Starke Argumente – Warum es auch heute noch vernünftig ist, der Bibel zu vertrauen

Die Inhalte dieses Artikels sind auf YouTube als Vortrag verfügbar, der am 1.11.2019 bei einer Tagung des deutschen christlichen Techniker-Bunds (DCTB) gehalten wurde.

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Lange Zeit war der Blick auf die Bibel in der akademischen Welt geprägt von einem Wissenschaftsbegriff, der es Wissenschaftlern prinzipiell unmöglich machte, mit übernatürlichen Ereignissen, mit göttlicher Offenbarung oder mit vorhersagender Prophetie zu rechnen. Die Folgen für die Theologie und die Kirche waren umwälzend. Zentrale Bekenntnisse des Christentums wurden in Frage gestellt oder umgedeutet. Völlig aus dem Blick gerieten zudem die vielen Argumente dafür, dass die Existenz und die Botschaft der Bibel ein Wunder ist, das mit menschlichen Mitteln nicht erklärt werden kann.

Seit der Aufklärung ist der akademische Wissenschaftsbegriff geprägt von einem starken oder zumindest schwachen bzw. methodischen Naturalismus. Das heißt: Die Wissenschaft hat sich der Selbstbeschränkung unterworfen, hinter allen Phänomenen prinzipiell eine natürliche Ursache zu vermuten. Die Bibel unterstützt diese Sichtweise! Denn sie trennt strikt zwischen Schöpfer und Schöpfung. Allerdings macht die Bibel auch deutlich: Punktuell nimmt sich der Schöpfer durchaus die Freiheit, übernatürlich ins Weltgeschehen einzugreifen.[1] Das gilt besonders für die Erschaffung der Welt. Aber auch danach berichtet die Bibel immer wieder von punktuellen Eingriffen Gottes ins Weltgeschehen, z.B. beim Auszug Israels aus Ägpyten oder bei der Auferstehung Jesu. Zudem behaupten die biblischen Autoren, dass Gott auch bei der Entstehung der biblischen Texte intensiv beteiligt war.

Die Bibel erforschen, „als ob es Gott nicht gäbe“?

Für Theologen, die mit dem vorherrschenden naturalistisch geprägten Wissenschaftsbegriff die Bibel erforschen wollen, hat das weitreichende Konsequenzen. In ihrer Forschung werden sie gezwungen, prinzipiell nicht damit zu rechnen, dass Gott direkt und unter Aufhebung der Naturgesetze ins Weltgeschehen eingegriffen hat. Sie müssen die Bibel so zu untersuchen, „als ob es Gott nicht gäbe“ („etsi deus non daretur“). Dabei glauben Theologen, die so arbeiten, durchaus daran, dass es Gott gibt. Aber in der praktischen Bibelforschung dürfen sie direkte göttliche Eingriffe ins Weltgeschehen nicht in ihre Überlegungen einbeziehen.

Zudem galt auch in der Bibelwissenschaft zunehmend die aufklärerische Maxime, dass nüchterne Wissenschaft jeden Forschungsgegenstand prinzipiell dem wissenschaftlichen Zweifel, also dem Urteil der menschlichen Vernunft, unterwerfen muss. Das wäre aber nicht möglich, wenn die Bibel eine göttliche Offenbarung wäre – denn göttliche Offenbarung kann nun einmal nicht kritisieren werden. Dann wäre die Theologie aber nach aufklärerischem Verständnis keine Wissenschaft mehr. Dann hätte sie auch an den Universitäten nichts mehr zu suchen.

Deshalb trifft es zu, wenn der finnische Professor Tapio Puolimatka schreibt: „Wenn Theologen zum Ausgangspunkt ihrer Forschung nehmen würden, dass Gott gesprochen habe und dass man Gottes Sprechen erkennen und verstehen könne, dann würden sie in einen Konflikt mit der breiten wissenschaftlichen Öffentlichkeit geraten.“[2]

Ein Gott, der spricht und verstanden wird, der somit das Weltgeschehen ganz direkt beeinflusst, der passt nicht ins Weltbild des (schwachen) Naturalismus. Diese faktische Selbstbeschränkung auf einen methodischen Naturalismus hatte ohne Zweifel gewaltige Konsequenzen für die Theologie und folglich auch für die Kirche.

4 Konsequenzen des methodischen Naturalismus für die Theologie

Das „Arbeitsbuch zum Neuen Testament“ von den Professoren Hans Conzelmann und Andreas Lindemann liegt mittlerweile in der 14. Auflage vor. Vor allem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde es an den Universitäten vielfach in der studentischen Ausbildung eingesetzt. Aktuell wird an der 15. Auflage gearbeitet. Das Buch ist also durchaus nach wie vor aktuell.

Natürlich denken bei weitem nicht alle Theologen wie Conzelmann und Lindemann. Aber ohne Zweifel hatten diese beiden Theologen in den vergangenen Jahrzehnten erheblichen Einfluss. Besonders deutlich wurde die Denkweise von Prof. Lindemann in einem Interview, das er 1999 dem Magazin Spiegel gegeben hat.[3] Das Arbeitsbuch zum Neuen Testament und dieses Spiegel-Interview eignen sich besonders gut, um die Konsequenzen des methodischen Naturalismus für die Theologie nachzuvollziehen.

1.   Die Bibel kann keine übernatürliche Offenbarung sein!

Wenn Gott nicht direkt ins Weltgeschehen eingreift, dann kann die Bibel natürlich keine göttliche Offenbarung sein. Stattdessen gehen Prof. Conzelmann und Prof. Lindemann von einer anderen Sichtweise auf die Bibel aus. In ihrem Arbeitsbuch schreiben sie: „Die biblischen Texte werden methodisch nicht anders behandelt als andere literarische Zeugnisse, insbesondere solche der Antike. … Die Bibel enthält geschichtlich entstandene Dokumente, die – in großer Vielfalt theologischer Meinungen – den jüdischen bzw. christlichen Glauben bezeugen und darstellen.“ (S. 3)

Die Konsequenz ist klar: Wenn die Bibel keine göttliche Offenbarung ist sondern ein Buch wie jedes andere, dann wissen wir letztlich nichts Gesichertes über Gott, über Jesus und über die ewigen Fragen. Die Naturwissenschaft kann bei solchen Fragen schon aus methodischen Gründen nicht weiterhelfen. Denn Gott ist „transzendent“, d.h. er steht als Schöpfer jenseits dieser Welt – genau wie ein Regisseur hinter einem Film steht, im Film selbst aber nicht zu sehen ist. Auch wenn wir den Inhalt eines Films ganz genau erforschen – seine Handlung, die Schauspieler, die Kulissen, die Musik und die Spezialeffekte – wissen wir trotzdem so gut wie nichts über den Regisseur. Wir können zwar spekulieren, was uns der Film vielleicht über das Wesen des Regisseurs sagen könnte. Aber das bleibt Spekulation – es sei denn, der Regisseur baut sich selbst in eine Filmszene ein, so wie es Alfred Hitchcock regelmäßig getan hat. Noch viel mehr erfahren wir, wenn dem Film ein „Making of“ mit einem Interview des Regisseurs beigefügt wird. Nur wenn der Regisseur sich offenbart, können wir etwas verlässliches über ihn herausfinden. Ohne eine solche Offenbarung bleibt alles Spekulation.

So ist es auch bei Gott. Wir wissen nichts über ihn – außer das, was uns die Bibel offenbart. Wenn die Bibel aber gar keine Offenbarung sondern nur ein Werk mit sich widersprechenden menschlichen Meinungen ist, dann bleibt es unserer subjektiven Einschätzung überlassen, ob wir der Bibel folgen wollen oder nicht – und dann bleibt letztlich alles subjektive Spekulation. Dann verlieren die Theologie und die Kirche letztlich ihre Grundlage, weil sie über diesen Gott überhaupt nichts Verlässliches wissen oder sagen kann.

2.   Die biblischen Wundergeschichten können nicht historisch sein!

Eine 2. Konsequenz ist: Wenn Gott nicht wundersam in die Weltgeschichte eingreift, dann können die biblischen Wundergeschichten nicht historisch sein. Entsprechend äußert Prof. Lindemann im Spiegel-Interview: „Ich halte es für ausgeschlossen, dass Jesus die …  genannten Wunder getan hat. Solche Erzählungen gab es damals auch über andere große Männer.“

Was ist die Konsequenz dieser Annahme? Wenn die biblischen Wundergeschichten nicht geschehen sind, dann ist die Kernaussage des Johannesevangeliums, dass die Wunder Jesus als Messias ausweisen, falsch: „Noch viele andere Zeichen tat Jesus vor seinen Jüngern, die nicht geschrieben sind in diesem Buch. Diese aber sind geschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes.“ (Joh. 20, 31)

Als Johannes, der Täufer, Zweifel bekam, ob Jesus wirklich der Messias ist, schickte er aus dem Gefängnis heraus seine Jünger zu Jesus und ließ ihn fragen: Bist du der, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten? Die Antwort Jesu unterstreicht, wie entscheidend wichtig die Wunder dem Evangelienschreiber sind: „Geht hin und sagt Johannes, was ihr hört und seht: Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf.“ (Luk. 7, 22) Jesus machte also deutlich: Gerade diese Wunder sind es, die Jesus als den von den Propheten angekündigten Messias ausweisen.

Eine weitere Konsequenz ist deshalb: Wenn die biblischen Wundergeschichten nicht geschehen sind, dann sind die biblischen Texte insgesamt nicht vertrauenswürdig, weil sie selbst viele Wundergeschichten eindeutig als historische Geschehnisse einstufen. Oft wird zwar behauptet, es sei für den Glauben und die theologische Aussage der biblischen Texte nicht relevant, ob diese Wunder wirklich passiert sind oder ob diese Geschichten als Gleichnisse zu verstehen sind. Die Texte selbst machen aber immer wieder deutlich, dass sie tatsächlich historisch verstanden werden wollen. Und die Tatsächlichkeit der Wunder ist ein wesentlicher Teil ihrer theologischen Aussage! Deshalb werden die Texte zwangsläufig unglaubwürdig, wenn die Wunder nicht wirklich geschehen sind. Und deshalb wird auch die theologische Aussage der Texte ausgehöhlt, wenn man mit der historischen Tatsächlichkeit der Wunder nicht rechnen möchte. Besonders dramatisch wirkt sich das bei der Auferstehung Jesu aus:

3.   Jesus kann nicht leiblich von den Toten auferstanden sein!

Wenn Gott nicht in die Geschichte eingreift, dann kann Jesus auch nicht leiblich von den Toten auferstanden sein. Zumindest in der praktischen Forschung müssen Theologen dann von natürlichen Ursachen für die Entstehung des Osterglaubens ausgehen. Aber welche Ursachen könnten das sein? Die Jünger könnten Visionen oder Halluzinationen gehabt haben. Sie könnten sich selbst etwas eingeredet haben. Oder sie könnten ihr Festhalten an den Ideen und den Lehren Jesu mit dem Bild von der Auferstehung verknüpft haben.

Solche Theorien haben lange Zeit breiten Raum in der Theologie eingenommen. Conzelmann und Lindemann schreiben dazu: „Die immer wieder diskutierte Frage, ob die Auferstehung Jesu ein „historisches Ereignis“ sei, ist von vornherein abzuweisen.“ (S. 524) Im Spiegel-Interview wird Prof. Lindemann noch deutlicher: „Man würde auf dem Film die von Paulus erwähnten Menschen (die den Auferstandenen gesehen haben), vielleicht ihre Reaktionen, aber gewiss kein filmisch wahrnehmbares Gegenüber sehen.“

Wichtig ist, festzuhalten: Solche Theorien wurden nicht etwa aus einer genaueren Analyse der biblischen Texte abgeleitet, denn diese geben solche Deutungen ganz sicher nicht her. In den biblischen Ostergeschichten haben die Jünger Jesus angefasst. Sie haben mit ihm gesprochen. Sie haben mit ihm zusammen gegessen. Sie haben vom leeren Grab berichtet. Wenn Theologen trotz dieser absolut eindeutigen Texte zu dem Schluss kommen, die Auferstehung wäre nur eine Vision gewesen, dann steht dahinter besonders offenkundig die außerwissenschaftliche Denkannahme, dass es so etwas wie eine Auferstehung von den Toten aus biologischen Gründen eben nicht geben kann.

Die Konsequenz für den christlichen Glauben ist dramatisch. Denn wenn das Grab nicht leer war, verliert die christliche Auferstehungshoffnung im Kern ihre Basis. Die Bibel macht den Gläubigen ja ebenfalls Hoffnung auf eine eigene Auferstehung. Dabei gründet sie die Auferstehungshoffnung für die Christen auf die Auferstehung Jesu! Wie sollen wir auf unsere eigene Auferstehung hoffen, wenn Paulus schon in Bezug auf die Auferstehung Jesu geirrt hat? Entsprechend spricht Paulus dann auch Klartext, wenn er sagt: Wenn Jesus nicht auferstanden ist, „dann ist euer Glaube nutzlos …, dann lasst uns Feste feiern und uns betrinken, denn morgen sterben wir!“ (1. Korinther 15, 17+32) Die Auferstehungshoffnung stand von Beginn an im innersten Zentrum des christlichen Glaubens. Sie hat dazu geführt, dass sich das Christentum trotz massiver Verfolgung so rasant ausbreiten konnte. Wer die Botschaft vom leeren Grab durchstreicht, streicht die christliche Hoffnungsbotschaft im Kern durch.

4.   Es wird nicht mit vorhersagender Prophetie gerechnet!

Wenn Gott nicht in die Geschichte eingreift, dann gibt es auch keine vorhersagende Prophetie. So schreiben Conzelmann und Lindemann zum Beispiel: „Ebenso wie Matthäus (und wohl auch Markus) ist Lukas jedenfalls nach 70 verfasst worden; in Lk. 21,10 ist unmissverständlich auf die Belagerung Jerusalems am Ende des Jüdischen Krieges und auf die Zerstörung der Stadt angespielt.“ (S. 343) Die Autoren befassen sich in diesem Abschnitt mit der Frage: Wann sind eigentlich die Evangelien verfasst worden? Und ihre Argumentation lautet: Im Lukasevangelium spricht Jesus von der Belagerung und Zerstörung Jerusalems und des Tempels. Das ereignete sich im Jahr 70 nach Christus. Deshalb – so die Schlussfolgerung – müssen die Evangelien nach 70 nach Christus geschrieben worden sein. Denn erst da wusste man ja von dieser Zerstörung.

Dieses Argument ist für Conzelmann und Lindemann so stark, dass andere Argumente für eine frühere Entstehung der Evangelien gar nicht erst diskutiert werden: Denken wir nur an die Apostelgeschichte, die ganz plötzlich noch zu Lebzeiten des Paulus endet. Paulus starb etwa Mitte der 60iger Jahre den Märtyrertod. Warum hört die Apostelgeschichte vorher auf? Warum schrieb Lukas zwar ausführlich über den Märtyrertod von Stephanus, während er den Tod von Paulus und Petrus mit keinem Wort erwähnt? Warum kommt insgesamt die Zerstörung Jerusalems und des Tempels abgesehen von diesen prophetischen Ankündigungen nirgends vor im Neuen Testament? Dazu muss man sich vor Augen führen: Die Zerstörung des Tempels war sicher ein extrem traumatisches Erlebnis für alle Juden. Dass dieses Ereignis nirgends erwähnt wird ist eigentlich ein mächtiges Argument für eine frühere Datierung. Aber das zählt natürlich nicht, wenn man die Denkvoraussetzung hat, dass es vorhersagende Prophetie nicht gibt.

Aber der Ausschluss vorhersagender Prophetie hat noch mehr dramatische Konsequenzen: Wenn es keine biblischen Vorhersagen gibt, dann sind etwa 30 % der biblischen Texte eine Vorspiegelung falscher Fähigkeiten. Die Bibel ist schließlich voll von Prophetien und Vorhersagen und von der Behauptung, dass Vorhersagen sich tatsächlich erfüllt haben. Sie warnt sogar selbst vor falschen Propheten, die nur vortäuschen, etwas über die Zukunft zu wissen (z.B. 5. Mose 18, 22). Wenn aber die biblischen Propheten selbst nichts über die Zukunft wussten und zugleich vor falschen Propheten gewarnt haben, die nichts über die Zukunft wissen, dann müssten wir ihnen einen äußerst fragwürdigen Charakter unterstellen.

Eine weitere Konsequenz aus der Ablehnung vorhersagender Prophetie ist, dass die biblischen Texte erst spät nach den prophezeiten Ereignissen entstanden sind oder zumindest nachträglich manipuliert wurden. In der Folge sind dann auch die Evangelien keine Augenzeugenberichte mehr, weil sie erst viele Jahrzehnte nach Jesu Tod aufgeschrieben wurden. Die Konsequenz daraus ist, dass die Evangelien nicht den historischen Jesus zeigen sondern nur die Vorstellungen der urchristlichen Gemeinde über Jesus beschreiben. Prof. Lindemann sagt dazu im Interview: Dass es sich bei den Evangelien um Lebensbeschreibungen Jesu handelt, wird „seit Jahrzehnten von keinem ernst zu nehmenden Exegeten mehr behauptet.“ Ganz offenkundig handelte es sich bei dieser Sichtweise also nicht etwa um eine Außenseiterposition sondern vielmehr um den Mainstream in der universitären Theologie. Aber wie können wir einem Jesus vertrauen, von dem wir nichts Verlässliches wissen, weil die einzigen Aufzeichnungen über ihn religiös ausgeschmückte, verfälschte Geschichten sind? Ich könnte das jedenfalls nicht. Und ich habe Verständnis, dass viele Zeitgenossen in Bezug auf die Bibel abschalten und aus der Kirche austreten, wenn sie solche Äußerungen von Theologen hören.

Angesichts derart dramatischer Konsequenzen für den christlichen Glauben und die Kirche stellt sich umso mehr die Frage:

Hat sich der methodische Naturalismus in der Bibelwissenschaft bewährt?

Anders gefragt: Hat es sich denn gelohnt, diesen hohen Preis in der Theologie zu bezahlen? Eine gute wissenschaftliche Theorie zeigt sich ja daran, dass sie sich mit der Zeit verfestigt, dass sie immer stabiler wird, dass sie Vorhersagen machen kann, die dann auch tatsächlich eintreffen und dass unterschiedliche Wissenschaftler bei der Erforschung des gleichen Gegenstands zu den gleichen Schlüssen kommen. Ist das so in der universitären Bibelwissenschaft? Können wir das beobachten in der vom methodischen Naturalismus geprägten Theologie? Haben wir heute mehr Klarheit darüber, worin die Botschaft der Bibel besteht und wie ihre Texte auszulegen sind? Haben wir mehr Klarheit, was eigentlich das Evangelium ist und was im Zentrum der christlichen Botschaft steht? Und haben wir heute ein genaueres Bild vom historischen Jesus und von dem, was Jesus wirklich gelehrt und verkündigt hat? Sah Jesus sich selbst als Messias oder nicht? Wollte er eine Kirche gründen oder nicht? War Maria wirklich Jungfrau? War sein Tod ein bewusstes, stellvertretendes Sühneopfer oder war Jesus einfach ein Opfer der römischen Justiz? Ist Jesus wirklich auferstanden? Oder haben die Jünger nur Visionen gesehen? War das Grab wirklich leer? All das sind ja keine Randthemen des christlichen Glaubens. Und doch ist die Vielfalt an Meinungen zu allen diesen Themen und Fragestellungen fast unübersehbar. Der Theologe Prof. Heinzpeter Hempelmann schrieb deshalb:

„Wenn die Anwendung eines methodischen Instrumentariums bei der Auslegung biblischer Texte zu völlig unterschiedlichen und sogar gegensätzlichen Ergebnissen führt, gibt dies …  Anlass zur Rückfrage nach der Stringenz des Methodenkanons. … Christlicher Glaube und christliche Kirche haben seit nunmehr fast 2000 Jahren sehr genau gewusst, wovon im Neuen und Alten Testament die Rede ist, und genau dies hat diese religions-geschichtlich einzigartige Bewegung zur Bewegung gemacht und bis heute in Bewegung gehalten. Wenn wir dies heute mit unseren Methoden nicht mehr einzuholen wissen, … wenn neutestamentliche Exegese nicht mehr sagen kann oder will, wer der Jesus des Neuen Testamentes historisch ist, dann ist das bezeichnend für heutige Wissenschaft vom Neuen Testament.“[4]

Wenn Prof. Hempelmann mit dieser Aussage recht hat, dann müssten wir eigentlich konsequenterweise sagen: Nein, das spricht nicht dafür, dass die moderne historisch-kritische Methode ein erfolgreicher wissenschaftlicher Ansatz ist. Das wäre ein guter Grund, diesen methodischen Ansatz in Frage zu stellen, weil er keine stabilen Ergebnisse zu den zentralen Fragen der Bibelauslegung liefern kann.

10 Argumente für die Glaubwürdigkeit, Verlässlichkeit und Offenbarungsqualität der Bibel

Eine weitere Konsequenz des methodischen Naturalismus in der Theologie ist, dass Argumente für die Glaubwürdigkeit, Verlässlichkeit und Offenbarungsqualität der Bibel gar nicht erst diskutiert werden. Wer schon vor Beginn seiner Forschung die Vorentscheidung getroffen hat, dass es keine Wunder und keine Offenbarung gibt, der braucht sich mit Argumenten für die Historizität der Wunder und der Offenbarungsqualität der Bibel erst gar nicht auseinandersetzen. Denn das wäre ja unwissenschaftlich. Wie Schade! Denn in Wahrheit gibt es phantastische Argumente dafür, dass die Bibel tatsächlich ein Wunder göttlicher Offenbarung ist. 10 dieser Argumente wollen wir nun genauer betrachten:

1.   Die einzigartige Überlieferungs­qualität

Die ältesten Abschriften bekannter antiker Texte wie z.B. die Annalen von Tacitus oder die Ilias von Homer sind mindestens 400 Jahre jünger als das Original. Oft ist die Zeitdifferenz zwischen der Abfassung der Texte und der ältesten erhaltenen Abschrift noch viel größer. In allen Fällen haben wir nur relativ wenige historische Abschriften.

Beim Neuen Testament sieht das vollkommen anders aus. Die ältesten Abschriften, die wir heute noch besitzen, sind nur etwa 60 Jahre nach den Originalen entstanden. Dazu kommt: Es gibt ganze Berge von antiken Zeugnissen! Wir verfügen heute über ca. 5700 griechische Handschriften. Dazu kommen Übersetzungen ins Lateinische und in andere Sprachen sowie zahllose Zitate in antiken Schriften.

Das heißt: Die Qualität der Überlieferung des Neuen Testaments spielt im Vergleich zu allen anderen antiken Schriften in einer ganz eigenen Liga! Kein anderes Dokument ist auch nur annähernd so verlässlich überliefert wie das Neue Testament.

An der Universität Münster werden alle diese Textzeugnisse genau ausgewertet mit dem Ziel, einen möglichst genauen Urtext zu rekonstruieren. Das Zwischenergebnis ist: 99,9 % des Textes hat sich als absolut zuverlässig erwiesen! Der Projektleiter Prof. Holger Strutwolf sagt: „Insgesamt ist die Überlieferung der Bibel sehr gut und sehr treu. In den theologischen Punkten gibt es unter den Abertausenden Handschriften kaum Abweichungen.“ [5] Anders ausgedrückt: Wir können uns darauf verlassen, dass das, was wir heute lesen, tatsächlich das ist, was die biblischen Autoren damals geschrieben haben!

2.   Die Texteigenschaften authentischer Augenzeugenberichte

Die sehr gute Qualität der Überlieferung muss allerdings noch nicht heißen, dass ihre Inhalte zuverlässig sind. Haben sich die biblischen Autoren vielleicht nur lückenhaft erinnert, vieles verdreht und verwechselt?

Dagegen sprechen einige Eigenschaften des Textes im Neuen Testament, die darauf hindeuten, dass hier tatsächlich Augenzeugen geschrieben haben. Besonders eindrücklich ist die korrekte Häufigkeit der Namen und die richtige Namensverteilung in den Evangelien. Die Verwendung von Namen war schon immer eine Frage des Geschmacks, der einem starken Wandel unterlag. Durch die Auswertung von Gräbern konnte inzwischen recht gut rekonstruiert werden, welche Namen zur Zeit des Neuen Testaments besonders in Mode waren: 15,6 % aller Männer trugen die 2 häufigsten männlichen Namen Simon und Joseph. 28 % aller Frauen hießen entweder Maria und Salome. Dieser Befund deckt sich sehr genau mit der Häufigkeit der Namen im Neuen Testament. Besonders erstaunlich ist: Der Vergleich der 9 häufigsten Männernamen der damaligen Zeit mit den 9 häufigsten Männernamen im Neuen Testament deckt sich das sogar ganz hervorragend.

Das ist deshalb so bedeutsam, weil man eine genaue Namensverteilung Jahrzehnte später nicht mehr rekonstruieren kann. Ganz offenkundig haben hier also Leute geschrieben, die genau wussten, wie die Leute, die in den Geschichten vorkamen, tatsächlich hießen.

Das gleiche gilt für die zahlreichen Ortsnamen, die wir in den Evangelien finden. Interessant ist dabei der Vergleich mit den apokryphen Evangelien: Dort kommen Ortsnamen nämlich kaum vor! Das zeigt: Ortsnamen verwendet man nur, wenn man sich wirklich auskennt. Leute, die einen Bericht sehr viel später verfassen, können sich an solche Details ganz offenkundig nicht mehr erinnern.

Darüber hinaus enthält das Neue Testament zahlreiche korrekte historische Angaben. Prof. Puolimatka zitiert dazu den Forscher Colin Hemer, der die Kapitel 13 – 28 der Apostelgeschichte auf historisch überprüfbare Angaben ausgewertet hat. Im Ergebnis konnte Hemer in den 16 Kapiteln 84 korrekte historische Angaben nachweisen.[6] Das zeigt: Hier schreibt jemand, der wirklich dabei gewesen ist und entweder selbst Augenzeuge war oder aber seine Berichte auf Basis von Augenzeugenberichten erstellt hat, so wie Lukas das ja auch selbst von seinen Berichten behauptet hat.[7]

3.   Der enorme Erfolg in der Zeit und der Region der Augenzeugen

Es ist relativ einfach, wilde Geschichten über Ereignisse in weit entfernten Regionen in längst vergangenen Zeiten zu verbreiten, weil sie von niemand überprüft werden können. Ganz anders ist das bei Berichten über Ereignisse, die in der eigenen Zeit und der eigenen Region stattgefunden haben. Trotz dieser Überprüfbarkeit haben sich die biblischen Berichte in der Zeit und der Region der Augenzeugen extrem schnell ausgebreitet. Der römische Geschichtsschreiber Tacitus berichtet, dass Kaiser Nero bereits im Jahr 64 nach Christus den Christen den Brand Roms in die Schuhe geschoben hat. Das heißt: Trotz fehlender Kommunikations- und Verkehrsmittel hatte sich die christliche Botschaft bereits 30 Jahre nach Jesu Tod bis ins weit entfernte Rom derart erfolgreich ausgebreitet, dass Nero sich genötigt fühlte, dieser neuen Religion einen kräftigen Dämpfer zu verpassen!

Der Althistoriker Dr. Jürgen Spieß berichtet, dass es unter Historikern völlig unbestritten ist, dass sich das Leben der Nachfolger Jesu in einem unglaublichen Ausmaß umgekrempelt hat. Bei sehr vielen Menschen gab es ganz offenkundig einen drastischen Bruch mit fest verankerten Traditionen. Besonders erstaunlich ist die Tatsache, dass so viele streng monotheistische Juden plötzlich begannen, den gekreuzigten Jesus als Gott anzubeten! Damals hatte Tradition eine sehr viel stärkere Bindungskraft als heute. Für einen derart drastischen Traditionsbruch fehlt bis heute jede natürliche Erklärung![8]

4.   Die extreme Opferbereitschaft der Zeugen

Der Geschichtsschreiber Tacitus berichtet eindrücklich von der grausamen Christenverfolgung in Rom: „Nero gab denen, die … das Volk Christen nannte, die Schuld und belegte sie mit den ausgesuchtesten Strafen. … In Felle wilder Tiere eingenäht wurden sie von Hunden zerfleischt oder mussten ans Kreuz geschlagen und angezündet nach Einbruch der Dunkelheit als nächtliche Beleuchtung brennen.“

Der Bericht von Tacitus ist nur einer von vielen Belegen, die zeigen: Die erste christliche Generation war einem brutalen Verfolgungsdruck ausgesetzt. Die meisten der Jünger Jesu starben den Märtyrertod. Der jüdische Geschichtsschreiber Josephus berichtet, dass auch Jakobus, der leibliche Bruder Jesu, der die Gemeinde in Jerusalem mit geleitet hat, den Märtyrertod für seinen Glauben an Jesus starb. Ist eine derartige Opferbereitschaft überhaupt denkbar, wenn Jesus nicht tatsächlich sichtbar auferstanden ist?

Die Jünger Jesu (und erst recht sein leiblicher Bruder Jakobus) wussten genau, ob die Botschaft von der Auferstehung stimmt oder ob es sich um eine Lüge handelt. Diese Menschen haben nicht nur ihr Leben umgekrempelt, sie haben nicht nur ihre Tradition über Bord geworfen, sie waren auch noch bereit, für diese Botschaft in den Tod zu gehen. Kann man all das wirklich durch eine Lüge oder durch einen psychologischen Effekt erklären?

5.   Das ungewöhnliche, unpopuläre Gottesbild

Zumal man eine Lüge normalerweise nur dann in die Welt setzt, wenn man sie für erfolgversprechend hält und man sich von ihr einen Vorteil verspricht. Aber was für ein Vorteil sollte das bei der Botschaft der ersten Christen gewesen sein? Ihre Botschaft war doch extrem seltsam: Ein göttlicher König, der weitgehend unbemerkt bei unbedeutenden Leuten in einem Stall geboren und dann am Kreuz ermordet wird. Im 5. Mose 21, 23 ist zu lesen: „Ein [am Holz] Aufgehängter ist verflucht bei Gott.“ Der Kreuzestod wurde in der damaligen Kultur so verachtet, dass es bis zum 4. Jahrhundert gedauert hat, bis das Kreuz zunehmend zum Symbol der Christen wurde. Es ist somit kein Wunder, dass Paulus schrieb: „Wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit.“ (1. Kor. 1, 23) Die Botschaft vom gekreuzigten Gott war also alles andere als attraktiv! Sie war im Gegenteil eine Provokation und ein Ärgernis. Und trotzdem war sie unfassbar erfolgreich, so dass reihenweise Menschen bereit waren, für diese Botschaft zu sterben. Wie kann man sich das erklären außer dadurch, dass die Ereignisse, die im neuen Testament geschildert werden, wirklich geschehen sind und dass Jesus wirklich von den Toten auferstanden ist?

6.   Die drastische Ehrlichkeit und
fehlende Idealisierung

Geschichtsschreiber wurden in der Antike oft von Herrschern beauftragt oder zumindest streng kontrolliert. Deshalb wurden viele Herrscher zu Helden oder gar zu Göttern verklärt. Deshalb wurden viele Herrscher zu Helden oder gar zu Göttern verklärt. Dazu wurde die eigene Nation oft heroisiert und so dargestellt, als wäre ihre Geschichte voll von ruhmreichen Heldentaten. Wir kennen das auch von heutigen Diktatoren. Nicht so in der Bibel! In ihr finden wir keine idealisierten Überflieger. In ihr finden wir nur Menschen mit Stärken und Schwächen.

Selbst die größten Helden der biblischen Geschichte blamieren sich reihenweise bis auf die Knochen: Noah hat sich betrunken. Abraham, der Vater des Glaubens, hat seine Frau mehrfach feige im Stich gelassen. Die Karriere Jakobs, des Namensgebers Israels, basierte auf einem Betrug. Mose war ein Mörder. Das Volk Israel war glaubensschwach und untreu. König David war ein Ehebrecher und Mörder. Der weise König Salomo betete Götzen an. Petrus hat Jesus verleugnet. Paulus hat sich mit Barnabas und Petrus zerstritten…

Besonders auffällig: Frauen waren die ersten Zeugen der Auferstehung! Das ist bemerkenswert, denn das Zeugnis von Frauen galt damals als wertlos.[9] Wer seine Mitmenschen von der Auferstehung überzeugen wollte brauchte also Männer als Zeugen. Und wer Andere von der Autorität und dem Vorbildcharakter eines Abraham, Jakob oder Petrus überzeugen will, braucht Helden statt Versager. Trotzdem ist die Bibel durchgängig ehrlich und realistisch. Sie hat diesen einzigartigen Klang der Wahrheit, der sie von allen Epen und Heldengeschichten unterscheidet.

