor Missbrauch gerade schützen würden. Das Buch von Meuser ist zudem mutig, weil es sich modernen Denkverboten in keiner Weise unterwirft. Meuser weist vielmehr schonungslos auf die Schattenseiten und blinden Flecken des sexualethischen Wandels hin:

„Für freie Liebe muss man Kinder töten. … Neun von zehn Kindern mit Down-Syndrom werden heute abgetrieben, als wären sie keine Menschen. Über 100.000 Kinder wurden 2018 in Deutschland im Mutterleib getötet. Ein Kind aber darf niemals der Kollateralschaden von Sex sein.“ „Die Begründungen … laufen in der Regel auf die Entpersonalisierung des Kindes hinaus. Das Kind im Bauch der Mutter darf kein „Jemand“ sein; deshalb ist es ein „werdendes Leben“, ein „Zellhaufen“, ein „Fötus“, eine „Schwangerschaft“, die man „unterbrechen“ kann. Um sie danach fortzusetzen?“ (S. 339/340) „Das Europaparlament hat 2019 … eine Resolution verabschiedet, mit der Polen gerügt wurde, weil die osteuropäischen Ignoranten in puncto Sexualaufklärung nicht auf der Höhe der allgemeinen Standards sind … : Damit … »Jugendliche […] gefahrlos sexuelle Erfahrungen […] machen können«, sei der Zugang zu »sicheren und rechtmäßigen Abtreibungen unabdingbar. « Mit anderen Worten: Damit etwas größere Kinder sorgenfreien Spaß im Bett haben, soll der polnische Gesetzgeber dafür Sorge tragen, dass kleine Kinder, die dabei zufällig entstehen, getötet werden dürfen. Und für diesen mörderischen Vorschlag findet sich eine Mehrheit von 471 Stimmen (!), bei 128 Gegenstimmen und 57 Enthaltungen.“ (S. 99) „Eine »neue Sexualmoral«, die ihre Kinder umbringt, ist weder sexy noch moralisch. Sie ist eine Lüge.“ (S. 109)

Meuser sieht beim Thema Abtreibung auch keinerlei Kompromissmöglichkeiten. Im Gegenteil fordert er: „Jetzt ist die Zeit gekommen, in „Abtreibung“ den Clearingpoint einer neuen Sexualmoral und die präzise Wasserscheide der Anthropologie zu sehen. Hier scheidet sich alles, was fließt. Die Wasser, die in die Zivilisation der Liebe fließen, fließen nicht in die Kultur des Todes und umgekehrt. Zwei nicht miteinander vereinbare Anthropologien trennen sich.“ (S. 343)

Die naive Sicht von “Lust”

Der Wandel in der Sexualethik zerstört aus Meusers Sicht aber nicht nur das Leben von Kindern, sondern auch die Seele von Erwachsenen, denn:

„Jede sexuelle Begegnung schafft Bindung; sie zu zerreißen, schlägt seelische Wunden, beim einen tiefer, beim anderen weniger tief. Nicht ich war gemeint, sondern mein Körper, lautet die Ent-Täuschung, die das Gift des Misstrauens in alle künftigen Lieben mischt. Wunden können vernarben; aber Narben machen auch gefühllos und taub an der Stelle, wo ich mich von Herzen und rückhaltlos verschenken sollte und künftig nur noch einen Teil von mir gebe – „fünfzig oder siebzig Prozent, besser nicht mehr!“, denn man könnte wieder enttäuscht werden. Was man landauf, landab noch immer als große Errungenschaft der sexuellen Revolution feiert – die Trennung von Sex und Liebe -, ist in Wahrheit der Sündenfall der Moderne.“ (S. 333)

Meuser prangert an, dass eine naive und verklärende Sichtweise von „Lust“ im Umlauf ist: „Nun ist Lust zweifelsfrei ein Wert. Aber Lust ist ein der Liebe nachgeordneter, ihr in glücklichen Umständen mitgegebener Wert. Liebe kann durchaus noch sein, wo kein Vergnügen mehr dabei ist – etwa am Bett eines kranken Partners. Aber Lust kann nicht sein, wo es an Liebe fehlt. Da nämlich mutiert die Lust ins Böse.“ (S. 219) Denn: „Sex ist jenseits von Liebe nicht denkbar ohne Entwürdigung der Person, die ich für meine Befriedigung benutze. Das ist selbst dann so, wenn Sex ohne Liebe eine Vereinbarung auf beiderseitigen Wunsch – eine „Harmonie von Egoismen“ – wäre.“ (S. 299) „Für eine Lebensweise, in der wir jemanden als Person ansehen und ihn nicht benutzen, haben wir das Wort ‚Liebe‘. … Liebe sucht den ganzen Menschen – die Person – und nicht den anderen Körper zur Triebabfuhr.“ (S. 297/298)

Das verzerrte Verständnis von “Moral”

Meuser beleuchtet in diesem Zusammenhang einen der großen Widersprüche unserer Zeit: Während die MeToo-Debatte unseren Hang zur sexuellen Übergriffigkeit und Missbrauch ins Scheinwerferlicht rückt, wird zugleich beim Thema „Lust“ die Sündhaftigkeit des Menschen weitgehend ausgeblendet. Dieser blinde Fleck zeigt sich vor allem an der modernen Tendenz, „Moral“ prinzipiell als etwas Negatives anzusehen – so als ob es der heutige Mensch gar nicht nötig hätte, durch ethische Gebote zu einem Handeln animiert zu werden, das für ihn selbst und für die Menschen um ihn herum lebensdienlich ist:

„Für viele Menschen ist „christliche Moral“ heute noch identisch mit Sanktionen, Leibfeindlichkeit, Sexualpessimismus, Lustverboten und restriktiven Anweisungen zum Sex.“ (S. 266)

An dieser Situation ist die Kirche nicht unschuldig, im Gegenteil. Die Kirche selbst hat die heilsame biblische Ethik oft verzerrt, „indem eine nach vorne reißende, mit langem Atem zum Guten verlockende, zu Fehlertoleranz befreiende, biblische fundierte, christologisch zentrierte und geistlich inspirierte „Tugendethik“ ersetzt wurde durch eine drohende, zum Guten schiebende, kurzatmige, gnadenlos knechtende, bibelferne, jesuslose und ungeistliche „Sollensethik“ oder Pflichtethik“. Du hast die Pflicht – statt: Du kannst das Leben gewinnen.“ (S. 275)

Kein Wunder, dass die Gesellschaft diese Pflichtethik abgeworfen hat – allerdings ohne sich die Konsequenzen bewusst zu machen. Extrem eindrücklich in Meusers Buch war für mich die fast dystopische Schilderung zur Situation in ehemals kommunistischen Ländern, die seit vielen Jahrzehnten die biblische Sexualethik verworfen haben. Eine Frau berichtet, dass ganze Generationen von Männern als Familienväter ausgefallen seien, weil sie zwar Sex wollten, aber die dauerhafte Verantwortung für Familie und Kinder von sich wiesen – ein Trend, der sich längst auch in den westlichen Ländern zeigt mit allen zerstörerischen Auswirkungen für die Kinder und für die Gesellschaft insgesamt. Umso dringender braucht es eine positive Definition von „Moral“, die Meuser wie folgt formuliert:

„»Moral« nenne ich alle flankierenden Maßnahmen, die »gutes Leben« ermöglichen.“ (S. 18) Es geht um den „Schutz von Leben, Liebe, Freiheit und Lust“. (S. 210)

Grundlegend für diesen Moralbegriff ist die Erkenntnis:

„Die Gebote Gottes sind menschengemäße Hilfestellungen Gottes und keine von oben ergangenen Willkürakte.“ (S. 293) „Jesus hat das Gesetz des Alten Bundes in keiner Weise relativiert, aber er hat es mit zwei Vorzeichen versehen, unter denen sie erst im richtigen Licht erscheinen. Das erste Vorzeichen heißt Leben: „Wenn du das Leben erlangen willst, halte die Gebote.“ (Mt. 19, 16) Die Gebote sind also kein Selbstzweck; sie führen zum Leben, sind Hinweise und Ermöglichungen guten Lebens.“ (S. 313) „Das zweite, noch bedeutendere Vorzeichen, unter das Jesus die Gebote gestellt hat, heißt Liebe.“ (S. 314) „Die Liebe und das Befolgen der Gebote sind ineinander verflochten und permanent miteinander im Gespräch.“ (S. 315) „Dass Gott das Beste für den Menschen will, ist sicher. Dass Menschen immer wissen, was das Beste für sie ist, steht dahin. Wer den Willen Gottes … als Fremdbestimmung auffasst, hat weder das Menschliche am Menschen noch das Göttliche an Gott verstanden.“ (S. 318)

Moral und Gottesbeziehung gehören zusammen!

