Was macht Kirche zur Kirche? – 5 Biblische Basics im Fokus

Der nachfolgende Text ist ein gekürztes Skript zu einem Vortrag, der am 18.02.2022 in der Stadtkirche in Freudenstad gehalten wurde im Rahmen einer Veranstaltung von “Lebendige Gemeinde Christusbewegung” in der württembergischen Landeskirche. Der Vortrag kann auf YouTube angesehen oder als Audio angehört werden:

Selten wurde der Relevanzverlust der großen Kirchen so deutlich wie in der Corona-Pandemie. Kirchliche Antworten auf die Krise wurden kaum wahrgenommen. Viel eher wurde diskutiert, ob es denn gerechtfertigt ist, dass Gottesdienste von den 2G- und 3G-Regelungen ausgenommen werden – so als ob Gottesdienste letztlich das Gleiche wären wie Sport- oder Kulturveranstaltungen. Aber genau so werden wir offenbar von immer mehr Menschen wahrgenommen. Das wirft natürlich die Frage auf: Was ist der Grund für diesen Relevanzverlust? Und vor allem: Wie kann unsere Kirche wieder an Relevanz gewinnen? Wie gewinnt sie wieder an Profil? Wie kann sie wieder hoffnungsvolle Zukunftsperspektiven entwickeln?

Genau diese Frage hatte sich die EKD-Synode im Jahr des Reformationsjubiläums 2017 gestellt. Das Schwerpunktthema lautete: Zukunft auf gutem Grund. Wie kann die Kirche wieder Zukunft gewinnen? Im Ergebnis entstand ein Papier, das 4 Zukunftsaufgaben definiert:

  1. Vielfältige Beteiligung am Leben der Kirche fördern
  2. Zeitgemäß kommunizieren
  3. Ökumenische Einheit vertiefen
  4. „Kirche neu denken“.

Unter Punkt 4 wurde z.B. verstanden: „Innovative Formen in der Aus-, Fort- und Weiterbildung“, „Neue Freiräume für neue Ideen und für mehr Vielfalt“, „Neue, ergänzende oder alternative Formen der Beteiligung bzw. der Zugehörigkeit zur Kirche“. In einem Zeitungsbericht zur Synode wurden diese Überlegungen mit den folgenden Fragen konkretisiert: „Müssen Gottesdienste kürzer und knackiger werden? Oder braucht es eine »Mitgliedschaft light« für Menschen, die noch zögern?“

Da stellt sich natürlich die Frage: Können solche Ansätze der Kirche wirklich helfen, aus der Krise zu kommen? Sicher ist: Einfache Antworten auf die Herausforderungen der Kirche gibt es nicht. Säkularisierung, Individualisierung und Polarisierung sind mächtige Megatrends unserer Zeit, unter denen alle traditionellen Institutionen leiden. Aber was ich wirklich vermisse bei diesen Überlegungen ist die Frage: Wäre es nicht sinnvoll und angemessen, einmal viel intensiver in der Bibel nach Antworten zu suchen auf die großen Herausforderungen, vor denen unsere Kirche steht?

In der Bibel finden wir ja eine unfassbare Erfolgsgeschichte von einer jungen christlichen Bewegung, die es tatsächlich geschafft hat, in weniger als 300 Jahren den gesamten damals bekannten Mittelmeerraum zu durchdringen. Dabei waren die Startvoraussetzungen für die Kirche damals deutlich schlechter als heute. Die frühe Kirche hatte nicht die Möglichkeit, ihre Botschaften medial zu verbreiten. Sie hatte kein bezahltes Personal, keine Gebäude und keinerlei Machtmittel. Und auch damals war der Zeitgeist in keinster Weise auf der Seite der Kirche. Die Botschaft der Kirche wurde als Torheit und als Ärgernis empfunden, schrieb Paulus. Mehr noch: Diese Bewegung war härtester Verfolgung ausgesetzt. Man sagt, dass die ganze zweite Generation der urchristlichen Bewegung in irgendeiner Form mit Märtyrertum in Berührung gekommen ist. Also wenn es die Kirche einmal wirklich schwer hatte, dann damals. Umso mehr sollte es sich doch lohnen, die Frage zu stellen: Wie war denn diese Kirche gestrickt, die es trotz all dieser Widerstände geschafft, sich nicht nur zu behaupten sondern sich auch noch massiv auszubreiten und die Grundlage zu legen für eine weltweit prägende Bewegung? Was finden wir darüber in der Bibel? Und was können wir heute für uns daraus lernen?

Ich will dazu 5 Themen beleuchten, die für die Botschaft und das Selbstverständnis dieser jungen, christlichen Bewegung absolut grundlegend waren. Es handelt sich im Grunde um 5 biblische Selbstverständlichkeiten, die quer durch das Neue Testament so eindeutig und klar bezeugt sind, dass man sich die damalige Kirche ohne diese Punkte nicht vorstellen kann. Kirche war dort, wo diese 5 Themen bezeugt, gefeiert und gelebt wurden. Das 1. Thema lautet:

1. Kirche ist dort, wo Jesus als Herr verehrt wird

Die ersten Christen haben bekannt: Jesus ist Herr! Er ist auferstanden, aufgefahren in den Himmel, er sitzt zur Rechten Gottes und er regiert. Eines Tages, wenn er wiederkommt als Richter, wird sich vor ihm jedes Knie beugen und jede Zunge wird bekennen, dass er der Herr ist. Und: Wenn du mit deinem Mund bekennst: »Jesus ist der Herr!« Und wenn du aus ganzem Herzen glaubst: »Gott hat ihn von den Toten auferweckt!« Dann wirst du gerettet werden“ (Römer 10, 9). Das war das Bekenntnis der ersten Christen.

Dieses Bekenntnis war verwurzelt in der zentralen Botschaft, die Jesus selbst überall verbreitet hat. In Markus 1, 14-15 heißt es: Danach kam Jesus nach Galiläa und verkündete die Gute Nachricht von Gott. Die von Gott bestimmte Zeit ist da. Sein Reich kommt jetzt den Menschen nahe. Ändert euer Leben und glaubt dieser Guten Nachricht!“ Das Reich Gottes stand also im Mittelpunkt der Botschaft Jesu.

Laut der Basis-Bibel bedeutet der Begriff „Reich Gottes“ wörtlich: »Königsherrschaft Gottes«. Das bezeichnet den Herrschaftsbereich, in dem sich Gottes Wille durchsetzt. Genau das hat Jesus uns ja auch beten gelehrt: „Dein Reich komme!“ Das heißt: „Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.“ Es geht hier also um die Frage: Geht es nach unserem Willen? Oder gilt der Wille Gottes? Jesus hat nicht nur in diesem Gebet völlig klar gemacht: Reich Gottes ist dort, wo der Wille Gottes geschieht, wo er das Sagen hat, wo seine Gebote gelten und beachtet werden. Deshalb rief Jesus die Menschen zur Umkehr. Er hat die Menschen aufgefordert: Lebt nicht mehr so, wie ihr das für richtig haltet. Folgt nicht mehr eurem Herzen sondern fragt nach dem Willen Gottes. Es geht also buchstäblich um einen Herrschaftswechsel. Nicht mehr wir selbst sitzen auf dem Thron unseres Lebens sondern sein Wille soll geschehen. Seine Gebote sollen für uns gelten.

Entsprechend hat Jesus im Missionsbefehl gesagt: „Lehrt sie, alles zu tun, was ich euch geboten habe!“ (Matth.28,19) Menschen zu Jüngern machen hat für Jesus bedeutet, dass Menschen lernen und beachten, was Gottes Wille ist. Seine Jünger sollten ihr ganzes Leben nach seinen Geboten ausrichten. Dieses Evangelium vom Reich Gottes enthält also nicht nur den Zuspruch der Gnade und der Vergebung, es enthält auch einen Anspruch: Wir können nicht Gottes Gnade und Vergebung genießen und zugleich weiter uns selbst gehören und unser eigenes Ding drehen. Jesusnachfolger bekennen: Wir gehören IHM! ER hat das Sagen! Wir orientieren uns an ihm und an seinen Worten.

Natürlich ist diese Botschaft eine Herausforderung in einer Zeit, in der die Autonomie und das Selbstbestimmungsrecht des Menschen so stark betont wird wie noch nie. Aber die Bibel macht überdeutlich: Die Botschaft von der Herrschaft Jesu war keine Nebensache im Neuen Testament sondern eine elementare Grundlage des Evangeliums. Sie hat unaufgebbar zur DNA der jungen christlichen Bewegung gehört. Und wir sollten uns deshalb fragen: Wie gehen wir heute mit diesem Bekenntnis um? Kann es überhaupt Kirche geben ohne den Ruf zur Unterordnung unter Gottes Herrschaft?

2. Kirche ist dort, wo Menschen zur Nachfolge Jesu eingeladen werden

Schauen wir uns noch einmal diesen Befehl im Ganzen an, den Jesus seinen Jüngern bei seinem Abschied mitgegeben hat:

Gott hat mir alle Macht gegeben, im Himmel und auf der Erde. Geht nun hin zu allen Völkern und ladet die Menschen ein, meine Jünger zu werden. Tauft sie im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes! Und lehrt sie, alles zu tun, was ich euch geboten habe!“ (Matthäus 28, 18+19)

Eigentlich ist dieser Befehl Jesu vollkommen absurd. Da spricht ein unbekannter Wanderprediger in einem unbedeutenden Landes zu 11 unbedeutenden, einfachen Menschen und sagt ihnen: Geht zu allen Völkern und ladet sie ein, meine Nachfolger zu werden. Ist Jesus etwa größenwahnsinnig? Scheinbar schon. Jesus hatte dazu ja noch eine vollkommen aberwitzige Ankündigung gemacht: Seine Worte werden nicht vergessen, im Gegenteil: Seine Botschaft wird in der ganzen Welt gepredigt werden. Dabei hatte Jesus nicht einmal ein einziges Wort aufgeschrieben! Ohne Frage ist das eine dieser Vorhersagen in der Bibel, deren Erfüllung aus damaliger menschlicher Sicht völlig unmöglich war. Aber die atemberaubende Wahrheit ist: Heute stehen wir kurz davor, dass diese Vorhersage buchstäblich in Erfüllung geht und jedes Volk auf der Erde die Worte Jesu in seiner Sprache lesen kann. Ich finde: Ein Buch, das solche Vorhersagen macht, hat wahrlich unser Vertrauen verdient.

Aber wir sollten uns auch fragen: Warum ist denn diese Vorhersage in Erfüllung gegangen? Die Antwort ist klar: Die Jünger Jesu haben den Missionsbefehl absolut ernst genommen. Er war tief in ihnen verankert. Schon bei der Berufung von Petrus und seinem Bruder Andreas hat Jesus klar gemacht, was er mit ihnen vorhat: »Kommt, folgt mir! Ich mache euch zu Menschenfischern!« (Markus 1, 17) DAS war von Anfang an das große Ziel, das Jesus mit ihnen hatte. Und genau das haben sie in beeindruckender Weise umgesetzt. Der Missionsauftrag hat die junge christliche Bewegung entscheidend geprägt. Und wir müssen uns deshalb auch heute fragen: Ist Kirche eigentlich noch Kirche, wenn sie diesen Auftrag aus dem Fokus verliert?

3. Kirche ist dort, wo der stellvertretende Opfertod Jesu gepredigt wird

Es gibt ein Thema, das sich wie ein großer roter Faden quer durch die ganze Bibel zieht: Das Thema vom stellvertretenden Opfertod.

  • Schon in der biblischen Urgeschichte muss ein Tier sterben, damit Gott die Scham von Adam und Eva durch Tierfelle bedecken kann.
  • Anstelle von seinem Sohn darf Abraham ein Schaf opfern, und zwar genau an dem Ort, an dem später der himmlische Vater tatsächlich seinen Sohn sterben sah.
  • Beim Auszug Israels aus Ägypten musste Israel das Blut des geschlachteten Passahlamms an den Türrahmen streichen, um vor dem Gericht Gottes gerettet zu werden.
  • In vielen alttestamentlichen Opferriten kommt immer wieder auch der stellvertretende Charakter des sterbenden Tiers zum Ausdruck.
  • Jesaja widmet fast ein ganzes Kapitel dem stellvertretenden Opfertod des Gottesknechts und sagt dabei deutlich: „Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten.“ (Jesaja 53, 5)
  • Johannes der Täufer stellt Jesus mit den Worten vor: „Seht doch! Das ist das Lamm Gottes. Es nimmt die Sünde dieser Welt weg!“ (Johannes 1, 29)
  • In der Abendmahlseinsetzung sagt Jesus: „Mein Blut wird für die vielen vergossen werden zur Vergebung ihrer Sünden.“ (Matthäus 26, 28)
  • Im Römer- und Hebräerbrief beschäftigen sich ganze Kapitel mit dem stellvertretenden Sühneopfer.
  • Und schließlich lesen wir in der Offenbarung gleich 28-mal, dass Jesus das geschlachtete Lamm ist, in dessen Blut die Heiligen ihre Gewänder reingewaschen haben.

Die Lehre vom stellvertretenden Opfertod ist somit absolut kein Randthema in der Bibel. Entsprechend war sie auch kein Randthema in der frühen Kirche. Der Theologe Ron Kubsch schreibt: „Das Verständnis von Jesu Tod als stellvertretende Sühne war seit jeher in der Kirchengeschichte das allgemeine Verständnis der biblischen Texte.“ Genau in diese Tradition stellt sich heute auch die Evangelische Allianz, wenn sie in ihrer Glaubensbasis bekennt: Jesus Christus, der Mensch gewordene Sohn Gottes, ist stellvertretend für alle Menschen gestorben. Sein Opfertod allein ist die Grundlage für die Vergebung von Schuld, für die Befreiung von der Macht der Sünde und für den Freispruch in Gottes Gericht.“

Aber trotz dieses breiten biblischen Befunds und dieses klaren Bekenntnisses höre ich heute selbst in Allianzkreisen immer wieder ganz andere Aussagen. Da wird dann z.B. gesagt: Die Motive von der Sühne und vom stellvertretenden Opfertod wären nur menschliche Deutungsversuche des Kreuzestodes. Daneben hätte es ja viele andere Deutungsversuche gegeben. Die stellvertretende Sühne hätte sowieso im Christentum zunächst gar keine besondere Rolle gespielt, sie wäre erst von Anselm von Canterbury im 11. Jahrhundert ins Zentrum gerückt worden. Ich muss sagen: Ich kann mich nur wundern über solche Aussagen. Ja, es stimmt, dass es im Neuen Testament verschiedene Bilder und Begriffe gibt, um die Bedeutung des Kreuzestodes zu beschreiben. Da ist die Rede von Sühnung, Erlösung, Rechtfertigung und Versöhnung. Aber der Theologe John Stott sagt dazu zurecht: „Wenn Gott in Christus nicht an unserer Stelle gestorben wäre, könnte es weder Sühnung noch Erlösung, weder Rechtfertigung noch Versöhnung geben.“ Das heißt: Die Stellvertretung steht bei allen diesen Begriffen im Zentrum.

Deshalb ist der stellvertretende Charakter des Opfertods Jesu ein unaufgebbarer Kernbestandteil des Evangeliums! Er gehört zum innersten Kern unseres christlichen Glaubens. Wer diese Botschaft verändert, der verpasst dem Christentum nicht etwa nur einen moderneren Haarschnitt, sondern der nimmt eine Herztransplantation vor mit weitreichenden Konsequenzen: Es ist eben ein gewaltiger Unterschied, ob Jesu Tod am Kreuz ein wirksames Opfer zur Vergebung unserer Schuld ist oder nur ein Akt der Solidarität mit den Leidenden. Das Kreuz will uns Menschen damit konfrontieren, dass wir ein Schuldproblem haben, dass wir Sünder sind, dass wir Gnade brauchen. Wenn unsere Botschaft aber nur noch in der Liebe und Annahme Gottes besteht, dann braucht es keine Rechtfertigung mehr. Und ohne Rechtfertigung verlieren wir die Gnade. Und ohne Gnade wird unser Glaube moralistisch und selbstbezogen.

Deshalb brauchen wir auch heute noch dieses Evangelium, das uns vom hohen Ross unserer Selbstgerechtigkeit holt und uns darauf hinweist, dass wir ohne die Rechtfertigung aus Gnade verloren sind und Rettung brauchen. Wir müssen uns deshalb schon die Frage stellen: Was macht es mit der Kirche, wenn sie diese Botschaft vom stellvertretenden Opfertod verliert?

4. Kirche ist dort, wo Gottes Wort gehört und verkündigt wird

Auch dieses Thema zieht sich wie ein roter Faden durch die ganze Bibel: Gott spricht. Gott offenbart sich. Gott spricht die Menschen an durch die Propheten, die Apostel, durch Menschen, die seinen Geist in sich tragen, und vor allem durch Jesus selbst. Wir Christen haben dieses Reden Gottes heute vorliegen in Form dieses Buchs, das Christen die Heilige Schrift nennen. Heilig heißt: Dieses Buch ist anders als alle anderen Bücher. Es ist zwar ganz Menschenwort, aber es ist zugleich eben auch ganz offenbartes Gotteswort und deshalb absolut maßgeblich für unseren Glauben und für die Kirche.

Die evangelische Allianz hat das in ihrer Glaubensbasis so zusammengefasst: „Die Bibel … ist Offenbarung des dreieinen Gottes. Sie ist von Gottes Geist eingegeben, zuverlässig und höchste Autorität in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung.“ Auch hier greift die evangelische Allianz etwas auf, was in der Bibel selbst zutiefst verankert ist. Das Konzept, dass die biblischen Texte von Gott inspiriert sind, ist ja keine Erfindung der Reformation oder der evangelischen Allianz. Es ist erst recht keine Idee von irgendwelchen Fundamentalisten. Das Verständnis der biblischen Texte als inspiriertes Gotteswort wird von der Bibel selbst durchgängig bezeugt.

Das sieht man z.B. daran, wie das Neue Testament mit dem Alten Testament umgeht: Etwa 9 % des Neuen Testaments besteht aus Zitaten oder direkten Anspielungen auf das Alte Testament. Wendungen wie „Es steht geschrieben“ oder „Die Schrift sagt“ oder „Der Prophet sagt“ oder „Im Gesetz heißt es“ sind im Neuen Testament immer Autoritätsformeln, bei denen davon ausgegangen wird: Somit gilt das! Somit ist das eindeutig wahr!

Jesus selbst hat immer wieder diese Frage gestellt: Habt ihr nicht gelesen? Das heißt: Jesus hat wie alle frommen Juden damals mit dem Schriftbeweis argumentiert. Ein Schriftbeweis funktioniert natürlich nur, wenn die Schrift absolute Autorität hat. In Matthäus 5, 18 sagt Jesus auch ganz direkt: „Ich versichere euch: „Solange der Himmel und die Erde bestehen, wird selbst die kleinste Einzelheit von Gottes Gesetz gültig bleiben.“ Jesus war wahrlich kein Bibelkritiker! Er hat zwar einige Inhalte durch sein Erlösungswerk in ein neues Licht gerückt. Aber er hat sich trotzdem voll und ganz zur Autorität des Alten Testaments gestellt.

Paulus hat zudem in 2. Timotheus 3, 16 ganz allgemein formuliert: „Die ganze Schrift ist von Gott eingegeben.“ Wörtlich steht hier: Gottgehaucht. Geistdurchhaucht. Der Theologe Prof. Gerhard Maier schreibt dazu: „Im Neuen Testament wird das gesamte damalige ‚Alte Testament‘ … als von Gott eingegeben aufgefasst.“ Für die Autoren des Neuen Testaments waren „die beiden Wendungen ‚Die Schrift sagt‘ und ‚Gott sagt‘ untereinander austauschbar.“

Genau diesen extrem steilen Anspruch hat Petrus später auch auf die Briefe von Paulus bezogen, als er sie als „Schrift“ bezeichnet hat (2. Petrus 3, 16). Und im drittletzten Vers der Bibel, in Offenbarung 22, 18-19 finden wir unter Androhung von Gericht die Aussage: Diesem prophetischen Buch darf auf keinen Fall irgendetwas weggenommen oder hinzugefügt werden. Was für ein Anspruch! So etwas dürfte seither kein Theologe dieser Welt je wieder über seine Schriften sagen. Daran wird deutlich, welch einzigartigen Autoritätsanspruch diese biblischen Texte haben und sich auch gegenseitig zusprechen.

Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass schon die ersten Christen zutiefst in den Worten der Bibel verwurzelt waren und ihr höchste Autorität zugesprochen haben. Es war absolut zentral für sie, diese Worte Gottes weiterzugeben. Diese ersten Christen hatten etwas wichtiges verstanden: Die Kirche hat keine eigene Botschaft. Die Kirche ist nur Botschafterin an Christi statt. Sie kann nur deshalb Antworten geben auf die letzten, existenziellen Fragen der Menschen, weil sie aus einer Offenbarungsquelle schöpft. Denn ohne Offenbarung können wir Menschen nun einmal nichts wissen über Gott oder über die Frage, woher wir kommen, wohin wir gehen und was nach dem Tod geschieht. Die Menschen haben ein feines Gespür dafür, ob Kirche aus der Autorität einer offenbarten und zeitlosen Wahrheit heraus spricht oder ob sie nur eigene Meinungen verbreitet. Und persönlich muss ich sagen: Ich stehe gerne Sonntagmorgens auf, um Gottes Wort zu hören. Aber ich würde niemals Sonntagmorgens aufstehen, um die Meinung eines Predigers zu hören. Und wir müssen uns meines Erachtens nicht wundern, wenn Menschen nicht mehr in den Gottesdienst kommen, wenn man dort nur noch Meinungen hört, die man tags zuvor womöglich auch schon im Fernsehen gehört hat.

