Die 5 häufigsten Strohmannargumente gegen ein konservatives Bibelverständnis

Strohmannargumente widerlegen ein Argument eines Gegners, das dieser gar nicht vorgebracht hat. Sie schüren den Eindruck, dass es offenbar relativ viele Menschen mit einer ganz falschen Sichtweise gibt. Da die unterstellte Sichtweise meistens grob vereinfacht ist, kann man auf Strohmänner relativ leicht und effektvoll eindreschen. Am Ende gewinnt man mit ihnen aber nichts außer Selbstrechtfertigung auf Kosten von Verletzungen, Vorurteilen und einer Vertiefung der Gräben. Um der besseren Verständigung willen ist es deshalb wichtig, sie aufzudecken.

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Leider werden Strohmannargumente auch unter Christen eingesetzt. Natürlich springen sie uns immer dann besonders ins Auge, wenn sie sich gegen die eigene Position richten. Dieser Artikel beschreibt 5 Stroh­männer, die immer wieder als Argument gegen ein konservatives Bibelverständnis ins Feld geführt werden. Selbstverständlich gibt es auch Strohmänner, die in die andere Richtung zielen, denn Vorurteile gibt es in allen christlichen Lagern – wie das Buch „Zeit des Umbruchs“ in Kapitel 3 beschreibt.

Einleitend will ich betonen: Die 5 Aussagen, die in diesem Artikel untersucht werden, sind zumeist vollkommen richtig. Es spricht deshalb meist nichts dagegen, sie zu verwenden. Die Frage ist nur: Wen hat man im Blick, wenn man diese Aussagen macht? Ist es angemessen, diese Aussagen mehr oder weniger subtil im Blick auf konservative Christen und ihr Schrift­verständnis zu betonen, so als ob man das dort dringend noch begreifen müsste?

Schon beim ersten häufig verwendeten Strohmann­argument wird hoffentlich noch deutlicher, was ich damit meine:

1. „Die Bibel will kein naturwissen­schaftliches Lehrbuch sein“

Diese vollkommen richtige Aussage begegnet mir immer wieder als Argument gegen die Vertreter einer (teilweise) historischen Lesart biblischer Wunder­geschichten oder der biblischen Urgeschichte. Wer diese Aussage so einsetzt, impliziert damit gewollt oder ungewollt: Wer in diesen Texten mehr sieht als ein Gleichnis und als metaphorische Redeweise, der hat nicht verstanden, dass man beim Bibellesen unterschied­liche Textgattungen unterscheiden muss. Der kann nicht unterscheiden zwischen der objektiven Betrachtungsweise eines Naturwissenschaftlers und der subjektiven Sichtweise eines biblischen Erzählers. Der überträgt leichtfertig seine von der modernen Wissenschaft geprägte Denkweise auf die antike Denkweise des biblischen Autors.

Damit tut man aber nach meiner Beobachtung den allermeisten konservativen Bibelauslegern unrecht. Denn auch in sehr konservativen Kreisen ist mir noch niemand begegnet, der die Bibel für ein naturwissen­schaftliches Lehrbuch hält. Auch an sehr konservativen theologischen Schulen wird nach der Textgattung gefragt, nach dem historischen und kulturellen Umfeld und nach der tatsächlichen Aussageabsicht des Autors im damaligen Kontext. Dass die biblischen Autoren nicht als nüchterne Naturwissenschaftler sondern aus einer subjektiven, theologisch motivierten Beobachter­sicht heraus geschrieben und dabei oft auch bildhafte Sprache verwendet haben, das ist nach meiner Erfahrung selbst den konservativsten Auslegern absolut bewusst. Wer ihnen mit diesem Argument entgegen­tritt, führt also eine Scheindebatte.

Das gilt umso mehr, wenn übergangen wird, dass gerade bei der Urgeschichte die Frage nach der Textgattung gar nicht so einfach zu beantworten ist. Der Theologe Timothy Keller behauptet sogar: „1. Mose 2 und 3 lassen keine Anzeichen für das Genre … Dichtung erkennen. Der Text liest sich als Bericht über wirkliche Geschehnisse; er sieht aus wie ein Geschichtsdokument.“ [1] Das heißt: Auch wenn man den Fragen nach Textgattung, Erzähl­perspektive und historischem Erzählhintergrund intensiv nachgeht, muss man keinesfalls zwangsläufig zu dem Schluss kommen, dass es sich bei der Urgeschichte um rein metaphorisch gemeinte Texte handelt. Das gilt noch viel mehr für die biblischen Wundergeschichten.

Wie auch immer die Debatte um die Aussageabsicht der Urgeschichte und der Wunder­geschichten endet: Der tatsächliche Konflikt dreht sich nicht um die Frage, ob die Bibel ein naturwissen­schaftliches Lehrbuch ist. Das ist sie definitiv nicht. Es geht vielmehr um die Frage: Wie gehen wir mit biblischen Aussagen um, deren Aussageabsicht nach kritischer Unterscheidung ihrer Gattung, Erzählart, Perspektive und ihres kulturellen Hintergrunds immer noch im Widerspruch zu vorherrschenden wissen­schaftlichen Sichtweisen stehen? Steht im Konfliktfall der heutige wissen­schaftliche Kenntnisstand über der Schrift? Oder steht die Aussageabsicht der Schrift über der derzeit vorherrschenden wissenschaftlichen Sichtweise? Passen wir unsere Schriftauslegung an den aktuellen Stand der akademischen Wissenschaften an oder bleiben wir dabei, dass das aktuelle „Weltwissen“ bei der Schriftauslegung zwar berücksichtigt werden muss, dass die Schrift aber das letzte Wort hat und sich letztlich selbst auslegen muss, auch wenn das mit dominanten wissenschaftlichen Sichtweisen kollidiert? Über diese zentrale Frage sollten wir tatsächlich dringend diskutieren!

2. „Gott ist nicht gegen den Gebrauch von Vernunft und Verstand“

Diese vollkommen richtige Aussage begegnet mir immer wieder als Schutzargument zur Verteidigung bibelkritischer Methoden gegen konservative Kritik. Wer dieses Argument so verwendet, impliziert damit gewollt oder ungewollt: Wer die modernen bibelkritischen Methoden kritisiert, lehnt die Verwendung rationaler wissenschaftlicher Methoden bei der Erforschung der Bibel ab. Der verdrängt relevante Fakten, die ein vernunftbegabter Mensch im Umgang mit der Bibel zwingend berücksichtigen muss. Der hat eine aufklärungs- und verstandesfeindliche Tendenz und verlangt, den Intellekt und die Vernunft beim Bibellesen mehr oder weniger auszu­schalten.

Damit tut man aber nach meiner Beobachtung den meisten konservativen Bibelauslegern und vor allem den weltweit zahlreichen evangelikalen Theologen und Bibelwissenschaftlern unrecht. Auch die meisten konservativen Evangelikalen begrüßen rationale Methoden, um die Eigenschaften eines biblischen Textes sowie seine Aussageabsicht vor dem Hintergrund des damaligen sozialen, kulturellen und linguistischen Umfeldes zu erschließen oder um den genauen Urtext zu ermitteln. Ich kenne niemanden, der  dafür ist, den Verstand beim Bibellesen auszuschalten und die Probleme eines konservativen Bibelverständ­nisses einfach zu verdrängen. Wer Konser­vativen eine generelle Ablehnung wissenschaft­licher Methoden, eine bewusste und verstandesfeindliche Verdrängung von Fakten und die Selbstbeschränkung auf blinden Glauben vorwirft, führt also eine Scheindebatte.

Der tatsächliche Konflikt dreht sich nicht um die Frage, ob wissenschaftliche Methoden, die sich offen allen relevanten Fakten stellen, bei der Erforschung der Bibel helfen können. Das können sie definitiv. Die wirklich heiße Frage ist vielmehr: Sind Methoden zur Erforschung der Bibel nur dann wissenschaftlich, wenn sie auf der heute in der akademischen Welt weit verbreiteten Denkvoraussetzung beruhen, dass die Bibel ein fehlerhaftes menschliches Buch wie jedes andere ist, und wenn die Bibel so untersucht wird, „als ob es Gott nicht gäbe“? Oder kann nicht doch auch ein Ansatz hochvernünftig und wissenschaftlich sein, der davon ausgeht, dass der biblische Urtext nicht nur Menschenwort sondern zugleich auch offenbartes Gotteswort darstellt?

Evangelikale sind hier der Meinung: Wenn die Bibel tatsächlich gemäß ihrer Selbstaussage offenbartes Wort Gottes ist, dann ist dieser Ansatz sogar der einzige, der dem Forschungsgegenstand gerecht wird. Jede andere Methode würde dann aufgrund der falschen Denkvoraussetzung und dem falschen Blick auf den Forschungsgegenstand zwangsläufig zu fehler­haften Ergebnissen führen.[2] Gerade bei diesem Thema geht es um viel. Deshalb sollten wir darüber tatsächlich dringend diskutieren.

3. „Die Wahrheit der Bibel kann und muss nicht bewiesen werden“

Diese vollkommen richtige Aussage begegnet mir immer wieder als Argument gegen den Versuch, vernünftige Gründe und rationale Argumente für die Wahrheit der Bibel ins Feld zu führen (was man im Allgemeinen als „Apologetik“ bezeichnet). Wer diese Aussage so einsetzt, impliziert damit gewollt oder ungewollt: Wer Apologetik betreibt scheint einen schwachen Glauben zu haben, sonst müsste er nicht krampfhaft Beweise für die Wahrheit der Bibel konstruieren – schließlich hat die Bibel und ein gesunder Glaube das doch gar nicht nötig. Außerdem scheinen die Apologeten nicht zu verstehen, wie wissenschaftliche Beweisführung funktioniert. Sonst würden sie verstehen, dass rationale Argumente zur Verteidigung der Bibel grundsätzlich keine Beweise sein können.

Damit tut man aber nach meiner Beobachtung den meisten konservativen Apologeten unrecht. Auch sie wissen, dass Beweisführung im natur­wissenschaft­lichen Sinn im Bereich der historischen (Bibel-)Forschung nur äußerst eingeschränkt möglich ist und dass man deshalb auch mit den besten rationalen Argumenten die Wahrheit der Bibel nicht „beweisen“ kann. Einer der bekanntesten Apologeten unserer Tage, William L. Craig, vertritt zudem die Meinung, „dass apologetische Argumente und Indizien nicht notwendig sind, damit der christliche Glaube rational ist“, weil „der Glaube an Christus unmittelbar durch das innere Zeugnis des Heiligen Geistes begründet sein kann (Röm 8,14-16; 1. Joh 2,27; 5,6-10), sodass Argumente und Indizien nicht notwendig sind.“ [3] Craig sagt also: Die entscheidende Stütze für den Glauben ist der Heilige Geist. Wer konservativen Apologeten vorwirft, ihren Glauben einseitig auf Scheinbeweisen aufzubauen, führt also eine Scheindebatte.

Die Frage ist also nicht, ob wir die Wahrheit der Bibel beweisen müssen. Das müssen wir definitiv nicht. Vielmehr geht es darum: Können gute apologetische Argumente eine Ermutigung für Christen (bzw. für solche, die es werden wollen) sein, weil sie gängige Argumente gegen den Glauben entkräften und weil sie die Glaubwürdigkeit biblischer Aussagen stützen? Viele Studien deuten darauf hin, dass es gerade auch intellektuelle Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Bibel sind, die bei vielen Menschen den Glauben ins Wanken bringen. Zeigt das nicht, dass wir dringend wieder mehr hochwertige Apologetik brauchen und dass die Vernachlässigung bzw. die immer wieder zu hörende grundsätzliche Ablehnung von Apologetik ein schwerer Fehler ist? Über diese zentrale Frage sollten wir tatsächlich dringend diskutieren.

4. „Christen haben kein islamisches Schriftverständnis“

Diese vollkommen richtige Aussage begegnet mir immer wieder als Argument gegen ein Bibelverständnis, in dem der biblische Text unmittelbar als offenbartes Gotteswort betrachtet wird. Kombiniert wird dieser Strohmann oft mit der Aussage, dass für Christen – anders als für Muslime – nicht die Bibel sondern Christus als die höchste Offenbarung gilt. Wer diese Tatsache in der Diskussion mit konservativen Christen betont, impliziert damit gewollt oder ungewollt: Ihr stellt die Bibel über Christus, so wie im Islam der Koran über dem Propheten steht.

Damit tut man aber nach meiner Beobachtung den allermeisten konservativen Christen unrecht. So betont z.B. der evangelikale Theologe Thomas Schirrmacher, der u.a. die Übersetzung der als besonders konservativ geltenden „Chicago-Erklärung“ herausgegeben hat: Während im traditionellen christlichen Schriftverständnis die Bibel zugleich ganz Gotteswort und ganz Menschenwort ist, wird der Koran im Islam so gut wie ausschließlich als Gotteswort betrachtet. Zur Stellung der Bibel schreibt Schirrmacher: „Im Christentum steht der Religionsstifter Jesus über der Heiligen Schrift. Sie erhält ihre Bedeutung von ihm. … Im Islam steht der Religionsstifter Muhammad unter der heiligen Schrift. Er erhält seine Bedeutung von der Schrift, da er ihr Empfänger und Verkündiger ist.“ [4] Der Theologe Armin Baum kommentiert: „Um im evangelikalen Lager Theologen ausfindig zu machen, die … den Vorrang Jesu vor der Bibel bestreiten, muss man sicherlich sehr lange suchen.“ [5] Wer Konservative vor einem islamischen oder gar „salafistischen“ Schriftverständnis warnt, führt also eine Scheindebatte.

Die Frage ist also nicht, ob Jesus Vorrang vor der Bibel hat. Das hat er definitiv. Der tatsächliche Konflikt dreht sich um die Frage: Ist die Bibel trotz dieser Vorrangstellung ganz und gar von Gottes Geist eingehaucht (2.Tim.3,16) und somit offenbartes Wort Gottes? Über diese zentrale Frage sollten wir tatsächlich dringend diskutieren.

5. „Wir glauben nicht an die Bibel sondern an Jesus Christus“

Dieses besonders häufig verwendete Argument taucht manchmal auch in einer anderen Variante auf: „Wir sind nicht einem Buch treu sondern der Person Jesus Christus.“ Wer sich so im Hinblick auf ein konservatives Bibelverständnis äußert, impliziert damit gewollt oder ungewollt: Viele konservative Christen können nicht unterscheiden zwischen dem Vertrauen und der Treue gegenüber einer Person (Jesus Christus) und gegenüber einer Sache (Bibel). Besonders schlagkräftig wird dieses Argument durch den Vorwurf, konservative Christen würden aus der Dreieinigkeit Gottes eine Viereinigkeit machen: Vater, Sohn, Heiliger Geist und Bibel.

Damit tut man aber nach meiner Beobachtung den allermeisten konservativen Christen unrecht. Auch in sehr konservativen Kreisen ist mir noch niemand begegnet, der zur Bibel betet oder Lieder singt. Auch den konservativsten Christen ist sehr bewusst, dass der vertrauensvolle Glaube an Gott etwas kategorial anderes ist als der vertrauensvolle Glaube an die Verlässlichkeit der biblischen Texte. Wer ihnen mit diesem Argument entgegentritt, führt deshalb eine Scheindebatte.

Natürlich gibt es tatsächlich die Gefahr, dass die Beschäftigung mit der Bibel zum Selbstzweck wird. Wo sich das Bibelstudium löst von der gelebten Gottesbeziehung und wo es primär zur Rechtfertigung des eigenen Standpunkts dient, da wird es tatsächlich schräg. Aber diese Gefahr gibt es erstens in allen christlichen Lagern. Und zweitens sind sich nach meiner Beobachtung auch sehr konservative Christen dieser Gefahr durchaus bewusst.

Der tatsächliche Streit dreht sich nicht um den prinzipiellen Unterschied zwischen Gottesbeziehung und Schriftvertrauen. Den gibt es definitiv. Der Streit dreht sich vielmehr um zwei andere zentrale Fragen:

  • Sollten wir biblischen Aussagen auch dann noch glauben und treu vertrauen, wenn sie uns in schmerzhafte Widersprüche mit gesellschaftlichen Trends und vorherrschenden Meinungen führen? Oder flüchten wir uns dann in Alternativdeutungen, die uns zwar den Konflikt mit heutigen Sichtweisen ersparen, die aber – wenn wir ehrlich sind – letztlich vom erwünschten Ergebnis und nicht von der biblischen Aussageabsicht getrieben sind?
  • Welche Konsequenzen hat es für unseren Glauben an Jesus Christus, wenn wir den Glauben an die Verlässlichkeit und die unbedingte Autorität der Schrift verlieren? Schließlich wissen wir letztlich nichts Verlässliches über Gott und über Jesus Christus außer das, was uns in der Bibel offenbart wird. Wie können wir einem Gott vertrauen, über den wir nichts Verlässliches wissen? Ist es somit nicht eine grundsätzlich falsche Alternative, den Glauben an Christus gegen den Glauben an die Verlässlichkeit der Bibel auszuspielen?

Über diese zentralen Fragen sollten wir tatsächlich dringend diskutieren.

Debatten über zentrale Fragen des Glaubens gehörten schon immer zum Christentum dazu, wie man auch im Neuen Testament vielfach nachlesen kann. Wir sollten sie deshalb nicht umgehen. Aber wir sollten sie unbedingt ehrlich führen und uns gut darüber informieren, welche Sichtweisen Christen mit anderer Prägung tatsächlich haben, anstatt ihnen Positionen unterzuschieben, die sie selbst nie vertreten haben. Nur dann ist ein respektvoller Dialog möglich. Nur wenn wir Scheindebatten vermeiden und über die tatsächlichen heißen Themen diskutieren, kann der Dialog fruchtbar werden.


Weiterführend zu diesem Thema sind auf blog.aigg.de auch folgende Artikel erschienen:

Um Strohmannargumente und viele weitere Probleme in De­batten zwischen unter­schied­lich geprägten Christen geht es auch im Buch „Zeit des Umbruchs“, das im September 2019 bei SCM R. Brockhaus erschie­nen ist. Informationen, Leseproben, Stimmen und Rezensionen zum Buch gibt es unter zeitdesumbruchs.aigg.de.


[1] Timothy Keller: Adam, Eva und die Evolution. Wie Bibel und Wissenschaft zusammenpassen, Gießen 2018, S. 29 ff. Siehe dazu auch den AiGG-Artikel „Streit um das biblische Geschichtsverständnis

[2] Siehe dazu den AiGG-Artikel: „Stolz und Vorurteil – Wie wissenschaftlich ist die Bibelwissenschaft?“

[3] William L. Craig in: “Christliche Apologetik: Wer braucht sie?

[4] Th. Schirrmacher, Koran und Bibel. Die größten Religionen im Vergleich, Holzgerlingen 2008, bes. 11-57

[5] Armin Baum in: „Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben? Fortsetzung eines schwierigen Gesprächs

Aktualisierung des Worthaus-Artikels

Als am 3.10.2017 der AiGG-Artikel „Worthaus – Universitätstheologie für Evangelikale?“ online ging, konnte ich nicht ahnen, welche Folgen das haben würde. Bis heute überwältigt mich die Resonanz durch Klickzahlen, Nachdrucke in verschiedenen Publikationen und teils bewegende persönliche Zuschriften. Natürlich waren auch kritische Rückmeldungen darunter. Da die Worthaus-Mediathek sich zudem ständig weiter entwickelt wurde es höchste Zeit, den Artikel zu überarbeiten und zu aktualisieren. Dabei wurden auch ein paar Fehler ausgemerzt. In der ursprünglichen Version hieß es zum Beispiel im Abschnitt „Worthaus geht ans Eingemachte“: „Der Tod sei keine Folge der Sünde sondern Teil von Gottes Schöpfung.“ Das wurde den Aussagen in Siegfried Zimmers Vortrag „Ist der Mensch unsterblich erschaffen worden?“ nicht gerecht. Richtig muss es heißen: „Der Tod sei nicht nur eine Folge der Sünde sondern Teil von Gottes guter Schöpfung.“

Oft wurde dem Artikel entgegengehalten, er würde eine einheitliche „Worthaus-Theologie“ unterstellen. Dabei war schon in der alten Version vermerkt worden: „Worthaus ist kein einheitlicher Block mit einheitlicher Theologie.“ Einzelne Worthaus-Vorträge sind nicht repräsentativ für die Meinung aller Worthaus-Sprecher. Die neue Version versucht noch stärker, Anlässe für Missverständnisse bei dieser Frage zu vermeiden.

Ich hoffe und wünsche mir, dass die Diskussion um Worthaus weitergeht. Wichtig ist mir dabei aber, dass um die Sache und Inhalte diskutiert wird, nicht um Menschen und ihre Haltung. Der Fokus auf die Sachthemen war schon immer die Absicht dieses Artikels. Er war auch bei der Überarbeitung ein wichtiger Leitgedanke. Es steht niemandem zu, anderen Christen dunkle Motive zu unterstellen. Aber eine inhaltliche Debatte um das richtige Verständnis der Bibel brauchen wir dringend. Ich hoffe, dass diese Debatte weiter zunimmt und dass dieser Artikel auch zukünftig ein wertvoller Beitrag dafür sein kann.

 

Worthaus – Universitätstheologie für Evangelikale?

Was soll ich tun, um das ewige Leben zu bekommen?

Renaissance einer Frage

Scheinbar bewegt sie heute niemand mehr: Die Frage nach dem ewigen Leben, die Jesus z.B. in Markus 10, 17 gestellt wurde. Zu Luthers Zeiten war sie noch hoch aktuell. Heute hingegen sind die Menschen diesseits- statt jenseitsorientiert. Die Hölle ist – wenn schon – eine Hölle auf Erden, in die man als Opfer hineingeraten kann, aber nicht wegen eigener böser Taten. Himmel ist, wenn man ein gutes Eis genießt oder einen schönen Urlaub erlebt. Aber mit dem Jenseits haben diese Begriffe nichts mehr zu tun.

Den großen Trend zur Diesseitsorientierung schildert der Theologe Patrick Becker in seinem Worthaus-Vortrag „Das vergessene Jenseits“. Er zeichnet dabei ein düsteres Bild von der Entwicklung der großen Kirchen, denen er vorhält, selbst an ihrem Relevanzverlust, ja sogar an ihrer Abschaffung beteiligt zu sein (ab Minute 36:50):

„Man kann eine Selbstmarginalisierung der Jenseitsvorstellungen in den Religionen darstellen. Und das versuche ich unter Aufgreifen des Historikers Thomas Großbölting ein bisschen zu verdeutlichen: Der hat vor ein paar Jahren ein Buch mit dem bezeichnenden Titel „Der verlorene Himmel“ geschrieben. … Er stellt fest, dass die Religionsgemeinschaften nach wie vor in Deutschland sehr stark präsent sind. … Wenn man mal mit nichtchristlicher Brille durch die Stadt läuft wird man erstaunt sein, wie viele christliche Symbole man schon allein architektonisch präsentiert bekommt. … Die Zahl der Kirchgänger ist zugleich sehr klein und weiterhin stark schrumpfend. … Das geht damit einher, dass die Kirchen zwar sehr stark politisch aktiv und einflussreich sind, aber wenig Zugriff auf das Individuum haben. … Manche Kirchen scheinen deshalb auf die Idee zu kommen, dass es klug wäre, sich auf genau diese äußeren Vorgänge zu konzentrieren … als moralische, kulturtragende Instanz, soziale Arbeit, moralische Stimme in bestimmten Gremien und eben vom Orgelkonzert bis was auch immer im Kulturbereich aktiv zu machen. Das kommt auch an. … Die Zeit ist vorbei wo der Mainstream, die Masse sich quasi an der Kirche abarbeiten würde, wo sie noch wirklich überhaupt etwas wüsste, woran sie sich abarbeiten könnte. Also man nimmt die Kirche eigentlich nur noch von außenstehend wahr und sagt dann: Ja, es ist gut, dass es Kirchen gibt. Die soll eben genau das tun: Moral und Kultur. Aber ich selbst brauch sie nicht. … Das ist ein bisschen beruhigend, weil die Kirchen dann ihren Ort haben. Aber Sie werden es erahnen, meine Grundaussage hier ist: Damit verfehlen die Kirchen exakt ihre Pointe und machen sich überflüssig. Weil Moral und Kultur tragen, dazu brauche ich nicht religiös zu sein. … Die Pointe von Religion ist eine Andere: Die Sinnstiftung. Und die funktioniert im religiösen Kontext immer unter Bezugnahme auf ein Jenseits. Und hier kommt eben diese These raus, dass die Christenheit in Deutschland … tatsächlich selbst beteiligt ist an ihrer quasi Abschaffung, an ihrem Relevanzverlust. Das sagt Thomas Großbölting … genau in der Mitte seines Buchs … : Zentral an allen diesen historischen Prozessen … ist „der Wandel des Gottesbildes und der damit verbundenen Jenseitsvorstellungen.“ … Rein historisch betrachtet – wenn er an den Beginn des 20. Jahrhunderts geht – stößt er dort auf eine Jenseitspredigt, die den strafenden Gott in den Vordergrund stellt, wo die Hölle eine reale Erwartung gepredigt wird und wo der Himmel mit einer Exklusivität ausgestattet ist. Also die Botschaft ist: Jeder Einzelne muss in seinem Leben genau aufpassen und wenn er nicht so lebt wie es eben den religiösen Vorstellungen entspricht – also moralisch – dann erwartet ihn am Ende ein dramatisches Schicksal. Um das zu verhindern muss man das irdische Leben schon danach ausrichten, was eben sich am Jenseits orientiert. … Das war so negativ belastet, dass die christliche Predigt – um überhaupt noch gehört zu werden – … genau ins andere Extrem umgeschwenkt ist: Zum lieben Gott. Es gibt dann quasi nur noch den liebenden Gott. Der Himmel ist quasi geschenkt. Das finden Sie auch in den theologischen Eschatologien als Standardaussage: Eigentlich kommt jeder Mensch in den Himmel. Es wird immer dazu gesagt: Die Hölle ist eine Denkmöglichkeit, die real sein muss, weil sonst die Freiheit des Menschen nicht ernst genommen wäre. Aber eigentlich gehen wir davon aus, dass alle Menschen im Himmel landen werden. Und wenn der Himmel quasi so automatisch geschenkt, uns zugesagt ist, dann ist er auch nicht mehr relevant. Also was ich sowieso in der Tasche habe, darum brauche ich mich nicht mehr zu bemühen.“

Patrick Becker ist in seiner gesellschaftlichen Analyse ohne Zweifel zuzustimmen. Richtig ist auch, dass der Jenseitsverlust ein wichtiger Grund ist für den Abwärtsstrudel der Kirchen. Was er allerdings nicht erwähnt ist der tiefere Hintergrund für diesen Jenseitsverlust: Der Verlust der Schriftautorität! Denn Fakt ist nun einmal: Man kann nur dann Antworten auf Fragen zu transzendenten Themen geben, wenn man aus einer transzendenten Quelle schöpft. Menschen interessieren sich nicht für Spekulationen von Theologen. Sie wissen: Kein Mensch weiß etwas darüber, was nach dem Tod geschieht. Gott allein kann das wissen. Wenn aber der Text der Bibel nur noch zeitbedingtes Menschenwort statt geistinspiriertes Gotteswort ist, dann kann auch die Bibel keine Auskunft mehr über das Jenseits geben. Das gilt umso mehr, wenn es in der Theologie keinerlei Einheit mehr über Jenseitsfragen gibt.

Um das Jenseits wieder glaubwürdig ins Spiel bringen zu können ist deshalb auch eine Umkehr in unserer Haltung zur Heiligen Schrift alternativlos. Damit verbietet es sich dann allerdings auch, die Botschaft dieser Heiligen Schrift nach unserem eigenen Geschmack zu verbiegen. Die Menschen spüren nun einmal sofort, ob die Kirche aus einer Quelle schöpft, die außerhalb ihrer selbst liegt und deren Botschafter sie ist, oder ob sie sich eine eigene Botschaft konstruiert, mit der sie den Menschen nach dem Mund redet.

Wenn wir der Schrift folgen können wir klarstellen, dass weder die eine noch die andere von Thomas Großbölting geschilderten Jenseitspredigten der Wahrheit entspricht. Moralisches Leben bringt uns nicht in den Himmel. Niemals. Trotzdem ist der Himmel auch keine Selbstverständlichkeit, um die wir uns nicht kümmern müssten. Die Hölle ist viel mehr als eine theoretische „Denkmöglichkeit“. Jesus hat häufig über sie gesprochen und intensiv vor ihr gewarnt. Wir sind zum Glück nicht in der Position des Richters, somit müssen und dürfen wir auch nicht entscheiden, wer in die Hölle kommt. Aber wir dürfen und müssen die einzige gute Botschaft weitergeben, die uns sicher zum Vater und zum ewigen Leben führt. Das geht eben nicht durch moralische Werke oder durch irgendetwas, was wir Menschen tun könnten. „Bei den Menschen ist’s unmöglich“ sagte Jesus. Allein das feste Vertrauen auf Jesus und sein Erlösungshandeln am Kreuz hilft uns weiter: „Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern das ewige Leben hat.“ (Johannes 3, 16) Das ist das Herz des Evangeliums.

Ich bin überzeugt: Mehr Menschen als wir glauben, machen sich sehr wohl Gedanken darüber, wie es nach dem Tod weitergeht. Die Kirche hat dazu eine phantastische Botschaft aus einer einzigartigen Quelle. Denn dieser Jesus hat nicht nur geredet. Er ist auch nicht nur am Kreuz gestorben. Er hat selbst den Tod besiegt! Zahllose Zeitgenossen Jesu gaben ihr Leben aus lauter Begeisterung darüber, dass dieser Jesus tatsächlich von den Toten auferstanden ist. Die Botschaft von der Auferstehung hat quer durch die Zeiten und Kulturen Menschen inspiriert, getröstet und verändert. Nur dieser Jesus weiß, wie wir über den Tod hinaus leben können. Nur bei ihm sind wir richtig mit der Frage aller Fragen: Wie bekomme ich das ewige Leben?

Lassen wir uns nicht irritieren davon, dass das Jenseits scheinbar aus der Mode gekommen ist. Tragen wir vielmehr alle gemeinsam dazu bei, dass die Frage nach dem ewigen Leben wieder ganz neu gestellt wird. Und vor allem: Verbreiten wir die lebensspendende Antwort unseres Herrn, bis sie wieder zu hören ist in jedem Winkel unseres Landes!

Christliche Apologetik go home?

von Dr. Reinhard Junker

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Die Internetseite „Worthaus“ hat einen Vortrag der Theologin Christiane Tietz mit dem Thema „Glaube und Zweifel“ veröffentlicht. Frau Tietz äußert sich darin kritisch zu Gottesbeweisen im Allgemeinen und speziell zum Ansatz des „Intelligent Design“, den sie in der Tradition des teleologischen Gottesbeweises von Thomas von Aquin sieht. Die Ausführungen von Frau Tietz laufen auf eine Abschaffung von Apologetik hinaus. Denn sie argumentiert gegen apologetische Arbeit, die positiv für die Wahrheit des biblischen Schöpfungszeugnisses eintritt; dagegen sollte man den Verstand nutzen, um das Geglaubte zu durchdenken, aber auch um die Lehren des Christentums kritisch zu hinterfragen. Doch gerade wenn auf diesem Wege kritische Fragen aufgeworfen werden, ist Apologetik gefragt.

I. Apologetik und das Design-Argument:
Das christliche Schöpfungszeugnis gegen Kritik behaupten

Wohl jeder Christ kennt solche Situationen: In einem Gespräch über Jesus Christus oder über die Bibel kommen Einwände: „Wie, Du bist so altmodisch und glaubst noch an Gott? Ich dachte Du seist intelligent!“ Oder: „Die Bibel ist doch voller Fehler und Widersprüche“, womit angedeutet wird, sie sei ziemlich unglaubwürdig. Oder: „Die Wissenschaft hat doch widerlegt, dass… Damals wussten die Menschen noch nicht, dass… usw.“ Nicht nur von Menschen, die mit der Bibel und dem Christsein nichts zu tun haben wollen, kommt solche Kritik, sondern auch von manchen „Frommen“. Man könne die Bibel nicht mehr so lesen wie früher und Vieles mehr.