Das Überraschende an diesem Buch war für mich: Meuser plädiert tatsächlich für eine NEUE Sexualmoral, weil die Kirche mit ihrem Moralismus vollständig gescheitert ist. Der Grundfehler der Kirche war aber nicht, dass sie die modernen sexualethischen Trends verpasst hat. Der Grundfehler war vielmehr die Trennung zwischen der Liebe zu Gott und dem Halten seiner Gebote:

„Es gibt christlich gesehen keine außerpersonale Ethik, kein beziehungsloses Regelwerk, keine anonyme Gesetzlichkeit. Ethik ist, dem nicht aus dem Weg zu gehen, dem ins Gesicht zu sehen, der sagt: „Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten.“ (Joh. 14, 15)“ (S. 252)

Die Liebesbeziehung mit Gott ist es, die Gottes Gebote herausholt aus der Sphäre einer kalten, lebensfremden Gesetzlichkeit:

„Das eigentlich Stabilisierende ist die stabile Treue Gottes, an die eine menschliche Liebesgeschichte andocken kann. „Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen.“ (Mt. 19, 6) An diese größere Liebe Gottes angeschlossen, können zwei Menschen zu „Personen“ werden, sich bedenkenlos verschenken und dabei „für immer“ sagen: Ich mache mich Dir zum Geschenk. … Das ist es, worin die sexuellen Jäger- und Sammlerinstinkte der Männer gezähmt werden und worin auch Frauen ganzheitlich ankommen in ihrer rastlosen Suche nach Mr. Right. … Und darüber entsteht in gelassener Freude und wie beiläufig das Wärme und Sicherheit ausstrahlende Nest, auf das Kinder ein göttliches Recht haben.“ (S. 304-306)

Gottes lebensspendender Masterplan

Auf diesem gesunden Boden kann eine biblische Sexualmoral gedeihen, die Meuser wie folgt zusammenfasst:

„Die Heilige Schrift ist von der ersten bis zur letzten Seite unter der Prämisse der von Gott gegebenen Schöpfungsordnung in Genesis 1 und 2 zu lesen.“ (S. 247) „Erst kommt die Liebe, dann das »Für immer«-Versprechen, dann ist das sichere Nest gegeben für die Vereinigung, dann kann das Kind kommen und in der Liebe von Vater und Mutter selbst ein liebender Mensch werden. Diese Reihenfolge entspricht aus guten Gründen dem Masterplan Gottes.“ (S. 235)

Meuser weist darauf hin, dass genau diese Sichtweise historisch gesehen zu allen Zeiten die jüdische und die christliche Sexualethik geprägt hat, obwohl sie schon immer extrem exotisch war:

„Während der gesamten ersten christlichen Jahrhunderte, als jede Art von Sexualpraktik, die in der Menschheit jemals bekannt war, in der antiken griechischen und römischen Gesellschaft weit verbreitet war, bestanden Christen wie Juden darauf, dass die ausgelebte Sexualität auf die Ehe zwischen einem Mann und einer Frau zu beschränken sei. Heute wie damals denkt der Rest der Welt, das sei verrückt. Der Unterschied besteht leider darin, dass heute auch die halbe Kirche dasselbe denkt.“ (Zitat N.T. Wright S. 246)

Der Auftrag der Kirche: Mutig Position beziehen!

Deshalb ist die Kirche Jesu heute ganz neu herausgefordert, die Schönheit und Sinnhaftigkeit der biblischen Sichtweise zur Sexualethik zu verteidigen:

„Es sind drei Momente, die in der „alten Sexualmoral“, so ergänzungsbedürftig sie sein mag, die Menschlichkeit menschlicher Sexualität ausmachten und die es auch heute unter allen Umständen zu hüten gilt:

1. Die Urgegebenheit des menschlichen Leibes als Mann oder Frau und die bleibende Komplementarität der beiden Geschlechter. Das ist auch heute zu sagen, und zwar gegen die neognostische Ideologie, der Mensch habe einen neutralen Körper und er könne ihn frei überschreiben mit einer willkürlichen Identität.

2. Die unbedingte Verknüpfung von Sexualität und Liebe, genannt „Ehe“, in der allein Mann und Frau – indem sie „ein Fleisch“ werden – zu sich und zum Anderen kommen. Das ist auch heute zu sagen, und zwar gegen die Trennung von Sexualität und Liebe … und gegen die Banalisierung der Sexualität als sinnfreies Spielzeug der Lustbeschaffung oder als bloßes Kommunikationsmittel zwischen unspezifischen Gleichgesinnten.

3. Der unauflösbare Zusammenhang von Sexualität und Generativität. Das ist auch heute zu sagen, und zwar … gegen die aberwitzigen Versuche, Abtreibung als Menschenrecht zu etablieren. Was an Fragmenten aus der ganzheitlichen Matrix herausgebrochen wird, rächt sich in dem, was ich die „Kollateralschäden fragmentierter Sexualität“ genannt habe.“ (S. 374/375)

Bernhard Meuser ist sich dabei bewusst, dass diese Sichtweise in unserer auf die menschliche Autonomie pochenden Gesellschaft unpopulär bleiben wird, denn:

„Man müsste seinen Lifestyle ändern. … Man müsste so leben, dass Sex dann an der Tagesordnung ist, wenn ein Kind kommen kann und von Herzen willkommen ist, weil es einen Mann und eine Frau gibt, die sich von Herzen lieben und volle Verantwortung füreinander und für ein weiteres Menschenwesen übernehmen. Aber wer denkt denn nach einer prickelnden Nacht im Club an so etwas?“ (S. 341)

Meuser meint jedoch: Trotzdem sollten wir Christen uns auf keinen Fall verbiegen lassen! Denn wir sind davon überzeugt, dass es einen liebenden Gott gibt, der die Wahrheit über uns Menschen kennt und der uns deshalb aus guten Gründen seine lebensspendenden Gebote mit auf den Weg gegeben hat. Für uns muss deshalb das Prinzip gelten: „Die Wahrheit richtet sich nicht nach uns, wir müssen uns nach der Wahrheit richten“ (S. 281), wenn wir einen gesunden und heilsamen Umgang mit uns selbst und unseren Mitmenschen finden wollen.

Zudem gilt für uns Christen ein Prinzip, das wir im Westen wohl wieder ganz neu durchbuchstabieren müssen:

„Das Erste der Zehn Gebote („Ich bin der Herr, Dein Gott. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben“) … ist sozusagen die Magna Charta der christlichen Freiheit. Vor nichts und niemand muss sich unterwerfen, wer den einen wahren Gott zum Herrn hat. Wer sich zum Gott des Ersten Gebots bekennt, ist ein Königskind; er darf sich gar nicht unterwerfen. Mit der Anerkennung Gottes und seiner Gebote tut sich das Land der Freiheit auf und die Chance, wieder Luft zu bekommen zum freien Atmen. (S. 320)

Die Welt braucht den prophetischen Dienst der Kirche

Meuser beendet sein Buch mit einem feurigen Plädoyer an die Kirche Jesu, dem sich meines Erachtens auch die evangelikale Bewegung dringend stellen sollte. Ich möchte dieses Plädoyer deshalb am Ende für sich sprechen lassen:

„Wenn heute drei Leute zusammenstehen, hat einer von den dreien eine Geschichte von Missbrauch zu erzählen. Wie können ausgerechnet die Kirchen in naiven Sexualoptimismus verfallen und zur Verharmlosung der sexuellen Begierde beitragen, als sei sie [im Original: die Konkupiszenz] ein fröhliches Spaßteil für alle?! Wo ist sie – die „neue Sexualmoral“, die endlich all die vielfältigen Instrumente von Kultur, Religion und Moral bündelt, um diese Urkraft zu zähmen und im Garten des Menschlichen zu beheimaten?

Starke politische Kräfte etablieren Abtreibung als Methode der Verhütung und als Menschenrecht. In Deutschland wird jedes vierte Kind im Mutterleib getötet. … Wo ist sie – die „neue Sexualmoral“, die endlich den systemischen Zusammenhang von Sexualverhalten und Lebensschutz thematisiert?

Pornografie ist ein Milliardengeschäft, das dem internationalen Drogenhandel gerade den Rang abläuft. Schon 10- und 11-jährige Kinder werden in visuelle Prostitution eingeweiht, als Suchtkunden konditioniert und zu übergriffigem Sexualverhalten erzogen; sie verwahrlosen dabei seelisch. Wo ist sie – die „neue Sexualmoral“, die der Pest des 21. Jahrhunderts die Stirn bietet?

Im 19. und 20. Jahrhundert ging der Kampf um die Produktionsmittel; heute geht der Kampf um die Reproduktionsmittel. Leihmutterschaft und eine immer skrupellosere Fortpflanzungs-Industrie machen die Beurt eines (passend designten) Kindes zu einem Geschäft oder einem technischen Akt. Wo ist sie – die „neue Sexualmoral“, die das Geschenk des Lebens vor dem Zugriff von Macht und Markt schützt?

Die ideologische Dekonstruktion der klassischen Familie, der Entzug ihrer ökonomischen und rechtlichen Grundlagen … zerstört die Keimzelle der Gesellschaft und den natürlichen Schutzraum von Kindern, die immer häufiger Opfer von Missbrauch werden. Wo ist sie – die „neue Sexualmoral“, die für das Leitbild der natürlichen Familie in die Offensive geht? …

Wo ist sie, die Kirche, die dafür kämpft?

Ich fürchte, sie ist auf der Reise nach Tarschisch. Eine Kirche aber, die aus Feigheit und Populismus ihren prophetischen Dienst verweigert und dem Gott des Lebens entkommen möchte, wird wie Jona über Bord geworfen. Sie wird – schwerer als die sie umgebenden Wasser – hinabsinken in das Meer des Vergessens, wird verschluckt werden von der öffentlichen Meinung. … Sie wird so lange mit Irrelevanz bestraft sein, bis sie – um des Wohles der großen Stadt willen – ausgerichtet hat, was zu sagen ihr auferlegt ist. Frei. Und aus Liebe.“ (S. 383)

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Das Buch „Freie Liebe: Über neue Sexualmoral“ von Bernhard Meuser ist 2020 im Fontis Verlag erschienen und kann hier bestellt werden.