Deshalb sollten wir uns wirklich die Frage stellen: Kann Kirche überhaupt Kirche sein ohne diese feste Bindung an Gottes Wort? Und was bedeutet das für die Ausbildung unserer zukünftigen Gemeindeleiter?

5. Kirche ist dort, wo Gott geliebt wird

Auch wenn wir als Kirche die Herrschaft Jesu betonen, auch wenn wir mit Leidenschaft Menschen in die Nachfolge rufen, auch wenn wir das stellvertretende Sühneopfer in die Mitte des Evangeliums rücken und auch wenn wir die Bibel als Heilige Schrift und Gottes Wort hochhalten und predigen: All das wäre nichts wert ohne eine echte, gelebte, im Alltag praktizierte Liebe zu Gott. Das wird zum Beispiel deutlich in Offenbarung 2 im Sendschreiben an die Gemeinde in Ephesus. Das war eine großartige Gemeinde: Voller Tatendrang, voller Mühe, standhaft, mit einer gesunden Lehre. Aber dann heißt es in Vers 4: „Aber ich habe dir vorzuwerfen, dass du deine anfängliche Liebe aufgegeben hast.“ Und das Sendschreiben macht deutlich: Das ist kein nebensächliches Problem. Gott sagt deutlich: Wenn die Gemeinde daran nichts ändert, ist die Zukunft der Gemeinde gefährdet.

Paulus hat in 1. Korinther 8, 1 begründet, woran das liegt: „Die Einsicht allein macht überheblich. Nur die Liebe baut die Gemeinde auf.“ Anders ausgedrückt: Theologisches Verstandes­wissen ohne einen von Gottes Liebe und Gottes Geist geprägten Charakter macht arrogant und hartherzig. Damit wird auch klar, warum Jesus dieses Gebot der Gottesliebe an die alleroberste Stelle rückt, als er gefragt wurde nach dem wichtigsten Gebot: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele, mit deinem ganzen Denken und mit deiner ganzen Kraft.“ (Markus 12, 30) Und auch Paulus hat geschrieben: „Das Ziel meiner Unterweisung ist, dass alle Christen von der Liebe erfüllt sind.“ (1. Timotheus 1, 5) DAS war sein Fokus. Liebe war sein Ziel. Und das bedeutet: Alle anderen Basisthemen laufen letztlich auf dieses Thema zu.

Wenn aber dieses Thema der Liebe zu Gott für Jesus und Paulus ganz oben auf der Prioritätenliste stand, dann sollte es auch bei uns ganz oben auf der Tagesordnung stehen. Dann sollten wir uns fragen: Wie ist es um unsere Liebe zu Gott bestellt? Ist Gott nur ein theologisches Konstrukt in unserem Kopf? Oder kennen wir etwas von dieser Liebe, die der Heilige Geist in uns wecken will und die unser ganzes Leben prägen und erneuern soll. Das ist ohne Zweifel eine Frage, der sich die Kirche auch heute noch immer wieder stellen muss!

Was folgt daraus?

Lassen Sie mich noch einmal zurückkommen auf diese EKD-Synode aus dem Jahr 2017 und noch einmal die Frage stellen: Wie hat die Kirche Zukunft? Die Vorschläge lauteten: 1. Vielfältige Beteiligung 2. Zeitgemäß kommunizieren 3. Ökumene vertiefen, und: 4. „Kirche neu denken“ im Sinne von innovative, kreative Formen finden. Ohne Frage: Das sind alles gute Überlegungen! Aber mein Eindruck ist, dass unsere Probleme tiefer liegen. Meine Sorge ist, dass wir mit dieser Agenda nur an der Oberfläche unserer Probleme kratzen.

Vor 500 Jahren hat Martin Luther ein Papier mit 95 Thesen an die Kirche in Wittenberg geschlagen. Und ich frage mich manchmal: Welche Thesen würde er wohl heute an die Kirchentür schlagen? Ich weiß es nicht. Aber wir könnten jedenfalls aus diesen 5 biblischen Basisthemen 5 Thesen ableiten, die auch heute noch für die Kirche von zentraler Bedeutung sind:

  1. Jesus ist Herr! Seine Lehre ist absolut maßgeblich für uns!
  2. Unser zentraler Auftrag ist, Menschen in die Nachfolge Jesu zu rufen!
  3. Der stellvertretende Opfertod Jesu steht im Zentrum des Evangeliums!
  4. Das offenbarte Wort Gottes ist unser Maßstab für Glaube und Leben!
  5. Mittelpunkt der Kirche ist die gelebte Liebe zu Jesus Christus!

Warum ist es so wichtig, dass wir uns mit diesen Thesen auseinandersetzen? Im Marketing gibt es eine Regel: Content is king! Der Inhalt ist entscheidend! Wir können die tollste Werbekampagne starten und alles großartig designen und verpacken. Aber wenn der Inhalt schlecht ist, dann ist auf Dauer alles Drumherum vergebliche Liebesmüh. Deshalb wäre meine Empfehlung für unsere Kirche:

  • Bevor wir darüber nachdenken, wie wir möglichst viele Menschen beteiligen können – Wollen wir nicht erst einmal darüber nachdenken, was eigentlich der Auftrag der Kirche ist und woran wir die Menschen beteiligen wollen?
  • Bevor wir darüber nachdenken, WIE wir kommunizieren wollen – Wäre es nicht sinnvoller, erst einmal darüber nachzudenken, WAS wir eigentlich kommunizieren wollen?
  • Bevor wir Einheit mit anderen Kirchen suchen – was ich gut finde! – Sollten wir nicht zuerst einmal darüber nachdenken, was eigentlich uns als Kirche eint, was uns zusammenhält und was unsere gemeinsame Basis ist?
  • Und vor allem: Bevor wir uns mit den äußeren Formen der Kirche befassen – Sollten wir uns nicht zuerst einmal mit dem Inhalt der Kirche befassen und uns fragen: Was macht uns eigentlich als Kirche aus? Was macht Kirche zur Kirche?

Mir ist schon klar: Diesen 5 Thesen nachzugehen könnte einen schmerzlichen Prozess auslösen. Vielleicht würden wir an einigen Stellen merken, dass wir uns doch deutlich entfernt haben von dem, was für die ersten Christen so selbstverständlich und unaufgebbar war und was auch heute noch für so viele wachsende Kirchen in der ganzen Welt ganz selbstverständliche Basisüberzeugungen sind. Aber ich fürchte: Wenn wir uns diesen 5 Thesen nicht stellen, dann bleiben auch alle anderen Bemühungen oberflächlich und letztlich vergeblich. Denn hier geht es um die Themen, die das Herz und das Wesen der Kirche berühren und die die Kirche zur Kirche machen.

Deshalb würde ich mir eines wünschen: Lassen Sie uns heute, hier und jetzt anfangen, diese Themen hochzuhalten und in den Mittelpunkt zu rücken. Wir können anfangen, sie in unserem eigenen Leben umzusetzen. Und wir können zu leidenschaftlichen Botschaftern dieser ewigen Wahrheiten werden. Ich bin überzeugt: Wenn wir das tun, dann werden das gleiche erleben wie das, was die junge Kirche damals erlebt hat. Wir werden erleben: Wo Kirche sich an diesen biblischen Grundlagen orientiert, da hat sie Zukunft, ganz egal, wie sehr ihr der Wind ins Gesicht bläst. Denn Jesus selbst hat versprochen, dass er sich zu seiner Kirche stellt. Er hat es damals getan. Er wird es ganz sicher auch heute tun. Lassen Sie uns gemeinsam beten und arbeiten dafür, dass überall in unserem Land Orte entstehen, an denen Jesus als der Herr verehrt wird, an denen Menschen zur Nachfolge eingeladen werden, an denen sie davon hören, dass Jesus für unsere Schuld gestorben ist, an denen sie in Kontakt kommen mit diesem kraftvollen Wort Gottes und an denen sie sich verlieben in diesen unglaublichen Gott, der aus Liebe zu uns sein Leben gegeben hat. Von solch einer Kirche träume ich. Lassen Sie uns gemeinsam beten und arbeiten dafür, dass dieser Traum wahr wird um der Ehre Gottes willen und um der Menschen willen, die dieses Evangelium so dringend hören müssen.

Weiterführende Artikel:

Das doppelte Fundament der Kirche

Im letzten Jahr haben mich immer wieder Stimmen von konservativen Christen aus ganz Deutschland erreicht, die sich in ihren landes- oder freikirchlichen Gemeinden an den Rand oder gar hinausgedrängt fühlen. Tatsächlich scheint sich dieser subjektive Eindruck auch objektiv zu bestätigen. Tobias Faix hat jüngst berichtet, dass die Anzahl der Gläubigen steigt, die aufgrund ihres konservativen Glaubens aus der evangelischen Kirche austreten. In einer aktuellen Erhebung für die Kirche von Westfalen wurde zudem ermittelt:

“Das häufigste Motiv für einen Austritt aus der Kirche ist die Ansicht, dass die Kirche nicht mehr das lebt, „was Jesus eigentlich wollte“.”

Also nicht die Säkularisierung, nicht die Kirchensteuer, sondern die grundsätzlichen Differenzen beim Jesusbild sind das Hauptproblem, das Menschen aus der Kirche treibt! Das hat mich nun doch überrascht.

Natürlich sind nicht alle, die diese Antwort geben, theologisch konservativ. Aber Fakt ist ganz offensichtlich: Meine Kirche leidet massiv darunter, dass es auch bei den zentralsten Glaubensfragen keinen Konsens mehr gibt. Die grundlegenden Differenzen beim Schriftverständnis wurden ja lange Zeit verharmlost mit der Aussage: Wir glauben doch nicht an die Bibel sondern an Jesus Christus. Jetzt aber zeigt sich: Wenn die Wege beim Schriftverständnis auseinanderlaufen, laufen sie irgendwann auch beim Jesusbild auseinander. Wenn die Bibel keine gemeinsame Grundlage mehr ist, dann ist auch Jesus irgendwann keine gemeinsame Grundlage mehr. Wenn sich die Jesusbilder bei den Gemeindemitgliedern und in der Theologie immer grundlegender voneinander unterscheiden, dann kann Jesus auch nicht mehr die einende und verbindende Person der Kirche sein. Am Ende führt die theologische Liberalisierung eben doch zum entscheidenden Verlust der Bindekräfte, die die Kirche gerade in einer sich polarisierenden Gesellschaft dringender denn je nötig hätte, um nicht auseinander zu fallen.