Mit Fragen dieser Art sind wir mitten drin in der Apologetik. Darunter versteht man die Verteidigung der biblischen Botschaft und ihrer Glaubwürdigkeit mithilfe von Sachinformation und logischen Argumenten gegen Einwände aller Art. Es geht darum, Kritik an der christlichen Weltsicht mit Fakten und sachlichen Argumenten zurückzuweisen oder wenigstens zu entkräften, Deutungsalternativen aufzuzeigen (wie kann man eine Sache mit guten Gründen auch verstehen?) und argumentative oder logische Fehler aufzudecken. Im besten Fall kann es auf diese Weise gelingen, Glaubenshindernisse auszuräumen und für die Glaubwürdigkeit der Bibel zu punkten. Mehr kann Apologetik nicht erreichen – gute Argumente alleine bewirken keinen persönlichen lebendigen Glauben. Aber für einen ehrlichen Sucher kann es sehr wichtig sein, dass seine Fragen – und damit er selber – ernst genommen werden. Und Gott kann es auch schenken, dass Menschen, die dem christlichen Glauben ablehnend gegenüberstehen, durch Argumente in ein ernsthaftes Nachdenken geführt werden. Es gibt viele Zeugnisse dafür, dass apologetischer Einsatz eine wichtige Rolle dabei gespielt hat, dass Menschen den Schritt zur persönlichen Nachfolge Jesu und zum Vertrauen in Gottes Wort, die Bibel, gemacht haben oder dabei geblieben sind. Apologetische Arbeit abzulehnen oder für unnötig zu erachten, hieße nichts anderes, als Menschen mit ehrlichen kritischen Fragen zur Glaubwürdigkeit der Bibel im Regen stehen zu lassen. Darüber hinaus ist Apologetik auch deshalb wertvoll, insofern sie helfen kann, wichtige biblisch bezeugte Wahrheiten (wieder) sichtbar werden zu lassen. So ist die Erkenntnis, dass wir in einer geschaffenen Welt leben, auch deshalb von herausragender Bedeutung, weil Menschen ihretwegen „keine Entschuldigung haben“ (Römer 1,20), wenn sie sich dereinst für ihren Unglauben zu rechtfertigen haben.

Apologetik im Bereich der Schöpfungslehre

Es gibt viele Felder für christliche Apologetik. Dieser Beitrag geht schwerpunktmäßig auf das Feld der biblischen Schöpfungslehre ein. Diese steht ohne Zweifel unter Berufung auf Wissenschaft schwer unter Beschuss – und zwar in fast jeder Hinsicht, nicht nur dann, wenn man die Schöpfungstexte des Buches Genesis als Schilderungen tatsächlicher Ereignisse liest. Schon die Auffassung, es habe schöpferische Inputs, eine geistige Verursachung[1] gegeben, durch die die Welt, die Lebewesen und mit ihnen auch der Mensch ins Dasein gekommen sind, stößt auf starken Widerspruch, sei es im akademischen Bereich, im Bildungssektor oder in den Massenmedien. Praktisch jeder Schöpfungsansatz wird pauschal als unwissenschaftlich abgetan. Der Grund ist, dass der Naturalismus kulturell zum Leitparadigma des Westens geworden ist, weswegen die akademische Welt durch diese Weltanschauung regelrecht beherrscht ist, was sich vor allem in Ursprungsfragen zeigt.[2] Wäre dem Anspruch des Naturalismus gemäß die Welt tatsächlich ohne das absichtsvolle, zielgerichtete Wirken Gottes entstanden, dann wäre ein Schöpfer überflüssig und das biblische Schöpfungszeugnis nicht nur unglaubhaft, sondern sogar unsinnig – es sei denn, man hätte überzeugende Gründe dafür, dass der Schöpfer die Spuren seines Schöpfungshandelns bewusst verbergen wollte und auch konnte.

Die Bibel bezeugt demgegenüber Gott als Schöpfer in verschiedensten Zusammenhängen, aus denen hervorgeht, dass er eingreifen kann und auch eingegriffen hat. Die Bibel spricht zwar auch davon, dass Gott immer in verborgener Weise wirkt, jedoch sind zumindest die Resultate seines Schöpfungs- und Wunderhandelns als solche offensichtlich, und entsprechend wird Gottes schöpferisches und eingreifendes Handeln bezeugt. Römer 1,20 wurde bereits genannt. Und was sollte zum Beispiel Psalm 94,9 bedeuten, wenn Gottes Wirken als Schöpfer nicht wirklich erkennbar wäre: „Der das Auge gemacht hat, sollte der nicht sehen? Der das Ohr gebildet hat, sollte der nicht hören?“ Hier wird das Schöpfungshandeln Gottes in Beziehung gesetzt zum persönlichen Ergehen dessen, der auf Gottes Eingreifen hofft. Oder greifen wir Jesu Worte aus der Bergpredigt heraus: „Schaut die Lilien auf dem Felde an, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch, dass auch Salomo in seiner Pracht nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen. Wenn nun Gott das Gras auf dem Felde so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: sollte er das nicht viel mehr tun für euch, ihr Kleingläubigen?“ (Mt. 6,28b-30) Auch hier wird die Zusage der persönlichen Zuwendung und Fürsorge Gottes an das Zeugnis seiner Schöpferkraft gekoppelt. In einer Welt, die ihre Existenz nur dem Zufall und zufällig existierenden Naturgesetzen verdankte, hätte diese Zusage keine Basis. Das alleine ist für einen Christen schon Grund genug, nachzuhaken: Sind die Ansprüche des Naturalismus und der Evolutionsanschauung überhaupt gerechtfertigt? Genau diese Frage führt in die Apologetik. Sie zielt nicht darauf ab, Schöpfung formal zu beweisen. Es geht vielmehr darum, die Behauptung, ein eingreifender und Wunder wirkender Schöpfer sei überflüssig, argumentativ mit Befunden aus den Naturwissenschaften qualifiziert in Frage zu stellen.

Wir werden darauf zurückkommen. Zunächst aber noch ein paar weitere Blicke auf biblische Schöpfungstexte: Der Prophet Jeremia stellt Gott als Schöpfer den wirkungslosen und eigentlich harmlosen Götzen gegenüber: „Der HERR ist es, der die Erde durch seine Kraft geschaffen, den Erdkreis durch seine Weisheit fest gegründet und durch seine Einsicht den Himmel ausgespannt hat“ (Jer. 10,12). Hier werden Kraft, Weisheit und Einsicht Gottes betont. Durch den Kontrast mit den selbstgemachten Göttern, den Götzen, die nicht reden, gehen, schaden oder nutzen können, wird umso deutlicher, was Gott als Schöpfer tut. Er kann dies alles, was die Götzen nicht können.

Der Hebräerbrief bringt es prägnant auf den Punkt: „Aufgrund des Glaubens erkennen wir, dass die Welt durch Gottes Wort erschaffen worden und dass so aus Unsichtbarem das Sichtbare entstanden ist“ (Hebr. 11,1; EÜ). Das Wort Gottes, das hier genannt wird, kann mit dem Wort, das in 1. Mose 1 und in Joh. 1 bezeugt wird, identifiziert werden; es ist das Wort, durch das Gott geschaffen hat. Man wird nicht fehlgehen, wenn mit dem „Wort“ auch Information, Plan, Überlegung und Zielsetzung einschließt.

Und es ist vor diesem Hintergrund selbstverständlich, dass man danach fragen kann, ob sich in den geschaffenen Dingen Hinweise auf die Kraft, Weisheit und Einsicht Gottes als Schöpfer finden lassen. Das ist es ja, was Paulus im 1. Kapitel des Römerbriefes feststellt: „Denn was man von Gott erkennen kann, das ist unter ihnen wohlbekannt; Gott selbst hat es ihnen ja kundgetan. Sein unsichtbares Wesen lässt sich ja doch seit Erschaffung der Welt an seinen Werken mit dem geistigen Auge deutlich ersehen, nämlich seine ewige Macht und göttliche Größe“ (Röm. 1,19-20; nach H. Menge). Das heißt: Die Werke der Schöpfung sind so gestaltet, dass an ihnen deutlich, ja gleichsam offensichtlich die Spuren eines mächtigen Schöpfers erkannt werden können. Die Wendung „mit dem geistigen Auge ersehen“ meint den Einsatz des Verstandes; im verwendeten griechischen Wort „nooumena“ steckt „nous“, Verstand. Luther übersetzt mit „durch Nachdenken“. Die Spuren sind also gut erkennbar, und das ist so, weil Gott sie selber „kundgemacht“, sozusagen öffentlich zugänglich gemacht hat. Und sie sind so deutlich, dass wie oben bereits erwähnt im weiteren Text davon die Rede ist, dass es keine Entschuldigung dafür gibt, sie zu ignorieren oder als nichtssagend abzutun. Paulus schreibt weiter, dass viele Menschen nicht mit Dank und Anbetung auf die Offenbarung Gottes in seiner Schöpfung antworten. An dieser Stelle endet dann auch jede christliche Apologetik: Den persönlichen Schritt des Glaubens an Jesus Christus und des Vertrauens in sein Wort kann sie nicht bewirken.

Die Aussagen von Paulus in Römer 1,20ff. würden aber keinen Sinn machen, ja sie wären unmittelbar falsch, wenn in der Schöpfung gar keine Spuren der Tätigkeit des Schöpfers gefunden werden könnten, unbeschadet der Tatsache, dass Spuren im Einzelfall nicht immer eindeutig sein mögen und dass Spuren gelesen und interpretiert werden müssen. Aber solche klaren Spuren sind zu erwarten. Und sie sind wirklich da und man kann sie tatsächlich erkennen und das in manchen Fällen sogar recht leicht.

Der Design-Ansatz in der Biologie

Genau an dieser Stelle knüpft der Design-Ansatz an, der populär unter dem Schlagwort „Intelligent Design“ bekannt ist. Vorab ist wichtig: Es geht beim Design-Ansatz in der Biologie (worauf wir uns hier beschränken) um Ursprungsfragen, um die Frage nach der erstmaligen Entstehung von Naturgegenständen (z.B. die Entstehung des Lebens oder die Entstehung biologischer Konstruktionen oder die für Leben maßgeschneiderten Naturgesetze). Es geht also nicht darum, eine andere Art von Naturwissenschaft zu betreiben, sondern vielmehr die Daten der Naturwissenschaften als Indizien heranzuziehen, um die Frage zu beantworten, ob …

  • eine natürliche oder eine schöpferische Verursachung wahrscheinlicher ist.
  • der Anspruch einer naturalistischen Erklärung durch die Daten gedeckt ist und
  • ob die Behauptung, ein Schöpfer sei überflüssig, begründet ist.

Der hier relevante[3] Design-Ansatz kann sehr gut so definiert werden, dass er sich nicht weltanschaulich auf den Naturalismus oder zumindest nicht auf einzelne naturalistische Grundprinzipien festlegt. Er lässt daher die Möglichkeit zu, dass Lebewesen oder bestimmte Aspekte von ihnen durch die Tätigkeit eines Schöpfers entstanden sind, insbesondere wenn Erklärungen durch ungerichtete, natürliche Prozesse nachhaltig versagen und Gründe benannt werden können, warum das so ist. Der Design-Ansatz legt sich also nicht von vornherein auf Schöpfung fest, sondern kalkuliert diese Möglichkeit ein. Damit erfüllt dieser Ansatz auch ein wesentliches Kriterium echter Wissenschaftlichkeit, nämlich eine prinzipielle Ergebnisoffenheit historisch-wissenschaftlichen Arbeitens ohne weltanschauliche Engführung.

Den Grundgedanken des Design-Ansatzes kann man auch so formulieren: Es soll untersucht werden, ob man an den Strukturen der Lebewesen (oder auch der unbelebten Welt) Eigenschaften erkennen kann, die auf das Wirken eines intelligenten, willensbegabten Urhebers (Designers, Schöpfers) hinweisen und andere Möglichkeiten ihrer Herkunft unwahrscheinlich machen. Eine wissenschaftliche Analyse soll Indizien dafür aufdecken, dass der Kosmos und die Lebewesen durch das schöpferische Wirken eines Designers entstanden sind.

Es geht also darum, mögliche Indizien einer geistig-schöpferischen Verursachung auf Grundlage naturwissenschaftlicher Analysen der erforschten Gegenstände (seien es Lebewesen, potenzielle menschliche Artefakte oder auch Dinge der unbelebten Welt) identifizieren zu können. Dieselben Prinzipien kommen auch sonst bei der Unterscheidung von Artefakten von Naturprodukten oder (spezieller) in der Kriminalistik zum Tragen (vgl. Kasten „Der Fall ‚Schöpfung oder Evolution‘ als Kriminalgeschichte“). Sie werden in der biologischen Intelligent-Design-Forschung auf die Analyse von Lebewesen bezogen.

Der Kern des Design-Ansatzes

Auf biologische Details soll hier nicht eingegangen werden; das geschieht an anderer Stelle.[4] Wichtig ist, den Kern des Design-Ansatzes zu verstehen. Der Design-Ansatz geht von der fundamentalen Unterscheidung zwischen Geistigem und Nicht-Geistigem aus, zwischen geistlosen und geistigen Ursachen, dem durch Geist und durch geistlose Prozesse Verursachten, sowie den daraus resultierenden Merkmalen.

Eine geistbegabte Person, ein Schöpfer, Künstler, Konstrukteur oder Programmierer, kann Ziele setzen und den zukünftigen Zielzustand gedanklich vorwegnehmen. Er ist also zukunftsorientiert, kann planen, benötigte Mittel zur Erreichung des Zieles organisieren, Zwischenschritte einplanen und mögliche Hindernisse einkalkulieren. All das können Naturprozesse nicht. Diese laufen nach Gesetzmäßigkeiten ab und haben dabei weder eine Wahl noch ein Ziel. Denn nichtgeistige Dinge und Abläufe sind völlig blind in Bezug auf Ziele oder das Erreichen eines Zieles durch geeignete Mittel und können keine Mittel zum Erreichen eines Zieles wählen. Erklärungen, die nicht auf geistiger Verursachung beruhen, können lediglich auf drei Faktoren Bezug nehmen: Naturgesetze, (statistisch qualifizierter!) Zufall und wahrscheinliche Randbedingungen. Unter solchen Bedingungen sind aber keine Merkmale zu erwarten, wie sie bei geistig verursachten Gegenständen vorliegen. Naturprozessen stehen also sehr viel weniger Möglichkeiten zur Verfügung. In aller Regel ist der Unterschied der Merkmale von geistig oder nicht-geistig verursachten Gegenständen leicht erkennbar, weil die Merkmale geschaffener Gegenstände allgemeine Merkmale geistiger Wesen widerspiegeln, wie insbesondere eine komplex realisierte Zweckmäßigkeit. Daher kennen wir auch keine Gegenstände, die eine komplexe Zweckmäßigkeit widerspiegeln, deren Ursprung geklärt ist und die allein durch ungeplante, natürliche Prozesse entstanden sind.

Der Design-Ansatz ist ein rein wissenschaftlicher Ansatz, der ohne jeden Bezug zu theologischen Aussagen verfolgt werden kann. Das ist seine Stärke, bedingt aber auch Grenzen. Denn auf diesem Wege kann noch nichts über die Identität und spezielle Attribute des Designers gesagt werden. Hat der Gott der Bibel die DNA geschaffen? Oder ein anderes außerweltliches, göttliches Wesen? Oder waren es (innerweltliche) Außerirdische? Sind wir das Werk eines verrückten Physikers, der unsere Welt nur auf seinem Supercomputer simuliert? Alle diese Ansätze (auch wenn sie z.T. nach Science-Fiction klingen, werden tatsächlich von namhaften Wissenschaftlern diskutiert).

Aber: Der Design-Ansatz, wo er fruchtbar ist, macht dadurch die christliche Weltsicht signifikant wahrscheinlicher. Dabei ist er natürlich offen für Konkretisierungen, wer dieser Schöpfer ist. Solche Konkretisierungen können auch zunächst aus dem Bereich der natürlichen Theologie stammen (z.B. über das Moral-Argument oder die historische Apologetik). Die konkrete Anwendung auf theologische Fragen ist aber erst ein zweiter oder ggf. dritter Schritt. Konkrete Aussagen über den Schöpfer folgen jedenfalls nicht aus der Design-Analyse. Auch auf diesen Punkt werden wir weiter unten zurückkommen.

Das angebliche Lückenbüßer-Problem

Eine der häufigsten Einwände gegen den Design-Ansatz ist, man argumentiere mit einem „Lückenfüller“ oder „Lückenbüßer“. Diesen Einwand gibt es in theologischer und in wissenschaftsmethodischer Hinsicht. Er ist aber in beiden Hinsichten verfehlt.

Der methodische Einwand besagt: Wenn es Lücken im Verständnis einer natürlichen Entstehung gibt, könne man daraus nicht auf einen Schöpfer schließen, der diese Lücke fülle. Weitere Forschung würde diese Lücken in Zukunft füllen.

Doch woher weiß man das? Weitere Forschung könnte ebenso gut diese Lücken noch größer werden lassen – dafür gibt es auch zahlreiche Beispiele aus der aktuellen Forschung. Wer mit dem Lückenbüßer-Argument gegen den Design-Ansatz argumentiert, setzt also einfach ohne weitere Begründung voraus, es gebe eine naturalistische Erklärung, sie müsse nur noch gefunden werden. Mit anderen Worten: Unbekannte natürliche Prozesse werden – ohne dass es Indizien für ihre Existenz Indizien gibt – als Lückenfüller des Naturalismus eingesetzt. Denn natürlich sind alle unsere Naturdaten stark unterbestimmt – und damit per se lückenhaft. Auf die meisten Sachverhalte zur Erklärung der Welt müssen wir über mehr oder weniger indirekte Argumente schließen. Die Frage ist, welche Argumente bzw. welche „Lückenfüller“ die rational annehmbarsten sind. Irgendwelche Lückenfüller – wenn man das Wort verwenden will – brauchen wir also. Die einseitige (und dabei meist polemische) Verwendung des Wortes ist daher inkonsequent. Offenkundig ist also die Lückenbüßer-Argumentation kein treffendes Argument.

Liegen Erklärungslücken vor, müssen also in einem Vergleich möglicher Erklärungen („natürlich entstanden“ versus „geistig-kreativ verursacht“) die vorliegenden relevanten Indizien bewertet werden: Sprechen diese eher für natürliche (nicht-geistige) oder für kreative (geistige) Verursachung? Diese Vorgehensweise entspricht der o.g. Ergebnisoffenheit des Design-Ansatzes.

Ein weiterer Aspekt dabei ist dieser: Bezeichnen wir einen Ingenieur oder einen Programmierer als Lückenbüßer, weil wir noch nicht verstanden haben, wie eine Maschine oder ein Computerproramm alleine durch natürliche Vorgänge entsteht? Würde jemand in solchen Fällen auf den Gedanken kommen, das Wirken einer willensbegabten und mit Verstand ausgestatteten Person nicht als Erklärung zuzulassen, weil diese Erklärung nicht allein auf rein naturgesetzlich beschreibbare Faktoren zurückgreift?

Ein weiterer Aspekt. Es geht bei der Frage „Schöpfung oder rein natürliche Verursachung“ nicht darum, ob hier und da ein Schöpfer in einen ansonsten natürlich verlaufenden Prozess eingegriffen hat (was man nach dem Konzept einer theistischen Evolution annehmen könnte, die hier aber nicht vertreten wird). Die Frage ist vielmehr: Hat ein natürlicher Prozess zu einem bestimmten Naturgegenstand geführt oder liegt ein Fall von Planung und zielorientierter Realisierung vor, bei dem ein Schöpfer (oder Konstrukteur, Programmierer oder Künstler) eingegriffen hat und / oder die natürlichen Gegebenheiten kreativ genutzt hat, wobei seine geistige Tätigkeit aber von vornherein entscheidend für das Hervorbringen war.

Der Design-Ansatz ist also keinesfalls ein Konkurrent zu naturwissenschaftlicher Forschung und verhindert diese auch nicht – im Gegenteil! Indizien für einen Designer werden durch Forschung entdeckt. Kenntnisse über die Natur liefern Design-Indizien, nicht das Unentdeckte. Eines der größten und leider auch verbreiteten Missverständnisse über den Design-Ansatz ist, es gehe um eine andere Naturwissenschaft oder andere Art von Forschung. In Wirklichkeit geht es aber um Interpretations-Optionen in Bezug auf Ursprungsfragen. Die naturwissenschaftliche Forschung erfolgt methodisch auf gleiche Weise, unabhängig davon, ob man vom Naturalismus oder Theismus ausgeht oder ergebnisoffen arbeitet. Die Wege trennen sich erst, wenn es um Deutungen der Forschungsergebnisse in Bezug auf Ursprungsfragen geht (Schöpfung, Evolution).


Der Fall „Schöpfung oder Evolution“ als Kriminalgeschichte

Wenn Wissenschaftler vergangene Ereignisse (Schöpfung oder Evolution) rekonstruieren möchten, arbeiten sie ähnlich wie ein Kriminalist, der einen Todesfall aufzuklären hat. War es Mord oder Selbstmord oder trat der Tod auf natürlichem Wege ein? Wenn Augenzeugen fehlen, ist nur ein Indizienbeweis möglich. Das ist kein absolut unzweifelhafter Beweis im mathematischen Sinne, sondern eine stimmige Erklärung der am Tatort gefundenen Indizien; im Idealfall gibt es nur eine einzige stimmige Erklärung und der Fall scheint gelöst zu sein. Unter Umständen bleibt der Fall aber mangels Beweisen ungelöst, weil die Indizien mehrere Szenarien erlauben.

Wenn der Kommissar seine Arbeit unvoreingenommen macht, sammelt er möglichst viele Indizien, um zu einem möglichst umfassenden Gesamtbild zu kommen, und er wird allen Spuren nachgehen. Vor allem: Er ist für alle möglichen Antworten offen. Ein Kommissar, der eine der möglichen Erklärungen grundsätzlich ausschließen würde, hat seinen Beruf verfehlt. Oder was würden Sie von einem Kommissar halten, der „Mord“ von vornherein ausschließen würde mit der Begründung, es müsse unter allen Umständen eine Erklärung dafür geben, dass der Tod auf natürlichem Wege eingetreten sei? Die Möglichkeit, dass ein Täter absichtsvoll gehandelt habe, dürfe nicht berücksichtigt werden?

Genauso fragwürdig ist aber tatsächlich die Herangehensweise der überwältigenden Mehrheit der heutigen Biologen in ihren Forschungen zur Entstehung des Lebens und zur Geschichte der Lebewesen. Die Möglichkeit, dass ein Schöpfer absichtsvoll gehandelt hat und dass daraus die korrekte Erklärung folgt, wird prinzipiell ausgeschlossen, angeblich aus methodischen Gründen, aber in Wirklichkeit ist es eine Vorentscheidung in der Sache. Mindestens wird die Spur einer Schöpfung gewöhnlich nicht verfolgt. Nur ein Zitat von vielen, das diese Einstellung verdeutlicht: „Selbst wenn alle Daten auf einen intelligenten Schöpfer weisen, würde eine solche Hypothese aus der Wissenschaft ausgeschlossen werden, weil sie nicht naturalistisch ist.“[1] Dieses Zitat besagt: Die Wissenschaftlergemeinschaft ist faktisch darauf festgelegt, dass es auf alle Ursprungsfragen eine naturalistische Antwort geben muss. „Schöpfung“ sei auszuschließen, da dies unwissenschaftlich sei. Damit aber wird ein Grundprinzip wissenschaftlichen Arbeitens aufgegeben, nämlich die Suche nach der zutreffenden Antwort.[1] Stattdessen wird die „beste“ naturalistische Antwort gesucht. (In Anführungszeichen deshalb, weil falsche Antworten nie die besten sein können.) Es gibt also gute Gründe dafür, dass diese verengte Suche ein Holzweg ist.


II. Zum Vortrag „Glaube und Zweifel“ von Christiane Tietz

Teil I soll helfen, die Aussagen von Christiane Tietz einordnen und kommentieren zu können. Frau Tietz äußert sich zu Gottesbeweisen, speziell zum teleologischen Gottesbeweis nach Thomas von Aquin[5], und leitet anschließend zum Ansatz des „Intelligent Design“ (ID) über, der im Folgenden wie in Teil I kurz als „Design-Ansatz“ bezeichnet werden soll. Sie beginnt mit der Erklärung, wie der Begriff „Gottesbeweis“ im Mittelalter verstanden wurde: „Es ist vernünftig, an Gott zu glauben. Glaube und Vernunft widersprechen sich nicht.“ Einen Beweis im mathematischen Sinne gibt es hier nicht.

In der Diskussion um „Gottesbeweise“ ist es wichtig zu klären, was mit „Gottesbeweis“ gemeint ist. So kann es in der Frage nach Schöpfung versus Naturalismus nur darum gehen, ob die Annahme des Wirkens eines Schöpfers wahrscheinlicher ist als die Annahme, dass ein Schöpfer keine Rolle bei der Entstehung des Kosmos oder der Lebewesen spielte. Für einen Apologeten würde sogar genügen, wenn die Annahme eines Schöpfers als vernünftige Option aufgezeigt werden kann. Hier werden jedoch oft völlig überzogene Forderung an die theistische Position gestellt, so als …

  • sei die Beweislast einseitig auf der Seite des Design-Ansatzes,
  • müssten naturalistische Erklärungen widerlegt werden,
  • sei der Naturalismus bis zum Beweis des Gegenteils als wahr anzunehmen,
  • müsse der Theist sogar den Unmöglichkeitsbeweis führen, dass naturalistische Hypothesen (z. B. der Entstehung des Lebens) prinzipiell scheitern werden.

Aber selbstverständlich sind (auch) Naturalisten hinsichtlich ihrer eigenen Behauptungen in der Begründungspflicht und können nicht einfach dem Gegner einen Unmöglichkeitsbeweis aufbürden. Sie selbst müssen z.B. hinreichend starke Indizien für eine rein natürliche Entstehung des Lebens vorlegen, genauso wie Befürworter des Design-Ansatzes Indizien für Schöpfung zusammentragen müssen. Es geht also immer um einen Vergleich: Welche Position hat die überzeugenderen Indizien auf ihrer Seite?


Der teleologische Gottesbeweis nach Thomas von Aquin

Beim teleologische Gottesbeweis nach Thomas von Aquin handelt es sich um den sogenannten „Fünften Weg“ seiner Gottesbeweise. Beispielhaft sei sein Argument anhand der Flugbahn eines Pfeiles erläutert: Thomas von Aquin schließt aus der Tatsache, dass der auf ein Ziel fliegende geistlose Pfeil nicht selber zielorientiert ist, dass es ein dahinterstehendes Ziel bzw. eine entsprechende Absicht geben muss. Diese ist natürlich im Geist des Schützen zu finden. Diesen Gedanken wendet er auf die Welt als Ganzes an und schließt auf Gott, der sie in Bewegung gesetzt hat.
Die Originalformulierung findet man hier: http://www.k-l-j.de/068_gottesbeweise_thomas_aquin.htm


Das Design-Argument in biologischer Sicht

Kommen wir zum Vortrag von Frau Tietz zurück. Die Referentin weist zunächst unter Berufung auf Kant den teleologischen Gottesbeweis von Thomas von Aquin (siehe Kasten) zurück. Dessen Beweisführung gelte nach Kant nur in der sinnlichen Welt. Den Rückschluss auf Gott könne man nicht machen, weil er kein Gegenstand der sinnlichen Welt (in Raum und Zeit) ist. Dieser Rückschluss sei prinzipiell nicht möglich.[6] Mit dieser Kritik kommt sie anschließend auf den Design-Ansatz in der Biologie zu sprechen, den sie mit dem teleologischen Gottesbeweis von Thomas in Verbindung bringt. Diese Verbindung ist nicht ganz korrekt, da es bei Thomas um teleologische (d.h. zielorientierte) Bewegungen geht (die ohne personale Ursache letztlich nicht verstanden werden können), während der zentrale Aspekt beim Design-Argument die Zweckmäßigkeit bzw. Funktionalität biologischer Strukturen ist.[7] Organe oder biologische Konstruktionen können nur dann eine Funktion ausüben, wenn mehrere Teile ausgebildet und passend aufeinander abgestimmt sind. Daraus ergibt sich das Argument der „nichtreduzierbaren Komplexität“. Es besagt zum einen, dass ein Minimum an Teilen und deren Abstimmung nicht reduziert werden darf, ohne einen totalen Funktionsausfall zu haben (in Bezug auf die Funktion des Systems). Zum anderen heißt dies, dass dieses Minimum an nichtreduzierbarer Komplexität komplett vorhanden sein muss und nicht schrittweise durch Versuch und Irrtum in einem natürlichen Evolutionsprozess aufgebaut werden kann. Denn Vorstufen wären nicht funktional und könnten in Bezug auf die Funktion des ganzen Systems nicht durch Selektion ausgelesen werden, sondern würden viel eher abgebaut, bevor weitere aufbauende Schritte folgen.

Frau Tietz charakterisiert den Design-Ansatz korrekt: Ein intelligenter Designer sei aufgrund der Gegebenheiten in der Natur erschließbar; eine planvolle Zusammenstellung von Teilen könne man nur auf einen Schöpfer zurückführen, und zwar notwendigerweise. Als Beispiele nennt sie komplexe Strukturen wie Auge oder Flügel. Naturgesetze würden nicht ausreichen, solche Strukturen hervorzubringen.

„Was sagen Biologen dazu?“ fragt Frau Tietz und meint, sie würden darauf verweisen, dass es weniger komplexe Formen gebe, die auch irgendwie funktionieren, nicht nur die vollendete Form. Als Beispiel nennt sie Lungen von Lungenfischen, die einfacher gebaut sind als Lungen von Landwirbeltieren. Das Beispiel ist jedoch denkbar schlecht gewählt, weil alle diese Lungen eine Lungenfunktion ausüben, während es beim Design-Argument der nichtreduzierbaren Komplexität um die erstmalige Entstehung einer minimalen Lungenfunktion geht.[8]

Außerdem – so würden Biologen behaupten – sei eine scharfe Abgrenzung zwischen funktional und nicht funktional gar nicht möglich; etwas könne auch „ein bisschen“ funktionieren. Ein Beispiel dafür nennt sie nicht. Aber davon abgesehen setzt „ein bisschen funktionieren“ de facto ein Funktionieren voraus; eine biologische Zelle, die „ein bisschen funktioniert“, sprich: auf jeden Fall lebt, ist mit einer Erbinformation einschließlich Auslese- und Reparaturvorrichtungen, zahlreichen Proteinen, einer funktionalen Zellmembran u. v. m. bereits hochkomplex und spezifisch aufgebaut. Dasselbe gilt z.B. für ein Echolotsystem bei verschiedenen Säugern, die bereits „ein bisschen“ funktionieren.
Es ist also gerade die Frage, auf welchem Wege eine neue, vorher nicht realisierte Minimalfunktion zustande kommt. Ohne eine Minimalfunktion kann nicht auf die betreffende Funktion ausgelesen werden und wenn eine Minimalfunktion viele aufeinander abgestimmte Schritte (Mutationen) erfordert, sind nach allem, was wir wissen, die bekannten Evolutionsmechanismen klar überfordert. Das wird heute auch von einer Reihe von Evolutionsbiologen eingeräumt.[9] Auch dieser Einwand geht am Kern des Arguments vorbei.