7.   Die durchgängige Geschichte

Die Bibel besteht aus 66 Büchern. Sie wurde von mindestens 40 Autoren verfasst, die über einen Zeitraum von etwa 1600 Jahren in völlig verschiedenen Kulturen gelebt haben. Trotzdem enthält die Bibel eine durchgängige, sich immer weiter entfaltende Geschichte. Sie beginnt damit, wie die Beziehung zwischen Gott und Menschen zerbricht. Und sie endet damit, wie diese Beziehung wiederhergestellt wird und Gott wieder bei den Menschen wohnt. Durchgängig schildert die Bibel diesen heiligen und zugleich liebenden Gott, der alles dafür tut, um die Beziehung zu den Menschen wiederherzustellen. Schon auf den ersten Seiten beginnen die Hinweise auf einen geheimnisvollen Nachkommen Evas, der zwar von der Schlange gebissen, ihr aber den Kopf zertreten wird. (1. Mose 3, 15) Danach folgt die Bibel durchgängig immer dieser einen Abstammungslinie, die schlussendlich zu Jesus führt.

Insgesamt finden sich etwa 63.000 Querverweise in der Bibel. Grafisch dargestellt wird deutlich: Die Bibel ist ein Gesamtkunstwerk, in dem jeder Text mit vielen anderen Texten verknüpft ist. Die große Frage ist: Wer hat in diesem Buch die Regie geführt? Wer hat den roten Faden durch dieses Buch gelegt? Wer hat darauf geachtet, dass alle 40 Autoren an dieser einen Geschichte weiterschreiben?

8.   Die zahllosen erfüllten Vorhersagen

Die Bibel ist ein Buch, das ein gewaltiges Risiko eingeht. Etwa 30 % der biblischen Texte enthalten prophetische Vorhersagen für die Zukunft. Zugleich wird immer wieder gewarnt: Wenn Vorhersagen nicht eintreffen, dann müssen die Propheten verworfen werden. Es ist höchst gefährlich, solche Texte zu schreiben, wenn man die Zukunft nicht wirklich vorhersehen kann. Die Bibel ist dieses Risiko eingegangen. Und das Gewaltige ist: Tatsächlich haben sich zahllose Vorhersagen der Bibel buchstäblich erfüllt:

Der Prophet Jesaja sagte nicht nur voraus, dass der Tempel zerstört wird, sondern auch, dass er später wieder aufgebaut wird. Er nannte sogar den Namen des Herrschers Kyrus, der diesen Wiederaufbau voranbringen wird (Jes. 44, 28).

Der Prophet Daniel sagte die nach ihm kommenden 4 Weltreiche voraus. Über Jesus gibt es zahlreiche Vorhersagen: Die Geburt in Betlehem (Micha 5, 1), die Abstammung aus dem Stamm Juda (1. Mose 49, 10), der Einzug in Jerusalem auf einem Esel (Sacharja 9, 9) sowie viele Details und sogar der Zeitpunkt der Kreuzigung (Psalm 22, Jesaja 53, Daniel 9, 24-27[10]).

Dass es viele korrekte Vorhersagen in der Bibel gibt, ist weitgehend unbestritten. Deshalb wird seit langem diskutiert, ob entweder die Texte oder aber die spätere Geschichte nachträglich manipuliert wurden. So könnten z.B. die Evangelisten behauptet haben, dass Jesus in Bethlehem von einer Jungfrau geboren wurde, damit es gut zu den prophetischen Vorhersagen passt – obwohl Jesus eigentlich in Nazareth geboren worden war. Die Frage ist nur: Ist das glaubwürdig? Hat zum Beispiel Jakobus, der leibliche Bruder Jesu und Leiter der Gemeinde in Jerusalem, wirklich die Behauptung des Geburtsorts Bethlehem mitgetragen, obwohl er genau wusste, dass das gar nicht stimmt? Haben die jüdischen Schriftgelehrten, denen doch eine ausgeprägte Ehrfurcht vor ihren heiligen Texten nachgesagt wird, wirklich regelmäßig und in großem Umfang die Texte der Propheten manipuliert, um nachträglich den Anschein zu erwecken, dass es sich um korrekte Vorhersagen handelt?

Besonders schwierig zu erklären sind die Vorhersagen, die die Bibel für die Neuzeit gemacht hat. Schon in den Mosebüchern lesen wir erstaunliche Vorhersagen über das Volk Israel: Das Volk würde unter alle Nationen zerstreut und dort verfolgt werden (5. Mose 28, 64-65, 3. Mose 26, 38). In der Zeit des Alten Testaments ist Israel zwar verschleppt worden. Aber die Zerstreuung unter alle Nationen begann tatsächlich erst im 1. Jahrhundert nach Christus. Seither gab es kein Volk, dass durch alle Zeiten hindurch und in allen Kulturen so irrational gehasst und verfolgt worden ist wie die Juden, so dass fast jedes Kind den Fachbegriff kennt für diesen Hass: Antisemitismus. Für welches andere Volk kennen wir einen solchen Begriff?

Am unglaublichsten aber ist sicher die vielfache biblische Vorhersage, dass die Juden aus allen Ecken der Welt wieder in ihr Land zurückkehren werden (Hes. 11,17; 36,13; Jes. 43,5-6; Jer. 16,14-15). Viele Jahrhunderte lang schien die Erfüllung dieser Vorhersagen undenkbar. Aber seit dem Ende des 19. Jahrhunderts geschieht es vor unseren Augen: Die Juden kehren in ihr Land zurück aus allen Ländern der Welt. Wir müssen uns klar machen, was da geschehen ist: Ein Volk, das 2000 Jahre lang in alle Welt verstreut ist, behält trotzdem seine Kultur und seine Identität und kehrt dann wieder zurück in sein Land. Das ist ein absolut einmaliger Vorgang der Weltgeschichte. Die Bibel hat genau das schon vor mehr als 2.000 Jahren vielfach angekündigt.

Jesus hat zudem angekündigt, dass seine Worte nie vergehen (Lukas 21,33) und in aller Welt gepredigt werden (Matth. 24,14) – eine extrem gewagte Ankündigung für einen Wanderprediger in einem unbedeutenden Land, der seine Worte nicht einmal aufgeschrieben hat. Heute ist die Bibel tatsächlich das mit großem Abstand am weitesten verbreitete und am meisten übersetzte Buch der Welt. Wir stehen kurz davor, dass buchstäblich jedes Volk der Erde die Worte Jesu in seiner Sprache hören kann. Können das denn wirklich alles Zufälle sein?

9.   Das zutreffende Welt- und Menschenbild und die wegweisende Ethik

Die Bibel liefert insgesamt ein Weltbild, das den Test der modernen Wissenschaft hervorragend bestanden hat! Sie sagt voraus, dass wir bei der Erforschung der Welt immer mehr natürliche Erklärungen für die Naturphänomene finden werden, weil das Geschaffene nicht göttlich ist und somit nach festen Gesetzen funktioniert. Aber sie sagt auch voraus, dass wir bei den Ursprungsfragen immer mehr Anzeichen von Design und bewusster Planung finden werden, weil die Welt von Gott geschaffen wurde. Tatsächlich können wir heute staunen über die extreme Feinabstimmung des Universums oder über extrem ausgeklügelte molekulare Maschinen. Je mehr Entdeckungen wir machen, umso mehr bestätigen sich die biblischen Vorhersagen.[11]

Das gilt auch für das biblische Menschenbild. Die Bibel verleiht jedem Menschen zwar eine unveräußerliche Würde, zugleich schmiert sie uns Menschen aber auch keinen Honig um den Mund. Sie schildert sehr realistisch, dass der Mensch im Kern eben nicht gut, sondern unheilbar mit dem Bösen verstrickt ist (1. Mose 8,21; Röm. 3,12). Die Weltgeschichte hat diese Sichtweise durchgängig und eindrücklich bestätigt. Gesellschaftssysteme, die auf einen guten Kern im Menschen setzen (Sozialismus, Kommunismus) sind bislang immer krachend gescheitert. Erfolgreich waren hingegen Systeme, die auf dem menschlichen Egoismus aufbauen (Kapitalismus, soziale Marktwirtschaft) und in denen jeder Mensch, der Macht hat, effektiv kontrolliert wird (Demokratie).

Umso wertvoller sind die herausragenden biblischen Texte über Ethik und ein gelingendes menschliches Zusammenleben. Texte wie die 10 Gebote oder die Bergpredigt haben weltweit die Kulturen mehr geprägt als jedes andere Buch der Welt.

10.    Der Selbstanspruch, göttliche Offenbarung zu sein

Die Bibel ist voller Aussagen, dass in ihr nicht primär Menschen sprechen sondern Gott selbst. Jeremia schreibt zum Beispiel: „Der Herr sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.“ (Jer. 1,9) Ganz ähnlich äußert sich Paulus, wenn er sagt: „Das Evangelium, das von mir gepredigt ist, ist nicht von menschlicher Art … sondern eine Offenbarung Jesu Christi.“ (Gal. 1,11-12) Diese extrem steilen Selbstbehauptungen führen zu einer großen Frage:

Die Bibel: Was ist das eigentlich?

Ist die Bibel einfach eine Sammlung inspirierender Berichte über religiöse Erfahrungen und Ideen? Sind das kluge Lehren über Gott und Moral? Tatsache ist: Genau das wollen die biblischen Texte ausdrücklich nicht sein! In der Welt gibt es viele religiöse Erfahrungsberichte und interessante Abhandlungen über religiöse Themen. Aber dieses Buch hat den Anspruch, eine Offenbarung Gottes zu sein! Wenn jemand seine Lehre oder seine Erfahrungen mit diesem Anspruch verknüpft, dann müssten wir doch eher sagen: So ein Text muss ein Werk von Lügern oder die Phantasie von religiösen Schwärmern sein. Aber passt diese These zu den Eigenschaften der biblischen Texte? Denken wir an die wegweisende Ethik, das zutreffende Welt- und Menschenbild, die vielen erfüllten Vorhersagen, die extreme Opferbereitschaft der Zeugen, die extreme Ehrlichkeit der biblischen Texte… Nein, hier waren keine Lügner und auch keine Schwärmer am Werk. Die Inhalte und Eigenschaften der Texte sprechen vollkommen dagegen.

Aber was ist die Bibel dann? Es bleibt nur eine Möglichkeit: Die Bibel ist das, was sie selbst behauptet zu sein: Gottes offenbartes Wort. Tatsächlich bezeugen Menschen in der ganzen Welt: Dieses Buch verändert Leben. Es verändert ganze Kulturen.[12] Wir haben wirklich allen Grund, diesem Buch unser Vertrauen zu schenken, unser Leben und unsere Gesellschaft darauf aufzubauen.                                 n

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Dr. Markus Till, veröffentlicht im April 2020

Die Inhalte dieses Artikels wurden zunächst für einen Vortrag erarbeitet, der am 1.11.2019 auf einer Tagung des deutschen christlichen Technikerbunds (DCTB) gehalten wurde.

Weiterführend zu diesem Thema sind im AiGG-Blog (blog.aigg.de) folgende Artikel erschienen:

[1] Sehr empfehlenswert dazu ist der Worthausvortrag von Prof. Peter Wick „Das Mys­te­ri­öse – Von der rationalen Wunderkritik über den postmodernen Wunderglauben zurück zu Jesus“

[2] Tapio Puolimatka, „Glaube, Naturwissenschaft und Bibel“, Ruhland-Verlag, 2018, S. 28

[3] „Ist Jesus dem Glauben im Weg“, Der Spiegel, 13.12.1999

[4] In: „Was heißt christlicher Glaube? Reflexionen über einen ebenso notwendigen wie unmöglichen Begriff“, in: Theologische Beiträge 44 (2013) 4/5, S.

185–201, hier: S. 197.

[5] Nähere Informationen dazu im AiGG-Artikel „Meister der Überlieferung“(blog.aigg.de/?p=1924)

[6] In T. Puolimatka: „Glaube, Wissenschaft und die Bibel“, Ruhland-Verlag 2018, S. 486 ff.

[7] Lukas 1, 1-4; Man beachte dazu auch die Passagen der Apostelgeschichte, die in „Wir-Form“ verfasst sind, z.B. Apg. 16, 10 ff.

[8] Siehe dazu z.B. den Vortrag von Dr. Jürgen Spieß: „Ein Althistoriker über die Glaubwürdigkeit des NT“

[9] So schrieb z.B. der jüdische Geschichtsschreiber Josephus: „Das Zeugnis der Frau ist nicht rechtsgültig wegen der Leichtfertigkeit und Dreistigkeit des weiblichen Geschlechts.“

[10] Siehe dazu den AiGG-Artikel: „Hat Daniel das Datum der Kreuzigung vorhergesagt?“ (blog.aigg.de/?p=2204)

[11] Siehe dazu der Vortrag von Markus Till: „Außerwissenschaftliche Vorannahmen – Denkvoraussetzungen von Wissenschaftlern und Theologen“

[12] Die kulturverändernde Kraft der Bibel wurde eindrücklich dargelegt vom Inder Vishal Mangalwadi in seinem „Buch der Mitte“.

Mission und Schriftvertrauen – 5 Gründe, warum das eine nicht ohne das andere geht

Spielt unser Bibelverständnis eine Rolle für unsere missionarische Dynamik? Seltsamerweise wird diese Frage kaum gestellt. Oft höre ich stattdessen: Über das richtige Bibelverständnis wird man sich ohnehin nie einigen können, selbst unter den Konservativen nicht. Die verschiedenen fruchtbaren missionarischen Initiativen seien keinesfalls auf ein bestimmtes konservatives Schriftverständnis fixiert. Deshalb sollten wir uns auf unserer Suche nach neuer missionarischer Dynamik doch lieber auf die praktischen Themen konzentrieren, statt über solche theologische Fragen zu streiten.

Tatsächlich scheint in vielen Veranstaltungen und Veröffentlichungen zum Thema Mission (wie z.B. im Buch „Mission Zukunft“) trotz vieler guter Impulse die Frage nach dem Schriftverständnis und der theologischen Ausbildung kaum eine Rolle zu spielen. Auch beim 3-tägigen Zukunftsforum der deutschen evangelischen Allianz wurden ohne Zweifel zahllose wertvolle Ideen für mehr missionarische Dynamik bedacht. Aber schon beim Lesen des Berichts fiel mir auf, was am Ende dann auch als Äußerung eines Teilnehmers wiedergegeben wird: „Die Bibel sei als Thema untergegangen…“

Im Grunde kann ich das ja auch verstehen. Bis vor etwa 2 Jahren hatte ich den Eindruck, dass die Evangelikalen sich in den wichtigen Fragen zur Bibel im Grunde einig und die Differenzen nebensächlich sind. Im Vordergrund stand für mich die Einheit der Jünger Jesu als DIE wesentliche Grundlage für erfolgreiche missionarische Arbeit (Joh. 17,23). Eine große Koalition für die Mission schien mir deshalb doch ungleich wichtiger, als sich in theologischen Debatten zum Schriftverständnis zu verhaken. Schließlich kommt kein einziger Mensch durch Debatten zum lebendigen und rettenden Glauben an Jesus. Oder?

Grundsätzlich bin ich dieser Meinung immer noch. Am Ende ist entscheidend, dass die Kirche missionarische Dynamik gewinnt. Eine Schriftdebatte um der Schriftdebatte Willen hilft niemandem. Allerdings bin ich seit kurzem auch zu folgender Überzeugung gelangt:

Eine nachhaltige missionarische Dynamik ist nicht möglich ohne das Vertrauen in den Offenbarungscharakter der Heiligen Schrift!

Lassen Sie mich die 5 Gründe erläutern, die diesen Meinungsschwenk bei mir bewirkt haben:

1. Ohne Bibelvertrauen verlieren wir den Inhalt unserer Mission

Die Kirche ist ein „Botschafter an Christi statt“ (2.Kor.5,20). Das heißt: Sie hat keine eigene Botschaft, sondern den Auftrag, die Botschaft Christi in der Welt weiter zu sagen. Den Inhalt dieser Botschaft kennen wir einzig und allein aus der Bibel. Wenn die Kirche dieses Dokument in Frage stellt, hat sie keine Basis mehr, worauf sie ihre Botschaft gründen könnte.

Und tatsächlich zeigt sich in der Praxis: Wenn die Bibel nicht mehr als Offenbarung angesehen wird, sondern höchstens als menschliches und somit fehlerhaftes Zeugnis der Offenbarung, dann ist die Tür ganz offenkundig weit offen für unterschiedlichste Meinungen, auch zu den grundlegendsten und innersten Fragen des christlichen Glaubens. Die nachfolgende Liste stellt nur eine Auswahl von Fragen dar, die früher von Evangelikalen selbstverständlich gemeinsam mit einem leidenschaftlichen JA beantwortet wurden, die heute aber auch unter Evangelikalen zur Diskussion stehen und teilweise sogar offen verneint werden:

  • Ist Jesus leiblich auferstanden?
  • Wurde Jesus von einer Jungfrau geboren? War der irdische Jesus nicht nur ganz Mensch, sondern auch ganz (präexistenter) Gott?
  • War der Tod Jesu ein bewusst herbeigeführtes stellvertretendes Sühneopfer?
  • Ist der Glaube an den biblischen Jesus Christus der einzige Weg zu Gott und zum ewigen Leben? Gibt es somit eine Dringlichkeit der christlichen missionarischen Botschaft, weil der Weg ohne Jesus in die Gottferne führen kann, die die Bibel „Hölle“ nennt?
  • Bedeutet Mission primär, Menschen in die Nachfolge Jesu zu führen, statt sie nur für ein „jesusmäßiges“ Verhalten zu gewinnen?
  • Ist das Herz des Menschen im Kern unheilbar mit der Sünde verstrickt? Braucht der Mensch somit im Kern Erlösung von seinem sündigen Herzen, statt nur von schlechten Umständen?
  • Führt christlicher Glaube auch zu ethischen Normen, die für Christen heute noch bindend sind?

Die Liste ließe sich fortsetzen. Wohl eher kurz würde hingegen die Liste der Punkte, über die sich im Grunde alle einig sind. Dazu würde wohl gehören, dass Gott Liebe ist. Aber schon bei der Frage, was das praktisch bedeutet und wie sich diese Liebe ausdrückt, wäre die Einigkeit wohl zu Ende.

Nun ist der Umstand, dass es unter Christen theologische Differenzen gibt, eine Selbstverständlichkeit – auch bei Detailfragen zum Schriftverständnis. Uneinigkeit bei theologischen Randfragen gab es schon immer. Das müssen und dürfen wir fröhlich aushalten lernen. Aber die oben genannten Fragen betreffen nicht nur den Rand, sondern den innersten Kern des christlichen Glaubens und damit auch der Evangeliumsbotschaft. Wenn diese Fragen unterschiedlich beantwortet werden, dann müssen wir ehrlicherweise von unterschiedlichen Evangeliumsbotschaften sprechen – egal auf welcher Seite des Meinungsspektrums wir stehen. Wir haben dann nur die Wahl zwischen den beiden folgenden Optionen:

  1. Wir dünnen die missionarische Botschaft auf den kleinsten gemeinsamen Nenner aus. Dann wird unsere Botschaft zwangsläufig verwaschen – und letztlich verstummt sie, wie Steffen Kern in „Mission Zukunft“ (S. 225) schreibt: „Selbst in den zentralsten Glaubens- und Lebensfragen werden viele unsicher. Was früher manchmal so klar schien, scheint auf einmal zwischen den Fingern zu zerrinnen. Die Kirchen und Gemeinden, die Haltungen und Positionen werden pluraler, Orientierung zu finden immer schwieriger. Darum verfallen wir über Frömmigkeitsgrenzen hinweg ins Schweigen.“ Wenn wir das nicht wollen, bleibt nur die 2. Option:
  2. Wir schicken verschiedene, sich widersprechende Botschaften in die Welt. Aber wenn nicht einmal wir Christen uns einig sind, was eigentlich im Kern unsere Botschaft ist: Wer soll uns das dann noch abkaufen?

Womit wir bereits beim zweiten Grund wären, warum Bibelvertrauen untrennbar mit der missionarischen Dynamik verknüpft ist:

2. Ohne Bibelvertrauen verlieren wir unsere Einheit und Glaubwürdigkeit

Die Einheit der Christen ist gemäß der Aussage unseres Herrn entscheidend für die Glaubwürdigkeit der christlichen Botschaft in der Welt (Joh.17, 23). Dass dieses Prinzip stimmt, erleben auch unsere politischen Parteien. Innerparteilicher Streit schadet immer den Umfragewerten. Politiker müssen sich deshalb sehr genau überlegen, welcher innerparteiliche Streit sich tatsächlich lohnt. Meine Antwort wäre: Der Streit lohnt sich auf jeden Fall dann, wenn die Basis des Zusammenhalts gefährdet ist. Für die Einheit der Christen ist die Bibel ohne Frage von grundlegender Bedeutung. Elke Werner schreibt dazu in „Mission Zukunft“ (S. 340): „Bei aller konfessionellen und missionarischen Offenheit ist es zugleich wichtig, einen Maßstab zu haben, der für alle verbindlich ist. Das sind für uns die Bibel und ihre sinnstiftenden und Orientierung gebenden Anweisungen für ein gelingendes und von Gott gesegnetes Leben.“

Natürlich wird es immer Auseinandersetzungen um die richtige Auslegung der Bibel geben. Aber ohne Vertrauen in den Offenbarungscharakter der Bibel gibt es überhaupt keine Grundlage mehr, auf deren Basis wir uns überhaupt streiten könnten. Jesus selbst hat in theologischen Debatten immer auf der Basis der Schrift argumentiert („Habt ihr nicht gelesen?“). Ist die Autorität der Bibel aber in Frage gestellt, dann ist eine Einigung auf bestimmte Kernaussagen des christlichen Glaubens im Grunde nur noch durch Machtmittel möglich, sei es durch Dominanz in den Ausbildungsstätten und Machtzentralen, sei es durch die Definition eines Lehramts der Kirche, sei es durch die Forderung nach Akzeptanz der Ergebnisse der akademischen Bibelwissenschaft oder durch die Suche nach Dominanz im öffentlichen Diskurs und Diskreditierung von Andersdenkenden. Die Alternative dazu wäre, eine Einheit auf Basis von Lehraussagen grundsätzlich abzulehnen und jede subjektive (Erfahrungs-)Theologie als gleich gültig stehen zu lassen. Das Problem daran ist: Wenn alles gleich gültig ist, dann ist im Grunde alles gleichgültig. Dann verliert unsere Botschaft ihre Relevanz – ein Phänomen, unter dem die großen Kirchen heute ganz besonders leiden.

Beide Ansätze kann man in der Praxis beobachten, manchmal sogar in kombinierter Form. Aber keiner dieser Ansätze kann jemals zu echter Einheit führen. Die Kirche ist ein Geschöpf des Wortes („Creatura verbi“). Ihre Einheit basiert unter anderem darauf, dass sie sich aus diesem Wort heraus definiert. Einheit ist ein extrem hohes und zudem äußerst umkämpftes Gut. Es gibt viele Faktoren, die sie gefährden. Es wäre ein dramatischer Fehler, diese Einheit wegen Differenzen in theologischen Randfragen zu verlieren. Aber bei den Kernfragen und Knackpunktthemen des Glaubens lohnt es sich, auf biblischer Basis zu streiten – gerade um der Einheit der Kirche Jesu willen.

3. Ohne Bibelvertrauen verlieren wir Motivation und Opferbereitschaft

Im Buch „Mission Zukunft“ berichtet Pfarrer Alexander Garth von folgender Beobachtung in der bunten Gemeindeszene in Berlin: „Erfolgreiche missionarische Arbeit braucht eine konservative Theologie, weil nur diese das hohe Commitment ihrer Gemeindemitglieder zu generieren vermag, das nötig ist, damit die Dynamik für eine wachsende Gemeinde entsteht.“ (S. 292) Woran liegt das? Fakt ist: Mission und Gemeindebau ist (manchmal harte) Arbeit. Sie erfordert den Einsatz von Zeit, Kraft und Geld. Wer sich mit der Geschichte von Pioniermissionaren befasst, merkt schnell: Der einzige Grund, der es rechtfertigt, Hab und Gut aufzugeben und sogar sein Leben aufs Spiel zu setzen, um fernen Völkern das Evangelium zu bringen, ist die Dringlichkeit der Botschaft, die in den beiden folgenden simplen Sätzen zum Ausdruck kommt: „Wer den Sohn hat, der hat das Leben. Wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht“ (1.Joh.5,12). Und: „Niemand kommt zum Vater außer durch mich“ (Joh.14,6).

Die erste christliche Generation hat die Kirche unter härtester Verfolgung und extremsten Opfern gegründet und aufgebaut. In vielen Ländern der Welt bringen Christen bis heute unvorstellbare Opfer um des Evangeliums willen. Trotzdem wächst nicht selten gerade dort die Kirche am schnellsten. Wie ist das zu erklären? Jesus sagte den erstaunlichen Satz: „Habt keine Angst vor denen, die euch töten wollen. Sie können nur den Körper töten; mehr können sie euch nicht antun.“ (Luk.12,4) In der Botschaft Jesu spielt die Ewigkeitsperspektive in Kombination mit seinem Exklusivanspruch eine zentrale Rolle. Wenn die Kirche diese beiden Elemente verliert, verliert sie auch ihre Opfer- und Leidensbereitschaft. Und das beginnt schon bei der Frage, ob ich abends lieber gemütlich Netflix schaue oder Stühle stelle und Kaffee koche für einen Glaubenskursabend. Ohne diese Opferbereitschaft gibt es keine Mission.

4. Ohne Bibelvertrauen verlieren wir das wagemutige Christusvertrauen

Wer Menschen für die Nachfolge Jesu gewinnen möchte, kann nicht auf Dauer in einer gefahrlosen Komfortzone bleiben. Kirche Jesu zu bauen war schon immer ein Glaubensprojekt, für das mutige, risikobehaftete Entscheidungen getroffen werden müssen im festen Vertrauen auf Gottes Bewahrung und Versorgung für die notwendigen finanziellen und personellen Ressourcen. Wer sich mit den Gründungsgeschichten großer geistlicher Werke und Erweckungsbewegungen befasst, stößt dort immer wieder auf glaubensstarke Menschen, die das Unmögliche für möglich hielten, weil sie ihrem großen Gott alles zugetraut haben. Auch die Bibel ist voll von solchen Geschichten. Dieses unverzichtbare, wagemutige Christusvertrauen resultiert immer schon aus einem starken Glauben an die Verheißungen Gottes. Und dieser Glaube wiederum ist eine Frucht von Gottes Wort, das unser Herz erreicht. Ohne ein festes Vertrauen in Gottes Wort vertrocknet deshalb auch das wagemutige Gottvertrauen.

Wagemut beginnt schon im Kleinen: Wenn Christen überlegen, einen Glaubenskurs zu starten, ein missionarisches Projekt zu initiieren, ein neues Veranstaltungsformat zu entwickeln, eine Gemeinde zu gründen oder einfach nur ihrem Berufskollegen von ihrem Glauben an Jesus zu erzählen, dann ist das immer auch ein „Schritt aufs Wasser“ in dem Bewusstsein: Wir könnten uns blamieren, scheitern und selber Schaden nehmen. Wagemut hängt nicht nur am Bibelvertrauen. Es gibt auch Unternehmer, Künstler oder Politiker mit erstaunlich großem Wagemut. Und doch ist meine Erfahrung: Gerade dort, wo Christen sich verwurzeln in einer lebendigen Beziehung zu dem Jesus, der ihnen in der Bibel große Versprechen und Verheißungen macht, da wächst eine Kultur des wagemutigen Christusvertrauens, die Christen ermutigt, gemeinsam mutige Schritte zu gehen. Wo diese in der Bibel gegründete Christusbeziehung vertrocknet, neigt auch das Christentum dazu, sich in die scheinbar risikolose Komfortzone zurückzuziehen, wo ihr am Ende aber erst recht der Boden unter den Füßen weggezogen wird, weil Kirche ohne mutige und leidenschaftliche Mission nun einmal keine Zukunft hat.

5. Ohne Bibelvertrauen verlieren wir das Wort Gottes als Waffe im geistlichen Kampf

Das Wesen von Mission erschöpft sich niemals nur in Aktivitäten und Methoden. Mission ist immer auch ein geistlicher Kampf – nicht gegen Fleisch und Blut sondern gegen unsichtbare Mächte und Gewalten. Paulus bemüht nicht nur in Epheser 6 Bilder aus dem Militärwesen, um diesen Kampf zu veranschaulichen. Das Wort Gottes ist für ihn dabei ein Schwert (Eph. 6,17). Als Jesus in der Wüste versucht wurde benutzte er genau diese Waffe im Kampf gegen die Versuchungen des Teufels („Es steht geschrieben…!“ Matth.4,6). Zudem macht die Bibel klar: Gottes Wort ist nicht nur Botschaft sondern auch Kraft (Röm.1,16) mit dem Potenzial, Festungen aus hochtrabenden Gedanken zu zerstören (2.Kor.10,5) und Menschen aus dem Gefängnis der Lüge zu befreien (Joh.8,32).

Ich erlebe es selbst immer wieder: Wenn Menschen ihr Herz öffnen für das Evangelium, dann ist das immer ein rational nicht ganz erklärbares Wunder. Ich führe dieses Wunder auch auf die Kraft von Gottes Wort zurück. Niemals könnte ich mir vorstellen, ohne dieses Vertrauen auf die Kraft von Gottes Wort zu evangelisieren. Solange die Kirche sich nur auf Methoden und Rhetorik verlässt, missachtet sie ihr entscheidendes Mittel, das Gott seiner Kirche für die Verbreitung des Evangeliums in die Hand gegeben hat und ohne das Kirche nicht gebaut werden kann: Die verändernde, glaubensweckende und erneuernde Kraft von Gottes Wort, das wir in der Bibel finden, von uns geglaubt und glaubensvoll gepredigt werden muss.

Was folgt daraus? Ohne Gebet und Gottes Wort ist alles nichts!

Im „Mission Zukunft“ hält Lothar Krauss in seinem bewegenden Bericht zum missionarischen Aufbruch in Gifhorn fest (S. 315): „Natürlich sind die Fragen nach dem Musikstil, der Sprache, der Kleidung auf der Bühne und so weiter nicht unwichtig. Aber es ist ein Fehler, zu denken, dass Veränderung in diesen Punkten eine Gemeinde verwandelt. Diese Themen ändern sich als Folge von Überzeugungen! Unsere Überzeugungen gewannen wir aus dem Studium der Bibel und wir bewegten sie im Gebet. Ohne Überzeugungen bleiben wir zu sehr an den Äußerlichkeiten hängen, die nicht unwichtig sind, aber eben auch nicht entscheidend.“

Die Leiter der ersten urchristlichen Gemeinde in Jerusalem haben deshalb streng darauf geachtet, dass ihnen genügend Zeit bleibt für die beiden wichtigsten Elemente ihres Dienstes: Gebet und Gottes Wort (Apg.6,2-4). Keine Frage: Damit Gemeinden missionarisch fruchtbar werden, braucht es vieles: Kreativität. Geld. Gaben. Leidenschaft. Liebe zu Gott und den Menschen. Vorausschauende Leitung. Lernfähigkeit. Gute Methoden. Ressourcen. Einheit… Aber ganz offensichtlich war schon den allerersten Gemeindeleitern bewusst: Damit all das Frucht bringen kann, braucht es im Kern genau zwei Dinge: Die Macht des Gebets und die Kraft von Gottes lebendigem Wort! Wo diese beiden Dinge auf dem Rückzug sind, da ist die Kirche Jesu auf dem Rückzug. Gebet und Gottes Wort ist nicht alles im Gemeindebau. Aber ohne Gebet und Gottes Wort ist alles nichts. Eine neue Kultur des Gebets, eine neue Liebe zum Bibellesen und ein neuer Hunger nach Gottes Wort muss deshalb zentral im Fokus unserer Bemühungen für eine neue missionarische Dynamik der Kirche Jesu stehen.

In seinem Buch „Natürliche Gemeindeentwicklung“ hat der Gemeindewachstumsforscher Christian A. Schwarz ein interessantes Ergebnis seiner systematischen Untersuchung von 45.000 Gemeinden aus der ganzen Welt präsentiert. Er schreibt: „Das Theologiestudium hat eine stark negative Beziehung sowohl zum Wachstum als auch zur Qualität der Gemeinde.“[1] Das heißt: Gemeinden, deren Leiter durch ein bibelkritisches Theologiestudium gegangen sind, leiden statistisch gesehen deutlich häufiger unter Qualitätsproblemen und Mitgliederverlust. Ich finde: Das sollte uns nicht überraschen. Die Ausrichtung einer Gemeinde wird nun einmal stark von den Gemeindeleitern geprägt. Solange die zukünftigen Leiter durch eine theologische Ausbildung gehen, die das Vertrauen in die Verlässlichkeit der Bibel erschüttert statt stärkt, kann aus den genannten Gründen auch keine missionarische Dynamik wachsen. Ich denke oft: Wir Landeskirchler verhalten uns wie eine Metzgereikette, die ihre Filialleiter von Veganern ausbilden lässt und sich nachher wundert, warum die Umsätze einbrechen. Und die offenkundige Ursache des Problems ist eine heilige Kuh. Das muss sich ändern! Wenn es uns nicht gelingt, die Ehrfurcht vor Gottes offenbartem Wort gerade auch an den Ausbildungsstätten wieder aufzurichten, dann bleiben all die anderen Bemühungen um Gemeindewachstum am Ende vergebliche Liebesmüh.

Für die 20er-Jahre habe ich deshalb diese große Sehnsucht: Lassen Sie uns an allen Orten wieder leidenschaftlich dafür aufstehen, beten und arbeiten, dass die gelebte Liebe zu Christus, die Macht des Gebets und die Kraft des offenbarten Wortes Gottes wieder das Fundament ist, auf dem die Kirche Jesu gebaut wird.


P.S.: Diesen Artikel widme ich dem Albrecht-Bengel-Haus in Tübingen, das aktuell sein 50-jähriges Jubiläum feiert und somit seit Jahrzehnten Theologiestudenten dabei hilft, den Durchblick zu bewahren und auf einem biblisch-klaren Kurs zu bleiben. DANKE, dass ihr euch seit so langer Zeit aufopferungsvoll, kämpferisch und liebevoll um genau das Anliegen kümmert, das in diesem Artikel beschrieben wurde. Auf diese Weise seid ihr vielen Gemeinden unserer Landeskirche zum Segen geworden! Bitte lasst euch bei den Jubiläumsfeierlichkeiten nicht zu sehr umarmen sondern bleibt mutig, kantig und herausfordernd, wie die Bibel es auch schon immer war und immer sein wird.


[1] Abbildung aus Christian A. Schwarz: Natürliche Gemeindeentwicklung, c+p-Verlag, 4. Auflage 2006, S. 25

 

Staunen über das buchgewordene Wunder Gottes

Warum es auch heute noch vernünftig ist der Bibel zu vertrauen
– Vortrag beim Studientag des Netzwerks Bibel und Bekenntnis

Können wir der Bibel auch heute noch lückenlos vertrauen? Warum ist diese Frage überhaupt von Bedeutung für die Kirche Jesu? Um diese Fragen ging es im Vortrag “Warum es auch heute noch vernünftig ist, der Bibel zu vertrauen” beim Studientag des Netzwerks Bibel und Bekenntnis am 16.11.2019 in Gießen. Der Vortrag ist hier auf YouTube abrufbar. Nachfolgend das Manuskript zum Vortrag sowie einige Hinweise zu weiterführenden und vertiefenden Artikeln:


Das ist ja schon mutig, einen Biologen einzuladen, um bei einer solchen Tagung über ein theologisches Thema zu sprechen. Aber vor einiger Zeit habe ich festgestellt, dass das eigentlich gar nicht so ungewöhnlich ist, dass auch Biologen sich theologische Gedanken machen. Mir ist das an einem ganz bestimmten Punkt aufgefallen, nämlich bei der Diskussion um das menschliche Auge.

Ist das menschliche Auge fehlerhaft?

Auch Charles Darwin war aufgefallen, dass unser menschliches Auge ja wirklich meisterhaft konstruiert ist. Und da stellt sich natürlich in ganz besonderer Weise die Frage: Kann sich das wirklich so von selbst entwickelt haben? Oder muss das nicht das Werk eines genialen Designers, eines Schöpfers sein? Und im Verlauf dieser Diskussion hat ein Detail unseres Auges eine immer größere Rolle gespielt. Und dieses Detail betrifft die Netzhaut. Die Netzhaut in unserem Auge hat ja diese Fähigkeit, Licht in Nervenimpulse umzuwandeln. Damit sie das tun kann besteht die Netzhaut aus mehreren Zellschichten. Am wichtigsten ist die lichtempfindliche Zellschicht. Da wird tatsächlich das Licht wahrgenommen und in Nervenimpulse umgewandelt. Und diese Nervenimpulse werden dann in einer lichtunempfindlichen Zellschicht weitergeführt. Jetzt sollte man denken, dass die lichtempfindliche Zellschicht da sitzt, wo das Licht zuerst ankommt, damit das Licht ganz ungehindert auf diese Zellen einwirken kann. Das ist auch bei manchen Tieren so, z.B. beim Tintenfisch. Aber bei den Wirbeltieren und beim Menschen ist es genau anders herum: Da muss das Licht zuerst die lichtunempfindliche Zellschicht durchdringen, bevor es dann auf die lichtempfindlichen Zellen trifft. Und dazu kommt: Ganz oben auf dieser lichtunempfindlichen Zellschicht liegen die Nervenfasern, die die Nervenimpulse weiterleiten an den Sehnerv und an das Gehirn. Und weil die Nervenfasern ja dann irgendwo nach draußen zum Sehnerv und zum Gehirn geführt werden müssen muss es da ein Loch in der lichtempfindlichen Zellschicht geben. Und deshalb haben wir da einen blinden Fleck. Und da haben jetzt viele Biologen gesagt: Das ist doch ein Fehler – eine Fehlkonstruktion. Die Netzhaut ist falsch herum gebaut. Besser wäre es, wenn die Nervenfasern hinter der lichtempfindlichen Zellschicht sitzen würden und nicht davor.

Und dann wird’s theologisch. Die Biologen haben dann nämlich darüber nachgedacht, wie denn ein Schöpfer sein müsste. Und die These war: Ein Schöpfer hätte das niemals so konstruiert. Ein Schöpfer müsste doch perfekt sein und der müsste perfekte Konstruktionen abliefern. Und auf dieser Basis wurde dann argumentiert: Da ein göttlicher Schöpfer unserer theologischen Meinung nach nur perfekte Werke produziert, kann dieses Auge nicht das Werk eines göttlichen Schöpfers sein.

Gibt es auch in der Bibel Fehler?

Ich war überrascht, festzustellen, dass es da wirklich Parallelen zwischen Biologie und Theologie gibt. Denn mir scheint, dass gar nicht so wenig Theologen ganz ähnlich argumentieren, wenn es um die Bibel geht. Denn auch da wird mit Fehlern argumentiert. Zum Beispiel in der Apostelgeschichte. Da berichtet Lukas im 9. Kapitel, wie Paulus auf dem Weg nach Damaskus Jesus begegnet. Und Jesus spricht zu ihm aus diesem hellen Licht heraus. Und Lukas berichtet in Apostelgeschichte 9,7: „Die Männer, die Saulus begleiteten, … hatten … die Stimme gehört.“

In Apostelgeschichte 22 schildert dann Paulus selbst diese Szene und da behauptet er genau das Gegenteil. Er sagt: „Meine Begleiter … hörten die Stimme nicht.“ Also da muss jetzt irgendwo ein Fehler sein. Entweder hat Lukas das falsch notiert oder Paulus hat sich versprochen. Egal wie: Da ist irgendwo ein Fehler passiert.

Ist die Bibel Offenbarung oder Zeugnis der Offenbarung?

Und jetzt wird gesagt: Wenn die Bibel Fehler enthält, dann kann das keine göttliche Offenbarung sein. Dann ist die Bibel vielleicht ein Zeugnis der Offenbarung. Vielleicht hat Gott sich da wirklich dem Paulus offenbart und die Bibel berichtet von dieser Offenbarung, die Paulus erlebt hat. Aber so wie in jedem menschlichen Bericht haben sich da halt auch Fehler eingeschlichen. Wenn man menschliche Zeugen von einem Unfallgeschehen vernimmt, dann muss man damit rechnen, dass sich Fehler in ihr Zeugnis einschleichen, selbst wenn sie ganz gewissenhaft versuchen, das Geschehen aus ihrem Gedächtnis heraus so genau wie möglich zu schildern.

Geniale Architekten – geniale Schöpfung – geniale Bibel!

Wie gehen wir um mit dieser Art der Argumentation? Seit dem Sommer diesen Jahres muss ich immer an ein bestimmtes Gebäude denken, wenn ich solche Argumente höre. Meine Frau und ich waren in Dresden. Und unter anderem haben wir die Frauenkirche besichtigt. Was für ein herrliches Gebäude! Aber etwas wirkt seltsam, wenn man auf das Gebäude schaut und die Geschichte des Gebäudes nicht kennt: Die Fassade aus Sandstein ist ja wunderschön. Aber immer wieder sind da zwischen den wunderschönen neuen Sandsteinen fast schwarze und ganz gebraucht aussehende Steine verbaut. Und an einer Seite sieht ein ganzes Stück der Fassade ganz alt und gebraucht aus. Was ist denn da passiert? Das Gebäude ist doch erst kürzlich eingeweiht worden. Was war denn das für ein Architekt, der die schöne Fassade mit alten, abgenutzten dunklen Steinen verhunzt hat?

Wir alle wissen natürlich, was da los ist. Dieses Gebäude ist ja gar nicht neu. Es ist schon ziemlich alt. Aber im 2. Weltkrieg ist es weitgehend zerstört worden. Und beim Wiederaufbau hat man versucht, so viele alte Steine wie möglich wieder zu verwenden und wieder einzubauen. Aber diese dunklen Steine ändern überhaupt nichts daran, dass jeder sieht: Hier waren ganz offenkundig so phantastische Architekten und Ingenieure am Werk, dass man nur staunen kann über die Genialität dieser Leute.

Und genau so geht es mir, wenn ich die Schöpfung betrachte. Die Genialität der Schöpfung verschlägt mir immer wieder neu den Atem. Mich haben ja immer wieder Leute gefragt: Wie verträgt sich Dein Christsein mit dem Biologiestudium? Und ich sage immer: Mein Biologiestudium hat meinen Glauben enorm gestärkt. Denn das hat mich schon damals immer wieder zum Staunen gebracht über die Genialität meines Schöpfers.

Und genau so geht es mir, wenn ich die Bibel betrachte. Ja, da gibt es schon ein paar Stellen, die ich im Moment nicht verstehe, die mir dunkel erscheinen. Aber das ändert überhaupt nichts daran, dass ich nur staunen kann über die Genialität dieses Buches und seines Autors.

Und ich freue mich sehr darüber, dass ich Ihnen heute ein wenig darüber berichten darf darüber, was mich an diesem Buch so ins Staunen versetzt. Dazu gäbe es viel zu sagen. Lassen Sie mich nur ein paar wenige Punkte herausgreifen zu der Frage, warum es auch heute noch vernünftig ist, der Bibel zu vertrauen:

1. Die herausragend gute Überlieferung des Neuen Testaments

Wussten Sie schon, dass es kein einziges antikes Buch gibt, dass auch nur annähernd so gut überliefert ist wie das Neue Testament? Es gibt ja einige antike Werke, die wir heute noch lesen können. Die gallischen Kriege von Julius Cäsar zum Beispiel oder die Odyssee oder die Ilias von Homer. Von keinem dieser Werke haben wir noch das Original. Wir haben nur noch Abschriften. Und zwischen dem Original und der ältesten Abschrift, die wir heute noch haben, liegen viele hundert, manchmal mehr als 1000 Jahre. Und es sind dann auch nur relativ wenige historische Abschriften, die wir noch besitzen. Beim Neuen Testament ist das vollkommen anders. Zwar haben wir auch hier die Originalschriften nicht mehr. Aber wir haben heute etwa 5.700 griechische Handschriften, dazu zahlreiche Übersetzungen in andere Sprachen und Zitate in alten Schriften. Das heißt: Das Neue Testament spielt in Bezug auf seine Überlieferung im Vergleich zu allen anderen antiken Schriften in einer vollkommen eigenen Liga!

Dazu kommt: Die Unterschiede und Abweichungen in diesen tausenden von Handschriften sind sehr überschaubar. Prof. Holger Strutwolf von der Universität Münster ist mit seinem Team dabei, alle diese Quellen akribisch auszuwerten und er sagt: „Insgesamt ist die Überlieferung der Bibel sehr gut und sehr treu. In den theologischen Punkten gibt es unter den Abertausenden Handschriften kaum Abweichungen.“ Mit anderen Worten: Wir können uns heute sehr sicher sein, dass das, was wir da lesen, tatsächlich die Botschaft ist, die die Apostel der Kirche Jesu ins Stammbuch geschrieben haben.

Wir können uns heute sehr sicher sein, dass das, was wir da lesen, tatsächlich die Botschaft ist, die die Apostel der Kirche Jesu ins Stammbuch geschrieben haben.

2. Die einzigartige Glaubwürdigkeit der Autoren des Neuen Testaments

Aber die Frage ist ja dann: Wie glaubwürdig waren diese Leute? Haben die in ihrem religiösen Eifer vielleicht immer mal wieder ein wenig übertrieben? Oder kann man sich darauf verlassen, dass ihre Berichte zuverlässig sind?

Tatsache ist: Die Autoren des Neuen Testaments sind in einer ganz einzigartigen Weise glaubwürdig, und zwar aus 3 Gründen:

  1. Weil sie entweder zum Teil selbst Augenzeugen waren oder aber die Berichte von Augenzeugen kannten.
  2. Weil ihre Botschaft zwar äußerst unpopulär hätte sein müssen und trotzdem in der Zeit und der Region der Augenzeugen extrem erfolgreich war.
  3. Und weil sie fast alle bereit waren, mit ihrem Leben für diese Botschaft zu bezahlen.

Besonders deutlich wird das am Beispiel von Jakobus. Über Jakobus wissen wir einiges aus der Bibel, z.B. dass er ein leiblicher Bruder Jesu war und dass er einer der Hauptleiter der urchristlichen Gemeinde in Jerusalem war. Aber wir haben über ihn nicht nur die biblischen Berichte sondern auch ein wichtiges außerbiblisches Zeugnis, nämlich vom jüdischen Geschichtsschreiber Flavius Josephus. Von ihm lesen wir folgendes über Jakobus:

„Er (d.h. der Hohepriester Hannas) versammelte den Hohen Rat zum Gericht und stellte vor diesen den Bruder des Jesus, der Christus genannt wird, mit Namen Jakobus, sowie noch einige andere, die er der Gesetzesübertretung anklagte und zur Steinigung führen ließ.“

Jakobus wusste genau Bescheid, was wirklich passiert ist

Josephus war kein Christ. Aber er bestätigt hier ausdrücklich: Jakobus war ein leiblicher Bruder von Jesus. Das heißt auch: Jakobus gehörte auf jeden Fall zu den Augenzeugen vieler neutestamentlicher Ereignisse. Jakobus wusste also, ob Jesus wirklich in Bethlehem geboren ist oder nicht. Er wusste, ob Jesus wirklich Wunder vollbracht hatte. Er wusste, ob Jesus wirklich auferstanden ist oder nicht. Wenn da eine Lüge oder eine Übertreibung dabei gewesen wäre: Jakobus hätte es gewusst! Und trotzdem hat Jakobus wie auch tausende andere Jerusalemer Juden angefangen, diesen gekreuzigten Jesus als Herrn und Messias anzubeten. Dabei muss man wissen: Tradition war für die Juden damals von enormer Bedeutung. Das war nicht wie heute, dass sich jeder einfach selber aussucht, was man glauben will. Wenn plötzlich tausende streng monotheistische Juden anfangen, einen Menschen als Gott anzubeten, dann muss da irgendetwas Gewaltiges passiert sein.

Die Botschaft vom Kreuz hätte eigentlich auf massive Ablehnung stoßen müssen

Erst recht, weil es sich ja um einen gekreuzigten Menschen gehandelt hat. Mose hatte ja geschrieben: Verflucht ist, wer am Holz hängt. Dieser Jesus war einen verfluchten und extrem verachteten Tod gestorben, so verachtet, dass die Christen jahrhundertelang es strikt vermieden haben, das Kreuz als Symbol für ihren Glauben in den Vordergrund zu stellen. Die Botschaft, dass dieser Jesus der auferstandene Messias ist, hätte deshalb eigentlich in Jerusalem auf extreme Ablehnung stoßen müssen. Das war keine populäre, erfolgversprechende Botschaft. Paulus hat geschrieben, dass diese Botschaft für die Juden ein Ärgernis war. Und trotzdem war diese Botschaft extrem erfolgreich, und zwar direkt in der Zeit und der Region der Leute, die Jesus kannten.

Die Botschaft von der Gottheit Jesu hat sogar den leiblichen Bruder überzeugt!

Das ist wichtig, denn man kann sich ja irgendwelche verrückten Geschichten ausdenken über Sachen, die in längst vergangenen Zeiten in fernen Ländern gespielt haben. Aber wenn man über Menschen spricht, die bekannt sind, dann ist das etwas anderes. Und der Fall von Jakobus geht ja noch viel weiter. Hier wurde der leibliche Bruder überzeugt, dass sein Bruder Gott ist. Den eigenen Bruder kennt man nun wirklich durch und durch – samt allen seinen Schwächen. Wenn mir jemand sagen würde: Dein Bruder ist Gott, dann würde ich sagen: Ich schätze meine Brüder sehr. Das sind tolle Männer. Aber Gott sind sie sicher nicht. Dafür kenne ich sie einfach zu gut. Trotzdem hat das bei Jakobus funktioniert. Er hat als monotheistischer Jude angefangen, seinen Bruder als Gott anzubeten. Und davon war er so überzeugt, dass er bereit war, für diesen Glauben in den Tod zu gehen.

Niemand stirbt für eine eigene Lüge

Jetzt sagen Leute: Ja, das gibt es doch immer wieder, dass Leute so fanatisiert sind von einer Überzeugung, dass sie dafür in den Tod gehen. Ja, das mag sein, aber es gibt einen Unterschied: Diese Leute haben gesagt: Jesus ist auferstanden, DES SIND WIR ZEUGEN! Wir haben das selbst gesehen. Das heißt: Wenn das nicht gestimmt haben sollte, dann wären sie alle für eine eigene Lüge in den Tod gegangen. Und die Frage ist: Wie glaubwürdig ist das, dass hier reihenweise Leute für eine eigene Lüge in den Tod gehen? Und kein einziger hat im Angesicht seines Henkers einen Rückzieher gemacht und alles auffliegen lassen!

Der extreme Erfolg und die einzigartige Glaubwürdigkeit

Das heißt also: Diese Leute waren Augenzeugen. Sie wussten bestens Bescheid. Sie waren bereit für ihre Botschaft alles aufzugeben: Ihre Tradition. Ihr Ansehen. Ihre Heimat. Ihr Leben. Diese Leute sind quer durch die ganze damals bekannte Welt gereist und haben das Evangelium so glaubwürdig und so erfolgreich verbreitet, dass schon 30 Jahre nach Jesu Tod Kaiser Nero in Rom meinte, er muss jetzt den Christen den Brand Roms in die Schuhe schieben, so extrem schnell hat die christliche Botschaft um sich gegriffen. Diese Leute waren ganz offenkundig extrem glaubwürdig. Ihr lieben Theologen, ich bitte deshalb um Verständnis, dass ich diesen Leuten ein deutlich größeres Grundvertrauen entgegenbringe als allem, was heute so alles geschrieben wird.

Diese Leute waren Augenzeugen. Sie wussten bestens Bescheid. Sie waren bereit für ihre Botschaft alles aufzugeben: Ihre Tradition. Ihr Ansehen. Ihre Heimat. Ihr Leben. Diese Leute sind quer durch die ganze damals bekannte Welt gereist und haben das Evangelium so glaubwürdig und so erfolgreich verbreitet, dass schon 30 Jahre nach Jesu Tod Kaiser Nero in Rom meinte, er muss jetzt den Christen den Brand Roms in die Schuhe schieben, so extrem schnell hat die christliche Botschaft um sich gegriffen. Diese Leute waren ganz offenkundig extrem glaubwürdig. Ihr lieben Theologen, ich bitte deshalb um Verständnis, dass ich diesen Leuten ein deutlich größeres Grundvertrauen entgegenbringe als allem, was heute so alles geschrieben wird.

Aber es gibt noch viel mehr Gründe, warum wir der Bibel vertrauen können.

3. Die drastische Ehrlichkeit und fehlende Idealisierung

Eine absolut unglaubliche Eigenschaft der Bibel ist ihre Ehrlichkeit und die fehlende Idealisierung ihrer Helden. Viele Geschichtsschreiber der damaligen Zeit wurden von Herrschern beauftragt oder zumindest streng kontrolliert. Deshalb wurden viele Herrscher zu Helden oder gar zu Göttern verklärt. Und die eigene Nation wurde heroisiert und sie wurde so dargestellt, als wäre ihre Geschichte voll von ruhmreichen Heldentaten. Aber lies mal die Bibel. Da ist das vollkommen anders. In der Bibel findest Du keine idealisierten Helden. Da gibt es nur Menschen mit Stärken und Schwächen. Selbst die größten Helden der biblischen Geschichte blamieren sich reihenweise bis auf die Knochen.

Noah hat sich betrunken. Abraham, der Vater des Glaubens, hat seine Frau mehrfach feige im Stich gelassen. Die Karriere Jakobs, des Namensgebers Israels, basierte auf einem Betrug. Mose war ein Mörder. Das Volk Israel war glaubensschwach und untreu. König David war eine Ehebrecher und Mörder. Der weise König Salomo betete Götzen an. Petrus hat Jesus verleugnet. Paulus hat sich mit Barnabas und Petrus zerstritten. Eine besonders auffällige Sache: Frauen waren die ersten Zeugen der Auferstehung. Ich finde das ja toll, dass das so ist. Aber damals war das Zeugnis von Frauen nichts wert. Wenn Du Leute von der Auferstehung überzeugen willst, dann denkst Du Dir eine Geschichte aus, in der Männer die Zeugen sind, nicht Frauen. Und wenn Du Leute von der Autorität und dem Vorbildcharakter eines Abraham, David Jakob oder Petrus überzeugen willst, dann brauchst Du Helden statt Versager. Aber die Bibel ist geradezu provozierend ehrlich. Realistisch. Sie hat diesen einzigartigen Klang der Wahrheit, die sie von allen Epen und Heldengeschichten unterscheidet.

Die Bibel ist geradezu provozierend ehrlich. Realistisch. Sie hat diesen einzigartigen Klang der Wahrheit, die sie von allen Epen und Heldengeschichten unterscheidet.

4. Die durchgängige Geschichte

Aber auch das ist noch nicht alles. Eine der unglaublichsten Eigenschaften der Bibel ist die Tatsache, dass sie EINE durchgängige Geschichte erzählt. Das muss man sich mal vorstellen. Dieses Buch setzt sich aus 66 verschiedenen Büchern zusammen. Mehr als 40 verschiedene Leuten haben da geschrieben über einen Zeitraum von etwa 1600 Jahren, Leute, die in völlig verschiedenen Kulturen gelebt haben und die einen vollkommen unterschiedlichen Bildungsgrad hatten. Ich sehe ja, wie unterschiedlich und gegensätzlich die Texte und Aussagen von Theologen heute sind, obwohl sie eigentlich alle die Bibel als gemeinsame Grundlage haben. Aber diese Autoren hier hatten keine Bibel als gemeinsame Grundlage. Und trotzdem finden wir da diese eine durchgängige Geschichte, die sich immer weiter entfaltet. Sie beginnt damit, wie die Beziehung zwischen Gott und Menschen zerbricht. Und sie endet damit, wie diese Beziehung wieder hergestellt wird und Gott wieder bei den Menschen wohnt. Und sie schildert durchgängig diesen heiligen und zugleich liebenden Gott, der alles dafür tut, um die Beziehung zu den Menschen wieder herzustellen. Und schon auf den ersten Seiten beginnen die Hinweise auf diesen geheimnisvollen Nachkommen Evas, der zwar von der Schlange gebissen, ihr aber den Kopf zertreten wird. Und dann folgt die Bibel immer dieser einen Abstammungslinie, immer weiter und weiter, selbst wenn es gar nicht der Erstgeborene ist. Aber die Bibel bleibt bei dieser Linie, die schlussendlich zu diesem Jesus führt, bei dessen Tod der Vorhang im Tempel zerreißt und der Weg zu Gott wieder frei wird durch das Blut, das Jesus am Kreuz vergießt.

Und die große Frage ist: Wer hat in diesem Buch die Regie geführt? Wer hat den roten Faden durch dieses Buch gelegt? Wer hat darauf geachtet, dass alle 40 Autoren an dieser einen Geschichte weiterschreiben? Es gibt definitiv in der ganzen Welt kein Buch, dass auch nur annähernd mit der Bibel vergleichbar wäre.

5. Die zahlreichen erfüllten Vorhersagen

Aber wen das alles immer noch nicht überzeugt und begeistert, der sollte sich doch einmal mit den erfüllten Vorhersagen der Bibel befassen. Die Bibel ist ja ein Buch, das ein gewaltiges Risiko eingeht. Etwa 30 % der biblischen Texte sind prophetische Texte, in denen die Vorhersage der Zukunft eine gewaltige Rolle spielt. Kombiniert werden diese Texte mit der Aussage: Achtung! Ihr müsst Propheten prüfen. Wenn die Vorhersage eines Propheten nicht eintrifft, dann müsst ihr das verwerfen. Solche prophetischen Texte zu schreiben und vor falschen Propheten zu warnen, die gar nicht in die Zukunft sehen können, das ist ziemlich gewagt, wenn man selbst nicht in die Zukunft sehen kann.

Aber die Bibel ist dieses Risiko eingegangen. Und das Gewaltige ist: Sie ist tatsächlich voll von Vorhersagen, die sich tatsächlich erfüllt haben.

Ich kann jetzt nur ein paar wenige nennen. Der Prophet Jesaja sagte nicht nur voraus, dass der Tempel zerstört wird. Er sagte auch voraus, dass er später wieder aufgebaut wird. Und er sagte voraus, dass es einen Herrscher namens Kyrus geben wird, der diesen Wiederaufbau voranbringen wird. Und genauso ist es gekommen.

Daniel sagte die nach ihm kommenden 4 Weltreiche voraus.

Über Jesus gibt es zahlreiche Vorhersagen: Dass er in Betlehem geboren wird, dass er aus dem Stamm Juda kommt. Dass er in Jerusalem auf einem Esel einzieht, viele Details und sogar der Zeitpunkt der Kreuzigung. Und noch vieles mehr.

Alles Manipulation?

Dass es diese korrekten Vorhersagen in der Bibel gibt ist unbestritten. Aber in der Wissenschaft haben wir ein Problem. Denn wir haben heute einen vorherrschenden Wissenschaftsbegriff, der von Wissenschaftlern verlangt, von vornherein grundsätzlich nicht mit übernatürlichen Dingen zu rechnen, also auch nicht mit vorausschauender Prophetie. Und wer schon aus wissenschaftsphilosophischen Gründen heraus grundsätzlich nicht damit rechnet, dass es Prophetie geben kann, der muss natürlich glauben, dass es sich hier überall um nachträgliche Manipulationen handelt. Entweder wurde der Text manipuliert oder man hat die spätere Geschichte manipuliert, damit sie zu den Vorhersagen passt. Und dann hat man z.B. kurzerhand behauptet, Jesus wäre in Bethlehem von einer Jungfrau geboren, weil das so schön zur Vorhersage des Propheten Micha passt, obwohl Jesus in Wirklichkeit in Nazareth geboren wurde. Wirklich? Alles Manipulation? Hat Jakobus, der leibliche Bruder Jesu und Leiter der Gemeinde in Jerusalem wirklich diese Behauptung des Geburtsorts Bethlehem mitgetragen, obwohl er genau wusste, dass das gar nicht stimmt? Haben die jüdischen Schriftgelehrten, denen doch eine extrem ausgeprägte Ehrfurcht vor ihren heiligen Texten nachgesagt wird, wirklich regelmäßig und in riesigem Umfang die Texte der Propheten manipuliert, um nachträglich den Anschein zu erwecken, dass es sich um korrekte Vorhersagen gehandelt hätte?

Die erfüllten Vorhersagen für die Neuzeit

Nun, ob das glaubwürdig ist, kann ja jeder selber entscheiden. Aber vollends schwierig wird es mit den Vorhersagen, die die Bibel für die Neuzeit gemacht hat. Schon in den Mosebüchern lesen wir erstaunliche Vorhersagen über das Volk Israel. Da lesen wir zum Beispiel: „Der Herr wird euch unter alle Völker zerstreuen, von einem Ende der Erde bis zum anderen.“ In der Zeit des Alten Testaments ist Israel zwar verschleppt worden. Aber die Zerstreuung unter alle Nationen begann erst im 1. Jahrhundert nach Christus.

Und dann sagt die Bibel vorher: „Doch unter den fremden Völkern werdet ihr nicht sicher sein und nicht zur Ruhe kommen.“ Tatsächlich gab es kein Volk, dass durch alle Zeiten hindurch und in allen Kulturen so irrational gehasst und verfolgt worden ist wie die Juden, so dass fast jedes Kind den Fachbegriff kennt für diesen Hass: Antisemitismus. Für welches andere Volk kennen wir einen solchen Begriff?

Aber dann kommt das unglaublichste: Die Bibel sagt an vielen Stellen vorher, dass die Juden aus allen Ecken der Welt wieder in ihr Land zurückkehren werden. Ich will Ihnen nur 2 der vielen Bibelstellen dazu vorlesen: „Ich werde deine Kinder aus dem Osten holen und dich aus dem Westen sammeln. Zum Norden sage ich: `Gib her!´ Und zum Süden: `Halte niemanden zurück!´ Bring meine Söhne aus der Ferne, meine Töchter aus allen Winkeln der Erde.“   „Es kommen Tage, da man sagen wird: So wahr der HERR lebt, der die Kinder Israels heraufgeführt hat aus dem Land des Nordens und aus allen Ländern, wohin er sie verstoßen hatte! Denn ich will sie wieder in ihr Land zurückbringen, das ich ihren Vätern gegeben habe.“

Ist das nicht beeindruckend? Jahrhundertelang schien die Erfüllung dieser Vorhersagen undenkbar. Aber seit dem Ende des 19. Jahrhunderts geschieht es vor unseren Augen: Die Juden kehren in ihr Land zurück aus allen Ecken der Welt. Wir müssen uns klar machen, dass das ein absolut einmaliger Vorgang in der Weltgeschichte ist. Dass ein Volk 2000 Jahre lang in alle Welt verstreut ist, trotzdem seine Kultur und seine Identität behält und dann wieder zurückkehrt in sein Land, das gibt es nur bei Israel. Aber genau das hat die Bibel schon vor mehr als 2.000 Jahren vielfach angekündigt.

Dass ein Volk 2000 Jahre lang in alle Welt verstreut ist, trotzdem seine Kultur und seine Identität behält und dann wieder zurückkehrt in sein Land, das gibt es nur bei Israel. Aber genau das hat die Bibel schon vor mehr als 2.000 Jahren vielfach angekündigt.

Noch etwas: Jesus hat angekündigt: „Himmel und Erde werden vergehen, doch meine Worte bleiben ewig.“ „Die Botschaft vom Reich Gottes wird auf der ganzen Welt gepredigt werden, damit alle Völker sie hören.“ Was für eine extrem gewagte Ankündigung im 1. Jahrhundert. Dass die Worte eines armen Wanderpredigers aus einem unbedeutenden Land, der seine Worte nicht einmal aufgeschrieben hat, sich einmal über die ganze Welt verbreiten würden, das musste damals nach grenzenloser Selbstüberschätzung klingen. Heute stehen wir kurz davor, dass buchstäblich jedes Volk der Erde die Worte Jesu in seiner Sprache hören und lesen kann. Ist das nicht unglaublich?

6. Der Selbstanspruch, Gottes offenbartes Wort zu sein

Aber ich will Ihnen noch eine letzte Eigenschaft der Bibel zeigen, die mich persönlich am allermeisten überzeugt. Und diese Eigenschaft betrifft das Selbstbild der Bibel. Ich höre ja oft solche Aussagen wie: Die Bibel, das ist eine Sammlung inspirierender Berichte über religiöse Erfahrungen und Ideen. Oder die Bibel ist ein Buch, in dem kluge Lehrer etwas Kluges über Gott und Moral geschrieben haben. Das klingt ja schön. Das Problem daran ist nur: Die Bibel will genau das ausdrücklich nicht sein. Die Bibel will nicht nur ein Erfahrungsbericht sein. Sie will auch keine kluge Lehre über Gott sein. Die Bibel hat vielmehr den Anspruch, Wort des lebendigen Gottes zu sein.

In 2. Timotheus 3, 16 schreibt Paulus „Alle Schrift ist von Gott eingegeben.“ Genau übersetzt heißt das: Die Schrift ist geistgewirkt, geistdurchhaucht. Natürlich haben das Menschen geschrieben, Menschen, die bei vollem Bewusstsein waren, die ihre Eigenheiten, ihren Schreibstil, ihre Persönlichkeit eingebracht haben. Doch zugleich waren sie dabei von Gottes Geist bewegt und durch und durch von ihm geprägt. Petrus hat das in 2. Petrus 1, 21 so ausgedrückt: „Denn niemals wurde eine Weissagung durch den Willen eines Menschen hervorgebracht, sondern von Gott her redeten Menschen, getrieben von Heiligem Geist.“ Auch hier also haben wir beides: Natürlich haben da Menschen geredet. Aber sie waren bewegt, getrieben, geprägt vom Heiligen Geist.

Und es kann überhaupt keinen Zweifel geben, dass genau das die Sichtweise der Juden der damaligen Zeit über ihre heiligen Schriften war. Die Juden hatten allerhöchsten Respekt vor ihren Heiligen Schriften. Es kann keinen Zweifel geben, dass die Autoren des Neuen Testaments den Text des Alten Testaments insgesamt als Wort des lebendigen Gottes angesehen haben. Man sieht immer wieder, dass für sie die Wendungen ›Die Schrift sagt‹ und ›Gott sagt‹ untereinander austauschbar waren. Sie haben also nicht unterschieden zwischen göttlicher Offenbarung und dem biblischen Text. Das war für sie identisch.

Und auch zum Charakter des Neuen Testaments finden wir Aussagen in der Bibel. Paulus schreibt zum Beispiel im Brief an die Thessalonicher: „Und darum danken auch wir Gott unablässig, dass, als ihr von uns das Wort der Kunde von Gott empfingt, ihr es nicht als Menschenwort aufnahmt, sondern, wie es wahrhaftig ist, als Gottes Wort.“

Das ist ja eine absolut steile Behauptung, die Paulus da macht. Er sagt: Bei der Botschaft, die ihr von mir hört, da spricht Gott selbst. Das ist Gottes Wort.

Und auf der letzten Seite unserer Bibel schreibt Johannes folgendes: „Und ich versichere jedem, der die prophetischen Worte dieses Buchs hört: „Wenn jemand dem, was hier geschrieben steht, irgendetwas hinzufügt, wird Gott ihm die Plagen zufügen, die in diesem Buch beschrieben werden.“  (Offenbarung 22,18) Und das geht ja noch weiter! Johannes schreibt: Etwas weglassen ist genauso schlimm. Johannes sagt also: Dieses ganze Buch hat prophetischen Charakter. Da gibt es absolut nichts hinzuzufügen und nichts wegzulassen.

Und da spüren wir: Diese Leute sind mit einem Anspruch und einer Autorität aufgetreten, die sich kein normaler Theologe jemals erlauben dürfte. Wenn ich in mein Buch am Ende einen solchen Satz gesetzt hätte, dann hätte es der Verlag hoffentlich sofort aus dem Programm genommen.

Diese Leute sind mit einem Anspruch und einer Autorität aufgetreten, die sich kein normaler Theologe jemals erlauben dürfte.

Die Bibel: Ganz Menschenwort und ganz Gotteswort

Also können wir festhalten: Die Bibel enthält nicht einfach nur Erfahrungsberichte oder kluge Lehren. Diese Möglichkeit lässt uns dieses Buch nicht. Wenn jemand von sich behauptet, dass Gott durch ihn spricht, dann haben wir letztlich nur 3 Möglichkeiten, damit umzugehen: Entweder, da hat jemand gelogen. Oder da ist ein durchgeknallter religiöser Schwärmer am Werk. Aber denken wir noch einmal an die gerade besprochenen Eigenschaften der Bibel: Die einzigartige Glaubwürdigkeit der Zeugen. Die drastische Ehrlichkeit. Die durchgängige Geschichte. Die zahllosen erfüllten Vorhersagen. Und noch vieles mehr, was wir aus Zeitgründen heute nicht besprechen konnten: Die herausragende Ethik. Das zutreffende Welt- und Menschenbild. Die vielen Texteigenschaften von authentischen Augenzeugenberichten. Und so weiter, und so weiter (im Artikel „10 Gründe, warum es auch heute noch vernünftig ist, der Bibel zu vertrauen“ habe ich das noch sehr viel ausführlicher dargelegt). All das passt nicht zu einem Buch von Lügnern und Schwärmern! Aber wenn das so ist, dann bleibt nur noch eines: Die Bibel ist genau das, was sie zu sein beansprucht: Sie ist ganz Menschenwort und zugleich ganz Gotteswort. Sie ist heilige Schrift. Wort des lebendigen Gottes. Und wenn wir heute in diesem Buch Fehler finden, dann sind das vielleicht Fehler in der Übersetzung oder in unserer Auslegung. Unsere Auslegung wird niemals fehlerfrei sein. Aber wenn die Bibel recht hat mit ihrer Aussage, Gottes Wort zu sein, dann können wir uns niemals über den Text der Bibel stellen und für uns beanspruchen, wir könnten in ihr sachliche Fehler benennen und in den biblischen Texten über richtig und falsch entscheiden. Das steht uns dann nicht zu. Da verheben wir uns.

Wenn die Bibel recht hat mit ihrer Aussage, Gottes Wort zu sein, dann können wir uns niemals über den Text der Bibel stellen und für uns beanspruchen, wir könnten in ihr sachliche Fehler benennen und in den biblischen Texten über richtig und falsch entscheiden. Das steht uns dann nicht zu. Da verheben wir uns.

Ist die Bibel fehlerlos? Was sagt die Wissenschaft dazu?

Jetzt höre ich immer wieder: Hände weg von dieser Behauptung, die Bibel wäre fehlerloses Wort Gottes. Denn wenn die Wissenschaft nachweist, dass da doch ein Fehler drin ist, dann würden wir ziemlich dumm dastehen mit unserem Glauben. Nun, ich bin ja ein großer Wissenschaftsfan. Aber wir müssen aufpassen, dass wir die Fähigkeiten der Wissenschaft auch nicht überschätzen. Ich bin ja gelernter Naturwissenschaftler. Und Naturwissenschaftler betreiben ihre Beweisführung vor allem mit 2 Instrumenten: Mit Beobachtung und mit wiederholbaren Experimenten. Aber in der Bibelwissenschaft ist diese Art der Beweisführung schwierig. Niemand kann in eine Zeitmaschine sitzen und beobachten, was damals wirklich passiert ist. Und weil es sich um einmalige historische Ereignisse handelt kann man dazu auch keine wiederholbaren Experimente machen. Die historischen Wissenschaften arbeiten mit Indizien. Und jeder Kommissar weiß, dass Indizien, die heute noch eindeutig zu sein erscheinen, morgen schon in einem ganz anderen Licht erscheinen können.

So war das übrigens auch bei diesen Fehlern, von denen ich am Anfang gesprochen hatte: Im Jahr 2014 hat der israelische Wissenschaftler Amichai Labin eine Arbeit publiziert, in der er nachweist, dass die lichtunempfindliche Zellschicht in der Netzhaut lichtleitende Eigenschaften besitzt und dass sie sogar gezielt dafür sorgt, dass die verschiedenen Wellenlängen des Lichts genau zu den richtigen lichtempfindlichen Sinneszellen gelangen. Wir sehen in Wahrheit also besser und nicht schlechter, weil die Netzhaut genau so gebaut ist, wie sie gebaut ist. Und im Jahr 2016 hat der Bibelbund eine genaue Analyse des Texts und der Wortbedeutung der verschiedenen Berichte über die Bekehrung des Paulus veröffentlicht. Dabei wurde deutlich: Dieser scheinbare Widerspruch ist in Wahrheit gar kein Widerspruch. Denn die genaue Übersetzung von Apostelgeschichte 22 bedeutet gar nicht, dass die Begleiter die Stimme nicht gehört hätten, sondern dass sie sie nicht verstanden haben. So übersetzt auch die neue Genfer Übersetzung: „Meine Begleiter verstanden aber nicht, was die Stimme sagte, die mit mir sprach.“ Von einem Fehler kann hier also keine Rede sein.

Die Indizienlage zeigt: Die Bibel ist ein buchgewordenes Wunder Gottes

Ja, es gibt immer noch Stellen, die ich nicht verstehe. Aber die Gesamt-Indizienlage ist doch überwältigend eindeutig: Die Bibel ist ganz Menschenwort und ganz Gotteswort, geschrieben von einzigartig glaubwürdigen, von Gottes Geist inspirierten Zeugen, die mit einer drastischen Ehrlichkeit über einen Zeitraum von 1.600 Jahren eine durchgängige Geschichte erzählt haben, die zahlreiche erfüllte Vorhersagen enthält und die bis heute zahllose Menschen aus allen Kulturen der Welt bewegt, begeistert und verändert. Die Eigenschaften der Bibel sind insgesamt so einzigartig und spektakulär, dass ich mich nur in Ehrfurcht und Staunen beugen kann vor diesem buchgewordenen Wunder Gottes. Das ist kein Buch, das Menschen ohne die Inspiration des Heiligen Geistes hätten hervorbringen können.

Die Gesamt-Indizienlage ist überwältigend eindeutig: Die Bibel ist ganz Menschenwort und ganz Gotteswort, geschrieben von einzigartig glaubwürdigen, von Gottes Geist inspirierten Zeugen, die mit einer drastischen Ehrlichkeit über einen Zeitraum von 1.600 Jahren eine durchgängige Geschichte erzählt haben, die zahlreiche erfüllte Vorhersagen enthält und die bis heute zahllose Menschen aus allen Kulturen der Welt bewegt, begeistert und verändert. Die Eigenschaften der Bibel sind insgesamt so einzigartig und spektakulär, dass ich mich nur in Ehrfurcht und Staunen beugen kann vor diesem buchgewordenen Wunder Gottes. Das ist kein Buch, das Menschen ohne die Inspiration des Heiligen Geistes hätten hervorbringen können.

Wir haben wirklich allen Grund, diesem Wort voll und ganz zu vertrauen und unser Leben und die Kirche Jesu darauf zu bauen.

Warum dieses Thema so grundlegend wichtig ist

Wissen Sie: Ich bin so froh, dass wir heute zusammen sind, um über die Bibel zu sprechen. Ich habe dieses Thema viele Jahre als nicht so wichtig angesehen. Andere Themen haben mich bewegt: Anbetung und Lobpreis. Gemeindebau. Einheit unter Christen. Diese Themen sind mir immer noch enorm wichtig. Aber in den letzten beiden Jahren ist mir immer deutlicher geworden, dass es kein Zufall war, dass ausgerechnet die Auseinandersetzung um die Bibel im Zentrum der Reformation gestanden hat.

In meiner Kirche wird gerade ja viel darüber nachgedacht, wie denn die Kirche wieder wachsen kann gegen den Trend. Und dann wird gesprochen über mehr Digitalisierung, über Influencer im Internet, über soziologische Analysen und frische Formen von Gemeinde. Und das ist alles gut. Und trotzdem spüren wir alle auch: Wirklich viel ausrichten werden wir damit nicht. Logisch. Denn das Problem ist doch: Der Kampf, in dem die Kirche Jesu seit jeher steht, ist in erster Linie ein geistlicher Kampf. Gerade in dieser Woche habe ich in meiner persönlichen Bibellese wieder gelesen, wie Paulus geschrieben hat: „Wir kämpfen nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut, sondern gegen die bösen Mächte und Gewalten der unsichtbaren Welt.“ Diesen Kampf gewinnt man nicht allein mit menschlichen Mitteln. Paulus sagt: Was ihr braucht ist das Schwert des Geistes, das Wort Gottes. Und dazu: Betet allezeit.

Ohne Gebet und Gottes Wort ist alles nichts

Und je länger ich im Gemeindebau aktiv bin, umso mehr sind es genau diese beiden Dinge, die mir wirklich Hoffnung machen: Die Macht des Gebets und die Kraft von Gottes lebendigem Wort. Wo diese beiden Dinge auf dem Rückzug sind, da ist die Kirche Jesu auf dem Rückzug. Gebet und Gottes Wort ist nicht alles im Gemeindbau. Aber ohne Gebet und Gottes Wort ist alles nichts. Und ich fürchte: Wenn wir das nicht klarkriegen, dass wir die Ehrfurcht vor Gottes heiligem Wort wieder aufrichten in unseren Kirchen und Gemeinden, dann bleiben all die anderen Bemühungen um Gemeindewachstum am Ende vergebliche Liebesmüh.

Je länger ich im Gemeindebau aktiv bin, umso mehr sind es genau diese beiden Dinge, die mir wirklich Hoffnung machen: Die Macht des Gebets und die Kraft von Gottes lebendigem Wort. Wo diese beiden Dinge auf dem Rückzug sind, da ist die Kirche Jesu auf dem Rückzug. Gebet und Gottes Wort ist nicht alles im Gemeindbau. Aber ohne Gebet und Gottes Wort ist alles nichts.

In einem Grundlagentext hat die EKD im Jahr 2017 geschrieben: „Die Reformatoren waren grundsätzlich davon ausgegangen, dass die biblischen Texte wirklich von Gott selbst gegeben waren.“ Leider hat die EKD diese richtige Feststellung kombiniert mit der Aussage, dass die biblischen Texte wegen der historisch-kritischen Forschung heute nicht mehr so damals als Wort Gottes verstanden werden könnten. Und ich bin mehr denn je überzeugt: Genau da liegt der Kern des Problems.

Für die Reformatoren hieß Sola Scriptura noch: Die Schrift bezeugt nicht nur die Offenbarung, nein, sie IST offenbartes Wort Gottes. Und deshalb hat sie in der Kirche Jesu das letzte Wort.

Die Schrift bezeugt nicht nur die Offenbarung, nein, sie IST offenbartes Wort Gottes. Und deshalb hat sie in der Kirche Jesu das letzte Wort.

Ich habe diese Sehnsucht, diesen großen Wunsch: Lassen Sie uns an allen Orten, von denen wir kommen, wieder leidenschaftlich dafür aufstehen, dafür beten und arbeiten, dass die gelebte Liebe zu Christus, die Macht des Gebets und die Kraft des offenbarten Wortes Gottes wieder das Fundament ist, auf dem die Kirche Jesu gebaut wird. Einen anderen Grund kann niemand legen als der, der gelegt ist, das ist Jesus Christus. Und von ihm wissen wir einzig und allein durch die Bibel.


Der Vortrag basiert auf Argumenten, die in den folgenden AiGG-Artikeln ausführlicher erläutert werden:

Dazu zwei aktuelle Buchempfehlungen:

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Das schwarze Loch und der Vater des Lichts

Ist Jesus wirklich auferstanden? Hat ein Schöpfer die Welt erschaffen? Mit wissenschaftlichen Mitteln können wir das nicht prüfen. Gott und seine Wunder entziehen sich einer naturwissenschaftlichen Beobachtung. An die Schöpfung und die Auferstehung können wir nur glauben – oder auch nicht.
 
Wirklich?
 
Vor einigen Tagen haben Wissenschaftler ein “Foto” eines schwarzen Lochs veröffentlicht. Vom schwarzen Loch ist auf dem Bild allerdings nichts zu sehen. Schwarze Löcher entziehen sich einer direkten Beobachtung, denn sie sind so stark, dass sie alles um sich herum aufsaugen, sogar das sie umgebenden Licht. Untersuchen und bildlich darstellen kann man nur die Auswirkungen des schwarzen Lochs: Heiße Gaswirbel, die schwarze Löcher umkreisen und darauf hinweisen, dass sich im Zentrum ein unfassbar starkes Kraftfeld befindet.
 
Auch die Auswirkungen der Schöpfung können wir untersuchen:
 
Und wir können die Auswirkungen der Auferstehung untersuchen:
 
  • Eine extrem dynamische Bewegung, die direkt am Ort und in der Zeit des Geschehens begann, der schon nach 30 Jahren der Brand Roms in die Schuhe geschoben wurde, die nach 300 Jahren gegen massivste Widerstände den gesamten Mittelmeerraum erobert hatte und den römischen Kaiser zwang, das Christentum zur Staatsreligion zu machen
  • Zahllose Zeugen, die bereit waren, für die Botschaft der Auferstehung alles aufzugeben und den Märtyrertod zu sterben – inklusive dem leiblichen Bruder Jesu (wie der Nichtchrist Josephus berichtet)
  • Zahllose Menschen, die völlig entgegen ihren Traditionen plötzlich anfingen, den Auferstehungssonntag statt den Samstag zum Feiertag zu machen und einen elend gekreuzigten Zeitgenossen als Gott und Herrn anzubeten
Was ist im Zentrum all dieser Beobachtungen? Zufall? Einbildung? Betrug? Alle Versuche, die Fakten auf natürlichem Weg zu erklären sind kläglich gescheitert. Es ist offensichtlich: Im Zentrum von all dem ist die stärkste Kraft des Universums: Gott selbst, der das Leben erschaffen und den Tod überwunden hat.
 
Die Wissenschaft kann den Schöpfer und den Herrn des Lebens nicht untersuchen. Aber sie kann die Spuren untersuchen, die er hinterlassen hat. Wo sie es mit offenem Herzen tut stößt sie nicht auf ein schwarzes Loch – sondern auf den Vater des Lichts.

Weiterführend zum Thema Schöpfung:

Weiterführend zur Auferstehung Jesu:

Das geplante Universum – Wie die Wissenschaft auf Schöpfung hindeutet

In den letzten Monaten sind mir eine Reihe von Theologen begegnet, die der Überschrift dieses Artikels wohl entgegnen würden: Wer mit der Wissenschaft die Existenz eines Schöpfers begründen will begeht von vornherein einen grundlegenden Kategorienfehler. Denn Wissenschaft und Religion bewegen sich auf 2 vollständig verschiedenen Ebenen.

Richtig daran ist: Mit Mitteln der Naturwissenschaft ist das Wesen und der Charakter eines Schöpfers ebenso wenig greifbar wie die Wunder, von denen die Bibel berichtet. Denn naturwissenschaftliche Methoden erfassen nur das Beobachtbare, das festen Gesetzmäßigkeiten gehorcht und deshalb überall auf der Welt in Experimenten wiederholbar ist. Was die Wissenschaft aber sehr wohl untersuchen kann sind die Spuren, die ein Schöpfer möglicherweise hinterlassen hat. In ihrem Buch „Das geplante Universum“ haben sich Markus Widenmeyer, Tobias Holder, Boris Schmidtgall und Peter Trüb auf diese Spurensuche gemacht und dabei eindrücklich dargelegt, wie stark gerade die Naturwissenschaft dafür spricht, dass das Leben und das Universum auf das Wirken eines intelligenten Geistes zurückgehen müssen. Denn wer mit den Augen eines Naturwissenschaftlers auf das Universum, die Erde und die Lebewesen schaut, stößt dort regelmäßig auf höchst funktionale Konstruktionen, die ganz offenkundig gezielt lebensfreundlich konzipiert sind und die gemäß all unserer Erfahrung und unserer empirischen Forschung unmöglich ein Resultat von absichtslosen, zufälligen Prozessen sein können. „Der Eindruck intelligenter Planung ist überwältigend“ schrieb der Physiker Paul Davies angesichts unseres Universums“ (zitiert auf S. 132).

Um diese These zu untermauern betrachten die Autoren die Welt aus mathematischer, physikalischer, chemischer und biologischer Sicht. Obwohl das Buch auch für Laien gut lesbar ist merkt man schnell: Diese Leute sind vom Fach! Markus Widenmeyer hat Chemie und Philosophie studiert. Tobias Holder promovierte am Max-Planck-Institut für Festkörperforschung. Boris Schmidtgall ist Chemiker, Peter Trüb ist ein Teilchenphysiker, der zwischenzeitlich mit der Berechnung von 22,4 Billionen Dezimalstellen der Zahl pi sogar einen Weltrekord aufgestellt hatte. Eine erste bedeutende Feststellung des Autorenteams stammt dementsprechend auch aus dem Feld der Mathematik: „Gemeinsam mit großen Wissenschaftlern wie Galileo Galilei oder Eugene Wigner kann man mit Fug und Recht sagen, dass unser Universum in der Sprache der Mathematik geschrieben ist.“ (S. 35) In einem „ungeplanten Universum“ ist das ebenso wenig selbstverständlich wie die Tatsache, dass es Naturgesetze gibt. Wer hat diese Gesetze „erlassen“? Und warum folgen sie vergleichsweise simplen, symbolisch elegant darstellbaren mathematischen Formeln? „Naturgesetze sind natürlich naturwissenschaftlich erfassbar. Sind sie aber wirklich auch naturwissenschaftlich erklärbar?“ (S. 11) Dazu stellen die Autoren fest: Nur der Theismus ist „im Einklang mit der Tatsache, dass Naturgesetze keinen abschließend erklärenden, sondern im Grunde nur einen beschreibenden Charakter haben.“ (S. 13)

Absolut faszinierend ist darüber hinaus, dass die Naturgesetze ebenso wie die Naturkonstanten und die Massen der Elementarteilchen höchst präzise genau so „konstruiert“ und fein aufeinander abgestimmt sind, dass biologisches Leben möglich ist. Die Tatsache, dass die Masse in unserem Universum weder in sich zusammensackt noch unkontrolliert auseinanderdriftet sondern stabile Strukturen für einen lebensfreundlichen Planeten bildet, ist extrem erstaunlich. In einem „zufälligen Universum“ dürfte man das niemals erwarten.

Auch in der Chemie setzt sich dieses Muster fort: „ An den Beispielen Kohlenstoff, Sauerstoff, Wasserstoff, Stickstoff und Phosphor haben wir gesehen, dass viele Elemente maßgeschneiderte, einzigartige und dabei nach allem, was wir wissen, unverzichtbare Eigenschaften für eine komplexe, funktionale Chemie besitzen, wie sie für organisches Leben nötig ist. … Eine geringfügige Veränderung der Parameter, die dem Baukastensystem zugrunde liegen, würde das ganze System zusammenbrechen lassen.“ (S. 101)

Alle diese perfekten Eigenschaften der Elemente würden aber nichts nützen ohne den extrem außergewöhnlichen energetischen Zustand des Universums: „Der … Zustand des Universums ist … mit einem Ritt auf der Rasierklinge zu vergleichen – und zwar in einer ganz extremen Weise. Weder ist die Energie statistisch gleichmäßig über den Raum verteilt, noch liegt sie räumlich zusammengeklumpt … Vielmehr liegt die Energie hochgradig ungleichmäßig vor, äußerst weit entfernt von einem Gleichgewichtszustand“ … und zwar konzentriert auf einen „Volumenanteil von rund 10-44 des Universums; andererseits ist sie aber auf rund 1080 Portionen verteilt.“ (S. 70/71) „Der Zustand unseres Universums ist also eine Besonderheit mit einer statistischen Unwahrscheinlichkeit, die jede Vorstellung sprengt, nämlich eins zu 10 hoch 10123!“ (S. 72)

Für mich als Biologen ist darüber hinaus natürlich die Frage nach der Entstehung des Lebens besonders spannend. Dazu stellen die Autoren fest: „Charles Darwin ahnte nicht ansatzweise, welche Komplexität biologischem Leben zugrunde liegt. Auch heutige Ingenieure können von vergleichbaren Konstruktionen auf technischer Ebene nur träumen.“ (S. 75) Entsprechend hat kein Biologe bis heute eine auch nur einigermaßen vielversprechende Idee, wie die phantastisch komplexen molekularen Maschinen, die in jeder einzelnen unserer Zellen höchst zuverlässig arbeiten, durch absichtslose Prozesse von selbst entstanden sein könnten.

Die bemerkenswerteste Eigenschaft unseres Universums ist wohl der Umstand, dass wir Menschen einen selbst-bewussten Geist haben, der über das Universum und seine Herkunft nachdenkt, der Mathematik und Philosophie betreibt und nach Moral, Ethik, Liebe und Schönheit fragt. Wie kann geistlose Materie Geist hervorbringen? Auch hier zeigt sich die Stärke der These einer geistigen Verursachung des Universums: „Der Theismus … steht … harmonisch mit der Tatsache im Einklang, dass es mit uns Menschen Geist in der Welt ohnehin gibt.“ (S. 140)

Nun ist all das im strengen Sinne natürlich kein Beweis für Gott. Schließlich ist nicht immer das richtig, was augenscheinlich naheliegend ist. Könnte es für die Feinabstimmung des Universums vielleicht trotzdem eine rein materielle Erklärung geben? Die Autoren behandeln verschiedene solcher Erklärungsversuche. Der berühmteste ist wohl das sogenannte „Multiversum“. Dieses Konzept geht „von der spekulativen Annahme aus, dass es einen Mechanismus gibt, der unendlich viele oder zumindest unvorstellbar viele Teiluniversen hervorbringt. Dabei soll der Mechanismus idealerweise nicht nur die Anfangsbedingungen, sondern auch die Naturkonstanten und vielleicht auch einige Aspekte der naturgesetzlichen Struktur variieren.“ (S. 120) Die Idee dahinter ist: Auch der unwahrscheinlichste Zufall wird irgendwann wieder wahrscheinlich, wenn die Anzahl der Optionen, in denen dieser Zufall eintreten könnte, ausreichend groß ist. So populär dieser spekulative Erklärungsversuch auch ist: Er erklärt eigentlich gar nichts. Denn: „Ein reales Multiversum setzt … zuerst ganz konkret ein produzierendes System für unzählige Dinge voraus.“ (S. 123) Woher kommt dieses produzierende System mit seinen feinabgestimmten Eigenschaften? Das grundlegende Problem des Multiversum-Ansatzes betrifft auch alle anderen Erklärungsversuche, die immer wieder vorgebracht werden: Es löst das Problem der Unwahrscheinlichkeit nicht, es verschiebt es nur! Entsprechend folgern die Autoren: „Erklärungsversuche der Feinabstimmung müssen an irgendeiner Stelle von speziellen Naturgesetzen und Randbedingungen ausgehen, die nicht weiter erklärbar sind. In diesen wäre dann die ganze Information der strukturellen Ordnung des Universums verpackt, sie selbst bleibt radikal unerklärt. … Bei allen innerweltlichen Erklärungen muss (mindestens) ein ähnliches Maß an Komplexität und Spezifität vorausgesetzt werden, wie es eigentlich zu erklären wäre. Der enorm unwahrscheinliche Zufall bleibt bestehen und kann substanziell nicht wegerklärt werden.“ (S. 150)

Die Autoren folgern deshalb zurecht: „Wir wissen, dass das Hervorbringen von komplexen, für einen bestimmten Zweck präzise maßgeschneiderten Objekten etwas mit Intelligenz und Geist zu tun hat. Das wissen wir zumindest in allen Fällen, bei denen der Ursprung der Objekte geklärt ist. Wir wissen, dass das Entwickeln und Anwenden mathematischer Konzepte ebenso etwas mit Intelligenz und Geist zu tun haben. Sowohl für die maßgeschneiderte Struktur einer Leben ermöglichenden Physik und Chemie als auch für die mathematischen Konzepte, die unser Universum regieren, ist es naheliegend, eine intelligente Person, einen Schöpfer anzunehmen.“ (S. 134) „Wir schlussfolgern, dass ein transzendentes, geistiges Wesen von sehr großer Intelligenz und Macht dieses Universum gewollt, geplant und hervorgebracht hat. Und dieses Wesen nennen wir Gott.“ (S. 150)

Sind wir Menschen ganz bewusst gewollte Geschöpfe? Oder sind wir Produkte des Zufalls und „Zigeuner am Rande des Universums“, das „für seine Musik taub ist und gleichgültig gegen seine Hoffnungen, Leiden oder Verbrechen“[1]? Diese Fragen sind für jeden Menschen existenziell. Sie sind eng mit der Frage nach unserer Identität, nach dem Sinn des Lebens, dem Wert und der Würde des Menschen verknüpft. Auch die Fragen nach Moral, Ethik, nach der Realität des freien Willens und der Verantwortung des Menschen hängen eng damit zusammen. Die Frage nach unserer Herkunft ist deshalb selbstverständlich auch für den christlichen Glauben höchst relevant. Nach vielen Jahrzehnten, in denen die Naturwissenschaft zumeist als überlegener Feind des Christentums dargestellt wurde, ist es eine bedeutende Nachricht, dass die Naturwissenschaft heute deutlicher denn je bestätigt, dass die biblische Annahme eines Schöpfers von den wissenschaftlichen Fakten klar gestützt wird. Es ist traurig, dass dieser Umstand bislang auch unter Christen noch so wenig bekannt ist und von einigen Theologen sogar immer noch bekämpft und belächelt wird[2]. Noch trauriger ist, dass unseren Schülern nach wie vor häufig das völlig schiefe Bild vermittelt wird, dass man die „Hypothese Gott“ für die Erklärung der Existenz des Universums und des Lebens nicht brauche[3].

Der Rückschluss von der naturwissenschaftlichen Faktenlage auf einen Schöpfer beruht dabei nicht – wie oft behauptet – auf immer kleiner werdenden Erklärungslücken. Es geht nicht um einen „Lückenbüßergott“, der eines Tages dem wachsenden wissenschaftlichen Fortschritt vollends zum Opfer fällt. Wer so argumentiert, übersieht mindestens 3 Dinge:

  • Erstens handelt es sich bei den ungeklärten Fragen ja nicht um „Lücken“, denn das würde ja nahelegen, dass die meisten Dinge schon erklärt wären. Neben all den Ungereimtheiten der Evolutionstheorie (z.B. der hochgradig diskontinuierliche Fossilbericht[4]) geht es bei den offenen Fragen ja um die absolut zentralen und grundsätzlichen Themen, die sich im Blick auf die Entstehung des Universums und des Lebens stellen: Wie kann hochspezifische Ordnung, zweckdienliche Information, Zielgerichtetheit und Geist durch geist- und ziellose, zufällige Prozesse entstehen?
  • Zweitens sind diese ungeklärten Fragen in den letzten 160 Jahren seit Darwin ja gerade nicht kleiner sondern mit dem wachsenden Wissen über die Komplexität des Lebens, die Feinabgestimmtheit des Universums und das Wesen von digitaler Information immer größer geworden – was im Trend für die Annahme spricht, dass schlüssige materialistische Erklärungen nachhaltig nicht gefunden werden können.
  • Drittens verzichtet die Annahme eines geistigen Verursachers ja gerade darauf, ungeklärte Fragen durch außerwissenschaftliche Annahmen „wegzuerklären“, so wie es der Materialismus tut mit der Annahme, dass man in Zukunft ganz bestimmt noch materialistische Erklärungen für die offenen Fragen finden werde. Das Zulassen der Option einer geistigen Verursachung wäre hingegen nur dann außerwissenschaftlich, wenn man aufgrund einer philosophischen Entscheidung den methodischen Atheismus der Naturwissenschaft derart verabsolutiert, dass auch ein punktuelles Schöpfungshandeln von vornherein prinzipiell ausgeschlossen wird. Das käme aber einer Beschneidung des freien, ergebnisoffenen wissenschaftlichen Denkens und Forschens gleich.

Die Annahme eines schöpferischen Geistes beruht nicht auf dem, was wir nicht wissen sondern auf dem, was wir wissen: Hochspezifische Ordnung und zweckdienliche codierte Information lässt gemäß allen unseren Beobachtungen, Erfahrungen und empirischen Ergebnissen immer auf einen geistigen Verursacher schließen. Der Rückschluss von den Eigenschaften unserer Welt auf einen Schöpfer ist deshalb in hohem Maße vernünftig und faktenbasiert. Ich finde: Gerade junge und sinnsuchende Menschen sollten die eindrücklichen Fakten dazu kennen, damit sie die Chance haben, sich selbst ein Bild zur Frage nach ihrer Herkunft und ihrer Identität machen.

Ich kann deshalb dem äußerst fundierten und zugleich spannenden und gut lesbaren Buch „Das geplante Universum“ nur eine möglichst weite Verbreitung wünschen.

Das Buch „Das geplante Universum – Wie die Wissenschaft auf Schöpfung hindeutet“ ist 2019 bei SCM-Hänssler erschienen und kann hier bestellt werden.


[1] So schreibt es der Nobelpreisträger Jaques Monod in „Zufall und Notwendigkeit“, Übersetzung: Friedrich Griese, Piper Verlag, München 1971

[2] So äußert z.B. der Theologe Siegfried Zimmer: „So einfach ist es nicht, dass man sagt: Ich kucke die Welt an, und wie wenn ich ein Bild irgendwo sehe, dann sag ich doch auch, das hat jemand gemalt, und wenn ich die Welt ankucke, dann sag ich, das hat jemand gemacht. Gell: Die lieben Christlein legen es sich so hübsch naiv zurecht.“ Im Vortrag: „Die erste Schöpfungserzählung (1. Mose 1,1-2,4a) – Teil 2“ Weimar: 21. Mai 2018, online unter https://worthaus.org/worthausmedien/die-erste-schoepfungserzaehlung-1-mose-11-24a-teil-2-8-4-2/ ab 10:37

[3] Gemäß dem berühmten Ausspruch des französischen Mathematikers, Physikers und Astronomen Pierre-Simon Laplace, der im Gespräch mit Napoleon geäußert haben soll: „Gott? Diese Hypothese habe ich nicht nötig!”

