Quo Vadis Worthaus? Quo vadis evangelikale Bewegung?

11 Vorträge von Worthaus 9 – zusammengefasst und kommentiert

Dieser Artikel ist zuerst im Online-Magazin “Glauben & Denken heute” Ausgabe 1 /2020 des Martin Bucer Seminars erschienen. Er kann hier als PDF heruntergeladen werden.

Woran liegt es, dass die Spannungen, Gräben und Risse unter Evangelikalen scheinbar immer größer werden? Leiden wir an schlechter Streitkultur, Enge, Rechthaberei und fehlender „Ambiguitätstoleranz“? Ja, auch das spielt eine Rolle. Aber zugleich bin ich überzeugt: Man kann die wachsenden Spannungen in „Evangelikalien“ nicht verstehen, wenn man nicht die Inhalte und dazu den wachsenden Einfluss von „Worthaus“ und seinen Referenten kennt und versteht.

2018 hatte Siegfried Zimmer berichtet: Worthaus habe „viele, viele zehntausend Hörer“. Bei einer freikirchlichen Konferenz hätten alle (!) anwesenden 30 bis 35 Pastoren gemeldet, dass sie regelmäßig Worthaus hören. Sein Eindruck sei: „Die Pastorenfortbildung läuft eigentlich über Worthaus.“[1] Seither ist der Einfluss von Worthaus unter Evangelikalen nach meinem Eindruck noch einmal deutlich größer geworden. Die beiden Hauptreferenten, Siegfried Zimmer und Thorsten Dietz, schulen immer wieder evangelikale Leiter (z.B. von ICF, von den Apis, vom Bund evangelischer Gemeinschaften, vom CVJM oder von Gnadau). Thorsten Dietz gehört zum Gnadauer Arbeitskreis Theologie, er spricht bei evangelikalen Großveranstaltungen wie z.B. beim Gnadauer Upgrade-Kongress, ist bei evangelikalen Medien wie z.B. beim ERF zu hören und zu sehen, und er hat natürlich Einfluss auf die freikirchlichen Ausbildungsstätten, z.B. die IHL, die IGW und selbstverständlich auf die evangelische Hochschule Tabor, an der Dietz selbst lehrt und die bis vor kurzem noch zur Konferenz bibeltreuer Ausbildungsstätten gehörte. Für die kommende Worthaus-Tagung 10 wurden mit Volker Rabens und Sandra Bils gleich 2 Dozenten der CVJM-Hochschule als Referenten eingeplant.

Wer die freien Ausbildungsstätten prägt, prägt die zukünftigen Verantwortlichen und Multiplikatoren und damit auch die Zukunft der freien Gemeinden und Gemeinschaften. Wer die evangelikalen Medien prägt, prägt schon jetzt die Ausrichtung der evangelikalen Bewegung insgesamt. Umso wichtiger ist die Frage: Welche Theologie wird da vermittelt? Findet da eine gesunde Weitung traditioneller evangelikaler Positionen statt? Macht sich die evangelikale Bewegung damit fit für die Herausforderungen einer modernen, gewandelten Gesellschaft? Oder ist zu befürchten, dass damit wachsende Spannungen und Spaltungen in die evangelikale Bewegung hineingetragen werden, weil sich die theologischen Positionen zu deutlich und zu grundlegend von evangelikalen Bekenntnissen und Grundüberzeugungen unterscheiden? Weil diese Frage für die Zukunft der evangelikalen Bewegung insgesamt so enorme Bedeutung hat, sollten sich eigentlich alle Verantwortlichen im evangelikalen Umfeld fundiert damit auseinandersetzen. Genau dafür will dieser Artikel Hilfestellung geben.

Die Vorträge von Worthaus 9, die im Juni 2019 in Tübingen gehalten wurden, eignen sich besonders gut, um die Ausrichtung von Worthaus genauer kennen zu lernen. Denn sie beschäftigen sich nicht mit Randfragen, sondern mit echten „Knackpunkt-Themen“, die den innersten Kern des Christentums berühren:

  • Hat Gott immer wieder wundersam in die Geschichte eingegriffen?
  • War Jesus von Nazareth nicht nur ganz Mensch, sondern auch ganz Gott?
  • Starb Jesus am Kreuz einen stellvertretenden Opfertod?
  • Ist Jesus leiblich auferstanden?

Acht der elf Vorträge von Worthaus 9, die in diesem Artikel betrachtet werden, werden von Thorsten Dietz und Siegfried Zimmer gehalten. Sie zeigen in besonderer Weise zentrale Züge der Theologie und Christologie der beiden prägenden Worthaus-Hauptreferenten auf. Von zentraler Bedeutung sind vor allem die Vorträge 9 und 10 von Thorsten Dietz zur Kreuzestheologie und zur Auferstehung. Sie werden deshalb besonders ausführlich betrachtet.


Elf Vorträge von Worthaus 9 in der Übersicht[2]:

  1. Thorsten Dietz: Die Nachfolge – Wie kann man heute an Jesus Christus glauben?
  2. Christine Jacobi: Der aktuelle Stand der historischen Jesus-Forschung
  3. Siegfried Zimmer: Das besondere Evangelium – Wie unterscheidet sich das Johannes-Evangelium von den drei anderen Evangelien?
  4. Thorsten Dietz: Der Sohn – Wer ist und wer war Jesus Christus?
  5. Siegfried Zimmer: Das nächtliche Verhör vor dem Hohen Rat (Mk 14, 53-65)
  6. Peter Wick: Das Mys­te­ri­öse – Von der rationalen Wunderkritik über den postmodernen Wunderglauben zurück zu Jesus
  7. Peter Wick: Warum musste Jesus sterben?
  8. Siegfried Zimmer: Der Prozess vor Pilatus (MK 15, 1-15)
  9. Thorsten Dietz: Der Prozess – Warum ist Jesus gestorben?
  10. Thorsten Dietz: Der Lebendige – Die Begegnung mit dem Auferstandenen
  11. Siegfried Zimmer: Jesus und die blutende Frau (MK 5, 25-34)

Originalzitate aus den Vorträgen sind nachfolgend in blau dargestellt.


1. Vortrag 9.1.1: Prof. Dr. Thorsten Dietz am 7. Juni 2019

Die Nachfolge – Wie kann man heute an Jesus Christus glauben?

Der Eröffnungsvortrag von Thorsten Dietz verspricht „eine kleine Brillologie“ basierend auf Markus 8, 27-30. In diesem Text fragt Jesus seine Jünger: „Für wen halten mich die Leute?“ Damals wie heute wird diese Frage sehr unterschiedlich beantwortet (wenn man sich denn überhaupt für sie interessiert). Die Antworten machen deutlich, wie sehr Jesus aus der damaligen Tradition heraus gesehen wurde. Und für Thorsten Dietz gilt auch heute noch: Wie wir Jesus sehen oder auch nicht, hat sehr viel zu tun damit, welche Brille wir auf der Nase tragen. Denn „Gott ist kein Gegenstand, kein Sachverhalt, kein Etwas oder jemand, den man an für sich beschreiben kann in einer objektiven Einstellung völlig abgesehen von dir und deiner Geschichte und deiner Haltung dazu, kein Ding, auch nichts, das du begreifen, ergründen, durchrechnen, erschließen kannst, sondern er bleibt ein ewiges, undurchdringliches, ganz präsentes, dir ganz nahes aber am Ende doch faszinierendes Geheimnis.“ (ab 48:11) Dietz kommt schließlich auf den „Segen der Bibelwissenschaft“ zu sprechen. Sie könne Menschen geradezu „heilen“, wenn sie unter der Spannung zwischen biblischen Aussagen und der modernen Weltsicht leiden. Denn sie könne zeigen, dass die bisherige Art, die Bibel zu lesen, nur eine bestimmte Brille ist, die Bibel zu betrachten. Die Bibelwissenschaft könne aber auch „Spannungskopfschmerz“ erzeugen, wenn sie einen Gläubigen zwingt, die Bibel nicht durch seine bisherige Glaubens- sondern durch die Wissenschaftsbrille zu lesen. So sei es auch ihm selbst gegangen. Aber das könne uns reifen lassen. „Die Bibelwissenschaften nehmen Dir Deinen Jesus weg“ (1:10:52), damit man lernen könne, „dass Jesus nie Dein Jesus ist, dass er immer größer ist, immer anders.“ (1:11:26) Das sei ein schmerzhaftes „Rütteln und Schütteln“ an Dingen, die für manche zentral sind. Aber darin liege der „Segen, Voreinstellungen zu entdecken, die der Sache nicht gerecht werden.“ (1:13.05) Natürlich sind auch die Bibelwissenschaften ständig bedroht, durch ideologische Färbung verblendet zu werden. Genau darin liege aber auch ihre Stärke. Es sei ja seit Generationen ihr Alltagsgeschäft, ideologische Einflüsse zu hinterfragen und aufzudecken. Bibelwissenschaft sei ein kollektives, kämpferisches, kritisches Unternehmen zur gegenseitigen kritischen Überwachung und Kontrolle, weshalb sie helfen könne, „Dinge zu hinterfragen, zu überprüfen und sie nochmal ganz neu und anders wahrzunehmen.“ (1:16:26)

Kommentar:

Thorsten Dietz legt hier einen großen Wissenschaftsoptimismus an den Tag. Ist die universitäre Bibelwissenschaft wirklich so selbstkritisch, dass sie sich von ihren Brillen befreien kann? Tatsache ist, dass auch in den Naturwissenschaften bestimmte Leitparadigmen vorherrschen und sich trotz starker Gegenargumente hartnäckig halten. Das beste Beispiel ist das Paradigma, dass grundsätzlich nur das als wissenschaftlich gelten darf, was innerhalb der Naturgesetze verstehbar ist – auch bei den Ursprungsfragen. Das postaufklärerische Wissenschaftsparadigma des methodischen Atheismus wurde auch in Worthaus 8 vertreten[3]. Eine kritische Gegenstimme zu dieser „Brille“ liefert bei Worthaus 9 nun der Vortrag 6 von Peter Wick (siehe unten). Darin bestätigt Wick aber auch: Das Paradigma des Wunderausschlusses ist nach wie vor weit verbreitet an den Universitäten, gerade auch in den theologischen Fakultäten. Es ist also eine steile Behauptung, dass die universitäre Bibelwissenschaft besonders vorurteilsfrei arbeiten würde, zumal sich der Wunderausschluss ja nicht nur auf den Umgang mit mirakulösen Texten auswirkt, sondern grundlegende Konsequenzen für das Offenbarungsverständnis und für die Glaubwürdigkeit der Bibel insgesamt mit sich bringt.[4]

Zudem habe ich mich beim Hören des Vortrags gefragt: Braucht man wirklich Heerscharen von Wissenschaftlern, um der Bibel vorurteilsfreie Botschaften und objektive Aussagen entnehmen zu können? Muss ich mir meinen Jesus wirklich zuerst von der universitären Bibelwissenschaft wegnehmen lassen, weil er ohnehin nur ein Ergebnis meiner persönlichen Brillen ist? Welchen der immer neuen Jesusbilder aus der akademischen Jesus-Forschung (siehe Vortrag 2!) wird mir die Bibelwissenschaft zurückgeben? Wenn es stimmen würde, dass sich nur der akademische Wissenschaftsbetrieb einigermaßen von Brillen befreien könnte, dann wären jedenfalls alle Laien verloren. Dann gäbe es keine Klarheit der Schrift mehr. Dann wäre es Luthers größter Fehler gewesen, mit seiner Bibelübersetzung den Laien die Bibel in die Hand zu geben und sie auch noch aufzufordern, die Lehre der Theologen auf Basis der Schrift zu prüfen.

Ja, ich lasse mir „meinen Jesus“ von der Bibel selbst gerne hinterfragen. Ich lasse ihn mir auch gerne von Theologen hinterfragen, wenn sie mir zeigen, dass sie aus der Schrift heraus argumentieren und sich selbst der Bibel als Maßstab und Autorität unterordnen. Solange aber wunder-, offenbarungs- und sachkritische Paradigmen im akademischen Bibelwissenschafts­betrieb eine wichtige Rolle spielen, sollten wir keinesfalls Laien dazu ermutigen, sich von dieser Art von Bibelwissenschaft ihren Jesus wegnehmen zu lassen.


2. Vortrag 9.2.1: Dr. Christine Jacobi am 8. Juni 2019

Der aktuelle Stand der historischen Jesus-Forschung

Die Theologin Dr. Christine Jacobi distanziert sich in diesem Vortrag von früheren liberaleren Sichtweisen, die stark zwischen dem historischen Jesus und angeblichen nachträglichen mythischen Deutungen trennen wollten. Der Satz: „Jesus hat nicht an Jesus geglaubt“ sei so nicht mehr haltbar. Die Darstellung Jesu in den Evangelien zeige, dass er verwurzelt war im Geschichts- und Gottesbild sowie den messianischen Erwartungen des Alten Testaments, weshalb seine Selbstauslegung, sein Selbstverständnis gar nicht so weit entfernt wäre von den späteren Darstellungen der Evangelien – nicht so weit jedenfalls wie ältere Forschungen es annahmen.“ (25:30) Somit könne man „nicht strikt zwischen den historischen Ereignissen und ihrer mythischen Deutung unterscheiden. … Es gibt eben eine fortgesetzte Linie zwischen dem Wirken, dem Sendungsbewusstsein des irdischen Jesus, seiner Wahrnehmung durch Zeitgenossen …, durch Anhänger und dann seiner Deutung nach Ostern.“ (ab 1:04:17) Zwar distanziert sich Jacobi von der rein metaphorischen Auferstehungsdeutung der liberalen Theologie, zugleich weist sie aber auch die Sichtweise von N.T. Wright zurück, der die Auferstehung als historisches Ereignis belegen möchte, denn in den Evangelien stünde ja die theologische Deutung der Auferstehung im Vordergrund, nicht das historische Ereignis. Historische Jesusforschung sei für den Glauben relevant, denn auch die Evangelien haben ja historisch gearbeitet, um ihre Vorstellungen von Christus als dem Gottessohn zu vermitteln. Die Jesusbilder der historischen Jesusforschung blieben immer auf die biblischen Texte bezogen. Die Jesusbilder seien aber auch immer ein Kind ihrer Zeit, denn die Jesusforschung „partizipiert an den aktuellen Weltbildern und am Wirklichkeitsverständnis ihrer Zeit und bezieht von dort aus ihre erkenntnistheoretischen Voraussetzungen. Und auf diese Weise, indem sich die Jesusforschung immer selbst auch weiter entwickelt, entstehen immer neue Jesusbilder.“ (ab 1:25:57) Diese Erkenntnis habe einst zu einer Krise der historischen Jesusforschung geführt. Jetzt würde man das aber gelassen sehen, denn die historische Jesusforschung sei selbst Teil der Wirkungsgeschichte Jesu.

Kommentar:

Der Vortrag wirkte auf mich konservativer als der frühere Worthausvortrag zur historischen Jesusforschung von Stefan Schreiber, weil der Textbezug stärker betont wird und weil Frau Jacobi keine „strikte“ Unterscheidung zwischen der Evangeliendarstellung und dem historischen Jesus verfolgen möchte. Aber wirklich überwunden wird diese Trennung auch hier nicht, wie in vielen Formulierungen deutlich wird. So erwähnt Frau Jacobi zum Beispiel, dass „die Geburt- und auch die Kindheitsgeschichten bei Lukas legendarisch“ seien. Nur die Taufe sei wohl eine der wenigen wirklich gesicherten Daten seines Wirkens.“ (27:40) Jacobi möchte theologisch gedeutete Berichte der Evangelien nicht als historische Daten behandeln, denn „das hieße nämlich, den Glauben an Jesus letztlich von historisch-kritischer Exegese abhängig zu machen“ (ab 1:21:20). Dabei war die historische Tatsächlichkeit der in den Evangelien geschilderten Ereignisse für die ersten Christen noch von grundlegender Bedeutung (z.B. Apg. 4, 20)! Wenn diese jetzt keine Rolle mehr spielen soll, dann ändert sich natürlich auch die theologische Aussage. Dieses Problem zeigt sich besonders bei der Kritik Jacobis an N.T. Wrights Apologetik für die Historizität der Auferstehung. Jacobi hat zwar recht, dass in den Evangelien das eigentliche Auferstehungsgeschehen im Grab nicht dargestellt wird und dass das Osterereignis AUCH theologisch gedeutet wird. Aber das ändert ja nichts daran, dass der physisch-leibliche und damit auch der historische Charakter der Begegnungen mit dem Auferstandenen im Neuen Testament eine entscheidende Grundlage für alle weiteren theologischen und praktischen Konsequenzen ist (siehe dazu auch der Kommentar zu Vortrag 10).

Ich finde deshalb die Trennung zwischen dem historischen Jesus und dem Jesus der Evangelien bzw. des Glaubens weder fruchtbar noch attraktiv. Wer möchte schon sein Jesusbild und seinen Glauben auf eine historische Jesusforschung beziehen, die ausdrücklich ein Kind ihrer Zeit sein will und ständig neue Jesusbilder hervorbringt, die dann zwangsläufig nur zeitlich befristete Gültigkeit haben können? Wie soll man zu einem Jesus mit Ablaufdatum eine persönliche Vertrauensbeziehung entwickeln? Da bleibe ich doch besser bei dem Vertrauen, dass die Evangelienschreiber zurecht versprochen haben, seriös und verlässlich den historischen Jesus dargestellt zu haben (Lukas 1, 1-4), so dass mein Glaube primär von der Schrift statt von aktuellen Urteilen der historisch-kritischen Exegese oder der historischen Jesusforschung abhängen kann.


3. Vortrag 9.2.2: Prof. Dr. Siegfried Zimmer am 8. Juni 2019

Das besondere Evangelium – Wie unterscheidet sich das Johannes-Evangelium von den drei anderen Evangelien?

Siegfried Zimmer begründet in diesem Vortrag ausführlich seine Sichtweise, dass im Johannes-Evangelium an vielen Stellen nicht der historische Jesus, sondern der Auferstandene spricht mit Worten, die durch den „Parakleten“, also den Heiligen Geist nachösterlich offenbart wurden. Dies werde zum einen deutlich durch zahlreiche inhaltliche und stilistische Unterschiede zu den Reden Jesu bei den Synoptikern Matthäus, Markus und Lukas. Das werde auch deutlich durch seine hoheitlichen Aussagen oder die Lehre der Präexistenz (die nur in den Evangelien vorkomme, die nicht von der Jungfrauengeburt sprechen) oder in den Abschiedsreden. Es sei „abstrus“, sich vorzustellen, Jesu habe solche Dinge vor Ostern geäußert. Geradezu „bizarr“ und „kannibalisch“ sei die Vorstellung, der historische Jesus habe zu den Juden gesagt: „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben.“ (Joh. 6, 54).

Kommentar:

Leider verschweigt Siegfried Zimmer, dass Johannes ja selbst ausführlich von den verstörten Reaktionen der jüdischen Zuhörer berichtet: „Da stritten die Juden untereinander und sprachen: Wie kann dieser uns sein Fleisch zu essen geben? … Das ist eine harte Rede; wer kann sie hören? … Von da an wandten sich viele seiner Jünger ab und gingen hinfort nicht mehr mit ihm.“ (Joh.6, 52+60+66) Hat Johannes das dann auch dazu erfunden, damit es wie eine Erzählung aus dem vorösterlichen Leben Jesu aussieht? Eine ausführliche, wissenschaftlich fundierte Gegendarstellung zu Zimmers Sichtweise findet sich z.B. in der Einleitung in das Neue Testament von Armin Baum auf den Seiten 691 – 712. Baum sieht dort keinen wesentlichen inhaltlichen Unterschied zwischen der Christologie der Synoptiker und des Johannes-Evangeliums: „Die implizite Christologie der Synoptiker und die explizite Christologie des Johannes unterscheiden sich zwar im Wortlaut, sind aber inhaltlich auf derselben theologischen Hochebene angesiedelt.“ (S. 711). „Jesus beansprucht in allen vier Evangelien, die einzigartige göttliche Macht und Identität zu besitzen, etwa gegenwärtig ewiges Heil zu schenken und am Jüngsten Tag das Endgericht zu halten.“ (S. 712) Die Jesusreden habe Johannes zwar „dynamisch-äquivalent in eine für seine Leserschaft leichter verständliche Sprache übersetzt“ (S. 711). Aber ein Historiker war auch gar „nicht verpflichtet, den Wortlaut historischer Reden zu reproduzieren. … Andererseits erwartete man aber von ihm, dass er den Inhalt historischer Reden korrekt wiedergab.“ Die Jesusreden im Johannesevangelium inhaltlich dem historischen Jesus zuzuschreiben ist für Armin Baum möglich, denn: „Der umfangreiche Redestoff des vierten Evangeliums enthält neben einer begrenzten Zahl johanneisch-synoptischer Wortlautparallelen eine sehr große Zahl johanneisch-synoptischer Konzeptparallelen. Gemessen an den synoptischen Jesusworten erweist sich die (seit Bretschneider vertretene) These, die johanneischen Jesusreden seien im Wesentlichen als unauthentisch zu beurteilen, auf der inhaltlichen Ebene als weit überzogen.“ (S. 699) Baum nennt weitere prominente Befürworter der Historizität der johanneischen Jesusreden wie z.B. Friedrich Schleiermacher, Theodor Zahn, Adolf Schlatter oder der Brite John Robinson. Es sind also nicht nur die von Zimmer immer wieder beklagten konservativen Kreise, die sich Zimmers Sichtweise nicht anschließen wollen.


4. Vortrag 9.2.3: Prof. Dr. Thorsten Dietz am 8. Juni 2019

Der Sohn – Wer ist und wer war Jesus Christus?

Im ersten Teil seiner Christustrilogie befasst Thorsten Dietz sich mit der Frage: War Jesus wirklich wahrer Gott und wahrer Mensch? Wie hat sich dieses Bekenntnis entwickelt? Und wie sehen wir das heute? In der „Volksfrömmigkeit“ werde die Perspektive der Menschlichkeit Jesu heute durchaus öfter vernachlässigt. Das sei aber gemäß dem Bekenntnis von Chalzedon, mit dem Dietz sich hier ausführlich befasst, Häresie. Und auch aus heutiger Sicht sagt Dietz: Man darf 0,0 davon abstreichen, dass Jesus wirklich Mensch war! Und zwar so sehr, „dass es wirklich auf dem Spiel stand, ob er Gott die Treue hält und ob er diesen Glauben durchhalten kann, dass Gott sein Vater ist trotz allem.“ (ab 1:06:14) Aber war Jesus auch wahrer Gott? Hier geht Dietz sehr viel vorsichtiger zu Werke. Er weist zwar darauf hin, dass Jesus bereits unter den allerersten Christen als menschgewordener Gott angesehen wurde, was biblisch eindeutig belegt sei (z.B. Philipper 2, 5-11 oder Johannes 1). Er macht zudem Werbung dafür, das alte Glaubensbekenntnis, dass Jesus wahrer Gott war, in „kritisch-kreativer Treue“ weiter zu entfalten. Allerdings warnt er auch ausführlich vor dem Zwang, dass man diese „Formel“ unbedingt so nachsprechen müsse. Es sei keine Häresie, wenn man – so wie der theologische Mainstream – in Jesus einen Menschen sehe, der von Gott voll und ganz angenommen, durch die Auferstehung von ihm bestätigt wurde und in dem Gott sein Wesen für uns sichtbar macht.

Kommentar:

Die Frage, ob Jesus nicht nur wahrer Mensch, sondern auch wahrer Gott war, ist ein absolutes Knackpunktthema in der Theologie. Hier entscheidet sich Jesu Exklusivität, sein Herrschaftsanspruch und seine Fähigkeit, uns zu erlösen. Ohne das Gottsein Jesu ist das stellvertretende Sühneopfer am Kreuz kein Akt der Selbsthingabe und Liebe Gottes, sondern ein Gericht eines grausamen Gottes, der Menschenopfer will. Kein Wunder, dass die Abkehr von der Göttlichkeit Jesu in der Mainstreamtheologie auch die Abkehr vom stellvertretenden Sühneopfer im Gepäck hat – und damit letztlich katastrophale Konsequenzen für den innersten Kern des christlichen Glaubens. Schade, dass diese weitreichenden Konsequenzen in diesem Vortrag nicht erwähnt werden sondern dass es phasenweise fast wie eine Geschmackssache wirkt, inwieweit man die Göttlichkeit Jesu nun ernst nehmen möchte oder nicht.

Der Vortrag macht nach meinem Eindruck besonders deutlich, welche Zielgruppe Thorsten Dietz primär vor Augen hat und in welche Richtung er Brücken bauen möchte. Den gegenüber der Göttlichkeit Jesu mehrheitlich skeptischen akademischen Theologen sagt er: Wenn das mit Deinem Intellekt im Moment nicht vereinbar ist, dann musst Du das ebenso wenig glauben wie die Geschichte, dass Jona von einem Fisch verschluckt wurde. Den „Volksfrömmigen“, bei denen er eine Tendenz zur Vernachlässigung der Menschlichkeit Jesu sieht, sagt er aber: Das geht heute auf gar keinen Fall mehr! Da ist plötzlich keine Rede mehr von Geheimnis, Mysterium, von missverständlichen Begriffen und Brillen angesichts von wechselnden Weltanschauungen, sondern da zeigt Dietz klare Kante: Er fordert strikt die Menschlichkeit Jesu, und zwar in einem Ausmaß, das auch mir schon fragwürdig erscheint. Denn ich glaube zwar auch, dass Jesus wirklich Mensch war und große Angst kannte. Aber ich glaube nicht, dass irgendwann ernsthaft die Heilsgeschichte auf dem Spiel stand.

So sehr ich dafür bin, Zweiflern Raum zu lassen, damit sie ihren Anfragen gründlich nachgehen können und so sehr ich es begrüße, dass Dietz in der theologischen Welt Werbung für einen etwas konservativeren Kurs macht: Die Einseitigkeit, mit der Dietz hier vorgeht, kann ich nicht nachvollziehen. Gerade angesichts des gewaltigen Flurschadens, den der Verlust der Göttlichkeit Jesu in der Theologie hinterlassen hat, müssen wir es meines Erachtens doch wieder viel deutlicher sagen: Es ist im christlichen Glauben keine Geschmacksfrage, ob Jesus  der präexistente, von der Jungfrau geborene Gott war oder nicht. Die Göttlichkeit Jesu war – wie Dietz in diesem Vortrag schön berichtet – für die Väter eine Selbstverständlichkeit, und sie ist in der Bibel klar bezeugt. Dietz macht zudem in diesem Vortrag sehr schön deutlich, dass es für die Väter noch entscheidend war, jedes vorgeschlagene Jesusbild mit der Bibel zu vergleichen und es zu verwerfen, wenn es mit den biblischen Texten nicht zusammenpasst. Die Klarheit, die Dietz gegenüber denen an den Tag legt, die die Menschlichkeit Jesu vernachlässigen, brauchen wir in der anderen Richtung ebenso, denn gerade hier hatte und hat der Verlust einer zentralen Lehre der Bibel und eines zentralen Bekenntnisses der Kirchenväter in den letzten beiden Jahrhunderten katastrophale Konsequenzen für die Theologie und für die Kirche.


5. Vortrag 9.3.2: Prof. Dr. Siegfried Zimmer am 9. Juni 2019

Das nächtliche Verhör vor dem Hohen Rat (Mk 14, 53-65)

Siegfried Zimmer stellt in diesem Vortrag die Frage nach der historischen Wahrheit der Schilderung des Evangelisten Markus zur Verurteilung Jesu vor dem Hohen Rat. Dabei werden viele interessante Hintergründe zur damaligen politischen Situation beleuchtet. Besonders spannend ist die Frage nach der Historizität der Verse 61-62: „Wieder fragte ihn der Hohepriester und spricht zu ihm: Bist du der Christus, der Sohn des Hochgelobten? Jesus aber sprach: Ich bin es! Und ihr werdet den Sohn des Menschen sitzen sehen zur Rechten der Macht und kommen mit den Wolken des Himmels.“ Zimmer wendet sich hier ausdrücklich gegen die liberale theologische Behauptung, dass die Aussage Jesu zu seiner Messianität eine nachträgliche christliche Einfügung sei. Sein Hauptargument ist: Jesus macht hier in Bezug auf seine Wiederkunft eine prophetische Ankündigung, die bis zur Abfassung der Evangelien nicht eingetroffen ist. So etwas hätte niemand erfunden.

Kommentar:

Der Vortrag lohnt sich, weil er viele interessante Informationen zu den historischen Hintergründen enthält. Erfreulich fand ich zudem, dass Zimmer entgegen der liberalen Sichtweise ausdrücklich an der Historizität der messianischen Aussage Jesu festhält. Aber 2 Fragen sind bei mir nach dem Vortrag offen geblieben:

  1. Zimmer betont immer wieder, dass diese Erkenntnisse das Ergebnis jahrzehntelanger intensiver Forschungsarbeit seien. Wenn diese Erkenntnisse wichtig sind für unser Verständnis des Kreuzestodes Jesu: Wie soll sich dann ein Laie noch ein Bild davon machen können, warum Jesus eigentlich gestorben ist?
  2. Hier wird ja deshalb an der Historizität der Aussage Jesu festgehalten, weil sie sich gut in den alttestamentlichen Zusammenhang fügt, ins jüdische Denken passt und eine christlich motivierte nachträgliche Einfügung unplausibel ist. Aber was wäre denn, wenn das nicht so wäre? Wäre dann die Historizität fraglich, obwohl die Aussageabsicht des Textes dies klar behauptet?

6. Vortrag 9.3.3: Prof. Dr. Peter Wick am 9. Juni 2019

Das Mys­te­ri­öse – Von der rationalen Wunderkritik über den postmodernen Wunderglauben zurück zu Jesus

Der Stil und das Thema dieses Vortrags lässt sich am besten durch ein Zitat vom Vortragsanfang beschreiben (ab 02:55): „Wenn ein Universitätsprofessor zu Jesus und Wundern befragt wird, steht da sofort ein Elefant im Raum, nämlich der Elefant der Wunderkritik, der Aufklärung und des Rationalismus. Der Elefant heißt: Es kann keine Wunder geben, auch nicht bei Jesus, weil es nicht vernünftig ist. Vernünftigerweise muss man davon ausgehen, dass Jesus keine körperlichen Wunder getan hat. In den letzten Jahrzehnten breiteten sich die Populationen dieser Elefantenrasse nicht mehr aus. Aber es finden sich immer noch große Herden vor allem an den Universitäten, gerade auch in theologischen Fakultäten. Viele angehende Pfarrer oder auch heutige Pfarrer, Theologiestudenten, Religionslehrer wurden von diesem Rüsseltier stark beeindruckt, zum Teil für ihr ganzes Leben und ihre ganze Theologie.“ Wick zeigt auf: Auch die Bibel bestätigt ein Weltbild, in dem in der Natur alles nach festgefügten Gesetzen funktioniert. Aber die Bibel zeigt eben auch, dass Gott in seiner Gnade immer wieder übernatürlich eingreift. Und wenn Gott Gott ist, warum sollten wir damit ein Problem haben? Wick spricht sich für die Historizität der Wunder aus, zumal ihre Tatsächlichkeit immer eine wichtige theologische Botschaft enthält. Zugleich warnt er vor Gesetzmäßigkeiten im Feld der Wunder, wenn z.B. behauptet wird, korrekter Glaube müsse zwangsläufig immer eine Heilung nach sich ziehen, was dann bei einem ausbleibenden Wunder den Verdacht weckt, der Kranke glaube nicht richtig.

Kommentar:

Ein inhaltlich wie rhetorisch großartiger Vortrag, dem ich nur rundum zustimmen kann! Bislang waren bei Worthaus zu diesem Thema eher ganz andere Meinungen zu hören. Genannt seien hier insbesondere die Vorträge von Thomas Breuer zur Auferstehung Jesu oder der Vortrag von Stefan Schreiber zum historischen Jesus, in denen u.a. die Leiblichkeit der Auferstehung Jesu bestritten wird. In Worthaus 8 bekennt sich Dr. Patrick Becker ausführlich zu einem Wissenschaftsbegriff, der im Gegensatz zu den Ausführungen von Wick gerade nicht mit göttlichen Eingriffen von außen ins Weltgeschehen rechnet (siehe das Zitat in Fußnote 3). Gut, dass Wick hier widerspricht.


7. Vortrag 9.4.1: Prof. Dr. Peter Wick am 10. Juni 2019

Warum musste Jesus sterben?

Wick führt in diesem Vortrag aus, dass das Neue Testament auf diese Frage eine „multiperspektivische“ Antwort gibt. Es erzählt, wie er einmal seinen Sohn aus verschiedenen Richtungen auf sein altes, klobiges Handy schauen ließ und fragte, was er da sieht. Die Antworten waren je nach Perspektive sehr unterschiedlich: Ein Tastaturfeld. Eine ebene Fläche. Eine Gürtelschnalle… Seine erwachsenen Studenten hingegen hätten aus jeder Richtung immer nur ein Handy gesehen. Das NT würde diesen Syntheseblick aber nicht mitmachen. Wick schildert 5 verschiedene „Zugänge“ zum Kreuzesgeschehen, die sich z.T. auch gegenseitig beißen würden: Jesus musste sterben, um (1) mit uns Menschen eins zu werden, um (2) Stellvertreter an unserer Stelle zu sein, um (3) einen „fröhlichen Tausch“ zu ermöglichen (Jesus erniedrigt sich, damit wir erhöht werden), um (4) uns Menschen eine Teilhabe an seinem Tod und seinem Auferstehungsleben zu ermöglichen und um (5) ein radikales Vorbild zu geben dafür, was hingebungsvolle Liebe bedeutet. Zudem schildert Wick ausführlich die Darstellung Jesu als das wahre Passalamm im Johannesevangelium sowie als Hohepriester und abschließendes wahres Opfer im Hebräerbrief. Seine These ist: Niemand könne alle diese Zugänge gleichzeitig im Blick haben. Es genüge, sich zunächst auf einen Zugang zu konzentrieren und im Rahmen der eigenen Gottesbeziehung nach und nach die Schätze der anderen Zugänge zu entdecken.

Kommentar:

Eigentlich ein guter Vortrag, der aber leider der Debatte, die bei diesem Thema tobt, nicht gerecht wird. Ich kenne niemanden, der der Meinung ist, dass das Sühneopfer das einzige relevante Bild für die richtige Deutung des Geschehens am Kreuz wäre. Die Debatte dreht sich ja vielmehr darum, dass viele Theologen das Sühneopfer und die Stellvertretung generell in Frage stellen. So äußerte z.B. Dr. Breuer bei Worthaus, das Sühneopferbild stehe für einen blutigen Rachegott und somit für ein Gottesbild, das er heute nicht mehr akzeptieren könne.[5] Zudem wird auch bei Worthaus in Frage gestellt, dass Jesu Tod „sein musste“, um uns zu erlösen. Dr. Breuer erwähnt in seinem Vortrag, dass er sich mit Siegfried Zimmer darin einig sei, dass Jesus frühestens in Jerusalem zu der Überzeugung gelangte, dass sein Tod offenbar unausweichlich sei. Gut, dass Wick hier klarstellt, dass dieses „MUSS“ durchgängig im NT bezeugt wird.

Ein Knackpunkt in Wicks Vortrag ist ein Bericht ganz am Ende: Er erzählt, wie ihm jemand nach einem Vortrag zu diesem Thema geantwortet habe, dass er ausschließlich mit dem Zugang 5 („radikales Vorbild“) etwas anfangen könne. Damit nimmt diese Person genau die Position ein, auf die die weit verbreitete Sühneopfer- und Stellvertretungskritik oft hinausläuft, weil alle anderen Zugänge letztlich etwas mit Stellvertretung zu tun haben. Wicks Antwort: Das ist gut, dann konzentrieren Sie sich doch jetzt einmal auf diesen einen Zugang. Dazu formuliert er die Hoffnung: Das könnte ja dann ein Eintritt in eine Gottesbeziehung sein, die dann schrittweise auch offen macht für die anderen Zugänge. In einem persönlichen Seelsorgegespräch mag das vielleicht tatsächlich ein sinnvoller Zwischenschritt sein. Aber theologisch müssen wir angesichts der laufenden Debatte doch dringend klarstellen: Die Stellvertretung spielt letztlich in fast allen neutestamentlichen „Zugängen“ eine zentrale Rolle[6] (siehe dazu auch der Kommentar zu Vortrag 9). Die Reduktion des Kreuzesgeschehens auf einen Vorbildcharakter beraubt Jesu Tod im Kern seinen Erlösungscharakter und beschädigt deshalb das neutestamentliche Evangelium elementar. Schade, dass das in diesem Vortrag nicht deutlich wird.


8. Vortrag 9.4.2: Prof. Dr. Siegfried Zimmer am 10. Juni 2019

Der Prozess vor Pilatus (MK 15, 1-15)

Siegfried Zimmer schildert in diesem Vortrag den aktuellen Forschungsstand zur Frage, wie es letztlich zum Todesurteil für Jesus kam. Zimmer betont: Die historischen Ereignisse geben keinerlei Anlass, die Schuld an der Verurteilung Jesu „den Juden“ zuzuschieben. Während der jüdische Prozess des Hohen Rats absolut korrekt und nachvollziehbar gewesen sei, habe Pilatus hingegen inkorrekt taktiert und sich dabei schließlich verrechnet, weil die Zeloten (nicht das jüdische Volk!) bei der Festtagsamnestie ihren Mann „herausgeklatscht“ hätten. Es sei wichtig, zukünftig bei diesem Thema keinerlei Anlass für antijüdische Reflexe zu bieten. Nebenbei befasst sich Zimmer mit der Frage, wie Jesus sich eigentlich selbst gesehen hat. Dazu sagt er ab 53:12: „Gehört bitte nicht zu den Christen, die gleich den Flatterich kriegen, wenn ich sage: Jesus war vielleicht selber der Überzeugung, dass er selber gar nicht der Menschensohn ist, dass das ein späterer christlicher Eintrag war, dass er aber über das Kommen und was da geschieht verblüffend Bescheid weiß. Was man mindestens sagen kann: Jesus wusste sich mit dem Menschensohn sehr fest verbunden. Das auf jeden Fall. Aber ob er sich selber als Menschensohn gesehen hat, lassen wir mal offen. … Ich gehe mal davon aus, dass Jesus kein Hellseher war, er hat kein Orakelwissen gehabt. Meint ihr, dass Jesus alle Details, alles klar war? Er ist schon ein normaler Mensch, bitte! Jesus hat schon einen messianischen Anspruch gehabt, aber wie viele messianische Ansprüche gab es? … Ich glaube erst einmal, dass für Jesus Titel sowieso gar nicht das wichtigste sind. Er hat überhaupt nie mit Titeln groß gearbeitet. … In einem Mitarbeiterheft für tausende von Sonntagsschulmitarbeitern hat eine Frau einen Artikel über Jesus geschrieben, den habe ich einmal zufällig gelesen. Da schreibt die Frau so einen kleinen Steckbrief „Wer war Jesus?“: „Jesus war der Gottessohn und der Retter der Welt. Er kam, um zu sterben und er hat viele Wunder getan und konnte übers Wasser laufen.“ Das schreibt eine Frau für tausende von Mitarbeitern in der Sonntagsschule. Da muss ich fast kotzen. Ich kann’s nicht anders sagen. Also alles gleich Titel, er war der Sohn Gottes (was stellt sich ein 7-jähriger unter Sohn Gottes vor?), Retter der Welt, also alles nur Titel, ein Titelgeklapper. Ich habe dann dem Vorstand von diesem Verlag geschrieben: Sie könnten doch mit gleicher Buchstabenzahl … sagen: „Jesus war aufmerksam für die Armen, er schätzte die Frauen höher als es damals üblich war und er liebte die Kinder. Das ist doch Millionen mal mehr als dieses Titelgeklapper. Und wenn die Titel dann nicht kommen, dann werden die Leute ganz unruhig.“

Kommentar:

Nein, ich bekomme keinen „Flatterich“ bei diesen Aussagen. Aber ich stelle einfach nüchtern und sachlich fest, dass sich meine Theologie hier an zentraler Stelle fundamental von der Theologie Zimmers unterscheidet. Denn bei der Aussage, dass Jesus der Gottessohn und Retter der Welt war, der gekommen ist, um für uns zu sterben, steigt in mir nun einmal kein Würgreiz sondern ein lautes „Amen, Halleluja!“ auf. Was mich aber am meisten verstört ist der Umstand, dass Zimmer diesen Text tatsächlich ersetzen möchte durch eine Beschreibung, die genauso auf Mutter Theresa oder Mahatma Gandhi zutreffen könnte. Wie bereits erwähnt: Die Frage, ob Jesus von Nazareth nicht nur wahrer Mensch, sondern auch wahrer Gott war, ist ein absolutes Knackpunktthema in der Theologie. Die biblischen Belege, dass Jesus sich selbst als Gottessohn sah und dass er den Gang der Dinge vorhersah, sind Legion. Spätestens hier tut sich aus evangelikaler Sicht ein tiefer Graben auf, der nicht zuletzt auch durch Zimmers derbe Sprache unüberbrückbar wird.

Zumal auch dieser Vortrag wieder zeigt, welche Folgen es hat, Jesus derart zu vermenschlichen. Denn ich war bislang noch gar nie auf die Idee gekommen, zu überlegen, wer schuld war am Tod Jesu. Jesus war für mich noch nie ein Justizopfer oder ein Opfer von Intrigen oder Machtspielen. Schuld waren weder die Juden, noch die Römer. Schuld am Tod Jesu war aus meiner Sicht schon immer – ICH! Wegen meiner Schuld musste Jesus den Weg ans Kreuz gehen. Er hat es getan aus Liebe zu mir! Sobald das klar ist, wird es völlig absurd, irgendwelche historische Personen oder Volksgruppen zu beschuldigen. Siegfried Zimmer hat jedoch schon in Worthaus 8 deutlich gemacht, dass er die Lehre vom stellvertretenden Opfertod für „durch und durch unbiblisch“ hält, denn es verderbe das „Evangelium und den liebenden Gott im Kern.“ Deshalb müssten wir „Jesu Tod erst mal als ‚victim′ würdigen“, „Jesus sei erst mal ein Opfer der römischen Militärbehörde geworden“ (siehe dazu das ausführliche Zitat in Fußnote[7]). Erst vor diesem Hintergrund wird für mich verständlich, warum Zimmer die Todesursache Jesu so intensiv in innergeschichtlichen Zusammenhängen und historischen Realitäten sucht.


9. Vortrag 9.4.3: Prof. Dr. Thorsten Dietz am 10. Juni 2019

Der Prozess – Warum ist Jesus gestorben?

Im zweiten Vortrag seiner Christustrilogie geht Thorsten Dietz von der These aus: Ein einheitliches, durchgängiges Verständnis des Kreuzestodes Jesu habe es in der Kirche nie gegeben. Im ersten Jahrtausend sei eine Deutung weit verbreitet gewesen, die den Loskauf-Gedanken in den Mittelpunkt stellt. Dabei sei die Theorie vertreten worden, Gott habe die Menschen mit dem Blut Jesu vom Teufel losgekauft, der durch die Sünde der Menschen ein Anrecht auf sie hatte. Diese Sichtweise habe Anselm von Canterbury im 11. Jahrhundert durch eine Theorie abgelöst, in der Gott um seiner Gerechtigkeit und Ehre willen nicht auf eine Bestrafung des schuldigen Menschen verzichten kann. Die gerechte Strafe wird dann aber stellvertretend von Jesus am Kreuz getragen. Dietz kritisiert zwar, dass Anselm oft überzeichnet und zu Unrecht kritisiert wird. Anselms Sichtweise sei aber aus heutiger Sicht aus vier Gründen trotzdem problematisch:

  • Das „kultische Opferproblem“: Die Opferpraxis im Alten Testament sei die längste Zeit der Kirchengeschichte falsch verstanden worden. Erst seit ca. 50 Jahren habe die Bibelwissenschaft zunehmend Konsens darüber, dass die verschiedenen Opferriten im AT nicht bedeuten, dass die Menschen etwas bringen, um einen zornigen Gott zu versöhnen bzw. seinen Zorn zu besänftigen, sondern Gott selbst gewährt dem Menschen Versöhnung (siehe 3. Mose 10, 17[8] und 17, 11[9]).
  • Das Problem des gewandelten Rechtsverständnisses: Anders als im Mittelalter steht im heutigen Rechtsdenken nicht mehr Rache und Vergeltung, sondern Abschreckung, Resozialisierung und Schutz der Bevölkerung im Vordergrund. Eine Vergeltungslogik sei für Menschen mit moderner Rechtsauffassung deshalb nicht mehr nachvollziehbar, sie wirkt prämodern und abschreckend – und sie entspricht auch nicht dem biblischen Zeugnis.
  • Das „Kohärenzproblem“ liegt für Dietz darin, dass der Gedanke an einen gerechten Gott, der strafen muss, der Ethik Jesu widerspricht (und somit nicht mit ihr „kohärent“ ist). Denn diese fordert doch bedingungslose Vergebung und sogar Feindesliebe. Auch im Gleichnis vom verlorenen Sohn habe der Vater doch bedingungslos und ohne jede Strafe vergeben. Jedes Lehrsystem, das derart grundsätzlich der Ethik Jesu widerspricht, müsse falsch sein.
  • Das „Osterproblem“ liegt für Dietz darin, dass in Anselms Perspektive Ostern für die Erlösung letztlich gar nicht mehr nötig sei. Das vielfache biblische Zeugnis, dass wir als Christen Anteil am Weg Christi durch Sterben und Auferstehung hindurch haben, würde komplett vernachlässigt.

Dietz berichtet: Eine breite Strömung in der neueren Theologie möchte aus diesen Gründen die Sprache des Rechtswesens komplett aus der Kreuzestheologie löschen und die biblische Botschaft auf eine reine Liebesbotschaft reduzieren. Dietz plädiert aber dafür, die Rechtssprache nicht aufzugeben, schließlich habe ein rechtsstaatliches System großen Wert. Und gerade dann, wenn die Gefühle etwas anderes sagen, seien rechtssichere Zusagen besonders wichtig. Sein Plädoyer lautet deshalb: „Macht doch Liebe und Recht nicht zu einem Gegensatz.“ (1:28:56) Insgesamt sei es aber wichtig, Lehre und Dogmatik „flüssig“ zu halten, das heißt: Unsere Lehre soll weder so starr werden, dass man damit einander schlagen kann, noch sich so gasförmig verflüchtigen, dass sich niemand mehr davon ernähren kann.

Kommentar:

Dietz verwendet ein schönes Bild in seinem Vortrag: Mehrfach hält er einen Blumenstrauß in die Kamera, mit dem er sagen will: Die biblische Lehre zum Kreuz ist bunt und vielfältig. Und sie lässt sich nicht in eine einheitliche Theorie pressen. Wo immer das versucht wurde, habe das dazu geführt, dass die bunten Blumen geknickt und verbogen werden mussten, um in ein Schema zu passen, das sich so nicht in der Bibel findet. Das führe immer zu einer Verengung und Verarmung der biblischen Botschaft. Dietz hat ohne Zweifel recht: Wir sollten nicht versuchen, das Verständnis des Kreuzestodes über die biblische Botschaft hinaus systematisieren zu wollen, wenn das die Bibel selbst nicht tut. In der Kreuzestheologie hat es immer wieder Einseitigkeiten und Auswüchse gegeben, die über die Schrift hinausgingen und die biblische Botschaft verfälscht haben, wie auch der große evangelikale Theologe John Stott berichtet.[10] Ein „Teufelsdeal“ ist nicht biblisch.[11] Auch eine „Höllenfahrt“ Jesu ist biblisch nicht klar belegt. Aber war deshalb auch die Lehre vom „Loskauf“ und von der stellvertretenden Sühne im Kern falsch? Und gab es wirklich gar keine Elemente in der Kreuzestheologie, die quer durch die Kirchengeschichte hindurch als Kern der biblischen Botschaft verstanden wurden?

Mir scheint: In diesem Vortrag schüttet Dietz immer wieder das Kind mit dem Bade aus. Anstatt die Blumen wieder gerade zu biegen und die Auswüchse zu stutzen, wählt Dietz Formulierungen, in denen Blumen komplett herausgerissen werden – was erst recht zu einer Verarmung und Verengung führt. Zudem kämpft er m.E. immer wieder an den falschen Fronten. Lassen Sie mich versuchen, diese Thesen genauer zu begründen, indem ich auf seine wichtigsten Einwände gegen die Anselm’sche Sichtweise genauer eingehe:

In seinen Ausführungen zum „kultischen Opferproblem“ sagt Dietz (ab 59:45): „Der erste wirkliche Fehlgriff ist, dass man glaubt, mit diesem juridischen Rahmen alles einfach adoptieren zu können, was in der Bibel mit Opfer, mit Sühne zu tun hat. Das war lange in der Kirchengeschichte. Ganz lange dachte man, Opfer und Sühne und das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt trägt, und der Hohepriester, das ist alles Anselm, das sind tausende von Belegen, die ganze Bibel, überall steht im Grunde unsere wunderbare Lehre, der ganze Opferkult ist im Grunde Darstellung, was wir gerade hatten. Das ist überhaupt nicht so! Überhaupt nicht so! Und das sind Sachen, die man erst in den letzten 50 Jahren der Exegese besser und besser und klarer herausgestellt hat: Der Opferkult in Israel ist viel komplexer.“

Dietz verweist hier zurecht auf eine Tatsache, die auch unter Evangelikalen weitestgehend so gesehen wird (weshalb ich mich gefragt habe: Gegen wen wendet sich Dietz hier eigentlich?): Weder im alttestamentlichen Opferkult noch am Kreuz wird Gott ein menschliches Opfer gebracht. Es ist immer Gott selbst, der handelt und der das Opfer gewährt. Gott selbst gewährt die Sühne und die Versöhnung. Wir Menschen können nichts dazu beitragen. Mit keiner religiösen Leistung, mit keiner menschlichen Gabe können wir Gottes Zorn „besänftigen“. Stattdessen sagt Gott: „Ich – ich allein – bin es, der deine Übertretungen um meiner selbst willen tilgt.“ (Jesaja 43, 25) Deshalb ist es ja auch von so entscheidender Bedeutung, dass Jesus am Kreuz nicht nur Mensch sondern eben auch voll und ganz Gott war. Wenn wir den historischen Jesus nur als Mensch sehen, dann machen wir aus Gottes Selbsthingabe ein menschliches und zudem grausames Menschenopfer.

Richtig ist auch: Wir sollten die neutestamentlichen Bildwelten zur Kreuzestheologie nicht blind miteinander vermischen. Dort gibt es einerseits Bilder aus der Welt des Gerichtsaals, bei denen es um Rechtfertigung unserer Schuld geht. Dort gibt es aber auch Bilder aus dem Bereich der kultischen Opfer und Tempelrituale. Die Bedeutung der Opfer ist nicht 1:1 mit Begriffen aus der Justiz erklärbar. Insofern kann ich teilweise nachvollziehen, warum Dietz äußert:

„Nicht Menschen versöhnen Gott, sondern Gott versöhnt Menschen. Und der Sühnekult ist ein von Gott gegebener Weg, sich vor Gott einzufinden, sich schuldig zu bekennen, und durch Gottes Barmherzigkeit getrennt zu werden von den Tatfolgen der Sphäre, die man sich als Sünder zugezogen hat. Das ist ein Versöhnungshandeln Gottes, ein Befreiungshandeln, es ist ein Heilshandeln. Und da ist 0,0 bei: Ja, jetzt musst Du Gott wieder versöhnen, der ist sauer, der kocht vor Wut, du musst den beschwichtigen. Das ist überhaupt nicht. Und hier müsste man viele Stellen im Neuen Testament, die kriegt man völlig falsch aufgedröselt, wenn man sie mit einer anselmistischen Brille betrachtet. Das machen gute Exegeten, ich weise darauf hin, das ist absoluter Konsens, dass man mit Anselm nicht einfach sagen kann, immer Blut, Sühne, Lamm, Opfer, alles Anselm, das ist diese Theorie. Es ist sie nicht, gar nicht.“ (ab 1:10:12)Diese stellvertretende Strafleidungstheorie, wo ist das im neuen Testament? Das ist nicht zu finden!“ (1:03:17)

Bei aller notwendigen Unterscheidung zwischen „juristischer“ Rechtfertigung und „kultischer“ Sühne: Entspricht es wirklich dem biblischen Zeugnis, der Verbindung von Bildern aus dem Opferkult mit Begriffen aus dem Strafrecht derart scharf die rote Karte zu zeigen? Stimmt es, dass das „0,0“ bzw. „gar nicht“ miteinander zusammenhängt? Ich meine: Eindeutig nein. In Römer 3, 23-26 bringt Paulus die Opferriten ganz direkt mit Rechtsbegriffen zusammen (Elberfelder Übersetzung): „denn alle haben gesündigt und erlangen nicht die Herrlichkeit Gottes und werden umsonst gerechtfertigt durch seine Gnade, durch die Erlösung, die in Christus Jesus ist. Ihn hat Gott hingestellt als einen Sühneort durch den Glauben an sein Blut zum Erweis seiner Gerechtigkeit wegen des Hingehenlassens der vorher geschehenen Sünden unter der Nachsicht Gottes; zum Erweis seiner Gerechtigkeit in der jetzigen Zeit, dass er gerecht sei und den rechtfertige, der des Glaubens an Jesus ist.“ Der Begriff „Sühneort“ („hilastērion“) wird in der Septuaginta, der antiken griechischen Übersetzung des Alten Testaments, auch für den Deckel der Bundeslade benutzt, an dem der Hohepriester im Allerheiligsten die Bundeslade mit dem Opfertierblut bespritzt. In Römer 5, 9 schreibt Paulus zudem: „Vielmehr nun, da wir jetzt durch sein Blut gerechtfertigt sind, werden wir durch ihn vom Zorn gerettet werden.“ Hier werden also ganz eindeutig direkte Verbindungen zwischen Opferkult, Blut, Schuld, Strafe und Gottes Zorn gezogen. In Römer 5, 9 macht Paulus zudem deutlich: Am Kreuz versöhnt Gott nicht nur die Menschen sondern er versöhnt die Menschen mit sich selbst! „Es ist ein und derselbe Gott, der uns durch Christus vor sich selbst rettet“, schreibt John Stott und fügt hinzu: „Darum weisen wir jede Erklärung für den Tod Christi entschieden zurück, in deren Mittelpunkt nicht das Prinzip der „Genugtuung durch Stellvertretung“ steht, ja der göttlichen Genugtuung seiner selbst durch die göttliche Stellvertretung durch ihn selbst.“

Es ist deshalb problematisch, wenn Dietz es so darstellt, als müsse Gott überhaupt nicht versöhnt werden – vor allem, wenn damit die breite biblische Realität von Gottes Zorn und Gerichtshandeln in Frage gestellt werden soll. Der große Gedankengang von Paulus in Römerbrief basiert unter anderem auf Römer 1, 18: „Doch vom Himmel her wird Gottes Zorn sichtbar über alle Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen, die die Wahrheit ablehnen.“ Gerade wegen dem offenbar werdenden gerechten Zorn Gottes braucht es ja die Vergebung. Und auch die beiden Stellen im 3. Mose, die Dietz nennt, belegen: Es geht bei diesem von Gott gestifteten Opfer um eine „Sühnung“ bzw. „Wiedergutmachung“ von Sünde und Schuld. Wer das rechtliche Strafdenken vollständig aus der Kreuzestheologie verbannen will, schüttet deshalb das Kind mit dem Bade aus.

Das tut Dietz m.E. leider auch beim Problem des gewandelten Rechtsverständnisses, wenn er sagt (ab 1:10:14): „Das ist ein anselmistisches Problem, das die Reformatoren radikalisiert haben, gut kontextualisiert[12] in gewisser Hinsicht, aber heute abstoßend, abschreckend, kontraproduktiv, weil es nicht mehr auf der Höhe modernen straftheoretischen Denkens ist.“

Dietz grenzt sich hier scharf von der reformatorischen Kreuzestheologie ab. Dabei stellt sich für mich die Frage: Wer behauptet denn eigentlich, dass der Gott der Bibel einer Rache- und Vergeltungslogik folgt? Schon die kultische Opferung von Tieren durchkreuzt eine solche 1:1-Vergeltungslogik ja komplett, denn kein Tieropfer kann zwischenmenschliche Verbrechen je aufwiegen. Noch mehr gilt das für den Tod Jesu am Kreuz: Der eine Kreuzestod könnte ja niemals genügen, um das millionenfache grausame Unrecht aufzuwiegen, das Menschen sich im Lauf der Weltgeschichte gegenseitig zugefügt haben. So schlimm Jesu Tod auch war: Es gab zahllose Menschen, die noch schlimmer und länger gefoltert worden sind. Nein, niemand muss auf Basis der Bibel behaupten, dass Gott einer strikten Vergeltungslogik folgt. Aber Fakt ist doch auch: Selbst das moderne Strafrecht ist trotz seines gewandelten Denkrahmens immer noch ein Strafrecht! Auch wenn wir keiner Vergeltungslogik folgen, sind also auch wir moderne Menschen immer noch überzeugt: Strafe muss sein! Mit einer „Schwamm-Drüber-Logik“ könnte kein Rechtsstaat funktionieren. Trotzdem arbeitet sich Dietz auch in seinen Ausführungen zum „Kohärenzproblem“ weiter an der Straflogik ab (ab 1:16:32):

„Diese Logik, da muss aber Strafe sein, da gibt’s ein Kohärenzproblem, das Problem, das die anselmitische Ethik so ein paar Lichtjahre zurückbleibt hinter der jesuanischen Ethik. Im Zweifelsfall würde ich sagen: Jede Dogmatik, die nicht in irgendeiner guten Übereinstimmung mit der jesuanischen Ethik steht, kann nicht richtig sein, kann nicht stimmen. Da besteht ein großes Problem. … Manche Theorien …  machen Gott zu einem juridisch denkenden „Strafe-muss-sein-Fetischisten“ in einer Weise, wie es vielen Gleichnissen Jesu direkt widerspricht und wie es auch mit der jesuanischen Ethik der Feindesliebe nicht überein zu kriegen ist.“

Dietz scheint hier offenbar die Ebene des Menschen mit der Ebene Gottes durcheinanderzubringen. Natürlich lehrt Jesus uns Menschen bedingungslose Vergebung und sogar Feindesliebe. Wir Menschen werden maximal davor gewarnt, uns selbst auf den Richterstuhl zu setzen. Aber der gleiche Jesus hat die Warnung vor dem menschlichen Richten vielfach mit der Warnung vor Gottes Gericht verbunden: „Denn mit welchem Gericht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden.“ (Matthäus 7,2) Wenn wir die jesuanische Lehre zum Maßstab nehmen, dann doch bitte seine ganze Lehre und nicht nur Ausschnitte daraus! Wer behauptet, die “jesuanische Ethik” käme ohne Strafe aus, der muss doch einen erheblichen Teil seiner Reden und Gleichnisse streichen oder als nachträgliche Zuschreibung einstufen. Da hilft es leider auch wenig, wenn Dietz am Ende seines Vortrags dann doch wieder die Rechtssprache des Neuen Testaments verteidigt, daraus aber nur die Zusage der Vergebung herausgreift.

Aber was ist nun mit der Behauptung, es habe die ganze Kirchengeschichte hindurch keine durchgängige Sichtweise zum Kreuz gegeben? Tatsächlich wendet sich Thorsten Dietz nicht prinzipiell gegen historische kreuzestheologische Sichtweisen, aber er findet es grundfalsch, sie dominant ins Zentrum der Kreuzestheologie zu stellen (ab 1:18:19):

„Wenn man sagen würde, dass das anselm’sche Schema ja nur eine Perspektive unter ganz vielen ist, mir hat’s halt geholfen, dann sind wir sofort in einer anderen Welt. Wenn Leute sagen: Das gibt’s auch, und das gibt’s auch, und es gibt viele Perspektiven, und die Blume gibt’s auch noch, dann sind wir sofort in einer anderen Welt. Wir können dann noch diskutieren über Suboptimalitäten bei Anselm. Aber wenn man das reduziert auf eine mögliche historisch wirkungsvolle Perspektive wird alles anders. Der Anspruch war ja immer: Es ist DIE Theorie, DIE erschöpfende Theorie, die im Wesentlichen alle Bibelverse eigentlich verbraucht hat und Du sollst keine andere Theorie haben neben mir. … Dass das irgendwo ja große Wahrheitsmomente hat ist ja völlig klar. Aber der Ausschließlichkeitsanspruch dieser Perspektive ist einfach unmöglich.“

Bei dieser Warnung vor einem falschen Absolutheitsanspruch habe ich mich gefragt: Was meint Dietz an dieser Stelle eigentlich? Meint er die Anselm’sche Theorie? Dann würde die nächste Frage lauten: Wer behauptet denn, dass Anselms Theorie DIE Theorie sei, die alle Christen akzeptieren müssten? Auch John Stott hat sich gegen Einseitigkeiten und Übertreibungen in Anselms Theorie gewandt.[13] In meiner langen evangelikalen Karriere habe ich noch nie jemand sagen hören: Lies Anselms Buch, darin findest Du DAS Kreuzesverständnis, das wir alle glauben müssen. Das ist sicher auch Thorsten Dietz bewusst. Aber was meint er dann? Hat Dietz vielleicht das evangelikale Beharren auf der Lehre vom stellvertretenden Sühneopfer vor Augen? Tatsächlich schrieb derselbe John Stott, der sich von Anselms Lehre distanziert hat: „Wenn Gott in Christus nicht an unserer Stelle gestorben wäre, könnte es weder Sühnung noch Erlösung, weder Rechtfertigung noch Versöhnung geben.“[14] Stott sagt also: Bei aller Vielfalt und Buntheit der biblischen Bildwelten zur Deutung des Kreuzes gibt es doch etwas gemeinsames, das vielen dieser Bilder zugrunde liegt: Und das ist das Prinzip der Stellvertretung. Tatsächlich findet sich dieses Prinzip bereits sehr deutlich in der altkirchlichen (und natürlich biblischen!) Kreuzesdeutung vom „Loskauf“. Genauso findet es sich in den Lehren Anselms und der Reformatoren. Einen so harten und grundsätzlichen Wechsel in der Kreuzesanschauung, wie Dietz es darstellt, hat es somit nie gegeben. Das wird schon dadurch deutlich, dass Dietz selbst davon berichtet, dass die altkirchlichen Bilder vom Loskauf auch bei Luther und C.S. Lewis weiterverfolgt wurden.

Tatsächlich zieht sich diese Aussage der Stellvertretung auch quer durch die ganze Bibel! Das beginnt schon in 1. Mose 22 in der Geschichte, in der Abraham beinahe seinen Sohn Isaak geopfert hätte. Aber im allerletzten Moment schickt Gott ein Schaf, das an der Stelle Isaaks geschlachtet wird. Gott hatte Abraham für dieses Ereignis extra nach Moria geschickt hat, also dem Ort des späteren Tempelbergs, bei dem auch Jesus gekreuzigt wurde! In 2. Mose 11-12 lesen wir von Gottes tödlichem Gericht, das kurz vor dem Aufbruch Israels aus Ägypten über die Erstgeborenen kommt. Aber die Israeliten sollen ein Lamm schlachten und sein Blut an die Tür ihrer Häuser streichen, damit der Todesengel an diesen Häusern vorbei geht. Auch hier gilt: Das Lamm stirbt an der Stelle des Kindes. In Johannes 1 wird dann der ganz direkte Bezug hergestellt: Jesus ist das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt. Und in Johannes 19 lesen wir, dass Jesus genau in dem Moment stirbt, als im Tempel die Passalämmer geschlachtet werden. Gleich 28 mal lesen wir in der Offenbarung von Jesus als dem geschlachteten Lamm, das mit seinem Blut die Gewänder der Heiligen rein gewaschen hat. Und in Hebräer 9, 14 lesen wir dazu in aller Deutlichkeit: „Wie viel mehr kann dann das Blut des Christus bewirken, denn durch die Kraft von Gottes ewigem Geist brachte Christus sich selbst Gott als vollkommenes Opfer für unsere Sünden dar. Er befreit unser Gewissen, indem er uns freispricht von unseren Taten, für die wir den Tod verdienen.

Da ist also ein großer roter Faden, der sich quer durch die ganze Bibel zieht. Der stellvertretende Charakter des Kreuzestods ist auch nicht nur einfach eine Deutung. Denn eine Deutung ist ja immer etwas Nachträgliches. Aber die Aussage, dass Jesus das geschlachtete Lamm ist, das stellvertretend für unsere Sünden stirbt, finden wir auch schon lange vor dem Kreuzestod in der Bibel, ganz besonders in diesem unglaublichen Kapitel 53 im Buch des Propheten Jesaja. Da lesen wir:

„Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. … Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. …Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird … Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat … denn er trägt ihre Sünden. … dass er sein Leben in den Tod gegeben hat und den Übeltätern gleichgerechnet ist und er die Sünde der Vielen getragen hat…“

Selbst wenn man – so wie Dietz in seinem Vortrag – über einzelne Wortbedeutungen diskutieren mag: Der stellvertretende Charakter des Todes Jesu wird hier vollkommen eindeutig, vielfach und klar zum Ausdruck gebracht – und das wohlgemerkt schon Jahrhunderte vor Jesu Tod! Die Bibel ist also vollkommen eindeutig in diesem Punkt. Der stellvertretende Charakter des Kreuzestodes ist ein gutes Beispiel für die „Klarheit der Schrift“ in ihren zentralen Heilsaussagen. Deshalb würde es tatsächlich eine brutale Verarmung und Verengung darstellen, diese durchgängige Sichtweise heute vom Tisch zu wischen oder sie auf eine mögliche, keinesfalls aber notwendige Sichtweise zu reduzieren.

