Eine Theophobie unserer Zeit: Warum Christen neue Theologien prüfen müssen

Eine neue Angst unter Christen

Von Henrik Mohn[1]

Es gibt eine merkwürdige Angst, die sich in konservativen christlichen Kreisen immer wieder zeigt. Es ist nicht die Furcht des Herrn. Es ist auch nicht die heilsame Ehrfurcht vor Gottes Heiligkeit. Nein, es ist vielmehr die Scheu, sich mit neuen theologischen Strömungen überhaupt ernsthaft auseinanderzusetzen. Oftmals beobachtet man ein Abstand halten, die Debatte meiden, pauschales Warnen oder den Rückzug ins eigene geistliche Milieu. Im übertragenen Sinn könnte man diese Haltung fast als eine neue Form geistlicher Theophobie beschreiben: nicht als Angst vor Gott selbst, sondern als Scheu vor theologischer Auseinandersetzung aus Sorge, der eigene Glaube könnte ins Wanken geraten.

Diese Haltung ist in unserer Zeit besonders gefährlich. Der Buchmarkt ist voll von neuen geistlichen Entwürfen. Auf Social Media werden komplexe theologische Fragen in attraktiven, emotional klugen und sprachlich geschmeidigen Formaten verbreitet. Predigten, Podcasts, Reels und Interviews transportieren Denkweisen, die oft modern, offen, sensibel und intellektuell redlich wirken. Gerade deshalb entfalten sie Wirkung. Dabei ist zu beobachten, dass sie selten frontal gegen das Evangelium daherkommen. Nein, diese Inhalte arbeiten wesentlich feiner. Sie verschieben Begriffe, setzen neue Akzente, relativieren alte Gewissheiten und verändern schrittweise das Verständnis von Schrift, Sünde, Erlösung, Wahrheit und Heiligkeit.

Im Rahmen aktueller theologischer Entwicklungen lassen sich verschiedene Tendenzen beobachten: So wird etwa gefragt, ob auch andere Religionen Anteil an Gottes Wahrheit und am Heil haben. Teilweise wird eine Nähe zwischen Zeitgeist und Wirken des Heiligen Geistes angenommen. Zugleich wird Glaube stärker mystisch, erfahrungsbezogen und prozesshaft verstanden, während Säkularisierung vereinzelt als prophetischer Impuls gedeutet wird. Auch Dekonstruktion wird als notwendiger Weg beschrieben, bei dem göttliche und menschliche Aspekte zusammenspielen. Gott wird dabei häufig besonders auf der Seite von Minderheiten und Ausgegrenzten verortet. Im Schriftverständnis zeigen sich vielfältigere Zugänge, die unterschiedliche, teils widersprüchliche Auslegungen nebeneinander stehen lassen. Zudem wird das Verständnis von Sünde erweitert, indem neben Schuld auch Scham und Angst stärker betont werden. Insgesamt zeigen diese Ansätze eine Entwicklung, in der klassische theologische Kategorien neu gewichtet und teilweise grundlegend umgedeutet werden.[2]

Die entscheidende Frage ist: Nehmen wir diese Verschiebungen überhaupt wahr? Viele Christen spüren, dass sich etwas verändert, können es jedoch nicht klar benennen. Andere erkennen die Entwicklungen durchaus, reagieren aber vor allem mit Abwehr. Beides greift zu kurz. Weder eine unkritische Offenheit noch eine pauschale Abschottung helfen der Gemeinde Jesu weiter. Gefragt ist geistliche Urteilsfähigkeit. Christen müssen lernen, Entwicklungen einzuordnen, Denkströmungen zu erkennen und alles am Maßstab der Schrift zu prüfen. Nicht die Angst vor theologischen Debatten ist angemessen, sondern Standfestigkeit in ihnen. Nicht Rückzug, sondern nüchterne Prüfung. Nicht Verunsicherung, sondern gewachsene, biblisch gegründete Überzeugung.[3]