Die Bibel: Was ist das eigentlich? Die Frage nach dem Bibelverständnis

Dieser Artikel enthält das Skript zum offen.bar-Vortrag “Bibelverständnisse, ihre Konsequenzen und die Frage nach dem biblischen Bibelverständnis”, der am 20.06.2023 veröffentlicht wurde:

Warum gibt es auch im allianzevangelikalen Umfeld scheinbar immer mehr Misstrauen, Distanz und sogar Spaltungen? Zu dieser Frage gibt es viele Meinungen. Und doch setzt sich eine Erkenntnis immer stärker durch: Im Zentrum der Debatten und Konflikte steht letztlich die Frage nach dem Bibelverständnis. Denn dass Christen die Bibel an verschiedenen Stellen unterschiedlich auslegen, hat es schon immer gegeben. Und trotzdem hat zum Beispiel die Lausanner Bewegung gezeigt: Es ist möglich, eine starke, geeinte evangelistische Bewegung auf den Weg zu bringen trotz mancher Differenzen bei verschiedenen biblischen Auslegungsfragen.

Aber zunehmend wird deutlich: Beim Postevangelikalismus tun sich theologische Gräben auf, die grundsätzlicher sind und die man nicht mehr nur damit erklären kann, dass man einzelne Abschnitte in der Bibel unterschiedlich versteht und auslegt. Wenn die theologischen Gräben derart zentrale Glaubensfragen betreffen, dann hat das ganz offenkundig damit zu tun, dass man schon grundsätzlich ganz anders mit der Bibel umgeht und einen ganz verschiedenen Blick auf den Charakter und das Wesen der Bibel hat.

Ein grundsätzlich anderer Umgang mit der Bibel

Eigentlich ist diese Erkenntnis nicht neu für mich. Ich bin ja evangelisch. Natürlich ist mir schon vor langer Zeit aufgefallen, dass viele Theologen völlig anders mit der Bibel umgehen als ich das tue. Vor einigen Jahren hat mich das genauer interessiert. Deshalb habe ich mich in das „Arbeitsbuch zum Neuen Testament“ von Hans Conzelmann und Andreas Lindemann vertieft. Dieses Buch war lange Jahre an vielen theologischen Fakultäten im Einsatz als Grundlagenwerk für die Ausbildung von Pfarrern und Theologen. Viele heutige Leiter in der Kirche wurden also mit diesem Werk ausgebildet. Und ich habe mich gefragt: Wie genau wird da mit der Bibel umgegangen? In diesem Buch heißt es dazu:

„Die biblischen Texte werden methodisch nicht anders behandelt als andere literarische Zeugnisse, insbesondere solche der Antike. … Die Bibel enthält geschichtlich entstandene Dokumente, die – in großer Vielfalt theologischer Meinungen – den jüdischen bzw. christlichen Glauben bezeugen und darstellen.“[1]

Hier wird also gesagt: Als Bibelwissenschaftler gehen wir mit der Bibel so um wie mit jedem anderen Buch der Antike. Wir gehen davon aus, dass die Entstehung der Texte einem ganz normalen geschichtlichen Prozess zu verdanken ist. Entsprechend geht man davon aus, dass die Bibel nicht etwa Gottes Worte enthält. Stattdessen erwarten wir dort menschliche theologische Meinungen, und das in großer Vielfalt und somit auch Widersprüchlichkeit.

Das grundlegende Drama der evangelischen Kirche

Ich fand das aufschlussreich. Denn die Konsequenz dieser Herangehensweise an die Bibel ist natürlich weitreichend: Wenn die Bibel keine göttliche Offenbarung ist, sondern ein Buch wie jedes andere, dann können wir in der Bibel tatsächlich nur Meinungen über Gott finden. Aber mit widersprüchlichen Meinungen aus einer längst vergangenen Zeit kann man natürlich nichts Verlässliches herausfinden über den wahren Gott, über Jesus und über die ewigen Fragen. Denn über Gott wissen wir nun einmal ausschließlich das, was Gott uns offenbart! Es gibt über Gott keine andere Erkenntnisquelle.

Und das Problem der Kirche ist: Wenn sie keine Offenbarungsquelle hat, dann hat sie schlicht und einfach nichts zu sagen. Kirche hat keine Autorität aus sich selbst heraus. Kirche ist eine „Creatura verbi“, ein Geschöpf des Wortes Gottes. Sie entsteht daraus, dass Gott gesprochen hat. Sie hat keine eigene Botschaft, sondern sie ist nur ein Botschafter an Christi statt. Kirche kann nur deshalb Trost und Antworten auf die grundlegenden Ewigkeitsfragen der Menschen geben, weil sie aus einer göttlichen Erkenntnis- und Offenbarungsquelle schöpft. Und wenn diese Quelle fehlt, dann wird Kirche im wahrsten Sinne des Wortes trost-los, weil man Menschen mit Meinungen und Ideen nun einmal nicht trösten kann.

Tatsächlich bin ich der Überzeugung: Genau hier liegt das grundlegende Problem meiner evangelischen Kirche. Ohne die Bibel als Offenbarungsquelle hat sie kein Fundament mehr, auf dem sie stehen kann. Wenn die Bibel nur Meinungen enthält, dann können wir den Menschen eben auch nur von Meinungen berichten. Aber wir können ihnen nichts mehr sagen, worauf sie vertrauen, worauf sie sich verlassen können. DAS ist aus meiner Sicht das große, das entscheidende Drama meiner evangelischen Kirche. Und ich bin überzeugt: Solange sie ihre Leiter mit einem solchen Bibelverständnis ausbildet, wird es unmöglich wieder bergauf gehen können mit meiner Kirche.

Im Dschungel der zahllosen Bibelverständnisse

Das Beispiel zeigt, wie existenziell die Frage nach dem Bibelverständnis tatsächlich ist. Die Art, wie wir mit der Bibel umgehen, hat grundlegenden Einfluss auf unsere gesamte Theologie, auf unser Verständnis, was Christsein und Kirche eigentlich ist und welche Botschaft die Kirche verbreiten soll. Umso mehr möchte ich Dich einladen, jetzt einmal vertieft mit mir über die Frage nachzudenken: Welche verschiedenen Bibelverständnisse gibt es eigentlich? Und was sind die Konsequenzen, die sich daraus ergeben?

Für mich war es äußerst schwierig, mich bei diesem Thema orientieren zu können. Und ich glaube: So geht es vielen Menschen. Denn meine Erfahrung beim Umgang mit diesem Thema ist: Oft werden ganz verschiedene Bibelverständnisse mit ganz ähnlichen Begriffen beschrieben, so dass Leser oder Zuhörer kaum unterscheiden können, was da eigentlich gemeint ist. Oft werden Begriffe wie „Gottes Wort“ oder “Offenbarung” völlig unterschiedlich gefüllt. Und gerade dieser ganz unterschiedliche Gebrauch identischer Begriffe macht es so schwierig, sich bei dieser Frage zu orientieren.

Um trotzdem ein wenig mehr Licht in diesen Nebel zu bringen, möchte ich jetzt etwas tun, was eigentlich gar nicht geht. Denn das Thema Bibelverständnis ist natürlich ein ungeheuer weites Feld. Es gibt unfassbar viele verschiedene Bibelverständnisse und wir haben nicht ansatzweise die Zeit, all diese Bibelverständnisse in einem einzigen Vortrag zu durchdringen und zu diskutieren. Deshalb habe ich zusammen mit einem befreundeten Theologen versucht, ein paar Schneisen in dieses Dickicht zu schlagen und die wichtigsten Gruppen von Bibelverständnissen etwas schematisch und vereinfacht in eine Übersicht zu bringen. Dabei soll deutlich werden, welche grundlegenden Weichenstellungen in den einzelnen Bibelverständnissen vorgenommen werden und welche Konsequenzen sich daraus ergeben. Konkret möchte ich dir fünf verschiedene Bibelverständnisse skizzieren. Vier davon begegne ich relativ häufig in der einen oder anderen Variante. Eines begegnet mir nur ganz selten, aber es ist mir trotzdem wichtig, dass wir auch dieses Bibelverständnis mit aufnehmen, weil es uns hilft, die prinzipiell möglichen Weichenstellungen und die daraus folgenden Konsequenzen besser zu verstehen.

Fünf Bibelverständnisse im Vergleich

Das erste Bibelverständnis heißt: Die Bibel ist ganz Gotteswort! Das heißt: So, wie Texte dastehen, sind sie uns voll und ganz von Gott gegeben worden. Zum Entstehungsprozess der biblischen Texte könnte man hier am ehesten sagen: Die biblischen Texte sind diktiert. Gott allein hat jedes Wort so vorgegeben, vollständig unabhängig von menschlichen Einflüssen. Das ist das Bibelverständnis, das mir in der Praxis sehr selten begegnet.

Das zweite Bibelverständnis heißt: Die Bibel ist ganz Gotteswort und ganz Menschenwort! Martin Luther hat diese Sichtweise auf die Bibel einmal mit Jesus verglichen und gesagt: Jesus war beides: Ganz Mensch. Und ganz Gott. Und so ist auch die Bibel beides: Ganz Gotteswort. Und zugleich ganz Menschenwort. Das heißt: Die Bibel ist nicht etwa teilweise menschlich und teilweise göttlich. Nein, sie ist beides voll und ganz. Sie ist zum einen ganz Menschenwort, das heißt: Man merkt den Texten durchgängig den speziellen Stil und die Sichtweise des menschlichen Autors an. Und doch hat zugleich Gott dafür gesorgt, dass alle Texte das Wesen und die Wahrheit Gottes widerspiegeln.

