Christen sind Hoffnungsmenschen. In Christus haben sie allen Grund, zuversichtlich zu sein. In der Bibel fällt allerdings auf: Die Propheten mussten oft auch düstere Botschaften des Niedergangs verkünden – zumeist verbunden mit dem dringenden Ruf zur Umkehr. Heute sind es eher Nachrichtensprecher und Journalisten, die bedrückende Fakten und düstere Prognosen verkünden, vor denen wir die Augen und Ohren aber ebenso nicht verschließen sollten:
- Der Antisemitismus grassiert wieder massiv in unserem Land, vor allem in der Hauptstadt Berlin, wo viele Juden buchstäblich auf gepackten Koffern sitzen, weil der Alltagsantisemitismus kaum noch auszuhalten ist. In der Kulturszene, an den Universitäten, in linken Parteien sowie in Teilen der AFD ist „Antizionismus“ auf dem Vormarsch, wobei sich hinter diesem Label fast immer Antisemitismus verbirgt. Im ÖRR gibt es viel einseitige Israelkritik. Gerade in Deutschland wissen wir: Wo der Antisemitismus die Oberhand gewinnt, ist insgesamt eine düstere Entwicklung für die Gesellschaft zu erwarten. Gleiches gilt für den Lebensschutz, der sowohl beim Thema Abtreibung als auch bei der Sterbehilfe zunehmend unter Druck gerät.
- Die Verantwortlichen in Politik, Justiz und Medien verlieren immer mehr Vertrauen. Der kenntnisreiche Journalist Robin Alexander spricht seit geraumer Zeit davon, dass die jetzige schwarz-rote Koalition die letzte Chance sei, die Gesellschaft aus der Mitte heraus zu gestalten. Die Positionen der beiden Parteien sind aber teils derart gegensätzlich, dass die dringend notwendigen und versprochenen Reformen bislang ausgeblieben sind. Die mehrheitlich konservativen Wähler sind angesichts gebrochener Wahlversprechen und des ausgebliebenen Politikwechsels tief enttäuscht. In Teilen fühlen sie sich sogar getäuscht. Entsprechend werden die politischen Ränder sowie die „alternativen Medien“ immer stärker und einflussreicher. Die AFD ist mittlerweile in sämtlichen Umfragen die stärkste Kraft. Schon im Herbst könnte sie in den ersten Bundesländern absolute Mehrheiten erringen. Die massiven Demonstrationen gegen die CDU nach der Annahme eines CDU-Antrags für eine schärfere Migrationspolitik mit Stimmen der AfD im Januar 2025 haben angedeutet, wie hart die bevorstehenden Auseinandersetzungen werden können.
- Der Zusammenhalt der Bevölkerung schwindet, nicht zuletzt aufgrund der massiven Migrationsbewegungen und der schwindenden gemeinsamen kulturellen Identität. Die Coronakrise hat zusätzlich tiefes Misstrauen hinterlassen. Digitale Filterblasen vertiefen und verfestigen die Polarisierung und Lagerbildung in der Gesellschaft. Lagerübergreifende sachliche Diskussionen werden immer schwieriger, häufig werden sie durch Diffamierung und Delegitimierung von Menschen mit anderer Meinung ersetzt. Die Berichte über verbale und körperliche Gewalt sowie schwindendes Sicherheitsgefühl an öffentlichen Orten nehmen zu.
- Der politische Islam wird zunehmend zu einer ernsten Bedrohung, angeheizt durch Migration aus dem arabischen Raum, durch die demographische Entwicklung und durch islamistische Propaganda im Internet. Die Gefahr wird in vielen westlichen Gesellschaften noch stark unterschätzt oder tabuisiert, damit Ausländerfeindlichkeit nicht gefördert wird.
- Die Religions- und Meinungsfreiheit gerät unter Druck, wie Prozesse gegen Olaf Latzel und die finnische Ministerin Päivi Räsänen beispielhaft zeigen. Islamkritiker benötigen häufig bereits Polizeischutz. Der zwischenzeitliche Rückzug des bekannten Journalisten Constantin Schreiber aus allen Debatten zum Thema Islam machte Schlagzeilen. Umfragen belegen, dass immer mehr Menschen in unserem Land geprägt sind von der Wahrnehmung, dass man die eigene Meinung nicht mehr frei äußern kann, weil Intoleranz zunimmt.