Neue theologische Strömungen – und warum sie wirken

Die gegenwärtigen theologischen Verschiebungen treten in unterschiedlichen Gestalten auf, aber sie teilen oft gemeinsame Grundmuster. Dazu gehören dekonstruktive Ansätze[4], die traditionelle Glaubensüberzeugungen nicht zuerst klären, sondern auflösen wollen. Dazu gehören erfahrungsorientierte Modelle, in denen das persönliche Erleben zum maßgeblichen Deutungsschlüssel wird. Ebenso treten hermeneutische Konzepte hervor, die den historischen und kulturellen Rahmen derart stark betonen, dass die verbindliche Autorität des Bibeltextes zunehmend zurücktritt. Hinzu kommen ethische Entwürfe, die sich nicht mehr primär an Gottes geoffenbartem Willen orientieren, sondern an Empfindsamkeit, Inklusion, Vulnerabilität und gesellschaftlicher Akzeptanz.

Aber warum wirken diese Entwicklungen auf viele Christen attraktiv? Erstens erscheinen sie intellektuell beweglicher als klassisch konservative Positionen. Sie geben sich differenziert, selbstkritisch und dialogfähig. Zweitens nehmen sie echte Probleme ernst: geistlichen Missbrauch, oberflächliche Frömmigkeit, moralistische Enge, fromme Doppelmoral, billige Antworten auf schwere Fragen. Drittens sprechen sie die Sprache der Gegenwart. Sie wirken menschennah, sensibel und reflektiert. Viertens versprechen sie einen Glauben, der die Spannungen der Moderne und Postmoderne aushält, ohne in schroffe Eindeutigkeit zu flüchten.

Gerade darin liegt ihre Anziehungskraft. Und genau darin liegt zugleich ihre Problematik. Denn was seelsorgerlich offen und nahbar beginnt, mündet nicht selten in theologischer Unklarheit. Was als ehrliches Fragen auftritt, ist häufig bereits von verborgenen Vorannahmen geprägt. Was vorgibt, falsche Gottesbilder zu korrigieren, endet vielfach in einem Verständnis von Gott ohne klare Konturen. Und was zunächst als Kritik an unbiblischer Frömmigkeit erscheint, richtet sich am Ende oft gegen die tragenden Grundlagen des biblischen Glaubens selbst.

Ein weiteres Kennzeichen vieler gegenwärtiger Entwürfe besteht darin, dass sie das Grundproblem des Menschen neu bestimmen. Nicht mehr die Schuld des Menschen vor dem heiligen Gott steht im Mittelpunkt[5], sondern Scham, Angst, Ausgrenzung, Verletzung oder mangelnde Selbstannahme. Diese Erfahrungen sind real und dürfen seelsorgerlich weder übergangen noch verharmlost werden. Problematisch wird es jedoch dort, wo sie die Sündenfrage verdrängen oder ersetzen. Denn damit verschiebt sich auch das Verständnis des Evangeliums[6]. Christus erscheint dann nicht mehr in erster Linie als der stellvertretende Träger des göttlichen Gerichts über die Sünde, sondern vor allem als Begleiter innerer Heilungsprozesse, als Quelle persönlicher Identität oder als Ausdruck göttlicher Solidarität. Damit verändert sich nicht bloß die Gewichtung einzelner Aspekte, sondern das Zentrum der biblischen Heilsbotschaft selbst.

Wo sich die Geister scheiden

Die neue Unsicherheit entsteht nicht zuerst an der Oberfläche, sondern in den Grundannahmen. Denn nicht selten begegnet man dabei Aussagen wie dieser: Letztlich soll und muss die Bibel mein Glaubenssystem hinterfragen und korrigieren – nicht umgekehrt mein Glaubenssystem die Bibel. Darum muss die Analyse tiefer gehen.

