Warum wir der Bibel vertrauen können 1: Die hohe Qualität der Überlieferung

Tacitus gilt als der wohl größte Historiker der römischen Antike. Die Originalausgabe seiner im Jahr 110 veröffentlichten „Annalen“ ist jedoch längst verschollen. Die älteste bekannte Abschrift stammt aus dem 9. Jahrhundert. Dazwischen liegen fast 800 Jahre, in denen der Text wieder und wieder abgeschrieben wurde. Wir müssen befürchten, dass sich dabei im Lauf der Zeit immer mehr Fehler eingeschlichen haben. Bei anderen antiken Schriften wie z.B. von Homer, Herodot oder Julius Caesar beträgt die Zeitspanne zwischen der Entstehung und dem Alter der ältesten erhaltenen Abschriften sogar 900 Jahre oder mehr! Und die Zahl der erhaltenen alten Abschriften ist selten höher als 2-stellig.

Was leider kaum jemand weiß: Keines der antiken Werke ist auch nur annähernd so gut überliefert wie das Neue Testament. Wir kennen heute mehr als 5500 (!) historische Abschriften davon. Hinzu kommen viele Tausend Übersetzungen und Zitate in den Schriften der ersten Kirchenväter. Durch die riesige Zahl alter Quellen kann der ursprüngliche Text heute mit höchster Genauigkeit rekonstruiert werden. So hat z.B. die Quellenanalyse von Prof. Strutwolf von der Universität Münster die Zuverlässigkeit der neutestamentlichen Texte stark untermauert. Hinzu kommt: Das vermutlich älteste Abschriftenfragment des NT geht etwa auf das Jahr 125 zurück und reicht damit nur wenige Jahrzehnte an das verschollene Original heran! Die Vielzahl und die weit verteilten Fundorte der historischen Quellen legen nahe, dass sich die Abschriften der neutestamentlichen Schriften schon sehr früh weit verbreitet haben. Man kann Texte aber nicht mehr fälschen, wenn sie schon überall im Umlauf sind. Was wir im neuen Testament heute lesen ist somit mit großer Sicherheit tatsächlich genau das, was die Autoren ursprünglich geschrieben haben.

Wenig umstritten ist auch, dass das NT zumindest größtenteils noch im 1. Jahrhundert entstanden ist. Vermutlich hat Lukas sein Evangelium und die Apostelgeschichte sogar schon etwa um das Jahr 60 n.Chr. fertig gestellt (also nur 30 Jahre nach der Kreuzigung), denn seine Berichte brechen noch vor dem Tod von Paulus (ca. 64 n.Chr.) ab. Auch über andere dramatische Ereignisse des späten 1. Jahrhunderts wie z.B. die Zerstörung des Tempels (70 n.Chr.) oder der Tod von Petrus und Jakobus (ca. 67 bzw. 62 n.Chr.) wird im NT nirgends berichtet. Umso wahrscheinlicher ist es, dass zumindest weite Teile des NT noch in der Zeit der Augenzeugen entstanden sind. Angesichts der extrem schnellen Ausbreitung des Urchristentums (nur 30 Jahre nach Jesu Tod gab es im weit entfernten Rom bereits zahlreiche Christen!) sind diese Texte offensichtlich sehr gut angekommen! Wenn aber die Zeit- und Augenzeugen die Texte überzeugend fanden spricht das in besonderem Maße für ihre hohe Glaubwürdigkeit. Auch die stimmigen Namensmuster, Ortsbezeichnungen und Ortsbeschreibungen sprechen dafür, dass die Evangelien auf authentischen Berichten kenntnisreicher Augenzeugen beruhen.

Beim Alten Testament sah die Situation lange Zeit anders aus: Die älteste Abschrift des ca. im Jahr 700 v.Chr. geschriebenen Jesaja-Buchs stammte aus dem Jahr 900 n.Chr. Die 1600 Jahre, in denen der Text immer wieder abgeschrieben wurde, ließen befürchten, dass er heute viele Fehler enthält. Im Jahr 1947 wurde aber in Qumran eine vollständige Jesajarolle aus dem Jahr 200 v.Chr. entdeckt. Das Wunder war: Diese 1100 Jahre ältere Handschrift hat den Text bis auf unbedeutende Kleinigkeiten komplett bestätigt. Das beweist, wie penibel genau die jüdischen Gelehrten ihre heiligen Texte überliefert haben!