Zum Entstehungsprozess der biblischen Texte würde man hier am ehesten sagen: Die Bibeltexte sind inspiriert. Das heißt: Hier haben Menschen geschrieben mit ihrer Perspektive, geprägt von ihrem Wesen und ihrem Charakter. Und doch waren sie zugleich so inspiriert vom Heiligen Geist, dass diese Worte auch ganz und gar Gottes Wesen und Gottes Wahrheit widerspiegeln.

Das dritte und das vierte Bibelverständnis will ich überschreiben mit dem Schlagwort: Die Bibel ist Gotteswort im Menschenwort. Hinter diesem Schlagwort können sich sehr verschiedene Bibelverständnisse verstecken, aber ich möchte damit heute vor allem zwei Bibelverständnisse beschreiben:

Das erste Bibelverständnis kann man mit dem Stichwort „Kanon im Kanon“ überschreiben. Was ist damit gemeint? Der Begriff „Kanon“ meint ja an sich die Zusammenstellung aller Texte, die gläubige Christen als ihre heilige Schrift oder als Gottes Wort ansehen. Das heißt: In der protestantischen Kirche gehen wir von einem Kanon aus, der insgesamt 66 Bücher umfasst, 39 Bücher des Alten Testaments und 27 Bücher des Neuen Testaments. Aber wer von einem „Kanon im Kanon“ spricht, der geht davon aus, dass nicht alle Texte, die in diesen 66 kanonischen Büchern stehen, wirklich von Gott inspiriert sind. Stattdessen meint man, dass das nur für bestimmte Teile dieser Texte gilt.

Das führt natürlich sofort zu der großen Frage: Welche Teile der Bibel sind denn inspiriert? Und welche Teile sind nicht inspiriert und somit nur rein menschlicher Natur? Das ist eine Frage, auf die bislang niemand eine befriedigende Antwort finden konnte. Unterschiedliche Vertreter dieses Bibelverständnisses haben immer wieder völlig unterschiedliche Grenzen gezogen zwischen reinem Menschenwort und göttlich inspirierten Passagen. Es ist niemand gelungen, nachvollziehbare Kriterien zu entwickeln, anhand derer man objektiv im Bibeltext unterscheiden könnte zwischen inspirierten Texten und rein menschlichen Texten. Deshalb scheint dieses Bibelverständnis heute auch nicht mehr sonderlich weit verbreitet zu sein.

Das vierte Bibelverständnis geht deshalb einen anderen Weg. Ich habe diese Herangehensweise an die Bibel mal mit dem Stichwort „Leseinspiration“ überschrieben. Und damit ist gemeint: Die biblischen Texte sind in diesem Bibelverständnis an sich rein menschliche Texte. Sie sind von Menschen geschrieben, sie sind nicht von Gott inspiriert. Aber hier geht man davon aus, dass der Heilige Geist diese Texte benutzen kann und sie auch benutzt, um sie beim Lesen für uns zum Gotteswort zu machen.

An sich ist diese Sichtweise nichts Besonderes. Die Auffassung, dass der Heilige Geist beim Lesen der Bibel eine wichtige Rolle spielt, wird sicher von der großen Mehrheit der Christen geteilt. Das Besondere bei dem Bibelverständnis, das ich mit „Leseinspiration“ überschrieben habe, ist: Der Inspirationsprozess wird hier mehr oder weniger stark auf den Leseprozess reduziert. Es wird nicht oder nur sehr begrenzt damit gerechnet, dass die Inspiration des Heiligen Geistes auch schon bei der Entstehung der Texte ein entscheidender Faktor war. Es wird vielmehr gesagt: Erst beim Lesen kann der Heilige Geist aus dem menschlichen Wort ein inspiriertes Gotteswort machen.

So schreibt zum Beispiel der Theologe Udo Schnelle: „Natürlich ist die Bibel das Wort Gottes. Sie ist es aber nicht an sich, sondern immer dann, wenn sie für Menschen zum Wort Gottes wird. In dem Moment, wo es Menschen erreicht und zum Glauben an Jesus Christus führt, wird die Bibel zum Wort Gottes.“[2] Und Siegfried Zimmer schreibt dazu ganz knapp: „Der Satz ‚Die Bibel ist Gottes Wort‘ meint: Gott kann und will durch die Bibel zu uns reden.“[3]

Das fünfte und letzte Bibelverständnis heißt: Die Bibel ist ganz Menschenwort. Hier wird gesagt: Bei der Entstehung dieser Texte war weder Diktat noch Inspiration am Werk. Sondern so wie im eingangs zitierten Bibelverständnis von Conzelmann und Lindemann geht man davon aus, dass die Texte auf rein menschlichen Gedanken basieren. Was wir in der Bibel dann vor uns haben, sind rein menschliche Vorstellungen, Meinungen und Erfahrungen, die nichts zu tun haben mit irgendwelchen göttlichen Einflüssen.

Hat die Bibel einen echten Offenbarungscharakter?

Die nächste Frage, die sich jetzt stellt, lautet: Was bedeuten diese Bibelverständnisse für das Wesen, für den Charakter der biblischen Texte? Inwiefern haben diese Texte einen Offenbarungscharakter?

Bei den ersten beiden Bibelverständnissen ist das relativ klar. Hier wird gesagt: Die Bibel IST eine Offenbarung Gottes. Die Worte haben so, wie sie da stehen, einen echten Offenbarungscharakter. Der Satz: „Die Bibel ist Gottes Wort” bedeutet hier nicht nur, dass Gott durch diese Worte zu uns reden kann, sondern dass diese Texte tatsächlich Worte des lebendigen Gottes sind. Das ist das Bibelverständnis, das z.B. die evangelische Allianz vertritt. Sie sagt in ihrer Glaubensbasis:

„Die Bibel, bestehend aus den Schriften des Alten und Neuen Testaments, ist Offenbarung des dreieinen Gottes. Sie ist von Gottes Geist eingegeben, zuverlässig und höchste Autorität in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung.“

Entscheidend ist hier die Aussage: Die Bibel IST Offenbarung. In anderen Bibelverständnissen sieht das anders aus. Wer von einem Kanon im Kanon ausgeht, kann nicht sagen: Die Bibel IST Offenbarung, sondern der muss eher sagen: Die Bibel ENTHÄLT Offenbarung. Und wer von einem Bibelverständnis der Art ausgeht, die ich hier mit „Leseinspiration“ bezeichnet habe, der spricht eher davon, dass die Bibel die Offenbarung BEZEUGT.

So lesen wir zum Beispiel in einem aktuellen Grundsatztext der evangelischen Kirche in Deutschland:

„Die biblischen Texte werden gehört und ausgelegt als Gottes Wort im Menschenwort, das das endgültige Wort Gottes in Person und Wirken Jesu Christi bezeugt.“[4]

In diesem kurzen Zitat wird sehr schön deutlich, was hier geschieht. Grundlegend wichtig ist: Es wird getrennt zwischen der Offenbarung und dem Bibeltext. Man rechnet zwar mit einer Offenbarung, aber die Bibeltexte selbst sind nicht diese Offenbarung, sondern die eigentliche Offenbarung ist eine Person, Jesus Christus. Diese eigentliche Offenbarung steht hinter den Texten, aber die Texte selbst sind nicht offenbart. In der Bibel haben Menschen geschrieben, die zum Teil zwar sehr nahe dran waren an dieser Offenbarung und die diese Offenbarung bezeugen. Die Texte selbst aber haben einen menschlichen Charakter.

Im letzten Bibelverständnis wird das noch einmal anders gesehen. Hier wird überhaupt nicht mit irgendwelchen Offenbarungsereignissen gerechnet. Hier ist klar: Die Bibel enthält grundsätzlich nur Vorstellungen von Gott. So schreibt zum Beispiel Pastor Sebastian Rink:

„Menschen notieren, wie sie sich die geheimnisvolle Wirklichkeit des Göttlichen vorstellen. Sie schreiben, diskutieren, korrigieren. Sie machen neue Erfahrungen und alte Ideen verändern sich. Und sie schreiben weiter. Und schreiben anders. Und schreiben neu. Sie bewahren nicht alles auf, denn nicht alle Ideen passen in jedes Leben. Deshalb entwickelt jede Gemeinschaft eigene Vorstellungen. So bilden sich nach und nach Sammlungen der wichtigsten Texte.“[5]

Rink beschreibt hier also einen durch und durch menschlichen Prozess, der zur Entstehung dieser Texte geführt hat, der mit Offenbarung nichts zu tun hat.

Hat „Die Bibel“ uns heute noch etwas zu sagen?

Aber was bedeuten diese verschiedenen Bibelverständnisse nun für die Frage, was die Bibel uns eigentlich zu sagen hat? Um diese Frage beantworten zu können, müssen wir zuerst einen sehr grundsätzlichen Unterschied zwischen diesen Bibelverständnissen verstehen. Dieser Unterschied betrifft die Frage nach der Einheit der Bibel.

