Kommt, wir wollen wieder zum Herrn zurückkehren!

Ein prophetischer Ruf für das 21. Jahrhundert

Woran krankt die Kirche Jesu in unserem Land? Sind wir zu zögerlich bei der Digitalisierung? Haben wir ein demographisches Problem? Ist die Säkularisierung und Individualisierung die Ursache für den Schrumpfkurs, unter dem so viele Landes- und Freikirchen leiden? Oder sind wir einfach zu wenig nahe an den Menschen dran?

Es gibt einen dramatischen prophetischen Aufruf, der eine völlig andere Diagnose stellt:

Unser Fokus ist das Problem! Wir haben Gott aus dem Blick verloren. Der Prophet macht das an vielen konkreten Beobachtungen fest:

  • Die Liebe zu Gott, die für Jesus doch das allerwichtigste im Glauben ist, hat sich unter Gottes Leuten als so vergänglich erwiesen wie der Morgennebel oder wie der Tau, der bei den ersten Strahlen der Sonne verdunstet (13,3).
  • Stattdessen hängen sie an menschengemachten Dingen, denen sie ihre Zeit und Aufmerksamkeit opfern (4,12;8,6;13,2).
  • Der Wohlstand wird gar nicht mehr als Geschenk und Segen Gottes wahrgenommen (2,10;7,15;8,14;11,3).
  • Die Menschen wenden sich nicht an Gott, sondern an andere Menschen, wenn sie Hilfe brauchen (8,9+10). Aber gerade dieses Sich-Einlassen auf das Denken und die Methoden von Menschen, die gar nicht zu Gottes Volk gehören, raubt Gottes Volk die Kraft (7,8).
  • Die Leute, die Gott extra gesandt hat, um zu warnen (12,11) und Gottes Volk den Kopf zurechtzusetzen (6,5) werden angefeindet, zu Dummköpfen und Wahnsinnigen erklärt (9,7+8).

Es ist offenbar gerade auch der Wohlstand, der diese Fokusverschiebung fördert (10,1;13,6). Die Gottvergessenheit führt letztlich zu sehr konkretem sündigem Verhalten (4,1-2+11;7,1), das wiederum verhindert, dass die Menschen zu Gott zurückkehren können (5,4;14,2). Aber es ist meist gar kein Bewusstsein vorhanden, dass Gott alle diese Sünden genau wahrnimmt (7,2).

Der Prophet wählt ein drastisches Bild, um den Zustand von Gottes Volk zu beschreiben: In Gottes Augen ist sein Volk wie eine geliebte Prostituierte (3,1;8,9). Es wird von Gott geliebt, aber es erwidert Gottes Liebe nicht mehr und verkauft sich stattdessen an andere Männer. Gott lässt diese Treulosigkeit nicht kalt. Es veranlasst ihn zu harten Konsequenzen. Aber selbst die offenkundigen Anzeichen des Gerichtshandelns Gottes werden von Gottes Leuten nicht als solche erkannt. Gott würde doch niemandem etwas zuleide tun und seinen Segen zurückziehen, oder? Schließlich kennt Gottes Volk doch seinen Gott (8,2) und der fromme Betrieb funktioniert ja wie eh und je (8,13). Aber der Prophet macht klar: Nein, es ist tatsächlich Gott selbst, der strafend handelt (2,15;5,14;6,1;9,17;12,3+15).

Und wer ist schuld an dem ganzen Desaster? Der Prophet macht in besonderer Weise die geistlichen Leiter verantwortlich (4,4b), weil sie ein schlechtes Vorbild sind (5,1) und sich weigern, Gott zu kennen (4,6b). Der Mangel an Gotteserkenntnis bei den geistlichen Leitern überträgt sich auf das Volk mit katastrophalen Folgen: „Mein Volk stirbt aus Mangel an Erkenntnis.“ (4,6a) Es ist leicht zu verführen und zeigt keinen Verstand (7,11). Die Rituale funktionieren zwar immer noch. Aber Gott hasst diesen oberflächlichen Kult (6,6;8,12+13), während gleichzeitig die Herzen der Menschen von Gott entfernt sind und ihr Handeln Gottes Vorstellungen widerspricht. „Handle nach den Grundsätzen von Liebe und Gerechtigkeit und vertrau immer auf deinen Gott.“ (12,7) Das wäre Gott sehr viel wichtiger als ein gut funktionierender frommer Betrieb.

Wie kann das Fokusproblem gelöst werden? Es gibt nur einen Weg zur Heilung: Umkehr zu Gott! Der Ruf des Propheten klingt wie ein leidenschaftlicher, fast verzweifelter Schrei:

„Kommt, wir wollen wieder zum Herrn zurückkehren! Er hat uns in Stücke gerissen, aber er wird uns auch wieder heilen. Er hat uns mit seinen Schlägen verwundet, aber er wird unsere Wunden verbinden. Nur noch zwei Tage, dann wird er uns wieder Kraft zum Leben geben, am dritten Tag wird er uns wieder aufrichten, damit wir in seiner Gegenwart leben können. Kommt, wir wollen den Willen des Herrn erkennen! Ja, lasst uns alles daransetzen, dass wir den Herrn erkennen! Dann wird er erscheinen – das ist so sicher wie der Morgen, mit dem jeder Tag beginnt, oder wie der Regen, der jedes Frühjahr kommt.“ (6,1-3; siehe auch 10,12;14,3+4)

Die Hoffnung des Propheten ist, dass konkrete Not die Menschen zur Umkehr bewegen wird (5,15). Die Frage ist nur: Wie groß muss die Not noch werden, bis der Ruf des Propheten gehört wird?

Bibelleser haben es längst erkannt: Dieser prophetische Ruf ist alt. Er stammt aus dem 8. Jahrhundert vor Christus und galt dem Volk Israel der damaligen Zeit. Die Kapitel- und Versangaben in den Klammern beziehen sich auf das Buch Hosea. Das Buch beeindruckt mich tief. Ich möchte es jedem Leser selbst überlassen, inwieweit Hoseas Beobachtungen von damals auch auf unsere heutige Situation zutreffen und welche Parallelen es zur Kirche Jesu des 21. Jahrhunderts gibt. Tatsache ist: Hoseas Vorhersagen gehen weit über seine eigene Zeit hinaus. Er hat den Prophetentest aus 5, Mose 18, 22 in beeindruckender Weise bestanden. Er hatte Israel ein schweres Gericht angekündigt: Israel wird „lange Zeit ohne König oder Fürst sein“, „ohne Opfer, Tempel, Priester“ (3,4), es soll „zu Flüchtlingen unter allen Völkern werden“ (9,17). Vor allem seit der Zerstörung des Tempels im Jahr 70 n.Chr. haben sich Hoseas Vorhersagen buchstäblich erfüllt. Umso tröstlicher ist es, was Hosea ebenfalls ankündigt: „Ich will nicht handeln nach der Glut meines Zorns, will Ephraim nicht wiederum verderben; denn ich bin Gott und nicht ein Mensch, als der Heilige bin ich in deiner Mitte und will nicht in grimmigem Zorn kommen. Sie werden dem HERRN nachfolgen, der brüllen wird wie ein Löwe; wenn er brüllt, so werden die Söhne zitternd vom Meer herbeieilen; wie Vögel werden sie aus Ägypten zitternd herbeieilen und wie Tauben aus dem Land Assyrien; und ich werde sie in ihren eigenen Häusern wohnen lassen, spricht der HERR.“ (11,9-11, s.a.12,10;14,5-9) Teile dieser Vorhersage erfüllen sich gerade jetzt vor unseren Augen. Die Herzenshinwendung des Volkes Israel zu Gott, die z.B. auch von Sacharja (Sach.12,10) und Paulus (Röm.11,26;2.Kor.3,16) vorhergesagt wurde, steht überwiegend noch aus. Wir dürfen erwartungsvoll gespannt sein. Wesentlich wichtiger ist für uns aber der Blick auf uns selbst. Werden wir unsere Herzen Gott zuwenden? Dazu noch zwei wichtige Beobachtungen:

Der Prophet ruft nicht besserwisserisch: „Kehrt gefälligst endlich wieder zum Herrn um!“ Nein, er identifiziert sich mit seinem Volk. Er sagt: Kommt, WIR wollen wieder zum Herrn zurückkehren! Er hat UNS in Stücke gerissen, aber er wird UNS auch wieder heilen.“ Hier redet kein distanzierter Rechthaber von oben herab sondern jemand, der sich selbst als Teil einer sündigen Gemeinschaft versteht. Diese Art von Propheten brauchen wir auch heute.

Im Neuen Testament hören wir einen ganz ähnlichen Ruf zur Umkehr zu Gott inklusive einer ähnlich dramatischen Gerichtsdrohung:  „Aber ich habe gegen dich einzuwenden, dass ihr nicht mehr wie am Anfang in der Liebe lebt. Erkenne doch, wie weit du dich von deiner ersten Liebe entfernt hast! Kehre wieder zu mir zurück und bemühe dich so, wie du es am Anfang getan hast. Wenn du dich nicht änderst, werde ich kommen und deinen Leuchter von seinem Platz unter den Gemeinden wegnehmen.“ (Offb.2,4-5) Dieser Ruf zur Umkehr wandte sich gerade nicht an „liberale“ Namenschristen sondern an eine Gemeinde mit einer offenkundig soliden Theologie, die falsche Lehre identifizieren und sich davon distanzieren konnte. Dafür wird diese Gemeinde auch ausdrücklich von Gott gelobt. Trotzdem gilt ganz offensichtlich auch für die Frömmsten unter den Frommen: So leicht verrutscht der Fokus. So leicht gerät Gott und die Liebe zu ihm aus dem Mittelpunkt.

Deshalb ist der prophetische Ruf von Hosea weit mehr als ein Zeugnis über Gottes Reden an Menschen aus längst vergangenen Zeiten. Sein Ruf gilt auch den Jesusnachfolgern des 21. Jahrhunderts:

Kommt, wir wollen wieder zum Herrn zurückkehren!

Wer kommt mit?

Wo sind die Beunruhigten und die Zerbrochenen?

Erinnern Sie sich noch an die Debatte um den Rinderwahnsinn? Ich kannte damals Menschen, die keine Gummibärchen mehr essen wollten aus lauter Angst, sich anzustecken. Das war nicht die einzige Welle der Angst, die durch unser Land rollte. Waldsterben, Ozonloch, Vogel- und Schweinegrippe… Manche Alarmrufe hatten ohne Zweifel ihre Berechtigung und haben teilweise auch zu guten und not-wendenden Konsequenzen geführt. Manche erinnern mich im Nachhinein aber auch an ein Gerichtswort aus Psalm 53:

Angst und Schrecken packt sie, wo es keinen Grund dafür gibt. (Psalm 53, 6)

Auch unter uns Christen gibt es viel Beunruhigung: Altvertraute Gewissheiten scheinen wegzubrechen. Quälende Fragen bringen selbst langjährige Christen in Bedrängnis: Kann man der Bibel noch vertrauen? Ist sie wirklich Gottes Wort? Gibt es da nicht jede Menge Fehler und Widersprüche in der Bibel? Sind nicht viele ihrer Aussagen kulturell veraltet und wissenschaftlich überholt? Ist dieses Buch nicht vor allem eine Sammlung historischer Texte von menschlichen Gotteserfahrungen statt zeitloses Gotteswort? Müssen wir die Botschaft des Evangeliums gar grundlegend überdenken?

Tatsächlich gibt es Passagen in der Bibel, die schwer zu verstehen sind und zumindest auf den ersten Blick widersprüchlich und fehlerhaft wirken. Trotzdem beunruhigt mich das nicht wirklich. Denn die Eigenschaften der Bibel sind insgesamt so einzigartig und spektakulär, dass mein Vertrauen in die göttliche Inspiration dieser Texte durch einzelne Stellen, die ich im Moment nicht verstehe, nicht erschüttert wird. Die These, dass die Bibel allein ein Produkt des menschlichen Geistes sein könnte, halte ich aus vielerlei Gründen für unhaltbar. Menschen können so ein Buch nicht hervorbringen. Es gibt weltweit und historisch gesehen unter den unzähligen Büchern dieser Welt kein einziges Buch, das sich auch nur annähernd mit der Bibel messen könnte. Ich stehe in Ehrfurcht und Staunen vor diesem buchgewordenen Wunder Gottes.

Nein, mich beunruhigen in der Bibel weniger die Stellen, die mir nicht einleuchten. Mich beunruhigen vielmehr die Stellen, die mir einleuchten. Es gibt in der Bibel höchst beunruhigende Botschaften, die sonnenklar und eindeutig sind und die sich zudem quer durch die ganze Bibel ziehen. Und eine dieser Botschaften lautet:

In Bezug auf Gottes Wort gibt es für uns Menschen nur eine einzige angemessene Haltung: Ehrfürchtiges Vertrauen und demütiger Gehorsam.

Der immer wieder unternommene Versuch, das Zweifeln an Gottes Wort geistlich zu verklären, hat in der Bibel keine erkennbare Basis. „Hat Gott wirklich gesagt…?“ (1. Mose 3, 1) Dieser von der teuflischen Schlange gestreute Zweifel hat nicht nur in der Paradiesgeschichte katastrophale Konsequenzen. Als Israel an Gottes Verheißung zweifelte musste es noch einmal 40 Jahre durch die Wüste gehen (4.Mos.14). Wenn Gott spricht und wir Menschen uns verschließen, dann löst das in der Bibel meistens ein Drama aus.

Im Alten wie im Neuen Testament stellt Gottes Reden die Menschen immer vor die Wahl: Hören oder ignorieren. Gehorchen oder ungehorsam sein. Und in der Folge: Segen oder Fluch. Man könnte ein ganzes Buch füllen mit biblischen Beispielen für dieses simple Prinzip, das sich geradezu erschreckend konsequent durch alle Texte zieht.

Da ist es kein Wunder, dass Jesus ausführlich und mit eindringlichen Bildern über die extreme Wichtigkeit sprach, ein Hörer und ein Täter von Gottes Wort zu sein. Die Standfestigkeit unseres Lebenshauses hängt davon ebenso ab wie die  Frage, ob unser Leben Frucht bringt oder verdorrt. König Josia kannte dieses Prinzip offenbar. Als er die Worte der wiederentdeckten Heiligen Schrift hörte, zerriss er seine Kleider, weil ihm die schrecklichen Folgen des Ungehorsams gegenüber Gottes Wort offenkundig bewusst waren. Genau dieser Ausdruck von Ehrfurcht und Erschrecken vor Gottes Worten wird von Gott ausdrücklich gelobt:

„Dein Herz war berührt und du hast vor Gott Buße getan, als du seine Worte über diese Stadt und ihre Einwohner hörtest. Du hast Buße getan, deine Kleider zerrissen und vor mir geweint. Deshalb habe ich dich erhört, spricht der Herr.“ (2. Chronik 34,27).

Gott erwartet Umkehr, wenn sein Wort uns mit unserem Fehlverhalten konfrontiert. Er ist offenkundig nicht bereit, Kompromisse mit unserem Eigensinn einzugehen. Gott gibt uns sein Wort aber auch nicht, damit wir uns damit zu Rechthabern und überlegenen Frömmlern aufspielen können. Josia hatte ja überhaupt keinen Fehler gemacht. Aber er hat sich trotzdem erschüttern lassen. Er hat sich gebeugt und gedemütigt unter die Schuld des Volkes. Diese demütige Identifikation mit den Sünden seiner Gemeinschaft war die Grundlage für Gottes Segen während des ganzen Lebens von Josia. Es ist genau dieser zerbrochene Geist, den wir auch heute wieder brauchen. Gott sagte zu Jesaja:

„Ich achte auf die, die gedemütigt worden sind und einen gebrochenen Geist haben und vor meinem Wort zittern.“ (Jesaja 66,2)

Deshalb müssen wir uns fragen: Wo sind die Menschen in unserem Land, die sich Gottes Sichtweise aus seinem Wort zeigen und sich dadurch zerbrechen lassen über den Zustand ihres Herzens und den Zustand der Kirche Jesu? Wo sind die Menschen, die sich dann nicht von anderen rechthaberisch distanzieren sondern sich mit der ganzen Kirche Jesu identifizieren und sich unter ihre Schuld beugen? Wo sind die Menschen, die dann schließlich ihre Menschenfurcht überwinden und in prophetischer Klarheit Gottes Wort hochhalten und die Kirche zur Umkehr rufen – aus Liebe und nicht aus Rechthaberei?

Der Segen begann in Israel immer dann, wenn Menschen sich von Gottes Wort treffen und zerbrechen ließen. Nachdem der Prophet Nathan König David mit Gottes Wort konfrontiert hatte, schrieb David:

„Das Opfer, das dir gefällt, ist ein zerbrochener Geist. Ein zerknirschtes, reumütiges Herz wirst du, Gott, nicht ablehnen.“ (Psalm 51, 19)

Diesen Menschen mit einem zerbrochenen Herzen hat Gott seine Nähe verheißen:

„Nahe ist der HERR denen, die zerbrochenen Herzens sind, und die zerschlagenen Geistes sind, rettet er.“ (Psalm 34,19)

Und genau bei diesen Menschen nimmt Gott Wohnung:

„Ich wohne an der hohen, heiligen Stätte und bei denen, die einen zerschlagenen und gedemütigten Sinn haben, um die Gedemütigten neu zu beleben, und die zerschlagenen Herzen wieder aufleben zu lassen.“ (Jesaja 57, 15)

Gott, der mitten unter seinem Volk wohnt: Da leuchtet bereits die Verheißung des neuen Jerusalems auf. Einen Vorgeschmack davon bekommen wir, wo wir unseren Stolz und unseren Eigensinn zerbrechen lassen durch Gottes Wort, das wie ein Hammer unser steinernes Herz zerschlägt (Jer.23,29) und durch ein fleischernes ersetzt (Hes.36,26).

Nicht nur die dramatischen Warnungen in den letzten Versen der Bibel (Offb.22,18-19) machen es überdeutlich: Wir sollten tatsächlich nichts so sehr fürchten wie die Gefahr, Gottes Worte zu ignorieren, leichtfertig zu übergehen, zu verdrehen, zu verkürzen oder etwas hinzuzufügen. Aber die Bibel macht auch immer wieder deutlich: Wer Gott und sein Wort fürchtet muss sonst nichts und niemanden mehr fürchten. Der braucht nicht mehr panisch zu werden, wenn Weltuntergangspropheten Angst und Schrecken verbreiten. Himmel und Erde werden zwar vergehen. Aber Gottes lebensspendende Worte bleiben in Ewigkeit (Luk.21,33). An ihnen dürfen und sollen wir (uns) festhalten. Ohne Gottes Wort sind wir dazu verdammt, uns ausschließlich an menschlicher Weisheit zu orientieren. Dann setzt sich der durch, der am lautesten schreit, der die Schaltstellen der Macht besetzt und der die manipulativen Möglichkeiten von Medien und Rhetorik am besten zu nutzen weiß. Aber unter Gottes Wort und Wahrheit dürfen und müssen wir uns alle gemeinsam beugen. Wir müssen uns allesamt verantworten vor dem, dessen Weisheit selbst die beeindruckendste Weisheit dieser Welt als Torheit entlarvt (1.Kor.3,19). Eine gesunde Ehrfurcht vor Gottes Wort ist der beste (und einzige!) Schutz vor unserer menschlichen Neigung, unsere eigene Klugheit absolut zu setzen und auf unseren eigenen Wegen in den Abgrund zu rennen.

Wenn das Weizenkorn nicht stirbt kann es keine Frucht bringen (Joh.12,24). An Gottes Worten seinen Stolz und Eigensinn zerbrechen zu lassen heißt hingegen, die Grundlage zu legen für ein gesegnetes und fruchtbares Leben.

Die Spaltung: Getrennte Wege der Kirche und Israels

von Dr. Jürgen Bühler, Präsident der Internationalen Christlichen Botschaft Jerusalem (ICEJ)

Zuerst veröffentlicht in: „Wort aus Jerusalem“, Ausgabe Nr. 3 / 2019, veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der ICEJ – Deutscher Zweig

WAS IST GESCHEHEN?

Nie vergesse ich den Besuch in der chinesischen 10-Millionen-Stadt Whenchou bei einer Gruppe Hauskirchenleiter, die rund eine Million einheimische Gläubige repräsentierten. Ich war der erste Gast aus Israel. Als ich zu erklären begann, warum Israel wichtig ist, stellte ich schnell fest, dass dies für sie nichts Neues war. Ich fragte den Leiter: „Wer hat euch über Israel gelehrt?“ Überrascht antwortete er: „Es steht alles in der Bibel.“

Das wirft die Frage auf: Was geschah in der Kirche, dass sie sich so weit von dieser einfachen Wahrheit entfernte und in den letzten 1.500 Jahren zur stärksten Antriebskraft des Antisemitismus wurde? Hasspredigten voll Verachtung gegenüber den Juden, Pogrome, Zwangsbekehrungen, Inquisitionen und schließlich der Holocaust – all dies machte das Christentum zum Erzfeind der Juden – in weit größerem Maße noch als der Islam.

PAULUS ISRAEL-LEHRE

Dies ist umso erschreckender, da der Apostel Paulus eine sehr klare Israel-Lehre hat: „Sie sind Israeliten, denen die Kindschaft gehört und die Herrlichkeit und die Bundesschlüsse und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißungen, denen auch die Väter gehören und aus denen Christus herkommt nach dem Fleisch. Gott, der da ist über allem, sei gelobt in Ewigkeit.” (Römer 9,4-5) Paulus erkannte: Auch wenn die meisten Juden Jeschua nicht als ihren Messias annehmen, bleiben sie dennoch „Geliebte um der Väter willen“ (Römer 11,28). Ihre Ablehnung Jesu sah Paulus als vorübergehenden Zustand, den schon die hebräischen Propheten voraussagten (z.B. Jesaja 6). Doch er glaubte, dass einst „ganz Israel gerettet werde“ (Römer 11,26). Deshalb warnte er die Gläubigen aus den Nationen vor Arroganz gegenüber den Juden (Römer 11,18) und mahnte sie zu bedenken: „…dass ihr zu jener Zeit ohne Christus wart, ausgeschlossen vom Bürgerrecht Israels und den Bundesschlüssen der Verheißung fremd; daher hattet ihr keine Hoffnung und wart ohne Gott in der Welt.“ (Epheser 2,12) Durch Gnade näherten sie sich und erhielten Anteil an Gottes Verheißungen.

BEGINNENDE SPALTUNG

Die Antwort darauf, warum und wo sich die Kirche von Israel trennte, ist zu komplex, um sie in einem kurzen Artikel vollständig darlegen zu können. Zum Teil liegt die Schuld bei der römischen Politik. Viel wichtiger aber ist zu erkennen, dass die Kirche selbst Verantwortung übernehmen muss für die Entscheidungen, die ihre Leiter in den ersten Jahrhunderten nach Christus getroffen haben. Nach dem ersten Kirchenkonzil, von dem Apostelgeschichte 15 berichtet, begannen sich die Dinge zu ändern – auch hinsichtlich der Demografie der Kirche.

Das Christentum begann in Jerusalem als hundertprozentig jüdische Kirche, doch nach etwa einem Jahrhundert bildeten „Heiden“ die Mehrheit. Anfangs war Jerusalem das spirituelle Zentrum des Glaubens, aber die römischen Kriege veränderten die Verbindung der Kirche zu Jerusalem und Israel dramatisch. 70 n. Chr. zerstörte Titus den Tempel, einige Jahrzehnte später vertrieb Hadrian praktisch alle Juden aus Jerusalem und Israel. Im Jahr 136 n. Chr. wurde Marcus der erste nichtjüdische Bischof Jerusalems. Der spirituelle Schwerpunkt verlagerte sich allmählich Richtung Rom und Konstantinopel.

NICÄA UND DIE JUDEN

Zum endgültigen Bruch kam es 325 n. Chr. in Nicäa (heute Iznik, Nordwest-Türkei), einem Ort, von dem nur noch Ruinen zu finden sind. Das Konzil von Nicäa war das bedeutendste der Kirchengeschichte. Es kam zustande, als die Christen erstmals keine verfolgte Minderheit mehr waren. Konstantin berief das Konzil ein, um die Kirche als konsolidierende Kraft in seinem Reich zu nutzen. Er bereitete dem Christentum den Weg, das im Jahre 380 von Theodosius I. zur offiziellen Staatsreligion erklärt wurde. In Nicäa beschäftigte man sich vor allem mit dem gleichzeitig göttlichen und menschlichen Wesen Jesu. Diese „Jesus-Frage“ wurde in der Kirche sehr kontrovers diskutiert. Nach langen und hitzigen Debatten wurde schließlich ein Konsens erzielt. Für die meisten Teilnehmer waren Fragen, die sich auf „jüdische“ Themen bezogen, dabei zweitrangig.

In Nicäa und den folgenden Konzilen und Synoden begann die Trennung der „Heiden“-Kirche von ihrer jüdischen Herkunft. Diese Verschiebung ereignete sich in drei Hauptbereichen: Erstens durch Änderung des Kalenders und der religiösen Feiertage, zweitens durch eine veränderte Einstellung der Kirche gegenüber Juden und drittens durch strenge Vorschriften gegen einen Umgang von Christen mit Juden.

ÄNDERUNG DER FEIERTAGE

Bis zum Konzil von Nicäa waren die Kirchen uneins, wie Ostern (Passah) zu feiern sei. Die Kirchen in Rom und anderen westlichen Regionen hatten beschlossen, die Osterfeier an den biblischen Bericht zu knüpfen, dass Jesus am ersten Tag der Woche auferstanden war und sich am Julianischen statt am hebräischen Kalender zu orientieren. Jeder Bezug zum biblischen Passah-Fest wurde ignoriert. Die Kirchen im Osten verbanden die Passionswoche weiterhin mit dem Passahfest. Damit lagen sie eher auf einer Linie mit dem Alten Testament und den von Jesus und seinen Jüngern vorgelebten Traditionen.

In Nicäa verlangte Konstantin nun einen einheitlichen christlichen Kalender für sein Reich. In einem Synodalbrief an alle Kirchen hieß es: „Wir haben gute Nachrichten für euch! … Von jetzt an feiern wir Ostern nicht länger nach der Tradition der Juden!“ Kaiser Konstantin selbst schrieb an die Kirchen im Osten: „Es wurde festgestellt, dass es besonders unwürdig ist, am heiligsten aller Feste (Ostern) dem Brauch der Juden zu folgen, die ihre Hände mit dem größten aller Verbrechen beschmutzt haben und deren Geist verblendet ist.“

Bekannt für seine Feindseligkeit gegen die Juden fuhr Konstantin fort: „Wir sollten uns von der abscheulichen Gesellschaft der Juden trennen, denn es ist wahrlich beschämend für uns, sie damit prahlen zu hören, dass wir ohne ihre Anleitung dieses Fest nicht feiern könnten. Außerdem ist es unsere Pflicht, nichts gemein zu haben mit den Mördern unseres Herrn.“ Er folgerte, da die Juden für den Tod Jesu verantwortlich seien, müssten auch ihre Traditionen falsch sein. Zudem folgten die meisten Christen zu diesem Zeitpunkt dem jüdischen Kalender ohnehin nicht mehr. Die Entscheidung entsprach einem demokratischen Konsens, der keine theologische Basis hatte.

JESUS UND DAS PASSAHFEST

Konstantins radikales Vorgehen missachtete die zahlreichen Parallelen der letzten Tage Jesu und des biblischen Passahfests. Jesus gebot seinen Jüngern, das Passahmahl vorzubereiten (Lukas 22,7-8) und erklärte: „Mich hat herzlich verlangt, dies Passah-Lamm mit euch zu essen, ehe ich leide“ (Lukas 22,15). Er feierte das Passahfest in vielen Details so, wie es Juden bis heute tun: Nach dem Mahl nahm er den Becher und segnete ihn (1. Korinther 11,25). Bis heute betrachten Juden diesen dritten Becher als den „Becher der messianischen Erlösung“. Nach dem „Hallel“, der traditionellen Lesung der Psalmen 115 bis 118, ging er zum Ölberg (Matthäus 26,30). Paulus erklärt außerdem, dass Jesus unser Passah-Lamm ist (1. Korinther 5,7).

SONNTAG ERSETZT SCHABBAT

Mit derselben Ignoranz wurde der Sonntag als neuer wöchentlicher Feiertag eingeführt. Bis dahin war der Sonntag ein gewöhnlicher Arbeitstag, an dem lediglich einige Christen morgens beteten und Bibel lasen – in Erinnerung an Jesus Auferstehung am ersten Tag der Woche. Konstantins Ziel war es, die Christen vollständig von allen jüdischen Gewohnheiten zu trennen. Um Christen davon abzuhalten, den Schabbat zu halten, erklärte er den Sonntag zum neuen heiligen Tag. Viele Christen wehrten sich dagegen. Doch das nachfolgende Konzil von Laodicea zementierte die Entscheidung. Christen, die weiterhin den jüdischen Schabbat hielten, wurden exkommuniziert.

DER EINSTELLUNGSWANDEL

Paulus hatte eine große Liebe zu seinem Volk. Wenn möglich hätte er auf seine eigene Erlösung verzichtet, wenn dadurch einige seiner jüdischen Brüder gerettet worden wären (Römer 9,3). Aber den späteren Konzilen fehlte die leidenschaftliche Liebe zum jüdischen Volk komplett. Alles Jüdische war unwillkommen, einschließlich der Juden selbst. Ihnen wurde es so schwer wie möglich gemacht, sich der Kirche anzuschließen. Konvertierte Juden mussten sogar ihre jüdischen Namen ablegen. Dabei wurde vollständig ignoriert, dass alle Apostel jüdische Namen hatten und Maria Jesus den Namen „Jeschua“, das hebräische Wort für „Retter“, gegeben hatte. Jesus Mutter hieß nicht wirklich „Maria“, sondern trug den jüdischen Namen „Mirijam“.

Für die Apostel im Neuen Testament bestand die Welt aus „dem Haus Israel“ und den Heiden. Nur durch die Gnade Gottes konnten Heiden in den Ölbaum Israels, des Bundesvolkes Gottes, eingepfropft werden. Paulus betrachtete seine jüdische Abstammung als Vorrecht (Römer 3,1; Galater 2,15), auch wenn sie ihn nicht retten würde. Doch Nicäa kehrte diese biblische Sicht um. Aus den „Geliebten um der Väter willen“ (Römer 11,28) wurden „Christusmörder“. Den Juden wurde tiefer Hass entgegengebracht. Paulus sagt, dass die Heiden ohne Gott und ohne Hoffnung waren (Epheser 2,12). Das galt nun für das jüdische Volk – eine Doktrin, die der Lehre des Neuen Testaments völlig widersprach.

UMGANGSREGELN

Strenge Gesetze verboten Christen den Umgang mit Juden. Wenn Christen Synagogen besuchten, drohten ihnen Amtsenthebung und harte Sanktionen. Die Teilnahme an jüdischen Festen war streng verboten, ebenso der Verzehr von ungesäuertem Brot während des Passahfests. Wer dies tue oder den Schabbat halte, verspotte Christus, erklärten die Bischöfe.

NICÄAS EINFLUSS AUF DIE KIRCHENGESCHICHTE

All diese neuen Einstellungen schufen nicht nur eine Spaltung zwischen der Kirche und den Juden, sondern brachten die Kirche auch auf einen Weg, der schließlich zum Gräuel der Kreuzzüge führte und die Ermordung von Juden als gottgefällige Tat darstellte. So wurde auch der Weg zur Inquisition und letztlich zum Holocaust bereitet. Hitler konnte sich auf den deutschen Reformator Luther berufen, um seinen Hass auf Juden zu rechtfertigen.

Während die jüdische Kirche im „ersten Konzil“ in Apostelgeschichte 15 weit über ihre Traditionen und Gefühle hinausging, um Heidenchristen willkommen zu heißen, verstieß die Heiden-Kirche die Juden in Nicäa schamlos aus dem Kirchenleben und schürte einen über Generationen andauernden Hass auf sie. Nur wenige christliche Bewegungen wie die Waldenser Erweckungsprediger in Italien und die Puritaner in England wagten es, diese judenfeindliche Einstellung anzufechten.

MODERNES WUNDER

Mit der Wiedergeburt des Staates Israel und der Entstehung einer neuen, evangelikalen Strömung im Christentum, sind wir nun seit der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts Zeugen eines tief greifenden Wandels in den Beziehungen zwischen der Kirche und Israels. Während die traditionellen Kirchen immer noch mit ihren antisemitischen Einstellungen kämpfen, hat sich durch die wachsende evangelikale Bewegung viel geändert. Die Spaltung zwischen Juden und Christen scheint schneller zu heilen, als viele erwartet haben. Angesichts der blutigen und leidvollen Geschichte gleicht es einem Wunder, dass Israels Premierminister evangelikale Christen als „Israels beste Freunde“ bezeichnet. Viele jüdische Organisationen haben ihre Türen heute für christliche Freundeskreise geöffnet – sogar die Holocaustgedenkstätte Yad Vashem.

HEILENDE BEZIEHUNGEN

Viele Christen nehmen heute ganz selbstverständlich an Passahfeiern teil und besuchen die örtliche Synagoge. Christen aus aller Welt unterstützen zahlreiche Projekte in Israel und in jüdischen Gemeinden ihrer eigenen Länder. Besonders erstaunlich: chinesische Christen nehmen jüdische, biblische Namen an – das Gegenteil von dem, was in Nicäa geschah. Jedes Jahr besuchen tausende Christen messianische Glaubensgeschwister in Israel, um von ihnen mehr über ihre biblischen Traditionen zu erfahren. Für Israel und die Kirche ist eine neue prophetische Zeit angebrochen. Die ICEJ hat das Vorrecht und ist gesegnet, zur Heilung der historischen Spaltung zwischen Judentum und Christentum beizutragen und den Weg für eine Aussöhnung in diesen letzten Tagen zu ebnen. Wir leben in spannenden Zeiten!

Wohin mit dem Sex?

„Kein Sex vor der Ehe!“ wird von „konservativen“ Christen vertreten. Außerhalb dieser Kreise empfindet man solch eine Haltung als fundamentalistisch und weltfremd.“ Dieser Zustandsdiagnose von Marcel Locher ist ohne Frage zuzustimmen. Umso erfreulicher ist es, dass der Bund freikirchlicher Pfingstgemeinden (BFP) seinen 1. Theologischen Studientag im März 2019 der spannenden Frage gewidmet hat: „Wohin mit dem Sex? – Schriftverständnis und die Folgen für die Lebensführung“. Die Tagungsbeiträge gibt es inzwischen in Buchform zu kaufen. In der Einführung schreibt der Leiter des theologischen Ausschusses des BFP, Dr. Bernhard Olpen: Der „Studientag stellt die theologische Standortbestimmung zur Schrift vor, wie sie das Präsidium des Bundes Freikirchlicher Pfingstgemeinden (BFP) vertritt.“ Das Buch hat also Gewicht für den gesamten BFP. Umso spannender ist die Frage, welche Ansichten hier zu diesem so umstrittenen Thema vertreten werden.

Die Positionen zur Sexualethik hängen vom Schriftverständnis ab

„Wie wir in Fragen der Sexualethik entscheiden, hängt maßgeblich von unserem Schriftverständnis und von unserer Hermeneutik[1] ab,“ schreibt Matthias C. Wolf zurecht. Deshalb ist es nur konsequent, dass sich der erste Beitrag von Dr. Bernhard Olpen zunächst der Frage nach dem Schriftverständnis in seiner geschichtlichen Entwicklung und seinen Konsequenzen für die Sexualethik widmet. Dazu gibt Olpen einen hochinteressanten Überblick von den ersten Kirchenvätern bis heute. Er zeigt dabei auf: Trotz Unterschieden im Detail war bis zur Aufklärung die Sichtweise dominant, dass die ganze Bibel inspiriert und von Gottes Geist eingehaucht ist. Luther ging zudem „das Wagnis ein, den literarischen Sinn der Schrift für ausreichend klar und aussagekräftig zu halten. Eine Grundannahme, die fortan für den Protestantismus grundlegend geworden ist“.

Erst mit der Aufklärung begann eine Sichtweise, in der der Bibeltext selbst nicht mehr unmittelbar als Wort Gottes betrachtet wurde. Die Trennung von Schriftwort und Offenbarung hatte auch für die Sexualethik gravierende Konsequenzen. Von den Kirchenvätern bis zu den Reformatoren war zuallermeist noch die Ehe als der einzig legitime Ort für Geschlechtsverkehr angesehen worden. Auch Mitte des 19. Jahrhunderts prägten noch „evangelikale Ideen über Moral und Sex die Kultur der Mittelklasse in England“, u.a. getrieben durch den Einfluss bekannter Erweckungsprediger wie John Wesley. Ebenso ging der deutsche Pietismus noch weitgehend von einer Klarheit und „Vollkommenheit der Schrift“ (J. A. Bengel) aus und „hielt in Anlehnung an Luthers Schriftverständnis an der Ehe als einzig legitimem Ort gelebter Sexualität fest.“ Erst in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts setzte sich in Bezug auf die Sexualethik eine Sichtweise durch, die nicht nur den Bibeltext sondern auch „zeitbedingte Anschauungen zur Grundlage macht“. Beispielhaft verweist Olpen auf die vieldiskutierte EKD-Orientierungshilfe „Zwischen Autonomie und Angewiesenheit“ sowie auf die Arbeit von „Worthaus“:

„Siegfried Zimmer, einer der Initiatoren, versucht in der Darlegung seines Bibelverständnisses zwar eine vermittelnde Rolle einzunehmen, folgt in der Praxis jedoch dem Argument der veränderten gesellschaftlichen Wirklichkeit, die zu einer Neubewertung biblischer Texte führen müsse. Schriftstellen mit einem sexualethischen Bezug versteht er als zeitgebundene Dokumente einer vergangenen Zeit, die heute keine Gültigkeit mehr beanspruchen können. Er geht dabei so weit, einer Mutter, die von ihrem Sohn erwartet, mit Sex bis zur Ehe zu warten, eine „perverse Ethik“ zu unterstellen. Ähnlich wie die Verfasser der EKD-Orientierungshilfe stellt er normative und deskriptive Aussagen auf die gleiche Ebene und kommt zu dem Schluss, wer aus der Schrift herauslesen wolle, dass Sex vor der Ehe keine biblische Option sei, müsse sich auch für Polygamie, möglichst frühe und möglichst durch die Eltern arrangierte Ehen, Kinderreichtum und das Patriarchat aussprechen. Dass die Schrift selbst eine Bewertung der hier undifferenziert nebeneinandergestellten Texte und Modelle vornimmt, gerät ihm dabei völlig aus dem Blick. Unter dem Label „postevangelikal“ hält diese Form der Hermeneutik auch Eingang in das gemeindliche Leben freikirchlicher Strukturen…“

Marcel Locher geht noch genauer auf Zimmers Worthaus-Vortrag über christliche Sexualethik ein. Dort führt Zimmer „unterschiedliche historische Argumente an, welche die „konservative“ Sichtweise theologisch und ethisch infrage stellt. Auf diese historischen Argumente gründet Siegfried Zimmer seine Sexualethik. Armin Baum greift Zimmers historisch begründete Kritik an der „konservativen“ Sexualethik auf.[2] Baum entkräftet Zimmers Position mit überzeugenden wissenschaftlich-historischen Argumenten. Er verdeutlicht durch seine sachliche wissenschaftliche Herangehensweise, dass Zimmers Argumentation historisch nicht haltbar ist, und belegt damit, dass die daraus resultierenden sexualethischen Positionen nicht überzeugen können. Somit sind wir in dieser Fragestellung auf die ethische Norm der Schrift verwiesen und können diese nicht als kulturbedingt relativieren. Daher ist die ethische Weisung der Schrift bezüglich des Geschlechtsverkehrs vor der Ehe auch in unserer Zeit von Bedeutung.“

Olpen beschließt seinen Beitrag zum Thema Schriftverständnis und Sexualethik mit einem Fazit: „Eine biblische Hermeneutik, die den eigenen Verstehenshorizont zum Maßstab des Verstehens Gottes und der Schrift macht und die Maßstäbe einer weitgehend säkularisierten Mehrheitsgesellschaft mehr oder weniger unkritisch oder wertneutral als gesetzt ansieht, kann der Zeit, in der wir leben, nichts Wesentliches und Normschöpfendes bieten. Sie steht immer in der Gefahr, in der sie umgebenden Gesellschaft aufzugehen, statt ihr ein Gegenüber zu sein.“

Von der Wichtigkeit gründlicher theologischer Arbeit

Ganz ähnlich wie Olpen baut auch Matthias C. Wolff seine Ausführungen auf der soliden Grundlage des reformatorischen „Sola Scriptura“ und der sich selbst auslegenden Bibel auf. Er macht aber auch deutlich: Bibelstellen können nicht ohne weiteres wörtlich 1:1 auf heutige Situationen übertragen werden. Der biblische Gesamtkontext, die innerbiblische Gewichtung, die Textgattung und der historische Kontext müssen beachten werden, um klären zu können, welche konkreten ethischen Normen in unserem heutigen gesellschaftlichen Umfeld aus der Bibel abzuleiten sind: „Die Bibel ist Gottes Wort, aber sie ist nicht an uns geschrieben worden; sie ist stets Gottes Wort für uns, aber nicht immer Gottes Gebot an uns.“ Trotzdem spricht die Bibel nicht nur in ihre Zeit, denn „sie ist auch Gottes Reden für uns und vermittelt allgemeingültige Prinzipien für das Heil und das Zusammenleben der Menschen. Eine oberflächliche und meist willkürliche Eingrenzung von biblischen Anweisungen auf die damalige Zeit wird ihrem Selbstzeugnis und dem Anspruch der biblischen Theologie nicht gerecht.“

Und was lehrt die Bibel nun?

Als zeitlos gültige biblische Botschaft arbeitet Matthias Wolff zum einen heraus, dass Sexualität in der Bibel durchweg bejaht wird. „Erst durch die Begegnung mit Strömungen der griechisch-hellenistischen Philosophie und dem damit verbundenen Zug zur Verachtung des Leibes wie der irdischen Welt überhaupt fand eine Malefizierung der Sexualität über neuplatonisch geprägte Theologen (wie Augustinus) Eingang in das christliche Denken.“

Zugleich macht er klar: „An prominentester Stelle der biblischen Sexualethik steht der unbedingte Schutz der Ehe.“ Das bedeutet auch, „dass dem israelitischen Mann keine legitimen vor- oder außerehelichen Betätigungsräume offenstanden. Sex als folgenloses Privatvergnügen ohne Verantwortung und Konsequenzen ist dem Glauben des AT fremd.“ Und im Neuen Testament erfährt diese Linie sogar „eine ausdrückliche Verschärfung.“ So antwortete Paulus auf die Frage, wie denn mit sexuellem Verlangen umzugehen sei: „Wenn sie [gemeint sind Ledige oder Witwen] sich nicht enthalten können, sollen sie heiraten …“ (1Kor 7,9), und nicht etwa: „Habt Sex!“ oder Ähnliches.“ Wolff zitiert dazu Prof. Armin Baum: „Das ethische Prinzip, dass all diesen biblischen Texten gemeinsam ist, lautet: Je weniger Verbindlichkeit, desto weniger Intimität. Je mehr Verbindlichkeit, desto mehr Intimität. Und maximale Intimität verlangt maximale Verbindlichkeit.“ Das wird auch unterstrichen durch die Bedeutung des Begriffs „Unzucht“ (porneia, z.B. in Gal. 5,19) im Neuen Testament: „Es meint zum einen Prostitution, zum anderen aber auch jeglichen vor- und außerehelichen Geschlechtsverkehr, sowohl bei Verheiraten als auch bei Unverheirateten.“ Locher ergänzt: „Somit wird deutlich, dass für das Zeugnis der Schrift auch Geschlechtsverkehr vor und außerhalb der Ehe mit Unzucht bezeichnet wird.“

Rauen Gegenwind gab es schon immer!

Bemerkenswert ist, dass sich die christliche Gemeinde nicht erst ab dem 20. Jahrhundert, sondern auch schon in der Antike mit dieser Lehre in einem scharfen Gegensatz zu ihrem Umfeld befand:

„Der entschlossene Rückgriff auf die in der Schöpfungsordnung angelegte Unauflöslichkeit der Ehe brachte die junge Gemeinde in deutlichen Kontrast zu der sexuellen Verkommenheit der griechisch-römischen Gesellschaft. … Wer behauptet, früher sei alles einfacher gewesen, etwa weil jeder mit dem Eintritt der Geschlechtsreife geheiratet habe, oder in unserer Welt könne man mit solchen Werten nicht mehr ankommen, dem fehlt das Verständnis für die antike Umwelt der Urkirche, die das Evangelium und seine Ethik in scharfem Kontrast zum Zeitgeist unerschrocken und unter hohen Risiken verkündigt hat. „Die Menschen der Bibel standen vor denselben Herausforderungen wie wir.“

Erst Recht vor dem Hintergrund dieses wachsenden Gegenwinds stellt sich nun aber die Frage:

„Wie sollen wir dies denn leben?“

Marcel Locher zeigt auf, wie wichtig es ist, nicht nur „eine starre Prinzipienethik“ zu lehren, „welche blutleer die Lebensrealität übergeht“ und die „nicht selten die Tendenz zur Gesetzlichkeit hat. Es geht um eine Jüngerschaftsethik, die im Geist Christi geführt wird und nur aus dem Geist Gottes heraus gelebt werden kann.“ Wichtig ist auch, die hohe Sinnhaftigkeit von Gottes Geboten zu verdeutlichen. Dabei ist insbesondere darauf hinzuweisen, wie wichtig die biblischen Prinzipien für den Schutz von Kindern sind, schließlich „birgt Geschlechtsverkehr immer auch die Möglichkeit der Zeugung eines Kindes in sich. Wer diese Möglichkeit ausschließt, setzt die individuelle sexuelle Selbstverwirklichung über den verantwortungsvollen Umgang mit der eigenen Sexualität. … Schon die Aussage, dass eine Frau ungewollt schwanger geworden ist und sich nun gezwungen sieht, dass Kind abzutreiben, zeigt die dahinterstehende Tragik.“ Nur die Ehe gibt Kindern den Schutzraum, den sie brauchen, um in einem gesunden, stabilen Umfeld aufwachsen zu können.

Und wie funktioniert das in der gemeindlichen Praxis?

Dazu liefert das Buch 2 anregende Praxisbeispiele. Christian Knorr aus der Christus Gemeinde Wuppertal schreibt: „Unserer Ansicht nach kommt keine Gemeinde umhin, sich hinsichtlich biblisch-theologischer Richtlinien zum Thema „Sexualität“ zu positionieren. … Es sollte beispielsweise nicht verborgen bleiben, wenn die Gemeinde den Wert „Kein Sex vor bzw. außerhalb der Ehe“ als von der Bibel her verbindlich ansieht.“ Neben dieser Verbindlichkeit im Kern sind ihm aber offene Ränder wichtig: „Jeder Mensch soll die Möglichkeit haben, so niederschwellig wie möglich die Gemeinde kennenzulernen. So ist auch Mitarbeit in vielen Teams möglich, auch wenn jemand noch nicht gläubig ist oder die ethischen Maßstäbe der Gemeinde nicht teilt.“ Wichtig ist ihm auch: „Kein Richtlinienpapier kann für jeden Fall und für jede Lebenssituation eine klare Antwort geben. … Aus unserer Sicht wären allzu detaillierte Listen, die jeden Fall erfassen, eine Praxis gelebter Gesetzlichkeit. Ein Wert bzw. Prinzip Gottes sollte „im Herzen“ eines Christen leben und von innen nach außen gelebt werden.“ „Klar in der Sache, aber offen und wertschätzend im Umgang mit Menschen“ ist für ihn eine zentrale Handlungsdevise. Dabei ist ihm wichtig, dass „wir nur durch eine gute Beziehung und aus Liebe heraus das Recht erwerben, in das Leben von Menschen zu sprechen.“ „Beziehung kommt immer vor Erziehung.“

Auch Mark Schröder von der Elim-Gemeinde Leipzig schreibt: „Wir sind der Überzeugung, dass Gott für die Sexualität den Rahmen der Ehe gegeben hat. Sex vor der Ehe ist nicht im Sinne des Erfinders. Wer das nicht beachtet, tut sich selbst nichts Gutes. Das kommunizieren wir deutlich.“ Er ergänzt aber auch: „Wir wollen keinen mit Regeln zwingen, sondern erreichen, dass aus eigener Überzeugung gehandelt wird.“ „Unser Ziel ist nicht, dass Menschen uns etwas beweisen, sondern dass sie selbst zum reifen Handeln befähigt werden. Nur dann schafft man ein Klima, in dem auch mit Versagen ehrlich umgegangen werden kann.“ In allen Gesprächen „geht es nicht um eine Be- oder Verurteilung eines Verhaltens, sondern darum, Ermutiger zu sein, damit die Lebensführung auf den richtigen Weg kommt.“

Man kann diesem wichtigen Buch nur eine möglichst weite Verbreitung wünschen. Denn auch unter Evangelikalen ist heute leider nicht mehr klar, was in der Bibel vermittelt und in diesem Buch vielfältig erläutert und unterstrichen wird:

„Wohin mit dem Sex? – in die Ehe!“


Das Buch “Schriftverständnis und die Folgen für die Lebensführung” ist beim Forum Theologie & Gemeinde als Paperback und als E-Book erhältlich.


[1] Wolff definiert dabei den Begriff „Hermeneutik“ wie folgt: „Hermeneutik (gr. hermeneia) = Wissenschaft/Kunst der Auslegung (altgr. hermeneúein: erklären, auslegen, übersetzen). Die Hermeneutik ist die Wissenschaft der Auslegung (biblischer) Texte. Es sind die Regeln, die bei der Bibelauslegung zur Anwendung kommen. Was darf man mit biblischen Texten machen und was nicht?

[2] Armin Baum: „Vorehelicher Geschlechtsverkehr in der Antike und in der Bibel“ https://www.weisses-kreuz.de/dynamo/files/user_uploads/mediathek/Weitere/WKExtra_Zimmer_Ehe.pdf

Aktualisierung des Worthaus-Artikels

Als am 3.10.2017 der AiGG-Artikel „Worthaus – Universitätstheologie für Evangelikale?“ online ging, konnte ich nicht ahnen, welche Folgen das haben würde. Bis heute überwältigt mich die Resonanz durch Klickzahlen, Nachdrucke in verschiedenen Publikationen und teils bewegende persönliche Zuschriften. Natürlich waren auch kritische Rückmeldungen darunter. Da die Worthaus-Mediathek sich zudem ständig weiter entwickelt wurde es höchste Zeit, den Artikel zu überarbeiten und zu aktualisieren. Dabei wurden auch ein paar Fehler ausgemerzt. In der ursprünglichen Version hieß es zum Beispiel im Abschnitt „Worthaus geht ans Eingemachte“: „Der Tod sei keine Folge der Sünde sondern Teil von Gottes Schöpfung.“ Das wurde den Aussagen in Siegfried Zimmers Vortrag „Ist der Mensch unsterblich erschaffen worden?“ nicht gerecht. Richtig muss es heißen: „Der Tod sei nicht nur eine Folge der Sünde sondern Teil von Gottes guter Schöpfung.“

Oft wurde dem Artikel entgegengehalten, er würde eine einheitliche „Worthaus-Theologie“ unterstellen. Dabei war schon in der alten Version vermerkt worden: „Worthaus ist kein einheitlicher Block mit einheitlicher Theologie.“ Einzelne Worthaus-Vorträge sind nicht repräsentativ für die Meinung aller Worthaus-Sprecher. Die neue Version versucht noch stärker, Anlässe für Missverständnisse bei dieser Frage zu vermeiden.

Ich hoffe und wünsche mir, dass die Diskussion um Worthaus weitergeht. Wichtig ist mir dabei aber, dass um die Sache und Inhalte diskutiert wird, nicht um Menschen und ihre Haltung. Der Fokus auf die Sachthemen war schon immer die Absicht dieses Artikels. Er war auch bei der Überarbeitung ein wichtiger Leitgedanke. Es steht niemandem zu, anderen Christen dunkle Motive zu unterstellen. Aber eine inhaltliche Debatte um das richtige Verständnis der Bibel brauchen wir dringend. Ich hoffe, dass diese Debatte weiter zunimmt und dass dieser Artikel auch zukünftig ein wertvoller Beitrag dafür sein kann.

 

Worthaus – Universitätstheologie für Evangelikale?

6 Gründe, warum gute Grenzen ein Segen sind

Das Wort „Grenze“ wird heute oft mit „Ausgrenzung“ verknüpft. Dabei sind Grenzen lebensnotwendig. Grenzen schützen. Sie schaffen Lebens-Raum. Jede einzelne unserer Körperzellen kann nur existieren, weil sie sich mit Hilfe einer raffiniert gebauten Membran von ihrer Umwelt abgrenzt, ohne völlig dicht zu machen. Selbst Gottes neues Jerusalem kommt nicht ohne Grenzen aus (Offb. 21, 27). Sind Grenzen also spaltend und negativ oder sind sie ein Segen für die Gemeinde?

Die SPD hat ein Problem. Nachdem der Chef der SPD-Nachwuchsorganisation Kevin Kühnert Thesen vertreten hatte, die eher zu sozialistischen oder gar kommunistischen Parteien zu passen scheinen, gab es teils heftigen Unmut. Parteiinterner Streit ist Gift für die Umfrageergebnisse. Umso mehr stellt sich die Frage: Wer ist schuld am Streit? Ist Kevin Kühnert schuld, weil er Thesen vertrat, die nicht zur Ausrichtung der Partei passen und die viele SPD-Mitglieder und -Wähler für indiskutabel halten? Oder sind die Kritiker von Kevin Kühnert schuld, weil sie nicht bereit sind, auch steil klingende Thesen als Diskussionsbeitrag stehen zu lassen und als mögliche Position innerhalb der SPD anzuerkennen?

Ein ähnliches Spannungsfeld wird in letzter Zeit verstärkt auch im evangelikalen Umfeld verhandelt: Wie geht man damit um, wenn dort theologische Positionen vertreten werden, die nicht zur gemeinsamen evangelikalen Glaubensbasis passen? Ist es im wahrsten Sinne des Wortes not-wendend, sich gegen solche Positionen bewusst abzugrenzen? Oder sollte man sie stehen lassen und als mögliche Deutungen innerhalb der evangelikalen Bewegung anerkennen, um niemand auszugrenzen? Anders gefragt: Gewinnt man mehr Einheit und Ausstrahlung durch klarer ausgesprochene Grenzen? Oder ist mehr Einheit und Ausstrahlung nur durch mehr Freude an Pluralität (neudeutsch „Ambiguitätstoleranz“) und durch weite bzw. überhaupt keine Grenzen und rote Linien möglich?

Abschottung und zu enge Grenzen schaden definitiv

Natürlich gilt: Totschweigen und Abschottung hilft niemandem, zumal es im digitalen Zeitalter ohnehin nicht funktioniert. Es gehört auch für evangelikale Christen zu einer guten Bildung, nichtevangelikale Theologie und Theologen zu kennen und sich mit ihren Inhalten (kritisch) auseinander zu setzen.

Und richtig ist natürlich auch: Zu enge Grenzen schaden der Gemeinde definitiv, vor allem wenn die eigene Identität primär von der Abgrenzung lebt und nicht aus der Liebe Gottes gespeist wird. Schon Paulus hat gefordert, dass man sich in Fragen der Einhaltung von Speisegeboten oder speziellen Feiertagen nicht streiten sondern sich – selbst gegen die eigene Überzeugung – lieber am Schwächeren orientieren soll (Röm.14). Wer bei solchen Randfragen strikt auf Dogmen pocht statt flexibel zu sein, wird der Einheit der Gemeinde zur Last. In den notwendigen Fragen Einheit, in den zweifelhaften Fragen Freiheit, über allem die Liebe. Diese oft zitierte Formel scheint tatsächlich auch zur Botschaft des Neuen Testaments zu passen. Zu klären ist dabei aber natürlich die Frage: Was sind denn die notwendigen Fragen, bei denen wir unbedingt Einheit brauchen, um in den Randfragen entspannt Freiraum geben zu können?

Ohne Zweifel sind die Fragen nach der Bedeutung des Kreuzestodes und nach der Auferstehung grundlegend für den christlichen Glauben. Karfreitag und Ostern bilden ja den innersten Kern des Evangeliums. Spätestens wenn das leere Grab und das stellvertretende Sühneopfer in Frage gestellt oder in ihrer Bedeutung relativiert werden, ist dieser innerste Kern betroffen. Aber auch die Frage nach der Autorität und Vertrauenswürdigkeit der biblischen Autoren ist gerade für den Protestantismus des „Sola Scriptura“ von entscheidender und grundlegender Bedeutung. Aus mindestens 6 Gründen bin ich überzeugt, dass bei solchen zentralen Themen weise gewählte Grenzen tatsächlich äußerst wichtig und segensreich für Gemeinden sind:

Warum biblisch begründete Grenzen für die Einheit und das Gedeihen von Gemeinden unbedingt notwendig sind

1. Aus biblischen Gründen

Grenzziehung gegen falsche Lehre ist in der ganzen Bibel ein wichtiges Thema. Einige Briefe des Neuen Testaments sind in Teilen regelrechte Streitschriften gegen falsche Lehre. Das „Nehmt einander an“ (Röm.15,7) steht dort immer auf dem Fundament der apostolischen Lehre als einer verbindlichen gemeinsamen Grundlage. Dazu nur ein Zitat von vielen: „Und nun möchte ich euch, liebe Brüder, noch einmal vor solchen Leuten warnen, die die Gemeinde spalten und den Glauben anderer erschüttern. Denn sie lehren euch etwas anderes als das, was ihr gelernt habt. Haltet euch von ihnen fern!“ (Römer 16, 17)

Lehre, die der apostolischen Botschaft widerspricht, wird hier also explizit als Grund der Spaltung benannt. Paulus fand äußerst harte Worte, wenn am apostolischen Evangelium etwas verändert wird (Galater 1, 8). Er hat sich nicht gescheut, auch Petrus öffentlich zu kritisieren, als er den Eindruck hatte, dass dessen Verhalten in Bezug auf wichtige Inhalte des Evangeliums falsche Signale sendete (Gal.2,11-14). Jesus hat falsche Aussagen häufig gekontert mit der Aussage: „Habt ihr nicht gelesen?“ Der Schriftbeweis war für ihn also entscheidend. Ringen um Wahrheit und christliche Einheit jenseits von Gottes Wort und Gebot kennt die Bibel nicht.

Natürlich gründet die Einheit der Kirche letztlich nicht auf einem dogmatischen System sondern auf der Person Jesus Christus. Aber auch „Jesus Christus“ bleibt ohne christliche Lehre, die objektiv gültige Schriftaussagen herausarbeitet, eine Nebelkerze. Denn es stellt sich ja die Frage: Welcher Jesus Christus ist gemeint? Der Jesus des Neuen Testaments? Oder ein „historischer Jesus“ aus der liberalen Theologie, der gerade dadurch sichtbar wird, dass er sich von der frühchristlichen Christologie unterscheidet? Wenn derart gegensätzliche Konzepte zum Begriff „Christus“ im Raum stehen, dann kann Christus nicht mehr das verbindende Fundament der Kirche sein. Die Bibel hat zwischen Gottes verschriftlichtem Wort und Christus nie einen Gegensatz konstruiert. Im Gegenteil: „Die Schriften … sind es, die von mir zeugen.“ (Johannes 5, 39) Die Grenzen der Schrift müssen deshalb gerade auch im Hinblick auf Christus die Grenzen der Gemeinde sein.

2. Aus Gründen der Glaubwürdigkeit der kirchlichen Botschaft

Das leere Grab wird im Neuen Testament vielfältig beschrieben. Es ist DIE Kernbotschaft der Evangelisten. Man kann normalen Menschen kaum erklären, warum sie die biblischen Autoren für vertrauenswürdig und die Bibel für relevant halten sollen, wenn selbst diese allerzentralsten Berichte erfundene Geschichten sind, die die Kirche jahrtausendelang auf eine falsche Fährte geführt haben. Das stellvertretende Sühneopfer zieht sich wie ein roter Faden quer durch die ganze Bibel. Wenn selbst diese allerzentralste Botschaft nicht klar ist sondern höchstens eine von vielen möglichen Deutungen darstellt, dann ist eigentlich nichts mehr klar in der Bibel. Dann gibt es keine Botschaft mehr, die Christen ganz einfach fröhlich gemeinsam glauben, bekennen und besingen können.

Das größte Problem daran ist: Kein Mensch weiß aus sich heraus etwas darüber, wer und wie Gott ist und was nach dem Tod geschieht. Auch die Kirche Jesu hat bei den existenziellen Ewigkeitsfragen keine Autorität aus sich selbst heraus, sondern nur als Botschafter von Gottes zeitlosem Wort und Gebot. Sie kann nur deshalb Trost und Antworten für die grundlegenden Ewigkeitsfragen der Menschen geben, weil sie aus einer göttlichen Erkenntnisquelle schöpft, die außerhalb ihrer selbst liegt. Die Menschen haben ein feines Gespür dafür, ob Kirche aus der Autorität einer zeitlosen Wahrheit heraus handelt oder ob sie den Menschen nach dem Mund redet. Ohne biblischen Maßstab und ohne Klarheit über die biblische Botschaft gibt es auch zu den existenziellen Ewigkeitsfragen nur noch Meinungen – und zwar die, die sich am lautesten durchsetzen. Wen soll man damit trösten? Es ist kein Wunder, wenn die Botschaft der Kirche nicht mehr wahrgenommen oder zumindest als irrelevant für das eigene Leben empfunden wird, wenn die Kirche selbst ihre eigene und einzige Informationsquelle bezweifelt.

3. Aus historischen Gründen

Die Kirchengeschichte enthält viele Beispiele, die einen positiven Zusammenhang zwischen dem Festhalten an der biblischen Lehre und dem Gedeihen der Kirche nahelegen. In der Reformation stand die unbedingte und alleinige Gültigkeit von Gottes Wort sogar im Zentrum. Laut Wikipedia haben sich auch die unterschiedlichsten Erweckungsbewegungen in der Zeit nach der Reformation dadurch ausgezeichnet, dass sie „ein ursprüngliches Verständnis eines direkt aus der Bibel entnommenen Evangeliums“ teilten. Diese Erweckungsbewegungen waren also immer auch Bibelbewegungen, in denen die Autorität von Gottes Wort in besonderer Weise hochgehalten wurde. Christen haben zudem ganz offenkundig schon immer gespürt: Wir müssen klären und definieren, woran wir glauben und was unser gemeinsamer Grund ist. Deshalb gab es schon von Anbeginn der Kirchengeschichte Glaubensbekenntnisse und später auch Katechismen und Dogmatiken, die immer auch den Zweck hatten, gegenüber falschen Lehren Grenzen zu ziehen und damit die Kirche Jesu zu schützen.

4. Aus Gründen der Transparenz und Vertrauenswürdigkeit

Auch heute noch veröffentlichen die meisten Kirchen, Gemeinden und christliche Organisationen ihre Glaubensgrundlagen im Internet. Menschen wollen wissen, was in einer Organisation, für die sie sich interessieren, geglaubt und vertreten wird. Wenn sich herausstellt, dass man sich in Wahrheit über diese Grundlagen überhaupt nicht mehr einig ist, dann führt das zwangsläufig zu einem Vertrauens- und Glaubwürdigkeitsverlust. Wie sollen die Menschen der evangelischen Kirche vertrauen, wenn  einerseits bei jeder Konfirmation und jeder Taufe das Nachsprechen des apostolischen Glaubensbekenntnisses verlangt wird, während zugleich an ihren Ausbildungsstätten diskutiert wird, ob man die Jungfrauengeburt, die leibliche Auferstehung und das jüngste Gericht heute noch im Sinne der biblischen Autoren glauben kann?

5. Aus empirischen Gründen

Gemeindewachstum hängt von vielen Faktoren ab. Deshalb ist es schwierig, den Einfluss der theologischen Prägung auf das Gedeihen einer Gemeinde zu messen. Trotzdem gibt es Hinweise: Eine umfangreiche kanadische Studie mit dem Titel „Theologie zählt“ hat 2016 untermauert, dass konservative Theologie mit starken gemeinsamen Überzeugungen ein wichtiger Faktor für das überdurchschnittliche Wachstum theologisch konservativer Gemeinden darstellt. In seinem Buch „Natürliche Gemeindeentwicklung“ hat der Gemeindewachstumsexperte Christian Schwarz als ein Ergebnis seiner systematischen Untersuchung von 45.000 Gemeinden aus der ganzen Welt angemerkt: „Das Theologiestudium hat eine stark negative Beziehung sowohl zum Wachstum als auch zur Qualität der Gemeinde.“ Gemeinden, deren Leiter durch ein bibelkritisches Theologiestudium gegangen sind, leiden demnach statistisch gesehen häufiger unter Qualitätsproblemen und Mitgliederverlust. Auch der Religionssoziologe Prof. Detlef Pollack äußerte im Jahr 2017, dass es der evangelischen Kirche ausgerechnet dort am besten gehe, „wo sie evangelikal sei oder sogar fundamentalistisch.“

6. Aus Gründen der praktischen Gemeindearbeit

Ich erlebe es in meiner eigenen Gemeinde: Als Leitungsgremium müssen wir immer wieder entscheiden, wofür wir unsere begrenzten Kräfte, Ressourcen und Finanzen einsetzen wollen. Dafür brauchen wir ein gemeinsames Verständnis, was eigentlich der Auftrag einer christlichen Gemeinde ist. Geht es primär um Mission, Jüngerschaft und Anbetung? Oder stehen soziales Engagement, religiöse Bildung und kulturstiftende Tätigkeiten im Vordergrund? Selbst bei einem gemeinsamen Verständnis in dieser Grundfrage ist es herausfordernd genug, angesichts unterschiedlicher Charaktere, Prägungen, Erfahrungen und Ideen die Einheit zu wahren. Aber wenn schon die Frage nach dem Auftrag der Gemeinde grundsätzlich verschieden beantwortet wird, dann bleibt erfolgreiche Gemeindeleitung ein ähnlich aussichtsloses Unterfangen wie eine Fußballmannschaft, die sich nicht einigen kann, auf welches Tor sie schießen soll. Keine Firma der Welt kann wachsen, wenn die Chefetage sich auf kein gemeinsames Ziel einigen kann. Es ist kein Wunder, dass das auch in christlichen Gemeinden nicht funktioniert.

Wir brauchen Richtungsgemeinden mit Profil

Deshalb bin ich überzeugt: Die Öffnung für eine Theologie, die die Bibel auch nach bibelwissenschaftlicher Klärung der Aussageabsicht im echten Sinne kritisiert und dem “wissenschaftlichen Zweifel” unterwirft, wird christlichen Gemeinschaften auf Dauer ihre missionarische Kraft und ihre Wachstumspotenziale rauben. Und sie wird am Ende noch viel tiefer und nachhaltiger die Einheit untergraben, die man durch die Öffnung eigentlich bewahren wollte. Mir ist bewusst, dass der allgemeine Trend zur Pluralisierung auch in evangelikalen Gemeinschaften Druck erzeugt, zunehmend pluralere Standpunkte anzuerkennen, wenn man Streit und Spaltung vermeiden möchte. In der Praxis führt das immer wieder zu (auch seelsorgerlich) schwierigen Fragen, auf die es auch aus meiner Sicht keine einfachen, allgemeingültigen Antworten gibt. Trotzdem bin ich letztlich überzeugt: Ein gemeindeinterner Spagat zwischen geradezu gegensätzlichen Überzeugungen in Kernfragen des Glaubens kann zumindest auf der Leitungsebene nicht auf Dauer fruchtbar sein. Wir brauchen Richtungsgemeinden mit Profil. Dafür müssen Gemeindeleitungen es wagen, in theologischen Fragen Position zu beziehen und damit zwangsläufig auch begründete Grenzen zu setzen.

Die Ausformung dieser Grenzen werden unterschiedliche Gemeinden im Detail unterschiedlich gestalten. Es kann in solchen Fragen nicht darum gehen, sich gegenseitig das Daseinsrecht oder gar den Glauben abzusprechen. Umgekehrt ist es aber aus den genannten Gründen auch bei weitem nicht immer Ausdruck von Angst, Kleingeistigkeit, Scheuklappen, Richtgeist oder Abschottungsmentalität, wenn Christen zu dem Schluss kommen, dass Gemeinden an biblisch begründeten Grenzen in der christlichen Lehre unbedingt festhalten und auf Grenzüberschreitungen kritisch und mit biblischen Argumenten aufmerksam machen sollten, um Menschen Orientierung zu geben. Wichtig ist dabei unsere Motivation: Die Liebe zu Christus, zu seinem Wort, zu seiner Kirche und zu den Menschen muss uns leiten – nicht die eigene Rechtfertigung. Aus dieser Liebe heraus brauchen wir eine neue Debatte, wie die Kirche Jesu wieder Einheit und Ausstrahlung gewinnen kann und was uns die Apostel und Propheten dafür ins kirchliche Stammbuch geschrieben haben.

Die Frage nach guter Lehre ist kein Randthema. Die Verkündigung gehörte neben dem Gebet zu den zwei Hauptaufgaben der ersten Gemeindeleiter (Apg. 6,4). Das zeigt: Gute, auf der Schrift gegründete Lehre ist zwar nicht alles. Aber ohne sie ist alles nichts. Ohne sie bleiben auch die frischesten Gemeindeformen nur schöne Verpackung. Ohne sie verkommen auch die kraftvollsten Bewegungen des Heiligen Geistes zur Schwärmerei. In den notwendigen Fragen Einheit, in den zweifelhaften Fragen Freiheit, über allem die Liebe. Das heißt eben auch: Wenn wir aus Angst vor Streit die Debatte zu richtigen und falschen Antworten auf die zentralen Fragen des Glaubens meiden, dann tun sich die Gräben irgendwann umso mehr bei den Nebenfragen auf. Auch hinter den teils heftigen Debatten unter Christen um Ethik oder um politische Fragen verbergen sich bei genauem Hinsehen oft unterschiedliche Weichenstellungen bei den Kernfragen des Glaubens. Einheit ist ein hohes Gut im Neuen Testament. Biblisch begründete und klärende Grenzen in den wichtigen Glaubensfragen sind dafür ein wertvoller und letztlich unverzichtbarer Beitrag.

Das schwarze Loch und der Vater des Lichts

Ist Jesus wirklich auferstanden? Hat ein Schöpfer die Welt erschaffen? Mit wissenschaftlichen Mitteln können wir das nicht prüfen. Gott und seine Wunder entziehen sich einer naturwissenschaftlichen Beobachtung. An die Schöpfung und die Auferstehung können wir nur glauben – oder auch nicht.
 
Wirklich?
 
Vor einigen Tagen haben Wissenschaftler ein “Foto” eines schwarzen Lochs veröffentlicht. Vom schwarzen Loch ist auf dem Bild allerdings nichts zu sehen. Schwarze Löcher entziehen sich einer direkten Beobachtung, denn sie sind so stark, dass sie alles um sich herum aufsaugen, sogar das sie umgebenden Licht. Untersuchen und bildlich darstellen kann man nur die Auswirkungen des schwarzen Lochs: Heiße Gaswirbel, die schwarze Löcher umkreisen und darauf hinweisen, dass sich im Zentrum ein unfassbar starkes Kraftfeld befindet.
 
Auch die Auswirkungen der Schöpfung können wir untersuchen:
 
Und wir können die Auswirkungen der Auferstehung untersuchen:
 
  • Eine extrem dynamische Bewegung, die direkt am Ort und in der Zeit des Geschehens begann, der schon nach 30 Jahren der Brand Roms in die Schuhe geschoben wurde, die nach 300 Jahren gegen massivste Widerstände den gesamten Mittelmeerraum erobert hatte und den römischen Kaiser zwang, das Christentum zur Staatsreligion zu machen
  • Zahllose Zeugen, die bereit waren, für die Botschaft der Auferstehung alles aufzugeben und den Märtyrertod zu sterben – inklusive dem leiblichen Bruder Jesu (wie der Nichtchrist Josephus berichtet)
  • Zahllose Menschen, die völlig entgegen ihren Traditionen plötzlich anfingen, den Auferstehungssonntag statt den Samstag zum Feiertag zu machen und einen elend gekreuzigten Zeitgenossen als Gott und Herrn anzubeten
Was ist im Zentrum all dieser Beobachtungen? Zufall? Einbildung? Betrug? Alle Versuche, die Fakten auf natürlichem Weg zu erklären sind kläglich gescheitert. Es ist offensichtlich: Im Zentrum von all dem ist die stärkste Kraft des Universums: Gott selbst, der das Leben erschaffen und den Tod überwunden hat.
 
Die Wissenschaft kann den Schöpfer und den Herrn des Lebens nicht untersuchen. Aber sie kann die Spuren untersuchen, die er hinterlassen hat. Wo sie es mit offenem Herzen tut stößt sie nicht auf ein schwarzes Loch – sondern auf den Vater des Lichts.

Weiterführend zum Thema Schöpfung:

Weiterführend zur Auferstehung Jesu:

Das geplante Universum – Wie die Wissenschaft auf Schöpfung hindeutet

In den letzten Monaten sind mir eine Reihe von Theologen begegnet, die der Überschrift dieses Artikels wohl entgegnen würden: Wer mit der Wissenschaft die Existenz eines Schöpfers begründen will begeht von vornherein einen grundlegenden Kategorienfehler. Denn Wissenschaft und Religion bewegen sich auf 2 vollständig verschiedenen Ebenen.

Richtig daran ist: Mit Mitteln der Naturwissenschaft ist das Wesen und der Charakter eines Schöpfers ebenso wenig greifbar wie die Wunder, von denen die Bibel berichtet. Denn naturwissenschaftliche Methoden erfassen nur das Beobachtbare, das festen Gesetzmäßigkeiten gehorcht und deshalb überall auf der Welt in Experimenten wiederholbar ist. Was die Wissenschaft aber sehr wohl untersuchen kann sind die Spuren, die ein Schöpfer möglicherweise hinterlassen hat. In ihrem Buch „Das geplante Universum“ haben sich Markus Widenmeyer, Tobias Holder, Boris Schmidtgall und Peter Trüb auf diese Spurensuche gemacht und dabei eindrücklich dargelegt, wie stark gerade die Naturwissenschaft dafür spricht, dass das Leben und das Universum auf das Wirken eines intelligenten Geistes zurückgehen müssen. Denn wer mit den Augen eines Naturwissenschaftlers auf das Universum, die Erde und die Lebewesen schaut, stößt dort regelmäßig auf höchst funktionale Konstruktionen, die ganz offenkundig gezielt lebensfreundlich konzipiert sind und die gemäß all unserer Erfahrung und unserer empirischen Forschung unmöglich ein Resultat von absichtslosen, zufälligen Prozessen sein können. „Der Eindruck intelligenter Planung ist überwältigend“ schrieb der Physiker Paul Davies angesichts unseres Universums“ (zitiert auf S. 132).

Um diese These zu untermauern betrachten die Autoren die Welt aus mathematischer, physikalischer, chemischer und biologischer Sicht. Obwohl das Buch auch für Laien gut lesbar ist merkt man schnell: Diese Leute sind vom Fach! Markus Widenmeyer hat Chemie und Philosophie studiert. Tobias Holder promovierte am Max-Planck-Institut für Festkörperforschung. Boris Schmidtgall ist Chemiker, Peter Trüb ist ein Teilchenphysiker, der zwischenzeitlich mit der Berechnung von 22,4 Billionen Dezimalstellen der Zahl pi sogar einen Weltrekord aufgestellt hatte. Eine erste bedeutende Feststellung des Autorenteams stammt dementsprechend auch aus dem Feld der Mathematik: „Gemeinsam mit großen Wissenschaftlern wie Galileo Galilei oder Eugene Wigner kann man mit Fug und Recht sagen, dass unser Universum in der Sprache der Mathematik geschrieben ist.“ (S. 35) In einem „ungeplanten Universum“ ist das ebenso wenig selbstverständlich wie die Tatsache, dass es Naturgesetze gibt. Wer hat diese Gesetze „erlassen“? Und warum folgen sie vergleichsweise simplen, symbolisch elegant darstellbaren mathematischen Formeln? „Naturgesetze sind natürlich naturwissenschaftlich erfassbar. Sind sie aber wirklich auch naturwissenschaftlich erklärbar?“ (S. 11) Dazu stellen die Autoren fest: Nur der Theismus ist „im Einklang mit der Tatsache, dass Naturgesetze keinen abschließend erklärenden, sondern im Grunde nur einen beschreibenden Charakter haben.“ (S. 13)

Absolut faszinierend ist darüber hinaus, dass die Naturgesetze ebenso wie die Naturkonstanten und die Massen der Elementarteilchen höchst präzise genau so „konstruiert“ und fein aufeinander abgestimmt sind, dass biologisches Leben möglich ist. Die Tatsache, dass die Masse in unserem Universum weder in sich zusammensackt noch unkontrolliert auseinanderdriftet sondern stabile Strukturen für einen lebensfreundlichen Planeten bildet, ist extrem erstaunlich. In einem „zufälligen Universum“ dürfte man das niemals erwarten.

Auch in der Chemie setzt sich dieses Muster fort: „ An den Beispielen Kohlenstoff, Sauerstoff, Wasserstoff, Stickstoff und Phosphor haben wir gesehen, dass viele Elemente maßgeschneiderte, einzigartige und dabei nach allem, was wir wissen, unverzichtbare Eigenschaften für eine komplexe, funktionale Chemie besitzen, wie sie für organisches Leben nötig ist. … Eine geringfügige Veränderung der Parameter, die dem Baukastensystem zugrunde liegen, würde das ganze System zusammenbrechen lassen.“ (S. 101)

Alle diese perfekten Eigenschaften der Elemente würden aber nichts nützen ohne den extrem außergewöhnlichen energetischen Zustand des Universums: „Der … Zustand des Universums ist … mit einem Ritt auf der Rasierklinge zu vergleichen – und zwar in einer ganz extremen Weise. Weder ist die Energie statistisch gleichmäßig über den Raum verteilt, noch liegt sie räumlich zusammengeklumpt … Vielmehr liegt die Energie hochgradig ungleichmäßig vor, äußerst weit entfernt von einem Gleichgewichtszustand“ … und zwar konzentriert auf einen „Volumenanteil von rund 10-44 des Universums; andererseits ist sie aber auf rund 1080 Portionen verteilt.“ (S. 70/71) „Der Zustand unseres Universums ist also eine Besonderheit mit einer statistischen Unwahrscheinlichkeit, die jede Vorstellung sprengt, nämlich eins zu 10 hoch 10123!“ (S. 72)

Für mich als Biologen ist darüber hinaus natürlich die Frage nach der Entstehung des Lebens besonders spannend. Dazu stellen die Autoren fest: „Charles Darwin ahnte nicht ansatzweise, welche Komplexität biologischem Leben zugrunde liegt. Auch heutige Ingenieure können von vergleichbaren Konstruktionen auf technischer Ebene nur träumen.“ (S. 75) Entsprechend hat kein Biologe bis heute eine auch nur einigermaßen vielversprechende Idee, wie die phantastisch komplexen molekularen Maschinen, die in jeder einzelnen unserer Zellen höchst zuverlässig arbeiten, durch absichtslose Prozesse von selbst entstanden sein könnten.

Die bemerkenswerteste Eigenschaft unseres Universums ist wohl der Umstand, dass wir Menschen einen selbst-bewussten Geist haben, der über das Universum und seine Herkunft nachdenkt, der Mathematik und Philosophie betreibt und nach Moral, Ethik, Liebe und Schönheit fragt. Wie kann geistlose Materie Geist hervorbringen? Auch hier zeigt sich die Stärke der These einer geistigen Verursachung des Universums: „Der Theismus … steht … harmonisch mit der Tatsache im Einklang, dass es mit uns Menschen Geist in der Welt ohnehin gibt.“ (S. 140)

Nun ist all das im strengen Sinne natürlich kein Beweis für Gott. Schließlich ist nicht immer das richtig, was augenscheinlich naheliegend ist. Könnte es für die Feinabstimmung des Universums vielleicht trotzdem eine rein materielle Erklärung geben? Die Autoren behandeln verschiedene solcher Erklärungsversuche. Der berühmteste ist wohl das sogenannte „Multiversum“. Dieses Konzept geht „von der spekulativen Annahme aus, dass es einen Mechanismus gibt, der unendlich viele oder zumindest unvorstellbar viele Teiluniversen hervorbringt. Dabei soll der Mechanismus idealerweise nicht nur die Anfangsbedingungen, sondern auch die Naturkonstanten und vielleicht auch einige Aspekte der naturgesetzlichen Struktur variieren.“ (S. 120) Die Idee dahinter ist: Auch der unwahrscheinlichste Zufall wird irgendwann wieder wahrscheinlich, wenn die Anzahl der Optionen, in denen dieser Zufall eintreten könnte, ausreichend groß ist. So populär dieser spekulative Erklärungsversuch auch ist: Er erklärt eigentlich gar nichts. Denn: „Ein reales Multiversum setzt … zuerst ganz konkret ein produzierendes System für unzählige Dinge voraus.“ (S. 123) Woher kommt dieses produzierende System mit seinen feinabgestimmten Eigenschaften? Das grundlegende Problem des Multiversum-Ansatzes betrifft auch alle anderen Erklärungsversuche, die immer wieder vorgebracht werden: Es löst das Problem der Unwahrscheinlichkeit nicht, es verschiebt es nur! Entsprechend folgern die Autoren: „Erklärungsversuche der Feinabstimmung müssen an irgendeiner Stelle von speziellen Naturgesetzen und Randbedingungen ausgehen, die nicht weiter erklärbar sind. In diesen wäre dann die ganze Information der strukturellen Ordnung des Universums verpackt, sie selbst bleibt radikal unerklärt. … Bei allen innerweltlichen Erklärungen muss (mindestens) ein ähnliches Maß an Komplexität und Spezifität vorausgesetzt werden, wie es eigentlich zu erklären wäre. Der enorm unwahrscheinliche Zufall bleibt bestehen und kann substanziell nicht wegerklärt werden.“ (S. 150)

Die Autoren folgern deshalb zurecht: „Wir wissen, dass das Hervorbringen von komplexen, für einen bestimmten Zweck präzise maßgeschneiderten Objekten etwas mit Intelligenz und Geist zu tun hat. Das wissen wir zumindest in allen Fällen, bei denen der Ursprung der Objekte geklärt ist. Wir wissen, dass das Entwickeln und Anwenden mathematischer Konzepte ebenso etwas mit Intelligenz und Geist zu tun haben. Sowohl für die maßgeschneiderte Struktur einer Leben ermöglichenden Physik und Chemie als auch für die mathematischen Konzepte, die unser Universum regieren, ist es naheliegend, eine intelligente Person, einen Schöpfer anzunehmen.“ (S. 134) „Wir schlussfolgern, dass ein transzendentes, geistiges Wesen von sehr großer Intelligenz und Macht dieses Universum gewollt, geplant und hervorgebracht hat. Und dieses Wesen nennen wir Gott.“ (S. 150)

Sind wir Menschen ganz bewusst gewollte Geschöpfe? Oder sind wir Produkte des Zufalls und „Zigeuner am Rande des Universums“, das „für seine Musik taub ist und gleichgültig gegen seine Hoffnungen, Leiden oder Verbrechen“[1]? Diese Fragen sind für jeden Menschen existenziell. Sie sind eng mit der Frage nach unserer Identität, nach dem Sinn des Lebens, dem Wert und der Würde des Menschen verknüpft. Auch die Fragen nach Moral, Ethik, nach der Realität des freien Willens und der Verantwortung des Menschen hängen eng damit zusammen. Die Frage nach unserer Herkunft ist deshalb selbstverständlich auch für den christlichen Glauben höchst relevant. Nach vielen Jahrzehnten, in denen die Naturwissenschaft zumeist als überlegener Feind des Christentums dargestellt wurde, ist es eine bedeutende Nachricht, dass die Naturwissenschaft heute deutlicher denn je bestätigt, dass die biblische Annahme eines Schöpfers von den wissenschaftlichen Fakten klar gestützt wird. Es ist traurig, dass dieser Umstand bislang auch unter Christen noch so wenig bekannt ist und von einigen Theologen sogar immer noch bekämpft und belächelt wird[2]. Noch trauriger ist, dass unseren Schülern nach wie vor häufig das völlig schiefe Bild vermittelt wird, dass man die „Hypothese Gott“ für die Erklärung der Existenz des Universums und des Lebens nicht brauche[3].

Der Rückschluss von der naturwissenschaftlichen Faktenlage auf einen Schöpfer beruht dabei nicht – wie oft behauptet – auf immer kleiner werdenden Erklärungslücken. Es geht nicht um einen „Lückenbüßergott“, der eines Tages dem wachsenden wissenschaftlichen Fortschritt vollends zum Opfer fällt. Wer so argumentiert, übersieht mindestens 3 Dinge:

  • Erstens handelt es sich bei den ungeklärten Fragen ja nicht um „Lücken“, denn das würde ja nahelegen, dass die meisten Dinge schon erklärt wären. Neben all den Ungereimtheiten der Evolutionstheorie (z.B. der hochgradig diskontinuierliche Fossilbericht[4]) geht es bei den offenen Fragen ja um die absolut zentralen und grundsätzlichen Themen, die sich im Blick auf die Entstehung des Universums und des Lebens stellen: Wie kann hochspezifische Ordnung, zweckdienliche Information, Zielgerichtetheit und Geist durch geist- und ziellose, zufällige Prozesse entstehen?
  • Zweitens sind diese ungeklärten Fragen in den letzten 160 Jahren seit Darwin ja gerade nicht kleiner sondern mit dem wachsenden Wissen über die Komplexität des Lebens, die Feinabgestimmtheit des Universums und das Wesen von digitaler Information immer größer geworden – was im Trend für die Annahme spricht, dass schlüssige materialistische Erklärungen nachhaltig nicht gefunden werden können.
  • Drittens verzichtet die Annahme eines geistigen Verursachers ja gerade darauf, ungeklärte Fragen durch außerwissenschaftliche Annahmen „wegzuerklären“, so wie es der Materialismus tut mit der Annahme, dass man in Zukunft ganz bestimmt noch materialistische Erklärungen für die offenen Fragen finden werde. Das Zulassen der Option einer geistigen Verursachung wäre hingegen nur dann außerwissenschaftlich, wenn man aufgrund einer philosophischen Entscheidung den methodischen Atheismus der Naturwissenschaft derart verabsolutiert, dass auch ein punktuelles Schöpfungshandeln von vornherein prinzipiell ausgeschlossen wird. Das käme aber einer Beschneidung des freien, ergebnisoffenen wissenschaftlichen Denkens und Forschens gleich.

Die Annahme eines schöpferischen Geistes beruht nicht auf dem, was wir nicht wissen sondern auf dem, was wir wissen: Hochspezifische Ordnung und zweckdienliche codierte Information lässt gemäß allen unseren Beobachtungen, Erfahrungen und empirischen Ergebnissen immer auf einen geistigen Verursacher schließen. Der Rückschluss von den Eigenschaften unserer Welt auf einen Schöpfer ist deshalb in hohem Maße vernünftig und faktenbasiert. Ich finde: Gerade junge und sinnsuchende Menschen sollten die eindrücklichen Fakten dazu kennen, damit sie die Chance haben, sich selbst ein Bild zur Frage nach ihrer Herkunft und ihrer Identität machen.

Ich kann deshalb dem äußerst fundierten und zugleich spannenden und gut lesbaren Buch „Das geplante Universum“ nur eine möglichst weite Verbreitung wünschen.

Das Buch „Das geplante Universum – Wie die Wissenschaft auf Schöpfung hindeutet“ ist 2019 bei SCM-Hänssler erschienen und kann hier bestellt werden.


[1] So schreibt es der Nobelpreisträger Jaques Monod in „Zufall und Notwendigkeit“, Übersetzung: Friedrich Griese, Piper Verlag, München 1971

[2] So äußert z.B. der Theologe Siegfried Zimmer: „So einfach ist es nicht, dass man sagt: Ich kucke die Welt an, und wie wenn ich ein Bild irgendwo sehe, dann sag ich doch auch, das hat jemand gemalt, und wenn ich die Welt ankucke, dann sag ich, das hat jemand gemacht. Gell: Die lieben Christlein legen es sich so hübsch naiv zurecht.“ Im Vortrag: „Die erste Schöpfungserzählung (1. Mose 1,1-2,4a) – Teil 2“ Weimar: 21. Mai 2018, online unter https://worthaus.org/worthausmedien/die-erste-schoepfungserzaehlung-1-mose-11-24a-teil-2-8-4-2/ ab 10:37

[3] Gemäß dem berühmten Ausspruch des französischen Mathematikers, Physikers und Astronomen Pierre-Simon Laplace, der im Gespräch mit Napoleon geäußert haben soll: „Gott? Diese Hypothese habe ich nicht nötig!”

[4] Siehe dazu den AiGG-Artikel: „Evolution – Welterklärungsmodell am Abgrund?“ http://blog.aigg.de/?p=4140

Echte Liebe

Stell Dir einen Mann vor, der sagt: “Ich liebe diese Frau! Aber ich liebe nur Teile von ihr. Was mir an ihr nicht gefällt, das ignoriere ich einfach. Oder ich versuche, sie zu ändern.”
Wir würden sagen: Das ist keine Liebe. Das ist ein Egotrip. Es geht Dir doch nur um Dich und Deine Bedürfnisse. Echte Liebe selektiert nicht. Sie sagt Ja zum ganzen Menschen, so wie er ist. Sie stellt diesen Menschen in den Mittelpunkt, nicht die eigenen Vorlieben.

Bei Christus gilt das gleiche. Wir können nicht sagen: Ich liebe Jesus, aber nur, wenn er von der Feindesliebe spricht und Kinder segnet. Doch wenn er die Händler im Tempel schlägt und von der Hölle redet, dann ignoriere ich das lieber.

Wir können auch nicht sagen: Ich liebe sein Wort. Aber ich nehme darin nur das ernst, was mir gut gefällt. Die schwierigen Stellen ignoriere ich. Oder ich interpretiere sie einfach um und erkläre sie für überholt.
Das ist ein Egotrip. Echte Liebe sucht den echten Jesus, so wie er ist, in allen seinen Facetten, wie die Bibel ihn uns beschreibt von 1. Mose 1 bis Offenbarung 22. Sie will immer mehr über Jesus lernen und das eigene Bild von ihm korrigieren lassen. Sie nimmt sein Wort wichtiger als Menschenworte, selbst wenn sie laut, fordernd und besserwisserisch daherkommen. Denn kein Mensch weiß etwas über Jesus, außer es wird ihm von Gott und seinem Wort offenbart.

Echte Liebe sagt: Ich liebe diesen Jesus. Ihm will ich folgen. Und wer mir etwas über ihn beibringen will, der soll es aus seinem Wort heraus tun. Denn nur auf ihn kann und will ich mich verlassen – im Leben und im Sterben.

Was soll ich tun, um das ewige Leben zu bekommen?

Renaissance einer Frage

Scheinbar bewegt sie heute niemand mehr: Die Frage nach dem ewigen Leben, die Jesus z.B. in Markus 10, 17 gestellt wurde. Zu Luthers Zeiten war sie noch hoch aktuell. Heute hingegen sind die Menschen diesseits- statt jenseitsorientiert. Die Hölle ist – wenn schon – eine Hölle auf Erden, in die man als Opfer hineingeraten kann, aber nicht wegen eigener böser Taten. Himmel ist, wenn man ein gutes Eis genießt oder einen schönen Urlaub erlebt. Aber mit dem Jenseits haben diese Begriffe nichts mehr zu tun.

Den großen Trend zur Diesseitsorientierung schildert der Theologe Patrick Becker in seinem Worthaus-Vortrag „Das vergessene Jenseits“. Er zeichnet dabei ein düsteres Bild von der Entwicklung der großen Kirchen, denen er vorhält, selbst an ihrem Relevanzverlust, ja sogar an ihrer Abschaffung beteiligt zu sein (ab Minute 36:50):

„Man kann eine Selbstmarginalisierung der Jenseitsvorstellungen in den Religionen darstellen. Und das versuche ich unter Aufgreifen des Historikers Thomas Großbölting ein bisschen zu verdeutlichen: Der hat vor ein paar Jahren ein Buch mit dem bezeichnenden Titel „Der verlorene Himmel“ geschrieben. … Er stellt fest, dass die Religionsgemeinschaften nach wie vor in Deutschland sehr stark präsent sind. … Wenn man mal mit nichtchristlicher Brille durch die Stadt läuft wird man erstaunt sein, wie viele christliche Symbole man schon allein architektonisch präsentiert bekommt. … Die Zahl der Kirchgänger ist zugleich sehr klein und weiterhin stark schrumpfend. … Das geht damit einher, dass die Kirchen zwar sehr stark politisch aktiv und einflussreich sind, aber wenig Zugriff auf das Individuum haben. … Manche Kirchen scheinen deshalb auf die Idee zu kommen, dass es klug wäre, sich auf genau diese äußeren Vorgänge zu konzentrieren … als moralische, kulturtragende Instanz, soziale Arbeit, moralische Stimme in bestimmten Gremien und eben vom Orgelkonzert bis was auch immer im Kulturbereich aktiv zu machen. Das kommt auch an. … Die Zeit ist vorbei wo der Mainstream, die Masse sich quasi an der Kirche abarbeiten würde, wo sie noch wirklich überhaupt etwas wüsste, woran sie sich abarbeiten könnte. Also man nimmt die Kirche eigentlich nur noch von außenstehend wahr und sagt dann: Ja, es ist gut, dass es Kirchen gibt. Die soll eben genau das tun: Moral und Kultur. Aber ich selbst brauch sie nicht. … Das ist ein bisschen beruhigend, weil die Kirchen dann ihren Ort haben. Aber Sie werden es erahnen, meine Grundaussage hier ist: Damit verfehlen die Kirchen exakt ihre Pointe und machen sich überflüssig. Weil Moral und Kultur tragen, dazu brauche ich nicht religiös zu sein. … Die Pointe von Religion ist eine Andere: Die Sinnstiftung. Und die funktioniert im religiösen Kontext immer unter Bezugnahme auf ein Jenseits. Und hier kommt eben diese These raus, dass die Christenheit in Deutschland … tatsächlich selbst beteiligt ist an ihrer quasi Abschaffung, an ihrem Relevanzverlust. Das sagt Thomas Großbölting … genau in der Mitte seines Buchs … : Zentral an allen diesen historischen Prozessen … ist „der Wandel des Gottesbildes und der damit verbundenen Jenseitsvorstellungen.“ … Rein historisch betrachtet – wenn er an den Beginn des 20. Jahrhunderts geht – stößt er dort auf eine Jenseitspredigt, die den strafenden Gott in den Vordergrund stellt, wo die Hölle eine reale Erwartung gepredigt wird und wo der Himmel mit einer Exklusivität ausgestattet ist. Also die Botschaft ist: Jeder Einzelne muss in seinem Leben genau aufpassen und wenn er nicht so lebt wie es eben den religiösen Vorstellungen entspricht – also moralisch – dann erwartet ihn am Ende ein dramatisches Schicksal. Um das zu verhindern muss man das irdische Leben schon danach ausrichten, was eben sich am Jenseits orientiert. … Das war so negativ belastet, dass die christliche Predigt – um überhaupt noch gehört zu werden – … genau ins andere Extrem umgeschwenkt ist: Zum lieben Gott. Es gibt dann quasi nur noch den liebenden Gott. Der Himmel ist quasi geschenkt. Das finden Sie auch in den theologischen Eschatologien als Standardaussage: Eigentlich kommt jeder Mensch in den Himmel. Es wird immer dazu gesagt: Die Hölle ist eine Denkmöglichkeit, die real sein muss, weil sonst die Freiheit des Menschen nicht ernst genommen wäre. Aber eigentlich gehen wir davon aus, dass alle Menschen im Himmel landen werden. Und wenn der Himmel quasi so automatisch geschenkt, uns zugesagt ist, dann ist er auch nicht mehr relevant. Also was ich sowieso in der Tasche habe, darum brauche ich mich nicht mehr zu bemühen.“

Patrick Becker ist in seiner gesellschaftlichen Analyse ohne Zweifel zuzustimmen. Richtig ist auch, dass der Jenseitsverlust ein wichtiger Grund ist für den Abwärtsstrudel der Kirchen. Was er allerdings nicht erwähnt ist der tiefere Hintergrund für diesen Jenseitsverlust: Der Verlust der Schriftautorität! Denn Fakt ist nun einmal: Man kann nur dann Antworten auf Fragen zu transzendenten Themen geben, wenn man aus einer transzendenten Quelle schöpft. Menschen interessieren sich nicht für Spekulationen von Theologen. Sie wissen: Kein Mensch weiß etwas darüber, was nach dem Tod geschieht. Gott allein kann das wissen. Wenn aber der Text der Bibel nur noch zeitbedingtes Menschenwort statt geistinspiriertes Gotteswort ist, dann kann auch die Bibel keine Auskunft mehr über das Jenseits geben. Das gilt umso mehr, wenn es in der Theologie keinerlei Einheit mehr über Jenseitsfragen gibt.

Um das Jenseits wieder glaubwürdig ins Spiel bringen zu können ist deshalb auch eine Umkehr in unserer Haltung zur Heiligen Schrift alternativlos. Damit verbietet es sich dann allerdings auch, die Botschaft dieser Heiligen Schrift nach unserem eigenen Geschmack zu verbiegen. Die Menschen spüren nun einmal sofort, ob die Kirche aus einer Quelle schöpft, die außerhalb ihrer selbst liegt und deren Botschafter sie ist, oder ob sie sich eine eigene Botschaft konstruiert, mit der sie den Menschen nach dem Mund redet.

Wenn wir der Schrift folgen können wir klarstellen, dass weder die eine noch die andere von Thomas Großbölting geschilderten Jenseitspredigten der Wahrheit entspricht. Moralisches Leben bringt uns nicht in den Himmel. Niemals. Trotzdem ist der Himmel auch keine Selbstverständlichkeit, um die wir uns nicht kümmern müssten. Die Hölle ist viel mehr als eine theoretische „Denkmöglichkeit“. Jesus hat häufig über sie gesprochen und intensiv vor ihr gewarnt. Wir sind zum Glück nicht in der Position des Richters, somit müssen und dürfen wir auch nicht entscheiden, wer in die Hölle kommt. Aber wir dürfen und müssen die einzige gute Botschaft weitergeben, die uns sicher zum Vater und zum ewigen Leben führt. Das geht eben nicht durch moralische Werke oder durch irgendetwas, was wir Menschen tun könnten. „Bei den Menschen ist’s unmöglich“ sagte Jesus. Allein das feste Vertrauen auf Jesus und sein Erlösungshandeln am Kreuz hilft uns weiter: „Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern das ewige Leben hat.“ (Johannes 3, 16) Das ist das Herz des Evangeliums.

Ich bin überzeugt: Mehr Menschen als wir glauben, machen sich sehr wohl Gedanken darüber, wie es nach dem Tod weitergeht. Die Kirche hat dazu eine phantastische Botschaft aus einer einzigartigen Quelle. Denn dieser Jesus hat nicht nur geredet. Er ist auch nicht nur am Kreuz gestorben. Er hat selbst den Tod besiegt! Zahllose Zeitgenossen Jesu gaben ihr Leben aus lauter Begeisterung darüber, dass dieser Jesus tatsächlich von den Toten auferstanden ist. Die Botschaft von der Auferstehung hat quer durch die Zeiten und Kulturen Menschen inspiriert, getröstet und verändert. Nur dieser Jesus weiß, wie wir über den Tod hinaus leben können. Nur bei ihm sind wir richtig mit der Frage aller Fragen: Wie bekomme ich das ewige Leben?

Lassen wir uns nicht irritieren davon, dass das Jenseits scheinbar aus der Mode gekommen ist. Tragen wir vielmehr alle gemeinsam dazu bei, dass die Frage nach dem ewigen Leben wieder ganz neu gestellt wird. Und vor allem: Verbreiten wir die lebensspendende Antwort unseres Herrn, bis sie wieder zu hören ist in jedem Winkel unseres Landes!