Ist die Worthaus-Theologie liberal?

Wie alle „Schubladenbegriffe“ wird auch der Begriff der „liberalen Theologie“ sehr unterschiedlich verwendet. Evangelikale Laien verstehen darunter tendenziell etwas Anderes als universitäre Theologen. Sie neigen dazu, die Vielfalt universitärer Theologie weniger wahrzunehmen und alles unter dem Begriff „liberal“ zusammen zu fassen – genau wie manche liberal geprägte Christen Evangelikale pauschal als „fundamentalistisch“ einstufen.

Im Hossa-Talk #105 wird auch dem AiGG-Worthausartikel vorgeworfen, die Theologie der Worthaus-Vorträge pauschal als „liberal“ zu bezeichnen (Min. 19.20). Deshalb möchte ich gerne dazu beitragen, dass wir einander differenzierter wahrnehmen.

Fakt ist: Die Worthausreferenten repräsentieren eine große Bandbreite universitärer Theologie. Darunter sind Referenten, die auch gemäß der universitären Definition als liberal gelten dürfen (wie Prof. Zimmer im Hossa Talk bestätigt; Min. 10.05). In der großen Mehrzahl trifft das universitäre Label „liberal“ aber nicht für die Worthaus-Referenten zu. Entsprechend charakterisiert der AiGG-Artikel die Worthaus-Theologie auch nirgends als „liberal“ sondern als „universitär“. Dazu wird kommentiert: „Worthaus ist kein einheitlicher Block mit einheitlicher Theologie. … Es stellt deshalb eine der Übersichtlichkeit geschuldete Vereinfachung dar, wenn in diesem Artikel der Begriff „Worthaus“ so verwendet wird, als ob alle Vorträge eine geschlossene Sichtweise vertreten würden.“ DIE Worthaus-Theologie gibt es also nicht. Deshalb ist natürlich auch nicht jede Kritik an einzelnen Aussagen in Worthaus-Vorträgen auf alle Worthaus-Referenten gemünzt.

Fakt ist aber auch: An den Universitäten gibt es kaum evangelikale Theologen. Laut Prof. Zimmer ist der Anteil evangelikaler Theologen an den theologischen Fakultäten im Promillebereich (Min. 23.00). Entsprechend sind auch die allermeisten Worthaus-Referenten nicht evangelikal. Bei zentralen Themen wie dem Bibelverständnis werden in vielen Worthaus-Vorträgen Positionen vertreten, die sich von traditionellen evangelikalen Positionen deutlich unterscheiden. Und ich finde: Darüber dürfen und müssen wir Evangelikalen reden – engagiert, differenziert und an der Sache orientiert.

Siehe auch: Jubilate! Endlich… diskutieren wir wieder mit offener Bibel!

WEITERGLAUBEN – Fundiert unfundamentalistisch?

Weiterglauben – so heißt das neue Buch von Professor Thorsten Dietz. Dietz lehrt an der evangelischen Hochschule Tabor. Der Buchtitel ist doppeldeutig gemeint:

  1. Angesichts des schmerzlichen Verdunstens von Frömmigkeit in unserem Land will Dietz ermutigen, weiterhin am Glauben festzuhalten. Als Beispiel schildert er den Glaubensweg von Torsten Hebel, der trotz einer tiefen Krise den Glauben nicht aufgab sondern gemäß der Analyse von Jürgen Schuster von einer dogmenorientierten auf eine “beziehungsorientierte, erfahrungsoffene und dialogische” Glaubensweise umgestellt hat, die dem postmodernen Mindset besser gerecht wird. Dietz lässt nicht unerwähnt, dass diese Deutung u.a. von Dr. Gerrit Hohage auf biblipedia.de kritisiert wurde. Die Kritik wird aber nicht besprochen, stattdessen beklagt Dietz allgemein den „Sog der Polarisierung“, in dem es nicht um das nähere Verständnis der Sachfragen ginge sondern „sofort um: Dieses Denken führt in die Irre bzw. ist das einzig mögliche.“ (S. 22)
  2. Um weiter glauben zu können hält Dietz es für hilfreich, den Glauben weiter zu fassen, als fundamentalistisch geprägte Strömungen dies tun. Dietz will “fundiert unfundamentalistisch” sein, wie es auf dem Buchrücken heißt. Gleich auf der ersten Seite des Vorworts grenzt Dietz sich ausdrücklich vom AiGG-Blogartikel „Worthaus – Universitätstheologie für Evangelikale“ ab. Die Tatsache, dass Worthaus Universitätstheologie auch unter Evangelikalen immer populärer macht, solle man nicht als Warnung lesen sondern als Kompliment. Genau an diesen Erfolg von Worthaus will Dietz mit seinem Buch anknüpfen.

Hilfreiche Einsichten und Erkenntnisse

Beim Lesen des zwar anspruchsvoll geschriebenen aber durchaus angenehm zu lesenden Buchs hatte ich einen Bleistift in der Hand, um gute und wertvolle Aussagen mit einer geraden Linie zu unterstreichen und fragwürdige Aussagen mit einer Wellenlinie zu markieren. Als Resultat muss ich sagen: Die geraden Linien überwiegen bei weitem. Thorsten Dietz schildert viele wertvolle Einsichten, die ich von Herzen unterstreichen kann. Viele der Gefahren konservativer Frömmigkeitspraxis, auf die Dietz hinweist, finden sich so oder so ähnlich auch in meinen Schriften:

  • Eine herz- und geistlose Dogmenorientierung auf Kosten der Wahrhaftigkeit und Menschlichkeit
  • Ein strikt polares oder gar polemisches Freund-Feind-Denken samt der Unfähigkeit, das Gegenüber differenziert zu betrachten und sich sachlich streiten zu können
  • Die Wahrung der eigenen Identität primär durch negative Abgrenzung von Anderen
  • Der Irrtum, dass man Gott und die Wahrheit durch rein intellektuelles Begreifen der Bibel im Griff haben könnte

Ich stimme Dietz im Grunde zu, wenn er sagt: „Wenn Jesus die Wahrheit ist, dann kann ich nicht einfach mein noch so richtiges Denken über ihn als DIE Wahrheit bezeichnen. Ich bekomme die Wahrheit über ihn nicht in den Griff. Sie erschließt sich mir, wo ich auf seine Stimme höre und wo ich aus seiner Wahrheit lebe.“ (S. 62, Hervorhebung nachträglich)

Wohltuend sind auch einige kritische Hinweise von Thorsten Dietz in Richtung eines alles auflösenden und zur Beliebigkeit neigenden Subjektivismus:

  • „Wenn wir darauf verzichten, die Wahrheit vernünftig erkennen zu wollen, dann lösen sich die Fragen nicht einfach auf. Für die Beantwortung gilt dann das Recht des Stärkeren.“ (S. 55) Dass das Schwinden einer allgemein akzeptierten höheren Wahrheit der Grund ist für die auch in unserer Gesellschaft um sich greifende Verrohung der Debattenkultur hat auch Vishal Mangalwadi eindrücklich dargelegt.
  • „Der Verzicht auf die Wahrheitsfrage ist ein Luxus der Unbeteiligten.“ (S. 56) Wenn Verantwortungsträger meinen, sie könnten sich um des lieben Friedens willen einfach aus allen Streitfragen heraushalten, dann ist auch das eine Entscheidung, die massive Konsequenzen hat. Die Vogel-Strauß-Taktik ist keine Lösung. Wir müssen uns den Debatten stellen und Position beziehen.