- Die Familie als Keimzelle und tragende Stütze der Gesellschaft ist unter Druck. Die aktuell zur Debatte stehende Streichung der beitragsfreien Mitversicherung und des Ehegattensplittings unterstreicht das. Kinder werden zunehmend als Last statt als Erfüllung empfunden. Sie werden immer häufiger schon im ersten Lebensjahr in Fremdbetreuung gegeben. Die psychischen Folgen des Mangels an festen Bindungspersonen im Kleinkindalter werden zunehmend sichtbar.
- Die katastrophale demographische Entwicklung ist zwar seit langem bekannt, wurde aber bislang weitgehend ignoriert. Auf Welt-Online war jüngst zu lesen, dass die Geburtenziffer im Jahr 2025 mit 1,36 Kindern pro Frau einen historischen Tiefstand erreicht hat. Das sei „nicht irgendein statistischer Randwert. Das ist ein gesellschaftlicher Kollaps in Zeitlupe.“ Wenn jetzt die Babyboomer (Jahrgang 1946-1964) vollends in Rente gehen, entsteht ein extremes Ungleichgewicht zwischen arbeitender Bevölkerung und versorgungsbedürftigen Menschen.
- Das Bildungssystem erodiert. Der Welt-Kolumnist Harald Martenstein berichtet: „40 Prozent der deutschen Schüler beherrschen mit 15 Jahren weder das Lesen noch das Rechnen.“ Er nennt das zurecht eine „unbeachtete Katastrophe“, die die Zukunft des Landes ernsthaft bedroht.
- Die wirtschaftliche Entwicklung ist mehr als besorgniserregend. Deutschland ist aufgrund extrem hoher Energie- und Lohnnebenkosten sowie durch erdrückende Bürokratie im weltweiten Vergleich nicht mehr wettbewerbsfähig. Vor allem die energieintensiven Industriezweige brechen ein oder verlagern ins Ausland. Es wird kaum noch investiert. China ist dabei, auch der Automobilindustrie samt ihrer zahlreichen Zulieferer das Wasser abzugraben. Das kostet schon jetzt zahllose Existenzen und vernichtet die Grundlagen für den Wohlstand des Landes.
- Der Sozialstaat ist durch die demographische Entwicklung und die einbrechende Wirtschaft nicht mehr finanzierbar. Die Politik hat bislang aber kaum Kraft für die unvermeidlichen grundlegenden Reformen. Harte Verteilungskämpfe stehen dem Land bevor, die den sozialen Frieden auf eine harte Probe stellen werden.
- Die Verschuldung und Zinslast steigt massiv. Laut der Wirtschaftsweisen Veronika Grimm wird der Bundeshaushalt schon 2029 keinerlei Gestaltungsspielraum mehr haben, weil sämtliche Steuern für die Schuldentilgung, für den Sozialstaat und für Rüstung verwendet werden müssen.
- Weltweite kriegerische Konflikte belasten die wirtschaftliche Entwicklung und führen zu Inflation. Mit Russland besteht wieder eine ernsthafte militärische Bedrohung. Regierungsvertreter äußern, dass ab dem Jahr 2029 mit einem Angriff auf NATO-Territorium gerechnet werden müsse. Da die USA sich als Schutzmacht zurückzieht und die Bundeswehr jahrzehntelang massiv vernachlässigt wurde, ist die Verteidigungsfähigkeit Deutschlands massiv geschwächt.
Die Liste ist nicht vollständig. Man muss auch nicht in jedem Punkt einer Meinung sein. Trotzdem wird deutlich: Wenn derart viele Stabilitätsfaktoren gleichzeitig ins Wanken geraten, dann ist es keine Schwarzseherei sondern nüchterner Realismus, damit zu rechnen, dass es schon bald zu disruptiven Entwicklungen kommen kann – mit nicht vorhersehbaren Auswirkungen auf jeden Einzelnen von uns. Als Christen brauchen und sollen wir solche Entwicklungen nicht fürchten. Trotzdem sollten wir wachsam auf die Zeichen der Zeit schauen und uns fragen: Was können, was müssen wir Christen in dieser Situation tun?