Hier kann natürlich keine Detaildiskussion geführt werden; dies ist an anderer Stelle erfolgt und es sei auf den in Anmerkung 10 genannten Grundsatzartikel verwiesen. Es sei nur noch angemerkt, dass es zahlreiche andere Arten von Design-Argumenten in der Biologie gibt: Das Argument der nichtreduzierbaren Komplexität ist sicher besonders populär, aber nur eines unter vielen.[10] Man kann Frau Tietz als Theologin vielleicht keinen Vorwurf machen, dass sie hier nicht besser und ausgewogener informiert ist. Es ist aber fahrlässig, auf dünner Kenntnisdecke einen Ansatz als untauglich hinzustellen.

Das Design-Argument in theologischer Sicht

Mehr Zeit verwendet Frau Tietz im Folgenden darauf, den Design-Ansatz theologisch zu kritisieren. Dabei greift sie nochmals auf biologische und methodologische Aspekte zurück.

Ihr erster Punkt: Beim Design-Ansatz werde Gott als Ursache „innerhalb des Weltbildes“ gesehen. Phänomene, die wir nicht erklären können, müssten von Gott verursacht worden sein. Der Gottesbegriff, wonach Gott innerhalb der Kausalkette wirke, sei problematisch. Gott werde als Arbeitshypothese verwendet, die man einsetzt, wenn man nicht mehr weiterwisse. Man dürfe Gott nicht in Erklärungslücken stecken; Gott werde sonst zum Lückenbüßer; der sich durch Wissensfortschritt auf einem fortgesetzten Rückzug befinde.

Diese scheinbare Kurzform des Arguments („Phänomene, die wir nicht erklären können, müssen von Gott verursacht worden sein“) wird aber von keinem Befürworter vertreten, es ist lediglich eine (leicht angreifbare) Karikatur. Frau Tietz bringt wie viele andere Redner oder Autoren keine Originalzitate von Befürwortern des Design-Ansatzes. Das Problem ist hier eine unklare Rede von „Lücken“ und eine Unklarheit darüber, welche „Phänomene“ überhaupt gemeint sind, die nicht erklärt werden.

Da die „Lückenbüßer“-Kritik sehr populär ist, soll darauf nochmals etwas ausführlicher eingegangen werden.[11]

  1. Es ist notwendig, zwischen Wissenslücken und Erklärungslücken zu unterscheiden. Beim Design-Ansatz geht es um letztere und zwar um Erklärungslücken in Bezug auf die vergangene, erstmalige Entstehung von Naturgegenständen. Tatsächlich gibt es viele Beispiele dafür, dass das Schließen von Wissenslücken die Erklärungslücken im Rahmen des Naturalismus vergrößert.[12] Der Design-Ansatz wird nicht durch Wissenslücken begünstigt; vielmehr muss sich zeigen, ob sich durch Erweiterung unserer Kenntnisse der Design-Ansatz bewährt oder ob er fallen gelassen werden kann. Die Erweiterung unseres Wissens ist eine Prüfmöglichkeit für den Design-Ansatz und im Erfolgsfalle führt das zu seiner Stärkung. Das gilt vice versa auch für den naturalistischen Ansatz. Auch im Rahmen dieses Ansatzes stellt sich die Frage, ob das Schließen von Wissenslücken naturalistischen Deutungen stärkt oder schwächt.
    Es geht auch nicht darum ob Gott „zwischendurch immer wieder mal eingreift“ und „bestimmte Sachen gemacht hat, die wir anders noch nicht verstehen“, wie Frau Tietz mutmaßt, sondern darum, ob es Indizien dafür gibt, dass Gott, der außerhalb seiner Werke steht, von vornherein geplant und zielorientiert gehandelt hat. Gottes Schöpferhandeln kann natürlich weder demonstriert noch modelliert werden, und am allerwenigsten ist es in irgendwelchen Lücken zu finden. Der eingangs genannte Vergleich mit einem Computer macht es klar: Der Konstrukteur findet sich ja auch nicht in Lücken unseres Verständnisses über die Funktionsweise des Computer, sondern befindet sich außerhalb des Systems, das ohne sein Wirken nicht verstanden werden kann.
  1. Von Lücken zu sprechen, macht zudem nur dann Sinn, wenn das Ganze in Grundzügen bekannt ist, so dass das Fehlende als Lücke zu bezeichnen ist. Daraus folgt: Die Behauptung von Lücken in erklärenden naturalistisch-evolutionären Hypothesen beinhaltet, dass das zu Beweisende vorausgesetzt wird (dass es das „Ganze“, also eine naturalistische Erklärung gibt, die jedoch noch nicht geliefert wurde). Das zu Beweisende wird in doppelter Hinsicht vorausgesetzt, nämlich dass die „Lücke“ naturwissenschaftlich geschlossen werden kann und dass es sich überhaupt um das Fehlen eines Teils in einem vorausgesetzten existierenden Ganzen handelt.
    x
  2. Die Erklärung durch geistige Verursachung ist nicht in den Lücken einer naturwissenschaftlichen Ursprungshypothese zu verorten und ergänzt eine solche auch nicht, sondern sie ist eine Alternative zu einer solchen Hypothese, weil ein anderer Prozess im Fokus steht. Mit Design werden also nicht Lücken geschlossen, sondern ein anderer Erklärungstyp anstelle eines gescheiterten naturwissenschaftlichen Erklärungsversuchs ins Spiel gebracht.

Daraus folgt: Falls ein (Natur-)Gegenstand nur durch einen kreativen Akt entstehen kann, werden naturalistische Entstehungshypothesen scheitern und aus der Sicht des Naturalismus wird dies notwendigerweise als (stets auf vorläufiges Nichtwissen basierende) „Lücke“ erscheinen – aber eben nur aus dieser Sicht (s. o.).

Fazit zum ersten Punkt. Wichtig ist die Unterscheidung zwischen bloßen Wissenslücken und Erklärungslücken. Wissenslücken können geschlossen werden. Erklärungslücken können sich als grundsätzlich herausstellen und damit auf Grenzen natürlicher Prozesse verweisen. Die unklare Rede von Lücken und das Vermischen der verschiedenen Arten von „Lücken“ führen zu Scheinargumenten und Irreführung.

Entsprechend müssen die Fragestellungen nach Aufbau und Funktion eines Naturgegenstands einerseits und nach seiner Entstehung andererseits unterschieden werden. Auch diese Unterscheidung wird oft nicht beachtet; auch dadurch kommt es zu irreführenden Argumenten. Die häufig wiederholte Behauptung, zunehmende Kenntnisse würden die Lücken unseres Wissens verkleinern, trifft nachweislich nur auf das Funktionieren zu. Dagegen ist die Entwicklung in der Frage nach Mechanismen der Entstehung von Naturgegenständen uneinheitlich und von Fall zu Fall gesondert zu beurteilen; der Wissenszuwachs lässt die Fragen nach der Entstehung oft noch schwieriger werden.

Ein zweiter Punkt: Frau Tietz weist darauf hin, dass Naturwissenschaften methodisch ohne Gott im Experimentalbereich arbeiten müssen. Naturwissenschaftler müssten so argumentieren, dass Gott nicht vorkommt. Richtig verstanden ist das korrekt und eine methodisch sinnvolle Beschränkung.[13] Nun behauptet Frau Tietz aber weiter, Befürworter des Design-Ansatzes würden die Naturwissenschaften dafür kritisieren, dass sie methodisch ohne Gott arbeiten und damit ein gottloses Weltbild vertreten. Das ist bestenfalls ein grobes Missverständnis. Es sei dazu an das im Teil I Gesagte erinnert: Es geht nicht um eine andere Art von Naturwissenschaft, sondern darum, die Daten der Naturwissenschaften als Indizien heranzuziehen, um die Frage zu beantworten, ob eine natürliche oder eine schöpferische (geistige) Verursachung bei der erstmaligen Entstehung eines Naturgegenstandes wahrscheinlicher ist. Die naturwissenschaftliche Forschung erfolgt aber methodisch auf gleiche Weise, unabhängig davon, ob man ihre Ergebnisse im Rahmen des Naturalismus oder aus der Schöpfungsperspektive deutet.

An dieser Stelle fehlt im Vortrag von Frau Tietz eine weitere wichtige Unterscheidung, nämlich die Unterscheidung zwischen dem Experimentalrahmen (wo das Wirken Gottes mit den Methoden der Naturwissenschaften gar nicht berücksichtigt werden kann) und dem naturhistorischen Bereich, in dem nicht experimentell gearbeitet werden kann und auch die Fragestellung in der Regel eine andere ist.[14] Wird dieser Unterschied nicht beachtet, gerät einiges durcheinander. Vor allem läuft es darauf hinaus, Gottes Wirken nicht nur methodisch, sondern auch faktisch auszuschließen. Denn wenn man Gottes Wirken in Ursprungsfragen methodisch ausschließt, bedeutet das, dass man sich in naturhistorischen Fragen auf Erklärungen mit ausschließlich natürlichen Prozessen und somit auf gesetzmäßig Beschreibbares und zufällige Faktoren beschränkt und prinzipiell nur solche Erklärungen zulässt. „Methodischer Naturalismus“ oder „methodischer Atheismus“ läuft somit letztlich auf einen weltanschaulichen Naturalismus bzw. Atheismus hinaus. Denn warum forscht man so, „als ob“ es X, Y und Z nicht gäbe bzw. irrelevant sei? Der einzig klare Grund kann nur sein: Weil man entweder glaubt, dass es X, Y und Z tatsächlich nicht gibt oder es als irrelevant für den Forschungsgegenstand betrachtet (d. h. hier: nicht als Schöpfer gehandelt hat).

Ein dritter Punkt. Christiane Tietz verweist auf Martin Luthers Erklärung zur Schöpfung im Kleinen Katechismus, wonach Schöpfung auch natürlich erklärbare Dinge wie „Kleider und Schuh, Essen und Trinken, Haus und Hof, Weib und Kind, Acker, Vieh und alle Güter“[15] einschließt. Doch Luther kann keinesfalls als Kronzeuge dafür angeführt werden, dass auch die Schöpfung insgesamt sich durch natürliche Prozesse entfaltet hat. Vielmehr beschreibt Luther hier eine Lehre, die auch als concursus divinus bezeichnet wird (das bedeutet „göttliche Mitwirkung“), deren Inhalt das Wirken Gottes auch nach Abschluss der Schöpfung am Anfang meint und die der deistischen Vorstellung entgegensteht, Gott greife nach vollendeter Schöpfung nicht mehr in den Lauf der Welt ein. Oft wird dies auch als creatio continua[16] bezeichnet und von der creatio originalis unterschieden. In Teil I wurde bereits ausgeführt, dass die Heilige Schrift vielfach und in vielerlei Zusammenhängen Gottes besonderes Schöpfungshandeln bezeugt. Biblisch gesehen kann Gottes Schöpfungshandeln nicht auf seine Fürsorge reduziert werden; das ist auch nicht die Absicht Luthers mit seinen Formulierungen im Kleinen Katechismus.

Viertens. Schließlich kritisiert Frau Tietz allgemein an den Gottesbeweisen (und implizit am Design-Ansatz), es handle sich um den Versuch, über Gott aus einer neutralen Warte heraus zu reden. Sie verweist auf den Theologen Werner Elert, der die Gottesbeweise als klassisches Beispiel menschlicher „Abstandshaltung“ (Gott gegenüber) ansieht. Man finde zwar heraus, dass es Gott gebe, aber der habe mit mir erst mal gar nichts zu tun. Das sei aber nicht der Gott, der den Menschen beansprucht. Es sei nicht der Gott der biblischen Texte, der in Beziehung mit den Menschen stehen wolle. Frau Tietz zitiert in diesem Zusammenhang auch den Theologen Rudolf Bultmann, wonach wir von Gott nur reden könnten, wenn wir von uns selber reden[17] und das mache ein Gottesbeweis nicht. Es gehe darin nicht um das, was Gott für mich bedeutet. Der Gottesbeweis rede vielmehr distanziert.

Dieser Ansatz ist allein schon deshalb deplatziert, weil durch ihn ein Sachargument „widerlegt“ werden soll, indem man versucht diejenigen, die es vorbringen, zu psychologisieren, also ihnen z.B. bestimmte Motive zu unterstellen. Aber genauso wenig kann man z. B. die die Allgemeine Relativitätstheorie widerlegen, indem man Albert Einstein bestimmte Motive unterstellt.

Der Aspekt der existentiellen Herausforderung betrifft zudem das Thema „Gottesbeweise“ gar nicht. Mit den Gottesbeweisen (im oben erläuterten Sinne) ist nicht der Anspruch verbunden, die Existenz des Gottes der Bibel oder gar seine besonderen Attribute nachzuweisen. Es geht vielmehr darum aufzuzeigen, dass es vernünftig und nicht gegen naturwissenschaftliches Wissen ist, an einen Schöpfer zu glauben. Wie im Teil I erläutert, endet Apologetik (und mit ihr die Gottesbeweise) an der Stelle, wo eine persönliche Antwort gefragt ist. Die Betrachtung der Natur kann in der Tat nicht klar aufzeigen, wie Gott ist, außer dass er sehr intelligent und mächtig sein muss. Genau das geht aus der eingangs zitierten Passage aus dem ersten Kapitel des Römerbriefes hervor: Die Schöpfung weist auf Gottes „unsichtbares Wesen“, seine „ewige Macht“ und „göttliche Größe“. Von der Liebe und Heiligkeit Gottes, von seiner Barmherzigkeit, von seinem Interesse mit dem Menschen in Beziehung zu treten, von seinem selbstlosen Einsatz für die Menschen bis zum bitteren Kreuzestod und davon, dass er Auferstehungskraft hat und den Jesus-Nachfolgern ewiges Leben verheißt und von vielem anderem  ist an dieser Stelle nicht die Rede. Das alles von Apologetik zu erwarten und ihr gleichsam vorzuwerfen, dass sie nicht auch noch zu diesen Erkenntnissen führe, die wir doch nur durch Gottes Offenbarung in seinem Wort erlangen können, wäre unangemessen und entspräche auch nicht dem Anspruch, der mit Apologetik eingelöst werden soll. Gute Apologetik versucht, Menschen auf Jesus Christus hin zu lenken und zu seinem Wort zu führen. Es ist nicht nachvollziehbar, weshalb Apologetik hierfür in irgendeiner Weise hinderlich sein soll.[18]

„Wo gibt es dennoch einen Ort für das Denken?“

Nach diesen Ausführungen über die Distanziertheit und die vermeintliche Gefahr der Irreleitung durch Gottesbeweise wirft Frau Tietz die Frage auf: „Wenn es so ist, dass das Denken diesen Gott nicht beweisen kann, … gibt es dennoch die Möglichkeit, nachzudenken über Gott, ohne dass der Glaube dabei verloren geht?“ Diese Frage wird bejaht, denn zum christlichen Glauben gehöre auch das Verstehen. Es gehe um ein Hinterherdenken dem, was man glaubt, um eine kritische Reflexion über das, was man glaubt. Sie akzeptiert ein Nachdenken dem, was vorgegeben ist, nämlich Gottes Selbstoffenbarung in Christus. Man könne über den Glauben nachdenken; wie das im Glauben Geglaubte zu verstehen ist. Aber was ist, wenn genau dagegen unter Berufung auf Wissenschaft Einwände erhoben werden? Dann muss man wohl oder übel sich doch apologetischer Arbeit unterziehen. Frau Tietz fragt selber: „Wenn man behaupten würde, man darf noch nicht einmal anfangen, die Lehren des Christentums zu hinterfragen, sonst geht der Glaube kaputt, dann würde man den Menschen zwingen, seinen Verstand quasi vor der Kirchentür abzugeben, und das kann langfristig nicht gut gehen, weil der Mensch auch ein Verstandeswesen ist.“ Ja, natürlich soll niemand von kritischem Nachdenken abgehalten oder dafür getadelt werden. Aber auf solche kritische Fragen gibt es in vielen Fällen gute apologetische Antworten.[19] Warum Frau Tietz, wie es scheint, einer positiv argumentierenden Apologetik nichts abgewinnen kann, ist unverständlich. Denn mit demselben Verstand, mit dem wir das Geglaubte denkerisch durchdringen und der dabei Fragen aufwirft, können wir auch versuchen, Antworten zu geben, die die Glaubwürdigkeit der Bibel auch in ihren historischen  Aussagen stützen und den Glauben zu stärken, dass die Bibel Gottes verlässliches Wort an uns ist. Genau aus diesem Grunde ist christliche Apologetik unverzichtbar. Und ein wichtiger Teil von ihr ist der Design-Ansatz.


Internet-Artikel zur Vertiefung

Markus Widenmeyer und Reinhard Junker:
Der Kern des Design-Arguments in der Biologie und warum die Kritiker daran scheitern http://www.wort-und-wissen.de/artikel/a22/a22.pdf

Reinhard Junker:
Das Design-Argument in der Biologie – ein Lückenbüßer?
http://www.wort-und-wissen.de/artikel/a19/a19.pdf

Reinhard Junker:
Das Design-Argument und der Bastler-Lückenbüßer-Gott
http://www.wort-und-wissen.de/artikel/a07/a07.pdf

Reinhard Junker:
Nichtreduzierbare Komplexität https://www.genesisnet.info/pdfs/Irreduzible_Komplexitaet.pdf

Markus Widenmeyer:
Kann man die Existenz Gottes beweisen? https://www.afet.de/download/2016/WidenmeyerJETh2016Endfassung.pdf

[1]siehe dazu den Abschnitt „Der Kern des Design-Ansatzes“

[2]Vgl. Boris Schmidtgall: Die Intoleranz des Naturalismus. http://www.wort-und-wissen.de/disk/d18/2/d18-2.html

[3] Im Rahmen z.B. unseres Alltagslebens, der Kriminalistik, der Archäologie bis hin zur Suche nach Außerirdischen wird ebenfalls der Design-Ansatz verwendet, um zwischen intelligent verursachten Signalen und natürlichen Sachverhalten zu unterscheiden, jedoch zielt er hier auf innerweltliche intelligente Urheber.

[4] Siehe z. B.: Markus Widenmeyer und Reinhard Junker: Der Kern des Design-Arguments in der Biologie und warum die Kritiker daran scheitern. http://www.wort-und-wissen.de/artikel/a22/a22.pdf

[5] Sie benutzt den Begriff „teleologischer Gottesbeweis“ zwar nicht. Er ist aber der Sache nach gemeint (vgl. Kasten „Der teleologische Gottesbeweis nach Thomas von Aquin“).

[6] So könne man aus dem Brennen des Dornbusches bei Mose auch nicht auf Gott schließen. Dieses Beispiel taugt allerdings nicht als Veranschaulichung des „Fünften Wegs“ von Thomas, da es hier nicht um einen teleologischen Vorgang geht. Davon abgesehen war es nicht das Feuer an sich, das bei Mose Erstaunen hervorrief, sondern der Umstand, dass der Dornbusch trotz Feuer nicht verbrannte.

[7] Siehe auch die Diskussion zu Kant bei Markus Widenmeyer, Kann man die Existenz Gottes beweisen? https://www.afet.de/download/2016/WidenmeyerJETh2016Endfassung.pdf

[8] Näheres dazu in einem ausführlichen Grundsatzartikel zur kritischen Diskussion des Arguments der nichtreduzierbaren Komplexität hier:

https://www.genesisnet.info/pdfs/Irreduzible_Komplexitaet.pdf.

Außerdem ist dieses Argument nach M. Behe, Darwin’s Black Box (1996) nur auf einzelne Systeme, nicht auf Komplexe von Systemen wie ganzen Organen (z. B. der Lunge) anwendbar. Näheres dazu im verlinkten Artikel.

[9]So z.B. R. Junker, Entstehung evolutionärer Neuheiten – ungelöst! https://www.genesisnet.info/schoepfung_evolution/n243.php. Die betreffenden Evolutionskritiker lehnen Evolution als Rahmenparadigma allerdings nicht ab.

[10]Die Plastizität der Lebewesen (individuelle Anpassungsfähigkeit der Lebewesen bei speziellen Umwelteinflüssen), die überaus häufigen und komplexen Konvergenzen (mehrfach unabhängig entstandene ähnliche Konstruktionen), Beispiele von Optimalität (z. B. beim genetischen Code), Robustheit, Redundanz oder spielerische Komplexität (phantasievolle Merkmale, die keinen erkennbaren selektierbaren Nutzen bringen. Näheres im unter Anm. 3 verlinkten Artikel.

[11] Noch ausführlicher wird auf die Kritik, es werde mit einem Lückenbüßer argumentiert, im Beitrag „Das Design-Argument in der Biologie – ein Lückenbüßer?“ eingegangen: http://www.wort-und-wissen.de/artikel/a19/a19.pdf

Theologische Fragen im Zusammenhang mit dem angeblichen Lückenbüßer-Problem werden hier behandelt: „Das Design-Argument und der Bastler-Lückenbüßer-Gott“: http://www.wort-und-wissen.de/artikel/a07/a07.pdf

[12]Zwei Beispiele dafür sind die Entdeckung molekularer Maschinen oder die Entdeckung intrinsisch unstrukturierter Proteine in den Zellen. (Siehe R. Junker & S. Scherer (2013) Evolution – ein kritisches Lehrbuch, Gießen, Kapitel  IV.9.7 sowie B. Schmidtgall (2018) Intrinsisch unstrukturierte Proteine. Studium Integrale Journal 25, 84-91.)

[13]„Richtig verstanden“ ist der methodische Ausschluss Gottes in den Naturwissenschaften dann, wenn nichts dazu ausgesagt wird, ob und ggf. wie Gott in den regelhaften Abläufen wirkt. Naturwissenschaft kann zum Wirken Gottes in den regelhaften Prozessen (was die Bibel bezeugt) nichts sagen; dafür ist ihre Methode nicht geeignet. Sie kann damit Gottes Wirken auch nicht aus den gewöhnlichen, regelhaften Prozessen ausschließen. (Vgl. dazu die weiter unten gemachten Ausführungen zum concursus divinus.)

[14] Experimente bezüglich des Naturhistorischen sind nur in Form von Simulationsexperimenten möglich, deren Randbedingungen aber wiederum nicht durch direkte Untersuchung ermittelt werden können. Bei naturhistorischen Fragenstellungen geht es darum, welche Ereignisse zu einer bestimmten Zeit der Fall waren. Bei Experimenten geht es darum festzustellen, welche allgemeinen (zu jeder Zeit geltenden) gesetzmäßigen Zusammenhänge bestehen.

[15] https://www.ekd.de/Kleiner-Katechismus-Zweite-Hauptstuck-13471.htm

[16] Auch wenn dieser Begriff häufig verwendet wird, halte ich ihn für unglücklich, weil es sich nicht im eigentlichen Sinne um „creatio“ handelt.

[17] Das ist eine mindestens sehr missverständliche Formulierung.

[18] Frau Tietz betont, dass Gott und Glaube zusammen gehören. Das ist natürlich richtig, aber es ist irrelevant für das Thema Gottesbeweise. Was Gott für jeden einzelnen Menschen bedeutet, ist eine weiterführende Frage, die von der Frage der Gottesbeweises nicht tangiert wird.

[19] Ein schönes neutestamentliches Beispiel dafür ist Paulus, der in 1. Kor 15 Einwände gegen die leibliche Auferstehung Jesu mit rationalen Argumenten zurückweist. Frau Tietz geht darauf ein, unterlässt aber den Hinweis, dass Paulus hier einer Art von Apologetik betreibt, deren Wert sie in ihrem Vortrag in Frage stellt.

Wie Vorannahmen die (Bibel-)Wissenschaft beeinflussen

– und warum sie von jedem Menschen auf Augenhöhe beurteilt werden können

In seinem Buch „Glaube, Wissenschaft und die Bibel“ befasst sich der finnische Professor Tapio Puolimatka mit der Frage: Wie beeinflussen die Grundüberzeugungen eines Menschen seine Denkergebnisse? Puolimatka zeigt, dass Forscher unumgänglich zu ganz anderen Ergebnissen kommen, wenn man die Existenz Gottes außer Acht lässt, wie auch manche moderne Bibelforscher dies tun. Wie C. S. Lewis kommt er zu dem ernüchternden Ergebnis, dass Gelehrtheit kein Garant ist für Urteilsvermögen.

Puolimatka unterscheidet drei unterschiedliche Grundüberzeugungen:

(Der nachfolgende Rest dieses Artikels setzt sich aus Auszügen aus dem Buch von T. Puolimatka zusammen, die Überschriften sind nachträglich eingefügt, die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.)

Nach der naturalistischen Herangehensweise kann man nur natürliche Gründe als Erklärung historischer Ereignisse anbringen. Übernatürliches gibt es nicht. Zumindest kann es den Gang der Geschichte nicht beeinflussen. Gott kann sich nicht selber den Menschen durch historische Ereignisse offenbaren. Die übernatürlichen Wundererzählungen der Bibel kann man als solche nicht als wahre Beschreibungen wirklicher geschichtlicher Ereignisse akzeptieren, sondern man muss eine natürliche Erklärung für sie finden. Nach der naturalistischen Auffassung müssen die Methoden, die Wissenschaft anwendet, „atheistisch“ sein. „Sie schließen Gott von Anfang an aus allen wissenschaftlichen Erklärungsmodellen aus.“ (Laato (1994), S. 7)

Neben dem weltanschaulich bindenden starken Naturalismus wird die Forschung beeinflusst durch den schwachen bzw. methodischen Naturalismus, der die Fragen nach Gottes Existenz und der Möglichkeit von Wundern offen lässt. Bei dieser Herangehensweise werden die Existenz Gottes, Jesu Göttlichkeit oder die Möglichkeit von Gottes Offenbarung weder bejaht noch verneint. In Kreisen wissenschaftlicher Forschung sind nur solche Annahmen statthaft, die alle Forscher akzeptieren können.

Nach dem Supernaturalismus kann man einen Ausgangspunkt , der sich auf die Offenbarung Gottes gründet, nicht mit guten Gründen aus dem Bereich der Wissenschaft ausschließen, da die beste Erklärung für alles Existierende aus Gott und seiner Offenbarung kommt. Nach der Auffassung des Supernaturalismus ist wissenschaftliche Forschung niemals neutral – im Hintergrund stehen immer Annahmen, die man weltanschaulich oder religiös klassifizieren kann.

Grundlegende Überzeugungen sind nicht immer bewusst, da sie häufig unter Wissenschaftlern einen Status der Selbstverständlichkeit haben. Vorweg-Annahmen sind wie Brillengläser, durch die man die Wirklichkeit betrachtet. Dem Menschen fällt es schwer, selbstkritisch auf seine eigenen vorgefassten Annahmen zu blicken, da er diese Annahmen durch dieselben Brillengläser betrachtet.

Forscher haben kein Sonderwissen im Hinblick auf diese Grundannahmen. Vergleicht man die Grundannahmen, so hat jeder beliebige Mensch die Voraussetzungen, die Überzeugungskraft von humanwissenschaftlichen und theologischen Forschungsergebnissen zu beurteilen.

Der Naturalismus beeinflusst die Bibelwissenschaft

Der Streit zwischen Naturalismus und Supernaturalismus nimmt in der Bibelkritik eine feste Form an in der Frage, ob Gott sich im Wort offenbart hat. Konnte Gott beispielsweise auf übernatürliche Weise die Entstehung der Texte der Bibel so steuern, dass man sie „Gottes Wort“ nennen kann? So mancher Forscher, der auf die wissenschaftliche Erforschung der Bibel spezialisiert ist, hat als Basis seiner Forschung die naturalistische Grundannahme verinnerlicht. Gott könne sich nicht auf übernatürliche Weise in historischen Ereignissen und im biblischen Wort offenbaren, oder zumindest könne man eine solche Offenbarung nicht als Ausgangspunkt der Forschung heranziehen. „Er erforscht die Bibel als menschliches Dokument, als würde Gott nicht existieren.“ (Laato 1994) Der Naturalismus (in seiner starken und schwachen Form) der die Kultur unserer Zeit und die Wissenschaft prägt, lässt den Gedanken an einen Gott hinter sich, der sich in den Ereignissen der Geschichte und im Wort der Bibel kundtut. Auch dann, wenn man die Möglichkeit eines solchen Gottes grundsätzlich bejaht (schwacher Naturalismus), gehört er doch nach dieser Anschauung nicht in den Bereich der Wissenschaft.

Theologen akzeptieren diese Herangehensweise, da der Naturalismus in der breiten wissenschaftlichen Öffentlichkeit eine Vormachtstellung einnimmt, und sie rechtfertigen sie damit, dass eine Auseinandersetzung zwischen Menschen mit verschiedenen Sichtweisen erst dadurch ermöglicht würde, dass man sich in der Wissenschaft auf solche Grundannahmen beschränke, die alle akzeptieren können. Wenn Theologen zum Ausgangspunkt ihrer Forschung nehmen würden, dass Gott gesprochen habe und dass man Gottes Sprechen erkennen und verstehen könne, dann würden sie in einen Konflikt mit der breiten wissenschaftlichen Öffentlichkeit geraten.

Es mag zu vereinfachend erscheinen, die Bibelkritik hauptsächlich aus der Perspektive zweier Herangehensweisen zu behandeln, des Supernaturalismus und des Naturalismus. Dies ist dennoch nicht so vereinfachend, wie man es anfangs meinen könnte. Nach Edward Craig (Craig, 2004) existieren nämlich nur zwei grundlegende Weltanschauungen oder Wirklichkeitsbegriffe, und alle anderen Auffassungen, Philosophien und Theorien bilden sich in Abhängigkeit von ihnen oder als ihre Variation heraus. Einerseits gibt es die supernaturalistische Vorstellung, nach der Gott der Ursprung der Wirklichkeit ist und der Mensch ein nach Gottes Bild geschaffenes Wesen, das in der von Gott geschaffenen Welt lebt. Andererseits gibt es die naturalistische Vorstellung, nach der die gesamte Wirklichkeit aus natürlichen Faktoren zu erklären ist. Für Craig ist es Selbstbetrug zu denken, dass es irgendeine neutrale Herangehensweise gebe, mithilfe derer es möglich sei, diese beiden Vorstellungen neutral zu untersuchen, ohne bei den Untersuchungen zu einer der beiden angebotenen Grundannahmen zu tendieren.

Warum in Bezug auf die Grundannahmen jeder Laie auf Augenhöhe mitreden kann

Die Frage, ob Gottes Offenbarung im Wort möglich ist, ist nach C.S. Lewis keine Sache, in der ein Forscher mehr Sachkenntnis oder Ansehen hätte als irgendein beliebiger Mensch. Es gibt keine eindeutige wissenschaftliche Antwort auf die Frage, ob Gott sich offenbaren kann. Hierzu nimmt man, bevor man zu forschen beginnt, eine Position ein, die auf Glauben beruht, und die eigene Position beeinflusst die Art und Weise, wie geforscht wird und die erzielten Ergebnisse. Nicht ein einziger Forscher ist Experte in grundlegenden Fragen der Existenz. „Hier (in der Frage nach der Möglichkeit des Übernatürlichen – Anm. des Übers.) reden sie einfach als Menschen; als Menschen, die vom Geist des Zeitalters, in dem sie aufwuchsen, offensichtlich beeinflusst und ihm gegenüber vielleicht zu unkritisch sind.“ (Lewis 1986)

Das besondere Können eines Forschers konzentriert sich auf ein sehr enges Sondergebiet. Was seine in die Forschungstätigkeit einfließenden Grundannahmen betrifft, ist er gezwungen, in gleicher Weise in Abhängigkeit von menschlichen Grunderfahrungen und Selbsterkenntnis zu handeln wie jeder beliebige Mensch. Daher kann jeder Mensch auch mit guten Gründen die in der wissenschaftlichen Öffentlichkeit dominierenden Denkvoraussetzungen beurteilen und seiner Kritik unterwerfen.