In den ersten beiden Bibelverständnissen, in denen die Bibel ganz als Gotteswort angesehen wird, ist klar: Zwar haben hier viele verschiedene Menschen geschrieben. Wir müssen ja von wenigstens 40 verschiedenen Autoren ausgehen, die in sehr verschiedenen Zeiten und Kulturen gelebt haben. Und trotzdem sind Vertreter dieser beiden Bibelverständnisse überzeugt: Hinter allen diesen Texten steht letztlich dieser eine Heilige Geist. Es war ein und derselbe Heilige Geist, der alle diese Texte gleichermaßen inspiriert hat. Deshalb wird die Bibel in diesen Bibelverständnissen trotz ihrer textlichen, kulturellen und zeitlichen Vielfalt als eine Einheit verstanden. Da gibt es zwar Spannungsfelder und sich gegenseitig ergänzende Pole der Wahrheit. Und es gibt natürlich auch heilsgeschichtliche Entwicklungen. Aber insgesamt zeichnen diese Texte trotzdem ein gemeinsames Bild und sie machen gemeinsam Aussagen über Gott und die Welt. Nur auf dieser Grundlage konnte z.B. ein Billy Graham in seinen Predigten immer wieder sagen: „The bible says…“ „Die Bibel sagt…“ So eine Formulierung macht natürlich nur dann Sinn, wenn man die Bibel als eine Einheit versteht, denn nur dann kann DIE Bibel auch irgendetwas sagen.

In den anderen Bibelverständnissen geht man hingegen davon aus, dass es sich um menschliche Meinungen oder Zeugnisse handelt. Und menschliche Meinungen und Zeugnisse sind immer mehr oder weniger widersprüchlich. Entsprechend kann z.B. der Theologe Siegfried Zimmer sagen: „Im Konfliktfall argumentieren wir ohne jedes Zögern mit Jesus Christus gegen die Bibel.“[6] Er sagt also: Wir können Zitate von Jesus nehmen, um damit andere Teile der Bibel aushebeln, wenn sie dem widersprechen, was Jesus gesagt hat. In dieser Sichtweise ist die Bibel natürlich keine Einheit mehr, denn sie enthält dann widersprüchliche Aussagen. Damit macht dann auch die Wendung „Die Bibel sagt…“ keinen Sinn mehr. Denn DIE Bibel sagt dann natürlich überhaupt nichts, sie enthält ja eine Vielzahl von sich widersprechenden Aussagen.

Ist die Bibel fehlerlos und kritisierbar?

Und es gibt noch eine weitere entscheidend wichtige Konsequenz dieser verschiedenen Bibelverständnisse:

In den beiden ersten Bibelverständnissen, in denen die Bibel ganz als Gotteswort angesehen wird, da können wir davon sprechen, dass die Bibeltexte in einem gewissen Sinn „fehlerfrei“, „irrtumslos“ oder „unfehlbar“ sind. Martin Luther hat dazu zum Beispiel folgendes geschrieben:

„Welch große Irrtümer sind schon in den Schriften aller Väter gefunden worden? Wie oft widerstreiten sie sich selbst?  Wie oft weichen sie voneinander ab? […] Niemand hat eine mit der Schrift gleichwertige Stellung erlangt […] Ich will […], dass allein die Schrift regiert […] Dafür habe ich als besonders klares Beispiel das des Augustinus, […] [der] in einem Brief an den Heiligen Hieronymus sagt: ‚Ich habe gelernt, allein diesen Büchern, welche die kanonischen heißen, Ehre zu erweisen, so dass ich fest glaube, dass keiner ihrer Schreiber sich geirrt hat.“[7]

Das grundlegende Prinzip, das Luther hier erklärt, war ein zentraler Grundstein der Reformation. Man kann es ganz simpel formulieren mit der Aussage: Alle Theologen irren! Aber die Autoren der Bibel irren niemals! Mit seinem Hinweis auf den Kirchenvater Augustinus hat Luther deutlich gemacht: Dieses Prinzip war nicht seine eigene Erfindung. Es galt schon zur Zeit der ersten Christen.

Und tatsächlich lässt sich das in den Schriften der Kirchenväter und der apostolischen Väter immer wieder nachweisen. Der Neutestamentler Prof. Theodor Zahn hat geschrieben: Die Möglichkeit, „dass ein Apostel in seinen an die Gemeinden gerichteten Lehren und Anweisungen geirrt habe könnte, hat offenbar im Vorstellungskreis der nachapostolischen Generation keinen Raum gehabt.“[8] Die Annahme, dass die Texte der Bibel frei von Irrtum sind, ist also überhaupt keine moderne Idee, sondern sie war von Beginn der Kirchengeschichte an weit verbreitet und sogar vorherrschend. Bis heute gilt, dass diese Annahme in der weltweiten Kirche keine Außenseiterposition ist, im Gegenteil. Man merkt das zum Beispiel in einem der zentralsten theologischen Dokumente der evangelikalen Bewegung, der sogenannten Lausanner Verpflichtung aus dem Jahr 1974. Dieses Dokument wurde von zahlreichen Kirchenleitern aus der ganzen Welt unterschrieben. Und da heißt es über die Bibel als Gottes Wort: „Es ist ohne Irrtum in allem, was es bekräftigt, und ist der einzige unfehlbare Maßstab des Glaubens und des Lebens.“ Auch hier haben wir also genau diese Begriffe: Ohne Irrtum und unfehlbar.

Klar ist aber trotzdem: Diese Begriffe „fehlerfrei“, „irrtumslos“ oder „unfehlbar“ sind erklärungsbedürftig. Ich habe sie deshalb in meiner Übersichtstabelle auch ganz bewusst in Anführungszeichen gesetzt. Denn diese Begriffe müssen natürlich sehr genau definiert werden, sonst gibt es immer wieder Missverständnisse. So hat zum Beispiel der Theologe Gerhard Maier gerade zu dieser Passage in der Lausanner Verpflichtung angemerkt: Ja, Gottes Wort ist ohne Irrtum in allem, was es bekräftigt, aber: Es muss durchaus noch festgestellt werden, welche historischen Auskünfte die Heilige Schrift zu geben beabsichtigt.“ Er will damit sagen: Eine Irrtumslosigkeit kann sich natürlich nur auf das beziehen, was die Autoren tatsächlich sagen wollten. Wenn wir aber den biblischen Aussagen eine falsche Aussageabsicht unterstellen oder ein anderes Wahrheitsverständnis unterschieben, dann funktioniert das mit der Irrtumslosigkeit natürlich nicht mehr. Gerhard Maier spricht deshalb auch lieber von vollkommener Verlässlichkeit oder von Fehlerlosigkeit im Sinne der göttlichen Zwecke.

Aber unabhängig von solchen Begriffsdiskussionen geht man in diesem Bibelverständnis jedenfalls davon aus: Hier hat Gott gesprochen. Und wenn Gott in diesem Text spricht, dann kann dieser Text in seiner ursprünglichen Form und in seiner ursprünglichen Aussageabsicht auch keine Fehler enthalten, weil Gott nun einmal keine Fehler macht.Bibelkritik ist dann zwar durchaus sinnvoll, aber nur, wenn mit dem Wort „Kritik“ eine unterscheidende Analyse gemeint ist, also wenn man z.B. zwischen verschiedenen Textgattungen unterscheiden will oder wenn man unterscheidet zwischen Urtext und späteren Veränderungen am Text.

Ganz anders sieht das bei den anderen Bibelverständnissen aus. Hier gilt: Weil es sich um menschliche Texte handelt, sind diese Texte natürlich auch im echten Sinn inhaltlich kritisierbar. In der Theologie spricht man von „Sachkritik“. Da geht es also nicht mehr nur um eine unterscheidende Analyse der Texte, sondern um echte inhaltliche Kritik an den ermittelten Aussagen der biblischen Texte. So meint zum Beispiel Siegfried Zimmer: „In der Bibel gibt es hunderte von Fehlern. … Die schriftliche Darstellung von Offenbarungsereignissen darf man aber untersuchen, auch wissenschaftlich und ‚kritisch‘.“[9]

Was in diesem Zitat noch einmal deutlich wird, ist dieses Phänomen der Trennung zwischen der Offenbarung und dem Bibeltext. Da ist also eine Offenbarung in Christus auf der einen Seite. Und auf der anderen Seite ist der Bibeltext, der nur eine menschliche, schriftliche Darstellung dieser Offenbarung ist. Und weil diese Darstellung einen ganz menschlichen Charakter hat, kann ich diesen Text natürlich auch kritisieren, weil menschliche Texte immer fehlerhaft und kritisierbar sind.

Im bibelwissenschaftlichen Umfeld geht diese Sachkritik oft zusätzlich noch einher mit einer sogenannten „Wunderkritik“, das heißt: Man fühlt sich einem Wissenschaftsbegriff verpflichtet, der bei der Erforschung der Bibel ausschließlich von natürlichen Ursachen ausgeht. Das bedeutet: Man rechnet prinzipiell nicht mit der Historizität von Wundern. Und man rechnet auch prinzipiell nicht mit vorhersagender Prophetie. Das wiederum hat Auswirkungen auf die Datierung der Texte. Denn die Texte können dann grundsätzlich erst nach Ereignissen entstanden sein, die in den Texten vorhergesagt werden. Die Evangelien können also zum Beispiel erst nach der Zerstörung des Tempels entstanden sein, weil Jesus diese Zerstörung in den Evangelien angekündigt hat. Oder das Daniel-Buch kann zumindest in Teilen erst im 2. Jahrhundert vor Christus entstanden sein, weil es über Ereignisse spricht, die da erst passiert sind.

