Das biblische Bibelverständnis

Dieser Artikel ist auch als PDF zum Download verfügbar. Die Inhalte werden zudem in der Podcastfolge “#6 Das biblische Bibelverständnis” besprochen.

Es ist normal, dass verschiedene Christen verschiedene Texte der Bibel unterschiedlich auslegen. Ein grundsätzlicheres Problem besteht jedoch, wenn verschiedene Christen grundverschiedene Bibelverständnisse haben. Denn dann werden sie zwangsläufig regelmäßig zu teils sehr verschiedenen Auslegungen kommen, die sämtliche Bereiche des Glaubens betreffen können. Das kann zu tiefen Gräben zwischen Christen führen.[1]

Umso wichtiger ist die Frage: Worauf begründen wir unser Bibelverständnis? Können Christen sich denn einfach frei aussuchen, welches Bibelverständnis ihnen am meisten einleuchtet? Eigentlich nicht. Denn Christen folgen ja Christus nach. Sein Leben und seine Lehre sollte für Christusnachfolger maßgebend sein. Deshalb ist für Christen die folgende Frage von großer Bedeutung: Welches Bibelverständnis hatte denn eigentlich Jesus? Und welches Bibelverständnis hatten die übrigen Autoren der Bibel? Anders gefragt: Wie will die Bibel eigentlich selbst gelesen und verstanden werden? Was ist denn das biblische Bibelverständnis?

Ein steiler Anspruch: Achtung, hier spricht Gott selbst!

Dazu sagt Prof. Gerhard Maier in seinem Vortrag “Der Offenbarungscharakter der Schrift” für die Mediathek offen.bar: “„Und Gott sprach“ ist der Grundton der biblischen Erfahrung. Keiner der biblischen Propheten beginnt seine Botschaft mit der Aussage: „Ich habe mit Gott folgende Erfahrungen gemacht.“ Oder ähnlichem. Nein, von Jesaja bis zur Johannes-Offenbarung beginnen Sie mit dem Hinweis: Der Herr redet. Das Wort des Herrn geschah. Er offenbart. Dies ist die Offenbarung Jesu Christi.” Dieser Anspruch, authentisches Reden des lebendigen Gottes zu vermitteln, beginnt schon bei Mose. Mose hat sich selbst als Prophet bezeichnet (5. Mose 18,15). Gleich an 17 Stellen werden im 3. Buch Mose lange Textabschnitte eingeleitet mit der folgenden Wendung: „Der Herr sprach mit Mose und forderte ihn auf mit den Israeliten zu reden und ihnen auszurichten: …“ [2] Mose will also immer wieder deutlich machen: Hier spricht nicht nur Mose. Hier spricht Gott selbst! Deshalb darf von seinen Worten nichts hinzugefügt und nichts weggelassen werden (5. Mose 13,1). Dazu stellt Mose harte Kriterien für echte Prophetie auf: Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie Vorhersagen machen, die tatsächlich eintreffen (5. Mose 18,22). Wer sich hingegen anmaßt, im Namen Gottes eine Botschaft zu verkünden, die Gott ihm gar nicht aufgetragen hat, macht sich des Todes schuldig (5. Mose 18,20). Die Aussage von Mose und den übrigen Propheten ist also überdeutlich: Sie wollen gerade nicht nur ein menschliches Zeugnis sondern im echten Sinn Wort Gottes weitergeben.

Umso mehr stellt sich die Frage: Ist das tatsächlich der durchgängige Selbstanspruch der Bibel? Haben andere biblische Autoren diesen extrem hohen Selbstanspruch bestätigt oder eher relativiert und in Frage gestellt?

Diese Frage ist für Protestanten auch deshalb so wichtig, weil die Reformatoren in Bezug auf die Bibel das Prinzip betont hatten: Sola Scriptura! Die Bibel muss das letzte Wort haben! Und deshalb muss die Bibel sich auch selbst auslegen. Nur dann können wir davon sprechen, dass die Bibel die „höchste Autorität in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung“ ist, wie es die evangelische Allianz in ihrer Glaubensbasis bekennt. Und nur dann sind wir auch ein wenig besser geschützt davor, dass wir uns die Bibel so zurechtbiegen, wie wir sie haben möchten.

Wenn wir uns auf die Suche nach dem biblischen Bibelverständnis machen, dann sind zwangsläufig zwei Fragen von zentraler Bedeutung. Die erste Frage lautet:

Welches Verständnis hatten die Autoren des Neuen Testaments von den Schriften des Alten Testaments?

Wenn man das Neue Testament mit der Frage liest, welche Sicht diese Autoren auf das Alte Testament hatten, dann fällt zunächst einmal eines besonders auf:

Das Neue Testament wurzelt zutiefst im Alten Testament

Das Neue Testament ist voller Zitate und Anspielungen auf das Alte Testament. Der Theologe Roger Nicole schrieb in seinem Artikel über den neutestamentlichen Gebrauch des Alten Testaments: Unter Berücksichtigung aller Anspielungen und freier Zitate bestehen etwa 9 % des Neuen Testaments aus Zitaten oder direkten Anspielungen auf das Alte Testament! Schon dieser Befund macht deutlich: Die Schriften des Alten Testaments haben für die Autoren des Neuen Testaments eine enorm große Rolle gespielt. Diese Schriften waren für sie ganz offenkundig extrem wertvoll.

Dieser Umstand ist alles andere als selbstverständlich. Die Apostel hätten ja auch sagen können: Die heiligen Schriften der Juden betreffen halt den alten, den mosaischen Bund. Aber Jesus hat uns etwas Neues gelehrt und wir haben jetzt etwas Neues gestartet! Deshalb sind die Texte zum alten Bund doch ein wenig überholt und nur noch mit Vorsicht zu genießen… Tatsächlich gab es schon früh in der Kirchengeschichte einen einflussreichen Irrlehrer namens Marcion, der meinte: Für Christen ist das Alte Testament nicht mehr bindend. Und auch heute kann man viele Stimmen hören, die meinen: Für uns gilt im Wesentlichen nur noch das Neue Testament – und da vor allem die Lehre und das Vorbild von Jesus. Diese Vorstellung steht jedoch im direkten Widerspruch zum Umgang der Apostel mit dem Alten Testament und zu Jesus selbst, der immer und immer wieder aus den Schriften des Alten Testaments zitiert hat.

Trotzdem stellt sich die Frage: In welcher Form waren die Schriften des Alten Testaments für die Autoren des Neuen Testaments von Bedeutung? Um das herauszufinden habe ich mir mit der Unterstützung eines guten Freunds die Mühe gemacht, mehr als 200 alttestamentliche Zitate im Neuen Testament durchzuschauen. Dabei hat uns insbesondere die Frage interessiert: Wie wird denn da über diese alttestamentlichen Stellen gesprochen und gedacht? Als erstes fällt auf:

Dem Alten Testament wird immer uneingeschränkte Autorität beigemessen

Wenn die neutestamentlichen Autoren etwas aus dem Alten Testament zitieren, dann ist das immer normativ, das heißt: Dann gilt das. Dann ist das somit bewiesen. Wendungen wie „Es steht geschrieben“ oder „Die Schrift sagt“ oder „Der Prophet sagt“ oder „Im Gesetz heißt es“ sind immer Autoritätsformeln, bei denen davon ausgegangen wird: Somit ist das eindeutig wahr!

Jesus hat in seinen Diskussionen zudem immer wieder die Formel benutzt: „Habt ihr nicht gelesen?“ (z.B. Mt.12,3+5) Damit sagte er: Wenn ihr aufmerksam hingeschaut hättet, was in den Heiligen Schriften steht, dann könntet ihr euch eure Frage selbst beantworten. Als der Teufel ihn mit Bibelstellen verführen wollte, ist Jesus ihm nicht mit Gegenargumenten sondern mit anderen Schriftstellen entgegengetreten. Ein derartiges Argumentieren auf Basis eines Schriftbeweises funktioniert natürlich nur, wenn das Prinzip gilt: Die Aussagen der Heiligen Schrift sind absolut gültig.

Oft wird an dieser Stelle eingewandt: Jesus hat doch manchmal auch aus dem Alten Testament zitiert und dann gesagt: „Ich aber sage euch…“ (z.B. Mt.5,22,32,34,39,44) Hat Jesus also doch dem Alten Testament widersprochen? Wer diese Passagen genauer prüft, merkt schnell: Jesus hat die Gebote des Alten Testaments nicht aufgehoben. Er hat sie entweder sogar verschärft oder aber den tieferen Sinn deutlich gemacht. Dazu sagte Jesus in Matth. 5,17, dass er eben nicht gekommen ist, um die Schrift aufzulösen, sondern um sie zu erfüllen. In Vers 18 ergänzt er: „Ich versichere euch: „Solange der Himmel und die Erde bestehen, wird selbst die kleinste Einzelheit von Gottes Gesetz gültig bleiben, so lange, bis ihr Zweck erfüllt ist.“ Damit wird klar: Jesus hat sich vollständig und komplett hinter die Autorität des Alten Testaments gestellt. Das gleiche gilt für Paulus. In Apostelgeschichte 24 muss Paulus sich vor dem Statthalter Felix verteidigen. In Vers 14 sagt er: „Ich bete daher den Gott unserer Vorfahren an, indem ich an alles glaube, was im jüdischen Gesetz und in den prophetischen Büchern steht.“ Auch Paulus hat sich somit rückhaltlos hinter die Texte des Alten Testaments gestellt.

Wenn die Schrift etwas sagt, spricht Gott!

Etwa ein Viertel der AT-Zitate im Neuen Testament werden gar nicht eingeleitet mit der Wendung „Die Schrift sagt“ oder „Es steht geschrieben“, sondern mit Formulierungen wie diesen: „Gott sagt.“ „Der Heilige Geist sagt.“ Oder an einer Stelle sogar: „Christus sagt.“ Wenn man diese Stellen im Alten Testament nachliest, dann findet man da tatsächlich oft Stellen, in denen berichtet wird, dass Gott etwas gesprochen hat, zum Beispiel in den prophetischen Aussprüchen oder in den 10 Geboten. Aber immer wieder kommt es auch vor, dass diese Wendung „Gott sagt“ angewendet wird auf ganz normale Textpassagen des Alten Testaments, die gar keine speziellen Aussprüche Gottes sind. So heißt es zum Beispiel im Gebet der Gemeinde in Apostelgeschichte 4,25: „Du (Gott) hast durch den Mund unseres Vaters David, deines Knechtes, durch den Heiligen Geist gesagt: »Warum toben die Heiden, und die Völker nehmen sich vor, was vergeblich ist?“ Die Gemeinde zitiert hier aus Psalm 2,1. Wenn man diese Passage liest, kommt man jedoch überhaupt nicht auf die Idee, dass dieser Satz ein spezieller Gottesausspruch ist. Der Satz liest sich vielmehr wie ein ganz normaler Psalmtext. Trotzdem ist die Gemeinde überzeugt: Hier spricht Gott selbst.

Bei Jesus finden wir das gleiche Prinzip. In Matthäus 19, 5 sagt er: „»Wisst ihr nicht, dass der Schöpfer von Anfang an die Menschen als Mann und Frau geschaffen hat?« Weiter sagte er [also der Schöpfer!]: »Deshalb verlässt ein Mann Vater und Mutter und verbindet sich mit seiner Frau. Jesus zitiert hier aus 1. Mose 2, 24. Auch dieser Text ist im Original nicht etwa als ein Ausspruch Gottes gekennzeichnet sondern er liest sich wie ein ganz normaler Textbaustein des Autors dieser Schöpfungsgeschichte. Trotzdem sagt Jesus: Hier spricht der Schöpfer. Hier spricht Gott selbst.

Besonders spannend ist ein Zitat in 1. Korinther 9, 9, in dem Paulus zunächst folgendes schreibt: „Im Gesetz des Mose steht nämlich: »Du sollst einem Ochsen beim Dreschen nicht das Maul zubinden.« Paulus leitet sein Zitat aus 5. Mose 25,4 also mit den Worten ein: „Im Gesetz des Mose steht…“ Damit macht er deutlich: Dieses Gesetz stammt von einem Menschen, genauer gesagt von Mose. Aber dann fährt Paulus wie folgt fort: „Geht es Gott dabei etwa um die Ochsen? Oder sagte er das nicht vielmehr wegen uns?“ Plötzlich sagt Paulus also: Es ist Gott selbst, der hier spricht! Paulus kann zu diesem Text also beides sagen! Er sagt einerseits: So steht es im Gesetz des Mose. Und er sagt zum gleichen Text: „Gott sagt.“ Das war für ihn ganz offenkundig letztlich dasselbe. Wenn etwas im Gesetz, in der Tora, in den 5 Büchern Mose steht, dann schreibt da aus der Sicht von Paulus einerseits Mose. Und zugleich spricht da Gott. Für Paulus war dieser Text also beides zugleich: Das Wort eines Menschen. Aber zugleich auch Wort Gottes.

In den Schriften reden Menschen getrieben vom Heiligen Geist

In 2. Petrus 1, 20+21 schreibt Petrus: Ihr sollt vor allem eines wissen: Kein prophetisches Wort aus der Heiligen Schrift lässt eine eigenmächtige Deutung zu. Denn keines dieser Worte wurde jemals verkündet, weil ein Mensch es so gewollt hätte. Vielmehr waren Menschen vom Geist Gottes ergriffen und haben in seinem Auftrag geredet. Petrus sagt also: Da reden Menschen, die ihren Stil, ihre Situation, ihre Perspektive einbringen. Aber sie sind dabei getrieben und ganz geprägt vom Heiligen Geist. Ganz deutlich wird dieses Prinzip auch in Markus 12, 36, als Jesus einen Psalmtext zitiert und dieses Zitat einleitet mit den Worten: „David selbst hat im Heiligen Geist gesagt:“ Auch hier bestätigt Jesus: David sagt etwas. Aber er tut es geleitet vom Heiligen Geist.

Paulus beschreibt dieses Prinzip ganz direkt in seiner berühmten Passage in 2. Timotheus 3, 16: „Die ganze Schrift ist von Gott eingegeben.“ Wörtlich steht hier: „theopneustos“, also gottgehaucht, geistdurchhaucht. Die Basisbibel übersetzt diesen Satz wie folgt: „Und auch dazu ist jede Schrift nützlich, die sich dem Wirken von Gottes Geist verdankt.“ Auch hier wird das gleiche Prinzip sichtbar: Die Schriften sind zwar von Menschen geschrieben. Aber sie sind zugleich Ausdruck des Wirkens des Heiligen Geistes.

Insgesamt wird damit verständlich, warum der Theologe Prof. Gerhard Maier in seinem Buch “Biblische Hermeneutik” geschrieben hat: „Im Neuen Testament wird das gesamte damalige ‚Alte Testament‘ … als von Gott eingegeben aufgefasst.“ (S. 83) Das heißt: Die alttestamentlichen Bücher gelten insgesamt als Gottes Wort, nicht nur ein paar göttliche Zitate darin. Weiter schreibt Gerhard Maier: Für die Autoren des Neuen Testaments waren „die beiden Wendungen ‚Die Schrift sagt‘ und ‚Gott sagt‘ untereinander austauschbar.“ (S. 150) Für sie war also klar: Wenn die Schrift etwas sagt, dann spricht Gott selbst.

“Die Schrift” spricht! Sie wird somit als Einheit angesehen!

Diese Austauschbarkeit galt auch in die umgekehrte Richtung: Die immer wieder auftauchende Wendung “Die Schrift sagt” zeigt zum einen: Die heiligen Schriften wurden als eine Einheit und nicht etwa als eine Vielzahl sich widersprechender Stimmen betrachtet. Wenn Christen heute darüber sprechen, dass “die Bibel” etwas sagt, dann sind sie damit in bester biblischer Tradition. An manchen Stellen wirkt “die Schrift” in der Bibel beinahe so, als wäre sie eine Person: “Die Schrift aber, voraussehend, dass Gott die Nationen aus Glauben rechtfertigen werde, verkündigte dem Abraham die gute Botschaft voraus: »In dir werden gesegnet werden alle Nationen.«” (Gal. 3,8) Das bedeutet natürlich nicht, dass die Schriften selbst als göttlich angesehen wurden. Aber es wird dadurch umso mehr deutlich, wie stark die Autoren des Neuen Testaments die Worte der Schrift als Worte Gottes angesehen haben.

Nachdem wir die Sichtweise des NT über das AT betrachtet haben, stellt sich nun die zweite wichtige Frage:

Wie sieht das Neue Testament die Schriften des Neuen Testaments?

Kann das Neue Testament überhaupt irgendetwas über sich selbst sagen? Schließlich ist der Kanon des Neuen Testaments erst lange nach der Abfassung der neutestamentlichen Schriften endgültig festgelegt worden. Und trotzdem ist die klare Antwort: Ja, natürlich! Sehr wohl hat das Neue Testament etwas über das Wesen und den Charakter der neutestamentlichen Texte zu sagen. Auch dort wird vielfach der Anspruch erhoben, dass hier von Gott selbst inspirierte Wahrheit verkündet wird: Paulus bestand ausdrücklich darauf, dass seine Botschaft nicht auf menschlicher Vernunft beruht, sondern dass ihm seine Botschaft direkt von Jesus offenbart wurde. In Galater 1,11-12 schreibt er: „Das will ich euch klar und deutlich sagen, Brüder und Schwestern: Die Gute Nachricht, die ich verkündet habe, stammt nicht von Menschen. Ich habe sie nicht von einem Menschen übernommen. Ich wurde auch nicht von einem Menschen darin unterrichtet. Nein, Jesus Christus selbst hat sie mir offenbart.“

Paulus litt also nicht unter falscher Bescheidenheit. Das gilt auch für seine Aussage in 1. Thessalonischer 2, 13: „Deshalb danken wir Gott immer wieder dafür, dass ihr durch unsere Verkündigung sein Wort empfangen habt. Ihr habt sie nicht als Menschenwort angenommen, sondern als das Wort Gottes, was sie tatsächlich ist.“ Paulus hat somit klar gemacht: Was ich verkündige, ist tatsächlich Gottes Wort.

Veränderungsverbote bei Petrus und in der Offenbarung

Genau diesen steilen Anspruch hat Petrus später in Bezug auf die Schriften von Paulus bestätigt. In 2. Petrus 3, 15-16 macht er eine ganz erstaunliche Bemerkung über die Briefe von Paulus: „Das hat auch unser lieber Bruder Paulus geschrieben, dem Gott so viel Weisheit geschenkt hat. … Manches darin ist allerdings schwer zu verstehen. Das werden die verdrehen, die nichts davon verstehen. So werden sie es auch mit den anderen Schriften machen – zu ihrem eigenen Verderben.“ Mit den „Schriften“ meinte Petrus natürlich zunächst die heiligen Schriften des Alten Testaments, zu denen wir bereits festgestellt haben: Diese Schriften hatten für Petrus verbindliche Autorität. Sie dürfen deshalb nicht verdreht und nicht verändert werden. Wir würden Verderben über uns bringen, wenn wir das täten. Genau diesen Anspruch wendet Petrus hier jetzt aber auch auf die Paulusbriefe an. Auch sie dürfen nicht verdreht werden – auch dann, wenn sie schwer zu verstehen sind.

Genau das gleiche Verbot finden wir auch ganz am Ende des Neuen Testaments. Im viert- und drittletzten Vers der Bibel schrieb Johannes in Offenbarung 22, 18-19: „Und ich versichere jedem, der die prophetischen Worte dieses Buchs hört: Wenn jemand dem, was hier geschrieben steht, irgendetwas hinzufügt, wird Gott ihm die Plagen zufügen, die in diesem Buch beschrieben werden. Und wenn jemand irgendetwas von den prophetischen Worten dieses Buchs wegnimmt, wird Gott ihm seinen Anteil am Baum des Lebens und an der Heiligen Stadt wegnehmen, die in diesem Buch beschrieben werden“

Der Autor der Johannesoffenbarung übernimmt also den Anspruch aus 5. Mose 13,1, dass nichts hinzugefügt und nichts weggelassen werden darf. Und auch hier wird gesagt: Wer diesen Text verändert, der bringt Verderben über sich selbst. Daran wird deutlich, welch einzigartigen Autoritätsanspruch diese Texte haben. Jeden späteren Theologen, der solche Sätze über seine eigenen Schriften äußern würde, würden wir zurecht zurückweisen. Kein Mensch der Welt dürfte seither so etwas je wieder sagen. Diesen einzigartigen Autoritätsanspruch durften nur die Autoren der Bibel für sich in Anspruch nehmen.

Für Paulus hatten auch Jesuszitate bereits Schriftstatus!

In 1. Timotheus 5, 18 zitiert Paulus noch einmal genau den gleichen Vers aus dem AT, der uns vorhin schon in 1. Korinther 9, 9 begegnet ist: „Denn in der Heiligen Schrift steht: »Du sollst einem Ochsen beim Dreschen nicht das Maul zubinden.« Hier ergänzt Paulus aber noch ein weiteres Zitat: „Es heißt außerdem: »Wer arbeitet, hat ein Anrecht auf seinen Lohn.« Das erstaunliche ist: Dieses Zitat finden wir nicht im Alten Testament. Tatsächlich zitiert Paulus hier ein Jesuswort, das wir in Lukas 10, 7 finden. Das zeigt: Die überlieferten Jesusworte hatten für Paulus bereits genau die gleiche höchste Autorität wie die Schriften des Alten Testaments.

