Jubilate! Endlich…

Jubilate! Endlich…

Endlich… diskutieren wir wieder mit offener Bibel!

Es ist immer wieder das Gleiche: Jeder geistliche Aufbruch wird begleitet von großen Diskussionen um die Heilige Schrift. Das sehen wir schon in der Bibel selbst: Die Erneuerungsbewegung unter König Josia begann damit, dass die Schrift wiederentdeckt und intensiv gelesen wurde (2. Könige 22). Jesus liebte es von Jugend auf, mit den Schriftgelehrten über die Schrift zu diskutieren (Lukas 12, 46-47). In seinen Auseinandersetzungen sagte er immer wieder: „Habt ihr nicht gelesen?“ Selbst dem Teufel trat er entgegen mit den Worten: „Es steht geschrieben…“ Und auch bei seinem heißen Konflikt im Tempel stellte er ein Schriftwort in den Mittelpunkt: „Es steht geschrieben (Jesaja 56,7): »Mein Haus soll ein Bethaus heißen«.“

Die Bekämpfung und Widerlegung von Fehlentwicklungen auf Basis der Schrift war in den apostolischen Briefen des Neuen Testaments ein wichtiges und immer wiederkehrendes Thema. Nicht anders war es in den großen geistlichen Aufbrüchen der Kirchengeschichte. Unsere kostbaren kirchlichen Bekenntnisse waren Ergebnisse von intensivem Ringen um die biblische Wahrheit. Am deutlichsten sehen wir das wohl in der Reformation, in der das Prinzip „Allein die Schrift“ im Mittelpunkt stand. Luther wollte, dass die Schrift regiert! Nur auf ihrer Basis konnte verbindlich theologisch argumentiert werden. Das entthronte all diejenigen, die ihre theologische Autorität primär aus ihrem Amt oder ihrem Herrschaftswissen bezogen. Vollends zur Revolution wurde die Reformation deshalb, als sie die Bibel dem einfachen Volk in die Hand gab, dem Bauer im Schwarzwald und dem Handwerker auf der schwäbischen Alb.

Ohne Frage: Die Menschen haben auch viel Unsinn mit der Bibel angestellt. Und doch ist unter dem Strich ungeheuer viel Frucht daraus entstanden. Ein wunderbares Beispiel dafür ist die pietistische Erweckungsbewegung. Die Pietisten setzten durch, dass Laien die Bibel nicht nur lesen sondern auch öffentlich auslegen dürfen. Vielen Mächtigen hat das gar nicht gepasst. Aber bis heute profitiert mein Schwabenland vom Wirken der mutigen pietistischen Prediger und ihrer Liebe zur Heiligen Schrift. Vor einigen Jahren durfte ich in meiner evangelischen Gemeinde selbst eine kleine Erweckung miterleben. Noch heute sehe ich vor mir, wie wir die Bibel offen vor uns liegen und uns darüber die Köpfe heiß geredet hatten. Es war eine wundervolle, fruchtbare Zeit.

Deshalb bin ich begeistert, wenn ich sehe, dass es wieder losgeht: Diskussionen und Auseinandersetzungen, die mit geöffneter Bibel geführt werden! Gespräche, in denen nicht primär gefragt wird: Welches Konzept, welche Strategie und welche theologische Mode kann uns retten? Sondern vielmehr: Was sagt die Schrift? Was haben die Apostel und Propheten wirklich ins Stammbuch der Kirche geschrieben? Welche Auslegung erweist sich als schriftgemäß und fruchtbar für das Leben der Christen und für das Gedeihen der Kirche?

Machen wir uns nichts vor: Dieses Ringen um die biblische Botschaft ist nicht immer angenehm. Ich lese viel lieber, wie Jesus die Kinder segnet statt wie er die Händler im Tempel auspeitscht. Ich lese bei Paulus lieber sein Hohelied der Liebe statt seinen „Fluch“ über die Verbreiter eines falschen Evangeliums (Galater 1, 8). Es schmerzt mich, welch hohen Preis viele Menschen in der Kirchengeschichte dafür bezahlt haben, öffentlich für ihre Schrifterkenntnis einzustehen. Für Martin Luther war es lebensgefährlich. Zahllose andere haben mit tatsächlich mit Unterdrückung, Vertreibung und ihrem Leben dafür bezahlt.

Dröhnendes Schweigen

Traurig ist, dass wir diese Schriftdiskussionen deshalb so oft meiden. Bei zentralen theologischen Fragen vernehme ich weit überwiegend dröhnendes Schweigen in meiner Kirche. Schon klar: Wir Christen sollen Friedensstifter sein. Dazu scheint das theologische Diskutieren und Kritisieren nicht zu passen. Aber dürfen wir unser Schweigen wirklich so geistlich verklären? In der Bibel war das Friedenstiften und das unruhestiftende Einstehen für die Wahrheit nie ein Gegensatz. Ich fürchte deshalb, dass es oft gar nicht an unserer Friedensliebe liegt, dass es so wenig Dispute und Diskussionen in der Kirche gibt. An mir selbst beobachte ich, dass das auch ganz viel mit Menschenfurcht zu tun hat. Und nur so kann ich mir erklären, warum in meiner Kirche Kritik an der Bibel zwar kräftig betrieben, Kritik an Auslegern der Bibel aber weitestgehend vermieden wird.

Eine überraschende Wendung

Im letzten Jahr ist etwas völlig überraschendes in meinem Leben passiert. Ich dachte immer, mein Fokus würde dauerhaft auf Lobpreis, Lehre, dem AiGG-Glaubenskurs und Gebet liegen. Doch plötzlich finde ich mich inmitten von heißen Debatten über die Bibel wieder. Zuerst diese Einladung zum christlichen Podcast Hossa-Talk, dann die Diskussion mit Prof. Dietz in idea. Zuletzt haben die 3 Frontleute von Hossa-Talk zusammen mit dem emeritierten Theologieprofessor Siegfried Zimmer geschlagene 2 Stunden speziell über mich und meine Thesen gesprochen. Unglaublich!

Klar, das ist nicht nur angenehm. In den Nächten nach der Veröffentlichung dieses Zimmer-Hossa-Talks war mein Schlaf nicht ganz so gut wie sonst. Aber je länger ich darüber bete und nachdenke glaube ich, dass diese Diskussionen wirklich ein Grund sind zu sagen: Jubilate! Jauchzt und jubelt! Denn Debatten dieser Art haben jeden geistlichen Aufbruch begleitet. Und so wird es auch beim kommenden geistlichen Aufbruch sein. Und was braucht unser Land dringender als einen neuen, tiefgreifenden geistlichen Aufbruch?

Endlich… reden wir über die Dinge, die wirklich wichtig sind: Bibelverständnis, Christus, Kreuz und Auferstehung!

Kultur, Soziologie, Politik, Umwelt, Säkularisierung, interreligiöser Dialog: So viele Themen, die meine Kirche beschäftigt, finde ich auffallend selten in der Bibel. Selbst die ethischen Fragen, an denen sich der Streit unter Christen oft entzündet, sind der Bibel zwar durchaus wichtig – aber sie stehen nicht im Mittelpunkt. Im Zentrum der Bibel steht vielmehr: Christus, das Kreuz und die Auferstehung. Und die einzige Informationsquelle über diese Themen ist die Bibel selbst. Die Frage nach dem Bibelverständnis ist deshalb ebenso grundlegend.

Ich bin ehrlich überzeugt: So wichtig Fragen nach Strukturen, Gottesdienstkultur oder Ethik sind, so sehr ich für Fortschritte bei Digitalisierung und christlichem Engagement in der Politik bin – die Zukunft der Kirche wird sich daran nicht entscheiden. Aber bei Bibelverständnis, Christologie, Kreuzesverständnis und Auferstehung geht es um das Innerste vom Inneren der Kirche. HIER liegt das Herz des Evangeliums. Gute Theologie allein macht die Kirche zwar noch nicht gesund – aber ohne gute Lehre bei den zentralen Themen des Glaubens kann keine Kirche von innen heraus gesunden. Jede Modernisierung der Kirche bleibt ohne gute und gesunde Lehre nur Fassade und vergebliche Liebesmüh.

Warum die Debatte oft anstrengend ist

Deshalb ist es eine großartige Nachricht, dass wir uns endlich Zeit nehmen, über genau diese Punkte miteinander zu sprechen! Allerdings müssen wir uns bewusst machen: Diese Diskussion kann anstrengend sein. Das hat verschiedene Ursachen:

  • Es sind jede Menge Vorurteile und Klischees im Spiel.
  • Es sind jede Menge Emotionen und Verletzungen im Spiel.
  • Es sind jede Menge Ängste im Spiel.

Dazu kommt: Es ist nicht die Ausnahme sondern eher die Regel, dass identische Begriffe von verschiedenen Leuten völlig unterschiedlich gefüllt werden: „Sühneopfer“, „Gottes Wort“, „Auferstehung“, „Verlässlichkeit der Bibel“, „Christus allein“, „christliche Freiheit“, „Weltgericht“, „Messias“, „Bibelkritik“, “Geistesfülle”: Die Liste der komplett verschieden gefüllten Begriffshülsen ließe sich noch lange fortsetzen. Gerade die kirchliche Theologie ist oft ein Meister darin, an den alten Begriffen festzuhalten, obwohl der Inhalt inzwischen ein völlig anderer ist. Besonders wild wird es bei den „Schubladenbegriffen“: „Liberale“, „Progressive“, „Konservative“, „Evangelikale“, „Fundamentalisten“: Bei keinem dieser Begriffe, ohne die wir für die Verständigung nun einmal leider nicht auskommen, gibt es gängige Definitionen, an die sich alle halten.  So kommt es, dass unterschiedliche Personen mit annähernd gleichlautenden Sätzen völlig unterschiedliche Dinge meinen können. Missverständnisse sind da natürlich vorprogrammiert.

In dieser hochsensiblen Gemengelage ist es nicht verwunderlich, dass die seltenen Stellungnahmen von Funktionsträgern zu zentralen theologischen Themen oft so vorsichtig abwägend oder gar verschwurbelt klingen, dass sich zwar kaum jemand daran stört – aber es interessiert sich auch kaum jemand dafür. Dabei zeigen Untersuchungen zum Kirchenaustrittsverhalten: Die großen Kirchen leiden nicht daran, dass die Menschen ihre Positionen falsch finden sondern dass sie ihre Position für irrelevant halten. In dieser Situation wäre es so wichtig, dass Klartext geredet wird! Solange alles gleich gültig ist, ist alles gleichgültig. Die Kirche Jesu braucht klare Standpunkte, die sie verständlich kommunizieren kann.

Deshalb MÜSSEN wir Fragen wie diese gründlich miteinander besprechen:

  • Ist Jesus leiblich auferstanden? War das Grab leer oder nicht?
  • Hatte der Tod Jesu eine Heilsbedeutung? Wenn ja: Hatte er nur für uns Menschen eine Bedeutung oder auch für Gott?
  • War Jesus der, den die Evangelien beschreiben? Hielt er sich selbst für den Messias oder nicht? Stammen die biblischen Jesuszitate von Jesus oder wurden ihm einige nachträglich in den Mund gelegt?
  • Enthält die Bibel primär Theologie oder Berichte vom heilsgeschichtlichen Handeln Gottes mit den Menschen? Sind die historisch gemeinten Erzählungen der Bibel tatsächlich passiert oder nicht?
  • Enthält die Bibel nur Wort Gottes, so dass wir zwischen Gottes- und Menschenwort unterscheiden müssen? Oder ist sie insgesamt verlässliches Gotteswort, so dass wir „nur“ um die rechte Auslegung ringen müssen?
  • Ist die Bibel eine Einheit mit sich gegenseitig ergänzenden Polen oder ist sie theologisch widersprüchlich?
  • Ist die Bibel in ihren wesentlichen Aussagen klar oder ist sie uns durch die zeitliche und kulturelle Distanz so fremd, dass sie nur mit bibelwissenschaftlichen Methoden verständlich wird?

Manche dieser Fragen mögen sich auf den ersten Blick zweitrangig oder gar nach Wortklauberei anhören. Aber gerade in den letzten Monaten wurde mir überdeutlich: In der Praxis hat jede dieser Fragen gewaltige Konsequenzen. Die Antworten entscheiden grundlegend über die Ausrichtung unserer Gemeindearbeit. Im Artikel „Das Kreuz – Stolperstein der Theologie“ habe ich das am Beispiel der Bedeutung des Sühneopfers beispielhaft nachgezeichnet.

Deshalb sage ich: Jubilate! Wie gut, dass wir diese allerzentralsten Fragen miteinander anpacken, auch wenn es anstrengend und herausfordernd ist! Der AiGG-Blog wird sich dieser Aufgabe weiterhin intensiv widmen. Je tiefer man in den Dialog einsteigt, umso mehr lernt man dazu – sowohl inhaltlich als auch in Bezug auf die Art des Diskutierens:

Endlich… lernen wir, wie man streiten und sich dennoch lieben kann!

Debatten kosten Zeit, Kraft und oft auch Nerven. Wenn es schlecht läuft können sie an unserer Ausstrahlung als Kirche und Gemeinde zehren. Ich bin froh und dankbar, dass Martin Luther sein Schriftverständnis durchgefochten hat, auch wenn das harte Konflikte zur Folge hatte. Manchmal lässt sich das nicht vermeiden. Manchmal werden solche Diskussionen aber auch völlig unnötig destruktiv.

In den letzten Monaten habe ich Beispiele erlebt, wie Dialog richtig gut funktionieren kann. Bei meinem „Hossa-Talk“ war große Sympathie im Raum – obwohl wir uns bei vielen Streitpunkten überhaupt nicht einigen konnten. Auch das Gespräch mit Prof. Dietz empfand ich trotz der unterschiedlichen Meinungen als sehr positiv. In beiden Fällen galt: Wir sind beim Diskutieren konsequent bei der Sache geblieben und nicht auf den anderen Menschen losgegangen. Es ging niemals um den Charakter oder die Herzenshaltung des Anderen. Es wurde kein dunkles Motiv, böse Strategie oder Hidden Agenda unterstellt. Wir haben einander nicht benotet, keine „Ideologie“ vermutet, uns nicht in Klischees eingesperrt und keine Strohmannargumente vorgeschoben. Großartig! So muss das sein.

Bereit sein zum persönlichen Gespräch

Ich glaube, dieser Erfolg hatte einen wichtigen Hintergrund: Wir waren alle bereit zum persönlichen Gespräch. Ich hatte im Vorfeld dieser öffentlichen Diskussionen sowohl mit Jay von Hossa Talk als auch mit Thorsten Dietz ausführlichen persönlichen Mailverkehr. Da konnten wir vieles ansprechen. Auch das, was uns nervt oder ärgert am Anderen. Ich musste mich auch mal entschuldigen und mein Diskussionsverhalten korrigieren. Verletzende Missverständnisse konnten wir im Vorfeld ausräumen. Deshalb bin ich mit großem Frieden in diese öffentlichen Gespräche gegangen, denn ich war mir sicher: Es wird um die Sache gehen, nicht um Persönliches. Ich finde: Diesen Frieden merkt man den Gesprächen an.

Vor dem Hossa-Talk mit Prof. Zimmer wurde ich angefragt, mit dabei zu sein und mitzudiskutieren. Das hat bei mir zwiespältige Gefühle ausgelöst. Ich hatte noch nie persönlichen Kontakt mit Herrn Zimmer. Da konnte noch kein Vertrauen wachsen zwischen uns. Ich habe deshalb geantwortet, dass ich mir zuerst ein persönliches Gespräch wünsche, bevor wir öffentlich diskutieren, weil ich die Gefahr sehe, dass die Gesprächsatmosphäre sonst weniger friedvoll, respektvoll und sachlich werden könnte als in den vorherigen Gesprächen. Das wäre dann für alle schädlich. Schade, dass ich dazu keine Antwort bekommen habe. Einige Passagen in dem Hossa-Talk mit Siegfried Zimmer bestärken mich in meinem Eindruck, dass ein vorheriges persönliches Gespräch besser gewesen wäre.

Die Motivation prüfen

Noch etwas wurde mir wichtig im letzten Jahr: Bevor ich mich öffentlich äußere muss ich zuerst in einen persönlichen Frieden finden. Zuerst den Menschen vergeben, von denen man sich verletzt fühlt. Zuerst sich füllen lassen mit der Gnade Gottes, aus der ich selber lebe, damit ich auch Gnade für andere habe. Zuerst Zuversicht und damit auch Gelassenheit tanken, weil Gott am Ende doch alles unter Kontrolle hat. Zuerst klären: Warum will ich das jetzt sagen? Will ich mich rechtfertigen? Oder lasse ich Gott mein Anwalt sein? Geht es um mein Ansehen und mein Rechthaben? Oder geht es um Gottes Ehre, um sein Reich und um das Wohl der Menschen, die Gott liebt? Das gelingt mir leider nicht immer – aber ich versuche, daran zu arbeiten.

Namen nennen – im geeigneten Rahmen!

In meiner Gemeinde habe ich erlebt, wie sehr die Atmosphäre vergiftet wird, wenn Leute sagen: „Vielen Leuten missfällt, dass Du…“ Solche unspezifischen Aussagen erzeugen Verunsicherung. Wer ist da alles unzufrieden mit mir? Wem kann ich jetzt überhaupt noch unbelastet begegnen? Viel besser erscheint es mir deshalb, konkret zu werden: Wer genau denkt schlecht über mich? Nur dann gibt es die Chance, die Dinge gezielt anzusprechen und auszuräumen.

Dialog und Gespräch funktioniert nun einmal grundsätzlich nur mit konkreten Personen. Das gilt ganz besonders für theologische Debatten. Wer ist gemeint, wenn sich jemand über „Fundamentalismus“ beklagt? Wem wird genau unterstellt, dass die Bibel vergöttlicht wird oder dass ein islamisches Schriftverständnis vorherrscht? Bei welchen Leuten empfindet man Verstandes- und Wissenschaftsfeindlichkeit oder eine Angst- und Abschottungsmentalität? Betrifft das nur ein paar wenige Sondergruppen? Oder die ganze evangelikale Bewegung?

Ich bin deshalb mehr denn je dafür, im geeigneten Rahmen konkret zu werden und in Debatten auch Namen zu nennen. In jeder theologischen Arbeit ist das ja vollkommen normal. Wenn ich mich abgrenze von der Theologie Bultmanns ist das viel konkreter als wenn ich mich allgemein von liberaler Theologie abgrenze – zumal nach bestimmten Definitionen Bultmann gar nicht als liberaler Theologe gilt! Natürlich muss es bei solch einer Abgrenzung um die Sachpositionen Bultmanns gehen, nicht um den Menschen Bultmann. Nur so kommen wir in der Debatte voran.

Einander loslassen!

Und noch ein Prinzip ist mir wichtig geworden: Wir müssen einander freigeben. Nicht jeder muss so denken und so unterwegs sein wie ich. Manchmal war auch bei den biblischen Protagonisten eine Trennung der beste Weg (Apg. 15, 36ff.). Das hat auch mit Respekt zu tun vor der anderen Meinung und dem Weg, den Gott den Anderen führen kann. Das Ziel unserer Debatten sollte deshalb immer sein: Einheit, wo immer möglich. Aber wo das nicht geht, sollten wir das nicht übertünchen. Erst recht sollten wir andere nicht bedrängen oder unter Druck setzen. Viel besser ist eine geklärte, wenn möglich versöhnte Verschiedenheit, in der wir uns einander die Freiheit zugestehen, unterschiedliche Wege zu gehen. Es darf doch verschieden geprägte Denominationen geben. In den großen Kirchen darf es doch auch verschiedene Richtungsgemeinden mit unterschiedlicher Ausrichtung. Wenn es an den Universitäten so gut wie keine evangelikalen Theologen gibt (wie Siegfried Zimmer im Hossa-Talk berichtet), dann freue ich mich sehr darüber, dass es Ausbildungsstätten gibt, die einen konsequent evangelikalen Weg gehen. Mich macht es traurig, wenn man ihnen unterstellt, dass sie von Abgrenzung und der Kritik an anderen leben.

Wie gut, dass wir trotz aller notwendigen sachlichen Auseinandersetzung das persönliche Urteil über andere Menschen, Gruppen, Gemeinden und Bewegung getrost Gott überlassen können. Wie gut, dass wir lernen können, wie man streiten und sich dennoch lieben kann (wie es Manfred Siebald so schön formuliert hat). Wie gut, dass wir uns manchmal auch freigeben können für unterschiedliche Wege. Jubilate! Jauchzt und Jubelt!

11 Gedanken zu “Jubilate! Endlich…

  1. llo Markus,

    schön, dass es dir so wichtig ist im Gespräch zu bleiben. Da zu diesem Siggi und du anscheinend doch auch bereit seid, dürfte diesem ja nichts mehr im Wege stehen. Probiere es einfach nochmal mit einer Anfrage. Es war sicher nur ein Hoppala, dass deine Mail unterging.
    Ich finde, dass es bei deinem aufrichtigen Wunsch über den Inhalt der Bibel zu diskutieren und deine Hoffnung, dass dies zu einem Aufbruch führe, nicht nur darum gehen sollte, dass unterschiedliche und eingefleischte Bibelinterpreten neu um die Wahrheit ringen, sondern dass Menschen neu durch Gottes Liebe begeistert werden. Wenn man am Ende sich immer darauf einigen könnte, dass die Liebe das Wichtigste sei und sich keiner durch daraus resultierenden Predigten erniedrigt und bevormundet fühlt oder gar ausgeschlossen wird, könnten die Diskussionen vielleicht wirklich produktiv sein.
    Eins möchte ich zu deinen Bericht noch anmerken: Wenn du es gut findest, dass es ein rein evangelikales Studium gibt, weil diese nicht theologie studieren, gibt es aber auch keine neuen frischen Erkenntnisse. Und das ist auch der Grund warum dann in den Gemeinden überall nur die gleichen “Floskeln“ gepredigt werden, die den Horizont nur noch wenig erheitern bzw. erweitern

    • Liebe Simone, danke für Deinen Kommentar. Ich glaube nicht, dass allein das Diskutieren zu einem Aufbruch führt. Aber ich glaube, dass diese Schriftdiskussionen auf jeden Fall mit dazu gehören. In meinem Artikel “Woran die Kirche krankt – und welche Medizin wirklich hilft” (http://blog.aigg.de/?p=3766) habe ich aber auch dargestellt, dass die Liebe zu Jesus in der Tat das Wichtigste ist. Übrigens: Ich kenne viele durch und durch evangelikale Prediger, von denen ich noch nie Floskeln gehört habe. Ich empfinde es in meiner Landeskirche eigentlich genau anders herum, und darüber schreibe ich ja auch in meinem Artikel: Das “dröhnende Schweigen” bzw. höchstens nur noch floskelhafte Reden zu den zentralen Themen des Glaubens in meiner Kirche scheint mir eine direkte Folge einer Theologie zu sein, die sich über wirklich nichts mehr sicher ist. Herzliche Grüße, Markus

  2. Hallo Markus,

    Danke für Deinen Text und die Bereitschaft zur Diskussion. Ich glaube aber nicht, dass das so, wie von Dir skizziert, funktioniert. Wir müssen m.E. zuerst an einem anderen Punkt, weiter vorne sozusagen, ansetzen: Meine Erfahrung ist, dass in den meisten evangelikalen Gemeinden und besonders auch in denen, die sich in ihrer Gottesdienst-Form “modern” geben, entweder gar keine Diskussion erwünscht ist oder die Diskussion mit dem Vorwurf der Häresie sofort totgetreten wird.

    Ich versuche das mal am Beispiel der von Dir oben gestellten Leitfrage “Ist die Bibel in ihren wesentlichen Aussagen klar oder ist sie uns durch die zeitliche und kulturelle Distanz so fremd, dass sie nur mit bibelwissenschaftlichen Methoden verständlich wird?” zu zeigen, wobei ich den Teil “nur mit bibelwissenschaftlichen Methoden” mal bewusst rauslassen möchte. Es geht mir nicht um diese (bibelwissenschaftlichen) Methoden. Es mag vieleicht auch noch andere Wege geben.

    Also: Angenommen der derzeitige Stand meiner Gotteserkenntis ist, dass die Aussagen der Bibel im wesentlichen NICHT klar seien, sondern zeitbedingt und massivst durch (damalige) Machtfragen und den (damaligen) kulturellen Kontext geprägt seien, dann bedeutet das: ich kann die Anleitung zu einer konkreten Lebensgestaltung aus dem Bibeltext nicht direkt lesen, sondern kann nur noch mit meinem Verstand(sic!) allgemeine Prinzipien erkennen. Eine bestimmte Verhaltenweise dient dem Leben oder der Gemeinschaft etc. oder sie schadet dem Leben, der Gemeinschaft… Jetzt kann ich dieses Prinzip auf meine heutige Lebensgestaltung anwenden und mich fragen, ob mein Verhalten dem Leben, der Gemeinschaft etc. dient oder schadet. Das Urteil darüber ist mein eigenes und ist notwendigerweise subjektiv. Dieses subjektive Urteil hat konkrete Auswirkungen. Angenommen, ich käme durch diesen Gedankengang zu dem Schluss, dass die Ehe von einem Mann und einer Frau nicht die einzige denkbare Form sind, in der Sexualität und Partnerschaft vollumfäänglich und gemäß Gottes Willen gelebt werden kann. In unserer heutigen Gesellschaft und unserem heutigen kulturellen Kontext in Deutschland. Dann würde ich das auch so leben wollen, wenn es mir denn entspräche.

    Was macht eine evangelikale Gemeinde damit: Sie “diskutiert” nicht darüber, wie und warum ich zu diesem Gedanken gekommen wäre, sondern sie käme mit Sätzen wie den folgenden:

    -> Wir schließen dich vom Abendmahl aus, damit Du wieder auf den richtigen Weg kommst.
    -> Als Moderator / Prediger / Worshipleiter / Leiter / Mitarbeiter für xyz kannst Du mit dieser Haltung nicht in der Gemeinde mitarbeiten, denn Du hast da eine Vorbildfunktion
    -> Wer das denkt, stellt sich gegen 2000 Jahre kirchengeschichtliche Lehrmeinung
    -> Du stellst das Urteil Deines Verstandes über die göttliche Weisheit
    -> t.b.c.

    Meine Erfahrung ist, dass kaum eine Gemeinde in der Lage ist, die Verschiedenheit wirklich auszuhalten. Wir wollen Schubladen, wir wollen einfache Wahrheiten. Zu akzeptieren, dass andere Menschen zu einem anderen Schluss kommen (zumindest zu einem gegebenen Zeitpunkt) und selber denken zu müssen ist einfach so verdammt anstregend!

    Dazu der Hinweis auf einen m.E. wirklich sehr erhellenden Text von Heinzpeter Hempelmann “Faktisch, postfaktisch, postmodern? Kommunikation von Wahrheit(sansprüchen) in pluralistischen Gesellschaften als Problem und Herausforderung” https://heinzpeter-hempelmann.de/hph/wp-content/uploads/2013/01/Postfaktisch-Hempelmann.pdf

    Solange wir unsere eigene Erkenntnis als objektive Wahrheit sehen, wird es keine sinnvolle Diskussion mit Menschen geben, die genau diesen Wahrheitsanspruch nicht nur in Frage stellen, sondern ihn vollumfänglich zurückweisen. Solange unsere Haltnug gegenüber diesen Menschen eine Haltung gegenüber “Häretikern”, “vom Glauben abgefallenen” oder “Heiden” ist, kann es m.E. keinen echten Austausch auf Augenhöhe geben (Achtung, Missverständnis: Es geht hier nicht um Diskriminierung sondern um Offenheit!). Diese Voraussetzung für den von Dir gewünschten und erhofften Dialog, müssen die evangelikalen Gemeinden und ihre Leiterinen und Leiter erst einmal herstellen.
    Viele Grüße
    Gerd

    PS: Das ist jetzt in aller Kürze dahin skizziert. Sicher kann man Vieles einwenden. Bitte versuch den Gedankengang als solches nachzuvollziehen.

    • Lieber Gerd, vielen Dank für Deine Gedanken. Ich bin auch der Meinung, dass kaum eine Gemeinde in der Lage ist, auf Dauer grundlegende Verschiedenheiten auszuhalten. Ich glaube, das gilt nicht nur für Gemeinden sondern für alle Vereinigungen. Wir sehen das ja gerade auch in unserer Parteienlandschaft sehr schmerzhaft. Deshalb habe ich ja für einen doppelten Weg plädiert: Wo immer möglich Einheit. Aber manchmal muss man sich auch gegenseitig freigeben und loslassen. Klar, das kann schmerzhaft sein, aber vielleicht kann es auch befreiend sein. Jede Gemeinschaft braucht nun einmal einen gewissen Grundkonsens. Ich kenne Dich nicht und auch nicht die genauen Hintergründe, vor denen Du schreibst. Es gibt Fälle, in denen ich Gemeinschaften als zu eng empfinde. Aber ich kenne auch Gemeinden, die komplett gelähmt sind, weil es nur noch oberflächliche Einheit gibt, weil man sämtliche theologische Grundfragen eigentlich komplett unterschiedlich sieht. Und da würde ich es als besser empfinden, dass man sich einander so respektvoll (und vielleicht sogar versöhnt) freigibt für eigenständige Wege. Ich wünsche Dir auf Deinem Weg Gottes Segen. Viele Grüße, Markus

  3. Hallo Markus,

    vielen Dank für diesen Beitrag. Es ist mir immer wieder eine Freude deinen Blog zu lesen und die Beiträge erlauben mir immer wieder das angekündigte Aufatmen in Gottes Gegenwart.

    Ich habe gerade angefangen den erwähnten Hossa Talk zu hören. Leider fällt es mir schon schwer “Siggis” Verteidigung zuzuhören, die ich als sehr defensiv und verbittert empfinde. Ich hoffe wirklich, dass ihr die Möglichkeit findet noch einmal miteinander in den Dialog zu treten und konkret zu diskutieren.

    Bitte mach weiter so!

    Mit freundlichen Grüßen,
    Hagen

  4. Lieber Markus,
    vielen, vielen Dank für dein Ringen, deine Liebe, deine Leidenschaft. Das lese ich aus deinen Zeilen immer und immer wieder raus. Auch die Bereitschaft zum Dialog ist super! Vorher beten, sich von Gottes Gnade füllen lassen – noch besser, wenn auch nicht immer so einfach.
    Schreibe und äußere dich bitte weiterhin so leidenschaftlich, liebevoll, werbend und klar! Ich freue mich immer, Beiträge von dir zu lesen.

  5. Lieber Markus,
    das sind gute Anregungen . Es steckt so viel verbale Gewalt in dieser Diskussion. Und wenn wir Christen nicht aufpassen, bilden sich in all den Blogs nur Gesinnungsgemeinschaften ab, die sich in ihren Meinungen verstärken und radikalisieren.
    Darum ist es gut, die Diskussion auf Kernfragen zu konzentrieren (Christus, Kreuz, Bibel), darauf hinzuweisen, dass nicht pauschal und ohne Namensnennung argumentiert wird, und einander aufrichtig frei zu geben: Mit Interesse für die Meinung des anderen (diese vermisse ich von vielen Diskutanten) und der Freiheit, eine eigene, andere Meinung haben zu dürfen.
    Wenn wir es schaffen, dem Diskurs gegen alle ungute Emotionalisierung diesen Charakter zu geben, dann sage ich auch “Jubilate!”
    Gottes Segen für deine Arbeit. Christian Pestel

  6. Hallo Markus,
    kannst du vielleicht mal etwas konkreter werden in dem was du in deinem Artikel schreibst? Du zeichnest ein Bild, in dem jetzt “endlich” wieder mit der Bibel in der Hand Theologie betrieben wird. (Sehe ich doch richtig, oder?) Aber worauf beziehst du dich? Wenn ich in mein Bücherregal schaue und mal einige der Theologien der vergangenen Jahrzehnte in die Hand nehme ist das Bild einheitlich: Ob Schnelle, Hahn, Goppelt, Weber…. Jedes Werk strotzt nur so vor Bibelbezug. Ich war erstaunt, als ich nach meiner Ausbildung an einer evangelikalen Bibelschule im Rahmen meines weiteren Studiums auch Werke aus der Universitätstheologie lesen musste, wie sehr diese Theologen sich auf die Bibel beziehen. Also erkläre mir doch bitte, wo Theologie, Glaube, etc. ohne Bibelbezug betrieben wird??? Auch in meiner Zeit in der Landeskirche habe ich diesen Bezug immer gesehen, wenn auch nicht in der Art und Weise, wie ich ihn jetzt in meiner freikirchlichen Zeit selber praktiziere. Aber dann ist es ja eher einer Frage des “wie” als eines des “ob”.

    Du schreibst: “Gerade die kirchliche Theologie ist oft ein Meister darin, an den alten Begriffen festzuhalten, obwohl der Inhalt inzwischen ein völlig anderer ist.” Ist das denn schlimm? Theologie ist Wissenschaft und der menschliche Verstand ist nicht frei vom Irrtum. Wenn also durch theologische Forschung Begriffe wie zum Beispiel “Sühne” besser verstanden werden können profitieren wir Christen doch davon, da wir mit unserer Erkenntnis einen besseren Blick auf das Herz Gottes und sein Handeln bekommen können. Begriffen eine neues Bedeutungssprektrum zuzuweisen ist doch also nicht grundsätzlich falsch, oder etwa doch?

    Und dann deine Fragen am Ende, z.B. enthält die Bibel Gottes Wort oder ist sie es? Wer konkret vertritt diese Auffassung? Wenn ich z. B. in der Dogmatik von Joest/Lübke nachlese sehe ich, dass gerade gegen diese Sichtweise argumentiert wird, da wir kein Kriterium haben, nachdem wir Teile der Schrift als Gottes Wort disqualifizieren könnten. Auch für Barth war die ganze Schrift Gottes Wort, nicht “sofern”, sonder “weil” sie Christus treibt. Also welche Personen, Strömungen, etc. meist du genau?

    Sicherlich treffen deine Punkte auf bestimmte Situationen zu, keine Frage, aber ganz Allgemein habe ich ein ganz anderes, wesentlich komplexeres Bild von der christlichen Theologie. Es entspricht zwar nicht alles meinen Sichtweisen, aber das Bild ist nicht so schlecht, wie es immer dargestellt wird.

    Liebe Grüße

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