Warum sind Menschen böse?

Eine Wegscheide des Denkens und des Glaubens

In den letzten Wochen habe ich mich zum einen mit dem Theologen Eugen Drewermann befasst. Zum anderen habe ich im Buch Jeremia gelesen. Der Kontrast und der Widerspruch zwischen diesen beiden theologischen Welten könnte drastischer und grundsätzlicher kaum sein. Tatsächlich scheint mir, dass genau dieser Widerspruch eine grundlegende Wegscheide darstellt, aus der sich völlig unterschiedliche Denksysteme entwickeln mit völlig unterschiedlichen, ja gegensätzlichen weltanschaulichen Konsequenzen, die sich unvereinbar gegenüberstehen. Die zentrale Grundfrage, die in diesen beiden Denksystemen unterschiedlich beantwortet wird, lautet:

Warum sind Menschen böse?

Die unterschiedlichen Antworten sowie die daraus resultierenden gegensätzlichen Konsequenzen für das Denken und den Glauben zeigt die nachfolgende Tabelle:

Menschen handeln böse, weil sie…

… böse sind. … Opfer sind.
Der Mensch trägt selbst Verantwortung für seine bösen Handlungen. Der Mensch kann letztlich nichts für seine bösen Handlungen.
Der Mensch braucht Erlösung von seinem inneren Hang zum Bösen. Der Mensch braucht Erlösung von bösen Umständen.
Der Mensch ist das Problem. Er muss mit seinem falschen Verhalten und seiner Schuld konfrontiert werden: „Tut Buße!“ Die bösen Umstände sind das Problem. Die Verursacher dieser bösen Umstände müssen konfrontiert werden. Die Menschen dürfen die Umstände nicht länger akzeptieren: „Erhebt euch!“
Der Mensch muss sich seiner Schuld und seinem Versagen stellen und sich demütigen. Der Mensch muss sich lösen von dem demütigenden Gedanken, dass er selbst schuld wäre.
Es ist berechtigt, dass Gott auf Menschen zornig ist und dass er sie bestraft. Menschlicher Zorn auf die Umstände lenkt nur vom eigentlichen Problem ab, das im Herzen des Menschen liegt. Zorn über menschliches Verhalten und Strafe wäre unberechtigt und ungerecht. Ein gerechter Gott denkt ausschließlich gut über die Menschen und muss deshalb auch nicht versöhnt werden.
Die Botschaft des Alten Testaments entlarvt das Grundproblem der Menschheit, die sich trotz Gottes Geduld, Segensverheißungen, seinen Wundern und Strafandrohungen immer wieder für das Böse entscheidet. Das Alte Testament ist eine menschliche Fehlinterpretation Gottes und zudem Teil eines menschlichen Unterdrückungssystems, weil es Menschen durch angeblichen göttlichen Zorn und Strafandrohung einschüchtert, klein und gefügig hält.
Gesellschaftstransformation gelingt durch individuelle Umkehr und Erneuerung. Gesellschaftstransformation gelingt durch Schaffung gerechter gesellschaftlicher Verhältnisse.
Es braucht eine strafende Staatsmacht mit Gewaltmonopol, Justiz und Polizei, um das Böse einzudämmen und die Ordnung aufrecht zu erhalten. Eine strafende, drohende Ordnungsmacht ist kontraproduktiv, weil sie das eigentliche Problem nicht löst, Menschen ungerecht bestraft und die Unterdrückung verstärkt.
Es braucht Militär, um böse, aggressive Gesellschaftssysteme in Schach zu halten und notfalls aktiv zu bekämpfen. Militärische Bedrohungsszenarien verstärken nur die Ursachen des bösen Handelns. Militär ist deshalb grundsätzlich vom Übel.
Verheißungsvoll ist ein Gesellschaftssystem, in dem jeder kontrolliert wird (weil jeder dazu neigt, seine Macht zu missbrauchen), in dem individuelle Leistung belohnt wird (weil Menschen nun einmal zur Faulheit und zum Egoismus neigen) und in dem zugleich der Schwache geschützt wird (weil sonst die Starken die Schwachen ausbeuten) – also eine Demokratie als Herrschaft des Gesetzes mit Gewaltenteilung, gegenseitiger Kontrolle und sozialer Marktwirtschaft. Verheißungsvoll ist ein Gesellschaftssystem, in dem jeglicher Zwang und (Leistungs-)Druck entfernt wird, alle Ungerechtigkeit durch Umverteilung oder Vergesellschaftung beseitigt wird und Leistung allein aus Freiwilligkeit heraus erwächst – also alle Formen von Sozialismus, Kommunismus, Anarchie, bedingungsloses Grundeinkommen…

Wie sieht das die Bibel?

Die Antwort der Bibel erscheint mir durchgängig vollkommen eindeutig: Ja, der Mensch ist ein gutes Geschöpf Gottes mit einer unveräußerlichen Würde. Aber er ist zugleich unheilbar in Sünde verstrickt – von Jugend auf (1. Mose 8, 21). Auf diesem pessimistischen Menschenbild baut das ganze theologische System von Paulus im Römerbrief grundlegend auf (Römer 3, 9-18). Ausführlich legt er dar, dass wir Menschen Erlösung von unserem inneren Hang zum Bösen brauchen (Römer 6-8). Entsprechend sieht Paulus auch die Notwendigkeit zu einer staatlichen, strafenden Ordnungsmacht (Römer 13, 1-7). Besonders bemerkenswert ist bei diesem Thema zudem, was NICHT im Neuen Testament steht. Der Theologe Dr. Berthold Schwarz schrieb dazu auf Facebook:

„Wie viele Predigten, klare Hinweise in den Evangelien und in den Briefen haben wir von Jesus, den Aposteln oder apostolischen Mitarbeitern vorliegen, die z.B. gegen die politischen und gesetzlichen Maßnahmen und die oft desaströsen sozialen Missstände unter Kaiser Claudius, Kaiser Caligula, Kaiser Nero samt deren Bevollmächtigten gerichtet waren? Wie viele Briefe und Petitionen und Beschwerden von Christen gegen das soziale Chaos im Königshaus des Herodes für die Bevölkerung in Jerusalem oder gegen Pontius Pilatus und dessen Nachfolger als Statthalter finden wir als „Vorbild“ im NT?! Welche Despoten in Kreta, Italien, in Ephesus, Perge oder Galatien werden im NT wegen ihrer ungerechten und schrecklichen Lokalregierungsweise von christlichen Evangelisten, Aposteln und Predigern öffentlich gemahnt und zurechtgewiesen?!“

Der Befund ist eindeutig: Obwohl gerade die ersten Christen unter den damaligen staatlichen Systemen schwer zu leiden hatten, finden wir im gesamten Neuen Testament praktisch an keiner Stelle Kritik an den staatlichen Mächten, am System oder an den Umständen. Es geht stattdessen fast ausschließlich um den individuellen Ruf zur Buße, zur Umkehr, zur Annahme von Gottes Erlösung und zur Pflege des neuen Lebens, das aus Gottes Wort und dem Heiligen Geist erwächst. Und trotzdem hatte genau dieses Christentum zu allen Zeiten eine enorme gesellschaftstransformierende Kraft, weil es anders als alle politischen Maßnahmen bei der tatsächlichen Wurzel der gesellschaftlcihen Probleme ansetzt. Denn das Herz der Probleme ist das Problem des Herzens!

Im Buch Jeremia wird die biblische Sichtweise auf den Menschen besonders deutlich. Ausführlich und düster beschreibt der Prophet das böse Verhalten der Israeliten:

„Sie sind allesamt Ehebrecher und Betrüger. Sie spannen ihre Zunge wie die Sehne eines Bogens und feuern Lügen ab wie Pfeile. Sie herrschen über das Land, indem sie betrügen. Die Wahrheit bedeutet ihnen nichts. … Jeder belügt und betrügt seinen Bruder, wo er kann. Selbst der beste Freund wird ohne Skrupel verleumdet. Sie überlisten sich gegenseitig, und nicht einer spricht die Wahrheit. Mit geübter Zunge verbreiten sie Lügen. Sie können schon gar nicht anders handeln als böse. Einer Gewalttat folgt die nächste, und eine Lüge bringt neue Lügen hervor. Aber von mir wollt ihr nichts wissen, spricht der HERR.“ (Jeremia 9, 1-5)

Was ist die Konsequenz, wenn Menschen in eine derartige gesamtgesellschaftlich gewachsene Verstrickung mit bösem Verhalten geraten sind, dass sie gar nicht mehr anders können, als böse zu handeln? Muss man diese Menschen bedauern? Gott stellt eine grundlegend andere Frage:

„Sollte ich so ein Verhalten nicht bestrafen?“ spricht der HERR. … “Sie wollten mein Gesetz nicht kennen und schon gar nicht danach leben. Lieber taten sie, was ihnen in den Sinn kam, und rannten den Baalsgötzen hinterher, genauso, wie ihre Vorfahren es schon getan hatten. Deshalb hört zu, was der HERR, der Allmächtige, der Gott Israels, spricht: Sie sollen bittere Speise essen und giftiges Wasser trinken. Ich will sie über die ganze Welt zerstreuen. Sie sollen unter Völkern leben, die ihnen und ihren Vorfahren bislang unbekannt waren. Mit dem Schwert will ich sie verfolgen, bis sie vollständig vernichtet sind.“ (Jeremia 9, 8a+12-15)

Die prophetischen Bücher sind randvoll mit vergleichbaren Aussagen. Gott sieht offenkundig allen Grund, zornig zu sein und Menschen für ihr Verhalten zur Verantwortung zu ziehen. Wer das abstreiten möchte, müsste wohl den größten Teil des Alten Testaments und viele Passagen im Neuen Testament für eine menschliche Fehldeutung oder gar eine bewusste Unterdrückungsmasche religiöser Herrscher halten. Genau so sieht es zumindest Eugen Drewermann. Und er zieht aus seiner Grundannahme, dass selbst Mörder letztlich nur Opfer sind, genau alle die Konsequenzen, die auf der rechten Seite der Tabelle aufgeführt werden.

Wie urteilt die Geschichte?

Neben dem klaren biblischen Befund spricht meines Erachtens auch die Geschichte ein eindeutiges Urteil: Alle Träume von sozialistischen, kommunistischen, anarchischen, radikalpazifistischen Systemen waren bislang nicht nur zum Scheitern verurteilt, sie haben dazu noch vielfach unfassbares Leid erzeugt. Die Träume von Marx und Lenin haben auf einen Pfad geführt, der am Ende die größten Massenmörder der Weltgeschichte hervorgebracht hat. Heute stehen wir vor den Trümmern Venezuelas, eines der rohstoffreichsten Länder der Erde. Wo immer Mauern aufgebaut wurden zwischen kommunistischen und „kapitalistischen“ Ländern, haben bislang die Menschen aus den kommunistischen Ländern zu fliehen versucht, nicht umgekehrt. Und nicht zuletzt: Der Umweltschutz war in den kommunistischen Systemen deutlich schlechter als im “kapitalistischen” Westen. Ich stehe deshalb einigermaßen fassungslos davor, dass selbst im reichen Deutschland, das mit Hilfe von Demokratie und sozialer Marktwirtschaft mehr allgemeinen Wohlstand hervorgebracht hat als jedes andere System der Geschichte, heute wieder bis mitten in die SPD hinein offen vom Sozialismus geträumt wird und dass einige FFF-Aktivisten meinen, mit linksradikalen Ideen könnte man das Klima retten. Auf welcher geschichtlichen Erfahrung gründen sich diese Hoffnungen nur?

Und nicht zuletzt sollten wir Christen auch nicht übersehen, dass die Prophetie Jeremias in beeindruckender Weise in Erfüllung gegangen ist: Die Juden wurden tatsächlich über die ganze Welt zerstreut. Der jüdische Staat wurde für lange Zeit tatsächlich vollständig vernichtet. Schon deshalb halte ich es für höchst gefährlich, die Theologie Jeremias für einen überkommenen menschlichen Irrweg zu halten. Denn schließlich zählt am Ende nicht, wie unser Wunschgott aussieht. Es zählt allein, was die Wahrheit ist. Es zählt allein, wie Gott tatsächlich ist und handelt. Und da sehe ich jede Menge Gründe, den biblischen Beschreibungen über Gott mehr zu vertrauen als zeitgeistigen Vorstellungen, die die biblischen Schilderungen ins theologiegeschichtliche Museum stellen wollen.

Eine Grundentscheidung für jeden Menschen und jeden Verkündiger

Die biblische Botschaft stellt ausnahmslos jeden Menschen vor eine persönliche Grundentscheidung: Willst Du Dir eingestehen, dass Du selbst das zentrale Problem bist und nicht die Umstände? Kannst Du Gott um Erlösung bitten von Deinem eigenen, in Sünde verstrickten Wesen? Kannst Du Deinen alten Menschen mit Christus am Kreuz in den Tod geben? Dann öffnet sich für Dich die Tür zu Gottes unverdienter Gnade und zu neuem Leben aus dem Heiligen Geist. Dann kannst Du einen Gott erleben, der Dir nicht gibt, was Du verdient hast sondern der Dich überreich beschenkt, obwohl Du es nicht verdient hast. Dann kannst Du ausbrechen aus allem religiösen Leistungsdenken, aus allem Moralismus und allen Selbsterlösungsversuchen. Dann kannst Du Gott getrost die Zügel Deines Lebens überlassen, weil Du vertrauen kannst, dass er besser weiß als Du selbst, was gut für Dich ist. Ich muss offen sagen: Nur diese Art des Glaubens, des Beschenktwerdens aus unverdienter Gnade, des Erneuertwerdens durch den Heiligen Geist, des Unterordnens unter Gottes Herrschaft, empfinde ich als kraftvoll und attraktiv. Alles andere erscheint mir wie ein Trostpflaster auf einer Wunde mit Blutvergiftung: Es sieht tröstlich aus, hält uns aber nur davon ab, wirksam gegen die schleichende Krankheit vorzugehen. Und wenn ich meine siechende Kirche sehe, dann wächst in mir der Eindruck, dass die meisten Menschen spüren: Eine Botschaft der billigen Gnade, der Vergebung ohne Buße, ist ein nettes Trostpflaster, das aber kaum jemand wirklich hilft und das deshalb auch kaum jemand wirklich braucht, für das gleich gar niemand Opfer bringt, leidenschaftlich missioniert und Gemeinde baut.

Allerdings war es auch noch nie populär, die Menschen damit zu konfrontieren, dass sie selbst das Problem sind, ganz im Gegenteil: Diese Botschaft wurde zu allen Zeiten bekämpft, ausgegrenzt und verfolgt, so wie Jesus es in der Rückschau auf die Propheten festgestellt (Matth. 5, 12) und für seine Nachfolger vorausgesagt hat (Johannes 15, 18-20). Aber wenn wir der Bibel glauben, dann ist diese unattraktive, provozierende Botschaft nun einmal die einzig wahre Diagnose, die zur einzig wirksamen Therapie führt. Und die Kirchengeschichte zeigt: Diese raue, kantige Botschaft war schon immer so kraftvoll und attraktiv, dass die Kirche Jesu sogar inmitten übelster Verfolgung bestehen, wachsen und gedeihen konnte.

Die große Frage ist deshalb an jeden von uns persönlich: Werden wir uns dieser Botschaft stellen, uns am Kreuz demütigen und uns dort mit Gottes Vergebung und unverdienter Gnade beschenken lassen? Oder bleiben wir auf unserem hohen Ross der Selbstgerechtigkeit sitzen und erregen uns lieber über die Umstände, die angeblich an unseren Problemen schuld sind?

Und die große Frage an die kirchlichen Verkündiger ist: Werden wir die Menschen darin beruhigen, dass in Gottes Augen alles gut ist und wir uns einfach nur geliebt und bestätigt fühlen dürfen? Oder werden wir sie neben der Botschaft der Liebe Gottes auch mit der unangenehmen Wahrheit konfrontieren, dass wir alle schuldig sind, dass wir Sünder sind, dass wir Vergebung, Erlösung und Erneuerung brauchen? Werden wir am Ärgernis des Kreuzes (1. Korinther 1, 23) festhalten?

Das erscheint mir eine grundlegende Wegscheide des Denkens und des Glaubens zu sein, an der sich für uns persönlich und für die Kirche Jesu viel mehr entscheidet, als vielen Christen bewusst ist.


Zum besseren Verständnis dieses Artikels empfehle ich den Worthausvortrag von Dr. Eugen Drewermann “Jesus aus Nazareth – Von Krieg zu Frieden”: https://worthaus.org/worthausmedien/jesus-aus-nazareth-von-krieg-zu-frieden-10-1-2/

Im Blog Daniel-Option habe ich diesen Vortrag ausführlich kommentiert: https://danieloption.ch/weltanschauuung/ist-angst-das-grundproblem-der-menschheit/

Weiterführend dazu:

  • Das 2-Reiche-Missverständnis – Warum man die Bibel grundsätzlich missverstanden hat, wenn man vom Staat Pazifismus nach den Regeln der Bergpredigt verlangt.

Postevangelikale: Was sie glauben und was wir daraus lernen können

Postevangelikale sorgen für Diskussionen. Über Internet-Portale wie Worthaus oder Hossa-Talk erreichen sie auch viele evangelikale Christen. Welche Überzeugungen haben sie? Was können Evangelikale von ihnen lernen? Und worin unterscheidet sich ihre Theologie von Überzeugungen, die aus evangelikaler Sicht unaufgebbar wichtig sind? Eine genauere Analyse zeigt: Im Zentrum der Debatten steht letztlich die Bibelfrage. An ihr entscheidet sich die Ausrichtung und die Zukunft der Kirche Jesu.

Die Inhalte dieses Artikels sind auf YouTube als Vortrag verfügbar, der am 1.11.2019 bei einer Tagung des deutschen christlichen Techniker-Bunds (DCTB) gehalten wurde.
Der Artikel steht auch als PDF zum Download bereit.

Was sind eigentlich „Postevangelikale“?

„Postevangelikale“ sind Menschen, die einen mehr oder weniger langen Abschnitt ihres Lebens innerhalb der evangelikalen Bewegung verbracht haben. Viele Postevangelikale wollen diese Vergangenheit auch gar nicht leugnen sondern ganz bewusst sagen: Die evangelikale Welt ist Teil meiner Geschichte, meines Werdegangs und insofern immer noch Teil meiner Identität. Die Vorsilbe „Post“ („nach“) bedeutet aber auch: Postevangelikale sind jetzt in einer Lebensphase, in der sie diese evangelikale Frömmigkeit hinter sich gelassen haben – aus welchen Gründen auch immer. Die Konsequenz ist mindestens eine theologische Neuorientierung. Viele Postevangelikale haben zudem ihre evangelikalen Gemeinschaften verlassen und sich neue Gemeinschaften und Netzwerke gesucht. Oder aber sie wollen ihre neue Art des Glaubens für sich persönlich leben und pflegen.

Bekannte Christen outen sich als postevangelikal

In den letzten Jahren haben einige bekannte Christen von sich reden gemacht, auf die diese Beschreibung zutrifft. Torsten Hebel ist vielen Christen noch als Redner von „Jesus-House“ bekannt, der Jugendausgabe von ProChrist. Im Jahr 2015 erschien sein Buch „Freischwimmer“, das für viele Evangelikale ein kleiner Schock bedeutete. Denn darin schrieb er unter anderem: „Mein ganzes Konstrukt ‚Glaube‘, das ich mir lange schöngeredet habe, ergibt für mich einfach keinen Sinn mehr.“ Und ich glaube: Für viele Evangelikale hat es sich schon eigenartig angefühlt, wenn da ein Mann, der ihnen früher den Glauben nahe gebracht hat, jetzt plötzlich selber sagt: Ich kann nichts mehr damit anfangen.“ [1]

Immerhin: Das Ende des Buchs klingt zunächst versöhnlich. Torsten Hebel schildert, dass er den Glauben an Gott durch ein persönliches Erlebnis wieder neu gefunden habe. Der Inhalt dieses neuen Glaubens liest sich allerdings ziemlich unevangelikal: Gott ist für Torsten Hebel keine Person mehr. Er ist uneingeschränkt bei jedem Menschen gleichermaßen vom ersten bis zum letzten Atemzug. Eine durch Sünde bewirkte Gottesferne, die durch eine Entscheidung für Jesus und Vergebung der Schuld überwunden werden kann, scheint es in dieser Sichtweise nicht mehr zu geben.

Umso bemerkenswerter war es, dass das Buch im evangelikalen Umfeld weitgehend unkritisch beworben wurde. Und es hatte dort gewaltigen Erfolg! In idea Spektrum war zu lesen, dass im schwächelnden christlichen Buchmarkt gerade dieser Titel einer der ganz großen Verkaufserfolge war.

Auch Gottfried Müller, der sich selbst mit Vornamen Gofi nennt, war vielen Christen als Jugendevangelist bekannt. Im Jahr 2018 erschien sein Buch mit dem provokanten Titel „Flucht aus Evangelikalien“. Zusammen mit Jakob Friedrichs, der auch durch das christliche Comedy-Duo Superzwei bekannt wurde, produziert Gottfried Müller den Pod­cast Hossa Talk – der aktuell wohl bekannteste christliche Podcast im deutschsprachigen Raum. Mindestens jede zweite Woche erscheint eine neue, etwa 90 minütige Folge, zu der oft auch Gäste eingeladen werden.

Was glauben Postevangelikale?

Der postevangelikale Blogautor Christoph Schmieding fasst wie folgt zusammen, welche Themen Postevangelikale umtreiben: „Letztlich bewegen postevangelikale Christen dieselben Fragen, die auch die aufkeimende liberale Theologie zu ihrer Zeit diskutiert hat. Es geht um die tradierte Vorstellung von Endgericht und ihrer Topik von Himmel und Hölle. … Es geht um die Frage der Ökumene, und ob man heute einen Exklusiv-Gedanken die eigene Religion betreffend noch formulieren kann oder überhaupt will. Es geht um Fragen der Lebensführung, wie etwa auch der Sexualmoral, und inwieweit Religion und biblische Vorstellungen hier heute noch als moralische Referenz angeführt werden können. Ja, nicht zuletzt steht auch eine kritische Auseinandersetzung  mit der Bibel und das zunehmende Bejahen einer historisch-kritischen Perspektive auf die religiösen Texte im Mittelpunkt des Diskurses.“ [2]

Die Themen, die unter Postevangelikalen diskutiert werden, sind somit eigentlich nicht neu. Schon seit der Aufklärung wurden im Rahmen der liberaleren Theologie bestimmte Glaubensinhalte konservativer Frömmigkeit in Frage gestellt:

  • Kann es sein, dass Menschen, die sich nicht auf Jesus einlassen wollen, am Ende auf ewig in einer Gottesferne landen, die Jesus als „Hölle“ bezeichnet hat?
  • Ist das Christentum wirklich der einzige Weg zu Gott? Wollen wir wirklich so hochmütig sein, allen anderen religiösen Menschen auf der Welt abzusprechen, dass auch sie einen Weg zu Gott finden können?
  • Wollen wir Menschen wirklich sagen, dass es Sünde ist, vor der Hochzeit miteinander ins Bett zu gehen, sich scheiden zu lassen oder gleichgeschlechtlich zu heiraten? Ist das heutzutage nicht überholt?

Letztlich laufen alle diese Fragen auf die folgende Frage zu: Kann die Bibel wirklich ein Maßstab sein, unter den man sich beugen muss? Ist sie wirklich „Wort Gottes?“ Oder ist sie nicht viel mehr ein historisches Dokument von Menschen, die Erfahrungen mit Gott hatten und subjektiv davon berichten?

Was können wir von Postevangelikalen lernen?

In seinem Buch „Flucht aus Evangelikalien“ sowie im Hossa Talk spricht Gottfried Müller immer wieder über einige problematische Erfahrungen, die er im evangelikalen Umfeld gemacht hat. Sein großes Oberthema ist dabei die These: Es geht oft ziemlich eng zu unter Evangelikalen. Zum Beispiel gebe es oft zu wenig Raum zum Denken. Über den Podcast Hossa Talk sagt Müller: „Wir haben uns vorgenommen, unsere Zweifel, Fragen und Überzeugungen offen auszusprechen. Warum? Weil wir die Erfahrung machen, dass man das in vielen christlichen Gemeinschaften nicht darf.“[3] Müller hat zweifelsohne recht: Es gibt Fragen, über die man nicht gerne spricht unter Evangelikalen, die aber trotzdem viele Evangelikale umtreiben, weil sie sich aufdrängen in einer Welt, die das Christentum in vielen Bereichen in Frage stellt.

Enge stellt Gottfried Müller auch beim Thema der Vaterliebe Gottes fest, wenn er auf schreibt: „Wer von uns betet in der Gewissheit, dass ein liebender ‚Abba‘ es kaum erwarten kann, dem Gestotter seines Kindes zu lauschen? Ist es nicht so, dass wir ihn eher als unseren leiblichen zeitungslesenden Vater vor Augen haben, der, von einem langen Arbeitstag rechtschaffen müde, eigentlich nur noch eines will, nämlich in Ruhe gelassen zu werden?“ (S. 41) Tatsächlich scheint für gar nicht so wenige Evangelikale die Vaterliebe Gottes kaum mehr als ein theologisches Konstrukt zu sein, das zwar für wahr gehalten wird, das aber nicht das eigene Herz berührt und das deshalb trotzdem auf einer tiefen emotionalen Ebene bezweifelt wird, vielleicht sogar ganz unbewusst.

Was Gottfried Müller ebenfalls vermisst ist Raum für ein freies Gewissen. Er schreibt dazu: „Wir Evangelikalen haben schreckliche Angst davor, ungenügend zu sein. Wir glauben zwar, dass der Christus […] dafür gestorben ist, damit wir frei sein können von der Schuld und der Anklage Satans. […] Aber Hand aufs Herz, wer von uns glaubt das denn wirklich?“ (S. 41) In der Tat ist auch Vergebung etwas, das Evangelikale natürlich theologisch für wahr halten. Das bedeutet aber noch längst nicht, dass Vergebung auch praktisch und existenziell erlebt wird. Zugleich halten Evangelikale die Gebote Gottes und seine Heiligkeit hoch. Das kann leicht das Gefühl auslösen, dass Gott doch nicht wirklich mit uns zufrieden sein kann.

Und schließlich vermisst Gottfried Müller Raum für Gnade statt Leistung. Er schreibt dazu: „Ich habe die Bibel so verstanden: Gott hat dich aus Gnade errettet, und jetzt beweise gefälligst, dass du es wert gewesen bist! Ich arbeite mir also den Arsch ab, bis es nicht mehr ging.“ (S. 91) Natürlich war das nie seine offizielle Theologie. Aber jeder Nachfolger Jesu weiß, wie leicht man tatsächlich in ein Leistungsdenken und in eine Werkgerechtigkeit abrutschen kann.

Deshalb ist es gerade auch aus evangelikaler Sicht wichtig, sich den Anfragen von Postevangelikalen zu stellen, sich einen Spiegel vorhalten zu lassen und sich zu fragen:

  • Wo werden in den evangelikalen Gemeinschaften die heißen Eisen des Glaubens wie z.B. Homosexualität, Sex vor der Ehe, Widersprüche in der Bibel, Gewalttexte im Alten Testament oder Schöpfung und Evolution angesprochen?
  • Wie wird die Vaterliebe Gottes erlebbar, so dass sie nicht nur unseren Kopf erreicht sondern auch das Herz berührt?
  • Wie finden wir zu einem reinen Gewissen? Und wie entsteht eine offene Atmosphäre, in der man auch schwach und ehrlich sein darf, in der man einander trägt, füreinander betet und sich gegenseitig die Vergebung Gottes zuspricht?
  • Wie werden Christen frei von frommem Leistungsdruck?

Die Existenz der postevangelikalen Bewegung macht deutlich: Ohne Antworten auf diese anspruchsvollen Fragen werden sich wohl weiterhin Menschen sich aus den evangelikalen Gemeinschaften verabschieden, weil sie die dortige Frömmigkeit als etwas einengendes und verletzendes erleben statt als etwas heilbringendes und aufbauendes.

Worin unterscheidet sich evangelikale und postevangelikale Theologie?

Manche Christen neigen dazu, die Differenzen zwischen Evangelikalen und Postevangelikalen ganz auf diese Themen zu reduzieren. Das wäre aber eine sehr unzureichende Beschreibung dessen, was viele Evangelikale und Postevangelikale voneinander trennt. Denn neben allen Fragen um Enge und Verletzungen geht es ganz klar auch um theologische Differenzen zu wichtigen und zentralen Fragen des christlichen Glaubens. Das macht die Internetmediathek Worthaus besonders deutlich:

Die Worthaus-Mediathek

Worthaus ist eine sich ständig erweiternde Online Mediathek mit aktuell ca. 150 theologischen Vorträgen, die kostenfrei als Video oder mp3 im Internet angesehen oder herunter geladen werden können. Alle zwei Wochen kommt ein neuer Vortrag dazu. Die Referenten kommen weit überwiegend aus der universitären Theologie und decken tatsächlich auch das ganze Spektrum universitärer Theologie ab. Während einige Referenten eine sehr liberale Theologie vertreten, gibt es auch einige Theologen, die man im universitären Spektrum eher als gemäßigt oder gar konservativ einstufen würde. Wirklich evangelikale Theologen findet man aber kaum.

Gut zwei Drittel der Worthaus-Vorträge stammen vom emeritierten Theologieprofessor Siegfried Zimmer. Er bezeichnet sich selbst als einen reformatorischen Theologen, der ein Brückenbauer sein möchte zwischen universitärer Theologie und erwecklicher Frömmigkeit. Tatsächlich zählte sich Siegfried Zimmer nach seiner Bekehrung mit 19 Jahren etwa 10 Jahre lang zur Pfingstbewegung und besuchte eine pfingstlich geprägte Bibelschule. Bis heute trifft man Siegfried Zimmer immer wieder auf evangelikalen Veranstaltungen. Seine Vorträge auf dem evangelikalen Spring Ferien-Festival waren sogar der Anlass für die Gründung von Worthaus. Im Zuge seines universitären Theologiestudiums hat sich seine Theologie allerdings so verändert, dass Zimmer heute immer wieder ausdrücklich klar stellt, dass er kein evangelikaler Theologe ist. Da Siegfried Zimmer Worthaus bis heute wesentlich prägt, hat auch Worthaus eine postevangelikale Prägung.

Die Themen, die bei Worthaus behandelt werden, sind bunt und vielfältig. Aber es gibt einen Anspruch, der diese Vorträge verbindet: Worthaus möchte einen „unverstellteren Blick“ auf die Bibel vermitteln. Die Grundthese dabei ist: Es ist nicht einfach, einen antiken Text zu verstehen, der in einem vollkommen andersartigen kulturellen und zeitgeschichtlichen Umfeld verfasst wurde. Diese Texte müssen im Rahmen des damaligen Denkens und des damaligen Kontextes verstanden werden. Worthaus möchte helfen, die Texte in ihren historischen Kontext einzuordnen, damit die tatsächliche Aussageabsicht heute besser verstanden werden kann.

Damit hat Worthaus großen Erfolg. Siegfried Zimmer berichtet, Worthaus habe „viele, viele Zehntausende“ Hörer weltweit, darunter nicht nur Theologen, sondern auch zahlreiche Laien. Besonders beeindruckt habe ihn, dass bei einer freikirchlichen Pastorenkonferenz alle anwesenden dreißig bis fünfunddreißig Pastoren bekundet hätten, regelmäßig Worthaus zu hören. Siegfried Zimmer zieht daraus den Schluss, dass die Pastorenfortbildung heute eigentlich über Worthaus laufe.

Zur Ausstrahlung von Worthaus in das evangelikale Spektrum hinein trägt auch bei, dass der zweite Hauptredner von Worthaus eigentlich aus der evangelikalen Welt kommt: Thorsten Dietz ist Professor für systematische Theologie an der freien evangelischen Hochschule Tabor. Tabor zählte bis vor kurzem noch zur Konferenz bibeltreuer Ausbildungsstätten, ist dort inzwischen aber ausgetreten. Thorsten Dietz gehört auch zum theologischen Arbeitskreis des Gnadauer Verbands. Er ist deshalb ein häufiger und gern gesehener Redner auf evangelikalen Veranstaltungen. Gleichzeitig macht er leidenschaftlich Werbung für universitäre Bibelwissenschaft und für Worthaus.

Worthaus: Auch wertvoll für Evangelikale?

Es lohnt sich, Worthaus-Vorträge anzuhören! Denn tatsächlich kann man viel dabei lernen. Christen sollten nicht antiintellektuell sein und ihre Augen nicht verschließen vor den Ergebnissen von wissenschaftlicher Arbeit. Nur wer sich mit anderen Positionen auseinandersetzt kann verstehen, wie andere Menschen und andere Christen denken und überprüfen, wie solide das Fundament des eigenen Standpunkts ist.

4 „Knackpunkt-Fragen“

Um herausarbeiten zu können, in welchen wichtigen Punkten sich theologische Aussagen in Worthaus-Vorträgen von evangelikalen Positionen unterscheiden, wurden im Buch „Zeit des Umbruchs“ vier verschiedene Fragestellungen untersucht, die für den christlichen Glauben absolut zentral sind:

  1. Greift Gott übernatürlich in die Weltgeschichte ein?
  2. Ist Jesus leiblich auferstanden?
  3. Wurde Gott versöhnt durch den stellvertretenden Tod Jesu am Kreuz?
  4. Ist der Bibeltext eine fehlerfreie göttliche Offenbarung?

Alle diese „Knackpunkt-Fragen“ wurden von Evangelikalen traditionell immer mit einem klaren „ja“ beantwortet. Bei Worthaus ist das anders: Ein eindeutiges „Ja“ wird dort in allen diesen Fragen verlassen – und oft in ein „nein“ verkehrt. Das hat gravierende Konsequenzen. Schließlich steht der Kreuzestod Jesu im Kern der christlichen Erlösungsbotschaft. Wer die Deutung des Kreuzestodes Jesu verändert, verpasst dem christlichen Glauben keinen neuen Haarschnitt sondern der nimmt eine Herztransplantation vor! Das gilt noch mehr für die Auferstehung. Wenn Jesus nicht leiblich auferstanden ist, wenn das Grab nicht leer war, dann ist die Kernbotschaft der ersten Zeugen, für die sie fast alle ihr Leben gegeben haben, entkernt.

Die Bibelfrage als die zentralste aller Fragen

Die grundlegendsten Konsequenzen hat jedoch die Beantwortung der Frage: Ist der Bibeltext eine fehlerfreie göttliche Offenbarung? Letztlich steht diese Frage hinter all den Debatten zwischen Evangelikalen und Postevangelikalen, zwischen Konservativen und Progressiven. Diese Einschätzung bestätigt auch Siegfried Zimmer. In einem seiner Worthausvorträge sagt er: „Es ist nämlich ein ganz bestimmter Punkt, an dem in der Christenheit die Wege auseinandergehen. … Die entscheidende Frage, die ein Teil der Christenheit mit Ja beantwortet und der andere Teil der Christenheit mit Nein, diese Frage lautet: … Hat die Bibel Anteil an Gottes Absolutheit und Vollkommenheit? … Da gehen die Wege auseinander.“ [4]

Hat die Bibel Anteil an Gottes Vollkommenheit? Ist sie also fehlerlos oder irrtumslos? Das ist nach der Einschätzung von Siegfried Zimmer DER Knackpunkt schlechthin. Und Zimmers These dazu ist: Nein, das ist eindeutig nicht der Fall, im Gegenteil: Die Bibel enthalte hunderte von Fehlern und Widersprüchen. Das sei auch gar nicht schlimm. Ein Liebesbrief werde ja auch nicht dadurch entwertet, dass er ein paar Schreibfehler oder ein paar Ungenauigkeiten enthält.

Wer die Bibel für ein fehlerloses Buch hält, hat laut Siegfried Zimmer und in den Augen der universitären Theologie ein „fundamentalistisches Bibelverständnis“. Und Zimmer ergänzt: Dieses habe zu unendlichen Spaltungen und Streitigkeiten geführt. Es sei deshalb „eine schwere Belastung für die Christenheit.“ Aber ist der Glaube an eine fehlerlose Bibel denn tatsächlich eine fundamentalistische Außenseiterposition?

Ist der Glaube an eine fehlerlose Bibel eine fundamentalistische
Außenseiterposition?

In seiner Verteidigungsschrift assertio omnium articulorum schreibt Martin Luther:

„[Ich] ziehe … als hervorragendes Beispiel Augustinus heran … was er in einem Brief an Hieronymus schreibt: ‚Ich habe gelernt, nur den Büchern, die als kanonisch bezeichnet werden, die Ehre zu erweisen, dass ich fest glaube, keiner ihrer Autoren habe geirrt.“[5]

Luther beruft sich hier den Kirchenvater Augustinus aus dem 4. Jahrhundert. Schon er hatte somit die Überzeugung vertreten: Alle Theologen irren. Alle theologischen Texte enthalten Fehler. Mit einer Ausnahme: Die Autoren der Schriften, die zum Kanon der Bibel gehören, haben sich in diesen Schriften nicht geirrt. Diese Überzeugung hatte also der Kirchenvater Augustinus – und Martin Luther hat sie übernommen und sich darin auf ihn berufen. Zwar hatte Martin Luther durchaus Probleme mit bestimmten biblischen Texten. So tat er sich zum Beispiel schwer mit dem Jakobusbrief, weil er dort Verse gefunden hat, die für ihn nach Werkgerechtigkeit ausgesehen haben. Aber was war die Konsequenz? Luther bekam Zweifel, ob der Jakobusbrief tatsächlich zum Kanon der Bibel gehört. Denn klar war für ihn: Was zum Kanon der Bibel gehört, das kann nicht irren. Und wenn ein Buch einen Irrtum enthält, dann dürfte es eigentlich nicht zum Kanon gehören. Dann wäre das eine apokryphe Schrift.

Die Auffassung, dass der Bibeltext eine fehlerlose Schrift ist, ist somit keine moderne fundamentalistische Erfindung, sondern war lange Zeit kirchliches Allgemeingut bis in die Moderne hinein. So haben zum Beispiel im Jahr 1974 zahlreiche Kirchenleiter aus der ganzen Welt in der Lausanner Verpflichtung über die Bibel als das Wort Gottes bekräftigt: „Es ist ohne Irrtum in allem, was es bekräftigt, und ist der einzige unfehlbare Maßstab des Glaubens und des Lebens.“ [6] Im Jahr 2016 haben Vertreter der evangelischen Allianz und der katholischen Kirche gemeinsam bekannt: „Daraus folgt, dass die Schrift solide, treu und ohne Fehler lehrt und uns wirksam in alle Wahrheit führt.“ [7]

Die Ansicht, dass die Bibel fehlerfrei ist, ist also keinesfalls eine fundamentalistische Randposition, sondern historisch und weltweit gesehen eher eine Selbstverständlichkeit in weiten Teilen der Kirche Jesu. Wichtig ist dabei aber die Klärung, was Fehlerfreiheit bzw. Irrtumslosigkeit bedeutet.

Was bedeutet „Irrtumslosigkeit“?

Irrtumslosigkeit bedeutet zum Beispiel nicht: Fehlerfreiheit über die jeweilige Aussageabsicht hinaus. Wenn eine Zahlenangabe nur als gerundete Zahl gemeint war, dann würde man den biblischen Text überfordern, wenn man von ihm eine mathematisch exakte Angabe erwartet.[8] Prof. Gerhard Maier sagt deshalb zurecht: „Ähnlich hat die Lausanner Verpflichtung in ihrem Artikel 2 formuliert, das Wort Gottes ‚sei ohne Irrtum in allem, was es verkündigt‘ – präzisieren wir: was es verkünden will. Es muss durchaus noch festgestellt werden, welche historischen Auskünfte die Heilige Schrift zu geben beabsichtigt.“ [9]

Die Bibel ist also ohne Fehler in dem, was sie sagen will! Auf die Aussageabsicht kommt es an sowie auf das Wahrheitsverständnis, das dieser Aussageabsicht zugrunde liegt. Die Bibel spricht oft bildhaft. Sie erzählt Dinge oft nicht in Form eines exakten wissenschaftlichen Berichts sondern subjektiv aus einer Beobachterposition heraus. Die Bibel muss deshalb so gelesen und verstanden werden, wie sie selbst verstanden werden möchte. Nur bei den Aussagen, die sie machen möchte, darf auch eine Fehlerfreiheit erwartet werden.

Eine weitere Einschränkung der Fehlerfreiheit ist der zugrundeliegende Urtext. Zwar können wir von einer phantastisch guten Überlieferung der Bibel ausgehen. Aber selbst wenn es stimmt, dass 99,9 % der Bibel absolut zuverlässig überliefert sind[10], heißt das auch: Es gibt eine Restunsicherheit von 0,1 %. Hinzu kommen Unsicherheiten bei der Übersetzung, die ja immer schon bestimmte Interpretationen enthalten. Und auch bei Kanonfragen gibt es keine vollkommene Fehlerfreiheit. Gehört zum Beispiel der lange Schluss des Markusevangeliums zum Kanon oder nicht? Da gibt es bleibende Unsicherheiten. Diese sind zwar sehr, sehr überschaubar. Aber es gibt sie.

Gerade auch aufgrund dieser Unsicherheiten ist es auch gut und wertvoll, dass es eine unterscheidende Bibelwissenschaft gibt, die versucht, die ursprüngliche Aussageabsicht zu erforschen durch genaue Erkundung des Urtextes, durch Sprachwissenschaft sowie durch Erforschung des kulturellen und geschichtlichen Hintergrundes, in den dieser Text hineingesprochen hat. Man kann dazu auch Bibelkritik sagen, denn die Bedeutung des Begriffs „Kritik“ hatte ursprünglich nichts mit kritisieren im Sinne von schlechtmachen zu tun, sondern stand einfach für eine unterscheidende Analyse. Und Unterscheidung ist definitiv notwendig beim Bibellesen: Ist ein bestimmter Text historisch und geschichtlich gemeint oder stellt er eine gleichnishafte Bildsprache dar? Ist ein bestimmter Bericht normativ gemeint (im Sinne von: Gott will das so!) oder wird da einfach nur berichtet, was geschehen ist? Das sind Fragen, bei der eine richtig verstandene unterscheidende Bibelforschung wirklich helfen kann.

Der tatsächliche Knackpunkt: Die Frage nach der „Sachkritik“

Der Streitpunkt ist also nicht, ob eine unterscheidende Bibelforschung sinnvoll ist. Der Streitpunkt dreht sich um eine andere Frage, die Siegfried Zimmer so definiert: „Darf ein christlicher Bibelwissenschaftler, nachdem er einen Bibeltext so unvoreingenommen und sorgfältig wie möglich erforscht und den ursprünglichen Sinn des Textes umrissen hat, an der Aussage dieses Textes inhaltlich Kritik üben? („Sachkritik“) … Dabei ist das Wort ‚Kritik‘ tatsächlich im Sinne des heutigen Alltagssprachgebrauchs gemeint.“ [11]

Das ist also DIE Knackpunktfrage: Darf die Bibel im echten Sinne kritisiert werden, nachdem bibelwissenschaftlich unterschieden wurde, wie ein bestimmter Text einzuordnen ist und was er aussagen möchte? Diese Frage nach der Sachkritik wirft eine grundsätzliche Frage auf: Wer oder was könnte die Bibel denn kritisieren? Denn klar ist: Wer jemand anderes kritisiert, sieht sich selbst in der Lage, etwas besser beurteilen zu können als diese Person. Wer jemand anderes kritisiert, stellt sich in gewisser Weise über diese Person. Und wer die Bibel kritisiert, stellt sich zwangsläufig über die Bibel. Und die Frage ist: Ist das denkbar aus evangelikaler und aus reformatorischer Sicht?

Was bedeutet „Sola Scriptura“?

Um diese Frage beantworten zu können müssen wir einen kleinen Exkurs machen und uns fragen: Was prägt eigentlich unseren christlichen Glauben? Protestanten und Evangelikalen fällt da natürlich als erstes die Bibel ein. Das ist auch gut so, aber es ist natürlich nicht die ganze Geschichte. Der christliche Glaube wird natürlich noch von sehr viel mehr Dingen geprägt: Vom Weltwissen zum Beispiel, also von den Ergebnissen der Wissenschaft. Auch die menschliche Vernunft entscheidet natürlich kräftig mit, was aus christlicher Sicht geglaubt werden kann und was nicht. Und natürlich spielen Autoritäten eine große Rolle. Früher war das der Papst und das katholische Lehramt, heute sind das andere Persönlichkeiten, die prägend wirken. Und natürlich spielt die praktische Alltags-Erfahrung eine Rolle. Es ist kaum möglich, etwas zu glauben, das unseren alltäglichen Erfahrung komplett entgegensteht. Und nicht zuletzt: Auch die Tradition spielt eine Rolle. Der christliche Glaube fällt ja nicht in jeder Generation neu vom Himmel. Jeder Nachfolger Jesu wird geprägt von Vätern und Müttern im Glauben, von Frömmigkeitsstilen und Vorstellungen, die Christen oft schon von klein auf mitgegeben worden sind.

Alle diese Einflüsse sind real. Und das ist gut so! Es wäre ein dramatischer Fehler, die Vernunft oder das Weltwissen einfach vom Tisch zu wischen. Es wäre fatal, die Erfahrung auszuschalten oder die Tradition. Es wäre arrogant zu glauben, dass die früheren Generationen allesamt falsch lagen und dass wir nicht von ihnen profitieren könnten. Alle diese Einflüsse sind somit wichtig und wertvoll. Aber in seiner Assertio schrieb Martin Luther: „Ich will …, dass allein die Heilige Schrift herrsche!“

Das war ihm wichtig: Am Ende soll die Schrift entscheiden! Die Bibel soll allen anderen Einflüssen übergeordnet sein! Wenn die anderen Einflüsse im Widerspruch zur Schrift stehen, hat die Schrift das letzte Wort. Keine Autorität, kein Papst, kein Lehramt, keine Tradition und keine menschliche Erkenntnis darf am Ende so hoch stehen, dass es über der Schrift steht.

Und um diese oberste Stellung der Schrift abzusichern hat Luther das Prinzip ergänzt: Die Schrift muss sich selbst auslegen. Wenn wir uns unsicher sind, wie eine Bibelstelle zu verstehen ist, dann brauchen wir vor allem andere Bibelstellen, um diese Bibelstelle verstehen zu können. Nicht Menschen entscheiden über das Bibelverständnis, sondern das biblische Bibelverständnis ist entscheidend. Das hat für Martin Luther „Sola Scriptura“ bedeutet – allein die Schrift. Und diese Lehre stand letztlich im Zentrum der Reformation. Und wenn die Kirche dieses Verständnis verliert, verliert sie den Kern dessen, was Luther der Kirche gebracht hat.

Das „Sola Scriptura“ schließt Sachkritik aus

Kommen wir zurück zu der Frage: Wer oder was könnte die Bibel kritisieren? Mit dem Grundsatz „Allein die Schrift“ ist klar: Niemand! Es mag sein, dass manchmal das Weltwissen der Bibel widerspricht. Es mag sein, dass manchmal die Vernunft oder die Erfahrung der Bibel widerspricht. Dann müssen wir dem nachgehen. Vielleicht haben wir die Bibel falsch verstanden? Das kommt ja ganz sicher immer wieder vor. Dann sollten wir nach anderen Bibelstellen suchen, die uns diese Bibelstelle genauer erklären können oder vielleicht in einem anderen Licht erscheinen lassen. Aber am Ende hat die Bibel das letzte Wort und nichts und niemand anderes.

Einwand 1: Ist die Bibel nur ein „Zeugnis der Offenbarung?

Gegen diese ablehnende Haltung gegenüber Sachkritik an der Bibel bringt Siegfried Zimmer zwei Einwände vor. Der erste Einwand lautet: Sachkritik sei möglich, weil der Bibeltext die Offenbarung Gottes nur bezeugt und nicht selbst ist! Konkret formuliert Siegfried Zimmer diesen Einwand so: „Eine Kritik an den Offenbarungsereignissen selbst steht keinem Menschen zu. … Das ist theologisch unbestritten. Die schriftliche Darstellung von Offenbarungsereignissen darf man aber untersuchen, auch wissenschaftlich und ‚kritisch‘.“ [12]

Zimmer sagt also: Niemand darf die Offenbarung Gottes kritisieren. Niemand kann Gott widersprechen. Aber die schriftliche Darstellung der Offenbarung kann man sehr wohl kritisieren. Zimmer führt hier eine Unterscheidung ein zwischen dem biblischen Text und der göttlichen Offenbarung. Er sagt: Gott hat etwas offenbart. Aber der biblische Text selbst ist nicht die Offenbarung. Er bezeugt nur die Offenbarung, die uns vornehmlich in der Person Jesus Christus begegnet. Niemand kann Jesus Christus kritisieren. Aber den schriftlichen Bericht über ihn, den kann man schon kritisieren.

Daran zeigt sich aber auch gleich, was das Problem an dieser Position ist: Wir wissen ja absolut nichts über Jesus Christus außer das, was die Bibel uns sagt. Wenn der biblische Text nicht verlässlich ist, dann ist auch unser Bild von Jesus Christus nicht verlässlich. Dann wissen wir am Ende nicht: Welche Aussage in der Bibel ist wirklich Lehre Jesu und welche Aussage hat man ihm nur in den Mund gelegt oder fehlerhaft wiedergegeben? Wir haben dann keinen festen Maßstab, mit dem wir sagen könnten, diese oder jene biblische Aussage entspricht Gottes Offenbarung in Jesus Christus oder nicht.

Zudem stellt sich die Frage: Wie sieht sich die Bibel denn selbst? Sieht sich die Bibel selbst als Offenbarung? Oder sieht sie sich nur als Zeugnis der Offenbarung? Der Grundsatz von Martin Luther lautete ja: Die Schrift muss sich selbst auslegen. Wir brauchen ein biblisches Bibelverständnis. Deshalb ist diese Frage ganz entscheidend: Wie sieht sich die Bibel denn selbst?

Exkurs: Wie sieht sich die Bibel selbst? Als Offenbarung oder nur als Zeugnis der Offenbarung?

In 2. Timotheus 3, 16 schreibt Paulus „Alle Schrift ist von Gott eingegeben.“ Genau übersetzt heißt das: Die Schrift ist geistgewirkt, geistdurchhaucht. Natürlich haben das Menschen geschrieben – Menschen, die bei vollem Bewusstsein waren, die ihre Eigenheiten, ihren Schreibstil, ihre Persönlichkeit eingebracht haben. Und trotzdem ist es letztlich von Gottes Geist bewegt und durch und durch von ihm geprägt. Petrus hat das in 2. Petrus 1, 21 so ausgedrückt: „Denn niemals wurde eine Weissagung durch den Willen eines Menschen hervorgebracht, sondern von Gott her redeten Menschen, getrieben von Heiligem Geist.“ Auch hier sehen wir also beides: Menschen haben geredet. Aber sie waren bewegt, getrieben, geprägt vom Heiligen Geist.

Es kann überhaupt keinen Zweifel geben, dass genau das die Sichtweise der Juden der damaligen Zeit über ihre heiligen Texte war. Die Juden hatten allerhöchsten Respekt vor ihren Schriften. Ganz zweifellos hatten auch die Autoren des Neuen Testaments den Text des Alten Testaments insgesamt als Wort des lebendigen Gottes angesehen. Immer wieder zeigt sich, dass für sie die beiden Wendungen ›Die Schrift sagt‹ und ›Gott sagt‹ untereinander austauschbar waren. Sie haben also nicht unterschieden zwischen göttlicher Offenbarung und dem biblischen Text. Das war für sie identisch.

Aber wie ist das mit dem Neuen Testament? Das lag ja noch gar nicht vor, als die Schriften des Neuen Testaments verfasst wurden. Können wir dann überhaupt etwas darüber sagen, wie das Neue Testament das Neue Testament sieht? Ja, sogar sehr viel! Paulus schreibt zum Beispiel in Galater 1, 11-12 über seine eigene Botschaft: „Ich tue euch aber kund, Brüder, dass das von mir verkündigte Evangelium nicht von menschlicher Art ist. Ich habe es nämlich weder von einem Menschen empfangen noch erlernt, sondern durch eine Offenbarung Jesu Christi.“ Und in 1. Thessalonicher 2, 13 schreibt er: „Und darum danken auch wir Gott unablässig, dass, als ihr von uns das Wort der Kunde von Gott empfingt, ihr es nicht als Menschenwort aufnahmt, sondern, wie es wahrhaftig ist, als Gottes Wort.“

Das sind ja absolut steile Behauptungen, die Paulus hier macht! Er sagt: Bei der Botschaft, die ihr von mir hört, da spricht Gott selbst. Das ist Gottes Wort. Und da spüren wir schon: Paulus ist in einer völlig anderen Autorität aufgetreten, als das irgendein Theologe jemals dürfte. Aber offenbar durfte er das, weil Gott ihm tatsächlich die spezielle Autorität dazu gegeben hat. Petrus hat das ausdrücklich bestätigt. In 2. Petrus 3, 15-16 macht er folgende Bemerkung über die Schriften des Paulus: „…wie auch unser geliebter Bruder Paulus nach der Weisheit, die ihm gegeben ist, euch geschrieben hat. Davon redet er in allen Briefen, in denen einige Dinge schwer zu verstehen sind, welche die Unwissenden und Leichtfertigen verdrehen werden, wie auch die andern Schriften.“

Welche „Schriften“ meint Petrus hier? Natürlich die Heiligen Schriften, die auf keinen Fall irgendjemand verdrehen und verändern darf. Petrus hat also die Briefe des Paulus auf den gleichen Rang gestellt wie die Schriften des Alten Testaments.

In Bezug auf die Evangelien ist eine Bemerkung von Paulus in 1. Timotheus 5, 18 besonders interessant: „Denn die Schrift sagt: »… »Ein Arbeiter ist seines Lohnes wert«“ Das bemerkenswerte daran ist: Paulus zitiert hier gar nicht aus dem Alten Testament sondern er zitiert ein Wort Jesu, genauer gesagt aus Lukas 10, 7. Für ihn hat also auch dieses im Lukasevangelium festgehaltene Jesus-Zitat Schriftrang gehabt.

Besonders eindrücklich zu diesem Thema ist einer der letzten Verse der Bibel: „Und ich versichere jedem, der die prophetischen Worte dieses Buchs hört: „Wenn jemand dem, was hier geschrieben steht, irgendetwas hinzufügt, wird Gott ihm die Plagen zufügen, die in diesem Buch beschrieben werden.“  (Offenbarung 22,18) Im darauf folgenden Vers hält Johannes fest: Etwas wegzulassen ist genauso schlimm! Damit sagt Johannes: Dieses ganze Buch hat prophetischen Charakter. Da gibt es absolut nichts hinzuzufügen und nichts wegzulassen. Kein Theologe dürfte jemals so etwas über seine theologische Schrift sagen. Aber Johannes tat es am Ende seines Buchs der Offenbarung. Und für Christen ist klar: Das steht nicht zufällig am Ende des Kanons. Christen haben das immer schon letztlich auf die ganze Bibel bezogen.

Wer das Prinzip ernst nimmt, dass die Schrift sich selbst auslegt, kommt somit zu einem eindeutigen Befund: Die Schrift sieht sich selbst nicht nur als Zeugnis einer Offenbarung, die irgendwie mehr oder weniger nebulös hinter der Schrift erkennbar wird. Nein, die Bibel sieht sich selbst, also den biblischen Text, als Offenbarung. Und wenn das so ist, dann kann dieser Text auch nicht kritisiert werden. Denn welcher Mensch wollte sich erdreisten, Gott zu verbessern und zu kritisieren?

Einwand 2: Kann die Bibel in der Autorität Jesu kritisiert werden?

Der zweite Einwand von Siegfried Zimmer zur Verteidigung von Sachkritik lautet: Sachkritik sei in der Autorität Jesu möglich, weil auch Jesus die Bibel kritisiert. Natürlich könne kein Theologe in eigener Autorität die Bibel kritisieren. Aber Jesus Christus steht ja über der Schrift. Wenn Jesus die Bibel kritisiert, dann dürfen wir das in seiner Autorität auch tun. Wörtlich schreibt er dazu: „Biblische Texte, die etwas Anderes für richtig halten, als Jesus uns gelehrt hat, dürfen unser Gewissen nicht binden. … Im Konfliktfall argumentieren wir ohne jedes Zögern mit Jesus Christus gegen die Bibel.“ [13]

Aber kann man den wirklich mit Jesus gegen die Bibel argumentieren? Oft kommt bei dieser Frage der Hinweis: Jesus habe doch tatsächlich oft der Bibel widersprochen. Immer wieder sagt er ja: Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt wurde… Ich aber sage euch… (z.B. Matthäus 5, 21-22). Allerdings hat Jesus ganz direkt über das Alte Testament auch folgendes gesagt: Ich bin nicht gekommen, um das Gesetz oder die Schriften der Propheten abzuschaffen. Im Gegenteil, ich bin gekommen, um sie zu erfüllen. Ich versichere euch: Solange der Himmel und die Erde bestehen, wird selbst die kleinste Einzelheit von Gottes Gesetz gültig bleiben.“ (Matthäus 5, 17+18)

Tatsächlich hat Jesus mit seinen „Ich-aber-sage-euch“-Sätzen die Forderungen des Alten Testaments gar nicht aufgehoben, im Gegenteil: Er hat sie verschärft! Zum Beispiel ist für Jesus nicht nur der praktisch vollzogene Ehebruch Sünde sondern schon das Begehren im Herzen (Matthäus 5, 27-28). Das ist also nicht etwa ein Widerspruch sondern eine Verstärkung dessen, was im Alten Testament steht.

Außerdem benutzt Jesus häufig diese Formel: „Habt ihr nicht gelesen?“ (z.B. Matthäus 19, 4) Wenn es einen Streit gab oder eine Frage zu entscheiden war, hat Jesus aus dem Alten Testament zitiert. Das war für ihn entscheidend. Für ihn galt also der Schriftbeweis, der natürlich nur dann funktioniert, wenn die Schrift absolute Autorität hat.

Gerhard Maier fasst deshalb den Befund aus dem Neuen Testament so zusammen: „Die Schrift war für Jesus wie für seine jüdischen Gesprächspartner die letzte Entscheidungsinstanz … Es kann überhaupt kein Zweifel daran sein, dass den heiligen Schriften in den Augen Jesu eine unvergleichliche Autorität zukommt. Wer bei ihm ‚Kritik‘ am Alten Testament finden will, muss alles auf den Kopf stellen.“ „Eine Anleitung aus der Schrift, Schrift mit Schrift abzulehnen (was ja der Begriff der ‚Sachkritik‘ impliziert), gibt es nirgends.“ [14]

Anders ausgedrückt: Bibelkritik im Sinne des heutigen Sprachgebrauchs kann man nicht mit der Bibel begründen. Echte Bibelkritik steht grundsätzlich im Widerspruch zum reformatorischen Prinzip des Sola Scriptura und zum Selbstanspruch der Bibel.

Auf dem Weg zu einem biblischen Bibelverständnis

Für ein biblisches Bibelverständnis müssen deshalb 2 Dinge unbedingt festgehalten werden:

  1. Der Bibeltext kann nicht von der Offenbarung Gottes getrennt werden. Der Text ist, so wie er da steht, offenbartes Wort Gottes und hat deshalb höchste Autorität.
  2. Die Bibel kann und darf niemals gegen Jesus ausgespielt werden.

Absolut kontraproduktiv ist vor diesem Hintergrund der auch unter Evangelikalen immer wieder verwendete Satz: „Wir glauben doch nicht an die Bibel sondern an Jesus Christus.“ Diese falsche Alternative führt ja sofort zu der Frage: An welchen Jesus sollen wir denn glauben, wenn wir nicht an die Verlässlichkeit und Autorität der Bibel glauben? Wenn wir der Bibel nicht vertrauen, dann können wir nur noch an einen selbstgebastelten Christus glauben. Denn wir wissen ja nichts über ihn außer das, was die Bibel uns sagt. Das kann man somit nicht gegeneinander ausspielen. Das feste Vertrauen in Jesus Christus ist untrennbar verknüpft mit dem Vertrauen in die Autorität und den Offenbarungscharakter der Heiligen Schrift.

Zwingend notwendig ist zudem eine Haltung, die sich der Heiligen Schrift unterordnet und mit der Bibel sagt:

  • Die Bibel ist Gottes Wort.
  • Aber meine Erkenntnis ist Stückwerk.

Es ist wichtig, dass unser Pendel weder auf der liberalen Seite ausschlägt, auf der wir uns über die Bibel stellen und selbst entscheiden wollen, was darin von Gott ist und was menschlich, was darin richtig ist oder falsch. Unser Pendel darf aber auch nicht auf der anderen Seite ausschlagen. Denn auch der, der behauptet, er wisse haargenau und bis ins Letzte, wie die Bibel auszulegen ist, stellt sich letztlich über die Bibel. Dann wird es tatsächlich eng und gesetzlich. Dann kommt es immer zu Spaltungen, weil irgendeine Speziallehre zu Randthemen sich derart in den Mittelpunkt drängt, dass es die Kirche spaltet. Das ist leider oft passiert in der Kirchengeschichte.

Wir müssen deshalb beides festhalten: Die Schrift ist Gottes unfehlbares Wort. Aber in der Frage, wie die Bibel zu verstehen ist, bleiben wir unser Leben lang Lernende. Das bedeutet es im doppelten Sinne, sich der Schrift unterzuordnen: Die ganze Bibel hoch achten als Gottes unfehlbares Wort. Aber sich zugleich seiner eigenen Fehlbarkeit bewusst bleiben.

Das heißt nicht, dass ständig alles in Frage gestellt werden muss. Die Bibel ist nicht in allen Fragen ein großes Rätsel. In den wichtigen Lehren ist die Bibel so eindeutig und klar, dass auch jeder Laie sie in allen wichtigen Fragen verstehen kann, auch ohne Theologiestudium und ohne wissenschaftliche Kenntnisse.[15] Deshalb dürfen und sollen auch Laien die Bibel lesen und das, was wir daraus verstehen, fröhlich an andere weitergeben.

Was steht auf dem Spiel?

Es ist dringend notwendig, wieder vermehrt über diese Themen zu sprechen, denn mit der Frage nach dem Schriftverständnis steht ungeheuer viel auf dem Spiel:

  • Die Glaubwürdigkeit der kirchlichen Botschaft steht auf dem Spiel. Wenn schon Christen selbst an der Bibel zweifeln, wie soll dann ein Nichtchrist glauben, dass diese Botschaft irgendeine Relevanz für ihn hat?
  • Die Vernehmbarkeit der kirchlichen Botschaft steht auf dem Spiel. Wenn die Kirche nichts mehr Eindeutiges zu sagen weiß, dann kommt diese Botschaft auch nirgends mehr an.
  • Die missionarische Kraft und Dynamik der Kirche steht auf dem Spiel. Denn mit welcher Botschaft soll denn missioniert werden, wenn nicht einmal mehr klar ist, was der Tod Jesu am Kreuz eigentlich zu bedeuten hat und ob Jesus wirklich leiblich auferstanden ist?
  • Die Einheit der Kirche steht auf dem Spiel. Wenn Christen sich nicht einmal mehr beim Glaubensbekenntnis und bei den zentralsten Lehren des Christentums einig sind, worin sollen sie sich denn dann einig sein? In politischen Fragen ganz bestimmt nicht. Das Ausweichen auf das Feld der Politik spaltet die Kirche erst recht.

Deshalb steht insgesamt die Zukunft der Kirche auf dem Spiel. Angesichts von einer Austrittswelle nach der anderen wird die Frage nach der Zukunftsfähigkeit der Kirche ja gerade immer wieder gestellt. Braucht die Kirche vielleicht mehr Digitalisierung? Muss sie sich wieder näher zu den Menschen orientieren? Brauch sie vielleicht mehr soziologische Untersuchungen, um besser zu verstehen, welche Fragen die Menschen bewegen? Oder braucht sie frische Formen von Gemeinde und Gottesdienst? Ja, alles das ist ohne Zweifel gut. Aber es muss uns bewusst sein: Entscheidend ist nicht die Verpackung, entscheidend ist der Inhalt! Wir brauchen uns mit der Verpackung überhaupt nicht zu beschäftigen, solange wir uns nicht im Klaren sind, was eigentlich der Inhalt unserer Botschaft ist.

Ich habe riesengroße Hoffnung für die Zukunft der Kirche Jesu. Ich sehe so viele positive Entwicklungen, die mir Mut machen. Aber ich glaube tatsächlich: Für eine starke Zukunft der Kirche brauchen wir eine neue Ehrfurcht und eine neue Liebe zu Gottes Wort.

In Epheser 2, 20 schreibt Paulus: „Wir sind sein Haus, das auf dem Fundament der Apostel und Propheten erbaut ist mit Christus Jesus selbst als Eckstein.“ Es ist gut, dass wir in einem Land leben, in dem in der Mitte jedes Orts mindestens ein Haus zur Ehre Gottes steht. Aber ich habe Sehnsucht danach, dass diese Häuser aus Stein wieder gefüllt werden mit Häusern aus Menschen, die sich zusammenfügen lassen zu einem Leib Christi, der aus lebendigen Steinen besteht, wie Petrus es ausdrückt (1. Petrus 2, 5). Ich habe Sehnsucht danach, dass an allen Orten geistliche Häuser entstehen, in denen Menschen nach Hause kommen und Heimat finden können bei diesem wundervollen himmlischen Vater, von dem die Bibel berichtet. Ein Ort, an dem Menschen Vergebung finden für ihre Schuld. Ein Ort an dem Menschen das Leben finden, Leben mit Sinn und Ewigkeitsperspektive.

Dafür genügt es nicht, schöne Programme zu gestalten, zu denen viele Menschen kommen. Für ein nachhaltiges Haus müssen wir aufs Fundament achten. Und das Fundament ist die Lehre der Apostel und der Propheten, wie wir sie in der Heiligen Schrift finden. Und der Eckstein, der entscheidende Grundstein ist Jesus Christus selbst, wie er uns in der Bibel geschildert wird. Die praktisch gelebte Liebesbeziehung zu diesem Jesus Christus kombiniert mit dem Gegründet-sein auf dem verlässlichen Wort der Apostel und Propheten: Das gibt diesem geistlichen Haus das Fundament, auf dem es stehen kann und auf dem es auch in Stürmen nicht zerbricht. Lassen Sie uns an allen Orten diese Fundamente wieder bauen, damit geistliche Häuser entstehen, in denen Menschen die Liebe des Vaters, Vergebung, Heil und ewiges Leben finden können. Und lassen Sie uns beten, dass Gott einen Aufbruch schenkt, eine neue Bewegung von Menschen, die Jesus Christus von Herzen lieben, die ihre Bibel kennen und tief in ihr verwurzelt sind.

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Dr. Markus Till, veröffentlicht im Mai 2020

Die Inhalte dieses Artikels wurden zunächst für einen Vortrag erarbeitet, der am 2.11.2019 auf einer Tagung des deutschen christlichen Technikerbunds (DCTB) gehalten wurde. Der Vortrag ist im YouTube-Kanal des Netzwerks Bibel und Bekenntnis abrufbar. Hinweis: Im Vortrag wird mündlich ab 10:49 irrtümlich ein Zitat Gottfried Müller zugeschrieben, das jedoch vom Blogautor Christoph Schmieding stammt. Die Quellenangabe im Artikel gibt Auskunft über die tatsächliche Herkunft des Zitats.

Weiterführend sind im AiGG-Blog (blog.aigg.de) u.a. folgende Artikel erschienen:

Eine umfangreiche Darstellung zum Thema „Postevangelikale“ gibt das Buch „Zeit des Umbruchs“, das im September 2019 bei SCM R. Brockhaus erschie­nen ist. Informationen, Leseproben, Stimmen und Rezensionen zum Buch gibt es unter zeitdesumbruchs.aigg.de.


[1] Torsten Hebel: Freischwimmer. Meine Geschichte von Sehnsucht, Glauben und dem großen, weiten Mehr, Holzgerlingen 2015, S. 113.

[2] Christoph Schmieding: Was ist eigentlich post-evangelikal?, 13.2.2018

[3] Gofi Müller: Flucht aus Evangelikalien. Über Gott, das Leiden und die heilende Kraft der Künste, 2017. S.91

[4] Siegfried Zimmer: „Warum das fundamentalistische Bibelverständnis nicht überzeugen kann“. Vortrag vom 22.6.2014, Heidelberg, ab 7:29

[5] Martin Luther: Assertio omnio articulorum, Vorrede (1520), in: Cochlovius/Zimmerling: Evangelische Schriftauslegung, S. d26 f.

[6] Aus der »Lausanner Verpflichtung zur Weltevangelisation« von 1974

[7] In: „Schrift und Tradition“ und „Die Rolle der Kirche für das Heil“: Katholiken und Evangelikale erkunden Herausforderungen und Möglichkeiten“, 2009-2016, S. 7

[8] Siehe dazu sehr viel ausführlicher der AiGG-Artikel: „Ist die Bibel unfehlbar?“ (blog.aigg.de/?p=4212)

[9] Gerhard Maier: Konkrete Alternativen zur historisch-kritischen Methode, in: Joachim Cochlovius/Peter Zimmerling: Evangelische Schriftauslegung. Ein Quellen- und Arbeitsbuch für Studium und Gemeinde, Wuppertal

1987, S. 305 f.

[10] Siehe dazu den AiGG-Artikel: „Meister der Überlieferung“

[11] Siegfried Zimmer: Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben? Klärung eines Konflikts, Göttingen 2012, S.148.

[12] Siegfried Zimmer: Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben? Klärung eines Konflikts, Göttingen 2012, S. 88.

[13] Siegfried Zimmer: Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben? Klärung eines Konflikts, Göttingen 2012, S. 93.

[14] Gerhard Maier: Biblische Hermeneutik. Witten
1998, S. 149

[15] Siehe dazu der AiGG-Artikel: „Bibel für alle: Die Klarheit der Schrift“ (blog.aigg.de/?p=2190)

Ist Angst das Grundproblem der Menschheit?

Beob­ach­tun­gen zum Wort­haus-Vor­trag von Eugen Dre­wer­mann

Mit Eugen Dre­wer­mann hat sich das Wort­haus-Pro­jekt jüngst einen ech­ten Pro­mi an Bord geholt. Flan­kiert von Sieg­fried Zim­mer und Thor­sten Dietz, den bei­den Haupt­prot­ago­ni­sten von Wort­haus, wur­de dafür eine „Popup-Tagung“ ange­setzt, die am 29.2.2020 in Tübin­gen statt­fand — also gera­de noch recht­zei­tig vor dem Coro­na-Shut­down. Ich war sehr gespannt auf die Bot­schaft die­ses bekann­ten und umstrit­te­nen Theo­lo­gen, der die­ses Jahr immer­hin schon 80 Jah­re alt wird. Mit­te April wur­de der Vor­trag unter dem Titel „Jesus aus Naza­reth – von Krieg zu Frie­den“ in der Wort­haus-Media­thek ver­öf­fent­licht.

Für den Blog “Daniel Option” habe ich den Vortrag inhaltlich zusammengefasst und kommentiert. Der Artikel ist hier zu finden:

https://danieloption.ch/featured/ist-angst-das-grundproblem-der-menschheit/

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10 Gründe, warum ich froh bin, Christ zu sein

Ein runder Geburtstag ist immer ein guter Moment, um Bilanz zu ziehen. Dieses Jahr fiel mir auf, was für ein unglaubliches Privileg es doch ist, Christ sein zu dürfen. Hier kommen meine 10 wichtigsten Gründe dafür:

1. Ich habe eine Schuldmüllabfuhr! Ohne Jesus müsste ich versuchen, mein schlechtes Gewissen zu verdrängen und meinen Mist unter den Teppich zu kehren. Aber auf Dauer lebt es sich nicht gut auf ausgebeulten Teppichen. Wie gut, dass Jesus meinen Schuldschein zerrissen, ans Kreuz geheftet[1] und meine Schuld ins äußerste Meer geworfen hat.[2] Sie ist wirklich getilgt – beglaubigt vom obersten Weltenrichter persönlich. So gut, das zu wissen!

2. Ich habe eine weltweite Familie! Freunde zu haben, ist ja immer schön. Aber hast Du schon mal eine Gemeinschaft erlebt, in der Jesus die Mitte ist? Das fühlt sich für mich eher wie Familie an – Brüder und Schwestern, mit denen ich gemeinsam auf dem Weg bin. Wir teilen unser Leben und unsere Not. Wir beten füreinander. Diese Art von tiefer Verbundenheit habe ich bislang nur unter Christen erlebt. Ich möchte es nicht mehr missen.

3. Musik hat eine neue Dimension! Musikliebhaber war ich schon immer. Aber vor einigen Jahren habe ich Musik kennen gelernt, die nicht nur schön ist sondern dazu eine Ewigkeitsdimension enthält. Sie erhebt meine Seele zu Gott und bringt mich mit meinem himmlischen Vater in Verbindung. Wundervoll! Kein Wunder, dass Christen zu allen Zeiten leidenschaftlich gern gesungen haben.

4. Ich habe eine Informationsquelle, die hinter den Vorhang sieht! Sterben müssen wir alle. Aber was ist dann? Mein Lieblingsbuch, die Bibel, erzählt von einem Mann, der nachweislich von den Toten auferstanden ist. Er sagt: Wenn ich ihm vertraue, werde auch ich mit ihm ewig leben[3] – und feiern! Das nimmt meiner Todesangst die Spitze. Die Perspektive Ewigkeit taucht auch mein Diesseits in ein hoffnungsvolles Licht.

5. Mein Engagement hat ewigen Wert! Welchen Sinn macht es, mich abzurackern, wenn mein letztes Hemd doch keine Taschen hat? Jesus hingegen hat gesagt: Was ich für ihn und in seinem Namen tue, hat für mich und für andere Bedeutung über den Tod hinaus. Ich empfinde es als zutiefst befriedigend, Dinge zu tun, die derart nachhaltig sinnvoll sind. Ich liebe es, ein Leben zu führen, das sich wirklich lohnt.

6. Meine Bedeutung hängt nicht von meiner Leistungsfähigkeit ab! Ich muss kein High-Performer sein, um ein wert-volles Leben zu führen. Selbst wenn meine Kraft zerfällt, wenn kein Mensch mir mehr applaudiert und ich vielleicht nur noch beten kann, bin ich in Gottes Augen immer noch ein bedeutungsvoller Weltbeweger! Das gibt meinem Leben eine Würde, die mir niemand so einfach nehmen kann.

7. Ich bin wie verrückt geliebt! Ich habe einen Vater im Himmel, der mir seine Liebe ultimativ bewiesen hat, indem er in Jesus für mich den schrecklichen Weg ans Kreuz gegangen ist.[4] Er spricht mir zu, sein Sohn zu sein – ein geliebtes Kind des Königs[5], das nicht wegen seines Verhaltens sondern um seiner selbst willen geliebt wird. Mein Durst nach Liebe hat eine Quelle gefunden, die nie versiegt.[6] Welch ein Privileg!

8. Mein Gebetstelefon ist 24/7 verbunden mit dem Zentrum der Macht! Mein Beistand ist nie weiter als ein Gebet von mir entfernt.[7] Und ich weiß, dass Gebet Kraft hat – auch wenn es nicht immer so erhört wird, wie ich mir das wünsche. Oft habe ich erlebt, dass Gott auch heute noch Wunder tut. Wer meint, das seien Zufälle gewesen, täuscht sich. Zu offensichtlich war Gottes Eingreifen. Jesus ist tatsächlich bei mir an jedem Tag – wie er es versprochen hat.[8] Er hilft mir und er gibt mir Kraft. Danke Jesus!

9. Gottes Stoppschilder schützen mich vor Abgründen! Mein himmlischer Vater hat für mich ein paar Dinge zum absoluten Tabu erklärt: Mich mit einer anderen Frau einzulassen. Pornos anschauen. Zu einer Prostituierten gehen. Das und noch manches mehr sind absolute NoGos, über die ich nicht einmal nachdenken sollte. Wie gut! Dass ich heute den Segen einer intakten Ehe und Familie genießen darf, hat ganz sicher auch damit zu tun.

10. Egal, was kommt: Das Beste liegt immer noch vor mir! Je älter ich werde, umso mehr Energie, Gesundheit und Leistungsfähigkeit werde ich verlieren. Umso mehr schwinden meine Möglichkeiten. Trotzdem muss ich nicht fürchten, etwas verpasst zu haben. Ganz egal was kommt: Es gibt immer Hoffnung! Da liegt immer noch ein Leben vor mir, das unfassbar viel schöner ist als alles, was es hier auf dieser Erde zu erleben gibt.

Alles das habe ich mir nicht verdient. Ich bin ja nicht besser als irgendjemand sonst. Diese Privilegien kann man sich auch gar nicht verdienen. Sie sind ausschließlich kostenlos zu haben![9] Was wir Jesus dafür bringen müssen, ist nur unsere Schuld. Das Kreuz ist die Abgabestelle. Dass Jesus dort mein Versagen ausbaden musste, holt mich bis heute von meinem hohen Ross. Und es braucht ein wenig Vertrauen, um ihn zum Mittelpunkt und Bestimmer meines Lebens zu machen. Aber meine Erfahrung ist: Es lohnt sich! Total!

Natürlich gehe auch ich – genau wie alle Menschen – durch schmerzhafte Krisen und tiefe Täler. Christsein ist kein Freifahrtschein für ein unbeschwertes Leben ohne Versagen, Angst, Leid, Enttäuschung und Verlust. Aber in allem, was geschieht, bin ich nicht alleine. Ich kann nicht tiefer fallen als in seine Hand. Ich glaube wirklich: Diese Hoffnung trägt – im Leben und im Sterben.

Falls Du diesen Jesus schon kennst: Vielleicht fallen Dir ja noch mehr Gründe ein, wegen denen Du dankbar bist, Christ zu sein? Dann schreib sie unten in die Kommentare. Und dann lass uns zusammen diesen unglaublich guten Gott feiern und die gute Nachricht verbreiten:

Es gibt einen Ort, der die Sehnsucht stillt. Es gibt ein Zuhaus für jedes Kind der Welt.
Und es gibt einen Vater, der wartet und hofft, dass die Welt ihn erkennt und ihn sucht.
Seine Wohnung ist hier mitten unter uns.

Im Hause des Herrn ist Geborgenheit. Und in seinem Arm geht die Einsamkeit.
Er wischt ab jede Träne, er heilt uns’re Herzen, er reinigt uns von jeder Schuld.
Seine Wohnung ist hier mitten unter uns.

Feiert und tanzt, seine Liebe, die macht uns frei.
Jubelt und jauchzt, sein Erbarmen ist täglich neu.
Er hat uns erlöst aus den Ketten der Schuld.
Er hat uns befreit von Bedrückung und Tod.
Wir sind Kinder des Vaters, erkauft durch sein teures Blut.


[1] Kolosser 2, 14: „Er hat die Liste der Anklagen gegen uns gelöscht; er hat die Anklageschrift genommen und vernichtet, indem er sie ans Kreuz genagelt hat.“

[2] Micha 7, 19: „Er wirft alle unsere Sünden ins tiefste Meer.“

[3] Johannes 14, 19: „Ich lebe, und ihr sollt auch leben.“

[4] Johannes 3, 16: „Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern das ewige Leben hat.“

[5] Römer 8, 15: „Wir sind doch Kinder Gottes geworden und dürfen ihn »Abba, Vater« rufen.“

[6] Johannes 4, 14: „Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, der wird niemals mehr Durst haben.“

[7] Psalm 50, 15: „Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten, und du sollst mich preisen.“

[8] Matthäus 28, 20: „Ich versichere euch: Ich bin immer bei euch bis ans Ende der Zeit.“

[9] Jesaja 55, 1: „Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch!“

Starke Argumente – Warum es auch heute noch vernünftig ist, der Bibel zu vertrauen

Die Inhalte dieses Artikels sind auf YouTube als Vortrag verfügbar, der am 1.11.2019 bei einer Tagung des deutschen christlichen Techniker-Bunds (DCTB) gehalten wurde.

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Lange Zeit war der Blick auf die Bibel in der akademischen Welt geprägt von einem Wissenschaftsbegriff, der es Wissenschaftlern prinzipiell unmöglich machte, mit übernatürlichen Ereignissen, mit göttlicher Offenbarung oder mit vorhersagender Prophetie zu rechnen. Die Folgen für die Theologie und die Kirche waren umwälzend. Zentrale Bekenntnisse des Christentums wurden in Frage gestellt oder umgedeutet. Völlig aus dem Blick gerieten zudem die vielen Argumente dafür, dass die Existenz und die Botschaft der Bibel ein Wunder ist, das mit menschlichen Mitteln nicht erklärt werden kann.

Seit der Aufklärung ist der akademische Wissenschaftsbegriff geprägt von einem starken oder zumindest schwachen bzw. methodischen Naturalismus. Das heißt: Die Wissenschaft hat sich der Selbstbeschränkung unterworfen, hinter allen Phänomenen prinzipiell eine natürliche Ursache zu vermuten. Die Bibel unterstützt diese Sichtweise! Denn sie trennt strikt zwischen Schöpfer und Schöpfung. Allerdings macht die Bibel auch deutlich: Punktuell nimmt sich der Schöpfer durchaus die Freiheit, übernatürlich ins Weltgeschehen einzugreifen.[1] Das gilt besonders für die Erschaffung der Welt. Aber auch danach berichtet die Bibel immer wieder von punktuellen Eingriffen Gottes ins Weltgeschehen, z.B. beim Auszug Israels aus Ägpyten oder bei der Auferstehung Jesu. Zudem behaupten die biblischen Autoren, dass Gott auch bei der Entstehung der biblischen Texte intensiv beteiligt war.

Die Bibel erforschen, „als ob es Gott nicht gäbe“?

Für Theologen, die mit dem vorherrschenden naturalistisch geprägten Wissenschaftsbegriff die Bibel erforschen wollen, hat das weitreichende Konsequenzen. In ihrer Forschung werden sie gezwungen, prinzipiell nicht damit zu rechnen, dass Gott direkt und unter Aufhebung der Naturgesetze ins Weltgeschehen eingegriffen hat. Sie müssen die Bibel so zu untersuchen, „als ob es Gott nicht gäbe“ („etsi deus non daretur“). Dabei glauben Theologen, die so arbeiten, durchaus daran, dass es Gott gibt. Aber in der praktischen Bibelforschung dürfen sie direkte göttliche Eingriffe ins Weltgeschehen nicht in ihre Überlegungen einbeziehen.

Zudem galt auch in der Bibelwissenschaft zunehmend die aufklärerische Maxime, dass nüchterne Wissenschaft jeden Forschungsgegenstand prinzipiell dem wissenschaftlichen Zweifel, also dem Urteil der menschlichen Vernunft, unterwerfen muss. Das wäre aber nicht möglich, wenn die Bibel eine göttliche Offenbarung wäre – denn göttliche Offenbarung kann nun einmal nicht kritisieren werden. Dann wäre die Theologie aber nach aufklärerischem Verständnis keine Wissenschaft mehr. Dann hätte sie auch an den Universitäten nichts mehr zu suchen.

Deshalb trifft es zu, wenn der finnische Professor Tapio Puolimatka schreibt: „Wenn Theologen zum Ausgangspunkt ihrer Forschung nehmen würden, dass Gott gesprochen habe und dass man Gottes Sprechen erkennen und verstehen könne, dann würden sie in einen Konflikt mit der breiten wissenschaftlichen Öffentlichkeit geraten.“[2]

Ein Gott, der spricht und verstanden wird, der somit das Weltgeschehen ganz direkt beeinflusst, der passt nicht ins Weltbild des (schwachen) Naturalismus. Diese faktische Selbstbeschränkung auf einen methodischen Naturalismus hatte ohne Zweifel gewaltige Konsequenzen für die Theologie und folglich auch für die Kirche.

4 Konsequenzen des methodischen Naturalismus für die Theologie

Das „Arbeitsbuch zum Neuen Testament“ von den Professoren Hans Conzelmann und Andreas Lindemann liegt mittlerweile in der 14. Auflage vor. Vor allem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde es an den Universitäten vielfach in der studentischen Ausbildung eingesetzt. Aktuell wird an der 15. Auflage gearbeitet. Das Buch ist also durchaus nach wie vor aktuell.

Natürlich denken bei weitem nicht alle Theologen wie Conzelmann und Lindemann. Aber ohne Zweifel hatten diese beiden Theologen in den vergangenen Jahrzehnten erheblichen Einfluss. Besonders deutlich wurde die Denkweise von Prof. Lindemann in einem Interview, das er 1999 dem Magazin Spiegel gegeben hat.[3] Das Arbeitsbuch zum Neuen Testament und dieses Spiegel-Interview eignen sich besonders gut, um die Konsequenzen des methodischen Naturalismus für die Theologie nachzuvollziehen.

1.   Die Bibel kann keine übernatürliche Offenbarung sein!

Wenn Gott nicht direkt ins Weltgeschehen eingreift, dann kann die Bibel natürlich keine göttliche Offenbarung sein. Stattdessen gehen Prof. Conzelmann und Prof. Lindemann von einer anderen Sichtweise auf die Bibel aus. In ihrem Arbeitsbuch schreiben sie: „Die biblischen Texte werden methodisch nicht anders behandelt als andere literarische Zeugnisse, insbesondere solche der Antike. … Die Bibel enthält geschichtlich entstandene Dokumente, die – in großer Vielfalt theologischer Meinungen – den jüdischen bzw. christlichen Glauben bezeugen und darstellen.“ (S. 3)

Die Konsequenz ist klar: Wenn die Bibel keine göttliche Offenbarung ist sondern ein Buch wie jedes andere, dann wissen wir letztlich nichts Gesichertes über Gott, über Jesus und über die ewigen Fragen. Die Naturwissenschaft kann bei solchen Fragen schon aus methodischen Gründen nicht weiterhelfen. Denn Gott ist „transzendent“, d.h. er steht als Schöpfer jenseits dieser Welt – genau wie ein Regisseur hinter einem Film steht, im Film selbst aber nicht zu sehen ist. Auch wenn wir den Inhalt eines Films ganz genau erforschen – seine Handlung, die Schauspieler, die Kulissen, die Musik und die Spezialeffekte – wissen wir trotzdem so gut wie nichts über den Regisseur. Wir können zwar spekulieren, was uns der Film vielleicht über das Wesen des Regisseurs sagen könnte. Aber das bleibt Spekulation – es sei denn, der Regisseur baut sich selbst in eine Filmszene ein, so wie es Alfred Hitchcock regelmäßig getan hat. Noch viel mehr erfahren wir, wenn dem Film ein „Making of“ mit einem Interview des Regisseurs beigefügt wird. Nur wenn der Regisseur sich offenbart, können wir etwas verlässliches über ihn herausfinden. Ohne eine solche Offenbarung bleibt alles Spekulation.

So ist es auch bei Gott. Wir wissen nichts über ihn – außer das, was uns die Bibel offenbart. Wenn die Bibel aber gar keine Offenbarung sondern nur ein Werk mit sich widersprechenden menschlichen Meinungen ist, dann bleibt es unserer subjektiven Einschätzung überlassen, ob wir der Bibel folgen wollen oder nicht – und dann bleibt letztlich alles subjektive Spekulation. Dann verlieren die Theologie und die Kirche letztlich ihre Grundlage, weil sie über diesen Gott überhaupt nichts Verlässliches wissen oder sagen kann.

2.   Die biblischen Wundergeschichten können nicht historisch sein!

Eine 2. Konsequenz ist: Wenn Gott nicht wundersam in die Weltgeschichte eingreift, dann können die biblischen Wundergeschichten nicht historisch sein. Entsprechend äußert Prof. Lindemann im Spiegel-Interview: „Ich halte es für ausgeschlossen, dass Jesus die …  genannten Wunder getan hat. Solche Erzählungen gab es damals auch über andere große Männer.“

Was ist die Konsequenz dieser Annahme? Wenn die biblischen Wundergeschichten nicht geschehen sind, dann ist die Kernaussage des Johannesevangeliums, dass die Wunder Jesus als Messias ausweisen, falsch: „Noch viele andere Zeichen tat Jesus vor seinen Jüngern, die nicht geschrieben sind in diesem Buch. Diese aber sind geschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes.“ (Joh. 20, 31)

Als Johannes, der Täufer, Zweifel bekam, ob Jesus wirklich der Messias ist, schickte er aus dem Gefängnis heraus seine Jünger zu Jesus und ließ ihn fragen: Bist du der, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten? Die Antwort Jesu unterstreicht, wie entscheidend wichtig die Wunder dem Evangelienschreiber sind: „Geht hin und sagt Johannes, was ihr hört und seht: Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf.“ (Luk. 7, 22) Jesus machte also deutlich: Gerade diese Wunder sind es, die Jesus als den von den Propheten angekündigten Messias ausweisen.

Eine weitere Konsequenz ist deshalb: Wenn die biblischen Wundergeschichten nicht geschehen sind, dann sind die biblischen Texte insgesamt nicht vertrauenswürdig, weil sie selbst viele Wundergeschichten eindeutig als historische Geschehnisse einstufen. Oft wird zwar behauptet, es sei für den Glauben und die theologische Aussage der biblischen Texte nicht relevant, ob diese Wunder wirklich passiert sind oder ob diese Geschichten als Gleichnisse zu verstehen sind. Die Texte selbst machen aber immer wieder deutlich, dass sie tatsächlich historisch verstanden werden wollen. Und die Tatsächlichkeit der Wunder ist ein wesentlicher Teil ihrer theologischen Aussage! Deshalb werden die Texte zwangsläufig unglaubwürdig, wenn die Wunder nicht wirklich geschehen sind. Und deshalb wird auch die theologische Aussage der Texte ausgehöhlt, wenn man mit der historischen Tatsächlichkeit der Wunder nicht rechnen möchte. Besonders dramatisch wirkt sich das bei der Auferstehung Jesu aus:

3.   Jesus kann nicht leiblich von den Toten auferstanden sein!

Wenn Gott nicht in die Geschichte eingreift, dann kann Jesus auch nicht leiblich von den Toten auferstanden sein. Zumindest in der praktischen Forschung müssen Theologen dann von natürlichen Ursachen für die Entstehung des Osterglaubens ausgehen. Aber welche Ursachen könnten das sein? Die Jünger könnten Visionen oder Halluzinationen gehabt haben. Sie könnten sich selbst etwas eingeredet haben. Oder sie könnten ihr Festhalten an den Ideen und den Lehren Jesu mit dem Bild von der Auferstehung verknüpft haben.

Solche Theorien haben lange Zeit breiten Raum in der Theologie eingenommen. Conzelmann und Lindemann schreiben dazu: „Die immer wieder diskutierte Frage, ob die Auferstehung Jesu ein „historisches Ereignis“ sei, ist von vornherein abzuweisen.“ (S. 524) Im Spiegel-Interview wird Prof. Lindemann noch deutlicher: „Man würde auf dem Film die von Paulus erwähnten Menschen (die den Auferstandenen gesehen haben), vielleicht ihre Reaktionen, aber gewiss kein filmisch wahrnehmbares Gegenüber sehen.“

Wichtig ist, festzuhalten: Solche Theorien wurden nicht etwa aus einer genaueren Analyse der biblischen Texte abgeleitet, denn diese geben solche Deutungen ganz sicher nicht her. In den biblischen Ostergeschichten haben die Jünger Jesus angefasst. Sie haben mit ihm gesprochen. Sie haben mit ihm zusammen gegessen. Sie haben vom leeren Grab berichtet. Wenn Theologen trotz dieser absolut eindeutigen Texte zu dem Schluss kommen, die Auferstehung wäre nur eine Vision gewesen, dann steht dahinter besonders offenkundig die außerwissenschaftliche Denkannahme, dass es so etwas wie eine Auferstehung von den Toten aus biologischen Gründen eben nicht geben kann.

Die Konsequenz für den christlichen Glauben ist dramatisch. Denn wenn das Grab nicht leer war, verliert die christliche Auferstehungshoffnung im Kern ihre Basis. Die Bibel macht den Gläubigen ja ebenfalls Hoffnung auf eine eigene Auferstehung. Dabei gründet sie die Auferstehungshoffnung für die Christen auf die Auferstehung Jesu! Wie sollen wir auf unsere eigene Auferstehung hoffen, wenn Paulus schon in Bezug auf die Auferstehung Jesu geirrt hat? Entsprechend spricht Paulus dann auch Klartext, wenn er sagt: Wenn Jesus nicht auferstanden ist, „dann ist euer Glaube nutzlos …, dann lasst uns Feste feiern und uns betrinken, denn morgen sterben wir!“ (1. Korinther 15, 17+32) Die Auferstehungshoffnung stand von Beginn an im innersten Zentrum des christlichen Glaubens. Sie hat dazu geführt, dass sich das Christentum trotz massiver Verfolgung so rasant ausbreiten konnte. Wer die Botschaft vom leeren Grab durchstreicht, streicht die christliche Hoffnungsbotschaft im Kern durch.

4.   Es wird nicht mit vorhersagender Prophetie gerechnet!

Wenn Gott nicht in die Geschichte eingreift, dann gibt es auch keine vorhersagende Prophetie. So schreiben Conzelmann und Lindemann zum Beispiel: „Ebenso wie Matthäus (und wohl auch Markus) ist Lukas jedenfalls nach 70 verfasst worden; in Lk. 21,10 ist unmissverständlich auf die Belagerung Jerusalems am Ende des Jüdischen Krieges und auf die Zerstörung der Stadt angespielt.“ (S. 343) Die Autoren befassen sich in diesem Abschnitt mit der Frage: Wann sind eigentlich die Evangelien verfasst worden? Und ihre Argumentation lautet: Im Lukasevangelium spricht Jesus von der Belagerung und Zerstörung Jerusalems und des Tempels. Das ereignete sich im Jahr 70 nach Christus. Deshalb – so die Schlussfolgerung – müssen die Evangelien nach 70 nach Christus geschrieben worden sein. Denn erst da wusste man ja von dieser Zerstörung.

Dieses Argument ist für Conzelmann und Lindemann so stark, dass andere Argumente für eine frühere Entstehung der Evangelien gar nicht erst diskutiert werden: Denken wir nur an die Apostelgeschichte, die ganz plötzlich noch zu Lebzeiten des Paulus endet. Paulus starb etwa Mitte der 60iger Jahre den Märtyrertod. Warum hört die Apostelgeschichte vorher auf? Warum schrieb Lukas zwar ausführlich über den Märtyrertod von Stephanus, während er den Tod von Paulus und Petrus mit keinem Wort erwähnt? Warum kommt insgesamt die Zerstörung Jerusalems und des Tempels abgesehen von diesen prophetischen Ankündigungen nirgends vor im Neuen Testament? Dazu muss man sich vor Augen führen: Die Zerstörung des Tempels war sicher ein extrem traumatisches Erlebnis für alle Juden. Dass dieses Ereignis nirgends erwähnt wird ist eigentlich ein mächtiges Argument für eine frühere Datierung. Aber das zählt natürlich nicht, wenn man die Denkvoraussetzung hat, dass es vorhersagende Prophetie nicht gibt.

Aber der Ausschluss vorhersagender Prophetie hat noch mehr dramatische Konsequenzen: Wenn es keine biblischen Vorhersagen gibt, dann sind etwa 30 % der biblischen Texte eine Vorspiegelung falscher Fähigkeiten. Die Bibel ist schließlich voll von Prophetien und Vorhersagen und von der Behauptung, dass Vorhersagen sich tatsächlich erfüllt haben. Sie warnt sogar selbst vor falschen Propheten, die nur vortäuschen, etwas über die Zukunft zu wissen (z.B. 5. Mose 18, 22). Wenn aber die biblischen Propheten selbst nichts über die Zukunft wussten und zugleich vor falschen Propheten gewarnt haben, die nichts über die Zukunft wissen, dann müssten wir ihnen einen äußerst fragwürdigen Charakter unterstellen.

Eine weitere Konsequenz aus der Ablehnung vorhersagender Prophetie ist, dass die biblischen Texte erst spät nach den prophezeiten Ereignissen entstanden sind oder zumindest nachträglich manipuliert wurden. In der Folge sind dann auch die Evangelien keine Augenzeugenberichte mehr, weil sie erst viele Jahrzehnte nach Jesu Tod aufgeschrieben wurden. Die Konsequenz daraus ist, dass die Evangelien nicht den historischen Jesus zeigen sondern nur die Vorstellungen der urchristlichen Gemeinde über Jesus beschreiben. Prof. Lindemann sagt dazu im Interview: Dass es sich bei den Evangelien um Lebensbeschreibungen Jesu handelt, wird „seit Jahrzehnten von keinem ernst zu nehmenden Exegeten mehr behauptet.“ Ganz offenkundig handelte es sich bei dieser Sichtweise also nicht etwa um eine Außenseiterposition sondern vielmehr um den Mainstream in der universitären Theologie. Aber wie können wir einem Jesus vertrauen, von dem wir nichts Verlässliches wissen, weil die einzigen Aufzeichnungen über ihn religiös ausgeschmückte, verfälschte Geschichten sind? Ich könnte das jedenfalls nicht. Und ich habe Verständnis, dass viele Zeitgenossen in Bezug auf die Bibel abschalten und aus der Kirche austreten, wenn sie solche Äußerungen von Theologen hören.

Angesichts derart dramatischer Konsequenzen für den christlichen Glauben und die Kirche stellt sich umso mehr die Frage:

Hat sich der methodische Naturalismus in der Bibelwissenschaft bewährt?

Anders gefragt: Hat es sich denn gelohnt, diesen hohen Preis in der Theologie zu bezahlen? Eine gute wissenschaftliche Theorie zeigt sich ja daran, dass sie sich mit der Zeit verfestigt, dass sie immer stabiler wird, dass sie Vorhersagen machen kann, die dann auch tatsächlich eintreffen und dass unterschiedliche Wissenschaftler bei der Erforschung des gleichen Gegenstands zu den gleichen Schlüssen kommen. Ist das so in der universitären Bibelwissenschaft? Können wir das beobachten in der vom methodischen Naturalismus geprägten Theologie? Haben wir heute mehr Klarheit darüber, worin die Botschaft der Bibel besteht und wie ihre Texte auszulegen sind? Haben wir mehr Klarheit, was eigentlich das Evangelium ist und was im Zentrum der christlichen Botschaft steht? Und haben wir heute ein genaueres Bild vom historischen Jesus und von dem, was Jesus wirklich gelehrt und verkündigt hat? Sah Jesus sich selbst als Messias oder nicht? Wollte er eine Kirche gründen oder nicht? War Maria wirklich Jungfrau? War sein Tod ein bewusstes, stellvertretendes Sühneopfer oder war Jesus einfach ein Opfer der römischen Justiz? Ist Jesus wirklich auferstanden? Oder haben die Jünger nur Visionen gesehen? War das Grab wirklich leer? All das sind ja keine Randthemen des christlichen Glaubens. Und doch ist die Vielfalt an Meinungen zu allen diesen Themen und Fragestellungen fast unübersehbar. Der Theologe Prof. Heinzpeter Hempelmann schrieb deshalb:

„Wenn die Anwendung eines methodischen Instrumentariums bei der Auslegung biblischer Texte zu völlig unterschiedlichen und sogar gegensätzlichen Ergebnissen führt, gibt dies …  Anlass zur Rückfrage nach der Stringenz des Methodenkanons. … Christlicher Glaube und christliche Kirche haben seit nunmehr fast 2000 Jahren sehr genau gewusst, wovon im Neuen und Alten Testament die Rede ist, und genau dies hat diese religions-geschichtlich einzigartige Bewegung zur Bewegung gemacht und bis heute in Bewegung gehalten. Wenn wir dies heute mit unseren Methoden nicht mehr einzuholen wissen, … wenn neutestamentliche Exegese nicht mehr sagen kann oder will, wer der Jesus des Neuen Testamentes historisch ist, dann ist das bezeichnend für heutige Wissenschaft vom Neuen Testament.“[4]

Wenn Prof. Hempelmann mit dieser Aussage recht hat, dann müssten wir eigentlich konsequenterweise sagen: Nein, das spricht nicht dafür, dass die moderne historisch-kritische Methode ein erfolgreicher wissenschaftlicher Ansatz ist. Das wäre ein guter Grund, diesen methodischen Ansatz in Frage zu stellen, weil er keine stabilen Ergebnisse zu den zentralen Fragen der Bibelauslegung liefern kann.

10 Argumente für die Glaubwürdigkeit, Verlässlichkeit und Offenbarungsqualität der Bibel

Eine weitere Konsequenz des methodischen Naturalismus in der Theologie ist, dass Argumente für die Glaubwürdigkeit, Verlässlichkeit und Offenbarungsqualität der Bibel gar nicht erst diskutiert werden. Wer schon vor Beginn seiner Forschung die Vorentscheidung getroffen hat, dass es keine Wunder und keine Offenbarung gibt, der braucht sich mit Argumenten für die Historizität der Wunder und der Offenbarungsqualität der Bibel erst gar nicht auseinandersetzen. Denn das wäre ja unwissenschaftlich. Wie Schade! Denn in Wahrheit gibt es phantastische Argumente dafür, dass die Bibel tatsächlich ein Wunder göttlicher Offenbarung ist. 10 dieser Argumente wollen wir nun genauer betrachten:

1.   Die einzigartige Überlieferungs­qualität

Die ältesten Abschriften bekannter antiker Texte wie z.B. die Annalen von Tacitus oder die Ilias von Homer sind mindestens 400 Jahre jünger als das Original. Oft ist die Zeitdifferenz zwischen der Abfassung der Texte und der ältesten erhaltenen Abschrift noch viel größer. In allen Fällen haben wir nur relativ wenige historische Abschriften.

Beim Neuen Testament sieht das vollkommen anders aus. Die ältesten Abschriften, die wir heute noch besitzen, sind nur etwa 60 Jahre nach den Originalen entstanden. Dazu kommt: Es gibt ganze Berge von antiken Zeugnissen! Wir verfügen heute über ca. 5700 griechische Handschriften. Dazu kommen Übersetzungen ins Lateinische und in andere Sprachen sowie zahllose Zitate in antiken Schriften.

Das heißt: Die Qualität der Überlieferung des Neuen Testaments spielt im Vergleich zu allen anderen antiken Schriften in einer ganz eigenen Liga! Kein anderes Dokument ist auch nur annähernd so verlässlich überliefert wie das Neue Testament.

An der Universität Münster werden alle diese Textzeugnisse genau ausgewertet mit dem Ziel, einen möglichst genauen Urtext zu rekonstruieren. Das Zwischenergebnis ist: 99,9 % des Textes hat sich als absolut zuverlässig erwiesen! Der Projektleiter Prof. Holger Strutwolf sagt: „Insgesamt ist die Überlieferung der Bibel sehr gut und sehr treu. In den theologischen Punkten gibt es unter den Abertausenden Handschriften kaum Abweichungen.“ [5] Anders ausgedrückt: Wir können uns darauf verlassen, dass das, was wir heute lesen, tatsächlich das ist, was die biblischen Autoren damals geschrieben haben!

2.   Die Texteigenschaften authentischer Augenzeugenberichte

Die sehr gute Qualität der Überlieferung muss allerdings noch nicht heißen, dass ihre Inhalte zuverlässig sind. Haben sich die biblischen Autoren vielleicht nur lückenhaft erinnert, vieles verdreht und verwechselt?

Dagegen sprechen einige Eigenschaften des Textes im Neuen Testament, die darauf hindeuten, dass hier tatsächlich Augenzeugen geschrieben haben. Besonders eindrücklich ist die korrekte Häufigkeit der Namen und die richtige Namensverteilung in den Evangelien. Die Verwendung von Namen war schon immer eine Frage des Geschmacks, der einem starken Wandel unterlag. Durch die Auswertung von Gräbern konnte inzwischen recht gut rekonstruiert werden, welche Namen zur Zeit des Neuen Testaments besonders in Mode waren: 15,6 % aller Männer trugen die 2 häufigsten männlichen Namen Simon und Joseph. 28 % aller Frauen hießen entweder Maria und Salome. Dieser Befund deckt sich sehr genau mit der Häufigkeit der Namen im Neuen Testament. Besonders erstaunlich ist: Der Vergleich der 9 häufigsten Männernamen der damaligen Zeit mit den 9 häufigsten Männernamen im Neuen Testament deckt sich das sogar ganz hervorragend.

Das ist deshalb so bedeutsam, weil man eine genaue Namensverteilung Jahrzehnte später nicht mehr rekonstruieren kann. Ganz offenkundig haben hier also Leute geschrieben, die genau wussten, wie die Leute, die in den Geschichten vorkamen, tatsächlich hießen.

Das gleiche gilt für die zahlreichen Ortsnamen, die wir in den Evangelien finden. Interessant ist dabei der Vergleich mit den apokryphen Evangelien: Dort kommen Ortsnamen nämlich kaum vor! Das zeigt: Ortsnamen verwendet man nur, wenn man sich wirklich auskennt. Leute, die einen Bericht sehr viel später verfassen, können sich an solche Details ganz offenkundig nicht mehr erinnern.

Darüber hinaus enthält das Neue Testament zahlreiche korrekte historische Angaben. Prof. Puolimatka zitiert dazu den Forscher Colin Hemer, der die Kapitel 13 – 28 der Apostelgeschichte auf historisch überprüfbare Angaben ausgewertet hat. Im Ergebnis konnte Hemer in den 16 Kapiteln 84 korrekte historische Angaben nachweisen.[6] Das zeigt: Hier schreibt jemand, der wirklich dabei gewesen ist und entweder selbst Augenzeuge war oder aber seine Berichte auf Basis von Augenzeugenberichten erstellt hat, so wie Lukas das ja auch selbst von seinen Berichten behauptet hat.[7]

3.   Der enorme Erfolg in der Zeit und der Region der Augenzeugen

Es ist relativ einfach, wilde Geschichten über Ereignisse in weit entfernten Regionen in längst vergangenen Zeiten zu verbreiten, weil sie von niemand überprüft werden können. Ganz anders ist das bei Berichten über Ereignisse, die in der eigenen Zeit und der eigenen Region stattgefunden haben. Trotz dieser Überprüfbarkeit haben sich die biblischen Berichte in der Zeit und der Region der Augenzeugen extrem schnell ausgebreitet. Der römische Geschichtsschreiber Tacitus berichtet, dass Kaiser Nero bereits im Jahr 64 nach Christus den Christen den Brand Roms in die Schuhe geschoben hat. Das heißt: Trotz fehlender Kommunikations- und Verkehrsmittel hatte sich die christliche Botschaft bereits 30 Jahre nach Jesu Tod bis ins weit entfernte Rom derart erfolgreich ausgebreitet, dass Nero sich genötigt fühlte, dieser neuen Religion einen kräftigen Dämpfer zu verpassen!

Der Althistoriker Dr. Jürgen Spieß berichtet, dass es unter Historikern völlig unbestritten ist, dass sich das Leben der Nachfolger Jesu in einem unglaublichen Ausmaß umgekrempelt hat. Bei sehr vielen Menschen gab es ganz offenkundig einen drastischen Bruch mit fest verankerten Traditionen. Besonders erstaunlich ist die Tatsache, dass so viele streng monotheistische Juden plötzlich begannen, den gekreuzigten Jesus als Gott anzubeten! Damals hatte Tradition eine sehr viel stärkere Bindungskraft als heute. Für einen derart drastischen Traditionsbruch fehlt bis heute jede natürliche Erklärung![8]

4.   Die extreme Opferbereitschaft der Zeugen

Der Geschichtsschreiber Tacitus berichtet eindrücklich von der grausamen Christenverfolgung in Rom: „Nero gab denen, die … das Volk Christen nannte, die Schuld und belegte sie mit den ausgesuchtesten Strafen. … In Felle wilder Tiere eingenäht wurden sie von Hunden zerfleischt oder mussten ans Kreuz geschlagen und angezündet nach Einbruch der Dunkelheit als nächtliche Beleuchtung brennen.“

Der Bericht von Tacitus ist nur einer von vielen Belegen, die zeigen: Die erste christliche Generation war einem brutalen Verfolgungsdruck ausgesetzt. Die meisten der Jünger Jesu starben den Märtyrertod. Der jüdische Geschichtsschreiber Josephus berichtet, dass auch Jakobus, der leibliche Bruder Jesu, der die Gemeinde in Jerusalem mit geleitet hat, den Märtyrertod für seinen Glauben an Jesus starb. Ist eine derartige Opferbereitschaft überhaupt denkbar, wenn Jesus nicht tatsächlich sichtbar auferstanden ist?

Die Jünger Jesu (und erst recht sein leiblicher Bruder Jakobus) wussten genau, ob die Botschaft von der Auferstehung stimmt oder ob es sich um eine Lüge handelt. Diese Menschen haben nicht nur ihr Leben umgekrempelt, sie haben nicht nur ihre Tradition über Bord geworfen, sie waren auch noch bereit, für diese Botschaft in den Tod zu gehen. Kann man all das wirklich durch eine Lüge oder durch einen psychologischen Effekt erklären?

5.   Das ungewöhnliche, unpopuläre Gottesbild

Zumal man eine Lüge normalerweise nur dann in die Welt setzt, wenn man sie für erfolgversprechend hält und man sich von ihr einen Vorteil verspricht. Aber was für ein Vorteil sollte das bei der Botschaft der ersten Christen gewesen sein? Ihre Botschaft war doch extrem seltsam: Ein göttlicher König, der weitgehend unbemerkt bei unbedeutenden Leuten in einem Stall geboren und dann am Kreuz ermordet wird. Im 5. Mose 21, 23 ist zu lesen: „Ein [am Holz] Aufgehängter ist verflucht bei Gott.“ Der Kreuzestod wurde in der damaligen Kultur so verachtet, dass es bis zum 4. Jahrhundert gedauert hat, bis das Kreuz zunehmend zum Symbol der Christen wurde. Es ist somit kein Wunder, dass Paulus schrieb: „Wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit.“ (1. Kor. 1, 23) Die Botschaft vom gekreuzigten Gott war also alles andere als attraktiv! Sie war im Gegenteil eine Provokation und ein Ärgernis. Und trotzdem war sie unfassbar erfolgreich, so dass reihenweise Menschen bereit waren, für diese Botschaft zu sterben. Wie kann man sich das erklären außer dadurch, dass die Ereignisse, die im neuen Testament geschildert werden, wirklich geschehen sind und dass Jesus wirklich von den Toten auferstanden ist?

6.   Die drastische Ehrlichkeit und
fehlende Idealisierung

Geschichtsschreiber wurden in der Antike oft von Herrschern beauftragt oder zumindest streng kontrolliert. Deshalb wurden viele Herrscher zu Helden oder gar zu Göttern verklärt. Deshalb wurden viele Herrscher zu Helden oder gar zu Göttern verklärt. Dazu wurde die eigene Nation oft heroisiert und so dargestellt, als wäre ihre Geschichte voll von ruhmreichen Heldentaten. Wir kennen das auch von heutigen Diktatoren. Nicht so in der Bibel! In ihr finden wir keine idealisierten Überflieger. In ihr finden wir nur Menschen mit Stärken und Schwächen.

Selbst die größten Helden der biblischen Geschichte blamieren sich reihenweise bis auf die Knochen: Noah hat sich betrunken. Abraham, der Vater des Glaubens, hat seine Frau mehrfach feige im Stich gelassen. Die Karriere Jakobs, des Namensgebers Israels, basierte auf einem Betrug. Mose war ein Mörder. Das Volk Israel war glaubensschwach und untreu. König David war ein Ehebrecher und Mörder. Der weise König Salomo betete Götzen an. Petrus hat Jesus verleugnet. Paulus hat sich mit Barnabas und Petrus zerstritten…

Besonders auffällig: Frauen waren die ersten Zeugen der Auferstehung! Das ist bemerkenswert, denn das Zeugnis von Frauen galt damals als wertlos.[9] Wer seine Mitmenschen von der Auferstehung überzeugen wollte brauchte also Männer als Zeugen. Und wer Andere von der Autorität und dem Vorbildcharakter eines Abraham, Jakob oder Petrus überzeugen will, braucht Helden statt Versager. Trotzdem ist die Bibel durchgängig ehrlich und realistisch. Sie hat diesen einzigartigen Klang der Wahrheit, der sie von allen Epen und Heldengeschichten unterscheidet.

7.   Die durchgängige Geschichte

Die Bibel besteht aus 66 Büchern. Sie wurde von mindestens 40 Autoren verfasst, die über einen Zeitraum von etwa 1600 Jahren in völlig verschiedenen Kulturen gelebt haben. Trotzdem enthält die Bibel eine durchgängige, sich immer weiter entfaltende Geschichte. Sie beginnt damit, wie die Beziehung zwischen Gott und Menschen zerbricht. Und sie endet damit, wie diese Beziehung wiederhergestellt wird und Gott wieder bei den Menschen wohnt. Durchgängig schildert die Bibel diesen heiligen und zugleich liebenden Gott, der alles dafür tut, um die Beziehung zu den Menschen wiederherzustellen. Schon auf den ersten Seiten beginnen die Hinweise auf einen geheimnisvollen Nachkommen Evas, der zwar von der Schlange gebissen, ihr aber den Kopf zertreten wird. (1. Mose 3, 15) Danach folgt die Bibel durchgängig immer dieser einen Abstammungslinie, die schlussendlich zu Jesus führt.

Insgesamt finden sich etwa 63.000 Querverweise in der Bibel. Grafisch dargestellt wird deutlich: Die Bibel ist ein Gesamtkunstwerk, in dem jeder Text mit vielen anderen Texten verknüpft ist. Die große Frage ist: Wer hat in diesem Buch die Regie geführt? Wer hat den roten Faden durch dieses Buch gelegt? Wer hat darauf geachtet, dass alle 40 Autoren an dieser einen Geschichte weiterschreiben?

8.   Die zahllosen erfüllten Vorhersagen

Die Bibel ist ein Buch, das ein gewaltiges Risiko eingeht. Etwa 30 % der biblischen Texte enthalten prophetische Vorhersagen für die Zukunft. Zugleich wird immer wieder gewarnt: Wenn Vorhersagen nicht eintreffen, dann müssen die Propheten verworfen werden. Es ist höchst gefährlich, solche Texte zu schreiben, wenn man die Zukunft nicht wirklich vorhersehen kann. Die Bibel ist dieses Risiko eingegangen. Und das Gewaltige ist: Tatsächlich haben sich zahllose Vorhersagen der Bibel buchstäblich erfüllt:

Der Prophet Jesaja sagte nicht nur voraus, dass der Tempel zerstört wird, sondern auch, dass er später wieder aufgebaut wird. Er nannte sogar den Namen des Herrschers Kyrus, der diesen Wiederaufbau voranbringen wird (Jes. 44, 28).

Der Prophet Daniel sagte die nach ihm kommenden 4 Weltreiche voraus. Über Jesus gibt es zahlreiche Vorhersagen: Die Geburt in Betlehem (Micha 5, 1), die Abstammung aus dem Stamm Juda (1. Mose 49, 10), der Einzug in Jerusalem auf einem Esel (Sacharja 9, 9) sowie viele Details und sogar der Zeitpunkt der Kreuzigung (Psalm 22, Jesaja 53, Daniel 9, 24-27[10]).

Dass es viele korrekte Vorhersagen in der Bibel gibt, ist weitgehend unbestritten. Deshalb wird seit langem diskutiert, ob entweder die Texte oder aber die spätere Geschichte nachträglich manipuliert wurden. So könnten z.B. die Evangelisten behauptet haben, dass Jesus in Bethlehem von einer Jungfrau geboren wurde, damit es gut zu den prophetischen Vorhersagen passt – obwohl Jesus eigentlich in Nazareth geboren worden war. Die Frage ist nur: Ist das glaubwürdig? Hat zum Beispiel Jakobus, der leibliche Bruder Jesu und Leiter der Gemeinde in Jerusalem, wirklich die Behauptung des Geburtsorts Bethlehem mitgetragen, obwohl er genau wusste, dass das gar nicht stimmt? Haben die jüdischen Schriftgelehrten, denen doch eine ausgeprägte Ehrfurcht vor ihren heiligen Texten nachgesagt wird, wirklich regelmäßig und in großem Umfang die Texte der Propheten manipuliert, um nachträglich den Anschein zu erwecken, dass es sich um korrekte Vorhersagen handelt?

Besonders schwierig zu erklären sind die Vorhersagen, die die Bibel für die Neuzeit gemacht hat. Schon in den Mosebüchern lesen wir erstaunliche Vorhersagen über das Volk Israel: Das Volk würde unter alle Nationen zerstreut und dort verfolgt werden (5. Mose 28, 64-65, 3. Mose 26, 38). In der Zeit des Alten Testaments ist Israel zwar verschleppt worden. Aber die Zerstreuung unter alle Nationen begann tatsächlich erst im 1. Jahrhundert nach Christus. Seither gab es kein Volk, dass durch alle Zeiten hindurch und in allen Kulturen so irrational gehasst und verfolgt worden ist wie die Juden, so dass fast jedes Kind den Fachbegriff kennt für diesen Hass: Antisemitismus. Für welches andere Volk kennen wir einen solchen Begriff?

Am unglaublichsten aber ist sicher die vielfache biblische Vorhersage, dass die Juden aus allen Ecken der Welt wieder in ihr Land zurückkehren werden (Hes. 11,17; 36,13; Jes. 43,5-6; Jer. 16,14-15). Viele Jahrhunderte lang schien die Erfüllung dieser Vorhersagen undenkbar. Aber seit dem Ende des 19. Jahrhunderts geschieht es vor unseren Augen: Die Juden kehren in ihr Land zurück aus allen Ländern der Welt. Wir müssen uns klar machen, was da geschehen ist: Ein Volk, das 2000 Jahre lang in alle Welt verstreut ist, behält trotzdem seine Kultur und seine Identität und kehrt dann wieder zurück in sein Land. Das ist ein absolut einmaliger Vorgang der Weltgeschichte. Die Bibel hat genau das schon vor mehr als 2.000 Jahren vielfach angekündigt.

Jesus hat zudem angekündigt, dass seine Worte nie vergehen (Lukas 21,33) und in aller Welt gepredigt werden (Matth. 24,14) – eine extrem gewagte Ankündigung für einen Wanderprediger in einem unbedeutenden Land, der seine Worte nicht einmal aufgeschrieben hat. Heute ist die Bibel tatsächlich das mit großem Abstand am weitesten verbreitete und am meisten übersetzte Buch der Welt. Wir stehen kurz davor, dass buchstäblich jedes Volk der Erde die Worte Jesu in seiner Sprache hören kann. Können das denn wirklich alles Zufälle sein?

9.   Das zutreffende Welt- und Menschenbild und die wegweisende Ethik

Die Bibel liefert insgesamt ein Weltbild, das den Test der modernen Wissenschaft hervorragend bestanden hat! Sie sagt voraus, dass wir bei der Erforschung der Welt immer mehr natürliche Erklärungen für die Naturphänomene finden werden, weil das Geschaffene nicht göttlich ist und somit nach festen Gesetzen funktioniert. Aber sie sagt auch voraus, dass wir bei den Ursprungsfragen immer mehr Anzeichen von Design und bewusster Planung finden werden, weil die Welt von Gott geschaffen wurde. Tatsächlich können wir heute staunen über die extreme Feinabstimmung des Universums oder über extrem ausgeklügelte molekulare Maschinen. Je mehr Entdeckungen wir machen, umso mehr bestätigen sich die biblischen Vorhersagen.[11]

Das gilt auch für das biblische Menschenbild. Die Bibel verleiht jedem Menschen zwar eine unveräußerliche Würde, zugleich schmiert sie uns Menschen aber auch keinen Honig um den Mund. Sie schildert sehr realistisch, dass der Mensch im Kern eben nicht gut, sondern unheilbar mit dem Bösen verstrickt ist (1. Mose 8,21; Röm. 3,12). Die Weltgeschichte hat diese Sichtweise durchgängig und eindrücklich bestätigt. Gesellschaftssysteme, die auf einen guten Kern im Menschen setzen (Sozialismus, Kommunismus) sind bislang immer krachend gescheitert. Erfolgreich waren hingegen Systeme, die auf dem menschlichen Egoismus aufbauen (Kapitalismus, soziale Marktwirtschaft) und in denen jeder Mensch, der Macht hat, effektiv kontrolliert wird (Demokratie).

Umso wertvoller sind die herausragenden biblischen Texte über Ethik und ein gelingendes menschliches Zusammenleben. Texte wie die 10 Gebote oder die Bergpredigt haben weltweit die Kulturen mehr geprägt als jedes andere Buch der Welt.

10.    Der Selbstanspruch, göttliche Offenbarung zu sein

Die Bibel ist voller Aussagen, dass in ihr nicht primär Menschen sprechen sondern Gott selbst. Jeremia schreibt zum Beispiel: „Der Herr sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.“ (Jer. 1,9) Ganz ähnlich äußert sich Paulus, wenn er sagt: „Das Evangelium, das von mir gepredigt ist, ist nicht von menschlicher Art … sondern eine Offenbarung Jesu Christi.“ (Gal. 1,11-12) Diese extrem steilen Selbstbehauptungen führen zu einer großen Frage:

Die Bibel: Was ist das eigentlich?

Ist die Bibel einfach eine Sammlung inspirierender Berichte über religiöse Erfahrungen und Ideen? Sind das kluge Lehren über Gott und Moral? Tatsache ist: Genau das wollen die biblischen Texte ausdrücklich nicht sein! In der Welt gibt es viele religiöse Erfahrungsberichte und interessante Abhandlungen über religiöse Themen. Aber dieses Buch hat den Anspruch, eine Offenbarung Gottes zu sein! Wenn jemand seine Lehre oder seine Erfahrungen mit diesem Anspruch verknüpft, dann müssten wir doch eher sagen: So ein Text muss ein Werk von Lügern oder die Phantasie von religiösen Schwärmern sein. Aber passt diese These zu den Eigenschaften der biblischen Texte? Denken wir an die wegweisende Ethik, das zutreffende Welt- und Menschenbild, die vielen erfüllten Vorhersagen, die extreme Opferbereitschaft der Zeugen, die extreme Ehrlichkeit der biblischen Texte… Nein, hier waren keine Lügner und auch keine Schwärmer am Werk. Die Inhalte und Eigenschaften der Texte sprechen vollkommen dagegen.

Aber was ist die Bibel dann? Es bleibt nur eine Möglichkeit: Die Bibel ist das, was sie selbst behauptet zu sein: Gottes offenbartes Wort. Tatsächlich bezeugen Menschen in der ganzen Welt: Dieses Buch verändert Leben. Es verändert ganze Kulturen.[12] Wir haben wirklich allen Grund, diesem Buch unser Vertrauen zu schenken, unser Leben und unsere Gesellschaft darauf aufzubauen.                                 n

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Dr. Markus Till, veröffentlicht im April 2020

Die Inhalte dieses Artikels wurden zunächst für einen Vortrag erarbeitet, der am 1.11.2019 auf einer Tagung des deutschen christlichen Technikerbunds (DCTB) gehalten wurde.

Weiterführend zu diesem Thema sind im AiGG-Blog (blog.aigg.de) folgende Artikel erschienen:

[1] Sehr empfehlenswert dazu ist der Worthausvortrag von Prof. Peter Wick „Das Mys­te­ri­öse – Von der rationalen Wunderkritik über den postmodernen Wunderglauben zurück zu Jesus“

[2] Tapio Puolimatka, „Glaube, Naturwissenschaft und Bibel“, Ruhland-Verlag, 2018, S. 28

[3] „Ist Jesus dem Glauben im Weg“, Der Spiegel, 13.12.1999

[4] In: „Was heißt christlicher Glaube? Reflexionen über einen ebenso notwendigen wie unmöglichen Begriff“, in: Theologische Beiträge 44 (2013) 4/5, S.

185–201, hier: S. 197.

[5] Nähere Informationen dazu im AiGG-Artikel „Meister der Überlieferung“(blog.aigg.de/?p=1924)

[6] In T. Puolimatka: „Glaube, Wissenschaft und die Bibel“, Ruhland-Verlag 2018, S. 486 ff.

[7] Lukas 1, 1-4; Man beachte dazu auch die Passagen der Apostelgeschichte, die in „Wir-Form“ verfasst sind, z.B. Apg. 16, 10 ff.

[8] Siehe dazu z.B. den Vortrag von Dr. Jürgen Spieß: „Ein Althistoriker über die Glaubwürdigkeit des NT“

[9] So schrieb z.B. der jüdische Geschichtsschreiber Josephus: „Das Zeugnis der Frau ist nicht rechtsgültig wegen der Leichtfertigkeit und Dreistigkeit des weiblichen Geschlechts.“

[10] Siehe dazu den AiGG-Artikel: „Hat Daniel das Datum der Kreuzigung vorhergesagt?“ (blog.aigg.de/?p=2204)

[11] Siehe dazu der Vortrag von Markus Till: „Außerwissenschaftliche Vorannahmen – Denkvoraussetzungen von Wissenschaftlern und Theologen“

[12] Die kulturverändernde Kraft der Bibel wurde eindrücklich dargelegt vom Inder Vishal Mangalwadi in seinem „Buch der Mitte“.

Einheit zwischen Enge und Beliebigkeit

Wie wächst Einheit? Und was zerstört sie? Das sind entscheidende Zukunftsfragen für die Kirche Jesu. Unser Herr hat nicht nur intensiv für Einheit gebetet. Er hat zudem klar gestellt: Nicht nur unser Zusammenhalt, auch unsere evangelistische Strahlkraft hängt daran (Johannes 17, 21-23). Aber obwohl der Ruf nach Toleranz für mehr Einheit in Vielfalt scheinbar in aller Munde ist – es vergeht doch kaum eine Woche ohne Klagen über Risse, Gräben und Konflikte unter Christen. Könnte es sein, dass wir zu einseitig auf dieses wichtige Thema schauen? Tatsächlich macht die Bibel deutlich: Wenn wir wirklich Einheit wollen, dann müssen wir immer 3 Dinge im Blick behalten:

1. Es ist Christus, der Einheit schafft!

Toleranz schafft keine Einheit. Weite schafft keine Einheit. Echte Einheit kommt immer von Christus:

„Stattdessen lasst uns in Liebe an der Wahrheit festhalten und in jeder Hinsicht Christus ähnlicher werden, der das Haupt seines Leibes – der Gemeinde – ist. Durch ihn wird der ganze Leib zu einer Einheit.“ (Eph.4,15+16a)

Das bedeutet: Echte Herzenseinheit ist etwas Übernatürliches. Sie ist ein Geschenk, das wir aus uns selbst heraus nicht machen, nicht produzieren und deshalb auch nicht einfach so einfordern können. Einheit wächst, wenn wir zu Christus aufschauen. Christus als Fundament und als Haupt seines Leibes fügt die vielfältigen Glieder der Gemeinde zu einer Einheit zusammen.

2. Gottes Geist schützt uns vor Enge

Aber wie macht Jesus das? Bevor Jesus ging, hat er das Kommen seines Geistes angekündigt (Johannes 16, 7). Es ist dieser Geist, der…

… die Liebesbeziehung zum himmlischen Vater lebendig und kraftvoll werden lässt (Galater 4, 6) und „uns tief im Herzen bestätigt, dass wir Gottes Kinder sind.“ (Römer 8, 16) Dieses Wissen kann uns eine feste, gesättigte Identität verleihen. Als geliebte Königskinder sind wir sehr viel weniger anfällig dafür, unsere Identität aus einem einflussreichen Posten oder aus dem Beifall von Menschen zu nähren. Das macht gelassen und einheitsfähig.

… christusgemäße Früchte in uns wachsen lässt, die für harmonische Beziehungen unerlässlich sind: Liebe. Frieden. Geduld. Freundlichkeit. Güte. Treue. Sanftmut. (Galater 5, 22-23)

… uns unsere Schuld und unsere Fehlerhaftigkeit offenbart (Johannes 16, 8) und uns somit spüren lässt: Wir leben alle aus Gottes Gnade und Barmherzigkeit. Das macht demütig. Das hilft uns, auch anderen gegenüber gnädig und barmherzig zu sein. Das hilft uns, zu vergeben, so wie auch uns vergeben wurde.

… uns hilft, die Bibel mit den Augen des Autors zu lesen, damit biblische Lehre nicht menschlich verengt wird und damit Speziallehren nicht zu Spaltpilzen werden.

… uns hilft, die Gebote Jesu zu leben, die wir aus eigener Kraft niemals leben könnten. Eine geist-lose Kirche hat immer nur die Wahl, entweder liberal oder gesetzlich zu werden. Beides spaltet die Kirche gleichermaßen.

Deshalb sind wir unbedingt angewiesen auf diese geistgewirkte Verbindung zu Christus. Sie schützt uns vor der Enge, die unsere Einheit zerstört.

3. Gottes Wort schützt uns vor Beliebigkeit

Paulus sagt aber auch: Wir sollen „in Liebe an der Wahrheit festhalten und in jeder Hinsicht Christus ähnlicher werden.“ Was ist denn die Wahrheit? Wer und wie ist denn dieser Christus, dem wir immer ähnlicher werden sollen? Wie hat er gelebt? Was hat er getan? Was hat er gelehrt? Was denkt er darüber, wie wir leben sollen?

Unsere zentrale und letztlich einzige Informationsquelle zu diesen wichtigen Fragen ist die Bibel. Wenn alle Christen sich diesem biblischen Christus nähern, dann finden Sie automatisch auch immer näher zueinander – trotz aller Vielfalt an Prägungen, Erfahrungen, unterschiedlichen Schwerpunkten und trotz aller Unterschiede in Auslegungsdetails. Wenn aber die biblischen Texte selbst in Frage gestellt sind, dann können sie kein gemeinsamer Maßstab und keine gemeinsame Mitte mehr sein. Wenn wir meinen, dass die Bibel nur alte Erfahrungen enthält, die heute so nicht mehr gelten und die zudem nur mit bibelwissenschaftlichen Mitteln entschlüsselt werden können, dann verlieren wir die Offenbarungsqualität und die Klarheit der Schrift. Dann verirren wir uns in unterschiedliche, ja gegensätzliche Christusbilder.

Auch theologische Experten werden daran nichts ändern können, denn sie sind sich ja selbst nicht einig, wer und wie dieser Christus ist. Wenn die Bibel keine allgemeinverständlichen zeit- und kulturübergreifenden Wahrheiten enthält, dann gibt es für diese Grundlage der Kirche Jesu keinen Ersatz. Dann wird unser Bild von Christus subjektiv und beliebig. Dann wird die gute Nachricht, die die Kirche an Christi statt weitergeben soll (2. Kor. 5, 20), unklar und vielstimmig. Dann gibt es zur Frage nach der Aufgabe und Ausrichtung von Gemeinde keine Einigkeit mehr. Dann haben wir nicht einmal mehr eine gemeinsame Diskussionsbasis für das gemeinsame Ringen um einen „jesusmäßigen“ Kurs der Kirche Jesu. Dann verliert die Kirche ihre gemeinsamen Bekenntnisse, ihre gemeinsame Botschaft und ihre gemeinsame Ausrichtung. Dann fangen wir in unseren Gemeinschaften an, in völlig verschiedene Richtungen zu ziehen. Dann lähmt und spaltet sich die Kirche selbst.

Deshalb sind wir unbedingt angewiesen auf dieses feste Vertrauen in die Verlässlichkeit und Gültigkeit der heiligen Schrift als das zuverlässige Wort Gottes, das unser gemeinsamer Maßstab für alle Fragen des Glaubens und des Lebens ist. Das schützt uns vor der Beliebigkeit, die unsere Einheit zerstört.

Unsere Einheit steht auf 2 Beinen: Gebet und Gottes Wort

Als die Gemeinde in Jerusalem wuchs und es dadurch immer mehr organisatorische Aufgaben zu bewältigen gab, trafen die Apostel eine kluge Entscheidung:

„Wählt unter euch sieben Männer mit gutem Ruf aus, die vom Heiligen Geist erfüllt sind und Weisheit besitzen. Ihnen wollen wir die Verantwortung für diese Aufgabe übertragen. Auf diese Weise haben wir Zeit für das Gebet und die Verkündigung von Gottes Wort.“ (Apostelgeschichte 6, 3-4)

Die Apostel wussten genau, was die beiden entscheidenden Faktoren sind, um diese schnell wachsende, extrem bunte und vielfältige Truppe zusammen zu halten: Zum einen die praktisch gelebte Beziehung zu Jesus Christus im Gebet und in der Anbetung. Und dazu die gesunde Lehre (Titus 1, 9) der Propheten und der Apostel, die wir heute in geschriebener Form in der Bibel finden. Genau das bildet auch für Paulus das entscheidende Fundament für die Kirche Jesu:

„Wir sind sein Haus, das auf dem Fundament der Apostel und Propheten erbaut ist mit Christus Jesus selbst als Eckstein.“ (Epheser 2, 20)

Natürlich ist Gebet und Gottes Wort ist nicht alles. Zum erfolgreichen Gemeindebau gehört noch sehr viel mehr. Aber ohne Gebet und Gottes Wort ist alles nichts. Der geistgewirkte Fokus auf Jesus Christus, der durch Gebet und Gottes Wort jeden Tag praktisch gefördert wird, ist und bleibt die entscheidende Grundlage für unsere Einheit und evangelistische Ausstrahlung.

Lassen Sie uns gemeinsam diese Einheit suchen. Oder besser formuliert: Lassen Sie uns gemeinsam Jesus Christus suchen im Gebet und in seinem Wort. Er schenkt uns die Einheit, nach der wir uns alle sehnen und die wir so dringend brauchen.


Weiterführend dazu: Umkämpfte Einheit – Ein Frontbericht

 

Der frustrierend gnädige Gott

Wie passen die Gerichtsandrohungen der Propheten zu dem Gott, der die Liebe in Person ist?

„Ninive wird in 40 Tagen zerstört werden!“ (Jona 3,4b) Harte Gerichtsandrohungen wie diese finden sich vielfach in den prophetischen Büchern der Bibel. Und nicht selten trifft dieses Gericht auch tatsächlich in voller Härte ein. Wie passt das zu dem Gott des Neuen Testaments? Wie kann ein Gott, der doch die Liebe in Person ist (1. Joh. 4,8), derart gewaltvolle Drohungen aussprechen und dann auch noch umsetzen? Diese Frage treibt viele Christen um. Eine Antwort darauf findet sich in einem kleinen, aber berühmten prophetischen Buch, das ziemlich aus dem Rahmen fällt.

Mitten unter den 12 sogenannten „kleinen Propheten“ findet sich das Buch Jona. Während in den anderen 11 Büchern im Wesentlichen die Botschaften der Propheten dokumentiert werden, wird hier eine abenteuerliche Geschichte erzählt. Die Story kenne ich seit meinen Kinderkirchtagen: Anstatt Ninive vor dem bevorstehenden Gericht zu warnen flieht Jona auf ein Schiff. Im Sturm wird er von den Seeleuten ins Meer geworfen – und von einem großen Fisch gerettet. Danach geht Jona doch noch nach Ninive. Seine Botschaft wird positiv aufgenommen, weswegen Gott seine Gerichtspläne fallen lässt – eine Wendung, die Jona überhaupt nicht schmeckt.

Das Buch Jona fasziniert mich. Auf mich wirkt es so, als hätte Gott dieses Buch ganz bewusst in der Mitte der prophetischen Bücher platziert, um unsere Perspektive auf die Botschaften der Propheten ins rechte Licht zu rücken. Gerade für uns Menschen des 21. Jahrhunderts scheint mir das auch bitter nötig zu sein. Denn mein modern geprägtes Hirn denkt beim Lesen vieler prophetischer Texte immer wieder: Wie kann Gott nur so hart sein? Ist der Gott des Alten Testaments denn – anders als Jesus – nur ein knallharter, strafender Richter?

Genau auf diese Frage gibt das Buch Jona eine überraschende Antwort. Es zeigt mir: Meine moderne Perspektive und mein daraus resultierendes Vorurteil gegenüber dem Gott des Alten Testaments ist kurzsichtig und voreingenommen. Deutlich wurde mir das zum ersten Mal, als ich intensiver über folgende Frage nachdachte:

Warum ist Jona eigentlich vor Gott geflohen?

Lange Zeit dachte ich, Jona hätte ganz einfach Angst gehabt, Gottes Gerichtsbotschaft in Ninive zu predigen. Umso überraschter war ich, als mir auffiel, dass ich mit meiner Annahme vollkommen falsch lag. Der tatsächliche Grund für Jonas Flucht findet sich in Jona 4,2-3, einer Schlüsselstelle des gesamten Buchs:

„Ach Herr, habe ich das nicht schon gesagt, bevor ich von zu Hause aufbrach? Deshalb bin ich ja fortgelaufen nach Tarsis! Ich wusste, dass du ein gnädiger und barmherziger Gott bist, dass du geduldig und voller Gnade bist, weil du das Unheil bedauerst. So mach nun meinem Leben ein Ende, Herr! Ich will lieber sterben, als zu leben.“

Das hat mich nun wirklich verblüfft. Jona schimpft hier also sinngemäß: Ich hab es doch gleich geahnt, dass Du immer so wahnsinnig gnädig und barmherzig bist! Und am Ende kneifst Du dann wieder… Die Gnade und Barmherzigkeit Gottes ist für Jona nicht etwa Grund zur Freude, ganz im Gegenteil: Jona fürchtete sie regelrecht. Sie war für ihn ein Anlass, Gottes Befehl zu verweigern, vor Gott davonzulaufen, ihn wütend anzuklagen und in existenzielle Depressionen zu verfallen. Wie kann das sein? War Jona etwa ein Sadist, der unbedingt Blut sehen wollte?

Der historische Hintergrund: Ein grausamer und blutrünstiger Feind

Bevor wir Jona für seine Haltung verurteilen sollten wir uns zuerst einmal ein wenig mit dem historischen Hintergrund des Buchs Jona beschäftigen. Die Stadt Ninive war eine wichtige Provinzhauptstadt des assyrischen Reichs, das damals eine aggressive Expansionspolitik betrieb. Auch Israel war von den Kriegszügen Assyriens betroffen. Vom späteren Propheten Nahum wird Ninive als „Stadt des Blutvergießens“ (Nah.3,1) bezeichnet, die ihren Reichtum aus Beuteraubzügen speist (Nah.2,13-14). Assyrien und Ninive waren in den Augen der Israeliten also höchst aggressive und existenziell bedrohliche Feinde. Wir machen uns heute kaum noch eine Vorstellung davon, was das damals konkret bedeutet hat. In diesen Kriegen ging es oft menschenverachtend grausam zu. Die Assyrer mussten in den Augen der Israeliten damals ähnlich furchteinflößend gewirkt haben, wie grausame IS-Horden in den Augen von Jesiden und Christen im Nahen Osten heutzutage. Die Aussicht auf ein zerstörerisches göttliches Gericht über diesem hochaggressiven Volk war aus der Sicht Jonas deshalb ein Hoffnungsschimmer, denn es würde Israel von der Angst vor Krieg und Terror erlösen.

Ist der Gott des Alten Testaments ein strengerer Richter als wir es an seiner Stelle wären?

Diese Perspektive wirft ein völlig anderes Licht auf die Gerichtsandrohungen Gottes in der Bibel. Könnte es sein, dass es an unserem fehlenden Hintergrundwissen liegt, wenn Gottes Strafandrohungen auf uns hart und unangemessen wirken? Unser menschliches Urteilen ist ja zu einem erheblichen Maß emotionsgesteuert. Ich beobachte das an mir selbst, wenn ich mir einen Actionfilm anschaue. In „Herr der Ringe 3 (Die Rückkehr des Königs)“ freue ich mich darüber, wenn endlich die feindlichen Armeen niedergemetzelt werden, obwohl Teile dieser Armeen zuvor als recht menschlich präsentiert wurden. Aber meine Emotionen als Zuschauer werden im Film primär auf das Mitgefühl mit den Bewohnern der Stadt Minas Tirith programmiert, die von diesen Armeen brutal und rücksichtslos angegriffen werden. Wenn uns die grausamen Auswirkungen des menschlichen Handelns plastisch vor Augen geführt werden, dann setzen auch wir modernen Menschen uns gerne und schnell auf den Richterstuhl. Und das Buch Jona macht klar: Jona würde auf diesem Richterstuhl sehr viel härter und drastischer agieren als der Gott des Alten Testaments! Denn Gott tat genau das, was Jona schon vor seiner Flucht befürchtet hatte: Er lässt sich von Mitleid leiten und schont die zahlreichen Menschen, „die nicht zwischen links und rechts unterscheiden können, ganz zu schweigen von den vielen Tieren.“ (Jona 4,11) Gott vergab den Menschen, die zwar zu einem „Tätervolk“ gehörten, aber vielfach nicht wussten, was sie taten. Das erinnert mich an Jesus, der sogar noch mitten Leiden betet: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ (Luk.23,34)

Jona hatte dafür keinerlei Verständnis. Im Gegenteil. Er war wütend und frustriert. Gott war ihm viel zu nachsichtig, viel zu gnädig, viel zu barmherzig. Jona hatte also genau das umgekehrte Problem mit Gott wie wir modernen Menschen. Das mag auch daran liegen, dass wir im Gegensatz zu Jona als Nachkriegsgeneration noch nie am eigenen Leib spüren mussten, was Krieg und Kriegsgefahr wirklich bedeutet. Kein Wunder, dass wir zu einem naiven Pazifismus neigen, der allzu leicht ausblendet und verdrängt, dass Gewalt manchmal nur mit Gewalt gestoppt werden kann und muss. Umso mehr sollten wir uns selbstkritisch der Frage stellen: Glauben wir wirklich, dass wir unter dem Einfluss von realer Kriegsgefahr immer noch so pazifistisch denken würden? Ist es nicht arrogant und anmaßend zu denken, dass wir gnädiger und barmherziger wären als Jona, wenn wir Angst um unser Leben und das Leben unserer Familien und Kinder haben müssten?

Nach dem Studium des Buchs Jona bin ich mir sicherer denn je: Es ist keine Floskel, wenn die Bibel Gott immer wieder als barmherzig, geduldig und gnädig beschreibt. Gott lässt sich zwar nicht von naivem Pazifismus leiten, aber eben auch nicht von der durchaus verständlichen Gerichtssehnsucht Jonas. Die Größe der Barmherzigkeit Gottes wird noch durch 2 weitere erstaunliche Tatsachen im Buch Jona unterstrichen:

  • Gott berücksichtigt in seinem Gerichtshandeln nicht nur die Schuld des Kollektivs sondern er sieht das Schicksal der einzelnen Menschen und sogar der Tiere (Jona 4,11, siehe oben). Das ist schon erstaunlich in einer Zeit, in der man vom modernen Individualismus und erst recht von Tierschutz noch nichts wusste.
  • „Gott, der Herr, tut nichts, ohne sein Geheimnis vorher seinen Dienern, den Propheten, anvertraut zu haben.“ (Amos 3,7) Gottes Gericht kommt nicht unangekündigt. Gott versucht, vorher zu warnen. Er gibt den Menschen Zeit, um umkehren zu können. Das gilt bis heute. Gott wartet nun schon 2000 Jahre mit seiner Wiederkehr „weil er Geduld mit uns hat. Denn er möchte nicht, dass auch nur ein Mensch verloren geht, sondern dass alle Buße tun und zu ihm umkehren.“ (2. Petr.3,9)

Einmal mehr kann ich nicht erkennen, dass es zwischen dem Gott des Alten und des Neuen Testaments einen grundlegenden Unterschied gäbe.

Wie soll man so einer Geschichte heute noch glauben?

Trotz dieser erhellenden Botschaft gilt das Buch Jona heute vielen Menschen als ein Paradebeispiel dafür, dass man der Bibel als moderner, aufgeklärter Mensch nicht mehr trauen kann. Ein Mensch, der 3 Tage im Bauch eines großen Fischs überlebt: Das klingt doch zu märchenhaft in unseren modernen Ohren.

Nun würde ja auch ich gerne glauben wollen, dass diese Geschichte nur ein großes Gleichnis ist – wenn denn die Bibel diese Sichtweise bestätigen würde. Aber sie lässt zumindest keinen Zweifel daran, dass Jona eine historische Figur war: In 2. Könige 14, 25 wird erwähnt, dass genau dieser Jona die Landgewinne Israels unter Jerobeam II. (781 bis 742 v. Chr.) vorausgesagt hatte. Auch Jesus bezog sich in seinen Predigten auf das Buch Jona: Er verglich die Zeit zwischen Kreuz und Auferstehung mit der Zeit des Jona im Bauch des Fischs. Und er verglich seine Predigten mit der Predigt Jonas in Ninive und tadelte die Israeliten, weil sie nicht so wie die Einwohner Ninives mit Buße und Umkehr darauf reagierten (Matth. 12, 38-41; Luk. 11, 29-30). Ganz offenkundig hielt Jesus diese Geschichte im Wesentlichen für historisch. Denn mit welchem Recht könnte Jesus die Israeliten durch den Hinweis auf Ninive kritisieren, wenn die Erzählung von der Umkehr Ninives nur ein frommes Märchen ist? Auch hier gilt: Die Historizität der Geschichte ist ein entscheidender Teil ihrer theologischen Botschaft! Man kann sie nicht einfach streichen, ohne die Botschaft zu beschädigen.

Aber können aufgeklärte Menschen noch daran glauben, dass ein Mensch 3 Tage lang im Bauch eines Fisches überlebt hat? Gegenfrage: Warum sollte das für einen Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat, ein Problem darstellen? Dass es sich dabei um ein natürlich nicht erklärbares Wunder handelt, war auch dem Autor des Buchs Jona schon bewusst. Schließlich ist ausdrücklich die Rede davon, dass Gott selbst diesen Fisch gesteuert hat (Jona 2,1+11). Jona betet aus dem Fisch: „Ich schrie aus dem Rachen des Todes.“ Auch ihm war also klar: Seine Situation ist ein Todesurteil, wenn Gott nicht wundersam eingreift. Jesus bestätigt diese Sichtweise, wenn er Jonas Aufenthalt im Bauch des Fisches mit seiner Zeit zwischen Kreuz und Auferstehung vergleicht. Wer glauben kann, dass Jesus 3 Tage nach seinem Kreuzestod wieder das Grab verlassen konnte, der sollte eigentlich auch kein Problem damit haben, dass Gott Jona nach 3 Tagen wieder aus einem Fisch herauskommen lassen kann. Ich sehe deshalb keinen Grund, warum diese Geschichte, selbst wenn sie in Teilen poetisch erzählt und gemeint sein mag, nicht zumindest einen großen historischen Kern enthalten sollte – so groß, dass wir die Wucht der Botschaft dieser Geschichte nicht zu schmälern brauchen, indem wir ihr die historische Tatsächlichkeit von vornherein absprechen. Auch heute noch dürfen wir in diesem Buch ein bewegendes Zeugnis sehen für diesen heiligen und richtenden, zugleich aber auch liebenden, barmherzigen, geduldigen und gnädigen Gott, der uns quer durch die ganze Bibel immer wieder in gleicher Weise vor Augen geführt wird.

Siehe auch:

Außerwissenschaftliche Vorannahmen: Denkvoraussetzungen von Wissenschaftlern und Theologen

Die Inhalte dieses Artikels sind auf YouTube als Vortrag verfügbar, der am 1.11.2019 bei einer Tagung des deutschen christlichen Techniker-Bunds (DCTB) gehalten wurde.

Der Artikel steht auch als PDF zum Download bereit.

„Was war der größte Fehler Ihres Lebens?“, fragte der Journalist. Der alte Kunstkritiker lachte. „Als ich einmal unser Kind im Kindergarten abholte, baten mich die Betreuerinnen, einen Blick auf die gesammelten Kunstwerke des Kindergartens zu werfen. Leider fiel mir nicht auf, dass zwischen den Kinderbildern ein abstraktes Werk eines bekannten Künstlers hing. Das brachte mir noch für lange Zeit ein spöttisches Grinsen ein – und lehrte mich viel darüber, wie leicht man durch Vorurteile etwas Wunderbares übersehen kann.“

Vorannahmen wirken wie eine Brille. Sie beeinflussen unsere Sichtweise. Sie tauchen die Wirklichkeit in ein bestimmtes Licht. Das kann erhellend sein. Das kann uns aber auch auf eine völlig falsche Fährte führen – so wie bei diesem Kunstkritiker. Fehleinschätzungen aufgrund falscher Vorerwartungen ereignen sich ständig in unserem Alltag. Sie kommen aber auch in der Wissenschaft vor, und zwar in sehr viel stärkerem Maße, als es oft vermittelt wird. Tendenziell wird heute oft der Eindruck erweckt: Anders als die Religion ist die Wissenschaft objektiv. Wir können uns darauf verlassen, dass sie uns ein verlässlich richtiges Bild von der Welt und von der Wirklichkeit zeichnet, das bewiesen werden kann und in jeder Hinsicht vernünftig ist. Aber inwieweit stimmt das? Gibt es nicht auch in der Wissenschaft das Phänomen, dass Sichtweisen und Darstellungen von außerwissen­schaftlichen Vorannahmen geprägt werden? Welche Folgen hat das für unser Weltbild? Und was müssen wir tun, um uns selbst und unseren Mitmenschen die Chance zu geben, sich auf einer realistischen Faktenbasis ein eigenes Bild von der Wirklichkeit zu machen? Wie können wir den Einfluss von außerwissen­schaftlichen Vorannahmen erkennen, kritisch bewerten und dadurch echte Fakten von ideologisch gefärbten Interpretationen unterscheiden? Tatsächlich ist das oft gar nicht so einfach.

Außerwissenschaftliche Vorannahmen verstecken sich oft hinter den darauf aufgebauten Denkgebäuden!

Außerwissenschaftliche Vorannahmen kommen selten auf dem Präsentierteller daher. Sie bleiben oft verborgen hinter einer Fassade von klugen, schlüssigen und völlig richtigen Argumentationsketten. Die Gedankengebäude, die auf außerwissenschaftlichen Denkvoraussetzungen aufgebaut werden, können äußerst beeindruckend sein und deshalb viele Menschen beeinflussen. Das Problem ist nur: Wenn die Denkvoraussetzung falsch ist, dann ist auch das ganze hochintelligente Gedankengebäude falsch.

Falsche außerwissenschaftliche Vorannahmen können gewaltige Konsequenzen haben!

Falsche außerwissenschaftliche Vorannahmen können ganze Nationen auf eine falsche Fährte führen – mit katastrophalen Folgen. Ganze Gesellschaften wurden zum Beispiel auf der Idee aufgebaut, dass der Mensch kein Problem mit bösen, ungerechten Gedanken und Grundhaltungen hat, sondern dass er tief im Herzen eigentlich ein guter Mensch ist, der nur Erlösung von bösen und ungerechten Umständen braucht, damit dieser gute Kern zum Vorschein kommt. Daraus entstand die Idee: Wenn wir allen alles wegnehmen und dann ganz gerecht alles an alle verteilen, sodass allen alles gleichermaßen gehört und es keine Ungerechtigkeit mehr gibt, dann werden alle Menschen zufrieden sein und sich gerne für die Allgemeinheit engagieren. Diese Idee hat aber nicht nur nicht funktioniert. Sie hat gewaltiges Leid mit Millionen von Toten über viele Gesellschaften gebracht und sie tut das bis heute. Erstaunlich ist, wie sehr diese Idee trotz der durchgängig negativen Erfahrungen in der Geschichte bis heute immer wieder in Mode kommt.

Im nationalsozialistischen Reich wurden andere Vorannahmen ins Spiel gebracht: Die Rassenideologie hat die Vorstellung vermittelt, dass es stärkere und schwächere menschliche Rassen gäbe und dass es für die Weiterentwicklung der Menschheit geradezu die Pflicht der besseren, höher entwickelten Rasse sei, sich durchzusetzen und die unterentwickelten Rassen zu verdrängen. Vor dem Hintergrund der aufkommenden Evolutionstheorie konnte der Eindruck vermittelt werden, dass dieser Gedankengang auch sachlich, ja geradezu wissenschaftlich begründet werden könnte. Wer heute nachforscht und sieht, wie stark solche Ideen sogar in intellektuellen und akademischen Kreisen verfingen, der kann nur staunen und erschrecken, mit welcher Kraft Vorrannahmen ganze Gesellschaften im Extremfall zu absurden und grauenvollen Schlussfolgerungen bringen können.

Es geht also um enorm viel, wenn wir über die Denkvoraussetzungen nachdenken, die unsere Gesellschaft prägen. Und es ist von enormer Bedeutung, dass wir uns diese Grundannahmen und ihren Einfluss auf unser Denken bewusst machen.

Vier weltanschauliche Grundannahmen

Im Folgenden werden vier verschiedene weltanschauliche Grundannahmen als außerwissenschaftliche Denkvoraussetzungen zum Verständnis der Welt vorgestellt, die heute weit verbreitet sind und weltweit prägende Kraft entwickelt haben. Diese vier weltanschaulichen Grundannahmen unterscheiden sich im Wesentlichen durch ihre unterschiedlichen Antworten auf drei verschiedene Grundfragen. Die erste Frage lautet:

Gibt es etwas Übernatürliches jenseits der physischen Welt?

Die Frage nach der Transzendenz ist für unser Weltbild ganz grundlegend und entscheidend. Wenn wir diese Frage mit „nein“ beantworten, dann mündet unser Denken im sogenann-

ten „Naturalismus“. Diese Weltanschauung behauptet: Es gibt keinen Gott und keine übernatürlichen Phänomene. Alle Vorgänge lassen sich auf naturgesetzlich festgelegte Ursache-Wirkungs-Beziehungen zurückführen.

Wenn wir die Frage nach dem Übernatürlichen aber mit „ja“ beantworten, kommen wir zu einer zweiten Grundfrage:

Greift das Übernatürliche direkt in die natürlichen Vorgänge dieser Welt ein?

Wenn wir diese Frage mit „nein“ beantworten, dann glauben wir zwar, dass es etwas Übernatürliches gibt. Aber unser Denken bewegt sich trotzdem im Rahmen eines „schwachen oder methodischen Naturalismus“, der in etwa besagt: Es gibt einen Gott bzw. eine übernatürliche Realität, die aber nur auf geheimnisvolle Weise ins Weltgeschehen eingreift, ohne dabei die Naturgesetze zu verletzen.

Wenn wir hingegen die Frage nach dem Eingreifen des Übernatürlichen mit „ja“ beantworten, stellt sich die dritte grundsätzliche Frage:

Ist das Übernatürliche von der physischen Welt getrennt?

Wenn wir diese Frage mit „nein“ beantworten, dann gelangen wir zu einer Weltanschauung, die man als „Pantheismus“ bezeichnen kann und die in etwa besagt: Es gibt einen Gott bzw. eine übernatürliche Realität, die aber von der natürlichen Welt nicht wesensmäßig getrennt, sondern untrennbar mit ihr verwoben ist.

Wenn wir die Frage nach der Trennung des Übernatürlichen von der physischen Welt hingegen mit „ja“ beantworten, kommen wir auf die Spur einer Weltanschauung, die wir in diesem Artikel als „biblischen Supernaturalismus“[1] bezeichnen werden. Diese Weltanschauung sagt: Es gibt einen Schöpfergott und eine übernatürliche Realität. Diese ist wesensmäßig vom Geschaffenen verschieden. Sie greift zwar bei der Weltentstehung, sonst aber nur punktuell in Naturvorgänge ein.

Die Frage ist nun: Was kann uns die heutige Wissenschaft zu diesen drei Grundfragen und den vier weltanschaulichen Grundannahmen sagen? Oft wird heute der Eindruck erweckt, dass die Naturwissenschaft diese Fragen geklärt habe. Deshalb ist es besonders wichtig, dass wir uns genauer mit den Möglichkeiten und Grenzen naturwissenschaftlicher Forschung befassen.

Möglichkeiten und Grenzen der Naturwissenschaft

Die grundsätzliche Frage ist: Sind die Werkzeuge der Wissenschaft denn überhaupt geeignet, um auf die oben genannten drei Grundfragen Antworten geben zu können? Dafür müssen wir uns genauer anschauen, mit welchen Methoden die Naturwissenschaft die Wirklichkeit erfasst. Sie benutzt dafür im Wesentlichen zwei Werkzeuge:

  1. Beobachtung: Im Lauf der Zeit hat die Wissenschaft immer ausgeklügeltere Instrumente und Methoden entwickelt, um auch fernste Welten des Kosmos und die winzig kleinen Elemente in unserem Mikrokosmos exakter beobachten zu können.
  2. Experiment: In der Wissenschaft werden überschaubar große Systeme mit möglichst kontrollierbaren Bedingungen und wenig Variablen geschaffen. Darin kann dann möglichst exakt getestet werden, wie sich die Wirklichkeit verhält.

Ein zentral wichtiges Element in der Wissenschaft ist die Wiederholbarkeit oder Reproduzierbarkeit. Ein Experiment ist erst dann aussagekräftig, wenn es überall auf der Welt nachgestellt werden kann und wenn alle Wissenschaftler unter den gleichen Bedingungen die gleichen Beobachtungen machen.

Gerade die Reproduzierbarkeit ist aber ein großes Problem bei der Frage nach dem Übernatürlichen. Selbst wenn in Einzelfällen etwas Übernatürliches stattfindet, könnte das niemals reproduzierbar in einem Experiment nachgestellt und wiederholt werden. Das Übernatürliche zeichnet sich gerade dadurch aus, dass es sich systematischen Regeln und Gesetzen entzieht. Die naturwissenschaftliche Methode ist deshalb prinzipiell ungeeignet, um übernatürliche Vorgänge systematisch erfassen zu können.

Das bedeutet aber nicht, dass es etwas Übernatürliches prinzipiell nicht geben kann. Das bedeutet nur, dass die naturwissenschaftliche Methodik nicht aussagekräftig ist zu dieser allerersten und wichtigsten Grundfrage! Das heißt aber auch: Wenn wir uns entscheiden, unser Denken und unsere Forschung auf einer dieser Weltanschauungen aufzubauen, dann ist das eine außerwissenschaftliche Vorannahme.

Insgesamt gilt somit: Bei den vier weltanschaulichen Grundannahmen handelt es sich um außerwissenschaftliche Denkvoraussetzungen, die naturwissenschaftlich weder bewiesen noch widerlegt werden können. Wer die Ablehnung des Übernatürlichen mit Naturwissenschaft begründet, der verhält sich wie ein Fischer, dessen Netze eine Netzweite von 5 cm haben und der auf Basis seines Fangs behauptet: Es existieren nur Fische, die größer als 5 cm sind! Wenn die Untersuchungsmethode nur einen Teil der Wirklichkeit erfasst, darf daraus niemals auf die gesamte Wirklichkeit geschlossen werden.

Warum die Wissenschaft trotzdem Position bezieht

Obwohl naturwissenschaftliche Methoden die Frage nach dem Übernatürlichen gar nicht beantworten können, hat die Wissenschaft trotzdem eine starke Meinung zu den oben dargestellten Grundfragen und Grundannahmen entwickelt. Denn auch wenn das Übernatürliche naturwissenschaftlich weder bewiesen noch ausgeschlossen werden kann, kann man natürlich trotzdem die Frage stellen: Welche der vier Grundannahmen bewährt sich in der Praxis? Auf welcher Basis kann man fruchtbar wissenschaftlich arbeiten und forschen?

Auf der Suche nach natürlichen Ursachen

Seit jeher hatten Menschen Naturphänomene vor Augen, die sie zunächst einmal nicht verstanden haben und bei denen sie daher auch nicht wussten: Gibt es dafür eine natürliche Erklärung? Steckt etwas Übernatürliches dahinter?

Um das herauszufinden, haben wir Menschen nur eine Möglichkeit: Wir müssen nach einer natürlichen Erklärung suchen! Sobald eine natürliche Erklärung gefunden wird, können wir definitiv sagen: Eine Erklärung mit natürlichen Mechanismen reicht bei diesem Naturphänomen aus! Wenn sich bestimmte Erklärungslücken aber dauerhaft nicht schließen oder wenn diese Lücken bei bestimmten Fragen im Lauf der Zeit sogar immer größer werden, dann müsste sich eigentlich die Frage stellen: Existiert vielleicht kein natürlicher Mechanismus? Steckt vielleicht etwas Übernatürliches, etwas Göttliches dahinter? Dann müssten wir uns für ein supernaturalistisches Denkmodell öffnen.

In der Praxis passiert das aber nicht! Und dafür gibt es auch nachvollziehbare Gründe. In der Geschichte des Denkens und Forschens wurden zwei wichtige Beobachtungen gemacht, die unser heutiges Denken stark geprägt haben:

1.   Nichtnaturalistische Modelle erweisen sich als „Wissenschaftskiller“

Lange Zeit hatten die Menschen keine Erklärung dafür, warum es Lichtpunkte (Sterne) am Himmel gibt und warum der Himmel sich verdunkeln kann und es plötzlich blitzt und donnert. Deswegen haben sie sich auf übernatürliche Erklärungen eingelassen. So wurde vermutet: Hinter den Sternen stecken Götter. Wenn es blitzt, dann sind es die Götter, die zornig sind und unter krachendem Getöse Blitze auf die Erde werfen. Solche Erklärungsmuster kann man in vielen alten Legenden und Mythen nachlesen.[2]

Das Problem an dieser Sichtweise ist: Es hält uns von der wissenschaftlichen Suche nach natürlichen Erklärungen ab! Wer glaubt, dass in einem Gewitter Götter am Werk sind, der forscht nicht mehr nach einer natürlichen Ursache. Das ist ein wichtiger Grund, warum sich die Wissenschaft und der technische Fortschritt in pantheistischen Kulturen und Denkweisen oft schwertut. Deshalb sagen die meisten Naturwissenschaftler heute zu Recht: Wir dürfen auf keinen Fall vorschnell von Phänomenen, die wir nicht erklären können, auf übernatürliche Ursachen schließen! Das würde die Wissenschaft blockieren. Es lohnt sich, hartnäckig nach natürlichen Ursachen zu suchen.

2.   Forschung auf Basis des „Ursache-Wirkungs-Prinzips“ hat gewaltige Erfolge erzielt!

Die Entscheidung, grundsätzlich immer eine natürliche Ursache zu vermuten, hat eine gewaltige Erfolgsgeschichte ausgelöst. Elektrisches Licht, Radio, viele Durchbrüche in der Medizin: All das hat zu Recht riesigen Eindruck auf die Menschen gemacht. Jeder hat gemerkt: Dieses Prinzip bewährt sich! Es lohnt sich, hinter den Naturphänomenen keine Geisterwelt zu vermuten, sondern von ganz rational erklärbaren Mechanismen auszugehen. Den Theologen Rudolf Bultmann hat das zu dem bekannten Ausspruch veranlasst: „Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben.“[3]

Die allgemeine Beobachtung war also: Die Lücken schließen sich! Wir entdecken immer mehr natürliche Erklärungen für die Naturphänomene. Deshalb brauchen wir immer weniger spekulieren, ob da vielleicht irgendein Gott am Werk ist. Diese Sachlage hat auch den Theologen Dietrich Bonhoeffer umgetrieben, als er schrieb: „Es ist mir wieder ganz deutlich geworden, dass man Gott nicht als Lückenbüßer unserer unvollkommenen Erkenntnis figurieren lassen darf; wenn nämlich dann – was sachlich zwangsläufig ist – sich die Grenzen der Erkenntnis immer weiter herausschieben, wird mit ihnen auch Gott immer weiter weggeschoben und befindet sich demgemäß auf einem fortgesetzten Rückzug.“[4]

Gott als Lückenbüßer, dem mit fortschreitender wissenschaftlicher Erkenntnis immer mehr der Boden unter den Füßen weggezogen wird: Dieses Szenario wurde zu einem Schreckgespenst in der Theologie. Und deshalb hat man auch unter Theologen immer öfter gesagt: Das ist der falsche Weg. Man darf nicht aus Erklärungslücken auf Gott schließen! Der richtige Weg ist: Wenn es Erklärungslücken gibt, dann ist das kein Hinweis auf Gott, sondern nur darauf, dass wir noch nicht genügend geforscht haben.

Erklärungslücken sind demnach also kein Anlass, von der Naturwissenschaft in die Theologie überzugehen, sondern sich wieder an die naturwissenschaftliche Arbeit zu machen, um noch gründlicher, noch intensiver zu forschen, bis eines Tages die natürliche Erklärung gefunden wird. Wenn nur genügend Zeit, genügend Ressourcen und genügend kluge Köpfe zur Verfügung stehen, dann werden die natürlichen Erklärungen irgendwann gefunden werden.

Die naturwissenschaftliche Selbstbeschränkung auf natürliche Ursachen

Aus diesen Gründen hat sich die Naturwissenschaft für eine Selbstbeschränkung entschieden: Sie geht grundsätzlich davon aus, dass bei den beobachteten Naturphänomenen ausschließlich natürliche Vorgänge ablaufen. Die Betrachtung der Welt ist somit kein Weg mehr, um in ihr in irgendeiner Weise Gott zu finden.

Daraus ergibt sich eine Situation, in der nur noch zwei der vier eingangs vorgestellten Denkmodelle als wissenschaftlich gelten dürfen: Der Naturalismus oder der schwache, methodische Naturalismus, der zwar damit rechnet, dass es einen Gott oder etwas Ähnliches gibt, der aber zugleich davon ausgeht, dass dieser Gott nicht direkt innerhalb von Raum und Zeit in das Weltgeschehen eingreift. Die supernaturalistischen Modelle sind somit in der wissenschaftlichen Welt heutzutage weitestgehend vom Tisch.

Wichtig ist aber zu verstehen: Die Durchsetzung des naturalistisch geprägten Wissenschaftsbegriffs resultiert nicht etwa daraus, dass der Supernaturalismus wissenschaftlich widerlegt wäre. Die Vorherrschaft naturalistischer Denkmodelle resultiert vielmehr auf dem Eindruck, dass naturalistisch geprägte Forschung erfolgreich ist sowie auf dem Wunsch, den weiteren Fortschritt in den Wissenschaften und in der technischen Entwicklung auf keinen Fall behindern zu wollen. Die Frage ist allerdings:

Inwieweit treffen die Argumente gegen den Supernaturalismus zu?

Entscheidend wichtig zur Beantwortung dieser Frage ist eine notwendige Differenzierung: Unzweifelhaft richtig ist, dass sich pantheistische Vorstellungen tatsächlich als ein „Wissenschaftskiller“ erwiesen haben. Wer hinter heute beobachtbaren Naturphänomenen übernatürliche Kräfte vermutet, verliert tatsächlich den naturwissenschaftlichen Antrieb. Die oben genannten Gründe, die zur Selbstbeschränkung auf naturalistische Sichtweisen geführt haben, greifen also tatsächlich, um pantheistische Vorstellungen und Denkmodelle zurückzuweisen.

Die Frage ist jedoch: Gelten diese Argumente auch für den biblischen Supernaturalismus?

Ist der biblische Supernaturalismus tatsächlich ein „Wissenschaftskiller“?

Erinnern wir uns: Der biblische Supernaturalismus trennt strikt zwischen Schöpfer und Schöpfung. Wir können uns das besonders eindrücklich anhand der Betrachtung der Sterne verdeutlichen: Der biblische Schöpfungsbericht kennt – anders als alle anderen damaligen Schöpfungsmythen – keine Götter und keine übernatürlichen Kräfte hinter den Sternen. Er sagt vielmehr: Die Sterne sind ganz einfach „Lichter“, die den Menschen zur Orientierung dienen sollen![5]

Auch sonst wird die Natur in der Bibel gänzlich entgöttlicht. Folgerichtig ist das ganze Alte Testament voll von Anweisungen, auf keinen Fall die Schöpfung anzubeten, sondern Gott allein, von dem wir uns kein geschöpfliches Bild machen sollen.[6] Die Brüder Hansjörg und Wolfgang Hemminger haben deshalb zu Recht notiert:

„Die Schöpfungsgeschichte bringt eine vollständige Entgöttlichung und Entzauberung der Welt, so vollständig, wie sie außerhalb des Judentums auch nicht annähernd erreicht wurde … Jeder Zeitgenosse, der an sein Horoskop glaubt, fällt in ein Denken zurück, das in 1. Mose 1 bereits überwunden ist.“ [7]

Ein Blick in die Wissenschaftsgeschichte zeigt: Es war genau diese Sichtweise einer von Gott wohlgeordneten, aber von ihm gänzlich getrennten Schöpfung, die die Pioniere der Naturwissenschaft angetrieben haben. So lesen wir z. B. bei Isaac Newton: „Die wunderbare Einrichtung und Harmonie des Weltalls kann nur nach dem Plan eines allwissenden und allmächtigen Wesens zustande gekommen sein.“[8] Dieser Wissenschaftspionier war ein tief gläubiger Christ. Er hat sich gerade nicht gegen das Schöpfungsdenken gewandt, ganz im Gegenteil: Das Schöpfungsdenken war die Basis seiner Forschungsarbeit! Newton war nicht der einzige, der so dachte. Ähnliche Überlegungen lassen sich bei vielen bekannten Wissenschaftspionieren finden, wie z. B. bei Nikolaus Kopernikus, Johannes Kepler, Galileo Galilei oder Blaise Pascal. Ein Blick auf einen Zeitstrahl zeigt: Diese gläubigen Naturwissenschaftler haben die Erfolgsgeschichte der Wissenschaft gestartet, schon lange bevor das Denken der Aufklärung aufkam.

Prof. Peter Gerdsen schreibt deshalb zu Recht: „Auch ist festzustellen, dass die Entwicklung der Naturwissenschaft die Dynamik und Schwungkraft, die sie auszeichnet, bereits erhielt, als die Philosophie der Aufklärung von ihrem Höhepunkt in Form der Philosophie Kants noch weit entfernt war.“ [9] Das weit verbreitete Narrativ, dass die Erfolgswelle der Naturwissenschaft eine Frucht der Aufklärung gewesen sei, stimmt also nicht. Das bestätigt auch der englische Literat C. S. Lewis, wenn er schreibt: Diese Leute wurden nicht Wissenschaftler, weil sie alles Übernatürliche ablehnten sondern „die Menschen wurden Wissenschaftler, weil sie Gesetze in der Natur erwarteten, und sie erwarteten Gesetze in der Natur, weil sie an einen Gesetzgeber glaubten.“[10] Und Carl Friedrich von Weizsäcker ergänzt: Die moderne Wissenschaft ist „ein Geschenk, ich hätte auch sagen dürfen, ein Kind des Christentums.“ [11]

Ist der biblische Supernaturalismus also ein „Wissenschaftskiller“? Nein, keinesfalls! Tatsache ist viel mehr:

  • Dass wir die Natur wohlgeordnet und mathematisch fassbar vorfinden, ist in einem naturalistischen Denkmodell gar nicht zu erwarten und darüber hinaus kaum erklärbar!
  • Der Glaube an einen Schöpfergott war in Wahrheit ein „Wissenschaftsgebärer“, weil er die Wissenschaftspioniere erwarten ließ, dass in der Natur Regelhaftigkeit und Ordnung vorgefunden wird, die der Mensch ergründen und erforschen kann!

Was wir in der Welt vorfinden, passt also viel besser zum biblischen Supernaturalismus als zu einem naturalistischen Weltbild. Der massive Erfolg der Naturwissenschaften lässt sich deshalb sehr gut auf die Denkgrundlagen des biblischen Supernaturalismus zurückführen.

Ist Wissenschaft auf Basis des biblischen Supernaturalismus weniger erfolgreich?

Dabei müssen wir bedenken: Auch der biblische Supernaturalismus erwartet Erfolg bei Anwendung des Ursache-Wirkungsprinzips in der Erforschung der Naturvorgänge. Denn er trennt zwischen Schöpfer und Schöpfung. Bei der Untersuchung des Geschaffenen geht er davon aus, dass in aller Regel alles mit natürlichen und nicht mit übernatürlichen Dingen vor sich geht.

Nur bei der Erforschung der Weltentstehung erwartet er etwas anderes. Hier erwartet er Anzeichen von absichtsvoller Planung und von Zielgerichtetheit statt absichts- und zielloser Ursache-Wirkungsketten als Ursache für die Entstehung. Die zentrale Frage lautet deshalb: War denn die Beschränkung auf absichtslose Ursache-Wirkungsketten bei der Erforschung der Weltentstehung tatsächlich erfolgreicher? Diese Fragestellung kann im Fachunterricht aus verschiedensten Blickwinkeln thematisiert werden. Entscheidend ist jedoch eine grundlegende Differenzierung:

Der grundlegende Unterschied zwischen der Erforschung des Geschaffenen und der Erforschung der Weltentstehung

Der grundsätzliche Unterschied zwischen der Erforschung des Geschaffenen und der Erforschung der Weltentstehung wird leider oft übersehen. Für die Beurteilung der Fruchtbarkeit des Denkmodells des biblischen Supernaturalismus ist diese Unterscheidung jedoch grundlegend wichtig: Bei der Erforschung des Geschaffenen fragt die Wissenschaft nach dem „Wie“. Wie funktioniert es, was ich da sehe? Bei der Frage nach der Weltentstehung geht es aber um die Frage: Woher kommt es? Wie ist das entstanden?

Ein Beispiel: Der Translationsprozess der Zelle

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Der grundlegende Unterschied zwischen der Frage nach dem „Wie“ und dem „Woher“ kann zum Beispiel sehr anschaulich anhand des Translationsprozesses in lebenden Zellen verdeutlicht werden. Bei der Erforschung dieses Prozesses hat die Naturwissenschaft in den letzten Jahrzehnten gewaltige Fortschritte bei der Frage nach dem „Wie“ erzielt. Translation bedeutet: Übersetzung! Im Translationsprozess wird die biologische Information, die auf der DNA gespeichert ist, in biologisches Material (genauer gesagt in ein „Protein“) „übersetzt“.

Für diesen Prozess wird zunächst von einem Abschnitt der DNA eine Kopie in Form einer RNA-Kette erzeugt. Auf der RNA ist also genau wie auf der DNA biologische Information codiert gespeichert. Aber wie kann diese biologische Information in ein Protein übersetzt werden?

In den letzten Jahrzehnten wurde deutlich: Die Maschinerie, die diesen Translationsprozess leistet, ist atemberaubend komplex. Entdeckt wurde eine ausgeklügelt arbeitende molekulare Maschine, das sogenannte „Ribosom“. Dieses hat die Fähigkeit, die RNA-Kette zu binden und sie in Verbindung mit den sogenannten „Transport-RNA-Molekülen“ zu bringen. Diese können auf der einen Seite an die RNA-Kette andocken. Auf der anderen Seite tragen sie eine von 20 möglichen sogenannten „Aminosäuren“, und zwar immer genau die Aminosäure, die durch den Code der RNA vorgegeben wird. Die Aminosäuren werden vom Ribosom zu einer wachsenden Kette zusammengefügt. Die Reihenfolge der Aminosäuren entscheidet wiederum darüber, wie sich die Kette nach ihrer Bildung faltet und welche Funktion somit das entstehende Protein übernehmen kann (ein Protein ist letztlich nichts anderes als eine gefaltete Kette aus Aminosäuren).

Dieser ausgetüftelte Translationsmechanismus ist ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie weit uns die Forschung nach dem „Wie“ gebracht hat. Aber wie hat sich die Situation entwickelt bei der Frage: Woher kommt dieser komplexe und ausgeklügelte Apparat? Wie ist das entstanden? Dazu stellen sich heute gewaltige Fragen:

  1. Wie entstanden die großen und sehr komplexen Makromoleküle der Zelle (DNA, RNA, Proteine, Fette, Zucker)?
  2. Woher kommt die Information der DNA? Dazu muss man wissen: DNA ist ein Informationsträger mit einem unregelmäßigen, nach grammatischen Gesetzen angeordneten zielgerichtet funktionierenden Code! Nach allem, was wir heute wissen, kann ein derartiger Code nur von einem intelligenten Geist programmiert werden.
  3. Wie entstanden solche komplexen zellulären molekularen Maschinen?
  4. Das allergrößte Rätsel ist das Henne-Ei-Problem: Gab es zuerst die Information oder zuerst den Übersetzungsapparat? Das Problem ist: Das eine macht ohne das andere keinen Sinn. Man kann mit dem Übersetzungsapparat nichts anfangen, solange die Information nicht da ist. Und man kann mit der Information nichts anfangen, solange es den Übersetzungsapparat nicht gibt. Beides für sich genommen ist komplex und kann nach allem, was wir wissen, nicht durch blinde und absichtslose Prozesse von selbst entstehen. Erst recht kann nicht beides parallel entstehen. Oder doch?

Bei dieser Frage wird häufig auf das Miller/Urey-Experiment verwiesen, das im Jahr 1952 mit dem Nobelpreis belohnt wurde. Bis heute findet man dieses Experiment in vielen Schulbüchern, wenn es um die Frage nach der Entstehung des Lebens geht. Die Anordnung in diesem Experiment soll eine Atmosphäre simulieren, wie sie auf einer angenommenen Urerde einst existiert haben könnte. Man nahm an, dass es Orte mit heißen Quellen gab, wo Wasser verdampfte sowie Orte, an denen Gase wieder kondensieren und sich als Flüssigkeit sammeln konnten. Zudem ging man vom Einwirken von Blitzen aus. In diesem Versuchsaufbau entstand mit der Zeit ein schwarzes, öliges Gemisch. Als Sensation wurde damals die Tatsache gehandelt, dass dieses Gemisch auch einige Aminosäuren enthielt, also die Grundsubstanzen von Proteinen. Die Schlussfolgerung war: Auf einer angenommenen Urerde könnten von selbst ohne Einwirkung von äußerer Intelligenz Aminosäuren entstanden sein. Das weckte die Hoffnung, dass dies nur ein erster Schritt sein würde hin zur Klärung der Frage, wie Leben ohne übernatürliche Einwirkungen von außen durch rein natürliche Mechanismen entstanden sein könnte.

Dazu muss man sich aber klar machen: Der Unterschied zwischen einer Aminosäure und einer lebens- und fortpflanzungsfähigen Zelle ist noch wesentlich größer als der Unterschied zwischen einem Backstein und dem Petersdom. Bis zur Erklärung der Entstehung des Lebens war also immer noch ein gigantischer Weg zurückzulegen. Die Frage ist: Wie ist es nach 1952 weiter gegangen?

Zu dieser Frage äußerte sich im Jahr 2019 Prof. James M. Tour, einer der weltweit führenden Forscher im Bereich der Biomolekülsynthese, wie folgt: „Was geschah in den zwei Dritteln eines Jahrhunderts seit Miller / Urey in anderen Wissenschaftsfeldern? Wir sind ins Weltall geflogen. Wir haben Satellitenkommunikation, Internet und Mikrochips. In den gleichen 66 Jahren sind wir immer noch genau da, wo Miller und Urey waren.“ [12]

Prof. Tour sagt also: Bei der Frage nach dem „Wie“ sind wir seit 1952 in vielen Feldern extrem weitergekommen! Aber bei der Frage nach dem „Woher“ des Lebens herrscht absoluter Stillstand. Bis heute haben wir noch nicht einmal verstanden, wie das Leben wirklich funktioniert, geschweige denn, dass wir in der Lage wären, Leben in unseren Labors künstlich nachzubauen. Im Gegenteil deuten alle Experimente darauf hin: Komplexe, biologisch wirksame Makromoleküle und lange Molekülketten entstehen nicht von selbst. Viel eher zerfallen sie, als dass sie sich bilden. Und vollkommen unvorstellbar ist die selbständige Bildung von komplexen molekularen Maschinen, wie wir sie reihenweise in unseren Zellen beobachten und ohne die auch das einfachste denkbare Leben nicht möglich wäre.

Das Feld der Lebensentstehung nicht der einzige Bereich mit diesem Trend. Überall in der Ursprungsforschung ist zu beobachten: Beim „Wie“ nimmt das Wissen, beim „Woher“ nehmen die Fragen zu:

Im Feld der Genetik hat der US-amerikanische Biochemiker Michael Behe 2019 ein Buch veröffentlicht[13], in dem er darlegt, wie rasant sich die Erkenntnisse in der Molekularbiologie gerade in den letzten beiden Jahrzehnten weiterentwickelt haben. Aber in Bezug auf die Frage nach der Evolution zeigt sich aus seiner Sicht immer klarer, dass die klassischen darwinschen Evolutionsmechanismen, also Mutation und Selektion, bei der Frage nach der Entstehung komplexer biologischer Systeme nicht weiterhelfen. Ja, mehr noch: Er zeigt, dass die darwinschen Mechanismen die Entstehung neuer biologischer Systeme sogar aktiv behindern! Mit anderen Worten: Wir erleben einen rasanten Fortschritt bei der Entschlüsselung der biologischen Systeme. Aber wir erleben einen Rückschritt bei der Frage, wie diese Systeme mit natürlichen Mechanismen entstehen konnten.

Das gleiche Bild scheint sich zunehmend in der Paläontologie herauszuschälen. Seit langem steht das Problem im Raum, dass die im Rahmen einer Evolutionstheorie erwarteten Übergangsformen weitgehend fehlen. Die Hoffnung war, dass bei zukünftigen Fossilfunden die Übergangsformen noch gefunden werden. Die Frage ist: Hat sich diese Hoffnung bestätigt? Der Paläontologe Dr. Günter Bechly hat dazu jüngst berichtet[14], dass wir inzwischen eine Situation haben, in der wir wissen können, dass der Fossilbericht ein gutes, aussagekräftiges Bild der Vergangenheit liefert. Und wie sieht dieses Bild aus? Wir finden immer wieder explosionsartig eine Fülle neuer biologischer Baupläne, die plötzlich auftauchen und dann über lange Zeit vergleichsweise unverändert bleiben. Aber wir finden keine belastbaren Hinweise auf eine schrittweise Höherentwicklung über die Grenzen von Familien hinaus. Sein Fazit ist: Der Fossilbericht widerspricht fundamental den Erwartungen und Vorhersagen, die die naturalistische Evolutionstheorie aufgestellt hat.

Ganz ähnlich sieht es auch im Feld der Mathematik, Chemie und Physik aus. Hierzu hat Dr. Markus Widenmayer zusammen mit Kollegen 2019 das Buch „Das geplante Universum“ veröffentlicht[15]. Darin wird aufgezeigt: Die mathematisch elegant beschreibbaren physikalischen und chemischen Eigenschaften des Universums sind exakt so eingestellt, dass Leben möglich ist. Wir können mit gutem Grund von einer Feinabstimmung des Universums sprechen. Und die große Frage ist: Woher kommt diese Feinabstimmung? Wer hat die Naturkonstanten so fein aufeinander abgestimmt? Die Erklärungsnot ist so groß, dass inzwischen mit fantastischen Annahmen operiert wird. Eine Idee ist zum Beispiel, dass es in Wahrheit nicht nur ein Universum gibt, sondern ein Multiversum, also unzählige Universen mit unterschiedlichen Eigenschaften. Ausgerechnet bei unserem Universum sei der extrem unwahrscheinliche Zufall eingetreten, dass alles haargenau so passt, dass Leben existieren kann. Aber selbst bei diesem fantastischen Modell ergeben sich grundsätzliche Fragen: Woher käme dieser Universumsgenerator, der permanent neue Universen produziert und dabei die Bedingungen ständig variiert? Und man darf durchaus die Frage stellen: Sind solche fantastischen und nicht widerlegbaren Gedankengebäude denn tatsächlich wissenschaftlicher als die schlichte Annahme eines Schöpfers?

Eines der größten Rätsel ist und bleibt der menschliche Geist. Wie konnte unpersönliche, dumme, planlose Materie einen menschlichen Geist hervorbringen, der denkt, plant, fühlt, der seiner selbst bewusst ist und über sich und über Gott nachdenkt? Auch bei dieser grundlegenden Frage ist die Forschung nicht weitergekommen. Vor wenigen Jahren brachte der bekannte atheistische Philosoph Thomas Nagel das Buch „Geist und Kosmos“ heraus[16]. Darin macht er deutlich: Der Naturalismus ist unfähig, Bewusstsein, Vernunft und Wertvorstellungen auf physikalische oder chemische Prozesse zu reduzieren. Er geht deshalb davon aus, dass „die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist“ (so der Untertitel seines Buches).

Aus diesem kleinen Überblick über die verschiedenen Forschungsfelder ergibt sich ein deutliches Gesamtbild:

Überall gibt es rasante Fortschritte bei der Frage „Wie funktioniert es?“. Aber bei der Frage „Woher kommt es?“ gibt es grundlegende, wachsende ungelöste Probleme im naturalistischen Modell:

  1. Wie kam es zur Feinabstimmung des Universums und seiner Elemente?
  2. Wie entstanden das Leben und die komplexen molekularen Maschinen?
  3. Woher kommt die auf der DNA gespeicherte Information?
  4. Wie entstand die Vielfalt der komplexen biologischen Baupläne?
  5. Woher kommt der Geist und das Selbst-Bewusstsein?

Diese und noch mehr derartige Fragen zeigen: Es geht bei der Frage nach dem „Woher“ längst nicht mehr nur um „Lücken“, die noch offen sind. Nein, es geht um die grundlegenden Fragen zur Entstehung der heutigen Realität, und zwar in allen Bereichen. Der rasante Erkenntnisgewinn hat keine natürlichen Entstehungsmechanismen zutage gefördert, sondern im Gegenteil immer mehr Hinweise auf absichtsvolles Design, dessen Entstehung nicht natürlich erklärbar ist.

Was sagt dieser Trend aus über die vier weltanschaulichen Grundannahmen?

Im starken sowie im schwachen Naturalismus wird erwartet, dass immer mehr natürliche Erklärungen gefunden werden – sowohl bei der Frage nach dem „Wie“ als auch bei der Frage nach dem „Woher“. Denn auch der schwache Naturalismus räumt vielleicht die Option eines übernatürlichen Anfangs ein (z.B. vor dem Urknall), der aber definitiv lange vor der Entstehung des Lebens auf der Erde anzusetzen ist. Aber nach diesem Anfang rechnet er nicht mehr mit übernatürlichen Eingriffen von außen.

Im Pantheismus wird erwartet, dass die natürlichen Erklärungen weder beim „Wie“ noch bei der Frage nach dem „Woher“ auf dem Vormarsch sind, weil ja überall mit göttlichen Kräften gerechnet wird, die die Reproduzierbarkeit durcheinanderbringen.

Aber beim biblischen Supernaturalismus wird genau das erwartet, was wir heute immer deutlicher vorfinden: Bei der Erforschung des Geschaffenen tauchen immer mehr natürliche Erklärungen auf. Das wird im biblischen Supernaturalismus erwartet, weil es sich um Geschaffenes handelt, das nach natürlichen Gesetzen funktioniert. Aber bei der Frage nach dem „Woher“ wird in diesem Denkmodell nicht die Entdeckung von immer mehr natürlichen Entstehungsmechanismen erwartet, sondern eine Zunahme von Hinweisen auf einen Designer. Denn gemäß der Aussage der Bibel ist die Welt das Produkt eines weisen, intelligenten Designers, eines Schöpfers.[17] Genau das zeigen auch die wissenschaftlichen Trends:

Wer von den vorgefundenen Fakten auf einen Schöpfer schließt, tut das also nicht aufgrund von Dingen, die wir nicht wissen (also auf der Basis von Lücken), sondern aufgrund von Dingen, die wir wissen: Zielorientiert angeordnete und zu komplexen Systemen absichtsvoll zusammengefügte Teile sowie verschlüsselte codierte Informationen sind immer ein Resultat der Tätigkeit eines absichtsvoll handelnden Geistes. Das wissen wir nicht nur intuitiv aus unserem Alltag, das bestätigt sich auch ständig empirisch in der wissenschaftlichen Forschung und wird zudem durch den zweiten thermodynamischen Hauptsatz gestützt.[18]

Noch nie wussten wir so viel über die unglaubliche Komplexität und Feinabstimmung der Natur wie heute. Es wirkt deshalb inzwischen wie ein eigenartiges Paradoxon, dass wir trotz dieses Wissenszuwachses heute annehmen, dass eine Gießkanne grundsätzlich das Werk von Designern und Ingenieuren ist, ein Schmetterling aber das Ergebnis von plan- und ziellosen Ursache-Wirkungsketten.

Vor dem Hintergrund der heutigen naturwissenschaftlichen Entwicklungen müssten wir eigentlich mehr denn je konstatieren, dass Paulus absolut recht hatte mit seiner Aussage: „Seit Erschaffung der Welt haben die Menschen die Erde und den Himmel und alles gesehen, was Gott erschaffen hat, und können daran ihn, den unsichtbaren Gott, in seiner ewigen Macht und seinem göttlichen Wesen klar erkennen.“ (Römer 1,20a). Daher dürfen sich auch moderne, aufgeklärte Menschen selbstbewusst zum biblischen Supernaturalismus bekennen, denn dieser ist weder wissenschafts- noch technikfeindlich, sondern er wird im Gegenteil von aktuellen naturwissenschaftlichen Trends klar gestützt.

Der biblische Supernaturalismus: Nach wie vor „verboten“ in der akademischen Welt

Trotz dieser Situation ist es bis heute so, dass der biblische Supernaturalismus bleibt in weiten Teilen der akademischen Welt „verboten“, weil er dem vorherrschenden rationalistisch geprägten Wissenschaftsbegriff widerspricht. Praktisch erleben musste das zum Beispiel der bereits erwähnte Paläontologe Dr. Günter Bechly. Bechly war noch bis vor wenigen Jahren beim Naturkundemuseum in Stuttgart beschäftigt. Im Jahr 2009 war er Kurator der weltweit beachteten Evolutionsausstellung in Stuttgart anlässlich des 150. „Geburtstags“ von Darwins Buch „Über den Ursprung der Arten“. Er war damals noch Atheist und nahm sich vor, den Glauben an die Entstehung der Natur durch einen intelligenten Designer in der Ausstellung möglichst lächerlich zu machen. Er bestellte deshalb einige Bücher, die die These eines intelligenten Designers vertreten, und legte sie auf die eine Seite einer Waage. Auf die andere Seite der Waage legte er Darwins Buch „Über den Ursprung der Arten“. Natürlich neigte sich in seiner Installation die Waage auf der Seite von Darwins Buch. Damit wollte Bechly zeigen: Alle diese Bücher über den intelligenten Designer sind Leichtgewichte. Als belastbares Schwergewicht hat sich allein Darwins Buch erwiesen, das uns bis heute den richtigen Weg weist.

Aber Bechly machte einen „Fehler“: Er nahm die Bücher über das intelligente Design in die Hand und begann, darin zu lesen. Die Inhalte überraschten ihn völlig. Denn er fand darin nicht den erwarteten religiös-funda­menta­listischen „Dünnpfiff“, sondern vielmehr starke Argumente, auf die er keine Antwort wusste und auf die er auch von Kollegen keine Antwort bekam. Aber Bechly blieb hartnäckig. Er begann, seine Fragen auf einer eigenen Homepage zu veröffentlichen. Das blieb nicht ohne Konsequenzen. Man strich ihm zuerst die Forschungsmittel. Schließlich hat sich das Museum von ihm getrennt.[19] Es ist also bis heute so: In Bezug auf den Supernaturalismus gibt es ein Denkverbot in unserer akademischen wissenschaftlichen Welt. Wer dieses Denkverbot übertritt, wird nicht selten ausgeschlossen. Entsprechend äußert auch z. B. der Theologe Patrick Becker[20]: „Weil das duale Denken[21] inzwischen nicht mehr viele Freundinnen und Freunde findet, darum hat auch diese Intelligent-Design-Richtung zumindest in Europa eher einen Außenseitercharakter.“ Drastischer noch formuliert der Theologe Prof. Siegfried Zimmer: „Man kann intelligent-design-mäßig Gottes Schaffen nicht analysieren. … Aus der Analyse der Welt kann man erkennen: Das hat ein Schöpfer gemacht. … So einfach ist es nicht. … Die lieben Christlein legen es sich so hübsch naiv zurecht.“ [22]

Wer also aus der Komplexität der Welt auf einen intelligenten Designer schließt, muss sich hier als „naives Christlein“ bezeichnen lassen. Diese Grundskepsis und sogar Verachtung gegenüber der Annahme einer übernatürlich wirkenden Kraft innerhalb von Raum und Zeit gilt erstaunlicherweise sogar in der Theologie. So schreibt Prof. Tapio Puolimatka: „Wenn Theologen zum Ausgangspunkt ihrer Forschung nehmen würden, dass Gott gesprochen habe und dass man Gottes Sprechen erkennen und verstehen könne, dann würden sie in einen Konflikt mit der breiten wissenschaftlichen Öffentlichkeit geraten.“ [23]

Naturalismus und biblischer Supernaturalismus: Gemeinsamkeiten und ein wichtiger Unterschied

Ein Vergleich zwischen dem Naturalismus und dem biblischen Supernaturalismus zeigt somit wichtige Übereinstimmungen: Beide Denkmodelle gehen davon aus, dass Naturphänomene in aller Regel eine natürliche Ursache haben. Deshalb sind für beide Denkmodelle die Instrumente der Beobachtung und der experimentellen Wiederholbarkeit sinnvolle wissenschaftliche Methoden zur Erforschung der Welt. Das heißt auch: Bei der Frage nach dem „Wie“ betreiben bibelgläubige Christen und Naturalisten die gleiche Art von erfolgreicher Wissenschaft.

Worin sich diese Denkmodelle aber nicht einig sind, ist die Frage: Können göttliche Eingriffe in Raum und Zeit möglicherweise die beste Erklärung bei Fragen nach dem „Woher“ sein? Und sind punktuelle, singuläre göttliche Eingriffe ins Weltgeschehen denkbar, z. B. bei der Auferstehung Jesu, bei biblischer Prophetie oder bei sonstigen Wundern?

Die Frage, welches Denkmodell der Wahrheit entspricht, kann die Wissenschaft nicht abschließend beantworten. Hier muss es deshalb Denkfreiheit geben für konkurrierende Modelle. Hier braucht es offenen Wettbewerb und respektvollen Dialog. In diesem Wettbewerb brauchen sich Christen, die der Bibel vertrauen, in keiner Weise zu schämen. Denn die biblischen Grundannahmen sowie das biblische Welt- und Menschenbild haben sich nach allem, was wir heute wissen, in beeindruckender Weise bestätigt.

Warum dieses Thema so wichtig ist: Die Wahrheit wird euch frei machen

Auf einem zentralen Gebäude der Universität Freiburg haben die Erbauer auf der Fassade einen Bibelvers eingeprägt, der eine Aussage Jesu wiedergibt: „Die Wahrheit wird euch frei machen.“

Diese Inschrift zeigt drei Dinge:

  1. Die Suche nach der Wahrheit war schon immer ein Antrieb der Wissenschaft. Heute gibt es aber die Gefahr, das Konzept der Wahrheit zu verlieren. In der Postmoderne wurde vielfach ein alternatives Denkmodell kultiviert: Es gäbe überhaupt keine objektive Wahrheit sondern nur subjektive Wahrheiten. Das Problem daran ist: Wenn die Wahrheit stirbt, stirbt auch die Wissenschaft.
  2. Ganz offensichtlich haben die damaligen Leiter der Universität noch gewusst: Die Wissenschaft kann zwar die Schöpfung erforschen. Sie kann die Gedanken Gottes in der Schöpfung nach-denken. Aber für die letzten Fragen sind wir Menschen auf andere Wahrheitsquellen angewiesen. Auf die letzten Fragen finden wir nur Antworten, wenn dieser Jesus, der gesagt hat „Ich bin die Wahrheit“, sie uns offenbart.
  3. Die damaligen Leiter haben offenbar geahnt, dass es Konsequenzen hat, wenn Gesellschaften wahren oder falschen Denkansätzen folgen. Die Entscheidung für die richtigen Denkvoraussetzungen ist nicht eine Frage des Geschmacks sondern von Freiheit oder Knechtschaft.

Die Auseinandersetzung um die außerwissenschaftlichen Vorannahmen ist deshalb viel mehr als Denkakrobatik. In dieser Auseinandersetzung geht es um ungeheuer viel. Es ist deshalb von größter Bedeutung, dass Christen verstehen, dass es in jeder Hinsicht vernünftig und gut begründet ist, der Bibel zu vertrauen, dass sie uns eine solide Grundlage gibt für unser Denken, für unser Forschen, für unsere Ethik und für unser gesellschaftliches Zusammenleben. Es lohnt sich, dafür gemeinsam offen einzustehen.


[1] Der Supernaturalismus wird oft auch als „Supranaturalismus“ bezeichnet.

[2] Zusammengefasst in Wikipedia unter https://de.wikipedia.org/wiki/Astralgottheit und  https://de.wikipedia.org/wiki/Donner#Mythologie

[3] Rudolf Bultmann: Neues Testament und Mythologie. Das Problem der Entmythologisierung der neutestamentlichen Verkündigung, in: Hans W. Bartsch (Hg.): Kerygma und Mythos, Bd. 1 (Theologische Forschung, Bd. 1), Hamburg 41960, S. 15–48, hier: S. 18.

[4] Brief vom 29. Mai 1944, Widerstand und Ergebung: Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, zit. n.

Berta Moritz: Schöpfung und Evolution, reloaded, 3.3.2016, http://www.kath.net/news/54251

[5] 1. Mose 1,14: „Und Gott sprach: Am Himmel sollen Lichter entstehen, um den Tag von der Nacht zu unterscheiden.“

[6] Z. B. 2. Mose 20,4: „Du sollst dir kein Götterbild machen.“

[7] Hans-Jörg und Wolfgang Hemminger: Jenseits der Weltbilder. Naturwissenschaft, Evolution, Schöpfung. Quell-Verlag Stuttgart 1991, S. 145f.

[8] Ernst Frankenberger: Gottbekenntnisse großer Naturforscher, Johannes-Verlag Einsiedeln 1994; S. 8

[9] Peter Gerdsen: Das Christentum in seiner Bedeutung für die moderne Wissenschaft, Professorenforum-Journal 2004, Vol. 5, No. 3, S. 46

[10] Clive S. Lewis, C.S. (1960) Miracles. Collins, Fontana; zitiert von Uwe Zerbst: Die Bibel vor der Wahrheitsfrage, online unter www.academia.edu/31864040/Die_Bibel_vor_der_Wahrheitsfrage, S. 142

[11] Carl F.v. Weizsäcker: Die Tragweite der Wissenschaft, Band. I: Schöpfung und Weltentstehung.

Die Geschichte zweier Begriffe, 4. Aufl., Hirtzel-Verlag Stuttgart 1973, S. 179-180

[12] James M. Tour: The Origin of Life Has Not Been Explained, online unter www.youtube.com/watch?v=r4sP1E1Jd_Y&t=683s, ab 10:50

[13] Michael J. Behe: Darwin Devolves, HarperOne New York, 2019

[14] Günter Bechly: Wissenschaft ohne Scheuklappen – Einwände gegen Darwins Evolutionstheorie, Vortrag vom 7.5.2018 beim Evangelischen Arbeitskreis der CDU Stuttgart, online unter https://www.youtube.com/playlist?list=PLwBfDPNE4CobU4KVWs2hPdFtHYIIhBUg9

[15] Markus Widenmayer (Hrsg.): Das geplante Universum, SCM Hänssler Holzgerlingen 2019

[16] Thomas Nagel: Geist und Kosmos: Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist, Suhrkamp Berlin 2016

[17] „Am Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde.“ (1. Mose 1,1)

[18] Der zweite thermodynamische Hauptsatz besagt unter anderem, dass in einem geschlossenen System die Entropie (die man umgangssprachlich als ein Maß der Unordnung beschreiben kann) nicht abnimmt, sondern in der Regel zunimmt.

[19] Das berichtet Günter Bechly im Video „Zweifel an Darwin“, online unter https://www.youtube.com/watch?v=LWVIzw0mTOw&t=5s

[20] Patrick Becker: Wo bleibt der Sinn? Zu den Einseitigkeiten naturwissenschaftlicher Weltdeutung, Vortrag vom 20.5.2018 in Weimar, online in der Worthaus-Mediathek unter: https://worthaus.org/worthausmedien/wo-bleibt-der-sinn-zu-den-einseitigkeiten-naturwissenschaftlicher-weltdeutung-8-3-1/

[21] „Dual“ im Sinne einer Wechselwirkung zwischen dem Natürlichen und dem Übernatürlichen

[22] Siegfried Zimmer: Die erste Schöpfungserzählung (1. Mose 1,1-2,4a) – Teil 2, Vortrag vom 21.5.2018 in Weimar, online in der Worthaus-Mediathek unter: https://worthaus.org/worthausmedien/die-erste-schoepfungserzaehlung-1-mose-11-24a-teil-2-8-4-2/

[23] Tapio Puolimatka: Glaube, Wissenschaft und die Bibel, Ruhland Verlag Bad Soden 2018, S. 28


Weiterführend zu diesem Thema sind im AiGG-Blog (blog.aigg.de) u.a. folgende Artikel erschienen:

Um die Rolle von Denkvoraussetzungen („Vorurteilen“) sowie viele weitere Probleme in De­batten zwischen unter­schied­lich geprägten Christen geht es auch im Buch „Zeit des Umbruchs“, das im September 2019 bei SCM R. Brockhaus erschie­nen ist. Informationen, Leseproben, Stimmen und Rezensionen zum Buch gibt es unter zeitdesumbruchs.aigg.de.

Siehe dazu auch:

Wie Vorannahmen die (Bibel-)Wissenschaft beeinflussen – und warum sie von jedem Menschen auf Augenhöhe beurteilt werden können
Erkenntnisse aus dem Buch “Glaube, Wissenschaft und die Bibel” von Prof. Tapio Puolimatka

Wie geht Einheit? Das Paulus-7-Punkte-Programm

Was braucht es, damit Christen untereinander einig sein können? Paulus stellt dazu das folgende simple Rezept mit 7 Zutaten zusammen (Kolosser 3, 12-16):

  1. Da Gott euch erwählt hat, zu seinen Heiligen und Geliebten zu gehören, seid voll Mitleid und Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftheit und Geduld.
  2. Seid nachsichtig mit den Fehlern der anderen und vergebt denen, die euch gekränkt haben. Vergesst nicht, dass der Herr euch vergeben hat und dass ihr deshalb auch anderen vergeben müsst.
  3. Das Wichtigste aber ist die Liebe. Sie ist das Band, das uns alle in vollkommener Einheit verbindet.
  4. Euren Herzen wünschen wir den Frieden, der von Christus kommt. Denn als Glieder des einen Leibes seid ihr alle berufen, im Frieden miteinander zu leben.
  5. Und seid immer dankbar!
  6. Gebt den Worten von Christus viel Raum in euren Herzen. Gebraucht seine Worte weise, um einander zu lehren und zu ermahnen.
  7. Singt, von Gnade erfüllt, aus ganzem Herzen Psalmen, Lobgesänge und geistliche Lieder für Gott.

Jesus, bitte fülle mich heute mit Deinem Wesen und Deinem Charakter. Ich möchte so leben, dass jeder Mensch, dem ich begegne, etwas von Deinem Erbarmen, Deiner Freundlichkeit, Deiner Sanftmut und Geduld spüren kann. Hilf mir demütig zu sein, damit ich mich nicht über andere Menschen erhebe.

Hilf mir, denen zu vergeben, die mich gekränkt haben. Erinnere mich immer wieder daran, wie sehr ich davon lebe, dass Du mir so unendlich viel mehr vergeben hast.

Fülle mich mit Deiner Liebe für die Menschen. Du weißt um diejenigen, die ich eigentlich nicht mag. Aber Du liebst sie. Du bist für sie gestorben. Berühre mich mit Deiner aufopferungsvollen, bedingungslosen und vorauslaufenden Liebe, damit ich in Dir andere Menschen nicht nur stehen lassen sondern wirklich lieben kann.

Wo ich aufgewühlt bin, will ich jetzt wieder eintauchen in Deinen Frieden, der nicht von Umständen abhängig ist sondern vom Kreuz kommt, wo Du Frieden zwischen mir und Dir erworben hast.

Vertreibe mein Mürrischsein und meine Unzufriedenheit mit Dankbarkeit für all das Gute, das Du mir geschenkt hat. In Dir bin ich jederzeit überreich beschenkt.

Fülle meine Gedanken mit Deinen Worten. Ich will sie lesen, hören, darüber nachdenken und meditieren. Deine kostbaren Worte sollen mich jeden Tag noch mehr prägen und mein Denken erneuern. Deine Wahrheit macht mich frei. Gib mir Freunde, die mir Dein Wort sagen, mich damit trösten und ermahnen.

Und gib mir jederzeit ein Lied auf meine Lippen. Mein Leben soll ein Lobpreis sein für Dich. Denn Du bist schön. Du bist gewaltig groß. In Dir sind alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis verborgen. Wo Du angebetet wirst, wo Du die Mitte bist, da breitet sich Friede aus. Und da wachsen ganz von selbst alle die zusammen, die Dich lieben und in Dir geborgen sind.

Was sagt Lukas über liberale Theologie?

In Lukas 24, 36-44 schreibt Lukas:

„Als sie aber davon redeten, trat er selbst mitten unter sie und sprach zu ihnen: Friede sei mit euch! Sie erschraken aber und fürchteten sich und meinten, sie sähen einen Geist. Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so erschrocken, und warum kommen solche Gedanken in euer Herz? Seht meine Hände und meine Füße, ich bin’s selber. Fasst mich an und seht; denn ein Geist hat nicht Fleisch und Knochen, wie ihr seht, dass ich sie habe. Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen seine Hände und Füße. Da sie es aber noch nicht glauben konnten vor Freude und sich verwunderten, sprach er zu ihnen: Habt ihr hier etwas zu essen? Und sie legten ihm ein Stück gebratenen Fisch vor. Und er nahm’s und aß vor ihnen. Er sprach aber zu ihnen: Das sind meine Worte, die ich zu euch gesagt habe, als ich noch bei euch war: Es muss alles erfüllt werden, was von mir geschrieben steht im Gesetz des Mose und in den Propheten und Psalmen.“

Bei diesen Worten könnte man glatt meinen, dass Lukas sich in moderne theologische Debatten einmischen möchte. Mit wenigen Worten antwortet er auf einige der Hauptanfragen aus der liberalen Theologie, von denen ich lange Zeit gedacht hatte, dass diese Themen nur moderne Menschen umtreiben. Aber Lukas zeigt: Schon die Jünger haben mit genau den gleichen Fragen gekämpft. Die Antworten von Lukas sind überraschend deutlich:

War der auferstandene Jesus nur ein Gedanke, eine Erscheinung, eine Vision oder ein Geist?

Lukas berichtet: Das haben die Jünger auch gedacht. Selbst als sie den auferstandenen Jesus sahen, waren sie immer noch genauso skeptisch wie viele heutige Theologen. Aber Jesus nimmt sich ausführlich Zeit, um zu zeigen: Er ist zwar verwandelt. Aber das Grab ist leer. Jesus hat immer noch diesen Leib mit den Narben, die ihm am Kreuz zugefügt wurden. Jesus bittet extra um etwas zu essen, weil es ihm wichtig ist, klarzustellen: Ich lebe! Und zwar nicht nur in eurer Predigt, in euren Herzen oder in einer vergeistigten Form sondern physisch, aus „Fleisch und Knochen“, anfassbar und ganz real!

Ist der nachösterliche Christus nur eine frühchristliche Deutung des historischen Menschen Jesus von Nazareth?

Lukas berichtet: Genau wie in der heutigen Theologie war die Verunsicherung bei den Jüngern groß, wer Jesus eigentlich war. Jesus selbst stellt deshalb klar: Ich wusste schon vorher, dass ich sterben und auferstehen werde. Erinnert euch: Ich hatte es euch vorher schon angekündigt! Jesus wurde also nicht nachträglich als “Christus” (griechisch für “Messias”) gedeutet, sondern er selbst war sich schon lange vor Ostern immer bewusst gewesen: Ich werde mein Leben opfern und den Tod besiegen. Ich bin der Erlöser der Welt und der König des kommenden Gottesreichs.

Spricht das Alte Testament von Jesus? Gibt es vorhersagende Prophetie? Hat das Alte Testament Offenbarungscharakter? Ist die Bibel widersprüchlich?

Auch die Jünger Jesu hatten noch nicht durchschaut, dass ihre Erlebnisse mit Jesus mit den Texten des Alten Testaments eng zusammen hängen. Deshalb nahm Jesus sich (zuvor auch schon bei den Emmausjüngern) viel Zeit, um deutlich zu machen: Das gesamte Alte Testament dreht sich um ihn! Es ist voller Vorhersagen, die sich erfüllt haben. Es ist voller Wissen darüber, dass ER kommen wird, was ER tun wird und was mit ihm geschehen wird – Wissen, das kein Mensch aus sich heraus haben kann und das deshalb den Offenbarungscharakter des Alten Testaments beweist. Jesus betont zudem: Diese Vorhersagen MUSSTEN sich erfüllen – weil es ja Worte Gottes sind! Ausdrücklich verleiht Jesus dem kompletten Kanon diesen Offenbarungscharakter: Mose, Propheten und Psalmen. Damit wird auch deutlich: AT und NT bilden eine Einheit. Sie erzählen gemeinsam die eine Geschichte von Jesus Christus.

Wem glauben wir?

Nun kann man den Aussagen und Schilderungen von Lukas natürlich glauben oder auch nicht. Aber eines kann man nicht: Liberale Theologie mit der Aussageabsicht von Lukas und seiner Darstellung der Aussagen Jesu harmonisieren. Wir müssen uns schon ehrlich machen:

  • Entweder haben liberale Theologen Recht. Dann liegt Lukas grundfalsch und ist damit als Zeuge unglaubwürdig.
  • Oder Lukas hat Recht. Dann ist liberale Theologie ein grandioser Irrtum.

Beides zugleich geht nicht. Wir müssen uns entscheiden.

Meine Kirche scheint sich entschieden zu haben. Sie lässt ihr Führungspersonal überwiegend von Menschen ausbilden, die einer liberalen Theologie folgen. Leider hat sie damit Lukas als glaubwürdigen Botschafter verloren. Ich frage mich: Glaubt meine Kirche denn wirklich, Menschen stattdessen für die Botschaft moderner Theologen gewinnen zu können? Falls ja: Welche Botschaft ist das? Moderne Theologen sind sich doch eher selten über etwas einig.

Ich für meinen Teil werde mich lieber auf Lukas verlassen. Seine Botschaft trägt – im Leben und im Sterben.