Soviel ist sicher: Auch die besten Politiker werden die Probleme unseres Landes nicht so einfach lösen können. Mehr denn je wird eine dynamische, attraktive Kirche Jesu gebraucht, die die Gesellschaft wieder positiv prägen kann – so wie es einst die Reformation oder der Pietismus geschafft haben. Deshalb müssen wir uns der Frage ehrlich stellen:
Wie ist die Situation der Kirche Jesu in unserem Land?
Aktuell ist die Kirche Jesu im deutschsprachigen Raum weit davon entfernt, eine positive gesellschaftsprägende Rolle spielen zu können. Das hat diverse Ursachen:
- Die großen Landeskirchen (evangelisch und katholisch) implodieren. Der unausweichliche Wandel von der Volks- zur Freiwilligen- und Minderheitskirche wird zwar notdürftig verwaltet, aber es gibt aktuell keinerlei Anzeichen, dass der massive Mitgliederverlust gebremst oder gar gestoppt werden könnte.
- Schon jetzt haben die Kirchen gesellschaftlich keine relevante Stimme mehr. Ihre politischen Äußerungen werden selbst im kirchlichen Umfeld nur wenig wahrgenommen. Das öffentlich kommunizierte „Evangelium“ der Kirchen hat mit der biblischen Evangeliumsbotschaft oft nur wenig zu tun, weil die Elemente Sünde, Trennung von Gott, Umkehr, Rettung und Erlösung kaum vorkommen. Die Kirchen sind von „billiger Gnade“ (Bonhoeffer) und einer Taufrettungstheologie bestimmt. Dadurch marginalisiert sich die Kirche selbst.
- Die freikirchliche, allianzevangelikale und kirchlich pietistische Szene stagniert. Wachsende Gruppen stehen schrumpfenden Gruppen gegenüber.
- Die „Evangelikalen“ spielen gesellschaftlich keine Rolle. Bestenfalls werden sie nicht ernst genommen. Immer öfter werden sie medial als potenziell extremistisch und menschenfeindlich angegriffen.
- Die Evangelikalen sind in viele kleine Milieus zersplittert. Auch die verschiedenen Einheitsbewegungen erreichen zumeist nur einen Ausschnitt der vielen freikirchlichen und evangelikalen Milieus.
- Es gibt unter den Evangelikalen keine Instanz oder Personengruppe, die milieuübergreifend prägend bzw. richtungsweisend wirken könnte. Entsprechend gibt es keine gemeinsame Strategie, kein koordiniertes Vorgehen, keine Bündelung von Kräften, nicht einmal gemeinsames Gebet.
Die Kirche Jesu ist somit weit davon entfernt, ihrer Aufgabe als Salz und Licht der Gesellschaft gerecht werden zu können. Das kann sich erst ändern, wenn sie wirksame Konzepte findet, um sich zu vernetzen und zu echter, belastbarer milieuübergreifender Einheit zu finden. Umso wichtiger ist die Frage:
Warum ist die Kirche Jesu so tief und vielfältig gespalten?
Die Milieubildung der Kirche Jesu hat sowohl ekklesiologische (landeskirchlich vs. freikirchlich), denominationelle (Aufteilung in Bünde und Verbände), theologische (konservativ vs. evangelikal vs. pragmatisch vs. progressiv bzw. liberal), (auf-)gabenorientierte (Beter vs. Theologen vs. Gemeindepraktiker), spirituelle (charismatisch vs. anticharismatisch) und kulturelle (deutsch vs. migrantisch) Gründe. Folgende drei Themenfelder wirken aktuell besonders trennend:
1. Unterschiedliche Konzepte zur Frage: Wie gelingt Einheit in Vielfalt?
Es gibt zwar diverse Einheitsbewegungen, diese basieren jedoch auf unterschiedlichen, teils widersprüchlichen Konzepten:
- Das klassisch evangelikale Einheitskonzept setzt auf eine Kombination von profilierter Klarheit in Bekenntnisfragen und Weite bei nebenrangigen Lehren.