Letztlich beschreibt Dietz die Pole gut, wenn er schlussfolgert:

„Wahrheit geht nicht auf in richtigen Informationen. … Zugleich lässt sich Wahrheit auch nicht einfach reduzieren auf Wahrhaftigkeit, auf das bloß subjektive Gefühl: Für mich ist das stimmig. […] Die Wahrheit des christlichen Glaubens wird auf beiden Wegen verfehlt. Weder das Ideal der absoluten Objektivität noch die Verabsolutierung der Subjektivität („für mich fühlt es sich aber gut an“) werden ihr gerecht.“ (S. 67/68)

Den Anhängern einer rein subjektiven Wahrheitssicht schreibt Dietz zudem in erfrischender Deutlichkeit ins Stammbuch: „Wer sich lange und intensiv mit der Geschichte christlicher Lehrstreitigkeiten befasst, der kann zwar eine gewisse Sehnsucht bekommen nach einem Christentum ganz ohne verbindliche Bekenntnisse, frei von Wahrheitsansprüchen. Aber im Ernst: Was unterscheidet am Ende ein undogmatisches Christentum von jedem anderen Ensemble, das sich auf die Weisheit von Leben und Lebenlassen einigen kann?“ (S. 69)

Schriftverständnis: Das Kind mit dem Bad ausgeschüttet

Auch das Kapitel über das Schriftverständnis enthält einige hilfreiche, wichtige Einsichten:

  • „Die neutestamentlichen Autoren haben ganz offensichtlich die Schriften des Alten Testaments als Gottes Wort gelesen, genauso wie die allermeisten Christen in der Kirchengeschichte.“ (S. 80)
  • „Darum hängt alles an der Erforschung des ursprünglichen Sinns der biblischen Texte selbst. Sola scriptura heißt bei Luther: Die Bibel selbst muss sich auslegen, sie muss mit der ursprünglichen Aussageabsicht ihrer Texte zur Geltung kommen. Keine menschliche Instanz kann das Fragen nach der biblischen Wahrheit durch letztgültige Auslegung beenden.“ (S. 83)

Angesichts dieser klaren Aussagen ist es umso überraschender, wenn Dietz dann plötzlich behauptet, die „Gleichsetzung von biblischen Texten und Gottes Reden, die unvermittelte Bezeichnung der Bibel als „das Wort Gottes“ sei verkürzt, denn: „Die biblischen Texte kennen einen solchen unmittelbaren Offenbarungscharakter der ganzen Bibel gar nicht.“ (S. 79) Wirklich nicht? Wie passt das zusammen mit der Aussage, dass die neutestamentlichen Autoren das Alte Testament „ganz offensichtlich“ als Gottes Wort gelesen haben?

Noch seltsamer wird es für mich, wenn Dietz schreibt: „Christen glauben an Jesus Christus und nicht an die Bibel. Das ist kein falscher Gegensatz, sondern im Grunde eine Selbstverständlichkeit.“ (S. 80) Soweit ich das sehe begründet Dietz diese These nicht. Und ich frage mich: Wenn sich mir die Wahrheit nur erschließt, „wo ich auf Jesu Stimme höre und aus seiner Wahrheit lebe“, (siehe Zitat oben) wie kann man denn dann den Glauben an Jesus Christus vom Vertrauen in die Verlässlichkeit der Bibel trennen? Denn seine Stimme und seine Wahrheit hören wir heute nun einmal allein und ausschließlich nur durch die Bibel! Wenn wir uns nicht darauf verlassen können, dass die Bibel verlässliches Wort Gottes ist, dann verschwimmt auch seine Stimme und seine Wahrheit zwangsläufig im Nebel. Man höre sich nur einmal den Worthausvortrag von Prof. Stefan Schreiber über den „historischen Jesus“ an, in dem er ein völlig vermenschlichtes Jesusbild zeichnet, das m.E. mit dem biblischen Christus, auf den ich im Leben und Sterben vertrauen kann, nur noch herzlich wenig zu tun hat.

Letztlich legt Dietz sich fest auf die Formel, die Bibel sei „Gotteswort in Menschenwort.“ (S. 98) Er meint, dabei die ganz große Mehrheit der Theologen aus ganz verschiedenen Lagern auf seiner Seite zu haben. Dietz stellt dabei folgende Extreme einander gegenüber:

„Das ist auf der einen Seite die Irrtumslosigkeit der Bibel und auf der anderen Seite die […] Vorstellung, dass der Historiker über ganz klare Maßstäbe verfüge und von vornherein ausschließen könne, dass Gott redet und tote Menschen auferweckt werden.“ (S. 94)

Dietz lobt dabei ausdrücklich „kritische Rückfragen“ zu einer „Exegese, die […] die Wunder nicht mehr wahrhaben möchte“ und verweist dabei auf den AiGG-Artikel „Stolz und Vorurteil?“ Wie schön! Aber aus welchen Gründen lehnt er ein Festhalten an der Irrtumslosigkeit der Bibel so vehement ab? Warum hält er es stattdessen für wünschenswert, dass „Christen die Einsicht in den Stückwerkcharakter aller Erkenntnis auf ihr Bibelverständnis anwenden“? (S. 97) Liefert der biblische Text denn tatsächlich nur Stückwerk?

Unfehlbare Schrift oder unfehlbare Auslegung? Ein grundlegender Argumentationsfehler

An dieser Stelle wird aus meiner Sicht geradezu beispielhaft ein grundlegender Argumentationsfehler deutlich, der mir schon öfter auffiel, wenn Theologen versuchen, eine liberalere Theologie einem konservativen Publikum schmackhaft zu machen. Denn das eigenartige ist: Soweit ich das sehe spricht Dietz in seinem Buch an keiner einzigen Stelle über Irrtümer in der Bibel, um seine These zu begründen. Er spricht vielmehr ausschließlich und allein über (aus seiner Sicht) fehlerhafte Auslegungen der Bibel.

Fast ein ganzes Kapitel verwendet Dietz darauf, die Option einer historischen Auslegung der biblischen Urgeschichte ad absurdum zu führen. Da wird der Theologe plötzlich zum Naturwissenschaftler: Astronomie, Chemie, Geologie, Paläogenetik: Sie alle sprächen unisono dafür, dass die biblische Urgeschichte historisch so nicht passiert sein kann. Zugleich weist Dietz darauf hin, dass es ja aber auch ganz konservative Theologen wie Timothy Keller gibt, die nicht an eine Historizität der biblischen Urgeschichte glauben. Zudem verweist er auf Johannes Hartl, der zur biblischen Schöpfungsgeschichte schreibt: „Ob sie historisch zu verstehen ist? Nun, wenn nicht historisch, so könnte man antworten, dann doch bedeutend realer gemeint als historisch. Es ist unsere Geschichte.“ (Zitat auf S. 118)

Nun kann man an diesem Punkt tatsächlich unterschiedlicher Meinung sein. Persönlich bin ich überzeugt davon, dass die biblische Urgeschichte tatsächlich auch einen historischen Wahrheitsgehalt hat, obwohl ich weiß, dass diese Annahme mit dem aktuellen Stand der Wissenschaften an einigen Stellen kollidiert (so wie schlichtweg jedes Weltbild mit einigen gravierenden Problemen zu kämpfen hat). Christen wie mir wirft Thorsten Dietz vor: „Eine fundamentalistische Bibellektüre, die einen solchen Text als einen Bericht verstehen möchte […] produziert vermeintliche Fehler und gewundene Rettungsversuche.“ (S. 111) Nun: Ich möchte die biblische Urgeschichte eigentlich nicht als historischen Bericht sehen. Mir fiele es wesentlich leichter, ihn nur symbolisch zu verstehen, denn das wäre wesentlich kompatibler mit der Weltsicht der allermeisten meiner Mitmenschen. Aber weder für mich noch für Thorsten Dietz sollte es doch von Bedeutung sein, was wir als Ausleger möchten. Entscheidend ist doch die Frage: Was möchte denn der Text???

