Ist die Bibel unfehlbar?

Was sagt die Bibel selbst dazu? Was dachten die Kirchenväter darüber? Was meint Unfehlbarkeit – und was nicht? Müssen wir die Bibel wörtlich nehmen? Und warum sind diese Fragen überhaupt wichtig?

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In den letzten Monaten habe ich viele theologische Texte gelesen. Einige waren ziemlich anstrengend, viele aber auch sehr interessant, manche sogar herausragend gut. Trotzdem fiel mir immer wieder auf, wie grundlegend anders doch die Bibel ist. Wenn ich sie aufschlage ist es, als ob ich eine andere Welt betrete. Es fühlt sich an, wie wenn ich das knarzende alte Radio ausschalte und meine Ohren stattdessen vom brillianten Klang einer modernen Stereoanlage streicheln lasse. Der biblische „Klang der Wahrheit“ ist einfach nicht vergleichbar mit allen anderen noch so guten theologischen Überlegungen, die wir im Lauf der Kirchengeschichte angesammelt haben. Deshalb liebe ich die Bibel so.

Das schöne ist: In den letzten Monaten habe ich erfahren, dass ich nicht der erste bin, dem es so geht! Im Gegenteil: Schon die allerersten Christen haben genau die gleiche Erfahrung gemacht wie ich:

Was die Kirchenväter über die biblischen Schriften dachten

In den Schriften Martin Luthers findet sich eine äußerst interessante Passage über den grundlegenden Unterschied zwischen den biblischen Texten und den Schriften von Theologen:

Welch große Irrtümer sind schon in den Schriften aller Väter gefunden worden? Wie oft widerstreiten sie sich selbst?  Wie oft weichen sie voneinander ab? […] Niemand hat eine mit der Schrift gleichwertige Stellung erlangt […] Ich will […], dass allein die Schrift regiert […] Dafür habe ich als besonders klares Beispiel das des Augustinus, […] [der] in einem Brief an den Heiligen Hieronymus sagt: ‚Ich habe gelernt, allein diesen Büchern, welche die kanonischen heißen, Ehre zu erweisen, so dass ich fest glaube, dass keiner ihrer Schreiber sich geirrt hat.“ [1]

Das grundlegende Prinzip, das Luther hier erklärt, war ein zentraler Grundstein der Reformation. Man kann es ganz simpel so formulieren:

Alle Theologen irren! Aber die Autoren der Bibel irren niemals!

Aus diesem Grund sagte Luther: Wer mich von einer theologischen These überzeugen will, muss das aus der Bibel heraus beweisen. Alle anderen Aussagen, und seien sie vom Papst persönlich, sind kein Beweis. Genau das meinte Luther auch mit seinem Schlagwort: „Sola scriptura – Allein die Schrift“.

Mit seinem Hinweis auf den Kirchenvater Augustinus, der im 4. Jahrhundert lebte, zeigte Luther: Dieses Prinzip war nicht seine eigene Erfindung. Es galt schon zur Zeit der ersten Christen. Auch Ignatius von Antiochien sah schon zu Anfang des 2. Jahrhunderts einen grundlegenden Unterschied zwischen seiner eigenen theologischen Autorität und den „Weisungen des Herrn und der Apostel“, denen er sich bewusst untergeordnet hat: „Ich habe mich nicht so hoch eingeschätzt, dass ich … euch wie ein Apostel befehlen dürfte“.[2] Der Neutestamentler Prof. Theodor Zahn folgerte deshalb: Die Möglichkeit, „dass ein Apostel in seinen an die Gemeinden gerichteten Lehren und Anweisungen geirrt habe könnte, hat offenbar im Vorstellungskreis der nachapostolischen Generation keinen Raum gehabt.“ [3] Anders ausgedrückt: Die ersten Christen waren von der Unfehlbarkeit der Schriften der Apostel fest überzeugt.

Kein Wunder, dass die Unterscheidung zwischen irrtumslosen biblischen Autoren und irrenden Theologen bis zum Aufkommen der von der Aufklärung geprägten kritischen Theologie ab dem 18. Jahrhundert im Grunde Allgemeingut der Kirche war. Aber auch danach blieb der Glaube an die Unfehlbarkeit der Schrift nicht etwa eine fundamentalistische Sonderlehre. So lesen wir z.B. in der Lausanner Verpflichtung von 1974, die von Leitern aus zahllosen Kirchen der ganzen Welt beschlossen wurde, über die Autorität von Gottes Wort: „Es ist ohne Irrtum in allem, was es verkündigt.“ Jüngst freute sich auch die weltweite evangelische Allianz, dass sie mit der katholischen Kirche in Bezug auf die „Irrtumslosigkeit der Schrift“ völlig übereinstimmt.[4]

Mit anderen Worten: Wo die von der Aufklärung geprägte Bibelkritik sich nicht durchgesetzt hat, ist der Glaube an die Unfehlbarkeit und Irrtumslosigkeit der Schrift bis heute keine Außenseiterposition sondern Standard in der Weltchristenheit.

Nun sind Mehrheiten ja an sich kein Argument. Könnte es sein, dass die Christen übers Ziel hinausgeschossen sind? Haben sie den biblischen Texten in ihrer Begeisterung vielleicht Eigenschaften und Ansprüche zugeschrieben, die diese selbst nie für sich in Anspruch genommen haben? Anders gefragt:

Hält die Bibel sich selbst für unfehlbar?

Dazu stellt der Theologie Prof. Thorsten Dietz zunächst einmal nüchtern fest: „Die neutestamentlichen Autoren haben ganz offensichtlich die Schriften des Alten Testaments als Gottes Wort gelesen, genauso wie die allermeisten Christen in der Kirchengeschichte.“[5] Eindrücklich sind dazu die Worte Jesu: „Bis der Himmel und die Erde vergehen, soll auch nicht ein Jota oder ein Strichlein von dem Gesetz vergehen“ (Matth. 5, 18). Mit dem „Gesetz“ meinten die Juden die Tora, die 5 Bücher Mose. Die „Propheten“ und die übrigen Schriften waren ihnen ebenso heilig. Niemals hätten sie von Irrtümern in diesen Büchern gesprochen.

Soweit, so klar. Aber was ist mit dem Neuen Testament? Das lag zur Zeit seiner Abfassung ja noch gar nicht vor! Kann es also überhaupt irgendetwas über seine Eigenschaften sagen?

Ja, sogar sehr viel! Denn was wir im Neuen Testament vorfinden ist ja gemäß den Aussagen der biblischen Autoren nichts anderes als die Lehre Jesu und der von ihm bevollmächtigten Apostel, sorgfältig recherchiert auf Basis von Augenzeugenberichten (Lukas 1, 1-4; Joh. 21, 24; 2. Petr. 1, 16). Der Apostel Paulus sagte über sich selbst, dass seine Lehre nicht menschlich sondern göttlich ist (Gal. 1,11-12). Er freute sich, dass die Thessalonischer seine Lehre nicht als Menschenwort sondern als Gottes Worte aufgenommen hatten, was sie seiner Meinung nach tatsächlich sind (1. Thess. 2, 13). Entsprechend stellte Petrus die Briefe des Paulus auf die gleiche Stufe wie die anderen heiligen „Schriften“ und warnte: Wer ihren Sinn verdreht muss mit Gottes Gericht rechnen (2. Petr. 3, 15b-16). Natürlich waren die Apostel an sich weder sünd- noch irrtumslos. Aber die in ihren Schriften festgehaltene Lehre hat für die Kirche absolute Autorität. Das gilt für die von den Evangelisten festgehaltenen Überlieferungen von Jesus natürlich erst recht.

Prof. Armin Baum stellt in seiner ausführlichen Analyse[6] daher fest: Ja, die Irrtumslosigkeit der ganzen Schrift ist tatsächlich ein neutestamentliches Konzept! Allerdings müssen wir dabei ein paar Einschränkungen beachten: Fragen zur Textkritik (also zum exakten Wortlaut des Urtextes), zum Kanon (also z.B. zur Gültigkeit des langen Markusschlusses, der in vielen alten Handschriften fehlt), zur Entstehung der neutestamentlichen Bücher (also z.B. die Frage nach dem Autor) und natürlich zur richtigen Auslegung unterliegen dieser Irrtumslosigkeit nicht. Um Antworten auf diese Fragen zu finden brauchen wir fundierte bibelwissenschaftliche Arbeit. Wir können dankbar sein, dass es solche Wissenschaftler gibt.

Nachdem wir geklärt haben, dass die Unfehlbarkeit der biblischen Texte sowohl für die biblischen Autoren als auch für die Kirchenväter feststand, stellt sich nun als nächstes die wichtige und unter Theologen vieldiskutierte Frage:

Was ist mit der Unfehlbarkeit der Schrift gemeint – und was nicht?

An dieser Stelle wird es richtig spannend. Denn selbst die oft als „fundamentalistisch“ geltende sogenannte „Chicago-Erklärung zur Irrtumslosigkeit der Schrift“ macht zur Unfehlbarkeit der Bibel jede Menge Einschränkungen: Das Fehlen an moderner technischer Präzision, Unregelmäßigkeiten bei der Grammatik oder der Rechtschreibung, die Beschreibung der Natur aus einem subjektiven Blickwinkel, gerundete Zahlen, die thematische statt chronologische Anordnung eines Stoffs, die Verwendung freier Zitate: All das spricht laut dieser Erklärung nicht gegen die Irrtumslosigkeit der Bibel.[7] Wie kann das sein? Müsste eine unfehlbare Schrift nicht in jeder denkbaren Hinsicht vollkommen korrekt sein?

Nein. Denn bei der Verwendung des Begriffs „unfehlbar“ oder „irrtumslos“ müssen wir unbedingt das folgende Grundprinzip beachten:

Die Bibel ist unfehlbar in dem, was sie aussagen will!
Sie ist irrtumslos in Bezug auf ihre Aussageabsicht!

So schrieb der Theologe Prof. Gerhard Maier zur oben bereits zitierten Lausanner Erklärung:

„Ähnlich hat die Lausanner Verpflichtung in ihrem Artikel 2 formuliert, das Wort Gottes „sei ohne Irrtum in allem, was es verkündigt“ – präzisieren wir: was es verkünden will. Es muss durchaus noch festgestellt werden, welche historischen Auskünfte die Heilige Schrift zu geben beabsichtigt.“ [8]

Diese Ergänzung ist in der Tat wichtig. Das erleben wir auch in unserer normalen Alltagskommunikation. Wenn z.B. ein Meteorologe im Wetterbericht sagt: „Um 7.46 Uhr geht die Sonne auf“, dann ist das naturwissenschaftlich gesehen natürlich völliger Unsinn. Die Sonne geht nicht auf! Vielmehr dreht sich die Erde, so dass die Sonne wieder sichtbar wird. Trotzdem würde wegen dieser Formulierung niemand den Bildungsgrad des Meteorologen in Frage stellen. Denn jeder weiß ja: Von einem Sonnenaufgang zu sprechen ist zwar objektiv falsch, aber subjektiv, d.h. aus der Sicht eines menschlichen Beobachters, völlig richtig. Genau dieses Prinzip müssen wir auch bei der Bibel beachten und die Frage stellen: Was wollte der Autor sagen? Welche Perspektive, welches Wahrheitsverständnis hat der Autor seiner Aussage zugrunde gelegt? Welche Erwartungen hatten die damaligen Leser, um die Aussagen als wahr einzustufen?

Wenn wir Zitate im Neuen Testament analysieren merken wir zum Beispiel schnell: Ein Zitat musste damals nicht wörtlich exakt sein, um als wahr zu gelten. Aber es musste inhaltlich stimmen! Ein frei erfundenes Zitat hätte man auch damals schon als Fake-News eingestuft. Irrtumslosigkeit der Schrift heißt vor diesem Hintergrund also: Jesus hat nicht unbedingt jeden Satz Wort für Wort genau so gesagt, wie wir es in der Bibel lesen (das geht ja auch schon deshalb nicht, weil er in einer anderen Sprache redete als das Neue Testament abgefasst wurde). Aber wir können gemäß dem Selbstzeugnis der biblischen Autoren (Lukas 1,3; Johannes 21, 24)  sicher sein: Jesus hat inhaltlich genau das gesagt, was uns das Neue Testament berichtet!

Natürlich müssen wir beim Lesen eines Bibeltexts immer auch beachten, in welche Situation, in welches kulturelle Umfeld und in welche heilsgeschichtliche Zeit (alter oder neuer Bund?) ein Text hineingesprochen wurde. Und wir müssen klären, welche Textgattung vorliegt: Hat der Text den Anspruch, eine Geschichte zu erzählen, die wirklich in Raum und Zeit passiert ist? Oder handelt es sich um symbolische Redeweise? Das ist z.B. beim Buch Hiob gar nicht so leicht zu klären und muss daher bibelwissenschaftlich ergebnisoffen untersucht und diskutiert werden. Wenn wir diese Punkte sauber beachten klärt sich die nächste Frage, die in diesem Zusammenhang oft gestellt wird, fast schon von selbst:

Müssen wir die Bibel wörtlich nehmen?

Ich habe extra noch einmal nachgeschaut. Und tatsächlich: In meiner Bibel gibt es ausschließlich Wörter. Es sind keine Bilder drin! Ich kann also gar nicht anders, als die Bibel Wort für Wort beim Wort zu nehmen. Anders als wörtlich ist die Bibel nicht zu haben. Nur: Was heißt das praktisch?

Wenn mein Chef mir heute sagt: „Herr Till, ich habe Ihnen schon 1000 mal gesagt, dass Sie nicht zu spät kommen sollen!“ dann würde ich ihn nicht beim Wort nehmen, wenn ich ihm antworten würde: „Stimmt nicht, Chef, ich hab mitgezählt: Es waren nur 18-mal!“ Genauso wenig nehmen wir Jesus beim Wort, wenn wir seine Aussage, dass wir 7 mal 70 mal vergeben sollen (Matthäus 18, 21-22) als Aufforderung verstehen, eine Strichliste anzulegen. Jesus wörtlich nehmen heißt hier: Die tiefe Symbolik verstehen, die hinter diesen Zahlen steckt.

Auch dieses Beispiel unterstreicht: Die Irrtumslosigkeit der Schrift hängt untrennbar mit ihrer jeweiligen Aussageabsicht zusammen. Der Glaube an die Unfehlbarkeit und Irrtumslosigkeit wird dann schräg, wenn er der Bibel eine falsche Aussageabsicht und einen falschen Wahrheitsbegriff überstülpt.[9] Es ist die Aufgabe der historischen Bibelwissenschaft, die jeweilige Aussageabsicht vorurteilsfrei zu erforschen und herauszuarbeiten.

Dabei muss allerdings darauf geachtet werden, bibelfremde von bibeleigenen Kriterien zu unterscheiden. Bibelfremde Kriterien wären zum Beispiel:

  • Wunder sind aus naturwissenschaftlicher Sicht nicht möglich.
  • Erkenntnisse der modernen Geologie sprechen dagegen, der Sintflutgeschichte einen historischen Wert beizumessen.

Solche Aussagen, die sich aus den aktuellen Ansichten der heutigen Welterkenntnisse speisen, fließen natürlich immer auch in unsere Analyse der Bibel mit ein. Und das ist auch gut so! Wissen, Vernunft, Erfahrungen, kirchliche Bekenntnisse, Auslegungen wichtiger Theologen oder die Frage nach der Frucht einer bestimmten Auslegung („Wirkungsgeschichte“) dürfen und sollen bei jeder Bibelauslegung berücksichtigt werden. Sie können helfen, die Bibel besser zu verstehen. Das reformatorische „Sola scriptura“ besteht jedoch darauf: Über all dem muss letztlich die Schrift regieren! Sie hat das letzte Wort! Sie muss sich selbst auslegen! Nur die bibeleigenen Kriterien und Aussagen dürfen (nach gründlicher Klärung ihrer Aussageabsicht) für eine theologisch saubere Beweisführung verwendet werden.

Wenn wir dieses Prinzip auf die Erzähltexte im Neuen Testament anwenden wird klar: Diese Berichte (und gerade auch die Wundergeschichten) sind nicht nur symbolisch sondern ganz eindeutig auch historisch gemeint. Denn das ist ausdrücklich ihr eigener Anspruch, wie z.B. der Theologe Armin D. Baum nachgewiesen hat![10] Die Apostel wollten ganz bewusst keine abstrakten theologischen Ideen verbreiten sondern berichten, was sie gehört und gesehen hatten! Gottes reales und oft auch wunderwirkendes Handeln in Raum und Zeit war ein entscheidender Bestandteil ihrer theologischen Botschaft. Deshalb gilt: Wer die Ereignisse und Wunder des Neuen Testaments in Frage stellt, stellt den Kern des Christentums in Frage. Wenn wir die Bibel an Philosophien wie z.B. den Naturalismus (der Glaube, dass Wunder grundsätzlich niemals vorkommen), an Erfahrungen oder an Aussagen eines kirchlichen Lehramts anpassen, dann hebeln wir das „Sola scriptura“ aus und erheben menschliche Vorstellungen zum obersten Richter über die Aussagen der Bibel – mit gravierenden Folgen, wie der letzte Abschnitt dieses Artikels zeigen soll:

Warum ist die Frage nach der Unfehlbarkeit überhaupt wichtig?

Sind Diskussionen um solche Fragen nicht wieder mal so ein überflüssiges theologisches Gezänk, das nichts als Streit unter Christen verursacht? Warum sollen wir uns überhaupt damit befassen?

In seinem vielbeachteten Grundsatztext zu einer neuen „Hermeneutik der Demut“ schrieb der Theologe Prof. Heinzpeter Hempelmann:

Die Bibel ist unfehlbar. […] Die Bibel ist als Gottes Wort Wesensäußerung Gottes. Als solche hat sie teil am Wesen Gottes und d.h. an seiner Wahrheit, Treue, Zuverlässigkeit. Gott macht keine Fehler. […] Sowohl philosophische wie theologische Gründe machen es unmöglich, von Fehlern in der Bibel zu sprechen. Mit einem Urteil über Fehler in der Bibel würden wir uns über die Bibel stellen und eine bibelkritische Position einnehmen.“ […]  Das „machte eine Auslegung der Heiligen Schrift als solche sinn-, zweck- und ergebnislos. […] Es maßte sich ja einen „Gottesstandpunkt“ an, wer in ihr unterscheiden wollte zwischen Gottes- und Menschenwort, zeitbedingt und zeitlos gültig. Eine Hermeneutik der Demut steht nicht auf der Schrift, schon gar nicht über ihr.“ [11]

Damit ist der Kern des Problems angesprochen, der sich bei diesem Thema ergibt. Wenn es in der Bibel Fehler, Irrtümer, Widersprüche und eine „Vielfalt theologischer Meinungen“ [12] gibt, wenn sie nur Gottesworte enthält statt ganz und gar Gottes Wort zu sein, dann ergeben sich zwangsläufig eine ganze Reihe schwerwiegender Fragen: Wer unterscheidet dann zwischen Menschenwort und Gotteswort, zwischen Wahrheit und Irrtum, zwischen richtig und fehlerhaft, zwischen Widerspruch und sich ergänzendem Paradox? Nach welchen Kriterien? Auf welcher Basis können wir dann noch gesichert theologisch argumentieren? Welche theologischen Ergebnisse können dann als gesicherte Glaubensgrundlage der Kirche gelten?

Die Geschichte der Theologie der letzten 2 Jahrhunderte zeigt eindrücklich: Niemand, der sich von der Irrtumslosigkeit der Schrift verabschiedet hat, konnte diese Fragen jemals beantworten. Kein menschliches Kriterium konnte sich zur Unterscheidung zwischen richtig und falsch in der Bibel jemals durchsetzen. Im Gegenteil: Die Aufgabe des Grundsatzes, dass die Bibel die irrtumslosen Stimmen der Apostel und Propheten überliefert, hatte katastrophale Folgen für die Kirche. Prof. Armin Baum hat darauf hingewiesen, dass inzwischen „mit bibelwissenschaftlichen Argumenten nahezu jede Aussage des Apostolischen Glaubensbekenntnisses bestritten worden“ ist.[13] Das ist auch kein Wunder! Denn wenn die Bibel Irrtümer enthält, dann ist auch der „Schriftbeweis“ in der Theologie außer Kraft gesetzt. Schon Jesus hatte theologische Diskussionen mit der Frage entschieden: „Habt ihr nicht gelesen?“ (z.B. Matthäus 12, 3). Die Einwohner Beröas haben durch Forschen in der Schrift geprüft, ob der Apostel Paulus die Wahrheit lehrt (Apg. 17, 11). Wenn der Schriftbeweis aber nicht mehr verlässlich gilt, weil die biblischen Autoren sich ja geirrt haben könnten, dann muss er durch menschengemachte Kriterien ersetzt werden. Dann wird Theologie zwangsläufig subjektiv und zeitgeistabhängig. Dann…

  • gibt es keine verbindlichen gemeinsamen Glaubensgrundlagen und -gewissheiten mehr.
  • wird die Einheit der Kirche von innen ausgehöhlt.
  • verliert die Kirche ihre Botschaft, ihre Glaubwürdigkeit und ihre missionarische Kraft (Jo­hannes 17, 21-23).

All das muss ich in meiner evangelischen Kirche heute leider live und leidvoll beobachten. Die Diskussion um die Unfehlbarkeit der Bibel ist deshalb alles andere als ein kleinliches Gezänk von theologisch interessierten Spezialisten oder von Leuten, die ihr Sicherheitsbedürfnis durch eine klar definierte Dogmatik befriedigen müssen. Bei diesem Thema geht es für die Kirche ans Eingemachte!

Der Apostel Paulus schrieb einst: „Wir sind sein Haus, das auf dem Fundament der Apostel und Propheten erbaut ist mit Christus Jesus selbst als Eckstein.“  (Epheser 2, 20) Damit wird klar: Wer die Autorität der Apostel und Propheten untergräbt, deren Stimme wir heute in der Bibel vernehmen können, der untergräbt letztlich das Fundament der ganzen Kirche. Das massive Schrumpfen sämtlicher liberaler Kirchen in der westlichen Welt demonstriert das eindrücklich.

Umso wichtiger ist es, dass wir uns wieder neu und leidenschaftlich dazu bekennen: Die Bibel ist zwar ganz Menschenwort, aber eben auch ganz Gotteswort! Alle Theologen irren. Aber die Autoren der Bibel irren niemals! Die Bibel muss die Bibel auslegen.[14] Nur sie ist die „Königin“[15], die „norma normans“, die eine maßgebende Norm, an der sich Alles orientieren muss. Einen anderen Maßstab für Erkenntnisse über Gott, Jesus, das Evangelium, unsere Herkunft, unsere Zukunft und das Leben nach dem Tod haben wir Menschen nicht. Wenn wir diesen Maßstab aufgeben sind wir verloren.

Ich bin überzeugt: Die Kirche der Zukunft wird eine Kirche sein, die die Bibel mit Leidenschaft und brennendem Herzen liest. Sie wird sich vor den Worten der Bibel beugen statt die Bibel durch die Weisheit dieser Welt in die Knie zu zwingen. Fehler und Widersprüche wird sie nicht in der Bibel sondern mit Hilfe der Bibel in ihrem Herzen finden. So war es in Erweckungszeiten immer gewesen. Beten und arbeiten wir dafür, dass wir eine solche Kirche zur Ehre Gottes bald schon wieder sehen dürfen.


Danke an Martin Till für die Anregungen zu diesem Artikel!