- Das spirituelle Einheitskonzept fokussiert primär auf den lebendigen Christus. Durch gemeinsame Anbetung und gemeinsames Gebet sollen Differenzen an Bedeutung verlieren und Einheit wachsen.
- Das pragmatische Einheitskonzept setzt primär auf gemeinsames Engagement für Evangelisation und Gemeindebau, statt Zeit und Kraft für theologischen Debatten zu verbrauchen.
- Das institutionelle Einheitskonzept fokussiert darauf, vorhandene Institutionen beisammen zu halten.
Emotionen und Verletzungen, die wir dabei ernst nehmen müssen:
- Viele Leiter spüren: Einstige theologische Selbstverständlichkeiten sind verloren gegangen. Durch die eigenen Gemeinden, Denominationen und Werke ziehen sich längst tiefe theologische Risse mit Sprengkraft. Das klassisch evangelikale Beharren auf den Bekenntnisgrundlagen wird deshalb als Gefahr für den Zusammenhalt und Fortbestand der eigenen Institution empfunden und entsprechend bekämpft.
- Viele klassisch Evangelikale sind geprägt von der Erfahrung problematischer Entwicklungen in Gemeinden, Gemeinschaften und Werken, wenn sich progressive, postevangelikale und liberale theologische Ansätze ausbreiten. Pragmatische oder spirituelle Einheitskonzepte werden als unzureichend empfunden, weil sie das Problem falscher Lehren übertünchen und dadurch erst recht zu ihrer Verbreitung beitragen könnten.
Knackpunktfragen, über die wir zur Klärung dieses Konfliktfelds offen sprechen sollten:
- Welche zentralen Bekenntnisgrundlagen sind für uns alle gemeinsam unaufgebbar? Als Gesprächsgrundlage können dabei vor allem bewährte Bekenntnistexte dienen, die bereits viel Einheit bewirkt haben: Das Apostolikum, das Nicäno-Konstantinopolitanum, die Glaubensbasis der Evangelischen Allianz und die Lausanner Verpflichtung.
- Brauchen wir mehr Konsens oder mehr (Ambiguitäts-)Toleranz bei zentralen theologischen Fragen? Sind Bekenntnisse verbindende Glaubensschätze, die um der Einheit willen apologetisch verteidigt werden sollten oder sollten wir das Ringen um Bekenntnisfragen meiden, weil das insgesamt nur zu mehr Streit und Spaltung führt? Brauchen wir insgesamt eher mehr oder weniger Theologie?
- Welche Rolle spielt gemeinsames Gebet und Anbetung für die Förderung von Einheit?
2. Unterschiedliche Konzepte zur Frage: Wie wird die Kirche Jesu anschlussfähig?
- Der progressive und liberale Ansatz verfolgt das Ziel, durch einen sachkritischen Umgang mit der Bibel anstößige biblische Aussagen zu hinterfragen, um die Anschlussfähigkeit der Kirche zu erhöhen.
- Der klassisch evangelikale Ansatz betont, dass die Kirche Jesu sich zwar kulturell um des Evangeliums willen anpassen soll (1. Kor. 9, 19-23). Aber bei klaren biblischen Aussagen ist die Kirche Jesu aufgerufen, eine Gegenkultur zu leben. Gerade darin liege ihre Attraktivität, auch wenn das für einige Menschen anstößig ist.
Besonders deutlich wird dieser gegensätzliche Ansatz immer in den Bereichen, in denen sich gesellschaftlich vorherrschende Ansichten besonders weit von biblischen Aussagen entfernt haben. Das ist aktuell vor allem im Bereich der Sexualethik sowie in der Wahrheitsfrage (christlicher Absolutheitsanspruch und doppelter Ausgang versus postmoderner Relativismus) der Fall.
