Offen.bar feiert Geburtstag!

Heute feiert die offen.bar-Mediathek ihren ersten Geburtstag! 🎉 Aus diesem Anlass haben wir ein kleines Video produziert mit einem Überblick, welche guten Inhalte sich im vergangenen Jahr bei offen.bar bereits angesammelt haben. Schau mal rein:

Wir sind dankbar für wachsenden Zuspruch und viele gute Rückmeldungen, die wir auf unterschiedlichen Kanälen bekommen. Zum Ausblick sei gesagt: Wir haben viel vor im kommenden Jahr! Und dafür brauchen wir Dich. Wie hat Dir offen.bar bisher gefallen? Was können wir noch besser machen? Wir würden uns freuen, von Dir zu hören. Und wir wären Dir dankbar, wenn Du mithilfst, offen.bar bekannt zu machen!

Prof. Gerhard Maier über die Auslegung der Schrift

In der Mediathek offen.bar wurde am 13. Juni 2022 der Grundlagenvortrag “Die Auslegung der Schrift” von Prof. Gerhard Maier veröffentlicht:

Nachfolgend die wichtigsten Aussagen von Prof. Gerhard Maier aus diesem Vortrag:

Gerhard Maier über…

… die Rolle des wissenschaftlichen Zweifels in der Bibelwissenschaft:

Die Bibel will ja die Begegnung von Gott und Mensch. Wie kann eine Begegnung seitens des Menschen stattfinden? Soll der wissenschaftliche Zweifel der Ausgangspunkt sein, wie es auf Seiten der historisch kritischen Theologie oft behauptet wird? Dann würden dem Verständnis zwei Barrikaden im Wege stehen:

  1. Der Zweifel verdichtet sich rasch zu einer grundsätzlichen Distanz, die eine echte Begegnung immer schwerer macht.
  2. Der Zweifel hat die Tendenz, sich zur Lösung seiner Fragen der Vernunft zu überlassen.

Damit erhält die menschliche Vernunft von Anfang an die Rolle eines Schiedsrichters und einer überlegenen Instanz. Weit besser ist es, von einer grundsätzlichen Offenheit gegenüber der biblischen Offenbarung zu sprechen. Um den Ton des Vertrauens und der Güte Gottes, der sie durchzieht, wahrzunehmen, ist ein anfänglicher Glaube sogar eine Hilfe. Er ist kein Vorurteil, das eine klare Sicht verhindern würde. Ein anfänglicher Glaube, eine anfängliche Offenheit, kann durchaus das leisten, was Johann Albrecht Bengel als die Notwendigkeit eines geziemend genauen Forschens bezeichnete.

… die Verlässlichkeit der Schrift:

Wie verlässlich ist das alles, was die Schrift sagt? Oder muss man unterscheiden zwischen Teilen, die verlässlich sind und eben Teilen, die dies weniger sind? Damit stehen wir an einer Grundsatzfrage, die sich stellt, seit es überhaupt eine schriftliche Überlieferung der Gottesoffenbarung gibt.

Auch hier nehmen wir unseren Ausgangspunkt bei Jesus. In vielen Gesprächen stellte er die Frage: „Habt ihr nicht gelesen?“ (Matthäus 12, 3; Lukas 10, 26). Diese Frage setzt voraus, dass das Gelesene richtig ist und eine vertrauenswürdige Auskunft gibt!

Das Gewicht der biblischen Offenbarung wird noch einmal größer, wenn Jesus davor warnt, sie an irgendeiner Stelle aufzulösen oder zu brechen (Matthäus 5, 19; Johannes 10, 35).

Und es unterstreicht die Verlässlichkeit der Schrift ein drittes Mal, wenn Jesus sagt, es werde alles geschehen, was in ihr geschrieben steht (Matthäus 5, 18).

Wir können die Linie von da aus weiter ziehen durch das ganze Neue Testament hindurch. Was Gott verheißen hat, durch seine Propheten in der Heiligen Schrift, das ist nach Paulus vollkommen zuverlässig (Römer 1, 2). Wenn er die Frage stellt „Was sagt die Schrift?“ (Römer 4, 3), dann ist mit der Schrift die Grundlage alles christlichen Denkens in einer unangreifbaren Weise gelegt.

Dabei behandelt Paulus die Schrift als eine geschlossene Größe und so, als wäre sie eine sprechende Person.

Paulus behandelt die Schrift als eine geschlossene Größe und so, als wäre sie eine sprechende Person.

Wir sahen schon, dass diese Bewertung der Schrift aufs Engste mit der Überzeugung zusammenhängt, dass alle heiligen Schriften Israels, das Gesetz, die Propheten und die Psalmen durch Gottes Geist zustande gekommen sind, also durch die göttliche Inspiration. Wir erinnern uns jetzt erneut an 2. Timotheus 3, 16: „Alle Schrift ist von Gott eingegeben.“ Aber auch an die Aussage des Petrus im 2. Petrus 1, 21: „Getrieben vom Heiligen Geist haben Menschen in Gottes Auftrag geredet.“ Paulus und Petrus werden ergänzt durch die Aussage des Johannes in der Offenbarung, wonach dort der Geist und die Braut gewisse und wahrhaftige Worte der Weissagung sprechen. Entscheidend ist für die Schriftauslegung, ob sie den Ausgangspunkt nun bei Menschen oder eben bei den Aussagen der biblischen Offenbarung nimmt.

Entscheidend ist für die Schriftauslegung, ob sie den Ausgangspunkt nun bei Menschen oder eben bei den Aussagen der biblischen Offenbarung nimmt.

… den Niedergang und die Notwendigkeit der biblische Inspirationslehre:

Es besagt viel, wenn ein gemäßigter Kritiker wie Peter Stuhlmacher in seinem Buch „Vom Verstehen des Neuen Testaments“ 1986 schreibt: „Die Inspirationslehre droht gegenwärtig zu verkommen oder ganz in Vergessenheit zu geraten.“ Die 1500 Jahre lang von den christlichen Lehrern und Lehrstühlen hochgehaltene Inspirationslehre wurde zuerst ermäßigt zur sogenannten Realinspiration, wonach nur bestimmte Aussagen der Schrift inspiriert seien, aber keineswegs alle. Die nächste Rückzugsstellung sah so aus, dass man auch nicht mehr bestimmte Aussagen für inspiriert betrachtete, sondern nur noch Personen. Bei einer solchen personalen Inspiration konnte man bestimmte Personen würdigen, war aber an keinerlei Inhalte mehr gebunden.

Keine dieser Rückzugsstellungen war hilfreich. Sie brachte nur Unsicherheit und ganz subjektive, ja gegensätzliche Einschätzungen dessen, was in der Schrift noch glaubwürdig sei. Wir müssen den Faden wieder dort aufnehmen, wo ihn die historische Kritik fallen ließ. Das heißt, wir müssen zur biblischen Inspirationslehre zurückkehren.

Wir müssen den Faden wieder dort aufnehmen, wo ihn die historische Kritik fallen ließ. Das heißt, wir müssen zur biblischen Inspirationslehre zurückkehren.

… die Frage nach der Irrtumslosigkeit der Schrift:

Am besten fasst man die biblische Inspiration dem biblischen Sprachgebrauch entsprechend unter dem Stichwort der Ganzinspiration zusammen, vergleiche noch einmal Paulus in 2. Timotheus 3, 16: „Alle Schrift von Gott eingegeben“, formuliert er dort. Auf diese Weise wird der Blick auf das Ganze der Schrift gerichtet. Man muss dann nicht jeden Ausfall eines Wortes in der Überlieferungsgeschichte, nicht jedes Schwanken der Handschriften bezüglich eines Begriffes, nicht jeden alltagssprachlichen Ausdruck statt des juristisch korrekten Ausdrucks als Belastung oder gar als Katastrophe betrachten. Wie klug waren hier die alten Ausleger! Angesichts von Verschiedenheiten in der Textüberlieferung schrieb Johann Albrecht Bengel am 24. Februar 1521 an seinen Schüler Jeremias Friedrich Reuss: „Iss Du einfältig das Brot, wie du es vorfindest, und kümmere dich nicht darum, ob du etwa hier und da ein Sandkörnlein aus der Mahlmühle darin findest.“

In der Theologiegeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, vor allem der angelsächsischen, spielen Begriffe wie Irrtumslosigkeit, Fehlerlosigkeit oder Unfehlbarkeit eine Rolle. Diese haben an ihrem Ort, vor allem im Bereich der angelsächsischen Theologiegeschichte, ihre Berechtigung. Für uns, die wir aus der deutschen, kontinentalen, von Luther und vom Pietismus geprägten Theologiegeschichte kommen, legen sich andere Begriffe näher. Ich nehme als Beispiel Luthers Äußerungen über die Heilige Schrift von 1520: „Die Schrift ist die Allergewisseste, die leichtest zugängliche, die allerverständlichste, die, die sich selber auslegt, die alle Worte aller bewährt, urteilt und erleuchtet.“ Zweifellos ist hier die Sprache Luthers näher an der Bibel. Die Hypothek auf Begriffen wie Irrtumslosigkeit oder Unfehlbarkeit ist die, dass sie in der Bibel nicht gebraucht werden. Dafür steht anderes im Vordergrund in der Bibel: „Dein Wort ist die Wahrheit.“ (nach Johannes 17, 17). Oder die Versicherung: „Gott ist treu.“ (1. Korinther 1, 9). Besser sollte man daher von der Wahrheit und der vollkommenen Verlässlichkeit der Schrift sprechen.

… die Unterwanderung der Autorität der Schrift durch Nebeninstanzen:

Wer nach der Autorität der Schrift fragt, steht auch vor der Frage, welcher Instanz unsere Schriftauslegung verpflichtet ist. Traditionell wird hier schnell das Lehramt in der katholischen Kirche genannt. Im Vatikanum 2 ist festgehalten: Alles, was die Art der Schrifterklärung betrifft, untersteht letztlich dem Urteil der Kirche, deren gottgegebener Auftrag und Dienst es ist, das Wort Gottes zu bewahren und auszulegen. Damit war die römisch-katholische Kirche in der Lage, über die Jahrhunderte hinweg am Kern ihrer kirchlichen Lehre festzuhalten. Zugleich aber ist klar, dass hier eine zweite Instanz neben der Schrift errichtet wurde. Das reformatorische Bekenntnis, dass die Schrift allein Königin sei, und eine solche hohe Wertung des kirchlichen Lehramts in der Glaubenslehre schließen sich gegenseitig aus.

Das reformatorische Bekenntnis, dass die Schrift allein Königin sei, und eine solche hohe Wertung des kirchlichen Lehramts in der Glaubenslehre schließen sich gegenseitig aus.

Aber wie steht es mit weiteren Instanzen neben oder gar über der Schrift in der weiteren Geschichte des Protestantismus?

Wir zitieren noch einmal aus dem theologisch politischen Traktat von Baruch de Spinoza (1670 erschienen). In seinem 6. Kapitel von den Wundern findet sich die Feststellung, dass alles nach den Naturgesetzen geschieht. Was ist dann aber mit den Wundern der Bibel? Auch hier bleibt Spinoza ganz stringent. Findet sich irgendetwas – schreibt er – von dem man unumstößlich beweisen kann, dass es den Naturgesetzen widerstreitet oder sich nicht aus ihnen herleiten lässt, so muss man ohne Weiteres annehmen, dass es von Frevlerhänden in die Heilige Schrift eingefügt worden ist. Damit ist völlig klar, dass unsere menschliche Vernunft darüber urteilen muss, ob das in der Schrift Niedergeschriebene den Rang einer göttlichen Offenbarung haben kann. Das Primat der Vernunft war errichtet, und diesem Primat folgte die protestantische Theologie mehr und mehr, bis es auch Einfluss in der katholischen Theologie gewann.

Der amerikanische Theologe Shailer Matthews konnte um die Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert sagen, er behandle die Bibel und die intellektuelle Redlichkeit mit gleichem Respekt. Das heißt nichts anderes, als dass die Vernunft die letzte und höchste Autorität beansprucht.

Schlägt man den Weg ein, zuerst die biblische Offenbarung selbst zu hören, dann muss man auch ihren Anspruch auf Autorität ernst nehmen. Man kann sich nicht als Schrifttheologe oder Bibellehrer bezeichnen, wenn man diesen Anspruch beiseiteschiebt.

Schlägt man den Weg ein, zuerst die biblische Offenbarung selbst zu hören, dann muss man auch ihren Anspruch auf Autorität ernst nehmen. Man kann sich nicht als Schrifttheologe oder Bibellehrer bezeichnen, wenn man diesen Anspruch beiseiteschiebt.

… die Grundlage der biblischen Autorität:

Die Wurzel der biblischen Autorität liegt in dem schlichten und doch einzigartigen Satz der Bibel: „Und Gott sprach.“ Wenn das wahr ist, dann bleibt ihre Autorität in diesen einzigartigen Reden Gottes begründet. An dieses Wort hat sich Gott nach den Aussagen der Schrift gebunden. Er hat es zum Ort der Begegnung mit uns bestimmt. Die Schriftautorität ist also im Grunde die Personenautorität des hier begegnenden Gottes.

Die Schriftautorität ist die Personenautorität des hier begegnenden Gottes.

… den Umgang mit Wundern in der Bibel:

Altchristliche Theologen in der Antike begründeten die Autorität der Bibel sogar mit der Tatsächlichkeit der dort berichteten Wunder. Aber nicht nur sie, auch die Reformationstheologen Melanchthon und Flacius zogen sie zur Begründung der Schriftautorität heran. Dann aber wurden solche Wunder zunehmend verdächtig. Weil die Vernunft zur obersten Instanz der Auslegung wurde, kam es zu eigenartigen Deutungen. Beispielsweise deutete Christoph Matthäus Pfaff (1686 – 1760, Kanzler der Universität Tübingen) Jona 2 so, dass Jona von einem Schiff namens Walfisch aufgenommen wurde. Eine erste Spitze erreichte diese Entwicklung bei Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher. Ihm zufolge sind eigentliche Wunder unmöglich. Nicht anders Ferdinand Christian Baur, der ja einen ganz weiten Einfluss auf die Theologie des 19. Jahrhunderts hatte. Gegenüber dieser Entwicklung, die ja bei Bultmann zu einer radikalen Ablehnung der Wunderwelt des Neuen Testaments geführt hatte, muss allerdings auch zitiert werden, dass die päpstliche Kommission noch 1964 an dem Eingreifen des persönlichen Gottes in der Welt und der Möglichkeit und Tatsächlichkeit von Wundern in der Bibel festhielt. Jedenfalls: Wer sich der Spur der historisch kritischen Theologie anschließen will, kann die biblischen Wunder nicht mehr bejahen.

Und um dem Gegenüber das Anliegen einer biblischen Theologie noch einmal zu unterstreichen: Sie hält an dem Reden Gottes auch dort fest, wo er in seine Wunderkraft Einzigartiges vollbringt.

… die enorme Bedeutung der Klarheit der Schrift:

Es verwundert, mit welcher Energie Martin Luther gerade auf die Klarheit der Schrift hingewiesen hat. So steht es ja in seiner „Assertio omnium articulorum“: Die Schrift sei die leichtest Zugängliche, die Allerverständlichste. Im Vertrauen darauf gaben die Reformatoren die Bibel jedem in die Hand, richteten ein bewundernswertes Schulwesen ein. Evangelische Slowenen verbreiteten die Botschaft in ihrem Land so wie Primus Truber (1508 bis 1586), der bei uns in Derendingen begraben liegt. Die Württemberger richteten in dem kleinen Urach eine Druckerei ein, druckten slowenische Bibeln. Helfer brachten sie über die Karawanken. All dies wäre undenkbar gewesen, hätte dahinter nicht die Überzeugung gestanden, dass jeder Mensch in der Lage ist, die Gotteserfahrung und Gottesoffenbarung in der Bibel angemessen zu verstehen. Das ist heute noch die Überzeugung in unseren württembergischen Stunden.

… den Umgang mit den dunklen Stellen in der Schrift:

Die alten Kirchenlehrer und die alte reformatorische Theologie antworteten, dass alles Heilsnotwendige klar sei. Das wird man kaum bestreiten können. Ebenso wichtig ist die allgemein christliche Erfahrung, dass man dunkle Stellen aus den hellen erklären kann. Von da aus bewährt sich der alte und von Luther erneut betonte Grundsatz, dass die Schrift sich selber auslegt. Wer Schrift mit Schrift auslegt, macht immer wieder die beglückende Erfahrung, dass sich der Zusammenhang und die Bedeutung der Schrift immer neu erschließt. Auch den sogenannten schlichten Christen. „Nimm und lies!“ – „„Tolle Lege!“ – Dieser Schlüsselsatz von Augustinus bewährt sich immer neu.

… bibeleigene Aussagen zur Klarheit der Schrift:

Ist es nicht die biblische Offenbarung selbst, die von ihrer Klarheit spricht? Schon das Mosegesetz ermutigt zu ihrem Studium: „Dieses Gebot, das ich dir heute gebiete, ist nicht zu hoch für dich und ist dir nicht zu fern.“ (5. Mose 30, 11) Im Römerbrief, der gewiss nicht immer leicht zu lesen ist, nimmt Paulus diese Ermutigung auf: „Das Wort ist dir nahe in deinem Munde und in deinem Herzen.“ (Römer 10, 8) Micha konnte ganz allgemeinverständlich reden: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: Nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ (Micha 6, 8)

Fassen wir zusammen: Die biblische Offenbarung selbst sagt aus, dass sie für jedermann zugänglich und genügend verständlich sei.