In vielen hervorragenden exegetischen Kommentaren kristallisiert sich eine große Menge an für den Bibelforscher nützlichem Wissen heraus. Das bedeutet aber nicht, dass man blind den Ergebnissen der exegetischen Forschung glauben kann. Denn die Forschung ist so stark an die vorausgehenden Annahmen und grundlegenden Grundüberzeugungen des Forschers gebunden; aus welchem Blickwinkel der Forscher die Dinge betrachtet und welche Fakten er von seinem Standpunkt der Interpretation aus für bedeutungsvoll erachtet und auswählt, bestimmt die Auslegung.

Daher kann ein gewöhnlicher Bibelleser, der das Alte Testament gut kennt, dem Text mehr gerecht werden als ein auf Auslegung spezialisierter Exeget, der den Schlüssel zur Interpretation in der griechisch-römischen Kultur zu finden glaubt.


Das Buch „Glaube, Wissenschaft und die Bibel“ von Prof. Tapio Puolimatka in der Übersetzung von Beile Ratut ist 2018 im Ruhland-Verlag erschienen. Es ist hochaktuell und grundlegend, indem es den Einfluss von Grundüberzeugungen auf das Leben, die Wissenschaften und insbesondere die Theologie untersucht. In Finnland mit seinen nur 5 Mio. Einwohnern gingen 6.000 Exemplare dieses Buchs über den Ladentisch.

Der Kampf ums Bibelverständnis

Wegweisende Erkenntnisse aus dem Buch „Biblische Hermeneutik“ von Prof. Gerhard Maier

„Biblische Hermeneutik“: Dieses Buch von Prof. Gerhard Maier hätte ich am liebsten jedem Theologen zu Weihnachten unter den Baum gelegt. Der Autor ist mir schon lange ein Begriff, schließlich war er 4 Jahre lang Landesbischof meiner württembergischen Landeskirche. Dass er zugleich ein herausragender Theologe ist, war mir auch schon zu Ohren gekommen. Tatsächlich ist sein Buch „Biblische Hermeneutik“ nichts weniger als ein grundlegender Ruf zur Umkehr in der Theologie. Maier setzt sich intensiv mit der sogenannten „historisch kritischen Methode“ (HKM) auseinander, die aktuell eine fast uneingeschränkte Dominanz besitzt:

„Die Meinung, „dahinter können wir nicht mehr zurück“, ist eine der am weitesten verbreiteten, auch im Kreise sog. „evangelikaler“ Theologen. … Noch 1971 konnte Richter schreiben: „Das Recht, die historisch-kritische Methode anzuwenden, ist heute … in der Theologie unbestritten“. Dabei ist allen klar, dass die „Kritik“ nicht nur die (selbstverständliche!) Aufgabe des Unterscheidens wahrnimmt, sondern ein „kritisches“ Beurteilen der biblischen Aussagen, ihre Bejahung oder Verwerfung, kurz: die Sachkritik an der Bibel, einschließt.“ (S. 214)

Eben diese Sachkritik ist für Maier das entscheidende Problem bei der HKM, denn: „Jede Sachkritik an der Bibel gibt … Teile ihres Inhalts preis. … Die zahllosen Schwankungen, denen innerhalb der letzten 300 Jahre die Sachkritik unterworfen war, widerlegen eindrucksvoll die Behauptung, die Schrift ermögliche aus sich selbst heraus eine solche Sachkritik.“ (S. 266)

Sachkritik bedingt immer, dass es einen menschlichen Kritiker geben muss: „Was sich … durch die ganze Geschichte der historischen Kritik hindurchzieht, das ist die Anschauung, dass der Mensch über den Wahrheitsgehalt der Offenbarung zu entscheiden habe.“ (S. 259) Der Bibel wird damit eine zweite Autoritätsinstanz beigestellt: „Das katholische Lehramt ist evangelischerseits im Laufe der Zeit durch Vernunft und Wissenschaftlichkeit, deren Inhalte umstritten blieben, ersetzt worden. … Wahrhaftigkeit und modernes Weltverständnis sind hier ethische und intellektuelle Verstehensvoraussetzungen, die in ihrer Kombination zu einer zweiten Instanz neben der Schrift führen.“ (S. 142) Somit ist die reformatorische Formel „Sola scriptura“ preisgegeben, die bis zum Pietismus noch galt. (S. 302)

Die zentrale Weichenstellung: Trennung von Text und Offenbarung

Grundsätzlich möglich wird die Bibelkritik der HKM durch folgende zentrale Weichenstellung: „Grundlegend für die historisch-kritische Arbeitsweise ist die Trennung von Schrift und Offenbarung bzw. von Bibel und Wort Gottes. Keinesfalls besteht hier eine Identität.“ (S. 262) Beispielhaft zeigt Maier das an der „dreifachen Gestalt des Wortes Gottes“ von Karl Barth, in der u.a. zwischen dem schriftlichen und dem offenbarten Wort Gottes unterschieden wird, wobei das schriftliche Wort (die Bibel) nicht die eigentliche Offenbarung ist. Die Bibel bezeugt sie nur. Maier begründet, warum er sich mit dieser Lehre nicht befreunden kann: „Sie zerbricht die Theopneustie („göttliche Eingebung“, „Durchhauchtsein mit dem Geist“, 2. Tim. 3, 16) an der entscheidenden Stelle, nämlich dort, wo gerade die Schrift als das final gemeinte Wort des Heiligen Geistes Gestalt gewinnen soll … indem sie uns letztlich an ein unkonkretes, zeitloses „Dahinter“ bindet. Und sie widerspricht auch der Position Luthers und der Reformatoren, für die das biblische Wort der eigentliche Wille Gottes war.“ (S. 104)

Erst durch diese Trennung zwischen biblischem Wort und Offenbarung ist es möglich, kritisch an das biblische Wort mit dem Prinzip des wissenschaftlichen Zweifels heranzutreten. Das ist für ihn die eigentliche „Innovation“ der historisch kritischen Methode: „Nicht die Entdeckung neuer, bisher unbekannter Arbeitsschritte oder methodischer Einzelverfahren war das Entscheidende. Sondern der prinzipiell vom Zweifel geprägte Umgang mit der Heiligen Schrift.“ (S. 221)

Deutlich wird dieser Zweifel zum Beispiel im Umgang mit den geschichtlichen Aussagen der Bibel. Das ist aus seiner Sicht besonders tragisch, denn: „Der biblische Glaube hängt tatsächlich aufs engste mit der wirklichen Geschichte zusammen. … Entzieht man ihm die geschichtliche Basis, auf die er aufgebaut ist, dann hat man ihn prinzipiell widerlegt. … Der Glaube hängt an seiner Geschichtlichkeit.“ (S. 181)

Hinzu kommt in der HKM die bis heute nicht überwundene allgemeine Skepsis gegen Wunder und Prophetie: „Im Grunde teilt das ganze 19. Jh., soweit es die historisch-kritische Forschung in Deutschland betrifft, das Urteil, dass wir heute an Wunder nicht mehr glauben können. … Ja selbst in unserem Jahrhundert noch wird die historische Kritik von dem Gedanken beherrscht, dass Wunder ungeschichtlich seien.“ (S. 196)

Daran zeigt sich, wie wenig die historisch kritische Methode ihren eigenen Anspruch einlöst, „wissenschaftlich“ und „objektiv“ zu sein: „Es besteht … unter den Anhängern der historischen Kritik eine erstaunliche Übereinstimmung darüber, dass sie „ein Kind der Aufklärung“ darstellt. … Damit ist die dominierende Rolle der Vernunft ausgesagt. … Hier erhält also … der Mensch einen absoluten Vorrang. … Auf der anderen Seite wird deutlich, dass diese „Vernunft“ keine weltanschauliche Neutralität besitzt. Im Gegenteil, sie ist eine religiös determinierte Größe. Um noch einmal Picht zu zitieren: „Die Vernunft des europäischen Denkens ist als Projektion des Gottes der griechischen Philosophie bis in ihre innersten Elemente vom Mythos durchtränkt. Es ist ein Zeichen mangelnder Aufklärung, wenn wir das nicht wissen. Von hier aus fällt ein neues Licht auf die Spannung zwischen Glauben und Vernunft, aber auch auf die unglückliche Liebe der Theologen zu dieser selben Vernunft.“ Das heißt, die Berührung der Theologie mit der Philosophie der Aufklärung und die Entwicklung einer vernunftverantwortlichen Bibelwissenschaft war eben kein Methodenproblem im neutralen Sinne, sondern eine religiöse Kontamination. … Die neue Situation, die durch eine solche Anwendung von Kritik entstand, muss eindeutig als ein Bruch mit der vorangehenden christlichen Geschichte bezeichnet werden.“ (S. 236/237)

Das Bibelverständnis muss aus der Bibel kommen!

Angesichts dieser grundsätzlichen Dramatik stellt sich nun umso drängender die Frage: Wie begegnet Gerhard Maier nun der HKM? Im ganzen Buch findet sich dazu immer das gleiche Prinzip: Maier setzt den Sichtweisen der HKM nicht einfach seinen eigenen Ansatz gegenüber. Zwar ist er sich zwar bewusst, dass „eine voraussetzungslose Auslegung ein Phantom, eine Selbsttäuschung darstellt. Doch gerade unsere Voraussetzungen will die Bibel in Frage stellen, korrigieren und teilweise zerstören.“ (S. 15) Prof. Maier betont also: Wir können unsere Denkvoraussetzungen beim Auslegen der Bibel nicht beliebig wählen. Die Bibel hat eine Meinung dazu, wie sie korrekt gelesen und ausgelegt werden will! Deshalb befragt Maier immer wieder den biblischen Text, den er durchweg als „Offenbarung“ bezeichnet. Er will sich sein Schriftverständnis von der Bibel selbst vorgeben lassen, denn: „Wahrscheinlich ist die wichtigste hermeneutische Entscheidung diejenige, ob wir den Ausgangspunkt bei der Offenbarung selbst oder beim Menschen nehmen.“ (S. 19) Er wendet damit vorbildlich das reformatorische Prinzip an, dass die Schrift sich selbst auslegen muss. Im Zentrum steht für Prof. Maier deshalb die Frage:

Welches Bibelverständnis gibt uns die Bibel vor?

Maier stellt zum einen fest, dass die Bibel die menschliche Vernunft als oberste Autoritätsinstanz für vollkommen ungeeignet hält: „Die Offenbarung kennt den „autonomen“ Menschen nur als den „verlorenen“ Menschen. … Seine Autonomie war von Anfang an eine Utopie und ein Weg in die Sklaverei, ja zum Rande des Untergangs.“ (S. 242/243)

Das biblische Bibelverständnis stellt sich für Maier nach ausführlicher Analyse der biblischen Aussagen wie folgt dar: „Diese Offenbarung beansprucht, aus Gottes Geist hervorgegangen zu sein. Sie ist … Anrede Gottes an uns. Wer sie hört, hört in erster Linie nicht die menschlichen Verfasser und Glaubenszeugen, sondern den dreieinigen ewigen Gott. … Als einzigartiges Reden Gottes hat sie eine einzigartige, unvergleichliche Autorität. An dieses Wort hat sich Gott gebunden. Er hat es zum Ort der Begegnung mit uns bestimmt. Er wird dieses Wort bis ins letzte hinein wahr machen und erfüllen. Die Schriftautorität ist im Grunde die Personenautorität des hier begegnenden Gottes.“ (S. 151)

Wichtig ist Prof. Maier dabei der Begriff der „Inspiration“. Nicht nur die biblischen Autoren waren von Gottes Geist inspiriert („Personalinspiration“), nein: Der Text selbst ist von Gottes Geist inspiriert („Verbalinspiration“), und zwar der vollständige Bibeltext aller kanonischer Bücher im endgültig vorliegenden Urtext („Ganzinspiration“). Genau das nimmt laut Maier auch der biblische Text für sich selbst in Anspruch: „Die weitaus meisten Schriften des Neuen Testaments sind nach der Selbstaussage des NT inspiriert … oder lassen den indirekten Anspruch erkennen, inspirierte Schrift zu sein. … Wenn später die Kirche … die Inspiration aller neutestamentlichen Schriften anerkannte, dann stand sie auf einem guten historischen Boden und darüber hinaus im Einklang mit der Offenbarung selbst.“ (S. 88)

Darüber hinaus beansprucht der Bibeltext noch folgende Eigenschaften für sich: „Die Offenbarung schreibt dem Worte Gottes vor allem vier Eigenschaften zu: Erstens: Es ist verlässlich. … Zweitens: Es ist wirksam. … Drittens: Es zeigt den Willen Gottes auf und damit den Weg zum Heil. … Viertens: Es ist verbindlich. … Man kann also beobachten, dass Begriffe wie „Irrtumslosigkeit“, „Fehlerlosigkeit“ oder „Unfehlbarkeit“ in der Bibel nicht gebraucht werden. Aber noch weniger spricht die Bibel von „Fehlern“ oder dergleichen.“ Ein bibelnaher Begriff für den Selbstanspruch der Bibel ist aus der Sicht von Maier: „Vollkommene Verlässlichkeit.“ (S. 122). Dazu erläutert er: „Das zur Schrift gewordene Wort Gottes ist vollkommen verlässlich und fehlerlos im Sinne seiner göttlichen Zwecke, also von Gott her betrachtet.“ (S. 125)

Mit Jesus die Bibel kritisieren? Die Einheit und Klarheit der Schrift

Aus der Urheberschaft Gottes folgt für Maier auch die Einheit der Schrift: „Die Einheit der Schrift wird am stärksten begründet durch den einen Urheber, den sie hat, Gott. … In der Tat ist die Behauptung einer Widersprüchlichkeit davon abhängig, dass man die menschlichen Glaubenszeugen zu den maßgeblichen Autoren der Schrift ernennt und den göttlichen Autor verdrängt.“ (S. 164) „Erst seit der Aufklärung ging die Überzeugung von der Einheit der Schrift in weiten christlichen Kreisen verloren.“ (S. 160) Das ist dramatisch, denn: „Wo man die Einheit der Schrift verliert, verliert man auch das Mittel, gegen die Häresie zu kämpfen. … Bezeichnenderweise gab es seit der Aufklärung zwar noch eine Kirchenzucht, aber im Grunde keine Lehrzucht mehr. … Damit wird jedoch das NT auf den Kopf gestellt.“ (S. 165)

Aber widerspricht sich die Bibel nicht selbst? Können bzw. müssen wir nicht mit Jesus andere Teile der Bibel kritisieren? Diesen Ansatz verwirft Maier aufs Schärfste: „Die Schrift war für Jesus wie für seine jüdischen Gesprächspartner die letzte Entscheidungsinstanz. … Es kann überhaupt kein Zweifel daran sein, dass den heiligen Schriften in den Augen Jesu eine unvergleichliche Autorität zukommt. Wer bei ihm „Kritik“ am AT finden will, muss alles auf den Kopf stellen.“ (S. 149) „Eine Anleitung aus der Schrift, Schrift mit Schrift abzulehnen (was ja der Begriff der „Sachkritik“ impliziert), gibt es nirgends.“ (S. 265)

Kritisch sieht Maier deshalb auch den Versuch, eine „Mitte der Schrift“ zu konstruieren: „Die „Mitte der Schrift“ wurde praktisch zum Ersatz für die verlorengegangene „Einheit der Schrift“. … Wird aus der Christusmitte ein Christusprinzip, dann wird die Schrift entleert und ihrer Fülle beraubt. … Es kann sich nur um eine personale Mitte handeln. … Jeder Versuch, diese Mitte als ein isolierbares Etwas herauszulösen oder in Form eines Lehrgesetzes zu formulieren, zersprengt die Kontinuität der heilsgeschichtlichen Offenbarung.“ (S. 174-176).

Dazu verteidigt Maier die „Klarheit der Schrift“: „Die Autorität der Schrift kann sich praktisch nur durchsetzen, wenn jeder schlichte Christ in der Lage ist, einen klaren Begriff vom Inhalt der Schrift zu gewinnen. … Jesus konnte die wiederholte Frage: „Habt ihr nicht gelesen?“ nur stellen, wenn er von der Klarheit der Heiligen Schrift überzeugt war. … Die schriftgewordene Offenbarung behauptet, für jedermann zugänglich und eindeutig genug zu sein.“ (S. 155/156)

Konsequenzen der HKM: Ethisierung, Subjektivierung, Individualisierung, Erfahrungstheologie

Gerhard Maier ist als ehemaliger Landesbischof nicht nur Theologe sondern auch Gemeindepraktiker. Vor diesem Hintergrund sollte man umso aufmerksamer hinhören, wenn er die negativen Folgen der historisch kritischen Methode wie folgt beschreibt: „Der Inhalt, von dem die Neologie (d.h. die aus der Aufklärung resultierende Lehre) den Offenbarungsbegriff entleert, ist der historische; der Inhalt, den sie neu einfüllt, ein rationaler. Sobald aber die Geschichte durch das Rationale ersetzt wird, wird die Bibel zum Lehrgesetz. Deshalb ist es überhaupt nicht erstaunlich, dass in der Aufklärung die sittliche Vernunft zum dogmatischen Kriterium wird, … und eine „Ethisierung des Christentums“ eintritt.“ (S. 170) Außerdem wächst für Maier „den subjektiven Faktoren eine beherrschende Rolle zu.“ (S. 9)  Und: „Mit dem Vernunftglauben ist der Individualismus einer der stärksten Motive der historischen Kritik.“ (S. 240) „Wir entdecken, dass die Trennung von Schrift und Offenbarung … einen ganz andersartigen Raum schaffen kann: dem Empfinden … Wie will die gemäßigte Kritik, gefangen im Zwei-Instanzen- und im Widersprüchlichkeits-Denken, den Umschlag in eine solche Erfahrungstheologie verhindern?“ (S. 331)

Ist „gemäßigte Kritik“ die Lösung?

Mit „gemäßigter Kritik“ meint Maier den theologischen Versuch, die historisch-kritische Herangehensweise mit konservativen theologischen Positionen zu verbinden. Diesem Versuch erteilt Maier eine Absage, denn: „Sie begnügt sich als Vermittlungstheologie … wo ein grundsätzlicher Neuanfang erforderlich wäre. Statt die Schrift als inspiriert zu betrachten lässt sie nur eine Inspiration der biblischen Schriftsteller gelten. Sie bleibt darin der Aufklärung verhaftet, dass sie neben die Schrift eine zweite Instanz stellen muss, vor der sich der Ausleger zu verantworten hat. Sie kann infolgedessen die reformatorische Sicht von der Bibel als der einzigen norma normans nicht durchhalten. Sie fordert die Sachkritik an der Bibel. Ohne Sachkritik gibt es für sie keine Theologie als Wissenschaft. Die Einheit der Schrift wird von ihr preisgegeben. Schrift und Offenbarung bleiben bei ihr verschiedene, sich nur teilweise deckende Größen. Deshalb folgt sie dem Trend, das Eigentliche jenseits der Schrift zu suchen. Indem sie Schrift und Offenbarung voneinander trennt und nur bestimmte Aussagedimensionen als Gottes Wort anerkennt, fördert sie den Hang zur Erfahrungstheologie.“ (S. 331)

Vertrauen und Offenheit statt „wissenschaftlicher Zweifel“

Grundsätzlich notwendig ist für Maier eine klare Absage an das Prinzip des „wissenschaftlichen Zweifels“, denn: „Eine Begegnung mit der Offenbarung, die Skepsis und Zweifel zum Prinzip macht, bedeutet ein brüskes Nein zu ihrer Vertrauensbemühung. Man kann den Ausleger psychologisch und existenziell in keine schroffere Gegenposition versetzen, als indem man ihm den Zweifel vorschreibt.“ (S. 247). Stattdessen fordert er einen theologischen Wissenschaftlichkeitsbegriff, der dem Forschungsgegenstand gerecht wird: „Ein prinzipieller Zweifel ist … das unangemessenste Verfahren für den Umgang mit der Bibel.“ (S. 14) „Jede Wissenschaft richtet sich nach ihrem Gegenstand. Biblische Wissenschaft müsste sich demnach aus dem Reden Gottes aufbauen. Sie müsste bereit sein, sich ihre Erkenntnisse und Positionen aus der Offenbarung selbst geben zu lassen.“ (S. 268) „Unter dieser Voraussetzung ist die Theologie samt ihrer Hermeneutik eine Wissenschaft. Allerdings eine Wissenschaft sui generis (eigener Art), die sich von allen anderen durch ihre Offenbarungsgebundenheit und ihren Glaubensbezug unterscheidet.“ (S. 34)

Entsprechend charakterisiert Maier die angemessene Haltung des Auslegers gegenüber dem biblischen Text wie folgt: „Nirgends ist uns die Unfehlbarkeit des Verständnisses versprochen (vgl. 1 Kor 13,9). Doch wird den Ausleger … ein Urvertrauen zur Bibel als der schriftgewordenen Offenbarung begleiten. … Dieses Urvertrauen schlägt sich nieder in dem Vertrauensvorschuss, der der Bibel gewährt wird.“ (S. 49) „Seine Grundhaltung ist das erwartungsvolle Gebet und die demütige Offenheit.“ (S. 339)

Ich kann meiner Kirche mit ihren theologischen Fakultäten nur von Herzen wünschen, dass sie auf Prof. Maier hört. Längst ist sein Ruf zur Umkehr auch in den Freikirchen und in der evangelikalen Bewegung insgesamt dringend notwendig, denn die Trennung zwischen Schrift und Offenbarung ist auch dort weit verbreitet.


Das Buch ist 1990 im SCM R.Brockhaus-Verlag erschienen (zuletzt 2017 in der 13. Auflage) und kann hier bestellt werden.

Ist die Bibel progressiv?

Gespräche zwischen Evangelikalen und Postevangelikalen werden oft überlagert von Verletzungen, Vorurteilen, Strohmannargumenten und Missverständnissen, weil Begriffe ganz unterschiedlich gefüllt werden. Es ist deshalb gar nicht so einfach, aus diesem Wust die tatsächlichen Unterschiede in den theologischen Weichenstellungen herauszufiltern und nüchtern zu beschreiben. Einige bestreiten glatt, dass es diese unterschiedlichen Weichenstellungen tatsächlich gibt. Gar nicht so selten begegne ich der Behauptung: Eigentlich geht es höchstens um unterschiedliche Schwerpunktsetzungen in Spannungsfeldern, in denen eindeutige schwarz-weiß-Entscheidungen ohnehin nicht möglich sind. Manche behaupten gar: In Wirklichkeit sind die Diskussionen nur Ausdruck von unterschiedlichen Charakteren, Prägungen oder Mindsets, die irrtümlicherweise auf dem theologischen Feld ausgetragen werden. Das klingt zwar schön versöhnlich, wird aber der Realität nicht gerecht – wie dieser Artikel anhand eines konkreten Beispiels zeigen möchte.

Was ist „progressive Theologie“?

Auf meinen Reisen durch „Postevangelikalien“ begegnet mir immer wieder der Begriff der „Progressiven Theologie“. Der Begriff an sich sollte eigentlich auch für konservative Evangelikale kein Problem sein. Progressiv (also fortschrittlich) wollen wir ja irgendwie alle sein. In meiner eigenen Gemeinde arbeiten wir hart daran, neue Wege zu gehen, um den Auftrag unseres Herrn zu erfüllen und viele Menschen für Jesus zu gewinnen. In Fragen des Gemeindebaus und der Frömmigkeitsformen sind wir absolut progressiv.

Ist der Ruf nach progressiver Theologie also gar kein Grund zur Beunruhigung? Um diese Frage zu beantworten müssen wir genauer klären, was Postevangelikale eigentlich unter „progressiver Theologie“ verstehen. Martin Benz, Pastor der Vineyard-Gemeinde Basel, erklärt seine Sichtweise in mehreren Folgen seines „Movecast“ sehr anschaulich. Eine seiner Grundthesen ist: Vieles, was in der Bibel steht, ist „Absicht“, aber nicht „Ansicht“ Gottes. Vor allem das Alte Testament enthalte Vorstellungen von Gott, die sicher nicht Gottes Ansicht entsprechen. Trotzdem wollte Gott aber mit voller Absicht, dass diese falschen Gottesvorstellungen in der Bibel stehen, denn:

„Gott will dokumentieren, wie damals Menschen gedacht, geglaubt haben, wie ihre Gottesvorstellung war, wie ihre Bewusstseinsebene war. Er will, dass das dokumentiert und dargestellt wird weil er gleichzeitig zeigen will, wie großartig sich Glaube, Gottesvorstellung, Erkenntnis und Bewusstsein weiter entwickeln kann. In der Bibel findet sich Entwicklung von primitiv, von ganz archaischer Gottesvorstellung zu einer immer größer werdenden Offenbarung, die dann in Christus endet, mündet.“[1]

Das entscheidende Stichwort in dieser Aussage ist: „Entwicklung“! Gott hat die Bibel progressiv, d.h. fortschrittlich angelegt. Die Bibel ist kein statisches Buch, in dem Wahrheiten offenbart und damit ein für alle Mal zementiert werden, sondern sie nimmt immer wieder Veränderungen vor, sie entwickelt ihr Weltbild, Gottesbild und ihre Ethik weiter.

Diese Entwicklung hört für Martin Benz mit Jesus nicht auf.[2] Auch aus der Kirchengeschichte schildert er Beispiele für Weiterentwicklung. Schon Petrus und Paulus haben sich weiter entwickelt, als sie das Gebot der Beschneidung aufhoben. Später in der Kirchengeschichte gab es Weiterentwicklungen in Bezug auf die Haltung zur Sklaverei oder zur Gleichberechtigung der Frau. Deshalb sei die Angst von „fundamentalistischen Hardlinern“, dass Meinungsänderungen bei einzelnen theologischen oder ethischen Fragen zu einem unkontrollierbaren „Dammbruch“ führen könnten, nur selten berechtigt.[3]  Meistens würde diese Angst einen wichtigen Durchbruch nur unnötig verzögern, wie er heute z.B. auch bei der Frage nach dem Umgang mit Homosexualität nötig sei.

Ganz ähnlich äußert sich der Pastor der Zellgemeinde Bremen Jens Stangenberg. Im Hossa-Talk Nr. 83 legt er dar, warum man aus seiner Sicht mit der Bibel keine Ablehnung einer ausgelebten Homosexualität begründen kann. Kirche dürfe sich nicht rückbesinnen auf das Paradies. Die Bibel hat eine Richtung. Sie dekonstruiert selbst die ursprüngliche Schöpfungsordnung indem sie ankündigt, dass es in Gottes zukünftiger Welt keine Geschlechterpolarität mehr gibt (Markus 12, 25). Kirche soll sich nicht in der Vergangenheit verorten (sonst wird sie ethisch moralisierend) sondern als Sehnsuchtsgemeinschaft von der Zukunft her denken und deshalb immer offen für Neuea sein.[4]

Mit progressiver Theologie ist demnach gemeint: Gottes Schöpfung ist genau wie die Bibel „progressiv“, d.h. fortschrittlich angelegt. Sie entwickelt sich ständig weiter (bzw. höher), getrieben von einer ständig fortschreitenden Offenbarung Gottes. Progressive Theologie hat diese stetige Weiterentwicklung im Blick und ist daher offen dafür, dass die Kirche immer wieder neue Erkenntnisse entwickelt, auch wenn sie so noch nicht vollständig in der Bibel dargestellt sind (wie z.B. die volle Gleichberechtigung der Frau). Abzulehnen ist daher eine konservative Theologie, die alles beim Alten belassen möchte und sich gegen Weiterentwicklung stemmt. Damit seien schon viele heilsame Entwicklungen unnötig verzögert und viel Schaden angerichtet worden.

Menschliche und biblische Reifeentwicklung

Martin Benz vergleicht die Entwicklung von Weltbildern, Moral und Gottesbildern in der Bibel mit der Reifeentwicklung, die jeder Mensch persönlich durchlebt. Solange man klein und unreif ist, kann man eben noch nicht alles verstehen. Deshalb konnte auch Gott den Menschen früherer Zeiten nicht alles zumuten. Die Offenbarung erfolgte schrittweise, sonst hätte sie die Menschen überfordert. Das gilt zum Beispiel bei der Frage, woher eigentlich Gewalt und Unglück kommt. „Bei antikem Denken musste man das Gott zuschreiben, da musste das die Strafe der Götter sein. Anders konnte man sich Chaos im Land oder auf der Welt nicht vorstellen, anders konnte man das nicht einordnen. Die großen Verursacher für alles waren immer Gott oder die Götter.“ [5] Deshalb habe Gott es zugelassen, dass auch die biblischen Propheten schlimme Ereignisse als Folge von Gottes Zorn und nicht als eine Folge menschlichen Versagens darstellten. Da Jesus uns aber Gott als einen unendlich gnädigen Gott vorgestellt hat wissen wir heute, dass das auch damals schon nicht der Ansicht Gottes entsprochen haben kann.

Diese Sichtweise hat natürlich Konsequenzen. Gott als Urheber von leidvollem Gericht über Israel ist ein großes, durchgehendes Thema im ganzen Alten Testament, z.B. bei der Ankündigung von Segen und Fluch durch Mose (5. Mose 28, 15ff.). Das ganze Buch der Klagelieder wird von dieser Sichtweise geprägt [6] und wäre somit Ausdruck eines veralteten, unreifen und falschen Gottesbilds. Dr. Manuel Schmid, Pastor im ICF Basel und Theologiebeauftragter der ICF-Bewegung, geht im Movecast Nr. 42 den Ansatz Martin Benz zwar mit, schildert aber auch klar die Konsequenzen, die dieser Vergleich zwischen der menschlichen Persönlichkeitsentwicklung und der theologischen Entwicklung der Bibel nach sich zieht:

„Das Problem, das manche Leute aber mit diesem Bild oder mit dieser Analogie haben ist natürlich, dass man – wenn man jetzt das umlegt eben auf die biblische Überlieferung und die Offenbarung Gottes in der Bibel – dann müsste man sagen, dann begegnen uns im Alten Testament auch unvollkommene, vielleicht unreife, vielleicht sogar fehlerhafte Gottesvorstellungen oder vorläufige Gottesvorstellungen, die dann durch die Selbstoffenbarung Gottes in Jesus überholt werden oder geklärt werden. Und das heißt, man müsste dann eben doch so weit gehen, dass man zugesteht, an manchen Stellen im Alten Testament wird Gott auf eine Art und Weise abgebildet oder dargestellt oder vorgestellt von den biblischen Autoren, die im Lichte der Selbstoffenbarung Gottes in Jesus Christus eigentlich unangemessen ist, so wie man eben im persönlichen Reifeprozess auch unangemessene Dinge erlebt oder erfährt oder tut oder die vielleicht als Zwischenstufen wichtig waren aber die man dann im Nachhinein quasi durchaus auch kritisch bewerten würde. Das ist natürlich das Problem mit diesem Bild.“ [7]

Manuel Schmid erläutert anschließend, dass aber auch der konservative Ansatz, der alle Bibeltexte als authentische Zeugnisse über Gottes Handeln und Reden werten möchte, große Probleme bewältigen muss. Wer davon ausgeht, dass der Jesus der Bergpredigt ein und derselbe ist wie der Gott, der dem Volk Israel bei der Landnahme zur Zeit Josuas den Genozid der Landesbewohner anordnet, der steht aus seiner Sicht vor der „Quadratur des Kreises“.

Wie ist die Herangehensweise der progressiven Theologie an die Bibel nun aus evangelikaler Perspektive zu bewerten?