Aber müssen wir vielleicht befürchten, dass die biblischen Autoren in ihrem religiösen Eifer schlampig und einseitig geschrieben haben? Lukas betonte zwar ausdrücklich, dass seine Texte eine “genaue Zusammenfassung” der von ihm “sorgfältig studierten” Augenzeugenberichte der Jünger Jesu sind. Aber ich erinnere mich noch gut daran, wie ich im Religionsunterricht darüber “aufgeklärt” wurde, dass Lukas in Wahrheit Unsinn erzählt hat: Die in der Weihnachtsgeschichte erwähnte Volkszählung hätte erst 10 Jahre nach der Geburt Jesu stattgefunden. Auch wäre Quirinius erst nach dem Tod von Herodes Statthalter in Syrien geworden. Die Geschichte von Joseph und Maria sei deshalb ein christliches Märchen.

Auch der bekannte Altertumsforscher Sir William Ramsay ging zu Beginn seiner Forschungen über die historische Geographie Kleinasiens davon aus, dass die Berichte von Lukas unzuverlässig sind. Im Verlauf seiner Forschung erwiesen sich die Angaben von Lukas zu Orten, Regionen, Personen, Ämtern und Titeln aber als so zuverlässig, dass er am Ende zu seiner eigenen Überraschung eingestehen musste: „Weiteres Forschen … ergab, dass das Buch (von Lukas) der genauesten Prüfung bezüglich seiner Kenntnis über die Welt der Ägäis standhalten konnte, und dass es mit so viel Urteilsvermögen, Fähigkeit, Kunst und Wahrnehmung der Wahrheit geschrieben wurde, dass es ein Modell für ein historischen Werk darstellt“.

2016 hat der Althistoriker Dr. Andreas Gerstacker im Rahmen einer umfangreichen Faktenanalyse dargelegt, dass auch die Weihnachtsgeschichte sehr wohl „auf soliden historischen Grundlagen ruht“. Steuerschätzungen und damit verbundene Reisen waren damals durchaus üblich. Womöglich war Quirinius zu Herodes Zeiten schon einmal als Gesandter vor Ort gewesen. Das chronologische Problem mit der Amtszeit des Quirinius könnte aber auch ganz schlicht auf einem Übersetzungsfehler beruhen.**

Auch wenn wie so häufig unter Historikern und Theologen noch reichlich gestritten wird: In keinem Punkt kann Lukas heute als widerlegt gelten. Im Gegenteil: Wenn wir heute wie selbstverständlich den Berichten von Tacitus über Kaiser Nero glauben müssen wir um ein vielfaches mehr den Texten der Bibel vertrauen – denn sie sind erheblich besser belegt und überliefert!

Warum wir der Bibel vertrauen können 2: Das Rätsel der Auferstehung

Vertiefend zu diesem Artikel:

*: Was es lediglich gibt sind vage prophetische Ankündigungen: Die Zerstörung des Tempels wurde von Jesus vorhergesagt (z.B. Matth. 24, 2). Aber nirgends wird im NT berichtet, dass und wie sie tatsächlich passiert ist. Im Gegensatz dazu hat Lukas z.B. in Apg. 11, 28 zuerst die Prophetie über eine kommende Hungersnot geschildert und dann sofort über die Erfüllung dieser Vorhersage berichtet. In Joh. 21, 19 macht Jesus eine Andeutung auf den zukünftigen Tod von Petrus, aber im Gegensatz zum Märtyrertod des viel unbekannteren Stephanus wird über das Martyrium von Petrus nirgends etwas berichtet. Auch der Tod von Jakobus, der laut Gal. 2, 9 in der Jerusalemer Gemeinde eine zentrale Rolle spielte, wird im NT mit keinem Wort erwähnt. Warum haben die Autoren des NT nirgends über diese teilweise von Jesus extra angekündigten und für die Urgemeinde so einschneidenden Ereignisse berichtet, während so viele andere wesentlich unbedeutendere Ereignisse ausführlich geschildert werden? Diese und weitere Fragen haben v.a. seit John A.T. Robinson wieder viele Theologen dazu bewogen, von einer Frühdatierung der Evangelien auszugehen.

**: Sprachwissenschaftlich liegt es im Bereich des möglichen, dass Lukas 2, 2 von Lukas eigentlich so gemeint gewesen sein könnte: “Diese Schätzung ereignete sich früher (als diejenige Schätzung) als Quirinius Statthalter von Syrien war.” Das wäre auch deshalb schlüssig, weil die Schätzung unter Quirinius im Jahr 6 n.Chr. besonders bekannt war (weil sie einen großen Aufstand losgetreten hat) und weil es damals üblich war, Ereignisse zu anderen bekannten Ereignissen in einen zeitlichen Bezug zu setzen. Lukas hätte also betonen wollen: Achtung, diese Schätzung war nicht die berühmte Schätzung unter Quirinius sondern sie geschah schon vorher. Ob Lukas es wirklich so gemeint hat ist jedoch nicht gesichert und wird bislang auch nicht von einer Mehrheit der Forscher angenommen.

2 Gedanken zu „Warum wir der Bibel vertrauen können 1: Die hohe Qualität der Überlieferung“

  1. “Im Jahr 1947 wurde aber in Qumran eine vollständige Jesajarolle aus dem Jahr 200 v.Chr. entdeckt. Das Wunder war: Diese 1100 Jahre ältere Handschrift hat den Text bis auf unbedeutende Kleinigkeiten komplett bestätigt. Das beweist, wie penibel genau die jüdischen Gelehrten ihre heiligen Texte überliefert haben!”
    Warum bleibt ihr nicht bei der gesamten Wahrheit und postet nur selektive das was eure These unterstützt? Die Rolle, die dem Masoretischen Text (MT) am nächsten steht, ist die Kleine Jesajarolle (1QJesb). In Qumran hat man auch die bekannte Große Jesajarolle (1QJesa) gefunden und die stimmt nicht exakt mit dem MT überein­stimmt. Außerdem hat man dort auch andere Rollen gefunden, die sich stark vom MT unterscheiden wie beispielsweise 4QSama (4Q51). Oder was ist mit der Psalmenrolle (11QPsa) die andere Psalmen beinhaltet also der MT?
    Weitere Unterschiede werden hier aufgezeigt: https://bibellexikon.com/themen_kanon_septuaginta_inspiration.php
    Wer so selektiv einen Artikel schreibt, der ist nicht wirklich interessiert an der Wahrheit.

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    • Hallo Alex, ich antworte mal mit einem Zitat des Qumran-Experten Prof. Millar Burrows: „Viele Unterschiede zwischen der Jesaja-Rolle und dem masoretischen Bibeltext lassen sich als Abschreibfehler erklären. Von diesen abgesehen stimmt sie im Ganzen in bemerkenswerter Weise mit dem Text der mittelalterlichen Handschriften überein. Diese Übereinstimmung einer so viel älteren Handschrift gibt ein beruhigendes Zeugnis dafür, dass der überlieferte Text im Großen und Ganzen genau ist … Die auffallenden Unterschiede der Handschrift in Orthographie und grammatischen Formen gegenüber dem masoretischen Text hebt die wesentliche Übereinstimmung der Textworte umso mehr hervor. Wenn man bedenkt … wie radikal die alten griechischen Übersetzungen vom überlieferten hebräischen Text verschieden sind und welche Zeit zwischen den Rollen vom Toten Meer und den ältesten mittelalterlichen Handschriften liegt, so würde man eine viel größere Zahl abweichender Lesarten und einen viel höheren Grad von Verschiedenheit erwarten.Es ist zum Verwundern, dass der Text durch ein Jahrtausend so wenig Veränderung erfahren hat … darin liegt die Hauptbedeutung [der großen Jesaja-Rolle], dass sie die Treue der masoretischen Überlieferung bestätigt.“
      Dazu noch ein Zitat des Qumran-Experten Alexander Schick: “Wie der Leser selbst an den Textbeispielen nachvollziehen kann, ist der Textgehalt, der Inhalt, nahezu identisch, die hebräische Textgestalt der großen Jesaja-Rolle ist jedoch mit den 1375 Varianten und 4500 orthographischen Abweichungen sehr unterschiedlich. Die zweite Jesaja-Rolle (1QJesb) weist im Gegensatz zur großen Jesaja-Rolle nur ganz selten solche Varianten auf und stimmt auch in der Orthographie fast mit dem masoretischen Text der späteren Bibel überein (insgesamt finden sich in dieser Rolle 248 Varianten).”
      Beide Experten machen deutlich: Ja, es gibt Differenzen in der Schreibweise, es gibt manche Abschreibfehler, die durch die Qumran-Funde teils auch aufgeklärt werden konnten, es gibt manche Varianten, z.B. bei der Verwendung der Gottesnamen. Aber Bibelleser können sich völlig darauf verlassen, dass Inhalt und Botschaft absolut authentisch überliefert ist.

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