Woran Konservative leiden

Tobias Faix verweist darauf, dass gerade der Exodus der Konservativen für die Kirche besonders schmerzhaft ist, weil sie an der Basis oft sehr engagiert sind. Diese richtige Beobachtung ändert aber nichts daran, dass auf eben diese konservative Basis in Teilen meiner Kirche wenig Rücksicht genommen wird. Die Nordkirche (also die ev. Landeskirche in Schleswig Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern) hat jüngst nicht nur beschlossen, gleichgeschlechtliche Paare zu trauen. Viel weitreichender ist der Beschluss, dass die Gewissensfreiheit für Pastoren in dieser Frage abgeschafft wird. Das heißt: Es ist Pastoren nicht mehr möglich, eine Trauung gleichgeschlechtlicher Paare aus Gewissensgründen abzulehnen. Sie werden gezwungen, ihr Gewissen vor Gott und seinem Wort zu kompromittieren und etwas zu segnen, was in ihren Augen nicht unter dem Segen Gottes steht. Zu Ende gedacht kommt das im Grunde einem Ausschluss von Evangelikalen aus der Landeskirche gleich, und das nicht nur in der Nordkirche. Denn evangelikale Theologiestudenten, die ihrem Gewissen vor Gott treu bleiben wollen, müssen jetzt auch in anderen Landeskirchen damit rechnen, in einen unlösbaren Gewissenskonflikt getrieben zu werden, weil der Trend ja vielerorts in die gleiche Richtung geht. Wenn es keine Wende gibt, würde das für die evangelikalen Gemeindeglieder bedeuten, dass es langfristig in den Landeskirchen keine Pfarrer und Pastoren mit evangelikalen Überzeugungen mehr gibt. Damit würde es auf Dauer auch keine konservativ geprägten Richtungsgemeinden mehr geben. Denn die Pfarrer haben in den evangelischen Gemeinden eine dominante Position. Ich habe in den letzten Jahren mit so vielen tief enttäuschten und verletzten landeskirchlichen Evangelikalen gesprochen, dass ich inzwischen überzeugt bin: Die Schaffung von evangelikal geprägten erwecklichen Strukturen innerhalb der Landeskirche ist kaum möglich, wenn der Pfarrer dies nicht zumindest mit Wohlwollen und Sympathie für evangelikale Frömmigkeit schützt und wenigstens im Hintergrund auch unterstützt.

Nun ist diese Entwicklung für Evangelikale in der Landeskirche freilich nicht neu. Schließlich liegt die Dominanz der nichtevangelikalen Theologie in den landeskirchlichen Ausbildungsstätten schon seit Jahrzehnten bei nahezu 100 %. Auch in manchen freikirchlichen Ausbildungsstätten geht der Trend in diese Richtung. Hinzu kommt: Trotz akutem Pfarrermangel verwehrt meine evangelische Kirche den Abgängern konservativer Ausbildungsstätten den Zugang zum Pfarramt. Wenn aber die Ausbildung sämtlicher Gemeinde- und Kirchenleiter von einer Theologie geprägt ist, die auch in zentralen Glaubensfragen evangelikalen Überzeugungen widerspricht, dann ist es kein Wunder, wenn Evangelikale immer öfter den Eindruck haben: Wir haben mit dem, was uns wichtig ist, keinen Raum mehr.

Die doppelte Basis für die Einheit der Kirche

Auch wenn es mich jedes Mal tieftraurig macht: Ich habe Verständnis dafür, wenn Christen angesichts dieser Entwicklungen manchmal keine andere Möglichkeit mehr sehen, als aus der Kirche auszutreten. Aber viel mehr wünsche ich mir, dass wir Konservativen anfangen, gemeinsam für unsere Überzeugungen aufzutreten! Paulus hat es uns vorgemacht. Mit eindrücklichen Worten hat er klargestellt, was die beiden entscheidenden Elemente des Fundaments der Kirche Jesu sind:

“Wir sind sein Haus, das auf dem Fundament der Apostel und Propheten erbaut ist mit Christus Jesus selbst als Eckstein.” (Epheser 2, 20).

Die gelebte Liebe und Nachfolge Jesu im Zentrum sowie die Verwurzelung in der Lehre der Apostel und Propheten, die wir in der Bibel finden: Beides zusammen bildet das Fundament der Kirche Jesu. Ein festes Jesus- und Schriftvertrauen ist also nicht etwa eine fundamentalistische Randposition, im Gegenteil: Es ist genau dieses doppelte Fundament, das die Kirche eint. Und zwar NUR dieses! Einen anderen Grund kann niemand legen. Wenn man den Worten von Paulus glaubt, ist die Kirche ohne dieses doppelte Fundament auf Sand gebaut.

Es wird ja oft darauf hingewiesen, dass auch die Konservativen trotz gemeinsamem Bekenntnis zur Autorität der Bibel zerstritten seien. Ja, in der Tat: Auch da gibt es Misstrauen, Konflikte und Spaltungen. Aber immerhin haben die Konservativen mit der Bibel noch einen gemeinsamen Grund, auf dessen Basis man zumindest miteinander streiten und um gemeinsamen Grund ringen kann. Und Fakt ist: In den vergangenen Jahrzehnten ist über Konfessions- und Prägungsgrenzen hinweg überall dort sehr viel Einheit gewachsen, wo einerseits der Schrift fest vertraut wurde und andererseits eine gelebte Liebesbeziehung zu Jesus im Mittelpunkt stand. Im Buch „Zeit des Umbruchs“ berichte ich im letzten Kapitel ausführlicher von diesen hoffnungsvollen Entwicklungen. Eindrücklich war für mich dazu auch ein Erlebnis in diesem Sommer: Wir saßen mit Freunden im Garten, als wir vom Weg vor dem Garten plötzlich Gesang hörten. Wir gingen hinaus und begegneten brasilianischen Christen. Wir kannten uns nicht. Wir konnten uns wegen der Sprachbarriere nur spärlich unterhalten. Aber wir haben spontan Jesus zusammen angebetet und uns beim Abschied herzlich umarmt in dem Bewusstsein: Wir sind Geschwister in dieser einen großen Familie Gottes. Spätestens im Himmel werden wir uns wiedersehen. Jesus und sein Wort schafft Einheit – über alle Grenzen, Kulturen und Prägungen hinweg.

Verpackung oder Inhalt?

Angesichts von Austrittswellen, sinkenden Mitgliederzahlen und schrumpfendem Gottesdienstbesuch wird in letzter Zeit immer häufiger die Frage gestellt: Wie kann die Kirche wieder Zukunft gewinnen? Brauchen wir vielleicht mehr Digitalisierung? Müssen wir näher bei den Menschen sein? Brauchen wir mehr soziologische Untersuchungen, um besser zu verstehen, welche Fragen die Menschen bewegen? Oder brauchen wir vielleicht frische Formen von Gemeinde, Kirche und Veranstaltungsformen, die besser zu den heutigen Lebenswelten und Milieus unserer Gesellschaft passen? Ja, ich glaube, all das brauchen wir. Aber wir dürfen dabei nie vergessen: Entscheidend ist am Ende nicht die Verpackung. Entscheidend ist der Inhalt! Jeder Manager weiß: Selbst das beste Marketingkonzept hilft auf Dauer nichts, wenn man kein überzeugendes Produkt hat. Genauso ist es bei der Kirche: Wir brauchen uns mit der Verpackung unserer Botschaft eigentlich gar nicht zu beschäftigen, solange wir uns nicht im Klaren darüber sind, was im Kern eigentlich unsere Botschaft ist.

Eigentlich hat die Kirche ja gar keine eigene Botschaft. Sie ist nur Botschafter an Christi statt (2. Kor. 5,20). Diese Botschaft Christi kennt die Kirche einzig und allein aus der Bibel. Wenn wir den biblischen Texten nicht vertrauen, verlieren wir deshalb zwangsläufig auch die Vertrauenswürdigkeit, die Klarheit und damit auch die Kraft, die Schönheit und Dynamik des Evangeliums. Umso mehr hoffe und bete ich, dass es in meiner Kirche wieder eine Umkehr gibt hin zu einer authentisch gelebten Liebe zu Jesus und zu einer neuen Ehrfurcht vor Gottes Wort. Und ich hoffe und bete, dass unsere freikirchlichen Freunde nicht ebenso ihre Ausbildungsstätten der liberalen Theologie überlassen, wie wir Landeskirchler das getan haben. Es ist nun einmal keine Rechthaberei, keine Angst und keine Enge, die Evangelikale wie mich so nervös werden lässt, wenn universitäre Theologie in ihrer ganzen Bandbreite über Portale wie Worthaus nun auch mitten in die evangelikale Welt hineingetragen wird. Nein, es ist ganz einfach die Sorge um das einzig tragfähige Fundament der Kirche Jesu, ohne das keine christliche Gemeinde, kein christliches Werk und keine Denomination auf Dauer bestehen kann.

Lasst uns Häuser bauen

Ich freue mich sehr darüber, dass ich in einem Land leben darf, in dem in der Mitte fast jeder Ortschaft ein Haus zur Ehre Gottes steht. Aber ich sehne mich danach, dass diese Häuser aus Stein wieder gefüllt werden mit Häusern aus Menschen, die sich zusammenfügen lassen zu einem „Tempel aus lebendigen Steinen“, wie Petrus es ausdrückt (1. Petr.2,5). Ich habe Sehnsucht danach, dass an allen Orten geistliche Häuser entstehen, in denen Jesus gegenwärtig ist und in denen unsere Mitmenschen nach Hause kommen können und Heimat, Erlösung und ewiges Leben finden bei diesem wundervollen himmlischen Vater, von dem uns die Bibel berichtet. Meine Frau und ich arbeiten an unserem Heimatort gemeinsam mit vielen anderen Christen seit Jahren dafür, dass so ein geistliches Haus entsteht. Und ich freue mich darüber, dass sich viel Gutes entwickelt, weil Gottes Wort Kraft hat, Menschen bewegt und verändert. Aber in den letzten Jahren ist uns noch deutlicher geworden: Es reicht nicht, schöne Programme und Veranstaltungen zu gestalten. Wenn wir ein nachhaltiges geistliches Haus bauen wollen, dann müssen wir aufs Fundament achten. Wenn Menschen sich nicht verwurzeln in der Liebe und im Wort Gottes, dann hat das Haus, das wir bauen, auf Dauer keinen Bestand.

Lassen Sie uns deshalb an allen Orten wieder Häuser auf gesunden Fundamenten bauen. Und lassen Sie uns beten, dass Gott einen neuen Aufbruch schenkt, eine neue Bewegung von Menschen, die Jesus Christus von Herzen lieben und die ihre Bibel kennen und tief in ihr verwurzelt sind.

Gemeinsam Auftreten

Wir Evangelikalen wollen keinen Streit. Wir sehnen uns nach Einheit, damit das Evangelium glaubwürdig verkündigt werden kann. Aber in der Bibel sehen wir, dass es manchmal auch not-wendend sein kann, in kontroversen Fragen Position zu beziehen, um Orientierung zu geben und Christen zu ermutigen. Eine gute Gelegenheit, gemeinsam aufzutreten, ist zum Beispiel der Studientag des Netzwerks Bibel und Bekenntnis am 16. November in Siegen. Ich würde mich sehr freuen, Sie dort zu treffen!

Woran die Kirche krankt – und welche Medizin WIRKLICH hilft

Meine Kirche ist krank. Es nimmt mich mit, wie sie langsam ausblutet. Allein in den 10 ersten Jahren des neuen Jahrtausends hat sie fast 9 % ihrer Mitglieder und 13 % ihrer Gemeinden verloren. Vor allem die Jugend wendet sich in rasantem Tempo ab. Das tut weh. Ich wünsche mir so sehr eine wachsende, lebendige Kirche, die vielen Menschen das Evangelium bringt und Salz und Licht unserer Gesellschaft ist. Was also tun? Viele sagen: Wir müssen dringend wieder ins Gespräch mit den Menschen kommen!

Ja, das stimmt! Das Problem ist nur: Im Vergleich zur hippen Mediengesellschaft präsentiert sich meine Kirche in etwa so sexy wie eine schrullige Kirchenmaus. Mittelalterliche Formen, vorhersehbare Abläufe, langweiligen Ansprachen, und das alles versteckt hinter hohen Kirchenmauern… So kommt man mit niemand ins Gespräch. Was also tun? Viele sagen: Wir brauchen dringend frische, zeitgemäße Formen, neue Gottesdienstformate, angesagte Musik, milieusensible Kommunikation und innovative Gemeindeformen, in denen die Kirche sich aufmacht und hingeht zu den Menschen!

Ja, das stimmt! Das Problem ist nur: Ohne Inhalte sind die besten Formen ermüdender Aktionismus und ein Bluff, den die Menschen schnell durchschauen. Wenn niemand weiß, was denn die besondere Botschaft der Kirche ist und warum wir sie brauchen hilft die schönste Verpackung nichts. Was also tun? Viele sagen: Wir brauchen dringend ein klares Profil und Predigten mit einer starken, bewegenden Botschaft!

Ja, das stimmt! Das Problem ist nur: Wir haben die Botschaft verloren! Die ersten Christen hatten noch ihr Leben dafür gegeben, dass jeder vom Sühnetod Jesu und von seiner Auferstehung erfährt. Aber die Theologen unserer Tage sind sich nicht einmal mehr über diese allerzentralsten Glaubensaussagen einig. Kein Wunder, dass man statt eines klaren Evangeliums allzu oft nur noch verschwurbelte Gutmenschensätze hört. Ohne die Bibel als Maßstab zerfasert die Kirche und ihre Botschaft wird kraftlos wie ein stumpfes Schwert. Was also tun? Viele sagen: Wir brauchen dringend wieder eine Theologie, die sich klar an der Bibel als Gottes Wort orientiert!

Ja, das stimmt! Das Problem ist nur: Theologisches Verstandes­wissen ohne einen von Gottes Geist und Gnade geprägten Charakter macht arrogant und hartherzig, verursacht Spaltung und verjagt die Menschen statt sie zu gewinnen (1.Kor.8,1). Nichts ist schlimmer als eine gesetzliche, herz- und geistlose Treue zur Bibel, die Menschen mit Bibelworten bedrängt, ohne sie mit der Liebe Gottes in Berührung zu bringen.

Deshalb bleiben alle diese wichtigen und notwendigen Anstrengungen zur Heilung der Kirche am Ende wertlos, solange wir das wichtigste aller Gebote verpassen: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft. Das zweite ist ebenso wichtig: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Das heißt also: Ohne die gelebte, authentische Liebe zu Jesus und unseren Mitmenschen bleibt jede andere Medizin für die Kirche am langen Ende wirkungslos!

Mein Aufruf lautet deshalb: Ihr lieben Kämpfer für Gemeindewachstum, frische Formen, bessere Predigten, mehr kirchliches Profil, biblische Theologie und gute, an Gottes Wort orientierte Lehre: Wie gut, dass es euch gibt! Ich bin auf Eurer Seite! Ich arbeite leidenschaftlich mit für alle diese wichtigen Ziele! Aber wenn wir nicht tiefer schürfen, wenn wir nicht das Ziel vor Augen haben, dass Menschen eine tiefe Liebe zu Jesus entwickeln, dann springen wir zu kurz! Dann bauen wir auf Sand und die Kirche wird nicht gesund. Denn Jesus hat kein Interesse an einem Religionsverein. Er will eine Braut!

Paulus hat einst das Ziel all seines Wirkens so beschrieben: „Das Ziel meiner Unterweisung ist, dass alle Christen von der Liebe erfüllt sind.“ Er wusste: Wer Jesus wirklich liebt, der orientiert sich auch liebend gerne an Gottes Wort, gewinnt daraus ein klares Profil und bringt aus Liebe zu seinen Mitmenschen (so wie Paulus) ständig frische Formen hervor, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen und sie für Christus zu gewinnen. So gewinnt die Kirche Ausstrahlung und wächst wie von selbst.

Also machen wir es doch wie Paulus. Einen kürzeren Weg zur Heilung der Kirche gibt es nicht.

Siehe auch: Die 4 G-heimnisse des Gemeindewachstums

Was nun, Kirche?

Kann so ein Buch Mut machen?

„Ich möchte in schwierigen Zeiten Mut machen.“ 1 So beginnt das neue Buch von Ulrich Parzany, das von Vielen doch eher als bedrohlich und spalterisch statt als Mutmacher empfunden wird. Doch Parzany bleibt dabei: „Ich schreibe gegen Resignation. Ich will zeigen, wie in den Landeskirchen die Gemeinde des Jesus Christus gebaut und gesammelt wird und werden kann.“ 1 Ob Parzany wohl halten kann, was er sich da vorgenommen hat?

Um dem Patient Kirche zu helfen hält Parzany eine schonungslos ehrliche Diagnose für unumgänglich. Seine herausfordernde Hauptdiagnose lautet:

»Die Krise der Kirchen ist im Kern eine Krise der Verkündigung. Und die Krise der Verkündigung ist dadurch entstanden, dass das Vertrauen in die Autorität der Bibel verschwunden ist.« 2 »Die Bibelkritik ist der Krebsschaden der Kirche.« 3

Damit wendet sich Parzany ausdrücklich nicht gegen eine historische Erforschung der Bibel, denn „zum Verständnis der biblischen Texte ist es hilfreich, die historischen Zusammenhänge so gut wie möglich zu kennen.“ 4 Es geht Parzany auch nicht darum, einer bestimmten Bibelauslegung ein Wahrheitsmonopol zuzuschreiben, im Gegenteil: Als Mann der evangelischen Allianz, der schon viele überkonfessionelle Großveranstaltungen mitgestaltet hat, zeigt Parzany eine große Weite und wirbt für Vielfalt: „Pluralität ist purer Reichtum.“ 5 „Ich war und bin der Meinung, dass wir Christen gemeinsam öffentlich zu Jesus und in seine Nachfolge einladen sollen, auch wenn wir in einigen Fragen unterschiedliche Lehren vertreten. Das betrifft zum Beispiel die Frage der Taufe, der Gemeindeformen, der Art und Weise, wie wir den Heiligen Geist erfahren. Wenn es allerdings um das Evangelium von Jesus geht, darf es keine Kompromisse geben.“ 6

Keine Kompromisse, wenn es um das Evangelium geht! Als Evangelist macht Parzany deutlich, warum ihm das so wichtig ist: „Es geht nicht um Rechthaben, sondern um Rettung.“ 7 „Nur das Evangelium von Jesus Christus, wie es uns in der Bibel bezeugt wird, kann das Leben der Menschen und die Kirchen erneuern.“ 8 In dieser Haltung fühlt sich Parzany von Paulus bestärkt, der sich diesbezüglich ja sogar noch deutlich schärfer ausgedrückt hat (Gal. 1, 8-9!). Deshalb „muss die Grundfrage nach der Autorität der Heiligen Schrift geklärt sein: Die Bibel ist Gottes Wort, sie ist Urkunde der Offenbarung Gottes. Eine Kirche, die das nicht mehr bekennt, erledigt sich selber.“ 9

Auch wenn (oder vielleicht gerade weil) Parzany nicht in erster Linie ein theoretischer Akademiker ist, sind seine Ausführungen über die Entwicklungen in der Hermeneutik (die Lehre über das Verstehen und Auslegen der Bibel) von der Reformation bis heute äußerst aufschlussreich. Hatte Luther die Bibel noch als „Königin“ bezeichnet, so sagt die EKD heute offen, dass sie die Bibel nicht mehr als Wort Gottes versteht10. Parzany weist nach, wie dadurch sämtliche reformatorische Grundsätze (Allein die Schrift, allein durch Glauben, allein durch Gnade, Christus allein) ausgehöhlt und umgedeutet wurden. Und er stellt angesichts einiger Äußerungen evangelischer Spitzenleute, die im krassen Gegensatz zur geltenden Ordinationsverpflichtung11 stehen, die Frage: „Warum wird eigentlich gegen einen Bischof, der so offensichtlich die Autorität der Bibel infrage stellt, kein Lehrbeanstandungsverfahren eröffnet?“ 12 Parzany gibt sich selbst die Antwort: Das Problem der theologischen Selbstentkernung wird in der evangelischen Kirche weitgehend tabuisiert13 – was ich aus eigener Erfahrung nur bestätigen kann.

Noch wichtiger ist dem Praktiker Parzany jedoch zu zeigen, dass die Bibelkritik, die ja seit langem die theologischen Fakultäten an den staatlichen Universitäten beherrscht, inzwischen eine ganz praktische „verheerende Wirkung auf die Verkündigung in den Gemeinden“ entfaltet.14 Dazu zitiert er eine Studie, laut der „ein großer Teil der Pfarrerschaft wichtige Teile der christlichen Lehre nicht mehr für wahr und wichtig hält“ 2. Da „die Hauptamtlichen in der Regel am längeren Hebel sitzen“ 15 und zudem nur 14 % der Kirchengemeinderäte Mission für sehr wichtig halten16 ist gedeihliches missionarisches Arbeiten in vielen evangelischen Gemeinden kaum noch möglich. Denn es stimmt ja nun einmal: Wenn die Gemeindeleitung nicht darüber übereinstimmt, dass Menschen zur Umkehr in die Nachfolge von Jesus gerufen und darin gefördert werden sollen, dann „ist der Wurm in der ganzen Arbeit.“ 17

Vor diesem Hintergrund zeigt Parzany durchaus Verständnis dafür, dass nicht wenige Konservative die Kirche inzwischen verlassen und den freikirchlichen Weg gewählt haben. Für sich selber sagt er jedoch: „Ich habe Gottes Platzanweisung für mich in der evangelischen Kirche gesehen. Und das gilt auch heute.“ 18 Statt Resignation, Frust oder Verbitterung Raum zu geben sagt er fast trotzig: „Wir hören nicht auf, dafür zu beten, darum zu ringen und dafür zu arbeiten, dass Erneuerung in den Kirchen geschieht.“ 19 Dazu sucht Parzany nach Ansatzpunkten („brauchbare Baugerüste“), bei denen Erneuerung wachsen könnte wie z.B. in unterschiedlichen Gottesdienstformen, Hausbibelkreisen, Richtungsgemeinden, landeskirchliche Gemeinschaften und freien Werken. Allerdings räumt Parzany auch offen ein: „Ich kann nur Puzzleteile suchen und zusammensetzen.“ 20 DAS Patentrezept für die Erneuerung der Kirche hat er – wenig überraschend – nicht zu bieten.

Zur Arbeit für Erneuerung gehört für Parzany aber eindeutig auch, mit einer falsch verstandenen Konfliktscheu zu brechen, denn: „Wer schweigt, fördert, was im Gange ist.“ 21 „Wenn in Kirche und Theologie die Wahrheit des Evangeliums verfälscht wird, müssen wir widersprechen. Das muss leider auch öffentlich geschehen. Geheimverhandlungen in Hinterzimmern helfen der Gemeinde nicht.“ 22 Mit dieser Haltung sieht Parzany sich in bester reformatorischer Tradition: „500 Jahre nach der Reformation erinnern wir uns daran, dass harte Auseinandersetzungen nötig waren, um in den Kirchen Schritte in Richtung Erneuerung zu gehen.“ 8 Eine solch streitbare Haltung mag nicht Jedem in der Kirche schmecken. Man muss Parzany aber in jedem Fall zugutehalten, dass seine Position gut begründet und seine Motivation absolut authentisch ist.

Am Ende steht für Parzany aber nicht der Streit sondern das Evangelium im Mittelpunkt: „Weil das Evangelium von Jesus Christus die ganze Welt angeht, dürfen wir uns nicht freiwillig aus der Öffentlichkeit zurückziehen. Heute ist die Zeit, das Evangelium öffentlich zu verkündigen.“ 23 Spätestens hier wird deutlich: Parzany ist eben kein verbitterter alter Mann, wie manche seiner Gegner behaupten. Sein Anliegen ist, dass ein Weckruf durch Deutschland geht und Menschen für Jesus gewonnen werden! Deshalb ist dieses leicht und flüssig zu lesende Buch für mich tatsächlich ein echter Mutmacher – und der bisher beste Beitrag zum Reformationsjubiläum. Ich kann es nur herzlich zum Kauf empfehlen und ihm so viel Verbreitung wie irgend möglich wünschen.

Das Buch „Was nun, Kirche?“ von Ulrich Parzany ist bei SCM Hänssler erschienen und kann hier direkt beim Verlag bestellt werden.

1: S.7; 2: S.41; 3: S.49; 4: S.60; 5: S.126; 6: S. 186; 7: S. 177; 8: S.8; 9: S. 62; 10: Aus dem Grundlagentext der EKD Rechtfertigung und Freiheit – 500 Jahre Reformation 2017 S. 84: „Seit dem 17. Jahrhundert werden die biblischen Texte historisch-kritisch erforscht. Deshalb können sie nicht mehr so wie zur Zeit der Reformatoren als ‚Wort Gottes‘ verstanden werden.“ S.49; 11: Aus dem geltenden Pfarrerdienstgesetz der EKD (§3): „Die Ordinierten sind durch die Ordination verpflichtet, … das Evangelium von Jesus Christus, wie es in der Heiligen Schrift gegeben und im Bekenntnis ihrer Kirche bezeugt ist, rein zu lehren.“ S.49; 12: S.51; 13: S.41; 14: S.54; 15: S.121; 16: S.146; 17: S. 149; 18: S.109; 19: S.133; 20: S.16; 21: S.121; 22: S.189; 23: S.197

Weitere lesenswerte Zitate aus „Was nun, Kirche?“:

Zur historisch-kritischen Theologie:

„Gern versucht man heute in den kirchlichen Debatten, Jesus Christus gegen die Bibel auszuspielen. Wir hätten keinen papierenen Papst, heißt es, es ginge darum, wie Luther zu fragen, „was Christum treibet“. … Aber welcher Jesus Christus ist gemeint, wenn jeder Bibelkritiker entscheidet, welche Worte von Jesus echt und welche ihm später in den Mund gelegt wurden?“ (S. 56)

„Im Grund ist „Jesus Christus“ damit eine Leerformel geworden, die jeder nach seinen Vorstellungen füllt und benutzt. Wenn also das reformatorische Prinzip „Allein die Bibel“ nicht mehr gilt, dann verliert auch das „Allein durch Jesus Christus“ seinen Inhalt. Die beiden daraus folgenden reformatorischen Grundsätze „Allein durch die Gnade“ und „Allein durch den Glauben“ lösen sich dann in Philosophie und Psychologie auf.“ (S. 57)

Zum reformatorischen Prinzip, dass die Bibel sich selbst auslegen muss:

„Ein wichtiger Grundsatz der Reformation hieß: Die Bibel legt sich selber aus. Alle Bibeltexte müssen im Zusammenhang gelesen werden.“ (S. 59)

„Der Gesamtzusammenhang der Heiligen Schrift lässt erkennen, wenn Aussagen begrenzte Gültigkeit für bestimmte Zeiten und Verhältnisse haben. Paulus schreibt einerseits, dass Frauen in den Gemeinden schweigen sollen (vgl. 1. Tim. 2, 12). Andererseits wird berichtet, dass die vier Töchter des Evangelisten Philippus als Prophetinnen redeten (vgl. Apg. 21, 9). Paulus war in dieser Gemeinde und nahm offenbar keinen Anstoß daran. Im Buch der Richter (4, 4) lesen wir, dass die Prophetin Deborah Israel regierte. Es gibt also in der „Frauenfrage“ durchaus unterschiedliche Aussagen in der Bibel. Homosexuelle Handlungen hingegen werden in der ganzen Bibel einheitlich als Sünde beurteilt (vgl. 3. Mose 18, 22; 20, 13; Römer 1, 26 ff.; 1. Kor. 6,9f; 1. Tim. 1,9ff). Deshalb zieht die Argumentation nicht, die sagt: Wenn die Aussagen über Homosexualität heute gelten sollen, dann müssten die Frauen auch Kopftücher tragen und im Gottesdienst schweigen.“ (S. 61)

Zur Situation in der Pfarrerschaft:

„Ich behaupte, es besteht keine Einigkeit in der Pfarrerschaft über die Grundaussagen des christlichen Glaubens.“ (S. 47)

„Gemeinden dürfen erwarten, dass nur solche Personen in diesen Dienst kommen, deren geistliche und persönliche Eignung festgestellt und bestätigt wurde.“ (S. 139)

„Die Fehlkonstruktion der Pastorenkirche besteht darin, dass sie so tut, als seien bei den Hauptamtlichen Pastoren fast alle Charismen monopolisiert. Das funktioniert nie.“ (S. 144)

Zur Gemeindeleitung:

„Ein Gemeindekirchenrat sollte aus Menschen bestehen, die mit Bibel und Gebet leben. Die Zusammenkünfte sollten Raum für das Studium der Bibel und zum Gebet für die Gemeinde haben.“ (S. 148)

Gegen das Richten über den Glauben Anderer:

„Es ist nicht meine Aufgabe, über einzelne Personen zu urteilen, ob ihr Glaube echt ist oder nicht. Ich glaube denen, die sich zu Jesus Christus bekennen, ihren Glauben.“ „Gott wird im Gericht das Unkraut vom Weizen trennen. Das ist also nicht unsere Sache. Es gab und gibt immer wieder Versuche, sogenannte „reine“ Gemeinden herzustellen. Das endet immer in Heuchelei, Hochmut und Anmaßung.“ (S. 19)

Zum Kirchenverständnis und der Situation der Kirche:

„Die heilige christliche Kirche besteht aus allen Jesusnachfolgern, in welchen kirchlichen und gemeindlichen Organisationen sie auch leben.“ (S. 34)

„Es gibt die Kirche des Jesus Christus nur in der Mission Gottes. Diese umfasst die vier Elemente Diakonie, Lehre und Evangelisation, Gemeinschaft und Gebet. Wer sich dieser Mission verweigert, trennt sich von Jesus.“ (S. 32)

„Tatsache ist heute, dass die Zeiten von Volkskirche längst vorbei sind. Die christliche Gemeinde ist eine Minderheit.“ (S. 38)

Zu Richtungsgemeinden:

„Trotzdem hoffe ich, dass dauerhaft mehr Raum für die kontinuierliche Gestaltung von evangelikalen Richtungsgemeinden geschaffen und bewahrt werden kann. Wenn dieser Raum eingeengt wird, ist es unvermeidlich, dass die engagierten Evangelikalen mehr und mehr den freikirchlichen Weg wählen werden.“ (S. 128)

Zur Verkündigung des Evangeliums:

„Entscheidend ist, ob wir als Verkündiger des Evangeliums selber wissen, dass es um ewiges Leben und ewige Verdammnis geht. Unsere Aufgabe ist es, aus Liebe die Wahrheit zu sagen.“ (S. 188)

Zum Thema „Selbstbestimmung“ als zentrale Herausforderung des Zeitgeistes:

„In den brisanten Streitfragen der Gegenwart geht es fast immer um Selbstbestimmung. Ob Abtreibung oder Selbsttötung – immer wird das Recht auf Selbstbestimmung als Hauptargument angeführt. Und in den normalen Alltagsfragen sowieso: Mein Körper, meine Zeit, mein Geld, mein Eigentum – ich habe das Recht, über mein Eigentum zu verfügen. Selbst wenn Menschen religiös sind und Gott als Hilfe suchen, bestimmen sie doch selber, was gut für sie ist und was nicht. Gott ist höchstens als Erfüllungsgehilfe gefragt. Sein Eigentumsrecht an der Welt und an unserem Leben wird glatt bestritten.“ (S. 83)

Pionier-Geist

Liebe Willow-Leute,

Ihr habt wieder mal einen großartigen Job gemacht. Der Willow-Leitungskongress 2016 war gut organisiert. Die Band: Allererste Sahne. Die kreativen Beiträge: Gänsehaut pur. Und dann diese Einspielervideos: Die transformierende Kraft des Evangeliums kann Gefängnisse heilen, das ugandische Finanzsystem von Korruption befreien und Vieles mehr. Immer wieder kann ich die Tränen nicht zurückhalten.

Und wieder beeindruckend: Bill Hybels. Was Gottlieb Daimler für die Autowelt war scheint er mir für die Gemeindewelt zu sein: Ein Visionär. Ein Tüftler. Ein akribischer Arbeiter. Selbstkritisch, zäh und ausdauernd. Er schafft es, die Errungenschaften moderner Managementmethoden für das Reich Gottes nutzbar zu machen und gleichzeitig den Fokus fest auf der tiefen, innigen Beziehung zu Jesus zu halten. Das wird besonders deutlich als er erzählt, wie wichtig Lobpreislieder für ihn geworden sind. Ein unternehmerischer Pionier und Jesusliebhaber zugleich: Eigentlich sollten gerade wir schwäbischen Pietisten diese Mentalität besonders gut verstehen.

Ein Highlight: Die Einheit mit Michael Diener und Johannes Hartl. Dieners Leidenschaft für Barmherzigkeit, Vergebung und Einheit ist auch mein Herzensthema. Und Hartl machte deutlich: Die Qualität unseres TUNs hängt ab von unserem SEIN! Alle Skills, Methoden und Visionen helfen nichts, wenn unser Innerstes nicht ergriffen ist von dem Wissen: ICH BIN SEIN! Sein geliebtes Kind! Als Hartl seine innigen Jesus-Liebes-Lieder singt schien es mir, als ob 10.000 Kongressbesucher für einen Moment eine Begegnung mit dem Himmel haben. Herrlich!

Aber am Ende war ich auch ein wenig enttäuscht. Manches blieb mir für unsere reale kirchliche Situation in Deutschland zu unkonkret. Nachdem Leo Bigger begeistert erzählt hat, wie einfach wir Außenstehende für Jesus gewinnen können (nämlich indem wir sie zu einem genialen Gottesdienst einladen) dachte ich: Das mag ja bei Biggers ICF-Gemeinde funktionieren. Aber die triste landeskirchliche Realität mit festgefahrenen Strukturen und Formen und dem theologischen Durcheinander lässt dieses Evangelisationsmodell bislang nur ausnahmsweise zu. Wer lädt schon Menschen in einen Gottesdienst ein, in dem die Kultur mit der Lebensrealität der Menschen nichts zu tun hat und in der es nichts mehr zu verkünden gibt, weil die Theologen die Bibel für ein Märchenbuch halten und man an das Glaubensbekenntnis ohnehin nicht mehr zu glauben braucht?

Blogbild Willow

Das hätte die Stunde des von mir sehr geschätzten evangelischen Theologieprofessors Michael Herbst sein können, der direkt nach Bigger kam. 1 Jahr vor dem großen Reformationsjubiläum hätte er in bester Luthermanier rufen können: Es ist wieder höchste Zeit! Brecht die festgefahrenen Strukturen auf! Schaut wie Luther dem Volk wieder aufs Maul und fördert Musik, die heute die Herzen berührt. Macht ernst mit der Priesterschaft aller Gläubigen. Besinnt Euch auf die Ehrfurcht der Reformatoren vor der Heiligen Schrift und lasst die Bibel Euer Maßstab sein statt den historisch-kritischen Stab über der Bibel zu brechen. Und macht um Gottes Willen die Liebe zu Jesus, das Gebet, die Anbetung und das lebendige Wort Gottes wieder zur Mitte der Kirche, damit sie wieder gesunden kann und ein “Bethaus” wird, in dem die Menschen dem himmlischen Vater begegnen.

Stattdessen sprach Prof. Herbst primär über die Flüchtlingsthematik. Er sagte viel Richtiges und Wichtiges: Als Kirche haben wir die Chance und die Pflicht, den Flüchtlingen barmherzig zu begegnen und ihnen das Evangelium bringen. In seiner Greifswalder Gemeinde konnten schon einige Flüchtlinge erfolgreich integriert werden. Vorbildlich! Daraus abzuleiten, dass Merkel recht hat mit ihrer “Wir-schaffen-das-Rhetorik” erscheint mir aber zu billig, zumal eine Umfrage ergeben hat, dass ein Großteil der evangelischen Kirchenleiter im Gegensatz zu Herbst dagegen ist, Flüchtlingen die christliche Botschaft weiter zu sagen. Ich fürchte: Unsere durchsäkularisierte Gesellschaft hat im Moment nicht das notwendige Wertefundament, um einen unbegrenzten Ansturm an Menschen aus antisemitischen, antidemokratischen, patriarchalen und islamistischen Gesellschaften auf Dauer ohne Schaden verkraften zu können. Und ohne eine grundlegende Reformation und Erweckung der Kirche sind wir zu wenig Salz und Licht, um unsere Gesellschaft ausreichend stabilisieren zu können. Ich hoffe, ich täusche mich.

Bill Hybels hat gesagt: Die Ortsgemeinde ist die Hoffnung der Welt! (hier ein geniales Video dazu) Leider ist sie das in Deutschland bislang viel zu selten. Damit sich das ändert brauchen wir mutige, sensible, fähige, erfinderische, barmherzige, demütige, opferbereite, zähe Leiter mit einer tiefe Liebe zu Gott und einem heiligen Pionier-Geist, die sich von Schwierigkeiten, Widerständen und Wüstenzeiten nicht davon abhalten lassen, Kirche nach Gottes Herzen zu bauen: Eine Kirche für das 1 Schaf, das Jesus retten will und nicht nur für die 99, denen es um Besitz- und Traditionswahrung geht. Eine Kirche als Rettungsboot – für die Flüchtlinge genauso wie für die Einheimischen, die ohne Jesus ebenso verloren sind. Danke, liebe Willowmitarbeiter, dass Ihr die Wichtigkeit solcher Leiterschaft so überzeugend rübergebracht habt. Lasst Euch nicht entmutigen, auch wenn – wie Prof. Herbst ehrlich zugab – nach 20 Jahren Willow in Deutschland noch kein Durchbruch sichtbar ist. Der Durchbruch hat schon begonnen. Vielleicht langsam. Aber unaufhaltsam. Danke für Eure wertvollen Beiträge dazu.

Ein kleiner Nachtrag: Wie ich erst später zu meiner großen Überraschung erfahren habe, waren 2 der Hauptredner auf dem Kongress gar keine Christen sondern Mormonen. Das wirkt auf mich sehr seltsam. Wenn ich auf einen christlichen Leiterkongress gehe, gehe ich davon aus, von Christen gelehrt zu werden. Klar: Man kann auch von Nichtchristen lernen. Allerdings können Nichtchristen über Gemeindebau doch nur sehr begrenzt etwas wissen. Aber viel wichtiger ist: Dass darauf nirgends hingewiesen wurde kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Da ist wirklich Vertrauen verspielt worden. Schade!

Siehe auch:

Reformation jetzt!

Ich liebe meine Kirche! Ich liebe die Nägel, die die Reformatoren in die Tür der Kirche Jesu geschlagen haben: Allein die Schrift! Allein durch den Glauben! Allein durch Gnade! Christus allein! Alle Gläubigen sind Priester! Das unterschreibe ich zu 100 %.

Aber immer wieder leide ich an meiner Kirche! Wenn ich sehe, wie sie ihr Erbe verspielt, wie sie den Missionsbefehl leugnet, wie sie leugnet, dass die Bibel Gottes Wort ist, wie sie es für egal hält, ob das Grab leer war oder nicht, wie sie sogar das Glaubensbekenntnis für irrelevant hält – dann könnte ich heulen. Überall auf der Welt riskieren Christen ihr Leben für das Evangelium. Und wir, die wir alle Freiheit haben, vernebeln es? Was müssen die verfolgten Christen und die „Wolke der Zeugen“ nur über uns denken???

Wäre es da nicht Zeit, mutig aufzustehen und den Mund aufzumachen, so wie Luther es einst todesmutig tat? Oder ist es unchristlich, mit Widerspruch Unfrieden zu stiften? Schließlich wollen wir doch alle keinen Streit unter Christen, oder?Luther

Jesus war da irgendwie anders. Er hat die Sünder geliebt. Aber er konnte fürchterlich sauer werden, wenn der Ort des Gebets und der Anbetung, also die Kirche, verhunzt wird. Paulus hat sogar alle verflucht, die das Evangelium abwandeln, um nirgends anzuecken. Warum war er so radikal? Aus Liebe! Aus Sorge um die Menschen, die ohne eine lebendige, auf der Wahrheit gegründete Kirche das Rettungsboot des Evangeliums verpassen. Das hat nichts mit liebloser Rechthaberei zu tun. Es ist nicht lieblos, auf der untergehenden Titanic die nette Geselligkeit mit Alarmrufen zu stören!

Manche treten jetzt aus der Kirche aus, weil sie die Irrungen der Kirchenleitung nicht mehr verstehen oder ertragen. Schade. Ich würde mich freuen, wenn gerade die, denen das kirchliche Fundament von Bibel und Bekenntnis wichtig ist, aufstehen statt austreten. Damit das Schiff, das sich Gemeinde nennt, aus dem Strudel der Ver(w)irrung findet und seine Segel wieder hisst im Wind des Heiligen Geistes.

Lasst uns das Reformationsfest und das anstehende Reformationsjubiläum nicht rückblickend feiern. Kümmern wir uns um das Feuer, nicht um die Asche. Das letzte, was wir angesichts einer rapide schrumpfenden Kirche und verlorengehender Menschen brauchen ist eine rückwärtsgewandte Geschichtsbesinnlichkeit.

Es ist Zeit für eine neue Reformation. Schlagen wir es heute an die Türen unserer Kirchen und theologischen Lehrstühle:

  • Sola Scriptura! Allein die Schrift! Alle Schrift ist von Gott eingegeben. Sie ist die Wahrheit, die uns frei macht.
  • Solus Christus! Christus allein! In keinem anderen Namen ist das Heil zu finden! Deshalb bringen wir diesen Namen zu allen Menschen!
  • Sola fide! Allein aus Glauben! Es reicht nicht, gut oder religiös zu leben. Allein der Glaube an Jesus rettet!
  • Sola gratia! Allein aus Gnade! Nur Jesu Blut macht uns Sünder unverdient gerecht und öffnet uns den Zugang zu Gott und zum ewigen Leben!

Ecclesia semper reformanda: Die Kirche muss immer wieder reformiert werden! Wir brauchen Reformation jetzt! Es ist Zeit, das alte Kampflied wieder anzustimmen:

O komm, du Geist der Wahrheit, und kehre bei uns ein,
verbreite Licht und Klarheit, verbanne Trug und Schein.
Gieß aus dein heilig Feuer, rühr Herz und Lippen an,
dass jeglicher Getreuer den Herrn bekennen kann.

O du, den unser größter Regent uns zugesagt:
komm zu uns, werter Tröster, und mach uns unverzagt.
Gib uns in dieser schlaffen und glaubensarmen Zeit
die scharf geschliff’nen Waffen der ersten Christenheit.

Unglaub und Torheit brüsten sich frecher jetzt als je;
darum musst du uns rüsten mit Waffen aus der Höh.
Du musst uns Kraft verleihen, Geduld und Glaubenstreu
und musst uns ganz befreien von aller Menschenscheu.

Es gilt ein frei Geständnis in dieser unsrer Zeit,
ein offenes Bekenntnis bei allem Widerstreit,
trotz aller Feinde Toben, trotz allem Heidentum
zu preisen und zu loben das Evangelium.

Du Heil’ger Geist, bereite ein Pfingstfest nah und fern;
mit deiner Kraft begleite das Zeugnis von dem Herrn.
O öffne du die Herzen der Welt und uns den Mund,
dass wir in Freud und Schmerzen das Heil ihr machen kund.

Zeit zum Aufstehen” ist eine Initiative von Christen, die sich nach einer Erneuerung der Kirche sehnen. Bislang haben etwa 20.000 Christen haben unterzeichnet. Es wäre schön, wenn es noch deutlich mehr werden…

Siehe auch:

Träumer dringend gesucht!

Also mit guten Vorsätzen fürs neue Jahr hab ich’s nicht so, ehrlich gesagt. Ich bin einfach nicht diszipliniert genug, um allein auf Basis einer vernünftigen Erkenntnis dauerhaft etwas in meinem Leben zu ändern.

Ganz anders sieht das mit Träumen und Visionen aus. Unser Ex-Bundeskanzler Schmidt hat ja mal gesagt: „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.“ Aber meine Erfahrung ist: Eine begeisternde Vision setzt ungeahnte Kräfte frei. Ein lebendiger Traum beflügelt, spornt an, macht Mut, mobilisiert. Dass das nicht nur bei mir funktioniert sieht man in der Weltgeschichte: Großen Veränderungen gingen immer die Träume visionärer Menschen voraus (man denke nur an Martin Luther-Kings großem Traum vom Ende der Rassentrennung). Und in der Bibel lesen wir: „Wenn keine Vision da ist, verwildert ein Volk.“ (Sprüche 29, 18). Auch das kann man in unserem Land und in unserer Kirche live beobachten: Wenn alles gleich gültig ist ist alles gleichgültig. Ohne ein verbindendes Ideal, ein gemeinsames Ziel, ohne eine motivierende Hoffnung fällt alles auseinander.

Deshalb sind Träumer dringend gesucht in unseren Tagen! Mich selbst bewegt so ein Traum. Einer, der mich buchstäblich manchmal nachts wach liegen lässt. Einer, der mich immer neue Ideen entwickeln, hoffen, arbeiten und beten lässt. Um was es da geht? Ganz einfach: Mein Traum ist, dass sich das Gesicht und Selbstverständnis der Kirche Jesu in Deutschland grundlegend verändert. Konkret träume ich, dass man diese 6 Dinge bald ganz selbstverständlich über die Kirche Jesu sagen wird:

  1. Die Christen aus allen Kirchen und Generationen fühlen sich als Glieder an 1 Leib! Sie wissen, dass sie einander brauchen und dass sie nur gemeinsam die Welt verändern können!
  2. Die Christen lieben Jesus und die Bibel! Statt Gesetzlichkeit und Ver(w)irrung prägt Leidenschaft die Kirche Jesu.
  3. Es wird rund um die Uhr gebetet! Was die Herrnhuter einst begannen breitet sich aus und verleiht der Kirche ungeahnte Kräfte.
  4. Menschen werden heil durch die Liebe Gottes! In einer Zeit, in der immer mehr Menschen ohne verbindliche Liebe aufwachsen müssen weiß die Kirche den Weg zu Identität, Heimat und Heilung beim himmlischen Vater.
  5. Wunder gibt es immer wieder! Was in der Bibel und der Kirchengeschichte immer wieder bezeugt wurde gehört auch zur Kirche des 21. Jahrhunderts!
  6. Bekehrungen sind an der Tagesordnung weil die Liebe und Einheit der Christen und die Kraft des Evangeliums so attraktiv ist, dass immer mehr Menschen zu Jesus finden.

Blogbild Traum von KircheKlingt unrealistisch? Vielleicht. Genau wie viele Ankündigungen der Bibel, die trotzdem eingetreten sind. Ich bin jedenfalls zuversichtlich, dass mein Traum wahr wird. Nicht nur, weil ich schon jetzt viele hoffnungsvolle Entwicklungen sehe sondern vor allem, weil ich überzeugt bin, dass auch Gott diesen Traum träumt. Denn schließlich wird die Kirche doch einmal die Braut Jesu sein! Und welcher Bräutigam träumt nicht von einer schönen Braut? Deshalb gilt für die Kirche das, was der erste Premierminister Israels David Ben-Gurion angesichts der lange erträumten aber nie für möglich gehaltenen Entstehung des Staates Israel einst sagte: „Wer nicht an Wunder glaubt ist kein Realist!“

Die Frage ist: Lassen wir uns anstecken von diesem Traum? Und vor allem: Fangen wir an, konkret dafür zu beten? Denn ich bin überzeugt: Unsere Gebete von heute entscheiden, wie die Kirche morgen aussieht! Skeptiker, Zyniker, Kritiker und Bedenkenträger haben wir genug. Gott sucht Menschen, die er mit seinem Traum von Kirche anstecken kann. Ich glaube: Es ist Zeit, gemeinsam Großes von Gott erwarten! Denn wir haben einen großen Gott, der uns einen großen Auftrag gegeben hat! Und er hat verheißen, jeden Tag bei uns zu sein. Auch 2015!

Siehe auch:

Kultur der Barmherzigkeit

Tübingen ist ein schönes Städtchen. Es macht Spaß, dort zu arbeiten. Mit Boris Palmer haben wir einen interessanten Bürgermeister, der keine Auseinandersetzung scheut. Letzte Woche wurde er am Rande einer Demonstration von einem Steinewerfer am Kopf getroffen. Auch wenn ich politisch Boris Palmer nicht gerade nahestehe erschreckt mich so eine Nachricht.

Leider greift die Kultur des Steinewerfens um sich. Der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider beklagt gar eine  “Atmosphäre des Bloßstellens, des Niedermachens, des Draufschlagens”. In der Tat: Fast regelmäßig werden Verantwortungsträger Opfer eines medialen Spießrutenlaufens. Die Demontage von Bundespräsident Wulf war ein trauriger Höhepunkt. Aber auch die Tränen von Kanzlerkandidat Steinbrück haben Bände darüber gesprochen, wie brutal und gnadenlos öffentliche Verantwortungsträger traktiert werden. Und obwohl ich nie FDP-Wähler war fand ich auch den beißenden Spott und die Häme, die z.B. in der heute-show über der abgewählten FDP ausgegossen wurde, geradezu unerträglich.

Aber es geht nicht nur um Prominente. Unternehmer werden als „Bosse“ verschrien, Polizisten als „Bullen“, Hausfrauen und Mütter (für mich die größten Helden unserer Gesellschaft!) als „Heimchen am Herd“, denen man eine „Herdprämie“ bezahlen muss. Unsere scheinbar tabulose Gesellschaft hat neue Tabus geboren, deren Übertretung aggressiv geahndet wird. Das haben zuletzt die Teilnehmer des Marschs für das Leben erfahren müssen, die es gewagt haben, öffentlich das „Recht“ auf freie Abtreibung in Frage zu stellen und die dafür zwar nicht mit Steinen aber mit Farbbeuteln und Kondomen beworfen wurden.

Die Geschädigten dieser Kultur des Steinewerfens sind wir alle. Denn es sind ja gerade auch die Stützen unserer Gesellschaft, die da demontiert werden. Leider sind wir auch in der christlichen Szene alles andere als frei davon. Leiten macht einsam – das gilt allzu oft auch in Kirchen, Gemeinden und christlichen Werken. Es ist manchmal ernüchternd zu hören, was Leiter sich so alles an beißender Kritik anhören müssen. An mir selbst merke ich, wie schnell man zynisch, ärgerlich oder überheblich wird. Es ist gar nicht leicht, sein Herz rein zu halten, wenn man Berichte über (angebliche) Fehler Anderer hört.

Jesus hat die Fehler auch gesehen. Er sah die Sünde der Ehebrecherin. Er hat sie nicht kleingeredet oder ignoriert. Aber er hat sich mutig dazwischengeworfen, als die Steinewerfer ihr an den Kragen gehen wollten. »Wer von euch ohne Sünde ist, der soll den ersten Stein auf sie werfen!« hat er gesagt und damit die Ankläger dazu gebracht, ihre Steine in desteine Herzn Sand fallen zu lassen. Damit hat Jesus ein radikales Zeichen gesetzt. Er will eine Kultur der Barmherzigkeit! Und er hat uns daran erinnert, dass wir ALLE Fehler machen und ALLE von der Barmherzigkeit Gottes und unserer Mitmenschen leben.

Es tut mir ganz gut, mich manchmal daran zu erinnern, wie schräg ich selbst zeitweise drauf war. Wie sehr ich Menschen verletzt habe! Welche verqueren Meinungen ich hatte. Und Gott allein weiß, welche dunklen Motivationen und Irrtümer mich heute noch beeinflussen. Er hätte schon oft allen Grund gehabt, mich abzuschreiben. Aber Gott hatte und hat Geduld mit mir. Statt mich zu verurteilen hat er mir immer wieder aufgeholfen. Gott sei Dank!

Davon lebe ich: Von der Gnade, Vergebung und Barmherzigkeit Gottes und meiner Mitmenschen. Jesus, bitte hilf mir, dass auch ich gnädig bin. Dass ich den Stein fallen lasse, den ich auf andere Menschen schleudern will. Und dass ich mich so wie Du mutig dazwischen werfe, wenn Andere gesteinigt werden sollen. Lass mich ein Friedensstifter sein und einer, der mit der richtigen Herzenshaltung kämpft – für eine jesusmäßige Kulturrevolution. Für eine Kultur der Gnade und der Barmherzigkeit.

Leserbrief zum ARD Film “Mission unter falscher Flagge”

Nachfolgend mein Leserbrief zur ARD-Sendung “Mission unter falscher Flagge”, der in der aktuellen Ausgabe von idea-spektrum veröffentlicht wurde.
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“Mehr noch als die katastrophale Leistung der ARD-Journalisten bedrückt mich, dass es Vertreter meiner evangelischen Landeskirche Württemberg waren, die in massiver Weise Mitchristen öffentlich angegriffen haben. Auf meine Nachfrage hin konnten mir bislang weder der interviewte Klinikseelsorger noch die im Hintergrund beteiligte Arbeitsstelle für Weltanschauungsfragen nachvollziehbare Belege für die im Film genannten schlimmen Vorwürfe nennen, auch nicht für die behaupteten theologischen Entgleisungen. Wer sich das Material der Weltanschauungsbeauftragten durchsieht, erschrickt, wie dort bibeltreue Christen mit Sekten und islamischen Fundamentalisten verglichen und welch einseitige Klischees charismatischer Theologie und Frömmigkeit verbreitet werden. Ich halte es für dringend erforderlich, dass die evangelische Kirche ihren Umgang mit Christen anderer Prägung gründlich überdenkt.”
Unter der Überschrift “Miteinander reden – nicht übereinander!” (Teil 1 und Teil 2) habe ich mich ja bereits ausführlicher zu diesem Thema geäußert. Mich würde interessieren, was meine Leser dazu denken und freue mich über Rückmeldungen, gerne auch persönlich (Kontakt).