Wir können also zusammenfassen: Was für die apostolischen Väter galt, das lässt sich auch schon in der Bibel selbst beobachten: Neutestamentliche Texte werden auf die gleiche Stufe gestellt wie das Alte Testament. Und die Autoren hatten zudem einen einzigartigen Autoritätsanspruch, den schon die nächste Generation der Kirchenleiter in keiner Weise mehr auf sich selbst anwenden wollten.[4]

Für uns bedeutet dieser Befund:

Die Bibel stellt uns in Bezug auf sich selbst vor eine Glaubensentscheidung

Entweder wir sagen: Die Bibel ist glaubwürdig. Dann müssen wir sie aber auch so lesen, wie sie selbst gelesen werden möchte. Dann müssen wir ihr die Autorität geben, die sie selbst für sich beansprucht. Dann müssen wir davon ausgehen, dass die Bibel das ist, was sie selbst sein will: Ganz Menschenwort. Aber zugleich auch ganz Gotteswort. Und damit auch eine theologische Einheit, die sich selbst nicht widerspricht. Und damit auch unfehlbarer Maßstab für unseren Glauben, für unser Leben und für die Kirche Jesu. Ich habe an anderer Stelle bereits ausführlich begründet, warum ich diesen Selbstanspruch der Bibel für absolut schlüssig und glaubwürdig halte. Denn die Bibel hat nun einmal zahlreiche Eigenschaften, die absolut einmalig sind unter allen Büchern dieser Erde und die beweisen, dass dieses Buch ganz eindeutig einen weit größeren Horizont hat als jedes andere Buch, das nur von Menschen stammt.[5]

Wenn wir uns aber entscheiden, diesen Selbstanspruch nicht zu akzeptieren und die Bibel nur als kritisierbares Menschenwort betrachten[6], dann sollten wir so ehrlich und konsequent sein, auch offen zu sagen: Die Bibel spricht sich selbst eine Autorität zu, die sie gar nicht hat. Und was machen wir mit Büchern oder Botschaften, die bei ihrem Selbstanspruch übertreiben? Wir sehen sie zurecht mit Skepsis. Die Bibel verliert dann ihre Glaubwürdigkeit. Sie ist dann vielleicht immer noch ein interessantes, liebenswertes historisches Zeugnis. Aber wer in Bezug auf sich selbst derart übertreibt, dem werden wir wohl kaum einen Autoritätsanspruch für unseren Glauben, für unser Leben und unsere Kirche beimessen können.

Dem Selbstanspruch der Bibel vertrauen

Deshalb plädiere ich daür, dass wir gemeinsam wieder Werbung dafür machen, dem Selbstanspruch der Bibel zu vertrauen und zu sagen: Die Bibel ist das, was sie selbst von sich sagt. Sie ist wirklich Heilige Schrift. Sie ist prophetisches Wort. Sie bezeugt nicht nur die Offenbarung Gottes. Sie wird nicht erst beim Lesen zum Wort Gottes. Nein, sie IST im echten Sinn offenbartes Wort des lebendigen Gottes. Es ist deshalb nicht angemessen, in Bezug auf dieses Wort von Fehlern zu sprechen. Angemessen ist vielmehr, eine tiefe Ehrfurcht vor diesen Texten zu haben. Es ist angemessen, diesen Texten mit Vertrauen und Demut zu begegnen. Ich bin zutiefst überzeugt: Die Kirche Jesu kann nur gesunden, wenn sie diese tiefe Ehrfurcht vor der Bibel zurückgewinnt.


[1] Ein dramatisches Beispiel ist das Buch „Zwischen Entzauberung und Remythisierung“ des populären Theologen Jörg Lauster, rezensiert in: „Der große Graben“: https://blog.aigg.de/?p=5667

[2] 3. Mose 1,1+2; 4,1+2; 7,22+23; 7,28+29; 11,1+2; 12,1+2; 15,1+2; 18,1+2; 19,1+2; 20,1+2; 21,16+17; 23,1+2; 23,9+10; 23,23+24; 23,33+34; 25,1+2; 27,1+2

[3] Siehe dazu die Rezension zum freikirchlich geprägten Buch „glauben lieben hoffen“ aus dem SCM Brockhaus Verlag unter https://blog.aigg.de/?p=5819

[4] Siehe dazu der Artikel: „Das Bibelverständnis der apostolischen Väter“: https://blog.aigg.de/?p=5790

[5] Siehe dazu die Artikelsammlung: „10 Gründe, warum es auch heute noch vernünftig ist, der Bibel zu vertrauen“: https://blog.aigg.de/?p=3176

[6] Siehe dazu den Artikel: „Zwei Bibelverständnisse im Kampf um die Herzen der Evangelikalen“: https://blog.aigg.de/?p=5749

Waren die Opfer nur für die Menschen da?

Eine Wegscheide der Kreuzestheologie im Faktencheck

Was bewirkten die Rituale, die in der Tora (also den 5 Büchern Mose) beschrieben werden? Oder allgemein gefragt: Wozu dienten die Opfer in der Bibel? Zur Vergebung der Sünden? Zur Versöhnung zwischen Gott und Menschen?

Für viele heutige Theologen steht fest: Gott brauchte keine Opfer, um besänftigt und versöhnt zu werden! Versöhnung braucht allenfalls der Mensch! Die mosaischen Opfer hätten deshalb nicht die Funktion gehabt, eine Sühnung der Sünden Israels zu bewirken. Sie sollten lediglich veranschaulichen, dass Gott gnädig ist und Sünden vergibt. So schreibt zum Beispiel der Theologe Georg Plasger: Das Opfer „ist sozusagen ein Angebot, sich das göttliche Geschehen zu veranschaulichen, es mitzuerleben.“ Es „bewirkt nicht die Versöhnung, sondern bekennt sie.“[1] Gott hat demnach schon immer vergeben – auch ohne Opfer. Die Opfer halfen den Israeliten nur, Gottes Vergebung zu verstehen und anzunehmen.

Ganz ähnlich schreibt Matthias Drodofsky: „Gott wird nicht dadurch gnädig gestimmt, dass ein unschuldiges Tier zerstückelt wird, sondern durch die Opferhandlung soll der Mensch daran erinnert werden, dass Gott dem Menschen immer schon gnädig begegnet.“[2]

Wären die Opfer für Gott also gar nicht nötig gewesen? Waren sie nur für die Menschen da? Diese Frage hängt eng zusammen mit der Bedeutung des Kreuzestodes Jesu. War Jesu Tod notwendig, um Gott und Mensch zu versöhnen? War sein Tod ein wirksames Opfer, das für die Vergebung unserer Schuld bedeutsam ist? Oder vergibt Gott einfach so? Muss Gott gar nicht versöhnt werden, gleich gar nicht durch ein Opfer?

Dieser Frage widmet sich der nachfolgende Faktencheck:

Der Faktencheck

Wer sich in die 5 Bücher Mose und dort vor allem in das 3. Buch (Levitikus) einliest, macht rasch die folgenden Beobachtungen:

Ein durchgängiges Motiv im 3. Buch Mose ist die Realität, dass Menschen sündigen und Schuld auf sich laden: 3. Mose 4,13; 4,22; 4,27; 5,1; 5,15; 7,18; 20,17; 20,19; 22,16; 24,15

Sünde und Schuld haben negative, von Gott selbst verursachte Konsequenzen: So wird in 3. Mose 26 und in 5. Mose 28 überdeutlich, dass aus falschem Handeln ein negatives „Ergehen“ folgt, das die Bibel als „Fluch“ oder „Strafe“ bezeichnet. Die Konsequenzen sind dabei nicht nur die Folgen der schlechten Tat. Sie werden vielmehr ganz eindeutig von Gott selbst verursacht: Dann werde ich euch Schlimmes antun.Ich werde euch wegen eurer Sünden bestrafen.Ich werde euch wegen eurer Sünden schlagen. … Ich schicke euch die Pest und gebe euch in die Gewalt des Feindes.” (3. Mose 26, 16,18,25) “Der Herr wird dich mit Fluch strafen: Verwirrung und Unglück wird er schicken bei allem, was du tust. Er wird es so lange tun, bis du ganz am Ende bist und zerstört. … Der Herr wird dich mit Schwindsucht strafen … Der Herr wird dich strafen mit Geschwüren … Der Herr wird dich strafen mit Wahnsinn, Blindheit und geistiger Verwirrung. … Der Herr wird dich zerstreuen unter alle Völker, von einem Ende der Erde bis zum anderen.” (5. Mose 28, 20,22,27,28,64)Ohne zu zögern bestraft er jeden, der ihm untreu wird.” (5. Mose 7,10)

Schuld und Sünde sind somit zentrale Probleme der Tora. Denn Gott möchte ja in der Mitte seines Volkes wohnen, ohne es richten zu müssen. Freiheit von Schuld, Reinigung und Heiligung ist deshalb das große Ziel. Um das zu ermöglichen, spielt der Opferkult eine entscheidende Rolle. Zahlreiche Bibelstellen machen dabei deutlich: Die Opfer sind eben gerade nicht nur für die Menschen da. Sie sind auch für Gott von Bedeutung:

  • Das Opfer soll den Herrn gnädig stimmen (2. Mose 29,18; 29,41; 3. Mose 1,13; 1,17; 2,2; 2,9; 3,5; 3,16; 4,31; 6,8; 6,14; 8,21; 8,28; 17,6; 23,13; 23,18; 26,31; 4.Mose 15,3; 15,7;15,10; 15,14; 15,24; 18,17; 28,2; 28.6; 28,8; 28,13; 28,24; 28,27; 29,6; 29,8; 28,13; s.a. Hesekiel 20,41; Sacharja 7,2; 8,22). Dabei ist keinesfalls von vornherein klar, dass Gott die Menschen annimmt: „Wenn ihr dem Herrn ein Schlachtopfer darbringt, dann macht es richtig. Dann wird er euer Opfer und euch annehmen.“ (3. Mose 19,5; s.a. 3. Mose 22,20)
  • Das Opfer führt dazu, dass der schuldigen Person, die eine Sünde begangen hat, seine Sünde vergeben wird (3. Mose 4,3; 4,35; 5,6; 5,10; 5,13; 19,22; s.a. 2.Chronik 7,14; Jeremia 31,34; 50,20).
  • Mit der Durchführung der Opferhandlung sorgt der Priester für Versöhnung (3. Mose 4,20; 4,26; 4,31; 4,35; 5,6; 5,10; 5,13; 4.Mose 15,25). Was damit gemeint ist, zeigt eine eindrückliche Geschichte in 4. Mose 17,6ff.: Gott bringt Gericht über das rebellierende Volk in Form einer tödlichen Pest. Da sagte Mose zu Aaron: “Nimm eine Räucherpfanne, gib Kohlen vom Altar hinein und zünde Weihrauch darin an. Geh damit schnell zur Gemeinde und sorge für Versöhnung mit Gott!” (4.Mose 17,11) Die Versöhnung hat zur Folge, dass Gottes Gericht gestoppt wird. Das Opfer richtet sich also nicht an den Menschen, sondern an Gott. Dazu passt die Übersetzung der Basis Bibel: “So bittet ihr Gott um Versöhnung mit euch.” (4.Mose 28,30)
  • Versöhnung hängt unmittelbar mit der Vergebung der Schuld zusammen: „Der Priester sorgt für Versöhnung, indem er den Widder als Schuldopfer darbringt. Und Gott wird dem Schuldigen vergeben.“ (3. Mose, 5,16) Dazu setzt Gott ein spezielles Fest zur Versöhnung, Reinigung und Vergebung der Sünden ein: „Denn dieser Tag ist der große Versöhnungstag. Gott schenkt euch Vergebung und reinigt euch. Ihr seid vor dem Herrn frei von allen euren Sünden.“ (3. Mose 16,30, vgl. auch Apg. 5,31; Epheser 1,7; Kolosser 1,14)
  • Gott selbst ermöglicht und schenkt die Vergebung und Heiligung: „Ich bin der Herr, der euch heilig macht.“ (3. Mose 20,8; s.a. 21,15;21,23; 22,9;22,16;22,32; s.a. Jesaja 43,25) Das Opfer und die resultierende Vergebung ist somit keine menschliche Leistung sondern ein freies Geschenk aus der Gnade Gottes.
  • Die Tieropfer haben einen stellvertretende Charakter. Dies wird in eindrucksvollen Zeichenhandlungen verdeutlicht: „Er soll seine Hand auf den Kopf des Opfertieres legen. Das Tier steht dann stellvertretend für den Menschen, der das Opfer darbringt. Das Opfer wird angenommen, und dem Menschen wird Vergebung geschenkt.“ (3. Mose 1,4) „Aaron soll seine Hände auf den Kopf des Tieres legen. Dabei soll er alle Schuld der Israeliten bekennen und all ihre Verbrechen und Sünden nennen. So überträgt er all diese Schuld auf das Tier. Neben Aaron soll ein Mann bereitstehen, um den Ziegenbock anschließend in die Wüste zu treiben. Das Tier wird all ihre Schuld mit sich nehmen und ins unbewohnte Land forttragen.“ (3.Mose 16,21/22, siehe auch 3.Mose 1,12; 3,2; 3,8; 3,13; 4,4; 4,15; 4,24; 4,29; 4,33; 8,14; 8,18; 8,22)
  • Reinigende und versöhnende Kraft hat insbesondere das Blut der Opfertiere: „Denn im Blut ist die Lebenskraft. Deshalb habe ich das Blut dazu bestimmt, dass ihr es am Altar verwendet. Dort sorgt es für Versöhnung zwischen mir und euch. Denn das Blut mit seiner Lebenskraft ist es, das für Versöhnung sorgen kann.“ (3. Mose 17,11)

Auf das Blut beruft sich auch das Neue Testament: „Durch dessen Blut hat Gott ihn als Zeichen der endgültigen Versöhnung eingesetzt.“ (Römer 3,25) „Und er wollte, dass alles durch ihn Versöhnung erfährt. In ihm sollte alles zum Ziel kommen. Denn er hat Frieden gestiftet durch das Blut, das er am Kreuz vergossen hat. Ja, durch ihn wurde alles versöhnt – auf der Erde wie im Himmel.“ (Kolosser 1, 20) Die Kontinuität zwischen dem Alten und dem Neuen Testament wird hier besonders offenkundig.

Aber haben nicht schon die Propheten die Opferpraxis kritisiert?

Ja, das haben sie, siehe Amos 5,21+22 und Jesaja 1, 10-17. Sie haben sich damit jedoch keinesfalls gegen das mosaische Gesetz gewandt, sondern gegen die Vorstellung, dass der pure Ritus ohne ein gottesfürchtiges Leben irgendetwas bewirken könnte. Das praktische Befolgen der Gebote ist Gott wichtiger als der Ritus. Aber das stellt den Ritus natürlich nicht grundsätzlich in Frage.

Und wie bitte soll ein Tieropfer Vergebung bewirken können?

Sündenvergebung, Reinigung und Versöhnung sollen durch Tieropfer möglich sein? Dazu fragt Matthias Drodofsky: „Hat eigentlich mal jemand gefragt, warum eine Opferhandlung … dies erreichen können soll?“[3] Die Frage ist berechtigt. Schließlich heißt es im Hebräerbrief sogar: Es ist unmöglich, Sünden wegzunehmen durch das Blut von Stieren und Ziegenböcken.“ (Hebr. 10, 4, s.a. 10,11) Wie passen also die eindeutigen Schilderungen der Tora über die Wirksamkeit von Tieropfern zur Aussage des Hebräerbriefschreibers, dass Tieropfer gar nichts bewirken können?

Der Hebräerbrief gibt selbst die Antwort, indem er sagt: „Das Gesetz (d.h. die Tora) lässt nur einen Schatten dessen erkennen, was uns rettet, nicht die eigentliche Gestalt der Dinge.“ (Hebr. 10,1) Die Opferpraxis der Tora war also nur ein vorauslaufender Schatten des eigentlich rettenden Ereignisses: Dem Tod Jesu am Kreuz. Die Wirksamkeit der Opfer lag demnach in der Vorausschau auf den wirksamen Opfertod Jesu – genau wie heute für uns Christen das Abendmahl wirksam ist in der Rückschau und in der Erinnerung an das von Jesus vergossene Blut.

Fazit

Die Opfer in der Bibel sind gemäß dem eindeutigen biblischen Zeugnis keinesfalls nur zur Versöhnung der Menschen da. Sie wurden eingesetzt, um eine Lösung für das objektive Schuldproblem der Menschen zu finden: Sünde und Schuld trennt uns von Gott und mündet letztlich in ein schreckliches Gericht Gottes – würde Gott nicht eingreifen und durch sein stellvertretendes Opfer einen Weg zu Vergebung und Versöhnung eröffnen, der seiner Liebe und Gnade ebenso entspricht wie seiner Gerechtigkeit und Heiligkeit. Gott nimmt unsere Sünde nicht auf die leichte Schulter. Wir haben keinen Schwamm-drüber-Gott. Wir haben einen Gott, der uns mit der ganzen Ernsthaftigkeit und Tragweite unserer Sünde konfrontiert – und uns zugleich beschenkt mit einem Weg, die Sünde loszuwerden:

“Ihr wisst ja: Ihr seid freigekauft worden von dem sinnlosen Leben, wie es eure Vorfahren geführt haben. Das ist nicht geschehen durch vergängliche Dinge wie Silber oder Gold. Es geschah aber durch das kostbare Blut von Christus, dem fehlerfreien und makellosen Lamm.” (1. Petrus 1,18+19)


[1] Georg Plasger: Für uns gestorben?, Vortrag von 2010, Siegen, https://www.reformiert-info.de/5655-0-56-3.html

[2] Matthias Drodofsky in: „glauben lieben hoffen – Grundfragen des christlichen Glaubens verständlich erklärt“. SCM R. Brockhaus, 2021, S. 69

[3] Matthias Drodofsky in: „glauben lieben hoffen – Grundfragen des christlichen Glaubens verständlich erklärt“. SCM R. Brockhaus, 2021, S. 69

Das Bibelverständnis der apostolischen Väter

Dieses Thema wird auch behandelt im Podcast Bibel-live #5 Der Gamechanger – Bibelverständnis Teil 2

Unter dem Oberbegriff „Apostolische Väter“ versteht man im Allgemeinen eine Sammlung von Schriften aus der ersten nachapostolischen Generation, geschrieben von Kirchenleitern, die sehr wahrscheinlich noch persönlichen Kontakt mit den von Jesus berufenen Aposteln hatten.

In dieser Zeit begann sich auch das Neue Testament zu formen (ohne dass es diesen Begriff damals schon gegeben hätte). Umso spannender ist die Frage: Welches Bibelverständnis hatten diese Leute? Wie sind sie mit den Schriften des Alten Testaments umgegangen? Und vor allem: Wie haben sie die Texte eingeschätzt, die wir heute im Neuen Testament vorfinden? War das für sie damals auch schon heilige Schrift?

Aufschluss zu diesen wichtigen Fragen geben vor allem 4 Schriften aus dem Kreis der apostolischen Väter:

  • Der Clemensbrief an die Korinther stammt vermutlich noch vom Ende des ersten Jahrhunderts. Clemens war etwa in den Jahren 91-101 Bischof von Rom (als zweiter oder dritter Nachfolger von Petrus).
  • Ignatius war Bischof in Antiochien. Etwa im Jahr 110 verfasste er auf dem Weg zu seinem Martyrium in Rom 7 Briefe an verschiedene Gemeinden sowie an Bischof Polykarp von Smyrna.
  • Polykarp lebte von ca. 69 bis 155 n.Chr. Ihm wurde vor allem ein guter Kontakt zum Jünger Johannes nachgesagt. Überliefert wurde von ihm ein Brief an die Gemeinde in Philippi, den er in der Zeit um das Jahr 120 geschrieben hat.
  • Auch Papias von Hierapolis soll ein Schüler des Apostels Johannes und zugleich ein Freund Polykarps gewesen sein. Von seinen 5 Büchern mit Auslegungen von Jesusworten, die er um das Jahr 120 verfasst hat, sind uns leider nur einzelne Fragmente überliefert.

Was lernen wir nun aus diesen Texten über das Bibelverständnis der Kirchenleiter aus der unmittelbaren nachapostolischen Zeit?

Höchste Wertschätzung und Unfehlbarkeit des Alten Testaments

Zunächst fällt auf: Der 1. Clemensbrief läuft geradezu über von Zitaten aus dem Alten Testament. Sie machen ein gutes Viertel des gesamten Textes aus! Das zeugt nicht nur von genauer Kenntnis sondern vor allem von höchster Wertschätzung für diese Texte. Tatsächlich hält Clemens sie für unfehlbare, heilige Worte Gottes, die vom heiligen Geist eingegeben sind:

„Die heiligen Schriften kennt ihr, Geliebte, und zwar gut, und ihr habt euch vertieft in die Worte Gottes.“ (1.Cl. 53, 1)

Die heiligen Schriften, die wahren, die vom Heiligen Geist eingegebenen, habt ihr genau durchforscht. Ihr wisst, dass nichts Unrechtes und nichts Verkehrtes in denselben geschrieben steht.“ (1.Cl. 45, 2+3)

Entsprechend leitet Clemens manche AT-Zitate ein mit der Formel:

Es sagt nämlich der Heilige Geist: …“ (1.Cl. 13,1)

Clemens rechnet sogar damit, dass Christus im Alten Testament spricht:

„All dies befestigt der Glaube an Christus. Denn auch er selbst redet durch den Heiligen Geist uns also an: …“ (1.Cl. 22, 1) Es folgt ein langes Zitat aus Psalm 33.

Die Schriftautorität der neutestamentlichen Texte

Für Clemens waren auch die Paulusbriefe vom Heiligen Geist inspiriert:

„Nehmt den Brief des seligen Paulus, des Apostels. Was hat er euch im Anfang seiner Predigt geschrieben? Wahrhaft vom Geist angeregt, hat er euch belehrt über sich selbst und über Kephas und über Apollo, weil ihr auch damals Parteien gebildet hattet.“ (1.Cl. 47, 1-3)

Besonders bemerkenswert ist im Clemensbrief ein gemischtes Bibelzitat, das er einleitet mit der Formel „…was geschrieben steht; es sagt nämlich der Heilige Geist: …“. Das Zitat selbst enthält eine Kombination von Worten aus Jeremia 9, 23+24 und der typischen Paulusformulierung „Wer sich rühmt, rühme sich im Herrn“ (1.Kor.1,31; 2.Kor.10,17). Offenbar sah also schon Clemens die Paulusbriefe als inspirierte „Schrift“ an.

Ganz eindeutig ist dies bei Polykarp gut 20 Jahre später der Fall. Er schreibt:

„Ich vertraue zu euch, dass ihr in den heiligen Schriften wohl bewandert seid; … Nur das sage ich, wie es in diesen Schriften heißt: „Zürnet, aber sündiget nicht“, und: „Die Sonne soll nicht untergehen über eurem Zorne.“ (12,1) Dabei bezieht sich das erste Schriftzitat auf Psalm 4,5, das zweite Schriftzitat auf Epheser 4,26. Hier wird also dem Paulustext genau die gleiche Schriftautorität beigemessen wie den Schriften des Alten Testaments.

Dazu muss man wissen, dass der Polykarpbrief ebenso wie der Clemensbrief prall gefüllt ist mit Bibelzitaten. Allerdings sind bei Polykarp bereits Zitate aus neutestamentlichen Texten vorherrschend. Er zitiert aus nicht weniger als 19 (!) der 27 neutestamentlichen Bücher, darunter die 4 Evangelien, die Apostelgeschichte, fast alle Paulusbriefe, der Jakobusbrief, der 1. Petrusbrief und 2 Johannesbriefe. Diese Bücher machen bereits etwa 85% Prozent des neutestamentlichen Textbestands aus! Demnach war der größte Teil des neutestamentlichen Textbestands schon in der ersten nachapostolischen Generation Grundlage und Maßstab für den Glauben der Christen.

Die einzigartige Autorität der Apostel

Ein weiterer wichtiger Befund ist: Keiner der apostolischen Väter wollte sich selbst oder seine Schriften mit den Texten der Apostel gleichstellen. So schrieb Ignatius in seinem Brief an die Trallianer:

Nicht soweit glaubte ich (gehen zu dürfen), dass ich, ein Verurteilter, wie ein Apostel euch befehle.“ (3,3b)

Das bedeutet: Obwohl er selbst ja Bischof war, hatten für ihn ausschließlich die Apostel uneingeschränkte Autorität. Genau gleich äußert sich Polykarp:

„Denn weder ich noch sonst einer meinesgleichen kann der Weisheit des seligen und berühmten Paulus gleichkommen, der persönlich unter euch weilte und die damaligen Leute genau und untrüglich unterrichtete im Worte der Wahrheit, der auch aus der Ferne euch Briefe schrieb, durch die ihr, wenn ihr euch genau darin umsehet, erbaut werden könnt in dem euch geschenkten Glauben.“ (3,2)

Entsprechend hielt der renommierte Neutestamentler Theodor Zahn fest: Die Möglichkeit, „dass ein Apostel in seinen an die Gemeinden gerichteten Lehren und Anweisungen geirrt habe könnte, hat offenbar im Vorstellungskreis der nachapostolischen Generation keinen Raum gehabt.“[1]

Klare Kriterien für die Kanonbildung

Diese Linie der unfehlbaren apostolischen Autorität wurde auch später in allen Diskussionen um die noch offenen und strittigen Kanonfragen beibehalten. Um entscheiden zu können, ob ein Text Schriftautorität besaß oder nicht (und ob er somit im Gottesdienst der Gemeinde vorgelesen werden durfte oder nicht) wurde immer gefragt:

  • Stammt der Text von einem Apostel oder zumindest aus der apostolischen Generation?
  • Stimmt er mit den von Beginn an unumstrittenen apostolischen Schriften und den in den Evangelien niedergelegten Lehren Jesu überein?

Wenn diese Fragen nicht mit „ja“ beantwortet werden konnten, dann wurden die Schriften zwar gegebenenfalls zur privaten Lektüre empfohlen, aber nicht zur Lesung im Gottesdienst. Damit wurde von Beginn an eine klare Grenze markiert zwischen heiligen, unfehlbaren Texten mit Schriftautorität und fehlerhaften Texten nachfolgender Theologen und Kirchenleiter.

Die Evangelien gehen auf Apostel zurück

Deshalb war auch früh die Frage von Bedeutung: Haben die Evangelien apostolische Autorität? Der Kirchengeschichtler Eusebius zitierte aus den ihm noch zugänglichen Büchern des Papias von Hierapolis folgende Aussage:

„Markus hat die Worte und Taten des Herrn, an die er sich als Dolmetscher des Petrus erinnerte, genau, allerdings nicht ordnungsgemäß, aufgeschrieben. Denn nicht hatte er den Herrn gehört und begleitet; wohl aber folgte er später, wie gesagt, dem Petrus, welcher seine Lehrvorträge nach den Bedürfnissen einrichtete, nicht aber so, dass er eine zusammenhängende Darstellung der Reden des Herrn gegeben hätte. Es ist daher keineswegs ein Fehler des Markus, wenn er einiges so aufzeichnete, wie es ihm das Gedächtnis eingab. Denn für eines trug er Sorge: nichts von dem, was er gehört hatte, auszulassen oder sich im Berichte keiner Lüge schuldig zu machen.“

Das Markusevangelium hatte also Autorität, weil es letztlich auf den Apostel Petrus zurückging. Das Matthäusevangelium schrieb Papias dem Jünger Matthäus zu. Ob er auch das Evangelium des Paulusbegleiters Lukas und das Johannesevangelium kannte, wissen wir nicht. Aber im Zusammenhang mit den zahlreichen neutestamentlichen Zitaten im Brief Polykarps wird deutlich: Diesen vier Evangelien wurde schon früh apostolische Autorität zugesprochen. Spätestens Ende des zweiten Jahrhunderts war die Kanonizität dieser 4 Evangelien trotz der Existenz vieler apokrypher Evangelien eindeutig geklärt.

Fazit: Die Heiligen Schriften als solides Fundament der Kirche

Die christliche Kirche hatte somit schon in der ersten nachapostolischen Generation neben den mündlichen Überlieferungen einen soliden Textbestand, um sich an der Lehre Jesu und der Apostel orientieren zu können. Das feste Vertrauen in die volle Autorität sowohl der alttestamentlichen Texte als auch der Schriften der Apostel und der Evangelien schuf eine solide Grundlage, um die schnell um sich greifenden Irrlehren (Doketismus, Gnosis, Marcionismus…) in die Schranken weisen, um Glaubensbekenntnisse entwickeln[2] und wichtige theologische Fragen entscheiden zu können.

(Unterstreichungen in den Zitaten wurden vom Autor dieses Artikels nachträglich vorgenommen)


[1] Theodor Zahn: Geschichte des neutestamentlichen Kanons, Bd. 1: Das Neue Testament vor Origenes, Teil 1, Erlangen 1888, S. 805.

[2] In seinem sehr empfehlenswerten Artikel „Plädoyer für das Apostolische Glaubensbekenntnis – den zeitlosen Klassiker“ weist Christian Haslebacher nach, dass zum Beispiel das apostolische Glaubensbekenntnis schon weitgehend in den Schriften des Kirchenvaters Irenäus dargestellt ist und dass dieser die Inhalte aus den apostolischen Schriften abgeleitet hat.

Zwei Bibelverständnisse im Kampf um die Herzen der Evangelikalen

Dieser Vergleich der 2 Bibelverständnisse wird mündlich erläutert im Podcast “Bibel live” Folge #4 Gamechanger Bibelverständnis-Teil 1.

Die Frage nach dem Bibelverständnis ist keine Nebensache. Letztlich prägt unser Bibelverständnis unser gesamtes Glaubensleben. Nicht umsonst stand diese Frage mit im Zentrum der Reformation.

Die evangelikale Welt erlebt momentan eine Auseinandersetzung zwischen zwei grundverschiedenen Bibelverständnissen. Allerdings wird diese Differenz kaum thematisiert. Nach meiner Beobachtung wird sie oft eher verschwiegen, verdrängt, verharmlost oder verschleiert. Dabei zeigt sich immer wieder: Zahlreichen Konflikten und Entfremdungsprozessen (samt den damit verbundenen Verlusten von Einheit und missionarischer Dynamik) unter Evangelikalen liegt letztlich diese Differenz beim Bibelverständnis zugrunde. Umso wichtiger ist es, dass wir den Schleier der Begriffshülsen und Strohmänner lüften und ehrlich darauf schauen, welcher Graben sich da auftut. Denn nur, wenn wir die Situation offen betrachten, können wir auch einen guten Umgang mit ihr finden.

Die beiden Bibelverständnisse werden nachfolgend als das „historische“ und das „progressive“ Bibelverständnis bezeichnet. Die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede lassen sich wie folgt zusammenfassen:

Gemeinsamkeiten

Beide Bibelverständnisse…

… grenzen sich von einem islamischen Schriftverständnis ab und bekennen: Die einzelnen biblischen Bücher wurden von Menschen geschrieben und geprägt. Die Bibel ist somit nicht nur Gottes Wort sondern auch voll und ganz Menschenwort.

… gehen davon aus, dass die Bibel an sich nicht göttlich ist. Christen singen und beten zu Gott, aber niemals zur Bibel. Jesus, der in der Bibel als DAS Wort Gottes bezeichnet wird, ist der Bibel immer vorgeordnet. Nur ihm gilt unsere Hingabe und Anbetung.

… sind sich einig, dass die Bibel auslegungsbedürftig ist. Bibelstellen müssen immer im biblischen Gesamtkontext verstanden werden. Die Textgattung, die Reichweite, die Adressaten sowie das historische und heilsgeschichtliche Umfeld müssen immer differenziert beachtet werden! Zum richtigen Verstehen der Texte wird zudem der Heilige Geist benötigt.

… formulieren übereinstimmend:
– Die Bibel ist Gottes Wort im Menschenwort.
– Die Bibel ist inspiriert.

Unterschiede

Trotz dieser scheinbar weitreichenden Übereinstimmungen gibt es grundlegende Differenzen mit weitreichenden Konsequenzen für den Umgang mit der Bibel, für das Verständnis biblischer Aussagen und somit für die Prägung des christlichen Glaubens insgesamt:

 Historisches BibelverständnisProgressives Bibelverständnis
Wesen und Charakter der biblischen Texte:Die Bibel ist Offenbarung des lebendigen Gottes.(1)Die Bibel ist ein Zeugnis der Offenbarung des lebendigen Gottes.(2)
Inwiefern ist die Bibel Gottes Wort?Die biblischen Texte sind Gottes verschriftlichte Worte.Gott kann biblische Texte gebrauchen, um sie für uns beim Lesen zu Gottes Wort zu machen.(3)
Die Inspiration der Bibel bezieht sich auf…… die Entstehung der Texte.(4)… die Rezeption und das Verstehen der Texte.(5)
„Gotteswort im Menschenwort“ bedeutet:Die Bibel ist ganz Menschenwort und ganz Gotteswort.Die Bibel ist ganz Menschenwort und kann Gottes Wort enthalten bzw. vermitteln.(6)
Gibt es Fehler und Widersprüche in der Bibel?Die Bibel enthält (7) keine Fehler und Widersprüche, weil Gott keine Fehler macht (8) und sich nicht selbst widerspricht (Unfehlbarkeit und Einheit der Schrift).Als menschliches Zeugnis der Offenbarung enthält die Bibel selbstverständlich zahlreiche Fehler und Widersprüche.
Kann man davon sprechen, dass „die Bibel“ etwas aussagt?Ja. Die Bibel macht als Gesamteinheit klare, verständliche Aussagen. (Klarheit der Schrift)„Die Bibel“ macht keine Aussagen. Vielmehr machen verschiedene biblische Autoren verschiedene, teils widersprüchliche Aussagen.
Ist inhaltliche Sachkritik an der Bibel möglich?Nein. Welcher Mensch könnte Gott kritisieren? Die menschliche Vernunft ist wichtig, steht letztlich aber unter Gottes Wort.Ja. Das menschlich fehlerhafte Zeugnis der Offenbarung Gottes kann auf der Basis heutiger Vernunft kritisiert werden.(9)
Ist die Bibel Maßstab für den christlichen Glauben, mit dem auch falsche Lehre identifiziert werden kann?Ja.(10)Nein, das kann sie angesichts ihrer Fehlerhaftigkeit, Widersprüchlichkeit und Vieldeutigkeit nicht sein. Sie ist eher Gesprächs- und Inspirationsgrundlage.(11)
Ist der Offenbarungsprozess mit Abschluss der Bibel abgeschlossen?Ja. Über die Bibel hinaus kann die Kirche keine grundlegend neuen Lehren mehr entwickeln. (Abgeschlossenheit der Schrift)Nein. Der Heilige Geist setzt den Offenbarungsprozess auch nach der Apostelgeschichte progressiv weiter fort.(12)

(1) So formuliert die deutsche evangelische Allianz in ihrer Glaubensbasis: „Die Bibel, bestehend aus den Schriften des Alten und Neuen Testaments, ist Offenbarung des dreieinen Gottes. Sie ist von Gottes Geist eingegeben, zuverlässig und höchste Autorität in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung.“ (Hervorhebung nachträglich)

(2) So heißt es in einem aktuellen Grundsatztext der EKD: „Die biblischen Texte werden gehört und ausgelegt als Gottes Wort im Menschenwort, das das endgültige Wort Gottes in Person und Wirken Jesu Christi bezeugt.“ (In: „Die Bedeutung der Bibel für kirchenleitende Entscheidungen“, S. 34)

(3) Dazu der Theologe Udo Schnelle: „Natürlich ist die Bibel das Wort Gottes. Sie ist es aber nicht an sich, sondern immer dann, wenn sie für Menschen zum Wort Gottes wird. In dem Moment, wo es Menschen erreicht und zum Glauben an Jesus Christus führt, wird die Bibel zum Wort Gottes.“ (Karsten Huhn im Gespräch mit Armin Baum und Udo Schnelle: Wie entstand das Neue Testament, in: idea Spektrum 23/2018, S. 19)

(4) Zum Beispiel gemäß 2. Petrus 1, 21: Denn niemals wurde eine Weissagung durch den Willen eines Menschen hervorgebracht, sondern von Gott her redeten Menschen, getrieben von Heiligem Geist.“

(5) Dazu Thorsten Dietz: „Inspiration ist insofern keine Inspiriertheit, keine mechanische Theorie, so und so sind diese Schriften entstanden. Inspiration ist ein Mitteilungs- und Erkenntnisraum, ein Mitteilungs- und Erkenntniszusammenhang, in dem gehört, gelesen, verstanden, bezeugt und gelebt wird.“ (im Worthausvortrag „Entstehung und Autorität des neutestamentlichen Kanons“, ab 1:22:15)

(6) Dazu Siegfried Zimmer: „Der Satz ‚Die Bibel ist Gottes Wort‘ meint: Gott kann und will durch die Bibel zu uns reden.“ In: „Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben?“, Göttingen 2012, S. 112

(7) … in Bezug auf den kanonischen Urtext im Rahmen der bibeleigenen Aussageabsicht und des zugrunde gelegten Wahrheitsverständnisses …

(8): Dazu der Theologe Heinzpeter Hempelmann: „Sowohl philosophische wie theologische Gründe machen es unmöglich, von Fehlern in der Bibel zu sprechen. Mit einem Urteil über Fehler in der Bibel würden wir uns über die Bibel stellen und eine bibelkritische Position einnehmen … Die Bibel ist als Gottes Wort Wesensäußerung Gottes. Als solche hat sie teil am Wesen Gottes und d.h. an seiner Wahrheit, Treue, Zuverlässigkeit. Gott macht keine Fehler.“ In: „Plädoyer für eine Hermeneutik der Demut, Theologische Beiträge 33 (2002)

(9) Dazu Siegfried Zimmer: „Eine Kritik an den Offenbarungsereignissen selbst steht keinem Menschen zu. … Die schriftliche Darstellung von Offenbarungsereignissen darf man aber untersuchen, auch wissenschaftlich und ‚kritisch‘.“ In: „Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben?“, Göttingen 2012, S. 88

(10) Dazu der Grundsatztext der EKD „Die Bedeutung der Bibel für kirchenleitende Entscheidungen“: „Die biblischen Texte sind das erste und grundlegende Wort, auf das Kirche, Theologie und Glaubensleben immer wieder rückgebunden sind, als Texte, die den kritischen Maßstab bilden und an dem die Traditionen und Lehrbildungen der Kirche zu prüfen sind. Der Kanon der biblischen Schriften ist allen anderen Traditionen als norma normans, das heißt als kritischer Maßstab vorgeordnet, so dass diese – wenn nötig – kritisiert werden können.“ (S. 49).

(11) Dazu Thorsten Dietz: „Man kriegt die Bibel nicht als Knüppel oder Maßstab oder Vereindeutigungsinstrument gegen alle Instanzen eindeutig in den Griff.“ … Der Gewinn, dass man in der Bibel eine hilfreiche Autorität sehen darf, „wird nicht selten so verspielt, dass man durch seine eigene Bibeltreue … meint zu wissen, die Wahrheit in der Tasche zu haben. Anders als die anderen, die irgendwie häretisch oder abgeirrt oder zu selbstbewusst oder zu verführt oder zu irregegangen oder wer weiß was sind. Hier wird Autorität bisweilen zum Autoritarismus, zum Anspruch absoluter Wahrheit, die sich nur durchdrücken kann, die unterdrückt, die nur auf Befehl und Gehorsam geeicht ist.“ (im Worthausvortrag „Entstehung und Autorität des neutestamentlichen Kanons“, ab 1:09.30 bzw. ab 1:12.00)

(12) Als klassische Beispiele werden die Überwindung des Patriarchats oder der Sklaverei angeführt. Entsprechend könne nun auch z.B. die biblische Sichtweise im Umgang mit Homosexualität auf Basis des biblischen Liebesgebots weiter entwickelt werden. Vertreter des historischen Bibelverständnisses entgegnen, dass die Überwindung von Patriarchat und Sklaverei schon sehr klar im Bibeltext angelegt ist, während es für eine Überwindung der ablehnenden Haltung gegenüber praktizierter Homosexualität keinerlei Indizien im biblischen Gesamtzeugnis gibt.

Gibt es einen brückenbauenden Mittelweg?

Es gibt Theologen, die einem progressiven Bibelverständnis folgen, der Bibel aber trotzdem mit großem Vorvertrauen begegnen und entsprechend kaum von Fehlern, Widersprüchen und von der Weiterentwicklung veralteter Sichtweisen reden. Entsprechend nähern sich dann die Auslegungsergebnisse an. Die Praxis in der evangelikalen Welt zeigt jedoch: Wenn der Anker des Offenbarungscharakters einer unfehlbaren, einheitlichen, klaren und abgeschlossenen Schrift erst einmal gelöst ist, dann tun sich schon bald auch in den allerzentralsten Glaubensfragen unüberbrückbare Gräben auf wie z.B. beim stellvertretenden Sühneopfer, bei der Leiblichkeit der Auferstehung, bei der Historizität der Heilsereignisse (z.B. Jungfrauengeburt), bei der Göttlichkeit Jesu, bei der Realität des kommenden Gerichts und der Sündhaftigkeit des Menschen.

Das hat vor allem zwei Gründe:

  • Die Vertreter eines progressiven Bibelverständnisses gehen meist wertschätzend mit den Einflüssen der universitären Bibelwissenschaft um. Vertreter des historischen Bibelverständnisses hingegen lehnen den an den Universitäten vorherrschenden Wissenschaftsbegriff ab, nach dem bei der Erforschung der Bibel nicht mit der Realität von Wundern und Offenbarung gerechnet werden darf. Entsprechend stehen sie Modellbildungen und exegetischen Ergebnissen, die auf diesem naturalistisch geprägten Wissenschaftsbegriffs basieren, kritisch gegenüber.
  • Im Rahmen des progressiven Bibelverständnisses ist eine kritische Auseinandersetzung mit falscher Lehre kaum möglich. Stattdessen werden Glaubensüberzeugungen eher “subjektiviert”, das heißt sie gelten nicht mehr objektiv für alle Gläubigen (so wie es Christen bislang in Glaubensbekenntnissen zum Ausdruck gebracht haben) sondern nur noch subjektiv für denjenigen, der eine Wahrheit für sich als Gottes Wort empfindet. Damit fehlt der Einheit in Gemeinden, Gemeinschaften und Kirchen schon bald das Fundament von gemeinsam geteilten Glaubensüberzeugungen. Entsprechend schwindet das gemeinsame Engagement.

Um der Einheit willen ist es angesichts der grundlegenden Differenzen und der weitreichenden Konsequenzen dringend notwendig, solche Differenzen beim Bibelverständnis offen anzusprechen.

Ist Jesus für unsere Scham gestorben?

„Jesus starb für mich!“ In diesen 4 Worten fasste der Prediger Charles H. Spurgeon seine Theologie zusammen. Aber warum tat Jesus das? Für mich war immer klar: Er starb für meine Schuld. Er nahm die Strafe, die ich verdiene, stellvertretend auf sich, damit ich leben kann – in Ewigkeit. In einem Artikel von Andreas Boppart las ich vor einiger Zeit jedoch:

„Er hing am Kreuz nicht nur mit unserer Schuld, sondern hat auch unsere Scham auf sich genommen, damit wir uns nicht mehr selbst schämen und auch nicht mehr andere beschämen müssen.“

Dazu erläutert er: Dass Jesus am Kreuz auch unsere Scham getragen hat, sollten wir heute mehr denn je betonen. Denn unsere Gesellschaft hat sich gewandelt. Aus der ehemaligen Schuldkultur ist eine Schamkultur geworden. Die Frage nach Schuld und Vergebung spielt für die Menschen praktisch keine Rolle mehr. Das hat Konsequenzen für ihre Empfänglichkeit für die christliche Botschaft: „Menschen, die sich nicht schuldig fühlen, brauchen keinen Christus, der am Kreuz für ihre Schuld stirbt.“

Aus dem gleichen Grund hatte zuvor schon Tobias Faix für einen alternativen „Scham-Annahme-Zugang“ zum Evangelium geworben, in dem das Thema Gemeinschaft eine zentrale Rolle spielt: „Gott ist Vater und Mutter. Der Mensch fragt, wie Gemeinschaft gelingen kann. Jesus kommt als der Versöhner, wenn das nicht gelingt. Jüngerschaft heißt Loyalität und Solidarität. Die Metapher ist Gemeinschaft haben. Und das Gute ist, Teil dieser Gemeinschaft zu sein.“[i] Im Vergleich dazu sei der „Schuld-Vergebungs-Zugang“ zum Evangelium zwar nicht falsch, aber viele Menschen verstünden ihn heute nicht mehr. Er liefert Antworten auf Fragen, die niemand mehr stellt.

