Miteinander reden – nicht übereinander!

Gedanken zur ARD-Doku “Mission unter falscher Flagge”

Am 4. August wurde Deutschland in einer ARD-Doku über „radikale Christen in Deutschland“ aufgeklärt, die angeblich „Mission unter falscher Flagge“ betreiben. Obwohl dabei nur einige freikirchliche Gruppen mit charismatisch/pfingstlicher Prägung gezeigt wurden hat der Film letztlich die gesamte evangelikale Bewegung ins Zwielicht gerückt.

Die völlig einseitige, undifferenzierte und reißerische Darstellung mit subtilen Schnitten und düsteren Klängen hat viele Christen sehr empört. Das ging auch mir so. Nicht zuletzt die inzwischen verfügbaren Stellungnahmen des Gospel Forums, der FCJG Lüdenscheid, der TOS Tübingen oder des Werks Mission Freedom (inkl. der Pressemitteilung des MdB Frank Heinrich) haben die äußerst mangelhafte journalistische Qualität des Films überdeutlich werden lassen.

Bei allem Ärger über die ARD-Journalisten gibt es jedoch eine Sache, die mich offen gesagt noch mehr bedrückt: Es war ein Pfarrer meiner evangelischen Landeskirche Württemberg, der diese Mitchristen im Film so massiv angegriffen hat. Sein harmlosester Vorwurf war dabei noch, dass in den Veranstaltungen der freien Gemeinden das Evangelium wie in schlechten Managerseminaren angepriesen würde. Viel schlimmer war seine Aussage, dass es nach seinem „Eindruck“ hinter den Kulissen der freien Gemeinden Machtmissbrauch, Manipulation und sogar Gewalt gäbe. Die Belege dafür waren dünn. Außer ein paar vorgelesenen Behauptungen anonymer „Aussteiger“ wurden in dem ganzen Film praktisch keine Fakten genannt, um die harten Vorwürfe zu belegen, und das, obwohl die ARD-Journalisten hinter der Kamera offenbar kräftig von der Arbeitsstelle für Weltanschauungsfragen der württembergischen Landeskirche unterstützt wurden, wie die Filmemacher im Interview berichten.

Was mich dabei umtreibt ist: Vertreter meiner eigenen Kirche tun hier doch genau das, wofür der Papst gerade eben bei den Pfingstkirchen um Vergebung gebeten hat, nämlich die Beförderung einer undifferenzierten und einseitigen Stigmatisierung pfingstlich/charismatischer Mitchristen.

Natürlich ist mir aus persönlicher schmerzlicher Erfahrung sehr bewusst, dass es Manipulation, Gewalt und Machtmissbrauch tatsächlich auch in christlichen Kreisen gibt. ABER: Diese Probleme gibt es überall, wo Menschen mit verletzter Identität versuchen, ihre persönlichen Defizite durch menschliche Anerkennung und Macht zu kompensieren. Das ist keine Spezialität charismatisch/pfingstlicher Gruppen. Hier muss jede Gemeinde und Kirche zuerst vor ihrer eigenen Haustüre kehren.

Miteinander redenUnd wenn wir den Eindruck gewinnen, dass solche Probleme anderswo gerade gehäuft auftauchen, dann sollten wir MITEINANDER und nicht ÜBEREINANDER sprechen, so wie es Paulus gemacht hat. Wir lesen ja in der Bibel, dass es auch in den urchristlichen Gemeinden z.T. schlimme Fehler und Fehlentwicklungen gab. Gut, dass Paulus das direkt mit den Gemeinden besprochen hat statt die Bevölkerung Korinths oder Galatiens öffentlich vor den christlichen Gemeinden zu warnen!

