Vision 2020

Liebe Leser des AiGG-Blogs,

herzlichen Dank für all die ermutigenden und konstruktiv kritischen Rückmeldungen im vergangenen Jahr! 2019 ist einiges geschehen, was ich bis dahin für vollkommen unmöglich gehalten hatte: Ein eigenes Buch ist erschienen, Auszüge daraus waren im August die Titelstory in idea-Spektrum, der AiGG-Worthaus-Artikel wurde in einem weiteren Buch abgedruckt und ich durfte in einen spannenden Vortragsdienst einsteigen, der in diesem Umfang neu für mich war. Und mein Eindruck ist: Gott hat noch viel mehr vor! Nicht speziell mit mir oder diesem Blog. Aber es sind an einigen Stellen Dinge sichtbar und spürbar in Bewegung gekommen, die – so glaube ich ganz fest – weiter wachsen und an Dynamik gewinnen werden.

Die ersten AiGG-Artikel für 2020 sind bereits in der Pipeline. Einsteigen möchte ich heute aber mit der Übersetzung eines brandaktuellen Facebookposts von John L. Cooper, dem Sänger der bekannten christlichen Band Skillet. Der Text von John Cooper gibt vieles von dem wieder, was auch diesen Blog im letzten Jahr beschäftigt hat und sicher weiter beschäftigen wird. Damit wünsche ich Ihnen und euch allen ein starkes, gesundes und vor allem reich gesegnetes Jahr 2020 und ganz viele Momente des Aufatmens in SEINER wunderbaren Gegenwart!

Vision 2020
öffentlich gepostet von John L. Cooper auf Facebook am 31. Dezember 2019

(Das englische Original siehe unten)

Wow, was für ein Wirbelwind war das Jahr 2019! Ich kann mich an kein arbeitsreicheres Jahr erinnern als dieses. Doch wenn ich das Jahr 2020 so betrachte, dann wird mir klar, dass ich noch viel zu tun habe und der Wirbelsturm gerade erst beginnt.

Das war ein schmerzhaftes Jahr, sowohl auf globaler als auch auf persönlicher Ebene. Die großen Probleme in der Welt haben mich auch ziemlich hautnah betroffen. Sprechen wir zuerst über das umfassendere Thema: Wir haben in diesem Jahr viel Herzensleid in Gottes Kirche gesehen. Wir haben gesehen, wie christliche Leiter und Menschen mit Einfluss vom Glauben abfielen, den Glauben verurteilten und in einen Lebensstil der Sünde verfielen. Außerhalb des christlichen Glaubens hat unsere Gesellschaft und Kultur im Allgemeinen das Ausfransen der letzten Säulen der Wahrheit gesehen, die uns relativ fest verankert gehalten haben. Die Kultur hat mit voller Wucht den Postmodernismus und seine verschiedenen Abkömmlinge des Relativismus aufgenommen. Das hat uns in eine Welt manövriert, die an nichts Absolutes glaubt und in der nichts objektiv wahr ist. Wir als Gesellschaft werden von wilden Strömungen hin und her geworfen, während die Wahrheit jeden Tag durch die öffentliche Meinung neu definiert wird. Ich hätte nie gedacht, dass so viele Menschen so verzweifelt verwirrt sein könnten.

Ich persönlich habe Freunde, die den Glauben in diesem Jahr verlassen haben. Freunde, die ihren Ehepartnern gegenüber untreu waren. Freunde, die ein Kind durch Sucht oder Selbstmord verloren haben. Freunde, die wissentlich oder unwissentlich zu falschen Lehrern wurden, indem sie eine “neue Lehre” lehrten, die Aspekte des Christentums mit den Überzeugungen der New-Age-Bewegung vermischt. Ja, ich habe es gesagt. Das ist eine falsche Lehre. Ziemlich brutales Zeug. So sehr ich persönlich von all dem betroffen bin, bin ich sicher, dass jeder von euch, der dies liest, auch in irgendeiner Weise davon betroffen sein wird.

Die Leute haben mich gefragt, warum ich im letzten Jahr angefangen habe, klarer zu sprechen. Zunächst einmal war ich der Meinung, dass das Internet zu voll von Menschen ist, die sich gegenseitig anschreien. Und wenn es eine Sache gibt, von der wir weniger brauchen, dann sind es Prominente, die meinen, sie müssten alle anderen zu Gleichgesinnten machen. Der Aufbau unserer Gesellschaft wird nun vom Einfluss der Jüngsten, der Selbstbewusstesten, aber auch der am wenigsten Geschichtskundigen und Erfahrenen unter uns geprägt. Ich habe dies seit mehreren Jahren beobachtet und wollte nicht noch eine Stimme in dieser Mischung sein. Im Idealfall würde ich es vorziehen, wenn die Leute auf diejenigen hören, die viel weiser sind als ich. Bitte, wenn Sie die Zeit haben, hören Sie sich eine Predigt von John Piper oder Tim Keller an, anstatt meinen Blog zu lesen 🙂

Das Problem war jedoch, dass je mehr ich versuchte, mich aus dem öffentlichen Gespräch herauszuhalten, um den Klügeren Raum zu geben, desto weniger wurde die Leere von den “Pipers” oder “Kellers” dieser Welt gefüllt. Stattdessen wurde sie mit absolutem Unsinn und häretischen Grübeleien derjenigen gefüllt, denen Kenntnis über Gott fehlt, und schlimmer noch, denen eine richtige Gottesfurcht fehlt.

Ich habe untätig gesessen und beobachtet, wie die Menschen in völliger Verwirrung leben. Christen sind so verunsichert über ihren eigenen Glauben, dass sie aus falschen Lehren schöpfen oder sich in diese hineinbewegen, ohne es überhaupt zu wissen. Ich beschloss schließlich, nicht mehr zu schweigen, als einige unserer früheren christlichen Leiter ihren Glaubensabfall verkündeten und damit begannen, Gottes heiligen Namen öffentlich zu entehren. Ich konnte es einfach nicht mehr ertragen. Ich fühlte mich wie ein junger Mann namens David, der schockiert und wütend war, als er dem riesigen Goliath zuhörte, der die Größe Gottes verspottete und herausforderte. Noch als Junge, unfähig, auch nur die Last einer Rüstung zu tragen, fragte David: “Wer ist das, der es wagt, den Armeen des lebendigen Gottes zu trotzen?”

Was bedeutet das für das Jahr 2020? Im kommenden Jahr werde ich mich von der Leine lassen. Es ist mir egal, was es mich kostet. Ich muss das Wort ergreifen, weil zu viele Menschen verletzt sind und die Antworten normalerweise nicht so schwer zu finden sind. Die Menschen brauchen Hilfe. Ja, wir leben in verwirrenden Zeiten. Aber es ist nicht so verwirrend, wie es scheint, wenn man bereit ist, sich der Herrschaft Jesu Christi und seinem Wort hinzugeben. Der Grund, warum so viele Christen verwirrt sind, ist, dass sie nicht an das Fundament der Bibel glauben (ob sie es zugeben oder nicht). Gottes Wort ist unveränderlich und es ist die Grundlage der Wahrheit. Ohne dieses Fundament ist es kein Wunder, dass das Leben der Menschen auseinander fällt. Es ist unmöglich, ein unerschütterliches Fundament zu haben, wenn es aufgebaut ist auf einer Mischung aus Bibel, sozialem Aktivismus, der New-Age-Bewegung, Pop-Psychologie, Promi-Tweets und der ständigen Moralisierung von wachen Ideologen, die glauben, dass sie tugendhafter sind als alle anderen… sogar tugendhafter als Gott.

Wenn es einen Entschluss gibt, den ich für 2020 habe, dann ist es der, dass ich mich deutlicher ausdrücken möchte mit meinen Worten. Wie ich eingangs dieses Posts sagte, sind die letzten Säulen der Wahrheit in unserer Kultur zerbrochen. Traurigerweise sind diese Säulen auch innerhalb der Kirche zerbrochen. Wie bete ich für christliche Leiter, die am Wort Gottes festhalten, auch wenn es immer unpopulärer wird, dies zu tun! Wie bete ich, dass Männer Gottes das Rückgrat finden, um in der Frage der Autorität der Schrift fest zu stehen, anstatt sich wie Kinder zu verstecken und die Zustimmung anderer zu suchen! Diese Männer hätten Krieger sein sollen – sie waren dazu bestimmt, den feurigen Pfeilen des Feindes zu widerstehen -, aber sie können sich nicht einmal gegen eine Beleidigung aus einer Welt wehren, von der Gott uns doch angekündigt hat, dass sie uns hassen würde!

Liebe Mitgläubige, mögen wir aufwachen und erkennen, dass wir uns im Zentrum eines Krieges gegen die Wahrheit befinden. Wenn unser Fundament auf Christus allein beruht, dann können wir nicht erschüttert werden. Andererseits: Wenn unser Fundament sowohl auf Christus als auch auf der Philosophie unserer Zeit gebaut ist, wird unser Leben zerschlagen und zu Boden gerissen werden.

“Denn niemand kann ein anderes Fundament legen als das, das gelegt ist, das ist Jesus Christus.” (1. Korinther 3:11)

Übersetzt mit Unterstützung von www.DeepL.com/Translator (kostenlose Version)


Der Text im Original:

-2020 Vision-

Wow what a whirlwind 2019 was! I cannot recall a busier year than this one. However, as I consider 2020, I realize that I have much to do and the whirlwind is just beginning.

This has been a painful year on both a global and personal scale. The larger issues of the world have hit very close to home. Speaking first on the larger issue, we have seen a great deal of heartache in God’s Church this year. We have seen Christian leaders and people of influence falling away from the faith; denouncing the faith; falling into lifestyles of sin. Outside of Christian faith, our society and culture in general have seen the fraying of the final strands of truth that have kept us relatively anchored down. Culture has, with full force, embraced post modernism and its various offsprings of relative truth. This has left us to live in a world that disbelieves in absolutes, and where nothing is objectively true. We as a society are being thrown around to and fro on the crashing waves as truth is being redefined each day by popular opinion. I never imagined that so many people could be so desperately confused.

I personally have friends who left the faith this year. Friends who were unfaithful to their spouses. Friends who lost a child to addiction or suicide. Friends who knowingly or unknowingly became false teachers by teaching a “new doctrine” that blends aspects of Christianity with the beliefs of the New Age Movement. Yes I said it. That is false teaching. Pretty brutal stuff. As much as I have been personally impacted by all of this, I’m sure that every one of you reading this will have been affected in some way too.

People have asked me why I started speaking out more clearly this past year. First of all, I have been of the mind that the internet is too full of people yelling at each other. And if there is one thing that we need less of, it’s celebrities who think they need to bully everyone else into like- mindedness. Our society is now being built upon the influence of the youngest, most confident yet least knowledgeable of history, and most inexperienced among us. I have watched this for several years and I did not want to be another voice in the mix. Ideally I would prefer for people to listen to those who are much wiser than me. Please, if you have the time, listen to a John Piper or Tim Keller sermon instead of reading my blog:)

However, the problem was that the more I tried to stay out of the public conversation in order to promote those wiser than myself, the void didn’t get filled by the “Pipers or Kellers” of the world. Instead, it has been filled with absolute nonsense and heretical musings of those who lack the knowledge of God, and worse still, lack a proper fear of God.

I have been sitting idly, and watching people live in utter confusion. Christians are so vexed by their own faith that they flow in and out of heresy without even knowing it. I finally decided to stop being silent when some of our former Christian leaders announced their apostasy and began publicly dishonoring God’s holy name. I could just stomach it no longer. I felt like a young man named David who was shocked and angry to be listening to the giant Goliath mock and challenge the greatness of God. Still a boy, and unable to even bear the weight of armor, David asks, “Who is this that dares to defy the armies of the living God?”

What does this mean for 2020? This coming year, I am coming off the leash. I don’t care what it costs me. I have to speak up because too many people are hurting and usually the answers aren’t really that difficult to find. People need help. Yes, we live in confusing times. But it’s not as confusing as it seems if one is willing to surrender to the Lordship of Jesus Christ and His Word. The reason so many Christians are confused is because they don’t believe in the foundation of the Bible (whether they admit it or not). God’s Word is unchanging and it is the foundation of truth. Without that foundation, no wonder people’s lives are falling apart. It is impossible to have an unshakable foundation if it is built on a mixture of the Bible, social activism, the new age movement, pop psychology, celebrity tweets, and the constant moralizing of Woke ideologues who believe they are more virtuous than everyone else…even more virtuous than God.

If there is any resolution I have for 2020, I want to be clearer in my words. As I said at the top of this post, the final strands of truth in our culture are torn apart. Sadly, those strands are also fraying within the Church. How I pray for Christian leaders who will hold firm to the Word of God even though it is becoming increasingly unpopular to do so! How I pray that men of God will find the backbone to ‘hold the line’ on the issue of the authority of Scripture, instead of cowering like children seeking the approval of others! These men should have been warriors-they were meant to withstand the fiery arrows of the enemy-yet they cannot even stand against an insult from a world that God promised would hate us!

Fellow believers, may we wake up and realize that we are in the very center of a war against truth. If our foundation is on Christ alone then we can not be shaken. On the contrary, if our foundation is built upon both Christ AND the philosophy of our time, our lives will be shattered and torn to the ground.

“For no one can lay a foundation other than that which is laid, which is Jesus Christ.” (1 Corinthians 3:11)

Mission – Viel mehr als “Zeigen, was wir lieben”

Mit „Mission Zukunft“ haben Ulrich Eggers und Michael Diener einen Sammelband vorgelegt, der es in sich hat. Man muss schon hoch vernetzt sein, um so viele bekannte christliche Leiter unterschiedlichster Couleur zwischen zwei Buchdeckeln zu versammeln. Aber gerade diese Zusammenschau ist es, die dieses Buch besonders spannungsvoll und spannend macht.

Bei mir hat das Buch sowohl Begeisterung als auch Verzweiflung ausgelöst. Begeisterung, weil man hier ermutigende Belege dafür findet, dass ein missionarischer Aufbruch möglich ist – auch mitten im säkularisierten Europa des 21. Jahrhunderts. Verzweiflung, weil zugleich transparent wird, wie weit Teile der Kirche von diesem Aufbruch entfernt zu sein scheinen.

Die Perspektive der Praktiker

Besonders deutlich wird das, wenn man das Buch aus Sicht der Praktiker liest. Das können Leute sein, die aktuell einen missionarischen Aufbruch erleben. Genauso interessant ist die Perspektive derer, die zahlreiche Initiativen überblicken und gut beobachten können, was „funktioniert“ und was nicht. Auffällig ist, was alle diese Leute gleichermaßen betonen: Entscheidend und grundlegend für einen missionarischen Aufbruch sind nicht Methoden. Entscheidend sind die geistlichen Grundlagen. Entscheidend ist vor allem die praktisch gelebte, vom Heiligen Geist gewirkte Jesusnachfolge, die sich gründet im Gebet und in Gottes Wort:

„Missionarischer Aufbruch … braucht Jesus-Zentriertheit und die Liebe zu Gott in allem.“ (Ansgar Hörsting, S.50)

„Die Vitalität meiner eigenen Jesusbeziehung ist zentral für die missionarische Bewegung in meinem Umfeld. … Auf diesem Weg werden Gebet, Wort Gottes und intensive Gemeinschaft mit anderen Christen eine große Rolle spielen.“ (Ekkehart Vetter, S.80)

„Missionarische Aufbrüche in der Kirche kommen durch christuszentrierte und geisterfüllte Bewegungen zustande.“ (Andreas „Boppi“ Boppart, S.211)

„Ich träume davon, dass Gemeinden Orte werden, die Menschen helfen, zu einer persönlichen intimen Gottesbeziehung zu kommen, denn ich bin überzeugt, dass aus Intimität (mit Gott) Identität (in Gott) und aus Identität schließlich geistliche Autorität (aus Gott) erwächst.“ (Patrick Knittelfelder, S.300)

Besonders bemerkenswert war für mich der Text von Bernhard Meuser, der das katholische „Mission Manifest“ mit vorangetrieben hat. Er zählt auf, was er als Katholik gerne von evangelikalen Christen lernen möchte: „Sie leben, denken, beten aus der Heiligen Schrift. Sie stellen Jesus in die Mitte, … nehmen ihn wirklich als Herrn in ihr Leben. Sie beten laut, gemeinsam und konkret. Sie lassen sich vom Heiligen Geist führen. Sie sind missionarisch, … sie haben echtes Interesse daran, dass jeder Jesus kennenlernt. Sie entscheiden sich für Jesus.“ (S.179) Da geht mir das Herz auf. Und doch hat mich das auch ein wenig peinlich berührt. Denn ich habe mich gefragt: Sind wir da wirklich noch Vorbild? Leben wir das tatsächlich noch voller selbstverständlicher Überzeugung? Oder gehen uns nicht gerade diese klassischen evangelikalen „Kernkompetenzen“ zunehmend verloren?

Gibt es absichtslose Mission?

