Wollte Gott, dass rebellische Söhne gesteinigt werden sollen?

Der Inhalt dieses Artikels ist auch Gegenstand des Podcasts “#9 Hat Gott gefordert, dass rebellische Söhne gesteinigt werden sollen?” bei Bibel-live.

Das Studium der Gesetze und Gebote in den 5 Büchern Mose ist manchmal harte Kost. Da gibt es zwar einige Vorschriften, die uns auch heute noch einleuchten: Die 10 Gebote zum Beispiel. Oder auch so simple Vorschriften, dass man auf dem Dach der Gebäude Geländer anbringen soll, damit niemand herunterfällt (5. Mose 22,8). Es gibt aber auch einige Gebote, die heute sehr fremd, ja regelrecht abstoßend und verstörend auf uns wirken. In seinem Worthausvortrag „Jesus und die blutende Frau“ beschäftigt sich Siegfried Zimmer zum Beispiel mit einigen Reinheitsgeboten für Frauen, die er für so absurd und menschenfeindlich hält, dass er sie mit folgenden Worten kommentiert: „In religiösen Dingen, da gibt es Systeme, da gibt es Reinigungsgesetze von äußerster Kälte und Frauenfeindlichkeit. Die können auch in der heiligen Schrift stehen. 3. Buch Mose – sagt man ja so – das ist Gottes Wort. Meint ihr wirklich, dass Gott selber dermaßen frauenfeindliche Gesetze erlassen hat? Stellt ihr euch Gott so vor? … Oder sind das nicht eher Männerphantasien? Priesterphantasien?“ (ab 36:57)

Natürlich kann man unsere heutigen Schwierigkeiten mit diesen Geboten ganz einfach wegerklären, indem man sie für überkommene menschliche Ideen hält. Das Problem ist nur: Nebenbei wird damit auch das reformatorische Prinzip über Bord geworfen, dass die Bibel sich selbst auslegen muss. Denn die Bibel selbst ist überhaupt nicht der Meinung, dass es sich hier um Männer- oder Priesterphantasien handelt. Im Gegenteil: Gleich an 17 Stellen werden im 3. Buch Mose lange Textabschnitte eingeleitet mit der folgenden Wendung: „Der Herr sprach mit Mose und forderte ihn auf mit den Israeliten zu reden und ihnen auszurichten: …“[1] Der Bibeltext selbst will also immer wieder deutlich machen: Hier spricht nicht nur ein Mensch. Hier spricht Gott selbst! Und genau diese Überzeugung wird in der Bibel auch nirgends in Frage gestellt, im Gegenteil: Jesus selbst hat klargestellt, dass es sich hier um Gottes Gesetz handelt, das voll und ganz gültig bleibt: „Ich versichere euch: „Solange der Himmel und die Erde bestehen, wird selbst die kleinste Einzelheit von Gottes Gesetz gültig bleiben, so lange, bis ihr Zweck erfüllt ist.“ (Matthäus 5,18) Und Paulus schreibt in Römer 7, 12: „Es bleibt dabei: Das Gesetz an sich ist heilig, und das einzelne Gebot ist heilig, gerecht und gut.“ Also keine Spur davon, dass ein biblischer Autor sich von diesen Gesetzen und deren göttlichem Ursprung distanzieren würde.[2] Umso mehr stellt sich die Frage: Wie gehen wir um mit solchen Geboten im mosaischen Gesetz, die uns heute vollkommen unverständlich erscheinen?

Zur Klärung dieser Frage befasst sich dieser Artikel beispielhaft mit einem besonders krassen Fall. Die Forderung der Todesstrafe für rebellische Söhne steht in 5. Mose 21, 18-21:

„Folgender Fall: Jemand hat einen aufsässigen und rebellischen Sohn. Der lässt sich nichts sagen, weder von seinem Vater noch von seiner Mutter. Sie versuchen es mit Strafen, aber er hört trotzdem nicht auf sie. Dann sollen sein Vater und seine Mutter ihn packen und zu den Ältesten der Stadt bringen. Im Tor des Ortes soll der Fall behandelt werden. Sie sollen zu den Ältesten der Stadt sagen: »Das ist unser Sohn, er ist aufsässig und rebellisch. Nie hört er auf uns. Er verschwendet alles und ist ein Säufer.« Dann sollen alle Männer der Stadt ihn steinigen, und er soll sterben. So sollst du das Böse aus deiner Mitte entfernen. Alle Menschen in Israel sollen davon erfahren, damit sie es sich zu Herzen nehmen.“

Es kann meines Erachtens keine zwei Meinungen darüber geben, dass eine derart drakonische Gesetzgebung heutzutage vollkommen inakzeptabel ist. Aber wie sollen Christen dann mit so einer Bibelstelle umgehen? Und inwiefern können wir das heute noch als „Gottes Wort“ betrachten? Hat Gott denn wirklich ein so verstörendes Gesetz erlassen?

Was bedeutet es, die Bibel historisch zu lesen?

Von Seiten der progressiven Theologie wird immer wieder die Forderung erhoben: Wir müssen die Bibel doch historisch lesen, statt sie 1:1 als Gottes Wort zu verstehen. Die Frage ist nur: Ist das denn wirklich ein Widerspruch? Dieses Gebot könnte doch beides sein: Gemäß seinem Selbstanspruch ist es voll und ganz Gottes offenbartes Wort. Aber natürlich hat Gott hier in eine bestimmte Zeit hineingesprochen. Deshalb können wir Gottes Reden womöglich erst dann richtig verstehen, wenn wir auch etwas vom historischen Kontext wissen, in den dieses Wort hineingesprochen wurde.

Das führt uns natürlich zu der Frage: Welches historische Umfeld kann denn dieses verstörend wirkende Gebot verständlich machen?

Gott spricht hier in eine Zeit hinein, in der die Familie als die entscheidende soziale Einheit in der Gesellschaft galt. Es gab damals keine Rente und keine Seniorenwohnheime. Stattdessen waren die Kinder für die Versorgung der Eltern unverzichtbar notwendig. Die Familien haben also dafür gesorgt, dass alle versorgt werden. Damit waren die Familien für die Stabilität der Gesellschaft von entscheidender Bedeutung.

Vor diesem Hintergrund wird verständlicher, warum der Respekt vor den Eltern in den 10 Geboten fest verankert wurde. Für die Stabilität der Familien war der Respekt vor den Eltern ungeheuer wichtig. Und generell war im Denken und in der Erfahrung der Menschen damals das Prinzip verankert: Wenn die Familie zerfällt, dann zerfällt auch die Gesellschaft. Deshalb müssen wir alles tun, um die Familienstrukturen zu schützen.

In dieser Sichtweise ist ein Sohn, der das Eigentum der Familie verschwendet und „versäuft“, nicht nur einfach eine ärgerliche Enttäuschung für die Eltern, sondern existenzbedrohend für die Familie und damit auch gefährlich für die Gesellschaft. Es war deshalb normal, dass man so einen Fall nicht einfach laufen lassen konnte oder wollte. Im Gegenteil: Es war verbreitet, hart dagegen vorzugehen, wenn ein Sohn, der doch bald die Verantwortung in der Familie übernehmen sollte, in seiner Aufgabe nicht nur versagte, sondern im Gegenteil auch noch der Familie massiv schadete, indem er den Familienbesitz verschwendete und seine Eltern im Stich ließ.

Im römischen Recht galt dabei: Der Vater der Familie hatte das Recht über Leben und Tod seiner Familie. Der Familienvater konnte also nach eigenem Gutdünken entscheiden, ob ein Sohn, der die Eltern nicht respektiert und den Besitz der Familie verprasst, sterben muss. Auch über die jüdische Gesellschaft schreibt die Religionswissenschaftlerin Elisabeth Bellefontaine: In der vorjahwistischen Zeit wäre die Todesstrafe … direkt von den Eltern oder anderen Verwandten ausgesprochen und vollstreckt worden – manchmal auch mit Druck der Gruppe.“ [3]

Das bedeutet: Die Praxis, rebellische Söhne zu verurteilen und zu töten, war damals nicht ungewöhnlich. Und es lag vielfach in der Hand des Vaters oder der Familie, wenn gegen einen Sohn vorgegangen wurde – bis hin zur Todesstrafe.

Was ist eigentlich das Ziel dieses Gesetzes?