Leseempfehlung: Is new testament inerrancy a new testament concept? A traditional and therefore open-minded answer Eine fundierte Analyse von Prof. Armin D. Baum in JETS 57/2 (2014) S. 265-80

[1] Aus „Assertio omnium articulorum“, 1520

[2] Ignatius an die Magnesier 13,1; zitiert von Armin D. Baum in „Der Kanon des neuen Testaments“ 2018

[3] Th. Zahn, Geschichte des neutestamentlichen Kanons. 2 Bde. Erlangen: Deichert, 1888/92, I/2, 805; zitiert von Armin D. Baum in „Der Kanon des neuen Testaments“ 2018

[4] Im „Bericht der internationalen Konsultation der katholischen Kirche und der Weltweiten Evangelischen Allianz“ S. 9

[5] in „Weiterglauben“, Brendow 2018, S. 80

[6] Armin D. Baum: Is new testament inerrancy a new testament concept? JETS 57/2 (2014) 265-80

[7] Siehe dazu Artikel 13 der Chicago-Erklärung zur Irrtumslosigkeit der Schrift

[8] Im Vortrag „Konkrete Alternativen zur historisch-kritischen Methode“ 1980, Hervorhebung nachträglich

[9] Genau vor diesem Hintergrund verwirft auch Prof. Heinzpeter Hempelmann einen Irrtumslosigkeitsbegriff, der von einem aus seiner Sicht falschen „heidnischen“ „mathematisch-rationalen“ statt „hebräisch-biblischen“ Wahrheitsbegriff ausgeht. Er fordert: „Ich unterwerfe die Bibel nicht meinem Wahrheitsdenken, sondern lasse mir in der Begegnung mit Gottes Wort mein Bewertungsverhalten umkehren.“ In: „Plädoyer für eine Hermeneutik der Demut“ von Heinzpeter Hempelmann, Abschnitt 3.3 + 3.4

[10] „Die Prologe des dritten Evangeliums und der Apostelgeschichte unterscheiden sich so stark von den Anfängen antiker Epen, sind so eng mit den Prologen der antiken Geschichtsschreibung verwandt und inhaltlich so eindeutig historisch orientiert, dass an der Intention des Autors, Geschichte zu schreiben, nicht gezweifelt werden kann. Im lukanischen Doppelwerk erzählt kein von den Musen inspirierter Künstler, sondern ein sich auf Augenzeugen berufender Historiker (Lk 1,2).“ (Prof. Dr. Armin D. Baum in „Einleitung in das Neue Testament“ S. 311-312)

[11] Aus „Plädoyer für eine Hermeneutik der Demut“ von Heinzpeter Hempelmann, Abschnitt 3.2 bzw. 2.5

[12] H. Conzelmann & A. Lindemann, Arbeitsbuch zum NT 14. Auflage 2004, S. 3

[13] Prof. Armin D. Baum in: „Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben? Eine Rückmeldung an Siegfried Zimmer.“ (Ichthys 46, 2008, S. 86)

[14] „Sacra scriptura sui ipsius interpres“

[15] So schrieb Martin Luther in seiner „Assertio omnium articulorum“ von 1520: „Ich will, dass die Schrift allein Königin sei.“

Das Kreuz – Stolperstein der Theologie

Der stellvertretende Opfertod Jesu ist der innerste Kern des Evangeliums. Die theologische Verwirrung um die Bedeutung des Kreuzes zeigt, wie sehr das vorherrschende Schriftverständnis der Kirche schadet.

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„Heute geht’s ans Eingemachte.“ Mit diesen Worten beginnt Dr. Thomas Breuer seinen Worthaus-Vortrag über die Bedeutung des Kreuzestodes.1 Auch der ehemalige Präses der EKD, Nikolaus Schneider, sieht in der Kreuzestheologie den „Eckstein und Stolperstein“ der Theologie- und Kirchengeschichte.2 Der Theologe Werner Thiede spricht gar vom „Kernbestand“ und „innersten Heiligtum aller großen Konfessionen“.3 Ihnen allen ist also klar: Beim Kreuz geht es um den innersten Kern des Evangeliums. Wer die Kreuzestheologie ändert, verpasst dem Christentum keinen neuen Haarschnitt –  er nimmt eine Herztransplantation vor.

Umso seltsamer wirkt es auf mich, wenn immer wieder behauptet wird: Ein liberales Schriftverständnis ändere doch gar nichts an den Kernaussagen des Evangeliums. In den wesentlichen Dingen seien sich doch alle einig.4 Nirgendwo wird diese Behauptung deutlicher widerlegt als bei der Frage nach der Bedeutung des Kreuzestodes.

Weshalb ist Jesus am Kreuz gestorben?

Jahrzehntelang war für mich die Antwort auf diese Frage simpel und sonnenklar: Für mich! Um meiner Vergehen willen! Die Strafe liegt auf ihm, damit ich Frieden habe. Sein Opfer hat meine Schuld bezahlt („gesühnt“). Mein Schuldschein hängt am Kreuz. Deshalb habe ich freien Zugang zu Gott und mein Name steht im Buch des Lebens.

Nie wäre ich auf die Idee gekommen, dass es bei diesen allerzentralsten Aussagen des Christentums irgendetwas zu diskutieren gäbe. Weit gefehlt! Vor einigen Jahren wurde ich erstmals mit einer theologischen Welt konfrontiert, in der bei dieser Frage überhaupt gar nichts klar ist, im Gegenteil: Ein ganzer Wust an „Deutungen“ des Kreuzestodes schwappte mir entgegen.5 Nur eines war für einige dieser Theologen ganz sicher: Meine simple Sühneopfererklärung sei jedenfalls grundverkehrt6, denn:

„Gott braucht kein Opfer und schon gar kein Blut“

So formuliert es sowohl der Theologieprofessor Wilfried Härle7 als auch Dr. Breuer in seinem Worthaus-Vortrag1. Prof. Härle ergänzt: „Wird diese Einsicht verloren wird alles vom Ansatz her falsch.“ Und Dr. Breuer legt in seiner vernichtenden Kritik der Sühneopfertheologie nach: „Ein Gott der Menschenopfer braucht ist nicht der gütige Vater, es ist nicht Jahwe, es ist der Gott Moloch. Es ist kein Gott dem man vertrauen kann.“ „Jesu Tod an sich ist sinnlos.“ „Erlösend ist nicht der Tod am Kreuz, erlösend ist allein die Liebe Gottes.“

Bei solchen Sätzen atme ich tief durch. Worthaus ist schließlich kein ultraliberales Skeptikerportal, sondern wird von Christen quer durch alle Denominationen und Prägungen gehört und geschätzt. Und Dr. Breuer ist mit dieser Sichtweise ja nicht allein. Gebahnt wurde diese Entwicklung schon lange vor ihm von prägenden protestantischen Theologen wie Friedrich Schleiermacher8 oder Rudolf Bultmann9, die sich damit deutlich von der reformatorischen Kreuzestheologie10 absetzten. 1986 erklärte der Theologe Christoph Blank, dass keine Lehre des Christentums größeren Schwierigkeiten begegne als die Lehre vom stellvertretenden Sühnetod.11 Inzwischen hält Christoph Wiesing die Sühneopfertheologie im protestantischen Raum „aus guten Gründen für weitgehend abgelöst.“ Selbst engagierte Pfarrer würden ihm sagen: „Das glaubt bei uns keiner mehr.“ 12 In der Tat berichtete ‚Die Welt‘ schon 2009 darüber, wie auch führende Theologen und Kirchenleiter die Sühnetheologie verworfen haben. Was ist da nur passiert?

Was spricht gegen die Lehre vom stellver­tre­tenden Sühneopfer?

Die Argumente, die von verschiedensten Seiten vorgebracht werden, sind vielfältig. Die geläufigsten lauten in etwa wie folgt:

  1. Die Bibel selbst kenne eine Reihe von „Deutungen“ für Jesu Kreuzestod. Die Deutung als Sühneopfer bzw. als stellvertretender Opfertod sei nicht einmal die wichtigste. Insbesondere in den Evangelien komme sie kaum vor, ebenso wenig in den altkirchlichen Bekenntnissen.
  2. Jesus selbst habe seinen Tod nicht als stellvertretendes Opfer gesehen. Seine Aussagen beim Abend­mahl seien ihm erst nachträglich in den Mund gelegt worden.
  3. Die Sühneopfertheologie hätte sich letztlich erst durch die „Satisfaktionslehre“ des mittelalterlichen Theologen Anselm von Canterbury (1033 bis 1109) durchgesetzt. Sie beruhe auf einem mittelalterlichen Rechtsverständnis.
  4. Dass das Leben eines Anderen (egal ob Tier oder Mensch) für unsere Vergehen sühnen könne, sei für heutige Menschen nicht nachvollziehbar. Ein großer Prozentsatz heutiger Christen könne damit nichts mehr anfangen.
  5. Sowohl das Alte wie das Neue Testament zeuge davon: Gott brauche das Kreuz nicht, um Sünden zu vergeben. Jesus konnte z.B. dem Gelähmten auch vor seinem Kreuzestod Sündenvergebung zusprechen (Matth. 9,2). Es wäre ja auch seltsam, wenn Gott einen Opfertod benötigen würde, während wir Menschen einander einfach so vergeben können (und sollen!). Dann könnten wir Menschen ja mehr als Gott.
  6. Die Sühneopfertheologie führe zu einem sehr problematischen Gottesbild von einem gewalttätigen Gott, der Blut sehen will, um seinen Zorn stillen zu können. Das stünde im klaren Widerspruch zu Jesu Lehre von der Feindesliebe. Ein Gott, der gleichzeitig seinen Feinden vergibt (Luk.23,34) und Menschenopfer für die Vergebung braucht, wäre schizophren. Dr. Breuer kommentiert: „Das ist kein Gottesbild, das ich heute akzeptieren kann.“ 1

Schon diese Aufzählung zeigt: Die Argumente gegen das Sühneopfer sind nicht primär eine Folge von intensivem Bibelstudium, sondern im Wesentlichen intellektueller und philosophischer Natur.13 Das ist auch nicht verwunderlich. Denn kaum eine Lehre in der Bibel ist so vielfältig, eindeutig und klar belegt wie die Lehre vom stellvertretenden Sühneopfer Jesu:

Das stellvertretende Sühneopfer: Eine der bestbezeugten Lehren der Bibel

Riesige Stapel von Bibelstellen

War der Tod Jesu sinnlos, wie Dr. Breuer behauptet? In der Tat gibt es einige Verse im Neuen Testament, die Parallelen nahelegen zwischen dem Tod Jesu und dem Tod der alttestamentlichen Propheten14. Die meisten Theologen räumen aber ein, dass dem Tod Jesu im Neuen Testament darüber hinaus eine einzigartige Heilsbedeutung zugeschrieben wird. Walter Klaiber äußert sogar: Wer die Heilsbedeutung des Todes Jesu „streichen wollte, bekäme ein dünnes neues Testament“.15

Dass er damit recht hat lässt sich leicht beweisen. Als „Bibelstellenstapler“ werden ja heute gerne diejenigen verspottet, die ihre Meinung mit Bibelstellen beweisen wollen. Bei der Frage nach der Heilsbedeutung des Kreuzestodes nehmen diese Stapel geradezu schwindelerregende Höhen an. So spricht das Neue Testament im Blick auf das Kreuz vielfach von Sühne16 und Versöhnung17, vom Opfer18, vom (geschlachteten) Opferlamm19 und vom für uns vergossenen Blut20. Darüber hinaus lesen wir, dass wir mit Jesu Leben als „Lösegeld“ und mit seinem Blut „erkauft“, „losgekauft“ bzw. „teuer erkauft“ wurden21. Wir lesen, dass er „für uns“ stellvertretend starb und hingegeben wurde, ja dass er für uns zur Sünde und zum Fluch gemacht wurde22. Das Neue Testament macht außerdem vielfach deutlich, dass der Tod Jesu kein Zufall oder Unfall war. Jesus musste sterben. Der Kreuzestod war ein aktiver Hingabeakt, den Gott vorausgesagt und von langer Hand geplant hatte23 (was klar gegen die von Dr. Breuer und Prof. Zimmer vertretene Überzeugung spricht, dass Jesus bis zuletzt nicht klar gewesen sei, ob er stirbt24). Und schließlich dürfen wir nicht vergessen: Es gibt nicht nur einzelne Verse sondern ganze Kapitel im Neuen Testament, in denen die Heilsbedeutung des Kreuzes ausführlich entwickelt und entfaltet wird, vor allem in Römer 3 sowie im Hebräerbrief in den Kapiteln 2 bis 10.


Heilsbedeutung des Kreuzestodes im NT: Riesige Stapel von Bibelstellen

Ein engmaschiges Netz

Die Frage ist allerdings: Warum enthält das Neue Testament zur Deutung des Kreuzestodes so viele verschiedene Bilder, Begriffe und Metaphern aus völlig unterschiedlichen Bildwelten?  Haben die Apostel und die ersten Christen womöglich wild herumgerätselt, um Jesu Tod zu verdauen? Hat jeder seine eigene Theorie zur Bedeutung des Kreuzestods entwickelt? Können wir uns somit heute aussuchen, welche uns am ehesten zusagt?

Wenn man das Neue Testament genauer analysiert fällt auf: Viele Bibelverse enthalten mehrere dieser Bilder und Begriffe gleichzeitig! Sie beziehen diese Metaphern ganz direkt aufeinander! Grafisch aufbereitet zeigt sich: Die unterschiedlichen Begriffe und Metaphern sind so engmaschig und vielfältig miteinander vernetzt, dass man sie unmöglich isoliert betrachten kann, im Gegenteil: Sie hängen alle mit­ein­ander zusammen! Sie ergänzen und erläutern sich gegenseitig.26 Der Theologe John Stott schreibt dazu: Auch wenn die Bilder teils ganz verschiedene Bildwelten von Recht und Handel heraufbeschwören, sind sie trotzdem „nicht alternative Erklärungen für das Kreuz, die uns eine Bandbreite liefern, aus der wir auswählen können, sondern sie ergänzen einander, indem jedes einen entscheidenden Teil zum Ganzen beiträgt.“ John Stott weist außerdem nach: Das stellvertretende Blutvergießen Jesu ist die gemeinsame Basis aller dieser Begriffe: „Wenn Gott in Christus nicht an unserer Stelle gestorben wäre, könnte es weder Sühnung noch Erlösung, weder Rechtfertigung noch Versöhnung geben.“ 25 (siehe auch Tabelle oben) Somit ist auch klar, dass die Lehre vom stellvertretenden Sühneopfer tatsächlich zentral ist im Neuen Testament, wie der Theologe Thomas Knöppler bestätigt: „Es ist kaum zu bestreiten, dass die Sühneaussagen eine enorme Verbreitung und in fast allen neutestamentlichen Schriften ihren Niederschlag gefunden haben.“ 27


Die „Deutungen“ des Kreuzestodes hängen eng miteinander zusammen

Tatsächlich finden wir das stellvertretende Sühneopfer nicht erst im Neuen Testament. Es zieht sich vielmehr wie ein roter Faden durch die ganze Bibel:

Endlose rote Fäden

Das zeigt sich z.B. am Motiv des Lammes, das stellvertretend für Menschen stirbt. Als Abraham beinahe seinen Sohn geopfert hätte, starb ein Schaf an Isaaks Stelle (1.Mo.22,1-14). Erstaunlich: Abraham wurde extra nach „Moriah“ geschickt, dem späteren Ort des Tempelbergs, an dem der himmlische Vater tatsächlich seinen Sohn blutig sterben sah. Ist es überhaupt möglich, hier keinen Zusammenhang zu sehen?

Noch prägnanter ist die Geschichte vom Auszug Israels aus Ägypten, in der Gott gleichzeitig als Richter und als Erlöser auftritt, der die Kinder Israels durch das Blut eines geschlachteten Lammes vor seinem tödlichen Gericht bewahrt (2.Mos. 12). Israel feiert dieses Ereignis bis heute mit dem Passafest. Und bezeichnend ist: Nach der Chronologie des Johannes hing Jesus genau in dem Moment am Kreuz, als die Lämmer für das Passafest geschlachtet wurden. Ganz ehrlich: Kann das überhaupt Zufall sein?

Und natürlich sind die vielen alttestamentlichen Opferrituale (beginnend bereits bei Kain und Abel) klare Motive für das im Neuen Testament aufgenommene Bild des stellvertretenden Blutvergießens.28 Genau wie im alten Bund, in dem das Volk mit dem Blut der Opfertiere gereinigt wurde, so stehen in der Offenbarung Menschen vor dem Thron Gottes, die „ihre Kleider im Blut des Lammes gewaschen und weiß gemacht haben“ (Offb.7,14). Besonders eindrücklich ist der Bezug zum großen jährlichen jüdischen Versöhnungsfest (Jom Kippur)29, an dem der Hohepriester den Deckel der Bundeslade („Sühnedeckel“) mit Opferblut bespritzte, um stellvertretend Sühne für die Sünden des Volkes zu erwirken.30 Das Neue Testament bezeichnet Jesus als Hohepriester, der die Sühnung der Sünden durch das Vergießen seines eigenen Bluts bewirkt.31 Das Kreuz ist für Paulus der „Sühnedeckel“ (Röm.3,25), also der neue Ort, an dem unsere Sünden gesühnt werden. Dass Jesus dort für uns auch den Fluch des Gesetzes auf sich genommen hat (Gal 3,13) basiert auf der alttestamentlichen Lehre, dass ein „am Holz“ aufgehängter Verbrecher ein Fluch Gottes ist (5.Mo.21,22-23).

Das Lamm, das Blut, die Opfer, der Fluch, der Sühnedeckel, der Hohepriester, das Fluchholz: So unglaublich viele Bilder ziehen sich wie rote Fäden quer durch die ganze Bibel! Allesamt unterstreichen und illustrieren sie die Lehre vom stellvertretenden Sühneopfer.


Von Mose bis zur Offenbarung: Das stellvertretend geschlachtete Lamm

Aber das ist immer noch nicht alles. Das vielleicht stärkste Argument für die Lehre vom stellvertretenden Opfertod stammt vom Propheten Jesaja:

Lange schon vorhergesagt

Eine „Deutung“ ist immer etwas Nachträgliches. Die Sühneopferlehre kann aber schon deshalb keine „Deutung“ sein, weil sie schon hunderte Jahre vor Jesus aufgeschrieben wurde! In dem unglaublichen Kapitel Jesaja 53 werden nicht nur viele Details der Kreuzigung vorhergesagt, auch der stellvertretende Opfercharakter dieses Todes wird vielfach und eindeutig beschrieben:

„Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen.“

„Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.“

Auch hier taucht das Bild des geschlachteten Lammes auf, das stellvertretend unsere Sünden trägt:

„Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird…“

„Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat…“

„…denn er trägt ihre Sünden.“ 

„… dass er sein Leben in den Tod gegeben hat und den Übeltätern gleichgerechnet ist und er die Sünde der Vielen getragen hat…“

Deutlicher kann man die Lehre vom stellvertretenden Opfertod nicht vortragen – und das lange vor Jesus!

Zu allen Zeiten von der Kirche gelehrt und bekannt

Angesichts dieser Fülle an biblischen Belegen ist es kein Wunder, dass die Lehre vom stellvertretenden Sühneopfer natürlich auch bereits in den altkirchlichen Bekenntnissen32 und bei den ersten Kirchenvätern33 erscheint. Der Theologe Ron Kubsch stellt fest: „Das Verständnis von Jesu Tod als stellvertretende Sühne war seit jeher in der Kirchengeschichte das allgemeine Verständnis der biblischen Texte.“ 34

Ein (theologisches) Unglück kommt selten allein

Die Lehre vom stellvertretenden Opfertod Jesu am Kreuz ist somit ein gutes Beispiel für die „Klarheit der Schrift“, also die reformatorische Erkenntnis, dass die wesentlichen biblischen Lehren so eindeutig sind, dass jeder sie verstehen kann.35 Aber warum ist sie dann so umkämpft? Wenn man sich die Argumente anschaut merkt man: Die Sühneopferlehre liegt auch deshalb in Trümmern, weil weitere wichtige theologischen Fundamente vernachlässigt oder vernebelt worden sind:

Verdrängt: Der Zorn und das Gerichtshandeln Gottes

Immer wieder wird behauptet: Nicht Gott, sondern allein der Mensch brauche Versöhnung.36 Die Sühne sei dazu da, dass WIR unsere Schuld nicht mehr auf andere Menschen verschieben müssen und damit WIR UNSER schlechtes Gewissen mit Gottes Hilfe verarbeiten könnten. Aber für Gott wäre dieses Opfer nicht nötig gewesen.

Da frage ich mich: Vergessen diese Theologen denn ganz, dass Gott quer durch die Bibel als Richter auftritt, der die Sünde und Rebellion des Menschen mit hartem Gerichtshandeln bestraft? Denken wir nur an die Sintflut, an Sodom und Gomorra, an die weltweite Zerstreuung Israels bis hin zu den schrecklichen Weltgerichtsbeschreibungen in der Offenbarung! Nein, Gott ist wahrlich kein netter Opa im Himmel, dem es nur darum geht, dass die Kinder sich gut fühlen und nicht miteinander streiten. Er ist ein heiliger Gott, ein verzehrendes Feuer. Er hasst die Sünde. Sein Zorn ist eine Realität, die sich quer durch die ganze Bibel zieht.

Und das sollte eigentlich auch niemand überraschen. Denn Liebe und Zorn gehören nun einmal untrennbar zusammen. Welcher liebende Vater würde denn nicht zornig werden, wenn er sich ungefiltert anschauen muss, wie seine geliebten Geschöpfe vernachlässigt, betrogen, gemobbt, beraubt, vergewaltigt, getötet, vertrieben, beschimpft und gedemütigt werden. Ein Vater, der da nicht zornig werden würde, wäre dumpf, gleichgültig und zynisch. Fehlender Zorn würde fehlende Liebe beweisen.

Und natürlich gehört auch Gerechtigkeit zur Liebe. Kein Vater, der seine Kinder liebt, würde ihr Grundbedürfnis  nach Gerechtigkeit missachten. Im Kreuz kommt deshalb zusammen, was sich gar nicht voneinander trennen lässt: Gottes Zorn, Gerechtigkeit und Liebe.37

Verharmlost: Das Ausmaß unserer Sünde

Aber warum „braucht“ Gott ein Sühneopfer? Warum kann er nicht einfach so vergeben, so wie auch wir unseren Kindern einfach so vergeben und „Schwamm drüber“ sagen können? Wer so fragt, scheint ein unterentwickeltes Verständnis vom Ausmaß unserer Sünde zu haben. Wir dürfen ja z.B. nicht vergessen, dass Sünde ja auch Geschädigte erzeugt!38 Wenn mein Sohn die Tochter des Nachbarn vergewaltigt hätte: Was würde mein Nachbar sagen, wenn ich ihm berichte, dass ich meinem Sohn vergeben habe und die Sache deshalb ruhen lasse? Er wäre zu Recht unfassbar wütend. Und ein Richter würde sich sogar vor dem Gesetz schuldig machen, wenn er meinem Sohn einfach so die Schuld erlässt.

Die Bibel sagt zwar: Gott IST Liebe. Aber auch seine Ehre, sein vollkommenes Gesetz und seine absolute Gerechtigkeit sind Teil seines Wesens. Weil Gott sich nicht selbst verleugnen kann (2.Tim.2,13) wird sein Handeln immer auch diesen Aspekten seines Wesens Genüge tun.39 Deshalb musste Gott einen Weg zum Umgang mit unserer Sünde finden, der sowohl seiner Liebe und Gnade wie auch seiner Gerechtigkeit und Heiligkeit entspricht. Er musste einen Weg finden, durch den wir leben können, ohne dass die tödliche Konsequenzen unserer Sünde ignoriert werden.

Vernebelt: Die Göttlichkeit Jesu

Aber musste es denn gleich ein Menschenopfer sein? Dazu noch der eigene Sohn? Wird nicht im ganzen Alten Testament jegliches Menschenopfer als Greuel strikt verurteilt? John Stott schreibt dazu: „An der Wurzel jeder Karikatur des Kreuzes steckt eine verzerrte Christologie“ (S. 205), also ein falsches Bild davon, wer Jesus eigentlich war. Gott opferte ja gerade nicht irgendeinen Menschen. Jesus war zwar ganz Mensch, aber zugleich auch voll und ganz Gott! Im Kreuzesgeschehen handelt Gott als Richter, der die gerechte Strafe für unsere Sünde vollstreckt, aber gleichzeitig auch als gnädiger Erlöser, der selbst diese gerechte Strafe auf sich nimmt! „Es ist ein und derselbe Gott, der uns durch Christus vor sich selbst rettet“.40 Nur wenn die Göttlichkeit Jesu vernebelt wird41, wird aus diesem unglaublichen Liebesakt der Selbstaufopferung ein grausamer Racheakt eines blutrünstigen Gottes.