Dass es Ulrich Eggers und Michael Diener gelungen ist, auch einige führende Persönlichkeiten der evangelischen Kirche für ein Statement zum Thema Mission zu gewinnen, ist erfreulich. Allerdings fällt schon Michael Diener auf: Es ist „wohl nicht ganz zufällig, dass sich alle Beiträge aus der Leitung der EKD mit … ethischen Haltungen der Mission beschäftigen.“ (S.17) Entsprechend sind diese Beiträge stark mit der Abwehr eines aus ihrer Sicht übergriffigen Missionsverständnisses beschäftigt. So schreibt zum Beispiel Heinrich Bedford-Strohm: „Mission, wie ich sie verstehe, ist nicht der strategische Versuch, Menschen zu einem bestimmten Bekenntnis zu veranlassen.“ (S.72) Gleich mehrfach wird ein Satz des Theologen Fulbert Steffensky zitiert: „Mission ist die gewaltlose, ressentimentlose und absichtslose Werbung für die Schönheit eines Lebenskonzeptes. Mission heißt zeigen, was man liebt.“ (S.18) Die letzten Worte dieses Zitats haben es sogar in leicht abgewandelter Form in den Untertitel des Buchs geschafft.

Ich musste bei diesem Zitat an die Missionsreisen von Paulus denken. War Paulus denn „absichtslos“ unterwegs? Wollte er in erster Linie einfach mal die Welt bereisen? Sicher nicht. Absichtslose Mission gibt es nicht. Mission ist auch bei weitem nicht nur „Zeigen, was man liebt“, wie man es bei einem guten Wein oder einem spannenden Kinofilm macht. Selbstverständlich wünschen sich Missionare, dass in den Herzen der Zuhörer ein christliches Bekenntnis wächst, schließlich gilt: Wenn du mit deinem Mund bekennst, dass Jesus der Herr ist, und wenn du in deinem Herzen glaubst, dass Gott ihn von den Toten auferweckt hat, wirst du gerettet werden.“ (Römer 10,9) Johannes Reimer schreibt deshalb zurecht: „Gemeindeaufbau setzt intentionale Verkündigung des Evangeliums und damit die Hinführung des Menschen zur Entscheidung für den Glauben voraus.“ (S.192) Auch Michael Herbst setzt auf „Veranstaltungen, die absichtsvoll evangelisieren“. (S.136) Und Bernhard Meuser hält fest: „Die Kirche muss wieder wollen, dass Menschen ihr Leben durch eine klare Entscheidung Jesus Christus übergeben.“ (S. 176)

Was bedeutet eigentlich „Mission“?

Gleich zu Beginn des Buchs stellt Michael Diener eine wichtige Frage: „Wie belastbar ist das gemeinsame Fundament in Sachen Mission und Evangelisation? Füllen wir zentrale Begriffe mit gleichen oder zumindest ähnlichen Inhalten oder handelt es sich nur um eine „Äquivokation“, werden dieselben Wörter für letztlich nicht Vereinbares verwendet? Ist das immer noch zu beobachtende und zu spürende „Fremdeln“ vieler Menschen in den Volkskirchen, wenn Worte wie „Mission“ oder „Evangelisation“ fallen, wirklich nur dem nicht zu leugnenden Missbrauch auf diesem Gebiet zu verdanken oder verbirgt sich dahinter eine gänzlich andere theologische Einschätzung?“ (S.13) Leider wird diese Frage im Buch nie direkt beantwortet. Aber wer die verschiedenen Texte nebeneinander stellt kommt zwangsläufig zu einem eindeutigen Ergebnis: Leider werden zentrale Begriffe tatsächlich immer wieder unterschiedlich gefüllt. Und oft sind nicht einmal mehr die Begriffe dieselben.

Das merkt man schon daran, dass in einigen Beiträgen Begriffe wie Sünde, Umkehr, Rettung oder Verlorenheit schlicht nicht vorkommen. Auch die Lehre vom stellvertretenden Sühneopfer vermisse ich, wenn Heinrich Bedford-Strohm zum Beispiel schreibt: Der gekreuzigte Gott mache „zutiefst gewiss, dass Gott gerade im Leiden nicht fern, sondern ganz nah ist.“ (S.74) Und ich habe mich gefragt: Würde zu den Bildern von Mission, die da gezeichnet werden, die weltweit verbreiteten „4 geistlichen Gesetze“ (neuerdings auch unter „The Four“ bekannt) zur Erklärung des Kerns des Evangeliums noch passen? In deren Mittelpunkt steht ja die Lehre, dass die Sünde uns Menschen von Gott trennt und dass nur der stellvertretende Kreuzestod Jesu diese Trennung überwinden kann. Diese Mitte des Evangeliums konnte ich in einigen Texten leider nicht entdecken. Ansgar Hörsting sieht genau darin eine Hauptursache für mangelnde missionarische Dynamik: Es ist „ein Hemmnis für Mission, wenn diese zentrale Botschaft vergessen, verändert oder aus der Mitte verdrängt wird. Die mangelnde Klarheit in der Verkündigung zum Sühnopfer Jesu ist ein trauriges Beispiel dafür. Menschen, die die Liebe Gottes nur allgemein und nicht in dieser zugespitzten Form verstehen, werden nicht im Namen Jesu missionarisch sein.“ (S.49)[1]

Warum missionieren wir überhaupt?

Eine weitere wichtige Frage ist: Warum missionieren wir eigentlich? Geht es darum, unsere Mitgliederzahlen zu verbessern? Oder wollen wir die Gesellschaft und die Lebensumstände unserer Mitmenschen ein wenig besser machen? Wenn Gott ohnehin bei allen Menschen ist, wenn er am Ende alle rettet und wenn er uns auch durch andere Religionen begegnet, wie es z.B. die rheinische Kirche in Ihrem Beschluss zum Verzicht auf Mission unter Muslimen meint, dann ist die Frage nach dem Antrieb für missionarische Aktivitäten gar nicht so leicht zu beantworten. Das hat Folgen. Ansgar Hörsting sagt deutlich: „Ich kenne keine (!) missionarisch wirksame Gemeinde, in der es nicht Leute gibt, die klar auf dem Schirm haben: Ohne Jesus Christus sind Menschen verloren. … Wo keine Dringlichkeit empfunden wird, wird missionarisches Wirken schwach.“ (S.52, das Ausrufezeichen habe ich eingefügt). Noch deutlicher wird Steffen Beck: „Es reicht nicht, wenn wir hören, dass „Menschen ohne Jesus verloren“ sind. … Unser Herz muss betroffen sein. Wenn dies nicht der Fall ist, werden wir auch das Herz der anderen nicht erreichen.“ (S.259) Wenn das stimmt, dann muss uns nicht verwundern, warum im Umfeld der von liberaler Theologie geprägten Großkirchen die missionarische Dynamik weitgehend eingeschlafen ist, wie Alexander Garth in seiner Analyse der zahlreichen missionarischen Initiativen in Berlin feststellt: „Es fällt auf, dass die wenigsten innovativen missionarischen Projekte aus dem Bereich der Großkirchen kommen … obgleich sie über immense Ressourcen an Finanzen und Manpower verfügt.“ (S.292)

Die Frage nach der missionarischen Dynamik einer Gemeinschaft hat somit ganz eindeutig viel mit ihrer Theologie und ihrem Umgang mit der Bibel zu tun. Das bestätigt auch Lothar Krauss in seinem äußerst ermutigenden Bericht über den missionarischen Aufbruch in Gifhorn: „Mit der Bibel intensiv zu leben entfacht in uns eine missionarische Dynamik und einen kraftvollen Glauben! Wenn wir unser Vertrauen in Gottes Wort schwächen lassen oder sogar verlieren, verlieren wir auch die missionarische Dynamik!“ (S.319) Alexander Garth sagt es noch grundsätzlicher: „Erfolgreiche missionarische Arbeit braucht eine konservative Theologie, weil nur diese das hohe Commitment ihrer Gemeindemitglieder zu generieren vermag, das nötig ist, damit die Dynamik für eine wachsende Gemeinde entsteht.“ (S.292)

Leerstelle theologische Ausbildung: Der große Elefant im Raum?

Das führt mich zu einer Frage, die mir beim Lesen immer dringender wurde: Wenn die geistlichen und theologischen Grundlagen so entscheidend sind, warum hat sich dann kein einziger Autor mit der Rolle der theologischen Ausbildung für die missionarische Dynamik der Kirche beschäftigt? Schließlich werden dort die geistlichen Grundlagen gelegt und die theologischen Weichen der zukünftigen Gemeindeleiter gestellt. Manchmal war ich mir aber auch bei evangelikalen Autoren nicht ganz sicher, inwieweit sie die Bedeutung dieser theologischen Weichenstellungen auf dem Schirm haben. So schreibt zum Beispiel Andreas Boppart: Es geht … nicht um das Ausdiskutieren von theologischen Unterschieden, um dann ein Konsens-Papier zu unterschreiben, sondern um eine tiefe ehrliche Herzensverbindung von geisterfüllten und christuszentrierten Nachfolgerinnen und Nachfolgern – eine Einheit der Herzen, des Geistes.“ (S.215) Bis vor etwa 2 Jahren hätte ich diesen Satz begeistert unterschrieben. Aber inzwischen habe ich zu viel gesehen, das mir zeigt: Theology matters – Theologie macht einen Unterschied. Ich habe zu oft erlebt, wie schnell die theologische Pluralisierung von den Randfragen zu den Kernfragen vordringt und wie das am Ende dazu führt, dass sich der missionarische Eifer in Sprachlosigkeit verwandelt, wie Steffen Kern bemerkt: „Selbst in den zentralsten Glaubens- und Lebensfragen werden viele unsicher. Was früher manchmal so klar schien, scheint auf einmal zwischen den Fingern zu zerrinnen. Die Kirchen und Gemeinden, die Haltungen und Positionen werden pluraler, Orientierung zu finden immer schwieriger. Darum verfallen wir über Frömmigkeitsgrenzen hinweg ins Schweigen.“ (S.225)

Ja, Andreas Boppart hat recht: Einheit ist viel mehr als theologischer Konsens. Wir brauchen eine geistgewirkte Herzenseinheit in Christus. Aber wer ist dieser Christus? Und was ist seine Botschaft? Das sind theologische Fragen, die wir klären müssen. Deshalb funktioniert Einheit auf Dauer nicht ohne theologischen Konsens zumindest in den zentralen Knackpunktthemen des Glaubens, wie ich sie z.B. in Kapitel 5 von „Zeit des Umbruchs“ beschrieben habe. Es gibt gute Gründe dafür, dass wir von geistlichen Leitern eine gründliche theologische Ausbildung erwarten. Aber diese Ausbildung muss einem Bibelverständnis folgen, in der das Sola Scriptura gilt, in der also nicht die menschliche Vernunft zum Richter über richtig und falsch in der Bibel gemacht wird und in der die Schrift nicht ins sachkritische Zwielicht gerät. Denn sonst wird weiterhin gelten, was Alexander Garth beklagt: „Westliche Theologien sind klug, aber sie paralysieren Gemeindewachstum und Mission, wie unzählige Studien der globalen Gemeindewachstumsbewegung zeigen.“ (S.286)

Warum wird diese wichtige Frage nach der Rolle der theologischen Ausbildung an keiner Stelle in „Mission Zukunft“ aufgegriffen? Ist sie vielleicht der große Elefant im Raum, den zwar alle sehen, den aber niemand anspricht, um niemand zu provozieren? Beim Nachdenken über diese Frage fiel mir auf, dass ein großer Name in diesem Buch fehlt: Ulrich Parzany. Seit Jahrzehnten war und ist er eine zentrale und prägende Figur im Bereich Mission und Evangelisation im deutschsprachigen Raum. Warum wird seine Stimme hier nicht gehört? Hat das womöglich auch damit zu tun, dass er einer der wenigen ist, der diesen Elefant offen anspricht?[2] Das wäre traurig. Denn das Buch „Mission Zukunft“ bestärkt mich einmal mehr darin: Ohne eine theologische Erneuerung werden auch alle sonstigen Reformbemühungen der Kirche unter Sand im Getriebe leiden.

Mission is possible!

Trotz dieser Leerstelle kann ich „Mission Zukunft“ nur herzlich weiter empfehlen. Allein schon die äußerst ermutigenden und inspirierenden Kapitel von Ekkehart Vetter, Alexander Garth, Patrick Knittelfelder und Lothar Krauss sind die Anschaffung des Buchs mehr als wert. Hier wird deutlich: Mission is possible! Unser Problem ist nicht die Säkularisierung oder Pluralisierung. Unser Problem ist auch nicht der „harte Boden“ in unserem Land sondern – wenn schon – der harte Boden in unserem eigenen Herzen. Wo wir uns von Gottes Geist und Gottes Wort zu Jesus ziehen lassen, da kann ein missionarischer Aufbruch gar nicht ausbleiben. Denn es liegt Jesus nun einmal sehr auf dem Herzen, dass jeder gerettet wird und die Wahrheit erkennt“ (1.Tim.2,4) – in unseren Familien, in unseren Gemeinden, in unseren Städten und Dörfern, in unserem Land, überall auf der Welt. Klaus Douglass schreibt: Mission ist nicht eine Funktion der Kirche, sondern Kirche ist eine Funktion der Mission Jesu.“ (S.194) Genauso ist es. Ohne Mission hört Kirche auf, Kirche zu sein.


Das Buch „Mission Zukunft – Zeigen was wir lieben: Impulse für eine Kirche mit Vision“ (Herausgeber Michael Diener und Ulrich Eggers) ist im Dezember 2018 bei SCM R. Brockhaus erschienen und kann zum Preis von 19,99 € hier bestellt werden.

Weitere inspirierende Zitate aus „Mission Zukunft“:

Über die zentrale Bedeutung der grundlegenden geistlichen Disziplinen Gebet und Lesen in Gottes Wort:

„Ich sehe keinen anderen Weg zur Freude als den alten und immer neuen des Hörens auf die Schrift, der wechselseitigen Ermutigung und des erwartungsoffenen Gebets.“ (Hans-Herrmann Pompe, S. 34)

„In unseren Erklärungen sagen wir viel Richtiges: … „Darum ist es für jeden Christen und jede Christin unverzichtbar, Gottes Wort zu verkünden und seinen/ihren Glauben in der Welt zu bezeugen.“ Gut gebrüllt Löwe, aber die Rechnung wurde ohne den Wirt erstellt, nämlich ohne uns, die Christen, deren Innenleben, deren Herz einer dringenden geistlichen Erneuerung bedarf. … Auf diesem Weg werden Gebet, Wort Gottes und intensive Gemeinschaft mit anderen Christen eine große Rolle spielen.“ (Ekkehart Vetter, S.82/83)

„Natürlich sind die Fragen nach dem Musikstil, der Sprache, der Kleidung auf der Bühne und so weiter nicht unwichtig. Aber es ist ein Fehler, zu denken, dass Veränderung in diesen Punkten eine Gemeinde verwandelt. Diese Themen ändern sich als Folge von Überzeugungen! Unsere Überzeugungen gewannen wir aus dem Studium der Bibel und wir bewegten sie im Gebet. Ohne Überzeugungen bleiben wir zu sehr an den Äußerlichkeiten hängen, die nicht unwichtig sind, aber eben auch nicht entscheidend.“ (Lothar Krauss, S.315)

Jesus muss unbedingt die Mitte sein:

„Menschen werden spüren, ob wir Gott lieben, ob wir begeistert sind von ihm und ob wir etwas mit ihm zu tun haben. Mir sagte mal ein Pastor einer sehr missionarischen Gemeinde, sie würden zuerst Jesus zentrierte Gottesdienste und nur in zweiter Linie besucherfreundliche Gottesdienste feiern. …  Missionarischer Aufbruch … braucht Jesus-Zentriertheit und die Liebe zu Gott in allem. …  Gerade der deutsche missionarische Aufbruch braucht diese Dimension, weil wir (wie in der gesamten westlichen Welt) sehr menschenzentriert denken, leben und oft auch glauben.“ (Ansgar Hörsting; S. 50)

„Wenn die evangelische Landeskirche nicht den Mut hat, Christus wieder stärker ins Zentrum zu rücken und Profil zu zeigen, wird sie aufgrund ihrer Farblosigkeit in die Unbedeutsamkeit weggleiten.“ (Andreas „Boppi“ Boppart, S. 214)

„Mission braucht … Mut zur Konzentration auf das Wesentliche. Wir reden von Jesus. … Von seinen Wundern. Von seinen Worten. Von seinem Kreuz und seiner Auferstehung.“ (S. 226 Steffen Kern)

 „Die Kirche ist ein Jesus-zu-den-Leuten-Bringen. Jesus ist ihr Lebensinhalt, sie hat keinen anderen. Wo sie doch um andere Inhalt kreist -etwa um sich selbst -, da wird sie zur abgeschmackten Travestie.“ (Bernhard Meuser, S. 175)

Über die Bedeutung von Gemeinschaft und Kleingruppen:

„Ich würde allen, die sich nach einem missionarischen Aufbruch sehnen, dringend raten, einen Kern zu sammeln, der brennt, ohne die weitere Gemeinde aus dem Blick zu verlieren.“ (Lothar Krauss, S.321)

 „Ohne die Bildung kleiner, tragfähiger Gemeinschaften läuft ein Großteil unserer missionarischen Bemühungen ins Leere.“ (Klaus Douglass, S. 207)

Über den Segen von Vielfalt:

„Es muss in der Gesellschaft um Gottes willen eine größere Vielzahl unterschiedlicher christlicher Kirchen, Gemeinden, missionarischer Projekte, diakonischer Initiativen geben, die nebeneinander und miteinander den Ruf von Christus „Lasst euch versöhnen mit Gott!“ verbreiten.“ (S. 289 Alexander Garth)

Über die Notwendigkeit von Fleiß und Hingabe:

„Kein missionarischer Aufbruch geschieht ohne engagierte, fleißige und dienende Menschen. Gottes Methode sind Leute, die sich selbst verleugnen und hingeben.“ (Lothar Krauss, S.321)

Über die Bedeutung von Bibel und Bekenntnis:

„Bei aller konfessionellen und missionarischen Offenheit ist es zugleich wichtig, einen Maßstab zu haben, der für alle verbindlich ist. Das sind für uns die Bibel und ihre sinnstiftenden und Orientierung gebenden Anweisungen für ein gelingendes und von Gott gesegnetes Leben. Darüber hinaus sind für uns neben den altkirchlichen und reformatorischen Bekenntnissen die Basis der Evangelischen Allianz und die Lausanner Verpflichtung von 1974 richtungsweisend. … Wir vertrauen der Bibel als Gottes Wort, als Quelle aller Erkenntnis, wie Gott ist, was er für uns getan hat und was er von uns erwartet.“ (Elke Werner, S.340)


[1] Der Streit um die „Absichtslosigkeit“ von Mission war auch ein zentrales Thema bei der Tagung „Welche Zukunft hat Mission?“ im November 2019 in Berlin, bei der viele Autoren dieses Buchs ihre Thesen mündlich vortragen durften. Dabei wurde deutlich, dass die „theologischen Überzeugungen ein Streitfall bleiben“, wie Karsten Huhn in seiner Reportage in idea-Spektrum berichtet.