Die Bibel schreibt Geschichte

Keine Frage: Auch aus evangelikaler Sicht ist die Bibel alles andere als statisch. Niemand kann leugnen, dass es zahlreiche Entwicklungslinien und theologische Schwenks in der Bibel gibt. Die biblische Geschichte Gottes mit den Menschen beginnt in einem Garten, sie endet in einer Stadt. Sie begegnet einer unverhältnismäßigen Rachekultur zunächst noch mit dem Rechtsprinzip der Verhältnismäßigkeit („Auge um Auge, Zahn um Zahn“) um dann noch einen Schritt weiter zu gehen mit der Lehre Jesu, dass man dem Feind sogar die andere Wange hinhalten soll. Der häufige Gebrauch der Wendung „Ich aber sage euch“ markiert, dass Jesus zahlreiche Regelungen des alten Bundes ändert. So hebt er zum Beispiel die Speise- und Reinheitsgebote auf mit der schlichten und doch revolutionären Aussage: „Nicht was zum Mund hineingeht, macht den Menschen unrein; sondern was aus dem Mund herauskommt, das macht den Menschen unrein.“ (Matth. 15, 11) Darüber hinaus bestätigt Jesus das Prinzip, dass einige Aussagen des Alten Bundes den damaligen Umständen und dem Zustand der Menschen geschuldet war („wegen eurer Herzenshärtigkeit“), z.B. beim Scheidungsrecht (Matth. 19, 8). Einige Aussagen Gottes entsprachen also tatsächlich nicht komplett der Ansicht Gottes sondern hatten eher den Charakter von „Notstandsgesetzen“.

Die andere Seite: Ewige Wahrheiten und ein positiver Beginn

Komplett wird das Bild von der Bibel aber erst, wenn wir auch die folgenden biblischen Fakten berücksichtigen:

  • Jesus hat zwar eine neue heilsgeschichtliche Epoche eingeläutet, aber er hat die Gültigkeit des Alten Testaments trotzdem nicht in Frage gestellt, im Gegenteil: Kein einziges Zeichen des Alten Testaments sollte aus seiner Sicht aufgelöst werden. Seine Botschaft hieß nicht: Ich löse die alten Regeln auf, sondern: Ich erfülle sie und gebe ihnen dadurch einen tieferen Sinn (Matth. 5, 17-18).
  • Jesus zeichnete zudem keine stetig nach oben führende Entwicklungslinie. Mit der Formulierung „Von Anfang an aber ist es nicht so gewesen“ (Matth. 19, 8), bestätigt er 1. Mose 1, 31, wo es über die ursprüngliche Schöpfung heißt: „Es war sehr gut.“ Die Bibel setzt also einen Urzustand voraus, in dem Gottes gute Schöpfungsordnung sichtbar wurde und dem dann zunächst eine Abwärts-, nicht eine Aufwärtsentwicklung folgte. Auf Basis dieses sehr guten Ursprungszustands löste Jesus einige sexualethische Vorgaben nicht etwa auf sondern verschärfte sie sogar noch (Markus 10, 7-12).
  • Mit seiner häufig benutzten Wendung „Habt ihr nicht gelesen?“ (z.B. Markus 12, 26) macht Jesus deutlich, dass für ihn der Schriftbeweis galt. Der Schriftbeweis funktioniert natürlich nur, wenn das Alte Testament voll und ganz gültig ist. So wie bei allen frommen Juden war es ganz offensichtlich auch für Jesus völlig undenkbar, den Propheten des Alten Testaments irrtümliche Gottesworte oder gar falsche Gottesvorstellungen zu unterstellen. Das Gesetz und die Propheten hatte auch für Jesus volle Autorität. Dass er Aussagen des Alten Testaments widersprechen konnte, zeigt (so wie seine Wundertaten) nur seine absolut einzigartige Stellung als Gottessohn und verheißener Messias an.
  • Die Polarität zwischen dem zornigen und strafenden Gott einerseits und dem barmherzigen und gnädigen Gott andererseits findet sich im Alten wie im Neuen Testament gleichermaßen. So untermauert der Brief Judas ausdrücklich das alttestamentliche Bild vom strafenden Gott (Judas 5). In der Offenbarung tritt Christus selbst als Herrscher auf, der mit dem Schwert die Völker richtet (Offenbarung 19, 11-21). Es war gerade Jesus, der wie kein anderer über Hölle, Gericht und Verdammnis sprach. Entsprechend betont die Bibel vielfach: Gott verändert sich nicht (Jakobus 1, 17). Er ist derselbe, gestern, heute und in Ewigkeit (Hebräer 13, 8).
  • Im drittletzten Vers der Bibel werden die Leser unter Androhung scharfer Sanktionen davor gewarnt, den prophetischen Worten dieses Buchs noch etwas hinzuzufügen (Offenbarung 22, 18). Die Offenbarung der Schrift sieht sich damit selbst als abgeschlossen an. Entsprechend hat schon der Kirchenvater Augustinus klargestellt: Keine Lehre irgendeines Theologen kann der Lehre der Apostel jetzt noch gleichgestellt werden.[8] Diese Sichtweise gilt bis heute in der weltweiten Kirche.

Ist die Bibel progressiv? Ja und nein!

Ja: Gott schreibt eine Geschichte mit uns Menschen. In dieser Geschichte gibt es Wendungen und Entwicklungen. Gott spricht unterschiedlich zu den Menschen entsprechend der Situation und dem Umfeld, in dem sie sich gerade befinden. Deshalb muss eine verantwortungsvolle Theologie immer den Kontext beachten. Sie muss heilsgeschichtliche Entwicklungen berücksichtigen sowie das historische und kulturelle Umfeld, in das Gott jeweils hineinspricht. Historische Bibelwissenschaft kann dabei eine wertvolle Hilfe sein.

Aber aus evangelikaler Sicht gilt auch (und hier gehen die Wege tatsächlich auseinander): Quer durch die ganze Bibel begegnen wir diesem einen, immer gleichen Gott, in dem sich Liebe und Heiligkeit, Zorn und Barmherzigkeit, Gnade und Gericht vereinen. Nirgendwo treffen diese Pole so direkt aufeinander wie am Kreuz von Golgatha. Wer einen dieser Pole für veraltet oder überholt erklärt verliert einen wichtigen Aspekt des Wesens Gottes aus den Augen – und somit auch einen Aspekt der Wahrheit, die uns frei macht und der Kirche ihre Kraft und Dynamik verleiht.

Jesus entscheidet

Jesus ist das Haupt der Kirche und daher ihr oberster Theologe. ER gibt vor, wie wir das Alte Testament zu interpretieren haben. Wo er bestimmte Vorschriften neu interpretiert und dadurch aufhebt, tun wir das auch. Wo er eine ursprüngliche Schöpfungsordnung bestätigt, tun wir das auch. Wo er Vorschriften verschärft, folgen wir ihm auch darin. Er allein steht über der Schrift. Wir stehen unter ihr. Wir stehen somit auch nicht über den Propheten des Alten Testaments. Wir verstehen Gott nicht besser als sie. Zwar müssen wir ihre Aussagen im Licht der Lehre und des Wesens Jesu deuten und verstehen. Aber um Jesus und seine Lehre verstehen zu können brauchen wir wiederum die ganze Bibel – inklusive dem Gesetz und den Propheten. Jesus brauchte offenbar Stunden, um den Emmausjüngern zu erklären, wo in allen (!) Schriften des Alten Testaments von ihm die Rede ist (Lukas 24, 27). Von der Schöpfung an war er an der Geschichte Gottes mit den Menschen beteiligt (Johannes 17, 24). Wer Jesus verstehen und von ihm her die Bibel interpretieren möchte, muss deshalb die ganze Bibel lesen und ernst nehmen.

Wie umgehen mit schwierigen Bibelstellen?

Manuel Schmid hat recht: Es ist nicht fair, die postevangelikale Sichtweise zu kritisieren und gleichzeitig die Probleme des evangelikalen Ansatzes leichtfertig vom Tisch zu wischen. Die verschiedenen Beschreibungen Gottes in der Bibel zusammen zu bringen ist an einigen Stellen in der Tat anspruchsvoll und herausfordernd. Persönlich geht es mir so: Manche Bibelstellen verstehe ich bis heute nicht, weil sie nicht so recht mit dem zusammen passen wollen, was ich bislang von Jesus und der restlichen Bibel verstanden habe. Aber ich werde diese Stellen deshalb nicht für unreif und überholt erklären. Ich habe sie stattdessen in mein „geistliches Regal“ gestellt. Immer, wenn ich an ihnen vorbeikomme ziehe ich den Hut vor ihnen und frage Gott wieder, wie das wohl zu verstehen ist. Zu einigen dieser Stellen habe ich auf diese Weise schon Antworten bekommen.[9] Es ist immer ein Fest, wenn mir wieder einmal bei einer „dunklen“ Bibelstelle ein Licht aufgeht.[10] Wie gut, dass ich sie nicht vorschnell als veraltet abgetan habe! Ich empfehle meiner Kirche, es genauso zu machen. Die Bibel muss der Maßstab der Kirche bleiben, auch wenn wir sie nicht komplett verstehen. Sie muss uns kritisieren dürfen, nicht umgekehrt. Nur dann kann die Kirche wachsen und reifen. Nur dann bleibt die Kirche progressiv.


[1] Movecast Nummer 8 „Bibelverständnis Teil 3: Wessen Geistes Kinder seid ihr?“ ab Minute 8:27

[2] „Der Geist wird im Laufe der Zeit (und die wird ja nicht definiert, ob das 10 Jahre später, 20 Jahre oder auch in den nächsten zwei Jahrtausenden sein wird), dass er weitere Wahrheit offenbaren wird, damit wir dann, wenn es für uns zumutbar ist, die Wahrheit vollständig erfassen können.“ Movecast Nr. 7 „Bibelverständnis Teil 2 – Alles in der Bibel ist Absicht Gottes, aber nicht alles ist Ansicht Gottes“ ab Minute 10:17

[3] Siehe dazu Movecast 55 und 56 „Die Angst vor dem Dammbruch – Teil 1 und 2“

[4] In Hossa Talk #83 „Homosexualität und die ‚Schöpfungsordnung‘“  Ab 24:10: „Die Bibel selbst schafft die Schöpfungsordnung ab.“ Ab 36:10: „Hat die Bibel eine Richtung? Damit können ganz viele Leute, die sagen, das steht doch in der Bibel, so schwer umgehen, dass die Bibel über 1000 Jahre Entstehungsgeschichte offenbar Korrekturen vornimmt.“ Ab 1.03.30: „Im Himmel gibt es die männlich-weiblich Polarität nicht mehr. Das heißt: Dekonstruktion der Schöpfungsordnung.“ Ab 1:16:31: „Wie verortet sich die Gemeinde oder die Kirche, in der ich bin. Trauert sie dem verloren gegangen Paradies zurück, dann fängt man an, ethisch moralisierend zu werden. Oder stabilisiert in der Gegenwart die Kirche das staatspolitische System? Dann wäre das so eine Gegenwartskirchlichkeit. Oder … eine Sehnsuchtsgemeinschaft, die immer offen ist für das Neue. Dann besteht die Aufgabe nicht darin, … wir bestätigen, was wir sowieso alle wissen, sondern es geht darum, immer eine Öffnung zu erhalten, eine Lichtung, etwas, das mir einen Riss ins System herein bringt, also wo ich gerade eine positive Verunsicherung bekomme, und Religion nicht immer nur als Sicherungs- und Stabilisierungssystem sondern was immer offen gehalten werden muss.“

[5] Movecast Nr. 7 „Bibelverständnis Teil 2 – Alles in der Bibel ist Absicht Gottes, aber nicht alles ist Ansicht Gottes“ ab Minute 13.38

[6] Ausführlich erläutert im AiGG-Artikel „Das Evangelium: Gottes Zorn und Gottes Gnade – Was wir aus dem Buch der Klagelieder lernen können“

[7] Movecast Nummer 42 „Braucht die Welt Theologen – mit Dr. Manuel Schmid“ ab Minute 51:34

[8] Martin Luther zitiert Augustinus in der „Assertio omnium articulorum“ (1520) wie folgt, um die Schriften des Neuen Testaments grundsätzlich gegen alle anderen Schriften abzugrenzen: „Ich habe gelernt, allein diesen Büchern, welche die kanonischen heißen, Ehre zu erweisen, so dass ich fest glaube, dass keiner ihrer Schreiber sich geirrt hat.“

[9] Im AiGG-Artikel „Biblische Stolperstellen: Krieg im Namen Gottes?“ sowie “Biblische Stolperstellen: Ist der Gott des AT grausam?” habe ich versucht, mich genau dieser anspruchsvollen Herausforderung in Bezug auf die Gewalttexte des AT zu stellen.

[10] Ein Beispiel dafür schildert der AiGG-Doppelartikel „Biblische Stolperstellen: Als Gott Mose umbringen wollte“

Streit um das biblische Geschichtsverständnis

Sind die biblischen Erzählungen theologisch lehrreiche Legenden? Oder wollen sie reale geschichtliche Ereignisse beschreiben? Und warum ist diese Frage überhaupt wichtig?

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Vor allem in der universitären Theologie gibt es seit längerem mehrheitlich die Auffassung, dass viele der in der Bibel geschilderten Ereignisse nie stattgefunden haben. So äußerte zum Beispiel schon vor fast 20 Jahren  der einflussreiche evangelische Theologe Andreas Lindemann in einem Spiegel-Interview: “Dass es sich bei den Evangelien um Lebensbeschreibungen Jesu handelt […] wird seit Jahrzehnten von keinem ernst zu nehmenden Exegeten mehr behauptet.“ Hätte er recht, hieße das: Nicht nur die Wunder und die Auferstehung sind in Frage gestellt. Ganz grundsätzlich wären in den Evangelien keine historisch verlässlichen Beschreibungen des Lebens und der Lehre Jesu zu finden.

In noch deutlich stärkerem Maße gilt diese Skepsis für die Erzählungen des Alten Testaments, und dort vor allem für die die biblische Urgeschichte in 1. Mose 1-11. Auch der deutlich konservativere Theologe Prof. Thorsten Dietz von der Evangelischen Hochschule Tabor äußert dazu: Die Ansicht, dass der Sintflutbericht historisch verstanden werden wolle „schiebt dem Bibeltext eine Bedeutungsabsicht zu, die er nach allem, was wir über altorientalische Geschichtsschreibung wissen, nicht gehabt hat. […] Wir können den Autoren kein Geschichtsverständnis unterstellen, wie wir es heute kennen. Wir sollten die Autoren der Bibel nicht auf Fragen festnageln, die sich ihnen nie gestellt haben. Damit verfehlen wir den Sinn der Texte. […] Althistoriker zeigen, dass es in der Antike erst allmählich zu einer klaren Unterscheidung von geschichtlich, vorgeschichtlich, legendarisch etc. gekommen ist.“ [1]

Noch schärfer formuliert Prof. Siegfried Zimmer, wenn er behauptet, dass das „historische Denken“ überhaupt erst im 18. und 19. Jahrhundert in Europa entstanden sei, da erst zu dieser Zeit deutlich wurde, „wie umfassend das Leben und Denken des Menschen einem geschichtlichen Wandel unterliegt.“[2] Und weiter: „Wer die Behauptung aufstellt, die Bibel verstehe “Adam und Eva” als geschichtliche Personen, verteidigt nicht die Bibel. Er verteidigt etwas Anderes: sein eigenes, falsches Bild der Bibel und seine eigenen Missverständnisse und Vorurteile. […] In fundamentalistischen Kreisen gibt es Christen, die mit einem ungeheuren naturwissenschaftlichen Aufwand und Scharfsinn beweisen wollen, dass es in den Anfangskapiteln der Bibel um historische Ereignisse und um historische Personen geht. Diese Christen wollen etwas beweisen, was die Bibel gar nicht behauptet! Das ist tragisch und absurd.“ [3]

Gottes Wort als solches ernst nehmen hieße demnach also: Erkennen, dass zumindest die Geschichten in 1. Mose 1-11 rein symbolisch oder metaphorisch gemeint sind, keinesfalls aber tatsächliche Ereignisse beschreiben wollen. Wer das anders sieht, stülpt den biblischen Autoren demnach ein falsches Geschichtsverständnis über, das sie gar nicht gehabt hatten (bzw. haben konnten) und produziert damit ohne Not unlösbare Probleme, die es naturwissenschaftlich aufgeklärten Menschen unnötig schwer oder gar unmöglich machen, der Bibel zu vertrauen. Das ist ein schwerwiegender Vorwurf. Wer will schon den Menschen den Weg zum Glauben verbauen?

Richtig ist natürlich: Die Bibel ist kein naturwissenschaftliches Lehrbuch. Ich kenne persönlich auch niemanden, der das behauptet. Denn es ist ja offenkundig: Die biblischen Autoren schreiben meist aus der Beobachterperspektive. Sie ordnen den Stoff oft thematisch oder literarisch statt streng chronologisch an. Sie legen keinen Wert auf Vollständigkeit und Detailtiefe. Ihre Schilderungen sind häufig geprägt von theologischen Fragestellungen (was natürlich per se nicht gegen ihren historischen Anspruch spricht[4]). Und natürlich kennen sie die modernen wissenschaftlichen Definitionen nicht. Deshalb können z.B. Hasen als Wiederkäuer bezeichnet werden, was nach der modernen Taxonomie zwar falsch ist, aber auf der richtigen Beobachtung fußt, dass Hasen tatsächlich ihren Blinddarmkot erneut aufnehmen.

Richtig ist auch: Wenn die Aussageabsicht der biblischen Autoren nichts mit Geschichtsschreibung zu tun hatte, dann wäre es tatsächlich sträflich, diese Texte in einem falschen Sinne „wörtlich“ zu lesen. Das wäre dann in etwa so, wie wenn jemand in Neuseeland nach den Spuren des Landes „Mittelerde“ aus dem Roman ‚Herr der Ringe‘ sucht, und dann an der Glaubwürdigkeit des Autors J.R.R. Tolkien zweifelt, weil er nichts als ein paar billige Filmkulissen gefunden hat.

Die große Frage ist: Könnte es tatsächlich sein, dass die Christenheit 1800 Jahre lang in diesen Fragen einem derart fatalen Missverständnis aufgesessen ist, weil sie Geschichte und Gleichnis verwechselt hat?

Um Licht in diesen Themenkomplex zu bringen geht dieser Artikel folgenden 2 Fragen nach:

  1. Warum ist die Frage nach der historischen Wahrheit überhaupt wichtig? Reicht es nicht, einfach nur die theologische Aussage ernst zu nehmen? Spielt es überhaupt eine Rolle, ob die Ereignisse sich tatsächlich ereignet haben?
  2. Konnten und wollten die antiken Autoren überhaupt unterscheiden zwischen Geschichte, Legende und Metapher? Hat sich diese Unterscheidung nicht erst in der Moderne durchgesetzt?

Beginnen wir mit Frage Nummer 1:


Warum ist die Frage nach der historischen Wahrheit überhaupt wichtig? Reicht es nicht, einfach nur die theologische Aussage ernst zu nehmen? Spielt es überhaupt eine Rolle, ob die Ereignisse sich wirklich ereignet haben?


Warum ist die gesellschaftliche Situation in Deutschland so, wie sie ist? Ganz einfach: Der Zustand unseres Landes ist auch ein Produkt seiner Geschichte. Geistliche und geistige Strömungen, Kriege und Konflikte, Machtkämpfe und Umwälzungen haben unser Land mit geprägt. Wer die Dynamiken der Gegenwart verstehen möchte, muss deshalb die Geschichte kennen. Kein Historiker würde jemals auf die absurde Idee kommen zu sagen: Es spielt für das Verständnis unserer Gesellschaft keine Rolle, ob sich die Teilung unseres Landes, der Fall der Mauer und die Wiedervereinigung wirklich ereignet haben. Denn ohne diese geschichtliche Wirklichkeit könnten wir viele heute bestehenden Ungleichheiten zwischen Ost und West niemals richtig verstehen und sachgerecht mit ihnen umgehen.

Genau das gleiche Verständnis von der grundlegenden Bedeutung historischer Ereignisse finden wir quer durch die ganze Bibel. Die Autoren der Evangelien wollten gerade nicht primär eine neue Theologie verbreiten, sondern berichten, was die Augenzeugen gehört und gesehen haben (Lukas 1, 1-4). Der bekannte US-ameri­kanische Theologe Timothy Keller schreibt dazu: „Das christliche Evangelium ist kein gut gemeinter Rat, sondern es ist gute Nachricht. Es ist keine Handlungsanleitung, was wir tun sollten, um uns selbst zu retten, sondern vielmehr eine Verlautbarung, was bereits für unser Heil getan wurde. Das Evangelium sagt: Jesus hat in der Geschichte etwas für uns getan, damit wir, wenn wir im Glauben mit ihm verbunden sind, Anteil an dem bekommen, was er getan hat, und so gerettet werden.“ [5]

Genau das gleiche Prinzip gilt für die biblische Urgeschichte. Die Ereignisse rund um den „Sündenfall“ in 1. Mose 2 und 3 gelten quer durch die ganze Bibel als grundlegender Schlüssel für das Verständnis der Situation des Menschen und der heutigen Welt. So schreibt z.B. Reinhard Junker: „Selbst wenn Prof. Zimmer recht damit hätte, dass die Antike Geschichte als unbedeutend ansah, würden die Verfasser der Texte des Alten und Neuen Testaments gerade dieser Sicht klar und aus­drücklich widersprechen. Denn die biblischen Autoren betonen genau das Gegenteil dessen, was Zimmer be­hauptet, nämlich dass es große Ver­änderungen mit nachhaltiger Wirkung gab und diese zum Verständnis der Gegenwart wesentlich sind. […] Die Geschichte erklärt, warum die Menschheit so ist, wie sie ist: eines Retters aus Sünde und Tod bedürftig. […] Die Israeliten hatten ein lineares Zeitgeschichtsbild und Gottes Handeln in Zeit und Raum war für sie von grundlegender Bedeutung. Daher sollten sie sich an die großen Taten erinnern, die Gott unter ihnen getan hatte (5. Mose 6,20-25). Dazu gehört selbstverständlich auch die Urgeschichte. Die Geschichte erklärt die jeweilige Gegenwart.“ [6]

Das Neue Testament liest das Alte Testament historisch

Dazu passt, dass die Autoren des Neuen Testaments ganz offensichtlich fest davon ausgingen, dass sich die Geschichten des Alten Testaments wirklich ereignet haben:

  • Für den Evangelisten Lukas waren Adam und Noah in gleicher Weise geschichtliche Personen wie David, Josef und Jesus, wie sein Stammbaum Jesu zeigt (Lukas 3, 23-37).
  • Für Petrus waren Noah und die Sintflut ganz selbstverständlich geschichtliche Realitäten (1. Petr. 3, 20; 2. Petr. 2, 5)
  • In Römer 5, 12-21 und 1. Kor. 15, 20-22 hält Paulus Adam für ebenso geschichtlich wie Jesus.[7] Diese Geschichtlichkeit ist sogar ein grundlegender Bestandteil seiner Theologie, wie Timothy Keller betont: „Wenn Adam nicht historisch ist, ist die ganze Argumentation von Paulus hinfällig. … Wer nicht glaubt, was Paulus über Adam glaubt, lehnt das Herzstück paulinischer Theologie ab.“ [8]
  • Für Jesus, dessen Lehre für alle Christen letzte Autorität hat, war Noah und die Sintflut ebenso real wie sein Wiederkommen (Matth. 24, 37-38; Lukas 17, 26-27).

Im 11. Kapitel des Hebräerbriefs wird das Wesen des Glaubens anhand von Glaubenswagnissen alttestamentlicher Personen erklärt. Kain, Abel, Henoch und Noah werden dabei genau in der gleichen Weise betrachtet wie Abraham, Isaak, Jakob, Samuel und David. Könnte es sich trotzdem bei manchen dieser Personen um Figuren aus Gleichnisgeschichten handeln? Hätte der Hebräerbriefschreiber somit in seine Aufzählung von Glaubenshelden auch den barmherzigen Samariter einreihen können? Wohl kaum. Denn über den barmherzigen Samariter hätte er sicher nicht so wie über Abel geschrieben: „Durch den Glauben redet er noch, obgleich er gestorben ist.“ (Hebräer 11,4) Der barmherzige Samariter ist nicht gestorben – weil er nie gelebt hat.

Die Historizität ist essenziell für die theologische Aussage

Texte wie Hebräer 11 zeigen eindrücklich: Das konkrete, reale Handeln Gottes mit den Menschen in Raum und Zeit ist ein fundamentaler Bestandteil der biblischen Botschaft und wesentliche Grundlage ihrer Theologie. Die Propheten sagten voraus, dass Gott nach dem Exil sein Volk wieder zurück in die Heimat führen wird, wie er es bereits beim Exodus aus Ägypten getan hat (Jeremia 16, 14). Wie hätte diese Botschaft eine Ermutigung sein können, wenn es diesen Exodus nie gegeben hätte?

Im Johannesevangelium lesen wir über die zeichenhaften Wunder Jesu: „Diese aber sind geschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes“ (Johannes 20, 31). Wenn die beschriebenen Wunder in Wahrheit gar nicht geschehen sind, wie hätten diese Erzählungen dann das Vertrauen der Leser stärken sollen, dass Jesus wirklich der Christus und der Messias ist?

Alle diese Beispiele unterstreichen: Es erscheint äußerst schwierig, wenn nicht sogar unmöglich, die theologischen Aussagen der Bibel von ihren Aussagen zur Geschichte zu trennen. Eine Exegese, die trotz dieser engen Verwobenheit meint, dass hinter den Erzählungen kein tatsächliches, reales Handeln Gottes in der Geschichte steht, steht immer in der großen Gefahr, auch theologisch an Substanz und Glaubwürdigkeit zu verlieren und damit die Botschaft der Kirche zu schwächen.

Damit kommen wir zur 2. Frage:


Konnten und wollten die antiken Autoren überhaupt unterscheiden zwischen Geschichte, Legende und Metapher? Hat sich diese Unterscheidung nicht erst in der Moderne durchgesetzt?


Anders ausgedrückt: Ist der Glaube, dass die biblischen Autoren von geschichtlichen Ereignissen ausgingen, vielleicht nur eine moderne „optische Täuschung“, weil wir die Bibel mit der Brille unseres modernen Geschichtsverständnisses lesen?

Das Geschichtsverständnis zur Zeit des Neuen Testaments

Fakt ist, dass in der Zeit der Entstehung des Neuen Testaments klar zwischen Geschichte und Mythos, zwischen Fakt und Fiktion unterschieden wurde. So grenzte sich z.B. der jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus im 1. Jahrhundert bei der Darstellung geschichtlicher Ereignisse ganz bewusst vom Hang zur Übertreibung ab.[9] Der Philosoph Porphyrios kritisierte die Christen im 3. Jahrhundert mit der Behauptung, dass die Prophetien im Buch Daniel erst nach den Ereignissen aufgeschrieben wurden. Fragen nach Historizität und Datierung waren für ihn also völlig normal.[10] In seiner „Einleitung in das Neue Testament“ weist der Neutestamentler Armin D. Baum ausführlich nach, dass bereits in der Antike „die drei Erzählgattungen Epos, Geschichtsschreibung und „Roman“ […] anhand ihres Realitätsbezugs (wirklich oder fiktiv) und ihrer sprachlichen Form (Verse oder Prosa) voneinander unterschieden“ wurden.[11]

In Bezug auf das Lukasevangelium kommt er zu dem Schluss: „Die Prologe des dritten Evangeliums und der Apostelgeschichte unterscheiden sich so stark von den Anfängen antiker Epen, sind so eng mit den Prologen der antiken Geschichtsschreibung verwandt und inhaltlich so eindeutig historisch orientiert, dass an der Intention des Autors, Geschichte zu schreiben, nicht gezweifelt werden kann. Im lukanischen Doppelwerk erzählt kein von den Musen inspirierter Künstler, sondern ein sich auf Augenzeugen berufender Historiker (Lukas 1, 2).“[12] Auch Petrus legt ausdrücklich Wert auf die Unterscheidung zwischen erdachten Geschichten und tatsächlichen Begebenheiten: „Wir sind nicht irgendwelchen klug ausgedachten Geschichten gefolgt, als wir euch die machtvolle Ankunft Jesu Christi, unseres Herrn, verkündeten, sondern wir waren Augenzeugen seiner Macht und Größe.“ (2. Petrus 1,16)

Das Geschichtsverständnis zur Zeit des Alten Testaments

Aber gilt dieser Sachverhalt auch für die Schriften des Alten Testaments und die biblische Urgeschichte? Dazu schreibt Timothy Keller: „1. Mose 2 und 3 lassen keine Anzeichen für das Genre … Dichtung erkennen. Der Text liest sich als Bericht über wirkliche Geschehnisse; er sieht aus wie ein Geschichtsdokument. Das heißt nicht, dass 1. Mose (oder sonst ein biblischer Text) Geschichte im modernen […] Sinn ist. Die antiken Autoren, die historische Geschehnisse aufzeichneten, nahmen sich die Freiheit, die Chronologie zu verändern und Zeitabläufe zu komprimieren – und jede Menge an Information wegzulassen, die ein moderner Historiker als wesentlich dafür erachten würde, ein “Gesamtbild” zu erhalten. Aber auch die antiken Geschichtsschreiber waren überzeugt, dass die Ereignisse, die sie beschreiben, tatsächlich geschehen sind. […] Manche sagen, man müsse 1. Mose 2 bis 11 im Licht anderer Schöpfungsmythen des Nahen Ostens aus dieser Zeit lesen. Andere Kulturen schufen ihre Mythen über die Entstehung der Welt und die große Flut, so wird gesagt, und wir müssen erkennen, dass der Verfasser von 1. Mose 2 und 3 wahrscheinlich dasselbe tat. Nach dieser Auffassung hätte der Verfasser von 1. Mose 2 und 3 einfach eine hebräische Version des Mythos von Schöpfung und Flut geschaffen. Er mag sogar geglaubt haben, dass dies historische Ereignisse waren, aber darin war er dann eben nur ein Kind seiner Zeit. Gegen diese Sicht hat Kenneth Kitchen begründete Einwände erhoben. Der bekannte Ägyptologe und evangelikale Christ antwortet auf die These, dass die Sintfluterzählung (1. Mose 9) wie die Fluterzählungen anderer Kulturen als Mythos […] gelesen werden sollte, Folgendes:

‚(Es) ist auch darauf hinzuweisen, dass im alten Nahen Osten Mythen NICHT historisiert wurden (d.h. als imaginäre ‚Geschichte‘ verstanden), sondern vielmehr die Tendenz bestand, Geschichtsereignisse und Personen mythologisch zu überhöhen …‘

Mit anderen Worten: Es ist belegt, dass die ‚Mythen‘ des antiken Nahen Ostens nicht im Lauf der Zeit zu historischen Ereignissen wurden, sondern vielmehr umgekehrt historische Berichte sich allmählich in eher mythologische Geschichten verwandelten. Kitchen argumentiert: Wenn man 1. Mose 2-11 im Licht dessen liest, wie die alte Literatur des Nahen Ostens funktioniert, würde man, wenn überhaupt, schließen dass 1. Mose 2-11 Ereignisse berichten, die tatsächlich gesehen sind – und das in einer “Hochform” mit viel bildhafter Sprache und chronologischer Verdichtung. Zusammenfassend sieht es also so aus, als sei es zu verantworten, 1. Mose 2-3 als Bericht eines tatsächlichen historischen Ereignisses zu verstehen.“ [13]

Außerbiblische Beispiele

In antiken Quellen finden sich zahlreiche Hinweise darauf, dass dieses historische Geschichtsverständnis nicht nur in der Bibel, sondern auch bei vielen außerbiblischen Autoren sehr wohl vorhanden war. Dazu schreibt der Historiker Axel Schwaiger, der sich ausführlich mit historischem Geschichtsdenken befasst hat: „Von allen antiken Geschichtstexten zu behaupten, sie könnten zwischen historisch und mythisch, Bericht und Legende nicht unterscheiden und wollten das auch gar nicht, offenbart eine sträfliche Unkenntnis antiker Historiographie. Natürlich gibt es solche Texte, aber man tut Männern wie Herodot (um 490-430 v.Chr.), Thukydides (ca. 460-399 v.Chr.) oder Hekataios von Milet (vor 550 v.Chr.) mit solchen pauschalen Abwertungen doch schon sehr Unrecht, da gerade sie ausdrücklich angetreten waren, die Geschichte von Legenden, Sagen und Mythen zu entschlacken und nach konkreten Gründen und Ursachen historischer Entwicklungen zu fragen. Hekataios‘ ‚Erdbeschreibung‘, Thukydides‘ ‚Peloponne­sischer Krieg‘ und Herodots ‚Historien‘ erzählen zwar auch von Mythen der Völker, aber eben deutlich unterscheidend als deren Mythen – oft in Verbindung mit rationalen oder historischen Erklärungen dafür. So unterzog Hekataios beispielsweise die bis dahin vorherrschende sagenhafte epische Tradition einer radikalen rationalen Kritik und ging damit bereits im 6. vorchristlichen Jahrhundert einen entscheidenden Schritt in Richtung auf ein historisches Bewusstsein, das man heute allzu gerne ausschließlich für die Neuzeit reklamiert. Die Unterscheidung zwischen Mythen und tatsächlichem Geschehen, zwischen Legenden, Übertreibungen und echter Historie und das Fragen nach tatsächlicher Kausalität macht ihren hohen historiographischen Wert aus. Nicht von ungefähr gilt Herodot bereits in der Antike als ‚Vater der Geschichtsschreibung‘. Seine Methoden reichen von Quellenstudium und persönlichen Gesprächen über ausgedehnte Reisen und Nachforschungen vor Ort bis hin zu kritischer Reflexion und auf Wahrscheinlichkeit gegründete Vermutungen. Die Vorstellung, antike Autoren verarbeiteten ausschließlich eine ‚literarische Erzählkultur‘, die Historie und Mythos unreflektiert miteinander verband und – im Gegensatz zur modernen Geschichts­wissenschaft – kein echtes Bewusstsein für die eigene Historizität und die der berichteten Geschehnisse hatte, kann so nicht mehr aufrechterhalten werden.“ [14]

Eine schwierige Alternative

Nun kann dieser Artikel keine ausführliche, wissenschaftlichen Ansprüchen genügende Analyse des antiken Geschichtsverständnisses liefern. Aber die hier aufgeführten Zitate zeigen: Das weit verbreitete und oft leider unreflektiert und ohne genauere Begründung weitergegebene Narrativ vom fehlenden Geschichtsbewusstsein und von der mangelhaften Unterscheidung von Geschichte und Legende in der Antike ist in dieser generellen Form nicht haltbar – erst recht nicht in Bezug auf die biblischen Texte. Es gab auch in der damaligen Zeit Autoren, die klar unterscheiden wollten und konnten zwischen Geschichte und Mythos, zwischen Fakt und Fiktion. Sie machten diese Unterscheidung in ihren Schriften deutlich und legten Wert auf den Unterschied.

Wer Berichten des Alten und Neuen Testaments trotzdem die historische Glaubwürdigkeit abspricht, steht damit zwangsläufig vor folgender Alternative:

  1. Die Argumente für eine historische Aussageabsicht müssten durch andere Argumente entkräftet werden. Es müsste aus dem jeweiligen Text heraus begründet werden, warum der biblische Autor keine reale Geschichte schildern wollte, obwohl der Text keinen dichterischen Charakter hat, sondern viele Merkmale historisch gemeinter Texte enthält wie z.B. Ahnentafeln, Maßangaben, Naturbeschreibungen, Zeit- und Jahresangaben. Der Schiffsbauprofessor Jan Hartmann hat jüngst sogar nachgewiesen, dass die in der Bibel dokumentierten Angaben zu den Maßen und der Beschaffenheit der Arche die Anforderungen an Längsfestigkeit, Querfestigkeit, Torsion, Stabilität und Seeverhalten optimal erfüllt. Obwohl er sich selbst unsicher ist, ob und inwieweit es tatsächlich eine Arche gab, lässt ihn dieses Ergebnis davon ausgehen, dass der biblische „Bericht einen Hintergrund hat, der weit über die Art eines Mythos hinausgeht.“[15] Auch dazu müssten die Verfechter einer rein metaphorischen Aussageabsicht Erklärungen finden.
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  2. Andernfalls müsste man ehrlicherweise offen von Fehlern der biblischen Autoren sprechen, denn sie hätten sich dann in ihrer historischen Aussageabsicht geirrt. Das gilt sowohl für die Autoren der biblischen Erzählungen selbst als auch für die neutestamentlichen Autoren, die diesen Texten einen historischen Wert beigemessen haben. Und wichtig ist dabei: Diese Fehler wären eben nicht nur historischer, sondern auch theologischer Art, weil – wie oben dargelegt – die Geschichtlichkeit ein wichtiger Bestandteil ihrer Theologie darstellt. Das traditionelle Verständnis von der Irrtumslosigkeit und Unfehlbarkeit der Schrift wäre damit aufgelöst. Stattdessen müssten außerbiblische Kriterien definiert werden, um unterscheiden zu können, welche Teile der Schrift in welchem Sinn noch als wahres Gotteswort gelten können – ein oft unternommener Versuch, der bislang allerdings nie zu einem tragfähigen, breit akzeptierten Ergebnis geführt hat.

Warum die Kirche der Aussageabsicht der Bibel vertrauen sollte

Wer keine dieser beiden Alternativen für tragfähig hält, dem bleibt letztlich nur, der Schrift auch in ihren historisch gemeinten Aussagen zu vertrauen. Diese Position hat die kirchliche Theologie 1800 Jahre lang weitgehend dominiert. In großen Teilen der weltweiten Kirche gilt dieses Bibelverständnis bis heute ganz selbstverständlich. Man ist also alles andere als ein Exot, wenn man sich zu diesem Weg bekennt, zumal es für diese Sichtweise auch aus den Wissenschaften durchaus viele ermutigende Signale gibt. So schrieb der britische Archäologe und Ägyptologe Kenneth A. Kitchen: „Die biblischen Texte sind in hohem Maße historisch zuverlässig. Dies lässt sich in Bezug auf das geteilte Reich, das Exil und die Rückkehr […] sehr gut zeigen. Dort, wo sich passende Daten miteinander vergleichen lassen, kann man dies konkret feststellen. Dieses Faktum sollte jeder zugestehen, egal von welcher Stelle er persönlich ausgeht.“ [16]

In dem beeindruckenden Film „Patterns of evidence“ berichten zahlreiche Experten über die vielfältigen Fakten, die die oft bezweifelte biblische Geschichtsschreibung stützen. Selbst der sonst so religionskritische Spiegel berichtet in seiner Osterausgabe 2018 von zahlreichen neuen Indizien, die die Historizität der biblischen Passionsberichte so sehr stützen, dass dies „Skeptikern kaum gefallen“ kann[17].

Und Axel Schwaiger schreibt: „Es gibt durchaus Indizien und Belege dafür, dass die Menschen damals die Flut völlig selbstverständlich als echtes Geschehen voraussetzten. Dazu gehören nicht nur älteste sumerische Königslisten, die die Könige „vor der Flut“ von denen „nach der Flut“ unterscheiden (wie das ‚Weld-Blundell-Prisma‘ um 2100 v.Chr.), oder die ältesten Epen, in denen die Flut den Erzählhintergrund bildet (z.B. Atrachais- und Gilgamesch-Epos). Dazu gehören auch vorliegende Keilschriften altorientalischer Herrscher, die (wie selbstverständlich) auf die Flut als historisches Geschehen Bezug nehmen. So z.B. Assurbanipal: „Ich verstehe die rätselhaften, in Stein gemeißelten Worte aus den Tagen vor der Flut“, oder auf einem Tonzylinder des Nebukadnezar: „Die Menschen hatten das Werk [des Turmbaus] verlassen seit den Tagen der Flut“. Auch Textstellen in der „Babyloniaká“ des babylonischen Priesters Berossus (um 290 v.Chr.) sprechen noch fast beiläufig von Geschehnissen rund um die Flut, so dass dem (vorsintflutlichen) König Xisthros befohlen worden war, Schriften in Sippara zu vergraben und sie nach der Flut wieder auszugraben und dass „man noch heute auf dem Gebirge der Kordyäer in Armenien Reste von dem Schiffe sieht und das abgekratzte Pech als Heilmittel dient.“ Auch die mehr als 260 Sintflutberichte, die Heinrich Lüken Mitte des 19. Jahrhunderts zusammentrug[18]‚ machen deutlich, dass in vielen Stämmen und Völkern die Erinnerung an eine weltweite große Flut bewahrt worden ist, freilich oft mit Änderungen, die jeweils auf das spezifische Lebensumfeld der Volksgruppe zugeschnitten sind. Dass mit diesen Erinnerungen später unterschiedliche theologische Intentionen verbunden wurden, ist sehr wahrscheinlich, aber sie heben die Historizität des eigentlichen Erzählkerns nicht auf.“ [19]

Es gibt also auch heute für Christen keinen Grund, sich vom reformatorischen Prinzip des „Sola scriptura“ zu verabschieden. Wir dürfen fröhlich daran festhalten, dass nach Berücksichtigung von Vernunft, Wissenschaft, Erfahrung, Auslegungstradition und Wirkungsgeschichte am Ende die Schrift selbst das letzte Wort für das richtige Verständnis ihrer Texte haben muss. Die Bibel muss sich selbst auslegen und selbst entscheiden, wie sie zu verstehen ist.[20] Oder, wie es Timothy Keller ausdrückt: „Wenn wir die Autorität der biblischen Autoren respektieren wollen, dann müssen wir sie so verstehen, wie sie verstanden werden wollen.“[21] Denn es bleibt nun einmal nicht ohne Konsequenzen, wenn man die Geschichtlichkeit der historisch gemeinten biblischen Texte in Frage stellt: „Paulus […] wollte definitiv sagen, dass Adam und Eva historische Personen sind. Und wenn man sich weigert, einen biblischen Autor wörtlich zu verstehen, obwohl er ganz klar so verstanden werden will, entfernt man sich vom traditionellen Verständnis von biblischer Autorität. Wie schon gesagt heißt das nicht, dass man nicht trotzdem einen starken und lebendigen Glauben haben kann. Aber ich bin überzeugt, dass ein solche Position sich für die Kirche als ganze schädlich auswirken kann und ganz sicher bei vielen Christen zu Verwirrung führt.“[22] Die Geschichte der Theologie der letzten 2 Jahrhunderte, ihre Verwirrung in Bezug auf praktisch alle zentralen Glaubensinhalte des Christentums[23] sowie das weltweite Schrumpfen aller von liberaler Theologie geprägten Kirchen, die die historische Glaubwürdigkeit der Schrift verworfen haben, unterstreichen die These Kellers eindrücklich. Es ist deshalb höchste Zeit, dass eine verantwortungsvolle Theologie der Bibel auch in ihren historisch gemeinten Aussagen wieder neu vertraut.


Herzlichen Dank für alle Mithilfe sowie Hinweise und vielfältige Anregungen zur Verbesserung dieses Artikels an:


Aber wird die Verwirrung nicht noch viel größer, wenn man von wissenschaftlich aufgeklärten Menschen verlangt, sie müssten an Adam, Eva und die Arche glauben? Ist das angesichts der modernen wissenschaftlichen Erkenntnisse aus Biologie, Geologie und anderen Disziplinen nicht vernunfts- und wissenschaftsfeindlich? Diesen Fragen widmet sich die Fortsetzung dieses Artikels unter dem Titel: “Können Christen heute noch an Adam, Eva und die Arche glauben?”


[1] Prof. Thorsten Dietz im „idea-Streitgespräch“, idea 2018 Nr. 29/30

[2] Prof. Siegfried Zimmer in „Haben Adam und Eva wirklich gelebt“ S. 2

[3] Prof. Siegfried Zimmer in „Haben Adam und Eva wirklich gelebt“ S. 22

[4] Entsprechend hält auch Papst Benedikt XVI. in seinem Buch „Jesus von Nazareth Band III“ (2012) die Geburts- und Kindheitsgeschichten Jesu zwar für „im Glauben gedeutete Geschichte“, aber eben doch auch für Geschichte.

[5] In Timothy Keller „Adam, Eva und die Evolution“, Giessen 2018, S. 33

[6] Reinhard Junker in „Entmythologisierung für Evangelikale: Haben Adam und Eva wirklich nicht gelebt?“ Veröffentlicht in „Genesis, Schöpfung und Evolution“ Hrsg. Reinhard Junker, Holzgerlingen 2015, S. 244

[7] So schreibt N.T. Wright in seinem Kommentar zum Römerbrief: „Paulus glaubte offensichtlich, dass es ein erstes Menschenpaar gegeben hat, dessen männlichem Vertreter, Adam, ein Gebot gegeben worden war, das er brach. Paulus war sich, davon können wir ausgehen, auch der Aspekte der Geschichte bewusst, die wir mythisch oder metaphorisch nennen könnten. Aber diese Aspekte hätten für ihn keinen Zweifel an der Existenz und der Ursünde des ersten geschichtlichen Menschenpaars aufkommen lassen.“ In „Romans“ in: The New Interpreter’s Bible, Bd. X, 526, zitiert in T. Keller, 2018, S. 31

[8] In Timothy Keller „Adam, Eva und die Evolution“, Giessen 2018, S. 35

[9] “Diejenigen, welche sich der Geschichtsschreibung befleißigen, tun dies nicht aus ein und denselben, sondern aus vielfachen, meist unter sich verschiedenen Beweggründen. Denn einige gehen an diese Art Arbeit, um ihre Redegewandtheit leuchten zu lassen und dadurch berühmt zu werden, andere, um denen zu gefallen, über die sie schreiben. […] Wieder andere treibt ein gewisser Zwang, die Ereignisse, deren Zeugen sie waren, schriftlich vor Vergessenheit zu bewahren; viele auch veranlasst die Erhabenheit wichtiger, im Dunkel verborgener Tatsachen, diese zum allgemeinen Besten zu erzählen. Von den genannten Beweggründen sind für mich die zwei letzten in Betracht gekommen.” Josephus, Ant I 1-3 (= Prooem.); übers. Heinrich Clementz

[10] Porphyrius in „Gegen die Christen“ Buch XII

[11] Armin D. Baum in „Einleitung in das Neue Testament“ S. 307

[12] Armin D. Baum in „Einleitung in das Neue Testament“ S. 311-312

[13] In Timothy Keller „Adam, Eva und die Evolution“, Giessen 2018, S. 29 ff.

[14] Aus einer persönlich übermittelten aktuellen Stellungnahme zum Buch „Weiterglauben“ sowie zum „idea-Streitgespräch“ in idea 2018 Nr. 29/30; vgl. dazu u.a. Klaus E. Müller: Geschichte der antiken Ethnologien, Hamburg 1997; Volker Reinhardt: Hauptwerke der Geschichtsschreibung, Stuttgart 1997; Wolfgang Will: Herodot und Thukydides. Die Geburt der Geschichte, München 2015

[15] Jan Hartmann in „Arche Noah 2017 – Ein Beitrag zur Technikgeschichte“ 2017, S. 16

[16] Kenneth A. Kitchen, Das Alte Testament und der Vordere Orient. Zur historischen Zuverlässigkeit biblischer Geschichte, Gießen 2008, S. 648

[17] In: „Erforscht: Die letzten Tage des Jesus von Nazareth“ Der Spiegel, Ausgabe Nr. 14 / 31.3.2018

[18] Heinrich Lüken „Die Traditionen des Menschengeschlechts oder die Uroffenbarung unter den Heiden“, Münster 1869

[19] Aus einer persönlich übermittelten aktuellen Stellungnahme zum Buch „Weiterglauben“ sowie zum „idea-Streitgespräch“ in idea 2018 Nr. 29/30

[20] Dieses Prinzip wird ausführlich erläutert im Artikel „Ist die Bibel unfehlbar?“

[21] In Timothy Keller „Adam, Eva und die Evolution“, Giessen 2018, S. 16

[22] In Timothy Keller „Adam, Eva und die Evolution“, Giessen 2018, S. 32

[23] Der Artikel „Das Kreuz – Stolperstein der Theologie“ dokumentiert, wie diese Verwirrung auch den innersten Kern der christlichen Botschaft betrifft

Ist die Bibel unfehlbar?

Was sagt die Bibel selbst dazu? Was dachten die Kirchenväter darüber? Was meint Unfehlbarkeit – und was nicht? Müssen wir die Bibel wörtlich nehmen? Und warum sind diese Fragen überhaupt wichtig?

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In den letzten Monaten habe ich viele theologische Texte gelesen. Einige waren ziemlich anstrengend, viele aber auch sehr interessant, manche sogar herausragend gut. Trotzdem fiel mir immer wieder auf, wie grundlegend anders doch die Bibel ist. Wenn ich sie aufschlage ist es, als ob ich eine andere Welt betrete. Es fühlt sich an, wie wenn ich das knarzende alte Radio ausschalte und meine Ohren stattdessen vom brillianten Klang einer modernen Stereoanlage streicheln lasse. Der biblische „Klang der Wahrheit“ ist einfach nicht vergleichbar mit allen anderen noch so guten theologischen Überlegungen, die wir im Lauf der Kirchengeschichte angesammelt haben. Deshalb liebe ich die Bibel so.

Das schöne ist: In den letzten Monaten habe ich erfahren, dass ich nicht der erste bin, dem es so geht! Im Gegenteil: Schon die allerersten Christen haben genau die gleiche Erfahrung gemacht wie ich:

Was die Kirchenväter über die biblischen Schriften dachten

In den Schriften Martin Luthers findet sich eine äußerst interessante Passage über den grundlegenden Unterschied zwischen den biblischen Texten und den Schriften von Theologen:

Welch große Irrtümer sind schon in den Schriften aller Väter gefunden worden? Wie oft widerstreiten sie sich selbst?  Wie oft weichen sie voneinander ab? […] Niemand hat eine mit der Schrift gleichwertige Stellung erlangt […] Ich will […], dass allein die Schrift regiert […] Dafür habe ich als besonders klares Beispiel das des Augustinus, […] [der] in einem Brief an den Heiligen Hieronymus sagt: ‚Ich habe gelernt, allein diesen Büchern, welche die kanonischen heißen, Ehre zu erweisen, so dass ich fest glaube, dass keiner ihrer Schreiber sich geirrt hat.“ [1]

Das grundlegende Prinzip, das Luther hier erklärt, war ein zentraler Grundstein der Reformation. Man kann es ganz simpel so formulieren:

Alle Theologen irren! Aber die Autoren der Bibel irren niemals!

Aus diesem Grund sagte Luther: Wer mich von einer theologischen These überzeugen will, muss das aus der Bibel heraus beweisen. Alle anderen Aussagen, und seien sie vom Papst persönlich, sind kein Beweis. Genau das meinte Luther auch mit seinem Schlagwort: „Sola scriptura – Allein die Schrift“.

Mit seinem Hinweis auf den Kirchenvater Augustinus, der im 4. Jahrhundert lebte, zeigte Luther: Dieses Prinzip war nicht seine eigene Erfindung. Es galt schon zur Zeit der ersten Christen. Auch Ignatius von Antiochien sah schon zu Anfang des 2. Jahrhunderts einen grundlegenden Unterschied zwischen seiner eigenen theologischen Autorität und den „Weisungen des Herrn und der Apostel“, denen er sich bewusst untergeordnet hat: „Ich habe mich nicht so hoch eingeschätzt, dass ich … euch wie ein Apostel befehlen dürfte“.[2] Der Neutestamentler Prof. Theodor Zahn folgerte deshalb: Die Möglichkeit, „dass ein Apostel in seinen an die Gemeinden gerichteten Lehren und Anweisungen geirrt habe könnte, hat offenbar im Vorstellungskreis der nachapostolischen Generation keinen Raum gehabt.“ [3] Anders ausgedrückt: Die ersten Christen waren von der Unfehlbarkeit der Schriften der Apostel fest überzeugt.

Kein Wunder, dass die Unterscheidung zwischen irrtumslosen biblischen Autoren und irrenden Theologen bis zum Aufkommen der von der Aufklärung geprägten kritischen Theologie ab dem 18. Jahrhundert im Grunde Allgemeingut der Kirche war. Aber auch danach blieb der Glaube an die Unfehlbarkeit der Schrift nicht etwa eine fundamentalistische Sonderlehre. So lesen wir z.B. in der Lausanner Verpflichtung von 1974, die von Leitern aus zahllosen Kirchen der ganzen Welt beschlossen wurde, über die Autorität von Gottes Wort: „Es ist ohne Irrtum in allem, was es verkündigt.“ Jüngst freute sich auch die weltweite evangelische Allianz, dass sie mit der katholischen Kirche in Bezug auf die „Irrtumslosigkeit der Schrift“ völlig übereinstimmt.[4]

Mit anderen Worten: Wo die von der Aufklärung geprägte Bibelkritik sich nicht durchgesetzt hat, ist der Glaube an die Unfehlbarkeit und Irrtumslosigkeit der Schrift bis heute keine Außenseiterposition sondern Standard in der Weltchristenheit.

Nun sind Mehrheiten ja an sich kein Argument. Könnte es sein, dass die Christen übers Ziel hinausgeschossen sind? Haben sie den biblischen Texten in ihrer Begeisterung vielleicht Eigenschaften und Ansprüche zugeschrieben, die diese selbst nie für sich in Anspruch genommen haben? Anders gefragt:

Hält die Bibel sich selbst für unfehlbar?

Dazu stellt der Theologie Prof. Thorsten Dietz zunächst einmal nüchtern fest: „Die neutestamentlichen Autoren haben ganz offensichtlich die Schriften des Alten Testaments als Gottes Wort gelesen, genauso wie die allermeisten Christen in der Kirchengeschichte.“[5] Eindrücklich sind dazu die Worte Jesu: „Bis der Himmel und die Erde vergehen, soll auch nicht ein Jota oder ein Strichlein von dem Gesetz vergehen“ (Matth. 5, 18). Mit dem „Gesetz“ meinten die Juden die Tora, die 5 Bücher Mose. Die „Propheten“ und die übrigen Schriften waren ihnen ebenso heilig. Niemals hätten sie von Irrtümern in diesen Büchern gesprochen.

Soweit, so klar. Aber was ist mit dem Neuen Testament? Das lag zur Zeit seiner Abfassung ja noch gar nicht vor! Kann es also überhaupt irgendetwas über seine Eigenschaften sagen?

Ja, sogar sehr viel! Denn was wir im Neuen Testament vorfinden ist ja gemäß den Aussagen der biblischen Autoren nichts anderes als die Lehre Jesu und der von ihm bevollmächtigten Apostel, sorgfältig recherchiert auf Basis von Augenzeugenberichten (Lukas 1, 1-4; Joh. 21, 24; 2. Petr. 1, 16). Der Apostel Paulus sagte über sich selbst, dass seine Lehre nicht menschlich sondern göttlich ist (Gal. 1,11-12). Er freute sich, dass die Thessalonischer seine Lehre nicht als Menschenwort sondern als Gottes Worte aufgenommen hatten, was sie seiner Meinung nach tatsächlich sind (1. Thess. 2, 13). Entsprechend stellte Petrus die Briefe des Paulus auf die gleiche Stufe wie die anderen heiligen „Schriften“ und warnte: Wer ihren Sinn verdreht muss mit Gottes Gericht rechnen (2. Petr. 3, 15b-16). Natürlich waren die Apostel an sich weder sünd- noch irrtumslos. Aber die in ihren Schriften festgehaltene Lehre hat für die Kirche absolute Autorität. Das gilt für die von den Evangelisten festgehaltenen Überlieferungen von Jesus natürlich erst recht.

Prof. Armin Baum stellt in seiner ausführlichen Analyse[6] daher fest: Ja, die Irrtumslosigkeit der ganzen Schrift ist tatsächlich ein neutestamentliches Konzept! Allerdings müssen wir dabei ein paar Einschränkungen beachten: Fragen zur Textkritik (also zum exakten Wortlaut des Urtextes), zum Kanon (also z.B. zur Gültigkeit des langen Markusschlusses, der in vielen alten Handschriften fehlt), zur Entstehung der neutestamentlichen Bücher (also z.B. die Frage nach dem Autor) und natürlich zur richtigen Auslegung unterliegen dieser Irrtumslosigkeit nicht. Um Antworten auf diese Fragen zu finden brauchen wir fundierte bibelwissenschaftliche Arbeit. Wir können dankbar sein, dass es solche Wissenschaftler gibt.

Nachdem wir geklärt haben, dass die Unfehlbarkeit der biblischen Texte sowohl für die biblischen Autoren als auch für die Kirchenväter feststand, stellt sich nun als nächstes die wichtige und unter Theologen vieldiskutierte Frage:

Was ist mit der Unfehlbarkeit der Schrift gemeint – und was nicht?

An dieser Stelle wird es richtig spannend. Denn selbst die oft als „fundamentalistisch“ geltende sogenannte „Chicago-Erklärung zur Irrtumslosigkeit der Schrift“ macht zur Unfehlbarkeit der Bibel jede Menge Einschränkungen: Das Fehlen an moderner technischer Präzision, Unregelmäßigkeiten bei der Grammatik oder der Rechtschreibung, die Beschreibung der Natur aus einem subjektiven Blickwinkel, gerundete Zahlen, die thematische statt chronologische Anordnung eines Stoffs, die Verwendung freier Zitate: All das spricht laut dieser Erklärung nicht gegen die Irrtumslosigkeit der Bibel.[7] Wie kann das sein? Müsste eine unfehlbare Schrift nicht in jeder denkbaren Hinsicht vollkommen korrekt sein?

Nein. Denn bei der Verwendung des Begriffs „unfehlbar“ oder „irrtumslos“ müssen wir unbedingt das folgende Grundprinzip beachten:

Die Bibel ist unfehlbar in dem, was sie aussagen will!
Sie ist irrtumslos in Bezug auf ihre Aussageabsicht!

So schrieb der Theologe Prof. Gerhard Maier zur oben bereits zitierten Lausanner Erklärung:

„Ähnlich hat die Lausanner Verpflichtung in ihrem Artikel 2 formuliert, das Wort Gottes „sei ohne Irrtum in allem, was es verkündigt“ – präzisieren wir: was es verkünden will. Es muss durchaus noch festgestellt werden, welche historischen Auskünfte die Heilige Schrift zu geben beabsichtigt.“ [8]

Diese Ergänzung ist in der Tat wichtig. Das erleben wir auch in unserer normalen Alltagskommunikation. Wenn z.B. ein Meteorologe im Wetterbericht sagt: „Um 7.46 Uhr geht die Sonne auf“, dann ist das naturwissenschaftlich gesehen natürlich völliger Unsinn. Die Sonne geht nicht auf! Vielmehr dreht sich die Erde, so dass die Sonne wieder sichtbar wird. Trotzdem würde wegen dieser Formulierung niemand den Bildungsgrad des Meteorologen in Frage stellen. Denn jeder weiß ja: Von einem Sonnenaufgang zu sprechen ist zwar objektiv falsch, aber subjektiv, d.h. aus der Sicht eines menschlichen Beobachters, völlig richtig. Genau dieses Prinzip müssen wir auch bei der Bibel beachten und die Frage stellen: Was wollte der Autor sagen? Welche Perspektive, welches Wahrheitsverständnis hat der Autor seiner Aussage zugrunde gelegt? Welche Erwartungen hatten die damaligen Leser, um die Aussagen als wahr einzustufen?

Wenn wir Zitate im Neuen Testament analysieren merken wir zum Beispiel schnell: Ein Zitat musste damals nicht wörtlich exakt sein, um als wahr zu gelten. Aber es musste inhaltlich stimmen! Ein frei erfundenes Zitat hätte man auch damals schon als Fake-News eingestuft. Irrtumslosigkeit der Schrift heißt vor diesem Hintergrund also: Jesus hat nicht unbedingt jeden Satz Wort für Wort genau so gesagt, wie wir es in der Bibel lesen (das geht ja auch schon deshalb nicht, weil er in einer anderen Sprache redete als das Neue Testament abgefasst wurde). Aber wir können gemäß dem Selbstzeugnis der biblischen Autoren (Lukas 1,3; Johannes 21, 24)  sicher sein: Jesus hat inhaltlich genau das gesagt, was uns das Neue Testament berichtet!

Natürlich müssen wir beim Lesen eines Bibeltexts immer auch beachten, in welche Situation, in welches kulturelle Umfeld und in welche heilsgeschichtliche Zeit (alter oder neuer Bund?) ein Text hineingesprochen wurde. Und wir müssen klären, welche Textgattung vorliegt: Hat der Text den Anspruch, eine Geschichte zu erzählen, die wirklich in Raum und Zeit passiert ist? Oder handelt es sich um symbolische Redeweise? Das ist z.B. beim Buch Hiob gar nicht so leicht zu klären und muss daher bibelwissenschaftlich ergebnisoffen untersucht und diskutiert werden. Wenn wir diese Punkte sauber beachten klärt sich die nächste Frage, die in diesem Zusammenhang oft gestellt wird, fast schon von selbst:

Müssen wir die Bibel wörtlich nehmen?

Ich habe extra noch einmal nachgeschaut. Und tatsächlich: In meiner Bibel gibt es ausschließlich Wörter. Es sind keine Bilder drin! Ich kann also gar nicht anders, als die Bibel Wort für Wort beim Wort zu nehmen. Anders als wörtlich ist die Bibel nicht zu haben. Nur: Was heißt das praktisch?

Wenn mein Chef mir heute sagt: „Herr Till, ich habe Ihnen schon 1000 mal gesagt, dass Sie nicht zu spät kommen sollen!“ dann würde ich ihn nicht beim Wort nehmen, wenn ich ihm antworten würde: „Stimmt nicht, Chef, ich hab mitgezählt: Es waren nur 18-mal!“ Genauso wenig nehmen wir Jesus beim Wort, wenn wir seine Aussage, dass wir 7 mal 70 mal vergeben sollen (Matthäus 18, 21-22) als Aufforderung verstehen, eine Strichliste anzulegen. Jesus wörtlich nehmen heißt hier: Die tiefe Symbolik verstehen, die hinter diesen Zahlen steckt.

Auch dieses Beispiel unterstreicht: Die Irrtumslosigkeit der Schrift hängt untrennbar mit ihrer jeweiligen Aussageabsicht zusammen. Der Glaube an die Unfehlbarkeit und Irrtumslosigkeit wird dann schräg, wenn er der Bibel eine falsche Aussageabsicht und einen falschen Wahrheitsbegriff überstülpt.[9] Es ist die Aufgabe der historischen Bibelwissenschaft, die jeweilige Aussageabsicht vorurteilsfrei zu erforschen und herauszuarbeiten.

Dabei muss allerdings darauf geachtet werden, bibelfremde von bibeleigenen Kriterien zu unterscheiden. Bibelfremde Kriterien wären zum Beispiel:

  • Wunder sind aus naturwissenschaftlicher Sicht nicht möglich.
  • Erkenntnisse der modernen Geologie sprechen dagegen, der Sintflutgeschichte einen historischen Wert beizumessen.

Solche Aussagen, die sich aus den aktuellen Ansichten der heutigen Welterkenntnisse speisen, fließen natürlich immer auch in unsere Analyse der Bibel mit ein. Und das ist auch gut so! Wissen, Vernunft, Erfahrungen, kirchliche Bekenntnisse, Auslegungen wichtiger Theologen oder die Frage nach der Frucht einer bestimmten Auslegung („Wirkungsgeschichte“) dürfen und sollen bei jeder Bibelauslegung berücksichtigt werden. Sie können helfen, die Bibel besser zu verstehen. Das reformatorische „Sola scriptura“ besteht jedoch darauf: Über all dem muss letztlich die Schrift regieren! Sie hat das letzte Wort! Sie muss sich selbst auslegen! Nur die bibeleigenen Kriterien und Aussagen dürfen (nach gründlicher Klärung ihrer Aussageabsicht) für eine theologisch saubere Beweisführung verwendet werden.