Die biblische Offenbarung selbst sagt aus, dass sie für jedermann zugänglich und genügend verständlich sei.

… das Verständnis der Einheit der Schrift bei Luther und im Pietismus:

Ich erinnere mich daran, dass Ernst Käsemann einmal einen Neutestamentler aus Mainz eingeladen hatte, um über Einheit und Widersprüche im Neuen Testament zu sprechen. Der lebhafte Vortrag endete mit der Widersprüchlichkeit des Neuen Testaments und mit dem Satz: Nun sehen sie zu, wo Sie sich ansiedeln. Es ist allerdings nicht nur in der universitären Theologie so, dass die Aussage von der Widersprüchlichkeit der Bibel selbstverständlich geworden ist. Das war am Anfang der Kirche anders. Dazu nur wenige Beispiele:

In der Mitte des 2. Jahrhunderts nach Christus schrieb Justin, der als Märtyrer starb, in seinem Dialog mit dem Juden Tryphon: „Ich bin schlechterdings überzeugt, dass keine Schriftstelle einer anderen widersprechen kann.“ Noch stärker spitzte dies Augustinus zu. Er schrieb ein eigenes Werk („De consensu Evangelistarum“- „Über das übereinstimmende Zeugnis der Evangelisten“) und äußerte sich darin ganz scharf gegen diejenigen, die den Evangelisten Widersprüche unterschieben wollten. Er nannte die Behauptung der Widersprüchlichkeit das Prunkstück der Eitelkeit.

Wieder beobachten wir, dass diese Linie bei Luther und dem Pietismus fortgeführt wurde. Luther konnte ja doch sagen, die biblische Offenbarung sei die allergewisseste und eine, die sich selber auslegt. Hier ist also die biblische Offenbarung als eine einheitliche Größe verstanden.

Für Johann Albrecht Bengel ist die Schrift ein zusammenhängender, wunderbarer Organismus. Ich zitiere ihn: „Jedes Wörtchen ist aus dem Heiligen Geist hervorgegangen.“ Bengel nimmt sehr wohl die Vielfarbigkeit der biblischen Aussagen wahr. Da er aber die Bibel heilsgeschichtliche auslegt, sagt er: „Unterscheide die Zeiten, dann stimmt die Schrift zusammen.“ Er ist nicht einmal bereit, die manchmal abschätzigen Urteile Luthers über den Jakobusbrief nachzuvollziehen. Nein, sagt er, der ganze Brief geht aus jener neuen Christenheit hervor.

… die Formel Martin Luthers „Was Christum treibet“:

Oft wird behauptet, Luthers Formel, „was Christum treibet“ sei die Mitte der Schrift für ihn und auch die Möglichkeit, Widersprüche in der Schrift wahrzunehmen und mit ihnen umzugehen. Das ist ein grober Fehlschluss. Denn für Luther ist eine Formel wie „was Christum treibet“ eine Richtungsanweisung für die Auslegung, so wie etwa bei Irenäus Johannes durchaus seine eigene Verkündigung hat und dennoch denselben Glauben verkündete wie die anderen Evangelisten.

… die Grundlage für die Einheit der Schrift:

Die Einheit der Schrift wird zunächst durch ein dreifaches begründet:

  1. Durch den einen Urheber, den sie hat, nämlich Gottes Heiligen Geist.
  2. Dadurch, dass alle Bücher der Bibel zum Glauben an den einen, denselben Gott aufrufen. Dass der Gott des Alten Testaments ein anderer sei als der Gott des Neuen Testaments ist eine eindeutige Irrlehre. Dagegen haben sich schon die alten Kirchenlehrer mit aller Energie gewehrt.
  3. Ein dritter Grund liegt darin, dass der Gott, der sich in der Schrift offenbart, eine Geschichte geschaffen hat, die alle Glaubenden aller Zeitalter verbindet.

… die Einheit der Schrift als Grundlage für den Kampf gegen Irrlehre:

Sollte die christliche Theologie jemals die Erkenntnis von der Einheit der Schrift aufgeben, dann wäre es unmöglich, den Kampf gegen die Irrlehren zu führen.

Sollte die christliche Theologie jemals die Erkenntnis von der Einheit der Schrift aufgeben, dann wäre es unmöglich, den Kampf gegen die Irrlehren zu führen.

Denn jede Irrlehre, angefangen von den Gegnern der Apostel über die Gnostiker und Leugner der Dreieinigkeit bis hin zur modernen Losung „Wir haben alle denselben Gott“ eignet sich Bruchstücke aus der Bibel an. Nur der Zusammenhang der ganzen Schrift bewahrt uns darin, dass wir nach Philipper 3, 10 das Ganze Erlösungshandeln Gottes erkennen.

… das Schriftverständnis von Karl Barth:

Das Wirken von Karl Barth (1896 bis 1968) überspannt ein rundes halbes Jahrhundert. Bis heute genießt er besondere Wertschätzung wegen seines Widerstands gegen den Nationalsozialismus und später auch gegen die Entmythologisierungstheologie. Was seine Hermeneutik betrifft, so ist dafür grundlegend die Annahme von einem dreifachen Wort beziehungsweise von drei Gestalten des Wortes Gottes. Die erste dieser Gestalten ist die eigentliche Offenbarung, das Wort hinter den Wörtern. Sie geht nur gebrochen in die Bibel, die schriftliche Gottesoffenbarung ein. Was wir dann vorliegen haben, ist also nur ein Zeugnis von der Offenbarung, ein Zeugnis, das durchaus kritisch zu bearbeiten ist. Anders formuliert: Wir müssen unterscheiden zwischen dem Wortlaut und dem, was dahinter da ist.

Aber Gottes Wort steht nicht hinter den Worten der Bibel, so dass wir es erst herausdestillieren müssten. Gott redet zu uns im Wort der Bibel, wie es ist. Hier lässt er sich von uns finden. Karl Barth hilft uns also nicht aus dem Dilemma heraus, in das uns die historisch kritische Methode mit ihrer Zerstörung der überlieferten Inspirationsquelle und ihrer Vorordnung der menschlichen Vernunft vor der göttlichen Offenbarung gebracht hat. Viel empfehlenswerter ist es, den Anschluss an das altchristliche, das reformatorische und pietistische Schriftverständnis zu suchen.

… „gemäßigte Kritik” an der Bibel:

Und was ist mit der sogenannten gemäßigten Kritik? Sie wurde und wird vor allem von Peter Stuhlmacher vertreten, mit dem mich persönlich manches verbindet. Er äußerte auch Verständnis für die Ablehnung der historisch kritischen Methode und findet freundliche Worte für diejenigen, die sie ablehnen. Ja, er kann von gravierenden Fehlleistungen der historischen Kritik sprechen. Dennoch will er nur die Einseitigkeiten der radikalen Kritik korrigieren. Jedoch soll die historisch kritische Arbeit an der Bibel weiterhin für unaufgebbar gelten. Wie sieht das aus?

Er kann einerseits auf die hermeneutisch fundamentale Bedeutung der Lehre von der Schriftinspiration neu hinweisen. Ja, er stimmt zu, dass eine biblische Hermeneutik wirklich primär von der Schrift her entwickelt werden muss. Dann aber folgt eine Wende. Nicht nur vor der Schrift allein, sondern auch vor dem kritischen Wahrheitsbewusstsein unserer Zeit, müssten wir uns verantworten. Damit sind wir wieder vor zwei Instanzen, die eine Sachkritik an der Bibel erlauben.

Die wichtigste hermeneutische Entscheidung bleibt also nach wie vor diejenige, ob die Instanz der Offenbarung wirklich die erste und entscheidende bleibt und ob wir von daher die Sachkritik an der Bibel überwinden.

Die wichtigste hermeneutische Entscheidung bleibt diejenige, ob die Instanz der Offenbarung wirklich die erste und entscheidende bleibt und ob wir von daher die Sachkritik an der Bibel überwinden.

… die Notwendigkeit auf eine schriftgemäße Schriftauslegung:

Zuerst und zuletzt: Wir brauchen eine schriftgemäße Schriftauslegung! Unsere Begriffe, unsere Gedanken, unsere Schlüsse müssen sich auf die biblische Offenbarung selbst stützen.

Wir brauchen eine schriftgemäße Schriftauslegung!

… die Notwendigkeit, am reformatorischen und pietistischen Schriftverständnis anzuknüpfen:

In ihrer Rolle als erste und entscheidende Instanz ist sie durch nichts zu ersetzen und auch durch nichts zu ergänzen. Wir können und sollen wieder dort anknüpfen, wo Luther in aller Schlichtheit sagen konnte, dass die Schrift durch sich selber sei die allergewisseste, die leichtest Zugängliche, die allerverständlichste, die, die sich selber auslegt, die alle Worte aller Worte bewährt, urteilt und erleuchtet, an einen Luther, der selber in dieser Position auf den Schultern der Kirchenväter stand. Leider hat die protestantische Forschung die Kirchenväter viel zu oft übergangen.

Wir haben nun freilich auf evangelischer Seite nicht nur das Beispiel Luthers und der frühen Reformatoren, es ist daneben die reiche pietistische Schriftauslegung zu bedenken. Noch einmal sei der Name Johann Albrecht Bengels erwähnt. Für ihn war ja die Einheit von Altem und Neuem Testament eine feste Voraussetzung. Nicht unterschlagen sei dabei sein Urteil über die damalige Aufklärung: Sie, so sagt er, richtet in Ecclesia Lutherana [d.h. in der Kirche Luthers] schreckliche Gräuel an. Wenn wir uns also außer an den Kirchenvätern und Luther beziehungsweise der frühen reformatorischen Schriftauslegung auch am Pietismus orientieren, dann nehmen wir in der Tat ein reiches Erbe auf.

… die zentrale Weichenstellung der Christenheit:

An der Bibelfrage wird sich nicht nur das Schicksal des Protestantismus, sondern auch weithin das Schicksal des Christentums entscheiden.

An der Bibelfrage wird sich das Schicksal des Christentums entscheiden.

Aber das Schönste an der Bibel bleibt: Es trifft ein, was sie sagt.

Die zentrale Herausforderung der Christenheit: Der schwindende Konsens bei den Kernüberzeugungen

Der schweizer Blogger Matt Studer hat mich gebeten, einen Gastartikel zu schreiben zu der Frage: Was ist im Moment DIE zentrale Herausforderung der Christenheit? Meine Antwort: Der schwindende Konsens bei den Kernüberzeugungen, der zur Folge hat, dass wir unsere Einheit, unsere Botschaft und unsere missionarische Dynamik verlieren. Das zeige ich am Beispiel meiner evangelischen Kirche, aber auch anhand von aktuellen Beispielen aus der evangelikalen Welt. Und ich habe einen Vorschlag, wie Einheit in Vielfalt wirklich gelingen kann.

Austritte, Skandale, Mitgliederschwund – darunter leiden nicht nur die großen Kirchen. Unter den mächtigen Megatrends wie Säkularisierung, Individualisierung und Polarisierung leiden alle Institutionen. Kein Wunder, dass sich viele kirchliche Leiter fragen: Wie kommen wir endlich „raus aus der Sackgasse“? Michael Diener schreibt dazu in seinem gleichnamigen Buch: …

Weiterlesen im mindmatt-Blog: www.mindmatt.com/post/g%C3%A4stebuch-markus-till-schreibt-%C3%BCber-den-schwindenden-konsens-der-christen-bei-den-kern%C3%BCberzeugungen

 

In eigener Sache: Die AiGG-Gebetsmail

Vor mir liegt ein “heißer Herbst”. Die AiGG-Homepage zum Glaubenskurs steht kurz vor der Fertigstellung. Aber vor allem stehen einige Veranstaltungen, Publikationen, Projekte und Ereignisse an, die mich wirklich herausfordern. Das meine ich nicht nur kräftemäßig. Für das Reich Gottes und für das Evangelium zu arbeiten, bedeutet eben immer auch, Teil einer geistlichen Auseinandersetzung zu sein. Umso mehr spüre ich, wie abhängig ich von Gottes Segen, Führung und Schutz bin – und dass die anstehenden Ereignisse unbedingt Gebet benötigen.

Deshalb meine Frage an Dich: Hättest Du vielleicht Zeit und Kapazität, immer mal wieder für diese Dienste und gemeinsam mit mir für unser Land und für die Kirche Jesu zu beten?

Wenn ja, dann schreibe mir doch bitte eine kurze, formlose Mail an “info@aigg.de” mit dem Stichwort “AiGG-Gebetsmail”.

Du bekommst dann in unregelmäßigen Abständen eine vertrauliche Gebetsmail mit aktuellen (Hintergrund-)Informationen zu den laufenden Entwicklungen.

Herzliche Grüße, Markus

 

nonbiblipedia

Der Stern von Bethlehem – Mythos oder Geschichte?

Der Stern von Bethlehem ist fester Bestandteil unserer alljährlichen Weihnachtsromantik. Aber gerade dieser Stern ist es auch, der viele Menschen gegenüber der Weihnachtsgeschichte skeptisch werden lässt. Da kommen „Weise“ aus dem „Morgenland“ nach Jerusalem und fragen nach dem neugeborenen König der Juden, denn: Sie „haben seinen Stern aufgehen sehen“. Und genau dieser Stern „ging vor ihnen her, bis er über dem Ort stand, wo das Kindlein war.“ (Matthäus 2, 2+9) Kein Wunder, dass seit jeher Menschen gefragt haben: Von welchem Stern redet Matthäus da? Wie konnte ein Stern vor ihnen hergehen? Und wie kann ein Stern stehen bleiben? Das klingt doch alles so märchenhaft, dass man dazu neigt, gleich die ganze Geschichte ins Reich der Mythen und Legenden zu verbannen.

Stilbildend für viele Darstellungen des Sterns wurde ein Gemälde des Malers Giotto di Bondone aus dem Jahr 1305. Er stellte den Stern als Komet dar, wahrscheinlich ganz einfach deshalb, weil er den Halley’schen Komet kurz zuvor selbst beobachten konnte. Trotzdem ist es sehr unwahrscheinlich, dass Matthäus bei seinem Bericht von einem Komet spricht. Kometen galten damals als Unglücksboten und waren somit ein völlig unpassendes Symbol für das Kommen eines neuen Herrschers.

Der Astronom Johannes Kepler beobachtete im Jahr 1604 eine Supernova mitten in einer besonderen Planetenkonstellation, über die wir gleich noch genauer sprechen werden. Und weil diese Konstellation auch zur Zeit von Jesu Geburt auftrat, stellte er die Vermutung an, dass es vielleicht auch damals eine Supernova gegeben haben könnte. Aber auch diese These wurde inzwischen verworfen. Denn von einer solchen Supernova müssten wir heute noch Reste finden. Das ist aber nicht der Fall.

Aber wovon schrieb Matthäus dann? Im Dezember 2020 ging eine überraschende Meldung durch die Presse: Der Stern von Bethlehem steht wieder am Himmel! Was war da gemeint? Am 21. Dezember 2020 war ein seltenes Schauspiel am Himmel zu sehen (wenn man denn das Glück hatte, dass es nicht von Wolken verdeckt wurde): Die Planeten Jupiter und Saturn näherten sich einander so sehr an, dass beide Planeten förmlich zu verschmelzen schienen und gemeinsam als heller Stern am Himmel leuchteten. Eine solche Annäherung zwischen Jupiter und Saturn nennt man „große Konjunktion“. Sie findet etwa alle 20 Jahre statt, wenn auch meistens nicht ganz so dicht wie im Jahr 2020. Sehr selten kommt es sogar zu einer sogenannten „größten Konjunktion“, bei der sich Jupiter und Saturn gleich 3 mal in einem Jahr begegnen. Um dieses Phänomen zu verstehen muss man wissen, dass die Erde als vergleichsweise sonnennaher Planet schneller seine Runden um die Sonne dreht als die weiter entfernten Planeten Jupiter und Saturn. Wenn die Erde auf ihrer Bahn um die Sonne die weiter entfernt kreisenden Planeten überholt, dann sieht es für Beobachter auf der Erde so aus, als würden sich Jupiter und Saturn eine Zeit lang rückwärts bewegen. Wenn das während einer Konjunktion geschieht, dann treffen sich Jupiter und Saturn während eines Jahres nicht nur einmal sondern gleich drei mal (schön visualisiert in diesem Video ab Min. 6:06).

Genau zu einem solchen extrem seltenen Spektakel kam es im Jahr 7 vor Christus (bzw. im Jahr 6 vor Christus nach astronomischer Zeitrechnung). Nach übereinstimmender Meinung der meisten Historiker fällt dieses Jahr in den kurzen Zeitraum, der für das Geburtsjahr von Jesus am wahrscheinlichsten ist. In diesem Jahr trafen sich Jupiter und Saturn im Mai, im Oktober und im Dezember.

Ohne Zweifel wurde dieses extrem außergewöhnliche Ereignis sowohl von den Astronomen als auch von den Astrologen der damaligen Zeit aufmerksam verfolgt. Der Gedanke liegt also nahe, dass dieses Himmelsschauspiel auch der Auslöser für die Reise der Weisen nach Jerusalem gewesen sein könnte. Allerdings gab es an dieser Theorie auch Zweifel. Denn zwar kamen sich die Planeten Jupiter und Saturn im Jahr 7 vor Christus nahe, aber sie „verschmolzen“ optisch doch nie zu einem einzigen Stern, wie es im Jahr 2020 der Fall war. Sie waren immer deutlich voneinander getrennt am Himmel zu sehen. Bei Matthäus ist aber nur von 1 Stern die Rede, dazu noch von einem aufgehenden Stern. Was könnte damit gemeint sein?

Im Jahr 1999 veröffentlichte der amerikanische Physiker und Astronom Michael Molnar ein Buch über den Stern von Bethlehem, das seither die Fachwelt beschäftigt. Im Jahr 2014 fand sogar eine interdisziplinäre Tagung zu den Thesen Molnars statt. Molnar hatte sich intensiv mit den Weisen aus dem Morgenland beschäftigt. Wörtlich übersetzt ist bei Matthäus ja nicht nur einfach von „Weisen“ die Rede sondern von „Magoi“ was man auch mit „Sterndeuter“ oder „Astrologen“ übersetzen könnte. Bisher ging man zumeist davon aus, dass diese Sterndeuter eher von der babylonischen Kultur geprägt waren. Molnar glaubte jedoch, dass die Region östlich von Palästina durch die Eroberungszüge von Alexander dem Großen schon längst hellenisiert und somit griechisch geprägt war. Deshalb musste man sich mit der griechischen und nicht mit der babylonischen Astrologie beschäftigen, um die Denkweise der „Magoi“ aus dem Morgenland zu verstehen.

Wie haben diese Leute ein Horoskop erstellt? Bekannt ist zum Beispiel ein Horoskop für Kaiser Hadrian aus dem Jahr 76 nach Christus. Eine wichtige Rolle spielte darin der Planet Jupiter, der als königlicher Planet galt. Als wichtig wurde aber auch die Nähe zu Mond, Venus und Mars angesehen. Wer nach diesem Muster ein Horoskop für den 17. April des Jahres 7 v.Chr. erstellt, erhält ein noch viel „königlicheres“ Horoskop! Denn hier standen die Planeten Merkur, Mars, Saturn und Venus gemeinsam mit dem Mond, der Sonne und dem königlichen Jupiter in einer Reihe. Dazu muss man wissen, dass die Astrologen der damaligen Zeit ihre Aufmerksamkeit vor allem dem „Stern” widmeten, der kurz vor Sonnenaufgang auftaucht und zuletzt sichtbar wird, bevor das Tageslicht alle Sterne überstrahlt. Am 17. April 7 v. Chr. war der königliche Planet Jupiter der zuletzt aufgehende „Stern“. Und er stand dabei in einer linearen Reihe mit der Sonne, Mond und mehreren Planeten, was als starker Hinweis auf die Geburt eines neuen Königs verstanden werden konnte. Dazu kam: Der Jupiter ging im Sternbild Widder auf, das damals auch mit dem Gebiet Judäa in Verbindung gebracht wurde.

Vor diesem Hintergrund wird verständlicher, was Matthäus in Vers 2 eigentlich gemeint hat. Denn der Satz: „Wir haben seinen Stern aufgehen sehen“ kann auch so übersetzt werden: „Wir haben seinen Stern im Aufgang erblickt“. Das war für den damaligen Leser eine gängige astrologische Formulierung, die den zuletzt aufgehenden Stern kurz vor Sonnenaufgang beschrieb. Ausführlicher hätte Matthäus auch schreiben können: Wir haben den Stern eines neuen Königs in Judäa im Aufgang erblickt. Dass Matthäus den Namen Jupiter lieber nicht namentlich nennen wollte ist verständlich, weil er selbst wohl lieber nichts mit Astrologie zu tun haben wollte.

Wenn die „Magoi“ in einem weit von Jerusalem entfernten östlich gelegenen Land tatsächlich im April auf die Ankunft eines neuen Königs aufmerksam wurden, dann wäre das wegen der sommerlichen Hitze eine schlechte Zeit zum Reisen gewesen. Trotzdem blieb angesichts der spektakulären ganzjährigen „grössten Konjunktion“ von Jupiter und Saturn ohne Zweifel die Aufmerksamkeit der Sterndeuter den ganzen Sommer über hoch. Als sie sich dann schließlich im Herbst nach Jerusalem aufmachten, standen Jupiter und Saturn vereint am südlichen Himmel, also in Richtung Bethlehem. Und gerade in dieser Zeit konnten sie verfolgen, wie Jupiter und Saturn eine Zeit lang „rückwärts“ wanderten und dann schließlich für kurze Zeit relativ zu den Sternen „stehen blieben“ – bevor sie schließlich erneut die Richtung umkehrten.

Der Sternhimmel am 12. November 7 v. Chr. über Jerusalem in Richtung Süden

Hat Matthäus vielleicht genau das gemeint? War der „rückwärts“ laufende königliche Jupiter der “Stern”, der „vor ihnen herging“ und schließlich stehen blieb, als sie das Kind in Bethlehem gefunden hatten? Genau davon geht jedenfalls der Astronom Michael Molnar aus.

Der Astrophysiker Prof. Heino Falcke war 2014 selbst bei der Tagung dabei, bei der über Molnars Thesen gestritten wurde. In seiner Nachbetrachtung zu der Konferenz schrieb Falcke folgendes:

„Ich persönlich habe versucht, in dieser Angelegenheit die Rolle eines objektiven Richters zu spielen, mich von vorgefasster Voreingenommenheit zu befreien und diesen Workshop mit einem eher offenen und vielleicht sogar naiven Geist zu betreten. Ich war also gleichermaßen bereit zu akzeptieren, dass die Geschichte komplett erfunden sein könnte oder tatsächlich eine genaue Beschreibung der Ereignisse um die Geburt Jesu Christi war. … Je mehr ich über die Weisen erfuhr, desto mehr entpuppte sich die Geschichte bei Matthäus als ein Meisterwerk biblischer Schreibkunst, das nicht nur theologische Bedeutung transportiert, sondern auch in der Lage ist, den historischen Kontext in wenigen nüchternen Zeilen zu verdichten – ganz anders als die Wundergeschichte, die ich noch aus Kindheitserinnerungen im Kopf hatte.“

Ist jetzt also sicher geklärt, was es mit dem Stern von Bethlehem auf sich hatte? Sicher nicht. Der Streit der Experten wird weitergehen. Für den Glauben ist es auch nicht entscheidend, was genau die richtige Erklärung ist. Aber so viel ist sicher: Wenn sich ein Bibeltext „märchenhaft“ anhört, heißt das noch lange nicht, dass wir ihn vorschnell ins Reich der Gleichnisse und der Bildersprache verweisen dürfen. Der Gott der Bibel ist ein Gott, der ganz reale Geschichte schreibt. Es könnte auch ganz einfach an unserer Unkenntnis der damaligen Situation und an sprachlichen Feinheiten liegen, warum wir uns mit dem Verständnis mancher biblischer Angaben so schwer tun.

Auch der Stern von Bethlehem rüttelt jedenfalls nicht daran, dass die Geburtsgeschichten in den Evangelien vertrauenswürdig sind. Und der Umstand, dass hier offenbar Menschen durch Beschäftigung mit Astrologie zu Jesu fanden, zeigt mir: Gott kann auch heute noch die verrücktesten Umstände gebrauchen, um Menschen das wahre Wunder von Weihnachten zu offenbaren und sie zu Anbetern des einzig wahren menschgewordenen Gottessohns zu machen.


Eine wertvolle Quelle für die Recherchen zu diesem Artikel war der Blogartikel „The Star of Bethlehem – a mystery (almost) resolved?“ von Prof. Heino Falcke. Darin sind auch einige veranschaulichende Abbildungen enthalten.

AiGG 5: Wie wir Gottes Stimme hören können

Jesus hat immer wieder deutlich gemacht: Es gibt nichts Wichtigeres im Leben, als Gottes Stimme zu hören! Aber warum ist das eigentlich so wichtig? Und wie soll das praktisch funktionieren? Welche Rolle spielt dabei die Bibel? Ist dieses Buch überhaupt vertrauenswürdig? Im 5. Teil der AiGG-Serie geht es um sehr praktische Fragen der Jesusnachfolge und um ein Versprechen, das Jesus allen seinen Nachfolgern gemacht hat: Meine Schafe hören meine Stimme!