[2] Bekannt wurde besonders sein Satz: „Die Bibelkritik ist der Krebsschaden der Kirche.“ In Ulrich Parzany : Was nun, Kirche? Ein großes Schiff in Gefahr, Holzgerlingen 2017, S. 49.

Wohin mit dem Sex?

„Kein Sex vor der Ehe!“ wird von „konservativen“ Christen vertreten. Außerhalb dieser Kreise empfindet man solch eine Haltung als fundamentalistisch und weltfremd.“ Dieser Zustandsdiagnose von Marcel Locher ist ohne Frage zuzustimmen. Umso erfreulicher ist es, dass der Bund freikirchlicher Pfingstgemeinden (BFP) seinen 1. Theologischen Studientag im März 2019 der spannenden Frage gewidmet hat: „Wohin mit dem Sex? – Schriftverständnis und die Folgen für die Lebensführung“. Die Tagungsbeiträge gibt es inzwischen in Buchform zu kaufen. In der Einführung schreibt der Leiter des theologischen Ausschusses des BFP, Dr. Bernhard Olpen: Der „Studientag stellt die theologische Standortbestimmung zur Schrift vor, wie sie das Präsidium des Bundes Freikirchlicher Pfingstgemeinden (BFP) vertritt.“ Das Buch hat also Gewicht für den gesamten BFP. Umso spannender ist die Frage, welche Ansichten hier zu diesem so umstrittenen Thema vertreten werden.

Die Positionen zur Sexualethik hängen vom Schriftverständnis ab

„Wie wir in Fragen der Sexualethik entscheiden, hängt maßgeblich von unserem Schriftverständnis und von unserer Hermeneutik[1] ab,“ schreibt Matthias C. Wolf zurecht. Deshalb ist es nur konsequent, dass sich der erste Beitrag von Dr. Bernhard Olpen zunächst der Frage nach dem Schriftverständnis in seiner geschichtlichen Entwicklung und seinen Konsequenzen für die Sexualethik widmet. Dazu gibt Olpen einen hochinteressanten Überblick von den ersten Kirchenvätern bis heute. Er zeigt dabei auf: Trotz Unterschieden im Detail war bis zur Aufklärung die Sichtweise dominant, dass die ganze Bibel inspiriert und von Gottes Geist eingehaucht ist. Luther ging zudem „das Wagnis ein, den literarischen Sinn der Schrift für ausreichend klar und aussagekräftig zu halten. Eine Grundannahme, die fortan für den Protestantismus grundlegend geworden ist“.

Erst mit der Aufklärung begann eine Sichtweise, in der der Bibeltext selbst nicht mehr unmittelbar als Wort Gottes betrachtet wurde. Die Trennung von Schriftwort und Offenbarung hatte auch für die Sexualethik gravierende Konsequenzen. Von den Kirchenvätern bis zu den Reformatoren war zuallermeist noch die Ehe als der einzig legitime Ort für Geschlechtsverkehr angesehen worden. Auch Mitte des 19. Jahrhunderts prägten noch „evangelikale Ideen über Moral und Sex die Kultur der Mittelklasse in England“, u.a. getrieben durch den Einfluss bekannter Erweckungsprediger wie John Wesley. Ebenso ging der deutsche Pietismus noch weitgehend von einer Klarheit und „Vollkommenheit der Schrift“ (J. A. Bengel) aus und „hielt in Anlehnung an Luthers Schriftverständnis an der Ehe als einzig legitimem Ort gelebter Sexualität fest.“ Erst in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts setzte sich in Bezug auf die Sexualethik eine Sichtweise durch, die nicht nur den Bibeltext sondern auch „zeitbedingte Anschauungen zur Grundlage macht“. Beispielhaft verweist Olpen auf die vieldiskutierte EKD-Orientierungshilfe „Zwischen Autonomie und Angewiesenheit“ sowie auf die Arbeit von „Worthaus“:

„Siegfried Zimmer, einer der Initiatoren, versucht in der Darlegung seines Bibelverständnisses zwar eine vermittelnde Rolle einzunehmen, folgt in der Praxis jedoch dem Argument der veränderten gesellschaftlichen Wirklichkeit, die zu einer Neubewertung biblischer Texte führen müsse. Schriftstellen mit einem sexualethischen Bezug versteht er als zeitgebundene Dokumente einer vergangenen Zeit, die heute keine Gültigkeit mehr beanspruchen können. Er geht dabei so weit, einer Mutter, die von ihrem Sohn erwartet, mit Sex bis zur Ehe zu warten, eine „perverse Ethik“ zu unterstellen. Ähnlich wie die Verfasser der EKD-Orientierungshilfe stellt er normative und deskriptive Aussagen auf die gleiche Ebene und kommt zu dem Schluss, wer aus der Schrift herauslesen wolle, dass Sex vor der Ehe keine biblische Option sei, müsse sich auch für Polygamie, möglichst frühe und möglichst durch die Eltern arrangierte Ehen, Kinderreichtum und das Patriarchat aussprechen. Dass die Schrift selbst eine Bewertung der hier undifferenziert nebeneinandergestellten Texte und Modelle vornimmt, gerät ihm dabei völlig aus dem Blick. Unter dem Label „postevangelikal“ hält diese Form der Hermeneutik auch Eingang in das gemeindliche Leben freikirchlicher Strukturen…“

Marcel Locher geht noch genauer auf Zimmers Worthaus-Vortrag über christliche Sexualethik ein. Dort führt Zimmer „unterschiedliche historische Argumente an, welche die „konservative“ Sichtweise theologisch und ethisch infrage stellt. Auf diese historischen Argumente gründet Siegfried Zimmer seine Sexualethik. Armin Baum greift Zimmers historisch begründete Kritik an der „konservativen“ Sexualethik auf.[2] Baum entkräftet Zimmers Position mit überzeugenden wissenschaftlich-historischen Argumenten. Er verdeutlicht durch seine sachliche wissenschaftliche Herangehensweise, dass Zimmers Argumentation historisch nicht haltbar ist, und belegt damit, dass die daraus resultierenden sexualethischen Positionen nicht überzeugen können. Somit sind wir in dieser Fragestellung auf die ethische Norm der Schrift verwiesen und können diese nicht als kulturbedingt relativieren. Daher ist die ethische Weisung der Schrift bezüglich des Geschlechtsverkehrs vor der Ehe auch in unserer Zeit von Bedeutung.“

Olpen beschließt seinen Beitrag zum Thema Schriftverständnis und Sexualethik mit einem Fazit: „Eine biblische Hermeneutik, die den eigenen Verstehenshorizont zum Maßstab des Verstehens Gottes und der Schrift macht und die Maßstäbe einer weitgehend säkularisierten Mehrheitsgesellschaft mehr oder weniger unkritisch oder wertneutral als gesetzt ansieht, kann der Zeit, in der wir leben, nichts Wesentliches und Normschöpfendes bieten. Sie steht immer in der Gefahr, in der sie umgebenden Gesellschaft aufzugehen, statt ihr ein Gegenüber zu sein.“

Von der Wichtigkeit gründlicher theologischer Arbeit

Ganz ähnlich wie Olpen baut auch Matthias C. Wolff seine Ausführungen auf der soliden Grundlage des reformatorischen „Sola Scriptura“ und der sich selbst auslegenden Bibel auf. Er macht aber auch deutlich: Bibelstellen können nicht ohne weiteres wörtlich 1:1 auf heutige Situationen übertragen werden. Der biblische Gesamtkontext, die innerbiblische Gewichtung, die Textgattung und der historische Kontext müssen beachten werden, um klären zu können, welche konkreten ethischen Normen in unserem heutigen gesellschaftlichen Umfeld aus der Bibel abzuleiten sind: „Die Bibel ist Gottes Wort, aber sie ist nicht an uns geschrieben worden; sie ist stets Gottes Wort für uns, aber nicht immer Gottes Gebot an uns.“ Trotzdem spricht die Bibel nicht nur in ihre Zeit, denn „sie ist auch Gottes Reden für uns und vermittelt allgemeingültige Prinzipien für das Heil und das Zusammenleben der Menschen. Eine oberflächliche und meist willkürliche Eingrenzung von biblischen Anweisungen auf die damalige Zeit wird ihrem Selbstzeugnis und dem Anspruch der biblischen Theologie nicht gerecht.“

Und was lehrt die Bibel nun?

Als zeitlos gültige biblische Botschaft arbeitet Matthias Wolff zum einen heraus, dass Sexualität in der Bibel durchweg bejaht wird. „Erst durch die Begegnung mit Strömungen der griechisch-hellenistischen Philosophie und dem damit verbundenen Zug zur Verachtung des Leibes wie der irdischen Welt überhaupt fand eine Malefizierung der Sexualität über neuplatonisch geprägte Theologen (wie Augustinus) Eingang in das christliche Denken.“

Zugleich macht er klar: „An prominentester Stelle der biblischen Sexualethik steht der unbedingte Schutz der Ehe.“ Das bedeutet auch, „dass dem israelitischen Mann keine legitimen vor- oder außerehelichen Betätigungsräume offenstanden. Sex als folgenloses Privatvergnügen ohne Verantwortung und Konsequenzen ist dem Glauben des AT fremd.“ Und im Neuen Testament erfährt diese Linie sogar „eine ausdrückliche Verschärfung.“ So antwortete Paulus auf die Frage, wie denn mit sexuellem Verlangen umzugehen sei: „Wenn sie [gemeint sind Ledige oder Witwen] sich nicht enthalten können, sollen sie heiraten …“ (1Kor 7,9), und nicht etwa: „Habt Sex!“ oder Ähnliches.“ Wolff zitiert dazu Prof. Armin Baum: „Das ethische Prinzip, dass all diesen biblischen Texten gemeinsam ist, lautet: Je weniger Verbindlichkeit, desto weniger Intimität. Je mehr Verbindlichkeit, desto mehr Intimität. Und maximale Intimität verlangt maximale Verbindlichkeit.“ Das wird auch unterstrichen durch die Bedeutung des Begriffs „Unzucht“ (porneia, z.B. in Gal. 5,19) im Neuen Testament: „Es meint zum einen Prostitution, zum anderen aber auch jeglichen vor- und außerehelichen Geschlechtsverkehr, sowohl bei Verheiraten als auch bei Unverheirateten.“ Locher ergänzt: „Somit wird deutlich, dass für das Zeugnis der Schrift auch Geschlechtsverkehr vor und außerhalb der Ehe mit Unzucht bezeichnet wird.“

Rauen Gegenwind gab es schon immer!

Bemerkenswert ist, dass sich die christliche Gemeinde nicht erst ab dem 20. Jahrhundert, sondern auch schon in der Antike mit dieser Lehre in einem scharfen Gegensatz zu ihrem Umfeld befand:

„Der entschlossene Rückgriff auf die in der Schöpfungsordnung angelegte Unauflöslichkeit der Ehe brachte die junge Gemeinde in deutlichen Kontrast zu der sexuellen Verkommenheit der griechisch-römischen Gesellschaft. … Wer behauptet, früher sei alles einfacher gewesen, etwa weil jeder mit dem Eintritt der Geschlechtsreife geheiratet habe, oder in unserer Welt könne man mit solchen Werten nicht mehr ankommen, dem fehlt das Verständnis für die antike Umwelt der Urkirche, die das Evangelium und seine Ethik in scharfem Kontrast zum Zeitgeist unerschrocken und unter hohen Risiken verkündigt hat. „Die Menschen der Bibel standen vor denselben Herausforderungen wie wir.“

Erst Recht vor dem Hintergrund dieses wachsenden Gegenwinds stellt sich nun aber die Frage:

„Wie sollen wir dies denn leben?“

Marcel Locher zeigt auf, wie wichtig es ist, nicht nur „eine starre Prinzipienethik“ zu lehren, „welche blutleer die Lebensrealität übergeht“ und die „nicht selten die Tendenz zur Gesetzlichkeit hat. Es geht um eine Jüngerschaftsethik, die im Geist Christi geführt wird und nur aus dem Geist Gottes heraus gelebt werden kann.“ Wichtig ist auch, die hohe Sinnhaftigkeit von Gottes Geboten zu verdeutlichen. Dabei ist insbesondere darauf hinzuweisen, wie wichtig die biblischen Prinzipien für den Schutz von Kindern sind, schließlich „birgt Geschlechtsverkehr immer auch die Möglichkeit der Zeugung eines Kindes in sich. Wer diese Möglichkeit ausschließt, setzt die individuelle sexuelle Selbstverwirklichung über den verantwortungsvollen Umgang mit der eigenen Sexualität. … Schon die Aussage, dass eine Frau ungewollt schwanger geworden ist und sich nun gezwungen sieht, dass Kind abzutreiben, zeigt die dahinterstehende Tragik.“ Nur die Ehe gibt Kindern den Schutzraum, den sie brauchen, um in einem gesunden, stabilen Umfeld aufwachsen zu können.

Und wie funktioniert das in der gemeindlichen Praxis?

Dazu liefert das Buch 2 anregende Praxisbeispiele. Christian Knorr aus der Christus Gemeinde Wuppertal schreibt: „Unserer Ansicht nach kommt keine Gemeinde umhin, sich hinsichtlich biblisch-theologischer Richtlinien zum Thema „Sexualität“ zu positionieren. … Es sollte beispielsweise nicht verborgen bleiben, wenn die Gemeinde den Wert „Kein Sex vor bzw. außerhalb der Ehe“ als von der Bibel her verbindlich ansieht.“ Neben dieser Verbindlichkeit im Kern sind ihm aber offene Ränder wichtig: „Jeder Mensch soll die Möglichkeit haben, so niederschwellig wie möglich die Gemeinde kennenzulernen. So ist auch Mitarbeit in vielen Teams möglich, auch wenn jemand noch nicht gläubig ist oder die ethischen Maßstäbe der Gemeinde nicht teilt.“ Wichtig ist ihm auch: „Kein Richtlinienpapier kann für jeden Fall und für jede Lebenssituation eine klare Antwort geben. … Aus unserer Sicht wären allzu detaillierte Listen, die jeden Fall erfassen, eine Praxis gelebter Gesetzlichkeit. Ein Wert bzw. Prinzip Gottes sollte „im Herzen“ eines Christen leben und von innen nach außen gelebt werden.“ „Klar in der Sache, aber offen und wertschätzend im Umgang mit Menschen“ ist für ihn eine zentrale Handlungsdevise. Dabei ist ihm wichtig, dass „wir nur durch eine gute Beziehung und aus Liebe heraus das Recht erwerben, in das Leben von Menschen zu sprechen.“ „Beziehung kommt immer vor Erziehung.“

Auch Mark Schröder von der Elim-Gemeinde Leipzig schreibt: „Wir sind der Überzeugung, dass Gott für die Sexualität den Rahmen der Ehe gegeben hat. Sex vor der Ehe ist nicht im Sinne des Erfinders. Wer das nicht beachtet, tut sich selbst nichts Gutes. Das kommunizieren wir deutlich.“ Er ergänzt aber auch: „Wir wollen keinen mit Regeln zwingen, sondern erreichen, dass aus eigener Überzeugung gehandelt wird.“ „Unser Ziel ist nicht, dass Menschen uns etwas beweisen, sondern dass sie selbst zum reifen Handeln befähigt werden. Nur dann schafft man ein Klima, in dem auch mit Versagen ehrlich umgegangen werden kann.“ In allen Gesprächen „geht es nicht um eine Be- oder Verurteilung eines Verhaltens, sondern darum, Ermutiger zu sein, damit die Lebensführung auf den richtigen Weg kommt.“

Man kann diesem wichtigen Buch nur eine möglichst weite Verbreitung wünschen. Denn auch unter Evangelikalen ist heute leider nicht mehr klar, was in der Bibel vermittelt und in diesem Buch vielfältig erläutert und unterstrichen wird:

„Wohin mit dem Sex? – in die Ehe!“


Das Buch “Schriftverständnis und die Folgen für die Lebensführung” ist beim Forum Theologie & Gemeinde als Paperback und als E-Book erhältlich.


[1] Wolff definiert dabei den Begriff „Hermeneutik“ wie folgt: „Hermeneutik (gr. hermeneia) = Wissenschaft/Kunst der Auslegung (altgr. hermeneúein: erklären, auslegen, übersetzen). Die Hermeneutik ist die Wissenschaft der Auslegung (biblischer) Texte. Es sind die Regeln, die bei der Bibelauslegung zur Anwendung kommen. Was darf man mit biblischen Texten machen und was nicht?

[2] Armin Baum: „Vorehelicher Geschlechtsverkehr in der Antike und in der Bibel“ https://www.weisses-kreuz.de/dynamo/files/user_uploads/mediathek/Weitere/WKExtra_Zimmer_Ehe.pdf

Wie Vorannahmen die (Bibel-)Wissenschaft beeinflussen

– und warum sie von jedem Menschen auf Augenhöhe beurteilt werden können

In seinem Buch „Glaube, Wissenschaft und die Bibel“ befasst sich der finnische Professor Tapio Puolimatka mit der Frage: Wie beeinflussen die Grundüberzeugungen eines Menschen seine Denkergebnisse? Puolimatka zeigt, dass Forscher unumgänglich zu ganz anderen Ergebnissen kommen, wenn man die Existenz Gottes außer Acht lässt, wie auch manche moderne Bibelforscher dies tun. Wie C. S. Lewis kommt er zu dem ernüchternden Ergebnis, dass Gelehrtheit kein Garant ist für Urteilsvermögen.

Puolimatka unterscheidet drei unterschiedliche Grundüberzeugungen:

(Der nachfolgende Rest dieses Artikels setzt sich aus Auszügen aus dem Buch von T. Puolimatka zusammen, die Überschriften sind nachträglich eingefügt, die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.)

Nach der naturalistischen Herangehensweise kann man nur natürliche Gründe als Erklärung historischer Ereignisse anbringen. Übernatürliches gibt es nicht. Zumindest kann es den Gang der Geschichte nicht beeinflussen. Gott kann sich nicht selber den Menschen durch historische Ereignisse offenbaren. Die übernatürlichen Wundererzählungen der Bibel kann man als solche nicht als wahre Beschreibungen wirklicher geschichtlicher Ereignisse akzeptieren, sondern man muss eine natürliche Erklärung für sie finden. Nach der naturalistischen Auffassung müssen die Methoden, die Wissenschaft anwendet, „atheistisch“ sein. „Sie schließen Gott von Anfang an aus allen wissenschaftlichen Erklärungsmodellen aus.“ (Laato (1994), S. 7)

Neben dem weltanschaulich bindenden starken Naturalismus wird die Forschung beeinflusst durch den schwachen bzw. methodischen Naturalismus, der die Fragen nach Gottes Existenz und der Möglichkeit von Wundern offen lässt. Bei dieser Herangehensweise werden die Existenz Gottes, Jesu Göttlichkeit oder die Möglichkeit von Gottes Offenbarung weder bejaht noch verneint. In Kreisen wissenschaftlicher Forschung sind nur solche Annahmen statthaft, die alle Forscher akzeptieren können.

Nach dem Supernaturalismus kann man einen Ausgangspunkt , der sich auf die Offenbarung Gottes gründet, nicht mit guten Gründen aus dem Bereich der Wissenschaft ausschließen, da die beste Erklärung für alles Existierende aus Gott und seiner Offenbarung kommt. Nach der Auffassung des Supernaturalismus ist wissenschaftliche Forschung niemals neutral – im Hintergrund stehen immer Annahmen, die man weltanschaulich oder religiös klassifizieren kann.

Grundlegende Überzeugungen sind nicht immer bewusst, da sie häufig unter Wissenschaftlern einen Status der Selbstverständlichkeit haben. Vorweg-Annahmen sind wie Brillengläser, durch die man die Wirklichkeit betrachtet. Dem Menschen fällt es schwer, selbstkritisch auf seine eigenen vorgefassten Annahmen zu blicken, da er diese Annahmen durch dieselben Brillengläser betrachtet.

Forscher haben kein Sonderwissen im Hinblick auf diese Grundannahmen. Vergleicht man die Grundannahmen, so hat jeder beliebige Mensch die Voraussetzungen, die Überzeugungskraft von humanwissenschaftlichen und theologischen Forschungsergebnissen zu beurteilen.

Der Naturalismus beeinflusst die Bibelwissenschaft

Der Streit zwischen Naturalismus und Supernaturalismus nimmt in der Bibelkritik eine feste Form an in der Frage, ob Gott sich im Wort offenbart hat. Konnte Gott beispielsweise auf übernatürliche Weise die Entstehung der Texte der Bibel so steuern, dass man sie „Gottes Wort“ nennen kann? So mancher Forscher, der auf die wissenschaftliche Erforschung der Bibel spezialisiert ist, hat als Basis seiner Forschung die naturalistische Grundannahme verinnerlicht. Gott könne sich nicht auf übernatürliche Weise in historischen Ereignissen und im biblischen Wort offenbaren, oder zumindest könne man eine solche Offenbarung nicht als Ausgangspunkt der Forschung heranziehen. „Er erforscht die Bibel als menschliches Dokument, als würde Gott nicht existieren.“ (Laato 1994) Der Naturalismus (in seiner starken und schwachen Form) der die Kultur unserer Zeit und die Wissenschaft prägt, lässt den Gedanken an einen Gott hinter sich, der sich in den Ereignissen der Geschichte und im Wort der Bibel kundtut. Auch dann, wenn man die Möglichkeit eines solchen Gottes grundsätzlich bejaht (schwacher Naturalismus), gehört er doch nach dieser Anschauung nicht in den Bereich der Wissenschaft.

Theologen akzeptieren diese Herangehensweise, da der Naturalismus in der breiten wissenschaftlichen Öffentlichkeit eine Vormachtstellung einnimmt, und sie rechtfertigen sie damit, dass eine Auseinandersetzung zwischen Menschen mit verschiedenen Sichtweisen erst dadurch ermöglicht würde, dass man sich in der Wissenschaft auf solche Grundannahmen beschränke, die alle akzeptieren können. Wenn Theologen zum Ausgangspunkt ihrer Forschung nehmen würden, dass Gott gesprochen habe und dass man Gottes Sprechen erkennen und verstehen könne, dann würden sie in einen Konflikt mit der breiten wissenschaftlichen Öffentlichkeit geraten.

Es mag zu vereinfachend erscheinen, die Bibelkritik hauptsächlich aus der Perspektive zweier Herangehensweisen zu behandeln, des Supernaturalismus und des Naturalismus. Dies ist dennoch nicht so vereinfachend, wie man es anfangs meinen könnte. Nach Edward Craig (Craig, 2004) existieren nämlich nur zwei grundlegende Weltanschauungen oder Wirklichkeitsbegriffe, und alle anderen Auffassungen, Philosophien und Theorien bilden sich in Abhängigkeit von ihnen oder als ihre Variation heraus. Einerseits gibt es die supernaturalistische Vorstellung, nach der Gott der Ursprung der Wirklichkeit ist und der Mensch ein nach Gottes Bild geschaffenes Wesen, das in der von Gott geschaffenen Welt lebt. Andererseits gibt es die naturalistische Vorstellung, nach der die gesamte Wirklichkeit aus natürlichen Faktoren zu erklären ist. Für Craig ist es Selbstbetrug zu denken, dass es irgendeine neutrale Herangehensweise gebe, mithilfe derer es möglich sei, diese beiden Vorstellungen neutral zu untersuchen, ohne bei den Untersuchungen zu einer der beiden angebotenen Grundannahmen zu tendieren.

Warum in Bezug auf die Grundannahmen jeder Laie auf Augenhöhe mitreden kann

Die Frage, ob Gottes Offenbarung im Wort möglich ist, ist nach C.S. Lewis keine Sache, in der ein Forscher mehr Sachkenntnis oder Ansehen hätte als irgendein beliebiger Mensch. Es gibt keine eindeutige wissenschaftliche Antwort auf die Frage, ob Gott sich offenbaren kann. Hierzu nimmt man, bevor man zu forschen beginnt, eine Position ein, die auf Glauben beruht, und die eigene Position beeinflusst die Art und Weise, wie geforscht wird und die erzielten Ergebnisse. Nicht ein einziger Forscher ist Experte in grundlegenden Fragen der Existenz. „Hier (in der Frage nach der Möglichkeit des Übernatürlichen – Anm. des Übers.) reden sie einfach als Menschen; als Menschen, die vom Geist des Zeitalters, in dem sie aufwuchsen, offensichtlich beeinflusst und ihm gegenüber vielleicht zu unkritisch sind.“ (Lewis 1986)

Das besondere Können eines Forschers konzentriert sich auf ein sehr enges Sondergebiet. Was seine in die Forschungstätigkeit einfließenden Grundannahmen betrifft, ist er gezwungen, in gleicher Weise in Abhängigkeit von menschlichen Grunderfahrungen und Selbsterkenntnis zu handeln wie jeder beliebige Mensch. Daher kann jeder Mensch auch mit guten Gründen die in der wissenschaftlichen Öffentlichkeit dominierenden Denkvoraussetzungen beurteilen und seiner Kritik unterwerfen.

In vielen hervorragenden exegetischen Kommentaren kristallisiert sich eine große Menge an für den Bibelforscher nützlichem Wissen heraus. Das bedeutet aber nicht, dass man blind den Ergebnissen der exegetischen Forschung glauben kann. Denn die Forschung ist so stark an die vorausgehenden Annahmen und grundlegenden Grundüberzeugungen des Forschers gebunden; aus welchem Blickwinkel der Forscher die Dinge betrachtet und welche Fakten er von seinem Standpunkt der Interpretation aus für bedeutungsvoll erachtet und auswählt, bestimmt die Auslegung.

Daher kann ein gewöhnlicher Bibelleser, der das Alte Testament gut kennt, dem Text mehr gerecht werden als ein auf Auslegung spezialisierter Exeget, der den Schlüssel zur Interpretation in der griechisch-römischen Kultur zu finden glaubt.


Das Buch „Glaube, Wissenschaft und die Bibel“ von Prof. Tapio Puolimatka in der Übersetzung von Beile Ratut ist 2018 im Ruhland-Verlag erschienen. Es ist hochaktuell und grundlegend, indem es den Einfluss von Grundüberzeugungen auf das Leben, die Wissenschaften und insbesondere die Theologie untersucht. In Finnland mit seinen nur 5 Mio. Einwohnern gingen 6.000 Exemplare dieses Buchs über den Ladentisch.

Der Kampf ums Bibelverständnis

Wegweisende Erkenntnisse aus dem Buch „Biblische Hermeneutik“ von Prof. Gerhard Maier

„Biblische Hermeneutik“: Dieses Buch von Prof. Gerhard Maier hätte ich am liebsten jedem Theologen zu Weihnachten unter den Baum gelegt. Der Autor ist mir schon lange ein Begriff, schließlich war er 4 Jahre lang Landesbischof meiner württembergischen Landeskirche. Dass er zugleich ein herausragender Theologe ist, war mir auch schon zu Ohren gekommen. Tatsächlich ist sein Buch „Biblische Hermeneutik“ nichts weniger als ein grundlegender Ruf zur Umkehr in der Theologie. Maier setzt sich intensiv mit der sogenannten „historisch kritischen Methode“ (HKM) auseinander, die aktuell eine fast uneingeschränkte Dominanz besitzt:

„Die Meinung, „dahinter können wir nicht mehr zurück“, ist eine der am weitesten verbreiteten, auch im Kreise sog. „evangelikaler“ Theologen. … Noch 1971 konnte Richter schreiben: „Das Recht, die historisch-kritische Methode anzuwenden, ist heute … in der Theologie unbestritten“. Dabei ist allen klar, dass die „Kritik“ nicht nur die (selbstverständliche!) Aufgabe des Unterscheidens wahrnimmt, sondern ein „kritisches“ Beurteilen der biblischen Aussagen, ihre Bejahung oder Verwerfung, kurz: die Sachkritik an der Bibel, einschließt.“ (S. 214)

Eben diese Sachkritik ist für Maier das entscheidende Problem bei der HKM, denn: „Jede Sachkritik an der Bibel gibt … Teile ihres Inhalts preis. … Die zahllosen Schwankungen, denen innerhalb der letzten 300 Jahre die Sachkritik unterworfen war, widerlegen eindrucksvoll die Behauptung, die Schrift ermögliche aus sich selbst heraus eine solche Sachkritik.“ (S. 266)

Sachkritik bedingt immer, dass es einen menschlichen Kritiker geben muss: „Was sich … durch die ganze Geschichte der historischen Kritik hindurchzieht, das ist die Anschauung, dass der Mensch über den Wahrheitsgehalt der Offenbarung zu entscheiden habe.“ (S. 259) Der Bibel wird damit eine zweite Autoritätsinstanz beigestellt: „Das katholische Lehramt ist evangelischerseits im Laufe der Zeit durch Vernunft und Wissenschaftlichkeit, deren Inhalte umstritten blieben, ersetzt worden. … Wahrhaftigkeit und modernes Weltverständnis sind hier ethische und intellektuelle Verstehensvoraussetzungen, die in ihrer Kombination zu einer zweiten Instanz neben der Schrift führen.“ (S. 142) Somit ist die reformatorische Formel „Sola scriptura“ preisgegeben, die bis zum Pietismus noch galt. (S. 302)

Die zentrale Weichenstellung: Trennung von Text und Offenbarung

Grundsätzlich möglich wird die Bibelkritik der HKM durch folgende zentrale Weichenstellung: „Grundlegend für die historisch-kritische Arbeitsweise ist die Trennung von Schrift und Offenbarung bzw. von Bibel und Wort Gottes. Keinesfalls besteht hier eine Identität.“ (S. 262) Beispielhaft zeigt Maier das an der „dreifachen Gestalt des Wortes Gottes“ von Karl Barth, in der u.a. zwischen dem schriftlichen und dem offenbarten Wort Gottes unterschieden wird, wobei das schriftliche Wort (die Bibel) nicht die eigentliche Offenbarung ist. Die Bibel bezeugt sie nur. Maier begründet, warum er sich mit dieser Lehre nicht befreunden kann: „Sie zerbricht die Theopneustie („göttliche Eingebung“, „Durchhauchtsein mit dem Geist“, 2. Tim. 3, 16) an der entscheidenden Stelle, nämlich dort, wo gerade die Schrift als das final gemeinte Wort des Heiligen Geistes Gestalt gewinnen soll … indem sie uns letztlich an ein unkonkretes, zeitloses „Dahinter“ bindet. Und sie widerspricht auch der Position Luthers und der Reformatoren, für die das biblische Wort der eigentliche Wille Gottes war.“ (S. 104)

Erst durch diese Trennung zwischen biblischem Wort und Offenbarung ist es möglich, kritisch an das biblische Wort mit dem Prinzip des wissenschaftlichen Zweifels heranzutreten. Das ist für ihn die eigentliche „Innovation“ der historisch kritischen Methode: „Nicht die Entdeckung neuer, bisher unbekannter Arbeitsschritte oder methodischer Einzelverfahren war das Entscheidende. Sondern der prinzipiell vom Zweifel geprägte Umgang mit der Heiligen Schrift.“ (S. 221)

Deutlich wird dieser Zweifel zum Beispiel im Umgang mit den geschichtlichen Aussagen der Bibel. Das ist aus seiner Sicht besonders tragisch, denn: „Der biblische Glaube hängt tatsächlich aufs engste mit der wirklichen Geschichte zusammen. … Entzieht man ihm die geschichtliche Basis, auf die er aufgebaut ist, dann hat man ihn prinzipiell widerlegt. … Der Glaube hängt an seiner Geschichtlichkeit.“ (S. 181)

Hinzu kommt in der HKM die bis heute nicht überwundene allgemeine Skepsis gegen Wunder und Prophetie: „Im Grunde teilt das ganze 19. Jh., soweit es die historisch-kritische Forschung in Deutschland betrifft, das Urteil, dass wir heute an Wunder nicht mehr glauben können. … Ja selbst in unserem Jahrhundert noch wird die historische Kritik von dem Gedanken beherrscht, dass Wunder ungeschichtlich seien.“ (S. 196)

Daran zeigt sich, wie wenig die historisch kritische Methode ihren eigenen Anspruch einlöst, „wissenschaftlich“ und „objektiv“ zu sein: „Es besteht … unter den Anhängern der historischen Kritik eine erstaunliche Übereinstimmung darüber, dass sie „ein Kind der Aufklärung“ darstellt. … Damit ist die dominierende Rolle der Vernunft ausgesagt. … Hier erhält also … der Mensch einen absoluten Vorrang. … Auf der anderen Seite wird deutlich, dass diese „Vernunft“ keine weltanschauliche Neutralität besitzt. Im Gegenteil, sie ist eine religiös determinierte Größe. Um noch einmal Picht zu zitieren: „Die Vernunft des europäischen Denkens ist als Projektion des Gottes der griechischen Philosophie bis in ihre innersten Elemente vom Mythos durchtränkt. Es ist ein Zeichen mangelnder Aufklärung, wenn wir das nicht wissen. Von hier aus fällt ein neues Licht auf die Spannung zwischen Glauben und Vernunft, aber auch auf die unglückliche Liebe der Theologen zu dieser selben Vernunft.“ Das heißt, die Berührung der Theologie mit der Philosophie der Aufklärung und die Entwicklung einer vernunftverantwortlichen Bibelwissenschaft war eben kein Methodenproblem im neutralen Sinne, sondern eine religiöse Kontamination. … Die neue Situation, die durch eine solche Anwendung von Kritik entstand, muss eindeutig als ein Bruch mit der vorangehenden christlichen Geschichte bezeichnet werden.“ (S. 236/237)

Das Bibelverständnis muss aus der Bibel kommen!