Dietz hatte im Rückgriff auf Luther doch selbst betont, dass die Bibel sich selbst auslegen und allein die Aussageabsicht des Textes zur Geltung kommen solle. Und mein Eindruck ist nun einmal ganz deutlich: Auch die ersten Genesiskapitel möchten u.a. auch historisch verstanden werden – und sie werden ja auch an anderen Stellen der Bibel historisch verstanden. So hat z.B. Dr. Reinhard Junker eine Reihe von Hinweisen zusammen getragen, die das untermauern. Zugleich hat er dargelegt, welchen theologischen Schaden man nehmen kann, wenn man diesen historischen Aspekt der biblischen Urgeschichte aufgibt (wie z.B. der Zusammenhang von Adam und Christus gemäß Röm. 5, 12ff. oder die Konsequenzen für unser Gottes- und Menschenbild, wenn der Tod nicht Folge des menschlichen Abfalls sondern Schöpfungsmittel Gottes ist).

Ich kann aber durchaus damit leben, wenn einige Theologen wie J. Hartl das offen lassen oder wie T. Keller anders sehen wollen, solange sie damit nicht auch die theologischen Aussagen der Urgeschichte über Bord werfen. Die große Frage, die sich mir aber im Zusammenhang des Buchs von Thorsten Dietz stellt, ist: Was hat diese Diskussion denn mit der Frage nach der Irrtumslosigkeit der Bibel zu tun? Denn selbst Thorsten Dietz vertritt ja geradezu leidenschaftlich die These: Auch wenn die Urgeschichte nicht historisch sondern symbolisch gemeint ist, dann ist sie auf einer tieferen Ebene trotzdem durch und durch wahr!

Thorsten Dietz argumentiert also wortreich gegen eine aus seiner Sicht falsche Auslegung der Schrift. Aber er schüttet – ohne jedes Argument – dann das Kind mit dem Bad aus und verwirft darüber hinaus auch die Unfehlbarkeit der Schrift selbst. Die Argumentation von Thorsten Dietz misslingt aus meiner Sicht also im Kern an einer fehlenden Differenzierung zwischen einer unfehlbaren Schrift und einer unfehlbaren Auslegung. Letztere müssen wir in der Tat unbedingt kritisieren. Wir haben auch im protestantischen Raum zu viele Päpste, die ihre Schriftauslegung für die einzig wahre halten und gleich „Ketzer“ rufen, wenn man ihnen nicht in allen Details folgt. Unser Erkennen und somit auch unsere Auslegung ist Stückwerk. Niemand kann für sich beanspruchen, die Bibel durch und durch korrekt auszulegen.

Aber das ändert doch nichts daran, dass wir in Bezug auf die Schrift selbst daran festhalten müssen, was auch laut Thorsten Dietz Jesus selbst, alle neutestamentlichen Autoren und die meisten Christen der Kirchengeschichte geglaubt haben, nämlich gemäß 2. Tim. 3, 16 alle Schrift für Gottes Wort zu halten! Ich habe in diesem Buch kein Argument gefunden, dass diesem Schriftverständnis entgegenstünde.

Scheut sich Thorsten Dietz vielleicht davor, seine konservativeren Leser mit den Konsequenzen zu verschrecken, die die Aufgabe der Irrtumslosigkeit der Schrift nach sich zieht? Im AiGG-Worthausartikel wurden diese Konsequenzen ja ausführlich dargelegt. Denn bei Worthaus geht die Bibelkritik nun einmal sehr viel weiter, als nur die wahre Aussageabsicht der Bibel unter Berücksichtigung der damaligen Zeit und Kultur herauszuarbeiten. Auch vielen eindeutig und unzweifelhaft historisch gemeinten Texten in den Evangelien sprechen Worthaus-Referenten die Historizität ab, was neben den Konsequenzen für die Glaubwürdigkeit der Bibel natürlich auch gravierende theologische Konsequenzen hat, da die Geschichtlichkeit oft wesentlicher Bestandteil der theologischen Aussage ist. Folgerichtig enthält die Bibel für viele Worthausreferenten natürlich auch theologische Fehler. Es wäre fair gewesen, wenn Thorsten Dietz in seinem Buch auf diese in der Universitäts- und Worthaustheologie praktizierten Konsequenzen der Aufgabe der Irrtumslosigkeit der Bibel offen hingewiesen hätte.

Leider schweigt sich Thorsten Dietz zudem über die Frage aus, die sich immer stellt, wenn man die Fehlerlosigkeit und Irrtumsfreiheit der Schrift aufgibt: Wer unterscheidet dann zwischen Wahrheit und Irrtum, zwischen richtig und fehlerhaft, zwischen Widerspruch und sich ergänzenden Paradoxen, zwischen Menschenwort und Gotteswort? Nach welchen Kriterien? Auf welcher Basis können wir dann noch gesichert theologisch argumentieren? Wie kann Thorsten Dietz zum Beispiel behaupten: „Das Menschenbild der meisten Christen ist zu positiv oder zu negativ.“ (S. 115) Auf welcher Grundlage weiß Thorsten Dietz hier so gut Bescheid? Im Buch sowie in seinem Vortrag „Böse von Jugend auf?“ argumentiert auch Thorsten Dietz mit Bibelstellen. Ich finde das ja gut. Aber geht das überhaupt, wenn die Bibel voller Fehler, Irrtümer und Widersprüche ist? Schade, dass Dietz zu diesen Fragen nicht Stellung nimmt.

Thorsten Dietz und Johannes Hartl: Wie eine ähnlich klingende Hermeneutik zu einer ganz unterschiedlichen hermeneutischen Praxis führen kann

Interessant ist in diesem Zusammenhang die Auseinandersetzung von Thorsten Dietz mit der Doktorarbeit von Johannes Hartl, die manchen konservativen Hartl-Kritikern als Beweis einer liberalen Verirrung Hartls gilt. Dietz stimmt Hartl in seiner These zu, dass man von Gott gar nicht anders als metaphorisch und symbolisch reden könne und dass alle unsere Gedanken über Gott eben unsere Gedanken sind, unsere Bilder und Deutungen, die Gott nie ganz gerecht werden können. Diese Erkenntnis mag unsere erste Naivität im Umgang mit den biblischen Texten untergraben. Aber welche Schlussfolgerung ziehen wir daraus?

Hartl sagt: Nötig sei eine „zweite Naivität“, ein neuer Glaube an die alten Bilder und Geschichten der Bibel. Hartl lädt ein zu einer „Hermeneutik des Vertrauens […] in neuem, festem Glauben an die Wahrheit dieser Bilder.“ (zitiert auf S. 49) Das heißt: Auch wenn es sich z.B. bei den verschiedenen Bildwelten zur Heilsbedeutung des Kreuzestodes Jesu (Gericht, Sklavenmarkt, Familie, Tempelrituale) um für sich genommen unvollständige, menschliche Bilder handelt: Laut Hartl sind sie trotzdem wahr und wir sind angehalten, dem Wahrheitsgehalt dieser Bilder voll zu vertrauen.

Thorsten Dietz setzt als Konsequenz aus Hartls These aber einen ganz anderen Schwerpunkt: Er möchte es stärker als Problem betonen, „wenn erwachsene Gläubige ihre Gottesvorstellungen mit Gott selbst verwechseln.“ Theologie sei „nicht nur eine Gefahr, sie ist auch eine echte Chance. Ja, theologische Impulse können desillusionierend, verunsichernd wirken, letztlich auch befreiend.“ (S.49) Dietz regt also eher nicht zum Vertrauen sondern zum Misstrauen gegen unsere aus der Bibel gewonnenen Erkenntnisse an, weil wir doch gemäß Jakobus 3, 2 alle mannigfaltig irren, wie Dietz betont. Diese ganz unterschiedlichen, ja geradezu gegensätzlichen Schwerpunkte, die Hartl und Dietz hier setzen, sind ein gutes Beispiel dafür, wie ähnlich klingende hermeneutische Grundsätze trotzdem zu einer völlig anderen hermeneutischen Praxis führen können. Wenn man sich Vorträge von T. Dietz und J. Hartl anhört, dann wird dieser Unterschied erst so richtig deutlich.