Die Frage nach der Bibel ist heute aktueller denn je[7], weil sich an ihr die entscheidende hermeneutische Weichenstellung vollzieht. Im Kern geht es um die Grundfrage: Was ist die Schrift? Ist sie Gottes irrtumsloses und autoritatives Wort[8], das den Menschen von außen korrigiert und verbindlich bindet? Oder handelt es sich um ein menschlich geprägtes Zeugnis religiöser Erfahrungen, das zwar inspirierend wirkt, aber nicht durchgängig normative Geltung beansprucht? An dieser Stelle verläuft die zentrale Trennlinie. Wird die Schrift nicht mehr als unfehlbare Offenbarung Gottes verstanden, sondern als fehlbares Menschenwort mit geistlichem Gehalt, ergeben sich neue Deutungen nahezu zwangsläufig.[9] In der Folge bestimmt nicht mehr der Text den Leser, sondern der Leser den Text.

Zweitens geht es um das Gottesbild. Viele neuere Ansätze sprechen gern von Gottes Weite, Offenheit, Parteilichkeit oder Überraschungskraft. Das klingt zunächst fromm. Problematisch wird es dort, wo Gottes Heiligkeit, Zorn, Gericht und Exklusivität in den Hintergrund treten. Dann entsteht ein Gott, der kaum noch richtet, kaum noch trennt, kaum noch widerspricht und kaum noch erschreckt. Ein solcher Gott ist für die spätmoderne Seele leichter erträglich. Aber er ist nicht der Gott der Schrift. Der Gott der Bibel ist Liebe, ja (1Joh 4,8). Aber seine Liebe ist heilig, denn er selbst ist heilig (Jes 6,3; 1Petr 1,15–16). Er ist geduldig und voller Langmut (2Petr 3,9), aber nicht gleichgültig gegenüber Sünde und Schuld (Hab 1,13; Röm 1,18). Er ist barmherzig und gnädig (Ps 103,8; Eph 2,4–5), aber nicht formbar nach menschlichen Vorstellungen, denn: „Ich, der HERR, verändere mich nicht“ (Mal 3,6; vgl. Hebr 13,8). Er ist langmütig (2Mo 34,6), aber nicht harmlos, denn „unser Gott ist ein verzehrendes Feuer“ (Hebr 12,29; vgl. Nah 1,2–3). Gerade darin liegt seine Herrlichkeit: vollkommene Liebe und vollkommene Heiligkeit zugleich.

Drittens geht es um das Menschenbild. In vielen modernen Entwürfen erscheint der Mensch weniger als Rebell gegen Gott und stärker als verletztes, suchendes, oft missverstandenes Wesen. Auch darin liegt ein Körnchen Wahrheit. Der Mensch ist verwundet. Er ist gefallen. Er leidet. Aber die Schrift geht tiefer. Sie lehrt, dass der Mensch nicht nur Opfer, sondern Täter ist (Röm 3,10–18). Nicht nur verletzt, sondern schuldig vor dem heiligen Gott (Ps 51,6; Röm 3,23). Nicht nur orientierungslos suchend, sondern „tot in Übertretungen und Sünden“ (Eph 2,1–3). Die Schrift beschreibt den Menschen nicht als moralisch neutral, sondern als von der Sünde verdorben und dem Gericht Gottes verfallen (Röm 5,12; Joh 3,36). Wird diese Diagnose abgeschwächt, verliert notwendig auch das Evangelium seine Schärfe. Denn wo Sünde nur noch als Verletzung verstanden wird, wird Christus nicht mehr als stellvertretender Erlöser benötigt, sondern lediglich als Helfer zur Selbstfindung. Damit wird nicht nur das Menschenbild verändert, sondern auch die Bedeutung von Kreuz, Buße und Gnade.