Angesichts dieser grundsätzlichen Dramatik stellt sich nun umso drängender die Frage: Wie begegnet Gerhard Maier nun der HKM? Im ganzen Buch findet sich dazu immer das gleiche Prinzip: Maier setzt den Sichtweisen der HKM nicht einfach seinen eigenen Ansatz gegenüber. Zwar ist er sich zwar bewusst, dass „eine voraussetzungslose Auslegung ein Phantom, eine Selbsttäuschung darstellt. Doch gerade unsere Voraussetzungen will die Bibel in Frage stellen, korrigieren und teilweise zerstören.“ (S. 15) Prof. Maier betont also: Wir können unsere Denkvoraussetzungen beim Auslegen der Bibel nicht beliebig wählen. Die Bibel hat eine Meinung dazu, wie sie korrekt gelesen und ausgelegt werden will! Deshalb befragt Maier immer wieder den biblischen Text, den er durchweg als „Offenbarung“ bezeichnet. Er will sich sein Schriftverständnis von der Bibel selbst vorgeben lassen, denn: „Wahrscheinlich ist die wichtigste hermeneutische Entscheidung diejenige, ob wir den Ausgangspunkt bei der Offenbarung selbst oder beim Menschen nehmen.“ (S. 19) Er wendet damit vorbildlich das reformatorische Prinzip an, dass die Schrift sich selbst auslegen muss. Im Zentrum steht für Prof. Maier deshalb die Frage:

Welches Bibelverständnis gibt uns die Bibel vor?

Maier stellt zum einen fest, dass die Bibel die menschliche Vernunft als oberste Autoritätsinstanz für vollkommen ungeeignet hält: „Die Offenbarung kennt den „autonomen“ Menschen nur als den „verlorenen“ Menschen. … Seine Autonomie war von Anfang an eine Utopie und ein Weg in die Sklaverei, ja zum Rande des Untergangs.“ (S. 242/243)

Das biblische Bibelverständnis stellt sich für Maier nach ausführlicher Analyse der biblischen Aussagen wie folgt dar: „Diese Offenbarung beansprucht, aus Gottes Geist hervorgegangen zu sein. Sie ist … Anrede Gottes an uns. Wer sie hört, hört in erster Linie nicht die menschlichen Verfasser und Glaubenszeugen, sondern den dreieinigen ewigen Gott. … Als einzigartiges Reden Gottes hat sie eine einzigartige, unvergleichliche Autorität. An dieses Wort hat sich Gott gebunden. Er hat es zum Ort der Begegnung mit uns bestimmt. Er wird dieses Wort bis ins letzte hinein wahr machen und erfüllen. Die Schriftautorität ist im Grunde die Personenautorität des hier begegnenden Gottes.“ (S. 151)

Wichtig ist Prof. Maier dabei der Begriff der „Inspiration“. Nicht nur die biblischen Autoren waren von Gottes Geist inspiriert („Personalinspiration“), nein: Der Text selbst ist von Gottes Geist inspiriert („Verbalinspiration“), und zwar der vollständige Bibeltext aller kanonischer Bücher im endgültig vorliegenden Urtext („Ganzinspiration“). Genau das nimmt laut Maier auch der biblische Text für sich selbst in Anspruch: „Die weitaus meisten Schriften des Neuen Testaments sind nach der Selbstaussage des NT inspiriert … oder lassen den indirekten Anspruch erkennen, inspirierte Schrift zu sein. … Wenn später die Kirche … die Inspiration aller neutestamentlichen Schriften anerkannte, dann stand sie auf einem guten historischen Boden und darüber hinaus im Einklang mit der Offenbarung selbst.“ (S. 88)

Darüber hinaus beansprucht der Bibeltext noch folgende Eigenschaften für sich: „Die Offenbarung schreibt dem Worte Gottes vor allem vier Eigenschaften zu: Erstens: Es ist verlässlich. … Zweitens: Es ist wirksam. … Drittens: Es zeigt den Willen Gottes auf und damit den Weg zum Heil. … Viertens: Es ist verbindlich. … Man kann also beobachten, dass Begriffe wie „Irrtumslosigkeit“, „Fehlerlosigkeit“ oder „Unfehlbarkeit“ in der Bibel nicht gebraucht werden. Aber noch weniger spricht die Bibel von „Fehlern“ oder dergleichen.“ Ein bibelnaher Begriff für den Selbstanspruch der Bibel ist aus der Sicht von Maier: „Vollkommene Verlässlichkeit.“ (S. 122). Dazu erläutert er: „Das zur Schrift gewordene Wort Gottes ist vollkommen verlässlich und fehlerlos im Sinne seiner göttlichen Zwecke, also von Gott her betrachtet.“ (S. 125)

Mit Jesus die Bibel kritisieren? Die Einheit und Klarheit der Schrift

Aus der Urheberschaft Gottes folgt für Maier auch die Einheit der Schrift: „Die Einheit der Schrift wird am stärksten begründet durch den einen Urheber, den sie hat, Gott. … In der Tat ist die Behauptung einer Widersprüchlichkeit davon abhängig, dass man die menschlichen Glaubenszeugen zu den maßgeblichen Autoren der Schrift ernennt und den göttlichen Autor verdrängt.“ (S. 164) „Erst seit der Aufklärung ging die Überzeugung von der Einheit der Schrift in weiten christlichen Kreisen verloren.“ (S. 160) Das ist dramatisch, denn: „Wo man die Einheit der Schrift verliert, verliert man auch das Mittel, gegen die Häresie zu kämpfen. … Bezeichnenderweise gab es seit der Aufklärung zwar noch eine Kirchenzucht, aber im Grunde keine Lehrzucht mehr. … Damit wird jedoch das NT auf den Kopf gestellt.“ (S. 165)

Aber widerspricht sich die Bibel nicht selbst? Können bzw. müssen wir nicht mit Jesus andere Teile der Bibel kritisieren? Diesen Ansatz verwirft Maier aufs Schärfste: „Die Schrift war für Jesus wie für seine jüdischen Gesprächspartner die letzte Entscheidungsinstanz. … Es kann überhaupt kein Zweifel daran sein, dass den heiligen Schriften in den Augen Jesu eine unvergleichliche Autorität zukommt. Wer bei ihm „Kritik“ am AT finden will, muss alles auf den Kopf stellen.“ (S. 149) „Eine Anleitung aus der Schrift, Schrift mit Schrift abzulehnen (was ja der Begriff der „Sachkritik“ impliziert), gibt es nirgends.“ (S. 265)

Kritisch sieht Maier deshalb auch den Versuch, eine „Mitte der Schrift“ zu konstruieren: „Die „Mitte der Schrift“ wurde praktisch zum Ersatz für die verlorengegangene „Einheit der Schrift“. … Wird aus der Christusmitte ein Christusprinzip, dann wird die Schrift entleert und ihrer Fülle beraubt. … Es kann sich nur um eine personale Mitte handeln. … Jeder Versuch, diese Mitte als ein isolierbares Etwas herauszulösen oder in Form eines Lehrgesetzes zu formulieren, zersprengt die Kontinuität der heilsgeschichtlichen Offenbarung.“ (S. 174-176).

Dazu verteidigt Maier die „Klarheit der Schrift“: „Die Autorität der Schrift kann sich praktisch nur durchsetzen, wenn jeder schlichte Christ in der Lage ist, einen klaren Begriff vom Inhalt der Schrift zu gewinnen. … Jesus konnte die wiederholte Frage: „Habt ihr nicht gelesen?“ nur stellen, wenn er von der Klarheit der Heiligen Schrift überzeugt war. … Die schriftgewordene Offenbarung behauptet, für jedermann zugänglich und eindeutig genug zu sein.“ (S. 155/156)

Konsequenzen der HKM: Ethisierung, Subjektivierung, Individualisierung, Erfahrungstheologie

Gerhard Maier ist als ehemaliger Landesbischof nicht nur Theologe sondern auch Gemeindepraktiker. Vor diesem Hintergrund sollte man umso aufmerksamer hinhören, wenn er die negativen Folgen der historisch kritischen Methode wie folgt beschreibt: „Der Inhalt, von dem die Neologie (d.h. die aus der Aufklärung resultierende Lehre) den Offenbarungsbegriff entleert, ist der historische; der Inhalt, den sie neu einfüllt, ein rationaler. Sobald aber die Geschichte durch das Rationale ersetzt wird, wird die Bibel zum Lehrgesetz. Deshalb ist es überhaupt nicht erstaunlich, dass in der Aufklärung die sittliche Vernunft zum dogmatischen Kriterium wird, … und eine „Ethisierung des Christentums“ eintritt.“ (S. 170) Außerdem wächst für Maier „den subjektiven Faktoren eine beherrschende Rolle zu.“ (S. 9)  Und: „Mit dem Vernunftglauben ist der Individualismus einer der stärksten Motive der historischen Kritik.“ (S. 240) „Wir entdecken, dass die Trennung von Schrift und Offenbarung … einen ganz andersartigen Raum schaffen kann: dem Empfinden … Wie will die gemäßigte Kritik, gefangen im Zwei-Instanzen- und im Widersprüchlichkeits-Denken, den Umschlag in eine solche Erfahrungstheologie verhindern?“ (S. 331)

Ist „gemäßigte Kritik“ die Lösung?

Mit „gemäßigter Kritik“ meint Maier den theologischen Versuch, die historisch-kritische Herangehensweise mit konservativen theologischen Positionen zu verbinden. Diesem Versuch erteilt Maier eine Absage, denn: „Sie begnügt sich als Vermittlungstheologie … wo ein grundsätzlicher Neuanfang erforderlich wäre. Statt die Schrift als inspiriert zu betrachten lässt sie nur eine Inspiration der biblischen Schriftsteller gelten. Sie bleibt darin der Aufklärung verhaftet, dass sie neben die Schrift eine zweite Instanz stellen muss, vor der sich der Ausleger zu verantworten hat. Sie kann infolgedessen die reformatorische Sicht von der Bibel als der einzigen norma normans nicht durchhalten. Sie fordert die Sachkritik an der Bibel. Ohne Sachkritik gibt es für sie keine Theologie als Wissenschaft. Die Einheit der Schrift wird von ihr preisgegeben. Schrift und Offenbarung bleiben bei ihr verschiedene, sich nur teilweise deckende Größen. Deshalb folgt sie dem Trend, das Eigentliche jenseits der Schrift zu suchen. Indem sie Schrift und Offenbarung voneinander trennt und nur bestimmte Aussagedimensionen als Gottes Wort anerkennt, fördert sie den Hang zur Erfahrungstheologie.“ (S. 331)

Vertrauen und Offenheit statt „wissenschaftlicher Zweifel“

Grundsätzlich notwendig ist für Maier eine klare Absage an das Prinzip des „wissenschaftlichen Zweifels“, denn: „Eine Begegnung mit der Offenbarung, die Skepsis und Zweifel zum Prinzip macht, bedeutet ein brüskes Nein zu ihrer Vertrauensbemühung. Man kann den Ausleger psychologisch und existenziell in keine schroffere Gegenposition versetzen, als indem man ihm den Zweifel vorschreibt.“ (S. 247). Stattdessen fordert er einen theologischen Wissenschaftlichkeitsbegriff, der dem Forschungsgegenstand gerecht wird: „Ein prinzipieller Zweifel ist … das unangemessenste Verfahren für den Umgang mit der Bibel.“ (S. 14) „Jede Wissenschaft richtet sich nach ihrem Gegenstand. Biblische Wissenschaft müsste sich demnach aus dem Reden Gottes aufbauen. Sie müsste bereit sein, sich ihre Erkenntnisse und Positionen aus der Offenbarung selbst geben zu lassen.“ (S. 268) „Unter dieser Voraussetzung ist die Theologie samt ihrer Hermeneutik eine Wissenschaft. Allerdings eine Wissenschaft sui generis (eigener Art), die sich von allen anderen durch ihre Offenbarungsgebundenheit und ihren Glaubensbezug unterscheidet.“ (S. 34)

Entsprechend charakterisiert Maier die angemessene Haltung des Auslegers gegenüber dem biblischen Text wie folgt: „Nirgends ist uns die Unfehlbarkeit des Verständnisses versprochen (vgl. 1 Kor 13,9). Doch wird den Ausleger … ein Urvertrauen zur Bibel als der schriftgewordenen Offenbarung begleiten. … Dieses Urvertrauen schlägt sich nieder in dem Vertrauensvorschuss, der der Bibel gewährt wird.“ (S. 49) „Seine Grundhaltung ist das erwartungsvolle Gebet und die demütige Offenheit.“ (S. 339)

Ich kann meiner Kirche mit ihren theologischen Fakultäten nur von Herzen wünschen, dass sie auf Prof. Maier hört. Längst ist sein Ruf zur Umkehr auch in den Freikirchen und in der evangelikalen Bewegung insgesamt dringend notwendig, denn die Trennung zwischen Schrift und Offenbarung ist auch dort weit verbreitet.


Das Buch ist 1990 im SCM R.Brockhaus-Verlag erschienen (zuletzt 2017 in der 13. Auflage) und kann hier bestellt werden.

WEITERGLAUBEN – Fundiert unfundamentalistisch?

Weiterglauben – so heißt das neue Buch von Professor Thorsten Dietz. Dietz lehrt an der evangelischen Hochschule Tabor. Der Buchtitel ist doppeldeutig gemeint:

  1. Angesichts des schmerzlichen Verdunstens von Frömmigkeit in unserem Land will Dietz ermutigen, weiterhin am Glauben festzuhalten. Als Beispiel schildert er den Glaubensweg von Torsten Hebel, der trotz einer tiefen Krise den Glauben nicht aufgab sondern gemäß der Analyse von Jürgen Schuster von einer dogmenorientierten auf eine “beziehungsorientierte, erfahrungsoffene und dialogische” Glaubensweise umgestellt hat, die dem postmodernen Mindset besser gerecht wird. Dietz lässt nicht unerwähnt, dass diese Deutung u.a. von Dr. Gerrit Hohage auf biblipedia.de kritisiert wurde. Die Kritik wird aber nicht besprochen, stattdessen beklagt Dietz allgemein den „Sog der Polarisierung“, in dem es nicht um das nähere Verständnis der Sachfragen ginge sondern „sofort um: Dieses Denken führt in die Irre bzw. ist das einzig mögliche.“ (S. 22)
  2. Um weiter glauben zu können hält Dietz es für hilfreich, den Glauben weiter zu fassen, als fundamentalistisch geprägte Strömungen dies tun. Dietz will “fundiert unfundamentalistisch” sein, wie es auf dem Buchrücken heißt. Gleich auf der ersten Seite des Vorworts grenzt Dietz sich ausdrücklich vom AiGG-Blogartikel „Worthaus – Universitätstheologie für Evangelikale“ ab. Die Tatsache, dass Worthaus Universitätstheologie auch unter Evangelikalen immer populärer macht, solle man nicht als Warnung lesen sondern als Kompliment. Genau an diesen Erfolg von Worthaus will Dietz mit seinem Buch anknüpfen.

Hilfreiche Einsichten und Erkenntnisse

Beim Lesen des zwar anspruchsvoll geschriebenen aber durchaus angenehm zu lesenden Buchs hatte ich einen Bleistift in der Hand, um gute und wertvolle Aussagen mit einer geraden Linie zu unterstreichen und fragwürdige Aussagen mit einer Wellenlinie zu markieren. Als Resultat muss ich sagen: Die geraden Linien überwiegen bei weitem. Thorsten Dietz schildert viele wertvolle Einsichten, die ich von Herzen unterstreichen kann. Viele der Gefahren konservativer Frömmigkeitspraxis, auf die Dietz hinweist, finden sich so oder so ähnlich auch in meinen Schriften:

  • Eine herz- und geistlose Dogmenorientierung auf Kosten der Wahrhaftigkeit und Menschlichkeit
  • Ein strikt polares oder gar polemisches Freund-Feind-Denken samt der Unfähigkeit, das Gegenüber differenziert zu betrachten und sich sachlich streiten zu können
  • Die Wahrung der eigenen Identität primär durch negative Abgrenzung von Anderen
  • Der Irrtum, dass man Gott und die Wahrheit durch rein intellektuelles Begreifen der Bibel im Griff haben könnte

Ich stimme Dietz im Grunde zu, wenn er sagt: „Wenn Jesus die Wahrheit ist, dann kann ich nicht einfach mein noch so richtiges Denken über ihn als DIE Wahrheit bezeichnen. Ich bekomme die Wahrheit über ihn nicht in den Griff. Sie erschließt sich mir, wo ich auf seine Stimme höre und wo ich aus seiner Wahrheit lebe.“ (S. 62, Hervorhebung nachträglich)

Wohltuend sind auch einige kritische Hinweise von Thorsten Dietz in Richtung eines alles auflösenden und zur Beliebigkeit neigenden Subjektivismus:

  • „Wenn wir darauf verzichten, die Wahrheit vernünftig erkennen zu wollen, dann lösen sich die Fragen nicht einfach auf. Für die Beantwortung gilt dann das Recht des Stärkeren.“ (S. 55) Dass das Schwinden einer allgemein akzeptierten höheren Wahrheit der Grund ist für die auch in unserer Gesellschaft um sich greifende Verrohung der Debattenkultur hat auch Vishal Mangalwadi eindrücklich dargelegt.
  • „Der Verzicht auf die Wahrheitsfrage ist ein Luxus der Unbeteiligten.“ (S. 56) Wenn Verantwortungsträger meinen, sie könnten sich um des lieben Friedens willen einfach aus allen Streitfragen heraushalten, dann ist auch das eine Entscheidung, die massive Konsequenzen hat. Die Vogel-Strauß-Taktik ist keine Lösung. Wir müssen uns den Debatten stellen und Position beziehen.

Letztlich beschreibt Dietz die Pole gut, wenn er schlussfolgert:

„Wahrheit geht nicht auf in richtigen Informationen. … Zugleich lässt sich Wahrheit auch nicht einfach reduzieren auf Wahrhaftigkeit, auf das bloß subjektive Gefühl: Für mich ist das stimmig. […] Die Wahrheit des christlichen Glaubens wird auf beiden Wegen verfehlt. Weder das Ideal der absoluten Objektivität noch die Verabsolutierung der Subjektivität („für mich fühlt es sich aber gut an“) werden ihr gerecht.“ (S. 67/68)

Den Anhängern einer rein subjektiven Wahrheitssicht schreibt Dietz zudem in erfrischender Deutlichkeit ins Stammbuch: „Wer sich lange und intensiv mit der Geschichte christlicher Lehrstreitigkeiten befasst, der kann zwar eine gewisse Sehnsucht bekommen nach einem Christentum ganz ohne verbindliche Bekenntnisse, frei von Wahrheitsansprüchen. Aber im Ernst: Was unterscheidet am Ende ein undogmatisches Christentum von jedem anderen Ensemble, das sich auf die Weisheit von Leben und Lebenlassen einigen kann?“ (S. 69)

Schriftverständnis: Das Kind mit dem Bad ausgeschüttet

Auch das Kapitel über das Schriftverständnis enthält einige hilfreiche, wichtige Einsichten:

  • „Die neutestamentlichen Autoren haben ganz offensichtlich die Schriften des Alten Testaments als Gottes Wort gelesen, genauso wie die allermeisten Christen in der Kirchengeschichte.“ (S. 80)
  • „Darum hängt alles an der Erforschung des ursprünglichen Sinns der biblischen Texte selbst. Sola scriptura heißt bei Luther: Die Bibel selbst muss sich auslegen, sie muss mit der ursprünglichen Aussageabsicht ihrer Texte zur Geltung kommen. Keine menschliche Instanz kann das Fragen nach der biblischen Wahrheit durch letztgültige Auslegung beenden.“ (S. 83)

Angesichts dieser klaren Aussagen ist es umso überraschender, wenn Dietz dann plötzlich behauptet, die „Gleichsetzung von biblischen Texten und Gottes Reden, die unvermittelte Bezeichnung der Bibel als „das Wort Gottes“ sei verkürzt, denn: „Die biblischen Texte kennen einen solchen unmittelbaren Offenbarungscharakter der ganzen Bibel gar nicht.“ (S. 79) Wirklich nicht? Wie passt das zusammen mit der Aussage, dass die neutestamentlichen Autoren das Alte Testament „ganz offensichtlich“ als Gottes Wort gelesen haben?

Noch seltsamer wird es für mich, wenn Dietz schreibt: „Christen glauben an Jesus Christus und nicht an die Bibel. Das ist kein falscher Gegensatz, sondern im Grunde eine Selbstverständlichkeit.“ (S. 80) Soweit ich das sehe begründet Dietz diese These nicht. Und ich frage mich: Wenn sich mir die Wahrheit nur erschließt, „wo ich auf Jesu Stimme höre und aus seiner Wahrheit lebe“, (siehe Zitat oben) wie kann man denn dann den Glauben an Jesus Christus vom Vertrauen in die Verlässlichkeit der Bibel trennen? Denn seine Stimme und seine Wahrheit hören wir heute nun einmal allein und ausschließlich nur durch die Bibel! Wenn wir uns nicht darauf verlassen können, dass die Bibel verlässliches Wort Gottes ist, dann verschwimmt auch seine Stimme und seine Wahrheit zwangsläufig im Nebel. Man höre sich nur einmal den Worthausvortrag von Prof. Stefan Schreiber über den „historischen Jesus“ an, in dem er ein völlig vermenschlichtes Jesusbild zeichnet, das m.E. mit dem biblischen Christus, auf den ich im Leben und Sterben vertrauen kann, nur noch herzlich wenig zu tun hat.

Letztlich legt Dietz sich fest auf die Formel, die Bibel sei „Gotteswort in Menschenwort.“ (S. 98) Er meint, dabei die ganz große Mehrheit der Theologen aus ganz verschiedenen Lagern auf seiner Seite zu haben. Dietz stellt dabei folgende Extreme einander gegenüber:

„Das ist auf der einen Seite die Irrtumslosigkeit der Bibel und auf der anderen Seite die […] Vorstellung, dass der Historiker über ganz klare Maßstäbe verfüge und von vornherein ausschließen könne, dass Gott redet und tote Menschen auferweckt werden.“ (S. 94)

Dietz lobt dabei ausdrücklich „kritische Rückfragen“ zu einer „Exegese, die […] die Wunder nicht mehr wahrhaben möchte“ und verweist dabei auf den AiGG-Artikel „Stolz und Vorurteil?“ Wie schön! Aber aus welchen Gründen lehnt er ein Festhalten an der Irrtumslosigkeit der Bibel so vehement ab? Warum hält er es stattdessen für wünschenswert, dass „Christen die Einsicht in den Stückwerkcharakter aller Erkenntnis auf ihr Bibelverständnis anwenden“? (S. 97) Liefert der biblische Text denn tatsächlich nur Stückwerk?

Unfehlbare Schrift oder unfehlbare Auslegung? Ein grundlegender Argumentationsfehler

An dieser Stelle wird aus meiner Sicht geradezu beispielhaft ein grundlegender Argumentationsfehler deutlich, der mir schon öfter auffiel, wenn Theologen versuchen, eine liberalere Theologie einem konservativen Publikum schmackhaft zu machen. Denn das eigenartige ist: Soweit ich das sehe spricht Dietz in seinem Buch an keiner einzigen Stelle über Irrtümer in der Bibel, um seine These zu begründen. Er spricht vielmehr ausschließlich und allein über (aus seiner Sicht) fehlerhafte Auslegungen der Bibel.

Fast ein ganzes Kapitel verwendet Dietz darauf, die Option einer historischen Auslegung der biblischen Urgeschichte ad absurdum zu führen. Da wird der Theologe plötzlich zum Naturwissenschaftler: Astronomie, Chemie, Geologie, Paläogenetik: Sie alle sprächen unisono dafür, dass die biblische Urgeschichte historisch so nicht passiert sein kann. Zugleich weist Dietz darauf hin, dass es ja aber auch ganz konservative Theologen wie Timothy Keller gibt, die nicht an eine Historizität der biblischen Urgeschichte glauben. Zudem verweist er auf Johannes Hartl, der zur biblischen Schöpfungsgeschichte schreibt: „Ob sie historisch zu verstehen ist? Nun, wenn nicht historisch, so könnte man antworten, dann doch bedeutend realer gemeint als historisch. Es ist unsere Geschichte.“ (Zitat auf S. 118)

Nun kann man an diesem Punkt tatsächlich unterschiedlicher Meinung sein. Persönlich bin ich überzeugt davon, dass die biblische Urgeschichte tatsächlich auch einen historischen Wahrheitsgehalt hat, obwohl ich weiß, dass diese Annahme mit dem aktuellen Stand der Wissenschaften an einigen Stellen kollidiert (so wie schlichtweg jedes Weltbild mit einigen gravierenden Problemen zu kämpfen hat). Christen wie mir wirft Thorsten Dietz vor: „Eine fundamentalistische Bibellektüre, die einen solchen Text als einen Bericht verstehen möchte […] produziert vermeintliche Fehler und gewundene Rettungsversuche.“ (S. 111) Nun: Ich möchte die biblische Urgeschichte eigentlich nicht als historischen Bericht sehen. Mir fiele es wesentlich leichter, ihn nur symbolisch zu verstehen, denn das wäre wesentlich kompatibler mit der Weltsicht der allermeisten meiner Mitmenschen. Aber weder für mich noch für Thorsten Dietz sollte es doch von Bedeutung sein, was wir als Ausleger möchten. Entscheidend ist doch die Frage: Was möchte denn der Text???

Dietz hatte im Rückgriff auf Luther doch selbst betont, dass die Bibel sich selbst auslegen und allein die Aussageabsicht des Textes zur Geltung kommen solle. Und mein Eindruck ist nun einmal ganz deutlich: Auch die ersten Genesiskapitel möchten u.a. auch historisch verstanden werden – und sie werden ja auch an anderen Stellen der Bibel historisch verstanden. So hat z.B. Dr. Reinhard Junker eine Reihe von Hinweisen zusammen getragen, die das untermauern. Zugleich hat er dargelegt, welchen theologischen Schaden man nehmen kann, wenn man diesen historischen Aspekt der biblischen Urgeschichte aufgibt (wie z.B. der Zusammenhang von Adam und Christus gemäß Röm. 5, 12ff. oder die Konsequenzen für unser Gottes- und Menschenbild, wenn der Tod nicht Folge des menschlichen Abfalls sondern Schöpfungsmittel Gottes ist).

Ich kann aber durchaus damit leben, wenn einige Theologen wie J. Hartl das offen lassen oder wie T. Keller anders sehen wollen, solange sie damit nicht auch die theologischen Aussagen der Urgeschichte über Bord werfen. Die große Frage, die sich mir aber im Zusammenhang des Buchs von Thorsten Dietz stellt, ist: Was hat diese Diskussion denn mit der Frage nach der Irrtumslosigkeit der Bibel zu tun? Denn selbst Thorsten Dietz vertritt ja geradezu leidenschaftlich die These: Auch wenn die Urgeschichte nicht historisch sondern symbolisch gemeint ist, dann ist sie auf einer tieferen Ebene trotzdem durch und durch wahr!

Thorsten Dietz argumentiert also wortreich gegen eine aus seiner Sicht falsche Auslegung der Schrift. Aber er schüttet – ohne jedes Argument – dann das Kind mit dem Bad aus und verwirft darüber hinaus auch die Unfehlbarkeit der Schrift selbst. Die Argumentation von Thorsten Dietz misslingt aus meiner Sicht also im Kern an einer fehlenden Differenzierung zwischen einer unfehlbaren Schrift und einer unfehlbaren Auslegung. Letztere müssen wir in der Tat unbedingt kritisieren. Wir haben auch im protestantischen Raum zu viele Päpste, die ihre Schriftauslegung für die einzig wahre halten und gleich „Ketzer“ rufen, wenn man ihnen nicht in allen Details folgt. Unser Erkennen und somit auch unsere Auslegung ist Stückwerk. Niemand kann für sich beanspruchen, die Bibel durch und durch korrekt auszulegen.

Aber das ändert doch nichts daran, dass wir in Bezug auf die Schrift selbst daran festhalten müssen, was auch laut Thorsten Dietz Jesus selbst, alle neutestamentlichen Autoren und die meisten Christen der Kirchengeschichte geglaubt haben, nämlich gemäß 2. Tim. 3, 16 alle Schrift für Gottes Wort zu halten! Ich habe in diesem Buch kein Argument gefunden, dass diesem Schriftverständnis entgegenstünde.

Scheut sich Thorsten Dietz vielleicht davor, seine konservativeren Leser mit den Konsequenzen zu verschrecken, die die Aufgabe der Irrtumslosigkeit der Schrift nach sich zieht? Im AiGG-Worthausartikel wurden diese Konsequenzen ja ausführlich dargelegt. Denn bei Worthaus geht die Bibelkritik nun einmal sehr viel weiter, als nur die wahre Aussageabsicht der Bibel unter Berücksichtigung der damaligen Zeit und Kultur herauszuarbeiten. Auch vielen eindeutig und unzweifelhaft historisch gemeinten Texten in den Evangelien sprechen Worthaus-Referenten die Historizität ab, was neben den Konsequenzen für die Glaubwürdigkeit der Bibel natürlich auch gravierende theologische Konsequenzen hat, da die Geschichtlichkeit oft wesentlicher Bestandteil der theologischen Aussage ist. Folgerichtig enthält die Bibel für viele Worthausreferenten natürlich auch theologische Fehler. Es wäre fair gewesen, wenn Thorsten Dietz in seinem Buch auf diese in der Universitäts- und Worthaustheologie praktizierten Konsequenzen der Aufgabe der Irrtumslosigkeit der Bibel offen hingewiesen hätte.

Leider schweigt sich Thorsten Dietz zudem über die Frage aus, die sich immer stellt, wenn man die Fehlerlosigkeit und Irrtumsfreiheit der Schrift aufgibt: Wer unterscheidet dann zwischen Wahrheit und Irrtum, zwischen richtig und fehlerhaft, zwischen Widerspruch und sich ergänzenden Paradoxen, zwischen Menschenwort und Gotteswort? Nach welchen Kriterien? Auf welcher Basis können wir dann noch gesichert theologisch argumentieren? Wie kann Thorsten Dietz zum Beispiel behaupten: „Das Menschenbild der meisten Christen ist zu positiv oder zu negativ.“ (S. 115) Auf welcher Grundlage weiß Thorsten Dietz hier so gut Bescheid? Im Buch sowie in seinem Vortrag „Böse von Jugend auf?“ argumentiert auch Thorsten Dietz mit Bibelstellen. Ich finde das ja gut. Aber geht das überhaupt, wenn die Bibel voller Fehler, Irrtümer und Widersprüche ist? Schade, dass Dietz zu diesen Fragen nicht Stellung nimmt.

Thorsten Dietz und Johannes Hartl: Wie eine ähnlich klingende Hermeneutik zu einer ganz unterschiedlichen hermeneutischen Praxis führen kann

Interessant ist in diesem Zusammenhang die Auseinandersetzung von Thorsten Dietz mit der Doktorarbeit von Johannes Hartl, die manchen konservativen Hartl-Kritikern als Beweis einer liberalen Verirrung Hartls gilt. Dietz stimmt Hartl in seiner These zu, dass man von Gott gar nicht anders als metaphorisch und symbolisch reden könne und dass alle unsere Gedanken über Gott eben unsere Gedanken sind, unsere Bilder und Deutungen, die Gott nie ganz gerecht werden können. Diese Erkenntnis mag unsere erste Naivität im Umgang mit den biblischen Texten untergraben. Aber welche Schlussfolgerung ziehen wir daraus?

Hartl sagt: Nötig sei eine „zweite Naivität“, ein neuer Glaube an die alten Bilder und Geschichten der Bibel. Hartl lädt ein zu einer „Hermeneutik des Vertrauens […] in neuem, festem Glauben an die Wahrheit dieser Bilder.“ (zitiert auf S. 49) Das heißt: Auch wenn es sich z.B. bei den verschiedenen Bildwelten zur Heilsbedeutung des Kreuzestodes Jesu (Gericht, Sklavenmarkt, Familie, Tempelrituale) um für sich genommen unvollständige, menschliche Bilder handelt: Laut Hartl sind sie trotzdem wahr und wir sind angehalten, dem Wahrheitsgehalt dieser Bilder voll zu vertrauen.

Thorsten Dietz setzt als Konsequenz aus Hartls These aber einen ganz anderen Schwerpunkt: Er möchte es stärker als Problem betonen, „wenn erwachsene Gläubige ihre Gottesvorstellungen mit Gott selbst verwechseln.“ Theologie sei „nicht nur eine Gefahr, sie ist auch eine echte Chance. Ja, theologische Impulse können desillusionierend, verunsichernd wirken, letztlich auch befreiend.“ (S.49) Dietz regt also eher nicht zum Vertrauen sondern zum Misstrauen gegen unsere aus der Bibel gewonnenen Erkenntnisse an, weil wir doch gemäß Jakobus 3, 2 alle mannigfaltig irren, wie Dietz betont. Diese ganz unterschiedlichen, ja geradezu gegensätzlichen Schwerpunkte, die Hartl und Dietz hier setzen, sind ein gutes Beispiel dafür, wie ähnlich klingende hermeneutische Grundsätze trotzdem zu einer völlig anderen hermeneutischen Praxis führen können. Wenn man sich Vorträge von T. Dietz und J. Hartl anhört, dann wird dieser Unterschied erst so richtig deutlich.

Die Autorität der Bibel in ethischen Fragen

Auch im Kapitel über die Autorität der Bibel in ethischen Fragen schreibt Dietz wieder viel Gutes und Bedenkenswertes:

  • Für Luther stand fest: Die biblischen Gebote gelten. Aber Luther kannte auch Notlösungen und Kompromisse.
  • In biblischen Texten über ethische Fragen muss immer beachtet werden, wer konkret angesprochen wird und wie das damalige historische Umfeld sich von unserem heutigen Umfeld unterscheidet.
  • „Wer der Wirklichkeit eines menschlichen Schicksals nicht gerecht wird, weil er sich nicht genügend um ihre Wahrnehmung und um ihr Verständnis bemüht, hat das höchste Prinzip christlicher Ethik, die Liebe, schon im Ansatz verloren.“ (S. 144)

All dem kann ich uneingeschränkt zustimmen. Aber was heißt das nun konkret für die brandaktuellen ethischen Konfliktthemen? Dazu schweigt Dietz sich leider aus. Als „biblizistische Ethik“ definiert er die Behauptung, „ethische Aussagen der Bibel seien alle ungebrochen gültig.“ (S. 143) Da frage ich mich: Wer behauptet denn so etwas? Dass viele Gebote des mosaischen Gesetzes heute so nicht mehr gelten ist ja selbst in ganz konservativen Kreisen Konsens und ergibt sich ganz eindeutig durch die Verschiedenartigkeit des Neuen und des Alten Bundes. Also wen hat Thorsten Dietz mit seinem Biblizismus-Vorwurf im Blick? Der Leser erfährt es leider nicht.

Jedenfalls weist Dietz der Bibel in ethischen Fragen eine „erhellende wie orientierende Kraft“ zu (S. 143). Ich würde sagen: Das ist deutlich zu schwach formuliert. Jesus selbst hat den nicht nur orientierenden sondern gebothaften Charakter der biblischen Anweisungen zur Exklusivität und Unauflöslichkeit der Ehe ausdrücklich bestätigt. In seinem Vortrag „Vorehelicher Geschlechtsverkehr in der Antike und in der Bibel – Siegfried Zimmer und die biblische Sexualethik“ zeigt Prof. Armin Baum mustergültig auf, auf welch bibelferne Wege man geraten kann, wenn man meint, mit Hilfe von historischen Betrachtungen z.B. das Verbot des vorehelichen Geschlechtsverkehrs einfach so vom Tisch wischen zu können, wie Siegfried Zimmer das in seinem Worthaus-Vortrag tut. Ja, die Liebe muss die oberste Maxime sein. Aber mit der Liebe wurden schon die aberwitzigsten Entgleisungen gerechtfertigt. „Liebe“ darf deshalb niemals dazu missbraucht werden, Jesu eindeutige Gebote auszuhebeln. Jesus weiß doch immer noch besser als wir, welches Verhalten am langen Ende der Liebe wirklich dient und entspricht.

Lebendige Frömmigkeit braucht Gemeinschaft

Sehr erfreulich ist, wie deutlich sich Thorsten Dietz vom allgemeinen Trend der Individualisierung distanziert, der zunehmend auch in frommen Kreisen anzutreffen ist. Zwar macht er einerseits Mut, wirklich schräge Gemeinschaften zu verlassen. Andererseits weist er darauf hin, dass wir letztlich Alle auf christliche Gemeinschaften angewiesen sind, auch wenn diese meist alles andere als perfekt sind.

Dietz berichtet von Studien, die belegen, dass es eben nicht egal ist, ob wir unseren Glauben alleine oder im Verbund einer christlichen Gemeinschaft leben. „Frömmigkeit ist dort am stärksten und langlebigsten, wo sie in Gemeinschaften eingebettet ist.“ (S. 148) Und: „Je weniger eine Familie in Kirche und Gemeinde eingebunden ist, desto unwahrscheinlicher ist es, dass die Kinder den christlichen Glauben übernehmen. […] Offenkundig liegt hier eine Stärke des evangelikalen bzw. charismatisch-pfingstlichen Frömmigkeitsspektrums.“ (S.  149) Gerade als evangelischer Christ, der unter der Überalterung und dem Generationenabbruch seiner Kirche leidet, will ich da doch ganz evangelikal-charismatisch ein lautes „Amen!“ rufen.

Mystik als Schlüssel für die Kirche der Zukunft?

Auch mit dem Kapitel zur Mystik konnte ich mich insgesamt recht gut anfreunden – auch wenn ich mit dem Begriff „Mystik“ bis heute massiv fremdle. Völlig richtig ist aber zunächst einmal die Beobachtung zum Abbruch der volkskirchlichen Selbstverständlichkeiten: „Zu einer Religion gehört man in der Spätmoderne nur noch aus religiösen Gründen.“ (S. 165) Menschen „wollen Dinge nicht glauben oder tun, weil sie das müssen, sondern weil es ihnen selbst einleuchtet.“ Deshalb ist „Authentizität eine unverzichtbare Bedingung jeder heutigen Frömmigkeit, die ihr gleichzeitig zur Falle werden kann“ (S. 161), nämlich dann, wenn sie meint, auf geistliche Übungen wie Bibellesen, Fürbitte etc. verzichten zu können.

Mystik definiert Dietz durch „ihre Grundunterscheidung […] von Gegenwart Gottes und Abwesenheit Gottes“ und warnt zugleich vor der Gefahr, dass es für das Christentum ruinös wäre, „die innere Einkehr an die Stelle des Hörens auf das Wort Gottes zu setzen.“ (S. 169) Das kann ich nur voll unterstreichen. Deshalb gebe ich grundsätzlich auch Karl Rahner recht, wenn er sagt: „Der Fromme der Zukunft wird ein Mystiker sein, einer der etwas erfahren hat, oder er wird nicht sein.“ (zitiert auf S. 162) In der Tat spricht auch die Bibel vielfach über die Gegenwart Gottes und macht deutlich, dass Glaube und Gottesbegegnung eben nicht nur Verstand und Wille sondern immer auch Herz und Seele betreffen darf und muss. Wo das fehlt und Glaube einseitig zur Kopfsache wird, vertrocknet die Kirche.

Etwas skeptisch werde ich allerdings beim Zitat von Willi Massa, wo es heißt: „Halte Gott einfach dein krankes Selbst hin und lass deine Sehnsucht sich aufmachen, ihn in seinem Sein zu berühren; denn ihn berühren heißt heil werden.“ (zitiert auf S. 147) Ja, es stimmt: Die Bedeutung der Berührung mit Gottes heiliger Gegenwart kann man gar nicht überschätzen. Aber Heilung gibt es in der Bibel eben nie durch ein bloßes Gefühl der Gegenwart Gottes sondern letztlich nur durch die daraus folgende Erkenntnis unserer Sündhaftigkeit, durch Umkehr, Vergebung und Erneuerung, die wir durch Gottes Wort, durch das Kreuz und den Heiligen Geist erfahren. Wo Christus und das Kreuz im Zentrum stehen bin ich leidenschaftlich damit einverstanden, dass die Erfahrung der Gegenwart Gottes entscheidend zur Zukunft der Kirche gehört (wobei ich das dann nicht Mystik nennen würde). Wo Mystik sich aber vom Kreuz, von Christus und seinem Wort löst, gleitet sie ab in eine Religiosität, die auf dem religiösen Markt der Möglichkeiten bald in der Bedeutungslosigkeit versinkt.

Quo vadis Christentum?

Thorsten Dietz vergleicht die Entwicklung des Christentums mit einem Flussdelta: Statt eines großen und breiten Stroms finden wir immer mehr Auffächerung, Verästelung und gegenläufige Fließrichtungen. Es wird immer unübersichtlicher in unserer christlichen Landschaft. Thorsten Dietz empfiehlt deshalb: „Was wir brauchen ist eine Besinnung nicht nur auf den Anfang der eigenen Geschichte, sondern auf den unverfügbaren Ursprung. In Christus finden wir Gottes letztes Wort.“ (S. 194) Dem kann ich nur leidenschaftlich zustimmen. Nur in Christus können die von Austrocknung bedrohten Rinnsale wieder zu einem kräftigen, prägenden und fruchtbringenden Strom zusammen fließen.

Umso trauriger finde ich es, wenn unser Christusbild und sein Wort seiner Unverfügbarkeit beraubt wird, weil man die Irrtumslosigkeit, Klarheit und Wahrheit der Schrift immer mehr preisgibt. In die Weite finden wir doch aber gerade nicht durch menschliche (oder theologische) Gedankenakrobatik sondern dort, wo wir dem Wort unseres guten Hirten uneingeschränkt und rückhaltlos vertrauen. Nur mit Ehrfurcht vor Gottes heiligem Wort hat die Kirche Zukunft und kann auch zukünftig weiter glauben und Glauben weiter geben. Wir machen Gott groß und nicht klein, wenn wir uns beim Nachdenken über ihn ganz und gar auf die einzige verlässliche Erkenntnisquelle verlassen, die wir haben: Sein Wort, wie es uns mit der Heiligen Schrift überliefert wurde. Ich bin überzeugt: Sie ist nicht Gotteswort im Menschenwort sondern – wie z.B. jüngst der Theologe Prof. Armin Baum ganz fundiert auf Basis seiner wissenschaftlichen Arbeit dargelegt hat – ganz Menschenwort und zugleich ganz Gotteswort. Daran dürfen wir getrost und mutig weiterglauben.


Das Buch WEITERGLAUBEN von Prof. Thorsten Dietz ist im Brendow-Verlag erschienen und kann hier bestellt werden.

Warum ich das Christentum bedrohe

Ein Artikel von Frank Laffin

Ganz ehrlich, bislang wusste ich es noch gar nicht: Ich bin ein Störfaktor, eine Bedrohung, eine üble Bazille in einem „gesunden“ (hüstel) Christentum. Na gut, nicht ich als Person- ich bin eigentlich schon ganz friedfertig- aber in meinen Rollen als Familienvater, Lobpreiser, Gebetshausleiter. Ganz einfach durch meinen Glauben. Der ist mir wichtig. Irgendwie ernst, persönlich. Äh..  geht’s doch um mich ich als Person? Mist! Warum? Ganz einfach: Das aufgeklärte Christentum des modernen Europas sieht sich in seiner Existenz bedroht durch neo-konservative Querschläger wie mich, die weltweit wie die Pilze aus dem Boden schießen. Und die etablierten Kirchen, die liberalen Theologen und muffigen Talare vor den Altären, die sie selbst abgeschafft haben, sehen ihre Felle davon schwimmen. Ist die Kirche, wie ich sie kenne wirklich in ihrer Existenz bedroht? Ich kann es kaum glauben! Ich frohlocke regelrecht! Und ich soll auch noch schuld daran sein? Hier ein Ausschnitt aus dem Lamento der „Tagespost“:

„Wie sollen liberale Christen, geübt in der historisch-kritischen Exegese, auf diese Entwicklung reagieren? Abschottung? Dialog? Das Weltchristentum gerate „unter den Einfluss eines anti-intellektuellen Fundamentalismus“, warnt ein Kommentator des „Boston Globe“. In der „New York Times“ wiederum setzte sich 2011 der Kolumnist David Brooks („Creed or Chaos“) mit dem Phänomen auseinander. Viele Amerikaner befürworteten einen Glauben, „der spirituell, aber nicht dogmatisch, pluralistisch und nicht exklusiv“ sei. Das Problem sei nur, dass die Religionen, die wachsen, „theologisch rigoros, beschwerlich in der Praxis und eindeutig in der Trennung zwischen wahr und falsch“ seien.“ (http://www.tagesspiegel.de/kultur/zukunft-der-religion-das-christentum-steht-vor-einer-revolution/19253464.html)

Wahnsinn! Da kriegen diejenigen kalte Füße, die selbst durch ihre unablässigen Bemühungen, die Glut des Evangeliums in der Kirche zu ersticken, dazu beigetragen haben, dass es in der Kirche so kalt, weil leblos, geworden ist. Ich stehe dazu: Gerne bin ich gegen ein liberales Weltchristentum, weil dieses sich selbst längst obsolet gemacht hat. Weil es die Worte kennt, die Kraft des Evangeliums jedoch von Anfang an verleugnet hat. Weil es ständig anderen Göttern nachläuft (Stichwort „Soziale Gerechtigkeit“) und die Heiligkeit des Einen nicht mehr achtet. Weil es die aus Gnaden gerechtfertigten Sünder gegen die Wir-sind-alle-schon-OKs getauscht hat. Weil die Ehrfurcht vor der Bibel der Beliebigkeit post-moderner, stets langweiliger, mitunter emergenter Auslegung gewichen ist, die keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervorlockt. Weil missionarischer Eifer angesichts der Angst vor der Einzigartigkeit Jesu Christi in die Knie gegangen ist. Weil Nathans Weisheit die Weisheit der Universitäten geworden ist und Paulus´ Rat zur Änderung des Denkens nie so aktuell war wie heute. Man hat sich gewöhnt an ein Kuschelchristentum, dass wenn überhaupt, nur noch im Nachplappern sozialer Lösungsvorschläge seine Berechtigung bekommt. Bloß keinem mehr auf die Füße treten. Kuchen für alle! Aber immer nur Kuchen macht krank. Und er ernährt unsere Kinder nicht. Ich bin gerne neo-konservativ und lasse mir den Vorwurf gefallen, ich sei „anti-intellektuell“. Klar, denn Glauben und Intellekt haben noch nie zusammengepasst! Hat ja auch schon nicht bei Paulus, Augustinus, Luther, Calvin, J.S. Bach, Paul Gerhardt, J. Klepper, G. Tersteegen funktioniert. Und C.S. Lewis war ebenfalls kein Intellektueller, oder? Auf welchem Mond leben die Kritiker des aufstrebenden, lebendigen Christentums eigentlich? Nicht alle Menschen mit einer ungebrochenen Leidenschaft für Jesus, nicht alle, welche die Kraftwirkungen des Heiligen Geistes schätzen, leben auf Bäumen? Was ist falsch daran „theologisch rigoros“ zu sein und „wahr“ von „falsch“ zu trennen? Hier jedoch fühlt sich der Relativismus gekränkt und das ist….ups, falsch! Leider nur aus Sicht des Relativismus. Was ist falsch daran, einen Glauben zu haben, der eine „Praxis“ fordert? „Heiligung“ nennt man das auch. Und die ist beileibe nicht immer nur beschwerlich. Hier fühlt sich aber der Moralismus gekränkt und das ist…der Rest ist Schweigen.

Ich für meinen Teil fühle mich geadelt als Teil einer Jesus-Bewegung, welche die eingefleischte fromme Elite das Fürchten lehrt. Das hat Jesus übrigens auch getan. Und ja, ich bin der Meinung, dass es nicht mehr lange dauert, bis die Volkskirche von dem Ast fällt, an dem sie so lange gesägt hat. Einstweilen trauere ich um meinen Intellekt, den ich angeblich

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John Stott: Vom Segen der Gottesfurcht

Der nachfolgende Text stammt von John Stott, er ist zitiert aus dem Buch “Das Kreuz: Zentrum des christlichen Glaubens”

Wir müssen an der biblischen Offenbarung des lebendigen Gottes festhalten, der das Böse hasst, von ihm angewidert und erzürnt ist und sich weigert, sich jemals damit abzufinden.

Doch dem modernen Menschen sind diese Gedanken fremd. Die Art von Gott, die den meisten Menschen heute genehm wäre, würde unsere Übertretungen gelassen tolerieren. Er wäre sanft, freundlich, entgegenkommend und hätte keinerlei heftige Reaktion. Unglücklicherweise scheinen wir selbst in der Kirche die Vision der Majestät Gottes verloren zu haben. Es gibt viel Seichtigkeit und Leichtfertigkeit unter uns. Propheten und Psalmisten würden wahrscheinlich sagen: „Es ist keine Furcht Gottes vor ihren Augen.“ In den öffentlichen Gottesdiensten haben wir uns angewöhnt, uns auf unseren Stühlen zu lümmeln oder zu kauern; wir knien heutzutage nicht mehr nieder, geschweige denn, dass wir uns in Demut vor Gott niederwerfen. Es ist eher typisch für uns, dass wir vor Freude in die Hände klatschen, als dass wir vor Scham oder Tränen rot werden. Wir schlendern zu Gott hin und nehmen seine Gunst und Freundschaft in Anspruch; dass er uns fortschicken könnte, kommt uns gar nicht in den Sinn.

Wir haben es nötig, wieder auf die ernüchternden Worte des Apostels Petrus zu hören: „Und wenn ihr den als Vater anruft, der ohne Ansehen der Person nach eines jeden Werk richtet, so wandelt die Zeit … in Furcht!“ (1.Petr.1,17) Mit anderen Worten, wenn wir es wagen, unseren Richter „Vater“ zu nennen, müssen wir uns davor hüten, ihm anmaßend entgegenzutreten. Es muss sogar gesagt werden, dass unser evangelikales Schwergewicht auf der Sühne gefährlich ist, wenn wir zu schnell dorthin kommen. Erst, nachdem wir Gottes Unnahbarkeit für Sünder erkannt haben, lernen wir den Zugang zu Gott zu schätzen, den Christus uns eröffnet hat. „Halleluja“ können wir aufrichtig erst dann rufen, wenn wir zuerst „Wehe mir, denn ich bin verloren“ gerufen haben.

„Nur wer die Größe des Zornes kennt, [wird] von der Größe des Erbarmens überwältigt.“

Aus John Stott: „Das Kreuz – Zentrum des christlichen Glaubens“; Deutsche Ausgabe SMD Marburg Seite 137-139. Im letzten Satz zitiert Stott aus einem Artikel von Gustav Stählin (Artikel über orge, S. 426) Das äußerst empfehlenswerte Buch ist beim Francke Verlag erhältlich.

Bildquelle: Brett Jordan, Copyright Creative Commons BY 2.0, https://www.flickr.com/photos/x1brett/8658112086; Das Zitat wurde nachträglich ergänzt, es stammt nicht vom Originalbild.

Siehe auch:

  • These 22: Die Kirche darf nicht Gnade predigen ohne auch zur Buße zu rufen!

12 Gründe, warum progressives Christentum aussterben wird

In einem viel beachteten Artikel führt der US-amerikanische katholische Priester und Autor Dwight Longenecker 12 Gründe an, warum „progressives“ Christentum keine Zukunft hat. Seine Analyse dürfte auch die Situation in Deutschland relativ gut beschreiben. Nachfolgend einige Auszüge daraus in einer deutschen Übersetzung. Der vollständige englische Originalartikel wurde hier veröffentlicht.
Hervorhebungen wurden nachträglich eingefügt.

Historische Christen glauben, dass ihre Religion von Gott in der Person seines Sohne Jesus Christus offenbart wurde und dass die Schrift das wichtigste Zeugnis dieser Offenbarung ist. Sie glauben, dass die Kirche die Verkörperung des auferstandenen Herrn Jesus in der Welt ist und dass sein Auftrag, die Verlorenen zu suchen und zu retten, immer noch gültig und wichtig ist.

Progressive Christen glauben, dass Jesus Christus bestenfalls ein göttlich inspirierter Lehrer ist, dass die Schriften fehlerhafte, menschliche Dokumente sind und dass die Kirche ein Leib von spirituell gesinnten Menschen ist, die gerne Frieden und Gerechtigkeit zu Allen bringen und die Welt zu einem besseren Ort machen möchten.

Ich weiß, ich verallgemeinere hier sehr stark, aber die grundlegende Trennung ist klar erkennbar, und Gläubige auf beiden Seiten geben zu, dass „historische“ und „progressive“ Christen in allen Denominationen existieren. Die reale Trennung in der Christenheit verläuft nicht mehr zwischen Protestanten und Katholiken, sondern zwischen progressiven und historischen Christen.

Schaut man sich die Dynamik der progressiven Christenheit genauer an, dann wird sie am Ende dieses Jahrhunderts entweder ausgestorben sein oder aufgehört haben, Christentum zu sein. Momentan tritt der Modernismus noch im christlichen Gewand auf, sowohl in den großen protestantischen Kirchen als auch in Teilen der katholischen Kirche. Das wird nicht mehr sehr lange der Fall sein aus 12 sehr einfachen Gründen:

1. Modernisten bezweifeln das Übernatürliche und sind deshalb nicht wirklich religiös. Bei Religion geht es um einen Austausch mit der anderen Welt. Es geht um die Rettung von Seelen, Erlösung von der Sünde, Himmel, Höllenverdammnis, das Leben nach dem Tod, Engel und Dämonen und ähnliche Themen. Progressive befassen sich mit all dem nicht. Für sie geht es bei Religion darum, für Gleichberechtigung zu kämpfen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, nett zu allen zu sein, und es geht ihnen um „Spiritualität“. Es dauert nicht lange, bis die Menschen realisieren, dass man dafür nicht in die Kirche gehen muss, und das bedeutet schließlich den Tod für die progressive Christenheit. Sie werden schlussfolgern, dass dann, wenn es bei Religion um nicht mehr als um gute Werke geht, das religiöse Ritual überflüssig ist… und sie hätten damit recht.

2. Progressive Religion ist im Wesentlichen individualistisch und nicht gemeinschaftsorientiert.

3. Progressives Christentum ist subjektiv und gefühlsbetont. Es meidet die Dogmatik. Wenn diese Einstellung vorherrscht, stirbt die modernistische Religion, weil ihre Anhänger es nicht mehr als nötig ansehen, sich irgendwo anzuschließen oder bestimmte Inhalte zu glauben.

4. Indem sie sich selbst von der Tradition abschneiden, werden sie (d.h. Progressive) nur das neueste religiöse Gimmick, die neueste Mode oder Anpassung an die aktuelle Kultur haben. Eine Religion, die Tradition zerstört, zerstört sich selbst.

5. Das Verwerfen der Verlässlichkeit der Bibel basiert auf einer rationalistischen Denkschule, die längst ihr Verfallsdatum überschritten hat.

6. Die progressive Christenheit wird aussterben, weil sie keine Forderungen an ihre Anhänger stellt. Frag irgendeinen Modernisten: „Warum sollte ein Christ zur Kirche kommen?“ Was wird er antworten? „Du musst nicht zur Kirche kommen. Sie ist da, wenn Du sie möchtest. Wenn es Dir gut tut und Du Dich dadurch besser fühlst sind wir da, um Dir zu dienen.“ Dieses Mitgefühl ist zwar lobenswert, aber sie sollten nicht überrascht sein, wenn niemand kommt.

8. Anhänger aller übernatürlichen Religionen verlangen moralische Reinheit, Selbstdisziplin und Selbstbeherrschung. Die Modernisten sehen Religion nicht als Infragestellung, sondern als Erfüllung der eigenen Bedürfnisse. Hedonisten werden bald begreifen, dass Religion – selbst in ihrer verwässerten modernen Form – den Stress nicht wert ist.

10. Progressive dachten immer, sie seien die Radikalen, aber sie sind mittlerweile Teil des Establishments. Sie gehen immer mit der Mehrheit, vor allem wenn die Mehrheit vorgibt, „radikal“ oder „subversiv“ zu sein. Das Ziel, von möglichst vielen Menschen respektiert zu werden, ist der Todeskuss für jede echte Religion.

11. Die historischen Christen sind jetzt die Radikalen. Wenn die ganze Welt liberal wird, sind es die Konservativen, die die Radikalen sind. Wenn moralische Dekadenz auf der ganzen Welt vorherrscht, wird Keuschheit radikal. Wenn die ganze Welt von Relativismus verschlungen wird, ist der Dogmatiker der Radikale. Wenn die ganze Welt von Materialismus geblendet wird, ist derjenige radikal, der an Wunder und Übernatürliches glaubt.

12. Das Dogma der Progressiven ist, dass „alle willkommen sind“. Sie verstehen nicht, dass eine Religion nur dann eine Religion sein kann, wenn es Grenzen gibt. Kein Club ohne Regeln für die Mitglieder und keine Kirche ohne Dogma und moralische Erwartungen. Die Türen der progressiven Kirchen mögen weit offen sein… aber das führt letztlich dazu, dass die Menschen die Kirchen so schnell wie möglich verlassen werden.

Siehe auch:

  • These 56: Die Kirche wächst auf Dauer nur, wenn sie der Bibel vertraut – Erfahrungen aus der weltweiten Kirche und der Kirchengeschichte

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C.H. Spurgeon: Ein Manifest für die Kirche von heute

Charles Haddon Spurgeon war ein englischer Baptistenpastor und gilt als einer der bekanntesten Prediger des 19. Jahrhunderts. 1891, 1 Jahr vor seinem Tod, nahm er zum letzten Mal an einer Konferenz seines Predigerseminars teil und hielt dort eine 3-teilige Predigt, die als sein „finales Manifest“ gilt.

Obwohl der Text mehr als 100 Jahre alt ist wirkt er brandaktuell. Die letzte Phase des Dienstes von Spurgeon war stark geprägt von seinem Kampf gegen die Ausbreitung der modernen Bibelkritik. Spurgeon war überzeugt davon, dass es für die Kirche von existenzieller Bedeutung ist, am Glauben an eine „wahre und wirkliche Inspiration der Heiligen Schrift“ festzuhalten. Für diese Überzeugung musste er viel Kritik einstecken und schmerzhafte Konflikte durchleiden. Zuletzt trat er aus dem Baptistenbund aus, weil er dort keine klare Abgrenzung mehr gegen das Vordringen der bibelkritischen Strömungen erkennen konnte.

Ich habe noch nie ein so glühendes, leidenschaftliches Plädoyer für das konsequente Festhalten an der Gültigkeit von Gottes Wort gelesen. Kleine Kostprobe gefällig?

„Man sagt uns, wir sollten einen Teil unserer altmodischen, überholten Theologie aufgeben, um den Rest zu retten. Wir sitzen in einem Wagen und fahren durch die russische Steppe. Die Peitschen knallen, und die Pferde galoppieren wie wild, aber die Wölfe sind uns auf den Fersen! Siehst du nicht die feurigen Augen? Wir sind in großer Gefahr. Was sollen wir tun?

Jemand schlägt vor, ein Kind hinauszuwerfen oder auch zwei. Solange sie das Baby fressen, können wir einen Vorsprung herausholen, aber wenn sie uns wieder einholen, was dann? Nun, sei ein Mann, wirf deine Frau hinaus! „Ein Mensch gibt alles her, was er besitzt, wenn er damit sein eigenes Leben retten kann.“
Du kannst fast alle Wahrheiten aufgeben in der Hoffnung, eine zu retten. Wirf die Inspiration hinaus, und lass die Kritiker sie verschlingen. […] Wirf die angeborene Verderbnis menschlicher Natur hinaus, die ewige Strafe und dann die Macht des Gebets.
Die Kutsche ist wunderbar erleichtert. Nun noch eins: Opfere das große Sühneopfer! Schluss mit der Sühne!
Brüder, dieser Rat ist niederträchtig und mörderisch. Diesen Wölfen entkommen wir ganz oder gar nicht. Wir wollen „die Wahrheit, die ganze Wahrheit, und nichts als die Wahrheit“ oder überhaupt nichts. Wir werden niemals versuchen, die Hälfte der Wahrheit zu retten, indem wir schließlich jeden Teil der Wahrheit hinauswerfen. Der „weise“ Rat, den man uns gegeben hat, bedeutet, Gott zu verraten und zu verkaufen und uns selbst bitter zu enttäuschen. Wir stehen mit allem, oder wir fallen. (S. 90-92)“

So viel Leidenschaft Spurgeon für dieses Thema auch hatte: Die Wichtigkeit der Gemeinde und die zentrale Bedeutung des Heiligen Geistes hielt er für noch wichtiger. Seine Überzeugung war: „Wenn der Heilige Geist gegangen ist, regiert der Tod, und die Kirche wird zum Friedhof.“ (S. 141) Immer wieder wird in solchen Zitaten deutlich: Hier spricht ein Praktiker, der nur 1 Ziel hat: Gott zu verherrlichen und Menschen mit diesem Gott bekannt zu machen.

Spurgeons „Finales Manifesto“ wurde 2014 an über zehntausend Pfarrer und Pastoren in England verteilt. Man kann sich nur wünschen, dass auch die deutsche Kirche die Worte dieses Kämpfers für das Evangelium hört. Sie hat es mehr als nötig. Spurgeon hat nicht mehr miterleben dürfen, dass die Bibelkritik zurückgedrängt wird. Hätte er gewusst, dass die westliche Kirche 120 Jahre später noch viel mehr als damals davon überschwemmt ist, wäre er sicher entsetzt gewesen. Denn eigentlich war er zuversichtlich, dass es eine Wende geben wird: „Wenn die Herrscher der Stunde dem viel erduldenden Volk nicht mehr den Mund verbieten können, gibt es eine Rückkehr zum früheren Glauben, und dann werden sie stärker als zuvor daran kleben.“ (S. 34) Könnte es sein, dass diese Stunde der Rückkehr doch noch kommt? Jetzt, da das Internet es ermöglicht, dass auch unstudierte Laien sich informieren, sich vernehmbar öffentlich äußern und liberalen Theologen entgegentreten können? Jetzt,  da immer offensichtlicher wird, in welchen Verfall die moderne Bibelkritik die Kirche führt? Es wäre sehr zu wünschen. Um der Kirche und um Gottes Ehre willen. Darum „Vorwärts, Christi Streiter, mit dem Schwert des Geistes, welches das Wort Gottes ist. Vorwärts in der lebendig machenden Kraft des Heiligen Geistes. Eine andere Kraft habt ihr nicht.“ (S. 156)

Das Buch „Finales Manifesto“ ist erschienen im fontis-Verlag.

Weitere Zitate von C.H. Spurgeon …

… zur Gültigkeit von Gottes Wort

Wenn wir im Wort Gottes keinen unfehlbaren Standard der Wahrheit haben, sind wir Seefahrer ohne Kompass. (S. 23)

Die Heilige Schrift ist im Reich Gottes wie Gott im Universum – vollkommen genug. In ihr ist alles Licht, ist alle Kraft geoffenbart, die der Mensch in geistlichen Fragen jemals brauchen könnte. (Seite 49)

Wir haben die Ernte gesehen, die auf unsere Aussaat folgt, und wir werden unser Saatgut nicht tauschen, nur weil das launische Diktat des Zeitgeistes es so will. (S. 59)

Die Menschen brauchen Predigten, die aus der Bibel gewachsen sind. (S. 74)

Wir wollen überzeugend sprechen, und deshalb sprechen wir schriftgemäß. Außerdem sind wir entschlossen, nichts zu predigen außer das Wort Gottes. (S. 75)

Man kann nicht den dunklen und ernsten Teil der Wahrheit auslassen, ohne die Kraft aller anderen Wahrheiten, die man predigt, zu schwächen. Wenn man den kommenden Zorn verschweigt, beraubt man die Wahrheit von der Errettung ihrer Strahlkraft und ihrer Dringlichkeit. (S. 95)

… zum Wesen und zum Auftrag von Gemeinde:

Eine Gemeinde ist ein seelenrettendes Unternehmen, oder sie ist nichts. (S. 118)

Wenn die Herde unter unserer Obhut nicht wächst, sollte es uns das Herz brechen. (S. 111)

Es war nie der Auftrag der Kirche, der Welt Unterhaltung zu bieten. (S. 26)

Glaubt mir, wenn eine Gemeinde nicht betet, ist sie tot. Das gemeinsame Gebet sollte nicht an letzter Stelle stehen, es sollte das Wichtigste sein. Eine Gemeinde steht und fällt mit ihrer Gebetsmacht. (S. 112)

In unseren Gemeinden sollte jeder Gott dienen. (S. 112)

… zur Bedeutung des Heiligen Geistes:

Wenn der Geist Gottes fehlt, wird sogar die Wahrheit zum Eisberg. (S. 139)

Immerzu, am Anfang, im Fortsetzen und beim Beenden jedes guten Werkes, verlasst euch ganz bewusst und wirklich und wahrhaftig auf den Heiligen Geist. Alles muss von ihm kommen, sogar das Bewusstsein dafür, dass ihr ihn braucht. Auch die Gebete, mit denen ihr ihn anfleht, müssen von ihm kommen. Ihr tut ein so geistliches Werk, so hoch erhaben über alle menschliche Macht, dass es euch eine garantierte Niederlage einbringt, wenn ihr den Heiligen Geist außer Acht lasst. Lasst den Heiligen Geist für eure Bemühungen die Conditio sine qua non sein. Geht so weit, ihm zu sagen: „Wenn du nicht selbst voranziehst, dann schick uns nicht von hier fort.“ (2. Mose 33, 15) (S. 143/144)

Wir sollten die Predigt so vorbereiten, als hinge alles von uns allein ab, und dann dem Heiligen Geist vertrauen im Wissen, dass alles nur von ihm abhängt. (S. 152)

Der Geist Gottes ist mit der Kraft der Arbeiter, er ist kein Freund der Faulenzer. (S. 152)

Siehe auch:

  • Pfusch am Bau – Wilhelm Busch erklärt den richtigen Umgang mit der Bibel