Die Autorität der Bibel in ethischen Fragen

Auch im Kapitel über die Autorität der Bibel in ethischen Fragen schreibt Dietz wieder viel Gutes und Bedenkenswertes:

  • Für Luther stand fest: Die biblischen Gebote gelten. Aber Luther kannte auch Notlösungen und Kompromisse.
  • In biblischen Texten über ethische Fragen muss immer beachtet werden, wer konkret angesprochen wird und wie das damalige historische Umfeld sich von unserem heutigen Umfeld unterscheidet.
  • „Wer der Wirklichkeit eines menschlichen Schicksals nicht gerecht wird, weil er sich nicht genügend um ihre Wahrnehmung und um ihr Verständnis bemüht, hat das höchste Prinzip christlicher Ethik, die Liebe, schon im Ansatz verloren.“ (S. 144)

All dem kann ich uneingeschränkt zustimmen. Aber was heißt das nun konkret für die brandaktuellen ethischen Konfliktthemen? Dazu schweigt Dietz sich leider aus. Als „biblizistische Ethik“ definiert er die Behauptung, „ethische Aussagen der Bibel seien alle ungebrochen gültig.“ (S. 143) Da frage ich mich: Wer behauptet denn so etwas? Dass viele Gebote des mosaischen Gesetzes heute so nicht mehr gelten ist ja selbst in ganz konservativen Kreisen Konsens und ergibt sich ganz eindeutig durch die Verschiedenartigkeit des Neuen und des Alten Bundes. Also wen hat Thorsten Dietz mit seinem Biblizismus-Vorwurf im Blick? Der Leser erfährt es leider nicht.

Jedenfalls weist Dietz der Bibel in ethischen Fragen eine „erhellende wie orientierende Kraft“ zu (S. 143). Ich würde sagen: Das ist deutlich zu schwach formuliert. Jesus selbst hat den nicht nur orientierenden sondern gebothaften Charakter der biblischen Anweisungen zur Exklusivität und Unauflöslichkeit der Ehe ausdrücklich bestätigt. In seinem Vortrag „Vorehelicher Geschlechtsverkehr in der Antike und in der Bibel – Siegfried Zimmer und die biblische Sexualethik“ zeigt Prof. Armin Baum mustergültig auf, auf welch bibelferne Wege man geraten kann, wenn man meint, mit Hilfe von historischen Betrachtungen z.B. das Verbot des vorehelichen Geschlechtsverkehrs einfach so vom Tisch wischen zu können, wie Siegfried Zimmer das in seinem Worthaus-Vortrag tut. Ja, die Liebe muss die oberste Maxime sein. Aber mit der Liebe wurden schon die aberwitzigsten Entgleisungen gerechtfertigt. „Liebe“ darf deshalb niemals dazu missbraucht werden, Jesu eindeutige Gebote auszuhebeln. Jesus weiß doch immer noch besser als wir, welches Verhalten am langen Ende der Liebe wirklich dient und entspricht.

Lebendige Frömmigkeit braucht Gemeinschaft

Sehr erfreulich ist, wie deutlich sich Thorsten Dietz vom allgemeinen Trend der Individualisierung distanziert, der zunehmend auch in frommen Kreisen anzutreffen ist. Zwar macht er einerseits Mut, wirklich schräge Gemeinschaften zu verlassen. Andererseits weist er darauf hin, dass wir letztlich Alle auf christliche Gemeinschaften angewiesen sind, auch wenn diese meist alles andere als perfekt sind.

Dietz berichtet von Studien, die belegen, dass es eben nicht egal ist, ob wir unseren Glauben alleine oder im Verbund einer christlichen Gemeinschaft leben. „Frömmigkeit ist dort am stärksten und langlebigsten, wo sie in Gemeinschaften eingebettet ist.“ (S. 148) Und: „Je weniger eine Familie in Kirche und Gemeinde eingebunden ist, desto unwahrscheinlicher ist es, dass die Kinder den christlichen Glauben übernehmen. […] Offenkundig liegt hier eine Stärke des evangelikalen bzw. charismatisch-pfingstlichen Frömmigkeitsspektrums.“ (S.  149) Gerade als evangelischer Christ, der unter der Überalterung und dem Generationenabbruch seiner Kirche leidet, will ich da doch ganz evangelikal-charismatisch ein lautes „Amen!“ rufen.

Mystik als Schlüssel für die Kirche der Zukunft?

Auch mit dem Kapitel zur Mystik konnte ich mich insgesamt recht gut anfreunden – auch wenn ich mit dem Begriff „Mystik“ bis heute massiv fremdle. Völlig richtig ist aber zunächst einmal die Beobachtung zum Abbruch der volkskirchlichen Selbstverständlichkeiten: „Zu einer Religion gehört man in der Spätmoderne nur noch aus religiösen Gründen.“ (S. 165) Menschen „wollen Dinge nicht glauben oder tun, weil sie das müssen, sondern weil es ihnen selbst einleuchtet.“ Deshalb ist „Authentizität eine unverzichtbare Bedingung jeder heutigen Frömmigkeit, die ihr gleichzeitig zur Falle werden kann“ (S. 161), nämlich dann, wenn sie meint, auf geistliche Übungen wie Bibellesen, Fürbitte etc. verzichten zu können.

Mystik definiert Dietz durch „ihre Grundunterscheidung […] von Gegenwart Gottes und Abwesenheit Gottes“ und warnt zugleich vor der Gefahr, dass es für das Christentum ruinös wäre, „die innere Einkehr an die Stelle des Hörens auf das Wort Gottes zu setzen.“ (S. 169) Das kann ich nur voll unterstreichen. Deshalb gebe ich grundsätzlich auch Karl Rahner recht, wenn er sagt: „Der Fromme der Zukunft wird ein Mystiker sein, einer der etwas erfahren hat, oder er wird nicht sein.“ (zitiert auf S. 162) In der Tat spricht auch die Bibel vielfach über die Gegenwart Gottes und macht deutlich, dass Glaube und Gottesbegegnung eben nicht nur Verstand und Wille sondern immer auch Herz und Seele betreffen darf und muss. Wo das fehlt und Glaube einseitig zur Kopfsache wird, vertrocknet die Kirche.

Etwas skeptisch werde ich allerdings beim Zitat von Willi Massa, wo es heißt: „Halte Gott einfach dein krankes Selbst hin und lass deine Sehnsucht sich aufmachen, ihn in seinem Sein zu berühren; denn ihn berühren heißt heil werden.“ (zitiert auf S. 147) Ja, es stimmt: Die Bedeutung der Berührung mit Gottes heiliger Gegenwart kann man gar nicht überschätzen. Aber Heilung gibt es in der Bibel eben nie durch ein bloßes Gefühl der Gegenwart Gottes sondern letztlich nur durch die daraus folgende Erkenntnis unserer Sündhaftigkeit, durch Umkehr, Vergebung und Erneuerung, die wir durch Gottes Wort, durch das Kreuz und den Heiligen Geist erfahren. Wo Christus und das Kreuz im Zentrum stehen bin ich leidenschaftlich damit einverstanden, dass die Erfahrung der Gegenwart Gottes entscheidend zur Zukunft der Kirche gehört (wobei ich das dann nicht Mystik nennen würde). Wo Mystik sich aber vom Kreuz, von Christus und seinem Wort löst, gleitet sie ab in eine Religiosität, die auf dem religiösen Markt der Möglichkeiten bald in der Bedeutungslosigkeit versinkt.

Quo vadis Christentum?

Thorsten Dietz vergleicht die Entwicklung des Christentums mit einem Flussdelta: Statt eines großen und breiten Stroms finden wir immer mehr Auffächerung, Verästelung und gegenläufige Fließrichtungen. Es wird immer unübersichtlicher in unserer christlichen Landschaft. Thorsten Dietz empfiehlt deshalb: „Was wir brauchen ist eine Besinnung nicht nur auf den Anfang der eigenen Geschichte, sondern auf den unverfügbaren Ursprung. In Christus finden wir Gottes letztes Wort.“ (S. 194) Dem kann ich nur leidenschaftlich zustimmen. Nur in Christus können die von Austrocknung bedrohten Rinnsale wieder zu einem kräftigen, prägenden und fruchtbringenden Strom zusammen fließen.

Umso trauriger finde ich es, wenn unser Christusbild und sein Wort seiner Unverfügbarkeit beraubt wird, weil man die Irrtumslosigkeit, Klarheit und Wahrheit der Schrift immer mehr preisgibt. In die Weite finden wir doch aber gerade nicht durch menschliche (oder theologische) Gedankenakrobatik sondern dort, wo wir dem Wort unseres guten Hirten uneingeschränkt und rückhaltlos vertrauen. Nur mit Ehrfurcht vor Gottes heiligem Wort hat die Kirche Zukunft und kann auch zukünftig weiter glauben und Glauben weiter geben. Wir machen Gott groß und nicht klein, wenn wir uns beim Nachdenken über ihn ganz und gar auf die einzige verlässliche Erkenntnisquelle verlassen, die wir haben: Sein Wort, wie es uns mit der Heiligen Schrift überliefert wurde. Ich bin überzeugt: Sie ist nicht Gotteswort im Menschenwort sondern – wie z.B. jüngst der Theologe Prof. Armin Baum ganz fundiert auf Basis seiner wissenschaftlichen Arbeit dargelegt hat – ganz Menschenwort und zugleich ganz Gotteswort. Daran dürfen wir getrost und mutig weiterglauben.


Das Buch WEITERGLAUBEN von Prof. Thorsten Dietz ist im Brendow-Verlag erschienen und kann hier bestellt werden.

Kritik am Worthaus-Artikel: Eine Stellungnahme

Der Anfang Oktober 2017 veröffentlichte AiGG-Worthaus-Artikel hat ganz offensichtlich einen Nerv getroffen. Er stand wochenlang an der Spitze der christlichen „Blog-Charts“. Prominente Stellen haben ihn weiter verbreitet, wie z.B. das Netzwerk Bibel und Bekenntnis oder der Arbeitskreis für evangelikale Theologie. Die Zeitschrift des Bibelbunds hat den Artikel vollständig abgedruckt. Sogar Idea Spektrum hat eine Kurzversion gebracht.

Natürlich haben mich deshalb auch etliche Rückmeldungen erreicht. Die meisten waren sehr positiv und ermutigend, einige natürlich aber auch kritisch. Zu erwarten war die teils harsche Ablehnung von liberal geprägten Christen, die ja aber eigentlich nicht die Adressaten dieses Artikels waren, wie schon die Überschrift deutlich gemacht hat. Weit mehr bewegt haben mich Rückmeldungen von Christen aus dem „progressiv-evangelikalen“ Bereich. Leider hat sich die mir bekannte Kritik aus dieser Richtung bislang in keiner Weise inhaltlich mit meiner Analyse der Worthaus-Vorträge auseinandergesetzt. Stattdessen konzentriert sie sich im Wesentlichen auf folgendes Argument: Es gibt keine „Worthaus-Theologie“. Die Worthaus-Referenten vertreten ganz unterschiedliche theologische Positionen. Daher kann auch kein Worthaus-Referent für die Lehren anderer Worthaus-Referenten verantwortlich gemacht werden.

Diesen Punkt hatte ich bereits im Vorfeld des Artikels mit einem Worthaus-Referenten diskutiert und deshalb im Anhang 2 des Artikels ausführlich dazu Stellung genommen. Im Kern war meine Aussage: Ja, es ist eine (der Übersichtlichkeit geschuldete) Vereinfachung, von einer „Worthaus-Theologie“ zu sprechen. Aber für den unbedarften Hörer wirkt Worthaus sehr wohl wie eine in sich kongruente Denkfabrik. Und dafür gibt es klare Gründe:

  • Der fehlende Diskurs: Die Lehren, die ich in meinem Artikel kritisiere (z.B. Ablehnung des Sühneopfers) werden bei Worthaus nirgends kritisiert. Den liberalen Thesen, die ich im Artikel schildere, wird nirgends eine konservative Gegenthese entgegengestellt.
  • Es gibt einige durchgängige und vielfach wiederholte Überzeugungen wie z.B. das unkritische Bekenntnis zum Segen der universitären Bibelwissenschaft, die Abgrenzung von Konservativen/Evangelikalen/Fundamentalisten, das Bekenntnis zur Fehlerhaftigkeit und Widersprüchlichkeit biblischer Texte etc.
  • Der wichtigste Grund: Die Dominanz von Siegfried Zimmer, der 2/3 aller Vorträge hält und deshalb mit seiner Theologie das Gesamtbild von Worthaus maßgeblich prägt.

Ich halte deshalb die Rede von der „Worthaus-Theologie“ für durchaus berechtigt. Aber wer sich daran stört, dem würde ich empfehlen, den Begriff „Worthaus“ ganz einfach durch den Namen des prägenden Worthaus-Theologen Siegried Zimmer zu ersetzen und sich dann neu der Frage stellen: Passt denn die Zimmer’sche Theologie und Hermeneutik zur evangelikalen Bewegung und zu bibeltreuen Ausbildungsstätten? Wie der AiGG-Worthausartikel gezeigt hat, widerspricht gerade auch Prof. Zimmer ganz direkt einigen der Glaubensgrundlagen der KBA (Konferenz bibeltreuer Ausbildungsstätten) und der evangelischen Allianz. Zudem stellt Zimmer sich insgesamt – teils rüde und polemisch – gegen Evangelikale („Auf keinen Fall evangelikal” sagt Prof. Zimmer bei 1:10:10 seines Vortrags). Der größte Teil der sonstigen Worthaus-Referenten vertritt ebenfalls theologische Positionen, die mit den o.g. Bekenntnissen nicht zusammen passen.

Daher bleibt für mich die Frage unbeantwortet: Wie kann es sein, dass so viele Evangelikale Siegfried Zimmer und Worthaus unterstützen, ja sogar leidenschaftlich und unkritisch bewerben?

Es geht bei der Diskussion um Worthaus wohlgemerkt nicht um eine Auseinandersetzung zwischen streng Konservativen und weniger strengen Konservativen. Es geht um das Vordringen von klar liberaler Theologie mitten in die evangelikale Bewegung hinein – mit allen destruktiven Folgen, die wir in der ganzen westlichen Welt beobachten können. Möge Gott eine Wende schenken, eine theologische Reformation, eine neue Ehrfurcht vor Gottes Wort als wichtige Basis für einen erwecklichen Aufbruch, der die Kirche wirklich erneuern und zukunftsfähig machen kann.

„Trauung für alle“ in der Ev. Landeskirche Württemberg?

Die Landessynode der Evangelischen Landeskirche Württemberg wird in ihrer Herbsttagung vom 27.-30. November 2017 eine weitreichende Entscheidung treffen: Der Oberkirchenrat möchte der Synode vorschlagen, zukünftig die Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften in öffentlichen Gottesdiensten zu ermöglichen. Das Thema ist keine Kernfrage des Evangeliums. Es ist zudem komplex und aufwühlend, weil die Geschichte des Umgangs mit homosexuell empfindenden Menschen auch unter Christen teils so dunkel und schuldbeladen ist, dass man nur weinen und um Vergebung bitten kann.

Aber es geht bei diesem Thema eben auch um das Schriftverständnis und somit um die Gesamtausrichtung der Kirche. Und es geht um die Frage, welche Zukunft konservative Christen in der evangelischen Kirche haben. Die badische Landeskirche, die (so wie viele andere Landeskirchen auch) die Segnung oder Trauung gleichgeschlechtlicher Paare bereits eingeführt hat, hat jüngst klargestellt: Konservative Pfarrer müssen damit rechnen, eines Tages ihren Gewissensschutz und damit möglicherweise ihren Job zu verlieren, wenn sie sich solchen Segnungen verweigern. Für Dekane gilt das schon jetzt. Junge konservative Christen müssen daher schon jetzt gut überlegen, ob sie überhaupt noch ein Pfarramt in der badischen Landeskirche anstreben können.

Die Ermöglichung öffentlicher Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare wird den öffentlichen Druck bei diesem Thema auf die lokalen Gemeindeleitungen verlagern. Der Konflikt, der bislang nur an der Kirchenspitze tobt, wird damit vielfach multipliziert. Realistisch und nüchtern gesehen müssen wir damit rechnen, dass damit viele Gemeinden in kraftraubende Konflikte stürzen werden, manche werden sich gar spalten. Noch mehr engagierte konservative Mitarbeiter (die vielerorts die tragenden Säulen lebendiger Gemeindearbeit sind) werden aus der Kirche austreten. Warum meines Erachtens auch die Glaubwürdigkeit der Kirche insgesamt leiden und die Kirche weiter schrumpfen wird, habe ich in einem offenen Brief an Landesbischof Dr. Frank Otfried July erläutert.

Da es also um so enorm viel geht befasst sich der AiGG-Blog in diesem und im nächsten Artikel noch einmal mit diesem Thema. Zunächst möchte ich den AiGG-Blog-Lesern die jüngste Veröffentlichung des Albrecht-Bengel-Hauses Tübingen ans Herz legen. Rektor Dr. Clemens  Hägele hat in einer Sonderausgabe der Zeitschrift THEOLOGISCHE ORIENTIERUNG (TO) die Frage „TRAUUNG FÜR ALLE in der Evangelischen Landeskirche in Württemberg?“ behandelt. Sehr sorgfältig beantwortet er darin 22 Fragen, die den Gegnern einer Segnung oder Trauung gleichgeschlechtlicher Paare oft gestellt werden. Die Schrift ist mit herausgegeben von Dekan Ralf Albrecht, dem Vorsitzenden der Christusbewegung Lebendige Gemeinde Württemberg, und von Pfarrer Steffen Kern, dem Vorsitzenden der Apis (Evangelischer Gemeinschaftsverband Württemberg) und der Vereinigung Gnadau Württemberg. Ich wünsche diesem aus meiner Sicht sehr gelungenen Text größtmögliche Verbreitung. 

Im folgenden Artikel wird Gastautor Dr. Reinhard Junker die Hintergründe und Konsequenzen der sog. “Ehe für alle” beleuchten.

Siehe auch: 

6 Gründe für die “Flucht aus Evangelikalien”

Erfahrungen und Einsichten aus dem „Hossa-Land“

Die letzten Wochen haben mich sehr nachdenklich gemacht. Der AiGG-Worthaus-Artikel stand wochenlang auf Platz 1 der „christlichen Blog-Charts“ und wurde sogar von idea Spektrum aufgegriffen (Ausgabe 44/2017). Da wurde offensichtlich ein Nerv getroffen. Scheinbar gibt es vielerorts Absetzbewegungen in Richtung eines liberalen Bibelverständnisses. In idea war jüngst auch zu lesen, dass im lahmenden christlichen Buchmarkt gerade die Bücher mit liberalen Botschaften noch am besten laufen. Aber warum ist das so? Was ist an liberalen Botschaften so attraktiv, dass sie so viele Menschen locken, ihren evangelikalen, bibeltreuen Glauben hinter sich zu lassen?

Um das besser zu verstehen habe ich mich für einige Zeit aus „Evangelikalien“ ins „Hossa-Land“ aufgemacht. „Hossa-Talk“ ist ein Podcast von Gottfried “Gofi” Müller (ehemals bekannt als Jugendevangelist) und Jakob “Jay” Friedrichs (bekannt aus dem Comedy-Duo Superzwei). Jede Woche gibt es eine neue Folge mit Diskussionen, Gesprächen und Interviews zu unterschiedlichsten Glaubensthemen, gerne auch live von frommen Locations wie z.B. dem Jesus-Treff Stuttgart oder der evangelischen Hochschule Tabor. Auch Worthaus-Referenten wie Siegfried Zimmer und Thorsten Dietz waren schon zu Gast. Überhaupt ergänzen sich Worthaus und Hossa-Talk in vielerlei Hinsicht und werden deshalb von vielen Fans im Duett genossen.

Ohne Frage: Die Talks von Jay und Gofi sind hochsympathisch (auch wenn mir die Kraftausdrücke über Sachen, die mir persönlich kostbar und heilig sind, schon manchmal ziemlich an die Nieren gehen). Man kann nicht anders als die beiden zu mögen. Jedes Wort ist ehrlich, authentisch, mitten aus dem Leben. Würden wir uns treffen hätten wir sicher viel Spaß zusammen, auch wenn wir in vielen Punkten völlig konträrer Meinung sind (Holger Lahayne hat die teils schwerwiegenden inhaltlichen Probleme von Hossa Talk hier und hier sowie bei seinem Hossa-Talk-Gastauftritt sehr schön dargelegt).

Gofi hat jüngst ein Buch veröffentlicht mit dem Titel: „Flucht aus Evangelikalien“. Darin beschreibt er, wie sein ehemals festgefügter Glaube ins Wanken kam, wie er die evangelikale Welt verlassen musste und wie Kunst ihm geholfen hat, neue Perspektiven zu entwickeln. „Evangelikalien“ steht dabei nicht für die ganze evangelikale Bewegung sondern vielmehr für eine Erfahrung von Enge, Ausgrenzung und angstbesetztem Glauben, die er in evangelikalen Kreisen erlebt hat. Jay hat eine gar nicht so unähnliche Geschichte hinter sich. Dieses Buch hat mir sehr geholfen, das “Hossa-Land” besser zu verstehen.

Ich habe viel gelernt im “Hossa-Land”. Denn dort wird uns Evangelikalen ein Spiegel vorgehalten, in den wir unbedingt mal hineinschauen sollten, auch wenn es weh tut. Doch man kann einiges lernen zu der Frage: Was läuft eigentlich schief bei uns Evangelikalen? Womit schrecken wir Menschen ab – selbst solche, die jahrelang in unserer Mitte sind? Eine Erkenntnis, die ich dazu aus dem Hossa-Land mitgebracht habe lautet: In unseren Gemeinden und Gemeinschaften geht es tatsächlich manchmal eng zu. Und das sind die 6 Räume, an denen es bei uns offenbar gar nicht so selten mangelt:

1. Raum zum Denken!

Gofi schreibt in seinem Buch: „Wir haben uns vorgenommen, unsere Zweifel, Fragen und Überzeugungen offen auszusprechen. Warum? Weil wir die Erfahrung machen, dass man das in vielen christlichen Gemeinschaften nicht darf.“ (S. 91) Tatsächlich gibt es im Hossa-Land (genau wie bei Worthaus) keine Tabus. Jede Frage darf gestellt, über Alles darf diskutiert werden. Ständig liegen heiße Fragen auf dem Tisch. Das macht es spannend zuzuhören. Denn viele dieser Fragen werden in unseren Gemeinden leider tatsächlich eher gemieden. Das ist ein großes Problem. Denn Menschen wollen ihren Verstand gerne benutzen! Gott hat uns mit einem gesunden Forscherdrang beschenkt (Spr. 25,2). Deshalb stellt es uns nicht zufrieden, die immer gleichen oberflächlichen Gott-liebt-Dich-und-seid-nett-zueinander-Predigten zu hören. Schließlich können die wenigsten Menschen auf Dauer ihre Fragen und Zweifel verdrängen und gegen ihren Intellekt „anglauben“. Vielleicht ging das ja noch vor der Aufklärung. Heute definitiv nicht mehr.

Das tragische an der Sache ist: Es gibt ja so viele phantastische Gründe für unseren Glauben, für die Auferstehung Jesu, für die Schöpfung und vieles mehr! Es gibt überzeugende Argumente, warum die Bibel wirklich vertrauenswürdig ist. Die Bibel enthält eine wunderbare, faszinierende Logik und Tiefe, die man zwar nie vollständig aber doch schrittweise ergründen und erforschen kann. Es gibt großartige Argumente, warum die biblische Sexualethik eben nicht veraltet sondern heilsam und glücksbringend ist. Es gibt einleuchtende Antworten auf die vielfältige Kritik an der Bibel. ABER ÜBER ALL DAS REDEN WIR NICHT IN UNSEREN GEMEINDEN! Was für ein Drama! Wir lassen unsere Leute verhungern, weil es so wenig „Schwarzbrot“ gibt: Gute, fundierte Bibellehre, wissenschaftlich fundierte „Apologetik“ (= Argumente für den Glauben), verständlich aufbereitete Antworten auf Fragen, die modernen Menschen zwangsläufig kommen, wenn sie mit biblischem Christentum konfrontiert werden.

Wir müssen deshalb endlich klug und fundiert reden lernen über schwierige Bibelstellen (z.B. Gewalt im Alten Testament), Glaube und Wissenschaft, den Segen biblischer Sexualethik, Argumente für die Verlässlichkeit der Bibel und des Christentums, eine bibelgemäße „Hermeneutik“ (d.h. die Art und Weise, wie die Bibel ausgelegt werden soll) und vieles mehr. Wichtig ist dabei: Keine Tabus! Keine Angst vor Fragen, Diskussionen und scheinbar schwierigen Gesprächen! Denn (und das ist ein Ausspruch von Gofi) wenn unser Glaube wirklich wahr ist, dann können wir ganz entspannt sein, denn dann wird er sich auch durchsetzen. Denn Wahrheit setzt sich auf Dauer immer durch! Also weg mit der Angst vor Diskussionen, weg mit Denkfaulheit und Bildungsfeindlichkeit. Unser Verstand darf sich zwar nicht über Gott erheben, aber er ist uns trotzdem geschenkt worden, um ihn nach Kräften zu benutzen! Früher war es die Kirche, die die Universitäten gegründet und für die Bildung der Menschen gesorgt hat. Höchste Zeit, an diese alte Tradition wieder anzuknüpfen!

2. Raum für die Vaterliebe Gottes!

Gofi schreibt: „Wer von uns betet in der Gewissheit, dass ein liebender ‚Abba‘ es kaum erwarten kann, dem Gestotter seines Kindes zu lauschen? Ist es nicht so, dass wir ihn eher als unseren leiblichen zeitungslesenden Vater vor Augen haben, der, von einem langen Arbeitstag rechtschaffen müde, eigentlich nur noch eines will, nämlich in Ruhe gelassen zu werden?“ (S. 41) Das erinnert mich an einen Teilnehmer unseres jährlichen Glaubenskurses. Er hörte sich alles geduldig an, war aber sehr reserviert. Am letzten Abend brach es aus ihm heraus: Was ist, wenn dieser Vater im Himmel wie mein eigener Vater ist? Genauso unbarmherzig? Genauso strafend? Genauso fordernd? Natürlich hatten wir im Kurs genau das Gegenteil gelehrt. Die unglaublich großzügige, barmherzige, grenzenlose Vaterliebe Gottes ist ein Kernbestandteil unserer Botschaft.

Aber das eigene, real erlebte Vaterbild ist nun einmal unglaublich tief in uns verwurzelt. Wir übertragen es fast zwangsläufig auf Gott, bewusst oder unbewusst. Das verändert man nicht durch die weit verbreitete Dauerberieselung mit der Rede vom „lieben Gott“. Was wir vielmehr brauchen ist eine echte Herzensbegegnung mit dieser alles übersteigenden Liebe unseres himmlischen Vaters. Dafür müssen wir Raum schaffen in unseren Gemeinden! Gerade in unserer vaterlosen Gesellschaft können wir nicht wirklich erfolgreich Kirche bauen, wenn es in unseren Gemeinden keine Orte gibt, in denen Menschen tiefe, geistgewirkte, heilsame Begegnungen mit dem himmlischen Vater erleben können.

3. Raum für den Heiligen Geist!

Der Heilige Geist allein ist es, der uns die Größe dieser Vaterliebe vor Augen malen kann und in uns einen authentischen Ruf nach dem ‚Abba-Vater‘ weckt (Röm.8,15; Gal.4,6). Mangel an tiefgreifender Begegnung mit der echten, heilenden Vaterliebe Gottes ist immer auch Mangel an Geistesfülle in unseren Gruppen und Gemeinden. Deshalb müssen wir Raum schaffen für das Wirken des Heiligen Geistes!

Das wird auch die Art verändern, wie wir biblische Wahrheiten weitergeben. Paulus sagte: Theologisches Wissen ohne eine Liebesbeziehung zu Gott gibt uns vielleicht ein „Gefühl von Wichtigkeit“. „Doch nur die Liebe baut die Gemeinde wirklich auf.“ (1.Kor.8, 1-2). Selbst völlig korrekte theologische Botschaften sind wirkungslos, wenn die Liebe zu Gott und der Heilige Geist fehlt: „Denn der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig“ (2.Kor.3,6b). Wir sind also zwingend darauf angewiesen, dass der Heilige Geist das tut, was wir mit dogmatischen Argumenten alleine niemals schaffen können: Unseren Mitmenschen die Wahrheit des Evangeliums aufschließen und die menschlichen Gedankengebäude niederreißen (2.Kor.10,4). Aber ohne den Heiligen Geist und ohne eine Liebesbeziehung zum Vater wird Lehre und Dogmatik zur rechthaberischen, arroganten, verletzenden, ja laut Paulus sogar zur tödlichen Keule – und ein Grund dafür, warum so viele Menschen aus „Evangelikalien“ fliehen. C.H. Spurgeon hat es so ausgedrückt: „Ohne den Heiligen Geist wird sogar die Wahrheit zum Eisberg.“

4. Raum für ein freies Gewissen!

Gofi schreibt: „Wir Evangelikalen haben schreckliche Angst davor, ungenügend zu sein. Wir glauben zwar, dass der Christus […] dafür gestorben ist, damit wir frei sein können von der Schuld und der Anklage Satans. […] Aber Hand aufs Herz, wer von uns glaubt das denn wirklich?“ (S. 41) Volltreffer. In meinem eigenen Leben fiel mir auf, wie erfolgreich  der „Verkläger der Brüder“  (Offb.12,10) uns immer wieder einredet, dass Gott uns wegen unserer Schwächen und Fehler zumindest teilweise ablehnen und verurteilen müsste. Niemals hätte ich so wie David beten können: “Der Herr wird mich belohnen, weil ich aufrichtig bin, und mir den Lohn dafür geben, dass ich unschuldig bin” (Ps.18,21). So kann man doch nicht beten! Schließlich machen wir doch alle ständig Fehler und sündigen täglich, oder?

Stimmt schon. Und trotzdem haben wir ein falsches Gottesbild, wenn wir Gott einseitig nur als den strengen Richter sehen, der uns den Segen entzieht bei jedem Mangel, den er an uns findet. Unser Vater ist ein “gnädiger und barmherziger Gott, langsam zum Zorn und groß an Güte” (Jona 4,2, Ps.86,15; 103,8; 145,8; Joel 2,13). Das dürfen wir ganz neu begreifen lernen! Wenn schon David sich so völlig ohne Scham auf Gottes uneingeschränkte Gunst verließ, wie viel mehr können wir das tun, da doch Jesus doch für unsere Schuld gestorben ist und gesagt hat: “ES IST VOLLBRACHT!” Weil ER unsere Schuld bezahlt hat dürfen wir tatsächlich fröhlich, scham-los und mit freiem Gewissen die herrliche Freiheit der Kinder Gottes (Röm.8,21) genießen!

Aber das ist leichter gesagt als getan. Unsere Scham und unsere Angst vor Ablehnung sitzt tief. Deshalb war es für Paulus ein zentrales Ziel, „dass alle Christen von der Liebe erfüllt sind, die aus einem reinen Herzen kommt, aus einem guten Gewissen und aufrichtigem Glauben.“ (1.Tim.1,5) Ein unbelastetes, angstfreies Gewissen muss auch heute das Ziel unserer Unterweisung in den Gemeinden sein, damit Menschen nicht länger unter der Last von Selbstanklagen und Ablehnungsängsten die Flucht aus Evangelikalien antreten müssen.

5. Raum für Gnade statt Leistung!

Gofi schreibt: „Ich habe die Bibel so verstanden: Gott hat dich aus Gnade errettet, und jetzt beweise gefälligst, dass du es wert gewesen bist! Ich arbeite mir also den Arsch ab, bis es nicht mehr ging.“ Leistungsdenken ist tief in unserem westlichen Lebensstil verwurzelt – so tief, dass wir es fast unvermeidlich auch auf unsere Gottesbeziehung übertragen. Dabei hat Jesus klar gelehrt, dass er keine Leistung sondern Frucht in unserem Leben sehen möchte. Frucht können wir nicht durch noch so viel Leistung aus dem Boden zerren, wir können sie nur wachsen lassen. Unser „Job“ ist nicht in erster Linie, wie Marta hart zu arbeiten sondern wie Maria die innige Nähe zu Jesus zu suchen. Wer in ihm bleibt, der bringt Frucht (Joh.15,4-5). Bei ihm dürfen wir uns so sehr beschenken lassen, dass wir überfließen und selbst zu einer Quelle lebendigen Wassers werden (Joh.4,14). Wir müssen, wir können, wir dürfen Gott nichts beweisen, im Gegenteil: Was er sich von uns wünscht ist nur unsere Bereitschaft, ihm unsere Unfähigkeit einzugestehen und uns von ihm verändern, erneuern und mit unverdienter Gnade beschenken zu lassen. Wir müssen lernen zu beten: “Herr, gib mir nicht was ich verdient habe sondern beschenke mich unverdient aus Deinem Überfluss!” Solange wir Gott gegenüber im Leistungs- statt im Gnadenmodus unterwegs sind  bleiben wir Getriebene statt Beschenkte. Dann wird die Burnoutwelle weiter auch durch Evangelikalien schwappen und Menschen in die Flucht schlagen.

6. Raum zum Klagen und zornig sein!

Gofis Buch enthält einen derben Liedtext, „der eine Art Rachephantasie war, was zu meinem bisherigen moralischen Koordinatensystem zwar nicht passte, sich aber verdammt gut anfühlte und gleichzeitig Gewissensbisse nach sich zog.“ (S. 58) Die Frage ist in der Tat: Darf man so etwas als Christ? Wütend und zornig sein? Hiob hat sich nicht um diese Frage gekümmert. Er klagte Gott massiv an. Er hielt ihn für ungerecht und unterstellte ihm, kalt und zynisch zu sein: “Er vernichtet die Schuldlosen ebenso wie die Schlechten. Er lacht über die Angst der Unschuldigen.” (Hiob 9,22b+23) Das spannende ist: Gott hat diese Vorwürfe Hiobs weder zensiert noch ihn dafür verstoßen. Gott konnte damit umgehen, dass Hiob seine negativen Gefühle offen und ehrlich zum Ausdruck bringen und “los werden” wollte: “Darum will ich nicht schweigen, sondern aussprechen, was mich quält. Meine Seele ist voll Bitterkeit, ich muss meine Klagen loswerden.” (Hiob 7,11) Mir zeigt das: Gott schätzt Ehrlichkeit! Das ist ihm allemal lieber, als eine aufgesetzte Geistlichkeit, die nicht von Herzen kommt.

Natürlich sollte sich unsere Wut und Klage nicht auf Dauer so verfestigen, dass sie sich in Härte und Bitterkeit verwandelt. Aber sie unter den Teppich zu kehren führt erst Recht in die Bitterkeit. Deshalb braucht es Raum zum Klagen und zornig sein in unseren Gemeinschaften. Öffentliche Treffen sind dafür natürlich nicht der richtige Ort. Aber in der Seelsorge und Gesprächen mit Freunden muss es möglich sein, sich mal richtig „auszukotzen“. Wir haben die Aufgabe, anhand der vielen „Wut-Texte“ und Klagelieder in der Bibel zu lehren, dass wir Gott unsere Wut durchaus auch mal ungefiltert vor den Latz knallen dürfen. Schade, dass das bis heute so wenig bekannt ist und deshalb Menschen aus Evangelikalien fliehen müssen, um anderswo ihre Wut zu verarbeiten und los zu werden.

Mein Reisefazit…

…lautet deshalb: Wir sind nicht etwa zu biblisch in „Evangelikalien“, wie einige liberale Christen im Hossa-Land meinen. Im Gegenteil: Wir sind noch viel zu wenig biblisch! Denn die Bibel lädt uns ja herzlich und wortreich ein, alle diese Räume zu öffnen, zu betreten und einzunehmen! Höchste Zeit, dass wir es tun!

Lieber Jay, lieber Gofi, falls ihr das je lesen solltet, noch ein persönliches Wort an euch: Vielen Dank für eure Offenheit! Nein, eure Gedankenreisen machen mir keine Angst, genauso wenig wie mein Glaube an einen liebevollen, aber eben auch heiligen Gott, der (zum Glück) auch ein gerechter Richter ist und eben nicht zu allem einfach nur „Schwamm drüber“ sagt. Mein Vertrauen zur Bibel, mein fröhliches Festhalten an der Sühnetodlehre und vielen anderen „bibeltreuen“ Positionen, an denen ihr euch so abarbeitet, hat gute Gründe und fühlt sich eben so gar nicht „kalt, öde und lebensfeindlich“ an sondern frei, weit, warm, geliebt, getragen, voller Hoffnung und Zuversicht. Ich liebe es!

Ihr seid aus Evangelikalien ausgezogen, einem Zerrbild von dem, was Glaube und Kirche sein soll. Das verstehe ich. Aber ich finde: Wegen Zerrbildern das Vertrauen in die Verlässlichkeit der Bibel über Bord zu werfen ist keine Lösung. Ich glaube nicht, dass es da ein gutes Land gibt hinter der nächsten Ecke unserer menschlichen Gehirnwindungen. Wenn Gottes Wort nicht mehr verlässlich gilt bleibt am langen Ende doch nur der Abgrund menschlicher Selbstüberschätzung. Die grünen Auen und das frische Wasser finde ich dort, wo ich jedem Wort des guten Hirten kindlich und unverschwurbelt vertrauen kann. Er hat doch immer noch die viel größere Perspektive als jeder postmoderne Stuhlkreis, in dem wir uns unser eigenes hippes Gottes- und Weltbild nach persönlichem Gusto zusammenstricken. Vielleicht entdeckt ihr das auf eurer Reise ja doch wieder ganz neu. Ich würde mich sehr freuen.

Siehe auch dieser Artikel zu Hossa Talk: Die Krise von Wahrheit und Irrtum – und welche Folgen das für die Kirche hat

Zu den in diesem Artikel beschriebenen “Räumen” wurden folgende Artikel veröffentlicht: