Rachel Held Evans – Eine postevangelikale Hoffnung für die Kirche?

In den letzten Wochen war der Worthaus-Podcast „Das Wort und das Fleisch“ mein stetiger Begleiter auf dem Weg zur Arbeit und wieder zurück. Die Einsichten über die Entwicklung der verschiedenen christlichen Strömungen seit den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts sind ohne Frage sehr unterhaltsam und hochinteressant. Am Ende lassen sie mich aber doch ein wenig ratlos zurück. Denn den vielen Verfallserscheinungen allerorten werden kaum hoffnungsvolle Perspektiven gegenübergestellt. Immerhin: Am Ende der Folge 10 über die „neuen Evangelikalen“ wird die (leider inzwischen verstorbene) US-Amerikanerin Rachel Held Evans als wegweisende Impulsgeberin vorgestellt. Ihr Bild ziert auch die Internetseite zu dieser Podcastfolge. Das hat mein Interesse geweckt. Ist da vielleicht wirklich ein Schatz zu finden, der wegweisend sein könnte für eine hoffnungsvolle Zukunft der Kirche Jesu?

Es ist kompliziert

Rachel Held Evans hat mehrere Bücher verfasst. Gelesen habe ich das Buch „Searching for Sunday“, das auf Deutsch unter dem Titel „Es ist kompliziert“ erschienen ist. Darin erzählt Evans auch ihre eigene Glaubensgeschichte. Aufgewachsen in einem traditionell evangelikalen Umfeld war sie lange Zeit eine engagierte Verfechterin typisch evangelikaler Standpunkte. Jedoch bekam ihr Glaubenssystem zunehmend Risse. Schließlich verließ sie ihre evangelikale Heimatgemeinde, weil sie „nicht so tun konnte, als würde ich Dinge glauben, an die ich nicht mehr glaubte.“ (S. 110) Anstoß nahm sie an weit verbreiteten evangelikalen Positionen wie der Unfehlbarkeit der Bibel, der Infragestellung der Evolutionstheorie oder dem Umgang mit dem Thema „Gericht und ewige Strafe“. Große Probleme bereiteten ihr zudem die oft fehlende Offenheit für Frauen in Leitungsämtern, der ablehnende Umgang mit LGBT (lesbisch, schwul, bisexuell, transgender)-Menschen, die weitgehend republikanisch geprägte politische Ausrichtung sowie die allgemein empfundene Unehrlichkeit im Umgang mit schwierigen Glaubensfragen. Nach einer gemeindelosen Zeit nahm Evans an einem Gemeindegründungsprojekt teil, das aber scheiterte. Schließlich schloss sie sich mit ihrem Mann einer episkopalen Gemeinde an.

Hin- und hergerissen

Immer wieder spürt man Rachel Held Evans ihre Zerrissenheit in Bezug auf die Evangelikalen ab. Als präzise Zusammenfassung ihres Zustands zitiert sie den Satz: „Also für mich sieht es so aus, als wäre der Evangelikalismus so was wie der Freund, mit dem du vor zwei Jahren schlussgemacht hast, auf dessen Facebookseite du aber immer noch regelmäßig zwanghaft vorbeischaust.“ (S. 297) Tatsächlich war sie trotz ihrer Abkehr vom Evangelikalismus durch ihren äußert erfolgreichen Blog jahrelang eine vielgefragte Referentin auf christlichen Konferenzen. Und auch wenn sie mit vielen Dingen in der evangelikalen Welt hadert, so verliert sie in ihrem Buch doch nie ihre Sehnsucht, in ihrem „Glauben zu Hause zu sein“ und darin „festen Grund unter den Füßen zu haben.“ (S. 245) Allerdings will sie sich dabei auf keinen Fall entscheiden müssen „zwischen Glaube und Wissenschaft, Christentum und Feminismus, der Bibel und der historisch-kritischen Methode, Lehre und Mitgefühl … Natürlich wollte ich glauben, aber ich wollte so glauben, dass meine intellektuelle Integrität und meine Intuition dabei keinen Schaden nahmen, so, dass sowohl Herz als auch Verstand voll beteiligt waren.“ (S. 91) Es ist ohne Zweifel kompliziert, einen fest gegründeten, heimatgebenden Glauben auf der Basis von historisch-kritischer Theologie zu entwickeln. Warum für Evans die Akzeptanz der historisch-kritischen Methode als Voraussetzung gilt, um intellektuell integer glauben zu können, wird im Buch leider nicht begründet.

Grenzen sind böse – ich muss mich abgrenzen!

Wie so oft in der postevangelikalen Welt begegnet uns auch bei Rachel Held Evans dieser typische Widerspruch zwischen einer leidenschaftlichen Ablehnung von Grenzen bei gleichzeitiger Abgrenzung vom Evangelikalismus. In den Worten von Evans hört sich das so an:

„Besonders der Evangelikalismus hat in den letzten Jahren ein Wiederaufleben der Grenzkontrollen erlebt. Dabei haben Allianzen und Koalitionen, die sich um gemeinsame theologische Themen gebildet haben, zweitrangige Angelegenheiten zu solchen von höchster Priorität erhoben. Alle, die nicht ihrem strengen Reglement bezüglich Glaubenssätzen und Verhaltensweisen gerecht werden, erklären sie als ungeeignet für die Gemeinschaft der Christen. Stets dazu verpflichtet, die Kirche von jedem fehlgeleiteten Gedanken, von jeder Meinungsverschiedenheit oder abweichenden Verhalten zu säubern, schnüren diese selbst ernannten Wächter schwere Pakete legalistischer Regeln und laden sie auf die Schultern matter Menschen. Sie sieben die Schmeißfliegen aus der Theologie aller anderen heraus, während sie ihre eigenen Ungereimtheiten von der Größe eines Kamels herunterschlucken. Sie schlagen den Leuten die Tür zum Reich Gottes vor der Nase zu und sagen ihnen, sie sollen wiederkommen, wenn sie nüchtern seien, wieder auf eigenen Füßen stehen können, Republikaner, geläutert, ohne Zweifel, ergeben, hetero. Aber das Evangelium braucht keinen Bund mit dem Ziel, die falschen Leute draußen zu halten.“ (S. 216) „Es gibt Denominationen, von denen ich nicht guten Gewissens ein Teil sein könnte, weil sie Frauen von der Kanzel und Schwule und Lesben vom Tisch des Herrn verbannen. … Dispute über die Glaubenslehre mögen in manchen Fragen vernachlässigbar sein, manche sind es aber auch wert, dass man sie ficht. Immerhin sind wir eine Familie, also streiten wir auch wie eine.“ (S. 257)

Evangelikalen wirft man ja häufig vor, die Sexualethik zum Hauptstreitpunkt zu machen, obwohl sie doch ein biblisches Randthema sei. Hier wird wieder deutlich: Es sind eben auch die Postevangelikalen selbst, die genau diese sexualethischen Fragen zum zentralen Streitthema machen, während sie das evangelikale Ringen um die Bewahrung zentraler Glaubensinhalte eher zur ausgrenzenden Rechthaberei erklären.

Sehnsucht nach Authentizität, Identität und Gemeinschaft ohne Grenzen

Wer glaubt, man könne Menschen wie Rachel Held Evans durch kulturell modernere Gemeinden oder durch mehr kluge Apologetik für den Evangelikalismus zurückgewinnen, täuscht sich. Evans schreibt: „Wir wollen kein moderneres oder hipperes sondern wahrhaftiges und authentisches Christentum.“ (S. 17) „Das letzte, das wir brauchen, ist mehr Information über Gott. Wir brauchen die Praxis der Auferstehung. … Sie wollen um jeden Preis mehr Gott erfahren. Nicht mehr über Gott. Mehr Gott.“ (S. 21) Am meisten bewegt hat mich dabei der Schrei nach Identität: „Wir alle sehnen uns danach, dass uns jemand sagt, wer wir sind. Der größte Kampf im Leben eines Christen ist es, den Namen, den Gott für uns hat, anzunehmen, zu glauben, dass wir geliebt sind, und zu glauben, dass das genug ist.“ (S. 49) Dazu sehnt sich Held nach einer Gemeinschaft, die alle gesellschaftlichen und kulturellen Grenzen überwindet und die Liebe Gottes durch uneingeschränkte gegenseitige Annahme sichtbar macht: „Eine Mahlzeit ist sakramental, wenn die Reichen und die Armen, die Mächtigen und die Randfiguren, Sünder und Heilige gleichberechtigt am Tisch sitzen. Eine Ortsgemeinde ist sakramental, wenn sie ein Ort ist, an dem die Letzten die Ersten sind und die Ersten die Letzten sind, und wenn diejenigen, die hungrig und durstig sind, zu essen und zu trinken bekommen. Und die Weltkirche ist sakramental, wenn sie keine geografischen Grenzen kennt, keine politischen Parteien, nicht eine vorherrschende Sprache oder Kultur und wenn sie sich nicht durch Macht und Gewalt vergrößert, sondern durch Handlungen der Liebe, der Freude und des Friedens, durch Missionen der Barmherzigkeit, der Freundlichkeit und der Demut.“ (S. 324)

Ich kann all das so gut verstehen. Mehr noch: Die Träume von Rachel Held Evans sind auch meine Träume! Die Sehnsucht nach Identität steht sogar im Mittelpunkt des Glaubenskurses Aufatmen in Gottes Gegenwart. Die Frage, wie Informationen über Gott in eine existenzielle Gottesbegegnung münden können, treibt mich ebenso um. Und selbstverständlich sehne auch ich mich nach christlichen Gemeinschaften, denen es gelingt, kulturelle und gesellschaftliche Barrieren zu überwinden und das zu leben, was in unserer Gesellschaft zwar dauernd lautstark gefordert aber doch nur selten gelebt wird: Liebevolle Gemeinschaft in vielfältiger Diversität, weil wir vor Gott alle gleich sind und das Evangelium alle kulturellen Grenzen sprengt. Ohne Zweifel versagen wir Evangelikalen oft bei diesen Themen. Ich frage mich jedoch: Können das die Progressiven, die Postevangelikalen und die Liberalen wirklich besser als die Evangelikalen?

Live it out!?

Scheinbar ja! Diesen Eindruck vermittelt zumindest Rachel Held Evans bewegender Bericht von der „Live it out“-Jahreskonferenz des Netzwerks homosexueller Christen. In hochemotionalen Treffen wird da der Schmerz von homosexuellen Christen verarbeitet, die in ihrem evangelikalen Umfeld viel Ablehnung erlebt haben. Wen könnte es kalt lassen, wenn homosexuelle Menschen endlich Verständnis und Annahme finden und wenn Ex-Evangelikale um Vergebung für frühere Ablehnung und Ausgrenzung bitten? Zumal es ja ohne Zweifel stimmt, dass viele Evangelikale im Umgang mit homoerotisch empfindenden Mitchristen viel Schuld auf sich geladen haben.

Und doch wurde mir gerade bei diesem Kapitel die Schwäche dieses Buchs deutlich: „Live it out“ funktioniert ja nur, solange man ausblendet, wie abgründig unsere menschliche Sexualität sein kann. Das geht auf Events und Konferenzen, aber nicht in Gemeinden, die Menschen dauerhaft begleiten müssen. Und auf Dauer kommt auch eine sexualethisch liberal geprägte Gemeinschaft nicht an der Frage vorbei, wie man mit Menschen umgeht, denen man insgesamt eben doch nicht unbedingt nach dem Mund reden kann. Denn selbst wenn ich heute zur praktizierten Homosexualität ja sage, stellt sich ja morgen die Frage: Wie gehe ich mit denen um, die in häufig wechselnden Partnerschaften oder polyamor leben (wollen)? Wie gehe ich mit denen um, die ein Kind abtreiben wollen, weil es der Karriere im Weg steht? Oder um ein aktuelles Beispiel aus meiner evangelischen Kirche aufzugreifen: Wie gehe ich mit denen um, die aktive Sterbehilfe praktizieren wollen? Sage ich da auch: „Live it out“?

Die menschliche Begierde nach Sex hat schon unzählige Menschen tief verletzt, Familien zerbrochen, Kindern ihre Heimat geraubt sowie unzähligen Prostituierten und Pornodarstellern ihre Würde und ihr Leben zerstört. Ich will deshalb in einer Gemeinde leben, die einem Mann mit einer kranken Frau nicht sagt: „Live it out“ sondern: Bleib treu, auch wenn es für Dich bedeutet, dass Du Deine Sexualität nicht ausleben kannst. Die eigentliche Herausforderung beginnt für alle Gemeinden da, wo wir sagen müssen: Lass es sein! Lebe heilig! Und halte Dich an den Gott, der besser weiß als wir, wie das Leben funktioniert und was wirklich ein Ausdruck von Liebe ist!

Deshalb beeindrucken mich Sprüche wie „Live it out“ oder „Bei uns sind alle willkommen“ wenig, solange man die Spannung zwischen Anspruch und Wirklichkeit christlicher Lebensführung einfach dadurch auflöst, dass man sich auf einen engen Ausschnitt fokussiert und behauptet, der biblische Anspruch existiere gar nicht. Auf Dauer kann sich keine christliche Gemeinschaft drücken vor dem anspruchsvollen Spannungsfeld zwischen Liebe und Wahrheit, zwischen menschlicher Annahme und notwendiger Konfrontation mit biblischer Ethik.

Wo ist das Tor zum Paradies?

Was mir generell fehlt in diesem Buch sind fundierte Antworten auf die Frage, wie wir denn die paradiesischen, alle Grenzen überwindenden Gemeinschaften bauen sollen, von denen ich ebenso träume wie Rachel Held Evans? Sätze wie diese hören sich ja wundervoll an: „Stellt euch vor, die Kirche würde zu einem Ort, an dem alle sicher sind, es aber niemand bequem hat. Stellt euch vor, die Kirche würde zu einem Ort, an dem wir einander die Wahrheit sagen. Es könnte tatsächlich passieren, dass wir ein Heiligtum schaffen.“ (S. 120) Tja, warum tun wir es dann nicht einfach? Warum sprießen nicht längst schon massenhaft neue progressiv/postevangelikale Gemeinden aus dem Boden, die die evangelikale Enge und Oberflächlichkeit hinter sich lassen und die Träume von offener, authentischer und ehrlicher Gemeinschaft in die Praxis umsetzen? Warum ist es ganz im Gegenteil so, dass der Liberalismus nach wie vor nur eine kleine Minderheit in der US-amerikanischen Kirchenlandschaft repräsentiert?

Ich glaube, das hat einen einfachen Grund: Es ist eben leicht, von grenzenlosen Gemeinschaften zu träumen. Es ist aber enorm schwer, sie tatsächlich zu bauen. Solche Träume funktionieren immer nur so lange, bis wir ganz konkret damit anfangen, mit echten Menschen echte Gemeinschaften aufzubauen. Jeder, der das schon versucht hat, weiß: Wenn unsere kitschigen Träume von grenzüberwindender Gemeinschaft von der harten Realität unserer Ecken und Kanten, unserer oft schwer erträglichen Verbiegungen, unseres Misstrauens, unseres Neids, unserer Vorurteile, unseres Hangs zur Manipulation, unserer Ichbezogenheit, unserer Arroganz, unserer Konsumhaltung und Faulheit eingeholt wird, dann erst zeigt sich, ob unser Evangelium die Kraft hat, das Wunder dauerhafter, liebevoller und heilsamer Gemeinschaften hervorzubringen. Und ich bin überzeugt: Erlöste Gemeinschaft wächst eben doch nur dort, wo Menschen durch das Kreuz erlöst worden sind.

Wasch mich, aber mach mich nicht nass

Manchmal scheint Rachel Held Evans dieses Problem zu spüren, wenn sie zum Beispiel schreibt: „Dieser Tage haben alle so ihre Meinung, warum Menschen die Kirche verlassen. Manche wollen das Problem lösen, indem sie das Christentum gefälliger machen – du weißt schon, den ganzen seltsamen mystischen Kram von wegen Sünde, Dämonen und Tod und Auferstehung weglassen und durch Selbsthilfebücher, Politik, theologische Systeme oder hippe Kaffeebars ersetzen. Aber manchmal glaube ich, was die Kirche am meisten braucht, ist die Wiederentdeckung ihrer seltsamen Seiten.“ (S. 52) Wie wahr. Genau darunter leide ich ja so sehr in meiner evangelischen Kirche. Der alte Versuch der liberalen Theologie, das Christentum durch Entmythologisierung intellektuell hoffähig zu machen, raubt ihm zugleich seine Kraft. Rachel Held Evans spürt also selbst, dass ein geschichtsloser, zeitgeistiger Glaube keine Wurzeln verleihen kann. Und doch scheint mir: Mit Sätzen wie dem folgenden zerstört sie wieder selbst genau diese Wurzeln:

„Im schlimmsten Fall hält die Kirche die Sakramente zurück in dem Versuch, Gott in einer Theologie, einem Regelverzeichnis, einem Glaubensbekenntnis, einem Gebäude einzuschließen.“ (S. 225)

Meine evangelische Kirche müsste demnach ein leuchtendes Hoffnungsmodell sein. Sie hat schon längst aufgehört, irgendjemand die Sakramente vorzuenthalten. Theologische Häresien kennt sie praktisch nicht. Regeln kennt sie eigentlich nur noch im Kirchenrecht, aber nicht mehr im Leben der Gläubigen. Und es gibt längst keinen Satz im apostolischen Glaubensbekenntnis mehr, der nicht von Theologen an den evangelischen Fakultäten bestritten worden wäre. Trotzdem ist sie weit davon entfernt, dass unter ihrem Dach viele hoffnungsvolle Gemeinschaften mit liebevoller Diversität heranwachsen.

Mich wundert das nicht. Denn ein Glaube, der Halt und Wurzeln verleiht, lebt davon, dass er aus etwas gespeist wird, das größer ist als wir selbst. Glaube lebt auch von der Ehrfurcht vor dem Heiligen, von einer mir übergeordneten Autorität, vor der ich mich beuge und an der ich mich zugleich festhalten kann. Anders ausgedrückt: Glaube, der Halt und Wurzeln verleiht, lebt von Theologie, Regeln und Bekenntnissen, die letztlich nicht menschengemacht sind, sondern die uns geschenkt und offenbart werden. Wer Gottes Königreich ohne die Gebote des Königs, wer die Wurzeln ohne die Regeln haben möchte, der lebt nach dem Motto: Wasch mich, aber mach mich nicht nass.

Die Kirche wird natürlich niemals vollkommen sein in ihrem Versuch, die Theologie, die uns in der Bibel von Jesus, von den Aposteln und den Propheten überliefert wurde, genau zu erfassen und zu vermitteln. Aber wenn sie aufhört, der biblischen Theologie in einer demütigen, sich unterordnenden Haltung nachzuspüren, sich unter das Erkannte zu beugen und daraus Regeln für das Leben und Bekenntnisse für unseren Glauben abzuleiten und daran auch den Segen und das Heil zu knüpfen, dann ist sie keine Kirche mehr. Dann verteilt sie nur noch das, was Bonhoeffer einst als billige Gnade und als Todfeind der Kirche bezeichnet hat. Denn was nichts kostet, ist auch nichts wert. Dafür bringt auch niemand Opfer. Dafür steht niemand morgens auf. Dafür spendet niemand Geld. Der katholische Priester Dwight Longenecker schrieb dazu treffend: „Die Modernisten sehen Religion nicht als Infragestellung, sondern als Erfüllung ihrer Bedürfnisse. Hedonisten werden bald begreifen, dass Religion – selbst in ihrer verwässerten modernen Form – den Stress nicht wert ist. … Das Dogma der Progressiven ist, dass „alle willkommen sind.“ Sie verstehen nicht, dass eine Religion nur dann eine Religion sein kann, wenn es Grenzen gibt. Kein Club ohne Regeln für die Mitlieder und keine Kirche ohne Dogma und moralische Erwartungen. Die Türen der progressiven Kirchen mögen weit offen sein… aber das führt letztlich dazu, dass die Menschen die Kirchen so schnell wie möglich verlassen werden.“

Keine Identität ohne Gottes Wort – Keine Gnade ohne das Kreuz

Rachel Held Evans sehnt sich zurecht nach einer Kirche, die Menschen Identität verleiht. Identität finden wir aber nur durch die Begegnung mit einem „Du“, einem Gegenüber, das uns Identität zusprechen kann. Wir finden deshalb nur dann eine neue Identität in Gott, wenn wir von Gott als Gegenüber angesprochen werden. Die Bibel ist das einzig verbindliche Zeugnis von Gottes Wort, das die Kirche hat. Eine kritische Theologie, die der Bibel immer mehr die Qualität abspricht, Gottes heiliges Wort an uns zu sein, sägt deshalb immer auch an der identitätsstiftenden Kraft der Kirche.

Rachel Held Evans sehnt sich zurecht nach einer Kirche voller Gnade. Aber Gnade fließt nur unter dem Kreuz, wo Christus an unserer Stelle für unsere Sünden stirbt und wir Menschen begreifen, wie verloren und wie sehr wir auf unverdiente Gnade angewiesen sind. Eine Theologie, die sich immer schwerer damit tut, von unserer Sündhaftigkeit, Verlorenheit und Erlösungsbedürftigkeit sowie vom stellvertretenden Sühneopfer Jesu zu sprechen, ersetzt die Gnade immer mehr durch Moralismus.

Wo sind die Modelle der Hoffnung?

Rachel Held Evans hat recht: Wir Evangelikalen haben allzu oft versagt darin, die identität- und gnadenbringenden Schätze der Bibel zu leben. Zu oft haben wir den Buchstaben bewahrt, aber die Kraft verloren. Zu oft sind wir abgerutscht in Gesetzlichkeit, die zwangsläufig in Heuchelei enden muss. Und doch glaube ich: Niemand hat es so oft wie wir Evangelikalen geschafft, genau das zu leben, wonach Rachel Held Evans sich sehnt: Identitätsstiftender, gnadenvoller, heilsamer Glaube in Gemeinschaften, die viele kulturelle und gesellschaftliche Schranken überwinden. Ich habe das selbst erlebt. Und ich sehe heute mit Staunen, wie auf der ganzen Welt evangelikal geprägte Gemeinschaften wachsen und dabei auch den widrigsten Umständen trotzen: In den Untergrundkirchen Chinas. In den südamerikanischen Favelas. Unter der menschenverachtenden Diktatur der iranischen Ajatollahs. Unter der Bedrohung grausamer Islamisten wie dem IS oder Boko Haram. In diesen Regionen zeigt sich heute, welche Form des Christentums tatsächlich in der Lage ist, ein authentischer, grenzüberwindender Hoffnungsbringer zu sein. Soweit ich es sehen kann, ist das Christentum dort überall evangelikal geprägt. Zu diesen bewundernswerten Leuten werde ich mich deshalb auch zukünftig gerne zählen.

Zugleich hoffe ich, dass wir uns von solchen ehrlichen und authentischen Stimmen wie die von Rachel Held Evans herausfordern lassen, immer wieder zurückzukehren zur ersten Liebe, zu Christus, seinem kraftvollen Wort und seinem Geist, damit Gesetzlichkeit, Heuchelei, Oberflächlichkeit und Gnadenlosigkeit unser Zeugnis nicht verdunkeln.


Das Buch “Es ist kompliziert” von Rachel Held Evans ist im Brendow-Verlag erschienen und hier erhältlich.

Siehe dazu auch:

AiGG 8: Befreit durch das Kreuz und verwandelt durch Gnade

Warum nur ist das „Logo“ des Christentums ein grausames Folter- und Mordinstrument? Tatsache ist: In keiner anderen Botschaft steckt so viel Dynamit und erneuernde Kraft wie in der Botschaft vom Kreuz! Sie ist ein Frontalangriff auf unseren Stolz. Und zugleich: Das Zentrum des Evangeliums! Die Mitte der Heilsbotschaft für die ganze Menschheit! Unter dem Kreuz werden wir beschenkt mit Vergebung und ewigem Leben. Unter dem Kreuz baut Gott seine Kirche, die nicht aus Gebäuden sondern aus begnadigten, erneuerten Menschen besteht. Die Botschaft vom Kreuz ist zurecht das Zentrum der Christenheit – und eindeutig die wichtigste Botschaft dieser Serie.

Den Vortrag als Audio hören:

Vertiefend zu diesem Thema:

Das Lied zum Thema: “Jesus, führ mich an Dein Kreuz”:

Das Akkordsheet zum Lied “Jesus führ mich an dein Kreuz” zum Download

Sind die Evangelikalen in der Krise?

„Heute sind diese postevangelikalen Bewegungen vor allem ein Indiz: Für die Krise der evangelikalen Bewegung insgesamt, zumindest in der westlichen Welt.“

So schreibt es Thorsten Dietz in einem Auftaktartikel für eine Serie über Postevangelikale[1]. Er ist nicht der Einzige, der die Evangelikalen in der Krise sieht. Immer häufiger höre ich Stimmen auch mitten aus dem evangelikalen Raum, die den Begriff „evangelikal“ grundsätzlich für belastet oder gar verbrannt halten. Wenn das stimmt, wären die Konsequenzen dramatisch. Denn der Begriff „evangelikal“ hat sich in den vergangenen Jahrzehnten als äußerst segensreich erwiesen. Er hat einer Bewegung eine verbindende Identität gegeben, die ansonsten wenig Verbindendes hat. Es gibt in der evangelikalen Welt kaum übergreifende Leitungsorgane. Erst recht gibt es keine Autoritäts- und Machtstrukturen. Es gibt keine verbindlichen Lehrautoritäten. Verbindend wirkt eigentlich nur die gemeinsame Liebe zu Jesus, die Leidenschaft für die Verbreitung des Evangeliums und die Bibel als verbindliche Basis für ein gemeinsames Ringen um Wahrheit. Ansonsten ist diese Bewegung bunt, vielfältig, chaotisch und diskutierfreudig. Und trotzdem hatte sie ein so klares Profil, dass sie eine Fülle von Gemeinden, Werken, Ausbildungsstätten, Medien und Großveranstaltungen hervorbringen konnte. Thorsten Dietz meint sogar: „Keine religiöse Strömung war in den letzten 50 Jahren so einflussreich wie die evangelikale.“ Nicht nur in Deutschland ist sie z.B. über die Evangelische Allianz oder die Arbeitsgemeinschaft Evangelikaler Missionen hochaktiv und gut vernetzt. Durch die „World Evangelical Alliance“ ist sie innerhalb kürzester Zeit zu einer weltweiten Marke geworden. Auch ich habe mich immer sehr gerne mit dem Begriff „evangelikal“ identifiziert. In meinem idea-Streitgespräch mit Thorsten Dietz habe ich ganz bewusst bekannt: „Ich bin von Herzen evangelikal.“ Und ich bin überzeugt: Wenn wir uns davon distanzieren, verlieren wir sehr viel mehr als einen Begriff. Wir verlieren eine verbindende, einheitstiftende Marke, für die kein Ersatz am Horizont in Aussicht ist.

Grund genug also zu fragen: Sind die Evangelikalen wirklich in einer Krise? Oder wird hier nur eine Krise herbeigeredet und -geschrieben? Was genau sind die angeblichen Krisensymptome? Gibt es vielleicht wirklich gute Gründe dafür, warum wir uns von diesem Begriff verabschieden sollten, so wie es viele bereits tun?

Ich möchte mich diesen wichtigen Fragen anhand einiger Zitate aus dem eingangs erwähnten Artikel von Thorsten Dietz nähern:

Sind die Evangelikalen auf Sexualethik fokussiert?

“Weltweit ist vor allem die protestantische Christenheit seit Jahrzehnten von einer Welle der Spannungen und Spaltungen begleitet, häufig nicht aufgrund dogmatischer, sondern ethischer Differenzen in Fragen Gender und Sexualethik. Anscheinend ist Ethik die neue Dogmatik.”

Ich kann gar nicht mehr überblicken, wie oft ich diesen Vorwurf in den letzten Jahren gehört habe: Die Evangelikalen machen das Randthema Sexualethik zum Kern der Auseinandersetzung. Oder noch krasser ausgedrückt: Bei den Evangelikalen geht es dauernd um Sex. Dabei beobachte ich in meinem Umfeld genau das Gegenteil: Die meisten Evangelikalen meiden dieses Thema so gut sie nur können. Denn es geht hier ja gerade nicht nur um Lehrfragen sondern um Menschen mit einer persönlichen, oft hochproblematischen Geschichte. Im Feld der Sexualethik werden immer hochkomplexe, individuelle Einzelschicksale berührt. Die allermeisten Evangelikalen versuchen deshalb, über dieses Thema lieber nur im (seelsorgerlich) geschützten Rahmen zu sprechen.

Zumal sie mit öffentlichen Veranstaltungen zu diesem Thema extrem schlechte Erfahrungen gemacht haben. Beim Christival 2008 sollte es dazu einen Workshop geben, der aufgrund von massivem öffentlichem Druck abgesagt werden musste. Bei einer Tagung des Netzwerks Bibel und Bekenntnis im Jahr 2019 rief Markus Hoffmann in einem seelsorgerlich tiefgründigen Vortrag zu einem differenzierten und empathischen Umgang mit Homosexualität und homosexuell empfindenden Menschen auf. Trotzdem kam es auch hier zu massiver Kritik, die sich nicht davor scheute, einzelne Aussagen buchstäblich ins Gegenteil zu verdrehen. Es ist also kein Wunder, dass Evangelikale bei diesem Thema insgesamt eher einsilbig sind. Trotzdem beklagte Thorsten Dietz jüngst im Podcast „Das Wort und das Fleisch“, das Netzwerk Bibel und Bekenntnis hätte keine Position zu diesem Thema. Mir vermittelt das den Eindruck: Man kann es nicht recht machen. Redet man darüber, ist man sexorientiert, rückständig und rücksichtslos. Redet man nicht darüber, hat man keine Meinung dazu.

Tatsache ist: Das Thema wird den Evangelikalen immer wieder aufgedrückt. Es vergeht kaum ein Interview, in dem evangelikale Vertreter nicht auf dieses Thema angesprochen werden. Aktuell ist es die Initiative „Coming-In“, die mit Unterstützung prominenter Vertreter wie Michael Diener, Martin Grabe, Tobias Künkler, Gofi Müller oder Jakob Jay Friedrichs lautstark fordert, dass evangelikale und konservative Kirchen und Gemeinschaften doch endlich „umkehren“ und gleichgeschlechtliche Paare genauso behandeln sollen wie heterosexuelle Paare. Man darf also schon zurecht fragen: Sind es wirklich die Konservativen, die dieses Thema immer wieder auf die Tagesordnung zerren? Oder ist es nicht viel eher unsere Gesellschaft, die bis in die Sprache hinein immer stärker um dieses Thema kreist?

Richtig ist: Wir Evangelikalen haben im Feld der Sexualethik noch viel aufzuholen. Wir sollten im geeigneten Rahmen und mit Unterstützung von Experten noch viel öfter über solche Fragen sprechen, um zu verhindern, dass im gemeindlichen Umfeld seltsame und teils destruktive Vorstellungen gepflegt werden. Und ich finde: Wir brauchen dieses Thema auch gar nicht zu scheuen, im Gegenteil: Wir haben allen Grund, uns selbstbewusst zur Schönheit und zum Segen der christlichen (Sexual-)Ethik zu stellen. Die biblische Betonung von Treue und Verbindlichkeit von Mann und Frau, der daraus entstehende Schutzraum der Familie, in dem Kinder gesund und beschützt aufwachsen können, die unveräußerliche Würde jedes menschlichen Lebens von der Empfängnis bis zum Tod: All das ist ein Pfund, zu dem wir fröhlich und selbstbewusst stehen können. Ich sehe in unserer immer kälter werdenden Gesellschaft, in der Sexualität immer stärker von Liebe und Treue entkoppelt wird, keine wirklich attraktive Alternative dazu. Das Feld der (Sexual-)Ethik ist deshalb ganz sicher kein Anlass, nicht mehr evangelikal sein zu wollen.

Haben sich die Evangelikalen politisiert?

„Die Identifikation vieler Evangelikaler mit populistischer Politik (in den USA, aber z.B. auch in Brasilien) bestimmt heute nicht selten die Wahrnehmung des Phänomens Evangelikalismus insgesamt. … Die evangelikale Bewegung ist Teil politischer und kultureller Polarisierungen in vielen Gesellschaften geworden.“

Dieser Tage bin ich über ein wirklich verstörendes Video gestolpert. Gezeigt werden amerikanische „Propheten“, die in großer Übereinstimmung vorhergesagt hatten, dass Trump eine zweite Amtszeit beschert werde und die sich äußerst schwer damit tun, jetzt mit dieser falschen Vorhersage umzugehen. Das wirkt streckenweise hochnotpeinlich. Man kann nur hoffen, dass die amerikanische Christenheit dieses Ereignis nutzt für gründliche Kurskorrekturen und für eine Reinigung von einem Show-Christentum, das außer starken Sprüchen nichts zu bieten hat.

Solche Korrektur- und Reinigungsprozesse sind jedoch nichts Neues. Machen wir uns nichts vor: Die Kirchengeschichte ist voller solcher Peinlichkeiten. Besonders schlimm wurde es immer dann, wenn Christen meinten, sich für die Durchsetzung ihrer Positionen mit staatlicher Macht verbünden zu müssen. Die einstige unheilige Allianz zwischen der katholischen Kirche mit staatlichen Herrschern liefert dafür zahlreiche traurige Beispiele. Distanzieren wir uns deshalb heute von der katholischen Kirche?

Natürlich ist völlig richtig, dass sich die US-amerikanischen Evangelikalen aktuell durch die Ereignisse rund um Donald Trump in einer Krise befinden. Richtig ist auch, dass viele Medien die Evangelikalen weltweit gerne in einen Topf mit Trump- und Bolsonaro-begeisterten Christen stecken, weshalb die Ereignisse in den USA auch weltweit dem Ruf der Evangelikalen schaden. Aber wollen wir wirklich keine Evangelikalen mehr sein, weil Medienleute nicht trennen können (oder wollen) zwischen US-amerikanischen, kapitol-stürmenden, patriotischen, waffentragenden Christen einerseits und den weltweit äußerst vielfältigen, oft verfolgten evangelikalen Christen andererseits?

Natürlich stimmt es, dass Christen sich vielerorts äußerst unweise verhalten und sich völlig zu Recht Verachtung zugezogen haben. Auch evangelikale Christen haben sich von Populisten verführen lassen, so wie in der Zeit des Nationalsozialismus auch die Staatskirchen von den Nazis vereinnahmt wurden und so wie sich viele Protagonisten der 68iger-Bewegung von einem staatsterroristischen Populisten wie Mao Tse Tung verführen ließen und teilweise sogar selbst in den Terrorismus abgeglitten sind. Distanzieren sich heute die Linken deshalb von den 68igern? Meiden Sie diesen Begriff? Nein, ganz im Gegenteil: Sie sind trotz dieser schwerwiegenden Irrtümer und Entgleisungen stolz auf die positiven Errungenschaften, die sie insgesamt aus dieser Bewegung kommen sehen. Umso mehr werde auch ich mich nicht von meinen evangelikalen Geschwistern distanzieren, auch wenn sie sich teilweise unweise oder wirklich falsch verhalten. Lieber lasse ich mich mit ihnen „verhaften“ und bleibe trotzdem Teil dieser großen Familie, die Jesus in aller Unvollkommenheit und Fehlerhaftigkeit gemeinsam folgt, so gut sie es eben kann.

Zumal es ja gerade die Evangelikalen sind, die dringend vor der wachsenden Politisierung der liberal geprägten Kirchen warnen. Es ist die große Mehrheit der Evangelikalen, die sich von politischer Positionierung ganz bewusst fernhält. Eine Nähe oder gar Affinität zum Populismus, die Thorsten Dietz im folgenden Zitat nahelegt, ist nun wirklich keine Spezialität evangelikaler Christen. Populismus gibt es links wie rechts. Sämtliche christliche Schattierungen sowie sämtliche Teile der Bevölkerung sind und bleiben anfällig dafür. Man muss nur einmal auf die Geschichte des evangelischen Kirchentags schauen. Also ist auch das ganz sicher kein Grund, kein Evangelikaler mehr sein zu wollen.

Leben die Evangelikalen von der Abgrenzung?

„Ist die Nähe zum Populismus ein Selbstmissverständnis frommer Menschen? Oder gibt es dazu eine innere Affinität? Könnte man gar von einem religiösen Populismus sprechen, bei dem sich ein Teil der Christenheit zuschreibt, die wahren Gläubigen zu vertreten und die Entfaltung des eigenen Glaubenszeugnisses sehr stark von der Abgrenzung gegenüber allerlei liberalen, ökumenischen und säkularen Irrwegen bestimmt ist? … Nicht wenige Jüngere, die in evangelikalen Gemeinden aufgewachsen sind, sind den evangelikalen Kulturkrieg gründlich leid.“

Beim Lesen des Buchs „Jesus – Eine Weltgeschichte“ von Markus Spieker stand mir jüngst buchstäblich der Mund offen. Mir war bis dahin nicht bewusst gewesen, in welch krassem kulturellem Gegensatz sich die urchristliche Gemeinde zu ihrem Umfeld befunden hat. Das lag nicht nur an ihrer Weigerung, die damaligen Götter und Machthaber anzubeten. Das lag auch an den grundverschiedenen Werten, die sie gelebt haben: Kein Sex außerhalb der Ehe. Lebenslange Treue. Kein gleichgeschlechtlicher Sex. Keine Prostitution. Kein Aussetzen oder Töten von unerwünschten Kindern. Keine Unterdrückung oder Misshandlung von Frauen oder Sklaven. All das war damals so exotisch, dass es vom nichtchristlichen Umfeld als pure Provokation empfunden wurde. Das hat die damaligen Christen zwangsläufig in einen “Kulturkrieg” mit ihrer Umgebung gestürzt – ob sie das wollten oder nicht. Sie haben vielfach mit ihrem Leben dafür bezahlt. Sie haben damit aber die Wurzeln gelegt für viele der Errungenschaften, die uns heute selbstverständlich erscheinen – obwohl sie es längst nicht mehr sind.

Natürlich stimmt es, dass manche evangelikale Gruppen sich in einer ungesunden Weise in kulturelle Wagenburgen zurückgezogen haben. Natürlich stimmt es auch, dass es unter den Evangelikalen einige gibt, die ihre Identität primär aus der Abgrenzung gegenüber allerlei Irrlehren ziehen, weswegen ihr Glaube nicht mehr strahlt und ihre Leidenschaft für Jesus unter zunehmender Abgrenzeritis verschüttet wird. Aber solche Leute bleiben unter den Evangelikalen immer eine kleine Minderheit, weil man durch reine Abgrenzung niemand gewinnen und keine Gemeinden bauen kann.

Trotzdem gilt letztlich für alle Christen: Abgrenzung gehörte und gehört immer zum Christsein dazu. In einer Gesellschaft, die in vielen Bereichen den christlichen Werten skeptisch oder gar feindlich gegenübersteht und die inzwischen sogar Abtreibung und Sterbehilfe als Menschenrecht bezeichnen will, da ist es gar nicht vermeidbar, dass es auch heute wieder zu Konflikten und Abgrenzungen kommen muss. Das ist für uns Christen im Westen noch etwas ungewohnt. Wir haben es jahrzehntelang genossen, dass unsere christlichen Werte Mainstream waren. Ich kann deshalb gut verstehen, dass es einigen Christen schwerfällt, in eine kulturelle Außenseitersituation zu geraten. Nicht jeder will das. Aber wir Christen sollten verstehen: Die letzten Jahrzehnte waren historisch gesehen eine extrem seltene Ausnahmesituation. Weltweit ist es auch heute der Normalfall, dass Christen angefeindete, teilweise sogar verfolgte Außenseiter sind. In der Geschäftswelt heißt es: If you can’t stand the heat, stay out of the kitchen! Auf unsere Situation übertragen bedeutet das: Wer die Auseinandersetzung mit der Kultur unserer Gesellschaft grundsätzlich vermeiden möchte, der sollte sich lieber noch einmal überlegen, ob er sich mit dieser christlichen Bewegung wirklich eins machen möchte oder nicht. Ich meine jedenfalls: Wir sollten lieber darüber nachdenken, wie wir die westliche Christenheit wieder fit machen für den Umgang mit Gegenwind und Verfolgung, statt uns von evangelikalen Geschwistern zu distanzieren, nur um der gesellschaftlichen Verachtung zu entgehen.

Haben die Evangelikalen kein Profil?

„Die am meisten verbreitete Definition von Evangelikalismus geht auf den britischen Historiker David Bebbington zurück. Sein sogenanntes Bebbington Quadrilateral benennt vier Identifikationsmerkmale: Erfahrung einer persönlichen Bekehrung bzw. Wiedergeburt. Konzentration auf Jesus Christus als gekreuzigten Herrn und Erlöser. Bibelfrömmigkeit und Orientierung an biblischer Lehre und Ethik. Aktive Bemühung um Weltgestaltung im Sinne von Mission und Diakonie. So hilfreich dieses Muster in kirchengeschichtlicher Hinsicht sein mag: Es ist alles andere als trennscharf.“

Die hier genannte Definition des Evangelikalismus ist sicher zutreffend. Richtig ist aber auch, dass diese Sätze heute nur noch wenig Erklärungskraft beinhalten. „Bibelfrömmigkeit“ nehmen auch liberale Theologen für sich in Anspruch. Auch unter Progressiven und Postevangelikalen ist von Bekehrung, Erlösung, Weltgestaltung sowie biblischer Lehre und Ethik die Rede. Jedoch werden diese Begriffe immer öfter völlig unterschiedlich gefüllt – auch mitten im evangelikalen Umfeld. Zudem verlieren auch Evangelikale immer öfter die Fähigkeit, die zentralen Heilstatsachen einfach und klar zu beschreiben, weshalb theologische Fragen oft nur noch unter Experten besprochen werden.

Wo aber die Definition des Begriffs „evangelikal“ nur noch mit Begriffshülsen und komplizierten Texten beschrieben werden kann und wo Laien theologisch entmündigt werden, da gerät die evangelikale Bewegung tatsächlich in die Krise. Denn sie lebt entscheidend davon, dass sie trotz aller kulturellen Vielfalt einige leicht zu verstehende zentrale Glaubensschätze teilt, die sie überall auf der Welt ganz selbstverständlich gemeinsam feiern und bezeugen kann: Die Heilige Schrift als das offenbarte und für alle Christen verbindliche Wort Gottes. Die Sündhaftigkeit des Menschen und die daraus folgende Trennung von Gott. Der Kreuzestod Jesu als stellvertretendes Strafleiden und als einziger Weg zum Heil. Die historische Realität von biblischen Wundern und die leibliche Auferstehung als Grundlage der Hoffnung auf ewiges Leben. Das Wesen Jesu Christi als ganzer Mensch und zugleich als präexistenter, von einer Jungfrau geborener Gott. Die erwartete Wiederkunft Jesu zum Heil und zum Gericht.

Was mich an der evangelikalen Bewegung immer wieder begeistert ist: Auch wenn schwäbisch-pietistische Jungenschaftler nach Haiti oder auf die Philippinen zum Arbeitseinsatz in dortige Gemeinden reisen oder wenn ich im Schwabenland auf südamerikanische Christen treffe, dann ist für alle Beteiligten ganz selbstverständlich klar: Diese Wahrheiten teilen wir! Und deshalb sind wir alle Teil einer großen Familie. Auch wenn wir ansonsten grundverschieden sind.

Wir sollten wieder evangelikaler werden, um krisenfest zu sein!

Mein Fazit ist: Viele der angeblichen Krisensymptome werden eher von außen an die evangelikale Bewegung herangetragen. Sie sind eher Nebelkerzen als echte Gründe für eine grundlegende evangelikale Identitätskrise. Wirklich bedrohlich wird es aber dann, wenn wir unsere gemeinsamen theologischen Kernüberzeugungen verlieren. Dieses Problem ist jedoch überhaupt nicht neu! Im Gegenteil: Damit hatten schon die Apostel zur Zeit des Neuen Testaments zu kämpfen. Schon immer bestand die sehr reale Gefahr, dass die Gemeinden durch unchristliche Einflüsse und falsche Lehren unterwandert und von innen ausgehöhlt werden.

Deshalb gibt es eine Sache, die wir dringend wieder von den Aposteln lernen sollten: Zur Verkündigung des Evangeliums gehört immer auch die „Apologetik“, also die Verteidigung des Glaubens gegen falsche Lehre und Angriffe von außen. Wir dürfen uns auch heute wieder trauen, falsche Lehre als solche offen anzusprechen. Wir dürfen lauter und klarer auf den oben genannten Kernwahrheiten bestehen und deutlicher sagen: Diese Kernwahrheiten zu verändern, aufzuweichen oder zu subjektivieren (das heißt: sie der persönlichen Beliebigkeit zu überlassen), ist nicht nur unevangelikal sondern wirklich unbiblisch. Diese apologetische Arbeit ist nicht immer angenehm. Aber sie ist ein unverzichtbarer Bestandteil einer verantwortungsvollen christlichen Leiterschaft, um den Gläubigen und den christlichen Gemeinden Orientierung zu geben.

Noch wichtiger ist es aber, dass wir offensiv, leidenschaftlich, mutig und missionarisch das tun, was uns als Botschafter an Christi statt aufgetragen ist: Hingehen zu den Menschen. Taufen. Und sie mutig alles lehren, was uns von Jesus in der Bibel überliefert ist. Eine evangelikale Bewegung, die nicht mehr verwurzelt ist in der biblischen Lehre Jesu, kann nicht bestehen. Wir Evangelikalen waren immer eine Gebets- und eine Bibelbewegung. Das war und das bleibt die Grundlage unseres einzigartigen Erfolgs. Gerade jetzt, wenn uns der Gegenwind wieder stärker ins Gesicht bläst, dürfen und müssen wir deshalb wieder ganz bewusst evangelikaler werden.


[1] Thorsten Dietz: „Postevangelikalismus: Eine Hinführung“, 1.2.2021, Online unter: www.reflab.ch/postevangelikalismus-eine-hinfuehrung/

Siehe auch zu diesem Thema:

AiGG 7: Durch Buße und Umkehr zu Heilung und Leidenschaft

Das Wort “Buße” hatte in den letzten Jahrzehnten einen ziemlichen Karriereknick. Die meisten Menschen verbinden es mit erhobenen Zeigefingern, deprimierender Reue und dem Ende allen Vergnügens. Selbst in den Kirchen ist es kaum noch zu hören. Dabei kommt es allein im Neuen Testament über 50 mal vor und spielte auch in vielen kirchlichen Erneuerungsbewegungen eine zentrale Rolle. Könnte es sein, dass wir eine völlig falsche Vorstellung von diesem Begriff entwickelt haben? Die Wahrheit ist: Buße und Umkehr ist ein entscheidender Schlüssel für ein heiles und leidenschaftliches Leben in der Nachfolge Jesu!

Den Vortrag als Audio hören:

Vertiefend zu diesem Thema:

Das Lied zum Thema: “Schenk uns Buße”:

Das Akkordsheet zum Lied “Schenk uns Buße” zum Download

AiGG 6: Wie ein reines Herz uns aufrichtet und vertrauen hilft

Ein reines Herz und ein gutes Gewissen waren für Paulus 2 der 4 Hauptziele, um die sich seine ganze Arbeit drehte. Und für König David war ein reines Herz sogar DER Schlüssel zum Erfolg schlechthin! Allerdings ist es gar nicht so einfach ist, tief sitzende Schuld- und Schamgefühle zu überwinden. Auch Jesus wusste, wie schwer es uns fällt, sich gegenüber diesem heiligen, perfekten Gott nicht als Versager zu fühlen. Aber das Geniale ist: Gott hilft uns dabei! Er hat uns sogar extra ganz praktische Hilfen gegeben, damit ein reines Herz in uns wachsen kann. Wir sollten sie unbedingt kennen und nutzen!

Den Vortrag als Audio hören:

Vertiefend zu diesem Thema:

Das Lied zum Thema: “Wir kommen zu Dir”:

Das Akkordsheet zum Lied “Wir kommen zu Dir” zum Download  – Noten wurden veröffentlicht in “Feiert Jesus 4”, Lied Nr. 142

2021 – Woher wird unsere Hilfe kommen?

2020 habe nicht nur ich als Krisenjahr wahrgenommen. Ich denke dabei aber nicht nur an Corona. Mir haben auch viele Entwicklungen in der Gesellschaft sowie im christlichen und kirchlichen Bereich Sorgen bereitet. Umso mehr hat mich 2020 diese eine Frage immer wieder beschäftigt: Woher wird Hilfe kommen für unser Land und für unsere Kirchen und Gemeinden, die so oft nur stagnieren oder gar schrumpfen und sterben? Wo finden vielleicht heute schon die kleinen Anfänge statt, die letztlich in die so dringend benötigten neuen Aufbrüche münden werden? Wo sind die Menschen, die Gott für nachhaltig wirkende Erneuerungs- und Erweckungsbewegungen gebrauchen wird? Wo sind die Hoffnungssignale, die uns begründet Mut machen können für das neue Jahrzehnt?

Noch habe ich keine Antwort auf diese Frage. Aber ganz offenkundig bin ich nicht der Einzige auf dieser Suche. Letzte Woche landeten gleich zwei neue Produkte des SCM-Verlags in meinem Briefkasten, die sich mit der Suche nach neuen Wegen in die Zukunft beschäftigen. In der ersten Publikation ging es vor allem um die Zukunft der lokalen Ortsgemeinden:

Reinhard Spincke: Gemeinde der Zukunft

Reinhard Spincke ist seit 28 Jahren Pastor und seit 2004 Bundessekretär im Bund der Feien evangelischen Gemeinden (FeG). Er ist also ein Gemeindepraktiker durch und durch, der die Herausforderungen im Gemeindebau sehr genau kennt. Umso mehr hat mich die Frage interessiert:  Wie muss aus seiner Sicht die „Gemeinde der Zukunft“ gestrickt sein, um diese wachsenden Herausforderungen meistern zu können?

Und was soll ich sagen: Dieses Buch hat mich begeistert! Es ist biblisch fundiert und doch praxisnah, realistisch und doch begründet hoffnungsvoll. Sowohl die Situationsanalysen als auch die Vorschläge für notwendige Schwerpunktsetzungen haben mir aus dem Herzen gesprochen. Für Reinhard Spincke ist die Gemeinde der Zukunft „kreativ“ in ihren Formen und Lebensäußerungen, aber „konservativ“ in ihrem Umgang mit der Bibel. Sie ist „kundenorientiert“ für die Umsetzung ihres missionarischen Auftrags, aber zugleich „kommunitär“, indem sie verbindende Gemeinschaft pflegt. Sie ist „kämpferisch“ in dem Bewusstsein, dass die Verbreitung des Evangeliums enorm herausfordernd sein kann, dabei aber auch „klug“, rational und weise in ihren Äußerungen und in ihrer Vorgehensweise. All ihr Handeln gründet in einer „kontemplativen“, innig gelebten Gebets- und Herzensbeziehung zu Jesus, zugleich ist ihr der „karitative“, praktische Dienst am Nächsten ein Herzensanliegen. Aus den zahlreichen wichtigen Anregungen möchte ich nur zwei Aussagen zum Umgang mit der Bibel herausgreifen:

„Wo geistliche Bewegungen und Kirchen sich von biblischen Grundlagen entfernt haben, hat dies ihrem missionarischen Eifer und ihr geistliches Leben regelmäßig schwer geschadet.“ (S. 40) „Die Kirchengeschichte zeigte immer wieder, dass eine bibeltreue Theologie verbunden mit authentischer Jesus-Liebe notwendige Voraussetzung für eine Erweckung ist.“ (S. 34)

Reinhard Spincke träumt deshalb John Stotts Traum von einer „Gemeinde, die wirklich nach der Bibel lebt, die Gott anbetet, in der jeder gleich geachtet wird, die fähig ist zu dienen und mit Erwartung lebt.“ (S. 69/70). Ich habe mit Bleistift darunter geschrieben: Ja, ich träume mit!!!!!! (tatsächlich mit genau so vielen Ausrufezeichen). Das gilt auch für diese Aussage:

„Wir müssen alle positiven, gemeindebauenden, konservativen Kräfte zusammenbringen und bündeln. Wir müssen in der Mitte klar sein, dürfen uns aber in Fragen, die die Bibel größtenteils offen lässt … nicht zerstreiten.“ (S. 92)

Das zeigt mir: Auf der Suche nach Hoffnungssignalen für die Zukunft hält Reinhard Spincke genau wie ich Ausschau nach einer neuen Einheit in Vielfalt mit christusgemäßer Weite aber auch mit Übereinstimmung in den zentralen Glaubensfragen. Das macht Hoffnung! Die Frage wird sein: Wie finden wir praktische Wege, die eine solche Bündelung in Zukunft praktisch möglich macht?

Auch die zweite Publikation will schon auf der Titelseite „Wege suchen in eine andere Zukunft“:

anders LEBEN

So heißt die neue, sehr schön gestaltete Zeitschrift des Bundes-Verlags, deren Erstausgabe jetzt kostenlos erhältlich ist und die unter den Schlagworten „Zukunft suchen, Wurzeln finden, nachhaltig handeln“ eine bunte Mischung von Artikeln und Autoren präsentiert. Sehr spannend fand ich gleich zu Beginn den Artikel über Tony Rinaudo, der für sein Aufforstungsprogramm den alternativen Nobelpreis bekam. Sehr interessant sind auch die Einblicke über den Einsatz der Micha-Initiative für das Lieferkettengesetz. Beides erinnert mich an große christliche Vorbilder, die durch die Entwicklung von technischen und wissenschaftlichen Innovationen oder durch gezielte Einflussnahme in der Politik (z.B. für die Abschaffung der Sklaverei) die Gesellschaft vorangebracht haben. Das begeistert mich auch deshalb, weil ich überzeugt bin, dass globale Probleme wie die Klimaerwärmung, das Artensterben oder prekäre Arbeitsbedingungen in Schwellenländern letztlich nur durch Innovationen und weltweit wirksame Gesetzesinitiativen gelöst werden können.

Wenig angesprochen haben mich hingegen eine Reihe von weiteren Artikeln, die auf eine „Ökologisierung“ des persönlichen Lebensstils zielen, indem man sich z.B. von der „Konsumindustrie so unabhängig wie möglich“ macht, Fleischkonsum reduziert, im Unverpacktladen oder Secondhandshop einkauft, selbst Gemüse anbaut und insgesamt einfach „grüner lebt“. Klar, auch ich finde es gut, z.B. beim Einkaufen auf Fair Trade zu achten. Aber es darf daraus kein neuer Moralismus erwachsen. Vor allem darf es nicht dazu führen, dass die Gesellschaft weiter in „Gutwillige“ und nicht Gutwillige gespalten wird und dass Menschen zu „Umweltsündern“ abgestempelt werden, nur weil sie solche Ansätze auch nach gründlichem Nachdenken für wenig überzeugend halten.

Etwas fragwürdig fand ich im Heft auch den Hang zur Vergeistigung der Natur in Formulierungen wie diesen:

„Nicht nur eine Fridays-for-Future-Bewegung schreit: „Wie könnt ihr es wagen, so weiterzuleben?!“ Täglich höre ich diese Schreie der Schöpfung. Das Seufzen der in Massenhaltung gezüchteten Tiere, der männlichen Küken, die gleich nach dem Schlüpfen in einen Schredder gezogen werden. Ich höre die Stimme der weinenden Gletscher.“ (S.54)

Ja, natürlich ist Massentierhaltung oder auch das Artensterben hochproblematisch. Aber bringt es uns wirklich weiter, die verbreitete apokalyptische „How-Dare-You-Rhetorik“ jetzt auch noch göttlich aufzuladen? Und auch wenn die Bibel manchmal in blumiger Bildsprache davon spricht, dass die Schöpfung Gott lobt und sogar die Steine schreien, so legt sie doch im Gegensatz zu außerbiblischen Schöpfungsmythen und östlichen oder animistischen Religionen von Beginn an größten Wert auf eine strikte Trennung zwischen Schöpfer und Schöpfung.[1] Deshalb bin ich auch skeptisch über romantisierende Formulierungen wie diese:

„Viele Menschen entdecken heute die Weisheit der Natur.“ (S. 83)

Manchmal denke ich bei solchen Aussagen: Auf die Idee, dass die Natur weise sei, können wohl nur Menschen kommen, die durch Wohlstand und die Segnungen moderner Medizin und Technik weitgehend geschützt sind vor den seit jeher wahl- und erbarmungslos zuschlagenden Launen der Naturgewalten. Ich plädiere deshalb dafür, dass wir daran festhalten sollten: Weise ist allein der Schöpfer. Ihm allein gehört unsere Bewunderung und unsere Aufmerksamkeit.

Aber was ist nun mit den versprochenen Wurzeln, die uns helfen können, positiv mit den ökologischen Herausforderungen umzugehen, statt in Angst und in einen bedrückenden Moralismus zu verfallen? Tatsächlich habe ich beim Lesen mehrfach gedacht: Früher hatten Christen ein schlechtes Gewissen, weil sie keine stille Zeit gemacht haben. Heute haben sie ein schlechtes Gewissen, weil sie „nicht bei jedem Einkauf so konsequent“ sind, wie sie sein könnten. (S. 23) Aber mit Moralisieren kann man damals wie heute nichts positives bewirken, wie Anselm Grün auf S. 86 richtig anmerkt. Umso mehr vermisse ich fundierte biblische Quellen in diesem Heft – zumal ich mich mit Autoren wie Anselm Grün[2] aus den in den Fußnoten genannten Gründen ohnehin schwer tue.

Woher wird unsere Hilfe kommen?

Natürlich sind sowohl Impulse für den Gemeindebau als auch für ein sinnvolles Engagement zur Bewahrung der Schöpfung wichtig für die Gestaltung unserer Zukunft. Persönlich hätte ich es aber besser gefunden, wenn SCM solche wertvolle Artikel wie den Bericht über Toni Rinaudo in andere Zeitschriften eingestreut hätte, statt sie in eine eigene „Öko-Zeitschrift“ auszulagern. Dann würden sich Impulse zur Bewahrung der Schöpfung mischen mit Beiträgen zu den zentralen christlichen Zukunftsfragen, die Reinhard Spincke in „Gemeinde der Zukunft“ dargelegt hat. So aber fürchte ich, dass die Polarisierung zwischen den missionarisch orientierten Gemeindebauern und ökologisch bewegten Anhängern transformationstheologischer Ansätze nur weiter zunehmen wird. Dabei fände ich die Mischung beider Themen auch deshalb so wichtig, weil ich überzeugt bin: Die Kernthese der Willow-Bewegung („Die Ortsgemeinde ist die Hoffnung der Welt“) gilt letztlich auch für die ökologischen Herausforderungen unserer Zeit. Denn auch in der Umweltfrage gilt letztlich: Das Herz des Problems ist das Problem des Herzens (wie Johannes Hartl es in seinem Vortrag „Ökologie des Herzens“ so eindrücklich dargelegt hat). Und dieses Herzensproblem kann letztlich nur die erneuernde Kraft des Evangeliums lösen, das in gesunden Gemeinden gelebt und weitergegeben wird.

Die Quelle aller echten Hoffnungsquellen

Auch in Psalm 121 wird die Frage gestellt, von wo wir in schwierigen Zeiten Hoffnung beziehen können. Im Psalm heißt es dazu:

„Ich schaue hinauf zu den Bergen – woher wird meine Hilfe kommen? Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat. Er wird nicht zulassen, dass du stolperst und fällst; der dich behütet, schläft nicht. Siehe, der Israel behütet, wird nicht müde und schläft nicht. Der Herr selbst behütet dich!“

Mit diesen Sätzen kann ich getrost ins neue Jahr gehen. Vergessen wir es nie: In Gott allein ist unsere Rettung – für uns persönlich, für unsere Familien, für unsere Gemeinden und Kirchen, für unsere Gesellschaft und auch für unseren Planeten. Meine Suche nach Hoffnungssignalen für neue Aufbrüche in eine gute Zukunft wird sich auch weiterhin auf die Menschen richten, die zuerst nach Gott suchen, indem sie Gebet und Gottes Wort die oberste Priorität einräumen.


Die beiden Produkte sind hier erhältlich:

Fußnoten:

[1] Ganz anders als andere Schöpfungsmythen kennt der biblische Schöpfungsbericht keine Götter und keine übernatürlichen Kräfte hinter den Sternen, sondern er sagt: Das sind ganz einfach „Lampen“, die den Menschen zur Orientierung dienen sollen. Auch sonst wird die Natur gänzlich entgöttlicht. Folgerichtig ist das ganze Alte Testament voll von Anweisungen, auf keinen Fall die Schöpfung anzubeten sondern Gott allein, von dem wir uns kein geschöpfliches Bild machen sollen. Die Brüder Hansjörg und Wolfgang Hemminger haben deshalb zurecht geschrieben: „Die Schöpfungsgeschichte bringt eine vollständige Entgöttlichung und Entzauberung der Welt, so vollständig, wie sie außerhalb des Judentums auch nicht annähernd erreicht wurde … Jeder Zeitgenosse, der an sein Horoskop glaubt, fällt in ein Denken zurück, das in 1. Mose 1 bereits überwunden ist.“ In: Hans-Jörg und Wolfgang Hemminger: Jenseits der Weltbilder. Naturwissenschaft, Evolution, Schöpfung. Quell-Verlag Stuttgart 1991, S. 145f.

[2] In seinem Text „Krumme Wurzeln – Die Theologie von Anselm Grün“ zeigt der Theologe Eugen Schmid verschiedene Elemente in der Theologie Grüns auf, die von zentralen Kernaussagen des biblischen Evangeliums grundlegend abweichen.

Der Stern von Bethlehem – Mythos oder Geschichte?

Der Stern von Bethlehem ist fester Bestandteil unserer alljährlichen Weihnachtsromantik. Aber gerade dieser Stern ist es auch, der viele Menschen gegenüber der Weihnachtsgeschichte skeptisch werden lässt. Da kommen „Weise“ aus dem „Morgenland“ nach Jerusalem und fragen nach dem neugeborenen König der Juden, denn: Sie „haben seinen Stern aufgehen sehen“. Und genau dieser Stern „ging vor ihnen her, bis er über dem Ort stand, wo das Kindlein war.“ (Matthäus 2, 2+9) Kein Wunder, dass seit jeher Menschen gefragt haben: Von welchem Stern redet Matthäus da? Wie konnte ein Stern vor ihnen hergehen? Und wie kann ein Stern stehen bleiben? Das klingt doch alles so märchenhaft, dass man dazu neigt, gleich die ganze Geschichte ins Reich der Mythen und Legenden zu verbannen.

Stilbildend für viele Darstellungen des Sterns wurde ein Gemälde des Malers Giotto di Bondone aus dem Jahr 1305. Er stellte den Stern als Komet dar, wahrscheinlich ganz einfach deshalb, weil er den Halley’schen Komet kurz zuvor selbst beobachten konnte. Trotzdem ist es sehr unwahrscheinlich, dass Matthäus bei seinem Bericht von einem Komet spricht. Kometen galten damals als Unglücksboten und waren somit ein völlig unpassendes Symbol für das Kommen eines neuen Herrschers.

Der Astronom Johannes Kepler beobachtete im Jahr 1604 eine Supernova mitten in einer besonderen Planetenkonstellation, über die wir gleich noch genauer sprechen werden. Und weil diese Konstellation auch zur Zeit von Jesu Geburt auftrat, stellte er die Vermutung an, dass es vielleicht auch damals eine Supernova gegeben haben könnte. Aber auch diese These wurde inzwischen verworfen. Denn von einer solchen Supernova müssten wir heute noch Reste finden. Das ist aber nicht der Fall.

Aber wovon schrieb Matthäus dann? Im Dezember 2020 ging eine überraschende Meldung durch die Presse: Der Stern von Bethlehem steht wieder am Himmel! Was war da gemeint? Am 21. Dezember 2020 war ein seltenes Schauspiel am Himmel zu sehen (wenn man denn das Glück hatte, dass es nicht von Wolken verdeckt wurde): Die Planeten Jupiter und Saturn näherten sich einander so sehr an, dass beide Planeten förmlich zu verschmelzen schienen und gemeinsam als heller Stern am Himmel leuchteten. Eine solche Annäherung zwischen Jupiter und Saturn nennt man „große Konjunktion“. Sie findet etwa alle 20 Jahre statt, wenn auch meistens nicht ganz so dicht wie im Jahr 2020. Sehr selten kommt es sogar zu einer sogenannten „größten Konjunktion“, bei der sich Jupiter und Saturn gleich 3 mal in einem Jahr begegnen. Um dieses Phänomen zu verstehen muss man wissen, dass die Erde als vergleichsweise sonnennaher Planet schneller seine Runden um die Sonne dreht als die weiter entfernten Planeten Jupiter und Saturn. Wenn die Erde auf ihrer Bahn um die Sonne die weiter entfernt kreisenden Planeten überholt, dann sieht es für Beobachter auf der Erde so aus, als würden sich Jupiter und Saturn eine Zeit lang rückwärts bewegen. Wenn das während einer Konjunktion geschieht, dann treffen sich Jupiter und Saturn während eines Jahres nicht nur einmal sondern gleich drei mal (schön visualisiert in diesem Video ab Min. 6:06).

Genau zu einem solchen extrem seltenen Spektakel kam es im Jahr 7 vor Christus (bzw. im Jahr 6 vor Christus nach astronomischer Zeitrechnung). Nach übereinstimmender Meinung der meisten Historiker fällt dieses Jahr in den kurzen Zeitraum, der für das Geburtsjahr von Jesus am wahrscheinlichsten ist. In diesem Jahr trafen sich Jupiter und Saturn im Mai, im Oktober und im Dezember.

Ohne Zweifel wurde dieses extrem außergewöhnliche Ereignis sowohl von den Astronomen als auch von den Astrologen der damaligen Zeit aufmerksam verfolgt. Der Gedanke liegt also nahe, dass dieses Himmelsschauspiel auch der Auslöser für die Reise der Weisen nach Jerusalem gewesen sein könnte. Allerdings gab es an dieser Theorie auch Zweifel. Denn zwar kamen sich die Planeten Jupiter und Saturn im Jahr 7 vor Christus nahe, aber sie „verschmolzen“ optisch doch nie zu einem einzigen Stern, wie es im Jahr 2020 der Fall war. Sie waren immer deutlich voneinander getrennt am Himmel zu sehen. Bei Matthäus ist aber nur von 1 Stern die Rede, dazu noch von einem aufgehenden Stern. Was könnte damit gemeint sein?

Im Jahr 1999 veröffentlichte der amerikanische Physiker und Astronom Michael Molnar ein Buch über den Stern von Bethlehem, das seither die Fachwelt beschäftigt. Im Jahr 2014 fand sogar eine interdisziplinäre Tagung zu den Thesen Molnars statt. Molnar hatte sich intensiv mit den Weisen aus dem Morgenland beschäftigt. Wörtlich übersetzt ist bei Matthäus ja nicht nur einfach von „Weisen“ die Rede sondern von „Magoi“ was man auch mit „Sterndeuter“ oder „Astrologen“ übersetzen könnte. Bisher ging man zumeist davon aus, dass diese Sterndeuter eher von der babylonischen Kultur geprägt waren. Molnar glaubte jedoch, dass die Region östlich von Palästina durch die Eroberungszüge von Alexander dem Großen schon längst hellenisiert und somit griechisch geprägt war. Deshalb musste man sich mit der griechischen und nicht mit der babylonischen Astrologie beschäftigen, um die Denkweise der „Magoi“ aus dem Morgenland zu verstehen.

Wie haben diese Leute ein Horoskop erstellt? Bekannt ist zum Beispiel ein Horoskop für Kaiser Hadrian aus dem Jahr 76 nach Christus. Eine wichtige Rolle spielte darin der Planet Jupiter, der als königlicher Planet galt. Als wichtig wurde aber auch die Nähe zu Mond, Venus und Mars angesehen. Wer nach diesem Muster ein Horoskop für den 17. April des Jahres 7 v.Chr. erstellt, erhält ein noch viel „königlicheres“ Horoskop! Denn hier standen die Planeten Merkur, Mars, Saturn und Venus gemeinsam mit dem Mond, der Sonne und dem königlichen Jupiter in einer Reihe. Dazu muss man wissen, dass die Astrologen der damaligen Zeit ihre Aufmerksamkeit vor allem dem „Stern” widmeten, der kurz vor Sonnenaufgang auftaucht und zuletzt sichtbar wird, bevor das Tageslicht alle Sterne überstrahlt. Am 17. April 7 v. Chr. war der königliche Planet Jupiter der zuletzt aufgehende „Stern“. Und er stand dabei in einer linearen Reihe mit der Sonne, Mond und mehreren Planeten, was als starker Hinweis auf die Geburt eines neuen Königs verstanden werden konnte. Dazu kam: Der Jupiter ging im Sternbild Widder auf, das damals auch mit dem Gebiet Judäa in Verbindung gebracht wurde.

Vor diesem Hintergrund wird verständlicher, was Matthäus in Vers 2 eigentlich gemeint hat. Denn der Satz: „Wir haben seinen Stern aufgehen sehen“ kann auch so übersetzt werden: „Wir haben seinen Stern im Aufgang erblickt“. Das war für den damaligen Leser eine gängige astrologische Formulierung, die den zuletzt aufgehenden Stern kurz vor Sonnenaufgang beschrieb. Ausführlicher hätte Matthäus auch schreiben können: Wir haben den Stern eines neuen Königs in Judäa im Aufgang erblickt. Dass Matthäus den Namen Jupiter lieber nicht namentlich nennen wollte ist verständlich, weil er selbst wohl lieber nichts mit Astrologie zu tun haben wollte.

Wenn die „Magoi“ in einem weit von Jerusalem entfernten östlich gelegenen Land tatsächlich im April auf die Ankunft eines neuen Königs aufmerksam wurden, dann wäre das wegen der sommerlichen Hitze eine schlechte Zeit zum Reisen gewesen. Trotzdem blieb angesichts der spektakulären ganzjährigen „grössten Konjunktion“ von Jupiter und Saturn ohne Zweifel die Aufmerksamkeit der Sterndeuter den ganzen Sommer über hoch. Als sie sich dann schließlich im Herbst nach Jerusalem aufmachten, standen Jupiter und Saturn vereint am südlichen Himmel, also in Richtung Bethlehem. Und gerade in dieser Zeit konnten sie verfolgen, wie Jupiter und Saturn eine Zeit lang „rückwärts“ wanderten und dann schließlich für kurze Zeit relativ zu den Sternen „stehen blieben“ – bevor sie schließlich erneut die Richtung umkehrten.

Der Sternhimmel am 12. November 7 v. Chr. über Jerusalem in Richtung Süden

Hat Matthäus vielleicht genau das gemeint? War der „rückwärts“ laufende königliche Jupiter der “Stern”, der „vor ihnen herging“ und schließlich stehen blieb, als sie das Kind in Bethlehem gefunden hatten? Genau davon geht jedenfalls der Astronom Michael Molnar aus.

Der Astrophysiker Prof. Heino Falcke war 2014 selbst bei der Tagung dabei, bei der über Molnars Thesen gestritten wurde. In seiner Nachbetrachtung zu der Konferenz schrieb Falcke folgendes:

„Ich persönlich habe versucht, in dieser Angelegenheit die Rolle eines objektiven Richters zu spielen, mich von vorgefasster Voreingenommenheit zu befreien und diesen Workshop mit einem eher offenen und vielleicht sogar naiven Geist zu betreten. Ich war also gleichermaßen bereit zu akzeptieren, dass die Geschichte komplett erfunden sein könnte oder tatsächlich eine genaue Beschreibung der Ereignisse um die Geburt Jesu Christi war. … Je mehr ich über die Weisen erfuhr, desto mehr entpuppte sich die Geschichte bei Matthäus als ein Meisterwerk biblischer Schreibkunst, das nicht nur theologische Bedeutung transportiert, sondern auch in der Lage ist, den historischen Kontext in wenigen nüchternen Zeilen zu verdichten – ganz anders als die Wundergeschichte, die ich noch aus Kindheitserinnerungen im Kopf hatte.“

Ist jetzt also sicher geklärt, was es mit dem Stern von Bethlehem auf sich hatte? Sicher nicht. Der Streit der Experten wird weitergehen. Für den Glauben ist es auch nicht entscheidend, was genau die richtige Erklärung ist. Aber so viel ist sicher: Wenn sich ein Bibeltext „märchenhaft“ anhört, heißt das noch lange nicht, dass wir ihn vorschnell ins Reich der Gleichnisse und der Bildersprache verweisen dürfen. Der Gott der Bibel ist ein Gott, der ganz reale Geschichte schreibt. Es könnte auch ganz einfach an unserer Unkenntnis der damaligen Situation und an sprachlichen Feinheiten liegen, warum wir uns mit dem Verständnis mancher biblischer Angaben so schwer tun.

Auch der Stern von Bethlehem rüttelt jedenfalls nicht daran, dass die Geburtsgeschichten in den Evangelien vertrauenswürdig sind. Und der Umstand, dass hier offenbar Menschen durch Beschäftigung mit Astrologie zu Jesu fanden, zeigt mir: Gott kann auch heute noch die verrücktesten Umstände gebrauchen, um Menschen das wahre Wunder von Weihnachten zu offenbaren und sie zu Anbetern des einzig wahren menschgewordenen Gottessohns zu machen.


Eine wertvolle Quelle für die Recherchen zu diesem Artikel war der Blogartikel „The Star of Bethlehem – a mystery (almost) resolved?“ von Prof. Heino Falcke. Darin sind auch einige veranschaulichende Abbildungen enthalten.

Wie gelingt Einheit in Vielfalt?

Dieser Artikel ist in etwas kürzerer Form zuerst erschienen in idea Spektrum Ausgabe Nr. 49.2020 vom 2.12.2020

Ich liebe Einheit in Vielfalt. Es begeistert mich, wenn Christen aus verschiedenen Kirchen, Generationen und Prägungen zusammen kommen, um gemeinsam Jesus zu feiern und ihren Glauben zu bezeugen. Jesus selbst hat intensiv für Einheit gebetet. Und er hat dabei deutlich gemacht: Die Glaubwürdigkeit unseres Christuszeugnisses hängt auch von unserer Einheit ab (Johannes 17, 23).

Deshalb habe ich mich immer sehr darüber gefreut, dass wir Evangelikale bei aller Vielfalt ein paar zentrale Glaubensüberzeugungen haben, die wir ganz selbstverständlich gemeinsam glauben, feiern und bekennen können. Dazu gehörten für mich zum Beispiel:

  • Der Glaube, dass Gott in der Geschichte übernatürlich eingreift und sich übernatürlich offenbart hat.
  • Der Glaube an die Leiblichkeit der Auferstehung und die Historizität des leeren Grabs.
  • Der Glaube an den Kreuzestod Jesu als ein stellvertretendes Opfer für die Vergebung unserer Sünden.
  • Das Vertrauen, dass die biblischen Texte Offenbarungscharakter haben.

Ohne es mir bewusst zu machen habe ich mich immer ganz selbstverständlich darauf verlassen, dass diese Punkte klar sind, wenn ich zum Christustag oder auf einen Willow-Kongress gehe, wenn ich einen Prediger einlade, der von einer KBA-Ausbildungsstätte kommt, wenn ich für ein evangelikales Missionswerk spende, wenn ich ein Buch des Hänssler-Verlags kaufe, wenn ich ERF höre oder wenn ich unsere Gemeindejugend auf ein Event des CVJM schicke. Diese Punkte waren selbstverständliche Ankerpunkte meiner evangelikalen Identität und Heimat. Und ich habe es immer als etwas höchst Verbindendes empfunden, zu wissen: Das bezeugen wir gemeinsam. Dafür können wir fröhlich unsere Differenzen zurückstellen, denn am wichtigsten ist doch, dass alle Welt von uns als große Gemeinschaft hört: Unser Gott ist kein ferner, kein schweigender Gott. Das Grab war leer. Jesus hat den Tod besiegt. Er ist am Kreuz stellvertretend für unsere Schuld gestorben. Und wir haben mit der Bibel ein verlässliches Zeugnis darüber, wer und wie Gott ist.

Der Verlust der gemeinsamen Kernüberzeugungen

In den letzten 3 Jahren musste ich im Rahmen meiner Beschäftigung mit Formaten wie Worthaus aber feststellen: Alle diese Kernüberzeugungen werden inzwischen auch mitten in der evangelikalen Welt lautstark inhaltlich in Frage gestellt, subjektiviert oder offen verneint. Ich schreibe bewusst „inhaltlich“, weil die Begrifflichkeiten ja oft noch beibehalten werden und man erst bei genauem Hinhören merkt, dass die Inhalte völlig anders sind. Und mit „subjektiviert“ meine ich: Vielleicht lässt man die evangelikale Position noch gelten, aber eben nicht mehr als gemeinsame Grundüberzeugung sondern nur noch als persönliche Glaubensoption, die jemand für sich persönlich haben kann, falls das für ihn hilfreich ist.

Auch im evangelikalen Umfeld sind somit ganz offenkundig die Zeiten vorbei, in denen Christen ganz selbstverständlich gemeinsame Antworten auf die zentralen Fragen des Glaubens geben konnten. Kein Wunder, dass christliche Leiter immer öfter die Frage stellen: Wie können wir dann noch beieinander bleiben? Wie kann angesichts der wachsenden Differenzen heute noch Einheit in Vielfalt gelingen? Auf welcher gemeinsamen Basis stehen zukünftig die evangelische Allianz und all die vielen evangelikalen Werke und Initiativen, die auf Einheit in Vielfalt existenziell angewiesen sind?

Wie umgehen mit dem verloren gegangenen Konsens?

Grundsätzlich gibt es zwei verschiedene Strategien für den Umgang mit einem verloren gegangenen Konsens: Man kann entweder versuchen, um den Konsens zu ringen und ihn wiederherzustellen. Oder man kann den verlorenen Konsens bewusst loslassen und stattdessen zu Toleranz gegenüber den unterschiedlichen Standpunkten aufrufen. Je nachdem, welche Strategie man für richtig hält, wird man ganz unterschiedliche Menschen als Brückenbauer empfinden:

  • Anhänger der Konsensstrategie sehen Brückenbauer dort am Werk, wo um die Gültigkeit zentraler gemeinsamer Glaubenswahrheiten gerungen wird.
  • Anhänger der Toleranzstrategie werden hingegen gerade dieses Festhalten an gemeinsamen Glaubensüberzeugungen als einheitsgefährdend ansehen, weil das ja alle die ausschließt, die an diese Überzeugungen nicht (mehr) glauben können oder wollen. Stattdessen werden sie solche Menschen als Brückenbauer empfinden, die die Verbindlichkeit von Glaubenswahrheiten in Frage stellen (die also Glaubenswahrheiten subjektivieren), um damit Raum für sich widersprechende Positionen zu schaffen.

Meine Beobachtung ist: Zwischen diesen beiden gegensätzlichen Ansätzen wird zunehmend scharf geschossen, auch mitten im evangelikalen Umfeld. Umso mehr müssen wir uns die Frage stellen: Welche Sichtweise stimmt? Brauchen wir mehr Konsens? Oder mehr Toleranz? Und was verbindet uns noch, wenn wir keine gemeinsamen theologischen Positionen mehr formulieren können?

Die Mitte des Christentums ist keine Lehre sondern eine Person

Anhänger der Toleranzstrategie antworten auf diese Frage oft in etwa wie folgt: Die verbindendende Mitte des Christentums ist keine Lehre sondern die Person Jesus Christus. Seine grenzenlose Liebe und Annahme hilft uns, Enge und Rechthaberei zu überwinden, uns einander in aller Unterschiedlichkeit anzunehmen, uns gegenseitig unseren Glauben zu glauben und Raum zu geben für unterschiedliche Sichtweisen und Erkenntnisse.

Ich halte diese Sichtweise im Prinzip für absolut richtig. Jesus selbst, die Wahrheit in Person, ist das Haupt der Gemeinde, das die Glieder miteinander verbindet (Epheser 4, 15-16). Echte Einheit lebt immer von der gemeinsam gelebten Christusbeziehung und von der erlebten Liebe, Gnade und Vergebung, die uns auch gnädig und barmherzig füreinander machen kann. Ein theologischer Buchstabenkonsens wird die verbindende Kraft einer gelebten Christusbeziehung niemals ersetzen können. Zudem bin ich der Meinung: Natürlich brauchen wir in Randfragen Weite für respektvolle, unverkrampfte Debatten. Christen werden niemals in allen Fragen einer Meinung sein. Für Einheit in Vielfalt dürfen und müssen wir deshalb unterschiedliche Positionen aushalten lernen. Und meine Erfahrung ist: Wo die Liebe zu Jesus im Mittelpunkt steht, da gelingt das in aller Regel auch.

Trotzdem müssen wir uns der Tatsache stellen, dass die immer öfter und lauter formulierten Forderungen nach mehr Weite und Toleranz nicht geholfen haben, im Gegenteil: Der Riss, der oft mitten durch die evangelikal geprägten Werke und Gemeinschaften geht, scheint stetig tiefer zu werden. Woran liegt das?

Politische Polarisierung statt theologischem Streit

Zum einen stelle ich fest: Die Vorstellung, dass man Einheit in Vielfalt gewinnt, wenn man theologische Differenzen für nebensächlich erklärt, ist eine Illusion. Gerade die letzten Wochen haben wieder gezeigt: Wo in der Kirche Jesu nicht mehr um theologische Fragen gestritten wird, da schlagen die Wellen stattdessen hoch bei anderen Fragen: Wie stehst Du zu Trump? Wie stehst Du zum Klimawandel? Wie stehst Du zur Flüchtlingsrettung im Mittelmeer? Wo die theologischen Kernfragen nicht mehr polarisieren, da nimmt die Kirche umso mehr teil an der gesellschaftlichen Polarisierung in tagesaktuellen Fragen. Wo in Bekenntnisfragen Grenzen eingerissen werden, da werden neue moralistische Trennmauern aufgerichtet. Wo es keine theologischen Häresien mehr gibt, da treten ethische und politische Häresien an ihre Stelle. Und da zeigt sich: Auch „liberale“ Positionen können äußerst intolerant, aggressiv und herablassend gegenüber anderen Standpunkten auftreten und spaltend wirken.

Wer und wie ist Christus eigentlich?

Das zweite, noch größere Problem ist aus meiner Sicht: Einheit auf Basis einer Christusmitte funktioniert nicht, wenn der Begriff „Christus“ subjektiv vollkommen unterschiedlich gefüllt werden kann. Denn die Fragen stellen sich ja: Wer und wie ist denn dieser Christus, der unsere verbindende Mitte sein soll? Was hat er gelehrt? Was hat er für uns getan? Worin liegt sein Erlösungswerk? Wie können wir mit ihm in Verbindung treten? Unsere einzige Informationsquelle zu solchen Fragen ist die Bibel. Wenn die Bibel aber kein verbindlicher Maßstab mehr ist, dann wird alles subjektiv. Dann ist es letztlich unmöglich, auf solche Fragen gemeinsame Antworten finden zu können.

Ohne gemeinsame Antworten auf diese innersten Kernfragen des Glaubens haben wir als Kirche Jesu aber auch keine gemeinsame Botschaft mehr. Dann gibt es letztlich nichts mehr, was wir trotz aller Unterschiedlichkeit ganz selbstverständlich gemeinsam feiern und bezeugen können. Dann fällt die Kirche Jesu auseinander – wenn nicht im Streit um theologische Fragen, dann doch in einem schleichenden Prozess der inneren Entfremdung.

Der Schatz der gemeinsamen Bekenntnisse

Deshalb bin ich überzeugt, dass Einheit in Vielfalt nur gelingen kann, wenn zur gelebten Christusmitte auch gemeinsam geteilte Glaubensüberzeugungen hinzukommen. Ganz offenkundig haben das auch die frühen Christen gespürt. Sie haben extrem viel Energie investiert, um auf Basis der biblischen Schriften gemeinsame Bekenntnisse zu formulieren. Das nicäno-konstantinopolitanische Bekenntnis gilt größtenteils bis heute in den protestantischen, in der katholischen, in der anglikanischen und sogar in den orthodoxen Kirchen als Glaubensgrundlage. Und ich frage mich: Ist es wirklich ein Fortschritt, wenn ausgerechnet wir Christen im Westen es heute nicht mehr für wichtig halten, ob Jesus wirklich leiblich auferstanden ist und ob er von einer Jungfrau geboren wurde oder nicht? Wäre es nicht vielmehr umgekehrt ein gewaltiger Schatz, wenn alle Christen wenigstens diese wenigen Sätze ganz selbstverständlich gemeinsam glauben und bezeugen könnten?

Die missionarische Dynamik geht verloren

In meiner evangelischen Kirche fällt mir das besonders auf: Wo alles gleich gültig ist, da wird schnell auch alles gleichgültig. Da gibt es bald nichts mehr, wofür man sich gemeinsam engagieren und Opfer bringen möchte. Da verlieren wir die gemeinsame Leidenschaft, die gemeinsame Botschaft und damit auch die missionarische Dynamik.

Kaum jemand weiß das so gut wie Ulrich Parzany. Evangelisationen wie Pro Christ leben davon, dass unterschiedlichste christliche Gruppen ihre Differenzen zurückstellen und sich gemeinsam engagieren für dieses eine Evangelium. Es ist sicher kein Zufall, dass ausgerechnet ein Vollblutevangelist, der schon so viele verschiedene Christen zusammengeführt hat, sich heute so intensiv dafür einsetzt, dass wir unsere zentralen Bekenntnisse und Glaubensüberzeugungen bewahren. Ein Evangelist bemerkt nun einmal zuerst, wie sehr die Mission erlahmt, wenn Christen sich nicht mehr über ihre Kernbotschaft einigen können.

Grenzzieher werden ausgegrenzt

Auch den Schreibern des Neuen Testaments war es wichtig, den Menschen nicht nur das Evangelium vor Augen zu malen, sondern es auch deutlich gegen falsche Lehren abzugrenzen. Heute fällt mir jedoch auf: Wer als „Grenzzieher“ auftritt, weil er den Konsens in den Kernfragen des Glaubens bewahren möchte, wird eher gemieden und ausgegrenzt. Statt sachlicher Debatte steht schnell der Vorwurf der „Rechthaberei“ oder die Unterstellung von „Angst“ oder gar „Denkfeindlichkeit“ im Raum. Man weist auf (ohne Zweifel vorkommende) fragwürdige und lieblose Äußerungen hin. Aber man redet kaum über berechtigte Impulse, die von solchen Leuten kommen.

Kein Teamgeist ohne Toreschießen

Das finde traurig. Denn die Verteidigung der christlichen Kernüberzeugungen ist aus meiner Sicht ein unverzichtbarer Dienst an der Einheit der Christenheit. Kirche ohne theologische Grenzen wirkt auf mich wie ein Fußballteam, das nicht nur über Taktik und Aufstellung diskutieren will, sondern auch darüber, ob es überhaupt richtig ist, Tore schießen zu wollen. Das kann man ja machen. Man kann es sogar sympathisch finden, wenn alles offen zur Diskussion steht und wenn man der anderen Mannschaft nicht wehtun will. Aber es hat dann halt irgendwann nichts mehr mit Fußball zu tun. Und wenn das Team dann absteigt oder gar ganz auseinanderfällt ist das nicht die Schuld derer, die an die Regeln erinnern und Tore schießen wollen.

Anders ausgedrückt: Wo wir uns von Bibel und Bekenntnis verabschieden, da geht eben nicht nur der Konsens in Randfragen verloren, sondern auch der zentrale Grund, der uns überhaupt zusammen geführt hat. Da verlieren wir unser gemeinsames Ziel, unsere gemeinsame Leidenschaft und die Bereitschaft, uns trainieren zu lassen und miteinander für diese Leidenschaft Opfer zu bringen. Genau dieser Abwärtstrend ist heute in so vielen liberal geprägten Kirchen schmerzlich spürbar.

Große Brücken brauchen starke Pfeiler

Dabei geht es doch auch anders. Ich habe in den letzten Jahren viel Versöhnung unter Christen erlebt. Ich freue mich heute über freundschaftliche Verbindungen zu ganz unterschiedlich geprägten Christen mit verschiedenen theologischen Positionen in ganz unterschiedlichen Fragen. Fröhliche Einheit in Vielfalt ist auch heute noch möglich! Sie wächst ganz offenkundig um eine gemeinsame Leidenschaft für einen starken, gemeinsamen Kern herum. Da wird “Kirche” lebendig. Da kommt sie in Bewegung. Wo große Brücken gebaut werden sollen über zunehmend unterschiedlich geprägte christliche Landschaften, da brauchen wir umso mehr im Zentrum einen starken, fest gegründeten Pfeiler, der diese Brücken tragen kann. Diese verbindende Mitte kann nur Jesus Christus sein. Damit der Begriff „Christus“ aber nicht zur beliebig füllbaren Formel verkommt, brauchen wir die Autorität der Heiligen Schrift und das Festhalten an den Bekenntnissen.

Lassen Sie uns aus Liebe zur Kirche und zu den Menschen gemeinsam dafür beten und arbeiten, dass dieser gemeinsame, verbindende Kern nicht verloren geht sondern ganz neu wertgeschätzt und hochgehalten wird.

AiGG 5: Wie wir Gottes Stimme hören können

Jesus hat immer wieder deutlich gemacht: Es gibt nichts Wichtigeres im Leben, als Gottes Stimme zu hören! Aber warum ist das eigentlich so wichtig? Und wie soll das praktisch funktionieren? Welche Rolle spielt dabei die Bibel? Ist dieses Buch überhaupt vertrauenswürdig? Im 5. Teil der AiGG-Serie geht es um sehr praktische Fragen der Jesusnachfolge und um ein Versprechen, das Jesus allen seinen Nachfolgern gemacht hat: Meine Schafe hören meine Stimme!

Den Vortrag als Audio hören:

Vertiefend zu diesem Thema:

Das Lied zum Thema: “Hoffnung für die Welt”:

Das Akkordsheet zum Lied “Hoffnung für die Welt” zum Download  – Noten wurden veröffentlicht in “Feiert Jesus 4”, Lied Nr. 72

Mehr Toleranz oder mehr Konsens? Was dient der Einheit?

Wie gehen wir mit den wachsenden Spannungen unter Christen um? Welche Rolle spielt die Internetmediathek Worthaus dabei? Brauchen wir mehr Konsens oder mehr Toleranz, um den Riss zu überbrücken? Wie können wir zu tragfähiger Einheit in Vielfalt finden? Mit diesen Fragen habe ich mich in meinem Vortrag bei der Leiterkonsultation des Netzwerks Bibel und Bekenntnis am 14. November 2020 befasst. Er ist jetzt auf YouTube verfügbar. Das Vortragsskript mit allen Quellenangaben dokumentiert dieser Artikel.

In vielen Äußerungen von christlichen Leitern nehme ich immer stärker eine zentrale Grundfrage wahr: Wie können wir beieinander bleiben? Ganz offenkundig wird quer durch alle Werke und Gemeinschaften eines immer spürbarer: Wir werden unterschiedlicher. Wir driften auseinander. In einer kleinen Umfrage vor dieser Leiterkonsultation hat uns Andreas Späth von der KSBB Bayern geschrieben: „Leider geht der Riss quer durch Gemeinden.“ Und spürbar ist dabei: Die Differenzen betreffen nicht nur Fragen der Prägung oder des Musikgeschmacks. Sie betreffen gerade auch theologische Themen. Dr. Jens-Peter Horst von der landeskirchlichen Gemeinschaft Eschwege hat uns geschrieben: „Ich sehe hier eher keinen grundsätzlichen Unterschied zu der bestehenden Kontroverse mit der liberalen Theologie in der Kirche bzw. insgesamt. Die Kontroverse hat nun nur … auch innerhalb der evangelikalen Bewegung Fuß gefasst.“ Das heißt also: Die theologischen Konflikte, die wir beobachten, sind inhaltlich gar nichts Neues. Aber sie treten jetzt eben auch mitten in unserem evangelikalen Umfeld auf. Kein Wunder, dass sich dann immer dringender die Frage stellt: Wie kann heute noch Einheit in Vielfalt gelingen, wie es z.B. so lange Zeit in der evangelischen Allianz oder bei Evangelisationen wie Pro Christ gelungen ist?

Wenn ein Konsens verloren geht, dann kann man prinzipiell auf 2 verschiedene Weisen reagieren:

Reaktionsmöglichkeit 1: Wir müssen den Konsens in den Kernfragen verteidigen und – wo er verloren gegangen ist – wieder neu gewinnen.

Reaktionsmöglichkeit 2: Wir müssen den Konsens bewusst loslassen und uns stattdessen üben in gelebter Toleranz. Oft ist da die Rede von sogenannter „Ambiguitätstoleranz“.

Wer die Reaktionsmöglichkeit 1 für richtig hält, der sieht die Einheit dort bedroht, wo Menschen den Konsens in Frage stellen. Für den gelten die als Brückenbauer, denen es gelingt, in zentralen Fragen einen Konsens unter Christen herzustellen.

Wer hingegen die Reaktionsmöglichkeit 2 für richtig hält, für den sind die Feinde der Einheit die, die unbedingt am Konsens festhalten wollen. Brückenbauer sind hingegen solche Leute, die zwar einen Standpunkt haben, die aber anderslautende Standpunkte als genauso richtig anerkennen und somit eher nur subjektive statt objektive Wahrheiten vertreten.

Meine Wahrnehmung ist: Immer mehr Leiter von christlichen Werken, Gemeinschaften und Gemeinden neigen dazu, dass Einheit in Vielfalt nicht über Konsens sondern über Toleranz funktionieren müsse. Da wird dann zum Beispiel gesagt: Die verbindende Mitte des Christentums sei keine Lehre sondern die Person Jesus Christus. Deshalb sollten wir Enge und Rechthaberei überwinden, uns gegenseitig unseren Glauben glauben und Raum geben für unterschiedliche Sichtweisen und Erkenntnisse. Das klingt weitherzig und versöhnlich. Aber die Frage ist: Funktioniert das auch? Gewinnen wir so tatsächlich Einheit in Vielfalt? Aus zwei Gründen bin ich skeptisch:

Zum einen haben gerade die letzten Wochen wieder gezeigt: Wo in der Kirche Jesu nicht mehr um theologische Fragen gestritten wird, da schlagen die Wellen stattdessen hoch bei anderen Fragen: Wie stehst Du zu Trump? Wie stehst Du zum Klimawandel? Wie stehst Du zur Flüchtlingsrettung im Mittelmeer? Wo die theologischen Kernfragen nicht mehr polarisieren, da nimmt die Kirche umso mehr teil an der gesellschaftlichen Polarisierung in tagesaktuellen Fragen. Wo in Bekenntnisfragen Grenzen eingerissen werden, da werden neue politische und moralistische Trennmauern aufgerichtet.

Und meine zweite Beobachtung ist: Einheit auf Basis einer Christusmitte funktioniert nicht, wenn der Begriff „Christus“ nur noch eine Hülse ist, die jeder subjektiv ganz unterschiedlich füllen kann. Denn die Frage ist ja: Wer und wie ist denn dieser Christus, der uns verbinden soll? Was hat er getan? Was hat er gelehrt? Worin liegt sein Erlösungswerk? Wir haben nur eine einzige Informationsquelle zu solchen Fragen: Die Bibel. Wenn aber die Bibel kein verbindlicher Maßstab mehr ist, dann wird es letztlich auch bei diesen allerzentralsten Fragen des Glaubens unmöglich, gemeinsame Antworten geben zu können. Dann haben wir schlicht keine gemeinsame Botschaft mehr.

An dieser Stelle höre ich oft: Aber so schlimm ist es doch gar nicht! Natürlich haben wir gerade in unseren evangelikal geprägten Kreisen noch sehr viel Gemeinsames über Jesus Christus und über das Evangelium zu sagen. Auch ich habe lange Zeit so gedacht. Aber ich muss sagen: Diese Sichtweise hat sich bei mir in den letzten drei Jahren sehr geändert. Und diese Veränderung begann, als ich angefangen habe, mich intensiv mit Worthaus auseinanderzusetzen.

Die Worthaus-Mediathek

Die Worthaus-Mediathek umfasst aktuell mehr als 150 Vorträge von 27 ganz verschiedenen Referenten. Bei der letzten kleineren Worthaustagung war zum Beispiel Dr. Eugen Drewermann der Hauptredner. Bei einer solchen Vielfalt ist natürlich auch die Theologie, die dort vermittelt wird, ziemlich bunt. Allerdings gibt es bei Worthaus 2 prägende Personen, die schon rein zahlenmäßig die allermeisten Worthaus-Vorträge halten und deswegen natürlich auch die Theologie von Worthaus prägen: Das ist zum einen der emeritierte Theologieprofessor Siegfried Zimmer und zum anderen der Dozent der evangelischen Hochschule Tabor Prof. Thorsten Dietz. Gerade auch bei der letzten großen Worthaus-Tagung („Worthaus 9“) haben sich Prof. Zimmer und Prof. Dietz mit den allerzentralsten Fragen des Christentums beschäftigt: Wer war und wer ist Jesus Christus? Was bedeutet sein Tod am Kreuz? Ist Jesus wirklich leiblich auferstanden? Ich habe dieses Jahr eine ausführliche Analyse aller Vorträge dieser Worthaus-Tagung vorgelegt[1]. Lassen Sie mich aus dieser Analyse kurz einige Schlaglichter herausgreifen, zunächst zu einer absoluten Knackpunktfrage der Theologie:

War Jesus von Nazareth nicht nur wahrer Mensch sondern auch wahrer Gott?

Bei Worthaus 9 sagte Siegfried Zimmer zu diesem Thema folgendes:[2]

„Gehört bitte nicht zu den Christen, die gleich den Flatterich kriegen, wenn ich sage: Jesus war vielleicht selber der Überzeugung, dass er selber gar nicht der Menschensohn ist, dass das ein späterer christlicher Eintrag war … Ich gehe mal davon aus, dass Jesus kein Hellseher war, er hat kein Orakelwissen gehabt. … Er ist schon ein normaler Mensch, bitte! … In einem Mitarbeiterheft für tausende von Sonntagsschulmitarbeitern hat eine Frau einen Artikel über Jesus geschrieben … : „Jesus war der Gottessohn und der Retter der Welt. Er kam, um zu sterben und er hat viele Wunder getan und konnte übers Wasser laufen.“ Das schreibt eine Frau für tausende von Mitarbeitern in der Sonntagsschule. Da muss ich fast kotzen. Ich kann’s nicht anders sagen. … Ich habe dann dem Vorstand von diesem Verlag geschrieben: Sie könnten doch mit gleicher Buchstabenzahl … sagen: „Jesus war aufmerksam für die Armen, er schätzte die Frauen höher als es damals üblich war und er liebte die Kinder. Das ist doch Millionen mal mehr als dieses Titelgeklapper.“

Ich bekomme keinen „Flatterich“ bei diesen Aussagen. Aber ich stelle einfach nüchtern und sachlich fest, dass sich meine Theologie hier an zentralster Stelle fundamental von der Theologie Siegfried Zimmers unterscheidet. Denn bei der Aussage, dass Jesus der Gottessohn und Retter der Welt war, der gekommen ist, um für uns zu sterben, da steigt in mir nun einmal kein Würgreiz auf sondern ein lautes „Ja, so ist es!“. Was mich aber wirklich verstört ist der Umstand, dass Zimmer diesen Text tatsächlich ersetzen möchte durch eine Beschreibung, die genauso auf Mutter Theresa oder Mahatma Gandhi zutreffen könnte

Was bedeutet nun der Tod Jesu am Kreuz?

Dazu sagt Siegfried Zimmer[3]:

„Im Englischen unterscheidet man zwischen „victim“ … und „sacrifice“. „Victim“ ist ein Opfer VON etwas: Verkehrsopfer, Kriminalitätsopfer. Und „sacrifice“ ist ein Opfer FÜR etwas. Wir müssen Jesu Tod erst mal als „victim“ würdigen. Jesus ist erst mal ein Opfer der römischen Militärbehörde geworden und er ist gefoltert worden. Wenn wir sofort mit „sacrifice“ arbeiten, dann haben wir ein Modell, da muss Jesus halt ans Kreuz. … So hat man in den Jahrhunderten des Abendlands das Christusverständnis und das Gottesverständnis hineingezwängt in eine Straflogik, als ob Gott die Strafe nötig hätte. … Aus diesem Modell, ihr Lieben, müssen wir, dürfen wir – jubilate – ganz aussteigen. Dieses Modell verdirbt das Evangelium und den liebenden Gott im Kern.“

Zimmer lehnt die biblische Lehre vom stellvertretenden Sühneopfer also in einer grundlegenden Weise ab. Auch Thorsten Dietz äußert sich bei Worthaus 9 zu diesem Thema. Und zu der Frage, was denn die Botschaft des Kreuzes ist, sagt er[4]:

„Die Botschaft ist: Gott für uns! Jesus für uns! Jesus zu unserem Heil! … Es geht um eine Botschaft der Liebe. Es geht um eine Botschaft der radikalen Barmherzigkeit. Es geht um eine Liebeserklärung. Es geht darum, was man manchmal mit einem Blumenstrauß ausdrückt: Ein großes „Für Dich“! Ein großes „Ja“!“

Natürlich geht es beim Kreuzestod um eine Liebesbotschaft. Aber ich bin überzeugt: Es geht im Kern eben auch um Sündenvergebung und um die Tatsache, dass Jesus stellvertretend sein Blut vergossen hat, damit meine Schuld bezahlt und mein Schuldsein getilgt wird.

Wie wird die Frage nach der leiblichen Auferstehung bei Worthaus gesehen?

Sowohl Siegfried Zimmer wie auch Thorsten Dietz betonen immer wieder, dass sie an die leibliche Auferstehung Jesu glauben. Allerdings betont Thorsten Dietz in seinem Vortrag über dieses Thema auch[5]:

„Hier ist nichts, kein Paragraph, keine These, kein Abschnitt, nichts, wo Du sagen kannst: Hier rechts unten bitte unterschreiben. Dann hältst Du das feste für wahr und das ist dann Deine Lebensversicherung für die Unendlichkeit.“

Also gibt es für ihn auch in der Osterbotschaft nichts, was letztlich für alle Christen eine selbstverständliche gemeinsame Glaubensgrundlage darstellt. Auch die Frage nach dem Charakter der Auferstehung darf man also gerne unterschiedlich sehen.

Dazu passt, was Thorsten Dietz in Worthaus 9 ganz grundsätzlich über sein Bibelverständnis sagt[6]:

Es ist doch unendlich viel besser zu akzeptieren, dass solche Verstehensweisen biblischer Texte immer wieder neu und immer wieder anders und immer wieder frisch sich ereignen müssen. Es kann da keinen ewigen und absoluten Schlüssel geben.“

Kann man also gar keine bleibenden, objektiv für alle richtigen theologischen Erkenntnisse aus der Bibel gewinnen? Dazu muss man wissen, dass es quer durch Worthaus hindurch als selbstverständlich gilt, dass der Bibeltext selbst keine Offenbarung darstellt, sondern nur von Gottes Offenbarung in Jesus Christus ZEUGT. Der Bibeltext selbst ist aber fehlerhaft, menschlich und kritisierbar. Wenn in Worthaus von „Bibelkritik“ die Rede ist, dann ist damit nie nur eine unterscheidende Bibelkritik gemeint im Sinne einer genauen Ermittlung der Textgattung und der Textaussage im Rahmen seines geschichtlichen Umfelds. Es geht immer auch um Sachkritik, also an echter inhaltlicher Kritik an der Aussageabsicht der biblischen Texte. Siegfried Zimmer geht davon aus, dass Jesus das Alte Testament kritisiert hat und dass wir deshalb auch heute noch mit Jesus die Bibel kritisieren könnten. Zu den Gesetzestexten in den Mosebüchern äußert er[7]:

„In religiösen Dingen, da gibt es Systeme, da gibt es Reinigungsgesetze von äußerster Kälte und Frauenfeindlichkeit. Die können auch in der heiligen Schrift stehen. 3. Buch Mose – sagt man ja so – das ist Gottes Wort. Meint ihr wirklich, dass Gott selber dermaßen frauenfeindliche Gesetze erlassen hat? Stellt ihr euch Gott so vor? … Oder sind das nicht eher Männerphantasien? Priesterphantasien?“

Siegfried Zimmer bekundet immer wieder, dass für ihn die Bibel natürlich Wort Gottes sei. Diese Äußerung macht für mich jedoch deutlich, dass er damit etwas völlig anderes meint als ich. Denn ich gehe davon aus, dass tatsächlich die ganze Bibel von Gottes Geist inspiriert und „durchhaucht“ ist.

Lassen Sie mich aber auch dazu sagen: Es geht hier überhaupt nicht darum, Prof. Dietz oder Prof. Zimmer persönlich zu kritisieren. Es geht um eine inhaltliche Auseinandersetzung. Und natürlich sind auch diese wenigen Zitate viel zu kurz, um sich ein abschließendes Urteil zu bilden. Ich möchte Sie deshalb ermutigen, sich die Zeit zu nehmen, einmal die ganze Analyse der Worthausvorträge durchzulesen und sich auch die wichtigsten Vorträge einmal selbst anzuschauen. Machen Sie sich selbst ein Bild! Ich finde es wichtig, dass wir uns als Leiter damit auseinandersetzen, welche Botschaften in unserer Mitte wirken und Einfluss ausüben.

Denn so viel ist sicher: Diese Botschaften haben tatsächlich großen und wachsenden Einfluss in unserer Mitte. Schon 2018 hatte Siegfried Zimmer berichtet: Worthaus habe „viele, viele zehntausend Hörer“. Bei einer freikirchlichen Konferenz hätten alle anwesenden 30 bis 35 Pastoren gemeldet, dass sie regelmäßig Worthaus hören. Mir fällt auf, dass Siegfried Zimmer und Thorsten Dietz immer wieder auch evangelikale Leiter schulen dürfen, so zum Beispiel Gemeinschaftsverband Württemberg, den Apis. Thorsten Dietz gehört zum Gnadauer Arbeitskreis Theologie. Er spricht bei evangelikalen Großveranstaltungen wie z.B. beim Gnadauer Upgrade-Kongress oder jüngst bei der Konferenz der Arbeitsgemeinschaft für missionarische Dienste. Er ist beim ERF zu hören und zu sehen. Und Thorsten Dietz macht natürlich auch Werbung für andere theologisch progressive Formate wie zum Beispiel Hossa Talk mit Gottfried Müller und Jakob Friedrichs. Im neuesten Buch von Jakob Friedrichs ist mir unter anderem dieser Satz aufgefallen [8]:

„Wenn es Dir also wichtig ist, an Jesus als den Sohn einer Jungfrau zu glauben, dann tu es. Mit Freude. Wenn dich diese Vorstellung jedoch eher befremdet, dann lass es. Und bitte nicht minder freudig.“

Auch hier sehen wir wieder die gleiche Botschaft: Einheit geht nicht mehr über Konsens in den zentralen Glaubensfragen sondern über Toleranz. Alles soll gleichermaßen akzeptabel sein.

Aber gewinnen wir so wirklich Einheit in Vielfalt? Peter Hahne einmal gesagt hat: „Wenn alles gleich gültig ist, ist auch schnell alles gleichgültig.“[9] Und genau das ist doch das Drama meiner evangelischen Kirche: Sie ist weder anziehend. Sie ist aber auch nicht abstoßend. Sie ist für die allermeisten Leute schlicht egal geworden. Deshalb glaube ich: Eines unserer großen Probleme ist die falsche Vorstellung, dass wir Einheit in Vielfalt gewinnen können, indem wir uns vom biblisch begründeten Konsens verabschieden. Die Wahrheit ist: Wo wir uns von Bibel und Bekenntnis verabschieden, da geht nicht nur der Konsens verloren, sondern auch unsere gemeinsame Basis, unsere gemeinsame Botschaft und unsere missionarische Dynamik. Einheit in Vielfalt ist auch heute noch möglich. Aber sie steht und fällt mit der hohen Wertschätzung von Bibel und Bekenntnis.

Ich bin ein großer Anhänger von Einheit in Vielfalt. Ich liebe es, wenn zum Beispiel bei ProChrist ganz unterschiedlich geprägte Christen zusammen kommen, um gemeinsam das Evangelium weiter zu geben. Ich bin sehr dafür, dass wir in Randfragen ganz viel Weite haben. Aber wo große Brücken gebaut werden sollen über zunehmend unterschiedlich geprägte christliche Landschaften, da brauchen wir umso mehr im Zentrum starke, fest gegründete Pfeiler. Da brauchen wir im Kern den Jesus Christus, den die Heilige Schrift uns bezeugt und den die Christen zu allen Zeiten in ihren Bekenntnissen festgehalten haben. Deshalb ist das Engagement für Bibel und Bekenntnis heute mehr denn je aktiver Einsatz für die Einheit und für die missionarische Dynamik der Kirche Jesu.

Lassen Sie mich am Ende noch einmal zwei Impulse aus unserer Umfrage aufgreifen: Pfarrer Bernhard Elser hat uns geschrieben: „Mir scheint die Ermutigung zum öffentlichen Bekenntnis, auch angesichts von Widerstand und Anfechtung, für absolut zentral.“ Und Dr. Joachim Cochlovius hat geschrieben: „Dieser Verführungskraft ist letztlich nur geistlich mit Gebet beizukommen.“ In der Tat: Öffentliches Bekenntnis und Gebet: Beides wird unbedingt notwendig sein, um die zentralen Glaubensschätze, die uns verbinden und auf denen die Kirche Jesu gebaut ist, zu bewahren und ganz neu zu stärken.


[1] Markus Till: „Quo vadis, Worthaus? Quo vadis, evangelikale Bewegung?“ In: “Glauben & Denken heute” Ausgabe 1 /2020, S. 18, online unter http://blog.aigg.de/wp-content/uploads/2020/06/QuoVadis_MarkusTill_GuDh1_2020.pdf

[2] Siegfried Zimmer: „Der Prozess vor Pilatus (Mk 15, 1-15)“, Worthaus 9, Tübingen 10.06.2019, ab Min. 53.12, online unter https://worthaus.org/worthausmedien/der-prozess-vor-pilatus-mk-15-1-15-9-4-2/

[3] Siegfried Zimmer: „Gibt es einen strafenden Gott?“ Worthaus Pop-Up Wipperfürth, 3.08.2018, ab Min. 1:03:58, online unter: https://worthaus.org/worthausmedien/gibt-es-einen-strafenden-gott-8-6-1/

[4] Thorsten Dietz: „Der Prozess – Warum ist Jesus gestorben?“ Worthaus 9, Tübingen, 10.6.2019, ab Min. 47:15, online unter https://worthaus.org/worthausmedien/der-prozess-warum-ist-jesus-gestorben-9-4-3/

[5] Thorsten Dietz: „Der Lebendige – Die Begegnung mit dem Auferstandenen“ Worthaus 9, Tübingen, 11.6.2019, ab Min. 1:06:24, online unter https://worthaus.org/worthausmedien/der-lebendige-die-begegnung-mit-dem-auferstandenen-9-5-1/

[6] Thorsten Dietz: „Der Lebendige – Die Begegnung mit dem Auferstandenen“ Worthaus 9, Tübingen, 11.6.2019, ab Min. 51:50, online unter https://worthaus.org/worthausmedien/der-lebendige-die-begegnung-mit-dem-auferstandenen-9-5-1/

[7] Siegfried Zimmer: „Jesus und die blutende Frau (MK 5, 21-43)“ Worthaus 9, Tübingen, 11.6.2019, ab Min. 36.57, online unter https://worthaus.org/worthausmedien/jesus-und-die-blutende-frau-mk-5-25-34-9-5-2/

[8] Jakob Friedrichs: „Ist das Gott oder kann das weg?“ Asslar, 2020, S. 18.

[9] Peter Hahne in: „Schluss mit lustig! Das Ende der Spaßgesellschaft“ Lahr, 2004