Die Probleme mit dem stellvertretenden Opfertod resultieren also oft aus einem falschen Verständnis von Christus, von der Heiligkeit und Majestät Gottes und vom Ausmaß unserer Sünde. Ein Unglück kommt selten allein – das gilt gerade auch in der Theologie.

Fehlende Demut und die Suche nach Anerkennung

Natürlich ist und bleibt beim Kreuzesgeschehen Einiges schwer zu verstehen. Schließlich wimmelt es nur so von scheinbar paradoxen Gegensätzen: Gott ist Vater und Sohn zugleich. Jesus ist zugleich ganz Gott und ganz Mensch. Gott ist allmächtig und zugleich am Kreuz scheinbar ohnmächtig. Der Gott des Lebens stirbt einen furchtbaren Tod. Da kann man schon einen Knoten im Hirn bekommen. Kein Wunder, dass Paulus sagt: Das Wort vom Kreuz ist und bleibt eine Torheit und ein Ärgernis (1.Kor. 1,23).  Es lag mit dem intellektuellen Mainstream schon immer über Kreuz. Aber ist es deshalb falsch?

Es zeugt von Anmaßung und menschlicher Selbstüberschätzung, wenn wir schwierige biblische Lehren nur deshalb ablehnen, weil unser menschlicher Verstand sie nicht begreifen kann. Wenn unser Kopf mit der Bibel kollidiert und es hohl klingt, dann muss das ja nicht an der Bibel liegen! Gute Theologie akzeptiert, dass Gott größer ist als unser Verstand. Der massive intellektuelle Zweifel am stellvertretenden Sühneopfer ist eben auch ein Beleg dafür, dass die Sehnsucht nach Anerkennung durch die säkularen intellektuellen Eliten eine reale Triebkraft der modernen Theologie darstellt (wie Prof. Werner Thiede mit drastischen Worten beklagt42), die für die  Preisgabe so mancher biblischer Sichtweisen verantwortlich ist.

Das Sühneopfer: Heute noch vermittelbar?

Die auch damals schon schwer verständlichen Paradoxe und das Ärgernis des verfluchten Kreuzestodes haben die ersten Christen nicht davon abgehalten, das Wort vom Kreuz mit gewaltigem Erfolg weiterzugeben. Warum also sollte das heute nicht mehr gelingen? Ulrich Parzany schildert eine eindrückliche Geschichte, mit der er die Lehre vom stellvertretenden Opfertod gerne veranschaulicht43:

Ein Ehepaar muss miterleben, wie ihre Tochter an Leukämie sterben muss. Welch unendlicher Schmerz! Wie groß wäre der Wunsch der Eltern, dem Kind den Schmerz und den Tod abnehmen zu können. Sie würden lieber selber sterben, wenn dadurch das Kind weiterleben könnte. So etwas möchte menschliche Liebe. Aber wir sind einfach nicht in der Lage dazu. Wir sterben alle unseren eigenen Tod. Gott allein ist dieser Begrenzung nicht ausgesetzt. Als er unsere tödliche Krankheit sah, unsere Sünde, die zum Tod führt (Röm.6,23), zog er sich unser Leben an und starb stellvertretend für uns, damit wir das Leben haben. Ist das nicht wundervoll?

Das ist nur ein Beispiel, das zeigt: Wir brauchen uns dieser Botschaft auch heute nicht zu schämen. Sie ist Gottes Kraft, die alle selig macht, die daran glauben (Röm. 1, 16). Es ist die Aufgabe der Theologie, die Kirche gerade auch bei solchen anspruchsvollen Themen sprachfähig zu machen. Umso schlimmer ist es, wenn sie genau das Gegenteil tut.

Es geht um weit mehr als um einen Theologenstreit!

In einer christlichen Buchhandlung fiel mir neulich etwas auf: Da gab es Regale zu „Lebensberatung“, „gelebtes Christsein“, „Autobio­gra­fien“, „Erzählungen“ und einiges mehr. Nur ein Regal fehlte: „Theologie“! Ist das für uns Christen denn nicht mehr interessant? Denken wir, dass theologische Auseinandersetzungen nichts mit unserem christlichen Alltag und der Entwicklung der Kirche zu tun hätten?

Nichts könnte verkehrter sein als das. In Wahrheit werden genau hier die Schlachten geschlagen, die am langen Ende über das Wohl und Wehe der Kirche und somit auch über das Schicksal unzähliger Menschen entscheiden. Nicht umsonst konnte Paulus unglaublich scharf werden, wenn es um den Inhalt des Evangeliums geht. Gerade beim Streit um die Kreuzestheologie steht unglaublich viel auf dem Spiel:

Sinnentleertes Abendmahl: Ohne die Sühneopferlehre wird diese zentrale Handlung, die eigentlich alle Christen verbinden sollte, weitgehend sinnentleert.44

Verlorene Autorität und Klarheit der Bibel: Wenn selbst derart eindeutige und klare biblische Lehren nicht stimmen, dann ist nichts mehr klar in der Bibel. Tatsächlich gibt es an den Universitäten praktisch keine Lehre mehr, die nicht irgendjemand bestreiten würde.

Verlorene Einheit: Wenn Alles in Frage gestellt ist, dann gibt es auch keine gemeinsamen Glaubensgrundlagen und -gewissheiten mehr. Dann wird die Einheit der Kirche von innen ausgehöhlt. Dann bleibt  nur noch die äußere Organisation als notdürftiges Bindemittel, das immer schlechter funktioniert und bald zerbricht.

Bibelentfremdung: Wenn selbst Bibelwissenschaftler sich über nichts mehr in der Bibel einig sind, dann ist es kein Wunder, dass Laien das Interesse an der Bibel verlieren, weil sie aus ihr ohnehin keine verlässlichen Botschaften entnehmen können.

Austrocknung von Mission und Evangelisation: Wenn selbst über so zentrale Lehren keine Einigkeit besteht ist es kein Wunder, wenn Kirchenleiter bei der Frage nach der zentralen Botschaft der Kirche oft nur noch mit verschwurbelten Gutmenschensätzen antworten45. Dann ist es auch kein Wunder, dass die Kirche sich auf Dialog beschränkt statt zu evangelisieren. Kein Wunder ist es dann auch, dass die nächste Generation keinerlei Bindung mehr an die Kirche hat.

Eine oberflächliche Kirche: John Stott stellt fest, dass die weit verbreitete Seichtigkeit und fehlende Gottesfurcht in der westlichen Kirche die direkte Folge einer Theologie ist, die Gottes Zorn und seinen Hass auf das Böse ignoriert.46 Das Glattbügeln der Kreuzestheologie und unseres Gottesbilds raubt dem Evangelium zwar den Anstoß, aber auch seine erneuernde Kraft.

Zeit für eine theologische Erneuerung

Gesunde Theologie muss deshalb in aller Deutlichkeit auf der biblischen Lehre bestehen, dass das Kreuz nicht nur für uns Menschen notwendig war, sondern auch, um dem heiligen Charakter Gottes Genüge zu tun. James Denney schreibt dazu: „Es ist die Erkenntnis dieser göttlichen Notwendigkeit, oder das Versäumnis, sie zu erkennen, welche die Ausleger des Christentums letzten Endes in Evangelikale und Nichtevangelikale scheidet, solche die dem Neuen Testament treu sind, und solche die es nicht verdauen können.“ 47

Die Wirren um die Kreuzestheologie und die verheerenden Folgen für die Kirche belegen, wie berechtigt die Diagnose von Ulrich Parzany ist: Die Bibelkritik ist der Krebsschaden der Kirche!48 Solange unsere theologischen Ausbildungsstätten selbst bei Kernaussagen des Evangeliums mehr Verwirrung statt Klarheit stiften, kann es für die Kirche nur weiter bergab gehen. Ohne eine grundlegende theologische Erneuerung bleiben alle sonstigen Reformbemühungen der Kirche zwangsläufig zum Scheitern verurteilt.


Danke an Ron Kubsch, Dr. Gerrit Hohage und Martin Till  für wichtige Anregungen zu diesem Artikel. Um die Länge zu begrenzen wurden viele wichtige Erläuterungen in die nachfolgenden Anhänge und Quellenhinweise ausgelagert. Ich möchte sie allen Lesern deshalb ausdrücklich ans Herz legen. Am wichtigsten ist mir jedoch eine Buchempfehlung: In „Das Kreuz: Zentrum des christlichen Glaubens“ erläutert John Stott das Kreuzesgeschehen in einer Tiefe, die ich sonst nirgends gefunden habe. Trotz der theologischen Präzision ist der Text auch für Laien gut und verständlich zu lesen.


Anmerkungen und Quellenangaben:

1:   Dr. Thomas Breuer: Die Bedeutung des Kreuzestodes Jesu aus heutiger Perspektive

2:   Im Vortrag „Was bedeutet der Kreuzestod Jesu“ vom damaligen Präses Nikolaus Schneider, gehalten am 10.6.2009 (Seite 1)

3:   In Werner Thiedes Artikel „Widerwärtiger Dünkel“ in Zeitzeichen 2010 Seite 1

4:   In Prof. S. Zimmer: Warum das fundamentalistische Bibelverständnis nicht überzeugen kann

5:   Der Theologe Tobias Faix präsentiert in seinem Blog ein „Kleines Karfreitagsmedley: Von Banks bis Schrupp und immer dieselbe Frage: Warum ist Jesus gestorben?“ mit zahlreichen unterschiedlichen Deutungen des Kreuzestodes. Zwar gibt es dort mit Holger Lahayne auch einen Befürworter des Sühneopfers, die Sühneopferkritik ist jedoch klar in der Mehrheit.

6:  So meint Dr. Breuer in seinem Vortrag: Angesichts der unterschiedlichen Deutungen des Kreuzestodes im NT gäbe es auch heute noch eine legitime Bandbreite. Zwei Aussagen seien jedoch „dem Glauben nicht förderlich“ „nicht angemessen“, ja sogar „völlig absurd“ und „tun dem Menschen nicht gut“, weil sie der Lehre Jesu völlig widersprechen würden: 1. Die Lehre, dass das Kreuz das Ende der Tieropfer bedeute, weil Jesus das perfekte Opfer war („Welchen religiösen Sinn sollte das haben? War Jesus denn der erste Märtyrer der Tierrechtsbewegung? Diese Vorstellung können wir beruhigt ad acta legen.“). 2. „Gefährlicher“ noch sei der „relativ weit verbreitete“ „Gedanke, dass Gott der Vater erst durch den blutigen Opfertod seines Sohnes mit der schuldbeladenen Menschheit versöhnt werden könnte.“ Breuer antwortet darauf mit Anselm Grün: „Was ist das für ein Gott, der den Tod des Sohnes nötig hat, um uns vergeben zu können?“

7:   Prof. Wilfried Härle in „…gestorben für unsere Sünden – Die Heilsbedeutung des Todes Jesu Christi“ S. 11 unten

8:   Nikolaus Schneider fasst in seinem Vortrag die Kreuzestheologie von Fridrich Schleiermacher wie folgt zusammen: „Für Schleiermacher liegt Sünde darin, dass die Reifung der Persönlichkeit zur sittlichen und religiösen Vollkommenheit gehemmt wird. Erlösung ist dementsprechend für ihn der Prozess wachsender Befreiung von dieser Hemmung. Jesus ist in seiner Lehre und seinem Leben das Vorbild derartiger Reifung zur Vollkommenheit. In seinem Leiden und Sterben wächst und reift er zur Vollkommenheit. In beidem bewährt er sein Gottesbewusstsein und damit das, was er gelehrt hat. Und dafür stirbt er. Das ist „Vorbild‐Christologie“.“ (Seite 5)

9:   Rudolf Bultmann: „Wie kann meine Schuld durch den Tod eines Schuldlosen (wenn man von einem solchen überhaupt reden darf) gesühnt werden? Welche primitiven Begriffe von Schuld und Gerechtigkeit liegen solcher Vorstellung zugrunde? Welch primitiver Gottesbegriff? Soll die Anschauung vom sündentilgenden Tode Christi aus der Opfervorstellung verstanden werden: Welch primitive Mythologie, dass ein Mensch gewordenes Gotteswesen durch sein Blut die Sünden der Menschen sühnt! Oder aus der Rechtsanschauung, so dass also in dem Rechtshandel zwischen Gott und Mensch durch den Tod Christi den Forderungen Gottes Genugtuung geleistet wäre: dann könnte die Sünde ja nur juristisch als äußerliche Gebotsübertretung verstanden sein, und die ethischen Maßstäbe wären ausgeschaltet!“  (RUDOLF BULTMANN, Neues Testament und Mythologie: das Problem der Entmythologisierung der neutestamentlichen Verkündigung, 3. Aufl., München 1988, Beiträge zur ev. Theologie 96, 19)

10: Die Reformatoren bekannten sich eindeutig zur Sühneopfertheologie. So schreibt Martin Luther in seinem „Kleinen Katechismus“: „Ich glaube, dass Jesus Christus, wahrhaftiger Gott … und auch wahrhaftiger Mensch … , sei mein Herr, der mich verlorenen und verdammten Menschen erlöset hat, erworben, gewonnen von allen Sünden, vom Tode und von der Gewalt des Teufels; nicht mit Gold oder Silber, sondern mit seinem heiligen, teuren Blut und mit seinem unschuldigen Leiden und Sterben; damit ich sein eigen sei…“
Der reformatorische „Heidelberger Katechismus“ bekennt: „Er hat mit seinem teuren Blut für alle meine Sünden vollkommen bezahlt und mich aus aller Gewalt des Teufels erlöst. … Er hat uns mit Leib und Seele von der Sünde und aus aller Gewalt des Teufels sich zum Eigentum erlöst und erkauft, nicht mit Gold oder Silber, sondern mit seinem teuren Blut, indem er sein Leben für uns gab.“

11: „Wahrscheinlich begegnet heute keine Lehre des Christentums größeren Schwierigkeiten als die traditionelle Lehre, dass uns Jesus Christus durch seinen stellvertretenden Sühnetod am Kreuz von unseren Sünden erlöst hat.“, in Josef Blank „Weißt Du, was Versöhnung heißt? Der Kreuzestod Jesu als Sühne“, in: Josef Blank u. Jürgen Werbick (Hg.), Sühne und Versöhnung, Düsseldorf 1986, 21‐91: 21.

12: Christoph Wiesing in Hossa Talk #34 Das Kreuz: Wofür starb Jesus? (Teil 1) ab 36:12: „Ich hab einen Vortrag bei Pfarrern gehalten, sehr engagierten Pfarrern (also das wo andere sagen würden: Das sind die gläubigen Pfarrer) über die Frage Satisfaktion und Anselm von Canterbury, und als ich das so vorgestellt habe haben die alle gesagt: Nee, also das glaubt ja bei uns keiner mehr. Deswegen, ich glaube: In der protestantischen Welt ist dieses Modell schon aus guten Gründen weitgehend abgelöst.“

13: Das unterstreicht der Theologe Ron Kubsch: „Es ist eben nicht ein tieferes Textverständnis, das den modernen Theologen dazu bringt, die bisherige Vorstellung der Sühnetheologie abzulehnen; es sind vielmehr Vorurteile, die die klaren Texte nicht stehenlassen können und sie zum Schweigen bringen wollen.“ (aus dem Artikel „Jesu Tod als stellvertretendes Sühneopfer“)

14: So wird Jesu Leiden als „Vorbild“ (z.B. 1.Petr.2,21), als „Prophetengeschick“ (z.B. Apg.7,52) oder als das „Leiden eines Gerechten“ dargestellt (ein Motiv, das oft in Psalmen erscheint, z.B. Ps.34,20)

15: In Walter Klaiber „Jesu Tod und unser Leben“; Evangelische Verlagsanstalt Leipzig, 2. korr. Auflage 2014, S. 188

16: Der Kreuzestod als Sühne und Erlass für unsere Schuld: Röm.3,25; Kol.2,14; Hebr.2,17; 1.Joh.2,2; 1.Joh.4,10

17: Der Kreuzestod dient zur Versöhnung: Röm.5,10+11; 2.Kor.5,18-20; Eph.2,16; Kol.1,20+22;

18: Der Kreuzestod als Opfer: Eph 5,2; Hebr.9,12+14; Hebr 9,26+28; Hebr 10,10+12+14

19: Er ist das (geschlachtete) Opfer- bzw. Passalamm: Joh.1,29; Joh.1,36; Apg.8,32; 1.Kor.5,7, 1.Petr. 1,19; Offb.5,6; Offb.5,12+13; Offb.6,1+16; Offb.7,9+10+14+17; Offb.12,11; Offb.13,8; Offb.14,4+10; Offb 15,3; Offb 17,14; Offb 19,7+9; Offb.21,9+14+22+23+27; Offb 22,1

20: Sein Blut wurde für uns vergossen: Mt.26,28; Mk.14,24; Lk.22,20; Joh.6,53-56; Röm.3,25; Röm.5,9; 1.Kor.11,25; Eph.1,7; Eph.2,13; Kol 1,20; Hebr.9,12+14+20; Hebr.10,19+29; Hebr.12,24; Hebr.13,12+20; 1.Petr.1,2+19; 1.Joh 1,7; Offb.1,5; Offb.5,9; Offb.7,14; Offb.12,11

21: Wir sind mit Jesu Leben als „Lösegeld“ und mit seinem Blut „erkauft“, „losgekauft“ bzw. „teuer erkauft“: Mt.20,28; Mk.10,45; 1.Kor 6,20; 1.Kor.7,23; Gal.3,13; Gal.4,5; 1.Tim 2,6; 1.Petr 1,18-19; Offb.5,9; Offb.14,3+4

22: Jesus wurde (stellvertretend) „für uns“ (bzw. für die Menschen) und unsere Sünde hingegeben, ja zur Sünde und zum Fluch gemacht: Joh.3,16; Joh.11,50-52; Joh.18,14; Röm.5,6+8; Röm 8,32; Röm.14,15; 1.Kor.1,13; 1.Kor.8,11; 1.Kor.11,24; 1.Kor.15,3; 2.Kor.5,14+15+21; Gal.1,4; Gal.2,20; Gal.3,13; Eph.5,2; 1.Thess.5,10; Tit.2,14; 1.Petr.2,21; 1.Joh.3,16

23: Der Tod Jesu war von Jesus und dem AT vorausgesagt, von Gott geplant, Jesus „musste“ sterben, sein Tod war ein aktiver Hingabeakt: Mt.26,24; Mt.26,54; Mk 8,31; Lk 17,25; Lk 24,7+26; Joh 3,13-15; Joh.10,15+17; Joh.12,32-33; Röm.8,32; Apg.2,23; Apg.17,3; Apg.4,28; 1.Kor 15,3; Gal.1,4

24: In seinem Vortrag äußert Dr. Breuer (ab 1:09:15), dass er sich mit Prof. Zimmer darin einig sei, dass Jesus frühestens in Jerusalem zu der Überzeugung gelangte, dass sein Tod offenbar unausweichlich sei.

25: In John Stott „Das Kreuz“, SMD Edition, S. 259

26: Walter Klaiber schreibt zu den vielfältigen Verknüpfungen und Verbindungen zwischen den verschiedenen neutestamentlichen Metaphern zur Deutung des Kreuzes: „Paulus kann also verschiedene Vorstellungsebenen kombinieren, um die Bedeutung des Todes Jesu zu erklären, auch wenn diese aus unterschiedlichen Zusammenhängen stammen“ (in „Jesu Tod und unser Leben“ S. 65). Prof. Dormeyer schreibt in seiner Abhandlung über den Tod Jesu, dass in Römer 3, 24-25 sowohl der rechtlich/juristische „Loskauf“ als auch der kultische Sühnebegriff auf Jesu Blut angewendet wird: „Die Erlösung umschreiben zwei Begriffe: rechtlich Loskauf (gr. apolýtrosis) (Röm 3,24) und kultisch Sühnopfer (gr. hilastérion) (Röm.3,25)“ Auch im AT sei die rechtliche und kultische Dimension der Sühne eng verknüpft, wenn ein Schuldiger von der Todesstrafe durch ein „Sühnegeld“ losgekauft werden kann (2.Mos.21,30). Nikolaus Schneider berichtet in seinem Vortrag von einer „Fülle von Begriffen, Bildern und Zugängen zum Versöhnungswerk von Jesus Christus“, räumt dazu jedoch ein, dass diese „Zugänge“ und „Erklärungen“ alle „in einem inneren Zusammenhang zueinander stehen.“ (Seite 11)

27: Weiter schreibt Pfr. PD Dr. Thomas Knöppler in seiner Abhandlung „Sühne (NT)“: „Trotz der seltenen Verwendung des für explizite Sühneaussagen charakteristischen Wortes „sühnen etc.“ (ἱλάσκεσθαι κτλ) ist unter Heranziehung weiterer, Begriff und Sache der Sühne in den Blick nehmender Wörter und Wendungen eine gewichtige Rolle der Sühnethematik im Rahmen der neutestamentlichen Soteriologie festzustellen. Insofern das Geschehen des Kreuzestodes Jesu in der Regel als Ausgangspunkt der neutestamentlichen Soteriologie und durchweg als Bezugspunkt der neutestamentlichen Rede von der Sühne fungiert, ist die Sühnethematik im Zentrum der Christologie und Soteriologie verankert.“

28: Gut erläutert im Artikel von Ron Kubsch: „Das Opfer Jesu als Erfüllung der alttestamentlichen Opfer“

29:  Der Theologe Stefan Meißner spricht deshalb in seinem Beitrag „Warum musste Jesus sterben“ vom Karfreitag als dem „eschatologischen Jom Kippur“.

30: T.J. Crawford bekräftigt den stellvertretenden Charakter des Opferrituals: „Der Text lehrt also seinem klaren und offensichtlichen Sinn nach den stellvertretenden Charakter des Opferrituals. Leben wurde für Leben gegeben“, „das Leben des unschuldigen Opfers für das Leben des sündigen Opfernden.“ In: „Doctrine of Holy Scripture“, S. 237, 241; zitiert in John Stott „Das Kreuz“ S. 175/176. John Stott ergänzt: „Wenn wir all dieses alttestamentliche Material (das Vergießen und Versprengen des Blutes, das Sündenopfer, das Passa, die Bedeutung des „Sündentragens“, den Sündenbock und Jesaja 53) betrachten und bedenken, dass all dies im Neuen Testament auf den Tod Christi bezogen wird, können wir uns dem Schluss nicht entziehen, dass das Kreuz ein stellvertretendes Opfer war.“ (S. 190)

31: Siehe Hebräer Kapitel 5 bis 7. Bezeichnend ist, dass der Priester Melchisedek, der im Hebäerbrief als Urbild für die Priesterschaft Jesu dargestellt wird, Abraham direkt am Ort des späteren Tempelbergs in Jerusalems entgegentritt (1.Mos.14,17-18). Also kommt auch hier genau wie beim Opfer Isaaks zu den vielen inhaltlichen Parallelen auch noch die geographische hinzu!

