Pionier-Geist

Liebe Willow-Leute,

Ihr habt wieder mal einen großartigen Job gemacht. Der Willow-Leitungskongress 2016 war gut organisiert. Die Band: Allererste Sahne. Die kreativen Beiträge: Gänsehaut pur. Und dann diese Einspielervideos: Die transformierende Kraft des Evangeliums kann Gefängnisse heilen, das ugandische Finanzsystem von Korruption befreien und Vieles mehr. Immer wieder kann ich die Tränen nicht zurückhalten.

Und wieder beeindruckend: Bill Hybels. Was Gottlieb Daimler für die Autowelt war scheint er mir für die Gemeindewelt zu sein: Ein Visionär. Ein Tüftler. Ein akribischer Arbeiter. Selbstkritisch, zäh und ausdauernd. Er schafft es, die Errungenschaften moderner Managementmethoden für das Reich Gottes nutzbar zu machen und gleichzeitig den Fokus fest auf der tiefen, innigen Beziehung zu Jesus zu halten. Das wird besonders deutlich als er erzählt, wie wichtig Lobpreislieder für ihn geworden sind. Ein unternehmerischer Pionier und Jesusliebhaber zugleich: Eigentlich sollten gerade wir schwäbischen Pietisten diese Mentalität besonders gut verstehen.

Ein Highlight: Die Einheit mit Michael Diener und Johannes Hartl. Dieners Leidenschaft für Barmherzigkeit, Vergebung und Einheit ist auch mein Herzensthema. Und Hartl machte deutlich: Die Qualität unseres TUNs hängt ab von unserem SEIN! Alle Skills, Methoden und Visionen helfen nichts, wenn unser Innerstes nicht ergriffen ist von dem Wissen: ICH BIN SEIN! Sein geliebtes Kind! Als Hartl seine innigen Jesus-Liebes-Lieder singt schien es mir, als ob 10.000 Kongressbesucher für einen Moment eine Begegnung mit dem Himmel haben. Herrlich!

Aber am Ende war ich auch ein wenig enttäuscht. Manches blieb mir für unsere reale kirchliche Situation in Deutschland zu unkonkret. Nachdem Leo Bigger begeistert erzählt hat, wie einfach wir Außenstehende für Jesus gewinnen können (nämlich indem wir sie zu einem genialen Gottesdienst einladen) dachte ich: Das mag ja bei Biggers ICF-Gemeinde funktionieren. Aber die triste landeskirchliche Realität mit festgefahrenen Strukturen und Formen und dem theologischen Durcheinander lässt dieses Evangelisationsmodell bislang nur ausnahmsweise zu. Wer lädt schon Menschen in einen Gottesdienst ein, in dem die Kultur mit der Lebensrealität der Menschen nichts zu tun hat und in der es nichts mehr zu verkünden gibt, weil die Theologen die Bibel für ein Märchenbuch halten und man an das Glaubensbekenntnis ohnehin nicht mehr zu glauben braucht?

Blogbild Willow

Das hätte die Stunde des von mir sehr geschätzten evangelischen Theologieprofessors Michael Herbst sein können, der direkt nach Bigger kam. 1 Jahr vor dem großen Reformationsjubiläum hätte er in bester Luthermanier rufen können: Es ist wieder höchste Zeit! Brecht die festgefahrenen Strukturen auf! Schaut wie Luther dem Volk wieder aufs Maul und fördert Musik, die heute die Herzen berührt. Macht ernst mit der Priesterschaft aller Gläubigen. Besinnt Euch auf die Ehrfurcht der Reformatoren vor der Heiligen Schrift und lasst die Bibel Euer Maßstab sein statt den historisch-kritischen Stab über der Bibel zu brechen. Und macht um Gottes Willen die Liebe zu Jesus, das Gebet, die Anbetung und das lebendige Wort Gottes wieder zur Mitte der Kirche, damit sie wieder gesunden kann und ein „Bethaus“ wird, in dem die Menschen dem himmlischen Vater begegnen.

Stattdessen sprach Prof. Herbst primär über die Flüchtlingsthematik. Er sagte viel Richtiges und Wichtiges: Als Kirche haben wir die Chance und die Pflicht, den Flüchtlingen barmherzig zu begegnen und ihnen das Evangelium bringen. In seiner Greifswalder Gemeinde konnten schon einige Flüchtlinge erfolgreich integriert werden. Vorbildlich! Daraus abzuleiten, dass Merkel recht hat mit ihrer „Wir-schaffen-das-Rhetorik“ erscheint mir aber zu billig, zumal eine Umfrage ergeben hat, dass ein Großteil der evangelischen Kirchenleiter im Gegensatz zu Herbst dagegen ist, Flüchtlingen die christliche Botschaft weiter zu sagen. Ich fürchte: Unsere durchsäkularisierte Gesellschaft hat im Moment nicht das notwendige Wertefundament, um einen unbegrenzten Ansturm an Menschen aus antisemitischen, antidemokratischen, patriarchalen und islamistischen Gesellschaften auf Dauer ohne Schaden verkraften zu können. Und ohne eine grundlegende Reformation und Erweckung der Kirche sind wir zu wenig Salz und Licht, um unsere Gesellschaft ausreichend stabilisieren zu können. Ich hoffe, ich täusche mich.

Bill Hybels hat gesagt: Die Ortsgemeinde ist die Hoffnung der Welt! (hier ein geniales Video dazu) Leider ist sie das in Deutschland bislang viel zu selten. Damit sich das ändert brauchen wir mutige, sensible, fähige, erfinderische, barmherzige, demütige, opferbereite, zähe Leiter mit einer tiefe Liebe zu Gott und einem heiligen Pionier-Geist, die sich von Schwierigkeiten, Widerständen und Wüstenzeiten nicht davon abhalten lassen, Kirche nach Gottes Herzen zu bauen: Eine Kirche für das 1 Schaf, das Jesus retten will und nicht nur für die 99, denen es um Besitz- und Traditionswahrung geht. Eine Kirche als Rettungsboot – für die Flüchtlinge genauso wie für die Einheimischen, die ohne Jesus ebenso verloren sind. Danke, liebe Willowmitarbeiter, dass Ihr die Wichtigkeit solcher Leiterschaft so überzeugend rübergebracht habt. Lasst Euch nicht entmutigen, auch wenn – wie Prof. Herbst ehrlich zugab – nach 20 Jahren Willow in Deutschland noch kein Durchbruch sichtbar ist. Der Durchbruch hat schon begonnen. Vielleicht langsam. Aber unaufhaltsam. Danke für Eure wertvollen Beiträge dazu.

Ein kleiner Nachtrag: Wie ich erst später zu meiner großen Überraschung erfahren habe, waren 2 der Hauptredner auf dem Kongress gar keine Christen sondern Mormonen. Das wirkt auf mich sehr seltsam. Wenn ich auf einen christlichen Leiterkongress gehe, gehe ich davon aus, von Christen gelehrt zu werden. Klar: Man kann auch von Nichtchristen lernen. Allerdings können Nichtchristen über Gemeindebau doch nur sehr begrenzt etwas wissen. Aber viel wichtiger ist: Dass darauf nirgends hingewiesen wurde kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Da ist wirklich Vertrauen verspielt worden. Schade!

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