Muss ich also den AiGG-Glaubenskurs umschreiben, weil hier immer noch Schuld und Vergebung im Mittelpunkt steht? Rede ich an den Menschen vorbei? Diese Frage hat mich beschäftigt. Und ich habe das getan, was schon die Menschen in Beröa taten: „Sie … forschten … in der Schrift, ob sich’s so verhielte.“ (Apg.17,11). Begonnen habe ich mit einer simplen Begriffsanalyse:

Eine Wort- und Spurensuche

Begriffe, die im „Scham-Annahme-Zugang“ eine Rolle spielen, kommen gemäß meiner Suche in der Basis-Bibel 391 mal vor, davon 89 mal im Neuen Testament. Begriffe, die zum „Schuld-Vergebungs-Zugang“ gehören, finden sich an 868 Stellen, davon 238 mal im Neuen Testament. Allerdings sind solche Zahlen wenig aussagekräftig. Häufigkeit korreliert in der Bibel nicht immer mit Bedeutsamkeit. Wesentlich wichtiger ist die Frage: Was sagen diese Stellen tatsächlich aus? Und wie bedeutsam sind sie für die große „Gesamt-Story“ der Bibel?

Ich habe mir alle 327 Verse im Neuen Testament angeschaut. Schnell wurde deutlich: Stellen mit Begriffen zum „Schuld-Vergebungs-Zugang“ sind nicht nur sehr viel häufiger. Viele davon sind zudem absolut grundlegend für die großen Erzählzusammenhänge der Bibel. Sie beantworten die grundlegendsten Fragen, die man als Bibelleser haben kann:

Was ist das große Grundproblem der Menschheit? Durch einen einzigen Menschen kam die Sünde in die Welt. Und durch die Sünde kam der Tod. So verfielen alle Menschen dem Tod. Denn alle Menschen haben Schuld auf sich geladen.“ (Röm.5,12)

Worin bestand Jesu Mission? „Er wird sein Volk retten: Er befreit es von aller Schuld.“ (Mt.1,21) „Seht doch! Das ist das Lamm Gottes. Es nimmt die Sünde dieser Welt weg! (Joh.1,29) „Christus Jesus ist in diese Welt gekommen, um die Sünder zu retten.(1.Tim.1,15) „Ihr wisst: Jesus Christus ist gekommen, um die Sünden wegzunehmen.“ (1.Joh.3,5)

Worin bestand Jesu Botschaft im Kern? Lasst euch taufen und ändert euer Leben! Gott will euch eure Schuld vergeben.“ (Lk.3,3)

Wem galt seine Botschaft? Ich bin nicht gekommen, um die Gerechten zu rufen, sondern die Sünder.“ (Mk.2,17)

Worin bestand Jesu Auftrag an die Jünger? Allen Völkern muss in seinem Namen verkündet werden: ›Ändert euer Leben! Gott will euch eure Schuld vergeben.‹ Fangt in Jerusalem an!“ (Lk.24,47)

Wofür hat Jesus sein Blut vergossen? „Dann reinigt uns das Blut von jeder Schuld, das sein Sohn Jesus für uns vergossen hat.“ (1.Joh.1,7) „Er liebt uns und hat uns durch sein Blut von unserer Schuld befreit.“ (Offb.1,5)

Worin bestand Jesu Erlösungswerk? „Der schenkt uns die Erlösung, die Vergebung unserer Sünden.“ (Kol.1,14)

Worin besteht im Kern Gottes neuer Bund mit den Menschen? „Das ist der Bund, den ich, der Herr, mit ihnen geschlossen habe. Er wird erfüllt, wenn ich ihre Sünden von ihnen nehme.“ (Röm.11,27)

Worum geht es beim Abendmahl? „Das ist mein Blut. Es steht für den Bund, den Gott mit den Menschen schließt. Mein Blut wird für die vielen vergossen werden zur Vergebung ihrer Sünden.“ (Mt.26,28)

Was stand im Zentrum der Botschaft der Apostel? „Ändert euer Leben! Lasst euch alle taufen im Namen von Jesus Christus. Dann wird Gott euch eure Schuld vergeben und euch den Heiligen Geist schenken.“ (Apg.2,38) „Ebenso bezeugen alle Propheten von Jesus: Durch die Macht seines Namens werden allen, die an ihn glauben, ihre Sünden vergeben.“ (Apg.10,43)

Was stand im Zentrum des Glaubens der ersten Christen? „Was ich euch weitergegeben habe, habe ich selbst als Überlieferung empfangen. Grundlegend ist: Christus ist für unsere Sünden gestorben, wie es in der Heiligen Schrift steht.“ (1.Kor.15,3)

Die genannten Stellen sind nur eine Auswahl. Beim Durchsehen der Bibelstellen haben sich mir noch viele weitere Verse aufgedrängt, die es verdient hätten, in diese Liste aufgenommen zu werden.

Beim Durchsehen der Verse mit Begriffen zum sogenannten „Scham-Annahme-Zugang” ergab sich hingegen ein vollkommen anderes Bild:

Redet die Bibel von einer „Entschämung“?

Mir ist keine Stelle begegnet mit der direkten Aussage, dass Gott uns von Scham befreit. Paulus schreibt den Römern sogar im Gegenteil, dass sie sich immer noch für ihre früheren Sünden schämen (Röm.6,21). Zugleich hält er aber fest, dass Gott uns mit Ehre“, also mit dem Gegenteil von Scham beschenkt: Aber jedem, der Gutes tut, schenkt Gott Herrlichkeit, Ehre und Frieden.“ (Röm.2,10) Zum Thema „Schande“ lesen wir im Hebräerbrief: „Mose setzte sich derselben Schande aus, die auch Christus auf sich nahm.“ (Heb.11,26) „Wir wollen die Schande auf uns nehmen, die er zu tragen hatte.“ (Heb.13,13). Christus hat am Kreuz also Schande auf sich genommen. Warum er das getan hat, wird im Vers davor erläutert: „So hat er durch sein eigenes Blut das Volk heilig gemacht.“ (Heb.13,12) Jesus hat die Schande also ertragen, damit unsere Sünde getilgt wird.

Sehr viel mehr sagt das NT zum Thema Versöhnung: Als wir noch Feinde waren, wurden wir mit Gott versöhnt durch den Tod seines Sohnes. … Wir dürfen regelrecht stolz darauf sein, dass wir zu Gott gehören. Das verdanken wir Jesus Christus, unserem Herrn. Durch ihn haben wir jetzt schon die Versöhnung erlangt.“ (Röm.5,10+11) Der Tod Jesu versöhnt uns also. Paulus spricht sogar davon, dass wir stolz sein dürfen. In Kolosser 1,20 ergänzt er: Er wollte, dass alles durch ihn Versöhnung erfährt. … Denn er hat Frieden gestiftet durch das Blut, das er am Kreuz vergossen hat.“ Die Frage ist: Wie kann der Tod und das Blut Jesu Versöhnung bewirken? Dazu stellt Paulus im Korintherbrief klar: „In Christus war Gott selbst am Werk, um die Welt mit sich zu versöhnen. Er hat den Menschen ihre Verfehlungen nicht angerechnet.“ (2.Kor.5,18-19) Auch beim Thema “Versöhnung” geht es also darum, dass „Verfehlungen nicht angerechnet“ werden. Noch deutlicher schreibt Johannes dazu: Er hat unsere Schuld auf sich genommen und uns so mit Gott versöhnt.“ (1.Joh.2,2, siehe auch 4,10) Versöhnung und Vergebung gehören also untrennbar zusammen.

Biblische Bilder voll Würde, Ehre und Versöhnung

Es reicht aber nicht, die Bibel nach Begriffen abzusuchen. Die Bibel erzählt viele Wahrheiten in Bildern und Geschichten. So spricht sie zum Beispiel davon, dass wir von Gott als seine Kinder angenommen werden (Joh.1,12), dass wir geadelt werden als „Botschafter“ (2.Kor.5,20), „Freunde“ (Joh.15,15), „Erben“ (Röm.8,17), „Könige und Priester“ (1.Pet.2,9). All das ist tatsächlich das Gegenteil von Scham.

Immer wieder wird aber auch deutlich: Auch für diese Zusprüche ist die Vergebung und Erlösung am Kreuz die Basis: „Wenn wir Kinder sind, dann sind wir aber auch Erben: Erben Gottes und Miterben von Christus. Voraussetzung ist, dass wir sein Leiden teilen. Denn dadurch bekommen wir auch Anteil an seiner Herrlichkeit.“ (Röm.8,17)

Die Folgen von Schuld: Scham und ein schlechtes Gewissen

Am Kreuz wird somit zurückgedreht, was die Menschen sich beim Sündenfall eingebrockt hatten: Adam und Eva hatten gegen Gottes Gebot verstoßen. Sie haben gesündigt – und sich in der Folge vor Gott geschämt. Scham war also die Konsequenz der Sünde. Dieses Prinzip findet man noch öfter im Alten Testament, zum Beispiel in Jeremia 3,25: „In unserer Schande liegen wir da, unsere Schmach bedeckt uns. Denn wir haben Sünden begangen.“ (vgl. auch Jer.6,15; Esr.9,6; Hes.36,31-33; Dan.9,8; Röm.6,20-21).

Im Zusammenhang mit Scham spielt auch unser Gewissen eine wichtige Rolle. Das NT macht deutlich: Das Blut Jesu sowie die Taufe kann uns vom schlechten Gewissen befreien: „Denn unsere Herzen sind besprengt worden mit dem Blut von Jesus. So wurde unser Gewissen rein von der Schuld, die es belastet.“ (Hebr.10,22) „Bei der Taufe wird nicht Schmutz vom Körper gewaschen. Vielmehr ist sie die an Gott gerichtete Bitte um ein reines Gewissen.“ (1.Petr.3,21) Die „Ent-schämung“ basiert also auch hier auf der „Ent-schuldung“.

Meine kleine biblische Analyse zur Frage, ob Jesus auch für unsere Scham gestorben ist, kommt also zu einem überraschend klaren Ergebnis:

Ja: Jesus ist auch gestorben, um uns zu „ent-schämen“

Jesu Tod am Kreuz hat gemäß dem biblischen Zeugnis ohne Zweifel auch eine „Ent-Schämung“, eine Versöhnung und eine Wiederherstellung unserer Würde und Ehre zur Folge. Das ist eine gute Nachricht für die vielen Menschen in unserer Gesellschaft, die leiden unter einer durch das Internet massiv forcierten Schamkultur, in der Menschen sich ausgegrenzt, abgehängt und unwürdig fühlen. Die gute Nachricht ist: Jesus verleiht uns Würde. Er spricht uns Annahme und Wert zu. Unser himmlischer Vater gibt uns Heimat, Identität und Geborgenheit. Diese herrlichen Wahrheiten sind wichtige Anknüpfungspunkte zur Verkündigung des Evangeliums in einer Gesellschaft, die kaum noch über objektive Schuld nachdenkt und keinen Bedarf auf Vergebung sieht. Auch im AiGG-Glaubenskurs ist die Frage nach Identität, Wert und Annahme der erste, zentrale Anknüpfungspunkt. Zugleich gilt aber auch:

Keine “Entschämung” ohne “Entschuldung”!

Unsere Evangeliumsbotschaft bleibt unvollständig und oberflächlich, wenn wir verschweigen, woher unsere Scham letztendlich kommt. Ihre tiefste Ursache liegt in unserer Verstrickung in Sünde, in unserer Ignoranz gegenüber unserem Schöpfer, seiner Liebe, seiner Gerechtigkeit und seinen Geboten für ein gelingendes Leben. Die Wiederherstellung unserer Ehre und Würde gelingt nur über das Kreuz, über die Vergebung unserer Schuld und die Erneuerung unseres Lebens durch den Heiligen Geist.

Schuld und Scham sind somit keine alternativen Zugänge zum Evangelium, zwischen denen wir wählen können. Schuld ist und bleibt unser zentrales Problem. Auch Menschen, die sich nicht schuldig fühlen, brauchen Christus, der am Kreuz für ihre Schuld stirbt. Denn die Überwindung der subjektiven Scham basiert letztlich auf der Beseitigung der objektiven Schuld, die real vorhanden ist und uns von Gott und vom Heil trennt – ob wir sie wahrnehmen oder nicht. Wo nur noch von Annahme und Versöhnung die Rede ist und das Schuldproblem nicht mehr im Mittelpunkt steht, da sind wir bei einem anderen Evangelium gelandet, das sich nicht auf die Bibel berufen kann.

Das Wichtigste muss das Wichtigste bleiben!

Als Jesus den Gelähmten heilte, den seine Freunde durchs Dach heruntergelassen hatten, sagte er etwas Überraschendes: „Nur Mut, mein Kind! Deine Sünden sind dir vergeben!“ (Mt.9,2) Damit hatte niemand gerechnet. Das offenkundige Problem dieses Mannes war ja nicht seine Sündenschuld, sondern seine Krankheit. Indem Jesus die Vergebung vor die erhoffte Heilung stellt, macht er deutlich: Schuld ist auch dann das zentrale Problem, wenn wir sie überhaupt nicht auf dem Schirm haben.

Egal, was wir uns von Jesus wünschen: Er wird uns irgendwann immer auf unser Kernproblem ansprechen: Unsere Schuld, die uns von Gott und seiner Liebe trennt und uns letztlich den Tod bringt. Es wird deshalb auch für uns  immer eine entscheidende Aufgabe bleiben, die Menschen zu diesem Zentrum unserer Probleme hinzuführen. Tun wir das nicht, sind wir wie ein Arzt, der einem Menschen seinen Wunsch nach einem Schmerzmittel erfüllt, ihm aber zugleich nicht ehrlich sagt, dass die Schmerzen von einer sehr viel grundlegenderen Krankheit verursacht werden, mit der wir uns unbedingt auseinandersetzen müssen, um unser Problem zu lösen.

Der Heilige Geist ist unser Kommunikationshelfer

Auch, wenn unsere Gesellschaft für das Schuldthema „unmusikalisch“ geworden ist: Wir dürfen zuversichtlich sein, dass es trotzdem heute noch gelingen kann, diese Botschaft zu vermitteln. Jesus hat versprochen: Der Heilige Geist hilft uns, den Menschen ihr Schuldproblem aufzuzeigen. Genau das ist sein wichtigster Job: „Wenn dann der Beistand kommt, wird er dieser Welt die Augen öffnen – für ihre Schuld, für die Gerechtigkeit und das Gericht.“ (Joh.16,8)

Im Vertrauen auf den Heiligen Geist können und sollen wir zur richtigen Zeit und in geeigneter Form mit den Menschen auch über die Realität ihrer Schuld sprechen. Denn wenn die Bibel recht hat, dann ist Schuld ihr zentrales Problem. Es wäre schlicht lieblos, dieses Thema den Menschen zu verschweigen.


[i] Tobias Faix: Warum ist Spiritualität in und Kirche out, Vortrag vom 10.5.2018, Kassel, https://www.baptisten.de/aktuelles-schwerpunkte/bundesratstagung-2018/nachlese/audio-vortrag-tobias-faix, ab 37:29.

Jetzt Neu: Bibel live – Der AiGG-Podcast

Worum geht es im neuen AiGG-Podcast?

Seit jeher haben Christen geglaubt, dass die Bibel „Gottes Wort“ ist. Damit meinten die Reformatoren, dass die Bibel zwar von Menschen geschrieben ist, dass die biblischen Texte zugleich aber von Gottes Geist inspiriert sind. Aber kann man das heute noch guten Gewissens glauben? Hat die Wissenschaft nicht längst bewiesen, dass die Bibel zahllose sachliche und theologische Widersprüche enthält? Ist sie nicht voller Fehler in ihren historischen Angaben und in ihrem Weltbild? Sind die Wunderberichte nicht eher Märchen und Mythen? Diese und weitere Fragen beschäftigen viele Christen. Dieser Podcast will zeigen: Niemand muss seine Vernunft an der Kirchentür abgeben, wenn er seinen Glauben auf die Aussagen der Bibel gründet. Es gibt gute und vernünftige Gründe, der Bibel auch heute noch zu vertrauen. Die rund 45 Minuten langen Folgen von „Bibel live“ liefern Denkfutter zu den heißesten Themen rund um das Buch der Bücher, Antworten auf schwierige Fragen und vor allem Lust und Leidenschaft für dieses einmalige Buch, das auch heute noch kraftvoll und lebendig ist.

Die Homepage zum Podcast: https://bibel-live.aigg.de

Den Bibel live-Podcast findest Du außerdem auf Spotify und Apple Podcasts:

Bibel live auf Spotify: https://open.spotify.com/show/6pETBlgAJ55C1m9JesOVx8

Bibel live auf Apple Podcasts: https://podcasts.apple.com/us/podcast/bibel-live-der-aigg-podcast/id1574213440

Folge 1: Gewalttexte in der Bibel – wie ist das zu verstehen?

Gott ist Liebe! Er ruft uns auf, sogar unsere Feinde zu lieben! Darüber reden Christen gern und oft. Aber wie passt das zu den Texten in der Bibel, in denen über Krieg und Gewalt gesprochen wird – und in denen angeblich sogar Gott selbst dazu aufruft? Ist der Gott des Alten Testaments etwa ganz anders als der Gott des Neuen Testaments? Vermittelt das Alte Testament ein veraltetes Gottesbild? Das sind spannende Fragen mit weitreichenden Konsequenzen für unseren Umgang mit der Bibel und letztlich für unser ganzes Christsein.

Hier gehts zur Podcastfolge:

Gewalttexte in der Bibel – wie ist das zu verstehen?

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Hast Du einen Wunsch, welches Thema im Podcast mal behandelt werden sollte? Dann schreib mir! Ich freue mich, von Dir zu hören.

Der Stern von Bethlehem – Mythos oder Geschichte?

Der Stern von Bethlehem ist fester Bestandteil unserer alljährlichen Weihnachtsromantik. Aber gerade dieser Stern ist es auch, der viele Menschen gegenüber der Weihnachtsgeschichte skeptisch werden lässt. Da kommen „Weise“ aus dem „Morgenland“ nach Jerusalem und fragen nach dem neugeborenen König der Juden, denn: Sie „haben seinen Stern aufgehen sehen“. Und genau dieser Stern „ging vor ihnen her, bis er über dem Ort stand, wo das Kindlein war.“ (Matthäus 2, 2+9) Kein Wunder, dass seit jeher Menschen gefragt haben: Von welchem Stern redet Matthäus da? Wie konnte ein Stern vor ihnen hergehen? Und wie kann ein Stern stehen bleiben? Das klingt doch alles so märchenhaft, dass man dazu neigt, gleich die ganze Geschichte ins Reich der Mythen und Legenden zu verbannen.

Stilbildend für viele Darstellungen des Sterns wurde ein Gemälde des Malers Giotto di Bondone aus dem Jahr 1305. Er stellte den Stern als Komet dar, wahrscheinlich ganz einfach deshalb, weil er den Halley’schen Komet kurz zuvor selbst beobachten konnte. Trotzdem ist es sehr unwahrscheinlich, dass Matthäus bei seinem Bericht von einem Komet spricht. Kometen galten damals als Unglücksboten und waren somit ein völlig unpassendes Symbol für das Kommen eines neuen Herrschers.

Der Astronom Johannes Kepler beobachtete im Jahr 1604 eine Supernova mitten in einer besonderen Planetenkonstellation, über die wir gleich noch genauer sprechen werden. Und weil diese Konstellation auch zur Zeit von Jesu Geburt auftrat, stellte er die Vermutung an, dass es vielleicht auch damals eine Supernova gegeben haben könnte. Aber auch diese These wurde inzwischen verworfen. Denn von einer solchen Supernova müssten wir heute noch Reste finden. Das ist aber nicht der Fall.

Aber wovon schrieb Matthäus dann? Im Dezember 2020 ging eine überraschende Meldung durch die Presse: Der Stern von Bethlehem steht wieder am Himmel! Was war da gemeint? Am 21. Dezember 2020 war ein seltenes Schauspiel am Himmel zu sehen (wenn man denn das Glück hatte, dass es nicht von Wolken verdeckt wurde): Die Planeten Jupiter und Saturn näherten sich einander so sehr an, dass beide Planeten förmlich zu verschmelzen schienen und gemeinsam als heller Stern am Himmel leuchteten. Eine solche Annäherung zwischen Jupiter und Saturn nennt man „große Konjunktion“. Sie findet etwa alle 20 Jahre statt, wenn auch meistens nicht ganz so dicht wie im Jahr 2020. Sehr selten kommt es sogar zu einer sogenannten „größten Konjunktion“, bei der sich Jupiter und Saturn gleich 3 mal in einem Jahr begegnen. Um dieses Phänomen zu verstehen muss man wissen, dass die Erde als vergleichsweise sonnennaher Planet schneller seine Runden um die Sonne dreht als die weiter entfernten Planeten Jupiter und Saturn. Wenn die Erde auf ihrer Bahn um die Sonne die weiter entfernt kreisenden Planeten überholt, dann sieht es für Beobachter auf der Erde so aus, als würden sich Jupiter und Saturn eine Zeit lang rückwärts bewegen. Wenn das während einer Konjunktion geschieht, dann treffen sich Jupiter und Saturn während eines Jahres nicht nur einmal sondern gleich drei mal (schön visualisiert in diesem Video ab Min. 6:06).

Genau zu einem solchen extrem seltenen Spektakel kam es im Jahr 7 vor Christus (bzw. im Jahr 6 vor Christus nach astronomischer Zeitrechnung). Nach übereinstimmender Meinung der meisten Historiker fällt dieses Jahr in den kurzen Zeitraum, der für das Geburtsjahr von Jesus am wahrscheinlichsten ist. In diesem Jahr trafen sich Jupiter und Saturn im Mai, im Oktober und im Dezember.

Ohne Zweifel wurde dieses extrem außergewöhnliche Ereignis sowohl von den Astronomen als auch von den Astrologen der damaligen Zeit aufmerksam verfolgt. Der Gedanke liegt also nahe, dass dieses Himmelsschauspiel auch der Auslöser für die Reise der Weisen nach Jerusalem gewesen sein könnte. Allerdings gab es an dieser Theorie auch Zweifel. Denn zwar kamen sich die Planeten Jupiter und Saturn im Jahr 7 vor Christus nahe, aber sie „verschmolzen“ optisch doch nie zu einem einzigen Stern, wie es im Jahr 2020 der Fall war. Sie waren immer deutlich voneinander getrennt am Himmel zu sehen. Bei Matthäus ist aber nur von 1 Stern die Rede, dazu noch von einem aufgehenden Stern. Was könnte damit gemeint sein?

Im Jahr 1999 veröffentlichte der amerikanische Physiker und Astronom Michael Molnar ein Buch über den Stern von Bethlehem, das seither die Fachwelt beschäftigt. Im Jahr 2014 fand sogar eine interdisziplinäre Tagung zu den Thesen Molnars statt. Molnar hatte sich intensiv mit den Weisen aus dem Morgenland beschäftigt. Wörtlich übersetzt ist bei Matthäus ja nicht nur einfach von „Weisen“ die Rede sondern von „Magoi“ was man auch mit „Sterndeuter“ oder „Astrologen“ übersetzen könnte. Bisher ging man zumeist davon aus, dass diese Sterndeuter eher von der babylonischen Kultur geprägt waren. Molnar glaubte jedoch, dass die Region östlich von Palästina durch die Eroberungszüge von Alexander dem Großen schon längst hellenisiert und somit griechisch geprägt war. Deshalb musste man sich mit der griechischen und nicht mit der babylonischen Astrologie beschäftigen, um die Denkweise der „Magoi“ aus dem Morgenland zu verstehen.

Wie haben diese Leute ein Horoskop erstellt? Bekannt ist zum Beispiel ein Horoskop für Kaiser Hadrian aus dem Jahr 76 nach Christus. Eine wichtige Rolle spielte darin der Planet Jupiter, der als königlicher Planet galt. Als wichtig wurde aber auch die Nähe zu Mond, Venus und Mars angesehen. Wer nach diesem Muster ein Horoskop für den 17. April des Jahres 7 v.Chr. erstellt, erhält ein noch viel „königlicheres“ Horoskop! Denn hier standen die Planeten Merkur, Mars, Saturn und Venus gemeinsam mit dem Mond, der Sonne und dem königlichen Jupiter in einer Reihe. Dazu muss man wissen, dass die Astrologen der damaligen Zeit ihre Aufmerksamkeit vor allem dem „Stern” widmeten, der kurz vor Sonnenaufgang auftaucht und zuletzt sichtbar wird, bevor das Tageslicht alle Sterne überstrahlt. Am 17. April 7 v. Chr. war der königliche Planet Jupiter der zuletzt aufgehende „Stern“. Und er stand dabei in einer linearen Reihe mit der Sonne, Mond und mehreren Planeten, was als starker Hinweis auf die Geburt eines neuen Königs verstanden werden konnte. Dazu kam: Der Jupiter ging im Sternbild Widder auf, das damals auch mit dem Gebiet Judäa in Verbindung gebracht wurde.

Vor diesem Hintergrund wird verständlicher, was Matthäus in Vers 2 eigentlich gemeint hat. Denn der Satz: „Wir haben seinen Stern aufgehen sehen“ kann auch so übersetzt werden: „Wir haben seinen Stern im Aufgang erblickt“. Das war für den damaligen Leser eine gängige astrologische Formulierung, die den zuletzt aufgehenden Stern kurz vor Sonnenaufgang beschrieb. Ausführlicher hätte Matthäus auch schreiben können: Wir haben den Stern eines neuen Königs in Judäa im Aufgang erblickt. Dass Matthäus den Namen Jupiter lieber nicht namentlich nennen wollte ist verständlich, weil er selbst wohl lieber nichts mit Astrologie zu tun haben wollte.

Wenn die „Magoi“ in einem weit von Jerusalem entfernten östlich gelegenen Land tatsächlich im April auf die Ankunft eines neuen Königs aufmerksam wurden, dann wäre das wegen der sommerlichen Hitze eine schlechte Zeit zum Reisen gewesen. Trotzdem blieb angesichts der spektakulären ganzjährigen „grössten Konjunktion“ von Jupiter und Saturn ohne Zweifel die Aufmerksamkeit der Sterndeuter den ganzen Sommer über hoch. Als sie sich dann schließlich im Herbst nach Jerusalem aufmachten, standen Jupiter und Saturn vereint am südlichen Himmel, also in Richtung Bethlehem. Und gerade in dieser Zeit konnten sie verfolgen, wie Jupiter und Saturn eine Zeit lang „rückwärts“ wanderten und dann schließlich für kurze Zeit relativ zu den Sternen „stehen blieben“ – bevor sie schließlich erneut die Richtung umkehrten.

Der Sternhimmel am 12. November 7 v. Chr. über Jerusalem in Richtung Süden

Hat Matthäus vielleicht genau das gemeint? War der „rückwärts“ laufende königliche Jupiter der “Stern”, der „vor ihnen herging“ und schließlich stehen blieb, als sie das Kind in Bethlehem gefunden hatten? Genau davon geht jedenfalls der Astronom Michael Molnar aus.

Der Astrophysiker Prof. Heino Falcke war 2014 selbst bei der Tagung dabei, bei der über Molnars Thesen gestritten wurde. In seiner Nachbetrachtung zu der Konferenz schrieb Falcke folgendes:

„Ich persönlich habe versucht, in dieser Angelegenheit die Rolle eines objektiven Richters zu spielen, mich von vorgefasster Voreingenommenheit zu befreien und diesen Workshop mit einem eher offenen und vielleicht sogar naiven Geist zu betreten. Ich war also gleichermaßen bereit zu akzeptieren, dass die Geschichte komplett erfunden sein könnte oder tatsächlich eine genaue Beschreibung der Ereignisse um die Geburt Jesu Christi war. … Je mehr ich über die Weisen erfuhr, desto mehr entpuppte sich die Geschichte bei Matthäus als ein Meisterwerk biblischer Schreibkunst, das nicht nur theologische Bedeutung transportiert, sondern auch in der Lage ist, den historischen Kontext in wenigen nüchternen Zeilen zu verdichten – ganz anders als die Wundergeschichte, die ich noch aus Kindheitserinnerungen im Kopf hatte.“

Ist jetzt also sicher geklärt, was es mit dem Stern von Bethlehem auf sich hatte? Sicher nicht. Der Streit der Experten wird weitergehen. Für den Glauben ist es auch nicht entscheidend, was genau die richtige Erklärung ist. Aber so viel ist sicher: Wenn sich ein Bibeltext „märchenhaft“ anhört, heißt das noch lange nicht, dass wir ihn vorschnell ins Reich der Gleichnisse und der Bildersprache verweisen dürfen. Der Gott der Bibel ist ein Gott, der ganz reale Geschichte schreibt. Es könnte auch ganz einfach an unserer Unkenntnis der damaligen Situation und an sprachlichen Feinheiten liegen, warum wir uns mit dem Verständnis mancher biblischer Angaben so schwer tun.

Auch der Stern von Bethlehem rüttelt jedenfalls nicht daran, dass die Geburtsgeschichten in den Evangelien vertrauenswürdig sind. Und der Umstand, dass hier offenbar Menschen durch Beschäftigung mit Astrologie zu Jesu fanden, zeigt mir: Gott kann auch heute noch die verrücktesten Umstände gebrauchen, um Menschen das wahre Wunder von Weihnachten zu offenbaren und sie zu Anbetern des einzig wahren menschgewordenen Gottessohns zu machen.


Eine wertvolle Quelle für die Recherchen zu diesem Artikel war der Blogartikel „The Star of Bethlehem – a mystery (almost) resolved?“ von Prof. Heino Falcke. Darin sind auch einige veranschaulichende Abbildungen enthalten.

Das wunderkritische Paradigma – Der heimliche Spaltpilz der Christenheit

Dürfen Theologen in ihrer bibelwissenschaftlichen Arbeit damit rechnen, dass Wunder wirklich geschehen sind und Propheten die Zukunft vorhersagen konnten? Leider wissen nur wenige Christen, dass diese einfache Frage bei vielen theologischen Umwälzungen der letzten beiden Jahrhunderte mit im Zentrum stand. Das wunderkritische Paradigma wirkt gerade deshalb so spaltend, weil es so selten offen angesprochen wird. Angesichts der enorm weitreichenden Konsequenzen für die Christenheit ist es höchste Zeit, das zu ändern.

Diesen Artikel gibt es auch als…
PDF zum Download
… Kurzfassung in idea-Spektrum Ausgabe 38.2020
Vortragsvideo auf YouTube
… Audio-Vortrag als mp3 zum Anhören und Downloaden:

Naturwissenschaftler erforschen die Welt vor allem durch genaue Beobachtung und reproduzierbare Experimente. Dabei gehen sie davon aus, dass sich für jedes Naturphänomen eine natürliche, naturgesetzliche Erklärung finden lässt. Diese Selbstbeschränkung auf natürliche Erklärungen ist selbst aber kein Ergebnis wissenschaftlicher Forschung sondern vielmehr eine Denkvoraussetzung.

Wunder könnten – wenn es sie gäbe – weder reproduzierbar beobachtet und erst recht nicht experimentell nachgestellt werden. Sie entziehen sich somit grundsätzlich der naturwissenschaftlichen Methodik. Das gilt ganz besonders für Wunder aus fernen vergangenen Zeiten. Bei geschichtlichen Ereignissen handelt es sich generell um einmalige, nicht mehr beobachtbare und nicht reproduzierbare Vorgänge. Die Frage nach der Möglichkeit von (historischen) Wundern ist deshalb prinzipiell wissenschaftlich nicht beantwortbar.

Die Entscheidung, in der Forschung nicht mit übernatürlichen Vorgängen zu rechnen, ist deshalb dem Bereich der „Paradigmen“ zuzuordnen. Ein Paradigma ist eine grundsätzliche, dem wissenschaftlichen Arbeiten vorgeordnete Denkweise. Prof. Uwe Zerbst schreibt dazu in Berufung auf die Wissenschaftstheoretiker Thomas S. Kuhn und Alan Chambers: Grundlage eines Paradigmas ist der freiwillige Konsens einer möglichst großen Gruppe von Wissenschaftlern, wie in der betreffenden Disziplin „richtig“ geforscht wird. … Anhänger konkurrierender Paradigmen leben … in gewisser Weise „in verschiedenen Welten“, was sich unter anderem darin zeigt, dass für sie ganz unterschiedliche Fragen legitim oder bedeutsam sind.[1] In der Wissenschaft spielen also außerwissenschaftliche Vorannahmen eine weit größere Rolle, als viele Laien und auch so manche Wissenschaftler denken.[2]

Ist die Selbstbeschränkung auf natürliche Ursachen grundlegend für wissenschaftliches Arbeiten?

Angesichts des Siegeszugs der Naturwissenschaften mit allen daraus resultierenden Fortschritten in Medizin und Technik glauben viele Menschen, dass die Beschränkung auf natürliche Ursachen generell die Grundlage jeglicher seriöser Wissenschaft wäre. Aber das ist ein Irrtum. Wissenschaft muss ergebnisoffen nach Wahrheit suchen. Jede außerwissenschaftliche Grund­annahme muss sich immer wieder fragen lassen, ob sie ihrem jeweiligen Forschungsgegenstand gerecht wird und zu schlüssigen Ergebnissen führt. Um es mit den Worten des berühmten Wissenschaftstheoretikers Karl Popper zu sagen: „Ein empirisch-wissen­schaftliches System muss an der Erfahrung scheitern können.[3] Es muss also widerlegbar („falsifizierbar“) sein, um als wissenschaftlich gelten zu dürfen.

Das gilt auch für die Selbstbeschränkung auf natürliche Ursachen. So erfolgreich und sinnvoll dieser Ansatz bei der Erforschung der Welt auch war, bei der Frage nach der Entstehung der Welt hat er sich als weit weniger fruchtbar erwiesen. Die Annahme, dass die DNA als biologischer Informationsträger ein Produkt von sich selbst organisierender Materie sei, konnte bislang durch wissenschaftliche Beobachtungen und Experimente nicht erhärtet werden. Gleiches gilt für die Frage, wie die fein aufeinander abgestimmten Bausteine des Universums, die komplexen molekularen Maschinen, die hocheffizienten biologischen Baupläne und der selbst-bewusste menschliche Geist entstehen konnten. Trotz jahrzehntelanger intensiver Forschung zeichnen sich bei keiner dieser Fragen solide Erklärungen für natürliche Entstehungswege ab.[4] Könnte es sein, dass der Ansatz, der bei der Erforschung der Welt so überaus erfolgreich war, bei der Erforschung der Entstehung der Welt versagt, weil er diesem völlig anderen Forschungsgegenstand vielleicht gar nicht gerecht wird? Wäre es angesichts des anhaltenden Scheiterns vielleicht angemessen, speziell bei den Ursprungsfragen einen Paradigmenwechsel in Erwägung zu ziehen und die Option der Wirksamkeit eines übernatürlich wirkenden, ordnenden Geistes dort wieder zuzulassen?

Unwissen­schaftlich wäre das nicht, im Gegenteil: Es wäre ein Verstoß gegen die Freiheit des wissenschaftlichen Denkens, mögliche Optionen, die wahr sein könnten, prinzipiell dauerhaft auszuschließen. Wirklich unwissenschaftlich wäre es, wenn ein Paradigma sich grundsätzlich und dauerhaft dem Wettbewerb mit anderen Paradigmen verschließt.

Sollte sich auch die Bibelwissenschaft auf natürliche Ursachen beschränken?

Auffällig ist, dass genau die gleiche Frage, die weltweit in der Ursprungsforschung für Unruhe sorgt, auch in der Bibelwissenschaft eine enorme Rolle spielt. Spätestens seit dem 19. Jahrhundert steht auch hier die These im Raum, dass eine Selbstbeschränkung auf natürliche Erklärungen (also ein „wunderkritisches Paradigma“) die allgemeine Grundlage für seriöses bibelwissenschaftliches Arbeiten sein sollte. Entsprechend schreibt der Theologe Prof. Armin D. Baum: Seit dem 19. Jahrhundert wird das Adjektiv ,,kritisch“ auch mit der Bedeutung prinzipiell „wunder-kritisch“ verwendet.[5]

Bis dahin hatte sich das theologische Denken der Kirche weitgehend am biblischen Weltbild orientiert.[6] Die Bibel geht zwar genau wie die moderne Naturwissenschaft davon aus, dass in der Welt in aller Regel nur natürliche Kräfte am Werk sind. Aber bei der Ursprungsfrage rechnet die Bibel sehr wohl mit dem übernatürlichen Wirken eines Schöpfers. Und sie hält es zudem für selbstverständlich, dass dieser Schöpfer jederzeit in den Lauf der Welt eingreifen und sich seinen Geschöpfen in übernatürlicher Art und Weise offenbaren kann.[7]

Bedeutend für den theologischen Paradigmenwechsel war unter anderem ein Aufsatz des Theologen Ernst Troeltsch aus dem Jahr 1898, in dem er der alten „dogmatischen Methode“ eine „historisch(-kritisch)e Methode“[8] gegenüberstellte, in der übernatürliche („supranaturalistische“) Taten Gottes grundsätzlich ausgeschlossen wurden.[9] Prägend war auch der Theologe Rudolf Bultmann, der meinte, dass der Glaube „an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments“ für moderne, technikaffine Menschen nicht länger zumutbar sei, weil sie in ihrem Alltag die Erfahrung machen, dass es keine Wunder gibt.[10] Bultmann ging zudem von der Voraussetzung aus, „dass die Geschichte eine Einheit ist im Sinne eines geschlossenen Wirkungs-Zusammenhangs, in dem die einzelnen Ereignisse durch die Folge von Ursache und Wirkung verknüpft sind. … Diese Geschlossenheit bedeutet, dass der Zusammenhang des geschichtlichen Geschehens nicht durch das Eingreifen übernatürlicher, jenseitiger Mächte zerrissen werden kann, dass es also kein ‘Wunder’ in diesem Sinne gibt.“ Historische Wissenschaft dürfe zwar „nicht behaupten, dass … es kein Handeln Gottes in der Geschichte gäbe. Aber sie selbst kann das als Wissenschaft nicht wahrnehmen und damit rechnen.[11]

Dass Theologen in der praktischen bibelwissen­schaft­lichen Arbeit nicht mit übernatürlichen Vorgängen rechnen sollten, wird heute oft auch wie folgt begründet: Um gemeinsames wissenschaftliches Arbeiten zu ermöglichen, dürfe Wissenschaft nur Methoden anwenden, die von Wissenschaftlern unterschiedlichster Weltanschauungen nachvollzogen werden können, die also „intersubjektiv überprüf­bar“ sind.[12] Da die Möglichkeit von Wundern von der Mehrheit der Wissenschaftler abgelehnt wird, führt das in der Praxis dazu, dass Bibelwissenschaftler in ihrer Theoriebildung grundsätzlich nicht mit göttlichen Eingriffen rechnen – selbst wenn sie persönlich durchaus an die Realität von Wundern und Offenbarungsereignissen glauben.

Tatsächlich sind laut Prof. Peter Wick wunderkritische Einstellungen an den theologischen Fakultäten heute weit verbreitet.[13] Laut Armin Baum dürfte in der (deutschsprachigen) wissenschaftlichen Theologie das wunderkritische Lager in der Mehrheit sein, während außerhalb der theologischen Wissenschaft die wundergläubigen Christen in der Mehrzahl sein werden.[14] Baum wies zudem darauf hin, dass auch solche Bibelforscher, die sich eigentlich gegen eine generelle Wunderkritik stellen, in der Praxis trotzdem das wunderkritische Paradigma anwenden können.[15] Umso mehr stellt sich die Frage: Wie weitreichend wirkt das wunderkritische Paradigma tatsächlich in der heutigen Theologie? Welche Konsequenzen hat es für die Auslegung der biblischen Texte? Und welche Konsequenzen hat es für die Kirche Jesu und ihre Einheit?

Die Recherchen zur Beantwortung dieser Fragen waren für mich spannend wie ein Krimi. Als wahre Fundgrube hat sich dabei das von der Deutschen Bibelgesellschaft veröffentlichte wissenschaftliche Bibellexikon im Internet (WiBiLex, www.bibelwissenschaft.de/wibilex) erwiesen. WiBiLex wird unter anderem auf der Internetseite der Worthaus-Mediathek ausdrücklich empfohlen. Bei der Lektüre von WiBiLex-Artikeln stellte ich zunehmend fest: Eine supra­naturalistische Sichtweise, die mit übernatürlichen Ereignissen rechnet, wird dort im Grunde nirgends als vernünftige Denkalternative betrachtet. Die Artikel folgen mehr oder weniger klar dem wunderkritischen Paradigma – mit weitreichenden Konsequenzen für die Auslegung der biblischen Texte. Je ein Beispiel aus dem Alten und dem Neuen Testament sollen das verdeutlichen:

Daniel: Prophet oder fingierte Legende?

Die Kapitel 7 – 12 des Buchs Daniel sind in der Ich-Perspektive verfasst. Sie behaupten also von sich selbst, vom Propheten Daniel und somit aus dem 6. Jahrhundert vor Christus zu stammen. Zugleich enthalten gerade diese Kapitel detaillierte und zutreffende Berichte über geschichtliche Ereignisse des dritten und zweiten Jahrhunderts vor Christus[16]. Das stellt jeden Ausleger vor eine grundsätzliche Entscheidung:

  • Entweder treffen die Behauptungen des Buchs über seine Datierung und Verfasserschaft zu. Dann hätten wir hier ein verblüffendes Zeugnis von detailgetreu eingetroffenen prophetischen Vorhersagen vorliegen.
  • Oder aber die angeblichen Prophetien wurden erst nach den geschichtlichen Ereignissen, also etwa um das Jahr 170 vor Christus aufgeschrieben.[17] Dann hätte der Autor über die Ich-Perspektive seine Identität mit der Person des Daniel aus der Zeit des Exils nur „fingiert“.[18]

Welche Deutung stimmt? Die traditionelle Position zu dieser Frage ist vollkommen eindeutig: Sämtliche antike jüdische und christliche Quellen gehen einmütig davon aus, dass der Selbstanspruch des Buchs Daniel zu seiner Datierung und Verfasserschaft im Wesentlichen zutrifft.[19] Schon im 1. Makkabäerbuch, das vermutlich im späten 2. Jahrhundert vor Christus geschrieben wurde[20], „werden Daniel und seine Freunde … wie wirkliche, geschichtliche Personen behandelt.[21]

Ganz im Gegensatz dazu gilt es in den relevanten WiBiLex-Artikeln als Selbstverständlichkeit, dass es sich bei den Vorhersagen im Buch Daniel in Wahrheit um rückblickende Texte aus dem 2. Jahrhundert vor Christus handelt. Daniel sei zudem „nicht als historische Gestalt zu verstehen“, er sei vielmehr „eine Idealgestalt, die Geschichten um ihn tragen deutlich legendäre Züge.“ Das Hauptargument dafür liegt für den WiBiLex-Autor Dominik Helms in der hohen Präzision der geschichtlichen Darstellung. Hinzu kommen für ihn angeblich fehlerhafte Darstellungen der früheren exilischen Zeit. Innere Widersprüche sowie Spannungen in Theologie, Chronologie, Stil und Sprache würden zudem dagegen sprechen, dass das Buch ursprünglich auf nur einen Autor zurückgeführt werden könnte.

Neu sind diese Argumente nicht. Leider wird ihre Beweiskraft bei Helms aber überhaupt nicht diskutiert, so wie man es eigentlich von einem wissenschaftlichen Werk erwarten würde und wie es z.B. Prof. Gerhard Maier in seinem Daniel-Kommentar für die Wuppertaler Studienbibel ausführlich tut und dabei zu dem Schluss kommt, dass „die Einwände, die gegen die geschichtliche Zuverlässigkeit des Danielbuches vorgebracht werden, nicht durchschlagen.[22] Mehr noch: Maier führt eine lange Liste von Argumenten ins Feld, die stark für die traditionelle Datierung des Daniel-Buchs sprechen. Dazu gehören unter anderem viele historische Detailangaben zum Leben am babylonischen Hof, die sich außerbiblisch gut bestätigt haben. Der Autor des Daniel-Buchs habe „eine erstaunlich gute Kenntnis der Geschichte des 6. Jahrhunderts vor Christus besessen und sich in oft überraschender Weise als zuverlässig erwiesen.[23] Die weite Verbreitung und der große Einfluss des Daniel-Buchs schon im 2. Jahrhundert vor Christus[24] führt Maier zudem zu der Frage: „Wie soll ein Buch, das selber erst im 2. Jahrhundert erschien, eine so feste und einflussreiche Stellung noch während des 2. Jahrhunderts gewonnen haben?[25] Wie ist es gelungen, in der jüdischen Welt innerhalb kürzester Zeit den allgemein akzeptierten Mythos zu erzeugen, es handle sich um ein authentisches, altes Buch eines enorm einflussreichen Propheten, der wie Jesaja oder Jeremia fest zum Kanon der heiligen Schriften gehören muss?

Trotz dieser schwerwiegenden Argumente (die bei Helms leider kaum erwähnt, geschweige denn diskutiert werden) steht heute für die „fast ausnahmslose Mehrheit der deutschen Gelehrten[26] fest, dass das Danielbuch entgegen allen antiken Bekundungen nicht von Daniel sondern zumindest in wichtigen Teilen aus dem 2. Jahrhundert vor Christus stammt. Woran liegt das? Entscheidend dafür ist für Gerhard Maier die „schlichte Frage, ob Kapitel 11 echte Zukunftsweissagung sein kann. Diese weltanschauliche Frage, ob Gott einem Propheten eine so genaue Zukunftsvoraussage an die Hand gibt, spaltet die Forscher und entscheidet letztlich auch über die Datierung des Danielbuches.[27] Anders ausgedrückt: Das wunderkritische Paradigma ist entscheidend für die Verschiebung der Abfassungszeit des Danielbuchs um mehrere Jahrhunderte.

Die Konsequenzen für die Auslegung des Daniel-Buchs sind weitreichend. Schließlich sind Verfasser, Adressaten sowie die historischen und kulturellen Rahmenbedingungen im 2. Jahrhundert vor Christus völlig anders als in der exilischen Zeit Daniels. Außerdem wird mit der Behauptung, die angeblichen Vorhersagen wären erst nach den Ereignissen aufgeschrieben worden, eines der „zentralen Themen [des Daniel-Buchs] diskrediert“, denn die „Vorstellung, dass Gott seinen Knechten seine künftigen Ziele zeigt, gehört zu den Kernpunkten der Theologie des Buches.[28] Und nicht zuletzt verliert das Daniel-Buch seinen Hinweischarakter auf Jesus als den verheißenen Messias, der von der traditionellen Theologie ganz selbstverständlich angenommen worden war. Schließlich hat Jesus selbst seine bevorzugte Selbstbezeichnung „Menschensohn“ aus Daniel 7,13 entnommen. Trotzdem meint Dieter Zeller im WiBiLex, dass die Rede vom „Menschensohn“ in Daniel 7,13 nicht etwa vom Heiligen Geist sondern von „mythischen Vorstellungen“ inspiriert sei und möglicherweise für einen Engel oder das endzeitliche Israel stünde.[29]

Im Übrigen sei es eine „naive Annahme“, dass der historische Jesus sich wirklich mit dem danielischen Menschensohn identifiziert habe. Es sei schließlich „ohne weiteres einsichtig“, dass die in den Evangelien enthaltenen Voraussagen auf das Leiden des Menschensohns (z.B. Markus 8,31) „nicht auf den historischen Jesus zurückgeführt werden können.[30] Diese Vorhersagen seien vielmehr erst nachösterlich entwickelt und „in dessen irdisches Wirken zurückgetragen“ worden,[31] um „im Nachhinein das Ärgernis des Kreuzestodes, aber auch des Verrats durch Judas“ zu verarbeiten.[32] Auch hier wird das wunderkritische Paradigma deutlich. Und schon hier zeigen sich die weitreichenden Folgen auch für unser Jesusbild und für die Betrachtung der Evangelien, wie das folgende zweite Beispiel noch deutlicher macht:

Wurden die Evangelien vor oder nach der Zerstörung des Tempels verfasst?

Oder anders gefragt: Wie weit sind die Evangelien von den Geschehnissen entfernt und was bedeutet das für ihre Glaubwürdigkeit? Über die traditionelle Sichtweise schreibt Armin Baum: „Bei allen Divergenzen im Einzelnen stimmen sämtliche altkirchlichen Angaben darin überein, dass die Entstehung und Verbreitung der drei synoptischen Evangelien im zeitlichen Umfeld der römischen Wirksamkeit und des römischen Martyriums von Paulus und Petrus erfolgte, also in den 60er Jahren des 1. Jahrhunderts. Die drei synoptischen Evangelien wurden somit an den Übergang von der Generation der Schüler und Augenzeugen Jesu (30-70 n.Chr.) zur zweiten christlichen Generation datiert.[33]

Zur heutigen Situation schreibt Christfried Böttrich im WiBiLex: „Die Datierung des Lukasevangeliums in die Zeit um 90 n.Chr. beruht auf einem breiten Konsens. Von der Zeit der Augenzeugen trennt den Autor schon ein längerer Traditionsprozess.[34] Gemäß dem Theologen Andreas Lindemann wird die frühere Überzeugung, dass in den Evangelien Augenzeugen das Leben Jesu verlässlich darstellen, seit Jahrzehnten von keinem ernst zu nehmenden Exegeten mehr behauptet.[35]

Welche Indizien haben dazu geführt, dass die traditionelle Sichtweise zur Datierung der Evangelien und zu ihrer Eigenschaft als Augenzeugenberichte heute praktisch durchgängig verworfen wird? Armin Baum schreibt: Aus dem Text der Evangelien selbst lassen sich nur vage Hinweise zu ihrer Entstehungszeit gewinnen. Dass die Apostelgeschichte abrupt mit dem zweijährigen Romaufenthalt des Paulus (60-62 n.Chr.) endet, passt gut zu der Annahme, das lukanische Doppelwerk sei bald darauf veröffentlicht worden.“ Beeindruckend ist darüber hinaus, dass alle vier Evangelien (ganz anders als die Apokryphen) zahlreiche Merkmale authentischer Augenzeugenberichte aufweisen wie z.B. detaillierte und stimmige Kenntnisse von Orten, Namen, Gebräuchen und weiteren Hintergrundinformationen.[36]

Aber was hat dann zu diesem Umschwung geführt? Armin Baum schreibt: „Als wichtigstes Indiz [für die Datierung der Evangelien] gilt die Endzeitrede Jesu (Mt 24-25 par Mk 13 par Lk 21) mit ihren Aussagen über die Zerstörung des Jerusalemer Tempels und der Stadt Jerusalem.[37] Hier kommt wieder das wunderkritische Paradigma ins Spiel. Wohlgemerkt wird in keinem der Evangelien etwas über die Zerstörung des Tempels im Jahr 70 n.Chr. berichtet, im Gegenteil: Das Neue Testament zeichnet sich in Bezug auf dieses für alle Juden so traumatische Ereignis durch ein geradezu dröhnendes Schweigen aus (so wie es erstaunlicherweise auch zum Tod von Paulus, Petrus und dem Herrenbruder Jakobus kein Wort verliert). Die Endzeitrede Jesu enthält lediglich eine Vorhersage dieses Ereignisses, ohne die Erfüllung auch nur zu erwähnen. Deshalb stehen die Bibelforscher genau wie beim Buch Daniel auch hier vor einer grundlegenden Alternative, die Armin Baum so formuliert: Wer es für ausgeschlossen hält, dass Gott, der die Zukunft kennt, seinen Boten gelegentlich einen kleinen Ausschnitt der Zukunft enthüllt, wird die synoptischen Evangelien frühestens 70 n.Chr. datieren. Wer (wie ich) vom Gottesbild des Alten und Neuen Testaments bzw. von einem offenen Gottesbild ausgeht, wird dem von Irenäus mitgeteilten Zeitfenster, den 60er Jahren des 1. Jahrhunderts, den Vorzug geben.[38]

Während der Theologe David Friedrich Strauß im 19. Jahrhundert immerhin noch diskutierte, ob es sich bei Jesu Endzeitrede um eine echte prophetische Vorhersage, eine natürliche Vorahnung oder eine ihm nachträglich in den Mund gelegte und somit nur angebliche Vorhersage („vaticinium ex eventum“[39]) handelte (er entschied sich aufgrund seines wunderkritischen Paradigmas für Letzteres)[40], wird im WiBiLex-Artikel von Dominik Helms die supranaturalistische Variante nicht einmal mehr erwähnt.[41] Das wunderkritische Paradigma spielt also wie beim Buch Daniel auch bei der Datierung der Evangelien eine entscheidende Rolle.

Was wir dabei noch einmal unbedingt festhalten müssen ist: Niemand kann beweisen, dass es damals keine vorhersehende Prophetie gab. Eine von vornherein („a priori“) getroffene Entscheidung, prinzipiell nicht mit Wundern und mit Offenbarung zu rechnen, hat vielmehr philosophischen und dogmatischen Charakter. Diese Entscheidung hat weitreichende Folgen:

Welche Konsequenzen hat das wunderkritische Paradigma?

Die Tabelle 1 zeigt: Ein prinzipieller Ausschluss von Offenbarung und Wundern in der bibelwissenschaftlichen Methodik hat eine starke Verengung der Sicht auf die Bibel zur Folge. Das führt zu schwerwiegenden Verlusten:

  • Der Verlust des biblischen Selbstanspruchs: Die Bibel behauptet von sich selbst an vielen Stellen, von Gottes Geist inspiriert zu sein und einen zeitüber­greifenden Wahrheitsanspruch zu besitzen (z.B. 2. Timotheus 3, 16). Wer aber prinzi­piell nicht mit realen Offen­barungsereignissen rechnet, kann auch diesen biblischen Selbst­anspruch nicht in Betracht ziehen. Er muss die Bibel zwangsläufig als Menschenwort mit dem Denk- und Erkenntnishori­zont der damaligen Zeit ansehen.
  • Der Verlust der historischen Glaubwürdigkeit: Daniel war ein Augenzeuge der im Buch Daniel berichteten Ereignisse. Ein nachexilischer Autor hingegen konnte sich nur noch auf Überlieferungen stützen, die über Generationen weitergegeben und eingefärbt wurden. Der Text verliert somit seine Nähe zu den Geschehnissen und die besondere Glaubwürdigkeit eines Augenzeugenberichts. Das gilt auch für die Evangelien, wenn sie wegen der in ihnen enthaltenen Vorhersagen auf die Zeit nach der Zerstörung des Tempels im Jahr 70 n.Chr. datiert werden müssen und man ihnen deshalb unterstellt, dass die Berichte durch nachösterliche Legenden- und Gemeindebildung angereichert und gefärbt wurden. Die Annahme nachträglich eingefügter Prophetien legt zudem nahe, dass die Autoren sich viel kreative Freiheit beim Schreiben ihrer Texte herausnahmen. Auch die enthaltenen Wunderberichte können unter dem wunderkritischen Paradigma nicht als„historisch“ im wissenschaftlichen Sinn angese­hen werden – auch dann nicht, wenn sie historische und geografische An­gaben enthalten und innerbiblisch historisch ernst genommen werden. Stattdessen muss dem Autor prinzipiell unterstellt werden, dass er die Ereignisse entweder falsch dargestellt hat oder dass es ihm – unabhängig von den Anzeichen im Text – nicht um die Darstellung eines historischen Ereignisses gegangen sei.
  • Der Verlust der ursprünglichen Aussageabsicht: Mit der Verschiebung der Abfassungszeit ändert sich auch die von der Autorenschaft be­absichtigte Aussage des Textes, weil der spätere Autor andere Adressaten vor Augen hat und vor dem Hintergrund eines völlig anderen politischen und kulturellen Umfelds schreibt. Unter dem wunderkritischen Paradigma wird die Aussageabsicht zudem immer auf das natürlich-menschlich Denkbare reduziert. Gewollte Vorhersagen zukünftiger Ereignisse oder ein Christuszeugnis des Alten Testaments (wie von Jesus z.B. in Lukas 24,27 behauptet) ist im wunderkritischen Paradigma ebenso wenig denkbar wie eine gottgelenkte „Heilsgeschichte“ oder ein zeit- und kulturübergreifender Wahrheitsanspruch in ethischen Fragen (also z.B. eine „Schöpfungsordnung“).
  • Der Verlust innerbiblischer Begründungszusammenhänge: Eingetroffene Vorhersagen werden in der Bibel häufig als Zeichen göttlicher Autorität verwendet (z.B. Jesaja 41,21-29; 42,9; 46,9-10). Das Neue Testament untermauert die Messianität Jesu an zahlreichen Stellen mit eingetroffenen Vor­hersagen. Ausleger, die nicht mit vorhersagender Prophetie rechnen können, sind gezwungen, dieser bibeleigenen Argumentation den Boden zu ent­ziehen, indem eingetroffene Vorhersagen entweder als nachträglich eingefügt gelten müssen oder indem vermutet werden muss, dass Erzählberich­te (wie z.B. Jesu Geburt in Bethlehem) an biblische Vorhersagen (wie z.B. Micha 5,1)  angepasst wur­den.[42] Wer nicht mit historischen Wundern rechnet, kann zudem der zentralen Argumentation des Johannesevangeliums nicht folgen, dass die Wunder „Zeichen“ für die Gottessohnschaft Jesu seien (Johannes 20, 30+31).
  • Besonders gravierend für die Kirche Jesu ist der Umstand, dass mit dem Verlust der Augenzeugenqualität der Evangelien auch unser Jesusbild unsicher wird. Die Frage nach dem historischen Jesus ist ohne Zweifel höchst bedeutsam für den christlichen Glauben.[43] Worauf soll sich die Lehre der Kirche beziehen und woran soll sich der Glaube orientieren, wenn nicht klar ist, was der Herr der Kirche wirklich verkündigt und vorgelebt hat?

Da viele theologische Aussagen der Bibel auf der Geschichtlichkeit von Wundern und Vorhersagen aufbauen[44], hat der Verlust der historischen Glaubwürdigkeit zudem weitreichende Auswirkungen auf das Verständnis der biblischen Botschaften. Das reicht hinein bis in die allerzentralsten Glaubensaussagen des Christentums: Wer in seiner Forschungsarbeit nicht mit Wundern und Offenbarung rechnen kann, muss auch von der Menschlichkeit Jesu von Nazareth ausgehen – und kann deshalb im Kreuzestod nur schwer ein stellvertretendes Opfer sehen, das dann ja ein grausames Menschenopfer wäre. Eine Auslegungsmethodik, die nicht mit Wundern und Offenbarung rechnen kann, mündet deshalb – konsequent zu Ende gedacht – in ein anderes Evangelium.

Drei verschiedene Grundhaltungen

Im Ergebnis zeigt sich, dass die Bibelwissenschaft auf mindestens drei verschiedenen grundlegenden Paradigmen aufbauen kann:

  • Im geschlossenen wunderkritischen Paradigma wird zumindest in der bibelwissenschaftlichen Praxis grundsätzlich nicht mit Wundern und Offenbarungsereignissen im historischen Sinn gerechnet.
  • Ein offenes Paradigma hält Wunder und Offenbarungen für möglich. Somit kann anhand weiterer Indizien offen geprüft und ein Wahrscheinlichkeitsurteil darüber gefällt werden, inwieweit bibeleigene Aussagen zu Autor, Datierung, Adressaten, Gattung usw. zutreffen oder nicht. Dies kann in einer eher vertrauensvollen oder eher skeptischen Haltung erfolgen.
  • Das bibeleigene Paradigma sieht in den biblischen Texten (nach textkritischer Klärung[45]) ein vom Heiligen Geist inspiriertes Menschen- und Gotteswort und begegnet ihnen deshalb grundsätzlich in einer Haltung der Demut, der Ehrfurcht und des Vertrauens statt in einer Haltung des Zweifels und der Kritik. Bei aller Hochschätzung der Ver­nunft wird unter diesem Paradigma immer die Schrift und die von der großen Auslegungsgemeinschaft der Kirche daraus entnommenen Aussagen (Bekenntnisse) das letzte Wort haben (Sola Scriptura). Scheinbare Widersprüche in der Bibel werden dann nicht als Ausdruck der Zeitbedingtheit biblischer Aussagen und eines sich wandelnden Gottes- und Menschenbilds angesehen. Die Bibel wird vielmehr als eine sich selbst auslegende Einheit begriffen, in der es keine sich einander ausschließende Gegensätze sondern sich gegenseitig ergänzende Pole und innerbiblisch begründete Entwicklungen in der Heilsgeschichte gibt.

Ausgrenzung statt Wettbewerb

Wenn derart verschiedene Ansätze zum Verstehen eines Forschungsgegenstands im Raum stehen, dann sollte es normalerweise einen wissenschaftlichen Wettbewerb geben, in dem geprüft und verglichen wir­d, welcher Denkansatz bessere, schlüssigere Ergebnisse liefert und dem Forschungsgegenstand somit offenkundig besser gerecht wird, um daraus Rückschlüsse auf das Wesen des Forschungs­gegenstands ziehen zu können. In der Praxis geschieht das aber leider nicht. Die Realität wird von Uwe Zerbst vielmehr so beschrieben: Das jeweils andere Paradigma sehen sie [also Vertreter eines bestimmten Paradigmas] in der Regel nicht als gleichberechtigte Wissenschaft an, so dass die wissenschaftliche Auseinandersetzung fast nur im Rahmen des jeweils eigenen Paradigmas stattfindet.[46]

Das trifft zumindest im deutschsprachigen Raum sowohl in den Bibelwissenschaften als auch in der biologischen Ursprungsforschung zu. In beiden Feldern ist die Grundannahme, dass in der wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich nicht mit göttlichem Wirken gerechnet werden darf, so vorherr­schend, dass andere Ansätze nicht als wissenschaftlich anerkannt oder ernst genommen werden. Die Gleichsetzung von „Wissenschaft“ mit der Selbstbeschränkung auf natürliche Ursachen gilt vielfach sogar als derart selbstverständlicher „Common Sense“ wissenschaftlichen Arbeitens, dass die dahinter stehende philosophische Grundentscheidung kaum noch thematisiert wird und auch vielen Bibelwissenschaftlern nur noch wenig bewusst ist. Zerbst schreibt treffend: Ein neu einsteigender Wissenschaftler wächst „von Beginn an in das Paradigma „hinein“, das er – „wenn überhaupt – zumeist nur unkritisch reflektiert.[47]

Entsprechend gibt es heute an den deutschsprachigen theologischen Fakultäten fast keine evangelikalen Professoren mehr.[48] Der evangelikale Theologe Christoph Raedel berichtet gar von einer „Ekelschranke“ in Bezug auf evangelikale Theolo­gie. Auch im WiBiLex werden die „schärfsten Kritiker“ des wunderkritischen Paradigmas nur außerhalb der Hochschulen verortet, und zwar in der pietistischen Bewegung“, in „fundamentalistischen Strömungen“, in „evangelikalen landeskirchlichen und freikirchlichen Frömmigkeitsformen in Württemberg, Baden, Oberhessen, im Siegerland, in Wittgenstein, im Ruhrgebiet, in Ostwestfalen, der Lüneburger Heide bis hin nach Bremen“. Sie werden als Menschen charakterisiert, die „fröhlich den Gottesdienst [feiern] mit über Beamer an die Wand projizierten Liedern sowie Bibelsprüchen“, „zugleich fest an die supranaturale „Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments“ glauben“ und mit dem „logischen Widerspruch“ zu ihrer wunderfreien Alltagserfahrung „existenziell gut leben zu können glauben“, die aber „angesichts des Paradoxes sensibel sind“ – weshalb auch das Gesprächsklima verbesserungsbedürftig sei.[49]

Ein spaltendes Narrativ

Das Gesprächsklima ist in der Tat problematisch, aber nicht nur wegen den angeblich sensiblen Evangelikalen, sondern auch wegen der zunehmenden Verbreitung eines völlig falschen und spaltenden Narrativs, das sich in etwa so wie in Tabelle 2 beschreiben lässt.

Dieses Narrativ transportiert einen sachlich völlig unangebrachten[50] akademischen Überlegen­heitsgestus, der viele Evangelikale verunsi­chert und bei Nichtevangelikalen die Sorge fördert, dass das Christentum untergehen wird, wenn es sich die­ser „Wissenschaftlichkeit“ verschließt und stattdessen in einer als pein­lich empfundenen Naivität und Wissenschaftsfeindlichkeit verharrt. Infolgedessen werden Evangelikale nicht etwa als interessante Gesprächspartner auf Augen­höhe sondern als Gefahr für das Ansehen der theologischen Ausbildungsstätten und der Kirche empfunden. Wo immer dieses Narrativ Fuß fasst, treibt es deshalb zwangsläufig einen tiefen Keil in Gruppen und Gemeinden.

Das gilt leider zunehmend auch für den Bereich der Freikirchen und der Evangelikalen, wie der wachsende Einfluss der Internetmediathek „Worthaus“ beispielhaft zeigt.[51] Auch dort klingt das abwertende Narrativ über evangelikale Theologie immer wieder an, während zugleich die universitäre Bibelwissenschaft als besonders vorurteilsfrei dargestellt wird.[52]

Evangelikale Theologen: Christen brauchen eure Ermutigung!

Umso dringender hat die evangelikale Theologie heute die extrem wichtige Aufgabe, selbst­bewusst und profiliert öffentlich zu ihren eigenen Grundlagen zu stehen. Sie darf und muss die dog­matischen und philosophischen (und somit aus gutem Grund anzweifelbaren) Grundlagen der wunderkritischen Theologie of­fenlegen. Sie muss zeigen: Es geht hier nicht um eine Auseinandersetzung zwischen Glaube und Wissenschaft sondern um die Konkurrenz verschiedener Paradigmen – wobei das wunderkritische Paradigma grundsätzlich nicht zum biblischen Selbstanspruch passt. Sie darf und muss darauf hinweisen, dass die Anwendung des wunderkritischen Paradigmas keinen sich immer mehr verfestigenden neuen Blick auf die Bibel hervorgebracht hat sondern im Gegenteil „eine schier unübersehbare Fülle unterschiedlicher Hypothesen zur Textentstehung“, was „die Spannung zwischen der Anwendung vermeintlich objektiver Methoden und dem subjektiven Urteil des jeweiligen Auslegers“ eindrücklich aufzeigt[53]. Die wunderkritisch geprägte Bibelwissenschaft ist also offenkundig gar nicht so objektiv, wie es oft dargestellt wird.

Wenn es tatsächlich stimmt, dass die biblischen Texte einen Offenbarungscharakter haben (wofür sich zahlreiche gute Sachargumente anführen lassen[54]), dann muss eine Theologie, die aus Prinzip nicht mit Wundern und Offenbarung rechnet, natürlich zwangsläufig zu völlig falschen Ergebnissen führen, weil ihre Methodik dann dem Forschungs­gegenstand nicht gerecht wird. Es ist deshalb weder unwissenschaftlich, prämodern, dogmatisch verengt, intellektuell unredlich, naiv oder weltfremd sondern im Gegenteil vernünftig und (wissenschaftlich) gut begründbar, am Offenbarungs­charakter der Bibel, an ihrer Botschaft von den historisch geschehenen Wundern und an der Realität von vorher­sagender Prophetie festzuhalten, die Bibel in ihrem Selbstanspruch ernst zu nehmen und sie als Got­tes Wort und Maßstab der Kirche hochzuhalten.


Danke an Dr. Berthold Schwarz, Dr. Stefan Felber (www.stefan-felber.ch), Martin P. Grünholz, Dr. Markus Widenmeyer sowie Paul Bruderer für alle Anregungen, Hinweise und Korrekturen zu diesem Artikel.

[1] Uwe Zerbst: „Die Bibel vor der Wahrheitsfrage“, S. 16

[2] Ausführlich erläutert in Markus Till: „Außerwissenschaftliche Vorannahmen – Denkvoraussetzungen von Wissenschaftlern und Theologen“, AiGG-Blog 2020

[3] Popper, K.R. (1934): Logik der Forschung. Zitiert bei Uwe Zerbst: „Die Bibel vor der Wahrheitsfrage“, S. 13

[4] Die wachsenden Herausforderungen in der Evolutionsbiologie werden geschildert in Markus Till: „Evolution – Ein Welterklärungsmodell am Abgrund?“ AiGG-Blog 2018

[5] Armin D. Baum: „Die historisch-kritische Methode in der Bibelwissenschaft“, in: „Biblisch erneuerte Theologie. Jahrbuch für Theologische Studien (BeTh) Band 3, 2019, S. 86

[6] „In der christlichen Theologie nahm man bis weit in die Neuzeit hinein mehr oder weniger einhellig an, dass die neutestamentlichen Texte auch an den Stellen historisch zutreffend sind, wo sie von Wundern Jesu oder seiner Auferweckung von den Toten berichten. Die Bereitschaft, auch Wunder als historische Ereignisse anzuerkennen, ergab sich aus dem jüdisch-christlichen Gottesbild, wie es bereits in den ersten Abschnitten der Bibel formuliert wird (Gen 1,1-2,3) und das Alte und Neue Testament durchzieht (Ex 20,11; Neh 9,6; Ps 146,5-6; Jes 40,26 u. 6.). Warum sollte der Gott, der Himmel und Erde samt der in ihnen herrschenden Naturgesetze geschaffen hat, diese nicht zu besonderen Gelegenheiten durch ein übernatürliches Eingreifen überboten haben?Armin D. Baum: „Die historisch-kritische Methode in der Bibelwissenschaft“, in: „Biblisch erneuerte Theologie. Jahrbuch für Theologische Studien (BeTh) Band 3, 2019, S. 80

[7] So bestätigt auch Gerhard Karner im WiBiLex: Grundlegend für [das altorientalische Wirklichkeitsverständnis] … ist die Wahrnehmung der Welt als von den Göttern geschaffen und geordnet, und es war selbstverständlich, dass die Götter jederzeit in den Lauf der Welt eingreifen konnten. Das alte Israel bildete hierin keine Ausnahme. Nach alttestamentlicher Darstellung hat Gott die Welt geschaffen und geordnet (Gen 1,1-2,4a; Ps 148,1-6), und es ist selbstverständlich, dass Gott jederzeit in den Lauf der Welt eingreifen kann.“ In: „Wunder / Wundergeschichten (AT)“, WiBiLex 2014, S. 1

[8] Der Begriff „historisch-kritische-Methode“ ist doppeldeutig: „Im 19. Jahrhundert ging man in der Theologie dazu über, dem Wort ,,Kritik“ eine zusätzliche Bedeutung zu verleihen und mit ihm auch das philosophische Vorverständnis zu bezeichnen, mit dem man die biblischen Schriften untersuchte. „Kritisch“ nannte man jetzt auch eine Exegese, die die biblischen Wunder prinzipiell nicht mehr als historisch anerkannte. Eine Bibelauslegung, die die Auferweckung Jesu als historisches Ereignis in Raum und Zeit gelten ließ, nannte man „vorkritisch“. Da sich diese weltanschauliche Kritik auf historische Aussagen bezog, verband man das Adjektiv „kritisch“ auch hier mit dem Adjektiv ,,historisch“ und sprach von ,,historisch-kritischer“ Forschung bzw. der ,,historisch-kritischen“ Methode. Eine historisch-kritische Methode in diesem Sinn beinhaltet die grundsätzliche Bestreitung der übernatürlichen Aussagen der biblischen Texte. … Der Ausdruck „historisch-kritische Methode“ hat somit zwei unterschiedliche Bedeutungen, die nicht miteinander verwechselt werden dürfen. Einerseits bedeutet „kritisch“ schlicht „wissenschaftlich“ und gemeint ist eine „historisch-wissenschaftliche Methode“, die keine Vorentscheidung über die Möglichkeit übernatürlicher Handlungen Gottes einschließt und insofern weltanschaulich offen ist. Andererseits bedeutet „kritisch in einem weltanschaulichen Sinn „wunderkritisch“ und gedacht ist an eine „historisch-wunderkritische Methode“, die ein übernatürliches Handeln Gottes von Anfang an ausschließt.“ Armin D. Baum: „Die historisch-kritische Methode in der Bibelwissenschaft“, in: „Biblisch erneuerte Theologie. Jahrbuch für Theologische Studien (BeTh) Band 3, 2019, S. 60

[9] In seinem Aufsatz „Ueber historische und dogmatische Methode in der Theologie“ stellte Ernst Troeltsch dar, dass es nur Wahrscheinlichkeitsurteile statt absoluter Aussagen geben könne („Kritik“ statt „Autorität“), dass Wunder prinzipiell unmöglich sind („Analogie“ statt „Supranaturalismus“) und dass es keine von der Profangeschichte unterscheidbare Heilsgeschichte geben könne („Korrelation“ statt „Separation“). Ausführlicher erläutert in Armin D. Baum: „Die historisch-kritische Methode in der Bibelwissenschaft“, in: „Biblisch erneuerte Theologie. Jahrbuch für Theologische Studien (BeTh) Band 3, 2019, S. 81 ff.

[10] „Bultmanns wesentliches Argument ist mithin alltagsorientiert: Der „moderne Mensch“ nimmt in seinem Alltag an der durch die experimentelle Methode geprägten Kultur Teil. Supranaturale Annahmen im religiösen Bereich produzieren daher einen logischen Widerspruch, der existenziell nicht zumutbar ist.“ Martin Pöttner: „Entmythologisierung (NT)“, WiBiLex 2014, S. 2

[11] Rudolf Bultmann: „Ist voraussetzungslose Exegese möglich?“, 1957, Theologische Zeitschrift Basel, S. 411ff.

[12] So äußert z.B. Prof. Thorsten Dietz: „Ich glaube, historische Wissenschaft kann nur so funktionieren, dass Christen und Atheisten und Humanisten und UFO-Gläubige und Sektierer und Menschen, die an sich selbst glauben und alle im Grunde sagen: Wir einigen uns in der historischen Wissenschaft darauf: Wir akzeptieren nur allgemein einsichtige Evidenz. … DAS ist der Punkt, das hat mit Atheismus überhaupt nichts zu tun. Es geht nur darum, dass alle mit denselben Karten spielen. Es wär komisch zu sagen: Alle spielen mit denselben Karten, die 32, die man vom Skat kennt, aber Christen kriegen noch einen Joker dazu, im Zweifelsfall spielen sie die Gotteskarte. … Da würde ich dann doch lieber sagen: Wir machen historisches Arbeiten als seriöse Wissenschaft. … Ich glaube, dass Gott da seine Finger im Spiel hat. Aber das ist ein Glaubensurteil und ich werde nicht anfangen, Gott jetzt zum Teil einer historisch greifbaren Welt zu machen.“ Im Worthaus-Vortrag „Der Lebendige – Die Begegnung mit dem Auferstandenen“ vom 11.6.2019, ab 26:21

[13] „Wenn ein Universitätsprofessor zu Jesus und Wundern befragt wird, steht da sofort ein Elefant im Raum, nämlich der Elefant der Wunderkritik, der Aufklärung und des Rationalismus. Der Elefant heißt: Es kann keine Wunder geben, auch nicht bei Jesus, weil es nicht vernünftig ist. … In den letzten Jahrzehnten breiteten sich die Populationen dieser Elefantenrasse nicht mehr aus. Aber es finden sich immer noch große Herden vor allem an den Universitäten, gerade auch in theologischen Fakultäten. Viele angehende Pfarrer oder auch heutige Pfarrer, Theologiestudenten, Religionslehrer wurden von diesem Rüsseltier stark beeindruckt, zum Teil für ihr ganzes Leben und ihre ganze Theologie.“ Peter Wick im Worthaus-Vortrag „Das Mys­te­ri­öse – Von der rationalen Wunderkritik über den postmodernen Wunderglauben zurück zu Jesus“ vom 9.6.2019, ab 2:55

[14] Armin D. Baum: „Die historisch-kritische Methode in der Bibelwissenschaft“, in: „Biblisch erneuerte Theologie. Jahrbuch für Theologische Studien (BeTh) Ban d 3, 2019, S. 80

[15] Als Beispiele nennt er die katholischen Neutestamentler Rudolf Pesch und Joseph Fitzmyer, die sich zwar der offiziellen Lehre der katholischen Kirche anschließen, dass „weltanschauliche Vorentscheidungen darüber, was möglich oder nicht möglich sei, … keine Kriterien historischen Urteils sind“, aber dann doch die Evangelien auf die Zeit nach 70 n.Chr. datieren aufgrund einiger detaillierter Vorhersagen in den Evangelien, die sie für nachträglich eingefügt halten. In Armin D. Baum, Einleitung in das Neue Testament, S. 881 ff.

[16] So schreibt Dominik Helms: „Das Daniel-Buch verfügt über erstaunlich präzise Kenntnis der wesentlichen geschichtlichen Vorgänge von der frühen hellenistischen Zeit bis zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Makkabäerzeit, kurz vor dem Tod des Antiochus IV. Epiphanes.Dominik Helms: „Daniel / Danielbuch“, WiBiLex 2018, S. 16

[17] Die Entstehung des Buches fällt in die Zeit zwischen der berichteten Entweihung des Tempels in Jerusalem durch Antiochus IV. Epiphanes (175-164 v. Chr.; vgl. Dan 11,31) und der Wiederaufnahme des jüdischen Kultes nach der Reinigung des Tempels durch die Makkabäer im Jahr 164 v. Chr.“ Dominik Helms: „Daniel / Danielbuch“, WiBiLex 2018, S. 16

[18] Ebd., S. 16

[19] Gerhard Maier nennt zahlreiche Schriften aus dem 1. und 2. Jahrhundert vor Christus wie die Makkabäerbücher, die Weisheit Salomos, Henoch, Baruch sowie Handschriften aus Qumran. Die gleiche Überzeugung vertraten der Geschichtsschreiber Josephus Flavius (der sogar davon berichtet, dass Alexander dem Großen das Danielbuch gezeigt worden sei und er sich darin selbst erkannte), der Talmud, die Autoren des Neuen Testaments, zahlreiche frühe Kirchenlehrer wie Origenes, Augustin und Hieronymus sowie die Reformatoren Luther und Calvin (In: „Der Prophet Daniel“, Wuppertal, 3. Auflage 1990, S. 22ff.).

[20] Stephanie von Dobbeler: „Makkabäerbücher 1-4“, WiBiLex 2006, S. 5

[21] Gerhard Maier: „Der Prophet Daniel“, Wuppertal, 3. Aufl. 1990, S. 23

[22] Gerhard Maier: „Der Prophet Daniel“, Wuppertal, 3. Aufl. 1990, S. 43

[23] Ebd., S. 50

[24] Armin Schmitt datiert eines der 8 in Qumran gefundenen Schriftfragmente des Buchs Daniel auf das Ende des 2. Jahrhunderts vor Christus (In: „Die Danieltexte aus Qumran und der masoretische Text (M)“, im Buch „Der Gegenwart verpflichtet“, Christian Wagner (Hrsg.), De Gruyter, 2000, S. 124). Dominik Helms schreibt zur Übersetzung des Daniel-Buchs ins Griechische: Die Datierung der Übersetzung muss unsicher bleiben, es ist jedoch an die Mitte des 2. Jh.s v. Chr. und damit nur wenige Jahrzehnte nach dem Abschluss des hebräisch-aramäischen Daniel-Buches … zu denken.“ In: „Daniel / Danielbuch“, WiBiLex 2018, S. 13

[25] Gerhard Maier: „Der Prophet Daniel“, Wuppertal, 3. Aufl. 1990, S. 52

[26] Ebd., S. 50

[27] Ebd, S. 56

[28] Ebd., S. 57

[29] Dieter Zeller: „Menschensohn“, WiBiLex 2011, S. 1+2

[30] Dieter Zeller: „Menschensohn“, WiBiLex 2011, S. 5

[31] Ebd., S. 8

[32] Ebd., S. 5

[33] Armin D. Baum: „Einleitung in das Neue Testament“, Witten, 2018, S. 913

[34] Christfried Böttrich: „Lukasevangelium / Evangelium nach Lukas“, WiBiLex 2014, S. 3

[35] „Ist Jesus dem Glauben im Weg?“ SPIEGEL-Interview mit Prof. Andreas Lindemann vom 13.12.1999

[36] Eindrücklich zusammengefasst in Peter J. Williams: „glaubwürdig – Können wir den Evangelien vertrauen?“ cvmd 2020; Einige Aussagen Williams dokumentiert auch der AiGG-Artikel „Die Berichte des NT weisen alle Eigenschaften von authentischen Augenzeugenberichten auf“

[37] Armin Baum: „Einleitung in das Neue Testament“, Witten, 2018, S. 867 + 913

[38] Armin D. Baum: „Einleitung in das Neue Testament“, Witten, 2018, S. 914

[39] „Der Begriff „vaticinium ex eventu“ „Weissagung vom Ausgang her“ bezeichnet die fingierte Weissagung eines bereits eingetretenen Ereignisses.“ Dominik Helms: „Vaticinium ex eventu“, WiBiLex 2019, S. 1

[40] Armin D. Baum: „Einleitung in das Neue Testament“, Witten, 2018, S. 879

[41]Während manche Exegeten davon ausgehen, dass sich Jesu Rede von der Zerstörung des Tempels der gegenwärtigen Kriegserfahrung im jüdischen Krieg verdankt, in der mit einer Zerstörung des Tempels zu rechnen war, und daher einen echten Ausblick in die Zukunft annehmen, betrachten andere Ausleger die Aussagen als Rückblick auf die bereits erfolgte Zerstörung des Tempels und damit als vaticinium ex eventu.“ Dominik Helms: „Vaticinium ex eventu“, WiBiLex 2019, S. 4

[42]Der Fokus der Darstellung des Lebens Jesu nach Lukas ist also das davidische Umfeld der Herkunft Jesu; deswegen wird seine Geburt in Davids Heimatstadt situiert, ohne dass die Bethlehem-Verheißung Mi5,1 explizit eingespielt würde.“ Gabriele Faßbeck, Barbara Schmitz: „Bethlehem“, WiBiLex 2007/2011, S. 5+6

[43]Der Christ, der in dem Zeugnis der Apostel die Botschaft vom auferstandenen Herrn Jesus Christus vernimmt und ihr Glauben schenkt, begegnet in dieser Botschaft der Behauptung, dass der auferstandene Herr derselbe ist wie der Mensch von Nazareth, mit dem ein Teil der Auferstehungszeugen während seiner irdischen Wirksamkeit zusammen gewesen war. Der Glaube ist darum, wenn er sich über sein Wesen Rechenschaft ablegen, d.h. theologisch nachdenken will, an der Frage brennend interessiert, ob und inwieweit zwischen dem Bild, das er von Jesus Christus aufgrund der apostolischen Verkündigung hat, und der geschichtlichen Wirklichkeit dieses Jesus, auf den sich der Glaube zurückbezieht, eine Übereinstimmung besteht oder nicht. Die Person und die Verkündigung Jesu sind ja die Voraussetzung für das Bekenntnis zum Auferstandenen und für die Predigt der Gemeinde.“ Werner Georg Kümmel: „Die Theologie des Neuen Testaments nach seinen Hauptzeugen“, Göttingen 1987, 5. Aufl., S. 22/23

[44] Ausführlich erläutert in Markus Till: „Streit um das biblische Geschichtsverständnis“, AiGG-Blog 2018

[45] Die „Textkritik“ versucht, die Urschrift des biblischen Textes möglichst genau zu rekonstruieren.

[46] Uwe Zerbst: „Die Bibel vor der Wahrheitsfrage“, S. 17

[47] Uwe Zerbst: „Die Bibel vor der Wahrheitsfrage“, S. 16/17

[48] Dazu 2 Schlaglichter: Siegfried Zimmer berichtet im Hossa Talk: „An den Universitäten gibt es so gut wie keine evangelikalen Theologen. Ich kenne selber vielleicht 2 oder 3 von 2000.“ (ab 23.32). 2020 hat das komplette Kollegium der theologischen Fakultät in Tübingen gemeinsam einen offenen Brief unterzeichnet, in dem die evangelikale Position, dass praktizierte Homosexualität nicht mit dem biblischen Befund vereinbar ist, als „diskriminierend“ bezeichnet wurde. Es sei „unerträglich, wenn Ansichten, die eine solche Diskriminierung unterstützen, bis heute in der evangelischen Kirche vertreten werden.“

[49] Martin Pöttner: „Entmythologisierung (NT)“, WiBiLex 2014, S. 9+10

[50] In der Übersichtsdarstellung „Historische Kritik in den Bibelwissenschaften: Anspruch und Wirklichkeit“ fasst Prof. Stefan Felber zusammen, warum das Narrativ von der wissenschaftlichen Überlegenheit nicht überzeugen kann: Die unübersichtliche Hypothesenvielfalt entlarvt faktischen Subjektivismus statt Objektivität. Statt Neutralität dominiert ein Immanentismus, in dem Gottes Wirken methodisch ausgeschlossen wird. Statt einer offenen Suche nach Verstehen des biblischen Eigeninteresses kommen wesentliche Aussageabsichten (wie z.B. das Christuszeugnis des AT) grundsätzlich nicht in Frage. Die Geschichtlichkeit der biblischen Texte wird auf säkulare Historie reduziert, die göttliche Heilsgeschichte bleibt außen vor. Die Widersprüchlichkeit der Texte ist das vorausgesetzte Bild, von dem die sezierenden Methoden zehren. Im Ergebnis werden nicht etwa falsche Sicherheiten sondern das Wort Gottes insgesamt aufgegeben, so dass der Glaube nicht frei wird sondern selbstreferenziell. „Die Gemeinde hat dann nur sich selbst als Gegenüber, wird im strengen Sinne gott-los.“

[51] Siehe dazu Markus Till: „Worthaus – Universitätstheologie für Evangelikale?“, AiGG Blog 2017

[52] Siehe die Erläuterungen zum Worthausvortrag „Die Nachfolge – Wie kann man heute an Jesus Christus glauben?“ von Thorsten Dietz in Markus Till: „Quo vadis Worthaus? Quo vadis Evangelikale Bewegung“, AiGG-Blog 2020

[53] Joachim Vette: „Bibelauslegung, historisch-kritische (AT), WiBiLex 2008, S. 9

[54] Siehe dazu Markus Till: „10 Gründe, warum es auch heute noch vernünftig ist, der Bibel zu vertrauen“, AiGG-Blog 2017

Warum sind Menschen böse?

Eine Wegscheide des Denkens und des Glaubens

In den letzten Wochen habe ich mich zum einen mit dem Theologen Eugen Drewermann befasst. Zum anderen habe ich im Buch Jeremia gelesen. Der Kontrast und der Widerspruch zwischen diesen beiden theologischen Welten könnte drastischer und grundsätzlicher kaum sein. Tatsächlich scheint mir, dass genau dieser Widerspruch eine grundlegende Wegscheide darstellt, aus der sich völlig unterschiedliche Denksysteme entwickeln mit völlig unterschiedlichen, ja gegensätzlichen weltanschaulichen Konsequenzen, die sich unvereinbar gegenüberstehen. Die zentrale Grundfrage, die in diesen beiden Denksystemen unterschiedlich beantwortet wird, lautet:

Warum sind Menschen böse?