Gerade jetzt kämpft meine Kirche wieder mit einer neuen Austrittswelle. Das drückt mich sehr. Noch bedrückender finde ich, dass unsere Gesellschaft große Probleme hat und mehr denn je die gute Nachricht des Evangeliums benötigt. Dafür brauchen wir Christen eine starke gemeinsame Stimme im Land! Jesus hat deutlich gemacht, dass unser Zeugnis erst dann an Strahlkraft gewinnt, wenn die Christen in Einheit zusammenstehen.

Deshalb meine ich: Wir können wir es uns nicht leisten, öffentlich auf einander loszugehen! Denn damit schaden wir am Ende dem Ruf ALLER Christen, auch dem unserer eigenen Kirche!

Ich wünsche mir deshalb sehr, dass meine Kirche dem Beispiel des Papstes folgt und klar zum Ausdruck bringt, dass…

… es nicht der Wahrheit entspricht, wenn charismatisch/pfingstliche Christen derart einseitig und undifferenziert negativ dargestellt werden.

… es nicht in Ordnung ist, Mitchristen (so wie überhaupt niemanden) ohne klare Faktenlage öffentlich niederzumachen.

… evangelikal und charismatisch geprägte Christen auch in vielen evangelischen Gemeinden äußerst wertvolle ehrenamtliche Arbeit leisten und ein wichtiger und wertgeschätzter Bestandteil der evangelischen Kirche sind.

… moderne, jugendgemäße Formen, wie sie im Film zu sehen waren, auch innerhalb der Kirche gefördert und begrüßt werden als wertvolle Hilfe gegen den massiven Bindungsabbruch von Jugendlichen zur Kirche.

Ob mein Wunsch wohl in Erfüllung geht? Ich habe den Pfarrer, der in der Sendung zu Wort kam, und meine Kirchenleitung darauf angesprochen. Vielleicht kommen wir ja miteinander ins Gespräch und gemeinsam einen Schritt vorwärts auf dem Weg zu der Einheit, für die Jesus so intensiv gebetet hat. Dann hätte dieser ARD-Film doch noch etwas Gutes bewirkt…

7 Gedanken zu „Miteinander reden – nicht übereinander!

  1. Wie wahr, lieber Markus! Danke für dieses mir auch aus dem Herzen sprechende Statement !
    Wie du weißt, habe auch ich in der Landes und nicht in einer Freikirche meinen schlimmsten zerbruch erlitten….
    Bin aber froh, dass es heil werden darf….
    ganz liebe Grüsse be blessed Reinhard

    • eine echt geniale Reaktion – diese ARD-Sendung hat auch uns richtig belastet. Von Christenskeptikern ist heutzutage vielleicht nichts anderes zu erwarten – aber von Kirchenmenschen solche undifferenzierte, unfaire Verurteilungen, das tut weh. DANKE für die klaren Worte!

  2. Vielen Dank für diesen Artikel, ich kann diesem nur zustimmen.
    Auch mir ist es ein Anliegen das wir Christen mehr auf das schauen was uns eint , als auf das was uns trennt. Und leider stimmt es das es in allen menschlichen. Institutionen Menschen gibt die Ihre Macht oder sonst was missbrauchen um sich Vorteile zu verschaffen. Allerdings denke ich dies erst einmal nicht von den drei an den Pranger gestellten Gemeinden und deren Leiter. Ob in Einzelfällen evtl. Mal Fehler gemacht wurden kann und will ich hier an dieser Stelle überhaupt nicht beurteilen. Miteinander reden und miteinander beten – ja das finde ich erstrebenswert.

    • Vielen Dank für die Rückmeldung. Nur um das klar zu machen: Ich weiß persönlich überhaupt nichts über irgendwelche negativen Vorfälle in einer dieser Gemeinden. Die Kontakte, die ich dorthin hatte, waren im Gegenteil alle sehr positiv. Mein Anliegen war nur, ganz grundsätzlich zu sagen: FALLS jemand etwas über negative Vorfälle in anderen Gemeinden erfährt, dann sollten wir miteinander reden, nicht übereinander.

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