Viertens geht es um das Kreuz. Hier entscheidet sich alles. Wo das Kreuz nicht mehr als stellvertretendes Sühnopfer für die Schuld des Sünders vor dem heiligen Gott verstanden wird, verliert das Evangelium seine Mitte[10]. Dann wird das Kreuz zu einem Symbol für Mit-Leiden, für Solidarität mit den Unterdrückten, für Protest gegen Gewalt oder für die Entlarvung religiöser Machtmechanismen. Diese Aspekte können im weiteren Sinn mitbedacht werden. Aber sie dürfen nie die Hauptsache verdrängen. Christus ist „für unsere Sünden gestorben nach der Schrift“ (1Kor 15,3). Er hat am Kreuz den gerechten Zorn Gottes über die Sünde getragen (Jes 53,4–6; Röm 3,25; Gal 3,13). Er wurde „zur Sünde gemacht“, damit Sünder vor Gott gerechtfertigt werden können (2Kor 5,21). Durch sein Blut hat er Schuld gesühnt und Frieden mit Gott geschaffen (Kol 1,20; Hebr 9,26; 1Petr 2,24). Er starb nicht lediglich als moralisches Vorbild oder Zeichen göttlicher Solidarität, sondern als stellvertretendes Opfer für Schuldige (Mk 10,45). Wer diese Mitte relativiert, verändert deshalb nicht ein Randthema, sondern das Evangelium selbst (Gal 1,6–9).

Schließlich steht die Frage nach der Wahrheit im Zentrum. Die postmoderne Grundhaltung begegnet verbindlichen Wahrheitsansprüchen mit grundsätzlichem Misstrauen. Diese Prägung wirkt zunehmend auch in theologischen Modellen. Dogmatische Klarheit wird dabei schnell als unangemessen oder einengend bewertet, während Offenheit und Ambiguität als Ausdruck besonderer Demut gelten. Das Neue Testament zeichnet jedoch ein anderes Bild. Es kennt geistliches Wachstum und unterschiedliche Reifestufen[11], verbindet diese aber durchgängig mit verbindlicher Lehre und klaren inhaltlichen Aussagen. Paulus ruft zur Standhaftigkeit auf, Johannes stellt die Wahrheit ins Zentrum, und Judas fordert dazu auf, für den ein für alle Mal überlieferten Glauben einzutreten.[12]

Die eigentliche Gefahr: Rückzug statt Prüfung

Christen reagieren auf diese Entwicklungen oft auf zwei falsche Arten. Die einen übernehmen neue Begriffe und Denkmodelle vorschnell, ohne ihre theologischen Voraussetzungen zu prüfen. So wird etwa ständig von „Dekonstruktion“, „toxischer Frömmigkeit“, „Safe Spaces“ oder „Selbstannahme“ gesprochen, ohne noch klar zu definieren, was biblisch damit gemeint ist und wo psychologische oder ideologische Konzepte das Menschenbild der Schrift verdrängen. Die anderen ziehen sich vollständig aus solchen Debatten zurück und halten bereits die Nichtbefassung für geistliche Treue. Man liest dann bewusst nichts mehr außerhalb der eigenen Blase, vermeidet jede Auseinandersetzung mit aktuellen Entwicklungen und überlässt die Diskussionen anderen. Beide Wege greifen zu kurz. Der eine verliert schleichend an theologischer Klarheit, der andere an Urteilsfähigkeit und apologetischer Standfestigkeit (vgl. Eph 4,14; Hebr 5,14).

Rückzug ist keine geistliche Reife. Wer die Debatte scheut, wird von ihr trotzdem eingeholt. Die Einflüsse kommen längst nicht mehr nur über akademische Bücher. Sie kommen durch Kurzvideos, Konferenzen, Lobpreis- und Predigtkultur, Seelsorgebegriffe, Bibellesehilfen und populäre Autoren. Wer hier nicht unterscheiden lernt, wird von Begriffen geprägt, deren Voraussetzungen er nie geprüft hat.