Den Vortrag als Audio hören:

Vertiefend zu diesem Thema:

Das Lied zum Thema: “Hoffnung für die Welt”:

Das Akkordsheet zum Lied “Hoffnung für die Welt” zum Download  – Noten wurden veröffentlicht in “Feiert Jesus 4”, Lied Nr. 72

Neu ab dem 2. September: Zeit des Umbruchs

Kaum ein Thema hat mich in den vergangenen 2 Jahren so beschäftigt wie das Phänomen der sogenannten “Postevangelikalen”. Unter anderem war ich zu Gast im “Hossa-Talk”. Der AiGG-Artikel über die Worthaus-Mediathek (“Worthaus – Universitätstheologie für Evangelikale”) ist bis heute der mit Abstand am weitesten verbreitete Artikel dieses Blogs. Und in idea Spektrum durfte ich mit einem der Hauptreferenten von Worthaus Prof. Thorsten Dietz sogar ein sehr freundliches “Streitgespräch” führen. Das Thema hat offensichtlich bei vielen Christen in unserem Land einen Nerv getroffen. Der SCM-Verlag hat mich deshalb im vergangenen Herbst gebeten, dazu ein Buch zu schreiben, das nun am 2. September erscheinen wird.

Unter zeitdesumbruchs.aigg.de gibt es schon jetzt jede Menge Informationen zum Buch: Das komplette Inhaltsverzeichnis, 2 Leseproben, Stimmen zum Buch und eine erste Rezension.

Die Homepage zum Buch “Zeit des Umbruchs”

Das Buch ist weit mehr als nur eine Situationsanalyse oder eine Beschreibung der postevangelikalen bzw. progressiven Bewegung. Es geht auch um Grundsätzliches wie zum Beispiel:

  • Wie viel Vielfalt ist gesund für die Kirche Jesu? Bei welchen Lehrdifferenzen geht es wirklich ans Eingemachte?
  • Sind Debatten um theologische Themen hilfreich oder bringen sie am Ende doch nur Streit und Spaltung?
  • Wie finden wir in eine Ausgewogenheit zwischen Enge und Beliebigkeit?
  • Und was können wir tun, damit die Umbrüche unserer Zeit nicht in Abbrüche sondern in Aufbrüche münden?

Die ersten Rückmeldungen zum Buch waren für mich mehr als ermutigend. So schrieb z.B. Dr. Peter Gloor, der ehemalige Leiter von Chrischona Schweiz: „Das Buch ist Pflichtlektüre für alle theologisch interessierten Laien und auch für alle Hauptamtlichen. Die Symbiose von empathischer Wahrnehmung gegensätzlicher Standpunkte und biblisch fundierter Beweisführung ist gut gelungen.“ (hier geht es zur kompletten Rezension) Ulrich Parzany, der Gründer und Leiter des Netzwerks Bibel und Bekenntnis, schrieb mir: „Dieses Buch verdient volle Aufmerksamkeit. Ich hoffe, dass dieses Buch eine Debatte auslöst, auf die ich seit Gründung des Netzwerks Bibel und Bekenntnis vergeblich gewartet habe.“ Auch der Autor und Kolumnist Jürgen Mette hat das Buch bereits gelesen und meint anerkennend: „Hier schreibt ein Mann, der den behaglichen Streichelzoo einer denkmüden Gesellschaft verlässt und keine Angst vor der freien Wildbahn einer theologisch-mündigen Gesprächskultur hat.“ Pastor Lothar Kraus vom LEITERBLOG meint: „Ein starkes Buch für alle, die an den aktuellen Fronten mitleiden, und dennoch fundiert und wertschätzend mitdenken und mitgestalten wollen. Ohne Polemik, ohne Vorverurteilung und ohne Scheuklappen.” Und Ulrich Eggers, der 1. Vorsitzende von Willow Deutschland und Geschäftsführer SCM-Verlagsgruppe schreibt im SCM-Katalog: “Ein ehrlicher, beherzter und leidenschaftlicher Versuch, zwischen den Fronten gemeinsames Land zu entdecken und nach der Gültigkeit der Bibel für heute zu fragen. Ein Ruf zu gelebter Jesusnachfolge.”

Das Buch kann ab dem 2. September hier bestellt werden: www.scm-shop.de/zeit-des-umbruchs.html

Ich freue mich schon jetzt auf weitere Rückmeldungen sowie auf spannende Debatten zu diesem wichtigen Thema.

Der Kampf ums Bibelverständnis

Wegweisende Erkenntnisse aus dem Buch „Biblische Hermeneutik“ von Prof. Gerhard Maier

„Biblische Hermeneutik“: Dieses Buch von Prof. Gerhard Maier hätte ich am liebsten jedem Theologen zu Weihnachten unter den Baum gelegt. Der Autor ist mir schon lange ein Begriff, schließlich war er 4 Jahre lang Landesbischof meiner württembergischen Landeskirche. Dass er zugleich ein herausragender Theologe ist, war mir auch schon zu Ohren gekommen. Tatsächlich ist sein Buch „Biblische Hermeneutik“ nichts weniger als ein grundlegender Ruf zur Umkehr in der Theologie. Maier setzt sich intensiv mit der sogenannten „historisch kritischen Methode“ (HKM) auseinander, die aktuell eine fast uneingeschränkte Dominanz besitzt:

„Die Meinung, „dahinter können wir nicht mehr zurück“, ist eine der am weitesten verbreiteten, auch im Kreise sog. „evangelikaler“ Theologen. … Noch 1971 konnte Richter schreiben: „Das Recht, die historisch-kritische Methode anzuwenden, ist heute … in der Theologie unbestritten“. Dabei ist allen klar, dass die „Kritik“ nicht nur die (selbstverständliche!) Aufgabe des Unterscheidens wahrnimmt, sondern ein „kritisches“ Beurteilen der biblischen Aussagen, ihre Bejahung oder Verwerfung, kurz: die Sachkritik an der Bibel, einschließt.“ (S. 214)

Eben diese Sachkritik ist für Maier das entscheidende Problem bei der HKM, denn: „Jede Sachkritik an der Bibel gibt … Teile ihres Inhalts preis. … Die zahllosen Schwankungen, denen innerhalb der letzten 300 Jahre die Sachkritik unterworfen war, widerlegen eindrucksvoll die Behauptung, die Schrift ermögliche aus sich selbst heraus eine solche Sachkritik.“ (S. 266)

Sachkritik bedingt immer, dass es einen menschlichen Kritiker geben muss: „Was sich … durch die ganze Geschichte der historischen Kritik hindurchzieht, das ist die Anschauung, dass der Mensch über den Wahrheitsgehalt der Offenbarung zu entscheiden habe.“ (S. 259) Der Bibel wird damit eine zweite Autoritätsinstanz beigestellt: „Das katholische Lehramt ist evangelischerseits im Laufe der Zeit durch Vernunft und Wissenschaftlichkeit, deren Inhalte umstritten blieben, ersetzt worden. … Wahrhaftigkeit und modernes Weltverständnis sind hier ethische und intellektuelle Verstehensvoraussetzungen, die in ihrer Kombination zu einer zweiten Instanz neben der Schrift führen.“ (S. 142) Somit ist die reformatorische Formel „Sola scriptura“ preisgegeben, die bis zum Pietismus noch galt. (S. 302)

Die zentrale Weichenstellung: Trennung von Text und Offenbarung

Grundsätzlich möglich wird die Bibelkritik der HKM durch folgende zentrale Weichenstellung: „Grundlegend für die historisch-kritische Arbeitsweise ist die Trennung von Schrift und Offenbarung bzw. von Bibel und Wort Gottes. Keinesfalls besteht hier eine Identität.“ (S. 262) Beispielhaft zeigt Maier das an der „dreifachen Gestalt des Wortes Gottes“ von Karl Barth, in der u.a. zwischen dem schriftlichen und dem offenbarten Wort Gottes unterschieden wird, wobei das schriftliche Wort (die Bibel) nicht die eigentliche Offenbarung ist. Die Bibel bezeugt sie nur. Maier begründet, warum er sich mit dieser Lehre nicht befreunden kann: „Sie zerbricht die Theopneustie („göttliche Eingebung“, „Durchhauchtsein mit dem Geist“, 2. Tim. 3, 16) an der entscheidenden Stelle, nämlich dort, wo gerade die Schrift als das final gemeinte Wort des Heiligen Geistes Gestalt gewinnen soll … indem sie uns letztlich an ein unkonkretes, zeitloses „Dahinter“ bindet. Und sie widerspricht auch der Position Luthers und der Reformatoren, für die das biblische Wort der eigentliche Wille Gottes war.“ (S. 104)

Erst durch diese Trennung zwischen biblischem Wort und Offenbarung ist es möglich, kritisch an das biblische Wort mit dem Prinzip des wissenschaftlichen Zweifels heranzutreten. Das ist für ihn die eigentliche „Innovation“ der historisch kritischen Methode: „Nicht die Entdeckung neuer, bisher unbekannter Arbeitsschritte oder methodischer Einzelverfahren war das Entscheidende. Sondern der prinzipiell vom Zweifel geprägte Umgang mit der Heiligen Schrift.“ (S. 221)

Deutlich wird dieser Zweifel zum Beispiel im Umgang mit den geschichtlichen Aussagen der Bibel. Das ist aus seiner Sicht besonders tragisch, denn: „Der biblische Glaube hängt tatsächlich aufs engste mit der wirklichen Geschichte zusammen. … Entzieht man ihm die geschichtliche Basis, auf die er aufgebaut ist, dann hat man ihn prinzipiell widerlegt. … Der Glaube hängt an seiner Geschichtlichkeit.“ (S. 181)

Hinzu kommt in der HKM die bis heute nicht überwundene allgemeine Skepsis gegen Wunder und Prophetie: „Im Grunde teilt das ganze 19. Jh., soweit es die historisch-kritische Forschung in Deutschland betrifft, das Urteil, dass wir heute an Wunder nicht mehr glauben können. … Ja selbst in unserem Jahrhundert noch wird die historische Kritik von dem Gedanken beherrscht, dass Wunder ungeschichtlich seien.“ (S. 196)

Daran zeigt sich, wie wenig die historisch kritische Methode ihren eigenen Anspruch einlöst, „wissenschaftlich“ und „objektiv“ zu sein: „Es besteht … unter den Anhängern der historischen Kritik eine erstaunliche Übereinstimmung darüber, dass sie „ein Kind der Aufklärung“ darstellt. … Damit ist die dominierende Rolle der Vernunft ausgesagt. … Hier erhält also … der Mensch einen absoluten Vorrang. … Auf der anderen Seite wird deutlich, dass diese „Vernunft“ keine weltanschauliche Neutralität besitzt. Im Gegenteil, sie ist eine religiös determinierte Größe. Um noch einmal Picht zu zitieren: „Die Vernunft des europäischen Denkens ist als Projektion des Gottes der griechischen Philosophie bis in ihre innersten Elemente vom Mythos durchtränkt. Es ist ein Zeichen mangelnder Aufklärung, wenn wir das nicht wissen. Von hier aus fällt ein neues Licht auf die Spannung zwischen Glauben und Vernunft, aber auch auf die unglückliche Liebe der Theologen zu dieser selben Vernunft.“ Das heißt, die Berührung der Theologie mit der Philosophie der Aufklärung und die Entwicklung einer vernunftverantwortlichen Bibelwissenschaft war eben kein Methodenproblem im neutralen Sinne, sondern eine religiöse Kontamination. … Die neue Situation, die durch eine solche Anwendung von Kritik entstand, muss eindeutig als ein Bruch mit der vorangehenden christlichen Geschichte bezeichnet werden.“ (S. 236/237)

Das Bibelverständnis muss aus der Bibel kommen!

Angesichts dieser grundsätzlichen Dramatik stellt sich nun umso drängender die Frage: Wie begegnet Gerhard Maier nun der HKM? Im ganzen Buch findet sich dazu immer das gleiche Prinzip: Maier setzt den Sichtweisen der HKM nicht einfach seinen eigenen Ansatz gegenüber. Zwar ist er sich zwar bewusst, dass „eine voraussetzungslose Auslegung ein Phantom, eine Selbsttäuschung darstellt. Doch gerade unsere Voraussetzungen will die Bibel in Frage stellen, korrigieren und teilweise zerstören.“ (S. 15) Prof. Maier betont also: Wir können unsere Denkvoraussetzungen beim Auslegen der Bibel nicht beliebig wählen. Die Bibel hat eine Meinung dazu, wie sie korrekt gelesen und ausgelegt werden will! Deshalb befragt Maier immer wieder den biblischen Text, den er durchweg als „Offenbarung“ bezeichnet. Er will sich sein Schriftverständnis von der Bibel selbst vorgeben lassen, denn: „Wahrscheinlich ist die wichtigste hermeneutische Entscheidung diejenige, ob wir den Ausgangspunkt bei der Offenbarung selbst oder beim Menschen nehmen.“ (S. 19) Er wendet damit vorbildlich das reformatorische Prinzip an, dass die Schrift sich selbst auslegen muss. Im Zentrum steht für Prof. Maier deshalb die Frage:

Welches Bibelverständnis gibt uns die Bibel vor?

Maier stellt zum einen fest, dass die Bibel die menschliche Vernunft als oberste Autoritätsinstanz für vollkommen ungeeignet hält: „Die Offenbarung kennt den „autonomen“ Menschen nur als den „verlorenen“ Menschen. … Seine Autonomie war von Anfang an eine Utopie und ein Weg in die Sklaverei, ja zum Rande des Untergangs.“ (S. 242/243)

Das biblische Bibelverständnis stellt sich für Maier nach ausführlicher Analyse der biblischen Aussagen wie folgt dar: „Diese Offenbarung beansprucht, aus Gottes Geist hervorgegangen zu sein. Sie ist … Anrede Gottes an uns. Wer sie hört, hört in erster Linie nicht die menschlichen Verfasser und Glaubenszeugen, sondern den dreieinigen ewigen Gott. … Als einzigartiges Reden Gottes hat sie eine einzigartige, unvergleichliche Autorität. An dieses Wort hat sich Gott gebunden. Er hat es zum Ort der Begegnung mit uns bestimmt. Er wird dieses Wort bis ins letzte hinein wahr machen und erfüllen. Die Schriftautorität ist im Grunde die Personenautorität des hier begegnenden Gottes.“ (S. 151)

Wichtig ist Prof. Maier dabei der Begriff der „Inspiration“. Nicht nur die biblischen Autoren waren von Gottes Geist inspiriert („Personalinspiration“), nein: Der Text selbst ist von Gottes Geist inspiriert („Verbalinspiration“), und zwar der vollständige Bibeltext aller kanonischer Bücher im endgültig vorliegenden Urtext („Ganzinspiration“). Genau das nimmt laut Maier auch der biblische Text für sich selbst in Anspruch: „Die weitaus meisten Schriften des Neuen Testaments sind nach der Selbstaussage des NT inspiriert … oder lassen den indirekten Anspruch erkennen, inspirierte Schrift zu sein. … Wenn später die Kirche … die Inspiration aller neutestamentlichen Schriften anerkannte, dann stand sie auf einem guten historischen Boden und darüber hinaus im Einklang mit der Offenbarung selbst.“ (S. 88)

Darüber hinaus beansprucht der Bibeltext noch folgende Eigenschaften für sich: „Die Offenbarung schreibt dem Worte Gottes vor allem vier Eigenschaften zu: Erstens: Es ist verlässlich. … Zweitens: Es ist wirksam. … Drittens: Es zeigt den Willen Gottes auf und damit den Weg zum Heil. … Viertens: Es ist verbindlich. … Man kann also beobachten, dass Begriffe wie „Irrtumslosigkeit“, „Fehlerlosigkeit“ oder „Unfehlbarkeit“ in der Bibel nicht gebraucht werden. Aber noch weniger spricht die Bibel von „Fehlern“ oder dergleichen.“ Ein bibelnaher Begriff für den Selbstanspruch der Bibel ist aus der Sicht von Maier: „Vollkommene Verlässlichkeit.“ (S. 122). Dazu erläutert er: „Das zur Schrift gewordene Wort Gottes ist vollkommen verlässlich und fehlerlos im Sinne seiner göttlichen Zwecke, also von Gott her betrachtet.“ (S. 125)

Mit Jesus die Bibel kritisieren? Die Einheit und Klarheit der Schrift

Aus der Urheberschaft Gottes folgt für Maier auch die Einheit der Schrift: „Die Einheit der Schrift wird am stärksten begründet durch den einen Urheber, den sie hat, Gott. … In der Tat ist die Behauptung einer Widersprüchlichkeit davon abhängig, dass man die menschlichen Glaubenszeugen zu den maßgeblichen Autoren der Schrift ernennt und den göttlichen Autor verdrängt.“ (S. 164) „Erst seit der Aufklärung ging die Überzeugung von der Einheit der Schrift in weiten christlichen Kreisen verloren.“ (S. 160) Das ist dramatisch, denn: „Wo man die Einheit der Schrift verliert, verliert man auch das Mittel, gegen die Häresie zu kämpfen. … Bezeichnenderweise gab es seit der Aufklärung zwar noch eine Kirchenzucht, aber im Grunde keine Lehrzucht mehr. … Damit wird jedoch das NT auf den Kopf gestellt.“ (S. 165)

Aber widerspricht sich die Bibel nicht selbst? Können bzw. müssen wir nicht mit Jesus andere Teile der Bibel kritisieren? Diesen Ansatz verwirft Maier aufs Schärfste: „Die Schrift war für Jesus wie für seine jüdischen Gesprächspartner die letzte Entscheidungsinstanz. … Es kann überhaupt kein Zweifel daran sein, dass den heiligen Schriften in den Augen Jesu eine unvergleichliche Autorität zukommt. Wer bei ihm „Kritik“ am AT finden will, muss alles auf den Kopf stellen.“ (S. 149) „Eine Anleitung aus der Schrift, Schrift mit Schrift abzulehnen (was ja der Begriff der „Sachkritik“ impliziert), gibt es nirgends.“ (S. 265)

Kritisch sieht Maier deshalb auch den Versuch, eine „Mitte der Schrift“ zu konstruieren: „Die „Mitte der Schrift“ wurde praktisch zum Ersatz für die verlorengegangene „Einheit der Schrift“. … Wird aus der Christusmitte ein Christusprinzip, dann wird die Schrift entleert und ihrer Fülle beraubt. … Es kann sich nur um eine personale Mitte handeln. … Jeder Versuch, diese Mitte als ein isolierbares Etwas herauszulösen oder in Form eines Lehrgesetzes zu formulieren, zersprengt die Kontinuität der heilsgeschichtlichen Offenbarung.“ (S. 174-176).

Dazu verteidigt Maier die „Klarheit der Schrift“: „Die Autorität der Schrift kann sich praktisch nur durchsetzen, wenn jeder schlichte Christ in der Lage ist, einen klaren Begriff vom Inhalt der Schrift zu gewinnen. … Jesus konnte die wiederholte Frage: „Habt ihr nicht gelesen?“ nur stellen, wenn er von der Klarheit der Heiligen Schrift überzeugt war. … Die schriftgewordene Offenbarung behauptet, für jedermann zugänglich und eindeutig genug zu sein.“ (S. 155/156)

Konsequenzen der HKM: Ethisierung, Subjektivierung, Individualisierung, Erfahrungstheologie

Gerhard Maier ist als ehemaliger Landesbischof nicht nur Theologe sondern auch Gemeindepraktiker. Vor diesem Hintergrund sollte man umso aufmerksamer hinhören, wenn er die negativen Folgen der historisch kritischen Methode wie folgt beschreibt: „Der Inhalt, von dem die Neologie (d.h. die aus der Aufklärung resultierende Lehre) den Offenbarungsbegriff entleert, ist der historische; der Inhalt, den sie neu einfüllt, ein rationaler. Sobald aber die Geschichte durch das Rationale ersetzt wird, wird die Bibel zum Lehrgesetz. Deshalb ist es überhaupt nicht erstaunlich, dass in der Aufklärung die sittliche Vernunft zum dogmatischen Kriterium wird, … und eine „Ethisierung des Christentums“ eintritt.“ (S. 170) Außerdem wächst für Maier „den subjektiven Faktoren eine beherrschende Rolle zu.“ (S. 9)  Und: „Mit dem Vernunftglauben ist der Individualismus einer der stärksten Motive der historischen Kritik.“ (S. 240) „Wir entdecken, dass die Trennung von Schrift und Offenbarung … einen ganz andersartigen Raum schaffen kann: dem Empfinden … Wie will die gemäßigte Kritik, gefangen im Zwei-Instanzen- und im Widersprüchlichkeits-Denken, den Umschlag in eine solche Erfahrungstheologie verhindern?“ (S. 331)

Ist „gemäßigte Kritik“ die Lösung?

Mit „gemäßigter Kritik“ meint Maier den theologischen Versuch, die historisch-kritische Herangehensweise mit konservativen theologischen Positionen zu verbinden. Diesem Versuch erteilt Maier eine Absage, denn: „Sie begnügt sich als Vermittlungstheologie … wo ein grundsätzlicher Neuanfang erforderlich wäre. Statt die Schrift als inspiriert zu betrachten lässt sie nur eine Inspiration der biblischen Schriftsteller gelten. Sie bleibt darin der Aufklärung verhaftet, dass sie neben die Schrift eine zweite Instanz stellen muss, vor der sich der Ausleger zu verantworten hat. Sie kann infolgedessen die reformatorische Sicht von der Bibel als der einzigen norma normans nicht durchhalten. Sie fordert die Sachkritik an der Bibel. Ohne Sachkritik gibt es für sie keine Theologie als Wissenschaft. Die Einheit der Schrift wird von ihr preisgegeben. Schrift und Offenbarung bleiben bei ihr verschiedene, sich nur teilweise deckende Größen. Deshalb folgt sie dem Trend, das Eigentliche jenseits der Schrift zu suchen. Indem sie Schrift und Offenbarung voneinander trennt und nur bestimmte Aussagedimensionen als Gottes Wort anerkennt, fördert sie den Hang zur Erfahrungstheologie.“ (S. 331)

Vertrauen und Offenheit statt „wissenschaftlicher Zweifel“

Grundsätzlich notwendig ist für Maier eine klare Absage an das Prinzip des „wissenschaftlichen Zweifels“, denn: „Eine Begegnung mit der Offenbarung, die Skepsis und Zweifel zum Prinzip macht, bedeutet ein brüskes Nein zu ihrer Vertrauensbemühung. Man kann den Ausleger psychologisch und existenziell in keine schroffere Gegenposition versetzen, als indem man ihm den Zweifel vorschreibt.“ (S. 247). Stattdessen fordert er einen theologischen Wissenschaftlichkeitsbegriff, der dem Forschungsgegenstand gerecht wird: „Ein prinzipieller Zweifel ist … das unangemessenste Verfahren für den Umgang mit der Bibel.“ (S. 14) „Jede Wissenschaft richtet sich nach ihrem Gegenstand. Biblische Wissenschaft müsste sich demnach aus dem Reden Gottes aufbauen. Sie müsste bereit sein, sich ihre Erkenntnisse und Positionen aus der Offenbarung selbst geben zu lassen.“ (S. 268) „Unter dieser Voraussetzung ist die Theologie samt ihrer Hermeneutik eine Wissenschaft. Allerdings eine Wissenschaft sui generis (eigener Art), die sich von allen anderen durch ihre Offenbarungsgebundenheit und ihren Glaubensbezug unterscheidet.“ (S. 34)

Entsprechend charakterisiert Maier die angemessene Haltung des Auslegers gegenüber dem biblischen Text wie folgt: „Nirgends ist uns die Unfehlbarkeit des Verständnisses versprochen (vgl. 1 Kor 13,9). Doch wird den Ausleger … ein Urvertrauen zur Bibel als der schriftgewordenen Offenbarung begleiten. … Dieses Urvertrauen schlägt sich nieder in dem Vertrauensvorschuss, der der Bibel gewährt wird.“ (S. 49) „Seine Grundhaltung ist das erwartungsvolle Gebet und die demütige Offenheit.“ (S. 339)

Ich kann meiner Kirche mit ihren theologischen Fakultäten nur von Herzen wünschen, dass sie auf Prof. Maier hört. Längst ist sein Ruf zur Umkehr auch in den Freikirchen und in der evangelikalen Bewegung insgesamt dringend notwendig, denn die Trennung zwischen Schrift und Offenbarung ist auch dort weit verbreitet.


Das Buch ist 1990 im SCM R.Brockhaus-Verlag erschienen (zuletzt 2017 in der 13. Auflage) und kann hier bestellt werden.

Hoffnung für die Welt

Link zum YouTube-Video

Dunkelheit bedeckt die ganze Welt.
Die Menschen sehen nicht den Weg, wohin ihre Reise geht.
Doch wer sich an Deine Worte hält,
über dem geht auf das Licht, das die Finsternis durchbricht.

Jesus,
Du bist die Hoffnung für die Welt.
Du bist der Gott, dem wir vertrauen.
Du bist die Wahrheit und der Weg, der uns zum Leben führt.

Jesus,
Du hast die Finsternis besiegt.
Du hast für uns Dein Blut vergossen
und Du regierst für allezeit!

Text und Melodie: Markus Till
© 2005 SCM Hänssler, 71087 Holzgerlingen
Noten in: Feiert Jesus 4, Nr. 82
Das Akkordsheet kann hier heruntergeladen werden.

Vocal: Natalie Cuc
Arrangement: Florian Ostertag und Tobi Wörner
Gitarren: Florian Ostertag
Solo-Gitarre: Winnie Schweizer
Bass: Patrick Müller
Keyboards: Benjamin Krauße
Mastering: Tobi Wörner
Aufnahme und Mix: Tobi Wörner und Florian Ostertag

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