Emotionen und Verletzungen, die wir dabei ernst nehmen müssen:
- Viele Postevangelikale sind geprägt von Verletzungen (Missbrauch, Enge, Manipulation, Unehrlichkeit) oder von intellektueller Unterforderung in evangelikalen Settings. Sie haben eine progressive Öffnung als „glaubensrettend“ erlebt und sind deshalb der Meinung, dass eine Öffnung unerlässlich sei, um die Kirche aus der Sackgasse überkommener Positionen herauszuführen. Klassisch evangelikale Positionen werden entsprechend als kirchenschädigend oder gar als peinlich empfunden. Der Widerstand von klassisch evangelikalen Christen gegen theologische „Weitungsversuche“ wird von vielen Postevangelikalen als Richtgeist, verletzende Enge und Kleinkariertheit empfunden.
- Viele Evangelikale sind geprägt von der Erfahrung, durch Liberale diffamiert, an den Rand gedrängt und ausgegrenzt zu werden. Das gilt insbesondere für das landeskirchliche Umfeld sowie für die theologischen Fakultäten. Zunehmend wird diese Erfahrung aber auch in klassisch evangelikalen Werken, Ausbildungsstätten und Gemeinschaften gemacht.
Knackpunktfragen, über die wir zur Klärung dieses Konfliktfelds offen sprechen sollten:
- Welches Bibelverständnis verfolgen wir? Lassen wir Sachkritik zu oder nicht? Hinter dieser grundlegendsten Weichenstellung tun sich letztlich zwei verschiedene theologische Welten auf, die nicht miteinander kompatibel sind.
- Gilt in der Sexualethik Gottes Gebot, dass praktizierte zwischenmenschliche Sexualität dem Schutzraum einer lebenslangen Ehe von einem Mann und einer Frau vorbehalten ist? Wer diese Frage bejaht, versteht progressive Sexualethik als Verstoß gegen Gottes klares Gebot mit allen negativen Folgen für die Kirche und das geistliche Leben. Wer diese Frage verneint, stuft konservative Sexualethik tendenziell als diskriminierend oder gar menschenverachtend ein.
3. Unterschiedliche Konzepte zur Frage: Wie wird die Kirche Jesu kraftvoll und dynamisch?
- Der charismatisch/pfingstliche Weg setzt stark auf Wirkungen des Heiligen Geistes, den Gebrauch der Geistesgaben, die zeichenhafte Wirkung von Wundern sowie die herzensöffnende Wirkung von Lobpreis und Anbetung.
- Der konservativ evangelikale Weg setzt sehr viel stärker auf die kraftvolle Wirkung von Gottes Wort, das unverfälscht geglaubt und verkündigt werden soll. Er ist geprägt von der Sorge, dass eine Überbetonung von Emotionen und Geisterfahrungen die Zentralität von Gottes Wort verdrängen kann.
Emotionen und Verletzungen, die wir dabei ernst nehmen müssen:
- Die spaltenden Entwicklungen der „Berliner Erklärung“ und das darin zum Ausdruck gebrachte grundlegende Misstrauen gegen alles Charismatische wirken in Deutschland noch immer nach. Charismatische Übertreibungen und sowie aktuelle Skandale („Bethel-Enthüllungen“) nähren das Bild, dass das charismatische Umfeld nicht vertrauenswürdig sei.
- Nicht wenige charismatische Christen empfinden Kritik an Entgleisungen, wie sie z.B. aktuell zu den Bethel-Skandalen geäußert wurden, grundsätzlich als diffamierend. Sie nehmen zugleich nichtcharismatische Milieus als tendenziell kraftlos und gesetzlich wahr, nicht selten aufgrund eigener Erfahrungen.
Knackpunktfragen, über die wir zur Klärung dieses Konfliktfelds offen sprechen sollten:
- Deuten die aktuellen Skandale auf grundlegende Fehlentwicklungen hin („Cover-Up Culture“, missbrauchsanfällige Leitungsmodelle), denen man sich ehrlich stellen sollte? Oder handelt es sich um Einzelfälle, die kein Anlass sind für eine grundlegende Kritik? Müssten wir vielmehr eher darauf achten, andere Bewegungen primär anhand ihrer Früchte, statt nach ihrem Fallobst zu beurteilen?
- Welche Rolle spielt der Heilige Geist für Evangelisation, Gemeindebau und für das persönliche Glaubensleben? Sind die typisch charismatischen Formen ein unverzichtbarer Ausdruck für das Wirken des Heiligen Geistes oder kann der Heilige Geist in unterschiedlichen Formen kraftvoll wirken?
Fazit: Das Ringen um Einheit ist ein entscheidendes Schlachtfeld unserer Zeit
Das Ringen um Einheit ist mühsam. Es kostet Zeit und Kraft. Aber es ist unverzichtbar. Denn ohne Einheit fehlt eine unverzichtbare Grundlage für gemeinsames Gebet und für gemeinsame Wirksamkeit in unserer Gesellschaft. Deshalb ist es notwendig und not-wendend, unterschiedliche Konzepte sowie Verletzungen und Emotionen nüchtern wahrzunehmen und offen anzusprechen, statt sie unter den frommen Teppich zu kehren. Viel Verständnis könnte wachsen, wenn wir lernen, einander mit offenem Herzen zuzuhören. Viel zerbrochenes Vertrauen könnte heilen, wenn wir voreinander Buße tun über eigene Fehler, Versäumnisse und Vorurteile. Bei vielen trennenden Positionen in Randfragen könnten wir zu einem versöhnten „agree to disagree“ finden, wenn wir merken, dass wir zugleich bei den entscheidenden Fragen beieinander sind.
Letztlich brauchen wir das Bewusstsein: Echte belastbare Einheit ist mit menschlichen Mitteln nicht machbar. Christus allein als unser gemeinsames Haupt kann uns verbinden (Epheser 4,15–16). Dafür brauchen wir die gemeinsame Unterordnung unter sein autoritatives Wort sowie gemeinsames Gebet und Anbetung.
Zugleich müssen wir wieder lernen, um der Einheit willen sachlich und orientierunggebend zu widersprechen, wenn in unserer Mitte klaren biblischen Aussagen widersprochen wird. Das Engagement gegen falsche Lehre hat deshalb schon im Neuen Testament zu den elementaren Aufgaben geistlicher Leiter gehört, um die Einheit wahren zu können.
Die Zeit drängt. Die dramatischen Entwicklungen in unserem Land zeigen: Wir brauchen so schnell wie nur irgend möglich eine kraftvolle, dynamische, geeinte Kirche Jesu, die wirksam Salz und Licht unserer Gesellschaft ist und die zugleich durch gemeinsames, geeintes und intensives Gebet die Grundlage legt für eine neue Erweckung, ohne die unendlich viele Menschen für immer verloren gehen.

Das ist eine gute Analyse unserer Gesellschaft und der „Kirche“ ! Die Lösungsansätze sind irgendwie hilflos, was nicht schlecht ist, es zeigt uns unsere Grenzen auf und unsere Abhängigkeit von Gottes Gnade. Ich vermute, dass Einheit in der evangelikalen Welt, besonders zwischen Charismatik und Tradition nicht auf der Ebene der „Würdenträger“ stattfindet, sondern der Basis. Amtsträger sind ihren Bewegungen und deren geistlichen Steckenpferden verpflichtet, den einfachen Christen interessiert das nicht. Die Zunahme extremer charimatischer Sekten ist für die Einheit kontraproduktiv, das Evangelium wird oft bis zur Unkenntlichkeit verzerrt !
Hier versagen die „Wächter“, die oft genug sprachlos bleiben.
Die Liste der bedrohlichen Herausforderungen in Gesellschaft und Kirche wirft erneut die Frage auf, wo befinden wir uns eigentlich heilsgeschichtlich? Ist das „Ende“ in Sicht und wenn ja wie darf man es sich vorstellen? Schenkt Gott vor dem Showdown nochmal Gnade und es werden noch viele Menschen erettet, oder nimmt der Abfall vom Glauben eine Dimenssion an die einen erschaudern lässt ? Unabhängig vom biblischen Befund, scheint die Stimmumgslage der Leute prägend zu sein, die Optimisten sehen eine Erweckung, die Pessimisten den Untergang des Abendlandes nahen. Vielleicht gibt es auch gar keine „landesweite“ Lösung, sondern Ortsgemeinden versehen treu ihren Dienst, missionieren, bauen Gemeinde und suchen der Stadt Bestes !?