Wie reagiert nun das mosaische Gesetz auf diese gesellschaftliche Realität? Wenn wir genau hinschauen, merken wir: Das mosaische Gesetz brachte nicht etwa eine Verschlechterung sondern eine erhebliche Verbesserung des Rechtsschutzes der Söhne! Denn die Möglichkeit der Todesstrafe, die es in der damaligen Gesellschaft ohnehin schon gab, wird in diesem Gesetz sehr weitgehend reglementiert:

  • Eine Anklage ist überhaupt nur möglich, wenn Vater UND Mutter gleichermaßen den Sohn für schuldig halten. Eine Verurteilung war nur möglich, wenn auch die Mutter den Sohn für todeswürdig hält. Diese Regelung ist erstaunlich in einer patriarchalen Gesellschaft, in der Frauen oft gar nicht als rechtsfähig angesehen wurden.
  • Der Ungehorsam und fehlende Respekt des Sohnes allein genügt nicht. Zusätzlich muss hier ein Lebensstil vorliegen, der den Besitz der Familie verprasst inklusive einer Trunksucht, die den Sohn davon abhält, seinen Pflichten nachzukommen.
  • Die Eltern mussten zunächst sämtliche erzieherischen Möglichkeiten ausgeschöpft haben. Sie mussten zunächst versuchen, ihn mit sanfteren Strafen zum Umdenken zu bewegen. Erst dann durfte die Todesstrafe erwogen werden.
  • Ganz wichtig: Den Fall durften nicht die Eltern und auch nicht der Familienclan entscheiden. Er musste stattdessen den „Ältesten“ der lokalen Gemeinschaft vorgetragen werden. Diese Ältesten mussten dann im Falle des Schuldspruchs auch selbst das Urteil vollstrecken.

Im jüdischen Talmud sind diese Regelungen noch weiter konkretisiert worden, wie die jüdischen Schriftsteller Gevaryahu und Sicherman berichten: Der Junge hat nur wenige Monate Zeit, um das Verbrechen zu begehen; die Einzelheiten des Vergehens sind genau festgelegt und begrenzt (Verzehr einer großen Menge Fleisch und Wein in kurzer Zeit); er muss gewarnt und erneut gewarnt werden; der Junge kann nur mit Zustimmung beider Elternteile unter Verwendung derselben Worte verurteilt werden und schließlich, aber sicher nicht zuletzt, “müssen die Ältesten der Stadt ihn verurteilen”, wodurch den Eltern die letzte Zuständigkeit vollständig entzogen wird.“ [4]

Angesichts dieser zahlreichen Regeln und Auflagen stellt sich jetzt natürlich die Frage: Hat es diesen Fall überhaupt jemals gegeben? Fakt ist: Wir wissen nicht genau, ob es in der Praxis überhaupt jemals einen Fall gegeben hat, dass ein Sohn gemäß 5. Mose 21,18-21 gesteinigt wurde. Aber ganz sicher ist: Diese Regelung hat den Beteiligten so hohe Auflagen auferlegt, dass diese Regelung letztlich zur kompletten Abschaffung der Hinrichtungspraxis rebellischer Söhne geführt hat.

Gevaryahu und Sicherman berichten, dass die talmudische Diskussion angesichts dieses Dickichts von Regeln zu dem Schluss kommt, dass dieses Gebot gar nicht praxistauglich ist. Im babylonischen Talmud gilt es deshalb als eines von drei Geboten aus der Tora, „die niemals waren und niemals sein werden“. Das heißt: Diese Gesetze kamen und kommen nie zur praktischen Anwendung. Dazu gehörte auch das Gebot von der abtrünnigen Stadt, die verwüstet werden soll (5. Mose 13,13-18) und das infizierte Haus, das abgerissen werden soll (3. Mose, 14,34-55). Und weil diese Gesetze nie zur Anwendung kamen, glauben Gevaryahu und Sicherman, dass diese Gesetze, „entgegen der üblichen Auslegung gar nicht dazu gedacht waren, die potenziellen Sünder (den Sohn, die Stadtbewohner, den Hausbesitzer) abzuschrecken, sondern vielmehr dazu, die Ausübung potenziell großer Ungerechtigkeit zu zügeln: Den rachsüchtigen Vater, die wütende Mehrheit und den korrupten Priester. In jedem dieser Fälle greift die Tora eine wahrscheinlich vorherrschende soziale Praxis auf und wendet sie von der Praxis zur Theorie.“ [5] Das heißt: Nach Einführung dieser Regelungen war die Umsetzung so schwierig geworden, dass die soziale Praxis sich völlig verändert hat in einem Ausmaß, dass die Todesstrafe in der Praxis gar nie mehr vollstreckt wurde.

Gott berücksichtigt die Verständnisfähigkeit der Menschen

Das führt natürlich zu der Frage: Warum stehen in der Bibel Vorschriften, die gar nicht praxistauglich sind? Warum sagt Gott nicht ganz einfach: Söhne dürfen nicht umgebracht werden. Punkt.

Jesus selbst gibt uns zu dieser Frage einen entscheidenden Hinweis: In Matthäus 19 spricht Jesus über das Thema Ehescheidung. Dabei macht er klar, dass gemäß Gottes Plan Mann und Frau eine Einheit bilden sollen, die niemals durch Scheidung aufgelöst werden soll. Die Pharisäer fragen ihn deshalb zurecht: Warum hat Mose dann erlaubt, dass ein Mann seiner Frau eine Scheidungsurkunde ausstellen soll und sie damit wegschicken kann? Die Antwort Jesu ist bemerkenswert: Weil ihr euer Herz gegen Gott verschlossen habt! Nur deshalb hat euch Mose erlaubt, eure Frauen wegzuschicken. Doch ursprünglich war das nicht so.“ (Matthäus 19, 8)

Jesus sagt somit: Der Plan war eigentlich, dass Mann und Frau sich überhaupt nicht scheiden lassen sollen. Aber ihr Menschen habt euch so weit von Gottes Plan entfernt, dass Gott zuerst einmal wenigstens eine kleine Verbesserung bringen musste. Tatsächlich hatte die mosaische Regelung zur Scheidungsurkunde den Frauen eine enorme Verbesserung gebracht. Die Scheidungsurkunde war die Grundlage dafür, dass die verstoßene Frau wieder heiraten konnte und damit eine Chance hatte, im Alter versorgt zu sein. Trotzdem machte Jesus deutlich: Diese Regelung war eher ein Notgesetz, das Rücksicht nimmt auf den tiefen Fall des menschlichen Herzens. Anstatt den Menschen Regelungen aufzuerlegen, die für sie völlig unverständlich und damit überfordernd gewesen wären, holt Gott die Menschen da ab, wo sie stehen, und versucht, die Verhältnisse schrittweise zu verbessern.

Genau dieses Prinzip lässt sich auch im Gebot über den rebellischen Sohn erkennen. Gott holt die Menschen da ab, wo sie stehen. Es war damals leider üblich, dass Söhne getötet werden können, wenn sie der Familie schaden. Gott holte die Menschen in dieser Situation dadurch ab, dass er sagte: Wenn ihr das tut, dann müsst ihr jede Menge Regeln beachten. Im Ergebnis hat Gott damit eine Abschaffung der Todesstrafe an den eigenen Kindern bewirkt.

Gibt es eine tiefere Bedeutung des Gebotes zum rebellischen Sohn?

Aber wenn diese Vorschrift nur für die Leute damals passend war, warum sollten wir uns dann heute noch dafür interessieren?

Einen Hinweis zur Beantwortung dieser Frage gibt uns Paulus in 1. Korinther 9, 9. Dort zitiert er das folgende Gebot aus 5. Mose 25, 4: „Im Gesetz des Mose steht nämlich: »Du sollst einem Ochsen beim Dreschen nicht das Maul zubinden.“ Dann beschäftigt sich Paulus damit, was dieses Gebot bedeutet. Und er macht deutlich: Aus seiner Sicht geht es hier gar nicht um Tierschutz, wie man zunächst meinen sollte. Wörtlich schreibt er: „Geht es Gott dabei etwa um die Ochsen?“ Die Antwort war für Paulus offenkundig: „Nein“. Aber im übertragenen Sinn machte das Gesetz für ihn sehr viel Sinn! Er war der Meinung: In Wahrheit geht es hier um Menschen, die sich für das Reich Gottes einsetzen. Gott ist es wichtig, dass solche Menschen dafür entlohnt werden sollen. Es war für Paulus also angemessen, hinter solchen Gesetzen eine tiefere Bedeutung zu vermuten, die sich uns erst erschließt, wenn wir das Gebot im übertragenen Sinne verstehen.

Aber was könnte jetzt der tiefere Sinn der Todesstrafe für den rebellischen Sohn sein? Die Antwort ist eigentlich ziemlich naheliegend. Die Bibel macht immer wieder deutlich, dass Gott sein Volk Israel wie einen Sohn betrachtet: So spricht der Herr: Israel ist wie mein erstgeborener Sohn.“ (2. Mose 4,22) Aber Israel war ein rebellischer Sohn, der sich der göttlichen Erziehung immer wieder widersetzt hat: Als Israel jung war, gewann ich es lieb. Aus Ägypten rief ich sie wie ein Vater seinen Sohn. Doch kaum hatte ich sie gerufen, liefen sie von mir davon. Sie brachten Schlachtopfer dar für die Baal-Götter und Räucheropfer für die Götterbilder.“ (Hosea 11, 1-2) Gott hat alles versucht, um seinen Sohn Israel zu erziehen. In Vers 7 lautet jedoch das frustrierte Fazit: „Trotzdem will mein Volk nicht zu mir zurückkehren.“ Der Sohn Israel blieb rebellisch. Er verprasste seine Güter für fremde Götter. Gott ist deshalb hin- und hergerissen. Er sagt: Eigentlich müsste ich Israel vernichten. Aber ich will das nicht tun: „Ich lasse meinen glühenden Zorn nicht zur Tat werden.“ (Hosea 11, 9) Was ist die Lösung dieses Dilemmas?

Jesus nimmt den Platz des rebellischen Sohnes ein

Auch im Neuen Testament finden wir einen Bezug zum Gebot vom rebellischen Sohn. Immer wieder wurde Jesus von seinen Zeitgenossen als „Fresser und Säufer” bezeichnet wurde (Matthäus 11, 19). Jesus wurden also genau die Eigenschaften nachgesagt, wegen denen gemäß dem mosaischen Gesetz ein rebellischer Sohn zum Tod verurteilt werden sollte. Und obwohl dieser Vorwurf bei Jesus natürlich vollkommen unberechtigt war, wurde an ihm – anders als bei Israel – tatsächlich die Todesstrafe vollzogen. Anders gesagt: Jesus starb die Todesstrafe, die Israel eigentlich verdient gehabt hätte. Und noch viel erstaunlicher ist: Jesus starb diese Todesstrafe genau in der Art und Weise, die Mose direkt im Anschluss an das Gebot über den rebellischen Sohn beschreibt:

„Folgender Fall: Jemand hat ein Verbrechen begangen, auf das die Todesstrafe steht. Er wird hingerichtet, und du hängst ihn an einem Holzbalken auf. Dann soll die Leiche nicht über Nacht am Balken hängen, sondern du sollst ihn am selben Tag noch begraben. Denn wer so aufgehängt wird, gilt als von Gott verflucht.“ (5. Mose 21, 22-23)

Tatsächlich hing Jesus am Holzbalken. Und tatsächlich wurde er noch am selben Tag abgehängt und begraben (was damals ungewöhnlich war, weil Gekreuzigte oft über mehrere Tage hängen gelassen wurden). Kein Wunder, dass Paulus sich genau auf diese Stelle bezieht, wenn er in Galater 3, 13 schreibt: „Christus hat uns von dem Fluch des Gesetzes erlöst, indem er für uns zum Fluch wurde, denn es steht geschrieben: “Verflucht ist jeder, der am Holz hängt”.“ Paulus zitiert hier also exakt aus dem Text, der unmittelbar nach dem Gebot zum rebellischen Sohn beschreibt, wie man mit so einem Verbrecher verfahren soll! Damit macht die Bibel ganz deutlich: Jesus, der treue und gehorsame Sohn Gottes, hat stellvertretend den Fluch und die Strafe getragen, die eigentlich der untreue und rebellische Sohn Israel verdient gehabt hätte.

Jesus starb den Tod, den wir verdient hätten

Natürlich ist diese Botschaft nicht nur für Israel wichtig. Denn Gottes Gebot gilt ja auch für uns: Auch wir sollen nicht verschwenderisch leben. Und Paulus schreibt: Wir sollen uns nicht mit Wein betrinken, sondern uns mit dem Heiligen Geist erfüllen lassen. Und natürlich gilt auch für uns immer noch das 5. Gebot: Wir sollen unsere Eltern ehren und achten. Und nach wie vor gilt auch für uns Christen: Gegen Gottes Gebote zu verstoßen, ist Sünde. Und Sünde hat gemäß Römer 6, 23 immer noch tödliche Konsequenzen: Denn der Lohn der Sünde ist der Tod.“ Der Fluch des Gesetzes gilt für uns Christen somit auch heute noch. Er kostet uns zwar hier auf der Erde nicht das Leben. Aber wenn wir die Bibel ernst nehmen, dann passiert etwas viel schlimmeres: Er kostet uns das ewige Leben!

Und wer von uns kann ehrlich sagen, dass er immer ein treuer Sohn Gottes war? Wie oft schon habe ich meine Gaben und Talente, meine Zeit, meine Kraft, mein Geld für irgendwelchen Mist verschwendet? Wie oft habe ich Gott nicht gehorcht? Wie oft habe ich gegen seine Gebote verstoßen? Wie oft bin ich vor ihm davongelaufen? Wie viele Dinge gibt es in meinem Leben, bei denen ich nicht so lebe, wie Gott das von mir möchte? Wie oft schon war ich wahrlich ein verschwenderischer, ein rebellischer Sohn Gottes?

Und wie gut ist es da, dass Jesus an meiner Stelle den Fluch des Gesetzes getragen hat, dass er, der treue und gehorsame Sohn Gottes, den Tod des rebellischen Sohnes am Kreuz gestorben ist, den ich verdient hätte! Wie gut, dass er am Holz gehangen hat und damit für mich und für uns alle den Fluch des Gesetzes erlitten hat! Wie gut, dass wir, die wir wirklich so oft verschwenderisch und rebellisch sind, durch seinen stellvertretenden Tod dem gerechten Urteil entgehen und trotz unseres Versagens ewig leben dürfen!

Das Gebot über den rebellischen Sohn führt zum Evangelium!

Wir können also zusammenfassen: Das zunächst so verstörend klingende Gebot der Steinigung von rebellischen Söhnen bekommt ein völlig anderes Gesicht, wenn wir es vor dem historischen Kontext lesen. Dann merken wir: In Wahrheit handelte es sich um eine derart massive Verbesserung des Rechtsschutzes von Söhnen gegenüber ihren Vätern, dass die verbreitete Praxis der Tötung rebellischer Söhne vollkommen abgeschafft wurde. Gott hat die Menschen da abgeholt, wo sie waren, mit Geboten, die sie damals fassen konnten. Und so hat Gott dafür gesorgt, dass so etwas gar nicht mehr vorkommt.

Darüber hinaus hat dieses Gebot einen enormen bleibenden Wert für uns, weil es ein großes Gleichnis ist für das Drama, das sich zwischen Gott und den Menschen abspielt: Gottes Kinder sind störrisch, verschwenderisch und ungehorsam. Sie hätten die Todesstrafe verdient. Aber Gott selbst lässt sich in seinem treuen, gehorsamen Sohn als „Fresser und Säufer“ bezeichnen und erleidet stellvertretend die Todesstrafe, die wir verschwenderische, rebellische Kinder Gottes verdient hätten, damit wir leben können.

Das Unglaubliche ist also: Auch bei einer derart dunkel erscheinenden Stelle stoßen wir am Ende auf das Evangelium! Ist das nicht wirklich zum Staunen?

Ich finde: Umso weniger brauchen wir daran zweifeln, dass es sich auch bei solchen auf den ersten Blick schwer verständlichen biblischen Stolperstellen im echten Sinn um Worte des lebendigen Gottes an uns Menschen handelt.


[1] 3. Mose 1,1+2; 4,1+2; 7,22+23; 7,28+29; 11,1+2; 12,1+2; 15,1+2; 18,1+2; 19,1+2; 20,1+2; 21,16+17; 23,1+2;23,9+10; 23,23+24; 23,33+34; 25,1+2;27,1+2

[2] Siehe dazu: „Das biblische Bibelverständnis“ (https://blog.aigg.de/?p=5853)

[3] Elisabeth Bellefontaine: “Deuteronomy 21:18-21: Reviewing the case of the rebellious son”; JSOT 13 (1979) 13-31

[4] Gilad J. Gevaryahu und Harvey Sicherman: “What never was and never will be: Rebellious son – subverted city – infected house”; Jewish bible quarterly, Vol. 29, No. 4, 2001

[5] Ebd.