Besonders fragwürdig ist für mich deshalb auch diese Aussage (ab 1:00:41):

„Die Kombination konservativ und biblisch, das haut nicht gut hin. Da muss man sich entscheiden. Wenn man konservativ möglichst etwas denken will, was mindestens 1000 Jahre alt ist, dann sollte man nicht zu oft in der Bibel lesen, man wird nur verwirrt, das ist nicht gut. Und wenn man Bibel viel liest, muss man damit rechnen, dass man ständig auf neue Gedanken kommt, ständig neue Entwicklungen. Man kann nicht gut konservativ und biblisch sein, da muss man sich ein bisschen entscheiden. Ich entscheide mich für biblisch, muss ich sagen.“

Ist das nicht sehr überheblich? Und muss es uns nicht viel eher skeptisch machen, wenn eine Theologie 2000 Jahre Theologiegeschichte in Frage stellt und dafür eine erst jahrzehntealte theologische Sichtweise für biblischer hält als alles, was zuvor gedacht wurde? Johannes Hartl schrieb vor einiger Zeit auf Facebook: „Im Zweifelsfall glaub ich, dass die Tradition es richtig gesehen hat; dass alle es 1900 Jahre lang falsch gesehen haben, bis auf einmal wir Erleuchteten kamen, halte ich für wenig plausibel.“ Exakt aus diesem Grund haben Luther und Calvin stets versucht, an die alten Kirchenväter anzuknüpfen und zu zeigen, dass sie nichts „Neues“, sondern etwas Vergessenes bzw. bewusst Verdrängtes, wieder neu zur Geltung bringen.

Die Gefahr der universitären Bibelwissenschaften, die unsere evangelischen Ausbildungsstätten und dadurch auch die evangelischen Gemeinden dominieren, ist doch schon längst nicht mehr, dass man dort zu sehr an bestimmten historischen theologischen „Theorien“ klebt. Die Gefahr ist doch vielmehr, dass wir die Er- und Bekenntnisse der Kirchenväter viel zu leichtfertig über Bord werfen, die Bibel selbst durch Sachkritik der menschlichen Vernunft unterordnen und dadurch abdriften in eine Subjektivität, in der am Ende kein biblischer Stein mehr auf dem anderen bleibt. Das sehe ich in meiner evangelischen Kirche überall.

Aber was ist denn neben aller Dekonstruktion nun die Meinung von Thorsten Dietz zu der Frage, was tatsächlich die biblische Kreuzesbotschaft im Kern besagt? Dazu sagt Dietz (ab 47:15):

„Was finden wir in der Bibel? Was finden wir da wirklich? Ich finde ja, das Nizäno-Konstantinopolitanum … macht das richtig gut. Denn was ist da die Botschaft? Die Botschaft ist: Gott für uns! Jesus für uns! Jesus zu unserem Heil! Das sind die großen Bekenntnisse. Und kuckt euch an: Luthers kleinen Katechismus zu Jesus Christus. Kuckt euch den Heidelberger Katechismus an. Es ist immer dies: Jesus für uns! Es geht um eine Botschaft der Liebe. Es geht um eine Botschaft der radikalen Barmherzigkeit. Es geht um eine Liebeserklärung. Es geht darum, was man manchmal mit einem Blumenstrauß ausdrückt: Ein großes „Für Dich“! Ein großes „Ja“! Und das findet man mit fast jeder Brille im Neuen Testament auf fast jeder Seite. Und das findet man aber so bunt wie diesen Blumenstrauß.“

Ja, es stimmt: Quer durch die Kirchengeschichte hindurch war der Christenheit bewusst, dass Jesus „für uns sterben musste“. Aber was bedeutet „für uns“? Und warum „musste“ Jesus denn sterben? Ich behaupte: Wer darin nur eine Liebesbotschaft sieht, hat eine sehr verengende Brille auf. Denn inwiefern kann denn ein grausamer Kreuzestod eine Liebeserklärung sein? Was würde wohl meine Frau sagen, wenn ich mich heute umbringen würde und ihr einen Brief hinterlasse, in dem ich ihr schreibe: Damit wollte ich Dir meine Liebe beweisen. Das wäre schrecklich! Für meine Frau mein Leben zu geben, würde nur Sinn machen, wenn mein Tod eine direkte, extrem positive Auswirkung auf ihr Leben hat, indem ich ihr zum Beispiel den letzten Platz im Rettungsboot überlasse und an ihrer Stelle sterbe. Oder indem ich mich grausamen Terroristen und Folterknechten ausliefere, damit sie fliehen kann. Dann könnte ich zurecht sagen: Ich musste sterben – damit Du an meiner Stelle leben kannst! Deshalb schreibt Gerhard Barth: „Das ‚für muss … nicht immer und überall den Gedanken der Stellvertretung einschließen, sondern kann auch einfach besagen: ‚zugunsten von′. Wird freilich weiter darüber reflektiert, inwiefern sein Tod zu unseren Gunsten geschehen sei, kommt man doch auf den Stellvertretungsgedanken.“ [15] Und viele historische Dokumente zeigen: Ganz eindeutig war der Christenheit zu allen Zeiten bewusst, dass das „für uns“ im Zusammenhang mit dem Kreuz im Kern etwas mit Stellvertretung zu tun hat.

Egal, wie offen und vieldeutig man die Kreuzestheologie des Neuen Testaments auch sehen mag, sie ist in keinem Fall mit einer Liebesbotschaft vollständig erklärt und charakterisiert. Eine zentrale Kernbotschaft der kompletten Bibel lautet ja: Der Mensch ist aus sich heraus nicht in der Lage, so zu leben, dass es Gottes Gerechtigkeit entspricht. Das ganze Alte Testament schildert wieder und wieder das Versagen der Menschen, Gottes Geboten zu folgen. Das hat in der Bibel immer fatale Konsequenzen: Zuerst die Trennung von diesem heiligen Gott und die Zerstörung der unmittelbaren Nähebeziehung zu ihm. Als zweite Konsequenz folgt immer, dass wir Menschen uns über Gott und andere Menschen erheben, uns gegenseitig verletzen und zerstören, was schließlich zurecht Gottes Zorn und Gericht zur Folge hat – man denke nur an die Sintflut oder an Israels Vertreibung. Final sieht die Bibel den Tod als Konsequenz unserer Sünde (Römer 6, 23). Dabei macht die Bibel immer wieder deutlich: Das Unheil, das der Sünde folgt, ist gerade nicht nur eine Tatfolge im Sinne einer natürlichen Konsequenz des falschen Handelns. Nein, Gott selbst ist der Verursacher der negativen Konsequenzen! Er selbst bringt das Gericht[16] oder er lässt es zumindest zu[17]. Und weil wir Menschen in diesem Gericht unsere Schuld niemals begleichen könnten, entschied Gott, selbst stellvertretend an unserer Stelle zu leiden. So fand Gott einen Weg zum Umgang mit unserer Sünde, der sowohl seiner Liebe und Gnade wie auch seiner Gerechtigkeit und Heiligkeit entspricht. Er fand einen Weg, durch den wir leben können, ohne dass die tödlichen Konsequenzen unserer Sünde ignoriert werden.

Eine Kreuzestheologie, die sich nur in Zuspruch erschöpft, die uns aber nicht mit unserem Versagen konfrontiert und die Notwendigkeit des stellvertretenden Leidens verschweigt, verfehlt deshalb ein entscheidendes Element des Evangeliums. Sie beseitigt das Ärgernis des Kreuzes und verkommt zu einer rein emotionalen Selbstannahme, letztlich einer Selbsterlösung durch Selbstbejahung. Denn das Kreuz konfrontiert uns ja mit der Tatsache, dass wir Menschen so hoffnungslos mit der Sünde verstrickt sind, dass wir es unter keinen Umständen schaffen, durch Änderung unseres Lebensstils oder durch irgendeine religiöse Leistung in Gottes Augen „gut“ zu sein und uns selbst zu erlösen. Stattdessen muss ein anderer die Suppe auslöffeln, die wir eingebrockt haben. Wie demütigend! Damit stößt uns das Kreuz vom hohen Ross unserer Selbstgerechtigkeit. Wo unser Stolz und unser Ego stirbt, entsteht Raum für ein neues Leben, das uns aus Gnade unverdient geschenkt wird, das aus dem Geist geboren ist und von Christus bestimmt wird, so dass wir am Ende sagen: „Ich lebe, aber nicht mehr ich selbst, sondern Christus lebt in mir.“ (Galater 2, 20) Das Evangelium besagt gerade nicht, dass unsere verletzte Identität, unser verunsicherter Selbstwert und unser gekränkter Stolz einfach so getätschelt und ermutigt wird. Das Evangelium verheißt uns Erneuerung durch den Heiligen Geist für unser steinernes Herz, für unser altes Ego, das hoffnungslos unfähig ist, gottgefällig zu leben und das deshalb mit Christus am Kreuz sterben und in der Taufe begraben werden muss. Das Evangelium verspricht Begnadigung, weil wir auf das unverdiente Erbarmen Gottes angewiesen sind, obwohl wir gerechterweise Strafe und Beschämung verdient hätten.

Wo Gnade ohne die Notwendigkeit der Vergebung gepredigt wird, so dass sie uns nicht mehr unseren Stolz kostet, rutschen wir in ein Evangelium der billigen Gnade, das zwar seinen Anstoß aber damit auch seine erneuernde Kraft verloren hat. Was uns nichts kostet, ist uns auch nicht kostbar. Wem wenig vergeben wurde, der liebt wenig (Lukas 7, 47). Wenn Christen in unseren Gemeinden immer weniger leidenschaftlich, opferbereit und hingegeben sind, wenn die Liebe zu Jesus immer kühler wird, dann ist das immer auch eine direkte Folge eines verkürzten Evangeliums, das nur noch von der Liebe, aber nicht mehr von der Verlorenheit und Erneuerungsbedürftigkeit des Menschen spricht. Am Anfang der Umkehr zu Gott steht deshalb immer die Erkenntnis des verlorenen Sohnes (die Dietz in seinen lächerlich-machenden Ausführungen zu diesem Gleichnis leider nicht erwähnt): „Vater, ich habe gesündigt, gegen den Himmel und auch gegen dich, und bin es nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen.“ (Lukas 15, 21) Der Vater widerspricht nicht. Er sagt nicht: „Junge, das siehst Du völlig falsch, das war doch alles kein Problem für mich! Stattdessen verstärkt er die Aussage des Sohnes noch, indem er sagt: „Mein Sohn hier war tot. … Er war verloren.“ Das zeigt: Auf keinen Fall hätte der Sohn auf dem hohen Ross zurückreiten können, um dort einfach nur ermutigt und ermuntert zu werden. Und ich frage mich: Wo hören wir es heute noch von den Kanzeln, dass Menschen „tot“ und „verloren“ sind, wenn sie fern von Gott ihr eigenes, selbstbestimmtes Leben führen (siehe Epheser 2, 1 ff.)?

Ich stimme Thorsten Dietz zu: Ja, unsere Lehre muss in dem Sinne „flüssig“ bleiben, dass wir unser Herz immer weich und demütig halten müssen, damit wir jederzeit durch die Bibel korrigierbar bleiben. Wir lernen nie aus beim Versuch, die ganze Höhe, Tiefe und Breite des Evangeliums auszuleuchten. Wir bleiben unser Leben lang Lernende. Wir dürfen beim Lesen der Bibel immer wieder neue Schätze heben. Aber in einer Kreuzestheologie, in der die Liebesbotschaft die einzige Konstante ist, haben sich entscheidende Grundlagen des Evangeliums, die unseren Durst nach Leben stillen können, verflüchtigt. Für die Reformatoren galt noch, dass der christliche Glaube mit der Rechtfertigungslehre steht und fällt.[18] Wir haben somit allen Grund, dieses Thema intensiv zu diskutieren.


10. Vortrag 9.5.1: Prof. Dr. Thorsten Dietz am 11. Juni 2019

Der Lebendige – Die Begegnung mit dem Auferstandenen

Im dritten Teil seiner Christustrilogie spricht Thorsten Dietz in der ersten Hälfte des Vortrags über die Frage: War die Auferstehung wirklich real? War sie ein historisches Ereignis? War sie „leiblich“? Hätte eine Kamera den Auferstandenen fotografieren können? Thorsten Dietz sagt dazu: Ja, Jesus ist wirklich auferstanden. Und wenn man „historisch“ mit „wirklich“ gleichsetzen würde (wovon er aus wissenschaftstheoretischen Gründen abrät), dann könne man auch sagen, dass die Auferstehung ein historisches Ereignis war. Zugleich zielen solche Fragen für Thorsten Dietz aber am eigentlichen Ereignis von Ostern vorbei. „Tatsächlichkeitsfragen sind schon real, sind relevant, aber Glaubensfragen gehen nie darin auf.“ (2:36) An Ostern gehe es nicht um die Wiederbelebung einer Leiche, sondern um den Anbruch von Gottes ewigem Reich. Diese tiefere Bedeutung von Ostern konnte man nicht sehen: „Das, was Du glaubst, … das sah keiner.“ (10:53) „Es ist ja für den Auferstehungsglauben der Christen immer wesentlich gewesen, dass da mehr geschieht als: Da war was zum Sehen und zum Anfassen.“ (6:11) „Der christliche Glaube ist nicht ein Glauben an das „Gesehen-haben“ irgendeiner physischen Gegebenheit.“ (7:16) Die Kategorie „leiblich“ sei zudem schwierig, weil der Auferstandene ja Dinge tut, die dazu nicht passen (durch Wände gehen, plötzlich verschwinden…). Die Ostertexte passen deshalb mehr zum paradoxen Begriff des „geistlichen Leibs“, den Paulus verwendet (1.Kor.15, 44). Diese paradoxe Realität ist für uns nicht greifbar, wir können sie nicht „scharfstellen.“ „Jede Beschreibung dieses Phänomens, die das ignoriert, die glaubt, es fassbar zu machen, verfehlt die Texte und hat auch nicht mehr das klassische Christentum vor Augen.“ (18:06) Deshalb sei auch das Kamerabeispiel eine „tragische Metapher“, denn Fragen nach real oder nicht real, messbar, greifbar, physisch oder nicht physisch seien letztlich falsch gestellt, sie zeugen von einer falschen, „positivistischen“ „Tatsachenbrille“. „Hier wird versucht, etwas, das von morgen ist, zu sehen mit einer Brille von gestern und heute.“ (11:56) Dietz meint aber auch: Zwar gab es Ideen über Ideen, wie die Ostergeschichten rational erklärt werden könnten, trotzdem bleibt es eine sehr wundersame, bleibend mysteriöse Geschichte, so dass rein naturalistische Ansätze zur Erklärung der Entstehung des Osterglaubens scheitern.

Im zweiten Teil des Vortrags legt Thorsten Dietz die Geschichte von den Emmaus-Jüngern aus (Lukas 24, 13-36). Er sieht in ihrem Ostererlebnis ein Vorbild für den Weg vieler Jesusnachfolger: Alte Glaubensgewissheiten (in diesem Fall die Hoffnung auf einen politisch wirksamen Messias) sind zerbrochen. Auf dem Weg formen sich neue Gedanken, die schließlich in eine neue Jesusbegegnung führen. Aber kaum wird Jesus erkannt, entzieht er sich schon wieder. Als sie den anderen Jüngern von ihrer Begegnung berichten wollen, überschlagen sich die Ereignisse schon wieder neu. Das zeigt: Glaube bedeutet immer, auf einem Weg zu sein, der niemals fertig ist. Die Wahrheit bleibt „liquide“. Es ist doch unendlich viel besser zu akzeptieren, dass solche Verstehensweisen biblischer Texte immer wieder neu und immer wieder anders und immer wieder frisch sich ereignen müssen. Es kann da keinen ewigen und absoluten Schlüssel geben.“ (51:50) Deshalb geht es nicht darum, etwas glauben zu müssen: „Hier ist nichts, kein Paragraph, keine These, kein Abschnitt, nichts, wo Du sagen kannst: Hier rechts unten bitte unterschreiben. Dann hältst Du das feste für wahr und das ist dann Deine Lebensversicherung für die Unendlichkeit. Das ist nicht das Ding. Sondern das ist eine ganz herzliche Einladung, sich auf Wege zu begeben. Und diese Wege zeichnen sich nicht dadurch aus, dass eine große genormte Tür für alle gleich da steht und da müssen wir durch und alles andere ist egal, sondern es gibt so viele Türen, so viele Einstiegsmöglichkeiten auf diesem Weg mit großem Abstand und in großer Nähe.“ (ab1:06:24)

Kommentar:

Bei meiner Beschäftigung mit theologischen Texten ist mir in den letzten Jahren immer wieder ein rhetorischer Trick aufgefallen, den man etwa so skizzieren könnte:

  1. Benenne eine traditionelle theologische Position und stimme ihr grundsätzlich zu.
  2. Zeige aber auf, dass diese Position nicht die ganze Wahrheit ist und dass es bei diesem Thema noch mehr zu beachten gibt. Stelle die traditionelle Position folglich als eine „falsche Verengung“ dar.
  3. Sprich ausführlich über die Aspekte, die über die eingangs dargestellte Position hinausgehen, so dass der Schwerpunkt immer mehr auf „falsch“ statt auf „Verengung“ liegt.
  4. Im Ergebnis wird die traditionelle Position dann nicht etwa beibehalten und um zusätzliche Aspekte ergänzt, sondern es läuft auf eine oder mehrere der folgenden vier Varianten hinaus:
    a) Die traditionelle Sichtweise ist falsch.
    b) Die traditionelle Sichtweise ist nicht bedeutsam für den christlichen Glauben.
    c) Die traditionelle Sichtweise ist nur eine von mehreren Alternativen.
    d) Die traditionelle Sichtweise täuscht eine irrtümliche Klarheit vor, während die Wahrheit doch unklar ist und ein Geheimnis bleibt.

In jedem Fall gilt: Die traditionelle Position kann so entweder nicht mehr vertreten werden oder es wäre zumindest völlig falsch, sie als gemeinsame Glaubensbasis aller Christen darzustellen.

Ich will Thorsten Dietz ausdrücklich nicht unterstellen, dass er bewusst mit rhetorischen Tricks arbeitet! Im Gegenteil: Ich bin überzeugt, dass er ein sehr positives Anliegen hat und einfach nur gesunde, heilsame Theologie vermitteln möchte. Trotzdem wird mir bei diesem Vortrag wie bei kaum einem anderen deutlich, wie grundlegend und tiefgreifend sich meine Theologie von der Theologie von Thorsten Dietz unterscheidet. Denn inhaltlich folgt dieser Vortrag m.E. genau diesem Schema und er mündet letztlich in alle vier genannte Varianten. Man könnte die Argumentation in etwa so nachzeichnen:

  1. Die traditionelle Position, dass Jesus wahrhaftig und leiblich auferstanden ist, stimmt…
  2. … aber es ist nicht die ganze Wahrheit, denn es gibt noch mehr zu beachten: Der Auferstandene hat einen „geistlichen Leib“, der Dinge tun kann, die die Fähigkeiten eines normalen Leibs übersteigen. Der Fokus auf die sichtbare, greifbare leibliche Auferstehung wäre deshalb eine falsche Verengung…
  3. … zumal er am Kernanliegen von Ostern vorbeizielt, weil es hier ja um das Hereinbrechen der neuen Welt Gottes geht, nicht um die Überwindung des Todes durch einen Einzelnen.
  4. Das Ergebnis ist:
    a) Der Gebrauch der Kategorie „leiblich“ ist falsch, weil er auf einer falschen Brille basiert, die nicht von Gottes neuer Welt her schaut und weil unsere irdischen Kategorien für den Auferstandenen nicht passen.
    b) Die Leiblichkeit des Auferstandenen ist für die Osterbotschaft nicht bedeutsam, weil es dort im Schwerpunkt um das Anbrechen von Gottes neuem Reich geht.
    c) Weil in der Begegnung mit dem Auferstandenen nichts bleibend greifbar ist, gibt es viele alternative und immer wieder neue Zugänge. Kein Zugang kann als gültige Wahrheit für alle festgeschrieben werden.
    d) Die Wahrheit über die Auferstehung bleibt letztlich unscharf und ein Geheimnis, weil sie in paradoxen Begriffen beschrieben wird.

Die Annahme, Christen müssten an die leibliche Auferstehung glauben, ist deshalb ein ganz schlechtes Zeichen dafür, dass wesentliche Dinge von dem, was Glaube ausmacht, irgendwie nicht verstanden sind.“ (ab 1:06:13)

Folgerichtig hält Thorsten Dietz auch überhaupt nichts von glaubensverteidigender Apologetik, die Argumente sammelt für die Historizität der Auferstehung: „Es ist so wesentlich für den Glauben, dass er nicht in ein System gepresst wird, was mehr verspricht, irgendeine rational zwingende Apologetik, in irgend so ein Beweisverfahren, wo Du am Ende denkst: Gut, dass ich Christ bin, bin ich wenigstens schlau, alle anderen sind doof. … Das ist alles so Käse irgendwie, weil diese Spur der entzogenen Präsenz dabei im Grunde nicht mehr gehalten wird.“ (ab 58:40)

Führt das Sammeln von Argumenten für die Historizität der Auferstehung (wie es z.B. einer der meistgelesenen AiGG-Artikel[19] oder Lee Strobel im Millionenbestseller „Der Fall Jesus“ tut) somit in arrogante Rechthaberei, statt in eine ermutigende Glaubensvergewisserung? Ist die Rede von der „Historizität der Auferstehung“ ohnehin falsch, weil sie ein irriges Verständnis des Wesens historischer Forschung zugrunde legt und nicht versteht, dass seriöse Historiker sich auf Erklärungen beschränken müssen, die für Menschen jeglicher Weltanschauung nachvollziehbar und akzeptabel sind? Dietz meint, er „werde nicht anfangen, Gott jetzt zum Teil einer historisch greifbaren Welt zu machen. Das wäre ein Kategorienfehler.“ [20] Richtig daran ist: Natürlich ist Gott nicht Teil der Welt. Die Bibel trennt strikt zwischen Schöpfer und Schöpfung. Aber die Bibel läuft über von Berichten, dass Gott immer wieder wundersam in den Lauf der Geschichte eingegriffen hat (so wie Peter Wick es in Vortrag 6 ausführlich darlegt). Wer diesen „Gottesfaktor“ prinzipiell ausschließt, weil er für Atheisten nicht akzeptabel ist, muss beim Nachzeichnen der historischen Ereignisse zwangsläufig zu falschen Narrativen kommen, sofern die Bibel in ihrer Darstellung recht hat. Es geht bei dieser Debatte ja nicht um Joker für „UFO-Gläubige“ oder „Anhänger von sumerischen Göttern“, wie Dietz meint, sondern um eine simple Grundsatzfrage: Dürfen ausschließlich naturalistische Erklärungen als wissenschaftlich gelten? Ist die „Gotteskarte“ bei der Rekonstruktion historischer Entwicklungen grundsätzlich von vornherein verboten, so dass ich mich als Wissenschaftler bei der Frage nach der Entstehung des Osterglaubens oder der biblischen Texte prinzipiell auf innerweltliche Vorgänge beschränken muss, auch wenn sämtliche Zeichen, Spuren und Quellen dagegen sprechen? Auch wenn Thorsten Dietz sich dagegen wehrt: Eine Wissenschaft, die bei der Rekonstruktion historischer Abläufe von vornherein niemals mit Einflussfaktoren rechnen und argumentieren darf, die Atheisten nicht mittragen können, mündet zwangsläufig in genau diesen methodischen Atheismus, der in der Theologie so unendlich großen Schaden angerichtet hat und der in der Ursprungsforschung den Rückschluss von der Schönheit der Schöpfung auf die Größe des Schöpfers (Römer 1, 20) für naiv hält, wie Siegfried Zimmer es in Worthaus 8 formuliert hat.[21]

Trotzdem ist Thorsten Dietz in zwei Punkten natürlich zuzustimmen:

  1. Ja, selbstverständlich ist der auferstandene Jesus viel mehr als eine wiederbelebte Leiche.
  2. Ja, selbstverständlich erschöpft sich der Osterglaube bei weitem nicht im Fürwahrhalten der Leiblichkeit der Auferstehung Jesu.

Allerdings frage ich mich: Sind das nicht Binsen? Mir sind persönlich noch keine Christen begegnet, deren Osterglaube sich darin erschöpft, die Leiblichkeit der Auferstehung hochzuhalten. Aber obwohl Ostern natürlich viel, viel mehr ist als der Jubel über das leere Grab und das historische Ereignis der leiblichen Auferstehung, kommen trotzdem Millionen von Christen nicht auf die Idee, diesen historischen Kern der Ostergeschichte und die Leiblichkeit des Auferstehungsgeschehens für unklar oder unwichtig zu halten. Warum ist das so? Warum ist die „historische Tatsächlichkeit“ der berichteten Ereignisse offenkundig nicht so nebensächlich, wie heute immer öfter behauptet wird[22]? Lesen wir dazu doch noch einmal, was der Evangelist Lukas direkt im Anschluss an die Emmaus-Episode schreibt:

„Als sie aber davon redeten, trat er selbst mitten unter sie und sprach zu ihnen: Friede sei mit euch! Sie erschraken aber und fürchteten sich und meinten, sie sähen einen Geist. Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so erschrocken, und warum kommen solche Gedanken in euer Herz? Seht meine Hände und meine Füße, ich bin’s selber. Fasst mich an und seht; denn ein Geist hat nicht Fleisch und Knochen, wie ihr seht, dass ich sie habe. Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen seine Hände und Füße. Da sie es aber noch nicht glauben konnten vor Freude und sich verwunderten, sprach er zu ihnen: Habt ihr hier etwas zu essen? Und sie legten ihm ein Stück gebratenen Fisch vor. Und er nahm’s und aß vor ihnen.“ (Lukas 24, 36-42)

Bemerkenswert ist, dass Lukas den Gedanken an eine nicht-leibliche Auferstehung ausdrücklich aufgreift und ausführlich widerlegt. Lukas berichtet sogar: Auch die Jünger „meinten, sie sähen einen Geist“. Kein Wunder, denn sie hatten ja soeben erlebt, dass dieser Jesus auch durch Wände gehen kann. Aber dann nimmt Lukas sich ausführlich Zeit, um dieses Missverständnis explizit zu widerlegen und zu zeigen: Jesus ist zwar verwandelt. Aber das Grab ist leer. Jesus hat immer noch diesen Leib mit den Narben, die ihm am Kreuz zugefügt wurden. Jesus bittet extra um etwas zu essen, weil es ihm wichtig ist, klarzustellen: Ich lebe! Und zwar nicht nur in eurer Predigt, in euren Herzen oder in einer vergeistigten Form sondern physisch, aus „Fleisch und Knochen“, anfassbar, greifbar und ganz real!

Warum betont Lukas diese Dimension der Leiblichkeit so ausführlich? Ganz einfach: Berichte von geisterhaften Erscheinungen gab es zu allen Zeiten. Damit rechneten die Menschen, auch die Jünger damals, wie Lukas beschreibt. Erst die Leiblichkeit macht das Osterereignis so einzigartig. Erst darin steckt eine radikale Hoffnungsbotschaft: Der Tod, der ultimative Feind des Menschen und des Lebens, ist ganz real besiegt worden! Dieser Jesus, der den Lazarus auferweckt hat, ist selbst wieder aus dem Grab gekommen. Wer die leibliche Dimension als historische Tatsächlichkeit aus diesen Berichten entfernt oder für unrelevant erklärt, nimmt ihnen deshalb ihre Spitze, ihren Glanz und ihre Wucht.

Im Neuen Testament wird die Hoffnung der Gläubigen auf eine eigene Auferstehung direkt mit der Auferweckung Jesu verknüpft (1. Korinther 6,14; 2. Korinther 4,14). Ohne diese Auferstehungs­hoffnung ist die gewaltige Opferbereitschaft der ersten Christen nicht erklärbar. Der leiblich auferstandene Jesus war und ist deshalb für den christlichen Glauben absolut zentral.[23] Natürlich ist richtig, dass die Osterbotschaft noch viel mehr enthält. Aber das heißt nicht, dass die Leiblichkeit deshalb nebensächlich oder irrelevant wäre. Im Gegenteil! Das Bekenntnis: „Er ist wahrhaftig auferstanden!“ (Lukas 24, 34) ist der Urschrei der christlichen Kirche. Wenn die Behauptung der biblischen Autoren von der historischen Tatsächlichkeit des leiblichen Charakters der Auferstehung in den Bereich des Subjektiven, Nebensächlichen und Beliebigen verschoben wird, dann wird die allerzentralste Botschaft der Kirche Jesu entkernt.

Es ist deshalb eine schwerwiegende Verengung, zu behaupten, der christliche Glaube sei „nicht ein Glauben an das „Gesehen-haben“ irgendeiner physischen Gegebenheit.“ Die Apostel sagten ja ganz im Gegenteil: „Wir können nicht aufhören, von dem zu erzählen, was wir gesehen und gehört haben.“ (Apg. 4, 20) Richtig ist zwar: Der christliche Glaube IST nicht ein Glaube an etwas, was physisch gesehen wurde. Aber er basiert nun einmal unter anderem genau darauf! Der bekannte US-ameri­kanische Theologe Timothy Keller schreibt: „Das christliche Evangelium ist kein gut gemeinter Rat, sondern es ist gute Nachricht. Es ist keine Handlungsanleitung, was wir tun sollten, um uns selbst zu retten, sondern vielmehr eine Verlautbarung, was bereits für unser Heil getan wurde. Das Evangelium sagt: Jesus hat in der Geschichte etwas für uns getan, damit wir, wenn wir im Glauben mit ihm verbunden sind, Anteil an dem bekommen, was er getan hat, und so gerettet werden.“ [24] Deshalb hängt für die Glaubwürdigkeit des biblischen Zeugnisses und somit letztlich auch für den christlichen Glauben insgesamt so unendlich viel daran, ob die Berichte über die großen Taten Gottes auch tatsächlich geschehen sind, wie die biblischen Autoren es uns berichten wollten, wie es in der Bibel selbst an keiner Stelle bezweifelt wird und wie es die Kirchenväter in Bekenntnisform gegossen haben. Ob man an die Leiblichkeit der Auferstehung glauben MUSS, um gerettet zu werden, kann ich nicht beurteilen, das möchte ich Gott überlassen. Aber Fakt ist: Diesen Glauben aufzugeben oder in den Bereich des Subjektiven und Beliebigen zu verschieben, hat gewaltige Konsequenzen für die Botschaft der Kirche. Wenn nicht einmal die Osterbotschaft irgendetwas enthält, was wir ganz selbstverständlich gemeinsam mit allen Christen weltweit fröhlich gemeinsam bekennen, besingen, feiern und weitergeben können, dann hat die Kirche ihren gemeinsamen Grund und ihre gemeinsame Botschaft verloren. Dann verlieren die kirchlichen Institutionen ihre Einheit, ihre missionarische Dynamik, ihre Mitglieder und ihre Zukunft, so wie es überall in den liberal geprägten Kirchen der westlichen Welt zu beobachten ist.


11. Vortrag 9.5.2: Prof. Dr. Siegfried Zimmer am 11. Juni 2019

Jesus und die blutende Frau (MK 5, 21-43)

In diesem Vortrag legt Siegfried Zimmer die miteinander verbundenen Berichte der Heilung der blutflüssigen Frau und der Auferweckung der Tochter des Jairus aus. Beide Frauen sind weder Ehefrau noch Mutter – ein Status, der weder in der damaligen Gesellschaft noch in der Kirche große Wertschätzung erfahren habe. Deshalb meint Zimmer (ab 19.23): „Beide Erzählungen haben irgendwie die gleiche Frage: Wie kann man als Frau glücklich leben in einer männerdominierten Welt. Irgendwie kreisen die Erzählungen um solche Fragen.“ Aufgrund der unmenschlichen Vorgaben des mosaischen Gesetzes sei die blutflüssige Frau als „Unreine“ und „Unberührbare“ umfassend aus der Gesellschaft ausgegrenzt und stigmatisiert worden, weil alles, was sie berührte, als unrein galt. Trotzdem muss diese Frau geahnt haben, dass Gott anders ist als das damalige destruktive religiöse System, auch „wenn es millionenmal in irgendeiner heiligen Schrift steht.“ (45:41) Deshalb brachte sie den Mut auf, sich heimlich „wie eine Diebin“ bei Jesus ihre Heilung zu holen, obwohl sie dabei viele Menschen berühren musste. Zu ihrer Überraschung nimmt Jesus wahr, was geschehen ist. Aber statt sie zu verurteilen nennt er sie eine „Tochter“ und zeigt ihr damit seine Nähe und bestätigt, dass sie alles richtig gemacht hat.

Kommentar:

Noch nie ist mir innerhalb einer Worthaustagung ein so direkter Gegensatz zwischen 2 Referenten aufgefallen. Während Peter Wick in Vortrag 6 den Wunderbegriff verteidigt, hält Zimmer ihn hier für eine „Nebelkerze“. Er möchte ihn sogar genauso wie den Begriff „übernatürlich“ am liebsten verbieten, denn: „Die Leute, die vom Übernatürlichen ein bisschen auffallend viel reden, unterschätzen in aller Regel das Natürliche.“ (3:31) Die Evangelien, in denen auch aus der Sicht Zimmers die Heilungsgeschichten eine große und wichtige Rolle spielen, hätten ganz bewusst nicht die üblichen griechischen Begriffe für spektakuläre, Nervenkitzel auslösende Wunder („Terata“ oder „Thaumata“) verwendet[25] sondern die Wunder Jesu zumeist als „Dynameis“ (Kraftwirkungen) bezeichnet – ein Begriff, der auch für Jesu Verkündigung verwendet wird, die somit auf das gleiche Niveau gehoben seien wie die Wunder. Zur Ursache des Blutflusses stellt er ausführliche Vermutungen über psychosomatische Ursachen an (v.a. eine gestörte, kalte, abwertende Vaterfigur).

Aber was bedeutet all das für die Frage nach der historischen Tatsächlichkeit der Wunder, die aus evangelikaler Sicht bedeutsam ist? Dazu sagt Zimmer nichts. Aber jedenfalls grenzt er sich ganz bewusst vom evangelikalen Wunderverständnis ab (ab 6.42): „Ich bin ja kein evangelikaler Theologe, ich bin aber auch überhaupt nicht ein liberaler Theologe. Ich halte beides für gleich problematisch.“

Noch viel schmerzlicher ist aus evangelikaler Sicht Zimmers derbe Disqualifizierung des mosaischen Gesetzes, wenn er z.B. ab 36:57 sagt: „In religiösen Dingen, da gibt es Systeme, da gibt es Reinigungsgesetze von äußerster Kälte und Frauenfeindlichkeit. Die können auch in der heiligen Schrift stehen. 3. Buch Mose – sagt man ja so – das ist Gottes Wort. Meint ihr wirklich, dass Gott selber dermaßen frauenfeindliche Gesetze erlassen hat? Stellt ihr euch Gott so vor? … Oder sind das nicht eher Männerphantasien? Priesterphantasien? Die Frau ist ja in ein Leben gezwungen, wo eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung unmöglich ist.“ Nun gibt es aus evangelikaler Sicht in Bezug auf die Regeln der Tora sicher einige anspruchsvolle Fragen zu bearbeiten. Immer wieder wurde aber auch schon gezeigt: Das mosaische Gesetz ist – vor allem im Vergleich mit dem Gesetz anderer Völker – außerordentlich human und segensreich für das jüdische Volk gewesen.[26] Davon höre ich bei Zimmer nichts. Stattdessen wirken auf mich die verschiedentlichen Bekundungen Zimmers, dass für ihn die Bibel Gottes Wort sei, als hohl und inhaltsleer, wenn er zugleich biblische Texte als „Männerphantasie“ abqualifiziert.


Fazit und Ausblick

Quo Vadis Worthaus? Am 29. Februar 2020 hat Worthaus ein besonderes Event veranstaltet, bei dem neben Siegfried Zimmer und Thorsten Dietz auch Eugen Drewermann gesprochen hat[27] – also ein Mann, der sämtliche in der Einleitung genannten „Knackpunkt-Fragen“ eindeutig und klar verneint hat.[28] Die Thesen Drewermanns werden von Worthaus leidenschaftlich und undifferenziert beworben. In einer einmaligen Aktion wurden extra noch Drewermanns Antworten auf die Fragen des Publikums nach dem Vortrag veröffentlicht. Das unterstreicht: Bei Worthaus sind zwar regelmäßig Abgrenzungen gegenüber evangelikalen Überzeugungen zu hören, aber auf der liberalen Seite des Spektrums werden keine wirksamen Grenzen gezogen.

Das führt zu der wichtigeren Frage: Quo vadis evangelikale Bewegung? Welche Konsequenzen wird es haben, wenn diese Theologie unsere evangelikale Welt immer stärker mitprägen darf? In den letzten Jahren begegnet mir auch innerhalb der evangelikalen Bewegung immer öfter die Klage, dass es den Konservativen an Toleranz fehle. Meine evangelische Kirche ist derweil schon längst einen Schritt weiter: Da sind die Konservativen immer öfter nicht mehr nur Störenfriede einer schönen Pluralität sondern grundsätzlich Störenfriede mit einer nicht zu duldenden Position.[29] Die theologische Liberalisierung hat meiner evangelischen Kirche gerade keine Pluralität sondern den immer weiter voranschreitenden Ausschluss konservativer Standpunkte gebracht. Worthaus 9 macht an vielen Stellen deutlich, woran das liegt, und damit meine ich nicht nur die übliche Polemik, die Siegfried Zimmer seit Jahren gegenüber Konservativen an den Tag legt. In Vortrag 9 ist Thorsten Dietz zwar bereit, das stellvertretende Sühneopfer (er nennt das das „anselm’sche Schema“) trotz all der von ihm empfundenen Unstimmigkeiten gelten zu lassen, wenn sie denn subjektiv als hilfreich erlebt wird – aber eben nur als „eine Perspektive unter ganz vielen“. So höre ich das oft in meiner evangelischen Kirche: Evangelikale werden zwar geduldet, aber nur, wenn sie ihre Position nicht mehr objektiv für Alle sondern nur noch subjektiv für sich persönlich für bedeutsam halten. Aber um diese Forderung zu erfüllen, müssten Evangelikale aufhören, Evangelikale zu sein.

Evangelikale sind nun einmal im Kern davon überzeugt, dass es für jeden Menschen entscheidend wichtig ist, sich auf das stellvertretend für uns vergossene Blut Jesu am Kreuz zu berufen und die darin angebotene Vergebung persönlich anzunehmen. Es war diese Überzeugung, die seit Jahrhunderten bibeltreue Christen motiviert hat, unter größten persönlichen Opfern als Missionare in die ganze Welt zu gehen und allen Menschen aller Religionen das rettende Evangelium zu bringen. Neben dem von kirchlichen Stellen immer härter geführten Kampf gegen evangelikale Sexualethik ist es genau dieser missionarische Eifer der Evangelikalen, der in einem unversöhnlichen Widerspruch steht zu einer Theologie, die evangelikale Kernbotschaften in Frage stellt und Mission insgesamt mit größter Skepsis begegnet.[30]

Evangelikale Leiter müssen sich deshalb bewusst sein, dass sie sich einen unlösbaren Konflikt mitten in ihre Gemeinschaften und Organisationen holen, wenn sie dieser Theologie Raum geben in ihren Ausbildungsstätten, ihren Medien und ihren Gemeinschaften. Die Frage, wie man mit Worthaus und ähnlichen theologischen Einflüssen zukünftig umgehen möchte, sollte deshalb unbedingt offen besprochen werden, wenn man nicht unvorbereitet in harte und schmerzhafte Spaltungen hineinschliddern möchte. Der Theologe Thomas Schirrmacher schrieb jüngst in einem bemerkenswerten Text: „Theologischer Streit muss sein!“ Es ist keine Lösung, theologische Differenzen einfach unter den frommen Teppich zu kehren um eines lieben Scheinfriedens willen. Verdrängte Differenzen führen am Ende nur in umso tiefere Konflikte und Gräben.

Dabei sollte meines Erachtens klar sein: Keine Entscheidung ist auch eine Entscheidung! In meiner evangelischen Kirche hat sich nie eine Kirchenleitung bewusst für die heutige theologische Ausrichtung ihrer Ausbildungsstätten entschieden, obwohl genau dort ja über die zukünftige Ausrichtung der Kirche entschieden wird. Man hat die Entwicklung laufen lassen. Das Ergebnis ist, dass diese Art von Theologie unsere Ausbildungsstätten im Sturm genommen und alles Konservative weitgehend und unumkehrbar verdrängt hat. Ich halte es für naiv, zu glauben, dass das an freien Ausbildungsstätten nicht genauso kommen könnte – wenn es in Teilen nicht schon längst in vollem Gange ist. 2015 schrieb Sandra Bils, die neue Dozentin an der CVJM-Hochschule und geplante Referentin von Worthaus 10, in ihrem Blog: „Ich freue mich, wenn sich mein Landesbischof öffentlich äußert und stolz auf die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare in der Hannoverschen Landeskirche hinweist und gleichzeitig merke ich, dass es mir nicht weit genug geht, weil er im gleichen Atemzug anderen Meinungen eine Daseinsberechtigung zuspricht.“ Keine Daseinsberechtigung für die konservative Position? Auch hier zeigt sich: Selbst wenn man grundlegende theologische Differenzen menschlich und im Geist der Liebe Christi auszuhalten vermag – der spaltende Konflikt kommt spätestens dann, wenn man im Gemeindealltag praktische Entscheidungen treffen muss. Die methodistische Weltkirche musste das im letzten Jahr schmerzhaft durchbuchstabieren.

Meine Bitte ist umso mehr: Wir müssen reden – offen, respektvoll, sachlich, im Geist der Liebe Jesu, aber auch ehrlich und ohne Beschönigung der offenkundigen Differenzen. Denn nur eine ehrliche Diagnose kann den Weg für eine wirksame Therapie eröffnen für die Konflikte, die unter uns Evangelikalen schon jetzt schmerzhaft aufgebrochen sind und die unsere Einheit, unsere Ausstrahlung und missionarische Dynamik belasten.


[1] In Hossa Talk Nr. 105 „Siggi wehrt sich“, ab 1:34:00

[2] Insgesamt wurden bei Worthaus 9 dreizehn Vorträge gehalten. Die beiden letzten Vorträge waren zum Zeitpunkt der Fertigstellung dieses Artikels noch nicht veröffentlicht worden.

[3] Siehe dazu den Vortrag in Worthaus 8 von Dr. Patrick Becker „Wo bleibt der Sinn? Zu den Einseitigkeiten naturwissenschaftlicher Weltdeutung“, in dem er ab 24:09 sagt: „Ich würde prognostizieren, die Entstehung des Lebens wird uns von den Naturwissenschaften erklärt werden. … Und selbst wenn es eine Seele geben soll, dann … kann sie keine Relevanz haben, denn … es gibt nicht den Moment, wo irgendwann mal etwas eingreift, was ich als Naturwissenschaftler prinzipiell nicht fassen könnte. Das meint nicht, dass ein Naturwissenschaftler meint, er hätte den Allerklärungsanspruch. … Kein Naturwissenschaftler wird den Schöpfungsakt oder den jüngsten Tag in Frage stellen, dafür wird er sich nicht zuständig erklären. Aber die Zeit dazwischen, da wird er sagen: Wenn ein Thomas von Aquin darauf besteht, da finden Wunder statt – also ein duales Denken, ein Eingreifen von außen in die Welt hinein – da wird der Naturwissenschaftler sagen: Du magst daran glauben, aber das sind alles nur subjektive Vorstellungen von einem Geschehen, das ich Dir, vorausgesetzt genügend Intelligenz, genügend Zeit, … naturwissenschaftlich erklären könnte. … Weil das duale Denken inzwischen nicht mehr viele Freundinnen und Freunde findet, darum hat auch diese Intelligent-Design-Richtung zumindest in Europa eher einen Außenseitercharakter.“ Becker schließt sich im Verlauf des Vortrags diesem Wissenschaftsbegriff ausdrücklich an.

[4] Ausführlich erläutert in der ersten Hälfte des Vortrags von Markus Till „Starke Argumente – Warum es auch heute noch vernünftig ist, der Bibel zu vertrauen“ vom 1.11.2019, gehalten bei einer Tagung des DCTB

[5] Im Vortrag „Die Bedeutung des Kreuzestodes Jesu aus heutiger Perspektive“ vom 9.6.2012

[6] siehe dazu Markus Till: „Das Kreuz – Stolperstein der Theologie“ im AiGG-Blog, 25.1.2018

[7] Siegfried Zimmer im Worthausvortrag „Gibt es einen strafenden Gott?“ ab 1:03:58: „Der Sünder hat den ewigen Tod verdient. Er müsste jetzt eigentlich bestraft werden. … Aber Gott will eben den Tod des Sünders nicht. Was kann er machen? Der Sünder selber kann die Sühne nicht leisten. Also schickt er den sündlosen Gottessohn und der opfert sich stellvertretend und damit sind die Rechnungen beglichen. … Dieses Verrechnungsmodell ist durch und durch unbiblisch. … In diesem Modell ist Gott das Problem. Gott wird versöhnt. Der Gottessohn bringt ein Sühnopfer seinem Vater, damit der zornige Gott jetzt besänftigt wird und vergeben kann. … Nein. In der Bibel wird der Mensch mit Gott versöhnt aber nicht Gott mit dem Menschen. … Golgatha ist nicht so gemeint, dass man Gott hier umstimmt vom zornigen Gott auf den sanftmütigen Gott. Nein. … Gottes Wesen ist die Liebe vorher und nachher. Das andere, was ganz gefährlich ist in diesem Modell: … Der Tod Jesu wird isoliert von seinem öffentlichen Auftreten und das darf man nicht, denn der Tod Jesu ist ja innergeschichtlich die Konsequenz seines Auftretens. Warum wurde er verurteilt vom hohen Rat und römischer Militärjustiz? Leider gibt es im Deutschen nur das Wort „Opfer“. Das ist ein sehr schillerndes Wort. Im Englischen unterscheidet man zwischen „victim“ … und „sacrifice“. „Victim“ ist ein Opfer VON etwas: Verkehrsopfer, Kriminalitätsopfer. Und „sacrifice“ ist ein Opfer FÜR etwas. Wir müssen Jesu Tod erst mal als „victim“ würdigen. Jesus ist erst mal ein Opfer der römischen Militärbehörde geworden und er ist gefoltert worden. Wenn wir sofort mit „sacrifice“ arbeiten, dann haben wir ein Modell, da muss Jesus halt ans Kreuz. … Dieses Modell löst sich völlig aus den historischen Realitäten, den Personen aus Fleisch und Blut, mit denen Jesus es im Prozess usw. zu tun hatte. Es ist ein Sandkastenspiel. So hat man in den Jahrhunderten des Abendlands das Christusverständnis und das Gottesverständnis hineingezwängt in eine Straflogik, als ob Gott die Strafe nötig hätte. Im Grunde genommen muss man sagen: In diesem Modell ist Gott gar nicht mehr der Herr. Er ist eigentlich ein Knecht einer Straflogik. Denn am Ende muss Gott eben diese Straflogik erfüllen und damit seiner Gerechtigkeit Genüge tun. Diese Vorstellung, dass … es irgendwie eine heilige göttliche Rechtsordnung gäbe oder Gerechtigkeitsordnung gäbe, die man erst erfüllen muss, bevor Gott verzeihen kann, ist ein Märchen. … Jesus wird da verkürzt auf einen Typ, der die Rechnung bezahlt. … Aus diesem Modell, ihr Lieben, müssen wir, dürfen wir – jubilate – ganz aussteigen. Dieses Modell verdirbt das Evangelium und den liebenden Gott im Kern.“ Das Bild des „Loskaufs“ ist jedoch keine Verkürzung sondern biblisch breit belegt (Matth.20,28;Mk.10,45;1.Kor.6,20;7,23;Gal.3,13;4,5;1.Tim.2,6;1.Petr.1,18;Offb.5,9;14,3). Eine ausführliche Antwort auf Zimmers Position, Gott müsse nicht versöhnt werden, bietet der Artikel von Markus Till „Das Kreuz – Stolperstein der Theologie“ sowie Holger Lahayne in „Warum musste Jesus sterben?“

[8] „Das Sündopfer … ist besonders heilig! Der Herr hat es euch gegeben, damit ihr die Gemeinschaft von ihrer Schuld befreit und vor dem Herrn Wiedergutmachung für sie schafft.“

[9] „Ich habe euch das Blut gegeben, damit ihr dadurch Wiedergutmachung für eure Sünden bewirken könnt.“

[10] In seinem Buch „Das Kreuz“ benennt er eine Reihe solcher „Übertritte“, in denen über das biblische Zeugnis hinausgegangen wurde: „Das Kreuz war kein Tauschhandel mit dem Teufel … ebenso wenig ein exaktes Äquivalent, … um einen Ehrenkodex oder einer juristischen Spitzfindigkeit Genüge zu tun; ebenso wenig eine notgedrungene Unterordnung Gottes unter eine moralische Autorität über ihm, den er auf andere Weise nicht hätte entkommen können; ebenso wenig die Bestrafung eines sanftmütigen Christus durch einen strengen und rachsüchtigen Vater; ebenso  wenig ein Abringen des Heils von einem gemeinen und widerwilligen Vater durch einen liebenden Christus; ebenso wenig ein Handeln des Vaters, das Christus als den Mittler aussparte. Stattdessen erniedrigte sich der gerechte, liebende Vater selbst, indem er in … und durch seinen einzigen Sohn Fleisch, Sünde und Fluch für uns wurde, um uns zu erlösen, ohne seinen eigenen Charakter zu kompromittieren.“ In John Stott: Das Kreuz. Zentrum des christlichen Glaubens, Marburg 2009, S. 204.

[13] Vor allem dort, wo es „an einen Feudalherrn erinnert, der Ehre fordert und Unehrerbietigkeit bestraft“. In John Stott: Das Kreuz. Zentrum des christlichen Glaubens, Marburg 2009, S. 152

[14] In John Stott: Das Kreuz. Zentrum des christlichen Glaubens, Marburg 2009, S. 259

[15] Gerhard Barth in „Der Tod Jesu Christi im Verständnis des Neuen Testaments“, Göttingen 2003, S. 42.

[16] Besonders deutlich wird das im Buch der Klagelieder, siehe dazu der AiGG-Artikel „Das Evangelium – Gottes Zorn und Gottes Gnade“, veröffentlicht im AiGG-Blog, 2.8.2018

[17] siehe z.B. Jesaja 42, 24-25

[18] „Ursprung und Wesen alles christlichen Lebens liegen beschlossen in dem einen Geschehen, das die Reformation Rechtfertigung des Sünders aus Gnaden allein genannt hat.“ B. D. Bonhoeffer, Ethik, München 1958, S. 75.

[19] „Die Auferstehung Jesu: Fakt oder Fiktion? Der Indizienprozess“, im AiGG-Blog, 25.3.2018

[20] Wörtlich sagt Dietz zu der Frage, ob die Auferstehung ein historisches Ereignis ist: „Das ist nicht meine Sprache dafür, denn ich halte es für sinnvoll, „historisch“ als eine bestimmte Betrachtungsweise zu verwenden, wo Historiker völlig unabhängig von ihren Weltanschauungen mit den gleichen Karten spielen. Ich glaube, historische Wissenschaft kann nur so funktionieren, dass Christen und Atheisten und Humanisten und UFO-Gläubige und Sektierer und Menschen, die an sich selbst glauben und alle im Grunde sagen: Wir einigen uns in der historischen Wissenschaft darauf: Wir akzeptieren nur allgemein einsichtige Evidenz. Wir konzentrieren uns allein auf die greifbare, quellenbasierte, evidente Vorfindlichkeit von Thesen und Hypothesen, und das muss für uns eben im Rahmen menschlicher Gestaltung erklärbar sein. Ich halte es auch für nicht so ganz glücklich zu sagen: Das nennen wir dann methodischen Atheismus. Es geht gar nicht darum, irgendwie atheistisch da was reinzubringen, das ist ja gar nicht der Punkt. Atheisten werden bei dieser Betrachtung nicht privilegiert. Es geht um Evidenz, es geht um Spuren, es geht um Zeichen, es geht um Quellen. DAS ist der Punkt, das hat mit Atheismus überhaupt nichts zu tun. Es geht nur darum, dass alle mit denselben Karten spielen. Es wär komisch zu sagen: Alle spielen mit denselben Karten, die 32, die man vom Skat kennt, aber Christen kriegen noch einen Joker dazu, im Zweifelsfall spielen sie die Gotteskarte. Die UFO-Gläubigen kriegen noch einen Joker dazu: Im Zweifelsfall waren es grüne Männchen oder so. Und noch jemand: Die an die sumerischen Götter glauben, ja, O.K., ist auch ein Joker, ist O.K. … Das ist ja Blödsinn irgendwie. Das ist dann Käse. Da würde ich dann doch lieber sagen: Wir machen historisches Arbeiten als seriöse Wissenschaft. Es wird Menschen geben, die sagen: So, das was historische Arbeit ist, das setze ich für mich gleich mit den Rahmenbedingungen von Realität. Ich glaube, dass das historische, empirische, evidenzbasierte Fragen nach Zeichen, Spuren, Quellen usw. es ist für mich weltanschaulich identisch mit dem, was für mich mein Realitätsrahmen ist. Das ist aber natürlich nicht das, worauf alle und jede und so sich verpflichten kann oder muss. Es wird manchmal so getan als würden die historischen Bibelwissenschaften atheistisch arbeiten und als sei es eine weltanschauliche Voraussetzung der Bibelwissenschaft, alles atheistisch zu betrachten. Das ist so nicht der Fall. Und selbst wenn man ein paar Theologen findet, die das genau so sagen, dann ist es ihre Entscheidung, das Instrumentarium historischer Wissenschaft für sich selbst als allein akzeptablen weltanschaulichen Rahmen zu setzen. Und es gibt viele, die historisch arbeiten und an solchen Stellen sagen: Hier ist irgendwas bleibend mysteriös. Es entzieht sich unserer letzten Auflösbarkeit und als Christ oder als Christin sage ich: Ich glaube, dass Gott da seine Finger im Spiel hat. Aber das ist ein Glaubensurteil und ich werde nicht anfangen, Gott jetzt zum Teil einer historisch greifbaren Welt zu machen. Das wäre ein Kategorienfehler. So würde ich es sagen, so würde ich es empfehlen. Jetzt muss man auch gleich dazu sagen: Das ist ja, man muss da den ganzen Brillenvortrag sich gut durchdenken und muss das letztlich auch akzeptieren, dass Wirklichkeitszugänge in diesem Sinne immer matrixgesteuert sind, paradigmaabhängig in bestimmte Horizonte eingespeist sind. Das muss man verstehen, das ist nicht für den normalen Schüler der Mittelstufe oder so zu erwarten, vielleicht auch für viele Menschen nie so ganz. Wenn Menschen letztlich sagen: Historisch ist für mich wirklich und wirklich ist für mich historisch, so dann ist Jesus meinetwegen historisch auferstanden. Aber ich hab da eben die Gedanken, die ich da gerade dazu erläutert habe, wie ich es für sinnvoll halte.“ (ab 26:21)

[21] „Man kann intelligent-design-mäßig Gottes Schaffen nicht analysieren. … Aus der Analyse der Welt kann man erkennen: Das hat ein Schöpfer gemacht. … So einfach ist es nicht. … Die lieben Christlein legen es sich so hübsch naiv zurecht.“ Siegfried Zimmer in: Die erste Schöpfungserzählung (1. Mose 1,1-2,4a) – Teil 2, Vortrag vom 21.5.2018 in Weimar

[22] So schreibt z.B. Jakob Friedrichs in seinem aktuellen Buch: „Wenn es Dir also wichtig ist, an Jesus als den Sohn einer Jungfrau zu glauben, dann tu es. Mit Freude. Wenn dich diese Vorstellung jedoch eher befremdet, dann lass es. Und bitte nicht minder freudig. Es ist nicht der Kern der Weihnachtsgeschichten!“ In: „Ist das Gott oder kann das weg?“ Asslar, 2020, S. 18.

[23] Der ehemalige Papst Benedikt XVI schreibt dazu: „Nur ein wirkliches Ereignis von radikal neuer Qualität konnte die apostolische Predigt ermöglichen, die nicht mit Spekulationen oder inneren, mystischen Erfahrungen zu erklären ist. Sie lebt in ihrer Kühnheit und Neuheit von der Wucht eines Geschehens, das niemand erdacht hatte und das alle Vorstellungen sprengte.“ In „Jesus von Nazareth II“, Freiburg, 2011, 300f.

[24] In „Adam, Eva und die Evolution“, Giessen, 2018, S. 33.

[25] Was Zimmer nicht erwähnt: In Apostelgeschichte 2, 22 verwendet Lukas diesen Begriff sehr wohl in Bezug auf Jesu Wundertätigkeit, wenn er Petrus in der Pfingstpredigt sagen lässt: „…Jesus von Nazareth, von Gott unter euch ausgewiesen durch mächtige Taten und Wunder („Terata“) und Zeichen“.

[26] Siehe dazu z.B. den Blogartikel von George Athas: „Does the bible force a woman to marry her rapist?“

[27] Eine Zusammenfassung und Kommentierung des Worthausvortrags von Eugen Drewermann findet sich in Markus Till: „Ist Angst das Grundproblem der Menschheit?“, veröffentlicht in „Daniel-Option“ am 1.5.2020

[28] So äußerte Eugen Drewermann z.B. in einem Spiegel-Interview unter anderem: „Alle Wundererzählungen über Jesus sind, sieht man von den Heilungsberichten ab, symbolischer Natur, obwohl sie von den Evangelisten so verfasst wurden, dass sie als historische Berichte verstanden werden konnten. … SPIEGEL: Also geben Sie Bultmann recht: “Ein Leichnam kann nicht wieder lebendig werden und aus dem Grabe steigen.”  DREWERMANN: So ist es, das gilt für das Grab Jesu, und es gilt für alle anderen Gräber, in Verdun und in Vietnam, in Paderborn und in Hamburg. Die Auferstehung ist dort genauso wenig sichtbar wie drei Tage nach Ostern in Jerusalem.  … Die Auffassung, Gott könne die Naturgesetze für die Zeit und die Person Jesu außer Kraft gesetzt und Wunder bewirkt haben, halte ich für falsch und gefährlich. … Nicht bei unwichtigen, sondern gerade bei den wichtigsten Passagen des Neuen Testaments müssen wir feststellen, dass es sich um Legenden, um Symbole, um Mythen handelt. Das gilt insbesondere für die Darstellung von Jesu Geburt, Tod, Auferstehung, Himmelfahrt. … Diese Opfer- und Sühnetheologie war Jesus völlig fremd. … SPIEGEL: Welchen Sinn sah Jesus in seinem Tod, wenn nicht den eines Opfers? DREWERMANN: Er sah in seinem Tod überhaupt keinen Sinn. Er wollte nicht sterben.“

[29] So wies aktuell zum Beispiel das komplette Professorium der Tübinger theologischen Fakultät in einem gemeinsamen offenen Brief die theologische Ablehnung öffentlicher Gottesdienste anlässlich der Eheschließung gleichgeschlechtlicher Paare als unwissenschaftlich zurück und ergänzte, es sei „unerträglich, wenn Ansichten, die eine solche Diskriminierung unterstützen, bis heute in der evangelischen Kirche vertreten werden.“

[30] So schreibt Alexander Garth im Sammelband „Mission Zukunft“: „Es fällt auf, dass die wenigsten innovativen missionarischen Projekte aus dem Bereich der Großkirchen kommen … obgleich sie über immense Ressourcen an Finanzen und Manpower verfügt.“ (S.292) Michael Diener meint dazu: Es ist „wohl nicht ganz zufällig, dass sich alle Beiträge aus der Leitung der EKD mit … ethischen Haltungen der Mission beschäftigen.“ (S.17) Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm äußert: „Mission, wie ich sie verstehe, ist nicht der strategische Versuch, Menschen zu einem bestimmten Bekenntnis zu veranlassen.“ (S.72) Gleich mehrfach wird Fulbert Steffensky mit dem Satz zitiert: „Mission ist die gewaltlose, ressentimentlose und absichtslose Werbung für die Schönheit eines Lebenskonzeptes.“ (S.18) Aber war Paulus auf seinen Missionsreisen wirklich „absichtslos“ unterwegs? Wollte er in erster Linie einfach mal die Welt bereisen? Johannes Reimer entgegnet: „Gemeindeaufbau setzt intentionale Verkündigung des Evangeliums und damit die Hinführung des Menschen zur Entscheidung für den Glauben voraus.“ (S.192) In Michael Diener und Ulrich Eggers (Hrs.): Mission Zukunft – Zeigen was wir lieben: Impulse für eine Kirche mit Vision. Holzgerlingen, 2018.

Wie gelingt Einheit in einer polarisierten Gesellschaft?

Auch wenn sich alles in mir dagegen sträubt: Ich komme nicht mehr an der traurigen Tatsache vorbei, dass die Berichterstattung in den öffentlich-rechtlichen Medien einseitig politisch gefärbt ist. Wir alle erinnern uns an den Orkan der Entrüstung, den der Beitrag von AfD-Stimmen zur Wahl eines FDP-Politikers zum Ministerpräsidenten von Thüringen auslöste. In Mecklenburg-Vorpommern wurde jüngst eine Frau zur Verfassungsrichterin gewählt, die aktiv bei einer linksradikalen, vom Verfassungsschutz beobachteten Organisation mitarbeitet. In ARD und ZDF habe ich zu diesem unglaublichen Skandal kaum ein laues Lüftchen vernommen. Im Bericht über die jüngsten Antirassismus-Demonstrationen fiel in der Tagesschau doch tatsächlich der folgende unglaubliche Satz: „Die Hygiene- und Mundschutzregeln wurden überwiegend eingehalten“ (hier bei 2:00) – obwohl wenige Blicke genügten, um sich vom krassen Gegenteil zu überzeugen. Welch ein Kontrast zu den wochenlangen Warnungen vor Verstößen gegen die Hygieneregeln, z.B. bei den Demonstrationen gegen die Einschränkungen von Freiheitsrechten. Die doppelten Standards in der Berichterstattung sind unübersehbar geworden, meinen Birgit Kelle und Peter Hahne in zwei zugespitzten Artikeln. Selbst wenn man ihnen in Stil und Inhalt nicht vollständig zustimmen mag: Im Kern kann man kaum widersprechen – zumal die Linkslastigkeit des politischen Journalismus in Deutschland immer wieder in Studien nachgewiesen wurde.

Die wachsende Polarisierung der Gesellschaft ist ohne Zweifel auch eine Folge dieser politischen Einseitigkeit wichtiger Medien. Während sich die einen in ihrer politischen Haltung, in ihrer gefühlten moralischen Überlegenheit und in ihrer Empörung über Andere überwiegend von diesen Medien bestätigt fühlen, empören sich die anderen über genau diese Einseitigkeit und Arroganz und vergewissern sich darin mit Hilfe einer alternativen Medienszene, die nicht selten selbst zu Einseitigkeit neigt. Ein Ausweg aus dieser Negativspirale scheint mir derzeit nicht in Sicht zu sein.

Für die Kirche Jesu bedeutet das eine enorme Herausforderung. Auch Christen bilden sich ihre Meinung auf Basis von Fernsehen und Internet. Die Kirche Jesu kann sich die wachsende Hitzigkeit der politischen Debatten nicht einfach so vom Leib halten. Das war zuletzt auch in der Corona-Krise gut zu beobachten. In meiner Facebook-Timeline stapelten sich die Posts und Kommentare dazu. Besonders auffällig war, dass selbst Christen, die theologisch sehr nahe beieinander stehen, bei diesem Thema vollständig konträre Meinungen vertreten konnten, manche sogar mit großer, moralisch aufgeladener Gewissheit und hohem Sendungsbewusstsein. So konnte ich mir aussuchen, ob ich mich wahlweise versündige, indem ich der Beraubung der Freiheitsrechte tatenlos zuschaue oder indem ich die lebensrettenden Freiheitseinschränkungen anzweifle.

Wie gehen wir als Kirche Jesu damit um? Wie können wir Einheit bewahren, obwohl wir der gesellschaftlichen Polarisierung nicht wirklich ausweichen können?

Zu dieser Frage habe ich für den Blog “Kirche Corona” einen Gastartikel verfasst.

Weiterlesen im Originalartikel

Wie gelingt Einheit in einer polarisierten Gesellschaft?

nonbiblipedia

AiGG 2: Wie Gott unsere Prioritäten neu ordnen kann

Was prägt und bestimmt unser Leben wirklich? Können erwachsene Menschen ihre Prioritäten überhaupt ändern? Im zweiten Vortrag der AiGG-Serie wird deutlich: Ja, das geht! Dazu sollten wir unbedingt das “Jesus-Prinzip” kennen, das uns zeigt, wie wir revolutionär anders mit unseren Bedürfnissen umgehen können. Und wir müssen uns der grundlegendsten aller Entscheidungen stellen, die wir jemals im Leben treffen werden…

Den Vortrag als Audio hören:

Vertiefend zu diesem Thema:

Das Lied zum Thema: “Wir vertrauen Dir allein”

Das Akkordsheet zum Lied “Wir vertrauen Dir allein” als PDF zum Download

AiGG 1: Wer bin ich? Wie unsere Identität unser Leben prägt

Im ersten Vortrag des AiGG-Glaubenskurses geht es um einen Sonnenschirm. Der spendet nicht nur Schatten. Er ist auch ein perfektes Bild für die Gefühlsdynamik, die – bewusst oder unbewusst – unser aller Leben prägt, die über die Stabilität unserer Beziehungen entscheidet und die (oft unerkannt) hinter so manchen unserer Konflikte steckt. Und vor allem geht es um die alles verändernde Antwort, die Jesus auf die zentralste Frage unseres Lebens gibt: Wer bin ich?

Den Vortrag als Audio hören:

Vertiefend zu diesem Thema:

Das Lied zum Thema: “Kinder des Vaters”

Das Akkordsheet zum Lied als PDF zum Download

Warum sind Menschen böse?

Eine Wegscheide des Denkens und des Glaubens

In den letzten Wochen habe ich mich zum einen mit dem Theologen Eugen Drewermann befasst. Zum anderen habe ich im Buch Jeremia gelesen. Der Kontrast und der Widerspruch zwischen diesen beiden theologischen Welten könnte drastischer und grundsätzlicher kaum sein. Tatsächlich scheint mir, dass genau dieser Widerspruch eine grundlegende Wegscheide darstellt, aus der sich völlig unterschiedliche Denksysteme entwickeln mit völlig unterschiedlichen, ja gegensätzlichen weltanschaulichen Konsequenzen, die sich unvereinbar gegenüberstehen. Die zentrale Grundfrage, die in diesen beiden Denksystemen unterschiedlich beantwortet wird, lautet:

Warum sind Menschen böse?

Die unterschiedlichen Antworten sowie die daraus resultierenden gegensätzlichen Konsequenzen für das Denken und den Glauben zeigt die nachfolgende Tabelle:

Menschen handeln böse, weil sie…

… böse sind. … Opfer sind.
Der Mensch trägt selbst Verantwortung für seine bösen Handlungen. Der Mensch kann letztlich nichts für seine bösen Handlungen.
Der Mensch braucht Erlösung von seinem inneren Hang zum Bösen. Der Mensch braucht Erlösung von bösen Umständen.
Der Mensch ist das Problem. Er muss mit seinem falschen Verhalten und seiner Schuld konfrontiert werden: „Tut Buße!“ Die bösen Umstände sind das Problem. Die Verursacher dieser bösen Umstände müssen konfrontiert werden. Die Menschen dürfen die Umstände nicht länger akzeptieren: „Erhebt euch!“
Der Mensch muss sich seiner Schuld und seinem Versagen stellen und sich demütigen. Der Mensch muss sich lösen von dem demütigenden Gedanken, dass er selbst schuld wäre.
Es ist berechtigt, dass Gott auf Menschen zornig ist und dass er sie bestraft. Menschlicher Zorn auf die Umstände lenkt nur vom eigentlichen Problem ab, das im Herzen des Menschen liegt. Zorn über menschliches Verhalten und Strafe wäre unberechtigt und ungerecht. Ein gerechter Gott denkt ausschließlich gut über die Menschen und muss deshalb auch nicht versöhnt werden.
Die Botschaft des Alten Testaments entlarvt das Grundproblem der Menschheit, die sich trotz Gottes Geduld, Segensverheißungen, seinen Wundern und Strafandrohungen immer wieder für das Böse entscheidet. Das Alte Testament ist eine menschliche Fehlinterpretation Gottes und zudem Teil eines menschlichen Unterdrückungssystems, weil es Menschen durch angeblichen göttlichen Zorn und Strafandrohung einschüchtert, klein und gefügig hält.
Gesellschaftstransformation gelingt durch individuelle Umkehr und Erneuerung. Gesellschaftstransformation gelingt durch Schaffung gerechter gesellschaftlicher Verhältnisse.
Es braucht eine strafende Staatsmacht mit Gewaltmonopol, Justiz und Polizei, um das Böse einzudämmen und die Ordnung aufrecht zu erhalten. Eine strafende, drohende Ordnungsmacht ist kontraproduktiv, weil sie das eigentliche Problem nicht löst, Menschen ungerecht bestraft und die Unterdrückung verstärkt.
Es braucht Militär, um böse, aggressive Gesellschaftssysteme in Schach zu halten und notfalls aktiv zu bekämpfen. Militärische Bedrohungsszenarien verstärken nur die Ursachen des bösen Handelns. Militär ist deshalb grundsätzlich vom Übel.
Verheißungsvoll ist ein Gesellschaftssystem, in dem jeder kontrolliert wird (weil jeder dazu neigt, seine Macht zu missbrauchen), in dem individuelle Leistung belohnt wird (weil Menschen nun einmal zur Faulheit und zum Egoismus neigen) und in dem zugleich der Schwache geschützt wird (weil sonst die Starken die Schwachen ausbeuten) – also eine Demokratie als Herrschaft des Gesetzes mit Gewaltenteilung, gegenseitiger Kontrolle und sozialer Marktwirtschaft. Verheißungsvoll ist ein Gesellschaftssystem, in dem jeglicher Zwang und (Leistungs-)Druck entfernt wird, alle Ungerechtigkeit durch Umverteilung oder Vergesellschaftung beseitigt wird und Leistung allein aus Freiwilligkeit heraus erwächst – also alle Formen von Sozialismus, Kommunismus, Anarchie, bedingungsloses Grundeinkommen…

Wie sieht das die Bibel?

Die Antwort der Bibel erscheint mir durchgängig vollkommen eindeutig: Ja, der Mensch ist ein gutes Geschöpf Gottes mit einer unveräußerlichen Würde. Aber er ist zugleich unheilbar in Sünde verstrickt – von Jugend auf (1. Mose 8, 21). Auf diesem pessimistischen Menschenbild baut das ganze theologische System von Paulus im Römerbrief grundlegend auf (Römer 3, 9-18). Ausführlich legt er dar, dass wir Menschen Erlösung von unserem inneren Hang zum Bösen brauchen (Römer 6-8). Entsprechend sieht Paulus auch die Notwendigkeit zu einer staatlichen, strafenden Ordnungsmacht (Römer 13, 1-7). Besonders bemerkenswert ist bei diesem Thema zudem, was NICHT im Neuen Testament steht. Der Theologe Dr. Berthold Schwarz schrieb dazu auf Facebook:

„Wie viele Predigten, klare Hinweise in den Evangelien und in den Briefen haben wir von Jesus, den Aposteln oder apostolischen Mitarbeitern vorliegen, die z.B. gegen die politischen und gesetzlichen Maßnahmen und die oft desaströsen sozialen Missstände unter Kaiser Claudius, Kaiser Caligula, Kaiser Nero samt deren Bevollmächtigten gerichtet waren? Wie viele Briefe und Petitionen und Beschwerden von Christen gegen das soziale Chaos im Königshaus des Herodes für die Bevölkerung in Jerusalem oder gegen Pontius Pilatus und dessen Nachfolger als Statthalter finden wir als „Vorbild“ im NT?! Welche Despoten in Kreta, Italien, in Ephesus, Perge oder Galatien werden im NT wegen ihrer ungerechten und schrecklichen Lokalregierungsweise von christlichen Evangelisten, Aposteln und Predigern öffentlich gemahnt und zurechtgewiesen?!“

Der Befund ist eindeutig: Obwohl gerade die ersten Christen unter den damaligen staatlichen Systemen schwer zu leiden hatten, finden wir im gesamten Neuen Testament praktisch an keiner Stelle Kritik an den staatlichen Mächten, am System oder an den Umständen. Es geht stattdessen fast ausschließlich um den individuellen Ruf zur Buße, zur Umkehr, zur Annahme von Gottes Erlösung und zur Pflege des neuen Lebens, das aus Gottes Wort und dem Heiligen Geist erwächst. Und trotzdem hatte genau dieses Christentum zu allen Zeiten eine enorme gesellschaftstransformierende Kraft, weil es anders als alle politischen Maßnahmen bei der tatsächlichen Wurzel der gesellschaftlcihen Probleme ansetzt. Denn das Herz der Probleme ist das Problem des Herzens!

Im Buch Jeremia wird die biblische Sichtweise auf den Menschen besonders deutlich. Ausführlich und düster beschreibt der Prophet das böse Verhalten der Israeliten:

„Sie sind allesamt Ehebrecher und Betrüger. Sie spannen ihre Zunge wie die Sehne eines Bogens und feuern Lügen ab wie Pfeile. Sie herrschen über das Land, indem sie betrügen. Die Wahrheit bedeutet ihnen nichts. … Jeder belügt und betrügt seinen Bruder, wo er kann. Selbst der beste Freund wird ohne Skrupel verleumdet. Sie überlisten sich gegenseitig, und nicht einer spricht die Wahrheit. Mit geübter Zunge verbreiten sie Lügen. Sie können schon gar nicht anders handeln als böse. Einer Gewalttat folgt die nächste, und eine Lüge bringt neue Lügen hervor. Aber von mir wollt ihr nichts wissen, spricht der HERR.“ (Jeremia 9, 1-5)

Was ist die Konsequenz, wenn Menschen in eine derartige gesamtgesellschaftlich gewachsene Verstrickung mit bösem Verhalten geraten sind, dass sie gar nicht mehr anders können, als böse zu handeln? Muss man diese Menschen bedauern? Gott stellt eine grundlegend andere Frage:

„Sollte ich so ein Verhalten nicht bestrafen?“ spricht der HERR. … “Sie wollten mein Gesetz nicht kennen und schon gar nicht danach leben. Lieber taten sie, was ihnen in den Sinn kam, und rannten den Baalsgötzen hinterher, genauso, wie ihre Vorfahren es schon getan hatten. Deshalb hört zu, was der HERR, der Allmächtige, der Gott Israels, spricht: Sie sollen bittere Speise essen und giftiges Wasser trinken. Ich will sie über die ganze Welt zerstreuen. Sie sollen unter Völkern leben, die ihnen und ihren Vorfahren bislang unbekannt waren. Mit dem Schwert will ich sie verfolgen, bis sie vollständig vernichtet sind.“ (Jeremia 9, 8a+12-15)

Die prophetischen Bücher sind randvoll mit vergleichbaren Aussagen. Gott sieht offenkundig allen Grund, zornig zu sein und Menschen für ihr Verhalten zur Verantwortung zu ziehen. Wer das abstreiten möchte, müsste wohl den größten Teil des Alten Testaments und viele Passagen im Neuen Testament für eine menschliche Fehldeutung oder gar eine bewusste Unterdrückungsmasche religiöser Herrscher halten. Genau so sieht es zumindest Eugen Drewermann. Und er zieht aus seiner Grundannahme, dass selbst Mörder letztlich nur Opfer sind, genau alle die Konsequenzen, die auf der rechten Seite der Tabelle aufgeführt werden.

Wie urteilt die Geschichte?

Neben dem klaren biblischen Befund spricht meines Erachtens auch die Geschichte ein eindeutiges Urteil: Alle Träume von sozialistischen, kommunistischen, anarchischen, radikalpazifistischen Systemen waren bislang nicht nur zum Scheitern verurteilt, sie haben dazu noch vielfach unfassbares Leid erzeugt. Die Träume von Marx und Lenin haben auf einen Pfad geführt, der am Ende die größten Massenmörder der Weltgeschichte hervorgebracht hat. Heute stehen wir vor den Trümmern Venezuelas, eines der rohstoffreichsten Länder der Erde. Wo immer Mauern aufgebaut wurden zwischen kommunistischen und „kapitalistischen“ Ländern, haben bislang die Menschen aus den kommunistischen Ländern zu fliehen versucht, nicht umgekehrt. Und nicht zuletzt: Der Umweltschutz war in den kommunistischen Systemen deutlich schlechter als im “kapitalistischen” Westen. Ich stehe deshalb einigermaßen fassungslos davor, dass selbst im reichen Deutschland, das mit Hilfe von Demokratie und sozialer Marktwirtschaft mehr allgemeinen Wohlstand hervorgebracht hat als jedes andere System der Geschichte, heute wieder bis mitten in die SPD hinein offen vom Sozialismus geträumt wird und dass einige FFF-Aktivisten meinen, mit linksradikalen Ideen könnte man das Klima retten. Auf welcher geschichtlichen Erfahrung gründen sich diese Hoffnungen nur?

Und nicht zuletzt sollten wir Christen auch nicht übersehen, dass die Prophetie Jeremias in beeindruckender Weise in Erfüllung gegangen ist: Die Juden wurden tatsächlich über die ganze Welt zerstreut. Der jüdische Staat wurde für lange Zeit tatsächlich vollständig vernichtet. Schon deshalb halte ich es für höchst gefährlich, die Theologie Jeremias für einen überkommenen menschlichen Irrweg zu halten. Denn schließlich zählt am Ende nicht, wie unser Wunschgott aussieht. Es zählt allein, was die Wahrheit ist. Es zählt allein, wie Gott tatsächlich ist und handelt. Und da sehe ich jede Menge Gründe, den biblischen Beschreibungen über Gott mehr zu vertrauen als zeitgeistigen Vorstellungen, die die biblischen Schilderungen ins theologiegeschichtliche Museum stellen wollen.

Eine Grundentscheidung für jeden Menschen und jeden Verkündiger

Die biblische Botschaft stellt ausnahmslos jeden Menschen vor eine persönliche Grundentscheidung: Willst Du Dir eingestehen, dass Du selbst das zentrale Problem bist und nicht die Umstände? Kannst Du Gott um Erlösung bitten von Deinem eigenen, in Sünde verstrickten Wesen? Kannst Du Deinen alten Menschen mit Christus am Kreuz in den Tod geben? Dann öffnet sich für Dich die Tür zu Gottes unverdienter Gnade und zu neuem Leben aus dem Heiligen Geist. Dann kannst Du einen Gott erleben, der Dir nicht gibt, was Du verdient hast sondern der Dich überreich beschenkt, obwohl Du es nicht verdient hast. Dann kannst Du ausbrechen aus allem religiösen Leistungsdenken, aus allem Moralismus und allen Selbsterlösungsversuchen. Dann kannst Du Gott getrost die Zügel Deines Lebens überlassen, weil Du vertrauen kannst, dass er besser weiß als Du selbst, was gut für Dich ist. Ich muss offen sagen: Nur diese Art des Glaubens, des Beschenktwerdens aus unverdienter Gnade, des Erneuertwerdens durch den Heiligen Geist, des Unterordnens unter Gottes Herrschaft, empfinde ich als kraftvoll und attraktiv. Alles andere erscheint mir wie ein Trostpflaster auf einer Wunde mit Blutvergiftung: Es sieht tröstlich aus, hält uns aber nur davon ab, wirksam gegen die schleichende Krankheit vorzugehen. Und wenn ich meine siechende Kirche sehe, dann wächst in mir der Eindruck, dass die meisten Menschen spüren: Eine Botschaft der billigen Gnade, der Vergebung ohne Buße, ist ein nettes Trostpflaster, das aber kaum jemand wirklich hilft und das deshalb auch kaum jemand wirklich braucht, für das gleich gar niemand Opfer bringt, leidenschaftlich missioniert und Gemeinde baut.

Allerdings war es auch noch nie populär, die Menschen damit zu konfrontieren, dass sie selbst das Problem sind, ganz im Gegenteil: Diese Botschaft wurde zu allen Zeiten bekämpft, ausgegrenzt und verfolgt, so wie Jesus es in der Rückschau auf die Propheten festgestellt (Matth. 5, 12) und für seine Nachfolger vorausgesagt hat (Johannes 15, 18-20). Aber wenn wir der Bibel glauben, dann ist diese unattraktive, provozierende Botschaft nun einmal die einzig wahre Diagnose, die zur einzig wirksamen Therapie führt. Und die Kirchengeschichte zeigt: Diese raue, kantige Botschaft war schon immer so kraftvoll und attraktiv, dass die Kirche Jesu sogar inmitten übelster Verfolgung bestehen, wachsen und gedeihen konnte.

Die große Frage ist deshalb an jeden von uns persönlich: Werden wir uns dieser Botschaft stellen, uns am Kreuz demütigen und uns dort mit Gottes Vergebung und unverdienter Gnade beschenken lassen? Oder bleiben wir auf unserem hohen Ross der Selbstgerechtigkeit sitzen und erregen uns lieber über die Umstände, die angeblich an unseren Problemen schuld sind?

Und die große Frage an die kirchlichen Verkündiger ist: Werden wir die Menschen darin beruhigen, dass in Gottes Augen alles gut ist und wir uns einfach nur geliebt und bestätigt fühlen dürfen? Oder werden wir sie neben der Botschaft der Liebe Gottes auch mit der unangenehmen Wahrheit konfrontieren, dass wir alle schuldig sind, dass wir Sünder sind, dass wir Vergebung, Erlösung und Erneuerung brauchen? Werden wir am Ärgernis des Kreuzes (1. Korinther 1, 23) festhalten?

Das erscheint mir eine grundlegende Wegscheide des Denkens und des Glaubens zu sein, an der sich für uns persönlich und für die Kirche Jesu viel mehr entscheidet, als vielen Christen bewusst ist.


Zum besseren Verständnis dieses Artikels empfehle ich den Worthausvortrag von Dr. Eugen Drewermann “Jesus aus Nazareth – Von Krieg zu Frieden”: https://worthaus.org/worthausmedien/jesus-aus-nazareth-von-krieg-zu-frieden-10-1-2/

Im Blog Daniel-Option habe ich diesen Vortrag ausführlich kommentiert: https://danieloption.ch/weltanschauuung/ist-angst-das-grundproblem-der-menschheit/

Weiterführend dazu:

  • Das 2-Reiche-Missverständnis – Warum man die Bibel grundsätzlich missverstanden hat, wenn man vom Staat Pazifismus nach den Regeln der Bergpredigt verlangt.

Postevangelikale: Was sie glauben und was wir daraus lernen können

Postevangelikale sorgen für Diskussionen. Über Internet-Portale wie Worthaus oder Hossa-Talk erreichen sie auch viele evangelikale Christen. Welche Überzeugungen haben sie? Was können Evangelikale von ihnen lernen? Und worin unterscheidet sich ihre Theologie von Überzeugungen, die aus evangelikaler Sicht unaufgebbar wichtig sind? Eine genauere Analyse zeigt: Im Zentrum der Debatten steht letztlich die Bibelfrage. An ihr entscheidet sich die Ausrichtung und die Zukunft der Kirche Jesu.

Die Inhalte dieses Artikels sind auf YouTube als Vortrag verfügbar, der am 1.11.2019 bei einer Tagung des deutschen christlichen Techniker-Bunds (DCTB) gehalten wurde.
Der Artikel steht auch als PDF zum Download bereit.

Was sind eigentlich „Postevangelikale“?

„Postevangelikale“ sind Menschen, die einen mehr oder weniger langen Abschnitt ihres Lebens innerhalb der evangelikalen Bewegung verbracht haben. Viele Postevangelikale wollen diese Vergangenheit auch gar nicht leugnen sondern ganz bewusst sagen: Die evangelikale Welt ist Teil meiner Geschichte, meines Werdegangs und insofern immer noch Teil meiner Identität. Die Vorsilbe „Post“ („nach“) bedeutet aber auch: Postevangelikale sind jetzt in einer Lebensphase, in der sie diese evangelikale Frömmigkeit hinter sich gelassen haben – aus welchen Gründen auch immer. Die Konsequenz ist mindestens eine theologische Neuorientierung. Viele Postevangelikale haben zudem ihre evangelikalen Gemeinschaften verlassen und sich neue Gemeinschaften und Netzwerke gesucht. Oder aber sie wollen ihre neue Art des Glaubens für sich persönlich leben und pflegen.

Bekannte Christen outen sich als postevangelikal

In den letzten Jahren haben einige bekannte Christen von sich reden gemacht, auf die diese Beschreibung zutrifft. Torsten Hebel ist vielen Christen noch als Redner von „Jesus-House“ bekannt, der Jugendausgabe von ProChrist. Im Jahr 2015 erschien sein Buch „Freischwimmer“, das für viele Evangelikale ein kleiner Schock bedeutete. Denn darin schrieb er unter anderem: „Mein ganzes Konstrukt ‚Glaube‘, das ich mir lange schöngeredet habe, ergibt für mich einfach keinen Sinn mehr.“ Und ich glaube: Für viele Evangelikale hat es sich schon eigenartig angefühlt, wenn da ein Mann, der ihnen früher den Glauben nahe gebracht hat, jetzt plötzlich selber sagt: Ich kann nichts mehr damit anfangen.“ [1]

Immerhin: Das Ende des Buchs klingt zunächst versöhnlich. Torsten Hebel schildert, dass er den Glauben an Gott durch ein persönliches Erlebnis wieder neu gefunden habe. Der Inhalt dieses neuen Glaubens liest sich allerdings ziemlich unevangelikal: Gott ist für Torsten Hebel keine Person mehr. Er ist uneingeschränkt bei jedem Menschen gleichermaßen vom ersten bis zum letzten Atemzug. Eine durch Sünde bewirkte Gottesferne, die durch eine Entscheidung für Jesus und Vergebung der Schuld überwunden werden kann, scheint es in dieser Sichtweise nicht mehr zu geben.

Umso bemerkenswerter war es, dass das Buch im evangelikalen Umfeld weitgehend unkritisch beworben wurde. Und es hatte dort gewaltigen Erfolg! In idea Spektrum war zu lesen, dass im schwächelnden christlichen Buchmarkt gerade dieser Titel einer der ganz großen Verkaufserfolge war.

Auch Gottfried Müller, der sich selbst mit Vornamen Gofi nennt, war vielen Christen als Jugendevangelist bekannt. Im Jahr 2018 erschien sein Buch mit dem provokanten Titel „Flucht aus Evangelikalien“. Zusammen mit Jakob Friedrichs, der auch durch das christliche Comedy-Duo Superzwei bekannt wurde, produziert Gottfried Müller den Pod­cast Hossa Talk – der aktuell wohl bekannteste christliche Podcast im deutschsprachigen Raum. Mindestens jede zweite Woche erscheint eine neue, etwa 90 minütige Folge, zu der oft auch Gäste eingeladen werden.

Was glauben Postevangelikale?

Der postevangelikale Blogautor Christoph Schmieding fasst wie folgt zusammen, welche Themen Postevangelikale umtreiben: „Letztlich bewegen postevangelikale Christen dieselben Fragen, die auch die aufkeimende liberale Theologie zu ihrer Zeit diskutiert hat. Es geht um die tradierte Vorstellung von Endgericht und ihrer Topik von Himmel und Hölle. … Es geht um die Frage der Ökumene, und ob man heute einen Exklusiv-Gedanken die eigene Religion betreffend noch formulieren kann oder überhaupt will. Es geht um Fragen der Lebensführung, wie etwa auch der Sexualmoral, und inwieweit Religion und biblische Vorstellungen hier heute noch als moralische Referenz angeführt werden können. Ja, nicht zuletzt steht auch eine kritische Auseinandersetzung  mit der Bibel und das zunehmende Bejahen einer historisch-kritischen Perspektive auf die religiösen Texte im Mittelpunkt des Diskurses.“ [2]

Die Themen, die unter Postevangelikalen diskutiert werden, sind somit eigentlich nicht neu. Schon seit der Aufklärung wurden im Rahmen der liberaleren Theologie bestimmte Glaubensinhalte konservativer Frömmigkeit in Frage gestellt:

  • Kann es sein, dass Menschen, die sich nicht auf Jesus einlassen wollen, am Ende auf ewig in einer Gottesferne landen, die Jesus als „Hölle“ bezeichnet hat?
  • Ist das Christentum wirklich der einzige Weg zu Gott? Wollen wir wirklich so hochmütig sein, allen anderen religiösen Menschen auf der Welt abzusprechen, dass auch sie einen Weg zu Gott finden können?
  • Wollen wir Menschen wirklich sagen, dass es Sünde ist, vor der Hochzeit miteinander ins Bett zu gehen, sich scheiden zu lassen oder gleichgeschlechtlich zu heiraten? Ist das heutzutage nicht überholt?

Letztlich laufen alle diese Fragen auf die folgende Frage zu: Kann die Bibel wirklich ein Maßstab sein, unter den man sich beugen muss? Ist sie wirklich „Wort Gottes?“ Oder ist sie nicht viel mehr ein historisches Dokument von Menschen, die Erfahrungen mit Gott hatten und subjektiv davon berichten?

Was können wir von Postevangelikalen lernen?

In seinem Buch „Flucht aus Evangelikalien“ sowie im Hossa Talk spricht Gottfried Müller immer wieder über einige problematische Erfahrungen, die er im evangelikalen Umfeld gemacht hat. Sein großes Oberthema ist dabei die These: Es geht oft ziemlich eng zu unter Evangelikalen. Zum Beispiel gebe es oft zu wenig Raum zum Denken. Über den Podcast Hossa Talk sagt Müller: „Wir haben uns vorgenommen, unsere Zweifel, Fragen und Überzeugungen offen auszusprechen. Warum? Weil wir die Erfahrung machen, dass man das in vielen christlichen Gemeinschaften nicht darf.“[3] Müller hat zweifelsohne recht: Es gibt Fragen, über die man nicht gerne spricht unter Evangelikalen, die aber trotzdem viele Evangelikale umtreiben, weil sie sich aufdrängen in einer Welt, die das Christentum in vielen Bereichen in Frage stellt.

Enge stellt Gottfried Müller auch beim Thema der Vaterliebe Gottes fest, wenn er auf schreibt: „Wer von uns betet in der Gewissheit, dass ein liebender ‚Abba‘ es kaum erwarten kann, dem Gestotter seines Kindes zu lauschen? Ist es nicht so, dass wir ihn eher als unseren leiblichen zeitungslesenden Vater vor Augen haben, der, von einem langen Arbeitstag rechtschaffen müde, eigentlich nur noch eines will, nämlich in Ruhe gelassen zu werden?“ (S. 41) Tatsächlich scheint für gar nicht so wenige Evangelikale die Vaterliebe Gottes kaum mehr als ein theologisches Konstrukt zu sein, das zwar für wahr gehalten wird, das aber nicht das eigene Herz berührt und das deshalb trotzdem auf einer tiefen emotionalen Ebene bezweifelt wird, vielleicht sogar ganz unbewusst.

Was Gottfried Müller ebenfalls vermisst ist Raum für ein freies Gewissen. Er schreibt dazu: „Wir Evangelikalen haben schreckliche Angst davor, ungenügend zu sein. Wir glauben zwar, dass der Christus […] dafür gestorben ist, damit wir frei sein können von der Schuld und der Anklage Satans. […] Aber Hand aufs Herz, wer von uns glaubt das denn wirklich?“ (S. 41) In der Tat ist auch Vergebung etwas, das Evangelikale natürlich theologisch für wahr halten. Das bedeutet aber noch längst nicht, dass Vergebung auch praktisch und existenziell erlebt wird. Zugleich halten Evangelikale die Gebote Gottes und seine Heiligkeit hoch. Das kann leicht das Gefühl auslösen, dass Gott doch nicht wirklich mit uns zufrieden sein kann.

Und schließlich vermisst Gottfried Müller Raum für Gnade statt Leistung. Er schreibt dazu: „Ich habe die Bibel so verstanden: Gott hat dich aus Gnade errettet, und jetzt beweise gefälligst, dass du es wert gewesen bist! Ich arbeite mir also den Arsch ab, bis es nicht mehr ging.“ (S. 91) Natürlich war das nie seine offizielle Theologie. Aber jeder Nachfolger Jesu weiß, wie leicht man tatsächlich in ein Leistungsdenken und in eine Werkgerechtigkeit abrutschen kann.

Deshalb ist es gerade auch aus evangelikaler Sicht wichtig, sich den Anfragen von Postevangelikalen zu stellen, sich einen Spiegel vorhalten zu lassen und sich zu fragen:

  • Wo werden in den evangelikalen Gemeinschaften die heißen Eisen des Glaubens wie z.B. Homosexualität, Sex vor der Ehe, Widersprüche in der Bibel, Gewalttexte im Alten Testament oder Schöpfung und Evolution angesprochen?
  • Wie wird die Vaterliebe Gottes erlebbar, so dass sie nicht nur unseren Kopf erreicht sondern auch das Herz berührt?
  • Wie finden wir zu einem reinen Gewissen? Und wie entsteht eine offene Atmosphäre, in der man auch schwach und ehrlich sein darf, in der man einander trägt, füreinander betet und sich gegenseitig die Vergebung Gottes zuspricht?
  • Wie werden Christen frei von frommem Leistungsdruck?

Die Existenz der postevangelikalen Bewegung macht deutlich: Ohne Antworten auf diese anspruchsvollen Fragen werden sich wohl weiterhin Menschen sich aus den evangelikalen Gemeinschaften verabschieden, weil sie die dortige Frömmigkeit als etwas einengendes und verletzendes erleben statt als etwas heilbringendes und aufbauendes.

Worin unterscheidet sich evangelikale und postevangelikale Theologie?

Manche Christen neigen dazu, die Differenzen zwischen Evangelikalen und Postevangelikalen ganz auf diese Themen zu reduzieren. Das wäre aber eine sehr unzureichende Beschreibung dessen, was viele Evangelikale und Postevangelikale voneinander trennt. Denn neben allen Fragen um Enge und Verletzungen geht es ganz klar auch um theologische Differenzen zu wichtigen und zentralen Fragen des christlichen Glaubens. Das macht die Internetmediathek Worthaus besonders deutlich:

Die Worthaus-Mediathek

Worthaus ist eine sich ständig erweiternde Online Mediathek mit aktuell ca. 150 theologischen Vorträgen, die kostenfrei als Video oder mp3 im Internet angesehen oder herunter geladen werden können. Alle zwei Wochen kommt ein neuer Vortrag dazu. Die Referenten kommen weit überwiegend aus der universitären Theologie und decken tatsächlich auch das ganze Spektrum universitärer Theologie ab. Während einige Referenten eine sehr liberale Theologie vertreten, gibt es auch einige Theologen, die man im universitären Spektrum eher als gemäßigt oder gar konservativ einstufen würde. Wirklich evangelikale Theologen findet man aber kaum.

Gut zwei Drittel der Worthaus-Vorträge stammen vom emeritierten Theologieprofessor Siegfried Zimmer. Er bezeichnet sich selbst als einen reformatorischen Theologen, der ein Brückenbauer sein möchte zwischen universitärer Theologie und erwecklicher Frömmigkeit. Tatsächlich zählte sich Siegfried Zimmer nach seiner Bekehrung mit 19 Jahren etwa 10 Jahre lang zur Pfingstbewegung und besuchte eine pfingstlich geprägte Bibelschule. Bis heute trifft man Siegfried Zimmer immer wieder auf evangelikalen Veranstaltungen. Seine Vorträge auf dem evangelikalen Spring Ferien-Festival waren sogar der Anlass für die Gründung von Worthaus. Im Zuge seines universitären Theologiestudiums hat sich seine Theologie allerdings so verändert, dass Zimmer heute immer wieder ausdrücklich klar stellt, dass er kein evangelikaler Theologe ist. Da Siegfried Zimmer Worthaus bis heute wesentlich prägt, hat auch Worthaus eine postevangelikale Prägung.

Die Themen, die bei Worthaus behandelt werden, sind bunt und vielfältig. Aber es gibt einen Anspruch, der diese Vorträge verbindet: Worthaus möchte einen „unverstellteren Blick“ auf die Bibel vermitteln. Die Grundthese dabei ist: Es ist nicht einfach, einen antiken Text zu verstehen, der in einem vollkommen andersartigen kulturellen und zeitgeschichtlichen Umfeld verfasst wurde. Diese Texte müssen im Rahmen des damaligen Denkens und des damaligen Kontextes verstanden werden. Worthaus möchte helfen, die Texte in ihren historischen Kontext einzuordnen, damit die tatsächliche Aussageabsicht heute besser verstanden werden kann.

Damit hat Worthaus großen Erfolg. Siegfried Zimmer berichtet, Worthaus habe „viele, viele Zehntausende“ Hörer weltweit, darunter nicht nur Theologen, sondern auch zahlreiche Laien. Besonders beeindruckt habe ihn, dass bei einer freikirchlichen Pastorenkonferenz alle anwesenden dreißig bis fünfunddreißig Pastoren bekundet hätten, regelmäßig Worthaus zu hören. Siegfried Zimmer zieht daraus den Schluss, dass die Pastorenfortbildung heute eigentlich über Worthaus laufe.

Zur Ausstrahlung von Worthaus in das evangelikale Spektrum hinein trägt auch bei, dass der zweite Hauptredner von Worthaus eigentlich aus der evangelikalen Welt kommt: Thorsten Dietz ist Professor für systematische Theologie an der freien evangelischen Hochschule Tabor. Tabor zählte bis vor kurzem noch zur Konferenz bibeltreuer Ausbildungsstätten, ist dort inzwischen aber ausgetreten. Thorsten Dietz gehört auch zum theologischen Arbeitskreis des Gnadauer Verbands. Er ist deshalb ein häufiger und gern gesehener Redner auf evangelikalen Veranstaltungen. Gleichzeitig macht er leidenschaftlich Werbung für universitäre Bibelwissenschaft und für Worthaus.

Worthaus: Auch wertvoll für Evangelikale?

Es lohnt sich, Worthaus-Vorträge anzuhören! Denn tatsächlich kann man viel dabei lernen. Christen sollten nicht antiintellektuell sein und ihre Augen nicht verschließen vor den Ergebnissen von wissenschaftlicher Arbeit. Nur wer sich mit anderen Positionen auseinandersetzt kann verstehen, wie andere Menschen und andere Christen denken und überprüfen, wie solide das Fundament des eigenen Standpunkts ist.

4 „Knackpunkt-Fragen“

Um herausarbeiten zu können, in welchen wichtigen Punkten sich theologische Aussagen in Worthaus-Vorträgen von evangelikalen Positionen unterscheiden, wurden im Buch „Zeit des Umbruchs“ vier verschiedene Fragestellungen untersucht, die für den christlichen Glauben absolut zentral sind:

  1. Greift Gott übernatürlich in die Weltgeschichte ein?
  2. Ist Jesus leiblich auferstanden?
  3. Wurde Gott versöhnt durch den stellvertretenden Tod Jesu am Kreuz?
  4. Ist der Bibeltext eine fehlerfreie göttliche Offenbarung?

Alle diese „Knackpunkt-Fragen“ wurden von Evangelikalen traditionell immer mit einem klaren „ja“ beantwortet. Bei Worthaus ist das anders: Ein eindeutiges „Ja“ wird dort in allen diesen Fragen verlassen – und oft in ein „nein“ verkehrt. Das hat gravierende Konsequenzen. Schließlich steht der Kreuzestod Jesu im Kern der christlichen Erlösungsbotschaft. Wer die Deutung des Kreuzestodes Jesu verändert, verpasst dem christlichen Glauben keinen neuen Haarschnitt sondern der nimmt eine Herztransplantation vor! Das gilt noch mehr für die Auferstehung. Wenn Jesus nicht leiblich auferstanden ist, wenn das Grab nicht leer war, dann ist die Kernbotschaft der ersten Zeugen, für die sie fast alle ihr Leben gegeben haben, entkernt.

Die Bibelfrage als die zentralste aller Fragen

Die grundlegendsten Konsequenzen hat jedoch die Beantwortung der Frage: Ist der Bibeltext eine fehlerfreie göttliche Offenbarung? Letztlich steht diese Frage hinter all den Debatten zwischen Evangelikalen und Postevangelikalen, zwischen Konservativen und Progressiven. Diese Einschätzung bestätigt auch Siegfried Zimmer. In einem seiner Worthausvorträge sagt er: „Es ist nämlich ein ganz bestimmter Punkt, an dem in der Christenheit die Wege auseinandergehen. … Die entscheidende Frage, die ein Teil der Christenheit mit Ja beantwortet und der andere Teil der Christenheit mit Nein, diese Frage lautet: … Hat die Bibel Anteil an Gottes Absolutheit und Vollkommenheit? … Da gehen die Wege auseinander.“ [4]

Hat die Bibel Anteil an Gottes Vollkommenheit? Ist sie also fehlerlos oder irrtumslos? Das ist nach der Einschätzung von Siegfried Zimmer DER Knackpunkt schlechthin. Und Zimmers These dazu ist: Nein, das ist eindeutig nicht der Fall, im Gegenteil: Die Bibel enthalte hunderte von Fehlern und Widersprüchen. Das sei auch gar nicht schlimm. Ein Liebesbrief werde ja auch nicht dadurch entwertet, dass er ein paar Schreibfehler oder ein paar Ungenauigkeiten enthält.

Wer die Bibel für ein fehlerloses Buch hält, hat laut Siegfried Zimmer und in den Augen der universitären Theologie ein „fundamentalistisches Bibelverständnis“. Und Zimmer ergänzt: Dieses habe zu unendlichen Spaltungen und Streitigkeiten geführt. Es sei deshalb „eine schwere Belastung für die Christenheit.“ Aber ist der Glaube an eine fehlerlose Bibel denn tatsächlich eine fundamentalistische Außenseiterposition?

Ist der Glaube an eine fehlerlose Bibel eine fundamentalistische
Außenseiterposition?

In seiner Verteidigungsschrift assertio omnium articulorum schreibt Martin Luther:

„[Ich] ziehe … als hervorragendes Beispiel Augustinus heran … was er in einem Brief an Hieronymus schreibt: ‚Ich habe gelernt, nur den Büchern, die als kanonisch bezeichnet werden, die Ehre zu erweisen, dass ich fest glaube, keiner ihrer Autoren habe geirrt.“[5]

Luther beruft sich hier den Kirchenvater Augustinus aus dem 4. Jahrhundert. Schon er hatte somit die Überzeugung vertreten: Alle Theologen irren. Alle theologischen Texte enthalten Fehler. Mit einer Ausnahme: Die Autoren der Schriften, die zum Kanon der Bibel gehören, haben sich in diesen Schriften nicht geirrt. Diese Überzeugung hatte also der Kirchenvater Augustinus – und Martin Luther hat sie übernommen und sich darin auf ihn berufen. Zwar hatte Martin Luther durchaus Probleme mit bestimmten biblischen Texten. So tat er sich zum Beispiel schwer mit dem Jakobusbrief, weil er dort Verse gefunden hat, die für ihn nach Werkgerechtigkeit ausgesehen haben. Aber was war die Konsequenz? Luther bekam Zweifel, ob der Jakobusbrief tatsächlich zum Kanon der Bibel gehört. Denn klar war für ihn: Was zum Kanon der Bibel gehört, das kann nicht irren. Und wenn ein Buch einen Irrtum enthält, dann dürfte es eigentlich nicht zum Kanon gehören. Dann wäre das eine apokryphe Schrift.

Die Auffassung, dass der Bibeltext eine fehlerlose Schrift ist, ist somit keine moderne fundamentalistische Erfindung, sondern war lange Zeit kirchliches Allgemeingut bis in die Moderne hinein. So haben zum Beispiel im Jahr 1974 zahlreiche Kirchenleiter aus der ganzen Welt in der Lausanner Verpflichtung über die Bibel als das Wort Gottes bekräftigt: „Es ist ohne Irrtum in allem, was es bekräftigt, und ist der einzige unfehlbare Maßstab des Glaubens und des Lebens.“ [6] Im Jahr 2016 haben Vertreter der evangelischen Allianz und der katholischen Kirche gemeinsam bekannt: „Daraus folgt, dass die Schrift solide, treu und ohne Fehler lehrt und uns wirksam in alle Wahrheit führt.“ [7]

Die Ansicht, dass die Bibel fehlerfrei ist, ist also keinesfalls eine fundamentalistische Randposition, sondern historisch und weltweit gesehen eher eine Selbstverständlichkeit in weiten Teilen der Kirche Jesu. Wichtig ist dabei aber die Klärung, was Fehlerfreiheit bzw. Irrtumslosigkeit bedeutet.

Was bedeutet „Irrtumslosigkeit“?

Irrtumslosigkeit bedeutet zum Beispiel nicht: Fehlerfreiheit über die jeweilige Aussageabsicht hinaus. Wenn eine Zahlenangabe nur als gerundete Zahl gemeint war, dann würde man den biblischen Text überfordern, wenn man von ihm eine mathematisch exakte Angabe erwartet.[8] Prof. Gerhard Maier sagt deshalb zurecht: „Ähnlich hat die Lausanner Verpflichtung in ihrem Artikel 2 formuliert, das Wort Gottes ‚sei ohne Irrtum in allem, was es verkündigt‘ – präzisieren wir: was es verkünden will. Es muss durchaus noch festgestellt werden, welche historischen Auskünfte die Heilige Schrift zu geben beabsichtigt.“ [9]

Die Bibel ist also ohne Fehler in dem, was sie sagen will! Auf die Aussageabsicht kommt es an sowie auf das Wahrheitsverständnis, das dieser Aussageabsicht zugrunde liegt. Die Bibel spricht oft bildhaft. Sie erzählt Dinge oft nicht in Form eines exakten wissenschaftlichen Berichts sondern subjektiv aus einer Beobachterposition heraus. Die Bibel muss deshalb so gelesen und verstanden werden, wie sie selbst verstanden werden möchte. Nur bei den Aussagen, die sie machen möchte, darf auch eine Fehlerfreiheit erwartet werden.

Eine weitere Einschränkung der Fehlerfreiheit ist der zugrundeliegende Urtext. Zwar können wir von einer phantastisch guten Überlieferung der Bibel ausgehen. Aber selbst wenn es stimmt, dass 99,9 % der Bibel absolut zuverlässig überliefert sind[10], heißt das auch: Es gibt eine Restunsicherheit von 0,1 %. Hinzu kommen Unsicherheiten bei der Übersetzung, die ja immer schon bestimmte Interpretationen enthalten. Und auch bei Kanonfragen gibt es keine vollkommene Fehlerfreiheit. Gehört zum Beispiel der lange Schluss des Markusevangeliums zum Kanon oder nicht? Da gibt es bleibende Unsicherheiten. Diese sind zwar sehr, sehr überschaubar. Aber es gibt sie.

Gerade auch aufgrund dieser Unsicherheiten ist es auch gut und wertvoll, dass es eine unterscheidende Bibelwissenschaft gibt, die versucht, die ursprüngliche Aussageabsicht zu erforschen durch genaue Erkundung des Urtextes, durch Sprachwissenschaft sowie durch Erforschung des kulturellen und geschichtlichen Hintergrundes, in den dieser Text hineingesprochen hat. Man kann dazu auch Bibelkritik sagen, denn die Bedeutung des Begriffs „Kritik“ hatte ursprünglich nichts mit kritisieren im Sinne von schlechtmachen zu tun, sondern stand einfach für eine unterscheidende Analyse. Und Unterscheidung ist definitiv notwendig beim Bibellesen: Ist ein bestimmter Text historisch und geschichtlich gemeint oder stellt er eine gleichnishafte Bildsprache dar? Ist ein bestimmter Bericht normativ gemeint (im Sinne von: Gott will das so!) oder wird da einfach nur berichtet, was geschehen ist? Das sind Fragen, bei der eine richtig verstandene unterscheidende Bibelforschung wirklich helfen kann.

Der tatsächliche Knackpunkt: Die Frage nach der „Sachkritik“

Der Streitpunkt ist also nicht, ob eine unterscheidende Bibelforschung sinnvoll ist. Der Streitpunkt dreht sich um eine andere Frage, die Siegfried Zimmer so definiert: „Darf ein christlicher Bibelwissenschaftler, nachdem er einen Bibeltext so unvoreingenommen und sorgfältig wie möglich erforscht und den ursprünglichen Sinn des Textes umrissen hat, an der Aussage dieses Textes inhaltlich Kritik üben? („Sachkritik“) … Dabei ist das Wort ‚Kritik‘ tatsächlich im Sinne des heutigen Alltagssprachgebrauchs gemeint.“ [11]

Das ist also DIE Knackpunktfrage: Darf die Bibel im echten Sinne kritisiert werden, nachdem bibelwissenschaftlich unterschieden wurde, wie ein bestimmter Text einzuordnen ist und was er aussagen möchte? Diese Frage nach der Sachkritik wirft eine grundsätzliche Frage auf: Wer oder was könnte die Bibel denn kritisieren? Denn klar ist: Wer jemand anderes kritisiert, sieht sich selbst in der Lage, etwas besser beurteilen zu können als diese Person. Wer jemand anderes kritisiert, stellt sich in gewisser Weise über diese Person. Und wer die Bibel kritisiert, stellt sich zwangsläufig über die Bibel. Und die Frage ist: Ist das denkbar aus evangelikaler und aus reformatorischer Sicht?

Was bedeutet „Sola Scriptura“?

Um diese Frage beantworten zu können müssen wir einen kleinen Exkurs machen und uns fragen: Was prägt eigentlich unseren christlichen Glauben? Protestanten und Evangelikalen fällt da natürlich als erstes die Bibel ein. Das ist auch gut so, aber es ist natürlich nicht die ganze Geschichte. Der christliche Glaube wird natürlich noch von sehr viel mehr Dingen geprägt: Vom Weltwissen zum Beispiel, also von den Ergebnissen der Wissenschaft. Auch die menschliche Vernunft entscheidet natürlich kräftig mit, was aus christlicher Sicht geglaubt werden kann und was nicht. Und natürlich spielen Autoritäten eine große Rolle. Früher war das der Papst und das katholische Lehramt, heute sind das andere Persönlichkeiten, die prägend wirken. Und natürlich spielt die praktische Alltags-Erfahrung eine Rolle. Es ist kaum möglich, etwas zu glauben, das unseren alltäglichen Erfahrung komplett entgegensteht. Und nicht zuletzt: Auch die Tradition spielt eine Rolle. Der christliche Glaube fällt ja nicht in jeder Generation neu vom Himmel. Jeder Nachfolger Jesu wird geprägt von Vätern und Müttern im Glauben, von Frömmigkeitsstilen und Vorstellungen, die Christen oft schon von klein auf mitgegeben worden sind.

Alle diese Einflüsse sind real. Und das ist gut so! Es wäre ein dramatischer Fehler, die Vernunft oder das Weltwissen einfach vom Tisch zu wischen. Es wäre fatal, die Erfahrung auszuschalten oder die Tradition. Es wäre arrogant zu glauben, dass die früheren Generationen allesamt falsch lagen und dass wir nicht von ihnen profitieren könnten. Alle diese Einflüsse sind somit wichtig und wertvoll. Aber in seiner Assertio schrieb Martin Luther: „Ich will …, dass allein die Heilige Schrift herrsche!“

Das war ihm wichtig: Am Ende soll die Schrift entscheiden! Die Bibel soll allen anderen Einflüssen übergeordnet sein! Wenn die anderen Einflüsse im Widerspruch zur Schrift stehen, hat die Schrift das letzte Wort. Keine Autorität, kein Papst, kein Lehramt, keine Tradition und keine menschliche Erkenntnis darf am Ende so hoch stehen, dass es über der Schrift steht.

Und um diese oberste Stellung der Schrift abzusichern hat Luther das Prinzip ergänzt: Die Schrift muss sich selbst auslegen. Wenn wir uns unsicher sind, wie eine Bibelstelle zu verstehen ist, dann brauchen wir vor allem andere Bibelstellen, um diese Bibelstelle verstehen zu können. Nicht Menschen entscheiden über das Bibelverständnis, sondern das biblische Bibelverständnis ist entscheidend. Das hat für Martin Luther „Sola Scriptura“ bedeutet – allein die Schrift. Und diese Lehre stand letztlich im Zentrum der Reformation. Und wenn die Kirche dieses Verständnis verliert, verliert sie den Kern dessen, was Luther der Kirche gebracht hat.

Das „Sola Scriptura“ schließt Sachkritik aus

Kommen wir zurück zu der Frage: Wer oder was könnte die Bibel kritisieren? Mit dem Grundsatz „Allein die Schrift“ ist klar: Niemand! Es mag sein, dass manchmal das Weltwissen der Bibel widerspricht. Es mag sein, dass manchmal die Vernunft oder die Erfahrung der Bibel widerspricht. Dann müssen wir dem nachgehen. Vielleicht haben wir die Bibel falsch verstanden? Das kommt ja ganz sicher immer wieder vor. Dann sollten wir nach anderen Bibelstellen suchen, die uns diese Bibelstelle genauer erklären können oder vielleicht in einem anderen Licht erscheinen lassen. Aber am Ende hat die Bibel das letzte Wort und nichts und niemand anderes.

Einwand 1: Ist die Bibel nur ein „Zeugnis der Offenbarung?

Gegen diese ablehnende Haltung gegenüber Sachkritik an der Bibel bringt Siegfried Zimmer zwei Einwände vor. Der erste Einwand lautet: Sachkritik sei möglich, weil der Bibeltext die Offenbarung Gottes nur bezeugt und nicht selbst ist! Konkret formuliert Siegfried Zimmer diesen Einwand so: „Eine Kritik an den Offenbarungsereignissen selbst steht keinem Menschen zu. … Das ist theologisch unbestritten. Die schriftliche Darstellung von Offenbarungsereignissen darf man aber untersuchen, auch wissenschaftlich und ‚kritisch‘.“ [12]

Zimmer sagt also: Niemand darf die Offenbarung Gottes kritisieren. Niemand kann Gott widersprechen. Aber die schriftliche Darstellung der Offenbarung kann man sehr wohl kritisieren. Zimmer führt hier eine Unterscheidung ein zwischen dem biblischen Text und der göttlichen Offenbarung. Er sagt: Gott hat etwas offenbart. Aber der biblische Text selbst ist nicht die Offenbarung. Er bezeugt nur die Offenbarung, die uns vornehmlich in der Person Jesus Christus begegnet. Niemand kann Jesus Christus kritisieren. Aber den schriftlichen Bericht über ihn, den kann man schon kritisieren.

Daran zeigt sich aber auch gleich, was das Problem an dieser Position ist: Wir wissen ja absolut nichts über Jesus Christus außer das, was die Bibel uns sagt. Wenn der biblische Text nicht verlässlich ist, dann ist auch unser Bild von Jesus Christus nicht verlässlich. Dann wissen wir am Ende nicht: Welche Aussage in der Bibel ist wirklich Lehre Jesu und welche Aussage hat man ihm nur in den Mund gelegt oder fehlerhaft wiedergegeben? Wir haben dann keinen festen Maßstab, mit dem wir sagen könnten, diese oder jene biblische Aussage entspricht Gottes Offenbarung in Jesus Christus oder nicht.

Zudem stellt sich die Frage: Wie sieht sich die Bibel denn selbst? Sieht sich die Bibel selbst als Offenbarung? Oder sieht sie sich nur als Zeugnis der Offenbarung? Der Grundsatz von Martin Luther lautete ja: Die Schrift muss sich selbst auslegen. Wir brauchen ein biblisches Bibelverständnis. Deshalb ist diese Frage ganz entscheidend: Wie sieht sich die Bibel denn selbst?

Exkurs: Wie sieht sich die Bibel selbst? Als Offenbarung oder nur als Zeugnis der Offenbarung?

In 2. Timotheus 3, 16 schreibt Paulus „Alle Schrift ist von Gott eingegeben.“ Genau übersetzt heißt das: Die Schrift ist geistgewirkt, geistdurchhaucht. Natürlich haben das Menschen geschrieben – Menschen, die bei vollem Bewusstsein waren, die ihre Eigenheiten, ihren Schreibstil, ihre Persönlichkeit eingebracht haben. Und trotzdem ist es letztlich von Gottes Geist bewegt und durch und durch von ihm geprägt. Petrus hat das in 2. Petrus 1, 21 so ausgedrückt: „Denn niemals wurde eine Weissagung durch den Willen eines Menschen hervorgebracht, sondern von Gott her redeten Menschen, getrieben von Heiligem Geist.“ Auch hier sehen wir also beides: Menschen haben geredet. Aber sie waren bewegt, getrieben, geprägt vom Heiligen Geist.

Es kann überhaupt keinen Zweifel geben, dass genau das die Sichtweise der Juden der damaligen Zeit über ihre heiligen Texte war. Die Juden hatten allerhöchsten Respekt vor ihren Schriften. Ganz zweifellos hatten auch die Autoren des Neuen Testaments den Text des Alten Testaments insgesamt als Wort des lebendigen Gottes angesehen. Immer wieder zeigt sich, dass für sie die beiden Wendungen ›Die Schrift sagt‹ und ›Gott sagt‹ untereinander austauschbar waren. Sie haben also nicht unterschieden zwischen göttlicher Offenbarung und dem biblischen Text. Das war für sie identisch.

Aber wie ist das mit dem Neuen Testament? Das lag ja noch gar nicht vor, als die Schriften des Neuen Testaments verfasst wurden. Können wir dann überhaupt etwas darüber sagen, wie das Neue Testament das Neue Testament sieht? Ja, sogar sehr viel! Paulus schreibt zum Beispiel in Galater 1, 11-12 über seine eigene Botschaft: „Ich tue euch aber kund, Brüder, dass das von mir verkündigte Evangelium nicht von menschlicher Art ist. Ich habe es nämlich weder von einem Menschen empfangen noch erlernt, sondern durch eine Offenbarung Jesu Christi.“ Und in 1. Thessalonicher 2, 13 schreibt er: „Und darum danken auch wir Gott unablässig, dass, als ihr von uns das Wort der Kunde von Gott empfingt, ihr es nicht als Menschenwort aufnahmt, sondern, wie es wahrhaftig ist, als Gottes Wort.“

Das sind ja absolut steile Behauptungen, die Paulus hier macht! Er sagt: Bei der Botschaft, die ihr von mir hört, da spricht Gott selbst. Das ist Gottes Wort. Und da spüren wir schon: Paulus ist in einer völlig anderen Autorität aufgetreten, als das irgendein Theologe jemals dürfte. Aber offenbar durfte er das, weil Gott ihm tatsächlich die spezielle Autorität dazu gegeben hat. Petrus hat das ausdrücklich bestätigt. In 2. Petrus 3, 15-16 macht er folgende Bemerkung über die Schriften des Paulus: „…wie auch unser geliebter Bruder Paulus nach der Weisheit, die ihm gegeben ist, euch geschrieben hat. Davon redet er in allen Briefen, in denen einige Dinge schwer zu verstehen sind, welche die Unwissenden und Leichtfertigen verdrehen werden, wie auch die andern Schriften.“

Welche „Schriften“ meint Petrus hier? Natürlich die Heiligen Schriften, die auf keinen Fall irgendjemand verdrehen und verändern darf. Petrus hat also die Briefe des Paulus auf den gleichen Rang gestellt wie die Schriften des Alten Testaments.

In Bezug auf die Evangelien ist eine Bemerkung von Paulus in 1. Timotheus 5, 18 besonders interessant: „Denn die Schrift sagt: »… »Ein Arbeiter ist seines Lohnes wert«“ Das bemerkenswerte daran ist: Paulus zitiert hier gar nicht aus dem Alten Testament sondern er zitiert ein Wort Jesu, genauer gesagt aus Lukas 10, 7. Für ihn hat also auch dieses im Lukasevangelium festgehaltene Jesus-Zitat Schriftrang gehabt.

Besonders eindrücklich zu diesem Thema ist einer der letzten Verse der Bibel: „Und ich versichere jedem, der die prophetischen Worte dieses Buchs hört: „Wenn jemand dem, was hier geschrieben steht, irgendetwas hinzufügt, wird Gott ihm die Plagen zufügen, die in diesem Buch beschrieben werden.“  (Offenbarung 22,18) Im darauf folgenden Vers hält Johannes fest: Etwas wegzulassen ist genauso schlimm! Damit sagt Johannes: Dieses ganze Buch hat prophetischen Charakter. Da gibt es absolut nichts hinzuzufügen und nichts wegzulassen. Kein Theologe dürfte jemals so etwas über seine theologische Schrift sagen. Aber Johannes tat es am Ende seines Buchs der Offenbarung. Und für Christen ist klar: Das steht nicht zufällig am Ende des Kanons. Christen haben das immer schon letztlich auf die ganze Bibel bezogen.

Wer das Prinzip ernst nimmt, dass die Schrift sich selbst auslegt, kommt somit zu einem eindeutigen Befund: Die Schrift sieht sich selbst nicht nur als Zeugnis einer Offenbarung, die irgendwie mehr oder weniger nebulös hinter der Schrift erkennbar wird. Nein, die Bibel sieht sich selbst, also den biblischen Text, als Offenbarung. Und wenn das so ist, dann kann dieser Text auch nicht kritisiert werden. Denn welcher Mensch wollte sich erdreisten, Gott zu verbessern und zu kritisieren?

Einwand 2: Kann die Bibel in der Autorität Jesu kritisiert werden?

Der zweite Einwand von Siegfried Zimmer zur Verteidigung von Sachkritik lautet: Sachkritik sei in der Autorität Jesu möglich, weil auch Jesus die Bibel kritisiert. Natürlich könne kein Theologe in eigener Autorität die Bibel kritisieren. Aber Jesus Christus steht ja über der Schrift. Wenn Jesus die Bibel kritisiert, dann dürfen wir das in seiner Autorität auch tun. Wörtlich schreibt er dazu: „Biblische Texte, die etwas Anderes für richtig halten, als Jesus uns gelehrt hat, dürfen unser Gewissen nicht binden. … Im Konfliktfall argumentieren wir ohne jedes Zögern mit Jesus Christus gegen die Bibel.“ [13]

Aber kann man den wirklich mit Jesus gegen die Bibel argumentieren? Oft kommt bei dieser Frage der Hinweis: Jesus habe doch tatsächlich oft der Bibel widersprochen. Immer wieder sagt er ja: Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt wurde… Ich aber sage euch… (z.B. Matthäus 5, 21-22). Allerdings hat Jesus ganz direkt über das Alte Testament auch folgendes gesagt: Ich bin nicht gekommen, um das Gesetz oder die Schriften der Propheten abzuschaffen. Im Gegenteil, ich bin gekommen, um sie zu erfüllen. Ich versichere euch: Solange der Himmel und die Erde bestehen, wird selbst die kleinste Einzelheit von Gottes Gesetz gültig bleiben.“ (Matthäus 5, 17+18)

Tatsächlich hat Jesus mit seinen „Ich-aber-sage-euch“-Sätzen die Forderungen des Alten Testaments gar nicht aufgehoben, im Gegenteil: Er hat sie verschärft! Zum Beispiel ist für Jesus nicht nur der praktisch vollzogene Ehebruch Sünde sondern schon das Begehren im Herzen (Matthäus 5, 27-28). Das ist also nicht etwa ein Widerspruch sondern eine Verstärkung dessen, was im Alten Testament steht.

Außerdem benutzt Jesus häufig diese Formel: „Habt ihr nicht gelesen?“ (z.B. Matthäus 19, 4) Wenn es einen Streit gab oder eine Frage zu entscheiden war, hat Jesus aus dem Alten Testament zitiert. Das war für ihn entscheidend. Für ihn galt also der Schriftbeweis, der natürlich nur dann funktioniert, wenn die Schrift absolute Autorität hat.

Gerhard Maier fasst deshalb den Befund aus dem Neuen Testament so zusammen: „Die Schrift war für Jesus wie für seine jüdischen Gesprächspartner die letzte Entscheidungsinstanz … Es kann überhaupt kein Zweifel daran sein, dass den heiligen Schriften in den Augen Jesu eine unvergleichliche Autorität zukommt. Wer bei ihm ‚Kritik‘ am Alten Testament finden will, muss alles auf den Kopf stellen.“ „Eine Anleitung aus der Schrift, Schrift mit Schrift abzulehnen (was ja der Begriff der ‚Sachkritik‘ impliziert), gibt es nirgends.“ [14]

Anders ausgedrückt: Bibelkritik im Sinne des heutigen Sprachgebrauchs kann man nicht mit der Bibel begründen. Echte Bibelkritik steht grundsätzlich im Widerspruch zum reformatorischen Prinzip des Sola Scriptura und zum Selbstanspruch der Bibel.

Auf dem Weg zu einem biblischen Bibelverständnis

Für ein biblisches Bibelverständnis müssen deshalb 2 Dinge unbedingt festgehalten werden:

  1. Der Bibeltext kann nicht von der Offenbarung Gottes getrennt werden. Der Text ist, so wie er da steht, offenbartes Wort Gottes und hat deshalb höchste Autorität.
  2. Die Bibel kann und darf niemals gegen Jesus ausgespielt werden.

Absolut kontraproduktiv ist vor diesem Hintergrund der auch unter Evangelikalen immer wieder verwendete Satz: „Wir glauben doch nicht an die Bibel sondern an Jesus Christus.“ Diese falsche Alternative führt ja sofort zu der Frage: An welchen Jesus sollen wir denn glauben, wenn wir nicht an die Verlässlichkeit und Autorität der Bibel glauben? Wenn wir der Bibel nicht vertrauen, dann können wir nur noch an einen selbstgebastelten Christus glauben. Denn wir wissen ja nichts über ihn außer das, was die Bibel uns sagt. Das kann man somit nicht gegeneinander ausspielen. Das feste Vertrauen in Jesus Christus ist untrennbar verknüpft mit dem Vertrauen in die Autorität und den Offenbarungscharakter der Heiligen Schrift.

Zwingend notwendig ist zudem eine Haltung, die sich der Heiligen Schrift unterordnet und mit der Bibel sagt:

  • Die Bibel ist Gottes Wort.
  • Aber meine Erkenntnis ist Stückwerk.

Es ist wichtig, dass unser Pendel weder auf der liberalen Seite ausschlägt, auf der wir uns über die Bibel stellen und selbst entscheiden wollen, was darin von Gott ist und was menschlich, was darin richtig ist oder falsch. Unser Pendel darf aber auch nicht auf der anderen Seite ausschlagen. Denn auch der, der behauptet, er wisse haargenau und bis ins Letzte, wie die Bibel auszulegen ist, stellt sich letztlich über die Bibel. Dann wird es tatsächlich eng und gesetzlich. Dann kommt es immer zu Spaltungen, weil irgendeine Speziallehre zu Randthemen sich derart in den Mittelpunkt drängt, dass es die Kirche spaltet. Das ist leider oft passiert in der Kirchengeschichte.

Wir müssen deshalb beides festhalten: Die Schrift ist Gottes unfehlbares Wort. Aber in der Frage, wie die Bibel zu verstehen ist, bleiben wir unser Leben lang Lernende. Das bedeutet es im doppelten Sinne, sich der Schrift unterzuordnen: Die ganze Bibel hoch achten als Gottes unfehlbares Wort. Aber sich zugleich seiner eigenen Fehlbarkeit bewusst bleiben.

Das heißt nicht, dass ständig alles in Frage gestellt werden muss. Die Bibel ist nicht in allen Fragen ein großes Rätsel. In den wichtigen Lehren ist die Bibel so eindeutig und klar, dass auch jeder Laie sie in allen wichtigen Fragen verstehen kann, auch ohne Theologiestudium und ohne wissenschaftliche Kenntnisse.[15] Deshalb dürfen und sollen auch Laien die Bibel lesen und das, was wir daraus verstehen, fröhlich an andere weitergeben.

Was steht auf dem Spiel?

Es ist dringend notwendig, wieder vermehrt über diese Themen zu sprechen, denn mit der Frage nach dem Schriftverständnis steht ungeheuer viel auf dem Spiel:

  • Die Glaubwürdigkeit der kirchlichen Botschaft steht auf dem Spiel. Wenn schon Christen selbst an der Bibel zweifeln, wie soll dann ein Nichtchrist glauben, dass diese Botschaft irgendeine Relevanz für ihn hat?
  • Die Vernehmbarkeit der kirchlichen Botschaft steht auf dem Spiel. Wenn die Kirche nichts mehr Eindeutiges zu sagen weiß, dann kommt diese Botschaft auch nirgends mehr an.
  • Die missionarische Kraft und Dynamik der Kirche steht auf dem Spiel. Denn mit welcher Botschaft soll denn missioniert werden, wenn nicht einmal mehr klar ist, was der Tod Jesu am Kreuz eigentlich zu bedeuten hat und ob Jesus wirklich leiblich auferstanden ist?
  • Die Einheit der Kirche steht auf dem Spiel. Wenn Christen sich nicht einmal mehr beim Glaubensbekenntnis und bei den zentralsten Lehren des Christentums einig sind, worin sollen sie sich denn dann einig sein? In politischen Fragen ganz bestimmt nicht. Das Ausweichen auf das Feld der Politik spaltet die Kirche erst recht.

Deshalb steht insgesamt die Zukunft der Kirche auf dem Spiel. Angesichts von einer Austrittswelle nach der anderen wird die Frage nach der Zukunftsfähigkeit der Kirche ja gerade immer wieder gestellt. Braucht die Kirche vielleicht mehr Digitalisierung? Muss sie sich wieder näher zu den Menschen orientieren? Brauch sie vielleicht mehr soziologische Untersuchungen, um besser zu verstehen, welche Fragen die Menschen bewegen? Oder braucht sie frische Formen von Gemeinde und Gottesdienst? Ja, alles das ist ohne Zweifel gut. Aber es muss uns bewusst sein: Entscheidend ist nicht die Verpackung, entscheidend ist der Inhalt! Wir brauchen uns mit der Verpackung überhaupt nicht zu beschäftigen, solange wir uns nicht im Klaren sind, was eigentlich der Inhalt unserer Botschaft ist.

Ich habe riesengroße Hoffnung für die Zukunft der Kirche Jesu. Ich sehe so viele positive Entwicklungen, die mir Mut machen. Aber ich glaube tatsächlich: Für eine starke Zukunft der Kirche brauchen wir eine neue Ehrfurcht und eine neue Liebe zu Gottes Wort.

In Epheser 2, 20 schreibt Paulus: „Wir sind sein Haus, das auf dem Fundament der Apostel und Propheten erbaut ist mit Christus Jesus selbst als Eckstein.“ Es ist gut, dass wir in einem Land leben, in dem in der Mitte jedes Orts mindestens ein Haus zur Ehre Gottes steht. Aber ich habe Sehnsucht danach, dass diese Häuser aus Stein wieder gefüllt werden mit Häusern aus Menschen, die sich zusammenfügen lassen zu einem Leib Christi, der aus lebendigen Steinen besteht, wie Petrus es ausdrückt (1. Petrus 2, 5). Ich habe Sehnsucht danach, dass an allen Orten geistliche Häuser entstehen, in denen Menschen nach Hause kommen und Heimat finden können bei diesem wundervollen himmlischen Vater, von dem die Bibel berichtet. Ein Ort, an dem Menschen Vergebung finden für ihre Schuld. Ein Ort an dem Menschen das Leben finden, Leben mit Sinn und Ewigkeitsperspektive.

Dafür genügt es nicht, schöne Programme zu gestalten, zu denen viele Menschen kommen. Für ein nachhaltiges Haus müssen wir aufs Fundament achten. Und das Fundament ist die Lehre der Apostel und der Propheten, wie wir sie in der Heiligen Schrift finden. Und der Eckstein, der entscheidende Grundstein ist Jesus Christus selbst, wie er uns in der Bibel geschildert wird. Die praktisch gelebte Liebesbeziehung zu diesem Jesus Christus kombiniert mit dem Gegründet-sein auf dem verlässlichen Wort der Apostel und Propheten: Das gibt diesem geistlichen Haus das Fundament, auf dem es stehen kann und auf dem es auch in Stürmen nicht zerbricht. Lassen Sie uns an allen Orten diese Fundamente wieder bauen, damit geistliche Häuser entstehen, in denen Menschen die Liebe des Vaters, Vergebung, Heil und ewiges Leben finden können. Und lassen Sie uns beten, dass Gott einen Aufbruch schenkt, eine neue Bewegung von Menschen, die Jesus Christus von Herzen lieben, die ihre Bibel kennen und tief in ihr verwurzelt sind.

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Dr. Markus Till, veröffentlicht im Mai 2020

Die Inhalte dieses Artikels wurden zunächst für einen Vortrag erarbeitet, der am 2.11.2019 auf einer Tagung des deutschen christlichen Technikerbunds (DCTB) gehalten wurde. Der Vortrag ist im YouTube-Kanal des Netzwerks Bibel und Bekenntnis abrufbar. Hinweis: Im Vortrag wird mündlich ab 10:49 irrtümlich ein Zitat Gottfried Müller zugeschrieben, das jedoch vom Blogautor Christoph Schmieding stammt. Die Quellenangabe im Artikel gibt Auskunft über die tatsächliche Herkunft des Zitats.

Weiterführend sind im AiGG-Blog (blog.aigg.de) u.a. folgende Artikel erschienen:

Eine umfangreiche Darstellung zum Thema „Postevangelikale“ gibt das Buch „Zeit des Umbruchs“, das im September 2019 bei SCM R. Brockhaus erschie­nen ist. Informationen, Leseproben, Stimmen und Rezensionen zum Buch gibt es unter zeitdesumbruchs.aigg.de.


[1] Torsten Hebel: Freischwimmer. Meine Geschichte von Sehnsucht, Glauben und dem großen, weiten Mehr, Holzgerlingen 2015, S. 113.

[2] Christoph Schmieding: Was ist eigentlich post-evangelikal?, 13.2.2018

[3] Gofi Müller: Flucht aus Evangelikalien. Über Gott, das Leiden und die heilende Kraft der Künste, 2017. S.91

[4] Siegfried Zimmer: „Warum das fundamentalistische Bibelverständnis nicht überzeugen kann“. Vortrag vom 22.6.2014, Heidelberg, ab 7:29

[5] Martin Luther: Assertio omnio articulorum, Vorrede (1520), in: Cochlovius/Zimmerling: Evangelische Schriftauslegung, S. d26 f.

[6] Aus der »Lausanner Verpflichtung zur Weltevangelisation« von 1974

[7] In: „Schrift und Tradition“ und „Die Rolle der Kirche für das Heil“: Katholiken und Evangelikale erkunden Herausforderungen und Möglichkeiten“, 2009-2016, S. 7

[8] Siehe dazu sehr viel ausführlicher der AiGG-Artikel: „Ist die Bibel unfehlbar?“ (blog.aigg.de/?p=4212)

[9] Gerhard Maier: Konkrete Alternativen zur historisch-kritischen Methode, in: Joachim Cochlovius/Peter Zimmerling: Evangelische Schriftauslegung. Ein Quellen- und Arbeitsbuch für Studium und Gemeinde, Wuppertal

1987, S. 305 f.

[10] Siehe dazu den AiGG-Artikel: „Meister der Überlieferung“

[11] Siegfried Zimmer: Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben? Klärung eines Konflikts, Göttingen 2012, S.148.

[12] Siegfried Zimmer: Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben? Klärung eines Konflikts, Göttingen 2012, S. 88.

[13] Siegfried Zimmer: Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben? Klärung eines Konflikts, Göttingen 2012, S. 93.

[14] Gerhard Maier: Biblische Hermeneutik. Witten
1998, S. 149

[15] Siehe dazu der AiGG-Artikel: „Bibel für alle: Die Klarheit der Schrift“ (blog.aigg.de/?p=2190)

Ist Angst das Grundproblem der Menschheit?

Beob­ach­tun­gen zum Wort­haus-Vor­trag von Eugen Dre­wer­mann

Mit Eugen Dre­wer­mann hat sich das Wort­haus-Pro­jekt jüngst einen ech­ten Pro­mi an Bord geholt. Flan­kiert von Sieg­fried Zim­mer und Thor­sten Dietz, den bei­den Haupt­prot­ago­ni­sten von Wort­haus, wur­de dafür eine „Popup-Tagung“ ange­setzt, die am 29.2.2020 in Tübin­gen statt­fand — also gera­de noch recht­zei­tig vor dem Coro­na-Shut­down. Ich war sehr gespannt auf die Bot­schaft die­ses bekann­ten und umstrit­te­nen Theo­lo­gen, der die­ses Jahr immer­hin schon 80 Jah­re alt wird. Mit­te April wur­de der Vor­trag unter dem Titel „Jesus aus Naza­reth – von Krieg zu Frie­den“ in der Wort­haus-Media­thek ver­öf­fent­licht.

Für den Blog “Daniel Option” habe ich den Vortrag inhaltlich zusammengefasst und kommentiert. Der Artikel ist hier zu finden:

https://danieloption.ch/featured/ist-angst-das-grundproblem-der-menschheit/

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10 Gründe, warum ich froh bin, Christ zu sein

Ein runder Geburtstag ist immer ein guter Moment, um Bilanz zu ziehen. Dieses Jahr fiel mir auf, was für ein unglaubliches Privileg es doch ist, Christ sein zu dürfen. Hier kommen meine 10 wichtigsten Gründe dafür:

1. Ich habe eine Schuldmüllabfuhr! Ohne Jesus müsste ich versuchen, mein schlechtes Gewissen zu verdrängen und meinen Mist unter den Teppich zu kehren. Aber auf Dauer lebt es sich nicht gut auf ausgebeulten Teppichen. Wie gut, dass Jesus meinen Schuldschein zerrissen, ans Kreuz geheftet[1] und meine Schuld ins äußerste Meer geworfen hat.[2] Sie ist wirklich getilgt – beglaubigt vom obersten Weltenrichter persönlich. So gut, das zu wissen!

2. Ich habe eine weltweite Familie! Freunde zu haben, ist ja immer schön. Aber hast Du schon mal eine Gemeinschaft erlebt, in der Jesus die Mitte ist? Das fühlt sich für mich eher wie Familie an – Brüder und Schwestern, mit denen ich gemeinsam auf dem Weg bin. Wir teilen unser Leben und unsere Not. Wir beten füreinander. Diese Art von tiefer Verbundenheit habe ich bislang nur unter Christen erlebt. Ich möchte es nicht mehr missen.

3. Musik hat eine neue Dimension! Musikliebhaber war ich schon immer. Aber vor einigen Jahren habe ich Musik kennen gelernt, die nicht nur schön ist sondern dazu eine Ewigkeitsdimension enthält. Sie erhebt meine Seele zu Gott und bringt mich mit meinem himmlischen Vater in Verbindung. Wundervoll! Kein Wunder, dass Christen zu allen Zeiten leidenschaftlich gern gesungen haben.

4. Ich habe eine Informationsquelle, die hinter den Vorhang sieht! Sterben müssen wir alle. Aber was ist dann? Mein Lieblingsbuch, die Bibel, erzählt von einem Mann, der nachweislich von den Toten auferstanden ist. Er sagt: Wenn ich ihm vertraue, werde auch ich mit ihm ewig leben[3] – und feiern! Das nimmt meiner Todesangst die Spitze. Die Perspektive Ewigkeit taucht auch mein Diesseits in ein hoffnungsvolles Licht.

5. Mein Engagement hat ewigen Wert! Welchen Sinn macht es, mich abzurackern, wenn mein letztes Hemd doch keine Taschen hat? Jesus hingegen hat gesagt: Was ich für ihn und in seinem Namen tue, hat für mich und für andere Bedeutung über den Tod hinaus. Ich empfinde es als zutiefst befriedigend, Dinge zu tun, die derart nachhaltig sinnvoll sind. Ich liebe es, ein Leben zu führen, das sich wirklich lohnt.

6. Meine Bedeutung hängt nicht von meiner Leistungsfähigkeit ab! Ich muss kein High-Performer sein, um ein wert-volles Leben zu führen. Selbst wenn meine Kraft zerfällt, wenn kein Mensch mir mehr applaudiert und ich vielleicht nur noch beten kann, bin ich in Gottes Augen immer noch ein bedeutungsvoller Weltbeweger! Das gibt meinem Leben eine Würde, die mir niemand so einfach nehmen kann.

7. Ich bin wie verrückt geliebt! Ich habe einen Vater im Himmel, der mir seine Liebe ultimativ bewiesen hat, indem er in Jesus für mich den schrecklichen Weg ans Kreuz gegangen ist.[4] Er spricht mir zu, sein Sohn zu sein – ein geliebtes Kind des Königs[5], das nicht wegen seines Verhaltens sondern um seiner selbst willen geliebt wird. Mein Durst nach Liebe hat eine Quelle gefunden, die nie versiegt.[6] Welch ein Privileg!

8. Mein Gebetstelefon ist 24/7 verbunden mit dem Zentrum der Macht! Mein Beistand ist nie weiter als ein Gebet von mir entfernt.[7] Und ich weiß, dass Gebet Kraft hat – auch wenn es nicht immer so erhört wird, wie ich mir das wünsche. Oft habe ich erlebt, dass Gott auch heute noch Wunder tut. Wer meint, das seien Zufälle gewesen, täuscht sich. Zu offensichtlich war Gottes Eingreifen. Jesus ist tatsächlich bei mir an jedem Tag – wie er es versprochen hat.[8] Er hilft mir und er gibt mir Kraft. Danke Jesus!

9. Gottes Stoppschilder schützen mich vor Abgründen! Mein himmlischer Vater hat für mich ein paar Dinge zum absoluten Tabu erklärt: Mich mit einer anderen Frau einzulassen. Pornos anschauen. Zu einer Prostituierten gehen. Das und noch manches mehr sind absolute NoGos, über die ich nicht einmal nachdenken sollte. Wie gut! Dass ich heute den Segen einer intakten Ehe und Familie genießen darf, hat ganz sicher auch damit zu tun.

10. Egal, was kommt: Das Beste liegt immer noch vor mir! Je älter ich werde, umso mehr Energie, Gesundheit und Leistungsfähigkeit werde ich verlieren. Umso mehr schwinden meine Möglichkeiten. Trotzdem muss ich nicht fürchten, etwas verpasst zu haben. Ganz egal was kommt: Es gibt immer Hoffnung! Da liegt immer noch ein Leben vor mir, das unfassbar viel schöner ist als alles, was es hier auf dieser Erde zu erleben gibt.

Alles das habe ich mir nicht verdient. Ich bin ja nicht besser als irgendjemand sonst. Diese Privilegien kann man sich auch gar nicht verdienen. Sie sind ausschließlich kostenlos zu haben![9] Was wir Jesus dafür bringen müssen, ist nur unsere Schuld. Das Kreuz ist die Abgabestelle. Dass Jesus dort mein Versagen ausbaden musste, holt mich bis heute von meinem hohen Ross. Und es braucht ein wenig Vertrauen, um ihn zum Mittelpunkt und Bestimmer meines Lebens zu machen. Aber meine Erfahrung ist: Es lohnt sich! Total!

Natürlich gehe auch ich – genau wie alle Menschen – durch schmerzhafte Krisen und tiefe Täler. Christsein ist kein Freifahrtschein für ein unbeschwertes Leben ohne Versagen, Angst, Leid, Enttäuschung und Verlust. Aber in allem, was geschieht, bin ich nicht alleine. Ich kann nicht tiefer fallen als in seine Hand. Ich glaube wirklich: Diese Hoffnung trägt – im Leben und im Sterben.

Falls Du diesen Jesus schon kennst: Vielleicht fallen Dir ja noch mehr Gründe ein, wegen denen Du dankbar bist, Christ zu sein? Dann schreib sie unten in die Kommentare. Und dann lass uns zusammen diesen unglaublich guten Gott feiern und die gute Nachricht verbreiten:

Es gibt einen Ort, der die Sehnsucht stillt. Es gibt ein Zuhaus für jedes Kind der Welt.
Und es gibt einen Vater, der wartet und hofft, dass die Welt ihn erkennt und ihn sucht.
Seine Wohnung ist hier mitten unter uns.

Im Hause des Herrn ist Geborgenheit. Und in seinem Arm geht die Einsamkeit.
Er wischt ab jede Träne, er heilt uns’re Herzen, er reinigt uns von jeder Schuld.
Seine Wohnung ist hier mitten unter uns.

Feiert und tanzt, seine Liebe, die macht uns frei.
Jubelt und jauchzt, sein Erbarmen ist täglich neu.
Er hat uns erlöst aus den Ketten der Schuld.
Er hat uns befreit von Bedrückung und Tod.
Wir sind Kinder des Vaters, erkauft durch sein teures Blut.


[1] Kolosser 2, 14: „Er hat die Liste der Anklagen gegen uns gelöscht; er hat die Anklageschrift genommen und vernichtet, indem er sie ans Kreuz genagelt hat.“

[2] Micha 7, 19: „Er wirft alle unsere Sünden ins tiefste Meer.“

[3] Johannes 14, 19: „Ich lebe, und ihr sollt auch leben.“

[4] Johannes 3, 16: „Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern das ewige Leben hat.“

[5] Römer 8, 15: „Wir sind doch Kinder Gottes geworden und dürfen ihn »Abba, Vater« rufen.“

[6] Johannes 4, 14: „Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, der wird niemals mehr Durst haben.“

[7] Psalm 50, 15: „Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten, und du sollst mich preisen.“

[8] Matthäus 28, 20: „Ich versichere euch: Ich bin immer bei euch bis ans Ende der Zeit.“

[9] Jesaja 55, 1: „Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch!“

Starke Argumente – Warum es auch heute noch vernünftig ist, der Bibel zu vertrauen

Die Inhalte dieses Artikels sind auf YouTube als Vortrag verfügbar, der am 1.11.2019 bei einer Tagung des deutschen christlichen Techniker-Bunds (DCTB) gehalten wurde.

Der Artikel steht auch als PDF zum Download bereit.

Lange Zeit war der Blick auf die Bibel in der akademischen Welt geprägt von einem Wissenschaftsbegriff, der es Wissenschaftlern prinzipiell unmöglich machte, mit übernatürlichen Ereignissen, mit göttlicher Offenbarung oder mit vorhersagender Prophetie zu rechnen. Die Folgen für die Theologie und die Kirche waren umwälzend. Zentrale Bekenntnisse des Christentums wurden in Frage gestellt oder umgedeutet. Völlig aus dem Blick gerieten zudem die vielen Argumente dafür, dass die Existenz und die Botschaft der Bibel ein Wunder ist, das mit menschlichen Mitteln nicht erklärt werden kann.

Seit der Aufklärung ist der akademische Wissenschaftsbegriff geprägt von einem starken oder zumindest schwachen bzw. methodischen Naturalismus. Das heißt: Die Wissenschaft hat sich der Selbstbeschränkung unterworfen, hinter allen Phänomenen prinzipiell eine natürliche Ursache zu vermuten. Die Bibel unterstützt diese Sichtweise! Denn sie trennt strikt zwischen Schöpfer und Schöpfung. Allerdings macht die Bibel auch deutlich: Punktuell nimmt sich der Schöpfer durchaus die Freiheit, übernatürlich ins Weltgeschehen einzugreifen.[1] Das gilt besonders für die Erschaffung der Welt. Aber auch danach berichtet die Bibel immer wieder von punktuellen Eingriffen Gottes ins Weltgeschehen, z.B. beim Auszug Israels aus Ägpyten oder bei der Auferstehung Jesu. Zudem behaupten die biblischen Autoren, dass Gott auch bei der Entstehung der biblischen Texte intensiv beteiligt war.

Die Bibel erforschen, „als ob es Gott nicht gäbe“?

Für Theologen, die mit dem vorherrschenden naturalistisch geprägten Wissenschaftsbegriff die Bibel erforschen wollen, hat das weitreichende Konsequenzen. In ihrer Forschung werden sie gezwungen, prinzipiell nicht damit zu rechnen, dass Gott direkt und unter Aufhebung der Naturgesetze ins Weltgeschehen eingegriffen hat. Sie müssen die Bibel so zu untersuchen, „als ob es Gott nicht gäbe“ („etsi deus non daretur“). Dabei glauben Theologen, die so arbeiten, durchaus daran, dass es Gott gibt. Aber in der praktischen Bibelforschung dürfen sie direkte göttliche Eingriffe ins Weltgeschehen nicht in ihre Überlegungen einbeziehen.

Zudem galt auch in der Bibelwissenschaft zunehmend die aufklärerische Maxime, dass nüchterne Wissenschaft jeden Forschungsgegenstand prinzipiell dem wissenschaftlichen Zweifel, also dem Urteil der menschlichen Vernunft, unterwerfen muss. Das wäre aber nicht möglich, wenn die Bibel eine göttliche Offenbarung wäre – denn göttliche Offenbarung kann nun einmal nicht kritisieren werden. Dann wäre die Theologie aber nach aufklärerischem Verständnis keine Wissenschaft mehr. Dann hätte sie auch an den Universitäten nichts mehr zu suchen.

Deshalb trifft es zu, wenn der finnische Professor Tapio Puolimatka schreibt: „Wenn Theologen zum Ausgangspunkt ihrer Forschung nehmen würden, dass Gott gesprochen habe und dass man Gottes Sprechen erkennen und verstehen könne, dann würden sie in einen Konflikt mit der breiten wissenschaftlichen Öffentlichkeit geraten.“[2]

Ein Gott, der spricht und verstanden wird, der somit das Weltgeschehen ganz direkt beeinflusst, der passt nicht ins Weltbild des (schwachen) Naturalismus. Diese faktische Selbstbeschränkung auf einen methodischen Naturalismus hatte ohne Zweifel gewaltige Konsequenzen für die Theologie und folglich auch für die Kirche.

4 Konsequenzen des methodischen Naturalismus für die Theologie

Das „Arbeitsbuch zum Neuen Testament“ von den Professoren Hans Conzelmann und Andreas Lindemann liegt mittlerweile in der 14. Auflage vor. Vor allem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde es an den Universitäten vielfach in der studentischen Ausbildung eingesetzt. Aktuell wird an der 15. Auflage gearbeitet. Das Buch ist also durchaus nach wie vor aktuell.

Natürlich denken bei weitem nicht alle Theologen wie Conzelmann und Lindemann. Aber ohne Zweifel hatten diese beiden Theologen in den vergangenen Jahrzehnten erheblichen Einfluss. Besonders deutlich wurde die Denkweise von Prof. Lindemann in einem Interview, das er 1999 dem Magazin Spiegel gegeben hat.[3] Das Arbeitsbuch zum Neuen Testament und dieses Spiegel-Interview eignen sich besonders gut, um die Konsequenzen des methodischen Naturalismus für die Theologie nachzuvollziehen.

1.   Die Bibel kann keine übernatürliche Offenbarung sein!

Wenn Gott nicht direkt ins Weltgeschehen eingreift, dann kann die Bibel natürlich keine göttliche Offenbarung sein. Stattdessen gehen Prof. Conzelmann und Prof. Lindemann von einer anderen Sichtweise auf die Bibel aus. In ihrem Arbeitsbuch schreiben sie: „Die biblischen Texte werden methodisch nicht anders behandelt als andere literarische Zeugnisse, insbesondere solche der Antike. … Die Bibel enthält geschichtlich entstandene Dokumente, die – in großer Vielfalt theologischer Meinungen – den jüdischen bzw. christlichen Glauben bezeugen und darstellen.“ (S. 3)

Die Konsequenz ist klar: Wenn die Bibel keine göttliche Offenbarung ist sondern ein Buch wie jedes andere, dann wissen wir letztlich nichts Gesichertes über Gott, über Jesus und über die ewigen Fragen. Die Naturwissenschaft kann bei solchen Fragen schon aus methodischen Gründen nicht weiterhelfen. Denn Gott ist „transzendent“, d.h. er steht als Schöpfer jenseits dieser Welt – genau wie ein Regisseur hinter einem Film steht, im Film selbst aber nicht zu sehen ist. Auch wenn wir den Inhalt eines Films ganz genau erforschen – seine Handlung, die Schauspieler, die Kulissen, die Musik und die Spezialeffekte – wissen wir trotzdem so gut wie nichts über den Regisseur. Wir können zwar spekulieren, was uns der Film vielleicht über das Wesen des Regisseurs sagen könnte. Aber das bleibt Spekulation – es sei denn, der Regisseur baut sich selbst in eine Filmszene ein, so wie es Alfred Hitchcock regelmäßig getan hat. Noch viel mehr erfahren wir, wenn dem Film ein „Making of“ mit einem Interview des Regisseurs beigefügt wird. Nur wenn der Regisseur sich offenbart, können wir etwas verlässliches über ihn herausfinden. Ohne eine solche Offenbarung bleibt alles Spekulation.

So ist es auch bei Gott. Wir wissen nichts über ihn – außer das, was uns die Bibel offenbart. Wenn die Bibel aber gar keine Offenbarung sondern nur ein Werk mit sich widersprechenden menschlichen Meinungen ist, dann bleibt es unserer subjektiven Einschätzung überlassen, ob wir der Bibel folgen wollen oder nicht – und dann bleibt letztlich alles subjektive Spekulation. Dann verlieren die Theologie und die Kirche letztlich ihre Grundlage, weil sie über diesen Gott überhaupt nichts Verlässliches wissen oder sagen kann.

2.   Die biblischen Wundergeschichten können nicht historisch sein!

Eine 2. Konsequenz ist: Wenn Gott nicht wundersam in die Weltgeschichte eingreift, dann können die biblischen Wundergeschichten nicht historisch sein. Entsprechend äußert Prof. Lindemann im Spiegel-Interview: „Ich halte es für ausgeschlossen, dass Jesus die …  genannten Wunder getan hat. Solche Erzählungen gab es damals auch über andere große Männer.“

Was ist die Konsequenz dieser Annahme? Wenn die biblischen Wundergeschichten nicht geschehen sind, dann ist die Kernaussage des Johannesevangeliums, dass die Wunder Jesus als Messias ausweisen, falsch: „Noch viele andere Zeichen tat Jesus vor seinen Jüngern, die nicht geschrieben sind in diesem Buch. Diese aber sind geschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes.“ (Joh. 20, 31)

Als Johannes, der Täufer, Zweifel bekam, ob Jesus wirklich der Messias ist, schickte er aus dem Gefängnis heraus seine Jünger zu Jesus und ließ ihn fragen: Bist du der, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten? Die Antwort Jesu unterstreicht, wie entscheidend wichtig die Wunder dem Evangelienschreiber sind: „Geht hin und sagt Johannes, was ihr hört und seht: Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf.“ (Luk. 7, 22) Jesus machte also deutlich: Gerade diese Wunder sind es, die Jesus als den von den Propheten angekündigten Messias ausweisen.

Eine weitere Konsequenz ist deshalb: Wenn die biblischen Wundergeschichten nicht geschehen sind, dann sind die biblischen Texte insgesamt nicht vertrauenswürdig, weil sie selbst viele Wundergeschichten eindeutig als historische Geschehnisse einstufen. Oft wird zwar behauptet, es sei für den Glauben und die theologische Aussage der biblischen Texte nicht relevant, ob diese Wunder wirklich passiert sind oder ob diese Geschichten als Gleichnisse zu verstehen sind. Die Texte selbst machen aber immer wieder deutlich, dass sie tatsächlich historisch verstanden werden wollen. Und die Tatsächlichkeit der Wunder ist ein wesentlicher Teil ihrer theologischen Aussage! Deshalb werden die Texte zwangsläufig unglaubwürdig, wenn die Wunder nicht wirklich geschehen sind. Und deshalb wird auch die theologische Aussage der Texte ausgehöhlt, wenn man mit der historischen Tatsächlichkeit der Wunder nicht rechnen möchte. Besonders dramatisch wirkt sich das bei der Auferstehung Jesu aus:

3.   Jesus kann nicht leiblich von den Toten auferstanden sein!

Wenn Gott nicht in die Geschichte eingreift, dann kann Jesus auch nicht leiblich von den Toten auferstanden sein. Zumindest in der praktischen Forschung müssen Theologen dann von natürlichen Ursachen für die Entstehung des Osterglaubens ausgehen. Aber welche Ursachen könnten das sein? Die Jünger könnten Visionen oder Halluzinationen gehabt haben. Sie könnten sich selbst etwas eingeredet haben. Oder sie könnten ihr Festhalten an den Ideen und den Lehren Jesu mit dem Bild von der Auferstehung verknüpft haben.

Solche Theorien haben lange Zeit breiten Raum in der Theologie eingenommen. Conzelmann und Lindemann schreiben dazu: „Die immer wieder diskutierte Frage, ob die Auferstehung Jesu ein „historisches Ereignis“ sei, ist von vornherein abzuweisen.“ (S. 524) Im Spiegel-Interview wird Prof. Lindemann noch deutlicher: „Man würde auf dem Film die von Paulus erwähnten Menschen (die den Auferstandenen gesehen haben), vielleicht ihre Reaktionen, aber gewiss kein filmisch wahrnehmbares Gegenüber sehen.“

Wichtig ist, festzuhalten: Solche Theorien wurden nicht etwa aus einer genaueren Analyse der biblischen Texte abgeleitet, denn diese geben solche Deutungen ganz sicher nicht her. In den biblischen Ostergeschichten haben die Jünger Jesus angefasst. Sie haben mit ihm gesprochen. Sie haben mit ihm zusammen gegessen. Sie haben vom leeren Grab berichtet. Wenn Theologen trotz dieser absolut eindeutigen Texte zu dem Schluss kommen, die Auferstehung wäre nur eine Vision gewesen, dann steht dahinter besonders offenkundig die außerwissenschaftliche Denkannahme, dass es so etwas wie eine Auferstehung von den Toten aus biologischen Gründen eben nicht geben kann.

Die Konsequenz für den christlichen Glauben ist dramatisch. Denn wenn das Grab nicht leer war, verliert die christliche Auferstehungshoffnung im Kern ihre Basis. Die Bibel macht den Gläubigen ja ebenfalls Hoffnung auf eine eigene Auferstehung. Dabei gründet sie die Auferstehungshoffnung für die Christen auf die Auferstehung Jesu! Wie sollen wir auf unsere eigene Auferstehung hoffen, wenn Paulus schon in Bezug auf die Auferstehung Jesu geirrt hat? Entsprechend spricht Paulus dann auch Klartext, wenn er sagt: Wenn Jesus nicht auferstanden ist, „dann ist euer Glaube nutzlos …, dann lasst uns Feste feiern und uns betrinken, denn morgen sterben wir!“ (1. Korinther 15, 17+32) Die Auferstehungshoffnung stand von Beginn an im innersten Zentrum des christlichen Glaubens. Sie hat dazu geführt, dass sich das Christentum trotz massiver Verfolgung so rasant ausbreiten konnte. Wer die Botschaft vom leeren Grab durchstreicht, streicht die christliche Hoffnungsbotschaft im Kern durch.

4.   Es wird nicht mit vorhersagender Prophetie gerechnet!

Wenn Gott nicht in die Geschichte eingreift, dann gibt es auch keine vorhersagende Prophetie. So schreiben Conzelmann und Lindemann zum Beispiel: „Ebenso wie Matthäus (und wohl auch Markus) ist Lukas jedenfalls nach 70 verfasst worden; in Lk. 21,10 ist unmissverständlich auf die Belagerung Jerusalems am Ende des Jüdischen Krieges und auf die Zerstörung der Stadt angespielt.“ (S. 343) Die Autoren befassen sich in diesem Abschnitt mit der Frage: Wann sind eigentlich die Evangelien verfasst worden? Und ihre Argumentation lautet: Im Lukasevangelium spricht Jesus von der Belagerung und Zerstörung Jerusalems und des Tempels. Das ereignete sich im Jahr 70 nach Christus. Deshalb – so die Schlussfolgerung – müssen die Evangelien nach 70 nach Christus geschrieben worden sein. Denn erst da wusste man ja von dieser Zerstörung.

Dieses Argument ist für Conzelmann und Lindemann so stark, dass andere Argumente für eine frühere Entstehung der Evangelien gar nicht erst diskutiert werden: Denken wir nur an die Apostelgeschichte, die ganz plötzlich noch zu Lebzeiten des Paulus endet. Paulus starb etwa Mitte der 60iger Jahre den Märtyrertod. Warum hört die Apostelgeschichte vorher auf? Warum schrieb Lukas zwar ausführlich über den Märtyrertod von Stephanus, während er den Tod von Paulus und Petrus mit keinem Wort erwähnt? Warum kommt insgesamt die Zerstörung Jerusalems und des Tempels abgesehen von diesen prophetischen Ankündigungen nirgends vor im Neuen Testament? Dazu muss man sich vor Augen führen: Die Zerstörung des Tempels war sicher ein extrem traumatisches Erlebnis für alle Juden. Dass dieses Ereignis nirgends erwähnt wird ist eigentlich ein mächtiges Argument für eine frühere Datierung. Aber das zählt natürlich nicht, wenn man die Denkvoraussetzung hat, dass es vorhersagende Prophetie nicht gibt.

Aber der Ausschluss vorhersagender Prophetie hat noch mehr dramatische Konsequenzen: Wenn es keine biblischen Vorhersagen gibt, dann sind etwa 30 % der biblischen Texte eine Vorspiegelung falscher Fähigkeiten. Die Bibel ist schließlich voll von Prophetien und Vorhersagen und von der Behauptung, dass Vorhersagen sich tatsächlich erfüllt haben. Sie warnt sogar selbst vor falschen Propheten, die nur vortäuschen, etwas über die Zukunft zu wissen (z.B. 5. Mose 18, 22). Wenn aber die biblischen Propheten selbst nichts über die Zukunft wussten und zugleich vor falschen Propheten gewarnt haben, die nichts über die Zukunft wissen, dann müssten wir ihnen einen äußerst fragwürdigen Charakter unterstellen.

Eine weitere Konsequenz aus der Ablehnung vorhersagender Prophetie ist, dass die biblischen Texte erst spät nach den prophezeiten Ereignissen entstanden sind oder zumindest nachträglich manipuliert wurden. In der Folge sind dann auch die Evangelien keine Augenzeugenberichte mehr, weil sie erst viele Jahrzehnte nach Jesu Tod aufgeschrieben wurden. Die Konsequenz daraus ist, dass die Evangelien nicht den historischen Jesus zeigen sondern nur die Vorstellungen der urchristlichen Gemeinde über Jesus beschreiben. Prof. Lindemann sagt dazu im Interview: Dass es sich bei den Evangelien um Lebensbeschreibungen Jesu handelt, wird „seit Jahrzehnten von keinem ernst zu nehmenden Exegeten mehr behauptet.“ Ganz offenkundig handelte es sich bei dieser Sichtweise also nicht etwa um eine Außenseiterposition sondern vielmehr um den Mainstream in der universitären Theologie. Aber wie können wir einem Jesus vertrauen, von dem wir nichts Verlässliches wissen, weil die einzigen Aufzeichnungen über ihn religiös ausgeschmückte, verfälschte Geschichten sind? Ich könnte das jedenfalls nicht. Und ich habe Verständnis, dass viele Zeitgenossen in Bezug auf die Bibel abschalten und aus der Kirche austreten, wenn sie solche Äußerungen von Theologen hören.

Angesichts derart dramatischer Konsequenzen für den christlichen Glauben und die Kirche stellt sich umso mehr die Frage:

Hat sich der methodische Naturalismus in der Bibelwissenschaft bewährt?

Anders gefragt: Hat es sich denn gelohnt, diesen hohen Preis in der Theologie zu bezahlen? Eine gute wissenschaftliche Theorie zeigt sich ja daran, dass sie sich mit der Zeit verfestigt, dass sie immer stabiler wird, dass sie Vorhersagen machen kann, die dann auch tatsächlich eintreffen und dass unterschiedliche Wissenschaftler bei der Erforschung des gleichen Gegenstands zu den gleichen Schlüssen kommen. Ist das so in der universitären Bibelwissenschaft? Können wir das beobachten in der vom methodischen Naturalismus geprägten Theologie? Haben wir heute mehr Klarheit darüber, worin die Botschaft der Bibel besteht und wie ihre Texte auszulegen sind? Haben wir mehr Klarheit, was eigentlich das Evangelium ist und was im Zentrum der christlichen Botschaft steht? Und haben wir heute ein genaueres Bild vom historischen Jesus und von dem, was Jesus wirklich gelehrt und verkündigt hat? Sah Jesus sich selbst als Messias oder nicht? Wollte er eine Kirche gründen oder nicht? War Maria wirklich Jungfrau? War sein Tod ein bewusstes, stellvertretendes Sühneopfer oder war Jesus einfach ein Opfer der römischen Justiz? Ist Jesus wirklich auferstanden? Oder haben die Jünger nur Visionen gesehen? War das Grab wirklich leer? All das sind ja keine Randthemen des christlichen Glaubens. Und doch ist die Vielfalt an Meinungen zu allen diesen Themen und Fragestellungen fast unübersehbar. Der Theologe Prof. Heinzpeter Hempelmann schrieb deshalb:

„Wenn die Anwendung eines methodischen Instrumentariums bei der Auslegung biblischer Texte zu völlig unterschiedlichen und sogar gegensätzlichen Ergebnissen führt, gibt dies …  Anlass zur Rückfrage nach der Stringenz des Methodenkanons. … Christlicher Glaube und christliche Kirche haben seit nunmehr fast 2000 Jahren sehr genau gewusst, wovon im Neuen und Alten Testament die Rede ist, und genau dies hat diese religions-geschichtlich einzigartige Bewegung zur Bewegung gemacht und bis heute in Bewegung gehalten. Wenn wir dies heute mit unseren Methoden nicht mehr einzuholen wissen, … wenn neutestamentliche Exegese nicht mehr sagen kann oder will, wer der Jesus des Neuen Testamentes historisch ist, dann ist das bezeichnend für heutige Wissenschaft vom Neuen Testament.“[4]

Wenn Prof. Hempelmann mit dieser Aussage recht hat, dann müssten wir eigentlich konsequenterweise sagen: Nein, das spricht nicht dafür, dass die moderne historisch-kritische Methode ein erfolgreicher wissenschaftlicher Ansatz ist. Das wäre ein guter Grund, diesen methodischen Ansatz in Frage zu stellen, weil er keine stabilen Ergebnisse zu den zentralen Fragen der Bibelauslegung liefern kann.

10 Argumente für die Glaubwürdigkeit, Verlässlichkeit und Offenbarungsqualität der Bibel

Eine weitere Konsequenz des methodischen Naturalismus in der Theologie ist, dass Argumente für die Glaubwürdigkeit, Verlässlichkeit und Offenbarungsqualität der Bibel gar nicht erst diskutiert werden. Wer schon vor Beginn seiner Forschung die Vorentscheidung getroffen hat, dass es keine Wunder und keine Offenbarung gibt, der braucht sich mit Argumenten für die Historizität der Wunder und der Offenbarungsqualität der Bibel erst gar nicht auseinandersetzen. Denn das wäre ja unwissenschaftlich. Wie Schade! Denn in Wahrheit gibt es phantastische Argumente dafür, dass die Bibel tatsächlich ein Wunder göttlicher Offenbarung ist. 10 dieser Argumente wollen wir nun genauer betrachten:

1.   Die einzigartige Überlieferungs­qualität

Die ältesten Abschriften bekannter antiker Texte wie z.B. die Annalen von Tacitus oder die Ilias von Homer sind mindestens 400 Jahre jünger als das Original. Oft ist die Zeitdifferenz zwischen der Abfassung der Texte und der ältesten erhaltenen Abschrift noch viel größer. In allen Fällen haben wir nur relativ wenige historische Abschriften.

Beim Neuen Testament sieht das vollkommen anders aus. Die ältesten Abschriften, die wir heute noch besitzen, sind nur etwa 60 Jahre nach den Originalen entstanden. Dazu kommt: Es gibt ganze Berge von antiken Zeugnissen! Wir verfügen heute über ca. 5700 griechische Handschriften. Dazu kommen Übersetzungen ins Lateinische und in andere Sprachen sowie zahllose Zitate in antiken Schriften.

Das heißt: Die Qualität der Überlieferung des Neuen Testaments spielt im Vergleich zu allen anderen antiken Schriften in einer ganz eigenen Liga! Kein anderes Dokument ist auch nur annähernd so verlässlich überliefert wie das Neue Testament.

An der Universität Münster werden alle diese Textzeugnisse genau ausgewertet mit dem Ziel, einen möglichst genauen Urtext zu rekonstruieren. Das Zwischenergebnis ist: 99,9 % des Textes hat sich als absolut zuverlässig erwiesen! Der Projektleiter Prof. Holger Strutwolf sagt: „Insgesamt ist die Überlieferung der Bibel sehr gut und sehr treu. In den theologischen Punkten gibt es unter den Abertausenden Handschriften kaum Abweichungen.“ [5] Anders ausgedrückt: Wir können uns darauf verlassen, dass das, was wir heute lesen, tatsächlich das ist, was die biblischen Autoren damals geschrieben haben!

2.   Die Texteigenschaften authentischer Augenzeugenberichte

Die sehr gute Qualität der Überlieferung muss allerdings noch nicht heißen, dass ihre Inhalte zuverlässig sind. Haben sich die biblischen Autoren vielleicht nur lückenhaft erinnert, vieles verdreht und verwechselt?

Dagegen sprechen einige Eigenschaften des Textes im Neuen Testament, die darauf hindeuten, dass hier tatsächlich Augenzeugen geschrieben haben. Besonders eindrücklich ist die korrekte Häufigkeit der Namen und die richtige Namensverteilung in den Evangelien. Die Verwendung von Namen war schon immer eine Frage des Geschmacks, der einem starken Wandel unterlag. Durch die Auswertung von Gräbern konnte inzwischen recht gut rekonstruiert werden, welche Namen zur Zeit des Neuen Testaments besonders in Mode waren: 15,6 % aller Männer trugen die 2 häufigsten männlichen Namen Simon und Joseph. 28 % aller Frauen hießen entweder Maria und Salome. Dieser Befund deckt sich sehr genau mit der Häufigkeit der Namen im Neuen Testament. Besonders erstaunlich ist: Der Vergleich der 9 häufigsten Männernamen der damaligen Zeit mit den 9 häufigsten Männernamen im Neuen Testament deckt sich das sogar ganz hervorragend.

Das ist deshalb so bedeutsam, weil man eine genaue Namensverteilung Jahrzehnte später nicht mehr rekonstruieren kann. Ganz offenkundig haben hier also Leute geschrieben, die genau wussten, wie die Leute, die in den Geschichten vorkamen, tatsächlich hießen.

Das gleiche gilt für die zahlreichen Ortsnamen, die wir in den Evangelien finden. Interessant ist dabei der Vergleich mit den apokryphen Evangelien: Dort kommen Ortsnamen nämlich kaum vor! Das zeigt: Ortsnamen verwendet man nur, wenn man sich wirklich auskennt. Leute, die einen Bericht sehr viel später verfassen, können sich an solche Details ganz offenkundig nicht mehr erinnern.

Darüber hinaus enthält das Neue Testament zahlreiche korrekte historische Angaben. Prof. Puolimatka zitiert dazu den Forscher Colin Hemer, der die Kapitel 13 – 28 der Apostelgeschichte auf historisch überprüfbare Angaben ausgewertet hat. Im Ergebnis konnte Hemer in den 16 Kapiteln 84 korrekte historische Angaben nachweisen.[6] Das zeigt: Hier schreibt jemand, der wirklich dabei gewesen ist und entweder selbst Augenzeuge war oder aber seine Berichte auf Basis von Augenzeugenberichten erstellt hat, so wie Lukas das ja auch selbst von seinen Berichten behauptet hat.[7]

3.   Der enorme Erfolg in der Zeit und der Region der Augenzeugen

Es ist relativ einfach, wilde Geschichten über Ereignisse in weit entfernten Regionen in längst vergangenen Zeiten zu verbreiten, weil sie von niemand überprüft werden können. Ganz anders ist das bei Berichten über Ereignisse, die in der eigenen Zeit und der eigenen Region stattgefunden haben. Trotz dieser Überprüfbarkeit haben sich die biblischen Berichte in der Zeit und der Region der Augenzeugen extrem schnell ausgebreitet. Der römische Geschichtsschreiber Tacitus berichtet, dass Kaiser Nero bereits im Jahr 64 nach Christus den Christen den Brand Roms in die Schuhe geschoben hat. Das heißt: Trotz fehlender Kommunikations- und Verkehrsmittel hatte sich die christliche Botschaft bereits 30 Jahre nach Jesu Tod bis ins weit entfernte Rom derart erfolgreich ausgebreitet, dass Nero sich genötigt fühlte, dieser neuen Religion einen kräftigen Dämpfer zu verpassen!

Der Althistoriker Dr. Jürgen Spieß berichtet, dass es unter Historikern völlig unbestritten ist, dass sich das Leben der Nachfolger Jesu in einem unglaublichen Ausmaß umgekrempelt hat. Bei sehr vielen Menschen gab es ganz offenkundig einen drastischen Bruch mit fest verankerten Traditionen. Besonders erstaunlich ist die Tatsache, dass so viele streng monotheistische Juden plötzlich begannen, den gekreuzigten Jesus als Gott anzubeten! Damals hatte Tradition eine sehr viel stärkere Bindungskraft als heute. Für einen derart drastischen Traditionsbruch fehlt bis heute jede natürliche Erklärung![8]

4.   Die extreme Opferbereitschaft der Zeugen

Der Geschichtsschreiber Tacitus berichtet eindrücklich von der grausamen Christenverfolgung in Rom: „Nero gab denen, die … das Volk Christen nannte, die Schuld und belegte sie mit den ausgesuchtesten Strafen. … In Felle wilder Tiere eingenäht wurden sie von Hunden zerfleischt oder mussten ans Kreuz geschlagen und angezündet nach Einbruch der Dunkelheit als nächtliche Beleuchtung brennen.“

Der Bericht von Tacitus ist nur einer von vielen Belegen, die zeigen: Die erste christliche Generation war einem brutalen Verfolgungsdruck ausgesetzt. Die meisten der Jünger Jesu starben den Märtyrertod. Der jüdische Geschichtsschreiber Josephus berichtet, dass auch Jakobus, der leibliche Bruder Jesu, der die Gemeinde in Jerusalem mit geleitet hat, den Märtyrertod für seinen Glauben an Jesus starb. Ist eine derartige Opferbereitschaft überhaupt denkbar, wenn Jesus nicht tatsächlich sichtbar auferstanden ist?

Die Jünger Jesu (und erst recht sein leiblicher Bruder Jakobus) wussten genau, ob die Botschaft von der Auferstehung stimmt oder ob es sich um eine Lüge handelt. Diese Menschen haben nicht nur ihr Leben umgekrempelt, sie haben nicht nur ihre Tradition über Bord geworfen, sie waren auch noch bereit, für diese Botschaft in den Tod zu gehen. Kann man all das wirklich durch eine Lüge oder durch einen psychologischen Effekt erklären?

5.   Das ungewöhnliche, unpopuläre Gottesbild

Zumal man eine Lüge normalerweise nur dann in die Welt setzt, wenn man sie für erfolgversprechend hält und man sich von ihr einen Vorteil verspricht. Aber was für ein Vorteil sollte das bei der Botschaft der ersten Christen gewesen sein? Ihre Botschaft war doch extrem seltsam: Ein göttlicher König, der weitgehend unbemerkt bei unbedeutenden Leuten in einem Stall geboren und dann am Kreuz ermordet wird. Im 5. Mose 21, 23 ist zu lesen: „Ein [am Holz] Aufgehängter ist verflucht bei Gott.“ Der Kreuzestod wurde in der damaligen Kultur so verachtet, dass es bis zum 4. Jahrhundert gedauert hat, bis das Kreuz zunehmend zum Symbol der Christen wurde. Es ist somit kein Wunder, dass Paulus schrieb: „Wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit.“ (1. Kor. 1, 23) Die Botschaft vom gekreuzigten Gott war also alles andere als attraktiv! Sie war im Gegenteil eine Provokation und ein Ärgernis. Und trotzdem war sie unfassbar erfolgreich, so dass reihenweise Menschen bereit waren, für diese Botschaft zu sterben. Wie kann man sich das erklären außer dadurch, dass die Ereignisse, die im neuen Testament geschildert werden, wirklich geschehen sind und dass Jesus wirklich von den Toten auferstanden ist?

6.   Die drastische Ehrlichkeit und
fehlende Idealisierung

Geschichtsschreiber wurden in der Antike oft von Herrschern beauftragt oder zumindest streng kontrolliert. Deshalb wurden viele Herrscher zu Helden oder gar zu Göttern verklärt. Deshalb wurden viele Herrscher zu Helden oder gar zu Göttern verklärt. Dazu wurde die eigene Nation oft heroisiert und so dargestellt, als wäre ihre Geschichte voll von ruhmreichen Heldentaten. Wir kennen das auch von heutigen Diktatoren. Nicht so in der Bibel! In ihr finden wir keine idealisierten Überflieger. In ihr finden wir nur Menschen mit Stärken und Schwächen.

Selbst die größten Helden der biblischen Geschichte blamieren sich reihenweise bis auf die Knochen: Noah hat sich betrunken. Abraham, der Vater des Glaubens, hat seine Frau mehrfach feige im Stich gelassen. Die Karriere Jakobs, des Namensgebers Israels, basierte auf einem Betrug. Mose war ein Mörder. Das Volk Israel war glaubensschwach und untreu. König David war ein Ehebrecher und Mörder. Der weise König Salomo betete Götzen an. Petrus hat Jesus verleugnet. Paulus hat sich mit Barnabas und Petrus zerstritten…

Besonders auffällig: Frauen waren die ersten Zeugen der Auferstehung! Das ist bemerkenswert, denn das Zeugnis von Frauen galt damals als wertlos.[9] Wer seine Mitmenschen von der Auferstehung überzeugen wollte brauchte also Männer als Zeugen. Und wer Andere von der Autorität und dem Vorbildcharakter eines Abraham, Jakob oder Petrus überzeugen will, braucht Helden statt Versager. Trotzdem ist die Bibel durchgängig ehrlich und realistisch. Sie hat diesen einzigartigen Klang der Wahrheit, der sie von allen Epen und Heldengeschichten unterscheidet.

7.   Die durchgängige Geschichte

Die Bibel besteht aus 66 Büchern. Sie wurde von mindestens 40 Autoren verfasst, die über einen Zeitraum von etwa 1600 Jahren in völlig verschiedenen Kulturen gelebt haben. Trotzdem enthält die Bibel eine durchgängige, sich immer weiter entfaltende Geschichte. Sie beginnt damit, wie die Beziehung zwischen Gott und Menschen zerbricht. Und sie endet damit, wie diese Beziehung wiederhergestellt wird und Gott wieder bei den Menschen wohnt. Durchgängig schildert die Bibel diesen heiligen und zugleich liebenden Gott, der alles dafür tut, um die Beziehung zu den Menschen wiederherzustellen. Schon auf den ersten Seiten beginnen die Hinweise auf einen geheimnisvollen Nachkommen Evas, der zwar von der Schlange gebissen, ihr aber den Kopf zertreten wird. (1. Mose 3, 15) Danach folgt die Bibel durchgängig immer dieser einen Abstammungslinie, die schlussendlich zu Jesus führt.

Insgesamt finden sich etwa 63.000 Querverweise in der Bibel. Grafisch dargestellt wird deutlich: Die Bibel ist ein Gesamtkunstwerk, in dem jeder Text mit vielen anderen Texten verknüpft ist. Die große Frage ist: Wer hat in diesem Buch die Regie geführt? Wer hat den roten Faden durch dieses Buch gelegt? Wer hat darauf geachtet, dass alle 40 Autoren an dieser einen Geschichte weiterschreiben?

8.   Die zahllosen erfüllten Vorhersagen

Die Bibel ist ein Buch, das ein gewaltiges Risiko eingeht. Etwa 30 % der biblischen Texte enthalten prophetische Vorhersagen für die Zukunft. Zugleich wird immer wieder gewarnt: Wenn Vorhersagen nicht eintreffen, dann müssen die Propheten verworfen werden. Es ist höchst gefährlich, solche Texte zu schreiben, wenn man die Zukunft nicht wirklich vorhersehen kann. Die Bibel ist dieses Risiko eingegangen. Und das Gewaltige ist: Tatsächlich haben sich zahllose Vorhersagen der Bibel buchstäblich erfüllt:

Der Prophet Jesaja sagte nicht nur voraus, dass der Tempel zerstört wird, sondern auch, dass er später wieder aufgebaut wird. Er nannte sogar den Namen des Herrschers Kyrus, der diesen Wiederaufbau voranbringen wird (Jes. 44, 28).

Der Prophet Daniel sagte die nach ihm kommenden 4 Weltreiche voraus. Über Jesus gibt es zahlreiche Vorhersagen: Die Geburt in Betlehem (Micha 5, 1), die Abstammung aus dem Stamm Juda (1. Mose 49, 10), der Einzug in Jerusalem auf einem Esel (Sacharja 9, 9) sowie viele Details und sogar der Zeitpunkt der Kreuzigung (Psalm 22, Jesaja 53, Daniel 9, 24-27[10]).

Dass es viele korrekte Vorhersagen in der Bibel gibt, ist weitgehend unbestritten. Deshalb wird seit langem diskutiert, ob entweder die Texte oder aber die spätere Geschichte nachträglich manipuliert wurden. So könnten z.B. die Evangelisten behauptet haben, dass Jesus in Bethlehem von einer Jungfrau geboren wurde, damit es gut zu den prophetischen Vorhersagen passt – obwohl Jesus eigentlich in Nazareth geboren worden war. Die Frage ist nur: Ist das glaubwürdig? Hat zum Beispiel Jakobus, der leibliche Bruder Jesu und Leiter der Gemeinde in Jerusalem, wirklich die Behauptung des Geburtsorts Bethlehem mitgetragen, obwohl er genau wusste, dass das gar nicht stimmt? Haben die jüdischen Schriftgelehrten, denen doch eine ausgeprägte Ehrfurcht vor ihren heiligen Texten nachgesagt wird, wirklich regelmäßig und in großem Umfang die Texte der Propheten manipuliert, um nachträglich den Anschein zu erwecken, dass es sich um korrekte Vorhersagen handelt?

Besonders schwierig zu erklären sind die Vorhersagen, die die Bibel für die Neuzeit gemacht hat. Schon in den Mosebüchern lesen wir erstaunliche Vorhersagen über das Volk Israel: Das Volk würde unter alle Nationen zerstreut und dort verfolgt werden (5. Mose 28, 64-65, 3. Mose 26, 38). In der Zeit des Alten Testaments ist Israel zwar verschleppt worden. Aber die Zerstreuung unter alle Nationen begann tatsächlich erst im 1. Jahrhundert nach Christus. Seither gab es kein Volk, dass durch alle Zeiten hindurch und in allen Kulturen so irrational gehasst und verfolgt worden ist wie die Juden, so dass fast jedes Kind den Fachbegriff kennt für diesen Hass: Antisemitismus. Für welches andere Volk kennen wir einen solchen Begriff?

Am unglaublichsten aber ist sicher die vielfache biblische Vorhersage, dass die Juden aus allen Ecken der Welt wieder in ihr Land zurückkehren werden (Hes. 11,17; 36,13; Jes. 43,5-6; Jer. 16,14-15). Viele Jahrhunderte lang schien die Erfüllung dieser Vorhersagen undenkbar. Aber seit dem Ende des 19. Jahrhunderts geschieht es vor unseren Augen: Die Juden kehren in ihr Land zurück aus allen Ländern der Welt. Wir müssen uns klar machen, was da geschehen ist: Ein Volk, das 2000 Jahre lang in alle Welt verstreut ist, behält trotzdem seine Kultur und seine Identität und kehrt dann wieder zurück in sein Land. Das ist ein absolut einmaliger Vorgang der Weltgeschichte. Die Bibel hat genau das schon vor mehr als 2.000 Jahren vielfach angekündigt.

Jesus hat zudem angekündigt, dass seine Worte nie vergehen (Lukas 21,33) und in aller Welt gepredigt werden (Matth. 24,14) – eine extrem gewagte Ankündigung für einen Wanderprediger in einem unbedeutenden Land, der seine Worte nicht einmal aufgeschrieben hat. Heute ist die Bibel tatsächlich das mit großem Abstand am weitesten verbreitete und am meisten übersetzte Buch der Welt. Wir stehen kurz davor, dass buchstäblich jedes Volk der Erde die Worte Jesu in seiner Sprache hören kann. Können das denn wirklich alles Zufälle sein?

9.   Das zutreffende Welt- und Menschenbild und die wegweisende Ethik

Die Bibel liefert insgesamt ein Weltbild, das den Test der modernen Wissenschaft hervorragend bestanden hat! Sie sagt voraus, dass wir bei der Erforschung der Welt immer mehr natürliche Erklärungen für die Naturphänomene finden werden, weil das Geschaffene nicht göttlich ist und somit nach festen Gesetzen funktioniert. Aber sie sagt auch voraus, dass wir bei den Ursprungsfragen immer mehr Anzeichen von Design und bewusster Planung finden werden, weil die Welt von Gott geschaffen wurde. Tatsächlich können wir heute staunen über die extreme Feinabstimmung des Universums oder über extrem ausgeklügelte molekulare Maschinen. Je mehr Entdeckungen wir machen, umso mehr bestätigen sich die biblischen Vorhersagen.[11]

Das gilt auch für das biblische Menschenbild. Die Bibel verleiht jedem Menschen zwar eine unveräußerliche Würde, zugleich schmiert sie uns Menschen aber auch keinen Honig um den Mund. Sie schildert sehr realistisch, dass der Mensch im Kern eben nicht gut, sondern unheilbar mit dem Bösen verstrickt ist (1. Mose 8,21; Röm. 3,12). Die Weltgeschichte hat diese Sichtweise durchgängig und eindrücklich bestätigt. Gesellschaftssysteme, die auf einen guten Kern im Menschen setzen (Sozialismus, Kommunismus) sind bislang immer krachend gescheitert. Erfolgreich waren hingegen Systeme, die auf dem menschlichen Egoismus aufbauen (Kapitalismus, soziale Marktwirtschaft) und in denen jeder Mensch, der Macht hat, effektiv kontrolliert wird (Demokratie).

Umso wertvoller sind die herausragenden biblischen Texte über Ethik und ein gelingendes menschliches Zusammenleben. Texte wie die 10 Gebote oder die Bergpredigt haben weltweit die Kulturen mehr geprägt als jedes andere Buch der Welt.

10.    Der Selbstanspruch, göttliche Offenbarung zu sein

Die Bibel ist voller Aussagen, dass in ihr nicht primär Menschen sprechen sondern Gott selbst. Jeremia schreibt zum Beispiel: „Der Herr sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.“ (Jer. 1,9) Ganz ähnlich äußert sich Paulus, wenn er sagt: „Das Evangelium, das von mir gepredigt ist, ist nicht von menschlicher Art … sondern eine Offenbarung Jesu Christi.“ (Gal. 1,11-12) Diese extrem steilen Selbstbehauptungen führen zu einer großen Frage:

Die Bibel: Was ist das eigentlich?

Ist die Bibel einfach eine Sammlung inspirierender Berichte über religiöse Erfahrungen und Ideen? Sind das kluge Lehren über Gott und Moral? Tatsache ist: Genau das wollen die biblischen Texte ausdrücklich nicht sein! In der Welt gibt es viele religiöse Erfahrungsberichte und interessante Abhandlungen über religiöse Themen. Aber dieses Buch hat den Anspruch, eine Offenbarung Gottes zu sein! Wenn jemand seine Lehre oder seine Erfahrungen mit diesem Anspruch verknüpft, dann müssten wir doch eher sagen: So ein Text muss ein Werk von Lügern oder die Phantasie von religiösen Schwärmern sein. Aber passt diese These zu den Eigenschaften der biblischen Texte? Denken wir an die wegweisende Ethik, das zutreffende Welt- und Menschenbild, die vielen erfüllten Vorhersagen, die extreme Opferbereitschaft der Zeugen, die extreme Ehrlichkeit der biblischen Texte… Nein, hier waren keine Lügner und auch keine Schwärmer am Werk. Die Inhalte und Eigenschaften der Texte sprechen vollkommen dagegen.

Aber was ist die Bibel dann? Es bleibt nur eine Möglichkeit: Die Bibel ist das, was sie selbst behauptet zu sein: Gottes offenbartes Wort. Tatsächlich bezeugen Menschen in der ganzen Welt: Dieses Buch verändert Leben. Es verändert ganze Kulturen.[12] Wir haben wirklich allen Grund, diesem Buch unser Vertrauen zu schenken, unser Leben und unsere Gesellschaft darauf aufzubauen.                                 n

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Dr. Markus Till, veröffentlicht im April 2020

Die Inhalte dieses Artikels wurden zunächst für einen Vortrag erarbeitet, der am 1.11.2019 auf einer Tagung des deutschen christlichen Technikerbunds (DCTB) gehalten wurde.

Weiterführend zu diesem Thema sind im AiGG-Blog (blog.aigg.de) folgende Artikel erschienen:

[1] Sehr empfehlenswert dazu ist der Worthausvortrag von Prof. Peter Wick „Das Mys­te­ri­öse – Von der rationalen Wunderkritik über den postmodernen Wunderglauben zurück zu Jesus“

[2] Tapio Puolimatka, „Glaube, Naturwissenschaft und Bibel“, Ruhland-Verlag, 2018, S. 28

[3] „Ist Jesus dem Glauben im Weg“, Der Spiegel, 13.12.1999

[4] In: „Was heißt christlicher Glaube? Reflexionen über einen ebenso notwendigen wie unmöglichen Begriff“, in: Theologische Beiträge 44 (2013) 4/5, S.

185–201, hier: S. 197.

[5] Nähere Informationen dazu im AiGG-Artikel „Meister der Überlieferung“(blog.aigg.de/?p=1924)

[6] In T. Puolimatka: „Glaube, Wissenschaft und die Bibel“, Ruhland-Verlag 2018, S. 486 ff.

[7] Lukas 1, 1-4; Man beachte dazu auch die Passagen der Apostelgeschichte, die in „Wir-Form“ verfasst sind, z.B. Apg. 16, 10 ff.

[8] Siehe dazu z.B. den Vortrag von Dr. Jürgen Spieß: „Ein Althistoriker über die Glaubwürdigkeit des NT“

[9] So schrieb z.B. der jüdische Geschichtsschreiber Josephus: „Das Zeugnis der Frau ist nicht rechtsgültig wegen der Leichtfertigkeit und Dreistigkeit des weiblichen Geschlechts.“

[10] Siehe dazu den AiGG-Artikel: „Hat Daniel das Datum der Kreuzigung vorhergesagt?“ (blog.aigg.de/?p=2204)

[11] Siehe dazu der Vortrag von Markus Till: „Außerwissenschaftliche Vorannahmen – Denkvoraussetzungen von Wissenschaftlern und Theologen“

[12] Die kulturverändernde Kraft der Bibel wurde eindrücklich dargelegt vom Inder Vishal Mangalwadi in seinem „Buch der Mitte“.

Einheit zwischen Enge und Beliebigkeit

Wie wächst Einheit? Und was zerstört sie? Das sind entscheidende Zukunftsfragen für die Kirche Jesu. Unser Herr hat nicht nur intensiv für Einheit gebetet. Er hat zudem klar gestellt: Nicht nur unser Zusammenhalt, auch unsere evangelistische Strahlkraft hängt daran (Johannes 17, 21-23). Aber obwohl der Ruf nach Toleranz für mehr Einheit in Vielfalt scheinbar in aller Munde ist – es vergeht doch kaum eine Woche ohne Klagen über Risse, Gräben und Konflikte unter Christen. Könnte es sein, dass wir zu einseitig auf dieses wichtige Thema schauen? Tatsächlich macht die Bibel deutlich: Wenn wir wirklich Einheit wollen, dann müssen wir immer 3 Dinge im Blick behalten:

1. Es ist Christus, der Einheit schafft!

Toleranz schafft keine Einheit. Weite schafft keine Einheit. Echte Einheit kommt immer von Christus:

„Stattdessen lasst uns in Liebe an der Wahrheit festhalten und in jeder Hinsicht Christus ähnlicher werden, der das Haupt seines Leibes – der Gemeinde – ist. Durch ihn wird der ganze Leib zu einer Einheit.“ (Eph.4,15+16a)

Das bedeutet: Echte Herzenseinheit ist etwas Übernatürliches. Sie ist ein Geschenk, das wir aus uns selbst heraus nicht machen, nicht produzieren und deshalb auch nicht einfach so einfordern können. Einheit wächst, wenn wir zu Christus aufschauen. Christus als Fundament und als Haupt seines Leibes fügt die vielfältigen Glieder der Gemeinde zu einer Einheit zusammen.

2. Gottes Geist schützt uns vor Enge

Aber wie macht Jesus das? Bevor Jesus ging, hat er das Kommen seines Geistes angekündigt (Johannes 16, 7). Es ist dieser Geist, der…

… die Liebesbeziehung zum himmlischen Vater lebendig und kraftvoll werden lässt (Galater 4, 6) und „uns tief im Herzen bestätigt, dass wir Gottes Kinder sind.“ (Römer 8, 16) Dieses Wissen kann uns eine feste, gesättigte Identität verleihen. Als geliebte Königskinder sind wir sehr viel weniger anfällig dafür, unsere Identität aus einem einflussreichen Posten oder aus dem Beifall von Menschen zu nähren. Das macht gelassen und einheitsfähig.

… christusgemäße Früchte in uns wachsen lässt, die für harmonische Beziehungen unerlässlich sind: Liebe. Frieden. Geduld. Freundlichkeit. Güte. Treue. Sanftmut. (Galater 5, 22-23)

… uns unsere Schuld und unsere Fehlerhaftigkeit offenbart (Johannes 16, 8) und uns somit spüren lässt: Wir leben alle aus Gottes Gnade und Barmherzigkeit. Das macht demütig. Das hilft uns, auch anderen gegenüber gnädig und barmherzig zu sein. Das hilft uns, zu vergeben, so wie auch uns vergeben wurde.

… uns hilft, die Bibel mit den Augen des Autors zu lesen, damit biblische Lehre nicht menschlich verengt wird und damit Speziallehren nicht zu Spaltpilzen werden.

… uns hilft, die Gebote Jesu zu leben, die wir aus eigener Kraft niemals leben könnten. Eine geist-lose Kirche hat immer nur die Wahl, entweder liberal oder gesetzlich zu werden. Beides spaltet die Kirche gleichermaßen.

Deshalb sind wir unbedingt angewiesen auf diese geistgewirkte Verbindung zu Christus. Sie schützt uns vor der Enge, die unsere Einheit zerstört.

3. Gottes Wort schützt uns vor Beliebigkeit

Paulus sagt aber auch: Wir sollen „in Liebe an der Wahrheit festhalten und in jeder Hinsicht Christus ähnlicher werden.“ Was ist denn die Wahrheit? Wer und wie ist denn dieser Christus, dem wir immer ähnlicher werden sollen? Wie hat er gelebt? Was hat er getan? Was hat er gelehrt? Was denkt er darüber, wie wir leben sollen?

Unsere zentrale und letztlich einzige Informationsquelle zu diesen wichtigen Fragen ist die Bibel. Wenn alle Christen sich diesem biblischen Christus nähern, dann finden Sie automatisch auch immer näher zueinander – trotz aller Vielfalt an Prägungen, Erfahrungen, unterschiedlichen Schwerpunkten und trotz aller Unterschiede in Auslegungsdetails. Wenn aber die biblischen Texte selbst in Frage gestellt sind, dann können sie kein gemeinsamer Maßstab und keine gemeinsame Mitte mehr sein. Wenn wir meinen, dass die Bibel nur alte Erfahrungen enthält, die heute so nicht mehr gelten und die zudem nur mit bibelwissenschaftlichen Mitteln entschlüsselt werden können, dann verlieren wir die Offenbarungsqualität und die Klarheit der Schrift. Dann verirren wir uns in unterschiedliche, ja gegensätzliche Christusbilder.

Auch theologische Experten werden daran nichts ändern können, denn sie sind sich ja selbst nicht einig, wer und wie dieser Christus ist. Wenn die Bibel keine allgemeinverständlichen zeit- und kulturübergreifenden Wahrheiten enthält, dann gibt es für diese Grundlage der Kirche Jesu keinen Ersatz. Dann wird unser Bild von Christus subjektiv und beliebig. Dann wird die gute Nachricht, die die Kirche an Christi statt weitergeben soll (2. Kor. 5, 20), unklar und vielstimmig. Dann gibt es zur Frage nach der Aufgabe und Ausrichtung von Gemeinde keine Einigkeit mehr. Dann haben wir nicht einmal mehr eine gemeinsame Diskussionsbasis für das gemeinsame Ringen um einen „jesusmäßigen“ Kurs der Kirche Jesu. Dann verliert die Kirche ihre gemeinsamen Bekenntnisse, ihre gemeinsame Botschaft und ihre gemeinsame Ausrichtung. Dann fangen wir in unseren Gemeinschaften an, in völlig verschiedene Richtungen zu ziehen. Dann lähmt und spaltet sich die Kirche selbst.

Deshalb sind wir unbedingt angewiesen auf dieses feste Vertrauen in die Verlässlichkeit und Gültigkeit der heiligen Schrift als das zuverlässige Wort Gottes, das unser gemeinsamer Maßstab für alle Fragen des Glaubens und des Lebens ist. Das schützt uns vor der Beliebigkeit, die unsere Einheit zerstört.

Unsere Einheit steht auf 2 Beinen: Gebet und Gottes Wort

Als die Gemeinde in Jerusalem wuchs und es dadurch immer mehr organisatorische Aufgaben zu bewältigen gab, trafen die Apostel eine kluge Entscheidung:

„Wählt unter euch sieben Männer mit gutem Ruf aus, die vom Heiligen Geist erfüllt sind und Weisheit besitzen. Ihnen wollen wir die Verantwortung für diese Aufgabe übertragen. Auf diese Weise haben wir Zeit für das Gebet und die Verkündigung von Gottes Wort.“ (Apostelgeschichte 6, 3-4)

Die Apostel wussten genau, was die beiden entscheidenden Faktoren sind, um diese schnell wachsende, extrem bunte und vielfältige Truppe zusammen zu halten: Zum einen die praktisch gelebte Beziehung zu Jesus Christus im Gebet und in der Anbetung. Und dazu die gesunde Lehre (Titus 1, 9) der Propheten und der Apostel, die wir heute in geschriebener Form in der Bibel finden. Genau das bildet auch für Paulus das entscheidende Fundament für die Kirche Jesu:

„Wir sind sein Haus, das auf dem Fundament der Apostel und Propheten erbaut ist mit Christus Jesus selbst als Eckstein.“ (Epheser 2, 20)

Natürlich ist Gebet und Gottes Wort ist nicht alles. Zum erfolgreichen Gemeindebau gehört noch sehr viel mehr. Aber ohne Gebet und Gottes Wort ist alles nichts. Der geistgewirkte Fokus auf Jesus Christus, der durch Gebet und Gottes Wort jeden Tag praktisch gefördert wird, ist und bleibt die entscheidende Grundlage für unsere Einheit und evangelistische Ausstrahlung.

Lassen Sie uns gemeinsam diese Einheit suchen. Oder besser formuliert: Lassen Sie uns gemeinsam Jesus Christus suchen im Gebet und in seinem Wort. Er schenkt uns die Einheit, nach der wir uns alle sehnen und die wir so dringend brauchen.


Weiterführend dazu: Umkämpfte Einheit – Ein Frontbericht