32: Während das Apostolische Glaubensbekenntnis auf jegliche Deutung des Kreuzestodes verzichtet heißt es im Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel (325 n.Chr.): „Er wurde für uns gekreuzigt unter Pontius Pilatus.“ Im Athanasianischen Glaubensbekenntnis (7. Jahrhundert) lesen wir: „Der gelitten hat für unser Heil…“

33: So schrieb beispielsweise Athanasius (298–373 n. Chr.): „Er wurde um unsertwillen Fleisch, damit er sich an unserer statt opfern und uns durch seine Hingabe und Opferung erlösen konnte“ (Athanasius „Festbrief X“).  Der Kirchenvater Augustinus (354–430 n. Chr.) schreibt: „Indem er durch seinen Tod ein einmaliges, ganz wahrhaftiges Opfer für uns darbrachte, hat er alles, was Schuld hieß … getilgt, fortgewischt, ausgelöscht.“ (A. Augustinus, „Über den Dreieinigen Gott, München, 1951, S. 61), zitiert bei Ron Kubsch „Die Strafe liegt auf ihm…“ Das stellvertretende Sühneopfer, Martin Bucer Seminar 2017)

34: in Ron Kubsch: „Jesu Tod als stellvertretendes Sühneopfer“

35: Zum wichtigen Thema der „Klarheit der Schrift“ ist der Vortrag von Kevin deYoung vom März 2016 sehr zu empfehlen.

36: Ein typisches und sehr lesenswertes Beispiel dazu ist Holger Lahaynes Analyse des Vortrags von Prof. Georg Plasger „Für uns gestorben?“: „Plasger schwenkt um auf ein subjektives Verständnis des Sühnehandelns: „Gott muss nicht versöhnt werden. Gott braucht das Kreuz nicht, er braucht kein Menschenopfer, um besänftigt, um versöhnt zu werden.“ […] Dies sei „die zentrale Aussage des Neuen Testaments, wenn es den Kreuzestod Jesu Christi als ‘für uns geschehen’ interpretiert. … Jesus starb nicht, um Gottes Haltung zu mir, sondern um unsere Haltung zu Gott zu ändern. Dem ist zu entgegnen, dass sich der Sünder natürlich ändern muss und auch von Gott verändert wird. Doch die objektive Versöhnung Gottes ist Grundlage dieses subjektiven Geschehens!“

37: John Stott erläutert dazu: „Die Bibel enthält eine Reihe weiterer Formulierungen, die auf unterschiedliche Weise diese „Dualität“ im Innern Gottes ausdrücken. Er ist „Gott, barmherzig und gnädig“, der aber „Schuld, Vergehen und Sünde … keineswegs ungestraft lässt“; in ihm sind sich „Gnade und Wahrheit … begegnet“, haben sich „Gerechtigkeit und Frieden … geküsst“; er nennt sich selbst „einen gerechten und rettenden Gott“; … und im Zorn erinnert er sich seiner Barmherzigkeit. Johannes beschreibt … den Sohn des Vaters als „voller Gnade und Wahrheit“; und Paulus lädt uns … dazu ein, „die Güte und Strenge“ Gottes zu bedenken.“ In John Stott „Das Kreuz“, S. 165

38: Auf dieses Problem weist auch der ehem. Bischof Dr. Walter Klaiber hin: „Es gibt einen Zusammenhang zwischen böser Tat und unheilvoller Folge, der verhindert, dass geschehenes Unrecht einfach ungeschehen gemacht werden kann.“ In: Walter Klaiber „Jesu Tod und unser Leben“; Ev. Verlagsanstalt Leipzig, 2. korr. Auflage 2014, S. 42

39: Kaum ein Begriff ist in der Kreuzestheologie so angegriffen worden wie der Begriff „genüge tun“ oder „Genugtuung“. John Stott geht in seinem Buch „Das Kreuz“ ausführlich darauf ein. Er distanziert sich dabei von einem Genugtuungs-Verständnis, wie Anselm von Canterbury es verbreitet hat und „an einen Feudalherrn erinnert, der Ehre fordert und Unehrerbietigkeit bestraft“. (S. 152) Trotzdem verteidigt er den Begriff „Genugtuung“ intensiv. Ich zitiere dies hier ausführlich, weil John Stott hier eine Reihe von Missverständnissen und Karikaturen des stellvertretenden Sühneopfers abräumt: „Darum weisen wir jede Erklärung für den Tod Christi entschieden zurück, in deren Mittelpunkt nicht das Prinzip der „Genugtuung durch Stellvertretung“ steht, ja der göttlichen Genugtuung seiner selbst durch die göttliche Stellvertretung durch ihn selbst. Das Kreuz war kein Tauschhandel mit dem Teufel … ebenso wenig ein exaktes Äquivalent, … um einen Ehrenkodex oder einer juristischen Spitzfindigkeit Genüge zu tun; ebenso wenig eine notgedrungene Unterordnung Gottes unter eine moralische Autorität über ihm, den er auf andere Weise nicht hätte entkommen können; ebenso wenig die Bestrafung eines sanftmütigen Christus durch einen strengen und rachsüchtigen Vater; ebenso  wenig ein Abringen des Heils von einem gemeinen und widerwilligen Vater durch einen liebenden Christus; ebenso wenig ein Handeln des Vaters, das Christus als den Mittler aussparte. Stattdessen erniedrigte sich der gerechte, liebende Vater selbst, indem er in … und durch seinen einzigen Sohn Fleisch, Sünde und Fluch für uns wurde, um uns zu erlösen, ohne seinen eigenen Charakter zu kompromittieren. Die theologischen Begriffe „Genugtuung“ und „Stellvertretung“ müssen sorgfältig definiert und gehütet werden, denn sie können unter keinen Umständen aufgegeben werden. Das biblische Evangelium der Sühne ist, dass Gott sich selbst Genüge tat, indem er selbst an unsere Stelle trat.“ (S. 204)

40: In John Stott „Das Kreuz“, SMD Edition, S. 205

41: So vertreten es die verschiedenen Strömungen des „Adoptianismus“: Jesus sei nicht wesenhaft Gott, sondern nur ein zum Gottessohn adoptierter Mensch gewesen. Nicht zuletzt die weit verbreitete Ablehnung der Jungfrauengeburt deutet darauf hin, dass diese theologische Fehlentwicklung auch heute verbreitet ist.

42: „Offen gestanden: Er widert mich inzwischen nur noch an – dieser zeitgeistbeflissene Dünkel all jener Theologinnen und Theologen, die dem Kreuzestod Jesu den überlieferten Tiefensinn rationalistisch absprechen. Dieses arrogante Kaputtreden der überkommenen Heilsbotschaft, das sich über den Glauben der Väter und Mütter der letzten beiden Jahrtausende so erhaben dünkt, dass es ihn nur noch verabschieden möchte. Dieses Kokettieren mit der intellektuellen Redlichkeit, die Andersdenkenden in Theologie und Kirche zumindest indirekt abgesprochen wird, aber mit merkwürdigen Alternativen zum Ganz- und Heilwerden des Menschen oft kompatibel genug zu sein scheint.“ Prof. Werner Thiede in seinem Artikel „Widerwärtiger Dünkel“ veröffentlicht in „Zeitzeichen“ 2010

43: Nachzuhören in Ulrich Parzanys Vortrag: „Den Säkularen ein Säkularer“, gehalten am 24.11.2017 in der STH Basel (ab 53:30)

44: So erwähnt Prof. Zimmer in seinem Vortrag „Vom Sinn des Abendmahls“ die sühnende Wirkung des stellvertretenden Opfertods mit keinem Wort. Stattdessen lehrt er, dass wir im Abendmahl die „Kontaktfreudigkeit“ und „Zuwendungslust“ Jesu feiern würden.

45: Ein trauriges Beispiel ist das ZDF-heute-Journal-Interview mit Bischof Markus Dröge anlässlich des 500-jährigen Reformationsjubiläums. Auf die Kritik, im Reformationsjahr habe es viel Event und wenig Botschaft gegeben, antwortet er: Die zentrale Botschaft der Reformation sei deutlich geworden, nämlich die „Doppelheit von Vertrauen zu finden und sich zu engagieren für das Allgemeinwohl“.

46: In John Stott „Das Kreuz“, SMD Edition, S. 137-139, siehe Artikel im AiGG-Blog http://blog.aigg.de/?p=3836

47: James Denney, Atonement, S. 82, zitiert von John Stott in „Das Kreuz“, S. 169

48: In Ulrich Parzany „Was nun, Kirche?“, SCM-Hänssler, S. 49

Die Krise von Wahrheit und Irrtum

… und welche Folgen das für die Kirche hat

Wissenschaftlicher Fortschritt entsteht durch die Unterscheidung zwischen Wahrheit und Irrtum. In der Fachsprache heißt das: Wissenschaftliche Hypothesen (= Annahmen) müssen verifiziert (=bestätigt) oder falsifiziert (=widerlegt) werden. Der Streit, ob die Erde eine Kugel oder eine Scheibe ist, muss mit wissenschaftlichen Mitteln entschieden werden. Hätten die Leute damals (um des lieben Friedens oder der schönen Vielfalt willen) gesagt, dass jeder irgendwie auf seine Weise recht  hat, dann wären wir heute noch im Mittelalter.

Auch in der Theologie ist Wahrheitssuche nicht ohne Abgrenzung von Irrtümern möglich. Die Kirche kann nicht alles Mögliche vertreten wollen, wenn sie sich nicht ziel- und orientierungslos im Kreis bewegen und in der Bedeutungslosigkeit auflösen möchte. Aber obwohl die Theologie ja seit der Aufklärung gerne eine richtige Wissenschaft sein möchte, verabschiedet sie sich derzeit schrittweise vom Konzept von Wahrheit und Irrtum. Das Wort „Irrlehre“ ist selbst in der evangelikalen Welt inzwischen ein „Bäh-Wort“, ein Tabu geworden. Prof. Christoph Raedel, der Leiter des Arbeitskreises für evangelikale Theologie, schreibt dazu in seinem sehr empfehlenswerten Artikel „Evangelikale Theologie in Deutschland – Quo vadis?“:

„Die verheißungsvolle Welt der Postmoderne gilt als Hort der Vielfalt und Authentizität, die nicht durch Ausgrenzung, sondern Entgrenzung gekennzeichnet sei, was vielfach bis zum Verzicht auf einen Wahrheitsanspruch reicht, weil ein solcher schon wieder die Vielfalt stört. Diese Entwicklungen treffen auch die evangelikalen Milieus und folglich evangelikale Theologie. So wird es wahrnehmbar schwieriger, von notwendigen Grenzziehungen zu sprechen. Bei Grenzen denken wir an Stacheldraht und Mauern und an bestimmte Politiker, deren Namen in den Nachrichten damit in Zusammenhang gebracht werden. Obergrenzen sind schlecht, Ausgrenzung von Menschen geht überhaupt nicht. Der Entgrenzung gehört die Zukunft. Grenzen zu ziehen ist heute begründungspflichtiger als je zuvor. Doch wer sagen möchte, was uns Evangelikale eint, wer den gemeinsamen Grund bestimmen möchte, der muss auch angeben können, wo die Grenzen verlaufen. Kein Grund ohne Begrenzungen. Wo sind die roten Linien, die nicht überschritten werden dürfen? Und wie wird bei uns bestimmt, wo diese roten Linien verlaufen? Bereits diese Fragen zu stellen, ist inzwischen, auch unter uns, schwierig geworden. […] Die Postmoderne bedeutet den Abschied von der großen Erzählung des westlichen Abendlandes hin zu den vielen kleinen Geschichten, die alle ihre je eigene Wahrheit haben. Hier vollzieht sich der Übergang vom Zwang, sich zwischen einander ausschließenden Optionen entscheiden zu müssen, hin zur Flexibilität, sich aus den zur Verfügung stehenden Optionen seine Überzeugungen zu basteln. […] Man ist nicht festlegt auf Denkschulen, sondern bedient sich an den Versatzstücken verschiedener Entwürfe so, wie es für einen passt.“

Ich weiß nicht, ob Herr Prof. Raedel den wöchentlichen Podcast „Hossa Talk“ mit Gofi Müller und Jay Friedrichs kennt, der auch in vielen evangelikalen Kreisen äußerst beliebt ist. Die Ausführungen von Prof. Raedel beschreiben äußerst treffend, was in den Hossa-Talks passiert: Das Zweifeln, das Alles-in-Frage-Stellen, das Verunsichern, das Unfertige und Ungewisse, das Vorläufige, das langsame sich-Vortasten steht da hoch im Kurs. Man hat viele Fragen, die man – wenn überhaupt – nur „verschwurbelt“ beantworten kann. Man zitiert viele Theologen und Denker und nimmt sich überall heraus, was man gut findet. Gerne vergleicht man sich mit Israel in der Wüste: Die frommen Kreise mit klaren Ansagen, Regeln und Dogmen waren die „Fleischtöpfe Ägyptens“, die man hinter sich gelassen hat. Ägypten sei zwar bequem, aber unfrei, eng und bedrückend gewesen. Die Wüste sei zwar auch herausfordernd, atme aber im Gegensatz zu früher Freiheit, Weite und Bewegung.

Lagerbildung

Trotzdem grenzen sich auch die Hossa-Talker und ihre Fans (entgegen der eigenen Ideale) oft klar ab – und zwar gegen die Konservativen. In den Diskussionen, die ich beobachtet habe, leben sie oft geradezu von der Abgrenzung gegen die, die eine gut begründete Dogmatik mit Überzeugung vertreten. Während die eigenen Gedanken gerne mit heute so populären Begriffen wie „Neugier“, „Offenheit“, „Dialog“, „Barmherzigkeit“ oder „Vielfalt“ verbunden werden, wird evangelikaler Widerspruch schnell mit Attributen wie „Angst“, „Enge“, „Scheuklappen“, „Intoleranz“, „Arroganz“, „Besserwisserei“, manchmal gar mit „Militanz“ verknüpft. Bibeltreue Positionen wie z.B. die Sühnetheologie belegt man gerne auch mal mit Kraftausdrücken. Natürlich wird durch dieses Labeln von Andersdenkenden ein sachliches Ringen um Inhalte und um die Wahrheit äußerst schwierig (eine leuchtende Ausnahme ist der sehr empfehlenswerte Hossa-Talk Nr. 59 „Eine Lanze für Calvin“ mit Holger Lahayne). Die Folge: Schon jetzt geht ein tiefer Riss der Sprachlosigkeit durch die evangelikale Bewegung.

Der Verlust der Glaubwürdigkeit

Die Krise von Wahrheit und Irrtum führt zu einem massiven Verlust an Glaubwürdigkeit und Autorität der Kirche. Der Grund dafür ist einfach: Kirche hat nun einmal keine Autorität aus sich selbst heraus sondern nur als Botschafter von Gottes zeitlosem Wort und Gebot. Sie kann nur deshalb Trost und Antworten für die grundlegenden Ewigkeitsfragen der Menschen geben, weil sie aus einer göttlichen Erkenntnisquelle schöpft, die außerhalb ihrer selbst liegt und die sie nicht nach persönlichem Gusto verbiegen kann. Die Menschen haben ein feines Gespür dafür, ob Kirche aus der Autorität einer zeitlosen Wahrheit heraus handelt oder ob sie den Menschen nach dem Mund redet. Eine Kirche, deren Äußerungen zeitgeistabhängig wirken, mag vielleicht kurzfristig Beifall bekommen, aber langfristig marginalisiert sie sich im vielfältigen Meinungskonzert einer offenen Gesellschaft. Der schnell voranschreitende Bedeutungsverlust der Kirchen ist deshalb eine direkte Folge einer Theologie, die sich der postmodernen Abkehr von Wahrheit und Irrtum verschrieben hat.

Nur die Wahrheit macht frei

Das größte Problem an der Krise von Wahrheit und Irrtum aber ist: Es ist nun einmal noch immer allein die Wahrheit, die uns frei macht (Joh. 8, 32), nicht das, was uns gefällt oder was wir gut finden. Diese Einsicht formuliert auch Hossa Talk, ohne aber zu beantworten, wo denn Wahrheit herkommen soll, wenn das Schriftprinzip (also die Begründung von Wahrheiten mit dem Satz „Es steht geschrieben“) nicht mehr gilt. Der Dialog miteinander, mit der Bibel als einer „um Wahrheit ringenden biblischen Bibliothek“ (so wird die Bibel in Hossa Talk Nr. 45 genannt), mit der Tradition, der Wissenschaft und der Welt, auf den die Hossas hoffen, kann niemals zu halt- und trostbringenden Wahrheitsankern führen. Da liegt nun einmal kein gutes Land hinter der nächsten Ecke unserer menschlichen Gehirnwindungen sondern nur der Abgrund der menschlichen Selbstüberschätzung. Die grünen Auen und die frischen Wasser finden wir nur dort, wo wir den Worten des guten Hirten rückhaltlos vertrauen. Sola scriptura: Allein Gottes Wort ist die Wahrheit. Es bietet uns noch immer das wesentlich stabilere Fundament als jeder postmoderne Stuhlkreis, in dem wir uns unser eigenes hippes Gottes- und Weltbild selbst zusammen puzzeln. Deshalb zeugt es letztlich von Liebe, nicht von Rechthaberei, auch falsche Lehre in der richtigen Haltung offen anzusprechen, so wie es auch die Bibel wieder und wieder tut, um uns zu helfen und uns vor Schaden zu bewahren.

Siehe auch:

 

Worthaus – Universitätstheologie für Evangelikale?

Worthaus macht universitäre Theologie populär – auch unter Evangelikalen. Die Analyse der Worthaus-Vorträge zeigt: Die evangelikale Bewegung steht vor einer grundlegenden Entscheidung, wenn sie nicht in den Abwärtsstrudel der liberalen Kirchen mit hineingezogen werden möchte.

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Warum dieser Artikel?

Ich mag es nicht, wenn selbsternannte „Irrlehrenjäger“ in jeder christlichen Initiative die Haare in der Suppe suchen. Niemand ist fehlerlos. Wir leben alle aus Gottes unverdienter Gnade. Wir sollten unser Hauptaugenmerk auf das Original richten und nicht auf Fälschungen. Seit ich eine Zeit lang unter einigen gesetzlich-tradi­tionellen Christen ziemlich zu leiden hatte, ist mir Weite und Liebe zur Vielfalt wichtig geworden. Ich gehöre zur Leitung einer evangelisch-landeskirchlichen Gemeinde, in der wir sehr verschieden geprägt sind. Aber gemeinsam teilen wir die Liebe zu Jesus und das Vertrauen auf die Verlässlichkeit der Bibel. Auf diesem gemeinsamen Fundament können wir Differenzen in einzelnen Lehrinhalten und im Frömmigkeitsstil fröhlich aushalten und gemeinsam erfolgreich Gemeinde bauen.

Aber was mir wirklich das Herz bricht ist, dass ich sonst in meiner Landeskirche so viel trostlosen Zerfall sehen muss. Mit Schmerzen höre ich, wie der theologische Pluralismus so oft genau das Fundament der Einheit zerstört, das meiner Gemeinde so viel Segen bringt. Christen wandern ab, weil sie bei Pfarrern keine verständliche und keine tröstliche Botschaft mehr hören und weil sie ihrer Kirchenleitung nicht mehr vertrauen, die sich viel mehr um Politik als um das Evangelium kümmert. Nicht einmal mehr in den zentralen Glaubensfragen gibt es Einheit. Selbst der Jubel über die Auferstehung Jesu ist keine selbstverständliche gemeinsame Grundlage mehr. Kein Wunder, dass es überall Spaltungstendenzen gibt und Gemeinden eingehen, weil man nicht mehr gemeinsam an einem Strang ziehen kann.

Angesichts dieser Not macht es mich tieftraurig, wenn ich sehe, dass offenbar auch immer mehr evangelikale Hoffnungsprojekte in ein Fahrwasser hineingehen, das nach meiner Überzeugung zwangsläufig schrittweise ihre Ausstrahlung und Einheit untergraben wird. Genau deshalb müssen wir über Worthaus reden. Dringend.

Worthaus – Was ist das?

Worthaus ist eine frei zugängliche Mediathek mit inzwischen 87 Vorträgen von 12 verschiedenen Theologen zu unterschiedlichsten theologischen Themen. Zwei Drittel der Vorträge werden vom emeritierten Professor für evangelische Theologie Siegfried Zimmer gehalten, der in Württemberg bereits durch die Nachteulengottesdienste in Ludwigsburg bekannt geworden war.

Auch Prof. Thorsten Dietz gehört zum Kreis der Worthaus-Referenten. Er lehrt an der evangelischen Hochschule Tabor, die sich selbst zur Konferenz bibeltreuer Ausbildungsstätten zählt. In einem Bericht zu einer Worthaus-Veranstaltung wird erwähnt, wie leidenschaftlich Thorsten Dietz für Worthaus Werbung macht:

“Es ist ja nicht nur himmlische Fügung, dass Menschen durch Träume und ähnliches zu Worthaus finden – daher liken, posten, teilen”

Auch Worthaus-Referent Prof. Peter Zimmerling ist unter vielen Evangelikalen sehr bekannt, ebenso der jüngst neu hinzugekommene Prof. Tobias Faix von der CVJM-Hochschule Kassel. Das zeigt: Worthaus ist angekommen unter den Evangelikalen. Worthaus-Refe­renten sind auch auf evangelikalen Großveranstaltungen anzutreffen wie z.B. auf dem Spring-Festival oder dem „Freak­stock“. Auch der unter Evangelikalen sehr beliebte christliche Blog „gekreuzsiegt.de“ wirbt ausführlich für Worthaus – obwohl Prof. Zimmer selbst ausdrücklich vor Evangelikalen warnt („auf keinen Fall evangelikal“1). Wie ist dieser Widerspruch zu erklären?

Worthaus gibt sich „bibeltreu“

Worthaus ist kein einheitlicher Block mit einheitlicher Theologie. Jedoch gibt es eine klare gemeinsame Prägung (weshalb in diesem Artikel meist vereinfachend von Worthaus als Ganzem gesprochen wird2). Worthaus bekennt sich klar zur historisch-kritischen universitären Theologie, will aber gleichzeitig bibeltreu sein – sogar wesentlich bibeltreuer als konservative Christen. Durch die Berücksichtigung moderner bibelwissenschaftlicher Erkenntnisse soll ein „unverstellter Blick“ auf die Bibel gewonnen werden. Biblische Textgattungen sollen sauber unterschieden werden und das historisch-kulturelle Umfeld sowie die Entstehungsgeschichte der biblischen Texte berücksichtigt werden, um viel fundierter beleuchten zu können, was die biblischen Texte ursprünglich wirklich sagen wollten (z.B. ob die Geschichten historisch gemeint waren oder nicht). Entsprechend lautet die Vision von Worthaus: „Alles auf Null“. Das will sagen: Wir stellen vorurteilsfrei noch einmal alles in Frage, um zu gut begründeten Überzeugungen zu gelangen. Das klingt auch für viele konservative Zuhörer gut, die ja zuallermeist längst nicht so wissenschaftsfeindlich sind, wie das von Worthaus oft behauptet wird.

Aber arbeitet Worthaus tatsächlich so vorurteilsfrei?

Die Brillen der „Worthaus-Theologie“

Worthaus basiert auf 5 Thesen, aus denen sich grundlegende Denkvoraussetzungen von Worthaus erkennen lassen:

Die Bibel ist nicht ohne weiteres verständlich

Da der Blick auf die Bibel „oftmals durch Glaubenssätze, Ideologien, falsche Annahmen und Unkenntnis der biblischen Entstehungsgeschichte verstellt“ sei (These 2) ist es „nicht selbstverständlich, die Botschaften der Bibel richtig zu verstehen.“ (These 3) Entsprechend gilt für Worthaus: Ohne Kenntnis der Ergebnisse aus den modernen Bibelwissenschaften ist es nicht möglich, die Bibel richtig zu interpretieren. Tatsächlich habe praktisch die gesamte Kirche viele Bibeltexte 1800 Jahre lang falsch interpretiert und „Millionen von Christen“ tun es bis heute, sofern sie keinen Kontakt zur universitären Theologie haben.3

Die Bibel ist widersprüchlich

In seiner 4. These formuliert Worthaus: „Ein geschlossenes Weltbild auf der Grundlage der Bibel ist nicht machbar.“ Entsprechend wird immer wieder betont: Die Bibel enthält natürlich sowohl sachliche als auch theologische Widersprüche.

