Streit um das biblische Geschichtsverständnis

Sind die biblischen Erzählungen theologisch lehrreiche Legenden? Oder wollen sie reale geschichtliche Ereignisse beschreiben? Und warum ist diese Frage überhaupt wichtig?

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Vor allem in der universitären Theologie gibt es seit längerem mehrheitlich die Auffassung, dass viele der in der Bibel geschilderten Ereignisse nie stattgefunden haben. So äußerte zum Beispiel schon vor fast 20 Jahren  der einflussreiche evangelische Theologe Andreas Lindemann in einem Spiegel-Interview: “Dass es sich bei den Evangelien um Lebensbeschreibungen Jesu handelt […] wird seit Jahrzehnten von keinem ernst zu nehmenden Exegeten mehr behauptet.“ Hätte er recht, hieße das: Nicht nur die Wunder und die Auferstehung sind in Frage gestellt. Ganz grundsätzlich wären in den Evangelien keine historisch verlässlichen Beschreibungen des Lebens und der Lehre Jesu zu finden.

In noch deutlich stärkerem Maße gilt diese Skepsis für die Erzählungen des Alten Testaments, und dort vor allem für die die biblische Urgeschichte in 1. Mose 1-11. Auch der deutlich konservativere Theologe Prof. Thorsten Dietz von der Evangelischen Hochschule Tabor äußert dazu: Die Ansicht, dass der Sintflutbericht historisch verstanden werden wolle „schiebt dem Bibeltext eine Bedeutungsabsicht zu, die er nach allem, was wir über altorientalische Geschichtsschreibung wissen, nicht gehabt hat. […] Wir können den Autoren kein Geschichtsverständnis unterstellen, wie wir es heute kennen. Wir sollten die Autoren der Bibel nicht auf Fragen festnageln, die sich ihnen nie gestellt haben. Damit verfehlen wir den Sinn der Texte. […] Althistoriker zeigen, dass es in der Antike erst allmählich zu einer klaren Unterscheidung von geschichtlich, vorgeschichtlich, legendarisch etc. gekommen ist.“ [1]

Noch schärfer formuliert Prof. Siegfried Zimmer, wenn er behauptet, dass das „historische Denken“ überhaupt erst im 18. und 19. Jahrhundert in Europa entstanden sei, da erst zu dieser Zeit deutlich wurde, „wie umfassend das Leben und Denken des Menschen einem geschichtlichen Wandel unterliegt.“[2] Und weiter: „Wer die Behauptung aufstellt, die Bibel verstehe “Adam und Eva” als geschichtliche Personen, verteidigt nicht die Bibel. Er verteidigt etwas Anderes: sein eigenes, falsches Bild der Bibel und seine eigenen Missverständnisse und Vorurteile. […] In fundamentalistischen Kreisen gibt es Christen, die mit einem ungeheuren naturwissenschaftlichen Aufwand und Scharfsinn beweisen wollen, dass es in den Anfangskapiteln der Bibel um historische Ereignisse und um historische Personen geht. Diese Christen wollen etwas beweisen, was die Bibel gar nicht behauptet! Das ist tragisch und absurd.“ [3]

Gottes Wort als solches ernst nehmen hieße demnach also: Erkennen, dass zumindest die Geschichten in 1. Mose 1-11 rein symbolisch oder metaphorisch gemeint sind, keinesfalls aber tatsächliche Ereignisse beschreiben wollen. Wer das anders sieht, stülpt den biblischen Autoren demnach ein falsches Geschichtsverständnis über, das sie gar nicht gehabt hatten (bzw. haben konnten) und produziert damit ohne Not unlösbare Probleme, die es naturwissenschaftlich aufgeklärten Menschen unnötig schwer oder gar unmöglich machen, der Bibel zu vertrauen. Das ist ein schwerwiegender Vorwurf. Wer will schon den Menschen den Weg zum Glauben verbauen?

Richtig ist natürlich: Die Bibel ist kein naturwissenschaftliches Lehrbuch. Ich kenne persönlich auch niemanden, der das behauptet. Denn es ist ja offenkundig: Die biblischen Autoren schreiben meist aus der Beobachterperspektive. Sie ordnen den Stoff oft thematisch oder literarisch statt streng chronologisch an. Sie legen keinen Wert auf Vollständigkeit und Detailtiefe. Ihre Schilderungen sind häufig geprägt von theologischen Fragestellungen (was natürlich per se nicht gegen ihren historischen Anspruch spricht[4]). Und natürlich kennen sie die modernen wissenschaftlichen Definitionen nicht. Deshalb können z.B. Hasen als Wiederkäuer bezeichnet werden, was nach der modernen Taxonomie zwar falsch ist, aber auf der richtigen Beobachtung fußt, dass Hasen tatsächlich ihren Blinddarmkot erneut aufnehmen.

Richtig ist auch: Wenn die Aussageabsicht der biblischen Autoren nichts mit Geschichtsschreibung zu tun hatte, dann wäre es tatsächlich sträflich, diese Texte in einem falschen Sinne „wörtlich“ zu lesen. Das wäre dann in etwa so, wie wenn jemand in Neuseeland nach den Spuren des Landes „Mittelerde“ aus dem Roman ‚Herr der Ringe‘ sucht, und dann an der Glaubwürdigkeit des Autors J.R.R. Tolkien zweifelt, weil er nichts als ein paar billige Filmkulissen gefunden hat.

Die große Frage ist: Könnte es tatsächlich sein, dass die Christenheit 1800 Jahre lang in diesen Fragen einem derart fatalen Missverständnis aufgesessen ist, weil sie Geschichte und Gleichnis verwechselt hat?

Um Licht in diesen Themenkomplex zu bringen geht dieser Artikel folgenden 2 Fragen nach:

  1. Warum ist die Frage nach der historischen Wahrheit überhaupt wichtig? Reicht es nicht, einfach nur die theologische Aussage ernst zu nehmen? Spielt es überhaupt eine Rolle, ob die Ereignisse sich tatsächlich ereignet haben?
  2. Konnten und wollten die antiken Autoren überhaupt unterscheiden zwischen Geschichte, Legende und Metapher? Hat sich diese Unterscheidung nicht erst in der Moderne durchgesetzt?

Beginnen wir mit Frage Nummer 1:


Warum ist die Frage nach der historischen Wahrheit überhaupt wichtig? Reicht es nicht, einfach nur die theologische Aussage ernst zu nehmen? Spielt es überhaupt eine Rolle, ob die Ereignisse sich wirklich ereignet haben?


Warum ist die gesellschaftliche Situation in Deutschland so, wie sie ist? Ganz einfach: Der Zustand unseres Landes ist auch ein Produkt seiner Geschichte. Geistliche und geistige Strömungen, Kriege und Konflikte, Machtkämpfe und Umwälzungen haben unser Land mit geprägt. Wer die Dynamiken der Gegenwart verstehen möchte, muss deshalb die Geschichte kennen. Kein Historiker würde jemals auf die absurde Idee kommen zu sagen: Es spielt für das Verständnis unserer Gesellschaft keine Rolle, ob sich die Teilung unseres Landes, der Fall der Mauer und die Wiedervereinigung wirklich ereignet haben. Denn ohne diese geschichtliche Wirklichkeit könnten wir viele heute bestehenden Ungleichheiten zwischen Ost und West niemals richtig verstehen und sachgerecht mit ihnen umgehen.

Genau das gleiche Verständnis von der grundlegenden Bedeutung historischer Ereignisse finden wir quer durch die ganze Bibel. Die Autoren der Evangelien wollten gerade nicht primär eine neue Theologie verbreiten, sondern berichten, was die Augenzeugen gehört und gesehen haben (Lukas 1, 1-4). Der bekannte US-ameri­kanische Theologe Timothy Keller schreibt dazu: „Das christliche Evangelium ist kein gut gemeinter Rat, sondern es ist gute Nachricht. Es ist keine Handlungsanleitung, was wir tun sollten, um uns selbst zu retten, sondern vielmehr eine Verlautbarung, was bereits für unser Heil getan wurde. Das Evangelium sagt: Jesus hat in der Geschichte etwas für uns getan, damit wir, wenn wir im Glauben mit ihm verbunden sind, Anteil an dem bekommen, was er getan hat, und so gerettet werden.“ [5]

Genau das gleiche Prinzip gilt für die biblische Urgeschichte. Die Ereignisse rund um den „Sündenfall“ in 1. Mose 2 und 3 gelten quer durch die ganze Bibel als grundlegender Schlüssel für das Verständnis der Situation des Menschen und der heutigen Welt. So schreibt z.B. Reinhard Junker: „Selbst wenn Prof. Zimmer recht damit hätte, dass die Antike Geschichte als unbedeutend ansah, würden die Verfasser der Texte des Alten und Neuen Testaments gerade dieser Sicht klar und aus­drücklich widersprechen. Denn die biblischen Autoren betonen genau das Gegenteil dessen, was Zimmer be­hauptet, nämlich dass es große Ver­änderungen mit nachhaltiger Wirkung gab und diese zum Verständnis der Gegenwart wesentlich sind. […] Die Geschichte erklärt, warum die Menschheit so ist, wie sie ist: eines Retters aus Sünde und Tod bedürftig. […] Die Israeliten hatten ein lineares Zeitgeschichtsbild und Gottes Handeln in Zeit und Raum war für sie von grundlegender Bedeutung. Daher sollten sie sich an die großen Taten erinnern, die Gott unter ihnen getan hatte (5. Mose 6,20-25). Dazu gehört selbstverständlich auch die Urgeschichte. Die Geschichte erklärt die jeweilige Gegenwart.“ [6]

Das Neue Testament liest das Alte Testament historisch

Dazu passt, dass die Autoren des Neuen Testaments ganz offensichtlich fest davon ausgingen, dass sich die Geschichten des Alten Testaments wirklich ereignet haben:

  • Für den Evangelisten Lukas waren Adam und Noah in gleicher Weise geschichtliche Personen wie David, Josef und Jesus, wie sein Stammbaum Jesu zeigt (Lukas 3, 23-37).
  • Für Petrus waren Noah und die Sintflut ganz selbstverständlich geschichtliche Realitäten (1. Petr. 3, 20; 2. Petr. 2, 5)
  • In Römer 5, 12-21 und 1. Kor. 15, 20-22 hält Paulus Adam für ebenso geschichtlich wie Jesus.[7] Diese Geschichtlichkeit ist sogar ein grundlegender Bestandteil seiner Theologie, wie Timothy Keller betont: „Wenn Adam nicht historisch ist, ist die ganze Argumentation von Paulus hinfällig. … Wer nicht glaubt, was Paulus über Adam glaubt, lehnt das Herzstück paulinischer Theologie ab.“ [8]
  • Für Jesus, dessen Lehre für alle Christen letzte Autorität hat, war Noah und die Sintflut ebenso real wie sein Wiederkommen (Matth. 24, 37-38; Lukas 17, 26-27).

Im 11. Kapitel des Hebräerbriefs wird das Wesen des Glaubens anhand von Glaubenswagnissen alttestamentlicher Personen erklärt. Kain, Abel, Henoch und Noah werden dabei genau in der gleichen Weise betrachtet wie Abraham, Isaak, Jakob, Samuel und David. Könnte es sich trotzdem bei manchen dieser Personen um Figuren aus Gleichnisgeschichten handeln? Hätte der Hebräerbriefschreiber somit in seine Aufzählung von Glaubenshelden auch den barmherzigen Samariter einreihen können? Wohl kaum. Denn über den barmherzigen Samariter hätte er sicher nicht so wie über Abel geschrieben: „Durch den Glauben redet er noch, obgleich er gestorben ist.“ (Hebräer 11,4) Der barmherzige Samariter ist nicht gestorben – weil er nie gelebt hat.

Die Historizität ist essenziell für die theologische Aussage

Texte wie Hebräer 11 zeigen eindrücklich: Das konkrete, reale Handeln Gottes mit den Menschen in Raum und Zeit ist ein fundamentaler Bestandteil der biblischen Botschaft und wesentliche Grundlage ihrer Theologie. Die Propheten sagten voraus, dass Gott nach dem Exil sein Volk wieder zurück in die Heimat führen wird, wie er es bereits beim Exodus aus Ägypten getan hat (Jeremia 16, 14). Wie hätte diese Botschaft eine Ermutigung sein können, wenn es diesen Exodus nie gegeben hätte?

Im Johannesevangelium lesen wir über die zeichenhaften Wunder Jesu: „Diese aber sind geschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes“ (Johannes 20, 31). Wenn die beschriebenen Wunder in Wahrheit gar nicht geschehen sind, wie hätten diese Erzählungen dann das Vertrauen der Leser stärken sollen, dass Jesus wirklich der Christus und der Messias ist?

Alle diese Beispiele unterstreichen: Es erscheint äußerst schwierig, wenn nicht sogar unmöglich, die theologischen Aussagen der Bibel von ihren Aussagen zur Geschichte zu trennen. Eine Exegese, die trotz dieser engen Verwobenheit meint, dass hinter den Erzählungen kein tatsächliches, reales Handeln Gottes in der Geschichte steht, steht immer in der großen Gefahr, auch theologisch an Substanz und Glaubwürdigkeit zu verlieren und damit die Botschaft der Kirche zu schwächen.

Damit kommen wir zur 2. Frage:


Konnten und wollten die antiken Autoren überhaupt unterscheiden zwischen Geschichte, Legende und Metapher? Hat sich diese Unterscheidung nicht erst in der Moderne durchgesetzt?


Anders ausgedrückt: Ist der Glaube, dass die biblischen Autoren von geschichtlichen Ereignissen ausgingen, vielleicht nur eine moderne „optische Täuschung“, weil wir die Bibel mit der Brille unseres modernen Geschichtsverständnisses lesen?

Das Geschichtsverständnis zur Zeit des Neuen Testaments

Fakt ist, dass in der Zeit der Entstehung des Neuen Testaments klar zwischen Geschichte und Mythos, zwischen Fakt und Fiktion unterschieden wurde. So grenzte sich z.B. der jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus im 1. Jahrhundert bei der Darstellung geschichtlicher Ereignisse ganz bewusst vom Hang zur Übertreibung ab.[9] Der Philosoph Porphyrios kritisierte die Christen im 3. Jahrhundert mit der Behauptung, dass die Prophetien im Buch Daniel erst nach den Ereignissen aufgeschrieben wurden. Fragen nach Historizität und Datierung waren für ihn also völlig normal.[10] In seiner „Einleitung in das Neue Testament“ weist der Neutestamentler Armin D. Baum ausführlich nach, dass bereits in der Antike „die drei Erzählgattungen Epos, Geschichtsschreibung und „Roman“ […] anhand ihres Realitätsbezugs (wirklich oder fiktiv) und ihrer sprachlichen Form (Verse oder Prosa) voneinander unterschieden“ wurden.[11]

In Bezug auf das Lukasevangelium kommt er zu dem Schluss: „Die Prologe des dritten Evangeliums und der Apostelgeschichte unterscheiden sich so stark von den Anfängen antiker Epen, sind so eng mit den Prologen der antiken Geschichtsschreibung verwandt und inhaltlich so eindeutig historisch orientiert, dass an der Intention des Autors, Geschichte zu schreiben, nicht gezweifelt werden kann. Im lukanischen Doppelwerk erzählt kein von den Musen inspirierter Künstler, sondern ein sich auf Augenzeugen berufender Historiker (Lukas 1, 2).“[12] Auch Petrus legt ausdrücklich Wert auf die Unterscheidung zwischen erdachten Geschichten und tatsächlichen Begebenheiten: „Wir sind nicht irgendwelchen klug ausgedachten Geschichten gefolgt, als wir euch die machtvolle Ankunft Jesu Christi, unseres Herrn, verkündeten, sondern wir waren Augenzeugen seiner Macht und Größe.“ (2. Petrus 1,16)

Das Geschichtsverständnis zur Zeit des Alten Testaments

Aber gilt dieser Sachverhalt auch für die Schriften des Alten Testaments und die biblische Urgeschichte? Dazu schreibt Timothy Keller: „1. Mose 2 und 3 lassen keine Anzeichen für das Genre … Dichtung erkennen. Der Text liest sich als Bericht über wirkliche Geschehnisse; er sieht aus wie ein Geschichtsdokument. Das heißt nicht, dass 1. Mose (oder sonst ein biblischer Text) Geschichte im modernen […] Sinn ist. Die antiken Autoren, die historische Geschehnisse aufzeichneten, nahmen sich die Freiheit, die Chronologie zu verändern und Zeitabläufe zu komprimieren – und jede Menge an Information wegzulassen, die ein moderner Historiker als wesentlich dafür erachten würde, ein “Gesamtbild” zu erhalten. Aber auch die antiken Geschichtsschreiber waren überzeugt, dass die Ereignisse, die sie beschreiben, tatsächlich geschehen sind. […] Manche sagen, man müsse 1. Mose 2 bis 11 im Licht anderer Schöpfungsmythen des Nahen Ostens aus dieser Zeit lesen. Andere Kulturen schufen ihre Mythen über die Entstehung der Welt und die große Flut, so wird gesagt, und wir müssen erkennen, dass der Verfasser von 1. Mose 2 und 3 wahrscheinlich dasselbe tat. Nach dieser Auffassung hätte der Verfasser von 1. Mose 2 und 3 einfach eine hebräische Version des Mythos von Schöpfung und Flut geschaffen. Er mag sogar geglaubt haben, dass dies historische Ereignisse waren, aber darin war er dann eben nur ein Kind seiner Zeit. Gegen diese Sicht hat Kenneth Kitchen begründete Einwände erhoben. Der bekannte Ägyptologe und evangelikale Christ antwortet auf die These, dass die Sintfluterzählung (1. Mose 9) wie die Fluterzählungen anderer Kulturen als Mythos […] gelesen werden sollte, Folgendes:

‚(Es) ist auch darauf hinzuweisen, dass im alten Nahen Osten Mythen NICHT historisiert wurden (d.h. als imaginäre ‚Geschichte‘ verstanden), sondern vielmehr die Tendenz bestand, Geschichtsereignisse und Personen mythologisch zu überhöhen …‘

Mit anderen Worten: Es ist belegt, dass die ‚Mythen‘ des antiken Nahen Ostens nicht im Lauf der Zeit zu historischen Ereignissen wurden, sondern vielmehr umgekehrt historische Berichte sich allmählich in eher mythologische Geschichten verwandelten. Kitchen argumentiert: Wenn man 1. Mose 2-11 im Licht dessen liest, wie die alte Literatur des Nahen Ostens funktioniert, würde man, wenn überhaupt, schließen dass 1. Mose 2-11 Ereignisse berichten, die tatsächlich gesehen sind – und das in einer “Hochform” mit viel bildhafter Sprache und chronologischer Verdichtung. Zusammenfassend sieht es also so aus, als sei es zu verantworten, 1. Mose 2-3 als Bericht eines tatsächlichen historischen Ereignisses zu verstehen.“ [13]

Außerbiblische Beispiele

In antiken Quellen finden sich zahlreiche Hinweise darauf, dass dieses historische Geschichtsverständnis nicht nur in der Bibel, sondern auch bei vielen außerbiblischen Autoren sehr wohl vorhanden war. Dazu schreibt der Historiker Axel Schwaiger, der sich ausführlich mit historischem Geschichtsdenken befasst hat: „Von allen antiken Geschichtstexten zu behaupten, sie könnten zwischen historisch und mythisch, Bericht und Legende nicht unterscheiden und wollten das auch gar nicht, offenbart eine sträfliche Unkenntnis antiker Historiographie. Natürlich gibt es solche Texte, aber man tut Männern wie Herodot (um 490-430 v.Chr.), Thukydides (ca. 460-399 v.Chr.) oder Hekataios von Milet (vor 550 v.Chr.) mit solchen pauschalen Abwertungen doch schon sehr Unrecht, da gerade sie ausdrücklich angetreten waren, die Geschichte von Legenden, Sagen und Mythen zu entschlacken und nach konkreten Gründen und Ursachen historischer Entwicklungen zu fragen. Hekataios‘ ‚Erdbeschreibung‘, Thukydides‘ ‚Peloponne­sischer Krieg‘ und Herodots ‚Historien‘ erzählen zwar auch von Mythen der Völker, aber eben deutlich unterscheidend als deren Mythen – oft in Verbindung mit rationalen oder historischen Erklärungen dafür. So unterzog Hekataios beispielsweise die bis dahin vorherrschende sagenhafte epische Tradition einer radikalen rationalen Kritik und ging damit bereits im 6. vorchristlichen Jahrhundert einen entscheidenden Schritt in Richtung auf ein historisches Bewusstsein, das man heute allzu gerne ausschließlich für die Neuzeit reklamiert. Die Unterscheidung zwischen Mythen und tatsächlichem Geschehen, zwischen Legenden, Übertreibungen und echter Historie und das Fragen nach tatsächlicher Kausalität macht ihren hohen historiographischen Wert aus. Nicht von ungefähr gilt Herodot bereits in der Antike als ‚Vater der Geschichtsschreibung‘. Seine Methoden reichen von Quellenstudium und persönlichen Gesprächen über ausgedehnte Reisen und Nachforschungen vor Ort bis hin zu kritischer Reflexion und auf Wahrscheinlichkeit gegründete Vermutungen. Die Vorstellung, antike Autoren verarbeiteten ausschließlich eine ‚literarische Erzählkultur‘, die Historie und Mythos unreflektiert miteinander verband und – im Gegensatz zur modernen Geschichts­wissenschaft – kein echtes Bewusstsein für die eigene Historizität und die der berichteten Geschehnisse hatte, kann so nicht mehr aufrechterhalten werden.“ [14]

Eine schwierige Alternative

Nun kann dieser Artikel keine ausführliche, wissenschaftlichen Ansprüchen genügende Analyse des antiken Geschichtsverständnisses liefern. Aber die hier aufgeführten Zitate zeigen: Das weit verbreitete und oft leider unreflektiert und ohne genauere Begründung weitergegebene Narrativ vom fehlenden Geschichtsbewusstsein und von der mangelhaften Unterscheidung von Geschichte und Legende in der Antike ist in dieser generellen Form nicht haltbar – erst recht nicht in Bezug auf die biblischen Texte. Es gab auch in der damaligen Zeit Autoren, die klar unterscheiden wollten und konnten zwischen Geschichte und Mythos, zwischen Fakt und Fiktion. Sie machten diese Unterscheidung in ihren Schriften deutlich und legten Wert auf den Unterschied.

Wer Berichten des Alten und Neuen Testaments trotzdem die historische Glaubwürdigkeit abspricht, steht damit zwangsläufig vor folgender Alternative:

  1. Die Argumente für eine historische Aussageabsicht müssten durch andere Argumente entkräftet werden. Es müsste aus dem jeweiligen Text heraus begründet werden, warum der biblische Autor keine reale Geschichte schildern wollte, obwohl der Text keinen dichterischen Charakter hat, sondern viele Merkmale historisch gemeinter Texte enthält wie z.B. Ahnentafeln, Maßangaben, Naturbeschreibungen, Zeit- und Jahresangaben. Der Schiffsbauprofessor Jan Hartmann hat jüngst sogar nachgewiesen, dass die in der Bibel dokumentierten Angaben zu den Maßen und der Beschaffenheit der Arche die Anforderungen an Längsfestigkeit, Querfestigkeit, Torsion, Stabilität und Seeverhalten optimal erfüllt. Obwohl er sich selbst unsicher ist, ob und inwieweit es tatsächlich eine Arche gab, lässt ihn dieses Ergebnis davon ausgehen, dass der biblische „Bericht einen Hintergrund hat, der weit über die Art eines Mythos hinausgeht.“[15] Auch dazu müssten die Verfechter einer rein metaphorischen Aussageabsicht Erklärungen finden.
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  2. Andernfalls müsste man ehrlicherweise offen von Fehlern der biblischen Autoren sprechen, denn sie hätten sich dann in ihrer historischen Aussageabsicht geirrt. Das gilt sowohl für die Autoren der biblischen Erzählungen selbst als auch für die neutestamentlichen Autoren, die diesen Texten einen historischen Wert beigemessen haben. Und wichtig ist dabei: Diese Fehler wären eben nicht nur historischer, sondern auch theologischer Art, weil – wie oben dargelegt – die Geschichtlichkeit ein wichtiger Bestandteil ihrer Theologie darstellt. Das traditionelle Verständnis von der Irrtumslosigkeit und Unfehlbarkeit der Schrift wäre damit aufgelöst. Stattdessen müssten außerbiblische Kriterien definiert werden, um unterscheiden zu können, welche Teile der Schrift in welchem Sinn noch als wahres Gotteswort gelten können – ein oft unternommener Versuch, der bislang allerdings nie zu einem tragfähigen, breit akzeptierten Ergebnis geführt hat.

Warum die Kirche der Aussageabsicht der Bibel vertrauen sollte

Wer keine dieser beiden Alternativen für tragfähig hält, dem bleibt letztlich nur, der Schrift auch in ihren historisch gemeinten Aussagen zu vertrauen. Diese Position hat die kirchliche Theologie 1800 Jahre lang weitgehend dominiert. In großen Teilen der weltweiten Kirche gilt dieses Bibelverständnis bis heute ganz selbstverständlich. Man ist also alles andere als ein Exot, wenn man sich zu diesem Weg bekennt, zumal es für diese Sichtweise auch aus den Wissenschaften durchaus viele ermutigende Signale gibt. So schrieb der britische Archäologe und Ägyptologe Kenneth A. Kitchen: „Die biblischen Texte sind in hohem Maße historisch zuverlässig. Dies lässt sich in Bezug auf das geteilte Reich, das Exil und die Rückkehr […] sehr gut zeigen. Dort, wo sich passende Daten miteinander vergleichen lassen, kann man dies konkret feststellen. Dieses Faktum sollte jeder zugestehen, egal von welcher Stelle er persönlich ausgeht.“ [16]

In dem beeindruckenden Film „Patterns of evidence“ berichten zahlreiche Experten über die vielfältigen Fakten, die die oft bezweifelte biblische Geschichtsschreibung stützen. Selbst der sonst so religionskritische Spiegel berichtet in seiner Osterausgabe 2018 von zahlreichen neuen Indizien, die die Historizität der biblischen Passionsberichte so sehr stützen, dass dies „Skeptikern kaum gefallen“ kann[17].

Und Axel Schwaiger schreibt: „Es gibt durchaus Indizien und Belege dafür, dass die Menschen damals die Flut völlig selbstverständlich als echtes Geschehen voraussetzten. Dazu gehören nicht nur älteste sumerische Königslisten, die die Könige „vor der Flut“ von denen „nach der Flut“ unterscheiden (wie das ‚Weld-Blundell-Prisma‘ um 2100 v.Chr.), oder die ältesten Epen, in denen die Flut den Erzählhintergrund bildet (z.B. Atrachais- und Gilgamesch-Epos). Dazu gehören auch vorliegende Keilschriften altorientalischer Herrscher, die (wie selbstverständlich) auf die Flut als historisches Geschehen Bezug nehmen. So z.B. Assurbanipal: „Ich verstehe die rätselhaften, in Stein gemeißelten Worte aus den Tagen vor der Flut“, oder auf einem Tonzylinder des Nebukadnezar: „Die Menschen hatten das Werk [des Turmbaus] verlassen seit den Tagen der Flut“. Auch Textstellen in der „Babyloniaká“ des babylonischen Priesters Berossus (um 290 v.Chr.) sprechen noch fast beiläufig von Geschehnissen rund um die Flut, so dass dem (vorsintflutlichen) König Xisthros befohlen worden war, Schriften in Sippara zu vergraben und sie nach der Flut wieder auszugraben und dass „man noch heute auf dem Gebirge der Kordyäer in Armenien Reste von dem Schiffe sieht und das abgekratzte Pech als Heilmittel dient.“ Auch die mehr als 260 Sintflutberichte, die Heinrich Lüken Mitte des 19. Jahrhunderts zusammentrug[18]‚ machen deutlich, dass in vielen Stämmen und Völkern die Erinnerung an eine weltweite große Flut bewahrt worden ist, freilich oft mit Änderungen, die jeweils auf das spezifische Lebensumfeld der Volksgruppe zugeschnitten sind. Dass mit diesen Erinnerungen später unterschiedliche theologische Intentionen verbunden wurden, ist sehr wahrscheinlich, aber sie heben die Historizität des eigentlichen Erzählkerns nicht auf.“ [19]

Es gibt also auch heute für Christen keinen Grund, sich vom reformatorischen Prinzip des „Sola scriptura“ zu verabschieden. Wir dürfen fröhlich daran festhalten, dass nach Berücksichtigung von Vernunft, Wissenschaft, Erfahrung, Auslegungstradition und Wirkungsgeschichte am Ende die Schrift selbst das letzte Wort für das richtige Verständnis ihrer Texte haben muss. Die Bibel muss sich selbst auslegen und selbst entscheiden, wie sie zu verstehen ist.[20] Oder, wie es Timothy Keller ausdrückt: „Wenn wir die Autorität der biblischen Autoren respektieren wollen, dann müssen wir sie so verstehen, wie sie verstanden werden wollen.“[21] Denn es bleibt nun einmal nicht ohne Konsequenzen, wenn man die Geschichtlichkeit der historisch gemeinten biblischen Texte in Frage stellt: „Paulus […] wollte definitiv sagen, dass Adam und Eva historische Personen sind. Und wenn man sich weigert, einen biblischen Autor wörtlich zu verstehen, obwohl er ganz klar so verstanden werden will, entfernt man sich vom traditionellen Verständnis von biblischer Autorität. Wie schon gesagt heißt das nicht, dass man nicht trotzdem einen starken und lebendigen Glauben haben kann. Aber ich bin überzeugt, dass ein solche Position sich für die Kirche als ganze schädlich auswirken kann und ganz sicher bei vielen Christen zu Verwirrung führt.“[22] Die Geschichte der Theologie der letzten 2 Jahrhunderte, ihre Verwirrung in Bezug auf praktisch alle zentralen Glaubensinhalte des Christentums[23] sowie das weltweite Schrumpfen aller von liberaler Theologie geprägten Kirchen, die die historische Glaubwürdigkeit der Schrift verworfen haben, unterstreichen die These Kellers eindrücklich. Es ist deshalb höchste Zeit, dass eine verantwortungsvolle Theologie der Bibel auch in ihren historisch gemeinten Aussagen wieder neu vertraut.


Herzlichen Dank für alle Mithilfe sowie Hinweise und vielfältige Anregungen zur Verbesserung dieses Artikels an:


Aber wird die Verwirrung nicht noch viel größer, wenn man von wissenschaftlich aufgeklärten Menschen verlangt, sie müssten an Adam, Eva und die Arche glauben? Ist das angesichts der modernen wissenschaftlichen Erkenntnisse aus Biologie, Geologie und anderen Disziplinen nicht vernunfts- und wissenschaftsfeindlich? Diesen Fragen widmet sich die Fortsetzung dieses Artikels.


[1] Prof. Thorsten Dietz im „idea-Streitgespräch“, idea 2018 Nr. 29/30

[2] Prof. Siegfried Zimmer in „Haben Adam und Eva wirklich gelebt“ S. 2

[3] Prof. Siegfried Zimmer in „Haben Adam und Eva wirklich gelebt“ S. 22

[4] Entsprechend hält auch Papst Benedikt XVI. in seinem Buch „Jesus von Nazareth Band III“ (2012) die Geburts- und Kindheitsgeschichten Jesu zwar für „im Glauben gedeutete Geschichte“, aber eben doch auch für Geschichte.

[5] In Timothy Keller „Adam, Eva und die Evolution“, Giessen 2018, S. 33

[6] Reinhard Junker in „Entmythologisierung für Evangelikale: Haben Adam und Eva wirklich nicht gelebt?“ Veröffentlicht in „Genesis, Schöpfung und Evolution“ Hrsg. Reinhard Junker, Holzgerlingen 2015, S. 244

[7] So schreibt N.T. Wright in seinem Kommentar zum Römerbrief: „Paulus glaubte offensichtlich, dass es ein erstes Menschenpaar gegeben hat, dessen männlichem Vertreter, Adam, ein Gebot gegeben worden war, das er brach. Paulus war sich, davon können wir ausgehen, auch der Aspekte der Geschichte bewusst, die wir mythisch oder metaphorisch nennen könnten. Aber diese Aspekte hätten für ihn keinen Zweifel an der Existenz und der Ursünde des ersten geschichtlichen Menschenpaars aufkommen lassen.“ In „Romans“ in: The New Interpreter’s Bible, Bd. X, 526, zitiert in T. Keller, 2018, S. 31

[8] In Timothy Keller „Adam, Eva und die Evolution“, Giessen 2018, S. 35

[9] “Diejenigen, welche sich der Geschichtsschreibung befleißigen, tun dies nicht aus ein und denselben, sondern aus vielfachen, meist unter sich verschiedenen Beweggründen. Denn einige gehen an diese Art Arbeit, um ihre Redegewandtheit leuchten zu lassen und dadurch berühmt zu werden, andere, um denen zu gefallen, über die sie schreiben. […] Wieder andere treibt ein gewisser Zwang, die Ereignisse, deren Zeugen sie waren, schriftlich vor Vergessenheit zu bewahren; viele auch veranlasst die Erhabenheit wichtiger, im Dunkel verborgener Tatsachen, diese zum allgemeinen Besten zu erzählen. Von den genannten Beweggründen sind für mich die zwei letzten in Betracht gekommen.” Josephus, Ant I 1-3 (= Prooem.); übers. Heinrich Clementz

[10] Porphyrius in „Gegen die Christen“ Buch XII

[11] Armin D. Baum in „Einleitung in das Neue Testament“ S. 307

[12] Armin D. Baum in „Einleitung in das Neue Testament“ S. 311-312

[13] In Timothy Keller „Adam, Eva und die Evolution“, Giessen 2018, S. 29 ff.

[14] Aus einer persönlich übermittelten aktuellen Stellungnahme zum Buch „Weiterglauben“ sowie zum „idea-Streitgespräch“ in idea 2018 Nr. 29/30; vgl. dazu u.a. Klaus E. Müller: Geschichte der antiken Ethnologien, Hamburg 1997; Volker Reinhardt: Hauptwerke der Geschichtsschreibung, Stuttgart 1997; Wolfgang Will: Herodot und Thukydides. Die Geburt der Geschichte, München 2015

[15] Jan Hartmann in „Arche Noah 2017 – Ein Beitrag zur Technikgeschichte“ 2017, S. 16

[16] Kenneth A. Kitchen, Das Alte Testament und der Vordere Orient. Zur historischen Zuverlässigkeit biblischer Geschichte, Gießen 2008, S. 648

[17] In: „Erforscht: Die letzten Tage des Jesus von Nazareth“ Der Spiegel, Ausgabe Nr. 14 / 31.3.2018

[18] Heinrich Lüken „Die Traditionen des Menschengeschlechts oder die Uroffenbarung unter den Heiden“, Münster 1869

[19] Aus einer persönlich übermittelten aktuellen Stellungnahme zum Buch „Weiterglauben“ sowie zum „idea-Streitgespräch“ in idea 2018 Nr. 29/30

[20] Dieses Prinzip wird ausführlich erläutert im Artikel „Ist die Bibel unfehlbar?“

[21] In Timothy Keller „Adam, Eva und die Evolution“, Giessen 2018, S. 16

[22] In Timothy Keller „Adam, Eva und die Evolution“, Giessen 2018, S. 32

[23] Der Artikel „Das Kreuz – Stolperstein der Theologie“ dokumentiert, wie diese Verwirrung auch den innersten Kern der christlichen Botschaft betrifft

Ist die Worthaus-Theologie liberal?

Wie alle „Schubladenbegriffe“ wird auch der Begriff der „liberalen Theologie“ sehr unterschiedlich verwendet. Evangelikale Laien verstehen darunter tendenziell etwas Anderes als universitäre Theologen. Sie neigen dazu, die Vielfalt universitärer Theologie weniger wahrzunehmen und alles unter dem Begriff „liberal“ zusammen zu fassen – genau wie manche liberal geprägte Christen Evangelikale pauschal als „fundamentalistisch“ einstufen.

Im Hossa-Talk #105 wird auch dem AiGG-Worthausartikel vorgeworfen, die Theologie der Worthaus-Vorträge pauschal als „liberal“ zu bezeichnen (Min. 19.20). Deshalb möchte ich gerne dazu beitragen, dass wir einander differenzierter wahrnehmen.

Fakt ist: Die Worthausreferenten repräsentieren eine große Bandbreite universitärer Theologie. Darunter sind Referenten, die auch gemäß der universitären Definition als liberal gelten dürfen (wie Prof. Zimmer im Hossa Talk bestätigt; Min. 10.05). In der großen Mehrzahl trifft das universitäre Label „liberal“ aber nicht für die Worthaus-Referenten zu. Entsprechend charakterisiert der AiGG-Artikel die Worthaus-Theologie auch nirgends als „liberal“ sondern als „universitär“. Dazu wird kommentiert: „Worthaus ist kein einheitlicher Block mit einheitlicher Theologie. … Es stellt deshalb eine der Übersichtlichkeit geschuldete Vereinfachung dar, wenn in diesem Artikel der Begriff „Worthaus“ so verwendet wird, als ob alle Vorträge eine geschlossene Sichtweise vertreten würden.“ DIE Worthaus-Theologie gibt es also nicht. Deshalb ist natürlich auch nicht jede Kritik an einzelnen Aussagen in Worthaus-Vorträgen auf alle Worthaus-Referenten gemünzt.

Fakt ist aber auch: An den Universitäten gibt es kaum evangelikale Theologen. Laut Prof. Zimmer ist der Anteil evangelikaler Theologen an den theologischen Fakultäten im Promillebereich (Min. 23.00). Entsprechend sind auch die allermeisten Worthaus-Referenten nicht evangelikal. Bei zentralen Themen wie dem Bibelverständnis werden in vielen Worthaus-Vorträgen Positionen vertreten, die sich von traditionellen evangelikalen Positionen deutlich unterscheiden. Und ich finde: Darüber dürfen und müssen wir Evangelikalen reden – engagiert, differenziert und an der Sache orientiert.

Siehe auch: Jubilate! Endlich… diskutieren wir wieder mit offener Bibel!

Jubilate! Endlich…

Endlich… diskutieren wir wieder mit offener Bibel!

Es ist immer wieder das Gleiche: Jeder geistliche Aufbruch wird begleitet von großen Diskussionen um die Heilige Schrift. Das sehen wir schon in der Bibel selbst: Die Erneuerungsbewegung unter König Josia begann damit, dass die Schrift wiederentdeckt und intensiv gelesen wurde (2. Könige 22). Jesus liebte es von Jugend auf, mit den Schriftgelehrten über die Schrift zu diskutieren (Lukas 12, 46-47). In seinen Auseinandersetzungen sagte er immer wieder: „Habt ihr nicht gelesen?“ Selbst dem Teufel trat er entgegen mit den Worten: „Es steht geschrieben…“ Und auch bei seinem heißen Konflikt im Tempel stellte er ein Schriftwort in den Mittelpunkt: „Es steht geschrieben (Jesaja 56,7): »Mein Haus soll ein Bethaus heißen«.“

Die Bekämpfung und Widerlegung von Fehlentwicklungen auf Basis der Schrift war in den apostolischen Briefen des Neuen Testaments ein wichtiges und immer wiederkehrendes Thema. Nicht anders war es in den großen geistlichen Aufbrüchen der Kirchengeschichte. Unsere kostbaren kirchlichen Bekenntnisse waren Ergebnisse von intensivem Ringen um die biblische Wahrheit. Am deutlichsten sehen wir das wohl in der Reformation, in der das Prinzip „Allein die Schrift“ im Mittelpunkt stand. Luther wollte, dass die Schrift regiert! Nur auf ihrer Basis konnte verbindlich theologisch argumentiert werden. Das entthronte all diejenigen, die ihre theologische Autorität primär aus ihrem Amt oder ihrem Herrschaftswissen bezogen. Vollends zur Revolution wurde die Reformation deshalb, als sie die Bibel dem einfachen Volk in die Hand gab, dem Bauer im Schwarzwald und dem Handwerker auf der schwäbischen Alb.

Ohne Frage: Die Menschen haben auch viel Unsinn mit der Bibel angestellt. Und doch ist unter dem Strich ungeheuer viel Frucht daraus entstanden. Ein wunderbares Beispiel dafür ist die pietistische Erweckungsbewegung. Die Pietisten setzten durch, dass Laien die Bibel nicht nur lesen sondern auch öffentlich auslegen dürfen. Vielen Mächtigen hat das gar nicht gepasst. Aber bis heute profitiert mein Schwabenland vom Wirken der mutigen pietistischen Prediger und ihrer Liebe zur Heiligen Schrift. Vor einigen Jahren durfte ich in meiner evangelischen Gemeinde selbst eine kleine Erweckung miterleben. Noch heute sehe ich vor mir, wie wir die Bibel offen vor uns liegen und uns darüber die Köpfe heiß geredet hatten. Es war eine wundervolle, fruchtbare Zeit.

Deshalb bin ich begeistert, wenn ich sehe, dass es wieder losgeht: Diskussionen und Auseinandersetzungen, die mit geöffneter Bibel geführt werden! Gespräche, in denen nicht primär gefragt wird: Welches Konzept, welche Strategie und welche theologische Mode kann uns retten? Sondern vielmehr: Was sagt die Schrift? Was haben die Apostel und Propheten wirklich ins Stammbuch der Kirche geschrieben? Welche Auslegung erweist sich als schriftgemäß und fruchtbar für das Leben der Christen und für das Gedeihen der Kirche?

Machen wir uns nichts vor: Dieses Ringen um die biblische Botschaft ist nicht immer angenehm. Ich lese viel lieber, wie Jesus die Kinder segnet statt wie er die Händler im Tempel auspeitscht. Ich lese bei Paulus lieber sein Hohelied der Liebe statt seinen „Fluch“ über die Verbreiter eines falschen Evangeliums (Galater 1, 8). Es schmerzt mich, welch hohen Preis viele Menschen in der Kirchengeschichte dafür bezahlt haben, öffentlich für ihre Schrifterkenntnis einzustehen. Für Martin Luther war es lebensgefährlich. Zahllose andere haben mit tatsächlich mit Unterdrückung, Vertreibung und ihrem Leben dafür bezahlt.

Dröhnendes Schweigen

Traurig ist, dass wir diese Schriftdiskussionen deshalb so oft meiden. Bei zentralen theologischen Fragen vernehme ich weit überwiegend dröhnendes Schweigen in meiner Kirche. Schon klar: Wir Christen sollen Friedensstifter sein. Dazu scheint das theologische Diskutieren und Kritisieren nicht zu passen. Aber dürfen wir unser Schweigen wirklich so geistlich verklären? In der Bibel war das Friedenstiften und das unruhestiftende Einstehen für die Wahrheit nie ein Gegensatz. Ich fürchte deshalb, dass es oft gar nicht an unserer Friedensliebe liegt, dass es so wenig Dispute und Diskussionen in der Kirche gibt. An mir selbst beobachte ich, dass das auch ganz viel mit Menschenfurcht zu tun hat. Und nur so kann ich mir erklären, warum in meiner Kirche Kritik an der Bibel zwar kräftig betrieben, Kritik an Auslegern der Bibel aber weitestgehend vermieden wird.

Eine überraschende Wendung

Im letzten Jahr ist etwas völlig überraschendes in meinem Leben passiert. Ich dachte immer, mein Fokus würde dauerhaft auf Lobpreis, Lehre, dem AiGG-Glaubenskurs und Gebet liegen. Doch plötzlich finde ich mich inmitten von heißen Debatten über die Bibel wieder. Zuerst diese Einladung zum christlichen Podcast Hossa-Talk, dann die Diskussion mit Prof. Dietz in idea. Zuletzt haben die 3 Frontleute von Hossa-Talk zusammen mit dem emeritierten Theologieprofessor Siegfried Zimmer geschlagene 2 Stunden speziell über mich und meine Thesen gesprochen. Unglaublich!

Klar, das ist nicht nur angenehm. In den Nächten nach der Veröffentlichung dieses Zimmer-Hossa-Talks war mein Schlaf nicht ganz so gut wie sonst. Aber je länger ich darüber bete und nachdenke glaube ich, dass diese Diskussionen wirklich ein Grund sind zu sagen: Jubilate! Jauchzt und jubelt! Denn Debatten dieser Art haben jeden geistlichen Aufbruch begleitet. Und so wird es auch beim kommenden geistlichen Aufbruch sein. Und was braucht unser Land dringender als einen neuen, tiefgreifenden geistlichen Aufbruch?

Endlich… reden wir über die Dinge, die wirklich wichtig sind: Bibelverständnis, Christus, Kreuz und Auferstehung!

Kultur, Soziologie, Politik, Umwelt, Säkularisierung, interreligiöser Dialog: So viele Themen, die meine Kirche beschäftigt, finde ich auffallend selten in der Bibel. Selbst die ethischen Fragen, an denen sich der Streit unter Christen oft entzündet, sind der Bibel zwar durchaus wichtig – aber sie stehen nicht im Mittelpunkt. Im Zentrum der Bibel steht vielmehr: Christus, das Kreuz und die Auferstehung. Und die einzige Informationsquelle über diese Themen ist die Bibel selbst. Die Frage nach dem Bibelverständnis ist deshalb ebenso grundlegend.

Ich bin ehrlich überzeugt: So wichtig Fragen nach Strukturen, Gottesdienstkultur oder Ethik sind, so sehr ich für Fortschritte bei Digitalisierung und christlichem Engagement in der Politik bin – die Zukunft der Kirche wird sich daran nicht entscheiden. Aber bei Bibelverständnis, Christologie, Kreuzesverständnis und Auferstehung geht es um das Innerste vom Inneren der Kirche. HIER liegt das Herz des Evangeliums. Gute Theologie allein macht die Kirche zwar noch nicht gesund – aber ohne gute Lehre bei den zentralen Themen des Glaubens kann keine Kirche von innen heraus gesunden. Jede Modernisierung der Kirche bleibt ohne gute und gesunde Lehre nur Fassade und vergebliche Liebesmüh.

Warum die Debatte oft anstrengend ist

Deshalb ist es eine großartige Nachricht, dass wir uns endlich Zeit nehmen, über genau diese Punkte miteinander zu sprechen! Allerdings müssen wir uns bewusst machen: Diese Diskussion kann anstrengend sein. Das hat verschiedene Ursachen:

  • Es sind jede Menge Vorurteile und Klischees im Spiel.
  • Es sind jede Menge Emotionen und Verletzungen im Spiel.
  • Es sind jede Menge Ängste im Spiel.

Dazu kommt: Es ist nicht die Ausnahme sondern eher die Regel, dass identische Begriffe von verschiedenen Leuten völlig unterschiedlich gefüllt werden: „Sühneopfer“, „Gottes Wort“, „Auferstehung“, „Verlässlichkeit der Bibel“, „Christus allein“, „christliche Freiheit“, „Weltgericht“, „Messias“, „Bibelkritik“, “Geistesfülle”: Die Liste der komplett verschieden gefüllten Begriffshülsen ließe sich noch lange fortsetzen. Gerade die kirchliche Theologie ist oft ein Meister darin, an den alten Begriffen festzuhalten, obwohl der Inhalt inzwischen ein völlig anderer ist. Besonders wild wird es bei den „Schubladenbegriffen“: „Liberale“, „Progressive“, „Konservative“, „Evangelikale“, „Fundamentalisten“: Bei keinem dieser Begriffe, ohne die wir für die Verständigung nun einmal leider nicht auskommen, gibt es gängige Definitionen, an die sich alle halten.  So kommt es, dass unterschiedliche Personen mit annähernd gleichlautenden Sätzen völlig unterschiedliche Dinge meinen können. Missverständnisse sind da natürlich vorprogrammiert.

In dieser hochsensiblen Gemengelage ist es nicht verwunderlich, dass die seltenen Stellungnahmen von Funktionsträgern zu zentralen theologischen Themen oft so vorsichtig abwägend oder gar verschwurbelt klingen, dass sich zwar kaum jemand daran stört – aber es interessiert sich auch kaum jemand dafür. Dabei zeigen Untersuchungen zum Kirchenaustrittsverhalten: Die großen Kirchen leiden nicht daran, dass die Menschen ihre Positionen falsch finden sondern dass sie ihre Position für irrelevant halten. In dieser Situation wäre es so wichtig, dass Klartext geredet wird! Solange alles gleich gültig ist, ist alles gleichgültig. Die Kirche Jesu braucht klare Standpunkte, die sie verständlich kommunizieren kann.

Deshalb MÜSSEN wir Fragen wie diese gründlich miteinander besprechen:

  • Ist Jesus leiblich auferstanden? War das Grab leer oder nicht?
  • Hatte der Tod Jesu eine Heilsbedeutung? Wenn ja: Hatte er nur für uns Menschen eine Bedeutung oder auch für Gott?
  • War Jesus der, den die Evangelien beschreiben? Hielt er sich selbst für den Messias oder nicht? Stammen die biblischen Jesuszitate von Jesus oder wurden ihm einige nachträglich in den Mund gelegt?
  • Enthält die Bibel primär Theologie oder Berichte vom heilsgeschichtlichen Handeln Gottes mit den Menschen? Sind die historisch gemeinten Erzählungen der Bibel tatsächlich passiert oder nicht?
  • Enthält die Bibel nur Wort Gottes, so dass wir zwischen Gottes- und Menschenwort unterscheiden müssen? Oder ist sie insgesamt verlässliches Gotteswort, so dass wir „nur“ um die rechte Auslegung ringen müssen?
  • Ist die Bibel eine Einheit mit sich gegenseitig ergänzenden Polen oder ist sie theologisch widersprüchlich?
  • Ist die Bibel in ihren wesentlichen Aussagen klar oder ist sie uns durch die zeitliche und kulturelle Distanz so fremd, dass sie nur mit bibelwissenschaftlichen Methoden verständlich wird?

Manche dieser Fragen mögen sich auf den ersten Blick zweitrangig oder gar nach Wortklauberei anhören. Aber gerade in den letzten Monaten wurde mir überdeutlich: In der Praxis hat jede dieser Fragen gewaltige Konsequenzen. Die Antworten entscheiden grundlegend über die Ausrichtung unserer Gemeindearbeit. Im Artikel „Das Kreuz – Stolperstein der Theologie“ habe ich das am Beispiel der Bedeutung des Sühneopfers beispielhaft nachgezeichnet.

Deshalb sage ich: Jubilate! Wie gut, dass wir diese allerzentralsten Fragen miteinander anpacken, auch wenn es anstrengend und herausfordernd ist! Der AiGG-Blog wird sich dieser Aufgabe weiterhin intensiv widmen. Je tiefer man in den Dialog einsteigt, umso mehr lernt man dazu – sowohl inhaltlich als auch in Bezug auf die Art des Diskutierens:

Endlich… lernen wir, wie man streiten und sich dennoch lieben kann!

Debatten kosten Zeit, Kraft und oft auch Nerven. Wenn es schlecht läuft können sie an unserer Ausstrahlung als Kirche und Gemeinde zehren. Ich bin froh und dankbar, dass Martin Luther sein Schriftverständnis durchgefochten hat, auch wenn das harte Konflikte zur Folge hatte. Manchmal lässt sich das nicht vermeiden. Manchmal werden solche Diskussionen aber auch völlig unnötig destruktiv.

In den letzten Monaten habe ich Beispiele erlebt, wie Dialog richtig gut funktionieren kann. Bei meinem „Hossa-Talk“ war große Sympathie im Raum – obwohl wir uns bei vielen Streitpunkten überhaupt nicht einigen konnten. Auch das Gespräch mit Prof. Dietz empfand ich trotz der unterschiedlichen Meinungen als sehr positiv. In beiden Fällen galt: Wir sind beim Diskutieren konsequent bei der Sache geblieben und nicht auf den anderen Menschen losgegangen. Es ging niemals um den Charakter oder die Herzenshaltung des Anderen. Es wurde kein dunkles Motiv, böse Strategie oder Hidden Agenda unterstellt. Wir haben einander nicht benotet, keine „Ideologie“ vermutet, uns nicht in Klischees eingesperrt und keine Strohmannargumente vorgeschoben. Großartig! So muss das sein.

Bereit sein zum persönlichen Gespräch

Ich glaube, dieser Erfolg hatte einen wichtigen Hintergrund: Wir waren alle bereit zum persönlichen Gespräch. Ich hatte im Vorfeld dieser öffentlichen Diskussionen sowohl mit Jay von Hossa Talk als auch mit Thorsten Dietz ausführlichen persönlichen Mailverkehr. Da konnten wir vieles ansprechen. Auch das, was uns nervt oder ärgert am Anderen. Ich musste mich auch mal entschuldigen und mein Diskussionsverhalten korrigieren. Verletzende Missverständnisse konnten wir im Vorfeld ausräumen. Deshalb bin ich mit großem Frieden in diese öffentlichen Gespräche gegangen, denn ich war mir sicher: Es wird um die Sache gehen, nicht um Persönliches. Ich finde: Diesen Frieden merkt man den Gesprächen an.

Vor dem Hossa-Talk mit Prof. Zimmer wurde ich angefragt, mit dabei zu sein und mitzudiskutieren. Das hat bei mir zwiespältige Gefühle ausgelöst. Ich hatte noch nie persönlichen Kontakt mit Herrn Zimmer. Da konnte noch kein Vertrauen wachsen zwischen uns. Ich habe deshalb geantwortet, dass ich mir zuerst ein persönliches Gespräch wünsche, bevor wir öffentlich diskutieren, weil ich die Gefahr sehe, dass die Gesprächsatmosphäre sonst weniger friedvoll, respektvoll und sachlich werden könnte als in den vorherigen Gesprächen. Das wäre dann für alle schädlich. Schade, dass ich dazu keine Antwort bekommen habe. Einige Passagen in dem Hossa-Talk mit Siegfried Zimmer bestärken mich in meinem Eindruck, dass ein vorheriges persönliches Gespräch besser gewesen wäre.

Die Motivation prüfen

Noch etwas wurde mir wichtig im letzten Jahr: Bevor ich mich öffentlich äußere muss ich zuerst in einen persönlichen Frieden finden. Zuerst den Menschen vergeben, von denen man sich verletzt fühlt. Zuerst sich füllen lassen mit der Gnade Gottes, aus der ich selber lebe, damit ich auch Gnade für andere habe. Zuerst Zuversicht und damit auch Gelassenheit tanken, weil Gott am Ende doch alles unter Kontrolle hat. Zuerst klären: Warum will ich das jetzt sagen? Will ich mich rechtfertigen? Oder lasse ich Gott mein Anwalt sein? Geht es um mein Ansehen und mein Rechthaben? Oder geht es um Gottes Ehre, um sein Reich und um das Wohl der Menschen, die Gott liebt? Das gelingt mir leider nicht immer – aber ich versuche, daran zu arbeiten.

Namen nennen – im geeigneten Rahmen!

In meiner Gemeinde habe ich erlebt, wie sehr die Atmosphäre vergiftet wird, wenn Leute sagen: „Vielen Leuten missfällt, dass Du…“ Solche unspezifischen Aussagen erzeugen Verunsicherung. Wer ist da alles unzufrieden mit mir? Wem kann ich jetzt überhaupt noch unbelastet begegnen? Viel besser erscheint es mir deshalb, konkret zu werden: Wer genau denkt schlecht über mich? Nur dann gibt es die Chance, die Dinge gezielt anzusprechen und auszuräumen.

Dialog und Gespräch funktioniert nun einmal grundsätzlich nur mit konkreten Personen. Das gilt ganz besonders für theologische Debatten. Wer ist gemeint, wenn sich jemand über „Fundamentalismus“ beklagt? Wem wird genau unterstellt, dass die Bibel vergöttlicht wird oder dass ein islamisches Schriftverständnis vorherrscht? Bei welchen Leuten empfindet man Verstandes- und Wissenschaftsfeindlichkeit oder eine Angst- und Abschottungsmentalität? Betrifft das nur ein paar wenige Sondergruppen? Oder die ganze evangelikale Bewegung?

Ich bin deshalb mehr denn je dafür, im geeigneten Rahmen konkret zu werden und in Debatten auch Namen zu nennen. In jeder theologischen Arbeit ist das ja vollkommen normal. Wenn ich mich abgrenze von der Theologie Bultmanns ist das viel konkreter als wenn ich mich allgemein von liberaler Theologie abgrenze – zumal nach bestimmten Definitionen Bultmann gar nicht als liberaler Theologe gilt! Natürlich muss es bei solch einer Abgrenzung um die Sachpositionen Bultmanns gehen, nicht um den Menschen Bultmann. Nur so kommen wir in der Debatte voran.

Einander loslassen!

Und noch ein Prinzip ist mir wichtig geworden: Wir müssen einander freigeben. Nicht jeder muss so denken und so unterwegs sein wie ich. Manchmal war auch bei den biblischen Protagonisten eine Trennung der beste Weg (Apg. 15, 36ff.). Das hat auch mit Respekt zu tun vor der anderen Meinung und dem Weg, den Gott den Anderen führen kann. Das Ziel unserer Debatten sollte deshalb immer sein: Einheit, wo immer möglich. Aber wo das nicht geht, sollten wir das nicht übertünchen. Erst recht sollten wir andere nicht bedrängen oder unter Druck setzen. Viel besser ist eine geklärte, wenn möglich versöhnte Verschiedenheit, in der wir uns einander die Freiheit zugestehen, unterschiedliche Wege zu gehen. Es darf doch verschieden geprägte Denominationen geben. In den großen Kirchen darf es doch auch verschiedene Richtungsgemeinden mit unterschiedlicher Ausrichtung. Wenn es an den Universitäten so gut wie keine evangelikalen Theologen gibt (wie Siegfried Zimmer im Hossa-Talk berichtet), dann freue ich mich sehr darüber, dass es Ausbildungsstätten gibt, die einen konsequent evangelikalen Weg gehen. Mich macht es traurig, wenn man ihnen unterstellt, dass sie von Abgrenzung und der Kritik an anderen leben.

Wie gut, dass wir trotz aller notwendigen sachlichen Auseinandersetzung das persönliche Urteil über andere Menschen, Gruppen, Gemeinden und Bewegung getrost Gott überlassen können. Wie gut, dass wir lernen können, wie man streiten und sich dennoch lieben kann (wie es Manfred Siebald so schön formuliert hat). Wie gut, dass wir uns manchmal auch freigeben können für unterschiedliche Wege. Jubilate! Jauchzt und Jubelt!

Mein Freund Wolfgang

Darf ich vorstellen? Das ist mein Freund Wolfgang. Wir haben uns vor etwa 10 Jahren kennen gelernt. Wir veranstalten in unserer evangelischen Gemeinde jedes Jahr einen Glaubenskurs. Wolfgang war dabei. Und am Ende hat er sich entschieden: Mein Leben soll ab jetzt Jesus gehören. Ich vergesse nie, wie wir zum ersten Mal zusammen gebetet haben. Am Ende hat er mir seinen Arm gezeigt und gesagt: Schau Markus, ich hab Gänsehaut. Das ist seither oft passiert. Wolfgang hat ein ganz besonderes Gespür dafür, dass Gott nicht weit weg ist, irgendwo da draußen, sondern dass Gott uns spürbar nahe kommt, dass er niemals weiter weg ist als ein Gebet.

Ich habe bei Wolfgang miterleben dürfen, wie konkret der Glaube helfen kann. Viele Jahre hatte er ein großes Alkoholproblem. Das hat nicht nur sein eigenes Leben zerstört sondern auch seine Familie. Mit der Hilfe einer Blaukreuz-Gruppe hat er den Alkohol schließlich besiegt. Aber sein Gewissen war trotzdem schwer belastet. Nach seiner Bekehrung schrieb er zusammen mit einem Seelsorger alle Sünden, die ihm einfielen, auf einen Zettel auf. Den Zettel haben sie dann zusammen verbrannt – als Zeichen der Vergebung. Trotzdem fühlte er sich noch nicht wirklich frei von seiner dunklen Vergangenheit, für die er sich so schämte.

Deshalb freute er sich unbändig auf seine Taufe. Seine Hoffnung war, dass das sein Gewissen vollends erleichtern würde. Als ich zum Ort der Taufe fuhr goss es in Strömen. Die Taufe fand in einem Fluss im Freien statt, deshalb befürchtete ich schon, dass sie im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser fällt. Aber erfreulicherweise hörte der Regen gerade auf, als ich am Ort des Geschehens eintraf. Strahlend begrüßte mich Wolfgang, als ich aus dem Auto ausstieg. Er hatte gerade eine Entdeckung gemacht: Direkt an der Taufstelle stand ein Kilometerstein am Flussufer. Darauf war zu lesen: „0,0 km“. Gerade hier kamen 2 Flüsse zusammen, deshalb begann hier ganz offensichtlich eine neue Kilometerzählung. Für meinen Freund hatte das aber eine ganz andere Bedeutung. Begeistert sagte zu mir: „Siehst Du, Markus! Ich darf wieder ganz bei Null beginnen!“

Dann begann die Taufhandlung. Und da geschah vor unseren Augen etwas wirklich Unglaubliches: Genau in dem Moment, als mein Freund aus dem Wasser wieder auftauchte, brach die Sonne durch die Wolken. Es war ein bewegender Moment für alle, die dabei waren – am meisten natürlich für meinen Freund, der jetzt tatsächlich tief in seinem Herzen die Gewissheit spürte, dass seine Schuld wirklich vergeben ist. Noch nie wurde mir so anschaulich vor Augen geführt, was Petrus meinte, als er schrieb: „Die Taufe ist keine körperliche Reinigung, sondern die Bitte an Gott um ein reines Gewissen.” (1. Petrus 3, 21)

Diese Gewissheit der Vergebung hat Wolfgang nie wieder verloren. Es war wunderbar, miterleben zu dürfen, wie Gott ihm neue Freunde und neue Beziehungen geschenkt hat. Und wie auch sein Sohn in unserem Glaubenskurs zu Jesus fand, so dass die Vater-Sohn-Beziehung auf eine ganz neue Grundlage kam.

Wolfgang ist für mich ein echter Freund geworden. Nicht nur, weil wir dieses Vertrauen auf Jesus geteilt haben. Wir hatten noch eine weitere gemeinsame Leidenschaft: Fußball! Er hat sich immer riesig gefreut, wenn meine Frau und ich gekommen sind, um gemeinsam in seiner Wohnung Fußball zu kucken.

Vor 2 Wochen erlitt Wolfgang plötzlich einen Herzinfarkt. Die Ärzte versetzten ihn in ein künstliches Koma – aus dem er nicht mehr aufwachen sollte. Kurz bevor es zu Ende ging, trafen sich die engsten Angehörigen mit einem Seelsorger an seinem Bett. Sie feierten gemeinsam einen Gottesdienst. Das Unglaubliche war: Genau in dem Moment, als der Seelsorger den Gottesdienst mit „Amen“ beendete, hörte das Herz meines Freundes auf zu schlagen. Er ist nach Hause gegangen.

Ich habe noch nie so eine Trauerfeier erlebt. Die Aussegnungshalle war überfüllt. Die freiwillige Feuerwehr kam in Uniform und mit Standarte. Der Pfarrer berichtete, wie Wolfgang zum Glauben gekommen ist und wie das Vertrauen auf Jesus sein Leben auf eine völlig neue Grundlage gestellt hat. Dann sprach der Feuerwehrkommandant seinen Nachruf. Er erzählte, wie er die Veränderung in Wolfgangs Leben beobachtet hat. Und dann diese unglaublichen Worte: „Ich bin sicher, dass Wolfgang jetzt sehen darf worauf er vertraut hat. Das nehme ich mit von dieser Beerdigung, dass es sich lohnt, auf Jesus zu vertrauen.“ Was für ein Zeugnis!

Wolfgang, mein Freund. Es ist so schade, dass wir uns nicht mehr verabschieden konnten. Ich hätte Dir so gerne gesagt, wie stolz ich auf Dich bin. Dass Du wirklich ein Held für mich bist. Du hast Dich nicht gehen lassen. Du hast Deinem Gott vertraut. Du hast Dir von ihm helfen lassen. Und Du hast erlebt, dass er Dir geholfen hat. Am Tag vor Deinem Herzinfarkt hast Du mir noch gesagt, dass Du Dich freust, wenn wir Dich wieder besuchen kommen. Es wird jetzt wohl länger dauern, bis ich kommen kann in Deine neue Wohnung, die Jesus Dir bereitet hat. Aber die Zeit kommt, dann werden wir wieder zusammen feiern und miteinander lachen. Zusammen mit unserem Jesus, den wir beide lieben und der uns beide so unendlich liebt. Ich hoffe, ich kann meinen Weg so treu mit ihm bis zum Ende gehen, wie Du ihn gegangen bist. Wir sehen uns, mein Freund.

Von Brillen und Missverständnissen – eine Antwort an Rolf Krüger

In den vergangenen Monaten habe ich mich immer wieder mit sogenannten „Postevangelikalen“ befasst, also Menschen die ihren evangelikalen Hintergrund aus unterschiedlichsten Gründen verlassen haben. Ich habe Vorträge gehört, Bücher gelesen, mich in Facebook, per Mail und persönlich mit Menschen ausgetauscht. Dabei habe ich auch so manche traurige Geschichte gehört. Ein Resultat daraus war der Artikel „6 Gründe für die Flucht aus Evangelikalien“, der sich vor allem auf das Buch „Flucht aus Evangelikalien“ von Gofi Müller bezog. Der Artikel führte zu einer Einladung zum Hossa-Talk, an den ich mit Freude zurückdenke. Vor einigen Tagen ist der Artikel dann in etwas abgewandelter Form in der Zeitschrift AUFATMEN (3/18) erschienen. Er richtet sich selbstkritisch an die Evangelikalen im Land, zu denen ich mich von Herzen zähle. Nur ganz am Ende wende ich mich noch mit den folgenden Sätzen auch an Postevangelikale:

„Ich kann viele der Gründe gut verstehen, die Sie dazu bewegt haben, die evangelikale Welt hinter sich zu lassen. Wenn ich es könnte, würde ich Sie gerne im Namen meiner evangelikalen Freunde um Vergebung bitten, dass wir Sie so oft mit Ihren Fragen allein gelassen haben und stattdessen mit mehr oder weniger Druck zwingen wollten, „auf Linie“ zu bleiben. Es ist schrecklich, dass so etwas immer wieder passiert. Mit diesem Artikel werde ich wohl niemanden gewinnen können, in meine evangelikale Welt zurück zu kehren. Aber ich will zumindest sagen, warum ich auch zukünftig gerne in „Evangelikalien“ bleibe. Ich finde: Wegen Zerrbildern das Vertrauen in die Verlässlichkeit der Bibel über Bord zu werfen, ist die falsche Konsequenz. Zur Kritik gehört immer auch Selbstkritik – und ein heiles neues Bild entsteht nun einmal nicht aus der Summe unserer Verletzungen. Mich befriedigt der Gedanke nicht, die Frage nach „wahr“ und „falsch“ in der Bibel daran zu entscheiden, was unserem begrenzten Verstand einleuchtet oder nicht. Menschen für Jesus zu begeistern und gegen den Trend lebendige Kirche zu bauen: Das traue ich doch immer noch am ehesten diesem alten, rauen Evangelium der ersten Zeugen zu, das schon damals gegen alle Widerstände die Welt auf den Kopf gestellt hat und das auch heute noch weltweit seine Kraft beweist – selbst in schwierigsten Verfolgungssituationen. Ich liebe Theologie. Aber meine Erfahrung ist: Theologie ist gerade dann kraftvoll und lebendig, wenn sie voll und ganz auf das von Gottes Geist inspirierte Wort der ersten Zeugen baut. Die grünen Auen und das frische Wasser finde ich dort, wo ich den Worten des guten Hirten kindlich vertraue. Ja, es stimmt: Gott gibt uns Freiheit. Selbst wenn wir wie Jona manchmal weglaufen, verliert Gott nicht die Geduld mit uns. Aber am Ende gibt es nichts Schöneres und Heilsameres als die Rückkehr in die Arme des himmlischen Vaters. Diese Erfahrung wünsche ich allen – innerhalb und außerhalb von Evangelikalien.“

Nun hat Rolf Krüger, der langjährige Leiter von jesus.de und Leiter der Öffentlichkeitsarbeit von Fresh X eine Replik auf den Artikel veröffentlicht:

Die evangelikalen Missverständnisse über progressive Christen – eine Replik auf Markus Till

Krüger bezieht sich darin fast nur auf die oben einkopierten letzten Sätze meines Artikels. Seine Hauptdiagnose ist: Mein Artikel basiere auf falschen Voraussetzungen, weil ich immer noch eine evangelikale Brille aufhabe. Mit diesen wenigen Sätzen würde ich zeigen, „wie viel an Missverständnissen und Vorurteilen immer noch selbst in klugen Köpfen sitzt.“

Was bedeutet „Verlässlichkeit“?

Das Kompliment mit dem klugen Kopf freut mich natürlich. Ebenso freue ich mich immer über die von Krüger angebotene Hilfe, um progressive Christen (zu denen auch die Postevangelikalen gehören) besser verstehen zu können. Seine Verstehenshilfe beginnt mit der These: Mir sei da ein „beliebter Flüchtigkeitsfehler von Evangelikalen“ unterlaufen. Denn ich würde behaupten, dass progressive Christen die Bibel nicht für verlässlich halten.

Nun habe ich meine Worte an die Postevangelikalen ja ganz bewusst als “Ich-Botschaft” und nicht als Zuschreibung verfasst. Denn erstens sind Postevangelikale und Progressive ja alles andere als eine einheitliche Gruppe. Und zweitens gilt: Gerade wenn es um Begegnungen zwischen unterschiedlichen “Lagern” geht ist Kommunikation ganz besonders anspruchsvoll. Identische Begriffe rufen oft ganz unterschiedliche Emotionen und Verknüpfungen, manchmal auch Verletzungen hervor. Und sie werden vor allem oft mit ganz anderen Inhalten gefüllt. Rolf Krüger beschreibt das in seinem Artikel geradezu exemplarisch anhand des Begriffs “Verlässlichkeit der Bibel”. Zunächst zeigt er, dass er doch vergleichsweise gut weiß, was ich darunter verstehe: Tatsächlich ist für mich die ganze Bibel so von Gottes Geist durchweht, dass ich sie insgesamt als Gottes verlässliches Wort betrachte (übrigens auch in ihren historisch gemeinten Aussagen). Sie ist mir als Ganzes ein kostbarer Juwel und Richtschnur für mein Leben. Und deshalb stellt sie für mich auch eine Einheit dar, die sich gegenseitig ergänzt und sich selbst auslegt.

Aus Krügers Sicht hingegen kann man von der Bibel keine „Verlässlichkeit im Sinne einer einheitlichen Aussage über ein Thema“ erwarten. Folgerichtig macht für ihn die Wendung „Die Bibel sagt“, wie sie z.B. der evangelikale Prediger Billy Graham oft verwendet hat, keinen Sinn. Denn eine einheitliche Aussage erwartet er nicht von Texten, die über einen so langen Zeitraum von so verschiedenen Menschen aus völlig unterschiedlichen Kulturen geschrieben wurden. „Verlässlichkeit“ bedeutet für ihn: Die Bibel ist ein verlässliches Stück Literatur. Ihre Texte sind “verlässliche zeitgeschichtliche Zeugen”. Sie ist aber „kein kunstvoll geschliffener Juwel … sondern ein Steinbruch, in dem man zahlreiche Edelsteine findet … aber eben auch Dinge, wo die Protagonisten und Autoren der Bibel entweder einen sehr kurzen Horizont hatten oder sich sogar völlig verrannten.“

Das Phänomen, dass man Begriffe ganz anders füllen und dadurch trotz völlig unterschiedlicher Sichtweisen an den gleichen Begriffen festhalten kann, ist mir in der Auseinandersetzung mit Progressiven und Postevangelikalen oft begegnet. Ich respektiere natürlich, dass Rolf Krüger die Bibel trotz dieser komplett anderen Sichtweise in seinem Sinne trotzdem für verlässlich hält. Aber Fakt ist auch: Die Art von Verlässlichkeit, die ich in der Bibel sehe und die ich (übrigens aus vielen guten Gründen) nicht über Bord werfen möchte, lehnt er ja tatsächlich in einer seltenen Offenheit und Direktheit ab.

Die Bibel: Juwel oder ein Steinbruch mit Juwelen?

Rolf Krüger spekuliert dann weiter über mich: „Für ihn scheint wie für viele Evangelikale die Sache ganz klar: Wer mit dem Satz „Die Bibel sagt…“ nichts anfangen kann, kann die Bibel nicht ernst nehmen.“ Nein, so denke ich nicht und so würde ich niemals reden. Ich habe es in den letzten Monaten immer wieder von Postevangelikalen gehört und gelesen: „Ich nehme die Bibel auch ernst! Ich verstehe sie nur anders als Du!“ Und ich musste feststellen: Ja, tatsächlich wird auch unter Postevangelikalen oft nicht leichtfertig mit den biblischen Texten umgegangen sondern sie werden sorgfältig bedacht, untersucht und abgewogen. Wo immer möglich möchte man sie für sich fruchtbar machen. Aber man liest sie auch kritisch, weil man sie nicht ohne weiteres 1:1 auf das Heute übertragen kann.

Und dieser Sichtweise würden ja – soweit ich das sehe – auch fast alle Evangelikalen zustimmen, solange man mit “Kritik” “Unterscheidung” meint und nicht eine Abwertung von biblischen Texten. Der Satz „Wer die Bibel kennt, kennt Gottes Willen“, den Rolf Krüger den Evangelikalen unterschiebt, ist natürlich auch für Evangelikale mindestens stark verkürzt. Denn auch sie haben vor Augen, dass z.B. die Schriftgelehrten zur Zeit Jesu die damalige Bibel ganz hervorragend kannten – und trotzdem Gottes Sohn abgelehnt haben.

Ja, ich glaube wie die Reformatoren an die “Klarheit der Schrift”. Ich glaube daran, dass alle wichtigen und heilsrelevanten Aussagen der Bibel auch von Laien verstanden werden können und dass es deshalb ein richtiger und wichtiger Schritt von Luther war, den Laien die Bibel selbst in die Hand zu geben. Aber auch Evangelikale wissen, dass die Auslegung der Bibel und die Anwendung auf aktuelle Fragen ein anspruchsvolles Geschäft ist. Dafür braucht es Gottes Geist. Und dazu hilft natürlich auch sorgfältige Bibelwissenschaft, die Textkritik betreibt, Textgattungen unterscheiden hilft, das damalige historische Umfeld und damalige Wortbedeutungen und Wahrheitsverständnisse überprüft, um Missverständnisse zu vermeiden, wenn so uralte Texte auf uns als Kinder einer völlig anderen Zeit mit völlig anderer Prägung, anderen Vorverständnissen und anderer Denkweise treffen. Mir ist nicht klar, wie Rolf Krüger darauf kommt, dass ich das Kommunikationsproblem beim Verstehen von so uralten Texten ignorieren wollte.

Und mehr noch: Evangelikale wissen, dass sie die Einbindung in die Auslegungsgemeinschaft der weltweiten und der historischen Kirche brauchen. Deshalb sind ihnen Bekenntnisse wichtig. Wir müssen beim Auslegen der Bibel voneinander lernen, um nicht einseitig zu werden und schräge Ideen zu entwickeln, was Gottes Wille in aktuellen oder persönlichen Fragestellungen ist. Und natürlich wissen auch Evangelikale: Niemand kann für sich in Anspruch nehmen, Gottes Willen bis ins Detail unfehlbar aus der Bibel herauslesen zu können.

Übrigens ist mir in meiner langjährigen Zeit unter Evangelikalen wirklich noch niemand begegnet, der die Bibel für ein „wortwörtliches Diktat“ hält. Selbst die Chicago-Erklärung hält ja fest: „Die Art und Weise der göttlichen Inspiration bleibt zum größten Teil ein Geheimnis für uns. … Wir verwerfen die Auffassung, dass Gott die Persönlichkeit dieser Schreiber ausgeschaltet habe.“ Man muss die Chicago-Erklärung ja nicht in allen Details gut finden. Auch für mich ist sie nicht das Maß aller Dinge. Aber ich finde: Wer sie nennt und sich auf sie bezieht sollte das fair und ausgewogen tun.

Bibel lesen ohne den Verstand einzuschalten?

Rolf Krüger schreibt weiter: „Markus Till postuliert – bewusst oder unbewusst – man könne an einen antiken Text wie die Bibel herangehen, ohne den Verstand einzuschalten, ganz ohne subjektive Verarbeitung des Gelesenen.“ Puh, bei diesem Satz musste ich kurz tief durchatmen. Nicht nur, weil mir – wie oben beschrieben – die Subjektivität unserer Wahrnehmung natürlich bewusst ist. Dazu kommt: Nichts läge mir ferner als Verstandesfeindlichkeit beim Lesen der Bibel. Wer meine Artikel kennt weiß, dass ich das Gegenteil betone. Auch in dem AUFATMEN-Artikel dreht sich ja der ganze erste Abschnitt um die Notwendigkeit, dass es in unseren Gemeinden viel Raum zum Denken gibt. Unser Verstand ist ein Geschenk Gottes. Wir dürfen und sollen ihn reichlich benutzen – gerade auch beim Bibellesen! In meinem Artikel „Tödliche Buchstaben – Befreiende Wahrheit“ schreibe ich deshalb: „Ich werde oft als “bibeltreu” bezeichnet. Das ist auch O.K. solange klar ist, dass ich keine blinde, hirn- und herzlose Bibeltreue befürworte. Was wir vielmehr brauchen ist eine mündige Liebe zur Bibel mit wachem Verstand.“ Rolf Krüger hat also natürlich recht, wenn er schreibt: „Es ist ganz schön gewagt zu behaupten, nur wer die Bibel einfach liest, statt sie mit Verstand zu untersuchen und zu analysieren, könne ihren wahren Inhalt erkennen.“ Ich bin gespannt, ob ich unter meinen evangelikalen Freunden einmal jemand kennen lerne, der das behauptet.

Nein, die Diskussion geht doch nicht um die Frage, ob der Verstand eine wichtige Rolle spielen muss. Die Frage ist doch vielmehr: Wer hat am Ende das letzte Wort? Ordnen wir unseren Verstand der Schrift unter oder machen wir ihn zum Richter über richtig und falsch in der Bibel? Im idea-Gespräch mit Prof. Dietz habe ich es so formuliert: “Wissen und Vernunft sind wichtig. Aber regieren muss letztlich die ganze, sich selbst auslegende Schrift.” Martin Luther hat geschrieben: “Ich will …, dass allein die Schrift regiert.” Ich glaube nicht, dass ihm deshalb jemand unterstellt hat, dass er den Verstand beim Bibellesen ausgeschaltet sehen wollte.

Verfälscht die Bibelwissenschaft das Evangelium?

Ich freue mich, dass Rolf Krüger meine Sehnsucht teilt, die ursprüngliche Botschaft des historischen Jesus von Nazareth möglichst authentisch zu entdecken. Dazu stellt er dann folgende Frage:

Hat die moderne Bibelwissenschaft die Botschaft verfälscht und nur ein rohes Lesen des Textes, einfach so wie er ist, lässt uns die ursprüngliche Botschaft erkennen?

…oder…

Fehlt uns für das rohe Lesen einfach viel zu viel Verständnis für den Text und hilft die moderne Bibelwissenschaft uns gerade dabei, die ursprüngliche Botschaft unter der Auslegungstradition der Jahrtausende, Jahrhunderte und Jahrzehnte wieder auszugraben?

Meine Rückfrage dazu wäre dazu: Was ist denn „die moderne Bibelwissenschaft“? Meint Rolf Krüger historisch-kritische Theologie in der Tradition von Troeltsch und Bultmann? Dann würde ich sagen: Ja. Diese spezielle Schule der Bibelwissenschaft hat trotz einiger solider wissenschaftlicher Arbeit aus meiner Sicht am Ende wenig von der biblischen Botschaft übrig gelassen. Wer nur das glauben kann, was den Troeltsch‘schen Kriterien der Kritik, Analogie und Korrelation standhält und deshalb z.B. die Möglichkeit von Wundern oder einer leiblichen Auferstehung von vornherein grundsätzlich ausschließt, der wird der Bibel aus meiner Sicht nicht gerecht aus Gründen, die ich bereits ausführlich erläutert habe. Einer Theologie, die Wissenschaftlichkeit mit dem Prinzip des methodischen Atheismus gleichsetzt und deshalb die Bibel untersucht, “als ob es Gott nicht gäbe” traue ich tatsächlich nicht zu, dass sie mich der Botschaft des Jesus von Nazareth näher bringt.

Aber weltweit gibt es ja auch zahlreiche großartige Bibelwissenschaftler, die keinen Widerspruch erkennen zwischen fundierter wissenschaftlicher Arbeit und dem Vertrauen, dass die Bibel verlässliches und zuverlässiges Gotteswort ist. Gerade erst habe ich mich in die „Die Einleitung in das Neue Testament“ von Prof. Armin D. Baum eingearbeitet. Ich staune über die intensive wissenschaftliche Arbeit, die da geleistet wird. Deshalb befürworte und begrüße ich Bibelwissenschaft – wie eigentlich alle Evangelikalen, die ich kenne. Mir ist schon klar, dass Rolf Krüger andere Bibelwissenschaftler hilfreich findet als ich. Aber ich finde es weder fair noch angemessen, Evangelikalen deshalb Wissenschaftsfeindlichkeit zu unterstellen.

Was ist Freiheit?

Rolf Krüger meint schließlich, ich würde die christliche Freiheit fast unmerklich und elegant „dämonisieren“. So fragwürdig ich seine Ausdrucksweise finde: Es scheint mir richtig zu sein, dass wir ein sehr unterschiedliches Verständnis davon haben, was die Bibel und was insbesondere Paulus mit Freiheit meint. Freiheit heißt für Paulus ja ausdrücklich nicht: Tu, was Du willst. Freiheit heißt für ihn, nicht mehr Sklave der Sünde zu sein, damit wir Diener Gottes werden können (z.B. Römer 6,15-22). Christen haben Jesus immer als Herrn bezeichnet. Sie gehen nicht, wohin sie wollen sondern sie folgen ihm nach. Und mir geht es so: Ich muss immer wieder umkehren, wenn ich merke, dass ich IHN aus dem Blick verloren habe, wenn ich mich nicht mehr von Gottes Geist und Gebot sondern von meinem Ego leiten lasse. Ja: Ich glaube tatsächlich, dass allein dieser Weg der Jesusnachfolge wahres Leben bringt. Ist das dämonisch? Ist das Festhalten am “Christus allein” tatsächlich ein “Quell von Zwietracht, Ausgrenzung und Leid und nicht selten auch von Krieg, Zerstörung und Tod”, wie Krüger nahelegt? Ich glaube nicht. Das “Niemand kommt zum Vater außer durch mich” stand für Jesus in keinem Gegensatz zu “Liebe Deinen Nächsten” und “Liebt eure Feinde”. Leider sind es heute weltweit gerade die Christen, die in vielen Ländern Ausgrenzung und Leid erfahren, nur weil sie wie die ersten Jünger bekennen: “In keinem anderen ist das Heil.” (Apg. 4,12)

Brillen oder Missverständnisse?

Ich staune schon etwas über die doch weitreichenden Deutungen, die Rolf Krüger aus meinen Sätzen zieht. Hatte ich bei den letzten Zeilen meines AUFATMEN-Artikels also eine evangelikale Brille auf, die meinen Blick auf Progressive und Postevangelikale verzerrt? Natürlich würde ich nie behaupten, andere und anders geprägte Christen ganz zu verstehen. Wer kann das schon? Ich möchte immer weiter lernen, meine Mitmenschen besser wahrnehmen und ihr Denken besser nachvollziehen zu können. Aber es sei auch die Frage erlaubt: Ist es Rolf Krüger gelungen, mich und meine Zeilen frei von progressiven Brillen auf Evangelikale zu bewerten? Die Antwort auf diese Frage möchte ich meinen Lesern überlassen.

Die Wutmaschine – Vorsicht, Ansteckungsgefahr!

Eine Wutmaschine fräst sich durch unser Land. Ihre Hinterlassenschaften sind vielfältig:

  • Wut auf gewalttätige Migranten
  • Wut auf Gewalt gegen Migranten
  • Wut auf Behörden, die gewalttätige Migranten nicht abgeschoben haben
  • Wut auf Behörden, die Migranten abschieben
  • Wut auf Politiker, die Migranten ins Land gelassen haben
  • Wut auf Politiker, die sich dagegen wenden, dass Migranten ins Land gelassen werden
  • Wut auf Rechtsradikale, die die Wut wegen der Migration für sich instrumentalisieren
  • Wut auf Linksradikale, die die Wut auf Rechtsradikale für sich instrumentalisieren
  • Wut auf Journalisten, die besorgte Menschen pauschal zu Nazis machen
  • Wut auf Journalisten, die dem Migrationsthema zu viel Raum geben
  • Wut auf Richter, die gewalttätige Migranten zu milde behandeln
  • Wut auf Polizisten, die nicht genug gegen Rechts vorgehen
  • Wut auf…

Die Aufzählung ließe sich lange fortsetzen. Die Wutmaschine erzeugt nicht nur Wut, sie rechtfertigt sie auch. Sie sagt: Man muss aggressiv vorgehen gegen die, die aggressiv gegen unser Land vorgehen. Es sind dann wahlweise Rechtsextreme, Linksextreme oder Islamisten, die scheinbar kurz davor stehen, unser Land zu übernehmen und die deshalb die gesammelte Wut aller aufrechter Demokraten mehr als verdienen sollen.

Die Wutmaschine arbeitet oft mit Angst. Angst vor Gewalt, vor Veränderung, vor Heimatverlust, vor Fremdbestimmung, vor … was auch immer. Angst nährt die Wut. Wut kann zu Hass führen. Und Hass führt dazu, dass genau das eintritt, wovor wir alle Angst haben – wie eine sich selbst erfüllende Prophetie. Am Ende steht eine tief gespaltene Gesellschaft und zerstörtes Vertrauen in die Institutionen, ohne die unser Land nicht funktionieren kann: Politik, Medien, Justiz, Polizei… Das Problem ist: Unsere Demokratie und unser erfolgreiches Wirtschaftssystem basiert genau darauf: Vertrauen. Wenn es einmal zerstört ist wird unser Land nicht mehr das Gleiche sein. Übrigens auch nicht die Kirche. Ganz schön viel Wut habe ich auch unter Christen wahrgenommen, und zwar Wut in ganz gegensätzliche Richtungen. Wie viele Gemeinden in unserem Land sind wohl schon innerlich gespalten, weil die Wutmaschine gewütet hat und die Polarisierung auch vor unseren Gemeindezentren nicht Halt macht?

Letzte Woche hat sie auch mich erwischt, die Wutmaschine. Zum Beispiel bei der Sendung Dunja Hayali. Da saßen sich Jörg Meuthen von der AfD und Kathrin Göring-Eckardt von den Grünen gegenüber. Sorry, lieber Leser, falls Du einen dieser Politiker liebst. Aber es war halt ehrlich so: Sie haben mich beide wütend gemacht. Sie haben sich von Gewalt distanziert, aber von Extremisten in den eigenen Reihen wollten sie sich nicht distanzieren – oder sie haben einfach behauptet, es gäbe sie nicht. Sie haben auf den Anderen geschimpft, aber selbst genau das Gleiche getan. So habe zumindest ich es empfunden, und so ging es offenbar auch Dunja Hayali. Wobei ja auch der Name dieser Moderatorin inzwischen bei Vielen Wut auslöst, wie man auch in der Sendung sehen konnte.

Die Sendung hat mich buchstäblich einige Stunden Schlaf gekostet. Mir geht es so: Ich will dann am liebsten verbal um mich schlagen. Das Internet gaukelt uns ja vor, wir würden irgendwie gehört und wir könnten irgendetwas verändern, wenn wir uns dort äußern. Aber was passiert real? Oft werden wir nur Teil dieser Wutmaschine, die unsere Internetbekanntschaften mit neuer Wut infiziert, weil sie entweder von unserer Wut angesteckt werden oder weil sie wütend auf unsere Sichtweise sind.

Keine Frage: Manche Wut, die unserem Land unterwegs ist, ist verständlich, ja sogar berechtigt. Jesus konnte auch manchmal richtig wütend werden. Wir kennen die Szene im Tempel, in der er mit „heiligem Zorn“ die Händler vertrieb. So ein „heiliger Zorn“ kann natürlich auch Christen treffen. Wer leidenschaftlich liebt wie Jesus, der ist nicht immer lieb und nett. Allerdings kann unmöglich jeder Zorn, den ich bei mir und anderen Christen beobachte, „heilig“ sein. Ich kann mir kaum vorstellen, dass Gott Leute mit gegensätzlichem Zorn erfüllt, so dass sie aufeinander losgehen. Ein großer Teil unserer Wut ist offenbar doch ziemlich menschlich.

Paulus hat uns deshalb einen anderen Weg gezeigt, wie wir mit Dingen umgehen sollen, die wir als Böse empfinden:

„Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ (Römer 12, 21)

Direkt davor sagt er noch einige denkwürdige Sätze: „Haltet euch nicht selbst für klug. Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.“ 

Also ganz ehrlich: Es gab letzte Woche Menschen, bei denen ich nicht unbedingt auf Gutes bedacht war. Und ich hätte auch keinerlei Lust verspürt, nach Frieden mit ihnen zu streben. Die Frage ist ja auch: Ist das realistisch, was Paulus da schreibt? Ist das nicht nur so ein frommes Ideal, das man in der Praxis gar nicht erreichen kann? Wer hat sich schon komplett im Griff, wenn die Wutmaschine sich durch unseren Herzensgarten fräst?

Aber ich fürchte, dass die Bibel hier nicht nur von Idealen spricht. Sie hat es wohl tatsächlich ernst gemeint. Sie hat den Anspruch, dass wir das wirklich so leben sollen. Und Paulus erklärt dann ja auch, wie das ganz praktisch gehen kann:

„Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! … Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden! Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, wird eure Herzen und Sinne in Christus Jesus bewahren.“ (Philipper 4, 4-7)

Das ist es: Immer wieder zurück zu Jesus! Die Angst und die Sorgen auf ihn werfen! Er ist und bleibt doch der Herr der Geschichte. Er hat auch die Politiker im Griff, egal ob rechts oder links. Und die Medienleute. Und die… einfach alle! Und Fakt ist ja: Am Ende geht alles gut aus! Wegen Jesus! Ja, in der Welt haben wir Angst. Jesus wusste das. Aber wir können auch getrost sein. Er hat die Welt überwunden. (Johannes 16, 33) Er hat sogar im Angesicht des fiesesten und gewalttätigsten Hasses, den man sich überhaupt nur vorstellen kann gesagt: Vater, vergib ihnen. Wenn ich daran danke, kann ich mich doch wieder neu von SEINER Freude anstecken lassen.

Irgendwie so müssen das wohl auch die Christen schaffen, die über unsere Probleme in Deutschland nur müde lächeln können. Diese heldenhaften Brüder und Schwestern in Ägypten oder im Iran, die nicht nur virtuell oder medial sondern ganz hautnah mit Wut, Hass und Gewalt konfrontiert sind. Die um ihr Leben fürchten müssen, die angeklagt, geschlagen, eingesperrt, vertrieben und enteignet werden, nur weil sie sich zu Jesus bekennen. Und die trotzdem von innen heraus leuchten, weil sie fest an Jesus bleiben, weil sie durch ihn gelernt haben zu vergeben und weil SEINE Freude und SEIN Friede sie erfüllt, obwohl eigentlich alles dagegen spricht. Sie haben ihn tatsächlich: Diesen Frieden Gottes, der höher ist als alle Vernunft. Von ihnen will ich lernen.

Jesus hat gesagt: „Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ (Matthäus 5, 9). Jesus, bitte hilf mir dabei. Mich nicht von dieser Wutmaschine infizieren zu lassen. Sondern immer wieder in Deinen Frieden zurückzukehren. Aus Deinem Frieden und Deiner Freude zu schöpfen. Und dadurch mit Dir Geschichte zu schreiben, indem ich mit dazu beitrage, dass Dein Friedensreich wächst mitten in einer Welt voll Angst, Wut und Dunkelheit. Danke, dass Du das in mir und durch mich schaffen kannst. Amen.


P.S.: Heißt das also, dass wir Christen uns aus allem heraushalten sollen? Sollen wir uns am besten gar nicht politisch äußern, weil es ja in der aufgeheizten Stimmung unserer Tage immer irgendjemand aufregen wird, was wir zu sagen haben? Nein, ich glaube nicht. Es gibt ja so viele laute Stimmen, voller Wut, undifferenziert, unüberlegt, polarisierend statt versöhnend. Es wäre katastrophal, wenn wir diesen Stimmen das Feld überlassen würden. Dringender denn je braucht es Leute, die wohlüberlegt, nüchtern, aus einem Frieden heraus offen ihre Meinung kundtun. Das ist Demokratie! Deshalb freue ich mich über Freunde in Facebook und im realen Leben, die auch politische Sachen verbreiten, solange sie seriös und sachlich sind. Es ist so wichtig, sich mit unterschiedlichen Sichtweisen zu konfrontieren. Und erst recht freue ich mich über Christen, die sich ganz bewusst in der Politik engagieren. Deshalb werde auch ich immer mal wieder etwas Politisches von mir geben. Hoffentlich gelingt es mir, das immer aus SEINEM Frieden heraus zu tun. Und hoffentlich gelingt es mir, dass ich immer schnell in diesen Frieden zurückkehren kann, wenn ich bei Anderen etwas lese, was mich wütend macht. Ich glaube: Wenn wir das beherzigen und wenn wir lernen, wie man streiten und sich dennoch lieben kann, dann können wir Christen echt einen Unterschied machen in unserem Land.

Siehe auch: Keine Angst! Ehrlich! Es ist wichtig, die Wahrheit zu kennen – die ganze Wahrheit!

Kirchengeschichte live – so spannend wie nie zuvor!

Wir leben in einer historisch einmaligen Phase der Kirchengeschichte! Seit der konstantinischen Wende im 4. Jahrhundert war die Gestalt der Kirche durch ihre Verbindung mit dem Staat geprägt. Dadurch war im Grunde festgelegt, dass das ganze Volk zur Kirche gehört (“Volkskirche”), dass ein als Baby getaufter Mensch lebenslang Kirchenmitglied bleibt und auch seine Kinder zu Kirchenmitgliedern macht. Entsprechend gehörten noch im Jahr 1970 fast 95 % der deutschen Bevölkerung zu einer der beiden großen Kirchen. 1990 waren es noch mehr als 70 %. In etwa 5 Jahren werden es vermutlich weniger als die Hälfte sein.

Der Grund für diese – historisch gesehen – Implosion der Kirchenmitgliederzahlen ist offenkundig: Die Moderne und schließlich die Postmoderne hat aus braven Kirchenschäfchen eigenwillige Individualisten gemacht. Die gesellschaftlichen Zwänge lösen sich auf. Plötzlich entscheiden die Menschen selbst, ob sie zur Kirche gehören wollen oder nicht – mit dramatischen Folgen: Die EKD-Studie “Engagement und Indifferenz” stellte eine “Stabilität im Abbruch” fest: Nur noch 22 % der jugendlichen Kirchenmitglieder fühlt sich mit der Kirche verbunden (S. 61). Die Kirche ist auf dem Weg zur “Seniorenkirche” (S. 70).

Folgerichtig äußert Theologieprofessor Michael Herbst, dass es Zeit ist, sich vom Bild der Volkskirche, der weite Bevölkerungsteile angehören, zu verabschieden. Und die FAZ stellt fest, dass “der Mitgliederrückgang […] zu einem Entscheidungschristentum führen wird, in dem man seine Mitgliedschaft nicht mehr aus familiärer Tradition […] aufrechterhält. Man zahlt seine Kirchensteuer deshalb, weil man das Christentum bejaht”. Mit anderen Worten: Die Kirche ist unaufhaltsam auf dem Weg, wieder das zu werden, was sie ursprünglich war: Eine Freiwilligenkirche von entschiedenen Jesusnachfolgern.

Kirchengeschichte live

Diese Entwicklung stellt die großen Kirchen vor eine gewaltige, ungewohnte Herausforderung: Während ihr Mitgliederbestand fast 1700 Jahre lang durch gesellschaftliche Zwänge gesichert war kann sie jetzt plötzlich nur noch überleben, wenn sie so attraktiv wird, dass die Menschen gerne und freiwillig zu ihr kommen!

Muss uns diese Entwicklung Angst einjagen? Keineswegs, sagt der katholische Religionssoziologe und Pastoraltheologe Paul M. Zulehner: Die Gestalt der Volkskirche sei zwar am Ende. Aber die Kirche befinde sich in keiner Krise, nur in einem “epochalen Umbau voller Chancen”. Sie wandelt sich von einer Institution zu einer “Jesusbewegung” “vernetzter älterer und junger Leute, die dem Evangelium Platz machen in ihrem Leben.” Ob sich diese Menschen in herkömmlichen Kirchengemeinden finden oder nicht sei zweitrangig. “Das wird vielfältige Formen annehmen, die wir heute noch nicht so genau kennen.” Die Kirche Jesu wird also bunter – und trotzdem wird sie durch die gemeinsame Liebe zu Jesus mehr Einheit haben als je zuvor. Allerdings könne dieser Umbau nicht allein von Profis bewältigt werden: “Wir brauchen in der Kirche wieder entschiedene Christen, die sagen. “Wir sind Teil eines Anfangs!” Die Zeit der Expertenkirche geht zu Ende. Jetzt beginnt die Zeit der Laien!

Der anhaltende weltweite Boom des Christentums belegt: Diese uralte Botschaft, die seit 2000 Jahren zahllose Menschen für die Jesusnachfolge begeistert, hat tatsächlich auch heute noch nichts von ihrer Kraft und Attraktivität verloren! Wenn die Kirche ihre Wurzeln erneuert, aus denen sie zu allen Zeiten ihre besondere Kraft und Ausstrahlung bezogen hat, wenn sie sich auf diese alte Botschaft besinnt und die kulturellen Hürden konsequent abbaut, dann muss sie keine Angst vor der Entscheidungs­freiheit der Menschen haben – im Gegenteil. Wenn sie sich stattdessen aber nur an ihre früheren Machtstrukturen und die im Moment noch sprudelnden Kirchensteuern klammert, dann braucht sie sich um ihre Zukunft keine Sorgen zu machen. Dann hat sie keine.

Erneuerung ist daher für die großen Kirchen in Europa keine Option, für die sie sich entscheiden könnten oder auch nicht. Erneuerung ist erst recht kein Wunschtraum besonders frommer Christen. Erneuerung ist eine unausweichliche Notwendigkeit, den die großen Kirchen aktiv anpacken und gestalten müssen, wenn sie überleben wollen.

Wir leben also in einer extrem spannenden Phase der Kirchengeschichte. Heute und hier ist die Zeit der mutigen Pioniere, die ihre Bibel kennen, mit Jesus verbunden sind und ihr Leben geben, um mit ihm Geschichte zu schreiben. 500 Jahre nach der Reformation sind wir Augenzeugen einer neuen Reformation, die noch grundlegender und weitreichender sein wird als zur Zeit Martin Luthers. Um alles in der Welt will ich Teil dieser Geschichte sein!

Siehe auch: 95 neue Thesen für eine Reformation der Kirche

Retter statt Retterin

Ein Chrismon-Artikel zeigt, was meine Kirche jetzt dringend braucht

Ich liebe meine Kirche. Ich liebe ihr reiches reformatorisches, theologisches und geistliches Erbe. Ganz besonders liebe ich meine Kirchengemeinde. Ich investiere einen großen Teil meiner Freizeit für sie, für unseren Jugendkreis, unseren Hauskreis, unseren jährlichen Glaubenskurs, für die modern gestalteten Gottesdienste, die Kirchengemeinderatssitzungen und manches mehr.

Umso mehr schmerzt mich der jüngst erschienene Chrismon-Artikel über eine Abtreibungsärztin, die schon in der Überschrift als „Die Retterin“ bezeichnet wird, während im Artikel Lebensschützer durchweg massiv abwertend dargestellt werden. Der Artikel führt mir erneut schmerzlich vor Augen, wie abgrundtief und unüberbrückbar der Riss ist, der mitten durch meine Kirche geht.

Bislang hat sich die Kirchenleitung meines Wissens nicht dazu geäußert. Aber im Zusammenhang mit dem Votum der Chrismon-Chefredakteurin Ursula Ott für eine Legalisierung von Abtreibungswerbung hatte der EKD-Ratsvorsitzende und Mitherausgeber von Chrismon Heinrich Bedford-Strohm bereits im Januar diesen Jahres deutlich gemacht, dass er die Position von Frau Ott zwar nicht teilt, dass ihre Meinung aber „innerhalb der möglichen Meinungsäußerungen im Bereich des Protestantismus“ liegen würde. Frau Ott hat sich deshalb nicht beirren lassen sondern noch einmal kräftig nachgelegt und jetzt genau die Frau öffentlich gefeiert, die wegen eines Verstoßes gegen das Verbot von Abtreibungswerbung rechtskräftig verurteilt wurde.

Nun halte ich Gottes Gebot in dieser Frage für eindeutig: Du sollst nicht töten. Mir ist daher nicht klar, wie die Chrismon-Kampagne für Abtreibungswerbung mit dem eindeutigen Gebot des Herrn der Kirche vereinbar und somit als mögliche protestantische Meinungsäußerung tolerierbar sein könnte. Ich werde niemals den Stab über Frauen brechen, die sich in einer schweren Konfliktsituation befinden. Aber so viel ist sicher: Die Tötung eines ungeborenen Kindes kann nur eine von zwei furchtbaren Alternativen sein. Eine „Rettung“ ist sie in keinem Fall. Wer die Tötung Ungeborener mit einer solchen Vokabel in Verbindung bringt steht weit jenseits des Konsenses der weltweiten Kirche Jesu. Und die teils scharfe Kritik an dem Chrismon Artikel bis hin zu einer Online-Petition belegt: Für nicht wenige evangelische Christen ist es fast unerträglich, dass Millionen Euro aus ihren Kirchensteuernmitteln dafür verwendet werden, um eine Kampagne für Abtreibungswerbung in 1,6 Millionen Haushalte zu tragen.

Wie konnte es so weit kommen?

Bei einer Podiumsdiskussion am 6.11.2017 in Passau hat Herr Bedford-Strohm etwas sehr Schönes gesagt: „Der Kern aller Reformationsprozesse muss sein, dass wir Christus neu entdecken. … Unser eigentliches Problem ist, dass wir eine geistliche Erneuerung brauchen.“ (ab 1:27:52) Diese Ansicht teile ich voll und ganz. Genau dafür bete und arbeite ich. Allerdings würde ich Herrn Bedford-Strohm gerne eine wichtige Frage dazu stellen:

1999 hat der einflussreiche Theologieprofessor Lindemann in einem Spiegel-Interview erklärt: „Dass es sich bei den Evangelien um Lebensbeschreibungen Jesu handelt […] wird seit Jahrzehnten von keinem ernst zu nehmenden Exegeten mehr behauptet.“ Dass ein erheblicher Teil der Jesus-Zitate im Neuen Testament nicht von Jesus selbst stammt sondern ihm erst durch nachträglich in den Mund gelegt wurde, scheint in der universitären Theologie und somit auch in der Pfarrerausbildung weitgehender Konsens zu sein. Wenn aber die Evangelien weder das Leben noch die Lehre Jesu verlässlich beschreiben, woher wissen wir dann, wer und wie Jesus Christus ist? Wie können wir ihn dann neu entdecken? Hielt sich Jesus selbst für den Messias? Ist er leiblich auferstanden? War sein Grab leer? Ist er wirklich in den Himmel aufgestiegen? Wird er so auch wiederkommen? Wird er die Welt richten? Ist er allein der Weg zum himmlischen Vater? Oder ist er auch in anderen Religionen zu finden? Wovor rettet uns Christus überhaupt? Starb er am blutigen Stamm als Opfer für unsere Sünden? Oder hat er sich als ein Justizopfer mit den Unterdrückten der Welt solidarisiert?

Wohin ich auch schaue in meiner Kirche: Ich sehe bei keiner dieser allerzentralsten Fragen Einigkeit. Selbst wenn noch die gleichen Begriffe verwendet werden – die Inhalte sind grundverschieden. Nur so ist erklärbar, warum es in meiner Kirche immer öfter Äußerungen gibt, die mit traditionellen christlichen Standpunkten grundlegend unvereinbar sind. Das sehe ich zum Beispiel, wenn die Synode der evangelischen Kirche im Rheinland den Missionsbefehl unseres Herrn in Bezug auf Muslime offen verwirft. Und nun wird es mir wieder schmerzhaft deutlich, wenn Chrismon eine Abtreibungsärztin als Retterin bejubelt. Beide Positionen hätte ich bis vor kurzem noch für völlig undenkbar in meiner Kirche gehalten.

Der frühere Beauftragte der deutschen evangelischen Allianz im deutschen Bundestag Wolfgang Baake hat nun aufgrund des Chrismon-Artikels dazu aufgerufen, „in Scharen“ aus der evangelischen Kirche auszutreten. Ich respektiere, dass für viele Mitchristen die Grenze des Erträglichen überschritten ist. Aber ich trete nicht aus. Weil ich meine Gemeinde liebe und ihre großen missionarischen Möglichkeiten nutzen möchte. Und weil ich finde, dass doch konsequenterweise eigentlich die austreten sollten, die den Boden unserer kirchlichen Bekenntnisse verlassen haben.

Aber auftreten muss ich.

Lieber Herr Bedford-Strohm, falls Sie diese Zeilen lesen sollten würde ich gerne mit Ihnen ins Gespräch kommen zu genau dieser Frage: Wer ist dieser Christus, den wir neu entdecken müssen und auf dessen Basis die Kirche erneuert werden soll? Welche seiner Lehren sind für die Kirche verbindlich? Auf welcher Grundlage können wir uns über diese Frage überhaupt verbindlich auseinandersetzen, da die EKD doch gemäß ihrem Papier „Rechtfertigung und Freiheit“ die Bibel ausdrücklich nicht mehr so wie zur Zeit der Reformatoren als »Wort Gottes« versteht? Ist diese Frage nur noch subjektiv und individuell zu beantworten? Gibt es keine gemeinsame Wahrheit mehr, die wir der Welt verkünden können?

Ich glaube genau wie Sie: Die Kirche braucht eine geistliche Erneuerung. Dafür muss sie Christus neu entdecken. Nur Christus als Haupt kann die Glieder der Kirche verbinden (Eph. 4, 15-16). Die offene Frage nach Christus ist deshalb der innerste Kern der Probleme, die wir in unserer Kirche haben. Wenn wir diese Frage nicht klären finden wir keine innere Einheit, keine gemeinsame Botschaft und damit auch kein gemeinsames Zeugnis in unsere Gesellschaft hinein. Dann haben wir die Zukunft unserer verfassten evangelischen Kirche verloren.

Es ist höchste Zeit für diese Debatte. Eine Kirche, in der eine Abtreibungsärztin als Retterin bejubelt wird, braucht Christus, den Retter – mehr und dringender denn je.

Siehe auch:

Das Evangelium: Gottes Zorn und Gottes Gnade

Was wir aus dem Buch der Klagelieder lernen können

„Die Gnade des Herrn nimmt kein Ende! Sein Erbarmen hört nie auf, jeden Morgen ist es neu. Groß ist seine Treue.“ (Klagelieder 3, 22-23)

Ist das nicht ein wunderschöner Bibelvers? Gott ist endlos gnädig, treu und voller Erbarmen. Wie wahr! Leider ist der Kontext, in dem dieser berühmte Vers steht, weit weniger bekannt. Und der ist regelrecht schockierend! Der Vers steht ziemlich genau in der Mitte des Buchs der Klagelieder, das wahrscheinlich auf den Propheten Jeremia zurückgeht. Beklagt wird darin die Zerstörung Jerusalems durch den babylonischen König Nebukadnezar (2. Chronik 36, 17-21).

Besonders spannend wird dieser tieftraurige Text, wenn man sich beim Lesen die Frage stellt: Worin liegt eigentlich die Ursache für den katastrophalen Untergang Jerusalems? Wer ist schuld an dem Desaster? König Nebukadnezar vielleicht, der Jerusalem mutwillig zerstört hat? Oder lag es an der Unfähigkeit der israelischen Führung? So würden wir heute ja reden: Die Kriegstreiber sind schuld! Und natürlich die Politiker!

Aber das verblüffende an den Klageliedern ist: Hier wird ausschließlich Einer als Verursacher der Katastrophe dargestellt: Gott!

„Der Herr hat seinen Zorn wie dunkle Wolken über Jerusalem geworfen. Die Herrlichkeit Israels warf er vom Himmel zur Erde. Selbst seinen eigenen Tempel hat der Herr am Tag seines Zorns nicht verschont. Erbarmungslos hat der Herr jedes Haus in Israel zerstört.“ (Kl. 2,1-2a)

Die Szenen, die als Folge von Gottes Zorn geschildert werden, sind grauenvoll:

„Sie liegen in den Straßen – Junge und Alte, Mädchen und Jungen, vom Schwert erschlagen. Du hast sie in deinem Zorn erschlagen, du hast sie ohne Erbarmen umgebracht.“ (Kl. 2, 21)

Schließlich versteigt sich der Autor der Klagelieder sogar zu dem Satz: „Kommt nicht Böses und Gutes aus dem Mund des Allerhöchsten?“ (Kl. 3,38)

Böses aus dem Munde Gottes!? Kann das denn sein??? Ist dieses Buch also eine große Anklage gegen Gott? Das wäre angesichts des schrecklichen Leids ja durchaus naheliegend. Aber Gott wird hier nicht die Schuld gegeben. Gott ist zwar der Verursacher der Katastrophe, aber schuld daran ist das Volk Israel. Nicht Gott war untreu sondern:

„Wir, wir haben die Treue gebrochen und sind widerspenstig gewesen“ (Kl. 3, 42)

„Unsere Väter haben gesündigt, sie sind nicht mehr. Wir aber tragen ihre Schuld.“ (Kl. 5, 7)

Angeklagt werden deshalb besonders auch die Propheten Israels:

„Deine Propheten haben dich betrogen und dir falsche Bilder ausgemalt. Sie haben nicht einmal versucht, dich vor dem Exil zu bewahren, indem sie dir deine Sünden vorhielten. Stattdessen weissagten sie Lügen und verführten dich.“ (Kl. 2, 14)

Wegen der Schuld des Volkes bringt Gott also schweres Unglück über Israel. Wie kann das sein, wenn Gottes Erbarmen doch niemals aufhört? Ist das nicht ein Widerspruch? Oder vielleicht ein Hinweis darauf, dass etwas mit unserem Gottesbild nicht stimmt?

Beim Lesen von Klagelieder 3, 22 fällt mir immer sofort die bekannte Vertonung dieses Verses ein. Ich habe dieses wunderschöne Lied schon so oft angestimmt. Allerdings ist darin nicht von „Gnade“ sondern von „Güte“ die Rede: „Die Güte des Herrn hat kein Ende, kein Ende. Sein Erbarmen hört niemals auf…“

Natürlich ist die Übersetzung mit “Güte” nicht falsch. Auch Luther übersetzt mit diesem Begriff. Trotzdem: „Güte“ ist etwas Anderes als „Gnade“. Güte steht für ein freundliches, geduldiges Wesen. Gnade hingegen ist das Erlassen meiner Schuld, obwohl ich eigentlich verurteilt werden müsste. Und leider beobachte ich oft in meiner Kirche, dass Gott als jemand dargestellt wird, der immerzu gütig, freundlich, sanft, ermutigend und aufbauend ist, ganz egal wie wir uns verhalten. Von Zorn und Strafe ist keine Rede. Das klingt zwar schön, passt aber leider gar nicht zu dem Bild, das uns quer durch die Bibel von Gott gezeichnet wird: Der Gott der Bibel ist eben kein netter Opa im Himmel, der die Irrungen und Wirrungen der Menschen geduldig weglächelt. In seiner Gegenwart kann Sünde nicht bestehen. Menschen, die Gott begegnen, fürchten sich, zittern, fallen wie tot zu Boden. Der Zorn dieses Gottes kann in ein hartes, furchtbares Gericht münden. Und wer die Offenbarung aufschlägt merkt: Diesen zornigen, richtenden Gott finden wir nicht nur im Alten sondern genauso im Neuen Testament. Im Hebräerbrief lesen wir sogar: „Es ist schrecklich, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen.“ (Hebr. 10, 31).

Dass Gott immer wieder zornig wird sollte uns nicht verwundern. In der Bibel wird vielfach beklagt, wie viel Leid wir Menschen uns gegenseitig zufügen und wie wir gerade auch die Schwächsten (die „Fremden, Witwen und Waisen“) unterdrücken, betrügen und berauben. Was würden wir an Gottes Stelle tun, wenn wir uns all diese Grausamkeiten permanent ungefiltert anschauen müssten? Gott wäre kein Gott der Liebe, wenn er angesichts von Gewalt und Betrug an seinen geliebten Geschöpfen nicht irgendwann zornig werden und letztlich auch praktisch zeigen würde, dass Verbrechen Konsequenzen haben. Und wer von uns könnte sagen, dass er nicht vielfach verstrickt ist in Vorgänge, die anderen Menschen schaden und Gewalt antun? Ich könnte das nicht.

Aber genau hier kommt der Begriff der Gnade ins Spiel. Gnade heißt nicht: Gott bleibt jederzeit nett zu mir, egal was ich mir und Anderen antue. Gnade heißt: Ich hätte es eigentlich verdient, von Gottes Zorn getroffen zu werden. Aber ich werde unverdient vor Gottes Gericht verschont und darf trotz meiner Schuld (ewig) leben.

Das ist Rettung. Das ist Erlösung.

Zurück zum Vers am Beginn dieses Artikels: Erst vor dem Hintergrund des düsteren Kontexts von Gottes Zorn und Gericht leuchtet dieser wunderschöne Vers so unglaublich hell. Ohne diesen Kontext hingegen bleibt er oberflächlich und seicht. Die biblische Botschaft lautet eben nicht: Gott ist immer nett zu Dir, deshalb sei auch immer nett zu Deinen Mitmenschen. Solche moralischen Appelle klingen zwar schön. Aber sie helfen nicht, weil sie nicht an die Wurzel unseres Problems gehen, nämlich an unser sündhaftes, unheilbar in Egoismus und Stolz verstricktes Wesen, das auch beim besten Willen nicht immer so nett sein kann, wie das erforderlich wäre, um Niemandem zu schaden.

Wir müssen wieder lernen, genau so zu denken wie der Autor der Klagelieder:

  • Gott selbst bringt Gericht über uns.
  • Nicht Gott, nicht andere Menschen, sondern wir selbst sind schuld daran, weil unser Verhalten im wahrsten Sinne des Wortes zum Himmel schreit.
  • Nur Gottes Gnade kann uns vor Gottes berechtigtem Zorn und Gericht retten.

Als Christen wissen wir: Diese Gnade ist allein in Jesus zu finden und in seinem Tod am Kreuz, wo Gottes Zorn ihn an unserer Stelle getroffen hat. Deshalb rufen wir alle Menschen: Komm zum Kreuz! Bekenne dort Deine Schuld! Finde Gnade und Leben in dem Blut, das Jesus dort für Dich vergossen hat. Werde neu durch den Heiligen Geist.

Ist das Evangelium also doch auch eine Drohbotschaft und nicht nur Frohbotschaft? Nein. Niemand kommt zu Jesus, weil man ihm mit Gericht und Hölle droht. Gott wird zwar manchmal zornig. Aber im Kern seines Wesens ist er Liebe – durch und durch. Diese unermessliche, niemals endende Liebe Gottes steht immer im Vordergrund und im Mittelpunkt der christlichen Botschaft. Aber Gottes Liebe ist eben nicht billig sondern teuer. Sie kostet ihn und uns etwas:

  • Gott hat dafür bezahlt durch das von ihm selbst am Kreuz vergossene Blut.
  • Und uns kostet sie unseren Stolz. Sie holt uns vom hohen Ross unserer Selbstgerechtigkeit, weil wir zugeben müssen, dass wir uns eben nicht selbst erlösen können sondern dass ein Anderer unsere Suppe auslöffeln muss und dass wir Gnade brauchen.

Die Liebe Gottes tätschelt uns nicht nur. Am Kreuz zeigt uns Jesus die Größe seiner Liebe – aber auch die Tiefe unserer Abgründe. Seine Güte will uns zur Umkehr leiten (Römer 2,4) – weil er uns retten will. So wie damals Jeremia Israel retten wollte mit seinem Ruf zur Umkehr.

Das ist wahrlich gute Botschaft. Das ist wahres Evangelium.


Titelbild: Eduard Bendemann: Die trauernden Juden im Exil, 1832

Siehe auchDas Kreuz – Stolperstein der Theologie – Warum Jesus für uns sterben musste

Anmerkungen zum idea Streitgespräch

4. Juli, 11.00 Uhr, Frankfurt am Main. Der Termin in meinem Kalender bedeutete ein kleines Abenteuer für mich. Nach meiner Rezension zum neuen Buch von Prof. Thorsten Dietz “Weiterglauben”und seiner Antwort im Blog von Tobias Faix hatte sich Karsten Huhn von idea gemeldet und uns eingeladen zum „idea-Streitgespräch“, das in der Ausgabe Nr. 29/30 am 18.07.2018 veröffentlicht wurde. Ich als Laie in einer öffentlichen Diskussion mit einem derart profilierten Theologen? Kann das gut gehen?

Die Begrüßung war jedenfalls schon einmal sehr herzlich, geradezu fröhlich. Herr Dietz und Herr Huhn sind zwei überaus sympathische Menschen. Als Herr Huhn nach gut 1 Stunde Gespräch das Mikro abschaltete packte mich aber erst einmal der Frust. Ich hatte mir doch so viele Argumente zurechtgelegt. Viele davon hatte ich gar nicht anbringen können. Aber logisch: In dieser kurzen Zeit kann man solche anspruchsvollen Themen unmöglich fundiert zu Ende diskutieren. Das meiste wird zwangsläufig nur angerissen.

Umso mehr freue ich mich, dass Sie hier in meinem Blog vorbeischauen! Denn ein paar der Aussagen aus dem Gespräch würde ich gerne noch ein wenig erläutern. Z.B. diese hier:

„Der Versuch, den Ursprung aller Dinge rein naturalistisch zu erklären, ist bislang kra­chend gescheitert.“

Herr Dietz hält das für Dogmatik, da sich die offenen Fragen in der Entstehung der Lebewesen ja vielleicht zukünftig noch klären könnten. Nun, das ist natürlich denkbar. Aber der Trend scheint mir dagegen zu sprechen. Denn soweit ich es sehe, sind die offenen Fragen in den letzten 150 Jahren eben nicht kleiner sondern stetig größer geworden. Noch nie wussten wir so viel über die unfassbare Komplexität selbst der einfachst denkbaren Lebensformen und über die enormen Schwierigkeiten, das Evolutionsmodell mit den vorhandenen Fakten in Einklang zu bringen, wie ich in dem Artikel „Evolution – ein Welterklärungsmodell am Abgrund?“ berichte. Und in “4 Dinge, für die ich Atheisten bewundere“ werden die 4 wichtigsten Gründe zusammengefast, warum ich den Versuch, die Entstehung der Welt ohne Gott erklären zu wollen, für sehr kühn, letztlich für unmöglich halte.

Nicht wirklich beantwortet habe ich im Streitgespräch die folgende Frage von Herrn Dietz:

Wie kriegen Sie es hin, dass die biblische Frühgeschichte in nur 6.000 Jah­ren Platz findet? Sehen Sie dafür auch nur eine Denkmög­lichkeit?

Wie gesagt: Da gibt es natürlich viele offene Fragen. Ich möchte hier aber wenigstens darauf hinweisen, dass es neben den innerbiblischen Argumenten für eine Historizität der Urgeschichte durchaus auch außerbiblische Argumente gibt. Einige erstaunliche Fakten habe ich im Artikel „Geschichten, die die Welt bewegen“ kurz angerissen. Dazu gibt es auf der Seite von Wort und Wissen eine gute Zusammenfassung von Fakten, die durchaus gut zur Annahme einer jungen Erde passen. Allerdings möchte ich auch noch einmal wiederholen: Ich kann durchaus auch damit leben, wenn einige Theologen wie Johannes Hartl oder Timothy Keller nicht zwingend von einer historischen biblischen Urgeschichte ausgehen, solange sie ihre Position aus der Bibel heraus begründen und damit nicht auch die theologischen Aussagen der Urgeschichte über Bord werfen (was ich allerdings angesichts des biblischen Zusammenhangs zwischen Adam und Christus und der biblischen Lehre, dass der Tod eine Folge der Sünde ist (Röm. 5, 12-21; 1. Kor. 15, 21-22) gar nicht so einfach finde).

Kommen wir deshalb zu den wichtigeren Themen der Diskussion, vor allem zur Frage der Unfehlbarkeit der Schrift und meiner Aussage:

„Das Verständnis der Bibel als irrtumsloses, unfehlbares Wort Gottes erscheint mir wichtig“

Dazu möchte ich Ihnen gerne meinen neuen Artikel „Ist die Bibel unfehlbar?“ ans Herz legen, in dem ich diese Aussage ausführlich begründe. Dazu habe ich unter der Überschrift „10 Gründe, warum es auch heute noch vernünftig ist, der Bibel zu vertrauen“ dargelegt, warum der Glaube an die Unfehlbarkeit der Schrift nicht einfach nur naiv ist oder gar ein Rückfall hinter die Aufklärung darstellt sondern dass es auch gute, rationale Argumente für diese Haltung gibt.

Manche fragen sich vielleicht: Warum streitet der Till um solche Fragen? Ist das nicht kleinkariert? Ich finde nicht. Gerade in den letzten Monaten wurde mir deutlich, wie sehr und wie schnell es ans Eingemachte des christlichen Glaubens geht, wenn die Unfehlbarkeit der Schrift in Frage gestellt wird. Die immer wieder gehörte Aussage, dass die Christen unabhängig von ihrem Bibelverständnis sich doch in den wesentlichen Dingen alle einig seien, ist leider ein hohles Versprechen. Am meisten schmerzt mich, dass auch in der evangelikalen Christenheit ganz offensichtlich inzwischen eine große Verwirrung über die Bedeutung des Kreuzestodes Jesu herrscht, wie ich in meinem Artikel „Das Kreuz – Stolperstein der Theologie“ nachgezeichnet habe. Und das Kreuz ist nun einmal DAS Innerste des Inneren des christlichen Glaubens.

Dazu werden in den Vorträgen der Worthaus-Kollegen von Herrn Dietz noch viel mehr grundlegende christliche Glaubenssätze in Frage gestellt, wie ich in meiner Analyse von Worthaus-Vorträgen („Worthaus – Universitätstheologie für Evangelikale?“) dokumentiert habe. Der Artikel hat offenbar einen Nerv getroffen. Er ist der mit Abstand meistgelesene Artikel meines Blogs und wurde inzwischen mehrfach nachgedruckt. Ganz offensichtlich ist hier eine Entwicklung im Gange, die im evangelikalen Bereich Viele umtreibt. Mir scheint deshalb: Wir müssen reden in „Evangelikalien“. Es ist dringend notwendig, diese Themen offen anzusprechen.

Kommen wir deshalb zur wohl kontroversesten Aussage im Streitgespräch:

„Herr Dietz verwirft die Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift.“

Herr Dietz kontert meine These im Gespräch ja mit der Aussage: „Ich schreibe an keiner Stelle „Die Schrift irrt!“ Das stimmt. In seinem Buch gibt es aber gleich mehrere Passagen, die ich nun einmal so verstanden habe, z.B. wenn Herr Dietz folgende Extreme als Negativbeispiele einander gegenüberstellt: „Das ist auf der einen Seite die Irrtumslosigkeit der Bibel und auf der anderen Seite die […] Vorstellung, dass der Historiker über ganz klare Maßstäbe verfüge und von vornherein ausschließen könne, dass Gott redet und tote Menschen auferweckt werden.“ (S. 94) Die Position der Irrtumslosigkeit wird hier mit dem Begriff „Fundamentalismus“ verknüpft und in verschiedener Hinsicht negativ dargestellt.

Aber könnte es vielleicht sein, dass es sich nur um ein großes Missverständnis handelt? Hat Herr Dietz vielleicht gar nicht die Irrtumslosigkeit der Schrift an sich verworfen sondern nur Kritik daran geübt, der Bibel ein aus seiner Sicht falsches, modern rationalistisches Wahrheitsverständnis überzustülpen?

Das würde mich natürlich freuen. Aber diese Frage müsste Herr Dietz letztlich selbst beantworten. Auf meine Erwähnung der Aussagen von Prof. Zimmer, dass die Evangelis­ten Markus, Matthäus und Lukas die Gleichnisse Jesu falsch verstanden hätten (genau gesagt lehrt er, sie hätten ihm eine von Jesus nicht beabsichtigte allegorische Deutung des Gleichnisses vom Sämann nachträglich in den Mund gelegt, siehe dazu dieser Worthausvortrag), hat Herr Dietz im Streitgespräch leider nicht reagiert – obwohl das ja ein klarer Irrtum der Schrift wäre, der laut Prof. Zimmer die gesamte Kirche 1800 Jahre lang auf eine falsche Fährte geführt hat. Stattdessen äußert er, dass inzwischen auch evangelikale Theologen davon reden würden, dass z.B. im Johannesevangelium nicht alle Jesusworte original von Jesus stammen sondern „nach Ostern weiter entfaltet wurden“. Sind also einige der Jesuszitate im NT gar nicht von Jesus selbst sondern ein Resultat nachträglicher „Gemeindebildung“? Ich habe noch einmal nachgeschaut: In seiner “Einleitung in das Neue Testament” erläutert der evangelikale Theologieprofessor Armin Baum ausführlich, dass auch im damaligen Wahrheitsverständnis von Autoren verlangt wurde, dass bei der Wiedergabe direkter Rede zwar nicht der Wortlaut, sehr wohl aber der Inhalt dem Original entsprechen musste. Außerdem arbeitet Baum heraus, dass die Unterschiede zwischen den Synoptikern (Matthäus, Markus und Lukas) und dem Johannesevangelium zwar den Wortlaut und die Häufigkeit bestimmter Begriffe betreffen, dass die Christologie aber im wesentlichen identisch ist.

Begibt sich Herr Dietz hier auf den gleichen Pfad wie der Worthausreferent Prof. Stefan Schreiber, der in seinem Vortrag zwischen einem „historischen“ und einem „urchristlichen“ Jesus sowie zwischen echten und nachträglich in den Mund gelegten Aussagen Jesu unterscheiden möchte? Diese Position hat mich stark an klassisch bibelkritische Ansätze erinnert, wie ich sie im unter Theologiestudenten weit verbreiteten „Arbeitsbuch zum Neuen Testament“ von Conzelmann & Lindemann gefunden habe. Im Artikel „Stolz und Vorurteil? Wie wissenschaftlich ist die Bibelwissenschaft?“ habe ich diese theologische Verwandtschaft beschrieben. Darin findet sich auch der Hinweis auf das von mir im Streitgespräch erwähnte Interview, das der evangelische Theologe Andreas Lindemann 1999 dem Spiegel gab und in dem er äußert, dass die starken Vorbehalte gegenüber dem Wahrheitsgehalt der Evangelien unter Bibelauslegern weit verbreitet sind und noch zuneh­men. Wörtlich sagt er darin sogar: “Dass es sich bei den Evangelien um Lebensbeschreibungen Jesu handelt […] wird seit Jahrzehnten von keinem ernst zu nehmenden Exegeten mehr behauptet.“

Theologen, die die Evangelien für historische Berichte halten, werden an den theologischen Fakultäten also gar nicht ernst genommen? Das lässt meinen Optimismus in Bezug auf die Universitätstheologie natürlich nicht gerade wachsen. Aber, ihr lieben Theologen: Bitte berichtet mir, wenn sich das Blatt an den Universitäten tatsächlich wenden sollte. Ich bin der erste, der diese gute Nachricht begeistert weiter verbreitet. Bis dahin bleibt meine Sorge, dass durch Formate wie Worthaus nicht etwa die Universitätstheologie evangelikaler sondern die evangelikale Christenheit bibelkritischer wird. Zu dem Ziel, den Evangelikalen die Universitätstheologie näher zu bringen, hat sich Prof. Dietz ja gleich auf der ersten Seite seines Vorworts von „Weiterglauben“ erneut ausdrücklich bekannt (im Buch auf S. 9). Ich bleibe dabei: Angesichts der Auswirkungen der Universitätstheologie auf meine evangelische Kirche, für die ich mich ehrenamtlich stark engagiere, kann ich davor nur leidenschaftlich warnen.

Zurück zum Termin am 4. Juli: Der Abschied nach unserem Gespräch und einem guten gemeinsamen Mittagessen beim Thailänder war ebenso herzlich wie die Begrüßung. Ich denke immer noch gerne an diese schöne und spannende Begegnung zurück. Ich hoffe, wir treffen uns wieder – zum fröhlichen Diskutieren und dann vielleicht auch zum gemeinsamen Gebet. Das wäre schön.

Ich bedanke mich herzlich bei Herrn Dietz, dass er meine laienhaften Gedanken so ernst genommen hat und sich offen dem kritischen Dialog stellt. Das ist alles andere als selbstverständlich! Ich würde mir wünschen, dass noch mehr Theologen sich der Diskussion auch mit “nervigen Laien” stellen. Und ich bedanke mich vor allem auch bei Karsten Huhn und idea-Spektrum für deren wertvolle Arbeit, die ich hier einmal live und hautnah miterleben durfte.