Und genau darum ist die neue Theophobie so gefährlich. Sie tarnt sich als Schutz, ist aber in Wahrheit Schwäche. Sie sagt: Lieber nicht zu genau hinsehen, sonst kommt Unruhe auf. Sie wertete Lehre zugunsten von Liebe ab. Doch genau das ist kein biblischer Weg. Das Neue Testament ruft nie zu geistlicher Blindheit auf. Es fordert Prüfung. Prüft alles, das Gute haltet fest, um das Böse zu meiden! Diese Aufforderung aus 1. Thessalonicher 5,21f ist kein Freibrief für Neugier ohne Grenzen, aber sehr wohl ein Auftrag zur Unterscheidung. Ebenso mahnt 1. Johannes 4,1: Prüft die Geister, ob sie aus Gott sind. Titus 1 und Galater 1 zeigen, dass falsche Lehre nicht ignoriert, sondern benannt und zurückgewiesen werden muss. Dabei geht es nicht um Streitlust, wie Konservativen oftmals von Liberalen vorgeworfen wird. Vielmehr geht es um Hirten- bzw. Leitungsverantwortung. Wenn Gemeinden nicht mehr klar benennen können, wo das Evangelium verdunkelt wird, verlieren sie ihre Schutzfunktion. Wenn Leiter nur noch moderieren, aber nicht mehr unterscheiden, lassen sie die Herde allein. Wenn Christen jede klare Lehre sofort für lieblos halten, haben sie bereits ein fremdes Kriterium übernommen.

Der Weg nach vorn: Klarheit und Reife

Was ist also nötig? Wie so oft, gibt es nichts Neues unter der Sonne. Zuerst wäre da eine tiefe Rückkehr zur Schrift zu nennen. Nicht bloß als Schlagwort, sondern als tiefe und echte Überzeugung. Die Bibel ist nicht Material für fromme Gespräche, sondern Gottes autoritative Selbstoffenbarung. Sie steht über unseren Gefühlen, unseren kulturellen Reflexen und unseren theologischen Modellen. Nur wo die Schrift wirklich norma normans bleibt, bleibt die Gemeinde vor Verwirrung bewahrt. Wie es bereits die Verfasser der Chicago-Erklärung betonten, erfordert die Rückkehr zur Schrift eine grammatisch-historische Auslegung. Das bedeutet, den ursprünglichen Sinn des Textes im jeweiligen Kontext, in seiner heilsgeschichtlichen Einordnung und im Zusammenhang der gesamten Offenbarung zu erfassen. Der kulturelle Hintergrund dient dabei dem besseren Verständnis, darf jedoch nicht zur Relativierung oder Auflösung des Textes führen. Die Schrift beschreibt nicht lediglich vergangene Religiosität, sondern offenbart bleibende, verbindliche Wahrheit.

Zweitens braucht es theologische Klarheit. Nicht jede Frage ist gleich zentral. Es gibt Randfragen und Gewissensfragen. Aber es gibt auch Kernfragen, an denen der Glaube steht oder fällt: Schriftverständnis, Gottesbild, Person Christi, Sünde, Kreuz, Auferstehung, Gericht, Heil.[13] Hier darf keine künstliche Unschärfe herrschen. Liebe zur Wahrheit zeigt sich gerade darin, dass man zentrale Dinge nicht vernebelt.

Drittens braucht es geistliche Reife. Sie zeigt sich nicht darin, möglichst alles offenzuhalten oder jede Position gleichermaßen gelten zu lassen. Geistliche Mündigkeit wächst vielmehr dort, wo ein Christ unterscheiden lernt, ohne dabei hart oder selbstgerecht zu werden. Sie befähigt dazu, klar Stellung zu beziehen, ohne in Überheblichkeit abzurutschen, und Irrtum zu benennen, ohne polemisch oder verletzend zu reagieren. Ein reifer Christ ist weder naiv noch von Angst bestimmt. Er hört aufmerksam zu, prüft sorgfältig und gelangt zu einem Urteil, das nicht vom Zeitgeist, sondern vom Wort Gottes geprägt ist.[14]

Viertens braucht es eine nüchterne Auseinandersetzung mit echten Missständen im konservativen Lager. Es wäre zu billig, jede neue Entwicklung nur deshalb abzulehnen, weil sie neu ist. Manches gewinnt ja gerade deshalb Resonanz, weil es auf reale Defizite reagiert: geistliche Kälte, fromme Oberflächlichkeit, moralistische Verkürzung, mangelnde Seelsorge, fehlende Leidensfähigkeit, ungenaue Verkündigung. Diese Defizite müssen benannt und bereinigt werden. Aber ihre Korrektur darf nicht auf Kosten der Wahrheit geschehen. Missbrauch heiligt keine falsche Gegenreaktion.