Die Bibel ist fehlerhaft

Worthaus folgt immer wieder klar erkennbar der in der universitären historisch-kritischen Theologie domi­nie­ren­den wissenschaftlichen Methode, in der die Bibel so untersucht wird, als sei Gott nicht existent4. Entsprechend geht die Bibelkritik von Worthaus sehr viel weiter, als nur die wahre Aussageabsicht der Bibel unter Berücksichtigung der damaligen Zeit und Kultur herauszuarbeiten. Auch vielen eindeutig historisch gemeinten Texten in den Evangelien (von Lukas als „Augenzeugenberichte“ charakterisiert, Luk. 1, 2) sprechen Worthaus-Referenten die Historizität ab,5 was neben den Konsequenzen für die Glaubwürdigkeit der Bibel natürlich auch gravierende theologische Konsequenzen hat, da die Geschichtlichkeit oft wesentlicher Bestandteil der theologischen Aussage ist6.

Folgerichtig enthält die Bibel aus Worthaussicht natürlich auch theologische Fehler. So äußerst Dr. Breuer: Paulus habe viel Kluges, aber auch Unkluges geschrieben. Manche seiner Argumente seien gar „einigermaßen hanebüchen“, weshalb man allein mit Bibelstellen auch keinen theologischen Standpunkt begründen könne (siehe dazu den 5-minütigen Videoausschnitt aus einem Vortrag von Dr. Breuer7). Auch für Prof. Zimmer enthält die Bibel „hunderte von Fehlern“ 8. Insbesondere müsse man die Bibel überall da ablehnen, wo sie Jesus Christus widerspricht: „Im Konfliktfall argumentieren wir ohne jedes Zögern mit Jesus Christus gegen die Bibel.“ 9

Aber ist Jesus Christus für Worthaus dann tatsächlich der verlässliche Wahrheitsanker, der uns helfen kann, die Bibel richtig zu deuten und ggf. auch zu kritisieren?

Jesus verschwimmt im historischen Nebel

Worthaus trennt klar zwischen dem Jesus der Evangelien und dem „historischen Jesus“. Welche der biblischen Jesus-Zitate wirklich von Jesus stammen und welche ihm später in den Mund gelegt wurden, muss individuell geprüft werden.10 Dr. Breuer räumt diesbezüglich ein, dass es kein einziges Zitat von Jesus gibt, dessen historische Echtheit nicht schon von Theologen bezweifelt worden wäre.11 Ob Jesus sich selbst als Messias sah ist für Prof. Schreiber völlig unklar.10 Wer Jesus war, wie er sich selbst sah und was er tatsächlich gelehrt hat, verschwimmt also im historischen Nebel. Kein Wunder also, dass auch die Person Jesus Christus kein eindeutiges Unterscheidungskriterium für richtig und falsch in der Bibel mehr darstellen kann. Die Worthaus-Vorträge belegen, dass damit der theologischen Willkür letztlich Tür und Tor geöffnet wird:

Worthaus geht „ans Eingemachte“

In seiner Begeisterung für die Universitätstheologie verschweigt Prof. Zimmer leider die Tatsache, dass in der universitären Bibelwissenschaft letztlich sämtliche Kernsätze des apostolischen Glaubensbekenntnisses in Frage gestellt wurden und werden.12 Auch in den Worthaus-Vorträgen werden zahlreiche Kernsätze des Glaubens abgeräumt, die in der weltweiten Kirche fast durchgängig als klare, eindeutige Aussagen der Schrift verstanden wurden und werden:

  • Jesu Tod am Kreuz sei eindeutig kein Sühneopfer für die Schuld der Menschheit gewesen. Paul Gerhardts Lied „O Haupt voll Blut und Wunden“ transportiere eine irrige Passionsfrömmigkeit.13 Im Abendmahl feiern wir im Kern die „Kontaktfreudigkeit“ und „Zuwendungslust“ Jesu14.
  • Das Grab sei voll gewesen. Auch Himmelfahrt und Pfingsten waren keine historischen Ereignisse.5
  • Das Heil sei nicht exklusiv nur in Jesus Christus zu finden.15
  • Der Tod sei keine Folge der Sünde sondern Teil von Gottes Schöpfung.16
  • Der Himmel sei kein fassbarer Ort. Man kann dort keine Bekannten wieder treffen. Erst recht gibt es keine wie auch immer geartete Hölle.17 Der Glaube an eine ewige Verdammnis zeuge von einem „eiskalten Glauben“ und primitiver Moral.18
  • Der Teufel sei (sehr wahrscheinlich) keine Person. Wer in der Schlange im Schöpfungsbericht den Teufel erkennt sei „balla balla“.19

Schon aus diesen wenigen Beispielen wird deutlich: Worthaus setzt dem theologischen Pluralismus der modernen Bibelkritik keine wirksame Grenze. Vielmehr zeigt sich wieder einmal, dass die moderne Bibelkritik eine seifige, schiefe Ebene ist, die in ein unklares und letztlich in ein anderes Evangelium mündet.

Umdeutung von Begriffen

Vor diesem Hintergrund ist es auf den ersten Blick überraschend, wenn Prof. Zimmer immer wieder betont, dass für ihn selbstverständlich die ganze Bibel durch und durch wahres Wort Gottes sei und dass sie trotz aller Fehler und Widersprüche in den wesentlichen Aussagen so klar sei, dass sich alle Christen in den heilsentscheidenden Punkten einig seien.8 Hält Worthaus also an der Wahrheit, Einheit und Klarheit der Bibel fest? Dieses Versprechen kann Worthaus nur – wenn überhaupt – durch eine Umdeutung von Begriffen einhalten:

  • Unter der Einheit der Schrift versteht Prof. Zimmer nicht eine theologische Einheit (in der sich die Aussagen zu einem großen Ganzen ergänzen), sondern eine „dialogische Einheit“, in der auch zahlreiche theologische Widersprüche ihren Platz hätten.20
  • Unter der Wahrheit der Bibel versteht Worthaus nicht etwa Fehlerlosigkeit21. Die Bibel sei vielmehr insofern wahr, dass sie von Jesus Christus zeugt. Und für die Bibel selbst sei ja Jesus Christus die Wahrheit, nicht die Bibel.22

Darüber hinaus gibt es viele Beispiele von schwerwiegenden Begriffsumdeutungen, die die theologischen Aussagen zwar traditionell klingen lassen aber trotzdem gänzlich abweichen von den traditionellen Sichtweisen und Auslegungsprinzipien evangelikaler und reformatorischer Theologie.23

Abkehr vom reformatorischen Erbe

Prof. Wilfried Härle bezeichnet sich selbst als Luther-Fan. Prof. Zimmer sagt, er sei ein „Schüler Luthers“. Entsprechend beruft er sich immer wieder auf den Reformator24. In der Tat hat auch Luther die Bibel kritisiert, wo sie seiner Ansicht nach nicht das lehrt, „was Christum treibet“. Allerdings gibt es einen grundlegenden Unterschied: Wenn ein biblisches Buch Luthers Ansicht nach nicht zur Botschaft Christi gepasst hat, dann hat Luther angezweifelt, ob es zum biblischen Kanon gehört. Aber kanonische Bücher hatten für die Reformatoren selbstverständlich absolute und irrtumsfreie Autorität.25 Sie waren für ihn in ihrer Aussage so klar, dass auch Laien sie verstehen konnten. Und sie waren so wahr, dass sie nur durch weitere Bibeltexte und nicht durch außerbiblische menschliche Maßstäbe ausgelegt und interpretiert werden durften. Dr. Armin Baum bemerkt daher zurecht: „Für das von ihm vertretene Modell sollte sich ZIMMER nicht auf LUTHER berufen. […] Der von ZIMMER befürwortete Ansatz, dass auch kanonische Schriften theologische Fehler aufweisen und fehlerhafte Aussagen sogar als „Gottes Wort“ zu gelten haben, ist meines Erachtens nicht reformatorisch.“ 26

Mit der Übersetzung der Bibel in die Alltagssprache hatte Luther die Bibel in die Hand der einfachen Menschen gelegt. Damit hat er eine weitreichende geistliche Erneuerungsbewegung ausgelöst und letztlich die Grundlage für die heutige Denk- und Religionsfreiheit geschaffen. Für Prof. Zimmer hingegen ist klar: Laien, die nicht eingeweiht sind in moderne Theologie, Archäologie, historische Wissenschaften und antike Sprachen, haben eigentlich keine Chance, sich selbst ein angemessenes Bild von den Aussagen der Bibel zu machen. Schließlich habe sich ja sogar die ganze Kirche in vielen Punkten 1800 Jahre lang geirrt!3 Von einer für jeden Laien verständlichen Klarheit der Schrift, die Luther so wichtig war, kann also keine Rede mehr sein. Auch damit verspielt Worthaus eine der zentralsten Errungenschaften der Reformation, weil es den theologisch nicht Gebildeten die Bibel aus der Hand nimmt.

Konservative Klischees und Pappkameraden

Prof. Zimmer will ein Brückenbauer sein. Er will auch Konservative mit der Bibelwissenschaft versöhnen. Die Darstellung konservativer Christen ist in den Worthaus-Vorträgen jedoch meist klischeehaft und undifferenziert. Ein Hauptvorwurf ist die angebliche vollständige Ablehnung sämtlicher bibelwissenschaftlichen Methoden und eine „Vergöttlichung“ der Bibel, die die Vorrangstellung der Person Jesus Christus gegenüber der Bibel ablehnt. Die „Fundamentalisten“ in den konservativen Kreisen hätten letztlich ein islamisches Schriftverständnis und würden an eine „Vierfaltigkeit“ glauben: Vater, Sohn, Heiliger Geist und Bibel.8

Mit diesem Vorwurf stellt sich Prof. Zimmer in eine alte Tradition. Schon Spurgeon schrieb 1891 in seinem Kampf gegen das Vordringen liberaler Bibelkritik: „Wer an der Unfehlbarkeit der Schrift festhält, den bezichtigen sie der ‚Bibliolatrie‘ (= Vergötterung der Bibel). Dabei beteuern sie, sie würden nicht das Buch anbeten, sondern verehrten dessen Autor.“ 27 Dr. Armin Baum kommentiert diesen Vorwurf wie folgt: „Um im evangelikalen Lager Theologen ausfindig zu machen, die die moderne Bibelwissenschaft ablehnen und den Vorrang Jesu vor der Bibel bestreiten, muss man sicherlich sehr lange suchen. Dass man dabei fündig wird, halte ich nicht für ganz ausgeschlossen. Evangelikale Theologen, die im von Zimmer definierten Sinne fundamentalistisch denken, sind jedoch eine ausgesprochen rare Spezies.“ 28      

Anders gesagt: Wort­haus produziert hier „fundamentalistische Pappkameraden“, die mit der Realität wenig zu tun haben, auf die dann aber umso heftiger eingedroschen wird, wie Michael Kotsch in seinem Kommentar zu Zimmers Vortrag „Die schwule Frage“ schreibt: „In etwa einem Viertel seines Vortrags bringt Zimmer seinen – man kann es leider nicht anders nennen – Hass auf konservative Christen zum Ausdruck. […] Siegfried Zimmer bezeichnet konservative Christen als „dümmlich“, „engstirnig“, „tragisch“, „bibelverkorkst“ und „rechthaberisch“. Sie […] haben kein Interesse, sich zu informieren […] bei ihnen wird die Bibel „dumm zitiert“. Sie „liegen fürchterlich daneben“ in ihrem Umgang mit der Bibel, weil sie „nicht einmal das ABC historischer Hintergrundkenntnis“ mitbringen. Mit ihrer Theologie betrieben sie „schwerste Bibelmanipulation“. […] Bei den konservativen Christen wird die Bibel „missbraucht“ und „instrumentalisiert“. Sie „haben die Bibel in ihrem Schwitzkasten“ und „bauen eine eigene Ideologie auf“, behauptet Zimmer. Aber nicht genug! Konservative Christen gehen mit der Bibel um „wie die islamischen Salafisten“ mit dem Koran. Sie gehören „in Nachbarschaft zu Zeugen Jehovas und Mormonen“. Diese Evangelikalen seien generell „unseriös“, „fehlgeleitete Leute“, die nicht so genau hinschauen.“ 29 Solche grob beleidigenden Aussagen finden sich leider in vielen Worthaus-Vorträgen.

Warum das Worthaus – Bibelverständnis nicht überzeugen kann

Dieser Artikel bietet nicht den Raum, das Bibelverständnis der Worthaus-Referenten umfangreich und fundiert zu analysieren und zu beantworten. Dazu gibt es gute Literatur30. Nur ein zentraler Punkt sei hier kurz genannt: Wenn Prof. Zimmer empfiehlt, mit Jesus die Bibel zu kritisieren stellt sich natürlich die Frage: Wie ist denn Jesus selbst mit dem Alten Testament umgegangen? War Jesus denn tatsächlich bibelkritisch? Dazu schreibt der Theologe Ron Kubsch: „Zimmer bietet keine überzeugenden Belege dafür, dass Jesus die alttestamentlichen Schriften zum Gegenstand seiner Kritik gemacht hat. Jesus ist nicht gekommen, um „das Gesetz oder die Propheten“ zu kritisieren oder „aufzulösen“, „sondern um zu erfüllen“ (Mt 5,17). Für Jesus verfällt nicht „ein einziges Jota oder ein einziges Häkchen“ vom Gesetz, bis Himmel und Erde vergehen (Mt 5,18). Jesus unterscheidet eindeutig zwischen menschlicher Überlieferung und dem Wort Gottes, das Mose im Auftrag seines Herrn gesprochen hatte (vgl. Mt. 7,10-13). John Wenham kommt in seiner umfangreichen Untersuchung ‘Jesus und die Bibel‘ zu dem Ergebnis, dass für Jesus Christus die Schriften des Alten Testaments wahr, autoritativ und inspiriert sind und dasjenige, was in ihnen geschrieben steht, Gottes Wort ist.“ 31 Auch Prof. Gerhard Maier betont in seinem Standardwerk Biblische Hermeneutik: „Jesu Praxis und Lehre erlaubt es uns nicht, die Schrift und Christus als einen Gegensatz aufzufassen.“ Die Worthaus-Theologie widerspricht somit fundamental dem reformatorischen Prinzip, dass die Bibel sich selbst auslegt („Sacra scriptura sui ipsius interpres“), da keiner der biblischen Autoren so mit den biblischen Schriften umging wie Worthaus das tut.

Worthaus lohnt sich – wenn es kritisch genossen wird

Es lohnt sich, sich Worthaus-Vorträge anzusehen! Die überwiegend kurzweiligen und lebendig vorgetragenen Beiträge sind oft hochinteressant und stellen insgesamt definitiv einen horizonterweiternden Bildungs-Beitrag dar.

Nur wer sich mit den theologischen Diskussionen unserer Zeit befasst, kann einen eigenen fundierten Standpunkt entwickeln und vertreten. Einbunkern und Abschotten ist eine Haltung, die Worthaus zurecht kritisiert. Wichtig ist nur (ganz im Sinne von Prof. Zimmer): Auf keinen Fall einfach nachplappern sondern prüfen und selber denken (siehe dazu hier die interaktive Tabelle mit Links zu Worthaus-Vorträgen und zugehörigen Kommentaren). Denn man darf nicht verdrängen, dass der Worthaus-Cocktail zwar verführerisch schmeckt, aber aus 2 Gründen trotzdem vergiftet ist:

Worthaus verschleiert die eigene Subjektivität

Worthaus stellt seine Lehraussagen immer wieder als intellektuell, wissenschaftlich, vernünftig, objektiv, vorurteilsfrei, reflektiert und differenziert dar. Dagegen seien die Konservativen/Evangelikalen/Fun­da­mentalisten (diese Begriffe sind für Worthaus offenbar austauschbar) denkfaul, eingebunkert, bildungsfeindlich, dümmlich, durcheinander, subjektiv, auf Vorurteilen und Prägungen basierend, intellektuell unterentwickelt (siehe auch die 1. Worthaus-These). Diese Überlegenheitsgeste ist deshalb unangemessen, weil natürlich auch die Worthaus-Referenten mit subjektiven Vorverständnissen und Auslegungsschlüsseln arbeiten. Statt der dauernden Rede vom angeblichen „unverstellten Blick“ wäre es redlicher, die eigenen Denkvoraussetzungen und Glaubensentscheidungen offen zu legen und die Subjektivität der Schlussfolgerungen offen zu legen.4 Wer diese Demut nicht hat, vertieft die Gräben in der Christenheit, weil es das sachliche Anerkennen unterschiedlicher Herangehensweisen an die Bibel durch das Verächtlichmachen anderer Haltungen und Denkweisen ersetzt – eine Gefahr, die übrigens in allen theologischen Lagern anzutreffen ist.32

Eine süße Mogelpackung und ein trojanisches Pferd

Der populärwissenschaftliche Anstrich lässt die Worthaus-Vorträge attraktiv und zugleich vernünftig und überlegen erscheinen. Sie entlassen den frommen Hörer zudem aus einer Menge von Konflikten in Bezug auf schwierige Bibelstellen oder z.B. bei Themen wie Homosexualität und die Ursprungsfrage (Schöpfung und Sündenfall). Mit dem Versprechen, die heilsentscheidenden Inhalte der Bibel unangetastet zu lassen und fest zur Wahrheit, Klarheit und Einheit der Schrift zu stehen, macht Worthaus sich auch unter Konservativen salonfähig – auch wenn dieses Versprechen massiv gebrochen wird. Mit dieser Mixtur hat Worthaus das Zeug zum trojanischen Pferd, das den theologischen Pluralismus mitten in die evangelikale Bewegung tragen kann.

Die evangelikale Bewegung am Scheideweg

Der überbordende theologische Pluralismus der modernen Theologie und die Abkehr von einem textgetreuen Verständnis der Bibel ist ohne Zweifel eine Hauptursache für den Niedergang der liberalen Kirchen in der ganzen westlichen Welt, weil er unüberbrückbare Gräben aufreißt, die die Gemeinden spalten. Deshalb wird sich die evangelische Hochschule Tabor, die Konferenz bibeltreuer Ausbildungsstätten und die evangelikale Bewegung insgesamt entscheiden müssen, wie sie mit Worthaus umgehen will. Totschweigen wird nicht gelingen, denn schon jetzt ist Worthaus nicht nur ein Internet-Hit sondern prägt durch seinen wachsenden Einfluss auf die evangelikalen Ausbildungsstätten längst auch die zukünftigen evangelikalen Multiplikatoren und Leiter.

Worthaus kann die evangelikale Bewegung vielleicht ein wenig aus der Schusslinie des Zeitgeistes holen. Aber der Preis ist hoch. Worthaus ist ein Spaltpilz, weil es mit evangelikaler Theologie und Frömmigkeit grundsätzlich unvereinbar ist. Worthaus wird, wenn es unkritisch aufgenommen wird, der evangelikalen Bewegung die Kraft und die Spitze nehmen, weil es ihre Botschaften verunklart und im Extremfall sogar durchstreicht.

Meine feste Überzeugung ist deshalb: Wenn sich die evangelikale Bewegung dieser Theologie weiter öffnet, wird sie letztlich das Schicksal der liberalen Kirchen in der ganzen westlichen Welt teilen: Keine klare Botschaft mehr, keine Einheit mehr – und folglich zunehmend auch keine Mitglieder mehr. Deshalb ist es jetzt unbedingt notwendig und im besten Sinne „not-wendend“, sich von Worthaus einerseits im notwendigen Maße abzugrenzen und gleichzeitig in den Gemeinden die reichhaltigen hermeneutischen Schätze aus den kirchlichen Bekenntnissen sowie den Schriften der Kirchenväter, der Reformatoren und der großen evangelikalen Theologen selbstbewusst und offensiv bekannt zu machen.


Danke für die fachlich kompetente Prüfung des Artikels und alle guten Anregungen, Kommentare und Korrekturen:

  • Ron Kubsch
  • Reinhard Junker
  • Holger Lahayne
  • David Brunner
  • Martin Till

Anmerkungen und Quellen:

1:   „Auf keinen Fall evangelikal. Der Preis ist leider zu hoch“ sagt Prof. Siegfried Zimmer am Ende seines Vortrags „Aufbruch in eine Erneuerung des christlichen Glaubens“ 1:10:10

2:  Auf den außenstehenden Beobachter wirkt Worthaus wie eine in sich kongruente Denkfabrik. Das hat mehrere Gründe:

  • Auf der Homepage werden alle Vorträge gleichermaßen leidenschaftlich beworben. Von Diskurs oder Widerspruch keine Spur.
  • Die 5 grundlegenden Worthaus-Thesen und die Grundvision von Worthaus geben einen gemeinsamen, durchgängigen Duktus vor.
  • Die Worthaus-Vorträge enthalten sich wiederholende Elemente, denen nirgends widersprochen wird, z.B. das Bekenntnis zum Segen der Universitätstheologie, die harsche Abgrenzung von den Konservativen / Evangelikalen / Fundamentalisten, das Bekenntnis zur Fehlerhaftigkeit und Widersprüchlichkeit biblischer Texte (Worthaus These 4) und einiges mehr.
  • Zimmer hält etwa 2/3 der Vorträge. Er war auf allen Worthaus-Tagungen dabei und prägt das Gesamtbild maßgebend. In einem Internetkommentar zu Worthaus 7 war jüngst zu lesen: „Siegfried „Siggi“ Zimmer bleibt selbstverständlich der uneingeschränkte Patriarch von Worthaus.“ Er ist DER prägende Referent von Worthaus mit allem, was er schon seit seinem Buch „Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben“ (2012) vertritt und mit all seiner ätzenden Herabwürdigung konservativer Christen.

Auf meine Nachfrage hin hat mir ein Worthaus-Referent jedoch versichert: Die Worthaus-Theologen seien sich keineswegs in allen Punkten einig. Hinter den Kulissen gäbe es viele Diskussionen. Die einheitliche Wirkung nach außen sei eine „optische Täuschung“. Es stellt deshalb eine der Übersichtlichkeit geschuldete Vereinfachung dar, wenn in diesem Artikel der Begriff „Worthaus“ so verwendet wird, als ob alle Vorträge eine geschlossene Sichtweise vertreten würden. Nicht zuletzt diese „optische Täuschung“ bedeutet jedoch: Jeder Worthaus-Referent promotet – gewollt oder ungewollt – mit seinem Namen letztlich alle Inhalte von Worthaus.

3:   So habe die Kirche z.B. 1800 Jahre lang die Gleichnisse Jesu irrtümlich allegorisch gedeutet (und sogar die Evangelienschreiber selbst hätten diesen Fehler gemacht!), und auch heute täten das bedrückenderweise immer noch Millionen von Christen, die keinen Kontakt zur Universitätstheologie haben (Prof. Zimmer in: „Ein Beispiel zur Arbeitsweise der modernen Bibelwissenschaft“ ab 24.12). Auch habe die Kirche bis ins 19. Jahrhundert praktisch durchgängig die falsche Lehre vertreten, dass der Tod eine Folge der Sünde und kein Schöpfungswerk Gottes sei (Prof. Zimmer: Ist der Mensch unsterblich erschaffen worden?)

4:   Wissenschaft wird oft fälschlicherweise mit Naturalismus gleichgesetzt, wonach alles immer und ausschließlich eine natürliche Ursache hat (was aber keine wissenschaftliche sondern eine philosophische Position darstellt). Vor diesem Hintergrund ist es bemerkenswert, wenn die universitäre christliche Theologie eine echte Wissenschaft im Sinne des Naturalismus sein möchte. Das bringt die Theologie in eine skurrile Situation: Viele “Lehrer von Gott” (=“Theologen”) rechnen in ihrer Forschung gar nicht mehr mit Gott! Sie betreiben ihre wissenschaftliche Forschung an der Bibel so als ob es Gott nicht gäbe („etsi Deus non daretur“ oder „methodischer Atheismus“). Folgerichtig misstrauen sie schon aus Prinzip den biblischen Berichten über Wunder, die Auferstehung oder die Jungfrauengeburt. Eingetroffene Prophetien halten sie prinzipiell für nachträgliche Manipulationen. Und natürlich muss eine solche „gott-lose“ Theologie die Bibel zwangsläufig als fehlerhaftes menschliches Machwerk einstufen. Wichtig ist dabei zu wissen: All das ist zunächst einmal kein Ergebnis kluger Forschungsarbeit, sondern nichts anderes als ein klassischer Zirkelschluss: Man bekommt das heraus, was man aufgrund der zugrunde gelegten Methode von Anfang an vorausgesetzt hat. Sollte Gott bei der Entstehung der Bibel doch eine Schlüsselrolle gespielt haben, dann muss diese Methode zwangsläufig zu völlig falschen Ergebnissen kommen.

5:  So lehrt z.B. Dr. Breuer: Jesu Grab war voll! „Ich bin überzeugt: Wenn man damals eine Videokamera am Grab Jesu installiert hätte, wäre nichts zu sehen gewesen. Nichts!“ Auch bei den Erscheinungen des Auferstandenen hätte eine Videokamera nichts gefilmt. Nur „sehr konservative Christen“ legten Wert auf das leere Grab. Aber eigentlich sei es genau wie die Jungfrauengeburt für den Glauben nicht von Bedeutung. Zwar sei der Tod Jesu ein historisches Ereignis, aber Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten auf keinen Fall. Die Tagesangaben zwischen diesen Ereignissen hätten nur metaphorische Bedeutung. Die Auferstehung war nur eine „Erkenntnis“ der Jünger, dass Jesus im Geist unter ihnen ist. Auch Paulus Begegnung mit dem auferstandenen Jesus sei eine „legendarische Ausschmückung“ von Lukas. In Dr. Thomas Breuer: Worauf gründet sich der Glaube an die Auferweckung Jesu von den Toten?

6:   Dazu schreibt z.B. der Alttestamentler C. John Collins: „Die Theologie kann nicht von der Geschichte getrennt werden, was wir an der Tatsache erkennen können, dass eine dieser ‚theologischen Wahrheiten‘ darin besteht, dass derjenige, der die Welt erschaffen hat, der gute Gott ist, der sich selber Israel offenbart hat, und nicht die launischen Götter anderer Völker – eine historische Behauptung!“ (C. John Collins (2011) Did Adam and Eve really exist? Who they were and why you should care. Wheaton, Illinois, S. 36., zitiert von Reinhard Junker in „Entmythologisierung für Evangelikale: Haben Adam und Eva wirklich nicht gelebt? 2014, S. 9)

7:   Aus dem Vortrag von Dr. Thomas Breuer “Die Bedeutung des Kreuzestodes aus heutiger Perspektive”

8:   In Prof. Zimmer: Warum das fundamentalistische Bibelverständnis nicht überzeugen kann

9:   Aus Siegfried Zimmer „Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben?“ 2012, S. 93

10: Wie schwierig die Definition der Unterscheidungskriterien ist und wie problematisch im Einzelfall die Unterscheidung echter Jesus-Zitate von nachträglichen Deutungen Jesu ist, wird dargelegt im Vortrag von Prof. Stefan Schreiber: „Auf der Suche nach dem historischen Jesus

11: „Wir werden fast keinen Spruch Jesu finden, wo alle Theologen sagen: Das ist tatsächlich ein Originalwort Jesu.“ Dr. Thomas Breuer in: „Die Bedeutung des Kreuzestodes Jesu aus heutiger Perspektive“ 1:09:50

12: Genau dies kritisiert auch Dr. Armin D. Baum in seinem Text „Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben? Eine Rückmeldung an Siegfried Zimmer.“ (Ichthys 46, 2008, S. 86): „Die Tatsache, dass mit bibelwissenschaftlichen Argumenten nahezu jede Aussage des Apostolischen Glaubensbekenntnisses bestritten worden ist und bestritten wird, kommt praktisch nicht in den Blick.“ Andererseits gibt es unter den Universitätstheologen natürlich auch konservative Vertreter mit evangelikalen hermeneutischen Ansätzen. Es gibt also nicht DIE Universitätstheologie. Festzustellen ist jedoch: Der Graben zwischen evangelikaler und universitärer Theologie ist tief, wie Prof. Christoph Raedel vom Arbeitskreis für evangelikale Theologie (AfeT) berichtet. Zwischen universitärer und evangelikaler Theologie bestehe eine Art „Ekelschranke“. Auf beiden Seiten gebe es Entfremdungsprozesse und Berührungsängste.“ (zitiert aus idea Spektrum vom 27.09.2017)  

13: „Jesu Tod an sich ist sinnlos. … Erlösend ist nicht der Tod am Kreuz, erlösend ist allein die Liebe Gottes.“ Dr. Thomas Breuer in “Die Bedeutung des Kreuzestodes aus heutiger Perspektive” 1.13.10

14: In Prof. Siegfried Zimmer: „Vom Sinn des Abendmahls“

15: Diese Ansicht wird ausführlich erläutert von Prof. Klaus von Stosch in seinem Vortrag: „Viele Religionen – Eine Wahrheit?

16: In Prof. Siegfried Zimmer: Ist der Mensch unsterblich erschaffen worden?

17: In Dr. Thomas Breuer: „Was geschieht nach dem Tod? – Die christliche Erwartung einer Auferweckung der Toten“

18: In Prof. Siegfried Zimmer: „Gottes Liebe und Gottes Gericht: Wie passt das zusammen?

19: In Prof. Siegfried Zimmer: „Gott und das Böse“

20: Dazu schreibt Dr. Armin D. Baum: „Für ZIMMER finden sich in der Bibel neben einer einheitlichen Grundbotschaft auch zahlreiche theologische Widersprüche. Die Einheit der Bibel sei „eine dialogische Einheit […] In dieser von Gott getragenen Gesprächsgemeinschaft haben auch kontroverse Positionen ihren Platz. […] Im Unterschied zu dieser von ZIMMER befürworteten Hermeneutik geht ein evangelikales Schriftverständnis von der Annahme aus, dass die Bibel – bei aller Unterschiedlichkeit der innerbiblischen Gesprächsbeiträge – nicht nur in ihren zentralen Aussagen, sondern insgesamt eine theologische Einheit darstellt und als solche respektiert werden will. Johannes warnt seine Leser ausdrücklich davor, zu „den Worten der Weissagung dieses Buches“ etwas hinzuzufügen oder etwas von ihnen wegzunehmen (Offb. 22, 18-19). Paulus hat für seine apostolische Botschaft einen vergleichbaren Anspruch erhoben (Gal. 1,1.8.11ff.; 1. Kor. 2, 13; 7, 17; 11,2.3.4; 14, 37 f.; 2. Kor. 13, 3; 1. Thess. 2, 13; 2. Thess. 2, 15; 3,6.14).“ In Dr. Armin D. Baum in seinem Text „Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben? Eine Rückmeldung an Siegfried Zimmer.“ Ichthys 46 (2008), S. 82-83

21: Evangelikale Theologie bekennt sich „zur göttlichen Inspiration der heiligen Schrift, ihrer völligen Zuverlässigkeit und höchsten Autorität in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung.“ (Theologische Grundlage des Arbeitskreises für evangelikale Theologie) Begriffe wie „Zuverlässigkeit“, „Wahrheit“, „Fehlerlosigkeit“ oder „Irrtumslosigkeit“ werden aber auch unter Evangelikalen immer wieder heiß diskutiert. Differenzierend vermerkt schon die sog. „Chicago-Erklärung“: „Wir verwerfen ferner die Auffassung, dass die Irrtumslosigkeit infrage gestellt werde durch biblische Phänomene wie das Fehlen moderner technischer Präzision, Unregelmäßigkeiten der Grammatik oder der Orthographie, Beschreibung der Natur aus dem Blickwinkel der subjektiven Beobachtung, Berichte über Unwahrheiten, durch den Gebrauch des Stilmittels der Hyperbel oder gerundeter Zahlen, thematischer Anordnung des Stoffes, unterschiedlicher Auswahl des Materials in Parallelberichten oder der Verwendung freier Zitate.“ (Artikel XIII). Heinzpeter Hempelmann vermerkte in der 14. seiner „18 Thesen und 10 Säulen zu einer Hermeneutik der Demut“: „Der Akzent bei der Bestimmung „Unfehlbarkeit“ liegt also nicht in der Behauptung einer in jedem Fall und in jeder Hinsicht notwendig gegebenen sachlichen Richtigkeit.“ Damit wollte er den biblischen Wahrheitsbegriff gegen einen seiner Meinung nach ihr fremden mathematisch-logischen Wahrheitsbegriff abgrenzen. Trotzdem galt auch für ihn (im Gegensatz zu Prof. Zimmer): „Die Bibel ist unfehlbar. Sowohl philosophische wie theologische Gründe machen es unmöglich, von Fehlern in der Bibel zu sprechen. Mit einem Urteil über Fehler in der Bibel würden wir uns über die Bibel stellen und eine bibelkritische Position einnehmen. Was dem Anspruch der Erweiterung unserer Erkenntnis dienen soll, würde durch ein solches Procedere gerade um seine erkenntnisproliferative Spitze gebracht und machte eine Auslegung der Heiligen Schrift als solche sinn-, zweck- und ergebnislos.“ (These 15)

22: Diese Position wird z.B. vertreten von Prof. Wilfried Härle in seinem Vortrag „Ist die Bibel Gottes Wort? Bibelauslegung, Bibelkritik und Bibelautorität“ Holger Lahayne schreibt dazu: „Erst ganz am Schluss beantwortet Härle die Frage des Vortrags. „Die Bibel ist durch ihren Inhalt Gottes Wort, indem sie Jesus Christus als das Menschgewordene Wort Gottes bezeugt. Indem sie das tut, wird sie und ist sie Wort Gottes.“ Die Bibel sei also im Kern funktionell Gottes Wort. Die Autorität der Bibel sei darin begründet, dass sie die Kraft hat, Glauben zu wecken und Hoffnung zu geben (ähnlich übrigens auch Christian A. Schwarz in Die dritte Reformation, Teil 2, Kap. 2). All dies erinnert an die Aussagen, die Bullinger im Zweiten Helveticum zur Gemeindepredigt macht, die insofern auch Gottes Wort ist, als sie das Wort Gottes recht auslegt und zum Glauben führt und ihn wachsen lässt. Gott nutzt dieses Instrument, um Glauben zu wecken. An sich sind die Worte menschlicher Prediger aber sicher nicht Gottes Wort. Die Predigt bezieht sich zurück auf das göttliche Wort, das seine Autorität wesensmäßig auch, aber nicht nur von seiner Funktion herleitet. Es stimmt ja beides: Weil die Bibel den Glauben wirkt, hat sie Autorität. Aber andersherum gilt genauso – und davon sagt Härle kein Wort: Weil das Wort an sich Gott zum Autor hat, kann es überhaupt so wirken. Weil Gott sich in seinem Wort durch menschliche Zeugen bezeugt, wirkt das Wort der Bibel.“ (Holger Lahayne in „Ist die Bibel Gottes Wort?“)

23: So schrieb mir z.B. ein Worthaus-Referent auf meine Nachfrage, ob für ihn denn das „Solus Christus“ noch gilt: „Es gilt, wenn ich unter Christus den Logos verstehe. Dieser ist in Jesus da, so dass ich in Jesus in allem mit dem Logos konfrontiert werden. Das bedeutet aber nicht das Jesus mit dem Logos identisch ist. Jesus ist ganz und gar der Logos. Aber der Logos ist nicht nur Jesus. Der Logos hat schon zu den Propheten gesprochen, als er noch gar nicht mit Jesus hypostatisch geeint war. Von daher solus Christus: Ja! Aber das impliziert nicht: solus Iesus!“

24: Besonders in „Prof. Siegfried Zimmer: Luthers Verständnis des Wortes“

25: Dazu schreibt Dr. Armin D. Baum: „Während es demnach nach evangelikaler Überzeugung im zwischen Theologen geführten Diskurs zahllose Irrtümer und Fehler, kontroverse Positionen und Widersprüche gibt, stehen die inspirierten Propheten und Apostel des Alten und Neuen Testaments mit ihrem Wahrheits- und Offenbarungsanspruch auf einer höheren Ebene. So besagt es das klassische christliche Schriftverständnis, dass bereits die Kirchenväter und Reformatoren vertreten haben. LUTHER schrieb 1520 in seiner Assertio omnium articulorum: „Welch große Irrtümer sind schon in den Schriften aller Väter gefunden worden? Wie oft widerstreiten sie sich selbst?  Wie oft weichen sie voneinander ab? […] Niemand hat eine mit der Schrift gleichwertige Stellung erlangt […] Ich will […], dass allein die Schrift regiert […] Dafür habe ich als besonders klares Beispiel das des Augustinus, […] [der] in einem Brief an den Heiligen Hieronymus sagt: ‚Ich habe gelernt, allein diesen Büchern, welche die kanonischen heißen, Ehre zu erweisen, so dass ich fest glaube, dass keiner ihrer Schreiber sich geirrt hat. Andere aber, wie viel sie auch immer nach Heiligkeit und Gelehrtheit vermögen, lese ich so, dass ich es nicht darum als wahr, glaube, weil sie selbst so denken, sondern nur insofern sie mich durch die kanonischen Schriften oder einen annehmbaren Grund überzeugen konnten“. Aus Dr. Armin D. Baum in seinem Text „Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben? Eine Rückmeldung an Siegfried Zimmer.“ Ichthys 46 (2008), S. 83

26: Dr. Armin D. Baum in „Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben? Eine Rückmeldung an Siegfried Zimmer.“ Ichthys 46 (2008), S. 83

27: C.H. Spurgeon „Finales Manifesto“ Fontis Verlag 2015, S. 24

28: in Dr. Armin D. Baum in „Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben? Fortsetzung eines schwierigen Gesprächs“ S. 6

29: aus Michael Kotsch: „Diffamierung als „bestes“ Argument“

30: Besonders empfohlen seien hier im direkten Zusammenhang mit Worthaus und Prof. Siegfried Zimmer:

31: Ron Kubsch: „Sollte Gott gesagt haben? Was steckt hinter der Bibelkritik?“ S. 22

32: Dazu schreibt Dr. Armin Baum: „Selbstverständlich kann auch ein nicht-evangelikales Schriftverständnis in einem „fundamentalistischen“ Sinne wirksam werden. Dies geschieht beispielsweise, wenn die Frage der übernatürlichen Offenbarung Gottes in der Geschichte nicht prinzipiell offen gehalten, sondern von vornherein negativ entschieden wird. Es geschieht, wenn die Wissenschaftlichkeit eines exegetischen Beitrags nicht aufgrund der Methode oder der Argumente, sondern anhand erzielter oder vorausgesetzter Einzelergebnisse beurteilt wird. Es geschieht, wenn versucht wird, bibelwissenschaftliche Beiträge aus anderen theologischen Lagern aufgrund ihrer theologischen Herkunft nicht zur wissenschaftlichen Diskussion zuzulassen. Es geschieht auch dann, wenn althergebrachte Überzeugungen aus Bequemlichkeit nicht mehr zur Diskussion gestellt werden. Derartige Gefahren und Missstände werden gelegentlich auch innerhalb des nichtevangelikalen Lagers selbstkritisch benannt. So diagnostizierte der Neutestamentler Dieter Sänger in Teilbereichen seiner Disziplin „einen gefährlichen Trend, der ein Grundprinzip wissenschaftlicher Arbeit auszuhebeln drohte: die Bereitschaft nämlich, positionelle Differenzen zu respektieren, die Stichhaltigkeit von Argumenten vorbehaltlos zu prüfen und sich gegebenenfalls von ihnen korrigieren zu lassen … die Beharrlichkeit, mit der missliebige Forschungspositionen und hermeneutische Alternativen ignoriert, abgekanzelt oder schlicht für absurd erklärt wurden, um sich ihrer zu entledigen, nährte bei mir den Verdacht, sie sollten von vornherein diskreditiert und so ins theologische Abseits befördert werden“. Auch hier gilt: Vor fundamentalistischen Versuchungen müssen nicht nur evangelikale, sondern Christen und Theologen aller Prägungen auf der Hut sein.“ Aus Dr. Armin D. Baum in „Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben? Fortsetzung eines schwierigen Gesprächs“ S. 8

9 vergessene biblische Basics

Warum die Kirche keine neuen Ideen braucht, um gesund zu werden

Kaum eine Kirche hat so viele Bibeln, Bücher und Theologen wie die Kirche in Deutschland. Trotzdem ist sie krank. Nicht weil ihr theologische Spezialkenntnisse fehlen, sondern weil sie einige der grundlegendsten und zentralsten Aussagen der Bibel vernachlässigt:

  1. Das Reich Gottes ist DAS Thema des Neuen Testaments. Jesu Reden hatten das Ziel, den Menschen „das Reich Gottes begreiflich zu machen“ (Matth. 22, 1). Er lehrte uns beten: „Dein Reich komme. Dein Wille geschehe.“ Damit stellte er klar: Wer zu diesem Reich gehören will muss sich dem Willen Gottes unterordnen. Es geht um einen Herrschaftswechsel! Reden wir wieder darüber, damit die Kirche ihren Auftrag wahrnimmt, das Evangelium vom Reich Gottes in die ganze Welt zu tragen – bis alle Völker es gehört haben (Matth. 24, 14).

  2. Gottesfurcht ist kein Spezialthema für Superfromme sondern die Basis aller Weisheit und Erkenntnis (Spr. 9, 10). Gott ist kein netter Opa, der unsere Fehler weglächelt. Er sitzt nicht in einem Schaukelstuhl sondern auf einem Thron. Er ist ein verzehrendes Feuer mit Macht über ewiges Leben und ewigen Tod. Reden wir wieder darüber, dass wir einen eifersüchtigen Gott haben, dem allein alle Ehre gehört und vor dem sich eines Tages jedes Knie Tages beugen wird. Wohl uns, wenn wir jetzt schon damit anfangen. Wehe uns, wenn wir sein Wort nach unserem Gusto verkürzen, ergänzen oder uminterpretieren (Offb. 22, 18-19).

  3. Ein reines Herz und ein gutes Gewissen war für Paulus das Wichtigste, was er mit seinem Dienst hervorbringen wollte (1. Tim. 1, 5): „Das Ziel meiner Unterweisung ist, dass alle Christen von der Liebe erfüllt sind, die aus einem reinen Herzen kommt, aus einem guten Gewissen und aufrichtigem Glauben.“ Petrus sah die Taufe als eine Bitte um ein reines Gewissen (1. Petr. 3, 21). Als David sich seiner Schuld bewusst wurde betete er: „Schaffe in mir ein reines Herz!“ (Ps. 51, 12) Höchste Zeit, dass auch wir wieder so beten und über die Wichtigkeit eines reinen Gewissens sprechen, um Gott begegnen (Ps. 24, 3+4), zuversichtlich beten (1. Joh. 3, 21) und wie David mutig handeln zu können.

  4. Buße: In Hebr. 6, 1 ärgert sich der Briefschreiber, dass er die Christen immer wieder über das Basis-Einmaleins des Glaubens aufklären muss, beginnend mit: Buße – der Umkehr von den toten Werken. Nicht nur Johannes der Täufer, auch Jesus begann seine Predigt mit dem Ruf: Tut Buße (Matth. 4, 17)! Deshalb hat die Kirche auch heute nicht das Recht, den Menschen nach dem Mund zu reden. Sprechen wir stattdessen wie Jesus und die ersten Christen wieder über die Notwendigkeit, von falschen Wegen umzukehren.

  5. Der alte und der neue Mensch: Christwerden bedeutet nicht, die Bibel für wahr zu halten oder den ethischen Kompass zu ändern. Christ werden wir, indem unser alter Mensch am Kreuz mit Christus stirbt (Röm. 6, 6+7) und durch den Heiligen Geist erneuert wird (Röm. 8, 1-17). Wer nicht von neuem geboren wird kann nicht ins Reich Gottes kommen (Joh. 3, 3-5)! Also reden wir wieder darüber: Auf dem Weg des Lebens gibt es keine Abkürzung am Kreuz vorbei und keine Alternative zur Kraft des Heiligen Geistes.

  6. Geld: Jesus hat mehr über Geld und Besitz gesprochen als über Glaube und Gebet zusammen. 16 seiner 38 Gleichnisse befassen sich damit. Er hat gesagt: Gott UND dem Geld dienen ist unmöglich (Mt. 6, 24). Ganz offensichtlich gab es für Jesus keine größere und gefährlichere Versuchung als die Verlockung des Geldes. Auch Paulus hatte keine Scheu, sich 2 lange Kapitel mit Geld zu befassen (2. Kor. 8+9). Warum sprechen wir dann ausgerechnet in dem Land, in dem es Geld im Überfluss gibt, fast nie über dieses zentrale biblische Thema?

  7. Gericht und ewige Gottesferne sind Realitäten, vor denen gerade Jesus selbst uns wieder und wieder gewarnt hat. Das Evangelium ist eine Frohbotschaft, nicht weil es die Realität der Hölle ausblendet sondern weil es uns vor ihr rettet! Wenn unser Meister so viel darüber gesprochen hat sollten auch wir darüber reden: Das wichtigste im Leben ist, dass unser Name im Buch des Lebens steht (Luk. 10, 20; Offb. 20, 11-15), weil wir durch Christi Blut im Gericht gerecht gesprochen werden (Röm. 5, 9) und in Ewigkeit bei Gott sein dürfen statt ewig von ihm getrennt zu sein. DAS ist am Ende entscheidend!

  8. Predigt und Gebet waren DIE Hauptprioritäten der urchristlichen Gemeindeleiter. Organisatorische Aufgaben delegierten sie lieber schnell an Andere, damit ihnen dafür genügend Zeit bleibt (Apg. 6, 1-4). Während uns Predigten auch heute noch wichtig sind ist das Gebet in unserer Prioritätenliste leider weit nach hinten gerutscht. Dabei hat Paulus hat fast penetrant betont: Dankt und betet allezeit, beharrlich und ohne Unterlass. Die zahlreichen biblischen Verheißungen über Gebet sollten uns klar machen: Wir haben nicht, weil wir nicht bitten (Jak. 4, 2). Reden wir darüber, damit eine neue Gebetskultur gedeihen kann.

  9. Gott lieben mit ganzem Herzen und ganzer Kraft war für Jesus das wichtigste aller Gebote (Mark. 12, 28-30). Zwar ist auch heute in der Kirche viel von Liebe die Rede. Aber so oft geht es nur um die Liebe zu Menschen. Eine Kirche, die die Liebe zu Gott vernachlässigt, verliert bald auch alles andere (Offb. 2, 4-5). Reden wir wieder darüber, was es bedeutet, Gott zu lieben und wie wir diese Liebe im Alltag praktisch leben und lebendig halten können.

Die Bibel ist in ihren wichtigen Aussagen sehr klar und einfach zu verstehen. Die Kirche braucht keine neuen Ideen oder Spezialerkenntnisse. Wir müssen ganz einfach das leben und in die alltägliche Praxis umsetzen, was ganz offensichtlich im Zentrum der biblischen Botschaft steht. Dann wird die Kirche gesund.

Vertiefend dazu:

Zu 1 “Das Reich Gottes”:
These 15: Die Kirche verkündigt das Evangelium vom anbrechenden Reich Gottes!

Zu 2 “Gottesfurcht”:
Ein Freund! Ein guter Freund…? Ist eine Freundschaft mit Gott möglich?

Zu 3 “Ein reines Herz”:
Ein reines Herz – Warum ein reines Gewissen so wichtig ist
Dem Vater in die Augen schauen – Wie wir ein reines Herz gewinnen können
(AiGG-Buch Kap. 5)

Zu 4 “Buße”:
Schenk uns Buße! Umkehren auf den Weg in die Freiheit
Change! Ein Plädoyer für eine Kirche mit Profil
These 22: Die Kirche darf nicht Gnade predigen ohne auch zur Buße zu rufen!
Raus aus der Sackgasse – Umkehr zu Heilung und Leidenschaft (AiGG-Buch Kap. 6)

Zu 5 “Der alte und der neue Mensch”:
Warum das Kreuz? Die Mitte der Heilsbotschaft für die ganze Menschheit
Am Scheideweg – Befreit durch das Kreuz und verwandelt durch Gnade (AiGG-Buch
Kap. 7)

Erfüllt! Der Heilige Geist macht den Unterschied
Energiewende – Leben aus einer neuen Kraftquelle (AiGG-Buch Kap. 8)

Zu 6 “Geld”:
These 85: Die Kirche muss lernen, fröhlich zu geben und Gott zu vertrauen!
These 86: Gott und nicht das Geld muss die Kirche leiten!

Zu 7 “Gericht und ewige Verdammnis”:
These 23: Die Kirche hat den Auftrag, das Gericht für alle Menschen anzukündigen!
These 24: Die Kirche darf nicht verschweigen, dass es eine ewige Verlorenheit gibt!

Zu 8 “Predigt und Gebet”:
These 39: Wortverkündigung und Gebet sind die Hauptaufgaben von Kirchen- und
Gemeindeleitern!
Den schlafenden Riesen wecken Von der ungeheuren Kraft des Gebets
Feiern und Beten in Gottes Gegenwart (AiGG-Buch Kap. 11)

Zu 9 “Gott lieben”:
Woran die Kirche krankt – und welche Medizin WIRKLICH hilft
1000 mal gehört – 1000 mal ist nix passiert… Wie Gottes Liebe erlebbar wird

Christus allein!

Für Christen objektiv oder subjektiv wahr?

Standen Sie schon mal vor der Herausforderung, abnehmen zu müssen? Wenn ja, dann wissen Sie: Die Welt der Diäten ist ein Universum voller subjektiver Wahrheiten. Es gibt eben nicht DIE 1 Antwort, die für Alle passt. Worauf der Eine schwört ist für den Anderen Humbug. Nicht umsonst nehmen sich seriöse Ernährungsberater viel Zeit für einen ergebnisoffenen Dialog mit dem Betroffenen, um eine Lösung zu finden, die speziell für ihn richtig ist. Es wäre absolut lieblos und falsch, die subjektiven Wahrnehmungen und Lösungsansätze zu übergehen.

Ganz anders ist die Situation, wenn ein schwarzes Melanom auf der Haut sichtbar wird. Dann kann es keine 2 Meinungen sondern objektiv nur DIE 1 Antwort geben: So schnell wie möglich zur Operation beim Hautarzt! Zwar ist auch hier ein respektvoller und einfühlsamer Dialog sinnvoll. Aber klar ist: Um dem Betroffenen das Leben zu retten müssen wir ihn am Ende für die objektive Wahrheit gewinnen! Solange er es für besser hält, seinen Hautfleck mit Nivea-Creme zu behandeln wäre es absolut lieblos und falsch, ihn in seiner subjektiven Wahrnehmung zu bestätigen.

Blogbild Christus allein groß

Subjektive und objektive Wahrheiten unterscheiden sich also grundlegend voneinander. Das gilt auch in der Theologie. Unstrittig gilt z.B. in der evangelischen Kirche die Aussage „Solus Christus – Christus allein“ als wahr. Neuerdings stellt die Evangelische Kirche jedoch die These auf, dass dieses zentrale Bekenntnis der Reformation zu den subjektiven, nicht zu den objektiven Wahrheiten gehört. So schreibt die EKD in ihrem Papier „Reformation und Islam“, dass die reformatorische Rede von „Christus allein“ zwar damals noch einen Ausschluss anderer Vorstellungen beinhaltete. Heute könne man das aber nicht mehr ohne weiteres so sehen. Erstens weil die biblischen Texte nicht mehr wie damals als unmittelbares »Wort Gottes« verstanden werden könnten. Zweitens äußert die EKD:

„Die Herausforderung besteht darin, von Christus zu sprechen, aber so, dass dabei nicht der Glaube des anderen abgewertet oder für unwahr erklärt wird. So wie für den Christen das Gehören zu Christus der einzige Trost im Leben und im Sterben ist, so ja auch für den Anhänger der anderen Religion sein spezifischer Glaube.“ (Seite 25)

Für mich mag also gelten: Christus allein ist mein Trost. Für andere Menschen (z.B. Muslime) gilt eben eine andere subjektive Wahrheit. Passend dazu ist im gesamten Papier vom Missionsauftrag keine Rede. Stattdessen wird nur vom Dialog gesprochen, aber ohne missionarisches Ziel, wie das bei subjektiven Wahrheiten eben üblich ist.

Im gleichen Atemzug sagt die Kirche, dass die Bibel für sie nicht mehr Wort Gottes ist. Das kann eigentlich auch gar nicht anders sein, schließlich steht die Subjektivierung des „Christus allein“ im krassen Widerspruch zum biblischen Zeugnis. Man denke nur an den Satz Jesu: „Niemand kommt zum Vater außer durch mich“ oder an den Ausruf von Petrus: „In ihm allein gibt es Erlösung! Im ganzen Himmel gibt es keinen anderen Namen, den die Menschen anrufen können, um errettet zu werden.“ Dazu kommt: Die komplette biblische Heils- und Weltgeschichte ist auf Christus zugeschnitten. Von der ersten bis zur letzten Seite sagt die Bibel: Christus ist das Zentrum der Geschichte Gottes mit allen Menschen. Wer die zentrale Rolle von Christus subjektiviert muss deshalb zwangsläufig die ganze Bibel subjektivieren.

Hier wird die tiefe und existenzielle Krise der Theologie und der Kirche deutlich: Sie glaubt selbst nicht mehr daran, objektive Wahrheiten in den Händen zu halten. Und so hat sie auch nichts mehr, woran man sich sicher halten kann, weder im Leben noch im Sterben. Wenn alles gleich gültig ist, ist alles gleichgültig. Kein Wunder, dass die Botschaft der Kirche heute weder als attraktiv noch als provokant wahrgenommen wird sondern einfach nur noch desinteressiertes Achselzucken hervorruft.

Deshalb ist es 500 Jahre nach Luther allerhöchste Zeit für eine neue Reformation. Buchstabieren wir es heute wieder neu: Allein die Schrift! Christus allein! Für alle Menschen, zu allen Zeiten! Nur so hat Kirche Zukunft.

Siehe auch:

Hat Daniel das Datum der Kreuzigung vorhergesagt?

Das Alte Testament ist voller Vorhersagen über Jesus! Abstammung, Jungfrauengeburt, Geburtsort, Einzug auf einem Esel in Jerusalem, Kreuzigung: All das und vieles mehr ist im Alten Testament genannt und beschrieben. Besonders spektakulär ist die Vorhersage über den Zeitpunkt der Kreuzigung (Daniel 9, 24-27):

24 Über dein Volk und über deine heilige Stadt sind 70 Wochen (das sind Jahrwochen, d.h. Abschnitte zu je 7 Jahren) bestimmt, um der Übertretung ein Ende zu machen und die Sünden abzutun, um die Missetat zu sühnen und eine ewige Gerechtigkeit herbeizuführen, um Gesicht und Weissagung zu versiegeln und ein Allerheiligstes zu salben. 

25 So wisse und verstehe: Vom Erlass des Befehls zur Wiederherstellung und zum Aufbau Jerusalems bis zu dem Gesalbten (oder Messias, griechisch Christus), dem Fürsten, vergehen 7 Wochen und 62 Wochen; Straßen und Gräben werden wieder gebaut, und zwar in bedrängter Zeit. 

26 Und nach den 62 Wochen wird der Gesalbte ausgerottet werden, und ihm wird nichts zuteil werden; die Stadt aber samt dem Heiligtum wird das Volk des zukünftigen Fürsten zerstören, und sie geht unter in der überströmenden Flut; und bis ans Ende wird es Krieg geben, fest beschlossene Verwüstungen. 

27 Und er wird mit den Vielen einen festen Bund schließen eine Woche lang; und in der Mitte der Woche wird er Schlacht- und Speisopfer aufhören lassen, und neben dem Flügel werden Greuel der Verwüstung aufgestellt, und zwar bis die fest beschlossene Vernichtung sich über den Verwüster ergießt.“

Dass es hier tatsächlich um die Kreuzigung geht ist offensichtlich: Die Sünden werden „abgetan“ und gesühnt durch den Christus-Messias, der „ausgerottet“ wird. Geschehen soll das gemäß V. 24 genau 70 Jahrwochen (= 490 Jahre) nach dem Erlass zur Wiederherstellung Jerusalems.

Blogbild Daniel Jahrwochen

Im Alten Testament gibt es 4 Dekrete zum Aufbau Jerusalems, nämlich von König Kyrus (Esra 1, 1-4), Darius (Esra 6, 1-12) und 2 von Artaxerxes (Esra 7, 11-26, Nehemia 2, 1-8). Welches ist gemeint? Wenn Daniels Prophetie stimmt müsste es ja genau 490 Jahre vor der Kreuzigung erlassen worden sein.

Auch das Datum der Kreuzigung ist umstritten. Als Favorit gilt für Viele der 3. April 33 n. Chr. (siehe auch hier oder hier). Wenn das stimmt müsste der Erlass also aus dem Jahr 458 v.Chr. stammen (beim Rechnen beachten, dass das Jahr 0 nicht gezählt wird). Aber passt eines der 4 Dekrete dazu?

In Esra 7, 7+9 lesen wir, dass Esra im 7. Jahr der Herrschaft von Artaxerxes am 1. Tag des 1. Monats den königlichen Erlass im Gepäck hatte, als er nach Jerusalem aufbrach. Glücklicherweise kann laut der Neues Leben-Bibel „eine ganze Reihe von Ereignissen in Esra anhand der Daten in erhaltenen babylonischen/persischen Dokumenten überpüft und zu unserem heutigen Kalender in Beziehung gesetzt werden.“ Konkret vermerkt die NL-Bibel zum Datum in Esra 7, 9a: “Das Ereignis (also die Abreise Esras nach Jerusalem) fand am 8. April des Jahres 458 v.Chr. statt.“

Bäm, was für ein Volltreffer!!! Nicht nur das Jahr stimmt, auch noch der Monat und sogar der Tag (kurz vor der Abreise am 8. April) könnte passen. Auch wenn man berücksichtigt, dass es sowohl für das Dekret als auch für die Kreuzigung mehrere Datums-Kandidaten gibt, ist das doch äußerst verblüffend. Schließlich konnte Daniel nicht annähernd wissen, wann der Messias kommt – so wie er ja auch nicht wissen konnte, dass er zur Sühnung von Sünden „ausgerottet“ wird. Fakt ist zudem, dass der Daniel-Text lange vor Jesus fertig vorlag. Die Prophetie kann also unmöglich nachträglich angepasst worden sein.

Dazu kommt: Unter den 4 oben genannten königlichen Dekreten ist dieses aus dem Jahr 458 sicher besonders passend, denn bei Kyrus und Darius ging es nur um den Wiederaufbau des Tempels. Erst beim Dekret von 458 v.Chr. sollen auch Richter und Obrigkeiten eingesetzt werden. Und erst in der Zeit von Artaxerxes wird auch berichtet, dass Jerusalems Mauer wieder aufgebaut wird. Der Erlass, den Nehemia 13 Jahre später erhielt, war wohl nur eine Bestätigung des ersten Dekrets, weil es angesichts zahlreicher Widerstände nicht voranging mit dem Aufbau. Das passt also!

Aber das ist noch nicht Alles, worüber man in Bezug auf Daniels Jahrwochen staunen kann. Es kommt noch besser:

Die Kreuzigung fand am Passahfest und somit an einem extrem symbolträchtigen Datum statt: Sie war DIE Erfüllung dessen, was Israel beim Auszug aus Ägypten (dem Ursprung des Passahfestes) erlebte: Das Blut des Lammes schützt vor Gericht und Tod. Daniels Jahrwochen bringen nun noch eine zusätzliche tiefgründige Symbolik ins Spiel: In Moses Gesetz war festgelegt worden, dass nach 7 x 7 (=49) Jahren ein sogenanntes Jubeljahr oder Erlassjahr folgen sollte, in dem alle Schulden erlassen werden. Jesus hat mit seinem Sühnetod nun das ultimative Erlassjahr eingeläutet, in dem nicht nur die Sünden von 7 x 7 Jahren sondern von 70 x 7 Jahren vergeben werden! Damit wird deutlich: Die Gnade Jesu ist noch einmal eine Dimension größer als die Gnade des Alten Bundes! Deshalb verwendet Jesus genau diese Zahlen, als er Petrus erklärte, wie oft wir unseren Schuldnern vergeben sollen (Matth. 18, 21-22)!

All das zeigt: Es geht hier um sehr viel mehr als um Zahlenspiele für Bibel-Freaks. Zahlen, Geschichten und Prophetien der Bibel sind immer höchst bedeutungsgeladen. Was nicht heißt, dass sie immer nur symbolisch gemeint sind. Gott ist der Herr der Geschichte! Reales Geschehen und Symbolik fließen bei ihm ineinander. Das zeigt sich auch, wenn man noch tiefer in diesen Daniel-Text eindringt:

Warum spricht Daniel in Vers 25 und 26 plötzlich nur noch von 69 (7+62) statt 70 Wochen? Gemäß Vers 25 sind es 69 Jahrwochen (also 483 Jahre) „bis zu dem Gesalbten“ bzw. Messias. Das kann man so verstehen, dass nach 69 Jahrwochen die „messianische Zeit“ beginnt, demnach also im Jahr 26 n.Chr., 7 Jahre vor der Kreuzigung. Da Jesus nur 3 ½ Jahre öffentlich auftrat kann sich das nicht auf den Beginn seines Wirkens beziehen. Die Geschichte von Jesus beginnt allerdings in allen Evangelien bereits mit dem Wirken von Johannes dem Täufer, der auch von alttestamentlichen Propheten als Wegbereiter des Messias angekündigt war. Gemäß Lukas 3, 1 begann Johannes seinen Dienst im 15. Jahr der Regierung von Tiberius. Das könnte im Zeitraum von 26 – 29 n.Chr. gewesen sein, je nachdem, welche Zeitrechnung und welchen Herrschaftsbeginn von Tiberius man ansetzt. Gut möglich also, dass Johannes seinen Dienst tatsächlich im Jahr 26 begonnen hat. Damit wäre die 70. Jahrwoche mit je 3 ½ Jahren Dienstzeit von Johannes und Jesus gefüllt!

Weil Israel seinen Messias abgelehnt hat führte der Ablauf der 70. Jahrwoche allerdings nicht dazu, dass der Messias sein Königreich aufrichtete (ihm wurde „nichts zuteil“, V. 26), obwohl das im Alten Testaments vorhergesagt wurde und von den Juden deshalb erwartet worden war. Deshalb geht Israel jetzt noch einmal durch eine Wüstenzeit – so wie damals, als es am Eingang des gelobten Landes Gott abgelehnt hatte und trotz Gottes Verheißung noch einmal 40 Jahre durch die Wüste gehen musste.

Aber genau wie damals hat Gott Israel nicht aufgegeben! Er wird noch einmal 7 Jahre für Israel investieren – genau wie Jakob, dem nach seinem 7-jährigen Dienst für seine geliebte Rahel (ein Bild für Israel) zunächst Lea als Braut gegeben wurde (ein Bild für die Kirche). Diese zweiten 7 Jahre werden allerdings einen ganz anderen Charakter haben: So wie bei Josef werden auf die 7 guten (Messias-)Jahre 7 dürre Jahre der Trübsal folgen. Und genau wie bei Josef werden die Israeliten ihren Bruder und König, den sie zuvor verstoßen hatten (Josef bzw. Jesus), nicht in den 7 guten sondern erst in den 7 schlechten Jahren erkennen (Sacharja 12, 10)!

Die Bibel berichtet an vielen Stellen, dass diese Wiederholung der 70. Jahrwoche genau wie die messianische Jahrwoche in 2 Hälften aus je 3 ½ Jahren aufgeteilt sein wird (Daniel 9, 27; 12,7; 7,25, Offenbarung 11,2+3; 13,5). Jedoch wird nicht Christus sondern der Antichrist diese Zeit prägen. Nach 3 ½ Jahren verwüstet er den Tempel (siehe auch Daniel 11,31; 12,11; Matth. 24,15) bis er schließlich von Christus besiegt wird. Ist es nicht faszinierend, wie das alles miteinander zusammenhängt?

Blogbild Zeitübersicht Jahrwochen

In Daniel 12, 4 lesen wir: „Du aber, Daniel, verschließe diese Worte und versiegle das Buch bis zur Zeit des Endes! Viele werden darin forschen, und die Erkenntnis wird zunehmen.“ Auch hier hat Daniel Recht behalten: Zahlreiche Theologen haben sich inzwischen mit Daniels Jahrwochen befasst. Noch gehen ihre Interpretationen z.T. ziemlich auseinander*. Ob die hier geschilderten Deutungen alle so stimmen und einen Erkenntnisfortschritt darstellen weiß ich natürlich auch nicht genau. Das ist im Detail auch nicht so wichtig und bestimmt kein Grund zum Streiten.

Aber Fakt ist: Die 70 Jahrwochen Daniels sind ein weiterer Beleg für die vielen faszinierenden buchübergreifenden Zusammenhänge und Querverweise in der Bibel und für die unglaubliche Treffsicherheit biblischer Prophetie. Daniel hat ja noch viel mehr phantastisch genaue Vorhersagen gemacht, vor allem über die nach ihm kommenden Königreiche, zum Teil sogar mit der genauen Nennung von Namen! Außerdem sind viele der Vorhersagen in Bezug auf die Neuzeit, die Daniel und andere biblische Autoren gemacht haben, bereits in beeindruckender Weise eingetroffen.

Also lasst uns mehr denn je der Bibel vertrauen. Sie ist ganz eindeutig Gottes verlässlicher Kompass im Durcheinander unserer Zeit!

*Weit verbreitet ist eine Deutung und Berechnung von Robert Anderson (weiter entwickelt von Harold Hoehner), in der ausgehend vom Nehemia-Dekret mit 360-Tage-Jahren bis zur Kreuzigung gerechnet wird. In dieser Kritik legt der Theologe Derek Walker dar, warum das nicht sachgerecht erscheint.

Siehe auch:

Bibel für Alle: Die Klarheit der Schrift

Macht die Bibel eindeutige, unmissverständliche Aussagen? Scheinbar nicht! Schließlich kann man heute zu praktisch jeder theologischen Lehre Theologen finden, die genau das Gegenteil behaupten, selbst in zentralsten Fragen, in denen sich die Kirche bisher quer durch die Jahrhunderte hindurch vollkommen einig war. Immer öfter äußern Theologen ihre Meinung außerdem mit dem Zusatz: Aber das kann man auch ganz anders sehen! Ganz dem Trend der Postmoderne folgend sind eindeutige theologische Aussagen zunehmend verpönt. Sie werden mit Arroganz und Lieblosigkeit gleichgesetzt. So wird die Theologie dem in der Postmoderne so angesagten Relativismus und Subjektivismus unterworfen.

Natürlich ist klar, dass man zu vielen modernen Bibelauslegungen nicht durch einfaches Bibelstudium gelangt sondern nur durch die moderne Bibelkritik, die den Glauben an die Fehler- und Widerspruchsfreiheit der Bibel aufgegeben hat. Damit einher geht oft die Schlussfolgerung: Laien, die nicht eingeweiht sind in moderne Theologie, Archäologie, historische Wissenschaften und antike Sprachen hätten eigentlich keine Chance, sich selbst ein angemessenes Bild von den Aussagen der Bibel zu machen. Schließlich wissen sie nichts über die Überlieferungsgeschichte, über die antiken Weltbilder und über die historischen Hintergründe der biblischen Texte. Somit könnten sie auch die Aussageabsicht nicht verstehen und nicht einschätzen, wie verlässlich und gültig die biblischen Aussagen heute sind.

Ist das so? Ist fehlende wissenschaftliche Kenntnis (so wie früher die fehlende Lateinkenntnis) ein unüberwindliches Hindernis für das Verständnis der Bibel?

Blogbild Bibel für Alle

Im März 2016 hat Kevin deYoung bei der Evangelium21-Konferenz in Hamburg einen Vortrag gehalten, der zu diesem Thema ein wahrer Augenöffner ist. Es geht dabei um die Lehre von der „Klarheit der Schrift“. Eindrücklich macht deYoung deutlich: Wer behauptet, dass die Bibel nicht aus sich heraus klar verständlich sei und (auch von Laien) nicht eindeutig verstanden werden könnte verspielt die zentralsten Errungenschaft der Reformation! Denn Luther hat mit seiner Übersetzung die Bibel in die Hand der einfachen Menschen gegeben. Damit hat er die Grundlage für die heutige Denk- und Religionsfreiheit gelegt und eine weitreichende geistliche Erneuerungsbewegung ausgelöst (die im Pietismus mit ihren “Stunden”, in denen Laien die Bibel auslegen durften, eine großartige Fortsetzung fand).

Deshalb, ihr lieben „Laien“ und ganz gewöhnlichen Christen: Lasst Euch nicht verwirren und nicht entmutigen! Die Bibel ist Gottes Wort. Und sie ist so einfach und klar geschrieben, dass alles Wesentliche vom JEDEM verstanden werden kann, der die Bibel mit einem hörenden Herzen studiert und dabei vertraut, dass Gott durch dieses Buch zu uns spricht. Gebt Eure Erkenntnisse, die Ihr in Eurem persönlichen Bibelstudium gewinnt, mutig weiter in Euren Gruppen, Kreisen und Treffen! Tragt mit dazu bei, dass das Wort Christi reichlich unter uns wohnt (Kol. 3, 16)! Nicht immer werden unsere Auslegungen zu 100 % stimmen, aber das ist bei studierten Theologen und Wissenschaftlern auch nicht anders. Wir haben einen Vater im Himmel, der Wohlgefallen daran hat, Dinge den Weisen und Klugen zu verbergen und es den Unmündigen zu offenbaren (Lukas 10, 21). Gerade im Jahr des Reformationsjubiläums dürfen wir die zentrale reformatorische Errungenschaft der „Bibel für Alle“ neu mutig in Anspruch nehmen.

Allen, die sich mit der Auslegung der Bibel beschäftigen und Verantwortung in der Gemeinde Jesu tragen, sei dieser wichtige Grundlagenvortrag herzlich empfohlen. Für die, die keine 73 Minuten dafür aufbringen können oder wollen, wurden nachfolgend die zentralen Aussagen zusammengefasst:

Bild Vortrag Kevin deYoung

Die Klarheit seines Wortes

Vortrag von Kevin deYoung bei der E21-Konferenz im Hamburg vom 12. März 2016
Video: https://www.youtube.com/watch?v=050737-oy74
mp3-Download: https://www.evangelium21.net/downloads/audio/2016_e21konferenz/2016-03-12_10_DeYoung_Kevin.mp3

Im Bekenntnis von Westminster wurde die Lehre von der Klarheit der Schrift wie folgt definiert:

„In der Schrift sind nicht alle Dinge gleichermaßen in sich selbst klar und auch nicht gleichermaßen klar für alle; aber diejenigen Dinge, die zu erkennen, zu glauben und zu beobachten zum Heil notwendig sind, sind an der einen oder der anderen Stelle der Schrift so klar dargelegt und aufgedeckt, dass nicht nur die Gelehrten, sondern auch die Ungelehrten bei rechtem Gebrauch der gewöhnlichen Hilfsmittel zu einem hinreichenden Verständnis gelangen können.“

Hier wird also gesagt: Die Hauptgedanken der Schrift sind so klar und verständlich, dass selbst einfache Menschen sie verstehen können, wenn sie bereit sind, die Bibel zu studieren und ihr aufmerksam zuzuhören.