Wenn wir dieses Prinzip auf die Erzähltexte im Neuen Testament anwenden wird klar: Diese Berichte (und gerade auch die Wundergeschichten) sind nicht nur symbolisch sondern ganz eindeutig auch historisch gemeint. Denn das ist ausdrücklich ihr eigener Anspruch, wie z.B. der Theologe Armin D. Baum nachgewiesen hat![10] Die Apostel wollten ganz bewusst keine abstrakten theologischen Ideen verbreiten sondern berichten, was sie gehört und gesehen hatten! Gottes reales und oft auch wunderwirkendes Handeln in Raum und Zeit war ein entscheidender Bestandteil ihrer theologischen Botschaft. Deshalb gilt: Wer die Ereignisse und Wunder des Neuen Testaments in Frage stellt, stellt den Kern des Christentums in Frage. Wenn wir die Bibel an Philosophien wie z.B. den Naturalismus (der Glaube, dass Wunder grundsätzlich niemals vorkommen), an Erfahrungen oder an Aussagen eines kirchlichen Lehramts anpassen, dann hebeln wir das „Sola scriptura“ aus und erheben menschliche Vorstellungen zum obersten Richter über die Aussagen der Bibel – mit gravierenden Folgen, wie der letzte Abschnitt dieses Artikels zeigen soll:

Warum ist die Frage nach der Unfehlbarkeit überhaupt wichtig?

Sind Diskussionen um solche Fragen nicht wieder mal so ein überflüssiges theologisches Gezänk, das nichts als Streit unter Christen verursacht? Warum sollen wir uns überhaupt damit befassen?

In seinem vielbeachteten Grundsatztext zu einer neuen „Hermeneutik der Demut“ schrieb der Theologe Prof. Heinzpeter Hempelmann:

Die Bibel ist unfehlbar. […] Die Bibel ist als Gottes Wort Wesensäußerung Gottes. Als solche hat sie teil am Wesen Gottes und d.h. an seiner Wahrheit, Treue, Zuverlässigkeit. Gott macht keine Fehler. […] Sowohl philosophische wie theologische Gründe machen es unmöglich, von Fehlern in der Bibel zu sprechen. Mit einem Urteil über Fehler in der Bibel würden wir uns über die Bibel stellen und eine bibelkritische Position einnehmen.“ […]  Das „machte eine Auslegung der Heiligen Schrift als solche sinn-, zweck- und ergebnislos. […] Es maßte sich ja einen „Gottesstandpunkt“ an, wer in ihr unterscheiden wollte zwischen Gottes- und Menschenwort, zeitbedingt und zeitlos gültig. Eine Hermeneutik der Demut steht nicht auf der Schrift, schon gar nicht über ihr.“ [11]

Damit ist der Kern des Problems angesprochen, der sich bei diesem Thema ergibt. Wenn es in der Bibel Fehler, Irrtümer, Widersprüche und eine „Vielfalt theologischer Meinungen“ [12] gibt, wenn sie nur Gottesworte enthält statt ganz und gar Gottes Wort zu sein, dann ergeben sich zwangsläufig eine ganze Reihe schwerwiegender Fragen: Wer unterscheidet dann zwischen Menschenwort und Gotteswort, zwischen Wahrheit und Irrtum, zwischen richtig und fehlerhaft, zwischen Widerspruch und sich ergänzendem Paradox? Nach welchen Kriterien? Auf welcher Basis können wir dann noch gesichert theologisch argumentieren? Welche theologischen Ergebnisse können dann als gesicherte Glaubensgrundlage der Kirche gelten?

Die Geschichte der Theologie der letzten 2 Jahrhunderte zeigt eindrücklich: Niemand, der sich von der Irrtumslosigkeit der Schrift verabschiedet hat, konnte diese Fragen jemals beantworten. Kein menschliches Kriterium konnte sich zur Unterscheidung zwischen richtig und falsch in der Bibel jemals durchsetzen. Im Gegenteil: Die Aufgabe des Grundsatzes, dass die Bibel die irrtumslosen Stimmen der Apostel und Propheten überliefert, hatte katastrophale Folgen für die Kirche. Prof. Armin Baum hat darauf hingewiesen, dass inzwischen „mit bibelwissenschaftlichen Argumenten nahezu jede Aussage des Apostolischen Glaubensbekenntnisses bestritten worden“ ist.[13] Das ist auch kein Wunder! Denn wenn die Bibel Irrtümer enthält, dann ist auch der „Schriftbeweis“ in der Theologie außer Kraft gesetzt. Schon Jesus hatte theologische Diskussionen mit der Frage entschieden: „Habt ihr nicht gelesen?“ (z.B. Matthäus 12, 3). Die Einwohner Beröas haben durch Forschen in der Schrift geprüft, ob der Apostel Paulus die Wahrheit lehrt (Apg. 17, 11). Wenn der Schriftbeweis aber nicht mehr verlässlich gilt, weil die biblischen Autoren sich ja geirrt haben könnten, dann muss er durch menschengemachte Kriterien ersetzt werden. Dann wird Theologie zwangsläufig subjektiv und zeitgeistabhängig. Dann…

  • gibt es keine verbindlichen gemeinsamen Glaubensgrundlagen und -gewissheiten mehr.
  • wird die Einheit der Kirche von innen ausgehöhlt.
  • verliert die Kirche ihre Botschaft, ihre Glaubwürdigkeit und ihre missionarische Kraft (Jo­hannes 17, 21-23).

All das muss ich in meiner evangelischen Kirche heute leider live und leidvoll beobachten. Die Diskussion um die Unfehlbarkeit der Bibel ist deshalb alles andere als ein kleinliches Gezänk von theologisch interessierten Spezialisten oder von Leuten, die ihr Sicherheitsbedürfnis durch eine klar definierte Dogmatik befriedigen müssen. Bei diesem Thema geht es für die Kirche ans Eingemachte!

Der Apostel Paulus schrieb einst: „Wir sind sein Haus, das auf dem Fundament der Apostel und Propheten erbaut ist mit Christus Jesus selbst als Eckstein.“  (Epheser 2, 20) Damit wird klar: Wer die Autorität der Apostel und Propheten untergräbt, deren Stimme wir heute in der Bibel vernehmen können, der untergräbt letztlich das Fundament der ganzen Kirche. Das massive Schrumpfen sämtlicher liberaler Kirchen in der westlichen Welt demonstriert das eindrücklich.

Umso wichtiger ist es, dass wir uns wieder neu und leidenschaftlich dazu bekennen: Die Bibel ist zwar ganz Menschenwort, aber eben auch ganz Gotteswort! Alle Theologen irren. Aber die Autoren der Bibel irren niemals! Die Bibel muss die Bibel auslegen.[14] Nur sie ist die „Königin“[15], die „norma normans“, die eine maßgebende Norm, an der sich Alles orientieren muss. Einen anderen Maßstab für Erkenntnisse über Gott, Jesus, das Evangelium, unsere Herkunft, unsere Zukunft und das Leben nach dem Tod haben wir Menschen nicht. Wenn wir diesen Maßstab aufgeben sind wir verloren.

Ich bin überzeugt: Die Kirche der Zukunft wird eine Kirche sein, die die Bibel mit Leidenschaft und brennendem Herzen liest. Sie wird sich vor den Worten der Bibel beugen statt die Bibel durch die Weisheit dieser Welt in die Knie zu zwingen. Fehler und Widersprüche wird sie nicht in der Bibel sondern mit Hilfe der Bibel in ihrem Herzen finden. So war es in Erweckungszeiten immer gewesen. Beten und arbeiten wir dafür, dass wir eine solche Kirche zur Ehre Gottes bald schon wieder sehen dürfen.


Danke an Martin Till für die Anregungen zu diesem Artikel!

Leseempfehlung: Is new testament inerrancy a new testament concept? A traditional and therefore open-minded answer Eine fundierte Analyse von Prof. Armin D. Baum in JETS 57/2 (2014) S. 265-80

[1] Aus „Assertio omnium articulorum“, 1520

[2] Ignatius an die Magnesier 13,1; zitiert von Armin D. Baum in „Der Kanon des neuen Testaments“ 2018

[3] Th. Zahn, Geschichte des neutestamentlichen Kanons. 2 Bde. Erlangen: Deichert, 1888/92, I/2, 805; zitiert von Armin D. Baum in „Der Kanon des neuen Testaments“ 2018

[4] Im „Bericht der internationalen Konsultation der katholischen Kirche und der Weltweiten Evangelischen Allianz“ S. 9

[5] in „Weiterglauben“, Brendow 2018, S. 80

[6] Armin D. Baum: Is new testament inerrancy a new testament concept? JETS 57/2 (2014) 265-80

[7] Siehe dazu Artikel 13 der Chicago-Erklärung zur Irrtumslosigkeit der Schrift

[8] Im Vortrag „Konkrete Alternativen zur historisch-kritischen Methode“ 1980, Hervorhebung nachträglich

[9] Genau vor diesem Hintergrund verwirft auch Prof. Heinzpeter Hempelmann einen Irrtumslosigkeitsbegriff, der von einem aus seiner Sicht falschen „heidnischen“ „mathematisch-rationalen“ statt „hebräisch-biblischen“ Wahrheitsbegriff ausgeht. Er fordert: „Ich unterwerfe die Bibel nicht meinem Wahrheitsdenken, sondern lasse mir in der Begegnung mit Gottes Wort mein Bewertungsverhalten umkehren.“ In: „Plädoyer für eine Hermeneutik der Demut“ von Heinzpeter Hempelmann, Abschnitt 3.3 + 3.4

[10] „Die Prologe des dritten Evangeliums und der Apostelgeschichte unterscheiden sich so stark von den Anfängen antiker Epen, sind so eng mit den Prologen der antiken Geschichtsschreibung verwandt und inhaltlich so eindeutig historisch orientiert, dass an der Intention des Autors, Geschichte zu schreiben, nicht gezweifelt werden kann. Im lukanischen Doppelwerk erzählt kein von den Musen inspirierter Künstler, sondern ein sich auf Augenzeugen berufender Historiker (Lk 1,2).“ (Prof. Dr. Armin D. Baum in „Einleitung in das Neue Testament“ S. 311-312)

[11] Aus „Plädoyer für eine Hermeneutik der Demut“ von Heinzpeter Hempelmann, Abschnitt 3.2 bzw. 2.5

[12] H. Conzelmann & A. Lindemann, Arbeitsbuch zum NT 14. Auflage 2004, S. 3

[13] Prof. Armin D. Baum in: „Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben? Eine Rückmeldung an Siegfried Zimmer.“ (Ichthys 46, 2008, S. 86)

[14] „Sacra scriptura sui ipsius interpres“

[15] So schrieb Martin Luther in seiner „Assertio omnium articulorum“ von 1520: „Ich will, dass die Schrift allein Königin sei.“

Das Kreuz – Stolperstein der Theologie

Der stellvertretende Opfertod Jesu ist der innerste Kern des Evangeliums. Die theologische Verwirrung um die Bedeutung des Kreuzes zeigt, wie sehr das vorherrschende Schriftverständnis der Kirche schadet.

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„Heute geht’s ans Eingemachte.“ Mit diesen Worten beginnt Dr. Thomas Breuer seinen Worthaus-Vortrag über die Bedeutung des Kreuzestodes.1 Auch der ehemalige Präses der EKD, Nikolaus Schneider, sieht in der Kreuzestheologie den „Eckstein und Stolperstein“ der Theologie- und Kirchengeschichte.2 Der Theologe Werner Thiede spricht gar vom „Kernbestand“ und „innersten Heiligtum aller großen Konfessionen“.3 Ihnen allen ist also klar: Beim Kreuz geht es um den innersten Kern des Evangeliums. Wer die Kreuzestheologie ändert, verpasst dem Christentum keinen neuen Haarschnitt –  er nimmt eine Herztransplantation vor.

Umso seltsamer wirkt es auf mich, wenn immer wieder behauptet wird: Ein liberales Schriftverständnis ändere doch gar nichts an den Kernaussagen des Evangeliums. In den wesentlichen Dingen seien sich doch alle einig.4 Nirgendwo wird diese Behauptung deutlicher widerlegt als bei der Frage nach der Bedeutung des Kreuzestodes.

Weshalb ist Jesus am Kreuz gestorben?

Jahrzehntelang war für mich die Antwort auf diese Frage simpel und sonnenklar: Für mich! Um meiner Vergehen willen! Die Strafe liegt auf ihm, damit ich Frieden habe. Sein Opfer hat meine Schuld bezahlt („gesühnt“). Mein Schuldschein hängt am Kreuz. Deshalb habe ich freien Zugang zu Gott und mein Name steht im Buch des Lebens.

Nie wäre ich auf die Idee gekommen, dass es bei diesen allerzentralsten Aussagen des Christentums irgendetwas zu diskutieren gäbe. Weit gefehlt! Vor einigen Jahren wurde ich erstmals mit einer theologischen Welt konfrontiert, in der bei dieser Frage überhaupt gar nichts klar ist, im Gegenteil: Ein ganzer Wust an „Deutungen“ des Kreuzestodes schwappte mir entgegen.5 Nur eines war für einige dieser Theologen ganz sicher: Meine simple Sühneopfererklärung sei jedenfalls grundverkehrt6, denn:

„Gott braucht kein Opfer und schon gar kein Blut“

So formuliert es sowohl der Theologieprofessor Wilfried Härle7 als auch Dr. Breuer in seinem Worthaus-Vortrag1. Prof. Härle ergänzt: „Wird diese Einsicht verloren wird alles vom Ansatz her falsch.“ Und Dr. Breuer legt in seiner vernichtenden Kritik der Sühneopfertheologie nach: „Ein Gott der Menschenopfer braucht ist nicht der gütige Vater, es ist nicht Jahwe, es ist der Gott Moloch. Es ist kein Gott dem man vertrauen kann.“ „Jesu Tod an sich ist sinnlos.“ „Erlösend ist nicht der Tod am Kreuz, erlösend ist allein die Liebe Gottes.“

Bei solchen Sätzen atme ich tief durch. Worthaus ist schließlich kein ultraliberales Skeptikerportal, sondern wird von Christen quer durch alle Denominationen und Prägungen gehört und geschätzt. Und Dr. Breuer ist mit dieser Sichtweise ja nicht allein. Gebahnt wurde diese Entwicklung schon lange vor ihm von prägenden protestantischen Theologen wie Friedrich Schleiermacher8 oder Rudolf Bultmann9, die sich damit deutlich von der reformatorischen Kreuzestheologie10 absetzten. 1986 erklärte der Theologe Christoph Blank, dass keine Lehre des Christentums größeren Schwierigkeiten begegne als die Lehre vom stellvertretenden Sühnetod.11 Inzwischen hält Christoph Wiesing die Sühneopfertheologie im protestantischen Raum „aus guten Gründen für weitgehend abgelöst.“ Selbst engagierte Pfarrer würden ihm sagen: „Das glaubt bei uns keiner mehr.“ 12 In der Tat berichtete ‚Die Welt‘ schon 2009 darüber, wie auch führende Theologen und Kirchenleiter die Sühnetheologie verworfen haben. Was ist da nur passiert?

Was spricht gegen die Lehre vom stellver­tre­tenden Sühneopfer?

Die Argumente, die von verschiedensten Seiten vorgebracht werden, sind vielfältig. Die geläufigsten lauten in etwa wie folgt:

  1. Die Bibel selbst kenne eine Reihe von „Deutungen“ für Jesu Kreuzestod. Die Deutung als Sühneopfer bzw. als stellvertretender Opfertod sei nicht einmal die wichtigste. Insbesondere in den Evangelien komme sie kaum vor, ebenso wenig in den altkirchlichen Bekenntnissen.
  2. Jesus selbst habe seinen Tod nicht als stellvertretendes Opfer gesehen. Seine Aussagen beim Abend­mahl seien ihm erst nachträglich in den Mund gelegt worden.
  3. Die Sühneopfertheologie hätte sich letztlich erst durch die „Satisfaktionslehre“ des mittelalterlichen Theologen Anselm von Canterbury (1033 bis 1109) durchgesetzt. Sie beruhe auf einem mittelalterlichen Rechtsverständnis.
  4. Dass das Leben eines Anderen (egal ob Tier oder Mensch) für unsere Vergehen sühnen könne, sei für heutige Menschen nicht nachvollziehbar. Ein großer Prozentsatz heutiger Christen könne damit nichts mehr anfangen.
  5. Sowohl das Alte wie das Neue Testament zeuge davon: Gott brauche das Kreuz nicht, um Sünden zu vergeben. Jesus konnte z.B. dem Gelähmten auch vor seinem Kreuzestod Sündenvergebung zusprechen (Matth. 9,2). Es wäre ja auch seltsam, wenn Gott einen Opfertod benötigen würde, während wir Menschen einander einfach so vergeben können (und sollen!). Dann könnten wir Menschen ja mehr als Gott.
  6. Die Sühneopfertheologie führe zu einem sehr problematischen Gottesbild von einem gewalttätigen Gott, der Blut sehen will, um seinen Zorn stillen zu können. Das stünde im klaren Widerspruch zu Jesu Lehre von der Feindesliebe. Ein Gott, der gleichzeitig seinen Feinden vergibt (Luk.23,34) und Menschenopfer für die Vergebung braucht, wäre schizophren. Dr. Breuer kommentiert: „Das ist kein Gottesbild, das ich heute akzeptieren kann.“ 1

Schon diese Aufzählung zeigt: Die Argumente gegen das Sühneopfer sind nicht primär eine Folge von intensivem Bibelstudium, sondern im Wesentlichen intellektueller und philosophischer Natur.13 Das ist auch nicht verwunderlich. Denn kaum eine Lehre in der Bibel ist so vielfältig, eindeutig und klar belegt wie die Lehre vom stellvertretenden Sühneopfer Jesu:

Das stellvertretende Sühneopfer: Eine der bestbezeugten Lehren der Bibel

Riesige Stapel von Bibelstellen

War der Tod Jesu sinnlos, wie Dr. Breuer behauptet? In der Tat gibt es einige Verse im Neuen Testament, die Parallelen nahelegen zwischen dem Tod Jesu und dem Tod der alttestamentlichen Propheten14. Die meisten Theologen räumen aber ein, dass dem Tod Jesu im Neuen Testament darüber hinaus eine einzigartige Heilsbedeutung zugeschrieben wird. Walter Klaiber äußert sogar: Wer die Heilsbedeutung des Todes Jesu „streichen wollte, bekäme ein dünnes neues Testament“.15

Dass er damit recht hat lässt sich leicht beweisen. Als „Bibelstellenstapler“ werden ja heute gerne diejenigen verspottet, die ihre Meinung mit Bibelstellen beweisen wollen. Bei der Frage nach der Heilsbedeutung des Kreuzestodes nehmen diese Stapel geradezu schwindelerregende Höhen an. So spricht das Neue Testament im Blick auf das Kreuz vielfach von Sühne16 und Versöhnung17, vom Opfer18, vom (geschlachteten) Opferlamm19 und vom für uns vergossenen Blut20. Darüber hinaus lesen wir, dass wir mit Jesu Leben als „Lösegeld“ und mit seinem Blut „erkauft“, „losgekauft“ bzw. „teuer erkauft“ wurden21. Wir lesen, dass er „für uns“ stellvertretend starb und hingegeben wurde, ja dass er für uns zur Sünde und zum Fluch gemacht wurde22. Das Neue Testament macht außerdem vielfach deutlich, dass der Tod Jesu kein Zufall oder Unfall war. Jesus musste sterben. Der Kreuzestod war ein aktiver Hingabeakt, den Gott vorausgesagt und von langer Hand geplant hatte23 (was klar gegen die von Dr. Breuer und Prof. Zimmer vertretene Überzeugung spricht, dass Jesus bis zuletzt nicht klar gewesen sei, ob er stirbt24). Und schließlich dürfen wir nicht vergessen: Es gibt nicht nur einzelne Verse sondern ganze Kapitel im Neuen Testament, in denen die Heilsbedeutung des Kreuzes ausführlich entwickelt und entfaltet wird, vor allem in Römer 3 sowie im Hebräerbrief in den Kapiteln 2 bis 10.


Heilsbedeutung des Kreuzestodes im NT: Riesige Stapel von Bibelstellen

Ein engmaschiges Netz

Die Frage ist allerdings: Warum enthält das Neue Testament zur Deutung des Kreuzestodes so viele verschiedene Bilder, Begriffe und Metaphern aus völlig unterschiedlichen Bildwelten?  Haben die Apostel und die ersten Christen womöglich wild herumgerätselt, um Jesu Tod zu verdauen? Hat jeder seine eigene Theorie zur Bedeutung des Kreuzestods entwickelt? Können wir uns somit heute aussuchen, welche uns am ehesten zusagt?

Wenn man das Neue Testament genauer analysiert fällt auf: Viele Bibelverse enthalten mehrere dieser Bilder und Begriffe gleichzeitig! Sie beziehen diese Metaphern ganz direkt aufeinander! Grafisch aufbereitet zeigt sich: Die unterschiedlichen Begriffe und Metaphern sind so engmaschig und vielfältig miteinander vernetzt, dass man sie unmöglich isoliert betrachten kann, im Gegenteil: Sie hängen alle mit­ein­ander zusammen! Sie ergänzen und erläutern sich gegenseitig.26 Der Theologe John Stott schreibt dazu: Auch wenn die Bilder teils ganz verschiedene Bildwelten von Recht und Handel heraufbeschwören, sind sie trotzdem „nicht alternative Erklärungen für das Kreuz, die uns eine Bandbreite liefern, aus der wir auswählen können, sondern sie ergänzen einander, indem jedes einen entscheidenden Teil zum Ganzen beiträgt.“ John Stott weist außerdem nach: Das stellvertretende Blutvergießen Jesu ist die gemeinsame Basis aller dieser Begriffe: „Wenn Gott in Christus nicht an unserer Stelle gestorben wäre, könnte es weder Sühnung noch Erlösung, weder Rechtfertigung noch Versöhnung geben.“ 25 (siehe auch Tabelle oben) Somit ist auch klar, dass die Lehre vom stellvertretenden Sühneopfer tatsächlich zentral ist im Neuen Testament, wie der Theologe Thomas Knöppler bestätigt: „Es ist kaum zu bestreiten, dass die Sühneaussagen eine enorme Verbreitung und in fast allen neutestamentlichen Schriften ihren Niederschlag gefunden haben.“ 27


Die „Deutungen“ des Kreuzestodes hängen eng miteinander zusammen

Tatsächlich finden wir das stellvertretende Sühneopfer nicht erst im Neuen Testament. Es zieht sich vielmehr wie ein roter Faden durch die ganze Bibel:

Endlose rote Fäden

Das zeigt sich z.B. am Motiv des Lammes, das stellvertretend für Menschen stirbt. Als Abraham beinahe seinen Sohn geopfert hätte, starb ein Schaf an Isaaks Stelle (1.Mo.22,1-14). Erstaunlich: Abraham wurde extra nach „Moriah“ geschickt, dem späteren Ort des Tempelbergs, an dem der himmlische Vater tatsächlich seinen Sohn blutig sterben sah. Ist es überhaupt möglich, hier keinen Zusammenhang zu sehen?

Noch prägnanter ist die Geschichte vom Auszug Israels aus Ägypten, in der Gott gleichzeitig als Richter und als Erlöser auftritt, der die Kinder Israels durch das Blut eines geschlachteten Lammes vor seinem tödlichen Gericht bewahrt (2.Mos. 12). Israel feiert dieses Ereignis bis heute mit dem Passafest. Und bezeichnend ist: Nach der Chronologie des Johannes hing Jesus genau in dem Moment am Kreuz, als die Lämmer für das Passafest geschlachtet wurden. Ganz ehrlich: Kann das überhaupt Zufall sein?

Und natürlich sind die vielen alttestamentlichen Opferrituale (beginnend bereits bei Kain und Abel) klare Motive für das im Neuen Testament aufgenommene Bild des stellvertretenden Blutvergießens.28 Genau wie im alten Bund, in dem das Volk mit dem Blut der Opfertiere gereinigt wurde, so stehen in der Offenbarung Menschen vor dem Thron Gottes, die „ihre Kleider im Blut des Lammes gewaschen und weiß gemacht haben“ (Offb.7,14). Besonders eindrücklich ist der Bezug zum großen jährlichen jüdischen Versöhnungsfest (Jom Kippur)29, an dem der Hohepriester den Deckel der Bundeslade („Sühnedeckel“) mit Opferblut bespritzte, um stellvertretend Sühne für die Sünden des Volkes zu erwirken.30 Das Neue Testament bezeichnet Jesus als Hohepriester, der die Sühnung der Sünden durch das Vergießen seines eigenen Bluts bewirkt.31 Das Kreuz ist für Paulus der „Sühnedeckel“ (Röm.3,25), also der neue Ort, an dem unsere Sünden gesühnt werden. Dass Jesus dort für uns auch den Fluch des Gesetzes auf sich genommen hat (Gal 3,13) basiert auf der alttestamentlichen Lehre, dass ein „am Holz“ aufgehängter Verbrecher ein Fluch Gottes ist (5.Mo.21,22-23).

Das Lamm, das Blut, die Opfer, der Fluch, der Sühnedeckel, der Hohepriester, das Fluchholz: So unglaublich viele Bilder ziehen sich wie rote Fäden quer durch die ganze Bibel! Allesamt unterstreichen und illustrieren sie die Lehre vom stellvertretenden Sühneopfer.


Von Mose bis zur Offenbarung: Das stellvertretend geschlachtete Lamm

Aber das ist immer noch nicht alles. Das vielleicht stärkste Argument für die Lehre vom stellvertretenden Opfertod stammt vom Propheten Jesaja:

Lange schon vorhergesagt

Eine „Deutung“ ist immer etwas Nachträgliches. Die Sühneopferlehre kann aber schon deshalb keine „Deutung“ sein, weil sie schon hunderte Jahre vor Jesus aufgeschrieben wurde! In dem unglaublichen Kapitel Jesaja 53 werden nicht nur viele Details der Kreuzigung vorhergesagt, auch der stellvertretende Opfercharakter dieses Todes wird vielfach und eindeutig beschrieben:

„Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen.“

„Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.“

Auch hier taucht das Bild des geschlachteten Lammes auf, das stellvertretend unsere Sünden trägt:

„Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird…“

„Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat…“

„…denn er trägt ihre Sünden.“ 

„… dass er sein Leben in den Tod gegeben hat und den Übeltätern gleichgerechnet ist und er die Sünde der Vielen getragen hat…“

Deutlicher kann man die Lehre vom stellvertretenden Opfertod nicht vortragen – und das lange vor Jesus!

Zu allen Zeiten von der Kirche gelehrt und bekannt

Angesichts dieser Fülle an biblischen Belegen ist es kein Wunder, dass die Lehre vom stellvertretenden Sühneopfer natürlich auch bereits in den altkirchlichen Bekenntnissen32 und bei den ersten Kirchenvätern33 erscheint. Der Theologe Ron Kubsch stellt fest: „Das Verständnis von Jesu Tod als stellvertretende Sühne war seit jeher in der Kirchengeschichte das allgemeine Verständnis der biblischen Texte.“ 34

Ein (theologisches) Unglück kommt selten allein

Die Lehre vom stellvertretenden Opfertod Jesu am Kreuz ist somit ein gutes Beispiel für die „Klarheit der Schrift“, also die reformatorische Erkenntnis, dass die wesentlichen biblischen Lehren so eindeutig sind, dass jeder sie verstehen kann.35 Aber warum ist sie dann so umkämpft? Wenn man sich die Argumente anschaut merkt man: Die Sühneopferlehre liegt auch deshalb in Trümmern, weil weitere wichtige theologischen Fundamente vernachlässigt oder vernebelt worden sind:

Verdrängt: Der Zorn und das Gerichtshandeln Gottes

Immer wieder wird behauptet: Nicht Gott, sondern allein der Mensch brauche Versöhnung.36 Die Sühne sei dazu da, dass WIR unsere Schuld nicht mehr auf andere Menschen verschieben müssen und damit WIR UNSER schlechtes Gewissen mit Gottes Hilfe verarbeiten könnten. Aber für Gott wäre dieses Opfer nicht nötig gewesen.

Da frage ich mich: Vergessen diese Theologen denn ganz, dass Gott quer durch die Bibel als Richter auftritt, der die Sünde und Rebellion des Menschen mit hartem Gerichtshandeln bestraft? Denken wir nur an die Sintflut, an Sodom und Gomorra, an die weltweite Zerstreuung Israels bis hin zu den schrecklichen Weltgerichtsbeschreibungen in der Offenbarung! Nein, Gott ist wahrlich kein netter Opa im Himmel, dem es nur darum geht, dass die Kinder sich gut fühlen und nicht miteinander streiten. Er ist ein heiliger Gott, ein verzehrendes Feuer. Er hasst die Sünde. Sein Zorn ist eine Realität, die sich quer durch die ganze Bibel zieht.

Und das sollte eigentlich auch niemand überraschen. Denn Liebe und Zorn gehören nun einmal untrennbar zusammen. Welcher liebende Vater würde denn nicht zornig werden, wenn er sich ungefiltert anschauen muss, wie seine geliebten Geschöpfe vernachlässigt, betrogen, gemobbt, beraubt, vergewaltigt, getötet, vertrieben, beschimpft und gedemütigt werden. Ein Vater, der da nicht zornig werden würde, wäre dumpf, gleichgültig und zynisch. Fehlender Zorn würde fehlende Liebe beweisen.

Und natürlich gehört auch Gerechtigkeit zur Liebe. Kein Vater, der seine Kinder liebt, würde ihr Grundbedürfnis  nach Gerechtigkeit missachten. Im Kreuz kommt deshalb zusammen, was sich gar nicht voneinander trennen lässt: Gottes Zorn, Gerechtigkeit und Liebe.37

Verharmlost: Das Ausmaß unserer Sünde

Aber warum „braucht“ Gott ein Sühneopfer? Warum kann er nicht einfach so vergeben, so wie auch wir unseren Kindern einfach so vergeben und „Schwamm drüber“ sagen können? Wer so fragt, scheint ein unterentwickeltes Verständnis vom Ausmaß unserer Sünde zu haben. Wir dürfen ja z.B. nicht vergessen, dass Sünde ja auch Geschädigte erzeugt!38 Wenn mein Sohn die Tochter des Nachbarn vergewaltigt hätte: Was würde mein Nachbar sagen, wenn ich ihm berichte, dass ich meinem Sohn vergeben habe und die Sache deshalb ruhen lasse? Er wäre zu Recht unfassbar wütend. Und ein Richter würde sich sogar vor dem Gesetz schuldig machen, wenn er meinem Sohn einfach so die Schuld erlässt.

Die Bibel sagt zwar: Gott IST Liebe. Aber auch seine Ehre, sein vollkommenes Gesetz und seine absolute Gerechtigkeit sind Teil seines Wesens. Weil Gott sich nicht selbst verleugnen kann (2.Tim.2,13) wird sein Handeln immer auch diesen Aspekten seines Wesens Genüge tun.39 Deshalb musste Gott einen Weg zum Umgang mit unserer Sünde finden, der sowohl seiner Liebe und Gnade wie auch seiner Gerechtigkeit und Heiligkeit entspricht. Er musste einen Weg finden, durch den wir leben können, ohne dass die tödliche Konsequenzen unserer Sünde ignoriert werden.