Zuletzt braucht es Christuszentrierung. Denn das Gegenmittel gegen Verwirrung ist nicht bloß eine bessere Abwehrstrategie, sondern eine tiefere Bindung an Christus. Wer ihn aus der Schrift kennt, wer seine Herrlichkeit sieht, wer seine Heiligkeit ernst nimmt, wer sein Kreuz versteht und seine Worte liebt, wird nicht so leicht von smarten Gegenentwürfen mitgerissen. Dabei ist es nicht intellektuelle Schärfe allein, die die Gemeinde und Christenheit bewahrt, sondern die göttliche Wahrheit in Gemeinschaft mit dem Herrn Jesus.

Die richtige „Theophobie“

Aufgrund dieser neuen Theologien lautet die entscheidende Frage also nicht, ob Christen denken, fragen und ringen dürfen. Nein, natürlich dürfen  und müssen sie das. Denn jede Generation steht neu in der Verantwortung, den Glauben zu durchdenken, zu klären und verbindlich zu formulieren. Dabei gilt, dass der Glaube ehrliche Fragen nicht fürchtet. Doch er überlebt nur dort gesund, wo die Fragen unter der Autorität der biblischen Offenbarung gestellt werden. Es ist nicht unser Denken, das über Gott richtet, sondern allein Gottes Wort, das unser Denken richtet.

Darum muss die gegenwärtige Theophobie entlarvt werden. Es ist kein Zeichen von Treue, neue theologische Entwicklungen einfach zu ignorieren. Ebenso ist es kein Zeichen von Reife, jede Neuerung als Bereicherung zu feiern. Beides verfehlt den Auftrag der Gläubigen. Christen sind vielmehr dazu berufen, wachsam zu sein[15]. Sie sollen prüfen, unterscheiden, festhalten. Sie sollen nicht kindlich hin- und hergeworfen werden von jedem Wind der Lehre, sondern in Christus gegründet sein.[16]

Die aktuelle Debatte in der theologischen Landschaft verlangt weder ängstliche Abschottung noch offene Beliebigkeit. Sie verlangt nüchterne Klarheit, die auf Gottes alleiniger Wahrheit gegründet ist. Sie verlangt Männer und Frauen, die Gottes Wort kennen, theologische Bewegungen durchschauen und der Gemeinschaft der Gläubigen Orientierung geben können. Sie verlangt Hirten, die schützen, Lehrer, die sauber unterscheiden, und Christen, die im Wort fest werden.

Die Gemeinde Jesu braucht nicht weniger Wahrheit, sondern mehr. Nicht weniger Schrift, sondern mehr. Nicht weniger Furcht des Herrn, sondern mehr. Denn am Ende ist es nicht die smarte Theologie die trägt, sondern das unveränderliche Wort des lebendigen Gottes. Wer daran festhält, verliert nicht die Weite des Denkens, sondern gewinnt festen Boden unter den Füßen. Und genau das braucht die Gemeinde Jesu in einer Zeit, in der vieles klug klingt, aber nicht alles wahr ist. Wir brauchen also nicht Theophobie, sondern Theologie: ein Glaube, der sich dem Wort Gottes aussetzt, von ihm korrigieren lässt und darin feste Gewissheit findet. [17]

Henrik Mohn ist Lehrer, Autor und bloggt auf lesendglauben.de.


[1] Der Artikel greift in Teilen auf Inhalte von Roland Hardmeier, „Kirche im postkonfessionellen Umfeld“, zurück, abrufbar unter: https://danieloption.ch/theologie/progressive-theologie/kirche-im-postkonfessionellen-umfeld/ (zuletzt aufgerufen am 26.03.2026).

[2] Die beschriebenen Entwicklungen werden häufig unter Begriffen wie ‚postevangelikal‘ oder teilweise auch ‚liberale Theologie‘ diskutiert. Gemeint sind Ansätze, die traditionelle evangelikale Positionen – besonders hinsichtlich Schriftverständnis, Wahrheit, Offenbarung und Ethik – stärker pluralisieren, kontextualisieren oder neu interpretieren.

[3] Hilfreich können hierbei bibeltreue Studienbibeln sein, etwa die John MacArthur Studienbibel, die Reformations-Studienbibel, die Elberfelder Studienbibel oder die Luther Studienbibel; im englischsprachigen Raum etwa die NIV Biblical Theology Study Bible oder auch die ESV Study Bible.

[4] Zur Vertiefung: Dekonstruktion: Warum wir theologische Kriterien brauchen (zuletzt aufgerufen am 10.05.2026).

[5] Vgl. u. a. Ps 51,6; Jes 53,5–6; Mk 7,20–23; Röm 1,18–3,23; Röm 5,12; Röm 6,23; 2Kor 5,21; Gal 3,13; Eph 2,1–3; 1Petr 2,24.

[6] Zur Vertiefung: Das Evangelium und unser Schamproblem! Eine Antwort an ‚Boppi‘ Boppart (zuletzt aufgerufen am 10.05.2026).

[7] Zur Vertiefung: Warum es auch heute noch vernünftig ist der Bibel zu vertrauen – Netzwerk Bibel und Bekenntnis (zuletzt aufgerufen am 10.05.2026).

[8] Vgl. hierzu die „Chicago-Erklärung zur Irrtumslosigkeit der Bibel“, abrufbar unter: https://bibelbund.de/der-bibelbund/uber-uns/bekenntnis/chicago-erklaerung-zur-irrtumslosigkeit-der-bibel/ (zuletzt aufgerufen am 26.03.2026).

[9] Vgl. Markus Till, „Was unterscheidet evangelikale Theologie von postevangelikaler und progressiver Theologie?“, abrufbar unter: https://blog.aigg.de/was-unterscheidet-evangelikale-theologie-von-postevangelikaler-und-progressiver-theologie/ (zuletzt aufgerufen am 26.03.2026).

[10] Vgl. Markus Till, „10 Gründe, warum es auch heute noch vernünftig ist, der Bibel zu vertrauen“, abrufbar unter: https://blog.aigg.de/10-gruende-warum-es-auch-heute-noch-vernuenftig-ist-der-bibel-zu-vertrauen/ (zuletzt aufgerufen am 26.03.2026).

[11] Vgl. Eph 4,13–15; Hebr 5,12–14; 1Petr 2,2.

[12] Vgl. 2Tim 1,13; Tit 1,9; 2Joh 9–10; Jud 3.

[13] Vgl. Friedhelm Jung, Rezension zu Henrik Mohn, Anker werfen. Glaubensfundamente wiederentdecken, ISBN 978-3-95790-090-6, 112 S., 17 × 24 cm, 7,95 €: Das Werk wird als „Mini-Dogmatik mit apologetischer Akzentuierung“ beschrieben und sowohl für das Eigenstudium als auch für Bibelstudiengruppen empfohlen.

[14] Vgl. hierzu u. a. Konferenzen und Netzwerke wie Jesus25/27 sowie Initiativen wie Bibel und Bekenntnis, Evangelium21, der Maleachikreis und DanielOption, die zur theologischen Orientierung beitragen.

[15] Vgl. 1Petr 5,8; Mt 24,42; Kol 4,2; Apg 20,31.

[16] Vgl. Eph 4,14–15.

[17] Die stilistische Überarbeitung dieses Textes erfolgte unter Zuhilfenahme von ChatGPT Instant.

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