Gegen diese Lehre von der Klarheit der Schrift werden heute hauptsächlich 3 Einwände vorgebracht:

1. Mystischer Einwand:
Gott ist so anders, dass die menschliche Sprache gar nicht in der Lage ist, ihn in ausreichendem Maße zu beschreiben. Der christliche Glaube ist so geheimnisvoll, dass er gar nicht in Worte gefasst werden kann. Wenn wir versuchen, Gott in Worte zu pressen, dann haben wir in diesem Moment Gott zu etwas gemacht, was er nicht ist. Das Geheimnis ist die Wahrheit.

2. „Katholischer“ Einwand:
Es ist problematisch, wenn gewöhnliche Menschen die Bibel lesen, weil sie es falsch verstehen und falsch anwenden werden. Vor der Reformation wollte die katholische Kirche die Bibel deshalb lieber nicht übersetzen. Das Studium und die Auslegung der Schrift sollte lieber einer Klasse von gelehrten Priestern vorbehalten bleiben, weil normale Menschen nicht in der Lage sind, die Bibel richtig zu interpretieren.

3. Pluralistischer Einwand:
Wenn die Schrift so klar wäre, warum gibt es dann so viele verschiedene Auslegungen? Hat nicht die Kirche einst an die Sklaverei geglaubt? Hat sie nicht geglaubt, dass die Erde das Zentrum des Universums sei? Woher sollen wir uns heute sicher sein, dass wir jetzt die richtige Auslegung haben? Deshalb können wir es doch gar nicht wagen, zu behaupten, dass unsere eigene Auslegung richtig wäre. So hört man heute z.B. oft: Ich halte zwar Homosexualität für falsch. Aber andere halten das für mit der Bibel vereinbar. Und das ist genauso O.K. Das ist eben genau wie bei der Taufe, auch da gibt es viele verschiedene Meinungen wie bei vielen anderen Themen, bei dem man dieser oder jener Meinung sein kann.

Das Problem an dieser scheinbar demütigen Haltung ist: Das Thema Homosexualität ist eben kein Thema, bei dem man bei der Auslegung der Bibel verschiedener Meinung sein kann aus mehreren Gründen:

  • Bei diesem Thema hatten die Christen praktisch immer eine einheitliche Meinung. Wir sollten skeptisch sein, wenn jemand plötzlich das über den Haufen wirft, was in 99 % der Kirchengeschichte und auch heute noch weltweit weit überwiegend die einhellige Sichtweise der Kirche war und ist.
  • Die Bibel verurteilt homosexuelles Verhalten klar und deutlich, wiederholt und durchgehend im Alten wie auch im Neuen Testament. Selbst Jesus hat darüber gesprochen, als er gegen die Sünde der „Porneia“ (das griechische Wort für sexuelle Unzucht inklusive Homosexualität) predigte.

Wenn die Bibel derart eindeutig ist, ist es nicht liebevoll, wenn wir das nicht eindeutig sagen. Es ist nicht liebevoll, wenn wir zulassen, dass Menschen auf einem Weg bleiben, der nicht gut ist. Wenn unser Evangelium nicht die Sünder zur Buße ruft, dann ist es ein anderes Evangelium.

In 5. Mose 30, 11-14 lehrte Mose die Israeliten folgendes: „Dieses Gesetz, das ich euch heute gebe, ist nicht zu schwer für euch, als dass ihr es nicht verstehen und befolgen könntet. Es ist nicht hoch oben im Himmel, so unerreichbar, dass ihr fragen müsstet: `Wer soll für uns in den Himmel hinaufsteigen und es herabholen, damit wir es hören und befolgen können?´ Es ist nicht auf der anderen Seite des Meeres, so weit entfernt, dass ihr fragen müsstet: `Wer soll übers Meer fahren, um es zu holen, damit wir es hören und befolgen können?´ Nein, seine Botschaft ist euch ganz nah; sie liegt auf euren Lippen und in eurem Herzen, sodass ihr sie befolgen könnt.“

Mose sagte also: Gottes Wort ist hörbar, verständlich, es ist so klar, dass wir es verstehen können. Was Gott von seinem Volk wollte war nie verborgen. Das Gesetz war so klar, dass es sogar den Kindern gelehrt werden sollte (5. Mose 6).

In 5. Mose 29, 28 steht: „Was verborgen ist, ist des HERRN, unseres Gottes; was aber offenbart ist, das gilt uns und unseren Kindern ewiglich, dass wir tun sollen alle Worte dieses Gesetzes.“

Es gibt somit 2 Kategorien: Es gibt tatsächlich Geheimnisse bei Gott. Aber es gibt auch das geoffenbarte Wort Gottes, das wir hören, verstehen und befolgen können. Entsprechend gibt es in den Psalmen oft das Bild vom Licht („Das Wort ist ein Licht auf meinem Weg.“), das den Unverständigen weise macht und die Augen erleuchtet. Gott offenbart sich uns nicht, um uns noch mehr zu verwirren. Gottes Wort funktioniert! Gottes Worte erreichen ihre Absichten!

Was wäre die Bibel denn sonst auch wert? Was für einen Wert hätten die Verheißungen für die Suchenden und Verzweifelten, wenn sie nicht verständlich wären? Warum sollte Gott Warnungen oder Verheißungen geben, wenn er nicht glauben würde, dass wir das verstehen können?

Als Josia und das Volk Israel das Gesetz wieder entdeckten, lasen sie es. Und sie verstanden es! Und sie wussten, was sie als Reaktion tun mussten. Sie saßen nicht herum, tranken Kaffee und sagten: Was könnte das wohl bedeuten? Vielleicht müsste man eine Doktorarbeit darüber schreiben…

Auch Jesus berief sich auf die Autorität der Schrift. Und er ging davon aus, dass das Wort verständlich ist. Er sagte immer wieder: Habt Ihr nicht gelesen? Und damit sagte er: Würdet ihr die Schrift kennen, dann würdet ihr verstehen und nicht diese Fehler machen! Entsprechend argumentierten die Autoren des Neuen Testaments an vielen Stellen mit der Schrift in der offensichtlichen Überzeugung, dass die Bibel eine klare, eindeutige Bedeutung hat.

Aber warum ist diese Lehre von der Klarheit der Schrift so wichtig? Was steht auf dem Spiel bei dem Thema „Klarheit der Schrift“?

1. Das Geschenk der menschlichen Sprache steht auf dem Spiel!

Wer die Klarheit der Schrift bestreitet, der leugnet auch, dass Gott uns eine Sprache geschenkt hat, die die Möglichkeit beinhaltet, Gott in zutreffender Weise zu beschreiben. Die Schrift wäre dann lediglich ein menschlicher Versuch, über Gott zu sprechen, aber keine eindeutige Beschreibung seines Wesens und seines Willens. Der Teufel hat als allererstes die Klarheit des Wortes Gottes angegriffen, als er sagte: „Hat Gott wirklich gesagt?“ Wie postmodern! Denn er griff ja nicht direkt die Autorität des Wortes Gottes an. Er zweifelte lediglich an, dass Gott klar spricht!

Wir müssen verstehen: Sprache ist ein Geschenk Gottes an uns! Wir schränken diese Gabe ein, wenn wir ihr nicht zutrauen, dass Gott uns damit auch sich selbst beschreiben kann!

2. Die menschliche Freiheit steht auf dem Spiel!

Die protestantische Lehre der Klarheit der Schrift ist eine Grundlage für die Freiheit der westlichen Welt! Denn sie beinhaltet, dass Menschen die Fähigkeit haben, die Schrift selbst auszulegen.

Die Idee, dass jeder Mensch die Schrift selbst auslegen kann, kreiert zwar eine Menge von Problemen. Aber sie beschützt uns vor noch größeren Problemen! So schrieb der holländische Theologen Herman Bavinck vor etwas mehr als 100 Jahren:

„Alles in allem überwiegen die Nachteile nicht gegenüber den Vorteilen, denn aus dem Leugnen der Klarheit der Schrift folgt unweigerlich die Unterordnung eines Laien unter einen Priester sowie die Unterordnung des Gewissens eines Menschen unter die Kirche. Die Religions- und Gewissensfreiheit der Kirche und der Theologie steht und fällt mit der Klarheit der Schrift. Sie allein kann die Freiheit des Christen wahren. Sie allein ist sowohl Ursprung und Garant der Religionsfreiheit als auch unserer politischen Freiheiten. Selbst eine Freiheit, die nicht unabhängig von den Gefahren der Zügellosigkeit und Launenhaftigkeit erlangt und genossen werden kann ist immer noch der Tyrannei, die diese Freiheit unterdrückt, vorzuziehen.“

Zwar kann die Lehre von der Klarheit der Schrift missbraucht werden durch wilde und falsche Interpretationen. Aber es ist von großem Wert, dass wir als Einzelne die Bibel selbst auslegen können. Als Luther die Bibel übersetzte bestand er auf dem Recht, dass jeder Mensch die Schrift auslegen darf. Er bestätigte damit die Klarheit der Schrift. So hat er die Grundlage für die religiöse Freiheit unserer Gesellschaft gelegt.

3. Das Wesen Gottes steht auf dem Spiel!

Ist Gott in der Lage, so zu kommunizieren, dass sein Volk ihn versteht? Es gibt eine alte Geschichte aus Hindustan, die das bezweifelt. In diesem Gleichnis fassen 6 Blinde einen Elefanten an. 1 Mann berührt die Seite und denkt: Das ist eine Wand! 1 Mann berührt das Ohr und denkt: Es ist ein Fächer! 1 Mann berührt den Schwanz und denkt: Das ist ein Seil! 1 Mann fasst den Rüssel an und denkt: Das ist ein Schlauch. Die Aussage ist am Ende: So geht es uns mit Gott! Wir sind alle blind und berühren nur einen Teil von ihm. So sind alle Religionen teilweise zutreffende Interpretation Gottes, aber niemand kennt das ganze Bild.

Das klingt sehr demütig. Aber die Frage ist: Was ist, wenn Gott sprechen kann? Um im Bild dieses Gleichnisses zu bleiben: Was ist, wenn er zu diesen blinden Leuten sagen kann: „Hallo, ich bin ein Elefant!“ Wer dann noch widerspricht und sagt: „Du bist aber ein Hund“, der ist nicht mehr demütig sondern störrisch.

Die Frage, ob Gott sich verständlich machen kann, hat viel zu tun mit unserem Bild von Gott! Ist er weise genug, um sich selbst bekannt zu machen? Ist er gnädig genug, um sich so auszudrücken, dass wir ihn begreifen können? Oder traktiert er uns mit Worten und Geboten, die wir gar nicht wirklich verstehen können? Wer so denkt, ist in Wirklichkeit nicht demütig sondern hochmütig, weil er Gott und seine Fähigkeit zur Kommunikation herabsetzt.

4. Es steht auf dem Spiel, für wen Gott ist!

Ist die Bibel bei Laien nicht in guten Händen? Ist die Bibel nur für Gelehrte und Priester? Brauchen wir einen Lehrkörper, der uns die Bibel erklärt? Braucht man Kenntnisse in griechisch, hebräisch, Archäologie, Quellen-, Form- und Redaktionskritik usw. um die Bibel verstehen zu können? Oder ist die Bibel in der Lage, sogar den einfachen Personen Wahrheit zu lehren? Ist die Botschaft Gottes nur für Intellektuelle und Gelehrte mit einem hohen Abschluss oder ist das eine Botschaft, die von Allen verstanden werden kann? Was wäre das für ein Gott, der seine Liebe und Erlösung so kompliziert offenbart, dass das nur eine Elite entschlüsseln kann!

William Tyndale war (wie Luther in Deutschland) der Mann, der die Bibel in verständliches Englisch übersetzte. Als er von einem Priester dafür zur Rede gestellt wurde sagte er:

„Wenn Gott mein Leben bewahrt werde ich dafür sorgen, dass noch in den nächsten Jahren ein einfacher Junge am Pflug mehr Wissen über die Schrift haben wird als Du!“

Tyndale und Luther verstanden: Die Bibel ist für Alle. Sie kann von Allen verstanden werden! Dieser Glaube hat Tyndale das Leben gekostet. Er wurde erhängt und verbrannt. Seine letzten Worte waren: „Herr, öffne dem König von England die Augen.“ Das ist noch immer unser Gebet: Öffne die Augen der Menschen und unseres Volkes, damit sie aus Deinem Wort all die wunderbaren Dinge entnehmen können, die Du uns dort offenbart hast.

Ein Hoch auf das Gesetz!

Stell Dir das mal vor: Eine Welt, in der sich alle Menschen an die 10 Gebote und das Gebot der Nächstenliebe (3. Mose 19, 18) halten. Niemand tötet. Niemand stiehlt. Niemand lügt. Niemand ist neidisch. Niemand bricht die Ehe. Kinder ehren ihre Eltern. Jeder liebt seinen Nächsten wie sich selbst.

Wir könnten Polizei und Armee abschaffen. Gefängnisse, Zäune, Mauern und Türschlösser wären überflüssig. Die Menschen hätten Vertrauen zueinander. Die Wirtschaft würde florieren. Kinder würden geborgen aufwachsen. Jeder würde jeden respekt- und liebevoll behandeln.

Das wäre das Paradies auf Erden.

Komischerweise haben Gebote und Gesetze trotzdem einen schlechten Ruf. Wir halten sie für Spiel- und Spaßverderber. Wir assoziieren damit Einschränkungen, Freiheitsverlust und Strafandrohung. Auch unter Christen wird vor kaum etwas so gewarnt wie vor „Gesetzlichkeit“. Schließlich steht doch die Liebe über dem Gesetz und Christen sind dem Gesetz ohnehin nicht mehr unterworfen. Oder?

Ja und nein:

  • Ja, weil Jesus uns vom Gesetz freigekauft hat. Wir sind keine Sklaven mehr. Gott erzieht uns nicht mehr mit blind zu befolgenden Befehlen sondern als Kinder. Deswegen sind wir nicht mehr unter dem Gesetz sondern unter der Gnade. Und natürlich gelten die Opfer- und Reinigungsvorschriften nicht mehr, weil sie mit Jesu Tod am Kreuz ein für alle Mal erfüllt worden sind.
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  • Nein, weil Jesus das Gesetz nicht aufgehoben hat! Die Gebote gelten gerade für uns Christen, denn niemand hat größere Verantwortung, die Gesetze des Königs hochzuhalten als die Söhne und Töchter des Königs!

Jesus sah keinerlei Gegensatz zwischen Liebe und Geboten: „Wer meine Gebote kennt und sie befolgt, der liebt mich.“ (Joh. 14, 21) Gerade das Halten der Gebote ist für ihn Ausdruck wahrer Liebe zu Gott – so wie ich mich aus Liebe zu meiner Frau auch gerne bemühe, mich nach ihren Vorstellungen zu richten.

Auch wenn das mosaische Gesetz so im Neuen Bund nicht mehr gilt will Gott noch immer, dass wir uns an seine Gebote halten. Im neuen Bund hat er aber seine Strategie geändert, um dieses Ziel zu erreichen: Statt nur an unseren Willen und Gehorsam zu appellieren will er eine Herztransplantation an uns vornehmen, so wie er es in Jeremia 31, 33 bereits angekündigt hat: “Ich werde ihr Denken mit meinem Gesetz füllen, und ich werde es in ihr Herz schreiben.” Dafür soll unser alter Mensch am Kreuz mit Jesus sterben und Christus durch den Heiligen Geist Christus in uns lebendig werden, so dass wir wie Paulus sagen können: „Ich lebe, aber nicht mehr ich selbst, sondern Christus lebt in mir.“ Dieser erneuerte Mensch ist wahrhaft frei. Nicht weil er gesetzlos ist sondern weil er Gottes Gebote liebt und von Herzen gerne hält.

Gottes Gebote sind also auch für Christen wichtig, nicht weil wir uns sklavisch daran halten müssen aber weil sie uns Gottes Denkweise und Charakter lehren und uns Richtschnur und Lehrmeister sind! Gesetzlosigkeit hingegen ist die schlimmste Bedrohung für unsere Gesellschaft überhaupt. Jesus hat die furchtbaren Endzeitkatastrophen dadurch charakterisiert, dass „die Gesetzlosigkeit überhand nehmen wird.“ (Matth. 24, 12) Gerade jetzt erlebt unsere Gesellschaft einen Vorgeschmack, was er damit meinte: Linke, rechte und religiöse Extremisten pfeifen immer öfter auf die Gesetze. Sie haben immer weniger Respekt vor dem Staat, der Justiz und der Polizei. Wenn Einbrüche zunehmen, Autos abgefackelt werden, Anschläge passieren, Frauen und Minderheiten bedrängt werden, Parallelgesellschaften wachsen und mafiöse Clans die Macht übernehmen, dann spüren wir: Es gibt keine Sicherheit und keine Freiheit, wenn Gesetze nicht eingehalten werden. Gesetzlosigkeit führt zu Misstrauen, Unrecht, Angst und Gewalt. Gesetzlosigkeit ist die Hölle. Gute Gesetze sind ein Segen!

Blogbild Gesetz

Deshalb: Ein Hoch auf unser Gesetz! Ich kenne kein besseres Rechtssystem in der Welt als das Unsrige in Deutschland. Ein Hoch auf all die Polizisten und Justizbeamten, die helfen, es hochzuhalten und durchzusetzen!

Und ein Hoch auf die großartigen Gebote des Königs aller Könige! Lassen wir uns erfüllen mit dem Heiligen Geist, der uns hilft, sie in der Bibel zu lesen, zu lieben und zu befolgen. Nicht aus sklavischem Gehorsam sondern aus Liebe heraus. Nicht um uns Gottes Gunst und das Heil zu verdienen sondern in dem festen Wissen, dass Gottes Ja zu uns fest steht und wir durch seine Gnade für immer seine geliebten Kinder bleiben, auch wenn wir scheitern und Fehler machen. Gottes Königreich ist dort, wo Menschen genau das tun. Genau dort breitet sich der Himmel aus.

Siehe auch:

Pfusch am Bau

In einer Diskussion konfrontierte mich jüngst ein evangelischer Dekan mit der Aussage: Luther habe gelehrt, dass die Bibel nur da heilige Schrift sei, wo sie lehrt, „was Christum treibet“, d.h. wo sie dem Geist und der Liebe Jesu entspricht. Als ich dem nicht zustimmen wollte steckte er mich in die Schublade der „altprotestantischen Orthodoxie“. Dem bekannten Erweckungsprediger Pfarrer Wilhelm Busch muss es ähnlich gegangen sein. In einer seiner unvergleichlichen Predigten spricht er darüber. Er erzählt von biblischen Bauarbeiten, Finten, Salat, Bombenschwindel – und von seiner verstorbenen Mutter. Seine simplen aber schlagenden Argumente sind aktueller denn je. Hören wir doch auf ihn:

„Die Bibel ist eine Burg, damit kann man sich heute noch verteidigen. Und nun sagen die Leute: Die Burg ist ein bisschen unmodern, wir müssen sie umbauen. Da kommen die ersten und sagen: “Wir müssen ein bisschen dranbauen, sie genügt noch nicht. Und die anderen sagen: Anbauen braucht man nicht, aber da muss man abreißen, da muss einiges weg. Da sind noch Türme und Schanzen, die nicht mehr gebraucht werden, reißen wir die erstmal ab.

Zum Beispiel kommt neulich so ein lieber Bruder und sagt: “Ja, das ist nur für Israel geschrieben”. Ach, sage ich, wie schrecklich, das habe ich nun ausgelegt für Christen… “Ja, weißt Du nicht, das man das einteilen muss: Das ist nur für Israel.” Da sage ich: Nein, also mir ist die Bibel von vorne bis hinten für mich geschrieben. Das ist dummes Zeug, dass plötzlich Leute ein Stück abreißen wollen.

Oder die Nazis, die kamen an – das wissen die Jungen nicht mehr – und sagten: Gut, ihr könnt das Neue Testament gebrauchen, aber das alte, das ist ein Judenbuch. Und schon schrie die ganze Meute der Christen: Na ja, wir können ja auf das Alte Testament verzichten, wenn wir das Neue haben. Wer einmal das Neue Testament gelesen hat weiß, dass das Unsinn ist. Aber da wurde also der Flügel “Altes Testament” abgebaut.

Nun kommt heute ein moderner Theologe und sagt: Das ist Mythos, und das musst Du raustun. Da bleibt nicht mehr viel übrig. Der reißt meine Burg so zusammen, dass überhaupt nicht mehr viel da ist.

Dieser Abbau kann in einer höchst subtilen, zarten Form geschehen, etwa so: Wie ich noch Pennäler war, da sagte unser Religionslehrer: Natürlich ist die Bibel kein Geschichtsbuch, sie ist kein Naturwissenschaftsbuch, und da hab’ ich in meinem Herzen eine Türe zugemacht und gesagt “Also was ist sie denn dann?” – und hab’ die Bibel weggetan, und ich bin Jahre in meiner inneren Entwicklung aufgehalten worden und zur Gottlosigkeit gekommen durch diesen Salat.

Da beruft man sich auf den guten alten Luther, der sich ja nicht wehren kann, weil er längst im Grabe liegt, und sagt: Luther hat gesagt, die Bibel gilt für uns “soweit als sie Christum treibet” (habt ihr vielleicht auch schon gehört). Das klingt so fromm – und ist ein Bombenschwindel! Luther hat’ s in ganz anderem Zusammenhang gesagt. Denn nun muss ich fragen: Was treibt denn in der Bibel nicht Christus?

Da hat einer so einen Vortrag gehalten: Was Christum treibet, das geht uns an. Ja Moment mal, lieber Amtsbruder, treibt das vierte Buch Mose, wo von Opfergesetzen steht, Christum? Nein, nein, sagt er, das natürlich nicht. Da sag’ ich, pass mal auf: Ich komm mal ins Zimmer, als meine Mutter noch lebte, da sitzt meine alte Mutter über der Bibel und sagt: Wilhelm, herrlich, herrlich. Ich sag’: Was liesch’ denn? Das vierte Buch Mose. Da sag’ ich: Da sind doch bloß so Opfervorschriften und so Sachen. Da sagt sie: Ja, merksch’ denn des net, dass des alles ein Hinweis auf den Heiland isch? Du kannsch’ doch das Opfer Jesu gar nicht verstehen, wenn Du nicht gelesen hast, was das heißt – ein Opfer. Da sagte ich: Für meine Mutter trieb das vierte Buch Mose Christum, nicht? Nach meiner Erkenntnis treibt von der ersten Zeile bis zur letzten die ganze Bibel Christum. Das ist bloß so ‘ne Finte, um abzubauen.

Burgruine

Also: Du brauchst nichts dazu zu bauen zu der Burg, Du brauchst nichts abzureißen von der Burg, und jetzt kommt das kritischste: Du brauchst auch die Mauern dieser Burg nicht zu stützen. Da gibt’s viele, die haben die Lehre von der Verbalinspiration, das heißt, jedes Wort der Bibel ist vom Heiligen Geist inspiriert. Diese Lehre stammt von den Orthodoxen in der Zeit nach Luther. Da sag’ ich: Moment mal, die Bibel ist meine Burg, und der glaub’ ich vom ersten bis zum letzten Wort, aber da brauch’ ich keine Lehre, die sie stützt.

Mich interessiert dieser Streit über die Bibel nicht sehr, offen gestanden. Ich habe nachgeforscht, die Reformatoren haben überhaupt keine Lehre über die Bibel gehabt. Ich rede eigentlich nicht so arg gerne über die Bibel, ich rede lieber über den Inhalt der Bibel, versteht ihr. Die Reformatoren haben keine Lehre über die Bibel gehabt, sie haben gehorcht was drinstand.“

Gekürzte Auszüge aus einer Predigt von Pastor Wilhelm Busch, im Ganzen nachzulesen unter http://www.erweckungsprediger.de/busch/predigten/busch_die_bibel.htm

Siehe auch: