Evolution – ein Welterklärungsmodell am Abgrund?

Woher kommen wir? Sind wir die Krone von Gottes guter Schöpfung? Oder hatte der Biologe Jacques Monod recht, als er schrieb: “Der Mensch muss seine totale Verlassenheit, seine radikale Fremdheit erkennen. Er weiß nun, dass er seinen Platz wie ein Zigeuner am Rande des Universums hat, das für seine Musik taub ist und gleichgültig gegen seine Hoffnungen, Leiden oder Verbrechen.” Fragen dieser Art sind nicht nur für Wissenschaftler sondern letztlich für alle Menschen von großem Interesse. Unsere Herkunft ist ein entscheidender Baustein unseres Weltbilds und unserer Identität. Umso wichtiger wäre es eigentlich, dass jeder Schüler im Unterricht nüchtern, neutral und sachlich über die Fakten aufgeklärt wird, damit er gut informiert selbst entscheiden kann, welches Weltbild er für glaubwürdig hält.

Aber im Feld der Ursprungsfragen geht es alles andere als neutral, nüchtern und sachlich zu – weder an den Schulen noch in der akademischen Forschung. Dr. Günter Bechly musste das hautnah erleben. Im Jahr 2009 war er als überzeugter Atheist noch für die Sonderausstellung zum Darwin-Jahr im staatlichen Naturkundemuseum Stuttgart verantwortlich. In einem Ausstellungsstück wollte er Publikationen der sogenannten „Intelligent Design-Bewegung” (ID) lächerlich machen. Die ID-Bewegung vertritt die These, dass ein (wie auch immer gearteter) intelligenter Verursacher an der Entstehung der Organismenvielfalt beteiligt gewesen sein muss. Doch als er anfing, in diesen Büchern zu lesen, erlebte er eine große Überraschung: Da wurden keine religiösen Märchen verbreitet sondern handfeste, wissenschaftlich belastbare Fakten, die die allgemein verbreitete naturalistische Evolutionstheorie grundsätzlich in Frage stellen.

Als Bechly begann, in seinem Umfeld kritische Fragen zu stellen stellte er fest: Viele Wissenschaftler scheuen nicht deshalb die öffentliche Debatte mit Intelligent Design-Vertretern, weil sie diesen Spinnern kein öffentliches Forum geben wollen, sondern weil sie fürchten, argumentativ nicht gegenhalten zu können. Schließlich kam Bechly zu dem Schluss: „Die Dogmatiker sitzen keineswegs ausschließlich auf der religiösen Seite, sondern auch und sehr stark auf der Seite der Materialisten und Evolutionsbiologen.“ Und letztlich überzeugte ihn, was er zuvor verachtete: Der christliche Glaube.

Als Bechly begann, seine Fragen und Gedanken auf einer privaten Webseite öffentlich zu machen bekam er massiven Gegenwind: Alle größeren Projekte wurden ihm entzogen. Seine wissenschaftlichen Veröffentlichungen wurden von der Internetseite des Museums gelöscht. Schließlich wurde ihm nahegelegt zu kündigen, was er dann auch tat.

Aber was sind denn nun die Fakten, die Bechly zu einem so grundlegenden Umdenken bewegt haben? Am 7. Mai 2018 hielt Bechly beim Evangelischen Arbeitskreis der CDU Stuttgart einen beeindruckenden Vortrag mit dem Titel: „Wissenschaft ohne Scheuklappen – Einwände gegen Darwins Evolutionstheorie“. Darin werden die wichtigsten Fakten gegen die Annahme einer naturalistischen Evolution (also einer rein materiellen Entwicklung der Organismenvielfalt ohne Einfluss eines intelligenten Verursachers) zusammengefasst:

1. Es gibt keine Erklärung für eine naturalistische Entstehung der ersten Zelle

Schon die einfachste denkbare Zelle ist ein unfassbar komplexes System aus ausgetüftelten, ineinandergreifenden molekularen Maschinen, die tatsächlich auch wie Maschinen aussehen und arbeiten (wie dieses beeindruckende Video zeigt). Allein schon die zufällige Entstehung eines einzigen funktionierenden Proteins (=Eiweiß) ist ein völliges Rätsel. Proteine bestehen aus langen Ketten, die aus 20 verschiedenen sogenannten „Aminosäuren“ gebildet werden. Nur eine von 1077 (!) denkbaren Aminosäurekombinationen ergibt ein sinnvolles, biologisch wirksames Protein. Wie wurde eine solche extrem seltene wirksame Kombination gefunden? Und wie konnte sie sich später zu einer anderen funktionierenden Kombination weiter entwickeln, wenn es keine sinnvollen Zwischenstufen gibt? Bechly kommentiert: „Man müsste mit einem Schlag 100 Aminosäuren richtig verändern damit man wieder zu einem funktionierenden Protein kommt. Und das ist dann nicht mehr Evolution, das ist dann ein Wunder.“ (Kap. 6)

Für die Funktion einer rotierenden Bakteriengeißel sind gleich 40 verschiedene funktionierende Proteine notwendig. Wenn man nur eines der 40 Proteine verändert, dann funktioniert das komplette System nicht mehr. Das System ist also „nicht reduzierbar komplex“. Darwin schrieb einst: “Wenn gezeigt werden könnte, dass ein komplexes Organ existiert, welches sich nicht durch viele aufeinander folgende geringfügige Modifikationen entwickelt haben könnte, dann würde meine Theorie vollkommen zusammenbrechen.” Genau das müssen wir heute jedoch feststellen.

Ein ebenso großes Phänomen ist das DNA-Molekül, auf dem der Bauplan der Organismen gespeichert ist. Die DNA enthält Information in Form eines nach grammatischen Regeln geordneten Codes, der einen eindeutigen Zweck verfolgt und eine sinnvolle Botschaft übermittelt. Die Wissenschaft kennt heute nur einen Verursacher für die Entstehung derartiger Informationen: Ein intelligenter Urheber!

Kein Wunder, dass in der Forschung inzwischen zu immer seltsameren Konstrukten gegriffen wird, um Denkansätze für eine naturalistische Entstehung des Lebens, der molekularen Maschinen und der Information finden zu können. So wurde jüngst in einem seriösen wissenschaftlichen Journal offen diskutiert, ob neue genetische Informationen vielleicht durch Viren auf Kometen von anderen Planeten eingeschleppt worden sein könnten. Auch die Annahme unendlich vieler Paralleluniversen (die schon in der Physik helfen sollen, das Rätsel der Feinabstimmung der Naturkonstanten zu erklären), wurde inzwischen als Erklärung für die extrem unwahrscheinliche zufällige Entstehung der ersten Zelle herangezogen. Fakt bleibt aber, was der bekannte US-amerikanische Chemiker Prof. James M. Tour im Jahr 2016 so zusammengefasst hat: „Diejenigen die denken, dass die Wissenschaft die Details des Ursprungs des Lebens verstanden hätte, sind vollständig uninformiert. Niemand versteht es. … Die Basis, auf der wir als Wissenschaftler stehen, ist so wackelig, dass es das Beste wäre, die Situation ganz offen als das zu bezeichnen, was es ist: Ein Rätsel.“ (ab 1:07:13)

2. Die Erkenntnisse der Populationsgenetik sprechen gegen eine naturalistische Höherentwicklung

Michael Behe, einer der bekanntesten Vertreter der Intelligent Design-Bewegung, hat im Jahr 2007 eine Arbeit vorgelegt, in der er anhand von Beobachtungen zum Auftreten der Chloroquinresistenz von Malariaerregern berechnete, dass es etwa 1015 Jahre dauern müsste, bis sich beim Menschen eine einzige koordinierte Mutation (also 2 Mutationen, die nur gemeinsam einen adaptiven Vorteil haben) durchsetzen kann. Dieser Zeitraum ist sehr viel länger als unser Universum überhaupt existiert. Die Forscher Durrett & Schmitt wollten diese These deshalb im Jahr 2008 widerlegen. Auf Basis rein mathematischer Modelle berechneten sie, dass es „nur“ 216 Millionen Jahre dauern sollte, bis sich eine koordinierte Mutation beim Menschen durchsetzt. Selbst wenn sie recht hätten: Auch dieser Zeitraum ist immer noch um Dimensionen zu lang, schließlich soll die Abspaltung der Menschenlinie vom Schimpansen vor nur etwa 6 Millionen Jahren stattgefunden haben. In dieser Zeit hätten 5 % des genetischen Materials, also Millionen von Basenpaaren umgeschrieben werden müssen. Ein biologischer Mechanismus, der solch schnelle genetische Veränderungen hervorbringen kann, wie sie in der Evolutionstheorie gefordert werden, ist also bis heute völlig unbekannt.

3. Der Fossilbericht spricht gegen eine schrittweise (= graduelle) Höherentwicklung

Der bekannte Atheist Richard Dawkins schrieb im Jahr 2009: „Evolution ist nicht nur faktisch ein gradueller Prozess, sondern in der Tat muss er graduell sein, wenn er überhaupt irgendetwas erklären soll.“ 1 Anders ausgedrückt: Evolution muss langsam und schrittweise erfolgen. Eine sprunghafte Neuentwicklung von komplexen Strukturen ist naturalistisch unmöglich erklärbar.

Das Problem ist nur: Der Fossilbericht spricht vollständig dagegen, dass es in der Geschichte der Erde solche graduelle Entwicklungen von Arten gegeben hat. Im Gegenteil: Die Arten treten praktisch immer abrupt, plötzlich und voll entwickelt auf. Wichtige Teile der angenommenen Abstammungslinien sind durch keinerlei Fossilien belegt. Es gibt also nicht nur einzelne „missing links“ sondern regelmäßig große Lücken im Fossilbericht.

Noch verblüffender sind die zahlreichen erdgeschichtlichen „Explosionen“ (wie z.B. die kambrische Explosion), also das plötzliche gleichzeitige Auftreten zahlreicher Tier- und Pflanzenformen innerhalb von geologisch äußerst kurzen Zeiträumen. Umgekehrt ist erstaunlich, dass es „lebende Fossilien“ gibt, die sich über lange Zeiträume fast gar nicht verändert haben. So hat sich z.B. der Pfeilschwanzkrebs trotz zahlreicher grundsätzlicher Umwälzungen seiner Lebensräume über eine halbe Milliarde Jahre kaum verändert.

Wie kommt es, dass natürliche Auslese offenbar einerseits immer wieder abrupt und plötzlich eine riesige Vielfalt neuer Arten hervorbringt, während sie an anderer Stelle bestimmte Arten über hunderte von Millionen Jahren unverändert konserviert?

Eine Erklärung könnte sein: Unser Fossilbericht ist unvollständig, weil wir viele wichtige Fossilien einfach noch nicht gefunden haben. Dieses Argument wurde oft ins Feld geführt, aber es trägt nicht mehr. Denn Analysen zu Fundhäufigkeiten zeigen, dass unser Fossilbericht inzwischen vollständig genug ist, dass Lücken und Diskontinuitäten nicht als Wissenslücken wegerklärt werden können sondern zu erklärende Daten darstellen. Fakt ist: Der Fossilbericht widerspricht fundamental den Erwartungen und Vorhersagen, die die naturalistische Evolutionstheorie aufgestellt hat.

Die grundsätzliche Krise des Neodarwinismus ist hinter den Kulissen längst bekannt!

Bechly folgert deshalb in Bezug auf den Neodarwinismus (also die weiter entwickelte Evolutionstheorie Darwins): „Diese Geschichte klingt, wenn man sie einfach so liest im Schulbuch, sehr schön, aber sie ist einfach mathematisch informationstheoretisch nicht nachvollziehbar, es funktioniert nicht.“ (Kapitel 8)

Aber kann es denn wirklich sein, dass sich so viele Wissenschaftler irren? Bechly sagt dazu: „Nun werden viele Biologen Ihnen sagen: Das ist alles nur Geschwätz von Kreationisten und Leuten, die da weltanschaulich verblendet sind. Es gibt keine Diskussion. Die Evolutionstheorie ist unumstritten. Und das ist schlichtweg entweder völliges Unwissen oder es ist eine Lüge. … Die wenigen theoretischen Biologen, die sich über die Grundpfeiler dieser Theorie überhaupt Gedanken machen sind inzwischen alle kritisch, was die neodarwinistische Theorie angeht.“ (Kap. 10)

Tatsächlich räumte der renommierte Evolutionsbiologe Prof. Gerd Müller 2016 in seinem Eröffnungsvortrag zu einer Evolutionskonferenz in der Londoner Royal Society offen ein, dass der Neodarwinismus die Entstehung komplexer neuer Organe und abrupter Übergänge im Fossilbericht nicht erklären kann, wie Bechly berichtet (Kap. 10). Und im Ankündigungstext für eine Evolutionskonferenz im Juli 2018 wird sogar schriftlich ganz offen festgehalten: „Inzwischen ist es anerkannt, dass Fehler (=Mutationen) die Entstehung genetischer Neuheiten und Komplexität nicht erklären können.“ Bechly kommentiert: „Die Evolutionstheorie ist auch intern in einer Krise, das wird nur in den Medien nicht an die große Glocke gehängt.“ (Kap. 10)

Das bedeutet aber auch: Spitzenforscher räumen somit heute ein, dass unsere Schüler über Jahrzehnte hinweg falsch informiert wurden, als ihnen beigebracht wurde, dass man mit Hilfe von fehlerhaften Genkopien (Mutationen) eine naturalistische Höherentwicklung erklären könnte, dass die Fossilien diese Höherentwicklung dokumentieren würden und dass eine naturalistische Entstehung von Leben denkbar sei. Und es ist nach wie vor nicht absehbar, wann sich an dieser Praxis, die so prägend in die Persönlichkeitsentwicklung der Schüler eingreift, etwas ändern wird. Nicht einmal Theologen und die Kirchen trauen sich, an dieser Lehrpraxis in den Schulen zu rütteln, obwohl der Naturalismus seit vielen Jahrzehnten äußerst erfolgreich auch an den Grundfesten der Kirche rüttelt. Woran liegt das?

Warum wird die Debatte um „Intelligent Design“ so emotional geführt?

Normalerweise sollten wissenschaftliche Diskussionen sachlich und nüchtern geführt werden. Bechly hingegen berichtet sogar von regelrechtem Hass, der ihm vereinzelt nach seinem Umdenken entgegenschlug. Seine Erklärung dafür?

„Es gibt eine neue Priesterkaste, das sind heute die Wissenschaftler. Damit verbunden ist eine gewisse Machtposition, Gelder, Positionen, Einfluss und Renommee. Der Darwinismus ist das Schlachtfeld, wo die Entscheidung fällt, ob der Naturalismus hinreichend ist, um die Welt zu erklären, oder nicht. Ich glaube, deshalb wird das so mit Zähnen und Klauen verteidigt, weil man weiß: Wenn man das zur Disposition stellt, dann ist „Game Over“ für den Naturalismus und dann haben wir die Erklärungshoheit, dass wir die ganze Welt naturalistisch erklären können, verloren.“ (Kap. 21)


1: zitiert aus “The greatest show on Earth: The Evidence for Evolution” S. 155: “Evolution not only is a gradual process as a matter of fact; it has to be gradual if it is to do any explanatory work.”

Herzlichen Dank an Dr. Günter Bechly für das Gegenlesen und die Korrekturvorschläge zu diesem Artikel!

Weiterführende Links:

In diesem 30-minütigen Interview erzählt Günter Bechly die bewegende Geschichte seines Umdenkens.

Der Vortrag von Dr. Günter Bechly vom 7. Mai 2018 vor dem Evangelischen Arbeitskreis der CDU Stuttgart ist vollständig im Internet verfügbar, aufgeteilt in 21 Kapitel:

1: Einführung – Günter Bechly

2: Naturwissenschaft und Glaube

3: Was versteht man unter Evolution

4: Durch Darwin-Ausstellung zum Zweifler

5: Ungelöste Erklärung zum Ursprung des Lebens

6: Proteine – Unwahrscheinlichkeit eines zufälligen Entstehens

7: Nicht reduzierbare Komplexität – Herausforderung für die Evolutionstheorie

8: Problem der spezifisch-komplexen Information

9: Das Wartezeiten-Problem – Problem der koordinierten Mutation

10: Interne Krise des Neodarwinismus

11: Ist graduelle Entwicklung belegbar?

12: Fossilbericht zeigt sprunghafte Entwicklungen

13: Lebende Fossilien – Problem der Konvergenz

14: Widerlegte Beispiele gradueller fossiler Übergänge

15: Was ist Intelligent Design und was nicht?

16: Welche Relevanz hat die Intelligent Design-Theorie für die Forschung?

17: Intelligent Design – welche Erklärungen für die Einwirkung von Intelligenz gibt es?

18: Intelligent Design – können metaphysische Erklärungen wissenschaftlich sein?

19: Einschätzung zu einer kurzen Datierung des Erdalters

20: Komplexität innerhalb der Zelle – Einschätzung zum Forschungsstand

21: Warum ist die Debatte um Intelligent Design so emotional aufgeladen?

Die gesamte Playlist findet sich auf YouTube unter: https://www.youtube.com/playlist?list=PLwBfDPNE4CobU4KVWs2hPdFtHYIIhBUg9

Siehe auch:

WEITERGLAUBEN – Fundiert unfundamentalistisch?

Weiterglauben – so heißt das neue Buch von Professor Thorsten Dietz. Dietz lehrt an der evangelischen Hochschule Tabor. Der Buchtitel ist doppeldeutig gemeint:

  1. Angesichts des schmerzlichen Verdunstens von Frömmigkeit in unserem Land will Dietz ermutigen, weiterhin am Glauben festzuhalten. Als Beispiel schildert er den Glaubensweg von Torsten Hebel, der trotz einer tiefen Krise den Glauben nicht aufgab sondern gemäß der Analyse von Jürgen Schuster von einer dogmenorientierten auf eine “beziehungsorientierte, erfahrungsoffene und dialogische” Glaubensweise umgestellt hat, die dem postmodernen Mindset besser gerecht wird. Dietz lässt nicht unerwähnt, dass diese Deutung u.a. von Dr. Gerrit Hohage auf biblipedia.de kritisiert wurde. Die Kritik wird aber nicht besprochen, stattdessen beklagt Dietz allgemein den „Sog der Polarisierung“, in dem es nicht um das nähere Verständnis der Sachfragen ginge sondern „sofort um: Dieses Denken führt in die Irre bzw. ist das einzig mögliche.“ (S. 22)
  2. Um weiter glauben zu können hält Dietz es für hilfreich, den Glauben weiter zu fassen, als fundamentalistisch geprägte Strömungen dies tun. Dietz will “fundiert unfundamentalistisch” sein, wie es auf dem Buchrücken heißt. Gleich auf der ersten Seite des Vorworts grenzt Dietz sich ausdrücklich vom AiGG-Blogartikel „Worthaus – Universitätstheologie für Evangelikale“ ab. Die Tatsache, dass Worthaus Universitätstheologie auch unter Evangelikalen immer populärer macht, solle man nicht als Warnung lesen sondern als Kompliment. Genau an diesen Erfolg von Worthaus will Dietz mit seinem Buch anknüpfen.

Hilfreiche Einsichten und Erkenntnisse

Beim Lesen des zwar anspruchsvoll geschriebenen aber durchaus angenehm zu lesenden Buchs hatte ich einen Bleistift in der Hand, um gute und wertvolle Aussagen mit einer geraden Linie zu unterstreichen und fragwürdige Aussagen mit einer Wellenlinie zu markieren. Als Resultat muss ich sagen: Die geraden Linien überwiegen bei weitem. Thorsten Dietz schildert viele wertvolle Einsichten, die ich von Herzen unterstreichen kann. Viele der Gefahren konservativer Frömmigkeitspraxis, auf die Dietz hinweist, finden sich so oder so ähnlich auch in meinen Schriften:

  • Eine herz- und geistlose Dogmenorientierung auf Kosten der Wahrhaftigkeit und Menschlichkeit
  • Ein strikt polares oder gar polemisches Freund-Feind-Denken samt der Unfähigkeit, das Gegenüber differenziert zu betrachten und sich sachlich streiten zu können
  • Die Wahrung der eigenen Identität primär durch negative Abgrenzung von Anderen
  • Der Irrtum, dass man Gott und die Wahrheit durch rein intellektuelles Begreifen der Bibel im Griff haben könnte

Ich stimme Dietz im Grunde zu, wenn er sagt: „Wenn Jesus die Wahrheit ist, dann kann ich nicht einfach mein noch so richtiges Denken über ihn als DIE Wahrheit bezeichnen. Ich bekomme die Wahrheit über ihn nicht in den Griff. Sie erschließt sich mir, wo ich auf seine Stimme höre und wo ich aus seiner Wahrheit lebe.“ (S. 62, Hervorhebung nachträglich)

Wohltuend sind auch einige kritische Hinweise von Thorsten Dietz in Richtung eines alles auflösenden und zur Beliebigkeit neigenden Subjektivismus:

  • „Wenn wir darauf verzichten, die Wahrheit vernünftig erkennen zu wollen, dann lösen sich die Fragen nicht einfach auf. Für die Beantwortung gilt dann das Recht des Stärkeren.“ (S. 55) Dass das Schwinden einer allgemein akzeptierten höheren Wahrheit der Grund ist für die auch in unserer Gesellschaft um sich greifende Verrohung der Debattenkultur hat auch Vishal Mangalwadi eindrücklich dargelegt.
  • „Der Verzicht auf die Wahrheitsfrage ist ein Luxus der Unbeteiligten.“ (S. 56) Wenn Verantwortungsträger meinen, sie könnten sich um des lieben Friedens willen einfach aus allen Streitfragen heraushalten, dann ist auch das eine Entscheidung, die massive Konsequenzen hat. Die Vogel-Strauß-Taktik ist keine Lösung. Wir müssen uns den Debatten stellen und Position beziehen.

Letztlich beschreibt Dietz die Pole gut, wenn er schlussfolgert:

„Wahrheit geht nicht auf in richtigen Informationen. … Zugleich lässt sich Wahrheit auch nicht einfach reduzieren auf Wahrhaftigkeit, auf das bloß subjektive Gefühl: Für mich ist das stimmig. […] Die Wahrheit des christlichen Glaubens wird auf beiden Wegen verfehlt. Weder das Ideal der absoluten Objektivität noch die Verabsolutierung der Subjektivität („für mich fühlt es sich aber gut an“) werden ihr gerecht.“ (S. 67/68)

Den Anhängern einer rein subjektiven Wahrheitssicht schreibt Dietz zudem in erfrischender Deutlichkeit ins Stammbuch: „Wer sich lange und intensiv mit der Geschichte christlicher Lehrstreitigkeiten befasst, der kann zwar eine gewisse Sehnsucht bekommen nach einem Christentum ganz ohne verbindliche Bekenntnisse, frei von Wahrheitsansprüchen. Aber im Ernst: Was unterscheidet am Ende ein undogmatisches Christentum von jedem anderen Ensemble, das sich auf die Weisheit von Leben und Lebenlassen einigen kann?“ (S. 69)

Schriftverständnis: Das Kind mit dem Bad ausgeschüttet

Auch das Kapitel über das Schriftverständnis enthält einige hilfreiche, wichtige Einsichten:

  • „Die neutestamentlichen Autoren haben ganz offensichtlich die Schriften des Alten Testaments als Gottes Wort gelesen, genauso wie die allermeisten Christen in der Kirchengeschichte.“ (S. 80)
  • „Darum hängt alles an der Erforschung des ursprünglichen Sinns der biblischen Texte selbst. Sola scriptura heißt bei Luther: Die Bibel selbst muss sich auslegen, sie muss mit der ursprünglichen Aussageabsicht ihrer Texte zur Geltung kommen. Keine menschliche Instanz kann das Fragen nach der biblischen Wahrheit durch letztgültige Auslegung beenden.“ (S. 83)

Angesichts dieser klaren Aussagen ist es umso überraschender, wenn Dietz dann plötzlich behauptet, die „Gleichsetzung von biblischen Texten und Gottes Reden, die unvermittelte Bezeichnung der Bibel als „das Wort Gottes“ sei verkürzt, denn: „Die biblischen Texte kennen einen solchen unmittelbaren Offenbarungscharakter der ganzen Bibel gar nicht.“ (S. 79) Wirklich nicht? Wie passt das zusammen mit der Aussage, dass die neutestamentlichen Autoren das Alte Testament „ganz offensichtlich“ als Gottes Wort gelesen haben?

Noch seltsamer wird es für mich, wenn Dietz schreibt: „Christen glauben an Jesus Christus und nicht an die Bibel. Das ist kein falscher Gegensatz, sondern im Grunde eine Selbstverständlichkeit.“ (S. 80) Soweit ich das sehe begründet Dietz diese These nicht. Und ich frage mich: Wenn sich mir die Wahrheit nur erschließt, „wo ich auf Jesu Stimme höre und aus seiner Wahrheit lebe“, (siehe Zitat oben) wie kann man denn dann den Glauben an Jesus Christus vom Vertrauen in die Verlässlichkeit der Bibel trennen? Denn seine Stimme und seine Wahrheit hören wir heute nun einmal allein und ausschließlich nur durch die Bibel! Wenn wir uns nicht darauf verlassen können, dass die Bibel verlässliches Wort Gottes ist, dann verschwimmt auch seine Stimme und seine Wahrheit zwangsläufig im Nebel. Man höre sich nur einmal den Worthausvortrag von Prof. Stefan Schreiber über den „historischen Jesus“ an, in dem er ein völlig vermenschlichtes Jesusbild zeichnet, das m.E. mit dem biblischen Christus, auf den ich im Leben und Sterben vertrauen kann, nur noch herzlich wenig zu tun hat.

Letztlich legt Dietz sich fest auf die Formel, die Bibel sei „Gotteswort in Menschenwort.“ (S. 98) Er meint, dabei die ganz große Mehrheit der Theologen aus ganz verschiedenen Lagern auf seiner Seite zu haben. Dietz stellt dabei folgende Extreme einander gegenüber:

„Das ist auf der einen Seite die Irrtumslosigkeit der Bibel und auf der anderen Seite die […] Vorstellung, dass der Historiker über ganz klare Maßstäbe verfüge und von vornherein ausschließen könne, dass Gott redet und tote Menschen auferweckt werden.“ (S. 94)

Dietz lobt dabei ausdrücklich „kritische Rückfragen“ zu einer „Exegese, die […] die Wunder nicht mehr wahrhaben möchte“ und verweist dabei auf den AiGG-Artikel „Stolz und Vorurteil?“ Wie schön! Aber aus welchen Gründen lehnt er ein Festhalten an der Irrtumslosigkeit der Bibel so vehement ab? Warum hält er es stattdessen für wünschenswert, dass „Christen die Einsicht in den Stückwerkcharakter aller Erkenntnis auf ihr Bibelverständnis anwenden“? (S. 97) Liefert der biblische Text denn tatsächlich nur Stückwerk?

Unfehlbare Schrift oder unfehlbare Auslegung? Ein grundlegender Argumentationsfehler

An dieser Stelle wird aus meiner Sicht geradezu beispielhaft ein grundlegender Argumentationsfehler deutlich, der mir schon öfter auffiel, wenn Theologen versuchen, eine liberalere Theologie einem konservativen Publikum schmackhaft zu machen. Denn das eigenartige ist: Soweit ich das sehe spricht Dietz in seinem Buch an keiner einzigen Stelle über Irrtümer in der Bibel, um seine These zu begründen. Er spricht vielmehr ausschließlich und allein über (aus seiner Sicht) fehlerhafte Auslegungen der Bibel.

Fast ein ganzes Kapitel verwendet Dietz darauf, die Option einer historischen Auslegung der biblischen Urgeschichte ad absurdum zu führen. Da wird der Theologe plötzlich zum Naturwissenschaftler: Astronomie, Chemie, Geologie, Paläogenetik: Sie alle sprächen unisono dafür, dass die biblische Urgeschichte historisch so nicht passiert sein kann. Zugleich weist Dietz darauf hin, dass es ja aber auch ganz konservative Theologen wie Timothy Keller gibt, die nicht an eine Historizität der biblischen Urgeschichte glauben. Zudem verweist er auf Johannes Hartl, der zur biblischen Schöpfungsgeschichte schreibt: „Ob sie historisch zu verstehen ist? Nun, wenn nicht historisch, so könnte man antworten, dann doch bedeutend realer gemeint als historisch. Es ist unsere Geschichte.“ (Zitat auf S. 118)

Nun kann man an diesem Punkt tatsächlich unterschiedlicher Meinung sein. Persönlich bin ich überzeugt davon, dass die biblische Urgeschichte tatsächlich auch einen historischen Wahrheitsgehalt hat, obwohl ich weiß, dass diese Annahme mit dem aktuellen Stand der Wissenschaften an einigen Stellen kollidiert (so wie schlichtweg jedes Weltbild mit einigen gravierenden Problemen zu kämpfen hat). Christen wie mir wirft Thorsten Dietz vor: „Eine fundamentalistische Bibellektüre, die einen solchen Text als einen Bericht verstehen möchte […] produziert vermeintliche Fehler und gewundene Rettungsversuche.“ (S. 111) Nun: Ich möchte die biblische Urgeschichte eigentlich nicht als historischen Bericht sehen. Mir fiele es wesentlich leichter, ihn nur symbolisch zu verstehen, denn das wäre wesentlich kompatibler mit der Weltsicht der allermeisten meiner Mitmenschen. Aber weder für mich noch für Thorsten Dietz sollte es doch von Bedeutung sein, was wir als Ausleger möchten. Entscheidend ist doch die Frage: Was möchte denn der Text???

Dietz hatte im Rückgriff auf Luther doch selbst betont, dass die Bibel sich selbst auslegen und allein die Aussageabsicht des Textes zur Geltung kommen solle. Und mein Eindruck ist nun einmal ganz deutlich: Auch die ersten Genesiskapitel möchten u.a. auch historisch verstanden werden – und sie werden ja auch an anderen Stellen der Bibel historisch verstanden. So hat z.B. Dr. Reinhard Junker eine Reihe von Hinweisen zusammen getragen, die das untermauern. Zugleich hat er dargelegt, welchen theologischen Schaden man nehmen kann, wenn man diesen historischen Aspekt der biblischen Urgeschichte aufgibt (wie z.B. der Zusammenhang von Adam und Christus gemäß Röm. 5, 12ff. oder die Konsequenzen für unser Gottes- und Menschenbild, wenn der Tod nicht Folge des menschlichen Abfalls sondern Schöpfungsmittel Gottes ist).

Ich kann aber durchaus damit leben, wenn einige Theologen wie J. Hartl das offen lassen oder wie T. Keller anders sehen wollen, solange sie damit nicht auch die theologischen Aussagen der Urgeschichte über Bord werfen. Die große Frage, die sich mir aber im Zusammenhang des Buchs von Thorsten Dietz stellt, ist: Was hat diese Diskussion denn mit der Frage nach der Irrtumslosigkeit der Bibel zu tun? Denn selbst Thorsten Dietz vertritt ja geradezu leidenschaftlich die These: Auch wenn die Urgeschichte nicht historisch sondern symbolisch gemeint ist, dann ist sie auf einer tieferen Ebene trotzdem durch und durch wahr!

Thorsten Dietz argumentiert also wortreich gegen eine aus seiner Sicht falsche Auslegung der Schrift. Aber er schüttet – ohne jedes Argument – dann das Kind mit dem Bad aus und verwirft darüber hinaus auch die Unfehlbarkeit der Schrift selbst. Die Argumentation von Thorsten Dietz misslingt aus meiner Sicht also im Kern an einer fehlenden Differenzierung zwischen einer unfehlbaren Schrift und einer unfehlbaren Auslegung. Letztere müssen wir in der Tat unbedingt kritisieren. Wir haben auch im protestantischen Raum zu viele Päpste, die ihre Schriftauslegung für die einzig wahre halten und gleich „Ketzer“ rufen, wenn man ihnen nicht in allen Details folgt. Unser Erkennen und somit auch unsere Auslegung ist Stückwerk. Niemand kann für sich beanspruchen, die Bibel durch und durch korrekt auszulegen.

Aber das ändert doch nichts daran, dass wir in Bezug auf die Schrift selbst daran festhalten müssen, was auch laut Thorsten Dietz Jesus selbst, alle neutestamentlichen Autoren und die meisten Christen der Kirchengeschichte geglaubt haben, nämlich gemäß 2. Tim. 3, 16 alle Schrift für Gottes Wort zu halten! Ich habe in diesem Buch kein Argument gefunden, dass diesem Schriftverständnis entgegenstünde.

Scheut sich Thorsten Dietz vielleicht davor, seine konservativeren Leser mit den Konsequenzen zu verschrecken, die die Aufgabe der Irrtumslosigkeit der Schrift nach sich zieht? Im AiGG-Worthausartikel wurden diese Konsequenzen ja ausführlich dargelegt. Denn bei Worthaus geht die Bibelkritik nun einmal sehr viel weiter, als nur die wahre Aussageabsicht der Bibel unter Berücksichtigung der damaligen Zeit und Kultur herauszuarbeiten. Auch vielen eindeutig und unzweifelhaft historisch gemeinten Texten in den Evangelien sprechen Worthaus-Referenten die Historizität ab, was neben den Konsequenzen für die Glaubwürdigkeit der Bibel natürlich auch gravierende theologische Konsequenzen hat, da die Geschichtlichkeit oft wesentlicher Bestandteil der theologischen Aussage ist. Folgerichtig enthält die Bibel für viele Worthausreferenten natürlich auch theologische Fehler. Es wäre fair gewesen, wenn Thorsten Dietz in seinem Buch auf diese in der Universitäts- und Worthaustheologie praktizierten Konsequenzen der Aufgabe der Irrtumslosigkeit der Bibel offen hingewiesen hätte.

Leider schweigt sich Thorsten Dietz zudem über die Frage aus, die sich immer stellt, wenn man die Fehlerlosigkeit und Irrtumsfreiheit der Schrift aufgibt: Wer unterscheidet dann zwischen Wahrheit und Irrtum, zwischen richtig und fehlerhaft, zwischen Widerspruch und sich ergänzenden Paradoxen, zwischen Menschenwort und Gotteswort? Nach welchen Kriterien? Auf welcher Basis können wir dann noch gesichert theologisch argumentieren? Wie kann Thorsten Dietz zum Beispiel behaupten: „Das Menschenbild der meisten Christen ist zu positiv oder zu negativ.“ (S. 115) Auf welcher Grundlage weiß Thorsten Dietz hier so gut Bescheid? Im Buch sowie in seinem Vortrag „Böse von Jugend auf?“ argumentiert auch Thorsten Dietz mit Bibelstellen. Ich finde das ja gut. Aber geht das überhaupt, wenn die Bibel voller Fehler, Irrtümer und Widersprüche ist? Schade, dass Dietz zu diesen Fragen nicht Stellung nimmt.

Thorsten Dietz und Johannes Hartl: Wie eine ähnlich klingende Hermeneutik zu einer ganz unterschiedlichen hermeneutischen Praxis führen kann

Interessant ist in diesem Zusammenhang die Auseinandersetzung von Thorsten Dietz mit der Doktorarbeit von Johannes Hartl, die manchen konservativen Hartl-Kritikern als Beweis einer liberalen Verirrung Hartls gilt. Dietz stimmt Hartl in seiner These zu, dass man von Gott gar nicht anders als metaphorisch und symbolisch reden könne und dass alle unsere Gedanken über Gott eben unsere Gedanken sind, unsere Bilder und Deutungen, die Gott nie ganz gerecht werden können. Diese Erkenntnis mag unsere erste Naivität im Umgang mit den biblischen Texten untergraben. Aber welche Schlussfolgerung ziehen wir daraus?

Hartl sagt: Nötig sei eine „zweite Naivität“, ein neuer Glaube an die alten Bilder und Geschichten der Bibel. Hartl lädt ein zu einer „Hermeneutik des Vertrauens […] in neuem, festem Glauben an die Wahrheit dieser Bilder.“ (zitiert auf S. 49) Das heißt: Auch wenn es sich z.B. bei den verschiedenen Bildwelten zur Heilsbedeutung des Kreuzestodes Jesu (Gericht, Sklavenmarkt, Familie, Tempelrituale) um für sich genommen unvollständige, menschliche Bilder handelt: Laut Hartl sind sie trotzdem wahr und wir sind angehalten, dem Wahrheitsgehalt dieser Bilder voll zu vertrauen.

Thorsten Dietz setzt als Konsequenz aus Hartls These aber einen ganz anderen Schwerpunkt: Er möchte es stärker als Problem betonen, „wenn erwachsene Gläubige ihre Gottesvorstellungen mit Gott selbst verwechseln.“ Theologie sei „nicht nur eine Gefahr, sie ist auch eine echte Chance. Ja, theologische Impulse können desillusionierend, verunsichernd wirken, letztlich auch befreiend.“ (S.49) Dietz regt also eher nicht zum Vertrauen sondern zum Misstrauen gegen unsere aus der Bibel gewonnenen Erkenntnisse an, weil wir doch gemäß Jakobus 3, 2 alle mannigfaltig irren, wie Dietz betont. Diese ganz unterschiedlichen, ja geradezu gegensätzlichen Schwerpunkte, die Hartl und Dietz hier setzen, sind ein gutes Beispiel dafür, wie ähnlich klingende hermeneutische Grundsätze trotzdem zu einer völlig anderen hermeneutischen Praxis führen können. Wenn man sich Vorträge von T. Dietz und J. Hartl anhört, dann wird dieser Unterschied erst so richtig deutlich.

Die Autorität der Bibel in ethischen Fragen

Auch im Kapitel über die Autorität der Bibel in ethischen Fragen schreibt Dietz wieder viel Gutes und Bedenkenswertes:

  • Für Luther stand fest: Die biblischen Gebote gelten. Aber Luther kannte auch Notlösungen und Kompromisse.
  • In biblischen Texten über ethische Fragen muss immer beachtet werden, wer konkret angesprochen wird und wie das damalige historische Umfeld sich von unserem heutigen Umfeld unterscheidet.
  • „Wer der Wirklichkeit eines menschlichen Schicksals nicht gerecht wird, weil er sich nicht genügend um ihre Wahrnehmung und um ihr Verständnis bemüht, hat das höchste Prinzip christlicher Ethik, die Liebe, schon im Ansatz verloren.“ (S. 144)

All dem kann ich uneingeschränkt zustimmen. Aber was heißt das nun konkret für die brandaktuellen ethischen Konfliktthemen? Dazu schweigt Dietz sich leider aus. Als „biblizistische Ethik“ definiert er die Behauptung, „ethische Aussagen der Bibel seien alle ungebrochen gültig.“ (S. 143) Da frage ich mich: Wer behauptet denn so etwas? Dass viele Gebote des mosaischen Gesetzes heute so nicht mehr gelten ist ja selbst in ganz konservativen Kreisen Konsens und ergibt sich ganz eindeutig durch die Verschiedenartigkeit des Neuen und des Alten Bundes. Also wen hat Thorsten Dietz mit seinem Biblizismus-Vorwurf im Blick? Der Leser erfährt es leider nicht.

Jedenfalls weist Dietz der Bibel in ethischen Fragen eine „erhellende wie orientierende Kraft“ zu (S. 143). Ich würde sagen: Das ist deutlich zu schwach formuliert. Jesus selbst hat den nicht nur orientierenden sondern gebothaften Charakter der biblischen Anweisungen zur Exklusivität und Unauflöslichkeit der Ehe ausdrücklich bestätigt. In seinem Vortrag „Vorehelicher Geschlechtsverkehr in der Antike und in der Bibel – Siegfried Zimmer und die biblische Sexualethik“ zeigt Prof. Armin Baum mustergültig auf, auf welch bibelferne Wege man geraten kann, wenn man meint, mit Hilfe von historischen Betrachtungen z.B. das Verbot des vorehelichen Geschlechtsverkehrs einfach so vom Tisch wischen zu können, wie Siegfried Zimmer das in seinem Worthaus-Vortrag tut. Ja, die Liebe muss die oberste Maxime sein. Aber mit der Liebe wurden schon die aberwitzigsten Entgleisungen gerechtfertigt. „Liebe“ darf deshalb niemals dazu missbraucht werden, Jesu eindeutige Gebote auszuhebeln. Jesus weiß doch immer noch besser als wir, welches Verhalten am langen Ende der Liebe wirklich dient und entspricht.

Lebendige Frömmigkeit braucht Gemeinschaft

Sehr erfreulich ist, wie deutlich sich Thorsten Dietz vom allgemeinen Trend der Individualisierung distanziert, der zunehmend auch in frommen Kreisen anzutreffen ist. Zwar macht er einerseits Mut, wirklich schräge Gemeinschaften zu verlassen. Andererseits weist er darauf hin, dass wir letztlich Alle auf christliche Gemeinschaften angewiesen sind, auch wenn diese meist alles andere als perfekt sind.

Dietz berichtet von Studien, die belegen, dass es eben nicht egal ist, ob wir unseren Glauben alleine oder im Verbund einer christlichen Gemeinschaft leben. „Frömmigkeit ist dort am stärksten und langlebigsten, wo sie in Gemeinschaften eingebettet ist.“ (S. 148) Und: „Je weniger eine Familie in Kirche und Gemeinde eingebunden ist, desto unwahrscheinlicher ist es, dass die Kinder den christlichen Glauben übernehmen. […] Offenkundig liegt hier eine Stärke des evangelikalen bzw. charismatisch-pfingstlichen Frömmigkeitsspektrums.“ (S.  149) Gerade als evangelischer Christ, der unter der Überalterung und dem Generationenabbruch seiner Kirche leidet, will ich da doch ganz evangelikal-charismatisch ein lautes „Amen!“ rufen.

Mystik als Schlüssel für die Kirche der Zukunft?

Auch mit dem Kapitel zur Mystik konnte ich mich insgesamt recht gut anfreunden – auch wenn ich mit dem Begriff „Mystik“ bis heute massiv fremdle. Völlig richtig ist aber zunächst einmal die Beobachtung zum Abbruch der volkskirchlichen Selbstverständlichkeiten: „Zu einer Religion gehört man in der Spätmoderne nur noch aus religiösen Gründen.“ (S. 165) Menschen „wollen Dinge nicht glauben oder tun, weil sie das müssen, sondern weil es ihnen selbst einleuchtet.“ Deshalb ist „Authentizität eine unverzichtbare Bedingung jeder heutigen Frömmigkeit, die ihr gleichzeitig zur Falle werden kann“ (S. 161), nämlich dann, wenn sie meint, auf geistliche Übungen wie Bibellesen, Fürbitte etc. verzichten zu können.

Mystik definiert Dietz durch „ihre Grundunterscheidung […] von Gegenwart Gottes und Abwesenheit Gottes“ und warnt zugleich vor der Gefahr, dass es für das Christentum ruinös wäre, „die innere Einkehr an die Stelle des Hörens auf das Wort Gottes zu setzen.“ (S. 169) Das kann ich nur voll unterstreichen. Deshalb gebe ich grundsätzlich auch Karl Rahner recht, wenn er sagt: „Der Fromme der Zukunft wird ein Mystiker sein, einer der etwas erfahren hat, oder er wird nicht sein.“ (zitiert auf S. 162) In der Tat spricht auch die Bibel vielfach über die Gegenwart Gottes und macht deutlich, dass Glaube und Gottesbegegnung eben nicht nur Verstand und Wille sondern immer auch Herz und Seele betreffen darf und muss. Wo das fehlt und Glaube einseitig zur Kopfsache wird, vertrocknet die Kirche.

Etwas skeptisch werde ich allerdings beim Zitat von Willi Massa, wo es heißt: „Halte Gott einfach dein krankes Selbst hin und lass deine Sehnsucht sich aufmachen, ihn in seinem Sein zu berühren; denn ihn berühren heißt heil werden.“ (zitiert auf S. 147) Ja, es stimmt: Die Bedeutung der Berührung mit Gottes heiliger Gegenwart kann man gar nicht überschätzen. Aber Heilung gibt es in der Bibel eben nie durch ein bloßes Gefühl der Gegenwart Gottes sondern letztlich nur durch die daraus folgende Erkenntnis unserer Sündhaftigkeit, durch Umkehr, Vergebung und Erneuerung, die wir durch Gottes Wort, durch das Kreuz und den Heiligen Geist erfahren. Wo Christus und das Kreuz im Zentrum stehen bin ich leidenschaftlich damit einverstanden, dass die Erfahrung der Gegenwart Gottes entscheidend zur Zukunft der Kirche gehört (wobei ich das dann nicht Mystik nennen würde). Wo Mystik sich aber vom Kreuz, von Christus und seinem Wort löst, gleitet sie ab in eine Religiosität, die auf dem religiösen Markt der Möglichkeiten bald in der Bedeutungslosigkeit versinkt.

Quo vadis Christentum?

Thorsten Dietz vergleicht die Entwicklung des Christentums mit einem Flussdelta: Statt eines großen und breiten Stroms finden wir immer mehr Auffächerung, Verästelung und gegenläufige Fließrichtungen. Es wird immer unübersichtlicher in unserer christlichen Landschaft. Thorsten Dietz empfiehlt deshalb: „Was wir brauchen ist eine Besinnung nicht nur auf den Anfang der eigenen Geschichte, sondern auf den unverfügbaren Ursprung. In Christus finden wir Gottes letztes Wort.“ (S. 194) Dem kann ich nur leidenschaftlich zustimmen. Nur in Christus können die von Austrocknung bedrohten Rinnsale wieder zu einem kräftigen, prägenden und fruchtbringenden Strom zusammen fließen.

Umso trauriger finde ich es, wenn unser Christusbild und sein Wort seiner Unverfügbarkeit beraubt wird, weil man die Irrtumslosigkeit, Klarheit und Wahrheit der Schrift immer mehr preisgibt. In die Weite finden wir doch aber gerade nicht durch menschliche (oder theologische) Gedankenakrobatik sondern dort, wo wir dem Wort unseres guten Hirten uneingeschränkt und rückhaltlos vertrauen. Nur mit Ehrfurcht vor Gottes heiligem Wort hat die Kirche Zukunft und kann auch zukünftig weiter glauben und Glauben weiter geben. Wir machen Gott groß und nicht klein, wenn wir uns beim Nachdenken über ihn ganz und gar auf die einzige verlässliche Erkenntnisquelle verlassen, die wir haben: Sein Wort, wie es uns mit der Heiligen Schrift überliefert wurde. Ich bin überzeugt: Sie ist nicht Gotteswort im Menschenwort sondern – wie z.B. jüngst der Theologe Prof. Armin Baum ganz fundiert auf Basis seiner wissenschaftlichen Arbeit dargelegt hat – ganz Menschenwort und zugleich ganz Gotteswort. Daran dürfen wir getrost und mutig weiterglauben.


Das Buch WEITERGLAUBEN von Prof. Thorsten Dietz ist im Brendow-Verlag erschienen und kann hier bestellt werden.

Andere Fragen – anderes Evangelium?

„Wie kann meine Sünde vergeben werden?“ „Wie finde ich Gnade vor Gott?“ „Wie komme ich in den Himmel?“ Zur Zeit Martin Luthers waren das brandheiße Fragen, die viele Menschen beschäftigten – so sehr, dass sie sogar bereit waren, Geld für Ablassbriefe zu bezahlen, um Vergebung, Gnade und den Himmel zu finden. Martin Luthers Lehre, dass allein der Glaube uns rettet und Vergebung bringt, war eine phantastische Antwort auf die brennenden Fragen der damaligen Zeit. Luther hat für die damaligen Menschen eine Brücke gebaut über einen reißenden Strom von weit verbreiteten Ängsten, den die Kirche mit ihrem Ablasshandel zusätzlich geschürt hat.

Der reißende Strom von damals ist heute höchstens noch ein kleines Rinnsal, für das kein Mensch mehr eine Brücke braucht. Sünde beschäftigt die Menschen höchstens noch in Bezug auf falsche Ernährung. Außerdem steht für die meisten Menschen fest: Falls es Gott gibt, dann ist es in jedem Fall ein lieber Gott, der mich niemals in die Hölle schmeißen würde.

Der Fluss der Fragen und Ängste fließt heutzutage anderswo. Da geht es um die Suche nach Identität, nach Sinn, nach Orientierung und tragfähigen Beziehungen. Brauchen diese neuen Fragen also ganz neue Antworten? Müssen wir vielleicht ganz neue Brücken bauen statt die alte Brücke der Reformationszeit zu renovieren und zu modernisieren? Braucht unsere heutige Gesellschaft ein anderes Evangelium als die Gesellschaft Martin Luthers?

Bei Paulus lesen wir, dass es ihm auf seinen Missionsreisen äußerst wichtig war, genau darauf zu achten, welche Fragen die Menschen bewegen und womit sie sich beschäftigen. Er suchte nach guten Anknüpfungspunkten, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen (Apostelgeschichte 17, 23). Das zeigt: Die Orientierung an den Fragen der Menschen ist wichtig für unsere missionarische Arbeit. Und auch in Deutschland sind wir ja längst wieder in einer Missionssituation, die sich von der Situation des Paulus kaum unterscheidet.

Müssen wir also unsere Botschaft verändern, damit die Kirche in Deutschland gegen den Trend wieder wachsen kann? Müssen wir lernen, das Evangelium ganz anders zu positionieren und mit ganz anderen Schwerpunkten zu versehen als Martin Luther das tat?

Nein, ich glaube nicht. Denn die Annahme, dass wir als Kirche missionarisch erfolgreicher werden, wenn wir nur eine passende Kommunikationsstrategie entwickeln, beruht m.E. auf einem grundsätzlichen Missverständnis:

Warum war denn die erste Generation der Christen eigentlich so erfolgreich? Warum wächst heute das Evangelium wie verrückt in absolut christenfeindlichen Gesellschaften wie z.B. dem Iran oder China? Ganz sicher nicht deshalb, weil dort die Christen viel Zeit auf soziokulturelle Studien verwenden und sich passende Kommunikationsstrategien antrainieren. Auch nicht, weil das Evangelium eine passende Antwort auf menschliche Bedürfnisse bietet. Im Gegenteil: In der Verfolgungssituation entzieht das Evangelium Sicherheit, statt Sicherheit zu geben. Es entzieht Gemeinschaft, statt Gemeinschaft zu geben. Wenn die neuen Christen aus ihren Familien ausgestoßen und gesellschaftlich geächtet werden entzieht das Evangelium Schutz und Annahme statt Schutz und Annahme zu geben. Es bringt gesellschaftliche Schande über die Menschen statt die Scham zu nehmen.

Schauen wir uns doch einmal die Schlüsselsätze aus den extrem erfolgreichen Botschaften der Apostel an: „In keinem anderen Namen ist das Heil!“ (Apg. 4, 12) „Kehrt um!“ (Apg. 2, 38) Dieser Absolutheits- und Wahrheitsanspruch, der dem damaligen gesellschaftlichen Konsens komplett widersprach, sowie das grundlegende Infragestellen des bisherigen Lebensstils der Menschen war noch nie populär. Das war noch nie Antwort auf die Fragen der Menschen. Das war im Gegenteil schon immer ein provokatives und polarisierendes Ärgernis, das nur deshalb so erfolgreich war, weil die Zeugnisgeber eine so enorme Ausstrahlung hatten und so glaub-würdig waren.

Das Evangelium stellt ja gerade nicht den Menschen mit seinen Bedürfnissen, Ideen, Ängsten und Fragen in den Mittelpunkt sondern den gekreuzigten Christus und die Botschaft, dass wir mit Christus am Kreuz sterben müssen, damit Erneuerung möglich wird. Erst durch diese Erneuerung, diese Neugeburt durch Taufe und Heiliger Geist beginnt das Evangelium, auch Bedürfnisse nach Annahme, Liebe, Versorgung, Gemeinschaft, Identität, Zukunft, Sicherheit usw. zu stillen. Aber ohne diese Erneuerung bleiben alle Versprechen nach Bedürfnisstillung leere Versprechen, mit denen man gerade in der Verfolgungssituation erst gar nicht zu kommen braucht. Und auch bei uns leiden doch so viele Gemeinden daran, dass immer mehr Gemeindeglieder die Erwartung haben, dass die Gemeinde ihre Bedürfnisse stillen soll. Das kann niemals funktionieren. Am Ende kann Gott allein unsere Bedürfnisse stillen. Wenn wir nicht lernen, unsere Bedürfnisse selbst aus einem lebendigen geistlichen Leben zu stillen und das stattdessen primär von der Gemeinde erwarten, denn wird das zwangsläufig immer in Frust und Zerwürfnissen enden. Solange wir in unseren Gemeinden keine geistlichen Selbstversorger sondern nur Konsumenten hervorbringen bleibt Gemeindearbeit ein zähes Geschäft, in dem die einen unzufrieden sind und die anderen in den Burnout getrieben werden.

Das Evangelium stellt ja gerade nicht den Menschen mit seinen Bedürfnissen, Ideen, Ängsten und Fragen in den Mittelpunkt sondern den gekreuzigten Christus und die Botschaft, dass wir mit Christus am Kreuz sterben müssen, damit Erneuerung möglich wird.

Deshalb bin ich überzeugt davon: Unsere lahmende Kirche kann nur dann erfolgreich werden, wenn Sie das Geheimnis der Erneuerung in Christus durch das Kreuz und den Heiligen Geist wieder entdeckt und wenn daraus authentische, glaubwürdige Gläubige und schließlich auch Gemeinden wachsen, in denen der Jubel der Erlösten, die Dankbarkeit der Begnadigten und die Gemeinschaft der Heiligen sichtbar und spürbar wird. Wachstum wird möglich mit Gemeinden, die einen offenkundigen Unterschied zur Welt machen, nicht weil sie die besseren Vorsätze haben sondern weil in ihnen eine übernatürliche Kraft des Heiligen Geistes sichtbar und spürbar wird, die die Menschen so sichtbar verändert und erneuert, dass sogar die Esoteriker neidisch werden (Apg. 8, 18).

Um im Bild vom Fluss und der Brücke zu bleiben: Der entscheidende Fluss, den das Evangelium überbrückt, hat sich nie verändert und er wird sich nie verändern bis Jesus wiederkommt: Das ist die Sündhaftigkeit des Menschen, der es aus eigener Kraft eben niemals schafft, Solidarität, Liebe, Gemeinschaft, Selbstlosigkeit, Freiheit usw. zu leben. Deshalb ist auch die Brücke des Evangeliums im Kern seit 2.000 Jahren in aller Welt und in allen Kulturen die gleiche: Jesus erlöst uns aus unserem alten Leben der Verstrickung in die weltlichen Denk- und Verhaltensmuster, indem wir unser Leben in den Tod geben (Taufe), um uns aus Gnade mit Vergebung beschenken und durch den Heiligen Geist erneuern zu lassen.

Der entscheidende Fluss, den das Evangelium überbrückt, hat sich nie verändert und er wird sich nie verändern bis Jesus wiederkommt: Das ist die Sündhaftigkeit des Menschen, der es aus eigener Kraft eben niemals schafft, Solidarität, Liebe, Gemeinschaft, Selbstlosigkeit, Freiheit usw. zu leben.

Den schwersten Schaden nimmt die Kirche daher immer dann, wenn sie das Ärgernis des Kreuzes beseitigt, wenn sie das Geheimnis der Neugeburt durch Wasser und Geist nicht mehr mit Leben füllen kann und wenn sie stattdessen versucht, ihre verloren gegangene Kraft und Ausstrahlung mit intellektuellen Strategien zu kompensieren oder gar mit dem Versuch, das Evangelium mit den säkularen intellektuellen Strömungen kompatibel zu machen. Das kann niemals funktionieren. Gerade für die Klugen und Intellektuellen ist das Evangelium doch die größte Provokation (1. Kor. 1, 20), weil es die Weisheit dieser Welt und den dahinter stehenden menschlichen Stolz komplett in Frage stellt und stattdessen sagt: Die Furcht des Herrn ist der Anfang aller Weisheit (Psalm 111, 10; Sprüche 9, 10).

Bevor wir uns also ausgiebig mit Kommunikationsstrategien befassen steht die Kirche zunächst vor einer anderen Aufgabe: Wie können wir zurückkehren zu unserer ersten Liebe zu Christus? (Offb. 3, 5) Wie können wir Anbetung, Gebet und Hören auf Gottes Wort neu beleben, damit unser Glaube wieder lebendiger, leidenschaftlicher, dadurch auch authentischer und glaub-würdiger wird? Denn eine Botschaft, die wir nicht existenziell leben, wird gerade in der heutigen Zeit niemals nachhaltigen Eindruck bei den Menschen hinterlassen.

Bevor wir uns also ausgiebig mit Kommunikationsstrategien befassen steht die Kirche zunächst vor einer anderen Aufgabe: Wie können wir zurückkehren zu unserer ersten Liebe zu Christus?

Jesus hat zudem zum Ausdruck gebracht, dass unsere Einheit miteinander der entscheidende Schlüssel ist, dass die Welt glaubt (Joh. 17, 21). Echte Einheit wächst aber nie durch intellektuellen Konsens sondern immer vom Haupt Christus her, der die Gelenke seines Leibes miteinander verbindet (Kol. 2, 19). Ich habe es so oft erlebt: Wo Christus die gelebte Mitte ist, da wächst Einheit wie von selbst. Nur authentisches Christsein und geistgewirkte Einheit gibt unserem Zeugnis in der Welt die notwendige Glaubwürdigkeit, die unbedingt notwendig ist.

Wenn die Kirche sich auf diese Punkte konzentriert und dann zusätzlich noch über kluge Kommunikation und Anknüpfungspunkte in der konkreten Missionssituation nachdenkt, dann ist das ein gutes i-Tüpfelchen zu der Frage, wie wir unsere Gesellschaft mit dem Evangelium erreichen können.

AiGG meets Hossa Talk

… und darüber haben wir gesprochen:

Im Oktober 2017 erschien im AiGG-Blog der Artikel “6 Gründe für die Flucht aus Evangelikalien”, im wesentlichen eine Rezension von Gofi Müllers Buch “Flucht aus Evangelikalien”, aber auch eine Schilderung meiner Eindrücke vom Hören verschiedener Folgen des Podcasts “Hossa Talk” von Gofi Müller und Jakob Friedrichs. Der Artikel hat mir eine Einladung zu Hossa Talk eingebracht. Im März hatten wir ein äußerst interessantes, kontroverses und doch schönes Gespräch miteinander. Am 13. Mai ging der “Talk” online unter

http://hossa-talk.de/97-im-angesicht-meiner-feinde/

Als kleiner Service für alle Hörer des Talks: Über diese Artikel haben wir uns unter anderem miteinander unterhalten:

6 Gründe für die Flucht aus Evangelikalien

Scheinbar gibt es vielerorts Absetzbewegungen in Richtung eines liberalen Bibelverständnisses. Um besser zu verstehen, woran das eigentlich liegt, habe ich mich für einige Zeit aus „Evangelikalien“ ins „Hossa-Land“ aufgemacht, die Welt von Gofi und Jay und ihren wöchentlich Podcast „Hossa-Talk“. Gofi hat jüngst ein Buch herausgebracht mit dem Titel “Flucht aus Evangelikalien”. Ich habe viel gelernt im „Hossa-Land“. Denn dort wird uns Evangelikalen ein Spiegel vorgehalten, in den wir unbedingt mal hineinschauen sollten, auch wenn es weh tut.

Das Kreuz – Stolperstein der Theologie

Warum ist Jesus am Kreuz gestorben? Jahrzehntelang war für mich die Antwort auf diese Frage simpel und sonnenklar. Vor einigen Jahren wurde ich erstmals mit einer theologischen Welt konfrontiert, in der bei dieser Frage überhaupt nichts klar ist, im Gegenteil: Ein ganzer Wust an „Deutungen“ des Kreuzestodes schwappte mir entgegen. Dabei ist ein klarer Blick auf die biblische Botschaft vom Kreuz eine Grundvoraussetzung dafür, dass die Kirche wieder wachsen kann!

Worthaus – Universitätstheologie für Evangelikale?

Die Worthaus-Mediathek ist inzwischen auch unter Evangelikalen sehr populär – obwohl der Hauptreferent Siegfried Zimmer ausdrücklich vor Evangelikalen warnt. Die Analyse der Worthaus-Vorträge zeigt: Die evangelikale Bewegung steht vor einer grundlegenden Entscheidung, wenn sie nicht in den Abwärtsstrudel der liberalen Kirchen hineingezogen werden möchte. Deshalb müssen wir über Worthaus reden. Dringend.

4 Dinge für die ich Atheisten bewundere 

Es gibt Menschen, die mich für einen besonders gläubigen Zeitgenossen halten. Heutzutage noch an Gott zu glauben, trotz all der Erkenntnisse und Errungenschaften der Wissenschaft, das sei zwar naiv, aber irgendwie doch bewunderns- und vielleicht auch ein wenig beneidenswert. Vielen Dank für die Blumen. Gerne möchte ich heute dieses Kompliment einmal zurückgeben. Hier die 4 wichtigsten Dinge, für die ich den atheistischen ‪#‎Glauben‬ bewundere.Schöpfer und Zufall

10 Gründe, warum es auch heute noch vernünftig ist, der Bibel zu vertrauen

Kann man sich in der Welt der Aufklärung, der Wissenschaft und der liberalen Theologie auch heute noch auf die Worte der Bibel verlassen? Aber ja! Tatsächlich gibt es nüchtern betrachtet eine ganze Reihe an beeindruckenden Fakten, die klar darauf hinweisen, dass die Bibel vertrauenswürdig ist und von Gott inspiriert sein muss.

Stolz und Vorurteil? Wie wissenschaftlich ist die Bibelwissenschaft?

In den vergangenen 150 Jahren ist etwas Dramatisches passiert: Die Theologie hat den Blick für das Wunder der Bibel verloren! Müssen wir das als aufgeklärte und rationale Menschen in Kauf nehmen, weil die wissenschaftliche Untersuchung der Bibel schlicht keine anderen Schlussfolgerungen zulässt? Oder könnte es sein, dass es schlicht und einfach außerwissenschaftliche Vorurteile sind, die der modernen Bibelwissenschaft den Blick für das Wunder der Bibel verstellen? Eine Analyse eines verbreiteten Klassikers der theologischen Ausbildung liefert dazu spannende Einsichten.

Und außerdem:

Wissen oder Wahrheit?

„Mein ganzes Leben lang habe ich mich mit der Liebe beschäftigt,“ sagte Tom. „Ich kenne alle relevanten wissenschaftlichen Abhandlungen. Sämtliche Diskussionen dazu habe ich intensiv verfolgt. Für meine sexualwissenschaftlichen Forschungen habe ich mehrere Preise bekommen. Bei diesem Thema macht mir niemand etwas vor. Auch Du nicht, mein Freund.“ Jim schien beeindruckt zu sein. Er nippte kurz an seiner Kaffeetasse und fragte dann: „Sag mal, aber Du bist doch gar nicht verheiratet. Warst Du eigentlich schon mal so richtig verliebt?“ Ein Knistern lag in der Luft. Tom dachte nach. „Na ja, es gab da schon so ein paar Affären. Aber ganz ehrlich: Wirklich verliebt war ich immer nur in die Wissenschaft.“ Jim trank seine Tasse leer, stellte sie ab und schaute Tom direkt in die Augen. „Dann lass Dir sagen, mein Freund: Von Liebe hast Du nun wirklich überhaupt keine Ahnung.“

Kennt man automatisch die Wahrheit, wenn man über alles Bescheid weiß? Was ist Wahrheit eigentlich? Diese Frage hat schon Pilatus bewegt. Und sie ist brandheiß bis heute.

Einige sind ja der Meinung, dass es so etwas wie objektive Wahrheit überhaupt nicht gäbe. Alles sei relativ. Allein der Blickwinkel des Betrachters entscheide darüber, ob etwas für ihn wahr sei oder nicht. Für den Nächsten könne dann aber wieder eine ganz andere Sichtweise wahr sein.

Aber das ist zu kurz gedacht. Denn natürlich kann es am Ende nur 1 objektive Wahrheit geben. Entweder ist die Erde eine Scheibe oder eine Kugel. Entweder ist Elvis tot oder nicht. Das eine schließt das Andere aus. Das gleiche gilt in der Theologie: Entweder ist Jesus leiblich auferstanden oder im Grab verwest. Entweder war sein Tod am Kreuz ein stellvertretendes Sühneopfer oder nicht. Gott ist nicht schizophren.

Christen sind überzeugt: Diese eine Wahrheit ist in der Bibel zu finden. Aber heißt das, dass wir einfach nur die Bibel lesen müssen, um die Wahrheit zu finden?

Tatsächlich hat Jesus betont, dass wir an seinem Wort bleiben müssen, um die freimachende Wahrheit erkennen zu können (Joh.8,31-32). Und Jesus hatte – wie alle Juden – allerhöchsten Respekt vor den heiligen Schriften. Er hat ausdrücklich betont, dass er sie in keinster Weise auflösen will. Kein einziges Satzzeichen wollte er in Frage stellen. Die Schrift war für Jesus in jeder nur denkbaren Art und Weise durch und durch wahr. Deshalb fragte er so oft: „Habt ihr nicht gelesen?“ Selbst im Angesicht Satans hat Jesus mit der Schrift argumentiert. Die moderne Idee, dass wir biblische Aussagen eher als  Meinungsäußerung, Diskussionsbeitrag oder Erfahrungen antiker Menschen mit Gott sehen müssten, statt in ihnen Gottes heiliges Wort mit allerhöchster, unhinterfragbarer Autorität zu sehen, war Jesus ganz offensichtlich vollkommen fremd.

Aber Jesus hat nicht nur über sein Wort gesprochen, wenn es um die Wahrheit ging. In Johannes 16, 13 sagt er: “Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, gekommen ist, wird er euch in die ganze Wahrheit leiten.” Warum betont Jesus hier so sehr den Heiligen Geist bei der Frage, wie wir Wahrheit finden können? Ganz einfach: Weil Wahrheit nun einmal mehr ist als mit Worten vermittelbares und mit dem Verstand erfassbares Wissen.

Das wird ganz deutlich bei der Antwort Jesu, was eigentlich das wichtigste aller Gebote sei. Seine Antwort ist bezeichnend: Wir sollen Gott lieben in 4 Dimensionen: Mit unserem Verstand, unserem Herzen, unserer Seele und ganzer Kraft.

Das bedeutet: Die Liebe zu Gott, die das Zentrum unseres Christseins sein soll, ist zum einen nicht denkbar ohne unseren Verstand. Ein uninformierter, gefühlsduseliger Glaube trägt nicht. Gott hat uns einen Kopf zum Denken gegeben, zum Studieren, zum Forschen in der Schrift. Wenn wir Gott lieben, werden wir auch seine Gebote lieben, sagte Jesus. Anders gesagt: Dann werden wir jedes Wort Gottes absolut ernst nehmen. Wir werden uns Gottes Worten unterordnen und darauf achten, dass sie uns zurechtbiegen, nicht umgekehrt. Das gehört zur Liebe zu Gott dazu. Aber es ist eben noch nicht die ganze Geschichte.

Ohne Seele und Herz ist die Liebe zu Gott nicht komplett. Liebe hat eine Dimension, die mit Worten allein nicht fassbar ist. Die Breite, Länge, Höhe und Tiefe der alle Erkenntnis übersteigenden Liebe Gottes können wir niemals vollständig durch die theologische Analyse von Bibelstellen erfassen. Wir brauchen dafür das Wirken des Heiligen Geistes. ER ist es, der uns einen Geschmack vermittelt von der majestätischen Heiligkeit Gottes. ER ist es, der uns staunen lässt über die Größe und Allmacht des Schöpfers des Universums. ER ist es, der in uns eine Ahnung weckt von der innigen, geradezu zärtlichen Liebe des himmlischen Vaters, durch die wir zu ihm ganz ohne Scham “Abba” – Papa sagen können. Ohne diese geistgewirkte Begegnung mit dem allmächtigen, ehrfurchterregenden, heiligen, liebenden, gnädigen und barmherzigen Gott fehlt uns eine entscheidende Dimension der Wahrheit.

Bibelwissen ist für Christen alternativlos. Es kann uns aber auch die falsche Sicherheit vorgaukeln, dass wir damit die Wahrheit bereits im Griff hätten (so wie Tom dachte, mit seinen Forschungspreisen alles über die Liebe zu wissen). Wenn wir uns mit der Bibel in der Hand vom Heiligen Geist (und somit von Gott!) unabhängig machen, dann wird die Bibel sogar zum Götzen. Deshalb warnte uns Paulus ausdrücklich, dass wir uns bloß nicht einbilden sollen, alles zu wissen. Erkenntnis bläht auf, sagte er. Und der Buchstabe tötet. Vielleicht hatte er dabei vor Augen, dass die Pharisäer (wie er selbst ja einer war) großartige Kenner der heiligen Schriften waren und trotzdem Gottes Sohn ans Kreuz gebracht und die Christen verfolgt haben.

Echte, freimachende Wahrheit wächst in uns deshalb nicht nur durch Schriftstudium allein sondern auch durch Hingabe und Gebet, durch das Anschauen seiner Heiligkeit und durch Anbetung seiner abgrundtiefen Liebe. Auch damit bekommen wir die Wahrheit nicht in den Griff. Aber in der engen Verbindung mit IHM dürfen wir hoffen, dass die Wahrheit in Person – Jesus Christus – uns immer mehr in den Griff bekommt.

Wenn in der Begegnung mit Gott geistgewirkte Wahrheit in uns wächst, wenn tief in unserem Innersten eine Ahnung von seiner unermesslichen Liebe und Heiligkeit heranreift, dann lebt unser Glaube nicht mehr nur aus dogmatisch korrekten Gedankengebäuden und der Abgrenzung von Irrlehren sondern vor allem aus der Geborgenheit und Sicherheit einer Liebe, von der uns weder Tod noch Leben noch irgendetwas anderes jemals trennen kann.

Wissen ist gut (kann uns aber auch hochnäsig werden lassen). Wirklich frei macht uns nur die Wahrheit. Um sie zu erkennen brauchen wir die Schrift – und wir sind absolut angewiesen auf das Wirken des Heiligen Geistes.

Siehe auch:

Vom Pferd gefallen

Von der Kunst, Fehlentwicklungen offen anzusprechen und sich zugleich ein weites Herz zu bewahren

Eins der schockierendsten Bücher, das ich je gelesen habe, war der Bericht über die Verfolgung der Täuferbewegung im 16. und 17. Jahrhundert. Was um alles in der Welt hat so phantastische Gottesmänner wie Martin Luther nur geritten, die grausame Ermordung von täuferisch gesinnten Glaubensgeschwistern samt der furchtbaren Vertreibungs- und Säuberungswellen mit zu unterstützen?

Leider ist dieses Drama kein Einzelfall. In der Kirchengeschichte gab es immer wieder theologisch hochkompetente Nachfolger Jesu, die gute und fruchtbringende geistliche Bewegungen bekämpft haben. Ganz offensichtlich ist es gar nicht so einfach, auf keiner der zwei folgenden Seiten vom Pferd zu fallen:

Die eine Seite des Pferdes: Einheit auf Kosten der Wahrheit

Für Paulus war absolut klar: Es gibt nur ein wahres Evangelium. Schon eine scheinbare Kleinigkeit wie die Ergänzung der Gnade Gottes durch die Beschneidung brachte ihn dazu, den ganzen bisherigen Gemeindeaufbau in Galatien komplett in Frage zu stellen (Gal.4,19). Zwar passt es gut zur Postmoderne, alle Sichtweisen gleichberechtigt nebeneinander stehen zu lassen. Mit dem Neuen Testament ist diese Sichtweise jedoch in keinster Weise vereinbar. Schließlich sind einige der neutestamentlichen Briefe regelrechte Streitschriften gegen falsche Lehren und Lehrer. Einheit auf Kosten der Wahrheit kam für die Apostel nicht in Frage, denn sie führt auf Dauer erst recht zu Spaltung. Das muss ich in meiner evangelischen Kirche gerade jetzt wieder schmerzlich erleben.

Die andere Seite des Pferdes: Falsche Mauern aus menschlicher Erkenntnis

Bei bestimmten Fragen konnte Paulus aber ziemlich flexibel sein. Er war bereit, sich um des Evangeliums willen der Kultur seiner Zielgruppe vollständig anzupassen (1.Kor.9,20ff.). Bei der Frage nach der Einhaltung von Feiertagen (Römer 14,5-6) oder dem Essen von Opferfleisch (1.Kor.10,23ff.) war es ihm wichtiger, das individuelle Gewissen zu beachten statt ein universelles Dogma aufzurichten. Auch Jesus hat zwar die Einhaltung der Gebote eingefordert, andererseits aber auch das Wohl von Menschen über die sklavische Einhaltung von Gesetzen gestellt (z.B. bei der Frage der Einhaltung des Sabbats Mark.2,27). Wer bei solchen Themen immer nur penibel statt flexibel ist richtet Mauern auf, die nicht im Sinne der Bibel sind und zerstört ebenfalls die Einheit der Kirche Jesu.

Die 1-Million-Euro-Frage

Es ist also wie so oft: Man kann auf 2 Seiten vom Pferd fallen! Das führt uns direkt zur großen 1-Million-Euro-Frage: Bei welchen Themen müssen wir denn nun unbedingt auf der richtigen Lehre bestehen? Und wo dürfen bzw. müssen wir flexibel und weitherzig sein, um die Einheit der Kirche trotz Lehrdifferenzen nicht unnötig zu beschädigen?

Die 1. Antwort: Christus

Viele würden jetzt antworten: Der unaufgebbare Kern des Christentums, auf den wir unbedingt bestehen müssen, ist keine Lehre sondern eine Person: Jesus Christus! Und tatsächlich finden sich im Neuen Testament Hinweise, die diese Antwort bestätigen. In 2. Timotheus 2, 22 ermahnt uns Paulus zum Frieden mit allen, „die mit aufrichtigen Herzen den Herrn anrufen.“ Und in Epheser 6, 24 wünscht er Gottes Gnade „allen, die Jesus lieb haben“. Paulus orientiert sich hier also bei der Frage, wer alles zur Gemeinschaft der Christen gehört, nicht an bestimmten zu bejahenden Dogmen. Vielmehr war für ihn die authentische Liebesbeziehung zu Jesus ein zentrales Kriterium. Ohne Liebe war für ihn sowieso jede Lehre wertlos (1.Kor.13). Auch für Jesus war die Liebe zu Gott das entscheidende Gebot (Mk.12,30). Wir lernen daraus: Auch Bibeltreue können auf dem falschen Dampfer sein, wenn sie zwar die richtigen Dogmen vertreten, aber die Liebe zu Jesus fehlt (Offb.2,4)!

So weit, so gut. In der gelebten Praxis reicht diese 1. Antwort aber nicht. Denn die Frage ist ja: Welchen Jesus meinen wir? Den Christus der Urchristen? Oder den „historischen Jesus“ einiger moderner Bibelwissenschaftler? Die Christusbilder, die in der christlich/kirchlichen Landschaft umherschwirren, haben zum Teil nur noch wenig miteinander zu tun. Damit Jesus das einende Band der Kirche sein kann muss man schon definieren, welchen Jesus man meint. Wir kommen daher bei der Beantwortung der 1-Million-Euro-Frage um Lehrfragen nicht herum. Und deshalb brauchen wir…

Die 2. Antwort: Die Autorität der Schrift

Allein durch die Schrift wissen wir, wer und wie Jesus ist. Nur wenn wir der Bibel Autorität einräumen bleibt gewährleistet, dass wir einigermaßen über das Gleiche reden, wenn wir von Jesus Christus sprechen. Entsprechend galt für die Reformatoren: Die Schrift soll die „Königin“, also die oberste Wahrheitsinstanz sein, über die sich nichts und niemand stellen kann. Sola scriptura heißt: Nur die Schrift soll die Schrift auslegen. Nur mit der Schrift kann verbindlich theologisch argumentiert werden. Und in allen entscheidenden Lehrfragen ist die Bibel so eindeutig und klar, dass Jeder, der sie demütig und hörend liest, ihre Botschaft verstehen kann.

Mit diesem Grundsatz entstand einerseits ein Schutz vor einem Zuviel an Dogmatik und vor der menschlichen Tendenz, die Bibel um zusätzliche Lehren ergänzen zu wollen. Das hatten ja schon die Pharisäer zu biblischen Zeiten praktiziert. Und bis heute tappen die kirchlichen Eliten immer wieder in diese Falle.

Zum Anderen entstand ein verbindliches gemeinsames Fundament, auf dessen Basis man sich zwar streiten, auseinandersetzen und um die Wahrheit ringen kann, das aber trotzdem der weltweiten Kirche Jesu bis heute ein solides gemeinsames Fundament verleiht – sofern die Bibel denn ernst genommen und respektiert wird.

Zwischenfazit

Somit haben wir eine doppelte Antwort auf die 1-Million-Euro-Frage: Die Liebe zu Christus muss die Mitte sein. Und die Autorität der Schrift muss anerkannt werden, um nicht in die Beliebigkeit zu rutschen.

Aber auch damit ist die 1-Million-Euro-Frage noch nicht komplett beantwortet. Denn die Frage bleibt ja: In welchen Lehren ist die Bibel denn nun eindeutig und klar? Und wo ist sie das nicht? Bei welchen Lehrdifferenzen muss man sich von einem christlichen Lehrer oder einer Bewegung distanzieren? Und welche Lehrdifferenzen sollten Christen fröhlich aushalten können, ohne sich voneinander trennen zu lassen?

6 Prinzipien für die Prüfung von Lehren und Bewegungen

Es würde Bücher füllen, wenn wir jetzt alle einzelnen Lehrunterschiede diskutieren würden, die einige Christen für fundamental und andere für verschmerzbar halten. Statt einer Einzeldiskussion will ich 6 Prinzipien nennen, die wir bei der Prüfung von Lehren und Bewegungen ganz grundsätzlich immer beachten müssen:

1. Niemals Fehlerfreiheit erwarten!

Zuerst müssen wir uns bewusst machen: NIEMAND hat eine vollkommen richtige und ausgewogene Theologie – auch wir selbst nicht. “Bildet euch nicht ein, alles zu wissen” ermahnte uns Paulus (Röm.12,16). Eine gewisse Weite in der Beurteilung anderer Christen ist deshalb zwingend erforderlich. Wir alle leben davon, dass Gott uns gegenüber diese Weite hat und gnädig mit uns umgeht! Paulus sagte deshalb auch nicht: Prüft alles – und wo ihr etwas Schlechtes findet verwerft alles, was aus dieser Richtung kommt. Vielmehr sagte er gelassen: „Prüft alles und behaltet das Gute“ (1.Thess.5,21).

2. Hochmut und Geistlosigkeit tötet

Wer sich im Dienst der Unterscheidung betätigen will braucht dazu den Heiligen Geist! Denn lieb- und geistlose Buchstabenwahrheit verursacht nicht nur Blähungen (1.Kor.8,1), sie wirkt geradezu tödlich (2.Kor.3,6). Tatsächlich verbirgt sich hinter Manchem, was sich die Reinhaltung der rechten Lehre auf die Fahne geschrieben hat, in Wahrheit Hochmut, Machtmissbrauch, Manipulation und Selbstbeweihräucherung. Man fühlt sich halt gut, wenn man im Gegensatz zu anderen die Wahrheit kennt. Das verschafft eine falsche Befriedigung und eine Scheinidentität, die auf Abgrenzung statt auf geistlicher Vollmacht beruht. Mit einer solchen falschen Motivation bringen sogar die theologisch korrektesten Worte Verwüstung statt Heilung. C.H. Spurgeon hat das so ausgedrückt: „Wenn der Geist Gottes fehlt, wird sogar die Wahrheit zum Eisberg.“ Das starke Wachstum der sogenannten „Postevangelikalen“ geht nach meinem Eindruck sehr wesentlich auf genau dieses Problem zurück. Wenn wir Konservativen das nicht abstellen sind wir selbst schuld am Exodus aus unseren Kreisen.

3. Durchgängigkeit des biblischen Zeugnisses

Mit einzelnen Bibelstellen kann man auch die schrägsten Lehren zusammen zimmern. Wenn aber die Bibel durchgängig immer nur in eine Richtung weist (wie z.B. bei der Frage nach der Bewertung von praktizierter Homosexualität), dann können wir unmöglich in eine andere Richtung zeigen. Wenn die Bibel aber in verschiedenen Passagen zu einem Thema unterschiedliche Akzente setzt (wie z.B. bei der Frage nach der Rolle von Frauen beim Predigen und Leiten) dann könnte es sein, dass auch wir bei diesem Thema unbedingt flexibel sein sollten.

4. Verwurzelung in Tradition und Bekenntnis

Bekenntnisse sind dazu da, uns Orientierung zu geben und uns einzugliedern in die große Auslegungsgemeinschaft der weltweiten und historischen Kirche. Wenn es Streitereien um die richtige Auslegung der Bibel gibt, dann hat für mich zunächst einmal die Seite mehr Glaubwürdigkeit, die bislang von der großen Mehrheit der weltweiten und historischen Theologen geteilt wurde. Wenn aber ein Lehrer oder eine Bewegung meint, etwas vollkommen Neues erkannt zu haben, dann sollten wir zurecht skeptisch sein.

5. Das Kriterium der Frucht

Jesus hat gelehrt: Einen guten Baum erkennt man nicht an der Form sondern an der Frucht (Mt.12,33). Das Problem ist: Man kann nicht immer sofort sehen, welche Frucht ein Baum hervorbringt. Dafür braucht es Zeit. Ich frage mich, wie ich wohl die Pfingstbewegung in ihren wilden, teils überdrehten und theologisch schrägen Anfangszeiten beurteilt hätte? Viele gute Leute haben sie damals abgelehnt oder sogar bekämpft. Heute sehen wir, dass diese Bewegung weltweit eine phantastisch gute Frucht für das Reich Gottes bringt. Wo würde die Kirche in Deutschland heute wohl stehen, wenn die Geschwister von 1909 die Fehlentwicklungen der ersten Zeit zwar klar kritisiert aber nicht gleich die gesamte Bewegung vollständig verurteilt hätten? Wie viele Menschen sind für immer verloren gegangen wegen der daraus resultierenden tiefen Spaltung der Kirche?

6. Statt Richten lieber öfter mal die Klappe halten

„Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet!“ (Mt.7,1) „Mit welchem Maß ihr messt, werdet ihr gemessen werden.“ (Mk.4,24) Drastischer kann man nicht davor warnen, dass wir uns nicht an Gottes Stelle setzen und uns nicht zum Richter aufspielen sollen. Dazu passt die biblische Aufforderung, dass nicht zu viele Leute lehren sollten, weil sie von Gott besonders streng beurteilt werden (Jak.3,1). Mit anderen Worten: Wer sich im Dienst der Unterscheidung betätigt trägt eine riesige Verantwortung. Solange wir uns über etwas nicht ganz sicher sind, sollten wir doch lieber die Klappe halten!

Das gilt ganz besonders, wenn wir unseren Unterscheidungsdienst auf die folgenden fragwürdigen Prüfungskriterien stützen:

Vorsicht Falle: 6 fragwürdige Prüfungskriterien

Ich habe mich schon durch einige Bücher gekämpft, in denen vor Irrlehren und Irrlehrern gewarnt wurde. Einige dieser Bücher fand ich sehr wertvoll und unbedingt notwendig. In anderen jedoch ist mir immer wieder aufgefallen, dass fragwürdige Urteile auf der Basis folgender fragwürdiger Prüfungskriterien aufgestellt wurden:

1. Formen: Erinnern Sie sich noch an die Diskussionen, ob ein Schlagzeug dämonische Kräfte freisetzen kann? Heute höre ich immer wieder, moderne Lobpreislieder seien oberflächlich. Ich staune zugleich, wie teilnahmslos und distanziert einige dieser Leute die alten Choräle in ihren schrumpfenden Gemeinden heruntersingen. Was sie wohl über Davids verrückten Tanz vor der Bundeslade gesagt hätten? Mir scheint, die Strafe der Unfruchtbarkeit (2.Sam.6,23) trifft auch heute noch Christen, die Andere aufgrund ungewohnter Formen vorschnell verurteilen.

2. Gefühle werden zurecht oft kritisiert, weil sie niemals ein tragfähiges Fundament für unseren Glauben bilden können. Aber meine Bibel sprüht trotzdem vor Emotionen! Also Vorsicht: Eine emotionsgeladene Veranstaltung ist noch lange nicht einseitig emotional. Mein Eindruck ist, dass wir in Deutschland immer noch viel mehr an einem verkopften Christentum leiden, dem es an Herz, Leidenschaft und Liebe mangelt.

3. Überinterpretierte Einzelzitate: Wer von uns hat nicht irgendwann mal Blödsinn verzapft? Wer nur lange genug sucht, kann bei Jedem ein Zitat finden, mit dem man ihn öffentlich bloßstellen kann. Deshalb habe ich es mir abgewöhnt, mir aufgrund von ein paar Zitaten ein Urteil über jemand zu bilden.

4. Falscher Beifall: Noch schlimmer ist die Praxis, jemand zu verurteilen, weil er mal einen Irrlehrer zitiert hat oder von zweifelhaften Leuten Beifall bekommen hat. Nichts wird allein dadurch falsch, dass falsche Leute es gesagt haben oder Beifall klatschen.

5. Unterschiedliche Begriffsfüllung: Kommunikation ist oft eine schwierige Sache, weil wir Begriffe auf Basis unserer Prägung und Erfahrung ganz unterschiedlich füllen und mit ganz verschiedenen Emotionen verknüpfen. Um wirklich zu verstehen, wie Andere ticken und wie ihre Äußerungen gemeint sind, sollte man deshalb unbedingt mal die eigene Blase verlassen, bevor man urteilt.

6. Unterstellungen und Einseitigkeit: Die Versuchung ist so groß: Da hat man ein paar Puzzleteile, die in ein vorgefertigtes Bild passen. Dann ergänzt man einfach schnell die fehlenden Teile mit ein paar Unterstellungen, Übertreibungen oder mit dem Verschweigen anderer Puzzleteile, die nicht in unser Bild passen – und fertig ist das Bild vom Irrlehrer, auf das man genüsslich eindreschen kann.

Ich habe all das wohlgemerkt nicht nur einmal gesehen und erlebt. Darum gilt: Wer andere prüft, der prüfe auch sich selbst, und zwar regelmäßig – am besten mit Hilfe von denen, über die man spricht. Wenn ich mich vor dem direkten Gespräch mit denen fürchte, über die ich spreche, dann wäre das für mich ein klares Signal, dass meine Argumente vermutlich zu dünn und/oder meine Motivationen fragwürdig sind.

In den Sattel steigen statt auf die Anderen zeigen

In vielen Diskussionen begegnet mir immer wieder das gleiche Phänomen: Die Leute, die auf der einen Seite vom Pferd gefallen sind zeigen auf die, die auf der einen Seite unten liegen. Anhänger von „Einheit um jeden Preis“ zeigen auf die geistlosen Irrlehrenjäger und umgekehrt. Ist ja auch viel bequemer, liegen zu bleiben und sich dabei mit dem Irrtum der Anderen zu rechtfertigen, statt sich selbst zu hinterfragen.

Ich will es deshalb noch einmal in aller Deutlichkeit sagen: Bei aller hier dargestellten gebotenen Vorsicht ist das Verschweigen von Irrlehre absolut keine Alternative. Wir versündigen uns an den Schwachen, die dringend Orientierung brauchen, wenn wir das Feld den lautstarken Irrlehren und Irrlehrern überlassen. Den Irrtum einer Person zu benennen heißt ja nicht unbedingt, die Person selbst abzulehnen sondern zunächst einmal nur, eine notwendige Debatte anzustoßen. Petrus hat Paulus offenbar verziehen (2.Petr.3,15), nachdem Paulus öffentlich und namentlich seinen Irrtum angesprochen hatte (Gal.2,11ff.). Genauso sollten auch wir uns nicht daran stören, wenn Andere einen Lehrunterschied klar und deutlich benennen und ihre Meinung aus der Schrift heraus begründen. Unsere Kritiker sind oft die besten Berater, die wir haben. Gute, geschwisterliche, gerne auch kantige Auseinandersetzungen auf Basis der Schrift sind etwas, was wir heute wieder dringend brauchen. Die Reformation hätte es nicht gegeben, wenn die Nachfolger Jesu solchen Auseinandersetzungen aus dem Weg gegangen wären.

Damit die fromme Landschaft aber nicht in zahllose kleine Papsttümer zerfällt müssen wir dabei unbedingt unser demütiges, liebevolles und geisterfülltes Herz bewahren. Niemals dürfen wir vergessen, wie beschränkt und fehlerhaft wir selber sind. Wer den schwierigen aber wichtigen Dienst der Unterscheidung übernimmt sollte zugleich immer mit einstimmen in das sehnsüchtige Gebet Jesu, dass seine Nachfolger eins sein sollen wie er und der Vater eins sind, damit die Welt erkennt, dass er vom Vater gesandt worden ist (Joh. 17, 20-24).

Lasst uns um der Einheit der Kirche willen endlich dieses Pferd besteigen und mit Gottes Hilfe fest im Sattel sitzen bleiben!

Siehe dazu auch:

 

Die Auferstehung Jesu: Fakt oder Fiktion? Der Indizienprozess

Ist Jesus tatsächlich auferstanden? Hat er den Tod überwunden? Gibt es somit Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod? Diese Frage ist nicht nur für die Kirche sondern letztlich für alle Menschen absolut entscheidend. Sie wird hier im Rahmen eines Indizienprozesses verhandelt. Der AiGG-Blog dokumentiert den Prozessverlauf:

Dieser Artikel kann hier auch als PDF heruntergeladen werden.

Richter: Sehr verehrte Anwesende, ich begrüße Sie im Gerichtssaal. Der Fall, um den es geht, ist Ihnen bekannt. Ich will zunächst betonen: Heute geht es nicht um Glauben! Vor Gericht zählen ausschließlich Fakten, Fakten und noch einmal Fakten. Ob die Geschichte von der Auferstehung stimmt oder nicht können wir mit naturwissenschaftlichen Mitteln nicht klären, denn Naturwissenschaft arbeitet mit Beobachtung und Experiment. Beide Instrumente taugen zur Klärung dieses Falles leider nur sehr eingeschränkt. Wenn Geschichtswissenschaftler herausfinden wollen, ob ein Ereignis tatsächlich stattgefunden hat, müssen sie letztlich einen Indizienprozess führen, genau wie Richter und Kommissare, die entscheiden müssen, ob jemand tatsächlich ein Verbrechen begangen hat oder nicht. Dafür müssen sie Spuren und Hinweise sammeln und auf ihre Beweiskraft prüfen und bewerten. Sie müssen Zeugen befragen und die Glaubwürdigkeit der Zeugen prüfen. Genau das werden wir heute tun. Dabei werden wir 2 Dinge als Fakten voraussetzen, weil sie bereits zuvor ausführlich geprüft und eindeutig entschieden wurden:

  • Jesus hat gelebt!
  • Er ist in Jerusalem gekreuzigt worden!

Diese beiden Tatsachen sind heute nicht mehr wirklich umstritten, nicht einmal unter sehr kritischen Theologen und Wissenschaftlern. Schließlich gibt es neben den biblischen Berichten auch zahlreiche außerbiblische Bestätigungen, z.B. vom römischen Geschichtsschreiber Tacitus, vom jüdischen Geschichtsschreiber Josephus Flavius, aus dem Talmud und viele mehr.

Heute geht es um die Frage: Ist Jesus nicht nur gekreuzigt worden, sondern ist er auch leiblich von den Toten auferstanden? Genau das wurde und wird bis heute von den Nachfolgern Jesu behauptet. Der Anwalt der Anklage hat eine ganze Reihe von Einwänden gegen diese These zusammengetragen. Herr Anwalt: Sie vertreten eine Gruppe ganz unterschiedlicher Kläger, die sich gegen die Verbreitung der Auferstehungsbotschaft wenden. Könnten Sie bitte die Anklagepunkte zusammenfassen.

Die Anklageschrift

Anklage: Sehr gerne. Zunächst möchte ich betonen: Es handelt sich hier um einen äußerst schwerwiegenden Skandal! Die christlichen Kirchen dieser Welt haben viele Millionen von Menschen hinters Licht geführt. Sie haben ihnen eine falsche Hoffnung eingeimpft mit einer Geschichte, die sie nicht beweisen können und die naturwissenschaftlich unhaltbar ist. Zahllose Menschen sind wegen diesem Unfug einen sinnlosen Märtyrertod gestorben. Was für ein Verbrechen! Vor diesem dramatischen Hintergrund hält die Anklage die absolute Höchststrafe für mehr als angemessen.

Richter: Wenn Jesus nicht wirklich auferstanden ist, wie ist es denn dann aus Sicht der Anklage tatsächlich gewesen?

Anklage: Die Kläger, die ich vertrete, sind sich darin nicht völlig einig. Die unterschiedlichen Alternativszenarien der verschiedenen Klageparteien lauten wie folgt:

  • Es war gar nicht Jesus, der ans Kreuz geschlagen wurde. Das vertritt übrigens auch der Koran.
  • Jesus war gar nicht tot sondern er war nur betäubt oder scheintot.
  • Die Leiche wurde gestohlen oder ist auf andere Weise verschwunden. Das vertrat z.B. auch Johann Wolfgang von Goethe.
  • Die Jünger hatten nur Visionen und Halluzinationen.
  • Die ganze Geschichte ist erfunden und stellt eine große Lüge dar.

Richter: Vielen Dank. Somit schreiten wir zur Prüfung der Fakten. Was können wir zu dieser Geschichte heute sicher wissen? Welche Spuren hat sie hinterlassen?  Herr Verteidiger, welche Beweise können Sie uns zu diesen Fragen präsentieren?

Die schnelle Verbreitung in der Zeit und der Region der Augenzeugen

Verteidiger: In der Tat kann ich Ihnen heute eine ganze Reihe von Indizien und Beweisen präsentieren. Das 1. Beweisstück, das ich dem Gericht vorlegen möchte, ist die rasend schnelle Ausbreitung des Auferstehungs­glaubens trotz allergrößter Widerstände. Nur 30 Jahre nach der Kreuzigung hat sich der weit entfernt regierende römische Kaiser Nero vom Christentum bereits so bedroht gefühlt, dass er den Christen den Brand Roms in die Schuhe schob. Innerhalb von nur 270 Jahren hat sich dieser Glaube über den gesamten Mittelmeerraum ausgebreitet. Obwohl das römische Reich die Christen massiv bekämpft hat musste es nach etwa 300 Jahren kapitulieren und hat schließlich selbst den christlichen Glauben angenommen. Diese extreme Ausbreitung einer neuen Religion gegen größte Widerstände, massive Gewalt und Verfolgung, ohne Machtinstrumente, ohne moderne Kommunikations- oder Verkehrsmittel und erst recht ohne Waffengewalt ist historisch absolut einmalig.

Richter: Vielen Dank. In der Tat müssen wir hier die Frage stellen: Woher kam diese unglaubliche Dynamik? Wie konnte eine solch ungewöhnliche Geschichte eine solche Bewegung auslösen? Das wird noch zu klären sein. Herr Verteidiger: Haben Sie noch mehr Beweisstücke?

Verteidiger: Ja. Das 2. Beweisstück lautet: Der Glaube an die Auferstehung ist am Ort und in der Zeit der Augenzeugen entstanden! Er nahm seinen Ausgangspunkt dort, wo die Geschichte geschehen sein soll: In Jerusalem! Und zwar kurz nach der Kreuzigung Jesu.

Richter: Gibt es konkrete Belege dafür, dass sich dieser Glaube wirklich kurz nach der Kreuzigung in Jerusalem ausgebreitet hat?

Verteidiger: Ja, und zwar in der Bibel selbst: In 1. Korinther 15, 3-4 zitiert Paulus ein Glaubensbekenntnis, das er nicht selbst geprägt hat, sondern das er selbst empfangen hat. Ich zitiere:

„Denn als Erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe: Dass Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift; und dass er begraben worden ist; und dass er auferweckt worden ist am dritten Tage nach der Schrift. Er wurde von Petrus gesehen und dann von den zwölf Aposteln.“

Die Theologen sind sich einig: Die formelhafte Formulierung dieses Textes steht für ein fixiertes Glaubensbekenntnis, das Paulus gehört und gelernt haben muss, als er selbst nach Jerusalem kam, um die Gemeinde und die Apostel zu treffen. Das war etwa 3 – 5 Jahre nach der Kreuzigung.

Richter: Gibt es auch außerbiblische Zeugnisse dazu?

Verteidiger: Der römische Geschichtsschreiber Tacitus schrieb: Kaiser Nero verhängte „die ausgesuchtesten Strafen über die wegen ihrer Verbrechen Verhassten, die das Volk ‚Chrestianer‘ nannte. Der Urheber dieses Namens ist Christus, der unter der Regierung des Tiberius vom Prokurator Pontius Pilatus hingerichtet worden war. Der Aberglaube verbreitete sich nicht nur in Judäa, wo das Übel aufgekommen war, sondern auch in Rom.“

Richter: Vielen Dank. Tacitus bestätigt hier in der Tat, dass der christliche Glaube ursprünglich aus Judäa kam, also der jüdischen Provinz, in der Jerusalem die Hauptstadt war. Herr Verteidiger: Bitte fahren Sie fort mit Ihren Beweisen!

Das leere Grab

Verteidiger: Das 3. Beweisstück ist das leere Grab. Das Grab Jesu wird bis heute in der Grabeskirche in Jerusalem verehrt, und die meisten Gelehrten gehen davon aus, dass es sich wirklich dort befunden hat. Seit das Grab verehrt wird war es schon immer leer. Zu keiner Zeit gingen die Christen davon aus, dass dort der Leichnam Jesu liegt. Und was noch wichtiger ist: Es gibt keine einzige Quelle, weder innerhalb noch außerhalb der Bibel, die einen Hinweis darauf geben würde, dass die ersten Christen sich mit einem Leichnam Jesu hätten auseinandersetzen müssen oder dass irgendjemand behauptete, den Verbleib Jesu oder seines Leichnams zu kennen. Stattdessen gibt es lediglich eine sehr alte Behauptung, dass die Jünger den Leichnam gestohlen hätten. So berichtet es der Evangelist Matthäus:

„Sofort wurde eine Versammlung aller Ältesten einberufen. Sie beschlossen, die Soldaten zu bestechen, und gaben ihnen die folgende Anweisung: »Ihr müsst sagen: `Die Jünger von Jesus kamen in der Nacht, während wir schliefen, und haben seinen Leichnam gestohlen.´ Wenn der Statthalter davon erfährt, werden wir euch beistehen. Ihr braucht nichts Schlimmes zu befürchten.« Die Soldaten nahmen das Bestechungsgeld an und sagten, was ihnen aufgetragen worden war. Ihre Geschichte verbreitete sich unter den Juden, und sie erzählen sie noch bis zum heutigen Tag.“ (Matth. 28, 11-15)

Ganz offensichtlich rechnete Matthäus damit, dass seine Leser diese Legende kennen, sonst hätte er nicht die weite und anhaltende Verbreitung so betont. Er hätte das sicher nicht getan, wenn es diese Behauptung vom Diebstahl des Leichnams nicht wirklich gegeben hätte. Die Existenz dieser Erzählung beweist zweierlei:

Erstens: Auch für die Gegner des Christentums war das Grab wirklich leer. Sie konnten keinen Leichnam präsentieren, um die Botschaft der Christen zu entkräften.

Zweitens: Es gab eine enorme Erklärungsnot der Gegner der Christen! Denn was ist das für eine absurde Geschichte! Die Soldaten sollen eingeschlafen sein? Einschlafen während der Wache wurde damals schwer bestraft. Deshalb musste man den Soldaten Beistand zusichern, sonst hätten sie das nie geäußert. Und dann sollen verschüchterte, tief enttäuschte Jünger todesmutig direkt neben den schlafenden Wachen den schweren Grabstein beiseite gerollt und den Leichnam geklaut haben? Wer sich eine so unglaubwürdige Geschichte ausdenkt, muss wirklich in großer Erklärungsnot gewesen sein! Insgesamt kann man heute deshalb das leere Grab tatsächlich als historisch zuverlässig ansehen.

Anklage: Das ist aber noch längst kein Beweis für die Auferstehung! Selbst Lukas schildert ja, dass das leere Grab nur Verwirrung gestiftet hat und sogar von den Jüngern nicht als Beweis für die Auferstehung gewertet wurde!

5 unabhängige schriftliche Zeugen

Richter: Das ist richtig. Ich denke, es ist Zeit, sich den Zeugenaussagen zuzuwenden. Herr Verteidiger: Dazu zunächst die Frage: Wie viele Zeugen haben wir denn?

Verteidiger: Viele glauben ja, es gäbe nur 1 schriftlichen Zeugen, nämlich die Bibel. Aber die Bibel ist ja bekanntlich ein Sammelband verschiedener Bücher. In Wahrheit gibt es mindestens 5 verschiedene schriftliche Zeugen, die in der Bibel von Begegnungen mit dem Auferstandenen berichten: Matthäus, Markus, Lukas, Johannes und Paulus.

Anklage: Gut, aber die meisten Wissenschaftler gehen davon aus, dass Lukas und Matthäus von Markus abgeschrieben haben und dass auch der Schreiber des Johannesevangeliums diese Texte kannte. Die Evangelisten könnten somit alle dem gleichen Lügner aufgesessen sein!

Richter: Herr Verteidiger: Gibt es in den Texten einen Hinweis darauf, dass diese schriftlichen Zeugen letztlich alle aus der gleichen Quelle gespeist werden?

Verteidiger: Wir haben das natürlich geprüft. In der Tat gibt es zwischen den Evangelien von Lukas, Markus und Matthäus sehr weitgehende Übereinstimmungen. Eine genaue Textanalyse hat jedoch gezeigt, dass vermutlich trotzdem alle Evangelien auf mündliche Überlieferung zurückgehen und nicht voneinander abgeschrieben wurden. Es war damals nicht ungewöhnlich, dass Menschen sehr lange Texte auswendig lernen konnten. Bezeichnenderweise sind die Übereinstimmungen nicht in allen Textarten gleich. Am größten sind sie bei Zitaten aus dem Alten Testament, die viele Juden damals von Kind auf gelernt haben. Groß sind die Übereinstimmungen auch bei prosaartigen Reden und anschaulichen Geschichten Jesu. Geringer sind sie bei sonstigen Reden von Jesus, am geringsten bei der Schilderung von Rahmenhandlungen. Das heißt: Die Übereinstimmungen sind bei den Elementen am größten, die man sich am besten auswendig merken kann! Dieses Muster spricht klar dafür, dass es Menschen gab, die schon sehr früh die Geschichten und Reden von Jesus auswendig gelernt und weitergegeben haben, bis sie dann schlussendlich aufgeschrieben wurden.[1]

Anklage: Selbst wenn es so war, dann könnte es sich trotzdem um eine einzige ursprüngliche Quelle handeln.

Verteidiger: Dagegen spricht, dass die Schilderungen von der Auferstehung teilweise sehr unterschiedlich, ja scheinbar widersprüchlich sind.

Anklage: Widersprüche! Das beweist doch, dass diese Zeugenaussagen nicht zu gebrauchen sind!

Verteidiger: Nein, ganz im Gegenteil! Wenn mehrere Zeugen absolut identisch und wortgleich einen Vorfall schildern beweist das, dass sie sich untereinander abgesprochen haben. Dann hätten wir tatsächlich keine unabhängigen Zeugen. Diese 5 Zeugen hier unterscheiden sich aber erheblich. Das heißt aber noch lange nicht, dass sie widersprüchlich sind. Wenn man sich intensiv mit den Texten beschäftigt, lassen sich die Schilderungen sehr wohl zusammenfügen zu einem stimmigen Gesamtgeschehen.

Aber eindeutig ist: Diese Zeugen schildern den Vorgang aus sehr individuellen, unterschiedlichen Perspektiven mit sehr unterschiedlichen Schwerpunkten. Und diese scheinbaren Widersprüche wurden auch nicht nachträglich geglättet, um verschiedene Versionen der Geschichte miteinander zu harmonisieren.[2]

Richter: Da muss ich den Verteidiger bestätigen. Wir kennen das ja von Unfallzeugen. Selbst wenn die Zeugen ganz ehrlich berichten scheinen sich ihre Berichte zu widersprechen, weil sie ganz unterschiedliche Perspektiven hatten und sich an ganz unterschiedliche Details erinnern. In der Tat sieht das hier genauso aus.

Anklage: Aber die große Frage ist doch jetzt: Wie glaubwürdig sind diese Zeugen? Schließlich handelt es sich durchgängig um tiefreligiöse Gläubige, die eine Geschichte berichten, die naturwissenschaftlich vollkommen unmöglich ist! Solche Leute sind doch alles andere als glaubwürdig.

Richter: Ja, dem müssen wir jetzt zwingend nachgehen. Herr Verteidiger: Was können Sie uns über die Glaubwürdigkeit dieser 5 Zeugen sagen?

Der hohe Selbstanspruch der Autoren

Verteidiger: In der Tat haben wir ausschließlich gläubige Zeugen. Ganz offensichtlich sind die Erscheinungen des Auferstandenen extrem überzeugend gewesen und haben keinen Raum für Zweifel gelassen. Wir haben die Glaubwürdigkeit der schriftlichen Zeugen ausführlich geprüft und dazu 5 wichtige Hinweise entdeckt. Der 1. Hinweis ist der hohe Selbstanspruch der Autoren. Die Eigenaussage der schriftlichen Zeugen ist, dass es sich hier nicht nur um Glaubenszeugnisse sondern um eine historisch genaue Dokumentation der Ereignisse handelt, die auf der Auswertung von Augenzeugenberichten basieren. Dazu der Zeuge Lukas:

„Da es nun schon viele unternommen haben, Bericht zu geben von den Geschichten, die sich unter uns erfüllt haben, wie uns das überliefert haben, die es von Anfang an selbst gesehen haben und Diener des Wortes gewesen sind, habe auch ich’s für gut gehalten, nachdem ich alles von Anfang an sorgfältig erkundet habe, es für dich, hochgeehrter Theophilus, in guter Ordnung aufzuschreiben, auf dass du den sicheren Grund der Lehre erfährst, in der du unterrichtet bist. (Lukas 1, 1-4)

Anklage: Herr Verteidiger, Sie wissen genau, dass dieser Anspruch von Lukas oft kritisiert und in Frage gestellt worden ist. Viele Theologen sind der Meinung, dass Lukas sehr ungenau und hypothetisch geschrieben hat.

Verteidiger: Es gibt aber durchaus auch Forscher, die anderer Meinung waren. Dazu haben wir eine Zeugenaussage von Sir William Mitchell Ramsay. Er war Archäologe und gilt bis heute als einer der herausragenden Experten in der antiken Geografie Kleinasiens, also der Region, in der das Evangelium und die Apostelgeschichte von Lukas spielt. Er war so geschätzt, dass er sich einen Adelstitel und 9 Ehrendoktorwürden erworben hat. Und seine große Frage war genau die: Wie zuverlässig war Lukas in seinen historischen Angaben? Ramsay ging zu Beginn seiner Forschung davon aus, dass die Angaben von Lukas in der Apostelgeschichte oft unzuverlässig waren. Aber im Rahmen seiner Forschung kam er immer mehr zu einer anderen Überzeugung. In seinem Buch „The Bearing of recent Discovery“ schrieb er 1915:

„Weiteres Forschen … ergab, dass das Buch (von Lukas) der genauesten Prüfung bezüglich seiner Kenntnis über die Welt der Ägäis standhalten konnte, und dass es mit so viel Urteilsvermögen, Fähigkeit, Kunst und Wahrnehmung der Wahrheit geschrieben wurde, dass es ein Modell für ein historisches Werk darstellt.“ (S. 85)

Richter: Vielen Dank. Ohne in diesen Streit unter Forschern eingreifen zu wollen halten wir jedenfalls fest: Der Zeuge Lukas hielt sich selbst für einen Historiker, der ganz exakt aufschreiben wollte, was wirklich passiert ist. Herr Verteidiger: Was ist der nächste Hinweis zur Frage der Glaubwürdigkeit der schriftlichen Zeugen?

Die Berufung auf Augenzeugen

Verteidiger: Der 2. Hinweis ist die Berufung auf Augenzeugen. Am glaubwürdigsten ist ein Bericht natürlich dann, wenn der Autor auf das eigene Wissen der Leser verweisen kann! Genau dieses extrem schlagkräftige Argument hat Paulus benutzt, als er über den Auferstandenen schrieb: „Danach ist er gesehen worden von mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch heute leben.“  (1. Kor. 15, 6)

Paulus sagte hier also seinen Lesern: Überzeugt euch selbst! Fragt nach! Es gibt hunderte von Leuten, die das bezeugen können! So etwas tut man nicht, wenn man sich seiner Sache nicht sehr, sehr sicher ist.

Richter: Das ist in der Tat ein starker Hinweis für die Glaubwürdigkeit des Zeugen. Herr Verteidiger: Welche Belege können Sie noch präsentieren?

Die zeitliche Nähe zu den Ereignissen

Verteidiger: Der 3. Hinweis ist die zeitliche Nähe zu den Ereignissen. Diese Zeugen konnten sich deshalb auf Augenzeugen berufen, weil sie die Ereignisse sehr kurz nach ihrem Geschehen aufgeschrieben haben.

Anklage: Nun ist ja aber die Entstehungszeit der Bücher des neuen Testaments hoch umstritten! Es gibt viele Theologen und Experten, die behaupten, dass diese Schriften erst viel später entstanden sind.

Verteidiger: Ja, die Entstehungszeit des neuen Testaments ist umstritten. Aber Fakt ist: Das gesamte Neue Testament erwähnt folgende Ereignisse mit keinem Wort[3]:

  • Die Zerstörung Jerusalems und des Tempels im Jahr 70 nach Christus
  • Die Hinrichtung von Paulus etwa im Jahr 64 nach Christus
  • Die Hinrichtung von Petrus, spätestens 67 nach Christus

Alle diese Ereignisse waren für die ersten Christen absolut dramatisch und einschneidend. Sie müssen sie so empfunden haben wie wir heute den Fall der Mauer, den 9/11-Anschlag oder die Ermordung von Präsident Kennedy. Das geradezu dröhnende Schweigen darüber spricht stark dafür, dass zumindest viele der Schriften vorher schon fertig gestellt wurden, d.h. also maximal 30 bis 35 Jahre nach der Kreuzigung und somit in einer Zeit, in der es noch massenhaft Augenzeugen gab, die die Angaben der Autoren prüfen und notfalls anfechten konnten.

Hinzu kommt: Eine Analyse der Evangelien hat gezeigt, dass diese Texte alle Eigenschaften von authentischen Augenzeugenberichten aufweisen.

Richter: Was meinen Sie damit?

Verteidiger: Die verwendeten Namen in den Evangelien entsprechen genau dem Muster üblicher Namen im Israel/Palästina aus der damaligen Zeit. In den Evangelien wird häufig der Name „Jesus“ (ohne Christus) und die Bezeichnung „Menschensohn“ verwandt, obwohl man in der Christenheit bald schon überwiegend von „Christus“ und nicht mehr vom Menschensohn sprach. Dazu kommen die zahlreichen korrekten Ortsnamen und die stimmigen Ortskenntnisse. Die deutlich später verfassten apokryphen Evangelien weisen im Vergleich dazu alle diese Eigenschaften nicht mehr auf.[4]

Die Daten stammen aus einem Vortrag von Dr. Peter J. Williams 03/2011

Richter: Herr Anwalt, was sagen Sie dazu?

Anklage: Schön und gut. Aber wer sagt mir, dass die Schriften nicht im Nachhinein gefälscht wurden? Das kann man ja auch im Nachhinein alles so aussehen lassen und hintricksen, wie es jetzt aussieht!

Richter: Das ist ein wichtiger Einwand! Herr Verteidiger: Gibt es vielleicht doch Hinweise auf eine nachträgliche Manipulation der Texte?

Die vielen sehr alten Quellen

Verteidiger: Zu dieser Frage ist der 4. Hinweis sehr wichtig: Die vielen sehr alten Quellen. Antike Schriften sind ja normalerweise sehr dünn belegt. Die Originale sind längst verschollen. Und normalerweise haben wir kaum mehr als 10 oder 20 historische Abschriften, die meist viele hundert Jahre jünger sind als die verschollenen Originale. Beim Neuen Testament ist das vollkommen anders: Die ältesten Textfragmente stammen schon aus dem Jahr 125 nach Christus, sind also nur wenige Jahrzehnte jünger als die Originale. Und wir verfügen heute über mehr als 5500 historische Abschriften, dazu viele tausend Übersetzungen und dazu noch die Zitate aus den Schriften der Kirchenväter! Das Neue Testament spielt also in Bezug auf die Überlieferungsqualität in einer völlig anderen Liga als alle anderen antiken Quellen.

Wir haben dazu einen Zeugen, der sich sehr intensiv mit diesen vielen Quellen auseinandergesetzt hat, nämlich Prof. Holger Strutwolf von der Universität Münster. Er gilt weltweit als führend im Fach der sogenannten Textkritik. Herr Professor Strutwolf hat alle diese zahllosen Quellen digitalisiert und vergleicht sie nun, um herauszufinden, wie wohl der ursprüngliche Text gelautet hat. Denn klar ist: Wenn sehr viele Abschriften identisch sind, dann ist das ein sehr starkes Argument dafür, dass der Text ursprünglich so gelautet haben muss. Inzwischen ist er mit etwa 1/5 des Neuen Testaments durch. Und sein Zwischenergebnis lautet: 99,9 % der Texte haben sich als absolut zuverlässig erwiesen! Bei etwa 0,1% des Textes musste er kleine Korrekturen vornehmen. Und selbst diese 0,1% waren für den Sinn und v.a. für die theologischen Aussagen der Texte nicht relevant. Sein Zwischenfazit ist daher: “Insgesamt ist die Überlieferung der Bibel sehr gut und sehr treu. In den theologischen Punkten gibt es unter den Abertausenden Handschriften kaum Abweichungen.“ [5]

Mit anderen Worten: Wir können uns sehr sicher sein, dass der Text des Neuen Testaments, den wir heute vorliegen haben, sehr genau dem entspricht, den die Evangelisten und Apostel damals verfasst haben.

Richter: Danke, Herr Verteidiger. Waren das jetzt alle Ihre Hinweise?

Frauen als Zeugen

Verteidiger: Nein, wir haben noch einen 5. bedeutenden Hinweis: Frauen als Zeugen! Die Berichte über die Auferstehung nennen Frauen als die ersten Zeugen der Auferstehung.

Richter: Warum ist das wichtig?

Verteidiger: Die Aussage von Frauen galt im damaligen Kontext als absolut minderwertig. Der jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus schrieb im 1. Jahrhundert: „Das Zeugnis der Frau ist nicht rechtsgültig wegen der Leichtfertigkeit und Dreistigkeit des weiblichen Geschlechts.“ Deshalb war es kein Wunder, dass auch in den biblischen Berichten die Jünger den Berichten der Frauen erst einmal nicht geglaubt haben! Hätte jemand damals diese Geschichte erfunden hätte er deshalb niemals Frauen als die ersten und wichtigsten Zeugen ausgesucht sondern selbstverständlich Männer, um glaubwürdig zu sein.

Visionen und Halluzinationen?

Anklage: Gut, aber es könnte ja trotzdem sein, dass diese Frauen keine wahre Geschichte erzählt haben, sondern dass es sich um Wunschträume, Visionen oder Halluzinationen handelte! Schließlich waren die Leute nach der Kreuzigung alle sehr aufgewühlt und durcheinander. Da kann so etwas schon mal vorkommen, dass man etwas glaubt, was gar nicht wirklich passiert ist. Es gibt z.B. viele Berichte von Marienerscheinungen, in denen die Menschen auch alles Mögliche gehört und gesehen haben wollen. Bei der berühmten Marienerscheinung im portugiesischen Fatima im Jahr 1917 waren sogar Zehntausende von Menschen dabei, sogar die Zeitungen haben darüber berichtet. Solche Einbildungen hat es also schon öfter gegeben.

Richter: Herr Verteidiger: Haben Sie sich mit diesem Vorwurf auseinandergesetzt?

Verteidiger: Ja, natürlich. Aber die schriftlichen Schilderungen geben überhaupt keinen Hinweis darauf, dass es sich nur um Visionen gehandelt hätte. Die Schilderungen in den Evangelien über die Begegnungen mit dem Auferstanden unterscheiden sich in mehreren Punkten grundlegend von solchen Marien­erscheinungen.

Eine Halluzination ist zunächst einmal ein Phänomen, das nur Einzelpersonen betrifft und nicht mehrere Menschen gleichzeitig. Dass mehrere Menschen behaupten, das gleiche zu sehen, ist sehr selten. Auch in Fatima waren es nur 3 kleine Kinder, die meinten, Maria hören und sehen zu können. Alle anderen sahen angeblich nur seltsame Sonnenphänomene. Und selbst von den 3 Kindern konnten nicht immer alle Maria sehen. Bei den Evangeliumsberichten war es völlig anders: Wenn Jesus auftauchte, wurde er von allen gleichermaßen wahrgenommen. Besonders außergewöhnlich ist der greifbare, physische Körper des Auferstandenen! Jesus hat gegessen und getrunken. Er ließ sich anfassen und begreifen im wahrsten Sinne des Wortes. Das passt nicht zu Halluzinationen und Erscheinungen. Die Jünger waren zudem nicht in einer Erwartungshaltung wie z.B. die Menschenmenge in Fatima, sondern sie wurden von den Begegnungen mit dem Auferstandenen völlig unerwartet getroffen und waren zudem extrem schwer von der Auferstehung zu überzeugen!

In ihren angeblichen Erscheinungen entspricht Maria fast immer dem jeweiligen Bild, das sich die Menschen von Maria gemacht hatten und sie wird meist in ein glorreiches, helles Licht getaucht. In den Evangeliums­berichten gibt es zwar strahlende Engel, aber Jesus selbst wird immer völlig nüchtern und normal gezeichnet. Von den Emmaus-Jüngern wurde er zuerst nicht einmal erkannt, er entsprach also überhaupt nicht ihren Erwartungen. Diese Schilderungen passen also wirklich in keinster Weise zu Halluzinationen oder visionären Erscheinungen. Hinzu kommt: Die Illusion hätte sich damals ja spätestens dann in Luft aufgelöst, wenn die vernünftig gebliebenen Realisten die Träumer daran erinnert hätten, dass Jesus nebenan im kühlen Grab verwest!

Und schließlich: Totenerscheinungen waren in der Antike nichts Ungewöhnliches. Aber sie bewiesen damals nur, dass die Person wirklich tot ist! Auf Basis des Berichts von einer Totenerscheinung wäre niemand in Wallung geraten. Die Begeisterung und Euphorie der Jünger lässt sich nur dadurch erklären, dass etwas völlig anderes geschehen sein muss als eine Erscheinung von einem Geist oder einem Verstorbenen.[6]

War Jesus nur scheintot?

Anklage: Gut, das mag sein. Aber wie Sie wissen gehen einige meiner Mandanten ohnehin davon aus, dass Jesus gar nicht wirklich tot war! Vielleicht war er nach der Kreuzigung nur scheintot gewesen!

Verteidiger: Im Ernst, Herr Anwalt, halten Sie das wirklich für wahrscheinlich? Selbst wenn – was extrem unwahr­scheinlich ist – die römischen Henker Mist gebaut und den Körper Jesu vorschnell abgehängt hätten, selbst wenn Jesus den massiven Blutverlust im Grab trotz fehlender Flüssigkeitszufuhr überlebt hätte, selbst wenn er sich selbständig aus seinen Bandagen befreien, den schweren Stein beiseiteschieben und die Wachen hätte austricksen können: Wie um alles in der Welt hätte ein halb verbluteter, geschundener, traumatisierter und pflegebedürftiger Jesus die Jünger auf die Idee bringen können, dass er ein vom Tod auferstandener Gott und Messias ist? Das klingt doch alles extrem an den Haaren herbeigezogen.

Alles eine große Lüge?

Anklage: Mag sein, Herr Verteidiger: Aber was Sie definitiv nicht entkräften können ist der Vorwurf, dass es sich einfach um eine große Lüge gehandelt hat! Eine Verschwörung der frustrierten und enttäuschten Nachfolger Jesu. So etwas kann es doch geben, oder?

Verteidiger: Nehmen wir einmal an: Diese 5 Zeugen haben alle unabhängig voneinander eine umfangreiche, ausgeklügelte und dreiste Lügengeschichte entweder frei erfunden oder von verschiedenen Jüngern Jesu übernommen.  Sie haben sich dazu noch auf erfundene Augenzeugen berufen in der Hoffnung, dass ihre Lügen nicht auffliegen. Und sie hatten das Glück, das aus irgendeinem Grund das Grab leer war, vielleicht weil sie den Leichnam selber gestohlen haben, weil ihn jemand weggebracht hat, oder warum auch immer. Die große Frage ist doch: Wie glaubwürdig ist diese Lügentheorie? Dazu sollten wir nun neben den schriftlichen auch die mündlichen Zeugen berücksichtigen!

Richter: Was wissen wir denn über die mündlichen Zeugen?

Verteidiger: Zu den mündlichen Zeugen haben wir folgende Fakten vorliegen:

  • Es waren viele!
  • Sie standen für eine Botschaft, die abstoßend und unattraktiv war!
  • Sie waren extrem opferbereit!

Richter: Dass es viele waren ist ja klar, denn sonst hätte sich die Botschaft nicht so rasend schnell ausbreiten können. Aber was meinen sie damit, dass sie für eine Botschaft standen, die abstoßend und unattraktiv war?

Das fehlende Tatmotiv

Verteidiger: Die Botschaft von einem gekreuzigten und wieder auferstandenen Gott war damals eben äußerst seltsam. Horst Frank, der Chefredakteur des bayrischen evangelischen allgemeinen Sonntagsblatts hat dazu etwas geschrieben, was heutzutage die wenigsten wissen. Er schreibt:

„Die Kreuzigung galt in der Antike als entehrend und grausam, ekelerregend und abstoßend. Der hellenistische Schriftsteller Lukian wollte deshalb sogar den Buchstaben T aus dem Alphabet streichen. Das Kreuz wurde in der Urkirche nicht gezeigt. Erst im 4. Jahrhundert wurden Kreuzigungen abgeschafft und erst weitere hundert Jahre später wurde das Kreuz das Symbol der Christen.“

Das heißt: Das Kreuz war lange so unattraktiv, dass man es eher verschämt versteckt hat statt es in den Vordergrund zu rücken.

Richter: Heißt das, dass es gar keine älteren Kreuzesdarstellungen gibt?

Verteidiger: Die älteste bekannte Kreuzesdarstellung stammt aus dem Jahr 125. Es ist eine Kritzelei an der Wand einer römischen Kaserne. Auf dem Kreuz hängt eine menschliche Gestalt mit einem Eselskopf. Darunter kniet ein Soldat. Und zu lesen ist der Spruch “Alexamenos betet seinen Gott an.“ Das heißt: Das Kreuz wurde ein­gesetzt, um die Christen zu ver­spotten und zu mobben!

Und für Juden war das Kreuz sogar ein noch größerer Skandal. In der Tora, dem mosai­schen, jüdischen Gesetz kann man lesen: „Ein Aufge­hängter ist verflucht bei Gott.“ (5. Mose 21, 23) Ein Gekreuzigter war für Juden also ein Verfluchter. Das war – vorsichtig ausgedrückt – nicht gerade eine gute Voraussetzung für diesen neuen Glauben. Kein Wunder, dass Paulus sagte: „Wir aber predigen Christus, den Gekreuzigten, den Juden ein Ärgernis und den Heiden eine Torheit.“ (1. Korinther 1, 23) Es war also von vornherein klar, dass man sich mit so einer Botschaft keine Freunde sondern nichts als Feinde macht!

Richter: Das wirft natürlich die Frage auf: Warum und für wen hätten die Jünger so eine abstoßende Geschichte erfinden sollen, nachdem sie gerade erlebt hatten, dass ihr Prediger den verfluchten Tod am Kreuz gestorben ist? Für wen? Mit welchem Ziel? Das Tatmotiv liegt demnach vollkommen im Dunkeln.

Extreme Opferbereitschaft

Verteidiger: Genau so ist es. Zumal wir berücksichtigen müssen, dass die Zeugen extrem leidens- und opferbereit waren! Tatsächlich wurde die erste christliche Generation massiv verfolgt. Mehrere römische Historiker schildern eindrücklich, mit welch unfassbar grausamen Methoden die Christen massenhaft hingerichtet wurden. Tacitus schildert, wie Nero Christen in Tierfelle einwickeln ließ, damit sie sich besser als Löwenfutter eignen. Und er nutzte brennende Christen als Festbeleuchtung. Angeblich starben die meisten der Jünger Jesu den Märtyrertod. Praktisch die gesamte erste Generation der Christen war direkt oder indirekt von massiver Bedrohung, Verfolgung und Märtyrertum betroffen. Dazu kam die Opferbereitschaft, sich in die ganze Welt aufzumachen und überall unter massiven Entbehrungen und Todesgefahr diese Botschaft von der Auferstehung weiter zu verbreiten. Denn Reisen war damals alles andere als ein Vergnügen!

Und das alles sollen diese Leute für eine Lüge auf sich genommen haben? Und dann gab es da nicht einen Einzigen, der im Angesicht seiner Henker schwach wurde und zugab, dass alles nur eine Lüge oder ein schöner Traum gewesen ist? Menschen riskieren ihr Leben für Überzeugungen – aber nicht für eigene Lügen! Nein, diese ersten Christen müssen zutiefst von der Auferstehung überzeugt gewesen sein, anders kann man sich ihren Enthusiasmus, ihre Ausstrahlung, ihren Erfolg in der Verbreitung ihrer Botschaft, ihre Leidens- und Opferbereitschaft und ihre fehlende Furcht vor dem Tod nicht erklären.

Anklage: Es gibt immer wieder religiöse Fanatiker, die in den Märtyrertod rennen. Die meisten dieser ersten Christen werden wohl wirklich überzeugt gewesen sein von diesem Glauben. Ob aber die Männer aus dem ursprünglichen Jüngerkreis, die diese Auferstehungsgeschichte erfunden haben könnten, wirklich den Märtyrertod gestorben sind, das wissen wir nicht wirklich. Auch diese Märtyrerlegenden könnten doch allesamt erfundene Heldengeschichten sein.

Sogar den eigenen Bruder überzeugt!

Verteidiger: Ich staune schon, wie viel Verschlagenheit und Lügenbereitschaft Sie den ersten Christen zutrauen, obwohl doch Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit für ihren Glauben so zentral wichtig war. Aber wenn Sie den ersten Christen nicht glauben wollen, dann glauben Sie vielleicht dem jüdischen Geschichtsschreiber Flavius Josephus. Auch er hat genau wie Sie den Christen nicht geglaubt. Etwa im Jahr 93 n.Chr. schrieb er über Jakobus, den leiblichen Bruder von Jesus folgendes:

„Er (der Hohepriester Hannas) versammelte den Hohen Rat zum Gericht und stellte vor diesen den Bruder des Jesus, der Christus genannt wird, mit Namen Jakobus, sowie noch einige andere, die er der Gesetzesübertretung anklagte und zur Steinigung führen ließ.“

Jakobus war in Jerusalem bekannt als einer der Hauptleiter der dortigen urchristlichen Gemeinde (Gal. 2, 9). Josephus berichtet hier, wie Jakobus im Jahr 62 n.Chr. für seinen Glauben hingerichtet wurde. Dieser Märtyrertod ist also gut belegt. Und er führt uns direkt zu einer weiteren Frage: Wie hat Jesus es geschafft, seinen kleinen Bruder Jakobus  davon zu überzeugen, dass er Gottes Sohn und der Retter der gesamten Menschheit ist?[7] Was hat diesen Jakobus kurz nach der Kreuzigung dazu gebracht, seinen ehemaligen Spielkameraden als Gott und Messias anzubeten, Lieder zu ihm zu singen, erfolgreich trotz größter Widerstände eine Gemeinde zu seinen Ehren zu bauen und schließlich für den Glauben an ihn in den Tod zu gehen? Welcher Mensch könnte je seine eigenen Familienangehörigen von seiner eigenen Göttlichkeit überzeugen?

Richter: Wir werden diese Frage heute wohl nicht mehr klären können. Es ist nun Zeit für die Abschlussplädoyers. Ich darf zunächst den Anwalt der Anklage bitten.

Die Schlussplädoyers

Anklage: Sehr geehrte Damen und Herren, die Naturwissenschaft beweist uns, dass eine Auferstehung von den Toten schlicht unmöglich ist. Der schottische Philosoph David Hume hat deshalb gelehrt: Alles ist plausibler als ein Wunder. Selbst wenn dargestellt werden würde, Jesus sei gekreuzigt worden, er war tot und war dann wieder am Leben, dann ist eben nicht die naheliegende Erklärung, dass er der Sohn von einem allmächtigen Wesen ist. Es gibt immer noch zig andere Möglichkeiten, die wahrscheinlicher sind! Z.B. dass Aliens mit einer Supertechnologie es geschafft haben, Jesus wiederzubeleben. Oder dass sie mit einer Robotertechnologie einen Klon gemacht haben, der so getan hat als ob er stirbt. Oder dass es einen Zwillingsbruder gab, der die ganze Zeit verheimlicht worden ist und dann nach der Kreuzigung das Geschäft übernommen und weiter gemacht hat. Das wäre eine viel plausiblere Erklärung als dass man plötzlich übernatürliche Angelegenheiten heranzieht.[8] Ich plädiere daher auf schuldig im Sinne der Anklage.

Verteidiger: Meine sehr geehrten Damen und Herren, wie konnte die Geschichte von der Auferstehung entstehen? Warum ist sie entstanden? Wie konnte sie sich so rasend schnell verbreiten am Ort und in der Zeit der Augenzeugen der Kreuzigung Jesu? Warum war sie so erfolgreich trotz des massiven Widerstands? Warum konnte niemand die Geschichte entkräften? Warum gibt es so viele unterschiedliche und hervorragend überlieferte Zeugen dafür? Was brachte Zehntausende von Juden dazu, von heute auf morgen mit fest verankerten Traditionen zu brechen und stattdessen neue Rituale einzuführen, die nicht etwa an das Leben des verehrten Meisters Jesus erinnern sollten sondern stattdessen an seine grausame, entwürdigende Ermordung? Was hat dieses religiös / kulturelle Erdbeben ausgelöst, das bis heute den ganzen Erdball nachhaltig verändert und prägt? Und warum waren die Zeugen der Osterbotschaft so extrem opferbereit? Das sind Fragen über Fragen, die bis heute niemand befriedigend beantworten konnte.

Der Gelehrte für römische Geschichte Prof. Thomas Arnold, Autor des Standardwerks „Geschichte Roms“ und einst Inhaber des Lehrstuhls für moderne Geschichte an der Universität Oxford, war sehr gut vertraut im Umgang mit Beweisen zur Bestimmung historischer Tatsachen. Er sagte schon im 19. Jahrhundert:

“Ich bin seit Jahren daran gewöhnt die Geschichte anderer Zeiten zu studieren bzw. die Beweise derer zu untersuchen und abzuwägen, welche darüber schrieben, und mir ist keine einzige Tatsache der Geschichte der Menschheit bekannt, die besser und vollständiger bewiesen wäre, jedenfalls nach dem Verständnis einer fairen Untersuchung, als das große Zeichen, welches Gott uns gegeben hat, nämlich dass Christus gestorben ist und wieder auferstanden von den Toten.” [9]

Seit dieser Zeit wurden viele weitere beeindruckende Beweise für die Auferstehung vorgelegt. Warum werden sie trotzdem kaum gewürdigt? Das Schlussplädoyer der Anklage hat den Grund gezeigt: Die moderne wissenschaftliche Welt hat sich für die Annahme entschieden, dass Alles und Jedes immer eine natürliche Ursache haben muss und dass Wunder auch nicht ausnahmsweise denkbar sind.[10] Nur aufgrund dieser durch nichts belegbaren philosophischen Entscheidung werden selbst beeindruckendste Fakten nicht einmal beachtet, geschweige denn ernsthaft geprüft und abgewogen. Stattdessen folgt man lieber selbst abenteuerlichsten Ideen, wie es sich doch anders hätte zutragen können. Bei genauerer Betrachtung hat sich jedoch keine dieser alternativen Erklärungen als plausibel erwiesen.

Mein Plädoyer lautet deshalb nicht nur auf Freispruch. Ich fordere Sie auf, den Fakten zu folgen und sich den hervorragend belegten Überzeugungen der Kirche Jesu anzuschließen.

Richter: Danke, meine Herren. Sehr geehrte Schöffen: Es ist nun Zeit für Ihre Urteilsfindung…

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Zu diesem Thema sind im AiGG-Blog folgende weiterführende Artikel erschienen:

Buchempfehlung: In „Der Fall Jesus“ ist der Journalist Lee Strobel auf der Suche nach der Wahrheit: Ist Jesus wirklich auferstanden? Um diese Frage fundiert zu klären nimmt Strobel ausgewiesene Experten ins Kreuzverhör. Die Ergebnisse seiner Recherchen und die Aussagen der Experten krempeln das Weltbild des Journalisten grundlegend um. (erschienen 2014 bei Gerth Medien)

Fußnoten:

[1] Ausführlich dargelegt in: Prof. Armin D. Baum „Der mündliche Faktor und seine Bedeutung für die synoptische Frage“ Francke 2008, (dazu hier eine englische Zusammenfassung)

[2] Dazu schreibt der bekannte Theologe N.T.Wright: „Die Geschichten strahlen genau die Spannung aus, die wir gerade nicht mit künstlerisch erzählten Fabeln assoziieren, von Leuten geschrieben, die eifrig darauf bedacht sind, die Fiktion aufrecht zu erhalten und daher auch besorgt sind, dass alles richtig aussehen muss, sondern mit flüchtigen und verdutzten Berichten derer, die etwas mit ihren eigenen Augen gesehen haben, was sie komplett überraschte und verblüffte und sie sie noch immer nicht völlig einordnen konnten.“ „The resurrection of the son of God“, N.T.Wright (Minneapolis Fortress Press, 2003), Pg. 612

[3] Was es lediglich gibt sind vage prophetische Ankündigungen: Die Zerstörung des Tempels wurde von Jesus vorhergesagt (z.B. Matth. 24, 2). Aber nirgends wird im NT berichtet, dass und wie sie tatsächlich passiert ist. Im Gegensatz dazu hat Lukas z.B. in Apg. 11, 28 zuerst die Prophetie über eine kommende Hungersnot geschildert und dann sofort über die Erfüllung dieser Vorhersage berichtet. In Joh. 21, 19 macht Jesus eine Andeutung auf den zukünftigen Tod von Petrus, aber im Gegensatz zum Märtyrertod des viel unbekannteren Stephanus wird über das Martyrium von Petrus nirgends etwas berichtet. Auch der Tod von Jakobus, der laut Gal. 2, 9 in der Jerusalemer Gemeinde eine zentrale Rolle spielte, wird im NT mit keinem Wort erwähnt. Warum haben die Autoren des NT nirgends über diese teilweise von Jesus extra angekündigten und für die Urgemeinde so einschneidenden Ereignisse berichtet, während so viele andere wesentlich unbedeutendere Ereignisse ausführlich geschildert werden? Diese und weitere Fragen haben v.a. seit John A.T. Robinson wieder viele Theologen dazu bewogen, von einer Frühdatierung der Evangelien auszugehen.

[4] Ausführlich erläutert im AiGG-Artikel: Die Berichte des NT weisen alle Eigenschaften von frühen, authentischen Augenzeugenberichten auf

[5] Ausführlicher erläutert im AiGG-Artikel: Meister der Überlieferung – Forscher belegen: Der biblische Text ist korrekt!

[6] Dazu schreibt der renommierte Religionsphilosoph und Theologe William L. Craig: „Aufgrund des damaligen jüdischen Glaubens über das Leben nach dem Tod hätten die Jünger, wenn sie Jesus-Halluzinationen hatten, Jesus im Himmel oder in Abrahams Schoß gesehen, wo die Seelen der gerechten Toten dem jüdischen Glauben nach bis zur letzten Auferstehung verweilen würden. Und solche Visionen hätten nicht zu einem Glauben an Jesu Auferstehung geführt. Sie hätten höchstens dazu geführt, dass die Jünger behaupteten, Jesus wäre in den Himmel aufgenommen worden, und nicht von den Toten auferstanden.“ W. L. Craig (2015): On Guard. Mit Verstand und Präzision den Glauben verteidigen. S. 277

[7] Die erstaunliche Verwandlung des Jakobus wird noch ausführlicher erläutert im AiGG-Artikel „Mein Bruder: Mein Gott!?“ – Warum die Notiz eines jüdischen Geschichtsschreibers über Jakobus einer der größten außerbiblischen Belege für das Christentum ist

[8] Fast wörtlich übernommen aus dem „Ketzer-Podcast“ über den Film „Der Fall Jesus“ (ab Min. 44.40)

[9] Zitiert von McDowell, J. in: A Ready Defense, (p. 116), Th. Nelson Publ., Nashville 1993

[10] Ausführlicher erläutert im AiGG-Artikel: Stolz und Vorurteil? Wie wissenschaftlich ist die Bibelwissenschaft?

Stolz und Vorurteil? Wie wissenschaftlich ist die Bibelwissenschaft?

Beobachtungen aus der Sicht eines Naturwissenschaftlers

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Was war der größte Fehler Ihres Lebens?“ fragte der Journalist. Der alte Kunstkritiker lachte. „Als ich einmal unser Kind im Kindergarten abholte baten mich die Betreuerinnen, einen Blick auf die gesammelten Kunstwerke des Kindergartens zu werfen. Leider fiel mir nicht auf, dass zwischen den Kinderbildern ein abstraktes Werk eines bekannten Künstlers hing. Das brachte mir noch für lange Zeit ein spöttisches Grinsen ein – und lehrte mich viel darüber, wie leicht man durch Vorurteile etwas Wunderbares übersehen kann.“

In den vergangenen 150 Jahren ist etwas Dramatisches passiert: Die Theologie hat den Blick für das Wunder der Bibel verloren! Das offenbarte, autoritative, normative Wort Gottes ist menschlich geworden. Fehlerhaft. Widersprüchlich. Unhistorisch. Tendenziös. Nicht mehr vertrauenswürdig. Müssen wir das als aufgeklärte und rationale Menschen in Kauf nehmen, weil die wissenschaftliche Untersuchung der Bibel schlicht keine anderen Schlussfolgerungen zulässt? Oder könnte es sein, dass sich in der Theologie genau das gleiche Drama vollzieht wie in der kleinen einleitenden Episode unseres Kunstkritikers? Könnte es sein, dass auch in der modernen Bibelwissenschaft Vorurteile den Blick für das Wunder verstellen?

Auf Seite 3 des weit verbreiteten theologischen Grundlagenwerks „Arbeitsbuch zum Neuen Testament“ von Conzelmann & Lindemann[1] (im Folgenden als C&L bezeichnet) finden wir dazu einen interessanten Hinweis: „Die biblischen Texte werden methodisch nicht anders behandelt als andere literarische Zeugnisse, insbesondere solche der Antike.“ [2]

Der gleiche Blick auf die Bibel wie auf alle anderen Bücher? Wird man damit der Bibel gerecht? Oder kommt diese Theologie womöglich zu völlig falschen Schlussfolgerungen, weil sie die Bibel unter völlig falschen Voraussetzungen betrachtet? Bevor wir dieser Frage nachgehen muss ich als begeisterter Naturwissenschaftler zuerst einmal ein kleines Loblied auf die (Natur-) Wissenschaft singen:

Vom Erfolg des Ursache-Wirkungs-Prinzips

Der gewaltige Erfolg der Naturwissenschaften basiert hauptsächlich auf dem Vertrauen in das Ursache-Wirkungs-Prinzip, also der Annahme, dass alles, was geschieht, eine natürliche Ursache hat. Auf dieser Basis ging man z.B. davon aus, dass hinter dem Gewitterdonner keine launischen zornigen Götter stecken sondern physikalische Gesetze, die nach dem immer gleichen Schema ablaufen und die man gründlich erforschen und verstehen kann. Es waren nicht zuletzt Christen wie Isaac Newton, die sagten: Wenn Gott die Welt geschaffen hat, dann hat er ihr feste Gesetzmäßigkeiten gegeben, die wir mit Hilfe von Beobachtung und Experiment herausfinden können. Was für eine gute Entscheidung! Denn auf dieser Basis hat die Naturwissenschaft eine phantastische Erfolgsgeschichte geschrieben. Das Ursache-Wirkungs-Prinzip hat sich als eine phantastische Grundlage für die Erforschung der heutigen Welt erwiesen. Wir können dankbar sein für die rasante Entwicklung von Forschung und Technik, die auf dieser Basis gelungen ist.

Vom Segen der Bibelwissenschaft

Dankbar bin ich auch für die akribische Arbeit vieler Bibelwissenschaftler. Die möglichst genaue Rekonstruktion des biblischen Urtextes, die Erforschung des historischen und kulturellen Umfelds der biblischen Texte, die Ermittlung der genauen Wortbedeutungen und Textgattungen sowie die intensive Übersetzungsarbeit helfen uns, die sprachliche, zeitliche und kulturelle Kluft zwischen uns und den biblischen Texten zu überbrücken und so die ursprüngliche Aussageabsicht der biblischen Autoren immer besser verstehen zu können. Was für eine wichtige und wertvolle Arbeit!

Von der Notwendigkeit des wissenschaftlichen Zweifels

Zur Wissenschaft gehört immer auch der wissenschaftliche Zweifel: Haben wir das bislang richtig gesehen? Wurden alle Fakten und Erkenntnisse berücksichtigt? Oder müssen wir etwas neu überdenken? Wissenschaft muss nach Möglichkeit vorurteilsfrei arbeiten. Sie soll sich an den Fakten orientieren und eigene, außerwissenschaftliche Denkvoraussetzungen nicht absolut setzen. Das muss auch in der Bibelwissenschaft gelten: Fakten, die dem bisherigen Verständnis von biblischen Aussagen widersprechen (also z.B. Ausgrabungsergebnisse, inner- und außerbiblische Quellen) dürfen für Bibelwissenschaftler kein Grund sein, Scheuklappen aufzusetzen.

Andererseits wird jeder gute Bibelwissenschaftler die Aussagekraft solcher Fakten auch kritisch bewerten. Schließlich ist historische Wissenschaft nicht mit exakter Naturwissenschaft vergleichbar. Sie untersucht nicht die gesetzmäßig ablaufenden Dinge, wie das die Naturwissenschaften tun, sondern sie versucht, unwiederholbare Ereignisse der Vergangenheit zu rekonstruieren. Sie interpretiert dafür relevante Indizien, kann die wesentlichen Fragen aber nicht experimentell untersuchen. Die empirische Methode der Naturwissenschaften ist in den historischen Wissenschaften also nur untergeordnet anwendbar. Die Rekonstruktion vergangener Geschichte und Kulturen bleibt daher immer ein Stück weit vorläufig und mehr oder weniger unsicher. Sie hängt u.a. auch davon ab, welchen der (oft lückenhaften und widersprüchlichen) Quellen man mehr oder weniger Vertrauen schenkt.

Von der Fragwürdigkeit außer­wissenschaftlicher
Vorurteile

Spätestens wenn Prägungen, Erwartungen und außerwissenschaftliche Vorurteile (in der Wissenschaft „Prämissen“ genannt) die Interpretation, Bewertung und Gewichtung von Quellen beeinflussen, verlassen wir den Boden der vorurteilsfreien Wissenschaft. Das ist an sich nicht weiter schlimm, solange man sich offen und ehrlich dazu bekennt. Irreführend und tendenziös ist es aber, wenn sich solche außerwissenschaftliche Vorentscheidungen unter dem Deckmantel einer scheinbar objektiven Wissenschaft verstecken und andere Ansätze als unwissenschaftlich aus dem Rennen werfen, bevor sie überhaupt geprüft wurden.

Als Naturwissenschaftler fällt mir auf: Genau das geschieht offenbar leider in Teilen der modernen Bibelwissenschaft. Vor allem auf die folgenden drei folgenschweren Vorurteile bin ich gestoßen:

1. Vorurteil: Es kann keine Wunder geben

In der Biologie hat es in Bezug auf das Ursache-Wirkungs-Prinzip eine schwerwiegende Grenzüberschreitung gegeben: Spätestens seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde es nicht mehr nur auf die gegenwärtige Schöpfung angewandt, sondern auch auf die Ursprungsfrage ausgedehnt. Seither wurde (und wird bis heute) nicht nur bei der Frage „Wie funktioniert das?“ sondern auch bei der Frage „Woher kommt das?“ die Möglichkeit einer (Mit-)Wirkung einer übernatürlichen, höheren Intelligenz und Schöpferkraft nicht ergebnisoffen geprüft sondern von vornherein („a priori“) grundsätzlich ausgeschlossen.

Anders als bei der Erforschung der gegenwärtigen Welt hat dieser Ausschluss schöpferischer Eingriffe bei der Ursprungsfrage aber keine Erfolgsgeschichte nach sich gezogen, im Gegenteil: 150 Jahre nach Darwin sind noch immer zentrale und grundlegende Fragen zur Entstehung der Vielfalt der Baupläne der Lebewesen vollkommen ungeklärt. Bis heute kann kein Mensch beantworten, wie komplexe Systeme, Information, Schönheit und Bewusstsein ohne eine steuernde Intelligenz entstehen kann[3]. Der Glaube an ein allumfassendes Ursache-Wirkungs-Prinzip (Determinismus bzw. Naturalismus), der in der Blütezeit der Aufklärung die akademische Welt dominiert hat[4], ist als umfassendes, ausnahmslos geltendes Welterklärungsmodell krachend gescheitert. Er ist zudem philosophisch letztlich unhaltbar, wie z.B. Prof. Daniel von Wachter dargelegt hat.[5]

Diese Erkenntnis scheint jedoch in Teilen der Theologie bis heute nicht vollständig angekommen zu sein. Unter dem Eindruck der naturwissenschaftlichen Erfolgsgeschichte hatten prägende Theologen[6] noch im 20. Jahrhundert versucht, auch in der Theologie gänzlich ohne Wunder auszukommen. So schreibt z.B. Rudolf Bultmann:

„Der Gedanke des Wunders als Mirakels ist für uns heute unmöglich geworden, weil wir das Naturgeschehen als gesetzmäßiges Geschehen verstehen.“ [7]  „Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben.“ [8]

Auch bei Troeltsch, Schleiermacher und anderen einflussreichen Theologen lassen sich vergleichbare Zitate finden.[9] So wird verständlich, warum in der liberalen Theologie des 19. Jahrhunderts der Glaube an eine leibliche Dimension der Auferstehung Jesu weitgehend durch die Annahme ersetzt wurde, die Jünger hätten nur Visionen gehabt. Die treibende Kraft für diesen Umschwung waren nicht etwa irgendwelche neuen Forschungsergebnisse. Der Ausschluss von Wundern war vielmehr eine philosophische Entscheidung. Er wurde grundsätzlich vorausgesetzt, weil „man es einfach nicht glauben kann“, wie Bultmann ganz offen formuliert.

Seit Bultmann hat sich die universitäre Theologie weiter entwickelt. So scharf wie er würden heute wohl nur noch wenige Theologen den Ausschluss von Wundern formulieren. Eine grundsätzliche Wunderskepsis ist jedoch ganz offensichtlich geblieben. Das wird bei der Auferstehung Jesu, also dem zentralen Heilsereignis der Christenheit, besonders deutlich. So formulieren C&L zur Frage der Auferstehung: „Die immer wieder diskutierte Frage, ob die Auferstehung Jesu ein „historisches Ereignis“ sei, ist von vornherein abzuweisen.“[10] Eine sachliche Begründung für diese These wird nicht geliefert. Noch deutlich schärfer formuliert Prof. Stefan Schreiber in seinem „Worthaus“-Vortrag über den „historischen Jesus“ [11]. Die Vorstellung, dass Jesus nach der Auferstehung leiblich „über die Erde spaziert sei“ entspricht für ihn einem überreizten Gespensterglauben, bei dem er dringend einen Arztbesuch oder wenigstens ausgiebiges Ausschlafen empfiehlt.[12] Das „Sehen“ des Auferstandenen durch die Jünger setzt er mit dem „Sehen“ der alttestamentlichen Propheten gleich, obwohl sich die Berichte des Neuen Testaments über Begegnungen mit dem Auferstandenen grundlegend von prophetischen Visionen unterscheiden.

All das wirkt seltsam auf mich. Denn natürlich kann man sehr wohl mit (geschichts-)wissenschaftlichen Mitteln die verschiedenen Erklärungsmodelle für die Entstehung des Osterglaubens durchspielen, ihre Erklärungskraft bewerten und damit eine Aussage darüber treffen, welches Modell welche Wahrscheinlichkeit besitzt. Wenn man das ergebnisoffen tut, ist das Ergebnis aus meiner Sicht sehr eindeutig: Die Fakten sprechen klar dafür, dass die Auferstehung eine leibliche Dimension gehabt haben muss![13] Das ist für mich bislang die einzige schlüssige Erklärung, die zu den zahlreichen und vielfältigen historischen Fakten passt. Aber diese Debatte wird bei C&L leider überhaupt nicht geführt. Die Möglichkeit von Wundern wird hier aus philosophischen (nicht aus wissenschaftlichen!) Gründen von vornherein grundsätzlich ausgeschlossen.

2. Vorurteil: Es gibt keine Offenbarung

Die biblischen Autoren behaupten an zahlreichen Stellen, göttlich offenbarte Wahrheiten zu verkünden![14] Wer aber einem allumfassenden physikalischen Ursache-Wirkungsprinzip vertraut, kann natürlich auch nicht an göttliche Offenbarung glauben. Stattdessen geht man von vornherein davon aus, dass die Bibel ein Machwerk von Menschen sein muss.

Dass dieses Vorurteil tatsächlich in den liberaleren Zweigen der Bibelwissenschaft eine Rolle spielt, zeigt sich zum Beispiel bei der Frage nach der Datierung der Evangelien. Dazu schreiben C&L: „Ebenso wie Matthäus (und wohl auch Markus) ist Lukas jedenfalls nach 70 verfasst worden; in Lk. 21,10 ist unmissverständlich auf die Belagerung Jerusalems am Ende des Jüdischen Krieges und auf die Zerstörung der Stadt angespielt.“ [15] Tatsächlich lesen wir in Lukas 21, dass Jerusalem belagert und der Tempel komplett zerstört wird (so auch in Mark. 13,2 und Mt. 24,2). Aber das wird dort ja gerade nicht als Bericht, sondern als Vorhersage (Prophetie) Jesu dargestellt. Anders als z.B. in Apg. 11,28 erwähnen die Evangelisten dabei mit keinem Wort, dass Jesu Prophetie tatsächlich in Erfüllung gegangen ist. Das heißt: Das einzige Argument von C&L für eine Datierung nach 70 n.Chr. basiert auf der Annahme, dass es Prophetie nicht geben kann! Dieses Argument wiegt so stark, dass die zahlreichen Argumente für eine frühere Datierung gar nicht erst diskutiert werden:

  • Im ganzen Neuen Testament herrscht in Bezug auf die Zerstörung des Tempels, die für die Juden ein absolut prägendes und traumatisches Ereignis gewesen sein muss, ein geradezu dröhnendes Schweigen.
  • Auch die Märtyrertode von Paulus und vom Herrenbruder Jakobus (einem Ältesten der Urgemeinde in Jerusalem) in den 60er Jahren werden mit keinem Wort erwähnt, stattdessen wird der Märtyrertod des wesentlich unbedeutenderen Stephanus ausführlich geschildert.
  • Die Apostelgeschichte des Lukas, die er nach seinem Evangelium verfasst hat, bricht noch vor dem Tod von Paulus plötzlich ab.
  • Eine Textanalyse der Evangelien belegt: Diese Berichte weisen alle Eigenschaften von frühen, authentischen und kenntnisreichen Augenzeugenberichten auf. Aufgrund der vielen stimmigen Details können sie unmöglich das Ergebnis von langer mündlicher Tradition darstellen[16]. Somit fehlt auch die Zeit für umfangreiche Legendenbildungen.

Dass Theologen wie C&L diese Diskussion erst gar nicht führen ist tragisch. Denn natürlich hat die Datierung auch erhebliche Auswirkungen auf die Vertrauenswürdigkeit der biblischen Quellen, womit wir beim 3. Vorurteil wären:

3. Vorurteil: Die biblischen Autoren sind nicht vertrauenswürdig

Trotz des von Lukas selbst formulierten Anspruchs, einen genau recherchierten Bericht vorzulegen (Lk.1,1-4)[17], verwehren C&L sogar bei einem in Wir-Form geschriebenen Abschnitt der Apostelgeschichte (Apg. 16,11-40) die Möglichkeit, dass es sich um einen Augenzeugenbericht handeln könnte. Begründung: Der Bericht sei „stark mirakulös, also vermutlich kein Augenzeugenbericht.“[18] Das heißt: Die grundlegende Wunderskepsis wirkt sich auch auf die Einschätzung der Vertrauenswürdigkeit der biblischen Autoren aus.

C&L sehen aber noch mehr Gründe, warum man den biblischen Autoren misstrauen muss. Ein Problem ist für sie der Glaube der biblischen Autoren. So lesen wir, „dass es für die Erscheinung des Auferstandenen niemals neutrale Zeugen gibt: Jede Erscheinung führte sofort zum Glauben.“ [19]. Diese Bemerkung ist nun wirklich skurril. Welcher Zeuge könnte wohl „neutral“ bleiben, wenn er den Gekreuzigten lebendig vor sich stehen sieht? Diskreditiert das etwa ihr Zeugnis? Wäre denn ein Zeuge, der nicht glaubt, was er sieht, glaubwürdiger? Oder ist es nicht gerade umgekehrt ein klarer Beweis für die leibliche Dimension der Auferstehung, dass es nach den „Erscheinungen“ eben überhaupt keine Zweifler mehr gab, sondern todesmutige Zeugen, die trotz massiver Verfolgung die Nachricht von der Auferstehung extrem erfolgreich verbreitet haben?

Das grundlegende Misstrauen gegenüber den biblischen Zeugen wird bei C&L auch im Kapitel über die „historische Jesusforschung“ besonders deutlich. Ausgangspunkt ist hier die Annahme, dass der reale, historisch über die Erde gegangene Jesus sich klar unterscheidet von dem Christus, den die Urgemeinde gezeichnet und bezeugt hat. Zwar traut man den ersten Christen durchaus zu, dass in ihre Aufzeichnungen auch historische Erinnerungen an den realen Jesus eingeflossen sind. Aber die Aufgabe der Bibelwissenschaft sei es nun, diese Erinnerung zu unterscheiden von nachträglich entwickelten Christusbildern und von Aussagen, die die ersten Christen Jesus später in den Mund gelegt[20] bzw. mit denen sie ihn nachträglich gedeutet hatten. Und welches Kriterium wendet man an, um diese Unterscheidung zwischen „echtem Jesus“ und nachträglicher Deutung zu machen? „Als erstes (Minimal-) Kriterium gilt, dass zunächst einmal nur solche Jesusworte als sicher […] „echt“ anzusehen sind, die […] nicht aus theologischen bzw. christologischen (oder ekklesiologischen) Tendenzen der nachösterlichen Gemeinde heraus erklärt werden können.“ [21] Im Klartext: Zuviel Übereinstimmung mit dem urchristlichen Jesusbild spricht dafür, dass das wohl nicht von Jesus stammt sondern ihm nachträglich von den ersten Christen in den Mund gelegt wurde.[22] Krasser kann man sein Misstrauen gegenüber der Überlieferungstreue der Urgemeinde kaum zum Ausdruck bringen. Nur auf Basis dieses Vorurteils wird verständlich, warum C&L auch der Meinung sind, dass „Jesus keinen der in den synoptischen Evangelien erwähnten christologischen Hoheitstitel in Bezug auf seine eigene Person gebraucht“ habe  [23]. Im Klartext: Da können die Evangelisten schreiben, so viel sie wollen: Das sagt uns alles nichts darüber, wie Jesus sich eigentlich selbst sah. Trotz der vielen anderslautenden Bibelstellen hielt Jesus sich selbst wohl nicht für den Messias. Das zeigt: Diesen Evangelisten kann man aus Sicht von C&L ganz offensichtlich nicht vertrauen.

Auch Prof. Stefan Schreiber weiß in seinem Vortrag über den historischen Jesus[24] letztlich nichts darüber zu sagen, ob Jesus sich selbst als Messias sah oder nicht. Insgesamt zeichnet er in seinem Vortrag ein völlig vermenschlichtes Jesusbild. Das ist kein Wunder. Denn auch für ihn wird der echte, historische Jesus erst dann sichtbar, wenn man sich auf die Jesus-Zitate konzentriert, die sich von der urchristlichen Christologie unterscheiden. Doch dieser Jesus hat dann nur noch wenig mit dem Christus des Neuen Testaments zu tun.

Die fehlende Debatte: Ist es auch heute noch vernünftig, der Bibel zu vertrauen?

Die Vorurteile von C&L drücken sich nicht nur in dem aus, was sie schreiben. Man erkennt sie auch in dem, was in ihrem Buch vollkommen fehlt, nämlich eine Debatte über Argumente, die den Selbstanspruch der biblischen Autoren, Gottes offenbarte Wahrheit zu verkünden, unterstützen könnten.

Im Artikel „10 Gründe, warum es auch heute noch vernünftig ist, der Bibel zu vertrauen“[25] habe ich einige dieser Argumente aufgelistet:

  • Die einzigartig hohe Qualität der Textüberlieferung
  • Das unerklärte Rätsel der Entstehung des extrem erfolgreichen Osterglaubens in der Region und in der Zeit der Augenzeugen samt der durchgängigen Bereitschaft der Zeugen, für diesen Glauben den Märtyrertod auf sich zu nehmen
  • Die zahllosen eingetroffenen biblischen Vorhersagen, die sich oft auch nicht durch nachträgliche Einfügung erklären lassen
  • Die stimmige, durchgängige Geschichte der Bibel, die über einen Zeitraum von 1600 Jahren von mindestens 40 äußerst unterschiedlichen Autoren geschrieben wurde, die völlig verschiedenen kulturellen und religiösen Einflüssen ausgesetzt waren und dabei nicht die Bibel als gemeinsame Glaubensgrundlage hatten
  • Die schonungslose Ehrlichkeit, die selbst vor den größten Königen und Glaubenshelden nicht Halt macht und zu keiner Zeit die Geschichte Israels verklärt
  • Das realistische Menschenbild, das bestätigte Weltbild und das einzigartige Gottesbild
  • Die herausragende Ethik, die bis heute weltweit prägend wirkt
  • Der göttliche Anspruch, der uns vor die herausfordernde Wahl stellt: Waren das Betrüger, durchgeknallte Spinner oder haben sie wirklich die Wahrheit gesagt?

Nichts davon wird bei C&L auch nur ansatzweise diskutiert. Wie schade!

Gesten grenzenloser Überlegenheit

Weder die genannten Argumente für die Glaubwürdigkeit der Bibel noch die dargelegten außerwissenschaftlichen Vorurteile halten manche Theologen davon ab, die universitäre Theologie für beinahe grenzenlos überlegen zu halten. So stellt z.B. Siegfried Zimmer in seinem Worthaus-Vortrag über die „Arbeitsweise der modernen Bibelwissenschaft“[26] die steile These auf (siehe dazu dieser 4-minütige Auszug aus seinem Vortrag):

  • Die gesamte weltweite Kirche hat die Gleichnisse Jesu 1800 Jahre lang falsch verstanden.
  • Noch heute legen weltweit Millionen von Christen, die keinen Kontakt zur Universitätstheologie haben, die Gleichnisse Jesu falsch aus (und Zimmer fragt seine Hörer: Bist Du auch noch in einer solchen Gruppe?).
  • Der Grund für dieses Desaster: Auch die Evangelisten Matthäus, Markus und Lukas haben die Gleichnisse bereits nicht im Sinne Jesu ausgelegt. Indem sie ihre falsche Auslegung Jesus nachträglich in den Mund gelegt haben, haben sie die Kirche in die Irre geführt.

Zimmer stellt uns also vor die Wahl: Sollen wir in der Frage der richtigen Deutung der Gleichnisse den Evangelisten Matthäus, Markus und Lukas vertrauen? Oder sollen wir stattdessen der modernen Universitätstheologie folgen?

Egal, wie Sie sich entscheiden, lieber Leser: Fakt ist jedenfalls, dass Zimmer damit den reformatorischen Grundsatz verlässt, dass die Schrift sich selbst auslegt („Sacra scriptura sui ipsius interpres“) und dass eine solche Theologie sich vollständig aus der Auslegungsgemeinschaft der weltweiten und der historischen Kirche verabschiedet mit allen schwerwiegenden Folgen, die das für die Theologie und für die von ihr geprägten Kirchen hat[27]:

Abschied aus der Auslegungsgemeinschaft der Kirche

Der christliche Glaube beruht nicht auf einer Sammlung von Ideen und Dogmen, auf einer Bewunderung für die Person Jesu oder auf einer gefühlten Begeisterung über die Liebe Gottes sondern zuerst einmal auf historischen Ereignissen[28], v.a. dem Leben, dem Sterben und der Auferstehung Jesu. Diese Ereignisse haben für Christen zentrale Heilsbedeutung. Sie standen deshalb im Zentrum der Verkündigung der ersten Christen (Joh. 20,30+31). Das führt natürlich zu der Frage: Was wird aus dem christlichen Glauben, wenn diese historischen Ereignisse in Frage gestellt werden?

Die Brisanz dieser Frage ist offenbar auch C&L bewusst. Sie schreiben deshalb: „So kann die Furcht aufkommen, die persönliche Glaubensüberzeugung werde beispielsweise durch die Infragestellung der historischen Zuverlässigkeit bestimmter Überlieferungen gefährdet. Dem steht die These gegenüber, Glaube und historische Erkenntnis gehörten grundsätzlich zwei verschiedenen Ebenen an.“[29] Diese These meint also: Der Glaube sei von historischen Erkenntnissen vollkommen unabhängig.

Die Formulierung ist wohl bewusst so vorsichtig gewählt. Denn natürlich ist diese These völlig unhaltbar. Selbstverständlich sind die theologischen Aussagen der Bibel immer mit dem historischen Handeln Gottes aufs engste und untrennbar miteinander verknüpft. Christliche Verkündigung ist ja gerade nicht primär ein moralischer Aufruf, etwas zu tun, sondern ein Zeugnis darüber, was Gott getan hat! Im Mittelpunkt steht die Tatsache: Christus starb für Dich! Das ist ein historisches Ereignis, ohne das alle sonstigen Lehren und Wahrheiten des Christentums nichts wert wären![30] Der Glaube wird entleert, wenn ihm der Bezug auf die historischen Ereignisse genommen wird, denn er kann sich dann auf nichts mehr beziehen. Auch unser Bild von Christus hängt untrennbar mit seinem Leben, seinen Wundern, seinem Sterben und seiner Auferstehung zusammen.[31] Wenn Christus nicht auferweckt ist, dann ist Predigt und Glaube vergeblich, sagt Paulus (1.Kor. 15,14). Das gilt auch heute noch. Wer die Historizität der biblischen Geschichten streicht, raubt dem Evangelium seine Basis, seine Kraft und verhindert den Gemeindebau.

Ein Christentum ohne Wunder und ohne Auferstehung ist deshalb ein Widerspruch in sich. Falls Schleiermacher und Co. die Theologie mit ihrer „Entmythologisierung“ tatsächlich retten wollten, so muss man heute feststellen: Sie haben der Theologie und der Kirche einen Bärendienst erwiesen. Sie haben den christlichen Glauben faktisch abgeschafft. Eine Theologie auf Basis der oben genannten Vorurteile rettet die Kirche nicht, sondern sie löst die zentralen Fundamente der Kirche auf. Sie hält die „Lehre der Apostel“ (Apg. 2,42) für menschlich und deshalb von vornherein für widersprüchlich, wie C&L schreiben: „Die Bibel enthält geschichtlich entstandene Dokumente, die – in großer Vielfalt theologischer Meinungen – den jüdischen bzw. christlichen Glauben bezeugen und darstellen.“ [32] Sie hält die Christologie der Urkirche für eine nachträgliche „Deutung“, kann aber gleichzeitig nichts Verlässliches sagen über die Christologie, die Jesus selbst hatte. Diese Theologie widerspricht also grundlegend den biblischen Aussagen und Bekenntnissen der weltweiten Kirche quer durch alle Jahrhunderte. Sie hat sich damit faktisch aus der Gemeinschaft der Kirche Jesu verabschiedet.

Katastrophale Folgen für die Kirche

Das Tragische ist, dass diese kirchenferne Theologie in weiten Teilen der westlichen Kirchen nach wie vor erheblichen Einfluss auf die Ausbildung der zukünftigen Gemeindeleiter ausübt. Da ist es keine Überraschung, was Christian Schwarz in seiner Analyse von tausenden von Gemeinden herausgefunden hat: „Das Theologiestudium hat eine stark negative Beziehung sowohl zum Wachstum als auch zur Qualität der Gemeinde.“ [33] Anders gesagt: Wenn ein Gemeindeleiter durch diese theologische Ausbildung gegangen ist, erhöht das messbar die Wahrscheinlichkeit, dass die Qualität und die Quantität der Gemeinde sinkt. Tatsächlich kenne ich kein Beispiel einer blühenden, wachsenden Gemeinde, in der der Pastor oder die Pastorin von der Kanzel predigt, dass Jesus gar nicht leiblich auferstanden ist, dass die biblischen Geschichten so gar nicht passiert sind und dass Gott in jeder Religion zu finden ist. Das rasche Schrumpfen aller westlichen Kirchen, die von dieser liberalen Theologie beeinflusst sind, untermauert dies eindrücklich.

Man kann deshalb nicht genug davor warnen, dass Formate wie Worthaus nun dafür sorgen wollen, dass diese Theologie auch noch in evangelikale Ausbildungsstätten, Gemeinschaften und Gemeinden hineingetragen wird.[34] Denn ganz sicher wird sie auch dort die gleiche Verwüstung hinterlassen, wie wir sie jetzt schon in den großen Volkskirchen mit ansehen müssen.

Die Bibel ermutigt uns, vor dieser Not zu warnen! Das Anprangern von Irrlehren ist in der Bibel eben keine „gnadenlose Frömmigkeit“ und keine „Suche nach schwarzen Schafen“ [35], sondern ein schützendes Eintreten für die intellektuell Schwachen, die nun einmal nicht durchschauen können, dass sich hinter vielen angeblich so objektiven, klugen und scheinbar wissenschaftlichen Lehren zutiefst unwissenschaftliche Vorentscheidungen verbergen, die man getrost ablehnen kann, ohne seinen Verstand an der Kirchengarderobe abgeben zu müssen.

Kann es eine konservative Bibel­wissenschaft geben?

Wie bereits dargelegt: Vorurteile („Prämissen“) sind grundsätzlich nichts Schlechtes, wenn man offen und ehrlich darüber spricht und transparent macht, auf welchen Grundlagen man zu welchen Schlussfolgerungen kommt. Das Problem bei C&L ist, dass die oben genannten Vorurteile kaum offen gelegt und praktisch überhaupt nicht diskutiert werden. Eine gute Bibelwissenschaft wird das anders machen. Wenn sie evangelikal und konservativ geprägt ist, wird sie offen über die Prämissen reden, die sie in ihrer Arbeit verwendet: Sie geht davon aus, dass Wunder und Offenbarungen möglich sind und dass die biblischen Autoren gemäß ihrem Selbstzeugnis tatsächlich verlässliche Wahrheit verkünden. Sie geht außerdem davon aus, dass sich die einzelnen Schriften theologisch nicht widersprechen, sondern ergänzen und insgesamt eine Einheit bilden[36]. Unter dieser Voraussetzung ist der verlässlichste Auslegungsschlüssel für die Bibel immer die Bibel selbst. Aus ihr können wir am besten lernen, wie die einzelnen Verse, Texte und Geschichten zu verstehen sind.

Eine weitere wichtige Hilfe wird in dieser Theologie nicht die Abkehr, sondern die bewusste Orientierung an den kirchlichen Bekenntnissen sein, die jeden Theologen einfügt in die Auslegungsgemeinschaft der ganzen Kirche Jesu in ihrem historischen Werdegang und ihm deshalb wertvolle Orientierung in der Auslegung der Bibel gibt.[37]

All das sind in gewissem Sinne „Vorurteile“ (Prämissen), für deren Sinnhaftigkeit man aber – wie oben geschildert – zahlreiche gute Argumente anführen kann. Schön wäre es, wenn es nun zu einem wissenschaftlichen Wettbewerb käme: Welche Prämissen führen zu einer schlüssigeren Integration aller vorliegenden Fakten? Wer kann die Daten in seinem Modell besser erklären? Das wäre echte, ergebnisoffene Wissenschaft, die es dem Außenstehenden auch leichter machen würde, die Argumente zu vergleichen und sich selbst ein Bild zu machen. Doch dafür müsste der evangelikale Ansatz erst einmal grundsätzlich anerkannt werden. Alle Bibelwissenschaftler müssten ihre „Vorurteile“ eindeutig und nachvollziehbar offenlegen und sich zugleich hüten vor der Gefahr des Stolzes, die natürlich in allen Lagern besteht. Gerade als Bibellehrer müssen wir alle den biblischen Ruf zur Demut immer wieder hören (Jak. 3,1; 1.Petr. 5,5; 1.Kor. 8,1!).

Der grundlegende Unterschied zwischen den theologischen Welten

Ein Kunsthistoriker, der davon ausgeht, dass ein Bild von einem kleinen Kind gemalt wurde, wird darin niemals eine ausgereifte Kunstfertigkeit erkennen. Ein Theologe, der in seiner wissenschaftlichen Arbeit Wunder und Offenbarung von vornherein ausschließt und seine Forschung so betreibt, als ob es Gott nicht gäbe („etsi Deus non daretur“ bzw. „methodischer Atheismus“) wird in der Bibel niemals Gottes verlässliches, offenbartes Wort erkennen. Wie grundlegend sich die aus diesen Vorurteilen resultierende Theologie von der traditionellen und reformatorischen Theologie unterscheidet, hat der Theologe J. Gresham Machen bereits im Jahr 1923 beschrieben:

„Wenn man die Wunder ablehnt, macht man aus Jesus die schönste Blume der Menschheit, die einen derartigen Eindruck auf seine Jünger machte, dass sie nach seinem Tod nicht glauben konnten, dass er wirklich tot war, sondern Halluzinationen hatten, die den Eindruck erweckten, er sei von den Toten auferstanden. Wenn man aber die Wunder annimmt, so glaubt man an einen Erlöser, der freiwillig auf diese Welt kam, um uns zu erlösen, am Kreuz für unsere Schuld litt, durch die Macht Gottes von den Toten auferstand und nun lebt, um für uns einzutreten. Der Unterschied zwischen diesen beiden Standpunkten ist der zwischen zwei vollkommen verschiedenen Religionen. Es ist höchste Zeit, das klarzustellen.“ [38]

Ist dieser tiefe Graben in der Theologie inzwischen kleiner geworden? 1999 gab Prof. A Lindemann, der Mitautor von C&L, dem  SPIEGEL ein eindrückliches Interview[39]. Darin sagte er: Im deutschsprachigen Raum kenne er keinen Exegeten, der die Evangelien für zuverlässige historische Zeugnisse hält. Seit Jahrzehnten würde kein ernst zu nehmender Exeget mehr behaupten, dass es sich bei den Evangelien um Lebensbeschreibungen Jesu handelt. Bis auf Ausnahmen würden die Exegeten übereinstimmen, dass kein Augen- oder Ohrenzeuge noch direkt zu uns spricht. Menschen mit Allgemeinbildung wüssten, dass die Geburtsgeschichten nicht wirklich geschehen sind. Nur wenige katholische Neutestamentler hielten noch an der Jungfrauengeburt fest. Jesus habe nicht an seine Existenz vor seiner Geburt geglaubt, sich nicht für Gottes Sohn gehalten, seinen Tod nicht als Sühnetod verstanden und das Abendmahl nicht eingesetzt. Keines der bekannten großen Wunder habe er tatsächlich vollbracht. Er sei nicht leiblich auferstanden, habe keinen Missionsbefehl erteilt und wollte keine Kirche gründen. Der christliche Glaube beziehe sich nicht auf das Selbstverständnis und die Verkündigung Jesu (diese habe dem christlichen Glauben z.T. sogar widersprochen). All das würden viele Exegeten so formulieren, weit mehr noch als vor 20, 30 Jahren.

Der evangelikale Theologe Armin D. Baum kommt aufgrund dieser Aussagen – ganz ähnlich wie J.G. Machen fast 100 Jahre zuvor – zu dem Schluss[40]: „Prof. Lindemann […] bestreitet in seinem SPIEGEL-Interview die christologische Kernaussage des Neuen Testaments, dass Jesus der Sohn Gottes war […] Und er bestreitet die Zentralaussage der neutestamentlichen Soteriologie, Jesus sei historisch von den Toten auferstanden […] Ob zwei Menschen den gleichen Glauben haben, lässt sich meines Erachtens nicht einfach daran ablesen, ob sie die gleichen Begriffe verwenden. Ein solches Urteil hängt davon ab, welche Inhalte sie mit den Begriffen meinen. Inhaltlich sind die Aussagen, die Prof. Lindemann und ich über das Heil in Christus treffen, bis zur Gegensätzlichkeit verschieden. Uns trennt ein garstiger breiter Graben, weil Prof. Lindemann das Christentum aus meiner Sicht in seinem Zentrum entkernt.“

Wenn Prof. Lindemann auch nur teilweise recht haben sollte mit seiner Behauptung, dass solche Ansichten die universitäre Theologie dominieren, dann bewegt mich eine grundlegende Frage: Warum verlangt meine evangelische Kirche von ihren zukünftigen Gemeindeleitern, bei der Ordination ein Gelübde auf Bibel und Bekenntnis abzulegen[41], lässt sie aber zuvor zumindest zum Teil von Theologen ausbilden, die den Bekenntnissen inhaltlich derart grund­legend und weitreichend widersprechen? Auf mich wirkt das so, wie wenn eine Metzgereikette seine Azubis zu überzeugten Veganern in die Lehre schickt und sich nachher wundert, warum die Kunden kein Fleisch mehr kaufen. Wie sollen unsere Gemeindeleiter Glauben wecken, wenn sie von Menschen ausgebildet werden, die selbst elementarste Botschaften der Bibel in Frage stellen oder – wie Prof. Lindemann – sogar offen ablehnen? Ich meine: Das kann nicht funktionieren. Und deshalb bin ich überzeugt: Ohne eine grundlegende theologische Erneuerung bleiben alle sonstigen Reformbemühungen der Kirche zwangsläufig zum Scheitern verurteilt.


Danke an Dr. Reinhard Junker, Prof. Dr. Dr. Daniel von Wachter und Dr. Gerrit Hohage für die fachlich kompetente Prüfung des Artikels und alle guten Anregungen, Kommentare und Korrekturen. 

Besonders zu empfehlen sind in diesem Zusammenhang die beiden Vorträge, die Prof. Dr. Dr. Daniel von Wachter (Direktor der internationalen Akademie für Philosophie am Fürstentum Liechtenstein) am 9.12.2017 in der STH Basel gehalten hat:

Im AiGG-Blog sind zu diesem Thema u.a. folgende weiterführende Artikel erschienen:


 

[1] Prof. Hansjörg Schmid hat das unter Theologen weit verbreitete Arbeitsbuch von C&L als „Bestseller und Klassiker“ bezeichnet (Christ in der Gegenwart 54 (2002) 41, S. 336f.). An der Humboldt-Universität Berlin wird aktuell an der 15. Auflage gearbeitet. Es wird also vermutlich auch zukünftig das Studium vieler Theologiestudenten prägen.

[2] H.Conzelmann A.Lindemann, Arbeitsbuch zum Neuen Testament 14. Auflage 2004, S. 3

[3] Siehe dazu mein Artikel: „4 Dinge, für die ich Atheisten bewundere“ (AiGG-Blog 2015)

[4] Immer wieder hört man die Aussage, nach der Aufklärung könne man nicht mehr so glauben und christlich lehren wie zuvor. In seinem äußerst empfehlenswerten Vortrag „Gab es die Aufklärung“ zeigt Prof. Daniel von Wachter, dass die dominierenden Thesen der Aufklärung letztlich ein Mythos und ein eingebürgertes Narrativ sind und keineswegs unser Verständnis des christlichen Glaubens beeinflussen oder gar zerstören müssen.

[5] Prof. Daniel von Wachter 2017: „Wunder sind keine Verletzung der Naturgesetze“

[6] Es ist natürlich gewagt, den Begriff der „liberalen Theologie“ zu verwenden und schwierig, ihn zu definieren. Insbesondere in den letzten Jahrzehnten ist der Begriff sehr zerfleddert. In diesem Artikel lehne ich mich an die Definition von Prof. Daniel von Wachter an, der in seinem Vortrag „Die Schlüsselvoraussetzung der liberalen Theologie“ die liberale Theologie als markante theologische Schule bezeichnet, die in etwa das vertritt, was die Theologen Schleiermacher, Troeltsch und Bultmann gemeinsam haben.

[7] Rudolf Bultmann 1933, 84f

[8] Rudolf Bultmann: Neues Testament und Mythologie. 1941, 18

[9] Fridrich Schleiermacher im Jahr 1829: „Der Begriff des Wunders wird in seiner bisherigen Art und Weise nicht fortbestehen können.“ Ernst Troeltsch im Jahr 1889: „[Es kann] keine Veränderung an einem Punkte eintreten […] ohne vorangegangene und folgende Änderungen an einem anderen, so dass alles Geschehene in einem beständigen korrelativen Zusammenhange steht und notwendig einen Fluss bilden muss, in dem Alles und Jedes zusammenhängt.“ (Über historische und dogmatische Methode in der Theologie) Zitiert im Vortrag „Die Schlüsselvoraussetzung der liberalen Theologie“ von Prof. Dr. Dr. Daniel von Wachter

[10] H.Conzelmann A.Lindemann, Arbeitsbuch zum NT 14. Auflage 2004, S. 524

[11] Worthaus-Vortrag „Auf der Suche nach dem historischen Jesus“ von Prof. Stefan Schreiber 2014

[12] Im Wortlaut formuliert Prof. Schreiber: „Diese Menschen, und zwar nicht nur einer sondern viele, waren der Meinung oder waren davon überzeugt, ihnen ist Jesus von Nazareth erschienen. Sie haben gesehen, dass er lebt. Sie haben erfahren, dass er lebt. Deswegen muss der noch lange nicht auf der Erde rumspaziert sein wie ein Gespenst oder so etwas. Das wäre dann eher wieder die alberne Variante. Also wenn ich jetzt meine Oma hier sehen würde, dann würde ich zum Arzt gehen, verstehen Sie? Da würde ich irgendwie denken, jetzt sollte ich mal wieder richtig schlafen oder so etwas. Darum geht’s nicht. Darum geht’s auch bei der Erweckung Jesu nicht. Die waren nicht einfach alle überreizt oder so etwas.“ (ab 1:23:28)

[13] Ausführlich erläutert in meinem Artikel: „Die Auferstehung Jesu: Fakt oder Fiktion? Der Indizienprozess“ (AiGG-Blog 2016)

[14] So sahen sich Mose und die alttestamentlichen Propheten als direkte Sprachrohre Gottes (z.B. Jer. 1,9). Jesus und die Autoren des NT haben diese Sichtweise voll bestätigt (Mt. 5,18; Hebr. 1,1; 2.Petr. 1,21). Paulus betonte, dass seine Lehre nicht menschlich, sondern eine direkte Offenbarung Gottes ist (Gal. 1,11-12). Und Johannes warnte eindringlich davor, auch nur minimale Änderungen an seinem Text vorzunehmen (Offb. 22,18-19).

[15] H. Conzelmann & A. Lindemann, Arbeitsbuch zum NT 14. Auflage 2004, S. 343

[16] Siehe dazu mein Artikel „Die Berichte des NT weisen alle Eigenschaften von frühen, authentischen Augenzeugenberichten auf“ (AiGG-Blog 2017)

[17] Dazu schreibt Armin D. Baum in Bibel und Gemeinde 100, Band 4 (2000): Wollten die Evangelisten Geschichte schreiben? […] Prof. Lindemann hat […] eine deutliche Antwort gegeben […]: „Es ist … ein Missverständnis der biblischen Texte, wenn sie als Tatsachenberichte aufgefasst werden”. Diese These halte ich für falsch. Einer der Evangelisten hat sich dazu, ganz im Stil der antiken Historiographie, ausdrücklich geäußert: „Es erschien mir gut, nachdem ich allem bis auf die Anfänge nachgegangen war, es exakt und der Reihe nach aufzuschreiben” (Lk 1,3). Und es ist meines Wissens kein einziger antiker Leser nachweisbar, der den Evangelien eine historische Absicht abgesprochen hätte.“

[18] H. Conzelmann & A. Lindemann, Arbeitsbuch zum NT 14. Auflage 2004, S. 354

[19] H. Conzelmann & A. Lindemann, Arbeitsbuch zum NT 14. Auflage 2004, S. 524

[20] Die These, dass die ersten Christen Jesus massenhaft Zitate nachträglich untergeschoben hätten kommentiert Prof. G. Schröter: „Ich halte es nicht für die feine Art, Jesus etwas in den Mund zu legen, damit der Text als wirkungsvoller empfunden wird. […] Natürlich gibt es bis heute hier und da Kujaus, Plagiatoren, Abschreiber und „Als-ob-Formulierer”. Aber sollten gerade die ersten Christen, die zu strikter Wahrheitsliebe aufriefen, so gehandelt haben? Mitnichten!“ (in „Und die intellektuelle Redlichkeit?“, Bibel und Gemeinde 100, Band 2, 2000)

[21] H. Conzelmann & A. Lindemann, Arbeitsbuch zum NT 14. Auflage 2004, S. 464

[22] Dem hier vorgestellten „Differenzkriterium“ wird heute meist das „Kriterium der vielfachen Bezeugung“ (Erscheinen in verschiedenen Gattungen/unabhängigen Quellen) sowie das „Kohärenzkriterium“ (Ähnlichkeit zu anderen Stellen, die den beiden erstgenannten Kriterien entsprechen) beigestellt. Auch das neuere „historischen Plausibiltätskriterium“ überwindet das Differenzkriterium nicht, es erscheint dort unter den Namen „Tendenzwidrigkeit“ und „kontextuelle Individualität“ (nachzulesen z.B. hier).

[23] H. Conzelmann & A. Lindemann, Arbeitsbuch zum NT 14. Auflage 2004, S. 495

[24] „Auf der Suche nach dem historischen Jesus“ Worthaus-Vortrag von Prof. Stefan Schreiber 2014

[25] „10 Gründe, warum es auch heute noch vernünftig ist, der Bibel zu vertrauen“ (AiGG-Blog 2016)

[26] Worthaus 5.8.2 Prof. S. Zimmer 2015

[27] Dazu schreibt der Theologe Holger Lahayne in seinem grundlegenden Artikel von 2016 „Solo oder sola scriptura“: „Es wäre völlig töricht, all die in zweitausend Jahren angesammelten theologischen Lehren in Gänze beiseite zu schieben. Denn darin würde sich ein ungeheurer Hochmut ausdrücken. Schon immer haben Menschen die Bibel interpretiert, und sehr oft haben sie das Wort Gottes richtig gedeutet. […] Wenn die Tradition verachtet wird, wird es auch kaum möglich sein, an der Wahrheit Gottes in der Heiligen Schrift festzuhalten.“

[28] Der Begriff „historisch“ wird hier im Sinne von „was wirklich geschehen ist“ verwendet. In der klassischen historisch kritischen Methode gilt nach Troeltsch aber nur das als historisch, was den Kriterien der Kritik, Analogie und Korrelation (Begriffsdefinition siehe z.B. hier) standhält. Wunder wie die Auferstehung sind nach dieser Definition grundsätzlich von vornherein „unhistorisch“ und nicht wirklich geschehen. Zurecht sieht Prof. Rainer Mayer darin den Versuch, „ein rein innerweltliches, mithin atheistisches Wissenschaftsverständnis für die Theologie verbindlich zu machen. […] Diese Prinzipien behindern unvoreingenommene historische Untersuchung, weil sie aller Erkenntnis ein „Filter“ vorschalten, das von vornherein alles das als „unhistorisch“ aussondert, was nicht in das vorgefasste Wissenschaftsparadigma passt.“ Spätere Theologen haben den Wunderausschluss abgeschwächt mit der Aussage: Wunder könnten zwar geschehen sein, aber die Wissenschaft könne aus methodischen Gründen nichts über sie sagen. Damit wird aber nach wie vor die Möglichkeit, dass real geschehene Wunder die beste Erklärung für die historischen Fakten liefern könnten, von vornherein ohne Sachgründe aus dem wissenschaftlichen Diskurs ausgeschlossen und damit abgewertet.

[29] H. Conzelmann & A. Lindemann, Arbeitsbuch zum NT 14. Auflage 2004, S. 3

[30] Siehe dazu mein Artikel „Das Kreuz – Stolperstein der Theologie“ (AiGG-Blog 2018)

[31] Dazu schreibt Armin D. Baum in in Bibel und Gemeinde 101, Band 1 (2001): „Die Christologie der Evangelien ruht auf der Überzeugung, dass Jesus Wunder getan hat: Jesus von Nazareth hat sich seinen Zeitgenossen gegenüber durch Wundertaten ausgewiesen (Apg 2,22), und zwar sowohl als der in den Schriften verheißene Messias als auch als der einzigartige Sohn Gottes. Der Täufer ließ Jesus aus dem Gefängnis zweifelnd fragen, ob er der verheißene Messias sei. In seiner Antwort an den Täufer spielte Jesus darauf an, dass der Messias Jes 35,5-6 zufolge nicht nur einzelne Heilungswunder tun würde, wie die Propheten vor ihm, sondern sehr viele. Der Messias sollte an der enormen Fülle seiner Machttaten erkannt werden, die weit über alles hinausging, was man aus den heiligen Schrift über wundertätige Propheten wusste. Eine Identifizierung Jesu als Messias wäre diesem biblischen Konzept zufolge ohne Wunder nicht möglich gewesen.“

[32] H. Conzelmann & A. Lindemann, Arbeitsbuch zum NT 14. Auflage 2004, S. 3

[33] Christian Schwarz in  „Natürliche Gemeindeentwicklung“ 4. Auflage 2006, S. 25, in dem er die Ergebnisse seiner systematischen Untersuchung von 45.000 Gemeinden aus der ganzen Welt präsentiert

[34] So schreibt Christoph Schmieding in seinem Artikel „Was ist eigentlich „post-evangelikal?“: „Das von Siegfried Zimmer initiierte Worthaus Projekt hat es sich zur Aufgabe gemacht, moderne Bibelwissenschaft in die evangelikalen Biotope zu tragen – und das mit Erfolg!“

[35] Jürgen Mette in seiner pro-Kolumne „Von Lämmern, Leithammeln und schwarzen Schafen“.

[36] Dazu schreibt Dr. Armin D. Baum: Im Unterschied zu dieser von ZIMMER befürworteten Hermeneutik geht ein evangelikales Schriftverständnis von der Annahme aus, dass die Bibel – bei aller Unterschiedlichkeit der innerbiblischen Gesprächsbeiträge – nicht nur in ihren zentralen Aussagen, sondern insgesamt eine theologische Einheit darstellt und als solche respektiert werden will.“ Ichthys 46 (2008), S. 82-83

[37] „Die Krise des Schriftprinzips ist also immer auch eine Krise des Bekenntnisprinzips.“ Holger Lahayne 2016 in „Solo oder sola scriptura

[38] J. Gresham Machen „Christentum und Liberalismus“ S. 129

[39] „Ist Jesus dem Glauben im Weg? SPIEGEL-Interview mit Prof. A. Lindemann vom 13.12.1999

[40] In „Geschichtsschreibung, Wunder und der christliche Glaube: eine Antwort an Prof. Lindemann“ in Bibel und Gemeinde 101, Band 1 (2001), S.30-37

[41] Aus der Urkunde über das Ordinationsgelübde der Nordelbischen Kirche: „…Er hat gelobt, […] das Evangelium von Jesus Christus zu predigen, wie es in der Heiligen Schrift gegeben und im Bekenntnis unserer evangelisch-lutherischen Kirche bezeugt ist…”

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Der mit Gott kämpft

Was uns biblische Namen über Gottes Gnade sagen

„Ich bin der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs“. 9 mal in der Bibel stellt sich Gott mit diesen Worten vor. Was leider nur Wenige wissen: Dahinter steckt eine unglaublich berührende Botschaft! Das wird deutlich, wenn man sich diese 3 Personen und ihre Namen einmal genauer anschaut:

Der Name Abraham bedeutet „Vater vieler Völker“. Das erinnert natürlich an Gottes Verheißung, Abraham unzählige Nachkommen zu schenken. Allerdings hat Abraham diesem Versprechen nicht immer vertraut. Als seine Frau Sara lange kinderlos blieb, schlief er schließlich mit seiner Sklavin Hagar. Daraus ging Ismael hervor und damit auch der von der Bibel vorhergesagte Dauerstreit zwischen den Kindern Saras (den Juden) und den Kindern Hagars (den Arabern). Der Name „Vater vieler Völker“ ist deshalb unweigerlich auch mit Abrahams mangelndem Gottvertrauen und dem daraus entstandenen Konflikt zwischen seinen Nachkommen verknüpft.

Der Name Isaak bedeutet „Gott hat jemand zum Lachen gebracht“. Damit wird auf das ungläubige Gelächter von Abraham und Sara angespielt, als der Engel ihnen verkündete, dass die alte Sara schwanger werden wird. Isaak hat Abraham und Sara also immer daran erinnert, dass ihr Gottvertrauen auch durch schwere Krisen ging.

Im Namen Jakob ist das hebräische Wort für „betrügen“ enthalten. Tatsächlich hat Jakob betrogen, vor allem als er sich mit drastischen Lügen den Segen des Erstgeborenen erschlich. Entsprechend fragte sein Bruder Esau: „Heißt er darum Jakob, weil er mich nun schon zweimal betrogen hat?

Das bedeutet also: Wenn Gott sich als der „Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs“ bezeichnet, nennt er sich damit auch der Gott des Vaters (zu) vieler Völker, des Gelächters und des Betrügers! Ist das nicht unfassbar?

Offenbar schämt sich Gott nicht dafür. Das Versagen dieser Menschen, das sich sogar in ihren Namen wiederspiegelt, hält Gott nicht davon ab, sich zu ihnen zu stellen und ihre Namen direkt mit seinem eigenen zu verknüpfen!

Dass Gott sich zu fehlerhaften Menschen stellt lesen wir oft in der Bibel. Die schonungslose Ehrlichkeit, mit der die Bibel sogar die blamabelsten Pleiten der großen biblischen Glaubenshelden schildert, ist verblüffend. Und trotzdem hat Gott alle diese Menschen gesegnet und sogar Geschichte mit ihnen geschrieben!

Und das, obwohl Gott oft mit ihnen zu kämpfen hatte. Das mündete im Falle Jakobs sogar in einen handfesten Ringkampf, der dazu führte, dass Jakob in „Israel“ umbenannt wurde, was u.a. bedeutet: „Der mit Gott kämpft“. Dieser Name ist in der wechselvollen Geschichte Israels Programm geblieben. Und trotz all dieser Kämpfe hat Gott nicht aufgehört, sich selbst als der „Gott Israels“ zu bezeichnen und treu zu diesem Volk zu stehen.

Diese Leute, mit denen Gott Geschichte schrieb, waren also keine jederzeit blindvertrauenden Gehorsamsmaschinen. Das waren Menschen mit Fehlern, mit Schwächen, mit Brüchen, mit Kanten, mit einem eigenen Willen, der nicht immer stromlinienförmig mit Gottes Willen zusammenpasste.

Offensichtlich kann Gott damit umgehen. Denn trotz all dieser Macken ist Gott regelrecht stolz auf diese Menschen und rühmt sie in Hebräer 11 als Glaubenshelden, an denen er Freude hat und „die zu gut für diese Welt waren“. Wow!

Das tröstet mich. Denn auch mit mir hat Gott oft zu kämpfen. Und ich mit ihm, wenn ich ihn mal wieder nicht verstehe. Aber wenn Gott sich so begeistert zu diesen Menschen stellt gibt mir das Zuversicht, dass diese wundervollen Worte auch mir und meinem Namen gelten:

„Aber jetzt, so spricht der HERR, der dich geschaffen, Jakob, und der dich gebildet hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst! Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, DU BIST MEIN.“ (Jesaja 43, 1)

Warum ich das Christentum bedrohe

Ein Artikel von Frank Laffin

Ganz ehrlich, bislang wusste ich es noch gar nicht: Ich bin ein Störfaktor, eine Bedrohung, eine üble Bazille in einem „gesunden“ (hüstel) Christentum. Na gut, nicht ich als Person- ich bin eigentlich schon ganz friedfertig- aber in meinen Rollen als Familienvater, Lobpreiser, Gebetshausleiter. Ganz einfach durch meinen Glauben. Der ist mir wichtig. Irgendwie ernst, persönlich. Äh..  geht’s doch um mich ich als Person? Mist! Warum? Ganz einfach: Das aufgeklärte Christentum des modernen Europas sieht sich in seiner Existenz bedroht durch neo-konservative Querschläger wie mich, die weltweit wie die Pilze aus dem Boden schießen. Und die etablierten Kirchen, die liberalen Theologen und muffigen Talare vor den Altären, die sie selbst abgeschafft haben, sehen ihre Felle davon schwimmen. Ist die Kirche, wie ich sie kenne wirklich in ihrer Existenz bedroht? Ich kann es kaum glauben! Ich frohlocke regelrecht! Und ich soll auch noch schuld daran sein? Hier ein Ausschnitt aus dem Lamento der „Tagespost“:

„Wie sollen liberale Christen, geübt in der historisch-kritischen Exegese, auf diese Entwicklung reagieren? Abschottung? Dialog? Das Weltchristentum gerate „unter den Einfluss eines anti-intellektuellen Fundamentalismus“, warnt ein Kommentator des „Boston Globe“. In der „New York Times“ wiederum setzte sich 2011 der Kolumnist David Brooks („Creed or Chaos“) mit dem Phänomen auseinander. Viele Amerikaner befürworteten einen Glauben, „der spirituell, aber nicht dogmatisch, pluralistisch und nicht exklusiv“ sei. Das Problem sei nur, dass die Religionen, die wachsen, „theologisch rigoros, beschwerlich in der Praxis und eindeutig in der Trennung zwischen wahr und falsch“ seien.“ (http://www.tagesspiegel.de/kultur/zukunft-der-religion-das-christentum-steht-vor-einer-revolution/19253464.html)

Wahnsinn! Da kriegen diejenigen kalte Füße, die selbst durch ihre unablässigen Bemühungen, die Glut des Evangeliums in der Kirche zu ersticken, dazu beigetragen haben, dass es in der Kirche so kalt, weil leblos, geworden ist. Ich stehe dazu: Gerne bin ich gegen ein liberales Weltchristentum, weil dieses sich selbst längst obsolet gemacht hat. Weil es die Worte kennt, die Kraft des Evangeliums jedoch von Anfang an verleugnet hat. Weil es ständig anderen Göttern nachläuft (Stichwort „Soziale Gerechtigkeit“) und die Heiligkeit des Einen nicht mehr achtet. Weil es die aus Gnaden gerechtfertigten Sünder gegen die Wir-sind-alle-schon-OKs getauscht hat. Weil die Ehrfurcht vor der Bibel der Beliebigkeit post-moderner, stets langweiliger, mitunter emergenter Auslegung gewichen ist, die keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervorlockt. Weil missionarischer Eifer angesichts der Angst vor der Einzigartigkeit Jesu Christi in die Knie gegangen ist. Weil Nathans Weisheit die Weisheit der Universitäten geworden ist und Paulus´ Rat zur Änderung des Denkens nie so aktuell war wie heute. Man hat sich gewöhnt an ein Kuschelchristentum, dass wenn überhaupt, nur noch im Nachplappern sozialer Lösungsvorschläge seine Berechtigung bekommt. Bloß keinem mehr auf die Füße treten. Kuchen für alle! Aber immer nur Kuchen macht krank. Und er ernährt unsere Kinder nicht. Ich bin gerne neo-konservativ und lasse mir den Vorwurf gefallen, ich sei „anti-intellektuell“. Klar, denn Glauben und Intellekt haben noch nie zusammengepasst! Hat ja auch schon nicht bei Paulus, Augustinus, Luther, Calvin, J.S. Bach, Paul Gerhardt, J. Klepper, G. Tersteegen funktioniert. Und C.S. Lewis war ebenfalls kein Intellektueller, oder? Auf welchem Mond leben die Kritiker des aufstrebenden, lebendigen Christentums eigentlich? Nicht alle Menschen mit einer ungebrochenen Leidenschaft für Jesus, nicht alle, welche die Kraftwirkungen des Heiligen Geistes schätzen, leben auf Bäumen? Was ist falsch daran „theologisch rigoros“ zu sein und „wahr“ von „falsch“ zu trennen? Hier jedoch fühlt sich der Relativismus gekränkt und das ist….ups, falsch! Leider nur aus Sicht des Relativismus. Was ist falsch daran, einen Glauben zu haben, der eine „Praxis“ fordert? „Heiligung“ nennt man das auch. Und die ist beileibe nicht immer nur beschwerlich. Hier fühlt sich aber der Moralismus gekränkt und das ist…der Rest ist Schweigen.

Ich für meinen Teil fühle mich geadelt als Teil einer Jesus-Bewegung, welche die eingefleischte fromme Elite das Fürchten lehrt. Das hat Jesus übrigens auch getan. Und ja, ich bin der Meinung, dass es nicht mehr lange dauert, bis die Volkskirche von dem Ast fällt, an dem sie so lange gesägt hat. Einstweilen trauere ich um meinen Intellekt, den ich angeblich

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