Durch diese zeitliche Verschiebung verändert sich natürlich auch der Autor. Es verändert sich das politische, religiöse und kulturelle Umfeld der Texte. Die Adressaten verändern sich. Und somit natürlich auch die Aussageabsicht. Das heißt: Wunderkritik führt am Ende immer auch zu einer ganz anderen Auslegung der biblischen Texte.

Zwischenfazit: Die grundlegendste aller Weichenstellungen

Wir haben somit auf der einen Seite zwei Bibelverständnisse, bei denen die Bibel angesehen wird als eine Offenbarung Gottes und damit auch als eine völlig zuverlässige, vertrauenswürdige Einheit. Auf der anderen Seite haben wir drei Bibelverständnisse, in denen gilt: Die Bibel ist zwar ein wichtiges, aber eben auch ein widersprüchliches, fehlerhaftes, zu kritisierendes Zeugnis, das zwar verbunden sein kann mit einer mehr oder weniger großen Nähe zur Christusoffenbarung, das aber trotzdem inhaltlich kritisierbar bleibt.

Natürlich gibt es zu jedem dieser Bibelverständnisse unfassbar viele Nuancen und Verästelungen. Diese Tabelle kann unmöglich die Gesamtheit aller Bibelverständnisse beschreiben. Aber die grundsätzlichen Weichenstellungen, die bei den verschiedenen Bibelverständnissen vorgenommen werden, sind hoffentlich deutlich geworden. Und was hoffentlich vor allem deutlich wurde, ist die grundlegendste aller Weichenstellungen. Und diese grundlegendste Weichenstellung ist die Frage: Haben die Texte selbst einen Offenbarungscharakter? Oder trennen wir zwischen den biblischen Texten einerseits und möglichen Offenbarungsereignissen bzw. der Offenbarung in Jesus Christus andererseits? Je nachdem, ob wir zwischen Text und Offenbarung trennen oder nicht, landen wir entweder bei einem Bibelverständnis, in dem die biblischen Aussagen als verlässliche Einheit betrachtet werden. Oder aber wir landen bei einem Bibelverständnis, in dem man mit Fehlern und Widersprüchen in der Bibel rechnet, in dem die Bibel ihre Einheit verliert und in dem die Bibeltexte inhaltlich kritisiert werden können.

Die weitreichenden Konsequenzen

Diese Grundentscheidung hat sehr weitreichende Konsequenzen: Denn wenn die biblischen Texte einen Offenbarungscharakter haben und miteinander eine Einheit bilden, dann können wir aus ihnen tatsächlich auch objektive Wahrheiten gewinnen als Grundlagen für gemeinsames Zeugnis und für gemeinsames Bekenntnis. Auf dieser Grundlage sind zum Beispiel die altkirchlichen Bekenntnisse entstanden. Und auch viele neuere Bekenntnistexte wie zum Beispiel die Glaubensbasis der evangelischen Allianz basieren grundlegend auf der Annahme, dass die Bibel eine verlässliche, aussagekräftige Einheit bildet. Und es sind diese bibelbasierten Bekenntnisse, denen es gelingt, trotz vieler Auslegungsdifferenzen in Detailfragen große Mengen an Christen miteinander zu verbinden und zu vereinen.

Bei den anderen Bibelverständnissen sieht das anders aus. Denn wenn es sich bei den biblischen Texten um menschliche, fehlerhafte und widersprüchliche Texte handelt, dann ist es natürlich weitaus schwieriger, aus diesen Texten allgemeingültige Aussagen herauszufiltern. Und tatsächlich zeigt sich das auch in der Praxis. Vertreter dieser Bibelverständnisse haben oft auch zu den allerzentralsten Glaubensaussagen sehr vielfältige und unterschiedliche Meinungen: Ist Jesus wirklich von einer Jungfrau geboren worden? Ist er wirklich leiblich auferstanden? Wird Jesus wirklich als Richter wiederkommen? Werden wir wirklich auferstehen und ewig mit ihm leben? Innerhalb dieser Bibelverständnisse findet man zu allen solchen Fragen sehr verschiedene Positionen. Man findet insgesamt eher nur subjektive Wahrheiten und Meinungen, aber kaum etwas, das man ganz selbstverständlich miteinander bezeugen und bekennen kann.

Einheit ist hier deshalb nicht mehr möglich durch Übereinstimmung in zentralen Glaubensfragen. Einheit ist hier nur noch möglich durch institutionelle Zusammengehörigkeit, durch Tradition oder durch eine gemeinsame äußerliche Prägung. Aber die Praxis zeigt: Solche Faktoren verlieren immer schneller ihre verbindende Kraft. Und dazu kommt das Problem, dass natürlich auch das gemeinsame Profil und die gemeinsame Botschaft verloren geht. Genau das ist ja heute DAS große Problem unserer evangelischen Kirche, dass eigentlich niemand weiß, wofür diese Kirche steht und was sie den Menschen eigentlich sagen will.

Spätestens hier sehen wir, wie weitreichend und wie grundlegend die Konsequenzen dieser verschiedenen Weichenstellungen beim Bibelverständnis sind. Ich kann deshalb überhaupt nicht nachvollziehen, wenn immer wieder behauptet wird, dass es doch kein Problem sei, wenn man beim Bibelverständnis unterschiedlicher Meinung ist. Nein, das Gegenteil ist der Fall: Kaum eine theologische Differenz hat grundsätzlichere, weitreichendere Konsequenzen wie eine grundlegende unterschiedliche Weichenstellung beim Bibelverständnis. Und deshalb ist es von so enormer Bedeutung, dass wir über dieses Thema miteinander ins Gespräch kommen.

Ist die Bibel kontextbezogen und auslegungsbedürftig?

Eine letzte Konsequenz dieser verschiedenen Bibelverständnisse will ich noch deutlich machen: Wenn die Bibel nur reines Gotteswort ist, dann heißt das natürlich auch: Hier hat ein Gott gesprochen, der eine zeitlose Perspektive hat. Dann haben wir hier Worte vor uns, die genauso für immer zeitlos gültig sind. Denn Gott hat ja – anders als wir Menschen – immer diese zeit- und kulturübergreifende Perspektive. Er kann zur ganzen Menschheit aller Länder, aller Kulturen und aller Zeiten sprechen. Wenn wir dieser Sichtweise folgen, dann hätten wir ein Schriftverständnis, das sich einem islamischen Schriftverständnis annähert. Und wir Christen hätten dann ein großes Problem. Denn dann müssten wir davon ausgehen, dass das mosaische Gesetz mit all seinen Geboten heute immer noch in gleicher Weise für alle Menschen gültig ist. Denn jedes Wort der Bibel wäre ja dann zeitlos gültig für alle Menschen.

Aber wenn die Bibel ganz Gotteswort und zugleich ganz Menschenwort ist, dann ist klar: Hier schreiben Menschen mit ihrer Perspektive. Und sie schreiben natürlich auch viel stärker in ihre bestimmte Situationen hinein. Sie zielen auf ein bestimmtes Umfeld. Sie sprechen mit einer bestimmten kulturell geprägten Sprache. Es ist dann sehr viel wichtiger, diese Kultur und dieses Umfeld zumindest ein wenig zu verstehen, um auch die Aussageabsicht der Texte und ihre Relevanz für uns heute besser verstehen zu können. Deshalb ist die Bibel in diesem Bibelverständnis auch viel stärker auslegungsbedürftig.

Natürlich ist und bleibt die Bibel auch in diesem Bibelverständnis für jeden Leser zugänglich. Auch Christen, die theologisch und historisch nicht bewandert sind, können die Bibel in den zentralen Aussagen verstehen. Und natürlich ist auch hier jedes Wort höchst relevant, denn es ist ja alles von Gott inspiriert. Von jedem Wort können wir lernen, wie Gott ist, wie er in eine bestimmte Situation hineinspricht. Wir können in jedem Wort seinen Charakter, sein Wesen ein wenig besser kennenlernen. Aber um die Bibel tiefer und genauer verstehen zu können, brauchen wir den gesamtbiblischen Zusammenhang. Wir dürfen Bibelstellen nicht aus dem Zusammenhang reißen. Und wir sollten etwas wissen über den geschichtlichen und heilsgeschichtlichen Hintergrund der jeweiligen Aussage. Wir müssen die Texte einordnen in ihr jeweiliges Umfeld.

Diese Einordnung der Texte in ihr Umfeld ist natürlich auch in den anderen Bibelverständnissen wichtig. Aber hier gilt nicht unbedingt, dass jeder Text etwas sagt über Gottes Wesen und Charakter! Denn man unterstellt ja, dass so manche oder gar alle Aussagen, die in der Bibel Gott zugeschrieben werden, gar nicht wirklich von Gott stammen. Und daher sind in diesen Bibelverständnissen die biblischen Texte nur noch teilweise oder gar nicht mehr für uns heute relevant. Sie sagen uns heute nur noch teilweise oder gar nichts mehr darüber, wer und wie Gott ist und wie er mit uns Menschen umgeht. Auch hier wird noch einmal deutlich, wie grundlegend wichtig die Frage ist, welches Bibelverständnis wir unserem Umgang mit der Bibel zugrunde legen.

Welches Bibelverständnis ist das richtige?