Die unterschiedlichen Antworten sowie die daraus resultierenden gegensätzlichen Konsequenzen für das Denken und den Glauben zeigt die nachfolgende Tabelle:

Menschen handeln böse, weil sie…

… böse sind. … Opfer sind.
Der Mensch trägt selbst Verantwortung für seine bösen Handlungen. Der Mensch kann letztlich nichts für seine bösen Handlungen.
Der Mensch braucht Erlösung von seinem inneren Hang zum Bösen. Der Mensch braucht Erlösung von bösen Umständen.
Der Mensch ist das Problem. Er muss mit seinem falschen Verhalten und seiner Schuld konfrontiert werden: „Tut Buße!“ Die bösen Umstände sind das Problem. Die Verursacher dieser bösen Umstände müssen konfrontiert werden. Die Menschen dürfen die Umstände nicht länger akzeptieren: „Erhebt euch!“
Der Mensch muss sich seiner Schuld und seinem Versagen stellen und sich demütigen. Der Mensch muss sich lösen von dem demütigenden Gedanken, dass er selbst schuld wäre.
Es ist berechtigt, dass Gott auf Menschen zornig ist und dass er sie bestraft. Menschlicher Zorn auf die Umstände lenkt nur vom eigentlichen Problem ab, das im Herzen des Menschen liegt. Zorn über menschliches Verhalten und Strafe wäre unberechtigt und ungerecht. Ein gerechter Gott denkt ausschließlich gut über die Menschen und muss deshalb auch nicht versöhnt werden.
Die Botschaft des Alten Testaments entlarvt das Grundproblem der Menschheit, die sich trotz Gottes Geduld, Segensverheißungen, seinen Wundern und Strafandrohungen immer wieder für das Böse entscheidet. Das Alte Testament ist eine menschliche Fehlinterpretation Gottes und zudem Teil eines menschlichen Unterdrückungssystems, weil es Menschen durch angeblichen göttlichen Zorn und Strafandrohung einschüchtert, klein und gefügig hält.
Gesellschaftstransformation gelingt durch individuelle Umkehr und Erneuerung. Gesellschaftstransformation gelingt durch Schaffung gerechter gesellschaftlicher Verhältnisse.
Es braucht eine strafende Staatsmacht mit Gewaltmonopol, Justiz und Polizei, um das Böse einzudämmen und die Ordnung aufrecht zu erhalten. Eine strafende, drohende Ordnungsmacht ist kontraproduktiv, weil sie das eigentliche Problem nicht löst, Menschen ungerecht bestraft und die Unterdrückung verstärkt.
Es braucht Militär, um böse, aggressive Gesellschaftssysteme in Schach zu halten und notfalls aktiv zu bekämpfen. Militärische Bedrohungsszenarien verstärken nur die Ursachen des bösen Handelns. Militär ist deshalb grundsätzlich vom Übel.
Verheißungsvoll ist ein Gesellschaftssystem, in dem jeder kontrolliert wird (weil jeder dazu neigt, seine Macht zu missbrauchen), in dem individuelle Leistung belohnt wird (weil Menschen nun einmal zur Faulheit und zum Egoismus neigen) und in dem zugleich der Schwache geschützt wird (weil sonst die Starken die Schwachen ausbeuten) – also eine Demokratie als Herrschaft des Gesetzes mit Gewaltenteilung, gegenseitiger Kontrolle und sozialer Marktwirtschaft. Verheißungsvoll ist ein Gesellschaftssystem, in dem jeglicher Zwang und (Leistungs-)Druck entfernt wird, alle Ungerechtigkeit durch Umverteilung oder Vergesellschaftung beseitigt wird und Leistung allein aus Freiwilligkeit heraus erwächst – also alle Formen von Sozialismus, Kommunismus, Anarchie, bedingungsloses Grundeinkommen…

Wie sieht das die Bibel?

Die Antwort der Bibel erscheint mir durchgängig vollkommen eindeutig: Ja, der Mensch ist ein gutes Geschöpf Gottes mit einer unveräußerlichen Würde. Aber er ist zugleich unheilbar in Sünde verstrickt – von Jugend auf (1. Mose 8, 21). Auf diesem pessimistischen Menschenbild baut das ganze theologische System von Paulus im Römerbrief grundlegend auf (Römer 3, 9-18). Ausführlich legt er dar, dass wir Menschen Erlösung von unserem inneren Hang zum Bösen brauchen (Römer 6-8). Entsprechend sieht Paulus auch die Notwendigkeit zu einer staatlichen, strafenden Ordnungsmacht (Römer 13, 1-7). Besonders bemerkenswert ist bei diesem Thema zudem, was NICHT im Neuen Testament steht. Der Theologe Dr. Berthold Schwarz schrieb dazu auf Facebook:

„Wie viele Predigten, klare Hinweise in den Evangelien und in den Briefen haben wir von Jesus, den Aposteln oder apostolischen Mitarbeitern vorliegen, die z.B. gegen die politischen und gesetzlichen Maßnahmen und die oft desaströsen sozialen Missstände unter Kaiser Claudius, Kaiser Caligula, Kaiser Nero samt deren Bevollmächtigten gerichtet waren? Wie viele Briefe und Petitionen und Beschwerden von Christen gegen das soziale Chaos im Königshaus des Herodes für die Bevölkerung in Jerusalem oder gegen Pontius Pilatus und dessen Nachfolger als Statthalter finden wir als „Vorbild“ im NT?! Welche Despoten in Kreta, Italien, in Ephesus, Perge oder Galatien werden im NT wegen ihrer ungerechten und schrecklichen Lokalregierungsweise von christlichen Evangelisten, Aposteln und Predigern öffentlich gemahnt und zurechtgewiesen?!“

Der Befund ist eindeutig: Obwohl gerade die ersten Christen unter den damaligen staatlichen Systemen schwer zu leiden hatten, finden wir im gesamten Neuen Testament praktisch an keiner Stelle Kritik an den staatlichen Mächten, am System oder an den Umständen. Es geht stattdessen fast ausschließlich um den individuellen Ruf zur Buße, zur Umkehr, zur Annahme von Gottes Erlösung und zur Pflege des neuen Lebens, das aus Gottes Wort und dem Heiligen Geist erwächst. Und trotzdem hatte genau dieses Christentum zu allen Zeiten eine enorme gesellschaftstransformierende Kraft, weil es anders als alle politischen Maßnahmen bei der tatsächlichen Wurzel der gesellschaftlcihen Probleme ansetzt. Denn das Herz der Probleme ist das Problem des Herzens!

Im Buch Jeremia wird die biblische Sichtweise auf den Menschen besonders deutlich. Ausführlich und düster beschreibt der Prophet das böse Verhalten der Israeliten:

„Sie sind allesamt Ehebrecher und Betrüger. Sie spannen ihre Zunge wie die Sehne eines Bogens und feuern Lügen ab wie Pfeile. Sie herrschen über das Land, indem sie betrügen. Die Wahrheit bedeutet ihnen nichts. … Jeder belügt und betrügt seinen Bruder, wo er kann. Selbst der beste Freund wird ohne Skrupel verleumdet. Sie überlisten sich gegenseitig, und nicht einer spricht die Wahrheit. Mit geübter Zunge verbreiten sie Lügen. Sie können schon gar nicht anders handeln als böse. Einer Gewalttat folgt die nächste, und eine Lüge bringt neue Lügen hervor. Aber von mir wollt ihr nichts wissen, spricht der HERR.“ (Jeremia 9, 1-5)

Was ist die Konsequenz, wenn Menschen in eine derartige gesamtgesellschaftlich gewachsene Verstrickung mit bösem Verhalten geraten sind, dass sie gar nicht mehr anders können, als böse zu handeln? Muss man diese Menschen bedauern? Gott stellt eine grundlegend andere Frage:

„Sollte ich so ein Verhalten nicht bestrafen?“ spricht der HERR. … “Sie wollten mein Gesetz nicht kennen und schon gar nicht danach leben. Lieber taten sie, was ihnen in den Sinn kam, und rannten den Baalsgötzen hinterher, genauso, wie ihre Vorfahren es schon getan hatten. Deshalb hört zu, was der HERR, der Allmächtige, der Gott Israels, spricht: Sie sollen bittere Speise essen und giftiges Wasser trinken. Ich will sie über die ganze Welt zerstreuen. Sie sollen unter Völkern leben, die ihnen und ihren Vorfahren bislang unbekannt waren. Mit dem Schwert will ich sie verfolgen, bis sie vollständig vernichtet sind.“ (Jeremia 9, 8a+12-15)

Die prophetischen Bücher sind randvoll mit vergleichbaren Aussagen. Gott sieht offenkundig allen Grund, zornig zu sein und Menschen für ihr Verhalten zur Verantwortung zu ziehen. Wer das abstreiten möchte, müsste wohl den größten Teil des Alten Testaments und viele Passagen im Neuen Testament für eine menschliche Fehldeutung oder gar eine bewusste Unterdrückungsmasche religiöser Herrscher halten. Genau so sieht es zumindest Eugen Drewermann. Und er zieht aus seiner Grundannahme, dass selbst Mörder letztlich nur Opfer sind, genau alle die Konsequenzen, die auf der rechten Seite der Tabelle aufgeführt werden.

Wie urteilt die Geschichte?

Neben dem klaren biblischen Befund spricht meines Erachtens auch die Geschichte ein eindeutiges Urteil: Alle Träume von sozialistischen, kommunistischen, anarchischen, radikalpazifistischen Systemen waren bislang nicht nur zum Scheitern verurteilt, sie haben dazu noch vielfach unfassbares Leid erzeugt. Die Träume von Marx und Lenin haben auf einen Pfad geführt, der am Ende die größten Massenmörder der Weltgeschichte hervorgebracht hat. Heute stehen wir vor den Trümmern Venezuelas, eines der rohstoffreichsten Länder der Erde. Wo immer Mauern aufgebaut wurden zwischen kommunistischen und „kapitalistischen“ Ländern, haben bislang die Menschen aus den kommunistischen Ländern zu fliehen versucht, nicht umgekehrt. Und nicht zuletzt: Der Umweltschutz war in den kommunistischen Systemen deutlich schlechter als im “kapitalistischen” Westen. Ich stehe deshalb einigermaßen fassungslos davor, dass selbst im reichen Deutschland, das mit Hilfe von Demokratie und sozialer Marktwirtschaft mehr allgemeinen Wohlstand hervorgebracht hat als jedes andere System der Geschichte, heute wieder bis mitten in die SPD hinein offen vom Sozialismus geträumt wird und dass einige FFF-Aktivisten meinen, mit linksradikalen Ideen könnte man das Klima retten. Auf welcher geschichtlichen Erfahrung gründen sich diese Hoffnungen nur?

Und nicht zuletzt sollten wir Christen auch nicht übersehen, dass die Prophetie Jeremias in beeindruckender Weise in Erfüllung gegangen ist: Die Juden wurden tatsächlich über die ganze Welt zerstreut. Der jüdische Staat wurde für lange Zeit tatsächlich vollständig vernichtet. Schon deshalb halte ich es für höchst gefährlich, die Theologie Jeremias für einen überkommenen menschlichen Irrweg zu halten. Denn schließlich zählt am Ende nicht, wie unser Wunschgott aussieht. Es zählt allein, was die Wahrheit ist. Es zählt allein, wie Gott tatsächlich ist und handelt. Und da sehe ich jede Menge Gründe, den biblischen Beschreibungen über Gott mehr zu vertrauen als zeitgeistigen Vorstellungen, die die biblischen Schilderungen ins theologiegeschichtliche Museum stellen wollen.

Eine Grundentscheidung für jeden Menschen und jeden Verkündiger

Die biblische Botschaft stellt ausnahmslos jeden Menschen vor eine persönliche Grundentscheidung: Willst Du Dir eingestehen, dass Du selbst das zentrale Problem bist und nicht die Umstände? Kannst Du Gott um Erlösung bitten von Deinem eigenen, in Sünde verstrickten Wesen? Kannst Du Deinen alten Menschen mit Christus am Kreuz in den Tod geben? Dann öffnet sich für Dich die Tür zu Gottes unverdienter Gnade und zu neuem Leben aus dem Heiligen Geist. Dann kannst Du einen Gott erleben, der Dir nicht gibt, was Du verdient hast sondern der Dich überreich beschenkt, obwohl Du es nicht verdient hast. Dann kannst Du ausbrechen aus allem religiösen Leistungsdenken, aus allem Moralismus und allen Selbsterlösungsversuchen. Dann kannst Du Gott getrost die Zügel Deines Lebens überlassen, weil Du vertrauen kannst, dass er besser weiß als Du selbst, was gut für Dich ist. Ich muss offen sagen: Nur diese Art des Glaubens, des Beschenktwerdens aus unverdienter Gnade, des Erneuertwerdens durch den Heiligen Geist, des Unterordnens unter Gottes Herrschaft, empfinde ich als kraftvoll und attraktiv. Alles andere erscheint mir wie ein Trostpflaster auf einer Wunde mit Blutvergiftung: Es sieht tröstlich aus, hält uns aber nur davon ab, wirksam gegen die schleichende Krankheit vorzugehen. Und wenn ich meine siechende Kirche sehe, dann wächst in mir der Eindruck, dass die meisten Menschen spüren: Eine Botschaft der billigen Gnade, der Vergebung ohne Buße, ist ein nettes Trostpflaster, das aber kaum jemand wirklich hilft und das deshalb auch kaum jemand wirklich braucht, für das gleich gar niemand Opfer bringt, leidenschaftlich missioniert und Gemeinde baut.

Allerdings war es auch noch nie populär, die Menschen damit zu konfrontieren, dass sie selbst das Problem sind, ganz im Gegenteil: Diese Botschaft wurde zu allen Zeiten bekämpft, ausgegrenzt und verfolgt, so wie Jesus es in der Rückschau auf die Propheten festgestellt (Matth. 5, 12) und für seine Nachfolger vorausgesagt hat (Johannes 15, 18-20). Aber wenn wir der Bibel glauben, dann ist diese unattraktive, provozierende Botschaft nun einmal die einzig wahre Diagnose, die zur einzig wirksamen Therapie führt. Und die Kirchengeschichte zeigt: Diese raue, kantige Botschaft war schon immer so kraftvoll und attraktiv, dass die Kirche Jesu sogar inmitten übelster Verfolgung bestehen, wachsen und gedeihen konnte.

Die große Frage ist deshalb an jeden von uns persönlich: Werden wir uns dieser Botschaft stellen, uns am Kreuz demütigen und uns dort mit Gottes Vergebung und unverdienter Gnade beschenken lassen? Oder bleiben wir auf unserem hohen Ross der Selbstgerechtigkeit sitzen und erregen uns lieber über die Umstände, die angeblich an unseren Problemen schuld sind?

Und die große Frage an die kirchlichen Verkündiger ist: Werden wir die Menschen darin beruhigen, dass in Gottes Augen alles gut ist und wir uns einfach nur geliebt und bestätigt fühlen dürfen? Oder werden wir sie neben der Botschaft der Liebe Gottes auch mit der unangenehmen Wahrheit konfrontieren, dass wir alle schuldig sind, dass wir Sünder sind, dass wir Vergebung, Erlösung und Erneuerung brauchen? Werden wir am Ärgernis des Kreuzes (1. Korinther 1, 23) festhalten?

Das erscheint mir eine grundlegende Wegscheide des Denkens und des Glaubens zu sein, an der sich für uns persönlich und für die Kirche Jesu viel mehr entscheidet, als vielen Christen bewusst ist.


Zum besseren Verständnis dieses Artikels empfehle ich den Worthausvortrag von Dr. Eugen Drewermann “Jesus aus Nazareth – Von Krieg zu Frieden”: https://worthaus.org/worthausmedien/jesus-aus-nazareth-von-krieg-zu-frieden-10-1-2/

Im Blog Daniel-Option habe ich diesen Vortrag ausführlich kommentiert: https://danieloption.ch/weltanschauuung/ist-angst-das-grundproblem-der-menschheit/

Weiterführend dazu:

  • Das 2-Reiche-Missverständnis – Warum man die Bibel grundsätzlich missverstanden hat, wenn man vom Staat Pazifismus nach den Regeln der Bergpredigt verlangt.

Was sagt Lukas über liberale Theologie?

In Lukas 24, 36-44 schreibt Lukas:

„Als sie aber davon redeten, trat er selbst mitten unter sie und sprach zu ihnen: Friede sei mit euch! Sie erschraken aber und fürchteten sich und meinten, sie sähen einen Geist. Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so erschrocken, und warum kommen solche Gedanken in euer Herz? Seht meine Hände und meine Füße, ich bin’s selber. Fasst mich an und seht; denn ein Geist hat nicht Fleisch und Knochen, wie ihr seht, dass ich sie habe. Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen seine Hände und Füße. Da sie es aber noch nicht glauben konnten vor Freude und sich verwunderten, sprach er zu ihnen: Habt ihr hier etwas zu essen? Und sie legten ihm ein Stück gebratenen Fisch vor. Und er nahm’s und aß vor ihnen. Er sprach aber zu ihnen: Das sind meine Worte, die ich zu euch gesagt habe, als ich noch bei euch war: Es muss alles erfüllt werden, was von mir geschrieben steht im Gesetz des Mose und in den Propheten und Psalmen.“

Bei diesen Worten könnte man glatt meinen, dass Lukas sich in moderne theologische Debatten einmischen möchte. Mit wenigen Worten antwortet er auf einige der Hauptanfragen aus der liberalen Theologie, von denen ich lange Zeit gedacht hatte, dass diese Themen nur moderne Menschen umtreiben. Aber Lukas zeigt: Schon die Jünger haben mit genau den gleichen Fragen gekämpft. Die Antworten von Lukas sind überraschend deutlich:

War der auferstandene Jesus nur ein Gedanke, eine Erscheinung, eine Vision oder ein Geist?

Lukas berichtet: Das haben die Jünger auch gedacht. Selbst als sie den auferstandenen Jesus sahen, waren sie immer noch genauso skeptisch wie viele heutige Theologen. Aber Jesus nimmt sich ausführlich Zeit, um zu zeigen: Er ist zwar verwandelt. Aber das Grab ist leer. Jesus hat immer noch diesen Leib mit den Narben, die ihm am Kreuz zugefügt wurden. Jesus bittet extra um etwas zu essen, weil es ihm wichtig ist, klarzustellen: Ich lebe! Und zwar nicht nur in eurer Predigt, in euren Herzen oder in einer vergeistigten Form sondern physisch, aus „Fleisch und Knochen“, anfassbar und ganz real!

Ist der nachösterliche Christus nur eine frühchristliche Deutung des historischen Menschen Jesus von Nazareth?

Lukas berichtet: Genau wie in der heutigen Theologie war die Verunsicherung bei den Jüngern groß, wer Jesus eigentlich war. Jesus selbst stellt deshalb klar: Ich wusste schon vorher, dass ich sterben und auferstehen werde. Erinnert euch: Ich hatte es euch vorher schon angekündigt! Jesus wurde also nicht nachträglich als “Christus” (griechisch für “Messias”) gedeutet, sondern er selbst war sich schon lange vor Ostern immer bewusst gewesen: Ich werde mein Leben opfern und den Tod besiegen. Ich bin der Erlöser der Welt und der König des kommenden Gottesreichs.

Spricht das Alte Testament von Jesus? Gibt es vorhersagende Prophetie? Hat das Alte Testament Offenbarungscharakter? Ist die Bibel widersprüchlich?

Auch die Jünger Jesu hatten noch nicht durchschaut, dass ihre Erlebnisse mit Jesus mit den Texten des Alten Testaments eng zusammen hängen. Deshalb nahm Jesus sich (zuvor auch schon bei den Emmausjüngern) viel Zeit, um deutlich zu machen: Das gesamte Alte Testament dreht sich um ihn! Es ist voller Vorhersagen, die sich erfüllt haben. Es ist voller Wissen darüber, dass ER kommen wird, was ER tun wird und was mit ihm geschehen wird – Wissen, das kein Mensch aus sich heraus haben kann und das deshalb den Offenbarungscharakter des Alten Testaments beweist. Jesus betont zudem: Diese Vorhersagen MUSSTEN sich erfüllen – weil es ja Worte Gottes sind! Ausdrücklich verleiht Jesus dem kompletten Kanon diesen Offenbarungscharakter: Mose, Propheten und Psalmen. Damit wird auch deutlich: AT und NT bilden eine Einheit. Sie erzählen gemeinsam die eine Geschichte von Jesus Christus.

Wem glauben wir?

Nun kann man den Aussagen und Schilderungen von Lukas natürlich glauben oder auch nicht. Aber eines kann man nicht: Liberale Theologie mit der Aussageabsicht von Lukas und seiner Darstellung der Aussagen Jesu harmonisieren. Wir müssen uns schon ehrlich machen:

  • Entweder haben liberale Theologen Recht. Dann liegt Lukas grundfalsch und ist damit als Zeuge unglaubwürdig.
  • Oder Lukas hat Recht. Dann ist liberale Theologie ein grandioser Irrtum.

Beides zugleich geht nicht. Wir müssen uns entscheiden.

Meine Kirche scheint sich entschieden zu haben. Sie lässt ihr Führungspersonal überwiegend von Menschen ausbilden, die einer liberalen Theologie folgen. Leider hat sie damit Lukas als glaubwürdigen Botschafter verloren. Ich frage mich: Glaubt meine Kirche denn wirklich, Menschen stattdessen für die Botschaft moderner Theologen gewinnen zu können? Falls ja: Welche Botschaft ist das? Moderne Theologen sind sich doch eher selten über etwas einig.

Ich für meinen Teil werde mich lieber auf Lukas verlassen. Seine Botschaft trägt – im Leben und im Sterben.