Vernebelt: Die Göttlichkeit Jesu

Aber musste es denn gleich ein Menschenopfer sein? Dazu noch der eigene Sohn? Wird nicht im ganzen Alten Testament jegliches Menschenopfer als Greuel strikt verurteilt? John Stott schreibt dazu: „An der Wurzel jeder Karikatur des Kreuzes steckt eine verzerrte Christologie“ (S. 205), also ein falsches Bild davon, wer Jesus eigentlich war. Gott opferte ja gerade nicht irgendeinen Menschen. Jesus war zwar ganz Mensch, aber zugleich auch voll und ganz Gott! Im Kreuzesgeschehen handelt Gott als Richter, der die gerechte Strafe für unsere Sünde vollstreckt, aber gleichzeitig auch als gnädiger Erlöser, der selbst diese gerechte Strafe auf sich nimmt! „Es ist ein und derselbe Gott, der uns durch Christus vor sich selbst rettet“.40 Nur wenn die Göttlichkeit Jesu vernebelt wird41, wird aus diesem unglaublichen Liebesakt der Selbstaufopferung ein grausamer Racheakt eines blutrünstigen Gottes.

Die Probleme mit dem stellvertretenden Opfertod resultieren also oft aus einem falschen Verständnis von Christus, von der Heiligkeit und Majestät Gottes und vom Ausmaß unserer Sünde. Ein Unglück kommt selten allein – das gilt gerade auch in der Theologie.

Fehlende Demut und die Suche nach Anerkennung

Natürlich ist und bleibt beim Kreuzesgeschehen Einiges schwer zu verstehen. Schließlich wimmelt es nur so von scheinbar paradoxen Gegensätzen: Gott ist Vater und Sohn zugleich. Jesus ist zugleich ganz Gott und ganz Mensch. Gott ist allmächtig und zugleich am Kreuz scheinbar ohnmächtig. Der Gott des Lebens stirbt einen furchtbaren Tod. Da kann man schon einen Knoten im Hirn bekommen. Kein Wunder, dass Paulus sagt: Das Wort vom Kreuz ist und bleibt eine Torheit und ein Ärgernis (1.Kor. 1,23).  Es lag mit dem intellektuellen Mainstream schon immer über Kreuz. Aber ist es deshalb falsch?

Es zeugt von Anmaßung und menschlicher Selbstüberschätzung, wenn wir schwierige biblische Lehren nur deshalb ablehnen, weil unser menschlicher Verstand sie nicht begreifen kann. Wenn unser Kopf mit der Bibel kollidiert und es hohl klingt, dann muss das ja nicht an der Bibel liegen! Gute Theologie akzeptiert, dass Gott größer ist als unser Verstand. Der massive intellektuelle Zweifel am stellvertretenden Sühneopfer ist eben auch ein Beleg dafür, dass die Sehnsucht nach Anerkennung durch die säkularen intellektuellen Eliten eine reale Triebkraft der modernen Theologie darstellt (wie Prof. Werner Thiede mit drastischen Worten beklagt42), die für die  Preisgabe so mancher biblischer Sichtweisen verantwortlich ist.

Das Sühneopfer: Heute noch vermittelbar?

Die auch damals schon schwer verständlichen Paradoxe und das Ärgernis des verfluchten Kreuzestodes haben die ersten Christen nicht davon abgehalten, das Wort vom Kreuz mit gewaltigem Erfolg weiterzugeben. Warum also sollte das heute nicht mehr gelingen? Ulrich Parzany schildert eine eindrückliche Geschichte, mit der er die Lehre vom stellvertretenden Opfertod gerne veranschaulicht43:

Ein Ehepaar muss miterleben, wie ihre Tochter an Leukämie sterben muss. Welch unendlicher Schmerz! Wie groß wäre der Wunsch der Eltern, dem Kind den Schmerz und den Tod abnehmen zu können. Sie würden lieber selber sterben, wenn dadurch das Kind weiterleben könnte. So etwas möchte menschliche Liebe. Aber wir sind einfach nicht in der Lage dazu. Wir sterben alle unseren eigenen Tod. Gott allein ist dieser Begrenzung nicht ausgesetzt. Als er unsere tödliche Krankheit sah, unsere Sünde, die zum Tod führt (Röm.6,23), zog er sich unser Leben an und starb stellvertretend für uns, damit wir das Leben haben. Ist das nicht wundervoll?

Das ist nur ein Beispiel, das zeigt: Wir brauchen uns dieser Botschaft auch heute nicht zu schämen. Sie ist Gottes Kraft, die alle selig macht, die daran glauben (Röm. 1, 16). Es ist die Aufgabe der Theologie, die Kirche gerade auch bei solchen anspruchsvollen Themen sprachfähig zu machen. Umso schlimmer ist es, wenn sie genau das Gegenteil tut.

Es geht um weit mehr als um einen Theologenstreit!

In einer christlichen Buchhandlung fiel mir neulich etwas auf: Da gab es Regale zu „Lebensberatung“, „gelebtes Christsein“, „Autobio­gra­fien“, „Erzählungen“ und einiges mehr. Nur ein Regal fehlte: „Theologie“! Ist das für uns Christen denn nicht mehr interessant? Denken wir, dass theologische Auseinandersetzungen nichts mit unserem christlichen Alltag und der Entwicklung der Kirche zu tun hätten?

Nichts könnte verkehrter sein als das. In Wahrheit werden genau hier die Schlachten geschlagen, die am langen Ende über das Wohl und Wehe der Kirche und somit auch über das Schicksal unzähliger Menschen entscheiden. Nicht umsonst konnte Paulus unglaublich scharf werden, wenn es um den Inhalt des Evangeliums geht. Gerade beim Streit um die Kreuzestheologie steht unglaublich viel auf dem Spiel:

Sinnentleertes Abendmahl: Ohne die Sühneopferlehre wird diese zentrale Handlung, die eigentlich alle Christen verbinden sollte, weitgehend sinnentleert.44

Verlorene Autorität und Klarheit der Bibel: Wenn selbst derart eindeutige und klare biblische Lehren nicht stimmen, dann ist nichts mehr klar in der Bibel. Tatsächlich gibt es an den Universitäten praktisch keine Lehre mehr, die nicht irgendjemand bestreiten würde.

Verlorene Einheit: Wenn Alles in Frage gestellt ist, dann gibt es auch keine gemeinsamen Glaubensgrundlagen und -gewissheiten mehr. Dann wird die Einheit der Kirche von innen ausgehöhlt. Dann bleibt  nur noch die äußere Organisation als notdürftiges Bindemittel, das immer schlechter funktioniert und bald zerbricht.

Bibelentfremdung: Wenn selbst Bibelwissenschaftler sich über nichts mehr in der Bibel einig sind, dann ist es kein Wunder, dass Laien das Interesse an der Bibel verlieren, weil sie aus ihr ohnehin keine verlässlichen Botschaften entnehmen können.

Austrocknung von Mission und Evangelisation: Wenn selbst über so zentrale Lehren keine Einigkeit besteht ist es kein Wunder, wenn Kirchenleiter bei der Frage nach der zentralen Botschaft der Kirche oft nur noch mit verschwurbelten Gutmenschensätzen antworten45. Dann ist es auch kein Wunder, dass die Kirche sich auf Dialog beschränkt statt zu evangelisieren. Kein Wunder ist es dann auch, dass die nächste Generation keinerlei Bindung mehr an die Kirche hat.

Eine oberflächliche Kirche: John Stott stellt fest, dass die weit verbreitete Seichtigkeit und fehlende Gottesfurcht in der westlichen Kirche die direkte Folge einer Theologie ist, die Gottes Zorn und seinen Hass auf das Böse ignoriert.46 Das Glattbügeln der Kreuzestheologie und unseres Gottesbilds raubt dem Evangelium zwar den Anstoß, aber auch seine erneuernde Kraft.

Zeit für eine theologische Erneuerung

Gesunde Theologie muss deshalb in aller Deutlichkeit auf der biblischen Lehre bestehen, dass das Kreuz nicht nur für uns Menschen notwendig war, sondern auch, um dem heiligen Charakter Gottes Genüge zu tun. James Denney schreibt dazu: „Es ist die Erkenntnis dieser göttlichen Notwendigkeit, oder das Versäumnis, sie zu erkennen, welche die Ausleger des Christentums letzten Endes in Evangelikale und Nichtevangelikale scheidet, solche die dem Neuen Testament treu sind, und solche die es nicht verdauen können.“ 47

Die Wirren um die Kreuzestheologie und die verheerenden Folgen für die Kirche belegen, wie berechtigt die Diagnose von Ulrich Parzany ist: Die Bibelkritik ist der Krebsschaden der Kirche!48 Solange unsere theologischen Ausbildungsstätten selbst bei Kernaussagen des Evangeliums mehr Verwirrung statt Klarheit stiften, kann es für die Kirche nur weiter bergab gehen. Ohne eine grundlegende theologische Erneuerung bleiben alle sonstigen Reformbemühungen der Kirche zwangsläufig zum Scheitern verurteilt.


Danke an Ron Kubsch, Dr. Gerrit Hohage und Martin Till  für wichtige Anregungen zu diesem Artikel. Um die Länge zu begrenzen wurden viele wichtige Erläuterungen in die nachfolgenden Anhänge und Quellenhinweise ausgelagert. Ich möchte sie allen Lesern deshalb ausdrücklich ans Herz legen. Am wichtigsten ist mir jedoch eine Buchempfehlung: In „Das Kreuz: Zentrum des christlichen Glaubens“ erläutert John Stott das Kreuzesgeschehen in einer Tiefe, die ich sonst nirgends gefunden habe. Trotz der theologischen Präzision ist der Text auch für Laien gut und verständlich zu lesen.


Anmerkungen und Quellenangaben:

1:   Dr. Thomas Breuer: Die Bedeutung des Kreuzestodes Jesu aus heutiger Perspektive

2:   Im Vortrag „Was bedeutet der Kreuzestod Jesu“ vom damaligen Präses Nikolaus Schneider, gehalten am 10.6.2009 (Seite 1)

3:   In Werner Thiedes Artikel „Widerwärtiger Dünkel“ in Zeitzeichen 2010 Seite 1

4:   In Prof. S. Zimmer: Warum das fundamentalistische Bibelverständnis nicht überzeugen kann

5:   Der Theologe Tobias Faix präsentiert in seinem Blog ein „Kleines Karfreitagsmedley: Von Banks bis Schrupp und immer dieselbe Frage: Warum ist Jesus gestorben?“ mit zahlreichen unterschiedlichen Deutungen des Kreuzestodes. Zwar gibt es dort mit Holger Lahayne auch einen Befürworter des Sühneopfers, die Sühneopferkritik ist jedoch klar in der Mehrheit.

6:  So meint Dr. Breuer in seinem Vortrag: Angesichts der unterschiedlichen Deutungen des Kreuzestodes im NT gäbe es auch heute noch eine legitime Bandbreite. Zwei Aussagen seien jedoch „dem Glauben nicht förderlich“ „nicht angemessen“, ja sogar „völlig absurd“ und „tun dem Menschen nicht gut“, weil sie der Lehre Jesu völlig widersprechen würden: 1. Die Lehre, dass das Kreuz das Ende der Tieropfer bedeute, weil Jesus das perfekte Opfer war („Welchen religiösen Sinn sollte das haben? War Jesus denn der erste Märtyrer der Tierrechtsbewegung? Diese Vorstellung können wir beruhigt ad acta legen.“). 2. „Gefährlicher“ noch sei der „relativ weit verbreitete“ „Gedanke, dass Gott der Vater erst durch den blutigen Opfertod seines Sohnes mit der schuldbeladenen Menschheit versöhnt werden könnte.“ Breuer antwortet darauf mit Anselm Grün: „Was ist das für ein Gott, der den Tod des Sohnes nötig hat, um uns vergeben zu können?“

7:   Prof. Wilfried Härle in „…gestorben für unsere Sünden – Die Heilsbedeutung des Todes Jesu Christi“ S. 11 unten

8:   Nikolaus Schneider fasst in seinem Vortrag die Kreuzestheologie von Fridrich Schleiermacher wie folgt zusammen: „Für Schleiermacher liegt Sünde darin, dass die Reifung der Persönlichkeit zur sittlichen und religiösen Vollkommenheit gehemmt wird. Erlösung ist dementsprechend für ihn der Prozess wachsender Befreiung von dieser Hemmung. Jesus ist in seiner Lehre und seinem Leben das Vorbild derartiger Reifung zur Vollkommenheit. In seinem Leiden und Sterben wächst und reift er zur Vollkommenheit. In beidem bewährt er sein Gottesbewusstsein und damit das, was er gelehrt hat. Und dafür stirbt er. Das ist „Vorbild‐Christologie“.“ (Seite 5)

9:   Rudolf Bultmann: „Wie kann meine Schuld durch den Tod eines Schuldlosen (wenn man von einem solchen überhaupt reden darf) gesühnt werden? Welche primitiven Begriffe von Schuld und Gerechtigkeit liegen solcher Vorstellung zugrunde? Welch primitiver Gottesbegriff? Soll die Anschauung vom sündentilgenden Tode Christi aus der Opfervorstellung verstanden werden: Welch primitive Mythologie, dass ein Mensch gewordenes Gotteswesen durch sein Blut die Sünden der Menschen sühnt! Oder aus der Rechtsanschauung, so dass also in dem Rechtshandel zwischen Gott und Mensch durch den Tod Christi den Forderungen Gottes Genugtuung geleistet wäre: dann könnte die Sünde ja nur juristisch als äußerliche Gebotsübertretung verstanden sein, und die ethischen Maßstäbe wären ausgeschaltet!“  (RUDOLF BULTMANN, Neues Testament und Mythologie: das Problem der Entmythologisierung der neutestamentlichen Verkündigung, 3. Aufl., München 1988, Beiträge zur ev. Theologie 96, 19)

10: Die Reformatoren bekannten sich eindeutig zur Sühneopfertheologie. So schreibt Martin Luther in seinem „Kleinen Katechismus“: „Ich glaube, dass Jesus Christus, wahrhaftiger Gott … und auch wahrhaftiger Mensch … , sei mein Herr, der mich verlorenen und verdammten Menschen erlöset hat, erworben, gewonnen von allen Sünden, vom Tode und von der Gewalt des Teufels; nicht mit Gold oder Silber, sondern mit seinem heiligen, teuren Blut und mit seinem unschuldigen Leiden und Sterben; damit ich sein eigen sei…“
Der reformatorische „Heidelberger Katechismus“ bekennt: „Er hat mit seinem teuren Blut für alle meine Sünden vollkommen bezahlt und mich aus aller Gewalt des Teufels erlöst. … Er hat uns mit Leib und Seele von der Sünde und aus aller Gewalt des Teufels sich zum Eigentum erlöst und erkauft, nicht mit Gold oder Silber, sondern mit seinem teuren Blut, indem er sein Leben für uns gab.“

11: „Wahrscheinlich begegnet heute keine Lehre des Christentums größeren Schwierigkeiten als die traditionelle Lehre, dass uns Jesus Christus durch seinen stellvertretenden Sühnetod am Kreuz von unseren Sünden erlöst hat.“, in Josef Blank „Weißt Du, was Versöhnung heißt? Der Kreuzestod Jesu als Sühne“, in: Josef Blank u. Jürgen Werbick (Hg.), Sühne und Versöhnung, Düsseldorf 1986, 21‐91: 21.

12: Christoph Wiesing in Hossa Talk #34 Das Kreuz: Wofür starb Jesus? (Teil 1) ab 36:12: „Ich hab einen Vortrag bei Pfarrern gehalten, sehr engagierten Pfarrern (also das wo andere sagen würden: Das sind die gläubigen Pfarrer) über die Frage Satisfaktion und Anselm von Canterbury, und als ich das so vorgestellt habe haben die alle gesagt: Nee, also das glaubt ja bei uns keiner mehr. Deswegen, ich glaube: In der protestantischen Welt ist dieses Modell schon aus guten Gründen weitgehend abgelöst.“

13: Das unterstreicht der Theologe Ron Kubsch: „Es ist eben nicht ein tieferes Textverständnis, das den modernen Theologen dazu bringt, die bisherige Vorstellung der Sühnetheologie abzulehnen; es sind vielmehr Vorurteile, die die klaren Texte nicht stehenlassen können und sie zum Schweigen bringen wollen.“ (aus dem Artikel „Jesu Tod als stellvertretendes Sühneopfer“)

14: So wird Jesu Leiden als „Vorbild“ (z.B. 1.Petr.2,21), als „Prophetengeschick“ (z.B. Apg.7,52) oder als das „Leiden eines Gerechten“ dargestellt (ein Motiv, das oft in Psalmen erscheint, z.B. Ps.34,20)

15: In Walter Klaiber „Jesu Tod und unser Leben“; Evangelische Verlagsanstalt Leipzig, 2. korr. Auflage 2014, S. 188

16: Der Kreuzestod als Sühne und Erlass für unsere Schuld: Röm.3,25; Kol.2,14; Hebr.2,17; 1.Joh.2,2; 1.Joh.4,10

17: Der Kreuzestod dient zur Versöhnung: Röm.5,10+11; 2.Kor.5,18-20; Eph.2,16; Kol.1,20+22;

18: Der Kreuzestod als Opfer: Eph 5,2; Hebr.9,12+14; Hebr 9,26+28; Hebr 10,10+12+14

19: Er ist das (geschlachtete) Opfer- bzw. Passalamm: Joh.1,29; Joh.1,36; Apg.8,32; 1.Kor.5,7, 1.Petr. 1,19; Offb.5,6; Offb.5,12+13; Offb.6,1+16; Offb.7,9+10+14+17; Offb.12,11; Offb.13,8; Offb.14,4+10; Offb 15,3; Offb 17,14; Offb 19,7+9; Offb.21,9+14+22+23+27; Offb 22,1

20: Sein Blut wurde für uns vergossen: Mt.26,28; Mk.14,24; Lk.22,20; Joh.6,53-56; Röm.3,25; Röm.5,9; 1.Kor.11,25; Eph.1,7; Eph.2,13; Kol 1,20; Hebr.9,12+14+20; Hebr.10,19+29; Hebr.12,24; Hebr.13,12+20; 1.Petr.1,2+19; 1.Joh 1,7; Offb.1,5; Offb.5,9; Offb.7,14; Offb.12,11

21: Wir sind mit Jesu Leben als „Lösegeld“ und mit seinem Blut „erkauft“, „losgekauft“ bzw. „teuer erkauft“: Mt.20,28; Mk.10,45; 1.Kor 6,20; 1.Kor.7,23; Gal.3,13; Gal.4,5; 1.Tim 2,6; 1.Petr 1,18-19; Offb.5,9; Offb.14,3+4

22: Jesus wurde (stellvertretend) „für uns“ (bzw. für die Menschen) und unsere Sünde hingegeben, ja zur Sünde und zum Fluch gemacht: Joh.3,16; Joh.11,50-52; Joh.18,14; Röm.5,6+8; Röm 8,32; Röm.14,15; 1.Kor.1,13; 1.Kor.8,11; 1.Kor.11,24; 1.Kor.15,3; 2.Kor.5,14+15+21; Gal.1,4; Gal.2,20; Gal.3,13; Eph.5,2; 1.Thess.5,10; Tit.2,14; 1.Petr.2,21; 1.Joh.3,16

23: Der Tod Jesu war von Jesus und dem AT vorausgesagt, von Gott geplant, Jesus „musste“ sterben, sein Tod war ein aktiver Hingabeakt: Mt.26,24; Mt.26,54; Mk 8,31; Lk 17,25; Lk 24,7+26; Joh 3,13-15; Joh.10,15+17; Joh.12,32-33; Röm.8,32; Apg.2,23; Apg.17,3; Apg.4,28; 1.Kor 15,3; Gal.1,4

24: In seinem Vortrag äußert Dr. Breuer (ab 1:09:15), dass er sich mit Prof. Zimmer darin einig sei, dass Jesus frühestens in Jerusalem zu der Überzeugung gelangte, dass sein Tod offenbar unausweichlich sei.

25: In John Stott „Das Kreuz“, SMD Edition, S. 259

26: Walter Klaiber schreibt zu den vielfältigen Verknüpfungen und Verbindungen zwischen den verschiedenen neutestamentlichen Metaphern zur Deutung des Kreuzes: „Paulus kann also verschiedene Vorstellungsebenen kombinieren, um die Bedeutung des Todes Jesu zu erklären, auch wenn diese aus unterschiedlichen Zusammenhängen stammen“ (in „Jesu Tod und unser Leben“ S. 65). Prof. Dormeyer schreibt in seiner Abhandlung über den Tod Jesu, dass in Römer 3, 24-25 sowohl der rechtlich/juristische „Loskauf“ als auch der kultische Sühnebegriff auf Jesu Blut angewendet wird: „Die Erlösung umschreiben zwei Begriffe: rechtlich Loskauf (gr. apolýtrosis) (Röm 3,24) und kultisch Sühnopfer (gr. hilastérion) (Röm.3,25)“ Auch im AT sei die rechtliche und kultische Dimension der Sühne eng verknüpft, wenn ein Schuldiger von der Todesstrafe durch ein „Sühnegeld“ losgekauft werden kann (2.Mos.21,30). Nikolaus Schneider berichtet in seinem Vortrag von einer „Fülle von Begriffen, Bildern und Zugängen zum Versöhnungswerk von Jesus Christus“, räumt dazu jedoch ein, dass diese „Zugänge“ und „Erklärungen“ alle „in einem inneren Zusammenhang zueinander stehen.“ (Seite 11)

27: Weiter schreibt Pfr. PD Dr. Thomas Knöppler in seiner Abhandlung „Sühne (NT)“: „Trotz der seltenen Verwendung des für explizite Sühneaussagen charakteristischen Wortes „sühnen etc.“ (ἱλάσκεσθαι κτλ) ist unter Heranziehung weiterer, Begriff und Sache der Sühne in den Blick nehmender Wörter und Wendungen eine gewichtige Rolle der Sühnethematik im Rahmen der neutestamentlichen Soteriologie festzustellen. Insofern das Geschehen des Kreuzestodes Jesu in der Regel als Ausgangspunkt der neutestamentlichen Soteriologie und durchweg als Bezugspunkt der neutestamentlichen Rede von der Sühne fungiert, ist die Sühnethematik im Zentrum der Christologie und Soteriologie verankert.“

28: Gut erläutert im Artikel von Ron Kubsch: „Das Opfer Jesu als Erfüllung der alttestamentlichen Opfer“

29:  Der Theologe Stefan Meißner spricht deshalb in seinem Beitrag „Warum musste Jesus sterben“ vom Karfreitag als dem „eschatologischen Jom Kippur“.

30: T.J. Crawford bekräftigt den stellvertretenden Charakter des Opferrituals: „Der Text lehrt also seinem klaren und offensichtlichen Sinn nach den stellvertretenden Charakter des Opferrituals. Leben wurde für Leben gegeben“, „das Leben des unschuldigen Opfers für das Leben des sündigen Opfernden.“ In: „Doctrine of Holy Scripture“, S. 237, 241; zitiert in John Stott „Das Kreuz“ S. 175/176. John Stott ergänzt: „Wenn wir all dieses alttestamentliche Material (das Vergießen und Versprengen des Blutes, das Sündenopfer, das Passa, die Bedeutung des „Sündentragens“, den Sündenbock und Jesaja 53) betrachten und bedenken, dass all dies im Neuen Testament auf den Tod Christi bezogen wird, können wir uns dem Schluss nicht entziehen, dass das Kreuz ein stellvertretendes Opfer war.“ (S. 190)

31: Siehe Hebräer Kapitel 5 bis 7. Bezeichnend ist, dass der Priester Melchisedek, der im Hebäerbrief als Urbild für die Priesterschaft Jesu dargestellt wird, Abraham direkt am Ort des späteren Tempelbergs in Jerusalems entgegentritt (1.Mos.14,17-18). Also kommt auch hier genau wie beim Opfer Isaaks zu den vielen inhaltlichen Parallelen auch noch die geographische hinzu!

32: Während das Apostolische Glaubensbekenntnis auf jegliche Deutung des Kreuzestodes verzichtet heißt es im Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel (325 n.Chr.): „Er wurde für uns gekreuzigt unter Pontius Pilatus.“ Im Athanasianischen Glaubensbekenntnis (7. Jahrhundert) lesen wir: „Der gelitten hat für unser Heil…“

33: So schrieb beispielsweise Athanasius (298–373 n. Chr.): „Er wurde um unsertwillen Fleisch, damit er sich an unserer statt opfern und uns durch seine Hingabe und Opferung erlösen konnte“ (Athanasius „Festbrief X“).  Der Kirchenvater Augustinus (354–430 n. Chr.) schreibt: „Indem er durch seinen Tod ein einmaliges, ganz wahrhaftiges Opfer für uns darbrachte, hat er alles, was Schuld hieß … getilgt, fortgewischt, ausgelöscht.“ (A. Augustinus, „Über den Dreieinigen Gott, München, 1951, S. 61), zitiert bei Ron Kubsch „Die Strafe liegt auf ihm…“ Das stellvertretende Sühneopfer, Martin Bucer Seminar 2017)

34: in Ron Kubsch: „Jesu Tod als stellvertretendes Sühneopfer“

35: Zum wichtigen Thema der „Klarheit der Schrift“ ist der Vortrag von Kevin deYoung vom März 2016 sehr zu empfehlen.

36: Ein typisches und sehr lesenswertes Beispiel dazu ist Holger Lahaynes Analyse des Vortrags von Prof. Georg Plasger „Für uns gestorben?“: „Plasger schwenkt um auf ein subjektives Verständnis des Sühnehandelns: „Gott muss nicht versöhnt werden. Gott braucht das Kreuz nicht, er braucht kein Menschenopfer, um besänftigt, um versöhnt zu werden.“ […] Dies sei „die zentrale Aussage des Neuen Testaments, wenn es den Kreuzestod Jesu Christi als ‘für uns geschehen’ interpretiert. … Jesus starb nicht, um Gottes Haltung zu mir, sondern um unsere Haltung zu Gott zu ändern. Dem ist zu entgegnen, dass sich der Sünder natürlich ändern muss und auch von Gott verändert wird. Doch die objektive Versöhnung Gottes ist Grundlage dieses subjektiven Geschehens!“

37: John Stott erläutert dazu: „Die Bibel enthält eine Reihe weiterer Formulierungen, die auf unterschiedliche Weise diese „Dualität“ im Innern Gottes ausdrücken. Er ist „Gott, barmherzig und gnädig“, der aber „Schuld, Vergehen und Sünde … keineswegs ungestraft lässt“; in ihm sind sich „Gnade und Wahrheit … begegnet“, haben sich „Gerechtigkeit und Frieden … geküsst“; er nennt sich selbst „einen gerechten und rettenden Gott“; … und im Zorn erinnert er sich seiner Barmherzigkeit. Johannes beschreibt … den Sohn des Vaters als „voller Gnade und Wahrheit“; und Paulus lädt uns … dazu ein, „die Güte und Strenge“ Gottes zu bedenken.“ In John Stott „Das Kreuz“, S. 165

38: Auf dieses Problem weist auch der ehem. Bischof Dr. Walter Klaiber hin: „Es gibt einen Zusammenhang zwischen böser Tat und unheilvoller Folge, der verhindert, dass geschehenes Unrecht einfach ungeschehen gemacht werden kann.“ In: Walter Klaiber „Jesu Tod und unser Leben“; Ev. Verlagsanstalt Leipzig, 2. korr. Auflage 2014, S. 42

39: Kaum ein Begriff ist in der Kreuzestheologie so angegriffen worden wie der Begriff „genüge tun“ oder „Genugtuung“. John Stott geht in seinem Buch „Das Kreuz“ ausführlich darauf ein. Er distanziert sich dabei von einem Genugtuungs-Verständnis, wie Anselm von Canterbury es verbreitet hat und „an einen Feudalherrn erinnert, der Ehre fordert und Unehrerbietigkeit bestraft“. (S. 152) Trotzdem verteidigt er den Begriff „Genugtuung“ intensiv. Ich zitiere dies hier ausführlich, weil John Stott hier eine Reihe von Missverständnissen und Karikaturen des stellvertretenden Sühneopfers abräumt: „Darum weisen wir jede Erklärung für den Tod Christi entschieden zurück, in deren Mittelpunkt nicht das Prinzip der „Genugtuung durch Stellvertretung“ steht, ja der göttlichen Genugtuung seiner selbst durch die göttliche Stellvertretung durch ihn selbst. Das Kreuz war kein Tauschhandel mit dem Teufel … ebenso wenig ein exaktes Äquivalent, … um einen Ehrenkodex oder einer juristischen Spitzfindigkeit Genüge zu tun; ebenso wenig eine notgedrungene Unterordnung Gottes unter eine moralische Autorität über ihm, den er auf andere Weise nicht hätte entkommen können; ebenso wenig die Bestrafung eines sanftmütigen Christus durch einen strengen und rachsüchtigen Vater; ebenso  wenig ein Abringen des Heils von einem gemeinen und widerwilligen Vater durch einen liebenden Christus; ebenso wenig ein Handeln des Vaters, das Christus als den Mittler aussparte. Stattdessen erniedrigte sich der gerechte, liebende Vater selbst, indem er in … und durch seinen einzigen Sohn Fleisch, Sünde und Fluch für uns wurde, um uns zu erlösen, ohne seinen eigenen Charakter zu kompromittieren. Die theologischen Begriffe „Genugtuung“ und „Stellvertretung“ müssen sorgfältig definiert und gehütet werden, denn sie können unter keinen Umständen aufgegeben werden. Das biblische Evangelium der Sühne ist, dass Gott sich selbst Genüge tat, indem er selbst an unsere Stelle trat.“ (S. 204)

40: In John Stott „Das Kreuz“, SMD Edition, S. 205

41: So vertreten es die verschiedenen Strömungen des „Adoptianismus“: Jesus sei nicht wesenhaft Gott, sondern nur ein zum Gottessohn adoptierter Mensch gewesen. Nicht zuletzt die weit verbreitete Ablehnung der Jungfrauengeburt deutet darauf hin, dass diese theologische Fehlentwicklung auch heute verbreitet ist.

42: „Offen gestanden: Er widert mich inzwischen nur noch an – dieser zeitgeistbeflissene Dünkel all jener Theologinnen und Theologen, die dem Kreuzestod Jesu den überlieferten Tiefensinn rationalistisch absprechen. Dieses arrogante Kaputtreden der überkommenen Heilsbotschaft, das sich über den Glauben der Väter und Mütter der letzten beiden Jahrtausende so erhaben dünkt, dass es ihn nur noch verabschieden möchte. Dieses Kokettieren mit der intellektuellen Redlichkeit, die Andersdenkenden in Theologie und Kirche zumindest indirekt abgesprochen wird, aber mit merkwürdigen Alternativen zum Ganz- und Heilwerden des Menschen oft kompatibel genug zu sein scheint.“ Prof. Werner Thiede in seinem Artikel „Widerwärtiger Dünkel“ veröffentlicht in „Zeitzeichen“ 2010

43: Nachzuhören in Ulrich Parzanys Vortrag: „Den Säkularen ein Säkularer“, gehalten am 24.11.2017 in der STH Basel (ab 53:30)

44: So erwähnt Prof. Zimmer in seinem Vortrag „Vom Sinn des Abendmahls“ die sühnende Wirkung des stellvertretenden Opfertods mit keinem Wort. Stattdessen lehrt er, dass wir im Abendmahl die „Kontaktfreudigkeit“ und „Zuwendungslust“ Jesu feiern würden.

45: Ein trauriges Beispiel ist das ZDF-heute-Journal-Interview mit Bischof Markus Dröge anlässlich des 500-jährigen Reformationsjubiläums. Auf die Kritik, im Reformationsjahr habe es viel Event und wenig Botschaft gegeben, antwortet er: Die zentrale Botschaft der Reformation sei deutlich geworden, nämlich die „Doppelheit von Vertrauen zu finden und sich zu engagieren für das Allgemeinwohl“.

46: In John Stott „Das Kreuz“, SMD Edition, S. 137-139, siehe Artikel im AiGG-Blog http://blog.aigg.de/?p=3836

47: James Denney, Atonement, S. 82, zitiert von John Stott in „Das Kreuz“, S. 169

48: In Ulrich Parzany „Was nun, Kirche?“, SCM-Hänssler, S. 49