Nachdem wir jetzt die verschiedenen Bibelverständnisse mit ihren Konsequenzen skizziert haben, stellt sich jetzt natürlich eine ganz große Frage: Für welches Bibelverständnis wollen wir uns entscheiden? Oft höre ich heute die Aussage: Das darf doch jeder selbst entscheiden. Da müssen wir doch tolerant sein. Aber meine Beobachtung ist: In der Praxis funktioniert das oft nicht so richtig. Ich stelle fest: Gerade auch die liberaleren Bibelverständnisse sind in der Praxis oft überhaupt nicht tolerant gegenüber einem konservativen Bibelverständnis. An den theologischen Fakultäten gibt es nach meiner Beobachtung keinerlei Toleranz gegenüber einem Bibelverständnis, das für Sachkritik nicht offen ist, weil man meint, eine Theologie ohne Sachkritik wäre wissenschaftsfeindlich und fundamentalistisch.

Aber die Frage stellt sich ja auch für uns persönlich oder für einen Hauskreis oder eine kleinere christliche Gemeinschaft: Wie wollen wir miteinander mit der Bibel umgehen? Wie kommen wir da zu einer Entscheidung? Nehmen wir das Bibelverständnis, das uns am besten gefällt? Oder machen wir eine demokratische Abstimmung? Oder nehmen wir das Bibelverständnis, das die rhetorisch klügsten Vertreter hat? Setzt sich vielleicht das Bibelverständnis durch, dessen Vertreter die Schaltzentren der Macht am besten besetzen können? Bestimmt der Leiter für die Gruppe, welches Bibelverständnis in der Gruppe gilt? Meine Beobachtung ist: So läuft das leider oft in der Praxis.

Aber gerade als evangelischer Christ bin ich der Meinung: Eigentlich sollte das nicht so sein bei uns. Denn die Reformatoren haben meine Kirche ja auf einem Prinzip aufgebaut, das sich „Sola Scriptura“ nennt. Allein die Schrift soll herrschen, hat Martin Luther gesagt. Nicht der Papst entscheidet. Nicht ein besonders gebildeter Theologe entscheidet. Nicht ein Leiter oder ein Amtsträger entscheidet. Sondern die Bibel entscheidet. Und dabei gilt das Prinzip: „Sacra scriptura sui ipsius interpres“, das heißt: Die Heilige Schrift legt sich selbst aus.

Auf Basis dieses reformatorischen Prinzips kann die Frage deshalb eigentlich nicht lauten: Welches Bibelverständnis gefällt uns am besten, sondern: Wie sieht sich die Bibel eigentlich selbst? Anders gefragt: Was ist eigentlich das biblische Bibelverständnis? Das müsste bei uns die alles entscheidende Frage sein!

Was ist das biblische Bibelverständnis?

Und um diese Frage zu klären, müssen wir natürlich in die Bibel schauen und darüber nachdenken: Was sagen uns diese Texte über die Frage nach dem Bibelverständnis, das die Bibel selbst hat?

In 3. Mose 1, 1+2a heißt es: „Der Herr rief Mose zu sich und sprach mit ihm vom Zelt der Begegnung aus. Er forderte Mose auf, mit den Israeliten zu reden und ihnen auszurichten: …“ Danach beginnt ein längerer Text mit verschiedenen Anweisungen. Hier wird also gesagt: Die Worte, die wir da lesen, hat Mose von Gott gehört. Es sind letztlich Gottes Worte, die uns hier vermittelt werden. Diese Wendung finden wir insgesamt 17 mal im 3. Buch Mose. Und sie leitet immer teils lange Textabschnitte ein, die somit den klaren Anspruch haben: Mose richtet hier nur aus, was Gott selbst gesagt hat!

In Zefanja 1, 1 lesen wir: „In diesem Buch steht das Wort des Herrn, das er Zefanja mitgeteilt hat.“ Eine ähnliche Formel finden wir des Öfteren am Anfang der Prophetenbücher. Hier gilt also genau wie bei Mose der Anspruch: Die Propheten sprechen Worte, die Gott ihnen mitgeteilt hat!

Besonders spannend ist dazu eine Passage in 5. Mose 18, 20-22. Da heißt es: „Und was, wenn ein anderer Prophet auftritt? Wenn einer auftritt, der sich anmaßt, in meinem Namen zu reden? Er verkündet aber eine Botschaft, die ich ihm gar nicht aufgetragen habe. Oder er redet im Namen anderer Götter. Dann ist dieser Prophet des Todes schuldig. Vielleicht fragst du dich: Woran können wir denn erkennen, welches Wort der Herr nicht geredet hat? Wenn der Prophet im Namen des Herrn etwas ankündigt, es sich aber nicht erfüllt und nichts geschieht, dann weißt du: Das hat der Herr so nicht gesprochen. Der Prophet hat sich angemaßt, von sich aus eine Botschaft zu verkündigen. Lass dir von ihm keine Angst machen!«“

Da wird also klar gemacht: Um echte Prophetie kann es sich nur dann handeln, wenn wirklich Gott gesprochen hat. Und es gibt dazu einen Test, der dies beweisen soll. Denn echte Prophetie kann Vorhersagen machen, die sich in der Zukunft tatsächlich erfüllen. Die Bibel ist also in keiner Weise wunderkritisch unterwegs, ganz im Gegenteil! Sie geht davon aus: Das Wort der Propheten ist im echten Sinne eine Offenbarung Gottes, die sich durch echte Vorhersagen auszeichnen. Wer hingegen nur eigene Gedanken oder Vorstellungen hat, darf die gerne äußern, aber er darf das unter keinen Umständen als Prophetie bezeichnen. Eigenmächtiges prophetisches Reden ist strengstens verboten in der Bibel! Und das Kriterium für prophetisches Reden ist: Treffen die Vorhersagen ein?

Was ist das biblische Bibelverständnis im Neuen Testament?

In Galater 1, 11-12 lesen wir: „Das will ich euch klar und deutlich sagen, Brüder und Schwestern: Die Gute Nachricht, die ich verkündet habe, stammt nicht von Menschen. Ich habe sie nicht von einem Menschen übernommen. Ich wurde auch nicht von einem Menschen darin unterrichtet. Nein, Jesus Christus selbst hat sie mir offenbart.“ Ganz ähnlich steht in 1. Thessalonicher 2, 13: „Deshalb danken wir Gott immer wieder dafür, dass ihr durch unsere Verkündigung sein Wort empfangen habt. Ihr habt sie nicht als Menschenwort angenommen, sondern als das Wort Gottes, was sie tatsächlich ist.“

Paulus hat hier also einen ganz ähnlichen Anspruch wie die Propheten. Er sagt: Die Botschaft, die ich euch gebracht habe, ist nicht meine Idee. Nein, sie wurde mir von Gott offenbart! Sie ist im echten Sinn Wort Gottes, das heißt: Hier spricht nicht nur ein Mensch, sondern Gott selbst. Was für eine erstaunliche Parallele.

Sowohl im Alten wie im Neuen Testament finden zudem das Verbot, von der biblischen Botschaft irgendetwas wegzulassen oder hinzuzufügen. In 5. Mose 13,1 heißt es: „Achtet auf jedes Wort, das ich euch weitergebe, und handelt danach! Fügt nichts hinzu und lasst nichts davon weg!“ Genau die gleiche Forderung finden wir auch auf der letzten Seite der Bibel in Offenbarung 22, 18-19. Damit wird klar: Diese Texte haben einen ganz einzigartigen Anspruch, den kein menschlicher Autor jemals für sich erheben dürfte. Die Texte sagen: Damit ist abschließend die Wahrheit beschrieben. Es wäre ein Verbrechen, etwas hinzuzufügen oder etwas wegzulassen. Das ist ein Anspruch, den kein menschlicher Theologe jemals für eine seiner Schriften erheben dürfte.

Besonders spannend ist für Christen natürlich auch die Frage: Wie ist denn Jesus mit den Schriften des Alten Testaments umgegangen? Einen Hinweis dazu finden wir z.B. in Matthäus 12, 3: „Jesus antwortete: »Habt ihr denn nicht gelesen, …“ Diese Wendung „Habt ihr nicht gelesen“ benutzt Jesus immer wieder in seinen Debatten mit den Schriftgelehrten und Pharisäern. Und das heißt: Jesus hat mit dem Schriftbeweis gearbeitet. Er sagt: Wenn ihr das in der Schrift gelesen hättet, dann wüsstet ihr Bescheid. Denn was in der Schrift steht, das gilt. Dieser Schriftbeweis funktioniert natürlich nur, wenn die Schrift absolute Autorität hat, denn nur dann hat sie Beweiskraft. Dass diese Schriftautorität für Jesus feststand, das sagt er auch sehr klar in Matthäus 5, 18: „Amen, das sage ich euch: Solange Himmel und Erde bestehen, wird im Gesetz kein einziger Buchstabe und kein Satzzeichen gestrichen werden. Alles muss geschehen, was Gott geboten und verheißen hat.“ Für Jesus war also klar, dass die Schriften des Alten Testaments bis ins kleinste Detail hinein volle Autorität haben. Auch bei Paulus finden wir diese Haltung. In Apostelgeschichte 24, 14 sagt er: „Ich glaube an alles, was im Gesetz und bei den Propheten steht.“

Wie sehr sich Jesus zur Autorität der heiligen Schriften stellt, zeigt sich zum Beispiel auch in Markus 7, 9-10a: „Weiter sagte er zu ihnen: »Ihr seid sehr geschickt darin, Gottes Gebote für ungültig zu erklären. So setzt ihr eure eigenen Vorschriften in Kraft. Denn Mose hat gesagt: ›Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren und für sie sorgen!‹“

Hier sagt Jesus zuerst: Es handelt sich um „Gottes Gebote“. Jesus beklagt sich darüber, dass diese Gebote Gottes ungültig erklärt werden. Und dann sagt Jesus: „Mose hat gesagt.“ Das heißt: Jesus hat nicht unterschieden zwischen einem Ausspruch von Mose und einem Gebot Gottes. Beides war für ihn offenkundig das Gleiche!

Dieses Phänomen finden wir immer wieder im Neuen Testament. Der Theologe Gerhard Maier hat aufgrund solcher Stellen geschrieben: Für die Autoren des Neuen Testaments waren „die beiden Wendungen ‚Die Schrift sagt‘ und ‚Gott sagt‘ untereinander austauschbar.“[10] Für sie galt also ganz offensichtlich: Ja, hier haben Menschen geschrieben und gesprochen. Mose hat geschrieben. Die Propheten haben gesprochen. David hat gesprochen. Aber für alle diese Aussagen gilt gleichermaßen: Gott hat gesprochen.

Genau dieses Verständnis finden wir auch bei Petrus in 2. Petrus 1, 20+21: „Denn keines dieser Worte wurde jemals verkündet, weil ein Mensch es so gewollt hätte. Vielmehr waren Menschen vom Geist Gottes ergriffen und haben in seinem Auftrag geredet.“ Auch hier wird das Prinzip betont: Menschen haben geredet. Aber sie waren dabei vom Heiligen Geist ergriffen und sie haben in seinem Auftrag geredet. Ganz Menschenwort und ganz Gotteswort.

Paulus unterstreicht das, wenn er in 2. Timotheus 3, 16 schreibt: „Und auch dazu ist jede Schrift nützlich, die sich dem Wirken von Gottes Geist verdankt.“ In anderen Übersetzungen heißt es: „Alle Schrift ist von Gott eingegeben.“ Im Griechischen wird hier das Wort „Theopneustos“ verwendet, das heißt: Die Schriften sind geistdurchhaucht. Sie sind ganz und gar vom Geist Gottes geprägt. Sie sind vom Heiligen Geist inspiriert.

Prof. Gerhard Maier schreibt dazu: „Im Neuen Testament wird das gesamte damalige ‚Alte Testament‘ … als von Gott eingegeben aufgefasst.“[11] Und zum Neuen Testament schreibt Gerhard Maier:

„Die weitaus meisten Schriften des Neuen Testaments sind nach der Selbstaussage des NT inspiriert … oder lassen den indirekten Anspruch erkennen, inspirierte Schrift zu sein. … Wenn später die Kirche … die Inspiration aller neutestamentlichen Schriften anerkannte, dann stand sie auf einem guten historischen Boden und darüber hinaus im Einklang mit der Offenbarung selbst.“[12]

Fazit: Die Bibel ist ganz Menschenwort und ganz Gotteswort

Diese kurze Betrachtung einiger Bibelstellen ist natürlich noch längst nicht vollständig. Aber trotzdem denke ich, wir können auf dieser Basis schon jetzt zu einem sehr eindeutigen Fazit kommen: Wenn wir die Bibel so verstehen, wie sie selbst verstanden werden möchte, dann ist sie definitiv: Ganz Gotteswort und ganz Menschenwort. Damit auch eine völlig zuverlässige Einheit, zugleich zeitbezogen und auslegungsbedürftig, aber in allen ihren Texten von allergrößter, zeitübergreifender Relevanz für alle Menschen.

Das bedeutet natürlich auch: Nur, wenn wir uns für dieses Bibelverständnis entscheiden, dann ist die Bibel glaubwürdig. Denn wenn wir den bibeleigenen Selbstanspruch nicht ernst nehmen, dann rauben wir der Bibel natürlich auch ihre Glaubwürdigkeit. Aber wenn wir die Bibel ernst nehmen, dann ist sie das, was sie selbst sein will: Voll und ganz Gottes wahres Wort. Aber sie ist zugleich auch zeitbezogenes Menschenwort und damit auch auslegungsbedürftig, wobei wie gesagt gilt: Es gibt zentrale, heilsrelevante Aussagen der Bibel, die ergeben sich so klar und so eindeutig aus der Bibel, dass man sie auch ohne Theologie- oder Geschichtsstudium verstehen kann. Viele wichtige Aussagen der Bibel kann wirklich jeder verstehen, der sie mit offenem, hörendem Herzen liest. Martin Luther hat hier zurecht von einer „Klarheit der Schrift“ gesprochen. Und gerade deshalb hat er ja auch die Bibel übersetzt, weil er davon ausging: Auch einfache Leute können die Bibel lesen und verstehen und auf dieser Grundlage auch ihrem Pfarrer oder sogar dem Papst widersprechen. Hier wurde ganz praktisch, was Luther grundlegend wichtig war: Nicht ein Mensch, sondern die Schrift soll regieren.

Niemand kennt die endgültig perfekte Auslegung der Bibel

Fakt ist aber auch: Manchmal ist Bibelauslegung auch ein anspruchsvolles Geschäft, zum Beispiel, wenn es um Endzeitfragen geht. Da müssen wir damit leben, dass niemand bis ins letzte genau sagen kann, wie die Bibel in allen Details zu verstehen ist. Und das heißt für uns, dass wir auf 2 Seiten vom Pferd fallen können:

Wir können uns entweder über die Bibel stellen, indem wir unsere Vernunft zum Richter über richtig und falsch in der Bibel machen. Das ist der Fehler der inhaltlichen Bibelkritik. Oder wir können uns über die Bibel stellen, indem wir behaupten, wir wüssten ganz genau bis ins letzte, wie die Bibel zu verstehen und auszulegen ist. Das ist etwas, das in Wahrheit niemand kann. Die richtige Haltung ist, dass wir uns demütig unter die Bibel stellen und sagen: Die Bibel ist voll und ganz Gottes Wort. Aber unser Verständnis, wie sie auszulegen ist, bleibt Stückwerk. Wir bleiben angewiesen auf die Leitung durch den Heiligen Geist und auf die Gemeinschaft der Gläubigen als Auslegungsgemeinschaft, die uns hilft, dieses Wort angemessen und richtig zu verstehen.

Zurück zum Offenbarungscharakter der Bibel

Ich will gerne abschließen mit einem weiteren Zitat von Prof. Gerhard Maier, der aus meiner Sicht die biblische Sichtweise für ein gesundes, bibelgemäßes Bibelverständnis sehr gut zusammengefasst hat mit den folgenden Worten:

„Diese Offenbarung beansprucht, aus Gottes Geist hervorgegangen zu sein. Sie ist … Anrede Gottes an uns. Wer sie hört, hört in erster Linie nicht die menschlichen Verfasser und Glaubenszeugen, sondern den dreieinigen ewigen Gott. … Als einzigartiges Reden Gottes hat sie eine einzigartige, unvergleichliche Autorität. An dieses Wort hat sich Gott gebunden. Er hat es zum Ort der Begegnung mit uns bestimmt. Er wird dieses Wort bis ins letzte hinein wahr machen und erfüllen. Die Schriftautorität ist im Grunde die Personenautorität des hier begegnenden Gottes.“[13]

Ich glaube: Es ist so dringend notwendig, dass die Kirche Jesu festhält oder sich wieder ganz neu besinnt auf diese bibeleigene Sichtweise auf die Bibel. Denn nur dann behält die Bibel ihre Glaubwürdigkeit. Nur dann kann die Bibel für uns eine orientierunggebende Richtschnur sein. Nur dann können wir aus ihr objektive Wahrheiten und Glaubensschätze ableiten, die uns und unsere Gemeinden auf einen guten, gemeinsamen Grund stellen können. Nur dann kann uns die Bibel gemeinsam Orientierung, Kraft, Trost und Korrektur schenken.

Deshalb lasst uns gemeinsam daran festhalten: Die Bibel ist Gottes offenbartes Wort an uns Menschen. Sie ist ganz Menschenwort und zugleich ganz Gotteswort. Darauf dürfen wir fest vertrauen.

Fußnoten / Quellenangaben:

[1] H.Conzelmann A.Lindemann, Arbeitsbuch zum Neuen Testament 14. Auflage 2004, S. 3

[2] Karsten Huhn im Gespräch mit Armin Baum und Udo Schnelle: Wie entstand das Neue Testament, in: idea Spektrum 23/2018, S. 19

[3] Siegfried Zimmer: Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben? Klärung eines Konflikts, Göttingen 2012, S. 112

[4] In: „Die Bedeutung der Bibel für kirchenleitende Entscheidungen“, S. 34)

[5] Sebastian Rink: „Wenn Gott reklamiert“, Neukirchener Verlag, 2021, S. 25/26

[6] Siegfried Zimmer „Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben?“ 2012, S. 93

[7] Aus „Assertio omnium articulorum“, 1520

[8] Theodor Zahn: Geschichte des neutestamentlichen Kanons, Bd. 1: Das Neue Testament vor Origenes, Teil 1, Erlangen 1888, S. 805

[9] In: „Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben?“, Göttingen 2012, S. 88

[10] Gerhard Maier: Biblische Hermeneutik. Witten 131998, S. 150

[11] Gerhard Maier: Biblische Hermeneutik. Witten 131998, S. 83

[12] Gerhard Maier: Biblische Hermeneutik. Witten 131998, S. 88

[13] Gerhard Maier: Biblische Hermeneutik. Witten 131998, S. 151