[4] Siehe dazu den AiGG-Artikel: „Evolution – Welterklärungsmodell am Abgrund?“ http://blog.aigg.de/?p=4140

Echte Liebe

Stell Dir einen Mann vor, der sagt: “Ich liebe diese Frau! Aber ich liebe nur Teile von ihr. Was mir an ihr nicht gefällt, das ignoriere ich einfach. Oder ich versuche, sie zu ändern.”
Wir würden sagen: Das ist keine Liebe. Das ist ein Egotrip. Es geht Dir doch nur um Dich und Deine Bedürfnisse. Echte Liebe selektiert nicht. Sie sagt Ja zum ganzen Menschen, so wie er ist. Sie stellt diesen Menschen in den Mittelpunkt, nicht die eigenen Vorlieben.

Bei Christus gilt das gleiche. Wir können nicht sagen: Ich liebe Jesus, aber nur, wenn er von der Feindesliebe spricht und Kinder segnet. Doch wenn er die Händler im Tempel schlägt und von der Hölle redet, dann ignoriere ich das lieber.

Wir können auch nicht sagen: Ich liebe sein Wort. Aber ich nehme darin nur das ernst, was mir gut gefällt. Die schwierigen Stellen ignoriere ich. Oder ich interpretiere sie einfach um und erkläre sie für überholt.
Das ist ein Egotrip. Echte Liebe sucht den echten Jesus, so wie er ist, in allen seinen Facetten, wie die Bibel ihn uns beschreibt von 1. Mose 1 bis Offenbarung 22. Sie will immer mehr über Jesus lernen und das eigene Bild von ihm korrigieren lassen. Sie nimmt sein Wort wichtiger als Menschenworte, selbst wenn sie laut, fordernd und besserwisserisch daherkommen. Denn kein Mensch weiß etwas über Jesus, außer es wird ihm von Gott und seinem Wort offenbart.

Echte Liebe sagt: Ich liebe diesen Jesus. Ihm will ich folgen. Und wer mir etwas über ihn beibringen will, der soll es aus seinem Wort heraus tun. Denn nur auf ihn kann und will ich mich verlassen – im Leben und im Sterben.

Können Christen heute noch an Adam, Eva und die Arche glauben?

Ist es angesichts der modernen wissenschaftlichen Er­kennt­nisse nicht vernunfts- und wissenschaftsfeindlich, die Erzählungen der biblischen Urgeschichte für historisch zu halten?

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Wer heute noch an Adam, Eva und die Arche glaubt, gilt inzwischen auch in vielen christlichen Kreisen im besten Fall als skurril, im schlechtesten Fall als ein Feind von Vernunft und Wissenschaft. Tatsächlich gibt es Beispiele von erschreckender Wissenschaftsfeindlichkeit unter Christen. Neulich schrieb mir jemand: In seiner Gemeinde sei gelehrt worden, dass der Teufel die Dino-Knochen vergraben habe, um den Menschen den Glauben an die Bibel zu vermiesen. Zum Glück ist derart schräger Unfug selten. Relativ weit verbreitet ist aber leider die Praxis, solche Fragen totzuschweigen. Die Folge ist am langen Ende, dass Menschen unsere Gemeinden und Gemeinschaften verlassen, weil sie diese Fragen nicht unter den frommen Teppich kehren wollen oder können.

Deshalb müssen wir uns dringend dieser Frage stellen: Wie sollen moderne, aufgeklärte Christen umgehen mit den teils krassen Unterschieden zwischen den biblischen Berichten zur Urgeschichte und den Erkenntnissen der modernen Wissenschaft, wenn Sachkritik an der Bibel[1] aus Glaubensgründen nicht in Frage kommt?

Der Glaube an eine „junge Erde“: Die Faktenlage

Etwa 1800 Jahre lang hat praktisch die gesamte Kirche Jesu den biblischen Bericht über die Entstehung der Erde „wörtlich“[2] ernst genommen und geglaubt, dass sich die Geschichten von Adam, Eva, dem Sündenfall, der weltweiten Sintflut und der babylonischen Sprachverwirrung tatsächlich in etwa so ereignet haben. Weltweit gesehen gilt das auch heute noch für die Mehrheit der Christen. Vielen ist dabei durchaus bewusst, wie problematisch es ist, die gesamte Weltgeschichte, Archäologie und Geologie in einen Zeitraum von etwa 6.000 bis 10.000 Jahren zu pressen. Zwar gibt es eine Reihe von historischen Indizien, die durchaus für eine Historizität der biblischen Urgeschichte sprechen.[3] Auch in der Biologie und Geologie gibt es Fakten, die im Modell einer „jungen Erde“ sogar deutlich besser erklärt werden können (z.B. das Phänomen der „lebenden Fossilien“ oder der wiederbelebbaren Sporen in uralten Fossilien, in denen längst alle biologischen Materialen hätten zerfallen sein müssen). Richtig ist auch, dass es für einige geologische Phänomene, denen man früher eine Dauer von Jahrmillionen zuschrieb, inzwischen sehr überzeugende Kurzzeitmodelle gibt.[4] Andererseits deuten einige Fakten auch klar auf ein deutlich höheres Alter der Erde hin: Die radiometrischen Datierungen, die Entfernung der Sterne im Universum (deren Licht dann noch gar nicht bei uns angelangt sein dürfte) und einige geologische Phänomene, für die es bislang keine befriedigende Kurzzeitmodelle gibt.

Das naturhistorische Standardmodell: Nicht weniger problematisch

Fakt ist aber auch: Mit dem Problem schwerwiegender ungelöster Fragen sind die Anhänger einer jungen Erde keinesfalls allein. Ich kenne kein einziges Modell zur Entstehung des Kosmos, der Erde und der Organismenvielfalt, das nicht mit vergleichbar schwerwiegenden und grundlegenden Problemen zu kämpfen hätte. Das gilt gerade auch für das naturhistorische Standardmodell, in dem das Eingreifen eines wie auch immer gearteten Schöpfers oder Designers von vornherein aus Prinzip grundsätzlich ausgeschlossen wird. Die Probleme dieses Modells, das die Entstehung komplexer physikalischer und biologischer Systeme bis hin zum menschlichen Bewusstsein ausschließlich durch ungerichtete, absichtslose und somit letztlich zufällige Prozesse erklären möchte, sind in den letzten 150 Jahren nicht kleiner sondern im Gegenteil stetig größer geworden.[5] Noch nie wussten wir so viel darüber, wie unfassbar komplex und fein aufeinander abgestimmt die Elemente des Universums und des Lebens sind. Entsprechend groß ist die Ratlosigkeit in Bezug auf die Frage, wie diese hochkomplexen Systeme entstehen konnten.[6]

Die oft geäußerte Annahme, dass sich diese offenen Fragen in der Zukunft schon noch klären und die Erklärungslücken immer kleiner werden, entspricht seit Jahrzehnten nicht der wissenschaftlichen Realität. Durch Wissenszuwachs werden diese „Lücken“ größer, weil der Erklärungsbedarf einerseits zunimmt, andererseits die Defizite erklärender Evolutionstheorien immer offenkundiger werden. Und Tatsache ist natürlich auch: Mit der Behauptung, dass zukünftige Erkenntnisse die Probleme meines Welterklärungsmodells schon noch lösen werden, könnte man schlichtweg JEDES Modell zur Entstehung der Welt verteidigen und gegen JEDE Kritik immun machen. Dieses Pseudoargument trägt daher zum wissenschaftlichen Wettbewerb der verschiedenen Modelle absolut nichts bei, im Gegenteil: Es blockiert den Dialog und das ehrliche, offene Argumentieren.

Theistische Evolution: Ist der Mix aus Schöpfung und Evolution die Antwort?

Nicht wenige Christen wollen sich heute nicht entscheiden zwischen Schöpfung und Evolution. Stattdessen vertreten sie einen Mix aus beiden Modellen und bezeichnen dies als „theistische Evolution“. Dabei wird angenommen, dass Gott die Evolutionsprozesse benutzt habe, um die Organismenvielfalt zu erschaffen. Wie diese göttlichen Eingriffe in den Evolutionsprozess genau vonstatten gegangen sein sollen, wird dabei meist nicht näher erklärt.

Vertreter dieses Modells glauben oft, auf diese Weise Glaube und Naturwissenschaft versöhnen zu können. Dabei scheint ihnen nicht immer bewusst, dass sie mit dieser Sichtweise in der „Scientific Community“, also der akademischen naturwissenschaftlichen Welt, letztlich genauso im Abseits stehen wie die Anhänger einer Schöpfung ohne Evolution. Denn der akademische Wissenschaftsbetrieb ist nun einmal strikt naturalistisch ausgerichtet. Egal ob mit oder ohne Evolution: Wer mit göttlichen Eingriffen rechnet wird immer vom gleichen Schicksal heimgesucht: Keine Publikationen, keine Fördergelder, keine Vorträge an wissenschaftlichen Symposien, somit auch keine wissenschaftliche Karriere und kein Einfluss auf die wissenschaftliche Diskussion.[7] Kein Wunder, dass einige Vertreter der theistischen Evolution das Schöpfungshandeln Gottes inzwischen gänzlich auf die Zeit des Urknalls oder auf quantenphysikalische und somit äußerlich nicht fassbare Prozesse beschränken und behaupten: Gott habe nicht zielgerichtete Prozesse gebraucht, um sein Ziel der Erschaffung des Menschen zu erreichen – ein innerer Widerspruch und ein Dilemma, das letztlich nicht schlüssig aufgelöst werden kann. Reinhard Junker hat zudem in Anlehnung an J. G. West dargelegt, dass diese Denkweise das Modell der theistischen Evolution letztlich in eine frappierende Nähe zu gnostischen Lehren bringt.[8]

Wenig bekannt scheint unter den Anhängern einer theistischen Evolution auch zu sein, dass die Faktenlage in der Fossilienforschung („Paläontologie“) gerade nicht zur These einer schrittweisen Höherentwicklung der Lebewesen passt und somit auch einer theistischen Evolution widerspricht. So berichtet der Paläontologe Dr. Günter Bechly, dass die Baupläne der unterschiedlichen Tiergattungen im Fossilienbericht fast immer plötzlich und explosionsartig auftauchen.[9] Um diesem Befund gerecht zu werden müsste man eher von abschnittsweisen, über Jahrmillionen verteilten Schöpfungsakten ausgehen. Stimmt der biblische Schöpfungsbericht aus 1. Mose 1 also doch, nur dass (vielleicht in Anlehnung an 2. Petrus 3, 8) die „Tage“ nicht 24 Stunden sondern Jahrmillionen dauerten? Was auf den ersten Blick verlockend klingt, wirft aus biblischer und ethischer Perspektive eine ganze Reihe schwieriger Fragen auf[10]:

  • Wie passt dieses Modell zur biblischen Lehre, dass der Tod nicht Teil von Gottes guter Schöpfung sondern Folge der Sünde des Menschen ist (Römer 5, 12; Römer 8, 20ff.; 1. Korinther 15, 20ff.)? Wie kann dann noch der Zusammenhang zwischen Adam und Christus aufrecht erhalten werden, der für die Theologie von Paulus so zentral ist?
  • Warum sind viele der geschaffenen Tier- und Pflanzenformen längst schon wieder ausgestorben, bevor die Schöpfung zu ihrem „sehr guten“ Abschluss kam? Was sagt es über den Charakter Gottes, wenn Gott die Überproduktion von Nachkommen und ihren Tod durch Auslese der Schwächeren geradezu als Schöpfungsmethode verwendet?
  • Warum beginnt und endet Gottes Geschichte mit den Menschen in einem vergleichsweise winzigen Zeitabschnitt der gesamten Schöpfungs- und Menschheitsgeschichte?
  • Gibt es gar keine klare, grundsätzliche Abgrenzung zwischen Mensch und Tier, da beide doch nahe verwandt sind? Befindet sich der Mensch in einer Höherentwicklung? Sind wir selbst die „Neandertaler der Zukunft“? Gibt es Menschen, die höher entwickelt sind als andere? Wie passt das zur biblischen Lehre, dass alle Menschen gleichermaßen als Gottes Ebenbild geschaffen wurden?

Mischformen und Abwandlungen

Zwischen den geschilderten drei Erklärungsansätzen zur Entstehung unserer Welt gibt es noch zahlreiche Abwandlungen und Mischformen.[11] So geht zum Beispiel der bekannte Theologe Timothy Keller davon aus, dass Adam und Eva tatsächlich das historisch erste Menschenpaar nach dem Ebenbild Gottes waren, dass sie aber gleichzeitig das letzte Glied einer langen evolutionären Entwicklung darstellten.[12] Aufgrund bestimmter textlicher Eigenschaften des ersten Schöpfungsberichts in 1. Mose 1 argumentiert Keller dafür, dass die Aussageabsicht dieses Textes anders als die nachfolgenden Kapitel metaphorisch sei und nicht historisch. Daher sieht er auch Möglichkeiten, die Annahme einer „alten Erde“ mit der Aussageabsicht der biblischen Autoren zu vereinbaren und gleichzeitig an Adam und Eva als reale geschichtliche Personen zu glauben.

Auch wenn dieser Ansatz verschiedene neue Fragen und Probleme aufwirft[13] zeigt sich daran: Es gibt Theologen, die sowohl der Aussageabsicht der Schrift vertrauen und trotzdem in Bezug auf die tatsächlich abgelaufene Erdgeschichte zu unterschiedlichen Sichtweisen gelangen. Welches Modell am Ende sowohl mit der Aussageabsicht der Bibel als auch mit den Spuren aus der Entstehungsgeschichte der Erde am besten vereinbar ist, das kann, soll und wird auch unter Bibeltreuen weiter engagiert diskutiert werden.

Außerwissenschaftliche Vorurteile: ALLE müssen sich ehrlich machen!

Das geht aber nur auf Basis einer nüchternen, ehrlichen Bewertung aller Fakten. Und es geht nur, indem jede Seite sich offen und ehrlich den Tatsachen stellt – gerade auch denen, die dem eigenen Weltbild entgegenstehen (wie es nach meiner Erfahrung z.B. die Studiengemeinschaft Wort und Wissen seit vielen Jahren in vorbildlicher Weise tut). Und das geht nur, wenn man andere Sichtweisen nicht von vornherein lächerlich macht, wie es Kritiker der vorherrschenden naturalistischen Ursprungsforschung leider oft erleben müssen.[14]

Für eine faire Debatte wäre es außerdem wichtig, ehrlich die außerwissenschaftlichen Vorent­scheidungen offen zu legen, die letztlich  in jedem Modell zur Entstehung unserer Welt eine erhebliche Rolle spielen:

  • Bibeltreue Christen haben sich zum Beispiel entschieden, der Aussageabsicht der Bibel vorbehaltlos zu vertrauen. Wenn ein Bibeltext historisch gemeint ist, dann wird er auch dann historisch ernst genommen, wenn wissenschaftliche Fakten aktuell dieser Annahme entgegenstehen.
  • Der akademische Wissenschaftsbetrieb hat sich entschieden, grundsätzlich ausschließlich natürliche Ursachen für die Entstehung unserer Welt in Erwägung zu ziehen. An diesem wissenschaftlich nicht begründ- und belegbaren Ausschluss göttlichen Wirkens hält man fest, selbst wenn wissenschaftliche Fakten aktuell dieser Annahme entgegenstehen.[15]

Außerwissenschaftliche Vorurteile sind also keine Spezialität bibeltreuer Christen. Sie sind auch im Wissenschaftsbetrieb ganz normal und für sich genommen überhaupt kein Grund, jemanden als vernunfts- oder wissenschaftsfeindlich zu diskreditieren. Wichtig ist nur, sich offen, ehrlich und vorurteilsfrei den Fakten und dem wissenschaftlichen Diskurs zu stellen, sich ergebnisoffen an der Erforschung der Ursprungsfragen zu beteiligen und dabei eigene außerwissenschaftliche Denkvoraussetzungen ehrlich offen zu legen. Es wäre schön, wenn dies auf allen Seiten gleichermaßen geschehen würde.

Warum ich Naturwissenschaft genial finde UND der Bibel vertraue

Ich bin ein großer Naturwissenschaftsfan! Ich bin tief beeindruckt von den gewaltigen naturwissenschaftlichen Erfolgen der letzten Jahrhunderte. Als Bibelleser bin ich von diesen Erfolgen auch nicht wirklich überrascht. Es war ja gerade das Christentum, das durch die biblische Trennung zwischen Schöpfer und Schöpfung wegbereitend für die Entstehung der modernen Naturwissenschaft war[16]. Speziell bei den Ursprungsfragen sehe ich die Festlegung auf den Naturalismus allerdings kritisch – und somit natürlich auch die Theorien, die auf der Basis dieses außerwissenschaftlichen Vorurteils entstanden sind. Die Naturwissenschaft ist zwar ungeheuer erfolgreich bei der Frage, WIE die Welt FUNKTIONIERT. Äußerst mager sehen ihre Erfolge aber aus bei der Frage, WOHER sie kommt und wie sie ENTSTANDEN ist. Gerade bei den Fragen nach dem Woher und Wohin finde ich es sehr vernünftig, die Begrenztheit menschlicher Erkenntnisfähigkeit besonders gut im Blick zu behalten. Wir wären nicht die erste Generation, die bei diesen Themen breit akzeptierte wissenschaftliche Sichtweisen gründlich revidieren muss. Günter Bechly hat diesbezüglich jüngst darauf hingewiesen, dass gerade die Evolutionsforschung aktuell in einer grundlegenden Krise steckt, die hinter den Kulissen und zum Teil sogar schon ganz offen diskutiert wird.[17]

Können Christen heute noch an Adam, Eva und die Arche glauben? Ja, natürlich! Und zwar ohne ihren Verstand an der Kirchengarderobe abgeben zu müssen. Es gibt so viele gute Gründe, warum es auch heute noch absolut vernünftig ist, den Aussageabsichten der Bibel vollständig zu vertrauen.[18] Deshalb können natürlich auch aufgeklärte Christen zu dem begründeten Schluss kommen, dass ein realer historischer Hintergrund hinter den biblischen Erzählungen in 1. Mose 1-11 den biblischen Texten und den wissenschaftlichen Fakten insgesamt am besten gerecht wird. Wer solche Christen lächerlich macht oder ihnen von vornherein Vernunfts- oder gar Wissenschaftsfeindlichkeit unterstellt ist nicht nur respekt- und lieblos, sondern offenbart auch ein trauriges Halbwissen in Bezug auf die heutige Sach- und Faktenlage.


Buchempfehlung: Im von Reinhard Junker herausgegebenen Sammelband “Genesis, Schöpfung und Evolution” finden sich eine Reihe von qualitativ hochwertigen Artikeln zu Themen rund um die biblische Urgeschichte – sachlich, fundiert und trotzdem zumeist auch für Laien verständlich. Bezogen werden kann das Buch hier beim SCM-Verlag.

Anmerkungen:

[1] Also z.B. die Ablehnung der Historizität biblischer Texte, obwohl sie aufgrund ihrer Texteigenschaften und ihres Kontexts von den biblischen Autoren offenkundig historisch gemeint sind und auch von anderen biblischen Autoren historisch gelesen werden – siehe dazu der AiGG-Artikel „Streit um das biblische Geschichtsverständnis“

[2] Zur Definition des Begriffs „wörtlich“ im Zusammenhang mit Bibelauslegung siehe der AiGG-Artikel „Ist die Bibel unfehlbar“?

[3] Siehe dazu der AiGG-Artikel: „Geschichten, die die Welt bewegen“

[4] Übersichtlich zusammengestellt von Manfred Stephan in „Einige Befunde aus verschiedenen Wissenschaften, die zu einer kürzeren Erdgeschichte passen oder der Aktualismus in Frage stellen“ W+W-Disk.-Beitr. 4/08; vgl. auch die Artikelsammlung zu „Gültigkeit und Grenzen geologischer Zeitbestimmung“

[5] Einige der zentralen Probleme wurden im AiGG-Artikel „4 Dinge, für die ich Atheisten bewundere“ kurz dargestellt.

[6] Dazu äußerte der US-amerikanische Chemiker Prof. James M. Tour im Jahr 2016: „Diejenigen die denken, dass die Wissenschaft die Details des Ursprungs des Lebens verstanden hätte, sind vollständig uninformiert. Niemand versteht es. … Die Basis, auf der wir als Wissenschaftler stehen, ist so wackelig, dass es das Beste wäre, die Situation ganz offen als das zu bezeichnen, was es ist: Ein Rätsel.“ (ab 1:07:13 im Vortrag: The Origin of Life: An inside story“, 2016)

[7] Den ideologischen Charakter des Gottesausschlusses in der universitären Ursprungsforschung und die massiven Folgen für wissenschaftliche Karrieren belegt der äußerst sehenswerte und Film „Expelled – Intelligenz streng verboten“ sowie der persönliche Erfahrungsbericht des Paläontologen Günter Bechly

[8] Reinhard Junker (2011) in Theistische Evolution und moderne Theologie: „Nichts Neues unter der Sonne“

[9] Näheres dazu im AiGG-Artikel „Evolution – ein Welterklärungsmodell am Abgrund?“

[10] Eine ausführliche Kritik des Konzepts „theistische Evolution“ findet sich im Buch „Leben durch Sterben? Reinhard Junker 1994. Eine detaillierte kritische Betrachtung moderner Konzepte von theistischer Evolution findet sich im Artikel „Theistische Evolution nach Denis Alexander und nach BioLogos“ von Reinhard Junker (2012) aus: Junker, R. (Hrsg.) Genesis, Schöpfung und Evolution. Studium Integrale. Holzgerlingen, 3. Auflage 2017 (so auch Text aus Anm. 8)

[11] Eine Übersicht gibt dazu das Video von Stephan Lange „Wie alt ist die Erde: 6000 oder 4,6 Milliarden Jahre?“

[12] Dargelegt in seinem Buch „Adam, Eva und die Evolution“, 2018

[13] siehe dazu die Rezension des Buchs „Adam, Eva und die Evolution“ von Dr. Reinhard Junker

[14] So erzählt Dr. Günter Bechly im äußerst empfehlenswerten 30-minütigen Interview, wie er aufgrund seines wachsenden Zweifels an der vorherrschenden naturalistischen Erklärung zur Entstehung der Welt letztlich seinen Job am Naturkundemuseum in Stuttgart verlor.

[15] Von besonderer Bedeutung ist dazu die oft scharf und emotional geführte Diskussion um das Design-Argument, ausführlich diskutiert von Markus Widenmeyer & Reinhard Junker unter „Der Kern des Design-Arguments in der Biologie und warum die Kritiker daran scheitern“ 12 / 2016

[16] Siehe dazu der AiGG-Artikel „Das bestätigte Weltbild“

[17] Siehe dazu der AiGG-Artikel „Evolution – Welterklärungsmodell am Abgrund?“

[18] Siehe dazu der AiGG-Artikel „10 Gründe, warum es auch heute noch vernünftig ist, der Bibel zu vertrauen“

Die Auferstehung Jesu: Fakt oder Fiktion? Der Indizienprozess

Ist Jesus tatsächlich auferstanden? Hat er den Tod überwunden? Gibt es somit Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod? Diese Frage ist nicht nur für die Kirche sondern letztlich für alle Menschen absolut entscheidend. Sie wird hier im Rahmen eines Indizienprozesses verhandelt. Der AiGG-Blog dokumentiert den Prozessverlauf:

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Richter: Sehr verehrte Anwesende, ich begrüße Sie im Gerichtssaal. Der Fall, um den es geht, ist Ihnen bekannt. Ich will zunächst betonen: Heute geht es nicht um Glauben! Vor Gericht zählen ausschließlich Fakten, Fakten und noch einmal Fakten. Ob die Geschichte von der Auferstehung stimmt oder nicht können wir mit naturwissenschaftlichen Mitteln nicht klären, denn Naturwissenschaft arbeitet mit Beobachtung und mit reproduzierbaren Experimenten. Beide Instrumente taugen zur Klärung dieses Falles leider nur sehr eingeschränkt. Wenn Geschichtswissenschaftler herausfinden wollen, ob ein Ereignis tatsächlich stattgefunden hat, müssen sie letztlich einen Indizienprozess führen, genau wie in einem Strafprozess geprüft werden muss, ob jemand tatsächlich ein Verbrechen begangen hat oder nicht.  Dafür müssen Spuren und Hinweise gesammelt und auf ihre Beweiskraft geprüft werden. Zeugen müssen befragt und ihre Glaubwürdigkeit muss bewertet werden. Genau das werden wir heute tun. Dabei werden wir 2 Dinge als Fakten voraussetzen, weil sie bereits zuvor ausführlich geprüft und eindeutig entschieden wurden:

  • Jesus hat gelebt!
  • Er ist in Jerusalem gekreuzigt worden!

Diese beiden Tatsachen sind heute nicht mehr wirklich umstritten, nicht einmal unter sehr kritischen Theologen und Wissenschaftlern. Schließlich gibt es neben den biblischen Berichten auch zahlreiche außerbiblische Bestätigungen, z.B. vom römischen Geschichtsschreiber Tacitus, vom jüdischen Geschichtsschreiber Josephus Flavius, aus dem Talmud und viele mehr.

Heute geht es um die Frage: Ist Jesus nicht nur gekreuzigt worden, sondern ist er auch leiblich von den Toten auferstanden? Genau das wurde und wird bis heute von den Nachfolgern Jesu behauptet. Der Anwalt der Anklage hat eine ganze Reihe von Einwänden gegen diese These zusammengetragen. Herr Anwalt: Sie vertreten eine Gruppe ganz unterschiedlicher Kläger, die sich gegen die Verbreitung der Auferstehungsbotschaft wenden. Könnten Sie bitte die Anklagepunkte zusammenfassen.

Die Anklageschrift

Anklage: Sehr gerne. Zunächst möchte ich betonen: Es handelt sich hier um einen äußerst schwerwiegenden Skandal! Die christlichen Kirchen dieser Welt haben viele Millionen von Menschen hinters Licht geführt. Sie haben ihnen eine falsche Hoffnung eingeimpft mit einer Geschichte, die sie nicht beweisen können und die naturwissenschaftlich unhaltbar ist. Zahllose Menschen sind wegen diesem Unfug einen sinnlosen Märtyrertod gestorben. Was für ein Verbrechen! Vor diesem dramatischen Hintergrund hält die Anklage die absolute Höchststrafe für mehr als angemessen.

Richter: Ich nehme das zur Kenntnis. Aber wenn Jesus nicht wirklich auferstanden ist, wie ist es dann aus Sicht der Anklage tatsächlich gewesen?

Anklage: Die Kläger, die ich vertrete, sind sich darin nicht völlig einig. Die unterschiedlichen Alternativszenarien der verschiedenen Klageparteien lauten wie folgt:

  • Es war gar nicht Jesus, der ans Kreuz geschlagen wurde. Das vertritt zum Beispiel der Koran.
  • Jesus war gar nicht tot sondern er war nur betäubt oder scheintot.
  • Die Leiche wurde gestohlen oder ist auf andere Weise verschwunden. Das vertrat z.B. Johann Wolfgang von Goethe.
  • Die Jünger hatten nur Visionen und Halluzinationen.
  • Die ganze Geschichte ist erfunden und stellt eine große Lüge dar.

Richter: Vielen Dank. Somit schreiten wir zur Prüfung der Fakten. Was können wir zu dieser Geschichte heute sicher wissen? Welche Spuren hat sie hinterlassen?  Herr Verteidiger, welche Beweise können Sie uns zu diesen Fragen präsentieren?

Die schnelle Verbreitung in der Zeit und der Region der Augenzeugen

Verteidiger: In der Tat kann ich Ihnen heute eine ganze Reihe von Indizien und Beweisen präsentieren. Das 1. Beweisstück, das ich dem Gericht vorlegen möchte, ist die rasend schnelle Ausbreitung des Auferstehungs­glaubens trotz allergrößter Widerstände. Nur 31 bis 34 Jahre nach der Kreuzigung (im Jahr 64 n.Chr.) hat sich der weit entfernt regierende römische Kaiser Nero vom Christentum bereits so bedroht gefühlt, dass er den Christen den Brand Roms in die Schuhe schob. Innerhalb von nur 270 Jahren hat sich dieser Glaube über den gesamten Mittelmeerraum ausgebreitet. Obwohl das römische Reich die Christen massiv bekämpft hat musste es nach etwa 300 Jahren kapitulieren und hat schließlich selbst den christlichen Glauben angenommen. Diese extrem schnelle Ausbreitung einer neuen Religion gegen größte Widerstände, massive Gewalt und Verfolgung, ohne Machtinstrumente, ohne moderne Kommunikations- oder Verkehrsmittel und erst recht ohne Waffengewalt ist historisch absolut einmalig.

Richter: Vielen Dank. In der Tat müssen wir hier die Frage stellen: Woher kam diese unglaubliche Dynamik? Wie konnte eine solch ungewöhnliche Geschichte eine solche Bewegung auslösen? Das wird noch zu klären sein. Herr Verteidiger: Haben Sie noch mehr Beweisstücke?

Verteidiger: Ja. Das 2. Beweisstück lautet: Der Glaube an die Auferstehung ist am Ort und in der Zeit der Augenzeugen entstanden! Er nahm seinen Ausgangspunkt dort, wo die Geschichte geschehen sein soll: In Jerusalem! Und zwar kurz nach der Kreuzigung Jesu. Das stützt die Glaubwürdigkeit der Osterbotschaft, denn Lügen (z.B. über ein leeres Grab) kann man nur schwer direkt am Ort des Geschehens verbreiten, wo viele Augenzeugen die Lüge direkt entlarven könnten.

Richter: Gibt es konkrete Belege dafür, dass sich dieser Glaube wirklich kurz nach der Kreuzigung in Jerusalem ausgebreitet hat?

Verteidiger: Ja, und zwar in der Bibel selbst: In 1. Korinther 15, 3-4 zitiert Paulus ein Glaubensbekenntnis, das er nicht selbst geprägt hat, sondern das er selbst empfangen hat. Ich zitiere:

„Denn als Erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe: Dass Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift; und dass er begraben worden ist; und dass er auferweckt worden ist am dritten Tage nach der Schrift. Er wurde von Petrus gesehen und dann von den zwölf Aposteln.“

Die Theologen sind sich einig: Die formelhafte Formulierung dieses Textes steht für ein fixiertes Glaubensbekenntnis, das Paulus gehört und gelernt haben muss, als er selbst nach Jerusalem kam, um die Gemeinde und die Apostel zu treffen. Das war etwa 3 – 5 Jahre nach der Kreuzigung.

Richter: Gibt es auch außerbiblische Zeugnisse dazu?

Verteidiger: Der römische Geschichtsschreiber Tacitus schrieb: Kaiser Nero verhängte „die ausgesuchtesten Strafen über die wegen ihrer Verbrechen Verhassten, die das Volk ‚Chrestianer‘ nannte. Der Urheber dieses Namens ist Christus, der unter der Regierung des Tiberius vom Prokurator Pontius Pilatus hingerichtet worden war. Der Aberglaube verbreitete sich nicht nur in Judäa, wo das Übel aufgekommen war, sondern auch in Rom.“

Richter: Vielen Dank. Tacitus bestätigt hier in der Tat, dass der christliche Glaube ursprünglich aus Judäa kam, also der jüdischen Provinz, in der Jerusalem die Hauptstadt war. Herr Verteidiger: Bitte fahren Sie fort mit Ihren Beweisen!

Das leere Grab

Verteidiger: Das 3. Beweisstück ist das leere Grab. Das Grab Jesu wird bis heute in der Grabeskirche in Jerusalem verehrt, und die meisten Gelehrten gehen davon aus, dass es sich wirklich dort befunden hat. Seit das Grab verehrt wird war es schon immer leer. Zu keiner Zeit gingen die Christen davon aus, dass dort der Leichnam Jesu liegt. Und was noch wichtiger ist: Es gibt keine einzige Quelle, weder innerhalb noch außerhalb der Bibel, die einen Hinweis darauf geben würde, dass die ersten Christen sich mit einem Leichnam Jesu hätten auseinandersetzen müssen oder dass irgendjemand behauptete, den Verbleib Jesu oder seines Leichnams zu kennen. Stattdessen gibt es lediglich eine sehr alte Behauptung, dass die Jünger den Leichnam gestohlen hätten. So berichtet es der Evangelist Matthäus:

„Sofort wurde eine Versammlung aller Ältesten einberufen. Sie beschlossen, die Soldaten zu bestechen, und gaben ihnen die folgende Anweisung: »Ihr müsst sagen: `Die Jünger von Jesus kamen in der Nacht, während wir schliefen, und haben seinen Leichnam gestohlen.´ Wenn der Statthalter davon erfährt, werden wir euch beistehen. Ihr braucht nichts Schlimmes zu befürchten.« Die Soldaten nahmen das Bestechungsgeld an und sagten, was ihnen aufgetragen worden war. Ihre Geschichte verbreitete sich unter den Juden, und sie erzählen sie noch bis zum heutigen Tag.“ (Matth. 28, 11-15)

Ganz offensichtlich rechnete Matthäus damit, dass seine Leser diese Legende kennen, sonst hätte er nicht die weite und anhaltende Verbreitung so betont. Somit muss sie wirklich existiert haben. Das beweist zweierlei:

Erstens: Auch für die Gegner des Christentums war das Grab wirklich leer. Sie konnten keinen Leichnam präsentieren, um die Botschaft der Christen zu entkräften.

Zweitens: Es gab eine enorme Erklärungsnot der Gegner der Christen. Denn was ist das für eine absurde Geschichte! Die Soldaten sollen eingeschlafen sein? Einschlafen während der Wache wurde damals schwer bestraft. Deshalb musste man den Soldaten Beistand zusichern, sonst hätten sie das nie geäußert. Und dann sollen verschüchterte, tief enttäuschte Jünger todesmutig direkt neben den schlafenden Wachen den schweren Grabstein beiseite gerollt und den Leichnam geklaut haben? Wer sich eine so unglaubwürdige Geschichte ausdenkt, muss wirklich in großer Erklärungsnot gewesen sein! Insgesamt kann man heute deshalb das leere Grab tatsächlich als historisch zuverlässig ansehen.

Anklage: Das ist aber noch längst kein Beweis für die Auferstehung! Selbst Lukas schildert ja, dass das leere Grab nur Verwirrung gestiftet hat und sogar von den Jüngern nicht als Beweis für die Auferstehung gewertet wurde!

5 unabhängige schriftliche Zeugen

Richter: Das ist richtig. Ich denke, es ist Zeit, sich den Zeugenaussagen zuzuwenden. Herr Verteidiger: Dazu zunächst die Frage: Wie viele Zeugen haben wir denn?

Verteidiger: Viele glauben ja, es gäbe nur 1 schriftlichen Zeugen, nämlich die Bibel. Aber die Bibel ist ja bekanntlich ein Sammelband verschiedener Bücher. In Wahrheit gibt es mindestens 5 verschiedene schriftliche Zeugen, die in der Bibel von Begegnungen mit dem Auferstandenen berichten: Matthäus, Markus, Lukas, Johannes und Paulus.

Anklage: Gut, aber die meisten Wissenschaftler gehen davon aus, dass Lukas und Matthäus von Markus abgeschrieben haben und dass auch der Schreiber des Johannesevangeliums diese Texte kannte. Die Evangelisten könnten somit alle dem gleichen Lügner aufgesessen sein!

Richter: Herr Verteidiger: Gibt es in den Texten einen Hinweis darauf, dass diese schriftlichen Zeugen letztlich alle aus der gleichen Quelle gespeist werden?

Verteidiger: Wir haben das natürlich geprüft. In der Tat gibt es zwischen den Evangelien von Lukas, Markus und Matthäus sehr weitgehende Übereinstimmungen. Eine genaue Textanalyse hat jedoch gezeigt, dass vermutlich trotzdem alle Evangelien auf mündliche Überlieferung zurückgehen und nicht voneinander abgeschrieben wurden. Es war damals nicht ungewöhnlich, dass Menschen sehr lange Texte auswendig lernen konnten. Bezeichnenderweise sind die Übereinstimmungen nicht in allen Textarten gleich. Am größten sind sie bei Zitaten aus dem Alten Testament, die viele Juden damals von Kind auf gelernt haben. Groß sind die Übereinstimmungen auch bei prosaartigen Reden und anschaulichen Geschichten Jesu. Geringer sind sie bei sonstigen Reden von Jesus, am geringsten bei der Schilderung von Rahmenhandlungen. Das heißt: Die Übereinstimmungen sind bei den Elementen am größten, die man sich am besten auswendig merken kann! Dieses Muster spricht klar dafür, dass es Menschen gab, die schon sehr früh die Geschichten und Reden von Jesus auswendig gelernt und weitergegeben haben, bis sie dann schlussendlich aufgeschrieben wurden.[1]

Anklage: Selbst wenn es so war, dann könnte es sich trotzdem um eine einzige ursprüngliche Quelle handeln.

Verteidiger: Dagegen spricht, dass die Schilderungen von der Auferstehung teilweise sehr unterschiedlich, ja scheinbar widersprüchlich sind.

Anklage: Widersprüche! Das beweist doch, dass diese Zeugenaussagen nicht zu gebrauchen sind!

Verteidiger: Nein, ganz im Gegenteil! Wenn mehrere Zeugen absolut identisch und wortgleich einen Vorfall schildern beweist das, dass sie sich untereinander abgesprochen haben. Dann hätten wir tatsächlich keine unabhängigen Zeugen. Diese 5 Zeugen hier unterscheiden sich aber erheblich. Das heißt aber noch lange nicht, dass sie widersprüchlich sind. Wenn man sich intensiv mit den Texten beschäftigt, lassen sich die Schilderungen sehr wohl zusammenfügen zu einem stimmigen Gesamtgeschehen.

Aber eindeutig ist: Diese Zeugen schildern den Vorgang aus sehr individuellen, unterschiedlichen Perspektiven mit sehr unterschiedlichen Schwerpunkten. Und diese scheinbaren Widersprüche wurden auch nicht nachträglich geglättet, um verschiedene Versionen der Geschichte miteinander zu harmonisieren.[2]

Richter: Da muss ich den Verteidiger bestätigen. Wir kennen das ja von Unfallzeugen. Selbst wenn die Zeugen ganz ehrlich berichten scheinen sich ihre Berichte zu widersprechen, weil sie ganz unterschiedliche Perspektiven hatten und sich an ganz unterschiedliche Details erinnern. In der Tat sieht das hier genauso aus.

Anklage: Aber die große Frage ist doch jetzt: Wie glaubwürdig sind diese Zeugen? Schließlich handelt es sich durchgängig um tiefreligiöse Gläubige, die eine Geschichte berichten, die naturwissenschaftlich vollkommen unmöglich ist! Solche Leute sind doch alles andere als glaubwürdig.

Richter: Ja, dem müssen wir jetzt zwingend nachgehen. Herr Verteidiger: Was können Sie uns über die Glaubwürdigkeit dieser 5 Zeugen sagen?

Der hohe Selbstanspruch der Autoren

Verteidiger: In der Tat haben wir ausschließlich gläubige Zeugen. Ganz offensichtlich sind die Erscheinungen des Auferstandenen extrem überzeugend gewesen und haben keinen Raum für Zweifel gelassen. Wir haben die Glaubwürdigkeit der schriftlichen Zeugen ausführlich geprüft und dazu 5 wichtige Hinweise entdeckt. Der 1. Hinweis ist der hohe Selbstanspruch der Autoren. Die Eigenaussage der schriftlichen Zeugen ist, dass es sich hier nicht nur um Glaubenszeugnisse sondern um eine historisch genaue Dokumentation der Ereignisse handelt, die auf der Auswertung von Augenzeugenberichten basieren. Dazu der Zeuge Lukas:

„Da es nun schon viele unternommen haben, Bericht zu geben von den Geschichten, die sich unter uns erfüllt haben, wie uns das überliefert haben, die es von Anfang an selbst gesehen haben und Diener des Wortes gewesen sind, habe auch ich’s für gut gehalten, nachdem ich alles von Anfang an sorgfältig erkundet habe, es für dich, hochgeehrter Theophilus, in guter Ordnung aufzuschreiben, auf dass du den sicheren Grund der Lehre erfährst, in der du unterrichtet bist. (Lukas 1, 1-4)

Anklage: Herr Verteidiger, Sie wissen genau, dass dieser Anspruch von Lukas oft kritisiert und in Frage gestellt worden ist. Viele Theologen sind der Meinung, dass Lukas sehr ungenau und hypothetisch geschrieben hat.

Verteidiger: Es gibt aber durchaus auch Forscher, die anderer Meinung waren. Dazu haben wir eine Zeugenaussage von Sir William Mitchell Ramsay. Er war Archäologe und gilt bis heute als einer der herausragenden Experten in der antiken Geografie Kleinasiens, also der Region, in der das Evangelium und die Apostelgeschichte von Lukas spielt. Er war so geschätzt, dass er sich einen Adelstitel und 9 Ehrendoktorwürden erworben hat. Und seine große Frage war genau die: Wie zuverlässig war Lukas in seinen historischen Angaben? Ramsay ging zu Beginn seiner Forschung davon aus, dass die Angaben von Lukas in der Apostelgeschichte oft unzuverlässig waren. Aber im Rahmen seiner Forschung kam er immer mehr zu einer anderen Überzeugung. In seinem Buch „The Bearing of recent Discovery“ schrieb er 1915:

„Weiteres Forschen … ergab, dass das Buch (von Lukas) der genauesten Prüfung bezüglich seiner Kenntnis über die Welt der Ägäis standhalten konnte, und dass es mit so viel Urteilsvermögen, Fähigkeit, Kunst und Wahrnehmung der Wahrheit geschrieben wurde, dass es ein Modell für ein historisches Werk darstellt.“ (S. 85)

Richter: Vielen Dank. Ohne in diesen Streit unter Forschern eingreifen zu wollen halten wir jedenfalls fest: Der Zeuge Lukas hielt sich selbst für einen Historiker, der ganz exakt aufschreiben wollte, was wirklich passiert ist. Herr Verteidiger: Was ist der nächste Hinweis zur Frage der Glaubwürdigkeit der schriftlichen Zeugen?

Die Berufung auf Augenzeugen

Verteidiger: Der 2. Hinweis ist die Berufung auf Augenzeugen. Am glaubwürdigsten ist ein Bericht natürlich dann, wenn der Autor auf das eigene Wissen der Leser verweisen kann! Genau dieses extrem schlagkräftige Argument hat Paulus benutzt, als er über den Auferstandenen schrieb: „Danach ist er gesehen worden von mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch heute leben.“  (1. Kor. 15, 6)

Paulus sagte hier also seinen Lesern: Überzeugt euch selbst! Fragt nach! Es gibt hunderte von Leuten, die das bezeugen können! So etwas tut man nicht, wenn man sich seiner Sache nicht sehr, sehr sicher ist.

Richter: Das ist in der Tat ein starker Hinweis für die Glaubwürdigkeit des Zeugen. Herr Verteidiger: Welche Belege können Sie noch präsentieren?

Die zeitliche Nähe zu den Ereignissen

Verteidiger: Der 3. Hinweis ist die zeitliche Nähe zu den Ereignissen. Diese Zeugen konnten sich deshalb auf Augenzeugen berufen, weil sie die Ereignisse sehr kurz nach ihrem Geschehen aufgeschrieben haben.

Anklage: Nun ist ja aber die Entstehungszeit der Bücher des neuen Testaments hoch umstritten! Es gibt viele Theologen und Experten, die behaupten, dass diese Schriften erst viel später entstanden sind.

Verteidiger: Ja, die Entstehungszeit des neuen Testaments ist umstritten. Aber Fakt ist: Das gesamte Neue Testament erwähnt folgende Ereignisse mit keinem Wort[3]:

  • Die Zerstörung Jerusalems und des Tempels im Jahr 70 nach Christus
  • Die Hinrichtung von Paulus etwa im Jahr 64 nach Christus
  • Die Hinrichtung von Petrus, spätestens 67 nach Christus

Alle diese Ereignisse waren für die ersten Christen absolut dramatisch und einschneidend. Sie müssen sie so empfunden haben wie wir heute den Fall der Mauer, den 9/11-Anschlag oder die Ermordung von Präsident Kennedy. Das geradezu dröhnende Schweigen darüber spricht stark dafür, dass zumindest viele der Schriften vorher schon fertig gestellt wurden, d.h. also maximal 30 bis 35 Jahre nach der Kreuzigung und somit in einer Zeit, in der es noch massenhaft Augenzeugen gab, die die Angaben der Autoren prüfen und notfalls anfechten konnten.

Hinzu kommt: Eine Analyse der Evangelien hat gezeigt, dass diese Texte alle Eigenschaften von authentischen Augenzeugenberichten aufweisen.

Richter: Was meinen Sie damit?

Verteidiger: Die verwendeten Namen in den Evangelien entsprechen genau dem Muster üblicher Namen im Israel/Palästina aus der damaligen Zeit. In den Evangelien wird häufig der Name „Jesus“ (ohne Christus) und die Bezeichnung „Menschensohn“ verwandt, obwohl man in der Christenheit bald schon überwiegend von „Christus“ und nicht mehr vom Menschensohn sprach. Dazu kommen die zahlreichen korrekten Ortsnamen und die stimmigen Ortskenntnisse. Die deutlich später verfassten apokryphen Evangelien weisen im Vergleich dazu alle diese Eigenschaften nicht mehr auf.[4]

Die Daten stammen aus einem Vortrag von Dr. Peter J. Williams 03/2011

Richter: Herr Anwalt, was sagen Sie dazu?

Anklage: Schön und gut. Aber wer sagt mir, dass die Schriften nicht im Nachhinein gefälscht wurden? Das kann man ja auch im Nachhinein alles so aussehen lassen und hintricksen, wie es jetzt aussieht!

Richter: Das ist ein wichtiger Einwand! Herr Verteidiger: Gibt es vielleicht doch Hinweise auf eine nachträgliche Manipulation der Texte?

Die vielen sehr alten Quellen

Verteidiger: Zu dieser Frage ist der 4. Hinweis sehr wichtig: Die vielen sehr alten Quellen. Antike Schriften sind ja normalerweise sehr dünn belegt. Die Originale sind längst verschollen. Und normalerweise haben wir kaum mehr als 10 oder 20 historische Abschriften, die meist viele hundert Jahre jünger sind als die verschollenen Originale. Beim Neuen Testament ist das vollkommen anders: Die ältesten Textfragmente stammen schon aus dem Jahr 125 nach Christus, sind also nur wenige Jahrzehnte jünger als die Originale. Und wir verfügen heute über mehr als 5500 historische Abschriften, dazu viele tausend Übersetzungen und dazu noch die Zitate aus den Schriften der Kirchenväter! Das Neue Testament spielt also in Bezug auf die Überlieferungsqualität in einer völlig anderen Liga als alle anderen antiken Quellen.

Wir haben dazu einen Zeugen, der sich sehr intensiv mit diesen vielen Quellen auseinandergesetzt hat, nämlich Prof. Holger Strutwolf von der Universität Münster. Er gilt weltweit als führend im Fach der sogenannten Textkritik. Herr Professor Strutwolf hat alle diese zahllosen Quellen digitalisiert und vergleicht sie nun, um herauszufinden, wie wohl der ursprüngliche Text gelautet hat. Denn klar ist: Wenn sehr viele Abschriften identisch sind, dann ist das ein sehr starkes Argument dafür, dass der Text ursprünglich so gelautet haben muss. Inzwischen ist er mit etwa 1/5 des Neuen Testaments durch. Und sein Zwischenergebnis lautet: 99,9 % der Texte haben sich als absolut zuverlässig erwiesen! Bei etwa 0,1% des Textes musste er kleine Korrekturen vornehmen. Und selbst diese 0,1% waren für den Sinn und v.a. für die theologischen Aussagen der Texte nicht relevant. Sein Zwischenfazit ist daher: “Insgesamt ist die Überlieferung der Bibel sehr gut und sehr treu. In den theologischen Punkten gibt es unter den Abertausenden Handschriften kaum Abweichungen.“ [5]

Mit anderen Worten: Wir können uns sehr sicher sein, dass der Text des Neuen Testaments, den wir heute vorliegen haben, sehr genau dem entspricht, den die Evangelisten und Apostel damals verfasst haben.

Richter: Danke, Herr Verteidiger. Waren das jetzt alle Ihre Hinweise?

Frauen als Zeugen

Verteidiger: Nein, wir haben noch einen 5. bedeutenden Hinweis: Frauen als Zeugen! Die Berichte über die Auferstehung nennen Frauen als die ersten Zeugen der Auferstehung.

Richter: Warum ist das wichtig?

Verteidiger: Die Aussage von Frauen galt im damaligen Kontext als absolut minderwertig. Der jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus schrieb im 1. Jahrhundert: „Das Zeugnis der Frau ist nicht rechtsgültig wegen der Leichtfertigkeit und Dreistigkeit des weiblichen Geschlechts.“ Deshalb war es kein Wunder, dass auch in den biblischen Berichten die Jünger den Berichten der Frauen erst einmal nicht geglaubt haben! Hätte jemand damals diese Geschichte erfunden hätte er deshalb niemals Frauen als die ersten und wichtigsten Zeugen ausgesucht sondern selbstverständlich Männer, um glaubwürdig zu sein.

Visionen und Halluzinationen?

Anklage: Gut, aber es könnte ja trotzdem sein, dass diese Frauen keine wahre Geschichte erzählt haben, sondern dass es sich um Wunschträume, Visionen oder Halluzinationen handelte! Schließlich waren die Leute nach der Kreuzigung alle sehr aufgewühlt und durcheinander. Da kann es schon mal vorkommen, dass man etwas glaubt, was gar nicht wirklich passiert ist. Es gibt z.B. viele Berichte von Marienerscheinungen, in denen die Menschen auch alles Mögliche gehört und gesehen haben wollen. Bei der berühmten Marienerscheinung im portugiesischen Fatima im Jahr 1917 waren sogar Zehntausende von Menschen dabei, und sogar die Zeitungen haben darüber berichtet. Solche Einbildungen hat es also schon öfter gegeben.

Richter: Herr Verteidiger: Haben Sie sich mit diesem Vorwurf auseinandergesetzt?

Verteidiger: Ja, natürlich. Aber die schriftlichen Schilderungen geben überhaupt keinen Hinweis darauf, dass es sich nur um Visionen gehandelt hätte. Die Schilderungen in den Evangelien über die Begegnungen mit dem Auferstanden unterscheiden sich in mehreren Punkten grundlegend von solchen Marien­erscheinungen.

Eine Halluzination ist zunächst einmal ein Phänomen, das nur Einzelpersonen betrifft und nicht mehrere Menschen gleichzeitig. Dass mehrere Menschen behaupten, das gleiche zu sehen, ist sehr selten. Auch in Fatima waren es nur 3 kleine Kinder, die meinten, Maria hören und sehen zu können. Alle anderen sahen angeblich nur seltsame Sonnenphänomene. Und selbst von den 3 Kindern konnten nicht immer alle Maria sehen. Bei den Evangeliumsberichten war es völlig anders: Wenn Jesus auftauchte, wurde er von allen gleichermaßen wahrgenommen. Besonders außergewöhnlich ist der greifbare, physische Körper des Auferstandenen! Jesus hat gegessen und getrunken. Er ließ sich anfassen und begreifen im wahrsten Sinne des Wortes. Das passt nicht zu Halluzinationen und Erscheinungen. Die Jünger waren zudem nicht in einer Erwartungshaltung wie z.B. die Menschenmenge in Fatima, sondern sie wurden von den Begegnungen mit dem Auferstandenen völlig unerwartet getroffen und waren zudem extrem schwer von der Auferstehung zu überzeugen!

In ihren angeblichen Erscheinungen entspricht Maria fast immer dem jeweiligen Bild, das sich die Menschen von Maria gemacht hatten und sie wird meist in ein glorreiches, helles Licht getaucht. In den Evangeliums­berichten gibt es zwar strahlende Engel, aber Jesus selbst wird immer völlig nüchtern und normal gezeichnet. Von den Emmaus-Jüngern wurde er zuerst nicht einmal erkannt, er entsprach also überhaupt nicht ihren Erwartungen. Diese Schilderungen passen also in keinster Weise zu Halluzinationen oder visionären Erscheinungen. Hinzu kommt: Die Illusion hätte sich damals ja spätestens dann in Luft aufgelöst, wenn die vernünftig gebliebenen Realisten die Träumer daran erinnert hätten, dass Jesus nebenan im kühlen Grab verwest!

Und schließlich: Totenerscheinungen waren in der Antike nichts Ungewöhnliches. Aber sie bewiesen damals nur, dass die Person wirklich tot ist! Auf Basis des Berichts von einer Totenerscheinung wäre niemand in Wallung geraten. Die Begeisterung und Euphorie der Jünger lässt sich nur dadurch erklären, dass etwas völlig anderes geschehen sein muss als eine Erscheinung von einem Geist oder einem Verstorbenen.[6]

War Jesus nur scheintot?

Anklage: Selbst, wenn Sie recht hätten: Wie Sie wissen gehen einige meiner Mandanten ohnehin davon aus, dass Jesus gar nicht wirklich tot war! Vielleicht war er nach der Kreuzigung nur scheintot gewesen!

Verteidiger: Im Ernst, Herr Anwalt, halten Sie das wirklich für wahrscheinlich? Selbst wenn – was extrem unwahr­scheinlich ist – die römischen Henker Mist gebaut und den Körper Jesu vorschnell abgehängt hätten, selbst wenn Jesus den massiven Blutverlust im Grab trotz fehlender Flüssigkeitszufuhr überlebt hätte, selbst wenn er sich selbständig aus seinen Bandagen befreien, den schweren Stein beiseiteschieben und die Wachen hätte austricksen können: Wie um alles in der Welt hätte ein halb verbluteter, geschundener, traumatisierter und pflegebedürftiger Jesus die Jünger auf die Idee bringen können, dass er ein vom Tod auferstandener Gott und Messias ist? Das klingt doch alles extrem an den Haaren herbeigezogen.

Alles eine große Lüge?

Anklage: Mag sein, Herr Verteidiger. Aber was Sie definitiv nicht entkräften können ist der Vorwurf, dass es sich einfach um eine große Lüge gehandelt hat! Eine Verschwörung der frustrierten und enttäuschten Nachfolger Jesu. So etwas kann es doch geben!

Verteidiger: Also nehmen wir einmal an, dass diese 5 Zeugen alle unabhängig voneinander eine umfangreiche, ausgeklügelte und dreiste Lügengeschichte entweder frei erfunden oder von Jüngern Jesu übernommen haben.  Sie haben sich dazu noch auf erfundene Augenzeugen berufen in der Hoffnung, dass ihre Lügen nicht auffliegen. Und sie hatten das Glück, das aus irgendeinem Grund das Grab leer war, vielleicht weil sie den Leichnam selber gestohlen haben, weil ihn jemand weggebracht hat, oder warum auch immer. Die große Frage ist doch: Wie glaubwürdig ist diese Lügentheorie? Dazu sollten wir nun neben den schriftlichen auch die mündlichen Zeugen berücksichtigen!

Richter: Was wissen wir denn über die mündlichen Zeugen?

Verteidiger: Zu den mündlichen Zeugen haben wir folgende Fakten vorliegen:

  • Es waren viele!
  • Sie standen für eine Botschaft, die abstoßend und unattraktiv war!
  • Sie waren extrem opferbereit!

Richter: Dass es viele waren ist offenkundig, denn sonst hätte sich die Botschaft nicht so rasend schnell ausbreiten können. Aber was meinen sie damit, dass sie für eine Botschaft standen, die abstoßend und unattraktiv war?

Das fehlende Tatmotiv

Verteidiger: Die Botschaft von einem gekreuzigten und wieder auferstandenen Gott war damals äußerst seltsam. Horst Frank, der Chefredakteur des bayrischen evangelischen allgemeinen Sonntagsblatts hat dazu etwas geschrieben, was heutzutage die wenigsten wissen. Er schreibt:

„Die Kreuzigung galt in der Antike als entehrend und grausam, ekelerregend und abstoßend. Der hellenistische Schriftsteller Lukian wollte deshalb sogar den Buchstaben T aus dem Alphabet streichen. Das Kreuz wurde in der Urkirche nicht gezeigt. Erst im 4. Jahrhundert wurden Kreuzigungen abgeschafft und erst weitere hundert Jahre später wurde das Kreuz das Symbol der Christen.“

Das heißt: Das Kreuz war lange so unattraktiv, dass man es eher verschämt versteckt hat statt es in den Vordergrund zu rücken.

Richter: Heißt das, dass es gar keine älteren Kreuzesdarstellungen gibt?

Verteidiger: Die älteste bekannte Kreuzesdarstellung stammt aus dem Jahr 125. Es ist eine Kritzelei an der Wand einer römischen Kaserne. Auf dem Kreuz hängt eine menschliche Gestalt mit einem Eselskopf. Darunter kniet ein Soldat. Und zu lesen ist der Spruch “Alexamenos betet seinen Gott an.“ Das heißt: Das Kreuz wurde ein­gesetzt, um die Christen zu ver­spotten und zu mobben!

Und für Juden war das Kreuz sogar ein noch größerer Skandal. In der Tora, dem mosai­schen, jüdischen Gesetz kann man lesen: „Ein Aufge­hängter ist verflucht bei Gott.“ (5. Mose 21, 23) Ein Gekreuzigter war für Juden also ein Verfluchter. Das war – vorsichtig ausgedrückt – nicht gerade eine gute Voraussetzung für diesen neuen Glauben. Kein Wunder, dass Paulus sagte: „Wir aber predigen Christus, den Gekreuzigten, den Juden ein Ärgernis und den Heiden eine Torheit.“ (1. Korinther 1, 23) Es war also von vornherein klar, dass man sich mit so einer Botschaft keine Freunde sondern nichts als Feinde macht!

Richter: Das wirft natürlich die Frage auf: Warum und für wen hätten die Jünger so eine abstoßende Geschichte erfinden sollen, nachdem sie gerade erlebt hatten, dass ihr Prediger den verfluchten Tod am Kreuz gestorben ist? Für wen? Mit welchem Ziel? Das Tatmotiv liegt demnach vollkommen im Dunkeln.

Extreme Opferbereitschaft

Verteidiger: Genau so ist es. Zumal wir berücksichtigen müssen, dass die Zeugen extrem leidens- und opferbereit waren! Tatsächlich wurde die erste christliche Generation massiv verfolgt. Mehrere römische Historiker schildern eindrücklich, mit welch unfassbar grausamen Methoden die Christen massenhaft hingerichtet wurden. Tacitus schildert, wie Nero Christen in Tierfelle einwickeln ließ, damit sie sich besser als Löwenfutter eignen. Und er nutzte brennende Christen als Festbeleuchtung. Praktisch die gesamte erste Generation der Christen war direkt oder indirekt von massiver Bedrohung, Verfolgung und Märtyrertum betroffen. Dazu kam die Opferbereitschaft, sich in die ganze Welt aufzumachen und überall unter massiven Entbehrungen und Todesgefahr diese Botschaft von der Auferstehung weiter zu verbreiten. Denn Reisen war damals alles andere als ein Vergnügen!

Und das alles sollen diese Leute für eine Lüge auf sich genommen haben? Und dann gab es da nicht einen Einzigen, der im Angesicht seiner Henker schwach wurde und zugab, dass alles nur eine Lüge oder ein schöner Traum gewesen ist? Menschen riskieren ihr Leben für Überzeugungen – aber nicht für eigene Lügen! Nein, diese ersten Christen müssen zutiefst von der Auferstehung überzeugt gewesen sein, anders kann man sich ihren Enthusiasmus, ihre Ausstrahlung, ihren Erfolg in der Verbreitung ihrer Botschaft, ihre Leidens- und Opferbereitschaft und ihre fehlende Furcht vor dem Tod nicht erklären.

Anklage: Es gibt immer wieder religiöse Fanatiker, die in den Märtyrertod rennen. Die meisten dieser ersten Christen werden wohl wirklich überzeugt gewesen sein von diesem Glauben. Ob aber die Männer aus dem ursprünglichen Jüngerkreis, die diese Auferstehungsgeschichte erfunden haben könnten, wirklich den Märtyrertod gestorben sind, das wissen wir nicht wirklich. Auch diese Märtyrerlegenden könnten doch allesamt erfundene Heldengeschichten sein.

Sogar den eigenen Bruder überzeugt!

Verteidiger: Ich staune schon, wie viel Verschlagenheit und Lügenbereitschaft Sie den ersten Christen zutrauen, obwohl doch Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit für ihren Glauben so zentral wichtig war. Aber wenn Sie den ersten Christen nicht glauben wollen, dann glauben Sie vielleicht dem jüdischen Geschichtsschreiber Flavius Josephus. Auch er hat genau wie Sie den Christen nicht geglaubt. Etwa im Jahr 93 n.Chr. schrieb er über Jakobus, den leiblichen Bruder von Jesus folgendes:

„Er (der Hohepriester Hannas) versammelte den Hohen Rat zum Gericht und stellte vor diesen den Bruder des Jesus, der Christus genannt wird, mit Namen Jakobus, sowie noch einige andere, die er der Gesetzesübertretung anklagte und zur Steinigung führen ließ.“

Jakobus war in Jerusalem bekannt als einer der Hauptleiter der dortigen urchristlichen Gemeinde (Gal. 2, 9). Josephus berichtet hier, wie Jakobus im Jahr 62 n.Chr. für seinen Glauben hingerichtet wurde. Dieser Märtyrertod ist also gut belegt. Und er führt uns direkt zu einer weiteren Frage: Wie hat Jesus es geschafft, seinen kleinen Bruder Jakobus  davon zu überzeugen, dass er Gottes Sohn und der Retter der gesamten Menschheit ist?[7] Was hat diesen Jakobus kurz nach der Kreuzigung dazu gebracht, seinen ehemaligen Spielkameraden als Gott und Messias anzubeten, Lieder zu ihm zu singen, erfolgreich trotz größter Widerstände eine Gemeinde zu seinen Ehren zu bauen und schließlich für den Glauben an ihn in den Tod zu gehen? Welcher Mensch könnte je seine eigenen Familienangehörigen von seiner eigenen Göttlichkeit überzeugen?

Richter: Wir werden diese Frage heute wohl nicht mehr klären können. Es ist nun Zeit für die Abschlussplädoyers. Ich darf zunächst den Anwalt der Anklage bitten.

Die Schlussplädoyers

Anklage: Sehr geehrte Damen und Herren, die Naturwissenschaft beweist uns, dass eine Auferstehung von den Toten schlicht unmöglich ist. Der schottische Philosoph David Hume hat deshalb gelehrt: Alles ist plausibler als ein Wunder. Selbst wenn dargestellt werden würde, Jesus sei gekreuzigt worden, er war tot und war dann wieder am Leben, dann ist eben nicht die naheliegende Erklärung, dass er der Sohn von einem allmächtigen Wesen ist. Vielleicht gab es ja einen Zwillingsbruder, der die ganze Zeit verheimlicht worden ist und dann nach der Kreuzigung das Geschäft übernommen und weiter gemacht hat? Auch das wäre eine viel plausiblere Erklärung als dass man plötzlich übernatürliche Angelegenheiten heranzieht.[8] Ich plädiere daher auf schuldig im Sinne der Anklage.

Verteidiger: Meine sehr geehrten Damen und Herren, wie konnte die Geschichte von der Auferstehung entstehen? Warum ist sie entstanden? Wie konnte sie sich so rasend schnell verbreiten am Ort und in der Zeit der Augenzeugen der Kreuzigung Jesu? Warum war sie so erfolgreich trotz des massiven Widerstands? Warum konnte niemand die Geschichte entkräften? Warum gibt es so viele unterschiedliche und hervorragend überlieferte Zeugen dafür? Was brachte Zehntausende von Juden dazu, von heute auf morgen mit fest verankerten Traditionen zu brechen und stattdessen neue Rituale einzuführen, die nicht etwa an das Leben des verehrten Meisters Jesus erinnern sollten sondern stattdessen an seine grausame, entwürdigende Ermordung? Was hat dieses religiös / kulturelle Erdbeben ausgelöst, das bis heute den ganzen Erdball nachhaltig verändert und prägt? Und warum waren die Zeugen der Osterbotschaft so extrem opferbereit? Das sind Fragen über Fragen, die bis heute niemand befriedigend beantworten konnte.

Der Gelehrte für römische Geschichte Prof. Thomas Arnold, Autor des Standardwerks „Geschichte Roms“ und einst Inhaber des Lehrstuhls für moderne Geschichte an der Universität Oxford, war sehr gut vertraut im Umgang mit Beweisen zur Bestimmung historischer Tatsachen. Er sagte schon im 19. Jahrhundert:

“Ich bin seit Jahren daran gewöhnt die Geschichte anderer Zeiten zu studieren bzw. die Beweise derer zu untersuchen und abzuwägen, welche darüber schrieben, und mir ist keine einzige Tatsache der Geschichte der Menschheit bekannt, die besser und vollständiger bewiesen wäre, jedenfalls nach dem Verständnis einer fairen Untersuchung, als das große Zeichen, welches Gott uns gegeben hat, nämlich dass Christus gestorben ist und wieder auferstanden von den Toten.” [9]

Seit dieser Zeit wurden viele weitere beeindruckende Beweise für die Auferstehung vorgelegt. Warum werden sie trotzdem kaum gewürdigt? Das Schlussplädoyer der Anklage hat den Grund gezeigt: Die moderne wissenschaftliche Welt hat sich für die Annahme entschieden, dass Alles und Jedes immer eine natürliche Ursache haben muss und dass Wunder auch nicht ausnahmsweise denkbar sind.[10] Nur aufgrund dieser durch nichts belegbaren philosophischen Entscheidung werden selbst beeindruckendste Fakten nicht einmal beachtet, geschweige denn ernsthaft geprüft und abgewogen. Stattdessen folgt man lieber den abenteuerlichsten Ideen, wie es sich doch anders hätte zutragen können. Bei genauerer Betrachtung hat sich jedoch keine dieser alternativen Erklärungen als auch nur annähernd plausibel erwiesen.

Mein Plädoyer lautet deshalb nicht nur auf Freispruch. Ich fordere Sie auf, den Fakten zu folgen und sich den hervorragend belegten Überzeugungen der Kirche Jesu anzuschließen.

Richter: Danke, meine Herren. Sehr geehrte Schöffen: Es ist nun Zeit für Ihre Urteilsfindung…

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Zu diesem Thema sind im AiGG-Blog folgende weiterführende Artikel erschienen:

Buchempfehlung: In „Der Fall Jesus“ ist der Journalist Lee Strobel auf der Suche nach der Wahrheit: Ist Jesus wirklich auferstanden? Um diese Frage fundiert zu klären nimmt Strobel ausgewiesene Experten ins Kreuzverhör. Die Ergebnisse seiner Recherchen und die Aussagen der Experten krempeln das Weltbild des Journalisten grundlegend um. (erschienen 2014 bei Gerth Medien)

Fußnoten:

[1] Ausführlich dargelegt in: Prof. Armin D. Baum „Der mündliche Faktor und seine Bedeutung für die synoptische Frage“ Francke 2008, (dazu hier eine englische Zusammenfassung)

[2] Dazu schreibt der bekannte Theologe N.T.Wright: „Die Geschichten strahlen genau die Spannung aus, die wir gerade nicht mit künstlerisch erzählten Fabeln assoziieren, von Leuten geschrieben, die eifrig darauf bedacht sind, die Fiktion aufrecht zu erhalten und daher auch besorgt sind, dass alles richtig aussehen muss, sondern mit flüchtigen und verdutzten Berichten derer, die etwas mit ihren eigenen Augen gesehen haben, was sie komplett überraschte und verblüffte und sie sie noch immer nicht völlig einordnen konnten.“ „The resurrection of the son of God“, N.T.Wright (Minneapolis Fortress Press, 2003), Pg. 612

[3] Was es lediglich gibt sind vage prophetische Ankündigungen: Die Zerstörung des Tempels wurde von Jesus vorhergesagt (z.B. Matth. 24, 2). Aber nirgends wird im NT berichtet, dass und wie sie tatsächlich passiert ist. Im Gegensatz dazu hat Lukas z.B. in Apg. 11, 28 zuerst die Prophetie über eine kommende Hungersnot geschildert und dann sofort über die Erfüllung dieser Vorhersage berichtet. In Joh. 21, 19 macht Jesus eine Andeutung auf den zukünftigen Tod von Petrus, aber im Gegensatz zum Märtyrertod des viel unbekannteren Stephanus wird über das Martyrium von Petrus nirgends etwas berichtet. Auch der Tod von Jakobus, der laut Gal. 2, 9 in der Jerusalemer Gemeinde eine zentrale Rolle spielte, wird im NT mit keinem Wort erwähnt. Warum haben die Autoren des NT nirgends über diese teilweise von Jesus extra angekündigten und für die Urgemeinde so einschneidenden Ereignisse berichtet, während so viele andere wesentlich unbedeutendere Ereignisse ausführlich geschildert werden? Diese und weitere Fragen haben v.a. seit John A.T. Robinson wieder viele Theologen dazu bewogen, von einer Frühdatierung der Evangelien auszugehen.

[4] Ausführlich erläutert im AiGG-Artikel: Die Berichte des NT weisen alle Eigenschaften von frühen, authentischen Augenzeugenberichten auf

[5] Ausführlicher erläutert im AiGG-Artikel: Meister der Überlieferung – Forscher belegen: Der biblische Text ist korrekt!

[6] Dazu schreibt der renommierte Religionsphilosoph und Theologe William L. Craig: „Aufgrund des damaligen jüdischen Glaubens über das Leben nach dem Tod hätten die Jünger, wenn sie Jesus-Halluzinationen hatten, Jesus im Himmel oder in Abrahams Schoß gesehen, wo die Seelen der gerechten Toten dem jüdischen Glauben nach bis zur letzten Auferstehung verweilen würden. Und solche Visionen hätten nicht zu einem Glauben an Jesu Auferstehung geführt. Sie hätten höchstens dazu geführt, dass die Jünger behaupteten, Jesus wäre in den Himmel aufgenommen worden, und nicht von den Toten auferstanden.“ W. L. Craig (2015): On Guard. Mit Verstand und Präzision den Glauben verteidigen. S. 277

[7] Die erstaunliche Verwandlung des Jakobus wird noch ausführlicher erläutert im AiGG-Artikel „Mein Bruder: Mein Gott!?“ – Warum die Notiz eines jüdischen Geschichtsschreibers über Jakobus einer der größten außerbiblischen Belege für das Christentum ist

[8] Fast wörtlich übernommen aus dem „Ketzer-Podcast“ über den Film „Der Fall Jesus“ (ab Min. 44.40)

[9] Zitiert von McDowell, J. in: A Ready Defense, (p. 116), Th. Nelson Publ., Nashville 1993

[10] Ausführlicher erläutert im AiGG-Artikel: Stolz und Vorurteil? Wie wissenschaftlich ist die Bibelwissenschaft?

Stolz und Vorurteil? Wie wissenschaftlich ist die Bibelwissenschaft?

Beobachtungen aus der Sicht eines Naturwissenschaftlers

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Was war der größte Fehler Ihres Lebens?“ fragte der Journalist. Der alte Kunstkritiker lachte. „Als ich einmal unser Kind im Kindergarten abholte baten mich die Betreuerinnen, einen Blick auf die gesammelten Kunstwerke des Kindergartens zu werfen. Leider fiel mir nicht auf, dass zwischen den Kinderbildern ein abstraktes Werk eines bekannten Künstlers hing. Das brachte mir noch für lange Zeit ein spöttisches Grinsen ein – und lehrte mich viel darüber, wie leicht man durch Vorurteile etwas Wunderbares übersehen kann.“

In den vergangenen 150 Jahren ist etwas Dramatisches passiert: Die Theologie hat den Blick für das Wunder der Bibel verloren! Das offenbarte, autoritative, normative Wort Gottes ist menschlich geworden. Fehlerhaft. Widersprüchlich. Unhistorisch. Tendenziös. Nicht mehr vertrauenswürdig. Müssen wir das als aufgeklärte und rationale Menschen in Kauf nehmen, weil die wissenschaftliche Untersuchung der Bibel schlicht keine anderen Schlussfolgerungen zulässt? Oder könnte es sein, dass sich in der Theologie genau das gleiche Drama vollzieht wie in der kleinen einleitenden Episode unseres Kunstkritikers? Könnte es sein, dass auch in der modernen Bibelwissenschaft Vorurteile den Blick für das Wunder verstellen?

Auf Seite 3 des weit verbreiteten theologischen Grundlagenwerks „Arbeitsbuch zum Neuen Testament“ von Conzelmann & Lindemann[1] (im Folgenden als C&L bezeichnet) finden wir dazu einen interessanten Hinweis: „Die biblischen Texte werden methodisch nicht anders behandelt als andere literarische Zeugnisse, insbesondere solche der Antike.“ [2]

Der gleiche Blick auf die Bibel wie auf alle anderen Bücher? Wird man damit der Bibel gerecht? Oder kommt diese Theologie womöglich zu völlig falschen Schlussfolgerungen, weil sie die Bibel unter völlig falschen Voraussetzungen betrachtet? Bevor wir dieser Frage nachgehen muss ich als begeisterter Naturwissenschaftler zuerst einmal ein kleines Loblied auf die (Natur-) Wissenschaft singen:

Vom Erfolg des Ursache-Wirkungs-Prinzips

Der gewaltige Erfolg der Naturwissenschaften basiert hauptsächlich auf dem Vertrauen in das Ursache-Wirkungs-Prinzip, also der Annahme, dass alles, was geschieht, eine natürliche Ursache hat. Auf dieser Basis ging man z.B. davon aus, dass hinter dem Gewitterdonner keine launischen zornigen Götter stecken sondern physikalische Gesetze, die nach dem immer gleichen Schema ablaufen und die man gründlich erforschen und verstehen kann. Es waren nicht zuletzt Christen wie Isaac Newton, die sagten: Wenn Gott die Welt geschaffen hat, dann hat er ihr feste Gesetzmäßigkeiten gegeben, die wir mit Hilfe von Beobachtung und Experiment herausfinden können. Was für eine gute Entscheidung! Denn auf dieser Basis hat die Naturwissenschaft eine phantastische Erfolgsgeschichte geschrieben. Das Ursache-Wirkungs-Prinzip hat sich als eine phantastische Grundlage für die Erforschung der heutigen Welt erwiesen. Wir können dankbar sein für die rasante Entwicklung von Forschung und Technik, die auf dieser Basis gelungen ist.

Vom Segen der Bibelwissenschaft

Dankbar bin ich auch für die akribische Arbeit vieler Bibelwissenschaftler. Die möglichst genaue Rekonstruktion des biblischen Urtextes, die Erforschung des historischen und kulturellen Umfelds der biblischen Texte, die Ermittlung der genauen Wortbedeutungen und Textgattungen sowie die intensive Übersetzungsarbeit helfen uns, die sprachliche, zeitliche und kulturelle Kluft zwischen uns und den biblischen Texten zu überbrücken und so die ursprüngliche Aussageabsicht der biblischen Autoren immer besser verstehen zu können. Was für eine wichtige und wertvolle Arbeit!

Von der Notwendigkeit des wissenschaftlichen Zweifels

Zur Wissenschaft gehört immer auch der wissenschaftliche Zweifel: Haben wir das bislang richtig gesehen? Wurden alle Fakten und Erkenntnisse berücksichtigt? Oder müssen wir etwas neu überdenken? Wissenschaft muss nach Möglichkeit vorurteilsfrei arbeiten. Sie soll sich an den Fakten orientieren und eigene, außerwissenschaftliche Denkvoraussetzungen nicht absolut setzen. Das muss auch in der Bibelwissenschaft gelten: Fakten, die dem bisherigen Verständnis von biblischen Aussagen widersprechen (also z.B. Ausgrabungsergebnisse, inner- und außerbiblische Quellen) dürfen für Bibelwissenschaftler kein Grund sein, Scheuklappen aufzusetzen.

Andererseits wird jeder gute Bibelwissenschaftler die Aussagekraft solcher Fakten auch kritisch bewerten. Schließlich ist historische Wissenschaft nicht mit exakter Naturwissenschaft vergleichbar. Sie untersucht nicht die gesetzmäßig ablaufenden Dinge, wie das die Naturwissenschaften tun, sondern sie versucht, unwiederholbare Ereignisse der Vergangenheit zu rekonstruieren. Sie interpretiert dafür relevante Indizien, kann die wesentlichen Fragen aber nicht experimentell untersuchen. Die empirische Methode der Naturwissenschaften ist in den historischen Wissenschaften also nur untergeordnet anwendbar. Die Rekonstruktion vergangener Geschichte und Kulturen bleibt daher immer ein Stück weit vorläufig und mehr oder weniger unsicher. Sie hängt u.a. auch davon ab, welchen der (oft lückenhaften und widersprüchlichen) Quellen man mehr oder weniger Vertrauen schenkt.

Von der Fragwürdigkeit außer­wissenschaftlicher
Vorurteile

Spätestens wenn Prägungen, Erwartungen und außerwissenschaftliche Vorurteile (in der Wissenschaft „Prämissen“ genannt) die Interpretation, Bewertung und Gewichtung von Quellen beeinflussen, verlassen wir den Boden der vorurteilsfreien Wissenschaft. Das ist an sich nicht weiter schlimm, solange man sich offen und ehrlich dazu bekennt. Irreführend und tendenziös ist es aber, wenn sich solche außerwissenschaftliche Vorentscheidungen unter dem Deckmantel einer scheinbar objektiven Wissenschaft verstecken und andere Ansätze als unwissenschaftlich aus dem Rennen werfen, bevor sie überhaupt geprüft wurden.

Als Naturwissenschaftler fällt mir auf: Genau das geschieht offenbar leider in Teilen der modernen Bibelwissenschaft. Vor allem auf die folgenden drei folgenschweren Vorurteile bin ich gestoßen:

1. Vorurteil: Es kann keine Wunder geben

In der Biologie hat es in Bezug auf das Ursache-Wirkungs-Prinzip eine schwerwiegende Grenzüberschreitung gegeben: Spätestens seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde es nicht mehr nur auf die gegenwärtige Schöpfung angewandt, sondern auch auf die Ursprungsfrage ausgedehnt. Seither wurde (und wird bis heute) nicht nur bei der Frage „Wie funktioniert das?“ sondern auch bei der Frage „Woher kommt das?“ die Möglichkeit einer (Mit-)Wirkung einer übernatürlichen, höheren Intelligenz und Schöpferkraft nicht ergebnisoffen geprüft sondern von vornherein („a priori“) grundsätzlich ausgeschlossen.

Anders als bei der Erforschung der gegenwärtigen Welt hat dieser Ausschluss schöpferischer Eingriffe bei der Ursprungsfrage aber keine Erfolgsgeschichte nach sich gezogen, im Gegenteil: 150 Jahre nach Darwin sind noch immer zentrale und grundlegende Fragen zur Entstehung der Vielfalt der Baupläne der Lebewesen vollkommen ungeklärt. Bis heute kann kein Mensch beantworten, wie komplexe Systeme, Information, Schönheit und Bewusstsein ohne eine steuernde Intelligenz entstehen kann[3]. Der Glaube an ein allumfassendes Ursache-Wirkungs-Prinzip (Determinismus bzw. Naturalismus), der in der Blütezeit der Aufklärung die akademische Welt dominiert hat[4], ist als umfassendes, ausnahmslos geltendes Welterklärungsmodell krachend gescheitert. Er ist zudem philosophisch letztlich unhaltbar, wie z.B. Prof. Daniel von Wachter dargelegt hat.[5]

Diese Erkenntnis scheint jedoch in Teilen der Theologie bis heute nicht vollständig angekommen zu sein. Unter dem Eindruck der naturwissenschaftlichen Erfolgsgeschichte hatten prägende Theologen[6] noch im 20. Jahrhundert versucht, auch in der Theologie gänzlich ohne Wunder auszukommen. So schreibt z.B. Rudolf Bultmann:

„Der Gedanke des Wunders als Mirakels ist für uns heute unmöglich geworden, weil wir das Naturgeschehen als gesetzmäßiges Geschehen verstehen.“ [7]  „Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben.“ [8]

Auch bei Troeltsch, Schleiermacher und anderen einflussreichen Theologen lassen sich vergleichbare Zitate finden.[9] So wird verständlich, warum in der liberalen Theologie des 19. Jahrhunderts der Glaube an eine leibliche Dimension der Auferstehung Jesu weitgehend durch die Annahme ersetzt wurde, die Jünger hätten nur Visionen gehabt. Die treibende Kraft für diesen Umschwung waren nicht etwa irgendwelche neuen Forschungsergebnisse. Der Ausschluss von Wundern war vielmehr eine philosophische Entscheidung. Er wurde grundsätzlich vorausgesetzt, weil „man es einfach nicht glauben kann“, wie Bultmann ganz offen formuliert.

Seit Bultmann hat sich die universitäre Theologie weiter entwickelt. So scharf wie er würden heute wohl nur noch wenige Theologen den Ausschluss von Wundern formulieren. Eine grundsätzliche Wunderskepsis ist jedoch ganz offensichtlich geblieben. Das wird bei der Auferstehung Jesu, also dem zentralen Heilsereignis der Christenheit, besonders deutlich. So formulieren C&L zur Frage der Auferstehung: „Die immer wieder diskutierte Frage, ob die Auferstehung Jesu ein „historisches Ereignis“ sei, ist von vornherein abzuweisen.“[10] Eine sachliche Begründung für diese These wird nicht geliefert. Noch deutlich schärfer formuliert Prof. Stefan Schreiber in seinem „Worthaus“-Vortrag über den „historischen Jesus“ [11]. Die Vorstellung, dass Jesus nach der Auferstehung leiblich „über die Erde spaziert sei“ entspricht für ihn einem überreizten Gespensterglauben, bei dem er dringend einen Arztbesuch oder wenigstens ausgiebiges Ausschlafen empfiehlt.[12] Das „Sehen“ des Auferstandenen durch die Jünger setzt er mit dem „Sehen“ der alttestamentlichen Propheten gleich, obwohl sich die Berichte des Neuen Testaments über Begegnungen mit dem Auferstandenen grundlegend von prophetischen Visionen unterscheiden.

All das wirkt seltsam auf mich. Denn natürlich kann man sehr wohl mit (geschichts-)wissenschaftlichen Mitteln die verschiedenen Erklärungsmodelle für die Entstehung des Osterglaubens durchspielen, ihre Erklärungskraft bewerten und damit eine Aussage darüber treffen, welches Modell welche Wahrscheinlichkeit besitzt. Wenn man das ergebnisoffen tut, ist das Ergebnis aus meiner Sicht sehr eindeutig: Die Fakten sprechen klar dafür, dass die Auferstehung eine leibliche Dimension gehabt haben muss![13] Das ist für mich bislang die einzige schlüssige Erklärung, die zu den zahlreichen und vielfältigen historischen Fakten passt. Aber diese Debatte wird bei C&L leider überhaupt nicht geführt. Die Möglichkeit von Wundern wird hier aus philosophischen (nicht aus wissenschaftlichen!) Gründen von vornherein grundsätzlich ausgeschlossen.

2. Vorurteil: Es gibt keine Offenbarung

Die biblischen Autoren behaupten an zahlreichen Stellen, göttlich offenbarte Wahrheiten zu verkünden![14] Wer aber einem allumfassenden physikalischen Ursache-Wirkungsprinzip vertraut, kann natürlich auch nicht an göttliche Offenbarung glauben. Stattdessen geht man von vornherein davon aus, dass die Bibel ein Machwerk von Menschen sein muss.

Dass dieses Vorurteil tatsächlich in den liberaleren Zweigen der Bibelwissenschaft eine Rolle spielt, zeigt sich zum Beispiel bei der Frage nach der Datierung der Evangelien. Dazu schreiben C&L: „Ebenso wie Matthäus (und wohl auch Markus) ist Lukas jedenfalls nach 70 verfasst worden; in Lk. 21,10 ist unmissverständlich auf die Belagerung Jerusalems am Ende des Jüdischen Krieges und auf die Zerstörung der Stadt angespielt.“ [15] Tatsächlich lesen wir in Lukas 21, dass Jerusalem belagert und der Tempel komplett zerstört wird (so auch in Mark. 13,2 und Mt. 24,2). Aber das wird dort ja gerade nicht als Bericht, sondern als Vorhersage (Prophetie) Jesu dargestellt. Anders als z.B. in Apg. 11,28 erwähnen die Evangelisten dabei mit keinem Wort, dass Jesu Prophetie tatsächlich in Erfüllung gegangen ist. Das heißt: Das einzige Argument von C&L für eine Datierung nach 70 n.Chr. basiert auf der Annahme, dass es Prophetie nicht geben kann! Dieses Argument wiegt so stark, dass die zahlreichen Argumente für eine frühere Datierung gar nicht erst diskutiert werden:

  • Im ganzen Neuen Testament herrscht in Bezug auf die Zerstörung des Tempels, die für die Juden ein absolut prägendes und traumatisches Ereignis gewesen sein muss, ein geradezu dröhnendes Schweigen.
  • Auch die Märtyrertode von Paulus und vom Herrenbruder Jakobus (einem Ältesten der Urgemeinde in Jerusalem) in den 60er Jahren werden mit keinem Wort erwähnt, stattdessen wird der Märtyrertod des wesentlich unbedeutenderen Stephanus ausführlich geschildert.
  • Die Apostelgeschichte des Lukas, die er nach seinem Evangelium verfasst hat, bricht noch vor dem Tod von Paulus plötzlich ab.
  • Eine Textanalyse der Evangelien belegt: Diese Berichte weisen alle Eigenschaften von frühen, authentischen und kenntnisreichen Augenzeugenberichten auf. Aufgrund der vielen stimmigen Details können sie unmöglich das Ergebnis von langer mündlicher Tradition darstellen[16]. Somit fehlt auch die Zeit für umfangreiche Legendenbildungen.

Dass Theologen wie C&L diese Diskussion erst gar nicht führen ist tragisch. Denn natürlich hat die Datierung auch erhebliche Auswirkungen auf die Vertrauenswürdigkeit der biblischen Quellen, womit wir beim 3. Vorurteil wären:

3. Vorurteil: Die biblischen Autoren sind nicht vertrauenswürdig

Trotz des von Lukas selbst formulierten Anspruchs, einen genau recherchierten Bericht vorzulegen (Lk.1,1-4)[17], verwehren C&L sogar bei einem in Wir-Form geschriebenen Abschnitt der Apostelgeschichte (Apg. 16,11-40) die Möglichkeit, dass es sich um einen Augenzeugenbericht handeln könnte. Begründung: Der Bericht sei „stark mirakulös, also vermutlich kein Augenzeugenbericht.“[18] Das heißt: Die grundlegende Wunderskepsis wirkt sich auch auf die Einschätzung der Vertrauenswürdigkeit der biblischen Autoren aus.

C&L sehen aber noch mehr Gründe, warum man den biblischen Autoren misstrauen muss. Ein Problem ist für sie der Glaube der biblischen Autoren. So lesen wir, „dass es für die Erscheinung des Auferstandenen niemals neutrale Zeugen gibt: Jede Erscheinung führte sofort zum Glauben.“ [19]. Diese Bemerkung ist nun wirklich skurril. Welcher Zeuge könnte wohl „neutral“ bleiben, wenn er den Gekreuzigten lebendig vor sich stehen sieht? Diskreditiert das etwa ihr Zeugnis? Wäre denn ein Zeuge, der nicht glaubt, was er sieht, glaubwürdiger? Oder ist es nicht gerade umgekehrt ein klarer Beweis für die leibliche Dimension der Auferstehung, dass es nach den „Erscheinungen“ eben überhaupt keine Zweifler mehr gab, sondern todesmutige Zeugen, die trotz massiver Verfolgung die Nachricht von der Auferstehung extrem erfolgreich verbreitet haben?

Das grundlegende Misstrauen gegenüber den biblischen Zeugen wird bei C&L auch im Kapitel über die „historische Jesusforschung“ besonders deutlich. Ausgangspunkt ist hier die Annahme, dass der reale, historisch über die Erde gegangene Jesus sich klar unterscheidet von dem Christus, den die Urgemeinde gezeichnet und bezeugt hat. Zwar traut man den ersten Christen durchaus zu, dass in ihre Aufzeichnungen auch historische Erinnerungen an den realen Jesus eingeflossen sind. Aber die Aufgabe der Bibelwissenschaft sei es nun, diese Erinnerung zu unterscheiden von nachträglich entwickelten Christusbildern und von Aussagen, die die ersten Christen Jesus später in den Mund gelegt[20] bzw. mit denen sie ihn nachträglich gedeutet hatten. Und welches Kriterium wendet man an, um diese Unterscheidung zwischen „echtem Jesus“ und nachträglicher Deutung zu machen? „Als erstes (Minimal-) Kriterium gilt, dass zunächst einmal nur solche Jesusworte als sicher […] „echt“ anzusehen sind, die […] nicht aus theologischen bzw. christologischen (oder ekklesiologischen) Tendenzen der nachösterlichen Gemeinde heraus erklärt werden können.“ [21] Im Klartext: Zuviel Übereinstimmung mit dem urchristlichen Jesusbild spricht dafür, dass das wohl nicht von Jesus stammt sondern ihm nachträglich von den ersten Christen in den Mund gelegt wurde.[22] Krasser kann man sein Misstrauen gegenüber der Überlieferungstreue der Urgemeinde kaum zum Ausdruck bringen. Nur auf Basis dieses Vorurteils wird verständlich, warum C&L auch der Meinung sind, dass „Jesus keinen der in den synoptischen Evangelien erwähnten christologischen Hoheitstitel in Bezug auf seine eigene Person gebraucht“ habe  [23]. Im Klartext: Da können die Evangelisten schreiben, so viel sie wollen: Das sagt uns alles nichts darüber, wie Jesus sich eigentlich selbst sah. Trotz der vielen anderslautenden Bibelstellen hielt Jesus sich selbst wohl nicht für den Messias. Das zeigt: Diesen Evangelisten kann man aus Sicht von C&L ganz offensichtlich nicht vertrauen.

Auch Prof. Stefan Schreiber weiß in seinem Vortrag über den historischen Jesus[24] letztlich nichts darüber zu sagen, ob Jesus sich selbst als Messias sah oder nicht. Insgesamt zeichnet er in seinem Vortrag ein völlig vermenschlichtes Jesusbild. Das ist kein Wunder. Denn auch für ihn wird der echte, historische Jesus erst dann sichtbar, wenn man sich auf die Jesus-Zitate konzentriert, die sich von der urchristlichen Christologie unterscheiden. Doch dieser Jesus hat dann nur noch wenig mit dem Christus des Neuen Testaments zu tun.

Die fehlende Debatte: Ist es auch heute noch vernünftig, der Bibel zu vertrauen?

Die Vorurteile von C&L drücken sich nicht nur in dem aus, was sie schreiben. Man erkennt sie auch in dem, was in ihrem Buch vollkommen fehlt, nämlich eine Debatte über Argumente, die den Selbstanspruch der biblischen Autoren, Gottes offenbarte Wahrheit zu verkünden, unterstützen könnten.

Im Artikel „10 Gründe, warum es auch heute noch vernünftig ist, der Bibel zu vertrauen“[25] habe ich einige dieser Argumente aufgelistet:

  • Die einzigartig hohe Qualität der Textüberlieferung
  • Das unerklärte Rätsel der Entstehung des extrem erfolgreichen Osterglaubens in der Region und in der Zeit der Augenzeugen samt der durchgängigen Bereitschaft der Zeugen, für diesen Glauben den Märtyrertod auf sich zu nehmen
  • Die zahllosen eingetroffenen biblischen Vorhersagen, die sich oft auch nicht durch nachträgliche Einfügung erklären lassen
  • Die stimmige, durchgängige Geschichte der Bibel, die über einen Zeitraum von 1600 Jahren von mindestens 40 äußerst unterschiedlichen Autoren geschrieben wurde, die völlig verschiedenen kulturellen und religiösen Einflüssen ausgesetzt waren und dabei nicht die Bibel als gemeinsame Glaubensgrundlage hatten
  • Die schonungslose Ehrlichkeit, die selbst vor den größten Königen und Glaubenshelden nicht Halt macht und zu keiner Zeit die Geschichte Israels verklärt
  • Das realistische Menschenbild, das bestätigte Weltbild und das einzigartige Gottesbild
  • Die herausragende Ethik, die bis heute weltweit prägend wirkt
  • Der göttliche Anspruch, der uns vor die herausfordernde Wahl stellt: Waren das Betrüger, durchgeknallte Spinner oder haben sie wirklich die Wahrheit gesagt?

Nichts davon wird bei C&L auch nur ansatzweise diskutiert. Wie schade!

Gesten grenzenloser Überlegenheit

Weder die genannten Argumente für die Glaubwürdigkeit der Bibel noch die dargelegten außerwissenschaftlichen Vorurteile halten manche Theologen davon ab, die universitäre Theologie für beinahe grenzenlos überlegen zu halten. So stellt z.B. Siegfried Zimmer in seinem Worthaus-Vortrag über die „Arbeitsweise der modernen Bibelwissenschaft“[26] die steile These auf):

  • Die gesamte weltweite Kirche hat die Gleichnisse Jesu 1800 Jahre lang falsch verstanden.
  • Noch heute legen weltweit Millionen von Christen, die keinen Kontakt zur Universitätstheologie haben, die Gleichnisse Jesu falsch aus (und Zimmer fragt seine Hörer: Bist Du auch noch in einer solchen Gruppe?).
  • Der Grund für dieses Desaster: Auch die Evangelisten Matthäus, Markus und Lukas haben die Gleichnisse bereits nicht im Sinne Jesu ausgelegt. Indem sie ihre falsche Auslegung Jesus nachträglich in den Mund gelegt haben, haben sie die Kirche in die Irre geführt.

Zimmer stellt uns also vor die Wahl: Sollen wir in der Frage der richtigen Deutung der Gleichnisse den Evangelisten Matthäus, Markus und Lukas vertrauen? Oder sollen wir stattdessen der modernen Universitätstheologie folgen?

Egal, wie Sie sich entscheiden, lieber Leser: Fakt ist jedenfalls, dass Zimmer damit den reformatorischen Grundsatz verlässt, dass die Schrift sich selbst auslegt („Sacra scriptura sui ipsius interpres“) und dass eine solche Theologie sich vollständig aus der Auslegungsgemeinschaft der weltweiten und der historischen Kirche verabschiedet mit allen schwerwiegenden Folgen, die das für die Theologie und für die von ihr geprägten Kirchen hat[27]:

Abschied aus der Auslegungsgemeinschaft der Kirche

Der christliche Glaube beruht nicht auf einer Sammlung von Ideen und Dogmen, auf einer Bewunderung für die Person Jesu oder auf einer gefühlten Begeisterung über die Liebe Gottes sondern zuerst einmal auf historischen Ereignissen[28], v.a. dem Leben, dem Sterben und der Auferstehung Jesu. Diese Ereignisse haben für Christen zentrale Heilsbedeutung. Sie standen deshalb im Zentrum der Verkündigung der ersten Christen (Joh. 20,30+31). Das führt natürlich zu der Frage: Was wird aus dem christlichen Glauben, wenn diese historischen Ereignisse in Frage gestellt werden?

Die Brisanz dieser Frage ist offenbar auch C&L bewusst. Sie schreiben deshalb: „So kann die Furcht aufkommen, die persönliche Glaubensüberzeugung werde beispielsweise durch die Infragestellung der historischen Zuverlässigkeit bestimmter Überlieferungen gefährdet. Dem steht die These gegenüber, Glaube und historische Erkenntnis gehörten grundsätzlich zwei verschiedenen Ebenen an.“[29] Diese These meint also: Der Glaube sei von historischen Erkenntnissen vollkommen unabhängig.

Die Formulierung ist wohl bewusst so vorsichtig gewählt. Denn natürlich ist diese These völlig unhaltbar. Selbstverständlich sind die theologischen Aussagen der Bibel immer mit dem historischen Handeln Gottes aufs engste und untrennbar miteinander verknüpft. Christliche Verkündigung ist ja gerade nicht primär ein moralischer Aufruf, etwas zu tun, sondern ein Zeugnis darüber, was Gott getan hat! Im Mittelpunkt steht die Tatsache: Christus starb für Dich! Das ist ein historisches Ereignis, ohne das alle sonstigen Lehren und Wahrheiten des Christentums nichts wert wären![30] Der Glaube wird entleert, wenn ihm der Bezug auf die historischen Ereignisse genommen wird, denn er kann sich dann auf nichts mehr beziehen. Auch unser Bild von Christus hängt untrennbar mit seinem Leben, seinen Wundern, seinem Sterben und seiner Auferstehung zusammen.[31] Wenn Christus nicht auferweckt ist, dann ist Predigt und Glaube vergeblich, sagt Paulus (1.Kor. 15,14). Das gilt auch heute noch. Wer die Historizität der biblischen Geschichten streicht, raubt dem Evangelium seine Basis, seine Kraft und verhindert den Gemeindebau.

Ein Christentum ohne Wunder und ohne Auferstehung ist deshalb ein Widerspruch in sich. Falls Schleiermacher und Co. die Theologie mit ihrer „Entmythologisierung“ tatsächlich retten wollten, so muss man heute feststellen: Sie haben der Theologie und der Kirche einen Bärendienst erwiesen. Sie haben den christlichen Glauben faktisch abgeschafft. Eine Theologie auf Basis der oben genannten Vorurteile rettet die Kirche nicht, sondern sie löst die zentralen Fundamente der Kirche auf. Sie hält die „Lehre der Apostel“ (Apg. 2,42) für menschlich und deshalb von vornherein für widersprüchlich, wie C&L schreiben: „Die Bibel enthält geschichtlich entstandene Dokumente, die – in großer Vielfalt theologischer Meinungen – den jüdischen bzw. christlichen Glauben bezeugen und darstellen.“ [32] Sie hält die Christologie der Urkirche für eine nachträgliche „Deutung“, kann aber gleichzeitig nichts Verlässliches sagen über die Christologie, die Jesus selbst hatte. Diese Theologie widerspricht also grundlegend den biblischen Aussagen und Bekenntnissen der weltweiten Kirche quer durch alle Jahrhunderte. Sie hat sich damit faktisch aus der Gemeinschaft der Kirche Jesu verabschiedet.

Katastrophale Folgen für die Kirche

Das Tragische ist, dass diese kirchenferne Theologie in weiten Teilen der westlichen Kirchen nach wie vor erheblichen Einfluss auf die Ausbildung der zukünftigen Gemeindeleiter ausübt. Da ist es keine Überraschung, was Christian Schwarz in seiner Analyse von tausenden von Gemeinden herausgefunden hat: „Das Theologiestudium hat eine stark negative Beziehung sowohl zum Wachstum als auch zur Qualität der Gemeinde.“ [33] Anders gesagt: Wenn ein Gemeindeleiter durch diese theologische Ausbildung gegangen ist, erhöht das messbar die Wahrscheinlichkeit, dass die Qualität und die Quantität der Gemeinde sinkt. Tatsächlich kenne ich kein Beispiel einer blühenden, wachsenden Gemeinde, in der der Pastor oder die Pastorin von der Kanzel predigt, dass Jesus gar nicht leiblich auferstanden ist, dass die biblischen Geschichten so gar nicht passiert sind und dass Gott in jeder Religion zu finden ist. Das rasche Schrumpfen aller westlichen Kirchen, die von dieser liberalen Theologie beeinflusst sind, untermauert dies eindrücklich.

Man kann deshalb nicht genug davor warnen, dass Formate wie Worthaus nun dafür sorgen wollen, dass diese Theologie auch noch in evangelikale Ausbildungsstätten, Gemeinschaften und Gemeinden hineingetragen wird.[34] Denn ganz sicher wird sie auch dort die gleiche Verwüstung hinterlassen, wie wir sie jetzt schon in den großen Volkskirchen mit ansehen müssen.

Die Bibel ermutigt uns, vor dieser Not zu warnen! Das Anprangern von Irrlehren ist in der Bibel eben keine „gnadenlose Frömmigkeit“ und keine „Suche nach schwarzen Schafen“ [35], sondern ein schützendes Eintreten für die intellektuell Schwachen, die nun einmal nicht durchschauen können, dass sich hinter vielen angeblich so objektiven, klugen und scheinbar wissenschaftlichen Lehren zutiefst unwissenschaftliche Vorentscheidungen verbergen, die man getrost ablehnen kann, ohne seinen Verstand an der Kirchengarderobe abgeben zu müssen.

Kann es eine konservative Bibel­wissenschaft geben?

Wie bereits dargelegt: Vorurteile („Prämissen“) sind grundsätzlich nichts Schlechtes, wenn man offen und ehrlich darüber spricht und transparent macht, auf welchen Grundlagen man zu welchen Schlussfolgerungen kommt. Das Problem bei C&L ist, dass die oben genannten Vorurteile kaum offen gelegt und praktisch überhaupt nicht diskutiert werden. Eine gute Bibelwissenschaft wird das anders machen. Wenn sie evangelikal und konservativ geprägt ist, wird sie offen über die Prämissen reden, die sie in ihrer Arbeit verwendet: Sie geht davon aus, dass Wunder und Offenbarungen möglich sind und dass die biblischen Autoren gemäß ihrem Selbstzeugnis tatsächlich verlässliche Wahrheit verkünden. Sie geht außerdem davon aus, dass sich die einzelnen Schriften theologisch nicht widersprechen, sondern ergänzen und insgesamt eine Einheit bilden[36]. Unter dieser Voraussetzung ist der verlässlichste Auslegungsschlüssel für die Bibel immer die Bibel selbst. Aus ihr können wir am besten lernen, wie die einzelnen Verse, Texte und Geschichten zu verstehen sind.

Eine weitere wichtige Hilfe wird in dieser Theologie nicht die Abkehr, sondern die bewusste Orientierung an den kirchlichen Bekenntnissen sein, die jeden Theologen einfügt in die Auslegungsgemeinschaft der ganzen Kirche Jesu in ihrem historischen Werdegang und ihm deshalb wertvolle Orientierung in der Auslegung der Bibel gibt.[37]

All das sind in gewissem Sinne „Vorurteile“ (Prämissen), für deren Sinnhaftigkeit man aber – wie oben geschildert – zahlreiche gute Argumente anführen kann. Schön wäre es, wenn es nun zu einem wissenschaftlichen Wettbewerb käme: Welche Prämissen führen zu einer schlüssigeren Integration aller vorliegenden Fakten? Wer kann die Daten in seinem Modell besser erklären? Das wäre echte, ergebnisoffene Wissenschaft, die es dem Außenstehenden auch leichter machen würde, die Argumente zu vergleichen und sich selbst ein Bild zu machen. Doch dafür müsste der evangelikale Ansatz erst einmal grundsätzlich anerkannt werden. Alle Bibelwissenschaftler müssten ihre „Vorurteile“ eindeutig und nachvollziehbar offenlegen und sich zugleich hüten vor der Gefahr des Stolzes, die natürlich in allen Lagern besteht. Gerade als Bibellehrer müssen wir alle den biblischen Ruf zur Demut immer wieder hören (Jak. 3,1; 1.Petr. 5,5; 1.Kor. 8,1!).

Der grundlegende Unterschied zwischen den theologischen Welten

Ein Kunsthistoriker, der davon ausgeht, dass ein Bild von einem kleinen Kind gemalt wurde, wird darin niemals eine ausgereifte Kunstfertigkeit erkennen. Ein Theologe, der in seiner wissenschaftlichen Arbeit Wunder und Offenbarung von vornherein ausschließt und seine Forschung so betreibt, als ob es Gott nicht gäbe („etsi Deus non daretur“ bzw. „methodischer Atheismus“) wird in der Bibel niemals Gottes verlässliches, offenbartes Wort erkennen. Wie grundlegend sich die aus diesen Vorurteilen resultierende Theologie von der traditionellen und reformatorischen Theologie unterscheidet, hat der Theologe J. Gresham Machen bereits im Jahr 1923 beschrieben:

„Wenn man die Wunder ablehnt, macht man aus Jesus die schönste Blume der Menschheit, die einen derartigen Eindruck auf seine Jünger machte, dass sie nach seinem Tod nicht glauben konnten, dass er wirklich tot war, sondern Halluzinationen hatten, die den Eindruck erweckten, er sei von den Toten auferstanden. Wenn man aber die Wunder annimmt, so glaubt man an einen Erlöser, der freiwillig auf diese Welt kam, um uns zu erlösen, am Kreuz für unsere Schuld litt, durch die Macht Gottes von den Toten auferstand und nun lebt, um für uns einzutreten. Der Unterschied zwischen diesen beiden Standpunkten ist der zwischen zwei vollkommen verschiedenen Religionen. Es ist höchste Zeit, das klarzustellen.“ [38]

Ist dieser tiefe Graben in der Theologie inzwischen kleiner geworden? 1999 gab Prof. A Lindemann, der Mitautor von C&L, dem  SPIEGEL ein eindrückliches Interview[39]. Darin sagte er: Im deutschsprachigen Raum kenne er keinen Exegeten, der die Evangelien für zuverlässige historische Zeugnisse hält. Seit Jahrzehnten würde kein ernst zu nehmender Exeget mehr behaupten, dass es sich bei den Evangelien um Lebensbeschreibungen Jesu handelt. Bis auf Ausnahmen würden die Exegeten übereinstimmen, dass kein Augen- oder Ohrenzeuge noch direkt zu uns spricht. Menschen mit Allgemeinbildung wüssten, dass die Geburtsgeschichten nicht wirklich geschehen sind. Nur wenige katholische Neutestamentler hielten noch an der Jungfrauengeburt fest. Jesus habe nicht an seine Existenz vor seiner Geburt geglaubt, sich nicht für Gottes Sohn gehalten, seinen Tod nicht als Sühnetod verstanden und das Abendmahl nicht eingesetzt. Keines der bekannten großen Wunder habe er tatsächlich vollbracht. Er sei nicht leiblich auferstanden, habe keinen Missionsbefehl erteilt und wollte keine Kirche gründen. Der christliche Glaube beziehe sich nicht auf das Selbstverständnis und die Verkündigung Jesu (diese habe dem christlichen Glauben z.T. sogar widersprochen). All das würden viele Exegeten so formulieren, weit mehr noch als vor 20, 30 Jahren.

Der evangelikale Theologe Armin D. Baum kommt aufgrund dieser Aussagen – ganz ähnlich wie J.G. Machen fast 100 Jahre zuvor – zu dem Schluss[40]: „Prof. Lindemann […] bestreitet in seinem SPIEGEL-Interview die christologische Kernaussage des Neuen Testaments, dass Jesus der Sohn Gottes war […] Und er bestreitet die Zentralaussage der neutestamentlichen Soteriologie, Jesus sei historisch von den Toten auferstanden […] Ob zwei Menschen den gleichen Glauben haben, lässt sich meines Erachtens nicht einfach daran ablesen, ob sie die gleichen Begriffe verwenden. Ein solches Urteil hängt davon ab, welche Inhalte sie mit den Begriffen meinen. Inhaltlich sind die Aussagen, die Prof. Lindemann und ich über das Heil in Christus treffen, bis zur Gegensätzlichkeit verschieden. Uns trennt ein garstiger breiter Graben, weil Prof. Lindemann das Christentum aus meiner Sicht in seinem Zentrum entkernt.“

Wenn Prof. Lindemann auch nur teilweise recht haben sollte mit seiner Behauptung, dass solche Ansichten die universitäre Theologie dominieren, dann bewegt mich eine grundlegende Frage: Warum verlangt meine evangelische Kirche von ihren zukünftigen Gemeindeleitern, bei der Ordination ein Gelübde auf Bibel und Bekenntnis abzulegen[41], lässt sie aber zuvor zumindest zum Teil von Theologen ausbilden, die den Bekenntnissen inhaltlich derart grund­legend und weitreichend widersprechen? Auf mich wirkt das so, wie wenn eine Metzgereikette seine Azubis zu überzeugten Veganern in die Lehre schickt und sich nachher wundert, warum die Kunden kein Fleisch mehr kaufen. Wie sollen unsere Gemeindeleiter Glauben wecken, wenn sie von Menschen ausgebildet werden, die selbst elementarste Botschaften der Bibel in Frage stellen oder – wie Prof. Lindemann – sogar offen ablehnen? Ich meine: Das kann nicht funktionieren. Und deshalb bin ich überzeugt: Ohne eine grundlegende theologische Erneuerung bleiben alle sonstigen Reformbemühungen der Kirche zwangsläufig zum Scheitern verurteilt.


Danke an Dr. Reinhard Junker, Prof. Dr. Dr. Daniel von Wachter und Dr. Gerrit Hohage für die fachlich kompetente Prüfung des Artikels und alle guten Anregungen, Kommentare und Korrekturen. 

Besonders zu empfehlen sind in diesem Zusammenhang die beiden Vorträge, die Prof. Dr. Dr. Daniel von Wachter (Direktor der internationalen Akademie für Philosophie am Fürstentum Liechtenstein) am 9.12.2017 in der STH Basel gehalten hat:

Im AiGG-Blog sind zu diesem Thema u.a. folgende weiterführende Artikel erschienen:


 

[1] Prof. Hansjörg Schmid hat das unter Theologen weit verbreitete Arbeitsbuch von C&L als „Bestseller und Klassiker“ bezeichnet (Christ in der Gegenwart 54 (2002) 41, S. 336f.). An der Humboldt-Universität Berlin wird aktuell an der 15. Auflage gearbeitet. Es wird also vermutlich auch zukünftig das Studium vieler Theologiestudenten prägen.

[2] H.Conzelmann A.Lindemann, Arbeitsbuch zum Neuen Testament 14. Auflage 2004, S. 3

[3] Siehe dazu mein Artikel: „4 Dinge, für die ich Atheisten bewundere“ (AiGG-Blog 2015)

[4] Immer wieder hört man die Aussage, nach der Aufklärung könne man nicht mehr so glauben und christlich lehren wie zuvor. In seinem äußerst empfehlenswerten Vortrag „Gab es die Aufklärung“ zeigt Prof. Daniel von Wachter, dass die dominierenden Thesen der Aufklärung letztlich ein Mythos und ein eingebürgertes Narrativ sind und keineswegs unser Verständnis des christlichen Glaubens beeinflussen oder gar zerstören müssen.

[5] Prof. Daniel von Wachter 2017: „Wunder sind keine Verletzung der Naturgesetze“

[6] Es ist natürlich gewagt, den Begriff der „liberalen Theologie“ zu verwenden und schwierig, ihn zu definieren. Insbesondere in den letzten Jahrzehnten ist der Begriff sehr zerfleddert. In diesem Artikel lehne ich mich an die Definition von Prof. Daniel von Wachter an, der in seinem Vortrag „Die Schlüsselvoraussetzung der liberalen Theologie“ die liberale Theologie als markante theologische Schule bezeichnet, die in etwa das vertritt, was die Theologen Schleiermacher, Troeltsch und Bultmann gemeinsam haben.

[7] Rudolf Bultmann 1933, 84f

[8] Rudolf Bultmann: Neues Testament und Mythologie. 1941, 18

[9] Fridrich Schleiermacher im Jahr 1829: „Der Begriff des Wunders wird in seiner bisherigen Art und Weise nicht fortbestehen können.“ Ernst Troeltsch im Jahr 1889: „[Es kann] keine Veränderung an einem Punkte eintreten […] ohne vorangegangene und folgende Änderungen an einem anderen, so dass alles Geschehene in einem beständigen korrelativen Zusammenhange steht und notwendig einen Fluss bilden muss, in dem Alles und Jedes zusammenhängt.“ (Über historische und dogmatische Methode in der Theologie) Zitiert im Vortrag „Die Schlüsselvoraussetzung der liberalen Theologie“ von Prof. Dr. Dr. Daniel von Wachter

[10] H.Conzelmann A.Lindemann, Arbeitsbuch zum NT 14. Auflage 2004, S. 524

[11] Worthaus-Vortrag „Auf der Suche nach dem historischen Jesus“ von Prof. Stefan Schreiber 2014

[12] Im Wortlaut formuliert Prof. Schreiber: „Diese Menschen, und zwar nicht nur einer sondern viele, waren der Meinung oder waren davon überzeugt, ihnen ist Jesus von Nazareth erschienen. Sie haben gesehen, dass er lebt. Sie haben erfahren, dass er lebt. Deswegen muss der noch lange nicht auf der Erde rumspaziert sein wie ein Gespenst oder so etwas. Das wäre dann eher wieder die alberne Variante. Also wenn ich jetzt meine Oma hier sehen würde, dann würde ich zum Arzt gehen, verstehen Sie? Da würde ich irgendwie denken, jetzt sollte ich mal wieder richtig schlafen oder so etwas. Darum geht’s nicht. Darum geht’s auch bei der Erweckung Jesu nicht. Die waren nicht einfach alle überreizt oder so etwas.“ (ab 1:23:28)

[13] Ausführlich erläutert in meinem Artikel: „Die Auferstehung Jesu: Fakt oder Fiktion? Der Indizienprozess“ (AiGG-Blog 2016)

[14] So sahen sich Mose und die alttestamentlichen Propheten als direkte Sprachrohre Gottes (z.B. Jer. 1,9). Jesus und die Autoren des NT haben diese Sichtweise voll bestätigt (Mt. 5,18; Hebr. 1,1; 2.Petr. 1,21). Paulus betonte, dass seine Lehre nicht menschlich, sondern eine direkte Offenbarung Gottes ist (Gal. 1,11-12). Und Johannes warnte eindringlich davor, auch nur minimale Änderungen an seinem Text vorzunehmen (Offb. 22,18-19).

[15] H. Conzelmann & A. Lindemann, Arbeitsbuch zum NT 14. Auflage 2004, S. 343

[16] Siehe dazu mein Artikel „Die Berichte des NT weisen alle Eigenschaften von frühen, authentischen Augenzeugenberichten auf“ (AiGG-Blog 2017)

[17] Dazu schreibt Armin D. Baum in Bibel und Gemeinde 100, Band 4 (2000): Wollten die Evangelisten Geschichte schreiben? […] Prof. Lindemann hat […] eine deutliche Antwort gegeben […]: „Es ist … ein Missverständnis der biblischen Texte, wenn sie als Tatsachenberichte aufgefasst werden”. Diese These halte ich für falsch. Einer der Evangelisten hat sich dazu, ganz im Stil der antiken Historiographie, ausdrücklich geäußert: „Es erschien mir gut, nachdem ich allem bis auf die Anfänge nachgegangen war, es exakt und der Reihe nach aufzuschreiben” (Lk 1,3). Und es ist meines Wissens kein einziger antiker Leser nachweisbar, der den Evangelien eine historische Absicht abgesprochen hätte.“

[18] H. Conzelmann & A. Lindemann, Arbeitsbuch zum NT 14. Auflage 2004, S. 354

[19] H. Conzelmann & A. Lindemann, Arbeitsbuch zum NT 14. Auflage 2004, S. 524

[20] Die These, dass die ersten Christen Jesus massenhaft Zitate nachträglich untergeschoben hätten kommentiert Prof. G. Schröter: „Ich halte es nicht für die feine Art, Jesus etwas in den Mund zu legen, damit der Text als wirkungsvoller empfunden wird. […] Natürlich gibt es bis heute hier und da Kujaus, Plagiatoren, Abschreiber und „Als-ob-Formulierer”. Aber sollten gerade die ersten Christen, die zu strikter Wahrheitsliebe aufriefen, so gehandelt haben? Mitnichten!“ (in „Und die intellektuelle Redlichkeit?“, Bibel und Gemeinde 100, Band 2, 2000)

[21] H. Conzelmann & A. Lindemann, Arbeitsbuch zum NT 14. Auflage 2004, S. 464

[22] Dem hier vorgestellten „Differenzkriterium“ wird heute meist das „Kriterium der vielfachen Bezeugung“ (Erscheinen in verschiedenen Gattungen/unabhängigen Quellen) sowie das „Kohärenzkriterium“ (Ähnlichkeit zu anderen Stellen, die den beiden erstgenannten Kriterien entsprechen) beigestellt. Auch das neuere „historischen Plausibiltätskriterium“ überwindet das Differenzkriterium nicht, es erscheint dort unter den Namen „Tendenzwidrigkeit“ und „kontextuelle Individualität“ (nachzulesen z.B. hier).

[23] H. Conzelmann & A. Lindemann, Arbeitsbuch zum NT 14. Auflage 2004, S. 495

[24] „Auf der Suche nach dem historischen Jesus“ Worthaus-Vortrag von Prof. Stefan Schreiber 2014

[25] „10 Gründe, warum es auch heute noch vernünftig ist, der Bibel zu vertrauen“ (AiGG-Blog 2016)

[26] Worthaus 5.8.2 Prof. S. Zimmer 2015

[27] Dazu schreibt der Theologe Holger Lahayne in seinem grundlegenden Artikel von 2016 „Solo oder sola scriptura“: „Es wäre völlig töricht, all die in zweitausend Jahren angesammelten theologischen Lehren in Gänze beiseite zu schieben. Denn darin würde sich ein ungeheurer Hochmut ausdrücken. Schon immer haben Menschen die Bibel interpretiert, und sehr oft haben sie das Wort Gottes richtig gedeutet. […] Wenn die Tradition verachtet wird, wird es auch kaum möglich sein, an der Wahrheit Gottes in der Heiligen Schrift festzuhalten.“

[28] Der Begriff „historisch“ wird hier im Sinne von „was wirklich geschehen ist“ verwendet. In der klassischen historisch kritischen Methode gilt nach Troeltsch aber nur das als historisch, was den Kriterien der Kritik, Analogie und Korrelation (Begriffsdefinition siehe z.B. hier) standhält. Wunder wie die Auferstehung sind nach dieser Definition grundsätzlich von vornherein „unhistorisch“ und nicht wirklich geschehen. Zurecht sieht Prof. Rainer Mayer darin den Versuch, „ein rein innerweltliches, mithin atheistisches Wissenschaftsverständnis für die Theologie verbindlich zu machen. […] Diese Prinzipien behindern unvoreingenommene historische Untersuchung, weil sie aller Erkenntnis ein „Filter“ vorschalten, das von vornherein alles das als „unhistorisch“ aussondert, was nicht in das vorgefasste Wissenschaftsparadigma passt.“ Spätere Theologen haben den Wunderausschluss abgeschwächt mit der Aussage: Wunder könnten zwar geschehen sein, aber die Wissenschaft könne aus methodischen Gründen nichts über sie sagen. Damit wird aber nach wie vor die Möglichkeit, dass real geschehene Wunder die beste Erklärung für die historischen Fakten liefern könnten, von vornherein ohne Sachgründe aus dem wissenschaftlichen Diskurs ausgeschlossen und damit abgewertet.

[29] H. Conzelmann & A. Lindemann, Arbeitsbuch zum NT 14. Auflage 2004, S. 3

[30] Siehe dazu mein Artikel „Das Kreuz – Stolperstein der Theologie“ (AiGG-Blog 2018)

[31] Dazu schreibt Armin D. Baum in in Bibel und Gemeinde 101, Band 1 (2001): „Die Christologie der Evangelien ruht auf der Überzeugung, dass Jesus Wunder getan hat: Jesus von Nazareth hat sich seinen Zeitgenossen gegenüber durch Wundertaten ausgewiesen (Apg 2,22), und zwar sowohl als der in den Schriften verheißene Messias als auch als der einzigartige Sohn Gottes. Der Täufer ließ Jesus aus dem Gefängnis zweifelnd fragen, ob er der verheißene Messias sei. In seiner Antwort an den Täufer spielte Jesus darauf an, dass der Messias Jes 35,5-6 zufolge nicht nur einzelne Heilungswunder tun würde, wie die Propheten vor ihm, sondern sehr viele. Der Messias sollte an der enormen Fülle seiner Machttaten erkannt werden, die weit über alles hinausging, was man aus den heiligen Schrift über wundertätige Propheten wusste. Eine Identifizierung Jesu als Messias wäre diesem biblischen Konzept zufolge ohne Wunder nicht möglich gewesen.“

[32] H. Conzelmann & A. Lindemann, Arbeitsbuch zum NT 14. Auflage 2004, S. 3

[33] Christian Schwarz in  „Natürliche Gemeindeentwicklung“ 4. Auflage 2006, S. 25, in dem er die Ergebnisse seiner systematischen Untersuchung von 45.000 Gemeinden aus der ganzen Welt präsentiert

[34] So schreibt Christoph Schmieding in seinem Artikel „Was ist eigentlich „post-evangelikal?“: „Das von Siegfried Zimmer initiierte Worthaus Projekt hat es sich zur Aufgabe gemacht, moderne Bibelwissenschaft in die evangelikalen Biotope zu tragen – und das mit Erfolg!“

[35] Jürgen Mette in seiner pro-Kolumne „Von Lämmern, Leithammeln und schwarzen Schafen“.

[36] Dazu schreibt Dr. Armin D. Baum: Im Unterschied zu dieser von ZIMMER befürworteten Hermeneutik geht ein evangelikales Schriftverständnis von der Annahme aus, dass die Bibel – bei aller Unterschiedlichkeit der innerbiblischen Gesprächsbeiträge – nicht nur in ihren zentralen Aussagen, sondern insgesamt eine theologische Einheit darstellt und als solche respektiert werden will.“ Ichthys 46 (2008), S. 82-83

[37] „Die Krise des Schriftprinzips ist also immer auch eine Krise des Bekenntnisprinzips.“ Holger Lahayne 2016 in „Solo oder sola scriptura

[38] J. Gresham Machen „Christentum und Liberalismus“ S. 129

[39] „Ist Jesus dem Glauben im Weg? SPIEGEL-Interview mit Prof. A. Lindemann vom 13.12.1999

[40] In „Geschichtsschreibung, Wunder und der christliche Glaube: eine Antwort an Prof. Lindemann“ in Bibel und Gemeinde 101, Band 1 (2001), S.30-37

[41] Aus der Urkunde über das Ordinationsgelübde der Nordelbischen Kirche: „…Er hat gelobt, […] das Evangelium von Jesus Christus zu predigen, wie es in der Heiligen Schrift gegeben und im Bekenntnis unserer evangelisch-lutherischen Kirche bezeugt ist…”

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Lasst mir bloß die Schatzkarte in Ruhe!

Oder: Warum ich liberale Theologie so belanglos finde

Der große Moment war gekommen. Die Schatzkarte wurde auf dem Tisch ausgebreitet. Und tatsächlich: Tief im Inneren der Insel war die Stelle markiert, an der der sagenhafte Schatz vergraben sein musste. Doch die leuchtenden Augen verdunkelten sich. Der Weg zum Schatz schien eng, steil und gefährlich zu sein. Gemurmel ging durch den Raum. „Gibt’s da eigentlich Geländer?“ „Da müssten wir ja erst mal trainieren.“ „Das kann man doch niemand zumuten.“ Erste grundlegende Zweifel wurden formuliert: „Man kann doch so eine alte Schatzkarte nicht einfach auf heute übertragen!“ „Mir kann doch keiner erzählen, dass es nur EINEN Weg zum Schatz geben soll!“ Dann wurde die Kritik grundsätzlicher: „Mit unseren heutigen Möglichkeiten finden wir sicher einen besseren Weg.“ „Und vielleicht ja auch ein besseres Ziel!” „Eben! Wer definiert überhaupt, was ein Schatz ist? Schöne Strände sind doch auch ein großer Schatz, oder?“ „Solange es ein schöner Weg ist, ist doch auch alles gut!” Jetzt waren sich alle einig: Diese Karte konnten sie unmöglich einfach so als Reiseroute verwenden. Stifte wurden gezückt. Doch bevor jemand etwas auf die Karte zeichnen konnte schlug Fred auf den Tisch. „Glaubt ihr ernsthaft, dass ihr den Weg besser kennt als der, der den Schatz vergraben hat? Lasst mir bloß die Schatzkarte in Ruhe! Ich gehe diesen Weg. Ich finde den Schatz. Ihr dürft euch solange gerne um schöne Wege und Strände kümmern. Dafür braucht ihr die Karte nicht. Im Internet gibt es Pläne ohne Ende.“ Mit diesen Worten nahm er die Karte und ging, um sich auf den Weg zu machen.

Der sagenumwobenste Schatz dieser Welt heißt: Ewiges Leben! Jeder hofft darauf. Aber kein Mensch weiß etwas Genaues darüber. Paulus hingegen hat behauptet:

„Ich bin ein Apostel von Jesus Christus, dazu berufen, […] die Wahrheit zu verbreiten, die zum Glauben führt. Diese Wahrheit schenkt die Hoffnung auf ewiges Leben.“
(Titus 1, 1-2a)

Ich will ehrlich mit Ihnen sein, lieber Leser: Mich interessiert halt nun mal vor allem dieser Schatz. Andere dürfen gerne für den Tierschutz, Klimaschutz, Gleichberechtigung, Karriere, Erfolg, Schönheit usw. leben. Ich will in erster Linie ewiges Leben haben. Und zwar nicht nur für mich (das wäre ja egoistisch) sondern auch für die Menschen um mich herum. Und da wir Menschen nun mal keine Ahnung über das Leben nach dem Tod haben und da es am Ende eben nur 1 objektive Wahrheit geben kann interessiert mich letztlich nur eins: Was hat Gott dazu gesagt?

Und jetzt kenne ich halt nur 1 Gruppe von Menschen, denen ich wirklich abnehme, dass sie tatsächlich Gott gehört haben: Die Autoren der Bibel! Sie behaupteten nicht nur ständig, das wahre Wort Gottes zu predigen. Sie waren auch noch bereit, für ihre Botschaft in den Tod zu gehen. Ihre Worte waren so kraftvoll, dass sie bis heute die Welt verändern – im Gegensatz zu so vielen hochtrabenden theologischen Theorien, von denen nach kurzer Zeit kein Mensch mehr spricht.

Ihr lieben Theologen, ihr habt so eine wichtige Aufgabe! Ich wünsche mir von euch, dass ihr mir helft, die Bibel, die Schatzkarte Gottes, besser lesen und verstehen zu können. Bitte fordert mich heraus, diesen biblischen Weg zu gehen. Konfrontiert mich damit, welche meiner Wege nicht zur biblischen Schatzkarte passen. Wenn ich eine Bibelstelle falsch verstehe dann zeigt mir bitte eine andere, die mich korrigiert. Und bitte warnt mich vor falschen Lehren und Lehrern, die mir Wege empfehlen, die von der Bibel abweichen. Ich finde es offen gesagt traurig, dass das so wenige von euch tun.

Aber wenn ihr euch stattdessen mehr mit anderen Theologen und theologischen Gedankengebäuden statt mit der Bibel beschäftigt, hilft mir das nicht wirklich weiter. Und wenn ihr euch über die Bibel stellt und anfangt, euren Verstand, eure Meinung, eure Erfahrung, den Zeitgeist, menschliche Erkenntnisse oder Bedürfnisse zum Schiedsrichter über richtig und falsch in der Bibel zu machen, dann bin ich raus. Denn ich glaube einfach nicht, dass ihr besser über das (ewige) Leben Bescheid wisst als die Apostel und Propheten, die uns Gottes Wort verkündigt haben.

Geradezu lächerlich finde ich es, wenn manche von euch meinen, sie könnten biblische Lehren mit ihrer Logik widerlegen. Mal ernsthaft: Wer von uns will denn beurteilen, ob die Möglichkeit einer ewigen Verdammnis, vor der Jesus uns so intensiv gewarnt hat, nicht doch auch Ausdruck von Gottes Liebe und Gerechtigkeit sein kann? Wer von uns wollte beurteilen, ob es nicht doch einen blutigen Sühnetod brauchte, um uns vor dieser Verdammnis zu bewahren? Wir verstehen ja nicht mal wie eine winzige lebende Zelle funktioniert. Und dann wollen wir definieren, wie Schuld, Vergebung, Erlösung, Gerechtigkeit und die Ewigkeit konstruiert sein muss, damit es für unsere erbärmlichen logischen Fähigkeiten akzeptabel ist? Ich finde: Hochmut ist gar kein Ausdruck für so eine menschliche Selbstüberschätzung.

Deshalb seid mir bitte nicht böse, dass theologische Theorien, die man nicht klar und deutlich mit der Bibel belegen kann, bei mir nur Schulterzucken auslösen (und übrigens nicht nur bei mir, wie man an den rapide schrumpfenden Kirchenmitgliederzahlen sieht). Feministische Theologie, Befreiungstheologie, transformative Theologie, tiefenpsychologische Theologie: Alle diese kurzlebigen theologischen Modewellen finde ich einfach nur belanglos, wenn sie primär menschlich und nicht biblisch getrieben sind. Ich liebe biblische Theologie! Die Bibel soll sich selber auslegen und selber definieren, wie sie richtig zu verstehen ist! Deshalb schlage ich von allen Büchern immer noch am liebsten die Bibel auf und hebe aus ihr die kostbaren Schätze, die mir verbrieft und verlässlich das Leben bringen. DAS finde ich spannend ohne Ende.

P.S. an alle die jetzt glauben, mir wäre die Not dieser Welt egal und mir ginge es nur ums Seelenheil: Mein Jesus hat gesagt, dass die in den Himmel kommen, die den Hungrigen zu essen geben, die Fremden aufnehmen, den Armen helfen und die Kranken und Kriminellen besuchen (Matth. 25, 31-45). Interessanterweise waren es ja gerade die Jesusnachfolger mit biblischer Perspektive, die so ungeheuer viel für unser aller Wohlstand, Gesundheit und Bildung getan haben (wie Vishal Mangalwadi in seinem „Buch der Mitte“ eindrücklich nachgewiesen hat). Vielleicht ja deshalb, weil genau diese biblische Ewigkeitsperspektive nicht nur an die Symptome sondern an die Wurzel der Nöte dieser Welt geht, nämlich an unsere Sündhaftigkeit und unseren Egoismus. Vielleicht wächst Gerechtigkeit in einer Gesellschaft ja viel mehr durch erneuerte Herzen statt nur durch Politik. Also bevor ihr euch über meine angebliche Weltflucht lustig macht würde ich sagen: Abwarten, wer am Ende wirklich mehr gegen die Not der Welt getan hat… J

Siehe auch: