Das doppelte Fundament der Kirche

Im letzten Jahr haben mich immer wieder Stimmen von konservativen Christen aus ganz Deutschland erreicht, die sich in ihren landes- oder freikirchlichen Gemeinden an den Rand oder gar hinausgedrängt fühlen. Tatsächlich scheint sich dieser subjektive Eindruck auch objektiv zu bestätigen. Tobias Faix hat jüngst berichtet, dass die Anzahl der Gläubigen steigt, die aufgrund ihres konservativen Glaubens aus der evangelischen Kirche austreten. In einer aktuellen Erhebung für die Kirche von Westfalen wurde zudem ermittelt:

“Das häufigste Motiv für einen Austritt aus der Kirche ist die Ansicht, dass die Kirche nicht mehr das lebt, „was Jesus eigentlich wollte“.”

Also nicht die Säkularisierung, nicht die Kirchensteuer, sondern die grundsätzlichen Differenzen beim Jesusbild sind das Hauptproblem, das Menschen aus der Kirche treibt! Das hat mich nun doch überrascht.

Natürlich sind nicht alle, die diese Antwort geben, theologisch konservativ. Aber Fakt ist ganz offensichtlich: Meine Kirche leidet massiv darunter, dass es auch bei den zentralsten Glaubensfragen keinen Konsens mehr gibt. Die grundlegenden Differenzen beim Schriftverständnis wurden ja lange Zeit verharmlost mit der Aussage: Wir glauben doch nicht an die Bibel sondern an Jesus Christus. Jetzt aber zeigt sich: Wenn die Wege beim Schriftverständnis auseinanderlaufen, laufen sie irgendwann auch beim Jesusbild auseinander. Wenn die Bibel keine gemeinsame Grundlage mehr ist, dann ist auch Jesus irgendwann keine gemeinsame Grundlage mehr. Wenn sich die Jesusbilder bei den Gemeindemitgliedern und in der Theologie immer grundlegender voneinander unterscheiden, dann kann Jesus auch nicht mehr die einende und verbindende Person der Kirche sein. Am Ende führt die theologische Liberalisierung eben doch zum entscheidenden Verlust der Bindekräfte, die die Kirche gerade in einer sich polarisierenden Gesellschaft dringender denn je nötig hätte, um nicht auseinander zu fallen.

Woran Konservative leiden

Tobias Faix verweist darauf, dass gerade der Exodus der Konservativen für die Kirche besonders schmerzhaft ist, weil sie an der Basis oft sehr engagiert sind. Diese richtige Beobachtung ändert aber nichts daran, dass auf eben diese konservative Basis in Teilen meiner Kirche wenig Rücksicht genommen wird. Die Nordkirche (also die ev. Landeskirche in Schleswig Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern) hat jüngst nicht nur beschlossen, gleichgeschlechtliche Paare zu trauen. Viel weitreichender ist der Beschluss, dass die Gewissensfreiheit für Pastoren in dieser Frage abgeschafft wird. Das heißt: Es ist Pastoren nicht mehr möglich, eine Trauung gleichgeschlechtlicher Paare aus Gewissensgründen abzulehnen. Sie werden gezwungen, ihr Gewissen vor Gott und seinem Wort zu kompromittieren und etwas zu segnen, was in ihren Augen nicht unter dem Segen Gottes steht. Zu Ende gedacht kommt das im Grunde einem Ausschluss von Evangelikalen aus der Landeskirche gleich, und das nicht nur in der Nordkirche. Denn evangelikale Theologiestudenten, die ihrem Gewissen vor Gott treu bleiben wollen, müssen jetzt auch in anderen Landeskirchen damit rechnen, in einen unlösbaren Gewissenskonflikt getrieben zu werden, weil der Trend ja vielerorts in die gleiche Richtung geht. Wenn es keine Wende gibt, würde das für die evangelikalen Gemeindeglieder bedeuten, dass es langfristig in den Landeskirchen keine Pfarrer und Pastoren mit evangelikalen Überzeugungen mehr gibt. Damit würde es auf Dauer auch keine konservativ geprägten Richtungsgemeinden mehr geben. Denn die Pfarrer haben in den evangelischen Gemeinden eine dominante Position. Ich habe in den letzten Jahren mit so vielen tief enttäuschten und verletzten landeskirchlichen Evangelikalen gesprochen, dass ich inzwischen überzeugt bin: Die Schaffung von evangelikal geprägten erwecklichen Strukturen innerhalb der Landeskirche ist kaum möglich, wenn der Pfarrer dies nicht zumindest mit Wohlwollen und Sympathie für evangelikale Frömmigkeit schützt und wenigstens im Hintergrund auch unterstützt.

Nun ist diese Entwicklung für Evangelikale in der Landeskirche freilich nicht neu. Schließlich liegt die Dominanz der nichtevangelikalen Theologie in den landeskirchlichen Ausbildungsstätten schon seit Jahrzehnten bei nahezu 100 %. Auch in manchen freikirchlichen Ausbildungsstätten geht der Trend in diese Richtung. Hinzu kommt: Trotz akutem Pfarrermangel verwehrt meine evangelische Kirche den Abgängern konservativer Ausbildungsstätten den Zugang zum Pfarramt. Wenn aber die Ausbildung sämtlicher Gemeinde- und Kirchenleiter von einer Theologie geprägt ist, die auch in zentralen Glaubensfragen evangelikalen Überzeugungen widerspricht, dann ist es kein Wunder, wenn Evangelikale immer öfter den Eindruck haben: Wir haben mit dem, was uns wichtig ist, keinen Raum mehr.

Die doppelte Basis für die Einheit der Kirche

Auch wenn es mich jedes Mal tieftraurig macht: Ich habe Verständnis dafür, wenn Christen angesichts dieser Entwicklungen manchmal keine andere Möglichkeit mehr sehen, als aus der Kirche auszutreten. Aber viel mehr wünsche ich mir, dass wir Konservativen anfangen, gemeinsam für unsere Überzeugungen aufzutreten! Paulus hat es uns vorgemacht. Mit eindrücklichen Worten hat er klargestellt, was die beiden entscheidenden Elemente des Fundaments der Kirche Jesu sind:

“Wir sind sein Haus, das auf dem Fundament der Apostel und Propheten erbaut ist mit Christus Jesus selbst als Eckstein.” (Epheser 2, 20).

Die gelebte Liebe und Nachfolge Jesu im Zentrum sowie die Verwurzelung in der Lehre der Apostel und Propheten, die wir in der Bibel finden: Beides zusammen bildet das Fundament der Kirche Jesu. Ein festes Jesus- und Schriftvertrauen ist also nicht etwa eine fundamentalistische Randposition, im Gegenteil: Es ist genau dieses doppelte Fundament, das die Kirche eint. Und zwar NUR dieses! Einen anderen Grund kann niemand legen. Wenn man den Worten von Paulus glaubt, ist die Kirche ohne dieses doppelte Fundament auf Sand gebaut.

Es wird ja oft darauf hingewiesen, dass auch die Konservativen trotz gemeinsamem Bekenntnis zur Autorität der Bibel zerstritten seien. Ja, in der Tat: Auch da gibt es Misstrauen, Konflikte und Spaltungen. Aber immerhin haben die Konservativen mit der Bibel noch einen gemeinsamen Grund, auf dessen Basis man zumindest miteinander streiten und um gemeinsamen Grund ringen kann. Und Fakt ist: In den vergangenen Jahrzehnten ist über Konfessions- und Prägungsgrenzen hinweg überall dort sehr viel Einheit gewachsen, wo einerseits der Schrift fest vertraut wurde und andererseits eine gelebte Liebesbeziehung zu Jesus im Mittelpunkt stand. Im Buch „Zeit des Umbruchs“ berichte ich im letzten Kapitel ausführlicher von diesen hoffnungsvollen Entwicklungen. Eindrücklich war für mich dazu auch ein Erlebnis in diesem Sommer: Wir saßen mit Freunden im Garten, als wir vom Weg vor dem Garten plötzlich Gesang hörten. Wir gingen hinaus und begegneten brasilianischen Christen. Wir kannten uns nicht. Wir konnten uns wegen der Sprachbarriere nur spärlich unterhalten. Aber wir haben spontan Jesus zusammen angebetet und uns beim Abschied herzlich umarmt in dem Bewusstsein: Wir sind Geschwister in dieser einen großen Familie Gottes. Spätestens im Himmel werden wir uns wiedersehen. Jesus und sein Wort schafft Einheit – über alle Grenzen, Kulturen und Prägungen hinweg.

Verpackung oder Inhalt?

Angesichts von Austrittswellen, sinkenden Mitgliederzahlen und schrumpfendem Gottesdienstbesuch wird in letzter Zeit immer häufiger die Frage gestellt: Wie kann die Kirche wieder Zukunft gewinnen? Brauchen wir vielleicht mehr Digitalisierung? Müssen wir näher bei den Menschen sein? Brauchen wir mehr soziologische Untersuchungen, um besser zu verstehen, welche Fragen die Menschen bewegen? Oder brauchen wir vielleicht frische Formen von Gemeinde, Kirche und Veranstaltungsformen, die besser zu den heutigen Lebenswelten und Milieus unserer Gesellschaft passen? Ja, ich glaube, all das brauchen wir. Aber wir dürfen dabei nie vergessen: Entscheidend ist am Ende nicht die Verpackung. Entscheidend ist der Inhalt! Jeder Manager weiß: Selbst das beste Marketingkonzept hilft auf Dauer nichts, wenn man kein überzeugendes Produkt hat. Genauso ist es bei der Kirche: Wir brauchen uns mit der Verpackung unserer Botschaft eigentlich gar nicht zu beschäftigen, solange wir uns nicht im Klaren darüber sind, was im Kern eigentlich unsere Botschaft ist.

Eigentlich hat die Kirche ja gar keine eigene Botschaft. Sie ist nur Botschafter an Christi statt (2. Kor. 5,20). Diese Botschaft Christi kennt die Kirche einzig und allein aus der Bibel. Wenn wir den biblischen Texten nicht vertrauen, verlieren wir deshalb zwangsläufig auch die Vertrauenswürdigkeit, die Klarheit und damit auch die Kraft, die Schönheit und Dynamik des Evangeliums. Umso mehr hoffe und bete ich, dass es in meiner Kirche wieder eine Umkehr gibt hin zu einer authentisch gelebten Liebe zu Jesus und zu einer neuen Ehrfurcht vor Gottes Wort. Und ich hoffe und bete, dass unsere freikirchlichen Freunde nicht ebenso ihre Ausbildungsstätten der liberalen Theologie überlassen, wie wir Landeskirchler das getan haben. Es ist nun einmal keine Rechthaberei, keine Angst und keine Enge, die Evangelikale wie mich so nervös werden lässt, wenn universitäre Theologie in ihrer ganzen Bandbreite über Portale wie Worthaus nun auch mitten in die evangelikale Welt hineingetragen wird. Nein, es ist ganz einfach die Sorge um das einzig tragfähige Fundament der Kirche Jesu, ohne das keine christliche Gemeinde, kein christliches Werk und keine Denomination auf Dauer bestehen kann.

Lasst uns Häuser bauen

Ich freue mich sehr darüber, dass ich in einem Land leben darf, in dem in der Mitte fast jeder Ortschaft ein Haus zur Ehre Gottes steht. Aber ich sehne mich danach, dass diese Häuser aus Stein wieder gefüllt werden mit Häusern aus Menschen, die sich zusammenfügen lassen zu einem „Tempel aus lebendigen Steinen“, wie Petrus es ausdrückt (1. Petr.2,5). Ich habe Sehnsucht danach, dass an allen Orten geistliche Häuser entstehen, in denen Jesus gegenwärtig ist und in denen unsere Mitmenschen nach Hause kommen können und Heimat, Erlösung und ewiges Leben finden bei diesem wundervollen himmlischen Vater, von dem uns die Bibel berichtet. Meine Frau und ich arbeiten an unserem Heimatort gemeinsam mit vielen anderen Christen seit Jahren dafür, dass so ein geistliches Haus entsteht. Und ich freue mich darüber, dass sich viel Gutes entwickelt, weil Gottes Wort Kraft hat, Menschen bewegt und verändert. Aber in den letzten Jahren ist uns noch deutlicher geworden: Es reicht nicht, schöne Programme und Veranstaltungen zu gestalten. Wenn wir ein nachhaltiges geistliches Haus bauen wollen, dann müssen wir aufs Fundament achten. Wenn Menschen sich nicht verwurzeln in der Liebe und im Wort Gottes, dann hat das Haus, das wir bauen, auf Dauer keinen Bestand.

Lassen Sie uns deshalb an allen Orten wieder Häuser auf gesunden Fundamenten bauen. Und lassen Sie uns beten, dass Gott einen neuen Aufbruch schenkt, eine neue Bewegung von Menschen, die Jesus Christus von Herzen lieben und die ihre Bibel kennen und tief in ihr verwurzelt sind.

Gemeinsam Auftreten

Wir Evangelikalen wollen keinen Streit. Wir sehnen uns nach Einheit, damit das Evangelium glaubwürdig verkündigt werden kann. Aber in der Bibel sehen wir, dass es manchmal auch not-wendend sein kann, in kontroversen Fragen Position zu beziehen, um Orientierung zu geben und Christen zu ermutigen. Eine gute Gelegenheit, gemeinsam aufzutreten, ist zum Beispiel der Studientag des Netzwerks Bibel und Bekenntnis am 16. November in Siegen. Ich würde mich sehr freuen, Sie dort zu treffen!

Maleachi: Das teure Evangelium

Was ist eigentlich „das Evangelium“? Das erstaunliche ist: Es ist so simpel, dass man es in einem kurzen Satz zusammenfassen kann:

„So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen sondern das ewige Leben haben.“ (Johannes 3, 16)

Doch um sich der Größe und Tiefe dieser Botschaft zu nähern, braucht man die komplette Bibel – und man lernt dabei sein Leben lang nicht aus.

Wichtig ist dabei gerade auch das Alte Testament, denn es bildet den notwendigen Hintergrund, vor dem das Evangelium erst seine Strahlkraft und seinen revolutionären Charakter gewinnt. Ohne diesen Hintergrund verkommt es zum billigen Abklatsch. Besonders deutlich wird das im letzten Buch des Alten Testaments: Die Schrift des Propheten Maleachi liest sich wie ein Fazit des Alten Bundes und wie ein Cliffhanger, der dem Evangelium den Boden bereitet. Deshalb lohnt es sich, intensiv das Bild zu betrachten, das der Prophet Maleachi vom Menschen und seinem Verhalten zeichnet.

Das Buch Maleachi: 5 Ansagen von einem genervten Gott?

Wenn jemand genervt ist, dann lässt das meist tief blicken. Unmut legt tiefe emotionale Schichten frei. Bei den Ansprachen Gottes im Buch Maleachi gewinnt man fast den Eindruck: Gott ist genervt. Er lässt seinem Unmut freien Lauf – und er erlaubt uns dadurch einen tiefen Blick in sein Herz und in die Abgründe unseres menschlichen Daseins.

5 Punkte wirft Gott dem Volk Israel vor:

  1. „Ihr verachtet mich.“ (1,6)
  2. „Ihr jammert.“ (2,13)
  3. „Ihr werdet lästig.“ (2, 17)
  4. „Ihr habt mich betrogen.“ (3,8)
  5. „Ihr habt mich beleidigt.“ (3,13)

Ganz schön harter Tobak! Aber was steckt hinter diesen Vorwürfen? Da Gott mit dieser Rückfrage rechnet, stellt er sie bei jedem Vorwurf immer gleich selbst. Bei den Antworten wird es dann so richtig interessant…

„Ihr verachtet mich“: Pseudoopfer und Verfälschung von Gottes Botschaft

Gott bemängelt, dass die Menschen ihm Opfertiere bringen, die krank und verletzt sind – und deshalb ohnehin geschlachtet werden müssten. Ein Pseudoopfer also. Entlarvend ist Vers 8: „Bringt doch einmal eurem Statthalter solche Gaben! Wird er euch dann etwa noch freundlich und wohlwollend begegnen?“ Ein herausfordernder Vergleich, der sagt: Ihr habt faktisch vor Gott weniger Respekt als vor Menschen. Da frage ich mich: Wie ist das mit mir und meinem Gottes-Dienst? Was fürchte ich mehr: Das Urteil von Menschen oder von Gott? Und wie viel Zeit und Aufmerksamkeit schenke ich Gott? Gebe ich ihm die beste Zeit meines Tages oder schiebe ich ihn – wenn überhaupt – irgendwo rein, wenn ich sowieso gerade „tote Zeit“ überbrücken muss? Was würde mein Partner oder ein guter Freund sagen, wenn wir ihm so viel (oder wenig) Aufmerksamkeit schenken würden?

Den Vorwurf der Verachtung richtet Gott aber vor allem auch an geistliche Leiter. Respektvoll wäre es, Gottes Botschaft unverfälscht weiter zu geben (2,6). Predigt heißt in Gottes Augen, ein „Bote des Herrn, des Allmächtigen“ zu sein (2,7)! Damals wusste jeder: Wehe dem königlichen Boten, wenn er die Botschaft des Königs verfälscht, um den Menschen nach dem Mund zu reden (2,9). Was für eine eindringliche Warnung an alle Verkündiger! Es ist in Gottes Augen eben kein Kavaliersdelikt, etwas anderes zu predigen als das, was Gottes Wort lehrt und verkündigt.

„Ihr jammert“: Ausbleibende Gebetserhörung wegen seelischer Gewalt

Gott gibt offen zu, dass er den Gottesdienst Israels nicht erhört: „Ihr weint und jammert, weil er von euren Opfern nichts wissen will.“ (2,13b) Warum ist Gott da so ablehnend? Die Begründung ist hochaktuell:

„Weil der Herr Zeuge war zwischen dir und der Frau deiner Jugend. Doch du bliebst ihr nicht treu, obwohl sie deine Lebensgefährtin war, mit der du den Bund geschlossen hast. … Hüte dich deshalb bei deinem Leben und brich der Frau deiner Jugend nicht die Treue. „Denn ich hasse die Scheidung!“, spricht der Herr, der Gott Israels. „Das ist, als ob man sich eines Gewaltverbrechens schuldig macht.“ (2,14-16)

Viele Menschen tun sich heute schwer mit der Vorstellung von einem zornigen Gott. Ich frage mich: Haben sich diese Menschen je in Gottes Position versetzt? In der damaligen Gesellschaft war es ein existenzielles Drama für eine Frau, von ihrem Mann verlassen zu werden. Zur menschlichen Demütigung kam die blanke existenzielle Not. Kein Wunder, dass Gott hier Scheidung mit einem Gewaltverbrechen gleichsetzt. Wie könnte ein Gott der Liebe nicht zornig werden, wenn seine geliebten Geschöpfe so grausam behandelt werden?

Gottes Worte müssten uns Menschen des 21. Jahrhunderts, in dem Scheidung eine Normalität zu sein scheint, eigentlich in den Ohren klingeln: „Ich. hasse. Scheidung.“ Punkt. Und zwar nicht weil Gott ein Moralapostel ist. Sondern wegen der psychischen Gewalt gegenüber einem verlassenen, entwurzelten Partner und – noch schlimmer – gegenüber entwurzelten und gespaltenen Kindern. Gott fühlt den Schmerz der Verlassenen und Verstoßenen. Wir dürfen uns nicht wundern, wenn er dann von unserem Gottesdienst nichts wissen will.

„Ihr werdet lästig“: Ignoranz gegenüber Gottes Perspektive

Als ob das nicht schlimm genug wäre, setzen die Menschen aber noch eins drauf und behaupten: „Der Herr freut sich an Menschen, die Böses tun und hat Gefallen an ihnen. Oder: Wo ist denn der Gott, der richtet?“ (3, 17) Das klingt zunächst komisch. Wer sagt denn so etwas? Aber mal ehrlich: Ist das nicht auch bei uns heute gang und gäbe? Menschen haben ihren Partner verlassen, weil sie sich in jemand anderes verliebt haben. Aber wir sprechen ihnen trotzdem Gottes Segen zu. Dass Gott vielleicht auch ein zorniger Richter sein könnte, kommt uns nicht einmal in den Sinn.

Ich höre förmlich den Widerspruch: Niemand darf Andere verurteilen! Wer bist Du, dass Du über andere, deren Lebensmodell gescheitert ist, den Stab brichst? Ja, das stimmt, das darf ich nicht. Ich bin nicht der Richter. Über niemanden. Erst recht, weil das Leben wirklich komplex ist. Und schließlich ist niemand fehlerfrei, ich zuletzt. Ich kenne Fälle, in denen Scheidung tatsächlich unumgänglich und not-wendend war. Aber solche Ausnahmen ändern nichts daran, dass wir uns Gottes Wort stellen müssen: Er spürt den Schmerz der Verlassenen und Verstoßenen. Er empfindet Untreue als Gewalt. Jeder der von einem ihm wichtigen Menschen verlassen und fallen gelassen wurde weiß, dass Gott damit absolut recht hat. Und so wenig wir über andere richten dürfen, so wenig steht es uns zu, Gott verfügbar zu machen und seinen Segen vorschnell zu verteilen, wo Gott in Wahrheit zornig ist statt zu segnen.

„Ihr habt mich betrogen“: Fehlendes Vertrauen in Gottes Versorgung

Und dann geht es Gott auch noch um das liebe Geld. Gott fühlt sich betrogen, weil die Israeliten nicht den Zehnten von ihrem Besitz abgeben. Gottes Worte dazu sind bemerkenswert:

„Stellt mich doch damit auf die Probe“, spricht der allmächtige Herr, „ob ich nicht die Fenster des Himmels für euch öffnen und euch mit unzähligen Segnungen überschütten werde!“ (3,10b)

Mit anderen Worten: Versucht es doch einmal, mir zu vertrauen! Testet mich! Gott wünscht sich nicht gezwungenen Gehorsam. Er wünscht sich Vertrauen. Ein Vertrauen, das er segnen und belohnen kann, für das er uns beschenken und mit Gutem überschütten kann. Der Ungehorsam, der Gott beleidigt, ist die direkte Folge von fehlendem Vertrauen in Gottes überbordende Großzügigkeit.

„Ihr habt mich beleidigt“: Fehlendes Vertrauen in Gottes Gerechtigkeit

Gottes Gericht kommt. Er wird Gerechtigkeit herstellen. Es beleidigt Gott, das in Abrede zu stellen: „Ihr sagt: Welchen Wert hat es, Gott zu dienen? … Den Gottlosen geht es viel besser.“ (3,14a+15a) Stimmt. Gottes Geduld führt zum Glück dazu, dass nicht auf jedes Vergehen sofort Strafe folgt. Von dieser Geduld Gottes leben wir alle. Trotzdem ist es Gott ein großes Anliegen, in Bezug auf „alle, die Ehrfurcht vor ihm hatten und seinen Namen achteten“ klar zu stellen:

„An dem Tag, an dem ich handle, werden sie mir gehören“, spricht der allmächtige Herr. „Ich werde sie verschonen, wie ein Vater sein Kind verschont, das ihn achtet. Dann werdet ihr den Unterschied zwischen den Gerechten und den Gottlosen, zwischen denen, die Gott dienen, und denen, die dies nicht tun, erkennen.“ (3,16b-18)

Es gibt keinen Schwamm-drüber-Gott. Von diesem postmodernen Mythos sollten wir uns schnellstens und gründlich verabschieden Alles, was wir tun, alle unsere Entscheidungen haben Konsequenzen. Es kommt alles noch einmal auf den Tisch. Aber es gibt Gnade und Vergebung, für alle, die ihn achten und ihm vertrauen. Das ist Evangelium!

Reinigung und Umkehr kommt vor dem Kommen Gottes

Christen beten: „Dein Reich komme!“ Sie sehnen sich nach dem Anbruch von Gottes Friedensreich. Das Buch Maleachi macht deutlich: Das Reich Gottes kommt – aber nicht einfach so. Es bricht nicht ohne eine vorherige Reinigung an:

„Siehe! Ich sende meinen Boten, damit er mir den Weg ebnet. … Bevor der große und schreckliche Tag des Herrn kommt, sende ich euch den Propheten Elia. Er wird die Herzen der Väter ihren Kindern und die Herzen der Kinder ihren Vätern zuwenden, damit ich bei meinem Kommen nicht das Land vernichten muss.“ (3,1+23-24)

Auch diese Botschaft zieht sich quer durch die Bibel: Gottes Heiligkeit und unsere Sündhaftigkeit sind vollkommen inkompatibel. Wir sündigen Menschen sterben und vergehen in Gottes heiliger Gegenwart. Wenn Gott kommt, dann ist das deshalb nicht einfach nur schön und nett. Sein Erscheinen führt zu einer „schrecklichen“ Konfrontation zwischen seiner Heiligkeit und unserer Sünde. Deshalb muss Sünde, Ungerechtigkeit und das Böse zurückgedrängt werden, bevor Gott unter den Menschen wohnen kann. Sonst würde Gottes Kommen in einem vernichtenden Gericht enden.

Genau das war der Auftrag von Johannes, dem Täufer, der hier angekündigt wird. Er rief die Menschen zur Umkehr. Es ging ihm dabei nicht nur um die formale Einhaltung frommer Regeln sondern ganz praktisch um ein Leben in Wahrheit und Gerechtigkeit sowie um das praktische Gelingen des menschlichen Miteinanders (nachzulesen in Lukas 3, 10-14). Und das erste, worauf Gott hierbei ganz offenkundig schaut, ist die Frage, ob Eltern ihre Kinder lieben und umgekehrt. Das zeigt Gottes Sichtweise: Wenn nicht einmal die allergrundlegendste menschliche Verbindung von Eltern und Kindern funktioniert, dann ist menschliches und gesellschaftliches Miteinander im Kern gescheitert.

Gerade diese Schwerpunktsetzung des liebevollen Miteinanders von Eltern und Kindern, das Gott im letzten Satz des Alten Testaments so prominent in den Mittelpunkt stellt, sollte uns eigentlich heute ganz besonders erschüttern. Leben wir doch in einer Gesellschaft, in der…

Menschen Preise dafür bekommen, dass sie Müttern helfen, ihre ungeborenen Kinder zu töten.

… selbst bekannte kirchliche Vertreter fordern, dass Werbung für Abtreibung legalisiert werden soll.

… auch bekannte christliche Redner die menschenverachtende These vertreten, dass das menschliche Leben erst mit dem ersten Atemzug beginnen würde, was – konsequent zu Ende gedacht – bedeuten würde, dass man Kinder im Mutterleib bis kurz vor der Geburt töten kann.

… immer mehr Kinder schon Wochen nach der Geburt in Fremdbetreuung gegeben wird, obwohl wir immer wieder von Fachleuten gesagt bekommen, wie schädlich das ist.

Mütter regelrecht gemobbt werden, wenn sie sich selbst um ihre Kinder kümmern wollen.

offen davon geträumt wird, biologische Elternschaft am besten ganz abzuschaffen.

Aber genau hier beginnt Gottes Heilsmission: Die Liebe in der Familie, die Liebe zwischen Kindern und Eltern ist Gott im wahrsten Sinne des Wortes heilig. Offenkundig ist die Familie in Gottes Augen die Keimzelle der Liebe. Von hier aus kann sie sich in die ganze Gesellschaft hinein heilsam ausbreiten. Aber wenn die Liebe in der Familie stirbt, dann wird auch die Gesellschaft kalt. Kein Wunder, dass Familie schon immer ein ganz besonders umkämpfter Bereich war.

Das Buch Maleachi zeigt: Wir Menschen schaffen es nicht!

Das Buch Maleachi zieht am Ende des Alten Testaments ein eindeutiges Fazit: Ihr Menschen schafft es nicht aus eigener Kraft! Eure menschengemachten Gottesdienste sind oberflächlich. Ihr verfälscht meine Botschaft, weil ihr lieber den Menschen nach dem Mund redet. Ihr wollt, dass ich Gebete erhöre, obwohl ihr gleichzeitig gewalttätig mit Schwächeren umgeht. Und ihr behauptet auch noch, ich würde das gutheißen. Ihr seid nicht in der Lage, mir und meiner Großzügigkeit zu vertrauen. Und ihr bezweifelt, dass ich am Ende Gerechtigkeit herstellen werde. Ja: Ihr schafft es nicht einmal, innerhalb eurer Familien liebevolle Beziehungen zu leben. Ihr Menschen seid gescheitert. Ihr könnt euch nicht selbst helfen. Deshalb komme ich, um euch zu retten aus eurer Verlorenheit.

Diese Botschaft gilt noch heute. Sie ist die Basis und das notwendige Hintergrundbild für das Evangelium von der Erlösung. Die Beispiele, die Maleachi verwendet, sind allesamt so hochaktuell, dass sie uns zeigen sollten: Die aufgeklärte Gesellschaft des 21. Jahrhunderts ist nicht besser als das Israel aus der Zeit des alten Bundes. Das Wesen des Menschen hat sich nicht verändert. Deshalb leuchtet das Evangelium auch heute noch genauso hell, wenn wir begreifen, wie dunkel unsere Verlorenheit ohne Gott ist. Der Umstand, dass wir heute so wenig vom Jubel der Erlösten in der Kirche hören, hat entscheidend damit zu tun, dass wir so oft ausblenden, wie groß unser menschliches Versagen ist und wie erlösungsbedürftig wir tatsächlich sind. Wer das Alte Testament und das Buch Maleachi nicht im Blick hat, kann das Evangelium nur falsch verstehen.

Ein teures Evangelium statt billiger Gnade

Dietrich Bonhoeffer hat den Begriff von der „billigen Gnade“ geprägt. Billige Gnade ist „Predigt der Vergebung ohne Buße, … Gnade ohne Nachfolge, Gnade ohne Kreuz.“ Billige Gnade heißt: Wir glauben, von Gott getätschelt zu werden, während wir trotzdem unser eigener Herr bleiben und weitermachen wie wir wollen. Die Bibel kennt keine derartige Botschaft. Sie predigt ein teures Evangelium, das uns unseren Stolz und unseren Eigensinn kostet, das uns zum Kreuz führt, wo unser alter Mensch mit Christus sterben darf, damit Gott unser steinernes Herz durch ein geisterfülltes fleischernes Herz ersetzen kann. Ein billiges Evangelium, das die Hintergrundbotschaft des Alten Testaments verschweigt, ist deshalb ein anderes, ein falsches, ein banalisiertes, belangloses und kraftloses Evangelium, das zwar keinen Anstoß erregt, das aber am Ende auch niemand interessiert und niemand verändert. Ein teures Evangelium wird immer Anstoß erregen. Es wird immer Widerspruch und Ablehnung hervorrufen. Aber nur ein teures Evangelium bringt Gottes erneuernde, rettende und erlösende Kraft.

Es ist Zeit, dieses strahlende, kraftvolle, schöne und erlösende Evangelium neu zu entdecken, das uns die Bibel als Ganzes präsentiert. Ich möchte ein Mensch sein, dem man abspürt, wie unendlich lieb und teuer mir dieses teure Evangelium ist. Auch deshalb liebe ich meinen Konfirmationsspruch so sehr:

„Denn ich schäme mich des Evangeliums von Christus nicht, denn es ist eine Kraft Gottes, die da selig macht alle, die daran glauben.“ (Römer 1, 16)


Die Zitate dieses Artikels entstammen der Neues Leben Übersetzung. Es empfiehlt sich, die angegebenen Bibelstellen nachzuschlagen. Oder wie wäre es, das Buch Maleachi einfach mal zu lesen, in einem Rutsch, ganz ungefiltert…?

Weiteführend dazu:
“Billige Gnade ist der Todfeind der Kirche” – ein hochaktueller und aufrüttelnder Text von Dietrich Bonhoeffer

Die 5 häufigsten Strohmannargumente gegen ein konservatives Bibelverständnis

Strohmannargumente widerlegen ein Argument eines Gegners, das dieser gar nicht vorgebracht hat. Sie schüren den Eindruck, dass es offenbar relativ viele Menschen mit einer ganz falschen Sichtweise gibt. Da die unterstellte Sichtweise meistens grob vereinfacht ist, kann man auf Strohmänner relativ leicht und effektvoll eindreschen. Am Ende gewinnt man mit ihnen aber nichts außer Selbstrechtfertigung auf Kosten von Verletzungen, Vorurteilen und einer Vertiefung der Gräben. Um der besseren Verständigung willen ist es deshalb wichtig, sie aufzudecken.

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Leider werden Strohmannargumente auch unter Christen eingesetzt. Natürlich springen sie uns immer dann besonders ins Auge, wenn sie sich gegen die eigene Position richten. Dieser Artikel beschreibt 5 Stroh­männer, die immer wieder als Argument gegen ein konservatives Bibelverständnis ins Feld geführt werden. Selbstverständlich gibt es auch Strohmänner, die in die andere Richtung zielen, denn Vorurteile gibt es in allen christlichen Lagern – wie das Buch „Zeit des Umbruchs“ in Kapitel 3 beschreibt.

Einleitend will ich betonen: Die 5 Aussagen, die in diesem Artikel untersucht werden, sind zumeist vollkommen richtig. Es spricht deshalb meist nichts dagegen, sie zu verwenden. Die Frage ist nur: Wen hat man im Blick, wenn man diese Aussagen macht? Ist es angemessen, diese Aussagen mehr oder weniger subtil im Blick auf konservative Christen und ihr Schrift­verständnis zu betonen, so als ob man das dort dringend noch begreifen müsste?

Schon beim ersten häufig verwendeten Strohmann­argument wird hoffentlich noch deutlicher, was ich damit meine:

1. „Die Bibel will kein naturwissen­schaftliches Lehrbuch sein“

Diese vollkommen richtige Aussage begegnet mir immer wieder als Argument gegen die Vertreter einer (teilweise) historischen Lesart biblischer Wunder­geschichten oder der biblischen Urgeschichte. Wer diese Aussage so einsetzt, impliziert damit gewollt oder ungewollt: Wer in diesen Texten mehr sieht als ein Gleichnis und als metaphorische Redeweise, der hat nicht verstanden, dass man beim Bibellesen unterschied­liche Textgattungen unterscheiden muss. Der kann nicht unterscheiden zwischen der objektiven Betrachtungsweise eines Naturwissenschaftlers und der subjektiven Sichtweise eines biblischen Erzählers. Der überträgt leichtfertig seine von der modernen Wissenschaft geprägte Denkweise auf die antike Denkweise des biblischen Autors.

Damit tut man aber nach meiner Beobachtung den allermeisten konservativen Bibelauslegern unrecht. Denn auch in sehr konservativen Kreisen ist mir noch niemand begegnet, der die Bibel für ein naturwissen­schaftliches Lehrbuch hält. Auch an sehr konservativen theologischen Schulen wird nach der Textgattung gefragt, nach dem historischen und kulturellen Umfeld und nach der tatsächlichen Aussageabsicht des Autors im damaligen Kontext. Dass die biblischen Autoren nicht als nüchterne Naturwissenschaftler sondern aus einer subjektiven, theologisch motivierten Beobachter­sicht heraus geschrieben und dabei oft auch bildhafte Sprache verwendet haben, das ist nach meiner Erfahrung selbst den konservativsten Auslegern absolut bewusst. Wer ihnen mit diesem Argument entgegen­tritt, führt also eine Scheindebatte.

Das gilt umso mehr, wenn übergangen wird, dass gerade bei der Urgeschichte die Frage nach der Textgattung gar nicht so einfach zu beantworten ist. Der Theologe Timothy Keller behauptet sogar: „1. Mose 2 und 3 lassen keine Anzeichen für das Genre … Dichtung erkennen. Der Text liest sich als Bericht über wirkliche Geschehnisse; er sieht aus wie ein Geschichtsdokument.“ [1] Das heißt: Auch wenn man den Fragen nach Textgattung, Erzähl­perspektive und historischem Erzählhintergrund intensiv nachgeht, muss man keinesfalls zwangsläufig zu dem Schluss kommen, dass es sich bei der Urgeschichte um rein metaphorisch gemeinte Texte handelt. Das gilt noch viel mehr für die biblischen Wundergeschichten.

Wie auch immer die Debatte um die Aussageabsicht der Urgeschichte und der Wunder­geschichten endet: Der tatsächliche Konflikt dreht sich nicht um die Frage, ob die Bibel ein naturwissen­schaftliches Lehrbuch ist. Das ist sie definitiv nicht. Es geht vielmehr um die Frage: Wie gehen wir mit biblischen Aussagen um, deren Aussageabsicht nach kritischer Unterscheidung ihrer Gattung, Erzählart, Perspektive und ihres kulturellen Hintergrunds immer noch im Widerspruch zu vorherrschenden wissen­schaftlichen Sichtweisen stehen? Steht im Konfliktfall der heutige wissen­schaftliche Kenntnisstand über der Schrift? Oder steht die Aussageabsicht der Schrift über der derzeit vorherrschenden wissenschaftlichen Sichtweise? Passen wir unsere Schriftauslegung an den aktuellen Stand der akademischen Wissenschaften an oder bleiben wir dabei, dass das aktuelle „Weltwissen“ bei der Schriftauslegung zwar berücksichtigt werden muss, dass die Schrift aber das letzte Wort hat und sich letztlich selbst auslegen muss, auch wenn das mit dominanten wissenschaftlichen Sichtweisen kollidiert? Über diese zentrale Frage sollten wir tatsächlich dringend diskutieren!

2. „Gott ist nicht gegen den Gebrauch von Vernunft und Verstand“

Diese vollkommen richtige Aussage begegnet mir immer wieder als Schutzargument zur Verteidigung bibelkritischer Methoden gegen konservative Kritik. Wer dieses Argument so verwendet, impliziert damit gewollt oder ungewollt: Wer die modernen bibelkritischen Methoden kritisiert, lehnt die Verwendung rationaler wissenschaftlicher Methoden bei der Erforschung der Bibel ab. Der verdrängt relevante Fakten, die ein vernunftbegabter Mensch im Umgang mit der Bibel zwingend berücksichtigen muss. Der hat eine aufklärungs- und verstandesfeindliche Tendenz und verlangt, den Intellekt und die Vernunft beim Bibellesen mehr oder weniger auszu­schalten.

Damit tut man aber nach meiner Beobachtung den meisten konservativen Bibelauslegern und vor allem den weltweit zahlreichen evangelikalen Theologen und Bibelwissenschaftlern unrecht. Auch die meisten konservativen Evangelikalen begrüßen rationale Methoden, um die Eigenschaften eines biblischen Textes sowie seine Aussageabsicht vor dem Hintergrund des damaligen sozialen, kulturellen und linguistischen Umfeldes zu erschließen oder um den genauen Urtext zu ermitteln. Ich kenne niemanden, der  dafür ist, den Verstand beim Bibellesen auszuschalten und die Probleme eines konservativen Bibelverständ­nisses einfach zu verdrängen. Wer Konser­vativen eine generelle Ablehnung wissenschaft­licher Methoden, eine bewusste und verstandesfeindliche Verdrängung von Fakten und die Selbstbeschränkung auf blinden Glauben vorwirft, führt also eine Scheindebatte.

Der tatsächliche Konflikt dreht sich nicht um die Frage, ob wissenschaftliche Methoden, die sich offen allen relevanten Fakten stellen, bei der Erforschung der Bibel helfen können. Das können sie definitiv. Die wirklich heiße Frage ist vielmehr: Sind Methoden zur Erforschung der Bibel nur dann wissenschaftlich, wenn sie auf der heute in der akademischen Welt weit verbreiteten Denkvoraussetzung beruhen, dass die Bibel ein fehlerhaftes menschliches Buch wie jedes andere ist, und wenn die Bibel so untersucht wird, „als ob es Gott nicht gäbe“? Oder kann nicht doch auch ein Ansatz hochvernünftig und wissenschaftlich sein, der davon ausgeht, dass der biblische Urtext nicht nur Menschenwort sondern zugleich auch offenbartes Gotteswort darstellt?

Evangelikale sind hier der Meinung: Wenn die Bibel tatsächlich gemäß ihrer Selbstaussage offenbartes Wort Gottes ist, dann ist dieser Ansatz sogar der einzige, der dem Forschungsgegenstand gerecht wird. Jede andere Methode würde dann aufgrund der falschen Denkvoraussetzung und dem falschen Blick auf den Forschungsgegenstand zwangsläufig zu fehler­haften Ergebnissen führen.[2] Gerade bei diesem Thema geht es um viel. Deshalb sollten wir darüber tatsächlich dringend diskutieren.

3. „Die Wahrheit der Bibel kann und muss nicht bewiesen werden“

Diese vollkommen richtige Aussage begegnet mir immer wieder als Argument gegen den Versuch, vernünftige Gründe und rationale Argumente für die Wahrheit der Bibel ins Feld zu führen (was man im Allgemeinen als „Apologetik“ bezeichnet). Wer diese Aussage so einsetzt, impliziert damit gewollt oder ungewollt: Wer Apologetik betreibt scheint einen schwachen Glauben zu haben, sonst müsste er nicht krampfhaft Beweise für die Wahrheit der Bibel konstruieren – schließlich hat die Bibel und ein gesunder Glaube das doch gar nicht nötig. Außerdem scheinen die Apologeten nicht zu verstehen, wie wissenschaftliche Beweisführung funktioniert. Sonst würden sie verstehen, dass rationale Argumente zur Verteidigung der Bibel grundsätzlich keine Beweise sein können.

Damit tut man aber nach meiner Beobachtung den meisten konservativen Apologeten unrecht. Auch sie wissen, dass Beweisführung im natur­wissenschaft­lichen Sinn im Bereich der historischen (Bibel-)Forschung nur äußerst eingeschränkt möglich ist und dass man deshalb auch mit den besten rationalen Argumenten die Wahrheit der Bibel nicht „beweisen“ kann. Einer der bekanntesten Apologeten unserer Tage, William L. Craig, vertritt zudem die Meinung, „dass apologetische Argumente und Indizien nicht notwendig sind, damit der christliche Glaube rational ist“, weil „der Glaube an Christus unmittelbar durch das innere Zeugnis des Heiligen Geistes begründet sein kann (Röm 8,14-16; 1. Joh 2,27; 5,6-10), sodass Argumente und Indizien nicht notwendig sind.“ [3] Craig sagt also: Die entscheidende Stütze für den Glauben ist der Heilige Geist. Wer konservativen Apologeten vorwirft, ihren Glauben einseitig auf Scheinbeweisen aufzubauen, führt also eine Scheindebatte.

Die Frage ist also nicht, ob wir die Wahrheit der Bibel beweisen müssen. Das müssen wir definitiv nicht. Vielmehr geht es darum: Können gute apologetische Argumente eine Ermutigung für Christen (bzw. für solche, die es werden wollen) sein, weil sie gängige Argumente gegen den Glauben entkräften und weil sie die Glaubwürdigkeit biblischer Aussagen stützen? Viele Studien deuten darauf hin, dass es gerade auch intellektuelle Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Bibel sind, die bei vielen Menschen den Glauben ins Wanken bringen. Zeigt das nicht, dass wir dringend wieder mehr hochwertige Apologetik brauchen und dass die Vernachlässigung bzw. die immer wieder zu hörende grundsätzliche Ablehnung von Apologetik ein schwerer Fehler ist? Über diese zentrale Frage sollten wir tatsächlich dringend diskutieren.

4. „Christen haben kein islamisches Schriftverständnis“

Diese vollkommen richtige Aussage begegnet mir immer wieder als Argument gegen ein Bibelverständnis, in dem der biblische Text unmittelbar als offenbartes Gotteswort betrachtet wird. Kombiniert wird dieser Strohmann oft mit der Aussage, dass für Christen – anders als für Muslime – nicht die Bibel sondern Christus als die höchste Offenbarung gilt. Wer diese Tatsache in der Diskussion mit konservativen Christen betont, impliziert damit gewollt oder ungewollt: Ihr stellt die Bibel über Christus, so wie im Islam der Koran über dem Propheten steht.

Damit tut man aber nach meiner Beobachtung den allermeisten konservativen Christen unrecht. So betont z.B. der evangelikale Theologe Thomas Schirrmacher, der u.a. die Übersetzung der als besonders konservativ geltenden „Chicago-Erklärung“ herausgegeben hat: Während im traditionellen christlichen Schriftverständnis die Bibel zugleich ganz Gotteswort und ganz Menschenwort ist, wird der Koran im Islam so gut wie ausschließlich als Gotteswort betrachtet. Zur Stellung der Bibel schreibt Schirrmacher: „Im Christentum steht der Religionsstifter Jesus über der Heiligen Schrift. Sie erhält ihre Bedeutung von ihm. … Im Islam steht der Religionsstifter Muhammad unter der heiligen Schrift. Er erhält seine Bedeutung von der Schrift, da er ihr Empfänger und Verkündiger ist.“ [4] Der Theologe Armin Baum kommentiert: „Um im evangelikalen Lager Theologen ausfindig zu machen, die … den Vorrang Jesu vor der Bibel bestreiten, muss man sicherlich sehr lange suchen.“ [5] Wer Konservative vor einem islamischen oder gar „salafistischen“ Schriftverständnis warnt, führt also eine Scheindebatte.

Die Frage ist also nicht, ob Jesus Vorrang vor der Bibel hat. Das hat er definitiv. Der tatsächliche Konflikt dreht sich um die Frage: Ist die Bibel trotz dieser Vorrangstellung ganz und gar von Gottes Geist eingehaucht (2.Tim.3,16) und somit offenbartes Wort Gottes? Über diese zentrale Frage sollten wir tatsächlich dringend diskutieren.

5. „Wir glauben nicht an die Bibel sondern an Jesus Christus“

Dieses besonders häufig verwendete Argument taucht manchmal auch in einer anderen Variante auf: „Wir sind nicht einem Buch treu sondern der Person Jesus Christus.“ Wer sich so im Hinblick auf ein konservatives Bibelverständnis äußert, impliziert damit gewollt oder ungewollt: Viele konservative Christen können nicht unterscheiden zwischen dem Vertrauen und der Treue gegenüber einer Person (Jesus Christus) und gegenüber einer Sache (Bibel). Besonders schlagkräftig wird dieses Argument durch den Vorwurf, konservative Christen würden aus der Dreieinigkeit Gottes eine Viereinigkeit machen: Vater, Sohn, Heiliger Geist und Bibel.

Damit tut man aber nach meiner Beobachtung den allermeisten konservativen Christen unrecht. Auch in sehr konservativen Kreisen ist mir noch niemand begegnet, der zur Bibel betet oder Lieder singt. Auch den konservativsten Christen ist sehr bewusst, dass der vertrauensvolle Glaube an Gott etwas kategorial anderes ist als der vertrauensvolle Glaube an die Verlässlichkeit der biblischen Texte. Wer ihnen mit diesem Argument entgegentritt, führt deshalb eine Scheindebatte.

Natürlich gibt es tatsächlich die Gefahr, dass die Beschäftigung mit der Bibel zum Selbstzweck wird. Wo sich das Bibelstudium löst von der gelebten Gottesbeziehung und wo es primär zur Rechtfertigung des eigenen Standpunkts dient, da wird es tatsächlich schräg. Aber diese Gefahr gibt es erstens in allen christlichen Lagern. Und zweitens sind sich nach meiner Beobachtung auch sehr konservative Christen dieser Gefahr durchaus bewusst.

Der tatsächliche Streit dreht sich nicht um den prinzipiellen Unterschied zwischen Gottesbeziehung und Schriftvertrauen. Den gibt es definitiv. Der Streit dreht sich vielmehr um zwei andere zentrale Fragen:

  • Sollten wir biblischen Aussagen auch dann noch glauben und treu vertrauen, wenn sie uns in schmerzhafte Widersprüche mit gesellschaftlichen Trends und vorherrschenden Meinungen führen? Oder flüchten wir uns dann in Alternativdeutungen, die uns zwar den Konflikt mit heutigen Sichtweisen ersparen, die aber – wenn wir ehrlich sind – letztlich vom erwünschten Ergebnis und nicht von der biblischen Aussageabsicht getrieben sind?
  • Welche Konsequenzen hat es für unseren Glauben an Jesus Christus, wenn wir den Glauben an die Verlässlichkeit und die unbedingte Autorität der Schrift verlieren? Schließlich wissen wir letztlich nichts Verlässliches über Gott und über Jesus Christus außer das, was uns in der Bibel offenbart wird. Wie können wir einem Gott vertrauen, über den wir nichts Verlässliches wissen? Ist es somit nicht eine grundsätzlich falsche Alternative, den Glauben an Christus gegen den Glauben an die Verlässlichkeit der Bibel auszuspielen?

Über diese zentralen Fragen sollten wir tatsächlich dringend diskutieren.

Debatten über zentrale Fragen des Glaubens gehörten schon immer zum Christentum dazu, wie man auch im Neuen Testament vielfach nachlesen kann. Wir sollten sie deshalb nicht umgehen. Aber wir sollten sie unbedingt ehrlich führen und uns gut darüber informieren, welche Sichtweisen Christen mit anderer Prägung tatsächlich haben, anstatt ihnen Positionen unterzuschieben, die sie selbst nie vertreten haben. Nur dann ist ein respektvoller Dialog möglich. Nur wenn wir Scheindebatten vermeiden und über die tatsächlichen heißen Themen diskutieren, kann der Dialog fruchtbar werden.


Weiterführend zu diesem Thema sind auf blog.aigg.de auch folgende Artikel erschienen:

Um Strohmannargumente und viele weitere Probleme in De­batten zwischen unter­schied­lich geprägten Christen geht es auch im Buch „Zeit des Umbruchs“, das im September 2019 bei SCM R. Brockhaus erschie­nen ist. Informationen, Leseproben, Stimmen und Rezensionen zum Buch gibt es unter zeitdesumbruchs.aigg.de.


[1] Timothy Keller: Adam, Eva und die Evolution. Wie Bibel und Wissenschaft zusammenpassen, Gießen 2018, S. 29 ff. Siehe dazu auch den AiGG-Artikel „Streit um das biblische Geschichtsverständnis

[2] Siehe dazu den AiGG-Artikel: „Stolz und Vorurteil – Wie wissenschaftlich ist die Bibelwissenschaft?“

[3] William L. Craig in: “Christliche Apologetik: Wer braucht sie?

[4] Th. Schirrmacher, Koran und Bibel. Die größten Religionen im Vergleich, Holzgerlingen 2008, bes. 11-57

[5] Armin Baum in: „Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben? Fortsetzung eines schwierigen Gesprächs

Wir müssen reden

Wie wir aus der Debattenfalle entkommen

 „Was ist (noch) evangelikales Christentum?“ Anders ausgedrückt: Was macht uns Evangelikale eigentlich aus? In einer Rezension zu „Zeit des Umbruchs“ wurde jüngst bezweifelt, ob uns diese Frage wirklich weiterbringt. Steht man da nicht in der Gefahr, anderen den Glauben abzusprechen und sich als Vertreter des einzig wahren Christentums zu sehen, wenn man sich mit der Frage nach der theologischen Identität der Evangelikalen auseinandersetzt?

Nach meiner Beobachtung sind es genau solche Schreckgespenster, die immer wieder zur Debattenfalle werden und das Gespräch abwürgen, bevor es überhaupt entstehen kann. Denn natürlich fragt man sich angesichts solcher Reaktionen: Ist es dann nicht besser, sich gar nicht öffentlich zu theologischen Differenzen zu äußern? Denn wer das tut, erregt ja offenbar doch nur den Verdacht, streitsüchtig zu sein und sich selbst auf den Sockel der Rechtgläubigkeit stellen zu wollen. Die daraus erwachsende Scheu steht in einem auffälligen Kontrast zu einigen konservativen, postevangelikalen und progressiven Formaten, in denen theologische Differenzen zu anders geprägten Christen sehr offensiv vertreten und verbreitet werden. Solange es aber an Gegenreden und respektvollen Debatten fehlt, haben Christen, die sich weniger gut auskennen, kaum eine Chance, anhand von unterschiedlichen Meinungen selbst einen fundierten Standpunkt zu entwickeln.

Es stimmt ja schon: Es gibt in allen Lagern leider gar nicht wenig Negativbeispiele von „Irrlehrenjägern“, die ihre Identität aus dem Rechthaben ziehen, die kalt und zynisch von oben herab über andere urteilen und damit nichts als Verletzungen und Spaltungen produzieren. Wenn das Ansprechen von theologischen Differenzen nur ein Selbstzweck zur Rechtfertigung des eigenen Standpunkts wäre, wenn es nur darum ginge, die „Linien“ um das eigene Lager wieder „klar zu ziehen“, dann finde ich die Bedenken durchaus berechtigt.

Tatsächlich geht es in „Zeit des Umbruchs“ aber um etwas völlig anderes.

Es geht um die Frage, wie inmitten der soziologischen und theologischen Umbrüche unserer Zeit wieder ein Aufbruch in der Kirche Jesu gelingen kann. Machen wir uns keine Illusionen: Diese Frage wird von unterschiedlichen christlichen Lagern sehr unterschiedlich beantwortet. In absehbarer Zeit wird da wohl auch nur wenig Konsens möglich sein. Selbst unter Evangelikalen scheint das immer schwieriger zu werden, obwohl wir dazu eigentlich lange Zeit einen recht klaren Standpunkt hatten: Das Verbreiten der biblischen Botschaft durch Mission, Evangelisation und das „zu Jüngern machen“ waren für uns immer große Kernanliegen. Dafür haben wir gemeinsam gearbeitet, gebetet und Opfer gebracht. Weltweit tun das die Evangelikalen auch heute noch, nicht selten inmitten von schwersten Verfolgungssituationen. Christen mit evangelikaler Prägung haben dadurch viel zur Ausbreitung des Evangeliums beitragen. In der Kirchengeschichte (und gerade auch in den großen Erweckungsbewegungen) waren viele der theologischen Standpunkte, die man heute als „konservativ“ oder „evangelikal“ bezeichnet, oft keine „fundamentalistischen“ Randpositionen sondern galten nicht selten sogar als selbstverständlich. Könnte es sein, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen dem Erfolg der evangelikalen Bewegung und ihren theologischen Grundlagen? Könnte es sein, dass die evangelikale Bewegung ihre missionarische Dynamik und ihr evangelistisches Potenzial verliert, wenn sie diese zentralen Grundlagen in Frage stellt und damit auch in theologischen Kernfragen ein Stück weit beliebig wird? Könnte es sein, dass die Einheit, Leidenschaft und Opferbereitschaft in evangelikalen Gemeinden und Gemeinschaften Schaden nimmt, wenn man nicht nur Randthemen sondern auch Kernanliegen des christlichen Glaubens nicht mehr selbstverständlich gemeinsam benennen, bekennen und besingen kann?

Ich meine ja. Und das treibt mich um. Denn ich kann nicht glauben, dass wir gegen den Trend Kirche Jesu bauen können, indem wir einfach nur frische Strategien und Formen auf Basis soziologischer Studien entwickeln, ohne im Kern vertrauensvoll auf das Wort des Herrn der Kirche zu hören und mit Gewissheit seine Botschaft in den Mittelpunkt zu stellen.

Die Frage nach den theologischen Knackpunktthemen, die uns Evangelikale miteinander verbinden, ist deshalb alles andere als ein Selbstzweck. Es geht nicht ums Rechthaben, um Rückzugsgefechte oder Abschottung. Es geht um die Frage: Was waren aus evangelikaler Sicht schon immer die entscheidenden Quellen des christlichen Glaubens, die die Kirche Jesu weltweit durch die Jahrtausende hindurch gegen den Trend und sogar inmitten brutalster Widerstände haben wachsen und gedeihen lassen?

Als Evangelikaler habe ich dazu eine Position, die ich für biblisch gut begründet halte, bei der ich mich auf biblischer Grundlage aber auch gerne hinterfragen lasse – schließlich hat niemand von uns die Garantie, die Bibel in allen Punkten richtig zu verstehen. In „Zeit des Umbruchs“ erkläre ich meine Position genauer. Nicht um Anderen den Glauben abzusprechen. Wir sollten uns alle streng davor hüten, uns selbst auf den Richterstuhl zu setzen und über andere Menschen zu richten. Das dürfen und müssen wir Gott überlassen. Ich sehne mich nach guten und respektvollen Beziehungen zu allen Christen – gerade auch zu denen, die theologisch andere Standpunkte einnehmen als ich. Ich wünsche mir respektvolle Debatten, auch weil ich selbst dadurch ungeheuer viel lernen kann. Ich wünsche Gemeinden mit liberaler oder progressiver Prägung von Herzen gedeihliches Wachstum.

Aber ich wünsche mir auch, dass wir Evangelikalen über einige ganz zentrale Fragen ganz neu nachdenken, weil ich sie für entscheidend wichtig halte. Zum Beispiel Fragen wie diese:

  • Wie kann die Kirche Jesu wieder wachsen?
  • Welche Rolle spielen dabei theologische Fragen?
  • Bei welchen theologischen Standpunkten wollen und müssen wir flexibel und weitherzig sein, um nicht eng und gesetzlich zu werden?
  • Welche Positionen sind für uns aber unaufgebbar wichtig, weil sie den Kern unseres Glaubens und unserer Gottesbeziehung ausmachen und weil wir ohne sie unsere Ausrichtung, unsere Einheit, unsere Leidenschaft für Jesus und unsere missionarische Kraft verlieren würden?

Genau um diese Fragen (und noch einige mehr) geht es in „Zeit des Umbruchs“. Ulrich Parzany schrieb in seiner Rezension: „Ich hoffe, dass dieses Buch eine Debatte auslöst, auf die ich seit Gründung des Netzwerks Bibel und Bekenntnis vergeblich gewartet habe.“ Ich glaube, er hat recht: Wir dürfen reden! Wir müssen reden! Wir sollten uns nicht länger aus Angst vor Konflikten oder falschen Motivationen vom gemeinsamen Ringen um Wahrheit abhalten lassen. Wahrheit ist nicht beliebig, vor allem nicht in den Kernfragen unseres Glaubens. Einen Standpunkt zu haben hat nichts mit Rechthaberei zu tun. Lassen wir uns doch gerade bei solchen zentralen theologischen Fragen wieder anstecken von der Debattierfreude eines Paulus, eines Petrus oder eines Martin Luther. Oder um es mit Worten aus „Zeit des Umbruchs“ zu sagen:

„Kultur, Soziologie, Politik, Umwelt, Säkularisierung, interreligiöser Dialog: So viele Themen, mit denen sich die evangelische Kirche beschäftigt, kommen in der Bibel auffallend selten vor. Selbst die ethischen Fragen, an denen sich der Streit unter Christen oft entzündet, sind der Bibel zwar durchaus wichtig – aber auch sie stehen dort nicht im Mittelpunkt. Ich bin überzeugt: So wichtig Fragen nach Strukturen, Gottesdienstkultur, Personal, Finanzierung oder Ethik sind, sosehr ich für Fortschritte bei der Digitalisierung und für christliches Engagement in der Politik bin – die Zukunft der Kirche wird sich daran nicht entscheiden. Aber beim Bibelverständnis, bei unserer Sicht von Jesus, bei der Frage nach der Bedeutung des Kreuzestodes und bei der Auferstehung geht es um das Innerste vom Inneren der Kirche. Hier entscheidet sich ihr Wesen, ihre Identität und ihre Grundausrichtung. Gute Theologie allein macht die Kirche zwar noch nicht gesund – aber ohne gute Lehre bei diesen zentralen Themen des Glaubens kann keine Kirche von innen heraus gesunden. Jede Modernisierung der Kirche ohne gute und gesunde Lehre bleibt deshalb Fassade und vergebliche Liebesmüh.

Deshalb bin ich begeistert, wenn ich im Zuge der Debatten zwischen Evangelikalen und Postevangelikalen sehe, dass es wieder losgeht: Diskussionen und Auseinandersetzungen, die mit geöffneter Bibel geführt werden! Gespräche, in denen nicht primär gefragt wird: Welches Konzept und welche Strategie können uns retten? Sondern vielmehr: Was sagt denn die Schrift? Wie will sie verstanden und gelesen werden? Was haben die Apostel und Propheten wirklich ins Stammbuch der Kirche geschrieben? Wer ist Jesus eigentlich? Was hat er getan und gelehrt? Was bedeutet sein Tod am Kreuz? War das Grab wirklich leer? Welche Auslegung der Bibel erweist sich als schriftgemäß und fruchtbar für das Leben der Christen und für das Gedeihen der Kirche? Machen wir uns nichts vor, dieses Ringen um die biblische Botschaft ist nicht immer angenehm. Ich lese bei Paulus viel lieber sein Hohelied der Liebe als seinen Fluch über die Verbreiter eines falschen Evangeliums (Galater 1,8). Für Martin Luther war es lebensgefährlich, öffentlich für seine Bibelerkenntnisse einzustehen. Zahllose andere Christen haben tatsächlich mit ihrem Leben dafür bezahlt. Aber sie haben mit ihrem selbstlosen Einsatz reiche Frucht gebracht. Frucht, von der wir alle leben und ohne die es die evangelische Kirche und den Protestantismus nicht gäbe.“


Stimmen und Rezensionen sowie Infos zu Inhalten und Leseproben zu Zeit des Umbruchs gibt es unter http://zeitdesumbruchs.aigg.de/

Ich freue mich dieser Tage zudem sehr über ein großartiges Beispiel, wie Christen aus der Debattenfalle entkommen sind und sich trauen, Ihre Position öffentlich und dabei überaus sympathisch und authentisch darzustellen. In ihrem Blog „Die Daniel Option“ (https://danieloption.ch/) beschäftigen sich Paul und Peter Bruderer mit vielen Themen, um die es auch in „Zeit des Umbruchs“ geht. Leseempfehlung!

Theology matters – Theologie spielt eine Rolle

Woran liegt es, dass manche Gemeinden wachsen und andere Gemeinden schrumpfen? Zu dieser spannenden Frage gibt es viele Ansichten und eine Reihe von Untersuchungen. Tatsache ist: DIE eine entscheidende Ursache gibt es nicht. Es müssen immer mehrere Faktoren zusammen kommen, damit eine christliche Gemeinschaft wächst. Aber welche Faktoren sind das? Und spielt dabei die Theologie der Gemeinde eine Rolle? Macht es einen Unterschied, ob eine Gemeinde ein eher konservatives oder ein eher liberales Bibelverständnis hat?

Im Buch „Zeit des Umbruchs“ wird auf S. 194 eine wissenschaftliche Untersuchung erwähnt, die sich genau dieser Frage gewidmet hat. Der kanadische Professor für Religion und Kultur David M. Haskell hat für seine Studie 2255 Besucher von 22 verschiedenen Gemeinden befragt. Die Ergebnisse wurden veröffentlicht unter der Überschrift: „Theology matters“ – „Theologie spielt eine Rolle“. Für die Washington Post hat Haskell im Jahr 2017 die Ergebnisse seiner Studie unter einer provokanten Überschrift zusammengefasst: „Liberale Gemeinden sterben. Aber konservative Gemeinden gedeihen.“ Haskell schreibt in seinem Artikel unter anderem:

„Die großen protestantischen Kirchen sind in Schwierigkeiten: Ein Bericht des Pew Research Center aus dem Jahr 2015 ergab, dass ihre Gemeinden, die einst eine tragende Säule der amerikanischen religiösen Landschaft waren, heute um etwa 1 Million Mitglieder jährlich schrumpfen. Weniger Mitglieder bedeuten nicht nur weniger gerettete Seelen (ein beängstigender Gedanke für einige Geistliche) sondern auch weniger Einnahmen für die Kirchen, was weiter zu ihrem Niedergang beiträgt.

Angesichts dieser beunruhigenden Entwicklung haben Kirchenleiter verschiedene Anstrengungen unternommen, um den Kirchenbesuch wieder zu beleben. Es ist fast 20 Jahre her, dass John Shelby Spong, ein US-amerikanischer Bischof der Episkopalen Kirche, sein Buch “Why Christianity Must Change or Die” („Warum sich das Christentum ändern oder sterben muss“) veröffentlichte. Es wurde als Gegenmittel gegen den Niedergang der großen Kirchen präsentiert. Spong, ein liberaler Theologe, sagte, dass die Gemeinden wachsen würden, wenn sie ihre wörtliche Auslegung der Bibel aufgeben und sich zeitgemäß transformieren würden.

Spongs allgemeine These ist bei vielen Protestanten populär … Liberale Theologie war seit Jahrzehnten in den Seminaren der großen Denominationen gelehrt und von vielen ihrer Kanzeln gepredigt worden. Ihre anhaltende Anziehungskraft auf die umworbenen Gemeindeleiter liegt darin, dass sie religiösen Gedanken, die – oberflächlich betrachtet – für das moderne Publikum weit hergeholt erscheinen könnten, intellektuelle Seriosität verleiht.

Aber die liberale Wende der großen Kirchen scheint das Problem ihres Niedergangs nicht gelöst zu haben.

In den letzten fünf Jahren haben meine Kollegen und ich eine Studie mit 22 Gemeinden aus großen Denominationen in der Provinz Ontario durchgeführt. In der Stichprobe verglichen wir Gemeinden mit wachsendem Gottesdienstbesuch mit solchen, die kleiner wurden. Nachdem wir die Umfrageergebnisse von über 2.200 Gemeindemitgliedern und von ihren Geistlichen statistisch analysiert hatten, kamen wir zu einer Entdeckung, die man intuitiv nicht erwarten würde: Die konservative protestantische Theologie mit ihrem wörtlicheren Blick auf die Bibel ist ein wichtiger Prädiktor (d.h. Vorhersagevariable) für Gemeindewachstum, während liberale Theologie zum Niedergang führt. …

Zum Beispiel fanden wir heraus, dass 93 Prozent der Geistlichen und 83 Prozent der Gemeindeglieder aus wachsenden Gemeinden der Aussage “Jesus ist von den Toten auferstanden, mit einem echten Körper aus Fleisch und Blut, der ein leeres Grab hinterlässt” zustimmten. Im Vergleich dazu taten das 67 Prozent der Gemeindeglieder und 56 Prozent der Geistlichen aus schrumpfenden Gemeinden. Darüber hinaus stimmten alle Geistlichen wachsender Gemeinden sowie 90 Prozent ihrer Gemeindeglieder darin überein, dass “Gott als Antwort auf Gebete Wunder vollbringt”, verglichen mit 80 Prozent der Gemeindeglieder und nur 44 Prozent der Geistlichen aus schrumpfenden Gemeinden.

Auch jenseits unserer eigenen Forschungsarbeit wurde festgestellt: Wachsende Kirchen … waren in der Lehre fast ausschließlich konservativ. Wie wir in unserer wissenschaftlichen Studie darlegen, haben diese anderen Studien aufgrund methodischer Einschränkungen das Wachstum nicht mit der Theologie verknüpft. Aber unsere Arbeit legt nahe, dass diese Verknüpfung ein fruchtbarer Ansatz ist, den es zu verfolgen gilt.

Was erklärt den Wachstumsunterschied zwischen liberalen und konservativen Gemeinden? Zur Verteidigung liberaler Gemeinden könnte man behaupten, dass die eigentliche Ursache des Wachstums in der Stärke des Glaubens liegt und nicht am jeweiligen Glaubensinhalt. Wenn das zuträfe müssten Pastoren, die sich der liberalen Theologie verschrieben haben, mit der gleichen Wahrscheinlichkeit Kirchenwachstum erleben wie konservative Pastoren, sofern sie in ihren religiösen Überzeugungen nur fest und klar sind. Doch unterschiedliche Überzeugungen führen, auch wenn sie gleich stark sind, zu unterschiedlichen Ergebnissen.

Zum Beispiel nahmen die Geistlichen wachsender Gemeinden in unserer Studie aufgrund ihrer konservativen Einstellung den Befehl Jesu “Geht hin und macht zu Jüngern” wörtlich. So waren sie alle der Überzeugung, dass es “sehr wichtig ist, Nichtchristen zu ermutigen, Christen zu werden” und haben sich daher mit hoher Wahrscheinlichkeit bemüht, Nichtchristen zu bekehren. Umgekehrt war die Hälfte der Geistlichen in den schrumpfenden Kirchen aufgrund ihrer liberalen Orientierung im Gegenteil der Überzeugung, dass es nicht wünschenswert ist, Nichtchristen zu bekehren. Einige von ihnen waren zum Beispiel der Meinung, dass es kulturell unsensibel ist, außerhalb ihrer unmittelbaren Glaubensgemeinschaft mit ihrer Religion hausieren zu gehen.

Es sollte offensichtlich sein, welche dieser beiden Überzeugungen eher zu Gemeindewachstum führt.

Obwohl unsere Forschung hilft, die leerer werdenden Bänke liberaler Gemeinden in den großen Denominationen zu erklären, wird sie wahrscheinlich in der Welt der großen Denominationen wenig Freude auslösen, insbesondere im Bereich der theologischen Linken. Aber, falls das ein Trost ist: In Bezug auf das Gemeindewachstum in den großen Kirchen haben Spong und andere Liberale Recht mit ihrer Behauptung, dass das Christentum sich ändern oder sterben muss. Sie verstehen nur die Richtung der Änderung falsch.“


Zum Originalartikel der Washington Post: https://www.washingtonpost.com/posteverything/wp/2017/01/04/liberal-churches-are-dying-but-conservative-churches-are-thriving/

Zur Originalarbeit von Prof. Haskell: https://www.researchgate.net/publication/303506370_Theology_Matters_Comparing_the_Traits_of_Growing_and_Declining_Mainline_Protestant_Church_Attendees_and_Clergy

Neu ab dem 2. September: Zeit des Umbruchs

Kaum ein Thema hat mich in den vergangenen 2 Jahren so beschäftigt wie das Phänomen der sogenannten “Postevangelikalen”. Unter anderem war ich zu Gast im “Hossa-Talk”. Der AiGG-Artikel über die Worthaus-Mediathek (“Worthaus – Universitätstheologie für Evangelikale”) ist bis heute der mit Abstand am weitesten verbreitete Artikel dieses Blogs. Und in idea Spektrum durfte ich mit einem der Hauptreferenten von Worthaus Prof. Thorsten Dietz sogar ein sehr freundliches “Streitgespräch” führen. Das Thema hat offensichtlich bei vielen Christen in unserem Land einen Nerv getroffen. Der SCM-Verlag hat mich deshalb im vergangenen Herbst gebeten, dazu ein Buch zu schreiben, das nun am 2. September erscheinen wird.

Unter zeitdesumbruchs.aigg.de gibt es schon jetzt jede Menge Informationen zum Buch: Das komplette Inhaltsverzeichnis, 2 Leseproben, Stimmen zum Buch und eine erste Rezension.

Die Homepage zum Buch “Zeit des Umbruchs”

Das Buch ist weit mehr als nur eine Situationsanalyse oder eine Beschreibung der postevangelikalen bzw. progressiven Bewegung. Es geht auch um Grundsätzliches wie zum Beispiel:

  • Wie viel Vielfalt ist gesund für die Kirche Jesu? Bei welchen Lehrdifferenzen geht es wirklich ans Eingemachte?
  • Sind Debatten um theologische Themen hilfreich oder bringen sie am Ende doch nur Streit und Spaltung?
  • Wie finden wir in eine Ausgewogenheit zwischen Enge und Beliebigkeit?
  • Und was können wir tun, damit die Umbrüche unserer Zeit nicht in Abbrüche sondern in Aufbrüche münden?

Die ersten Rückmeldungen zum Buch waren für mich mehr als ermutigend. So schrieb z.B. Dr. Peter Gloor, der ehemalige Leiter von Chrischona Schweiz: „Das Buch ist Pflichtlektüre für alle theologisch interessierten Laien und auch für alle Hauptamtlichen. Die Symbiose von empathischer Wahrnehmung gegensätzlicher Standpunkte und biblisch fundierter Beweisführung ist gut gelungen.“ (hier geht es zur kompletten Rezension) Ulrich Parzany, der Gründer und Leiter des Netzwerks Bibel und Bekenntnis, schrieb mir: „Dieses Buch verdient volle Aufmerksamkeit. Ich hoffe, dass dieses Buch eine Debatte auslöst, auf die ich seit Gründung des Netzwerks Bibel und Bekenntnis vergeblich gewartet habe.“ Auch der Autor und Kolumnist Jürgen Mette hat das Buch bereits gelesen und meint anerkennend: „Hier schreibt ein Mann, der den behaglichen Streichelzoo einer denkmüden Gesellschaft verlässt und keine Angst vor der freien Wildbahn einer theologisch-mündigen Gesprächskultur hat.“ Pastor Lothar Kraus vom LEITERBLOG meint: „Ein starkes Buch für alle, die an den aktuellen Fronten mitleiden, und dennoch fundiert und wertschätzend mitdenken und mitgestalten wollen. Ohne Polemik, ohne Vorverurteilung und ohne Scheuklappen.” Und Ulrich Eggers, der 1. Vorsitzende von Willow Deutschland und Geschäftsführer SCM-Verlagsgruppe schreibt im SCM-Katalog: “Ein ehrlicher, beherzter und leidenschaftlicher Versuch, zwischen den Fronten gemeinsames Land zu entdecken und nach der Gültigkeit der Bibel für heute zu fragen. Ein Ruf zu gelebter Jesusnachfolge.”

Das Buch kann ab dem 2. September hier bestellt werden: www.scm-shop.de/zeit-des-umbruchs.html

Ich freue mich schon jetzt auf weitere Rückmeldungen sowie auf spannende Debatten zu diesem wichtigen Thema.

Kommt, wir wollen wieder zum Herrn zurückkehren!

Ein prophetischer Ruf für das 21. Jahrhundert

Woran krankt die Kirche Jesu in unserem Land? Sind wir zu zögerlich bei der Digitalisierung? Haben wir ein demographisches Problem? Ist die Säkularisierung und Individualisierung die Ursache für den Schrumpfkurs, unter dem so viele Landes- und Freikirchen leiden? Oder sind wir einfach zu wenig nahe an den Menschen dran?

Es gibt einen dramatischen prophetischen Aufruf, der eine völlig andere Diagnose stellt:

Unser Fokus ist das Problem! Wir haben Gott aus dem Blick verloren. Der Prophet macht das an vielen konkreten Beobachtungen fest:

  • Die Liebe zu Gott, die für Jesus doch das allerwichtigste im Glauben ist, hat sich unter Gottes Leuten als so vergänglich erwiesen wie der Morgennebel oder wie der Tau, der bei den ersten Strahlen der Sonne verdunstet (13,3).
  • Stattdessen hängen sie an menschengemachten Dingen, denen sie ihre Zeit und Aufmerksamkeit opfern (4,12;8,6;13,2).
  • Der Wohlstand wird gar nicht mehr als Geschenk und Segen Gottes wahrgenommen (2,10;7,15;8,14;11,3).
  • Die Menschen wenden sich nicht an Gott, sondern an andere Menschen, wenn sie Hilfe brauchen (8,9+10). Aber gerade dieses Sich-Einlassen auf das Denken und die Methoden von Menschen, die gar nicht zu Gottes Volk gehören, raubt Gottes Volk die Kraft (7,8).
  • Die Leute, die Gott extra gesandt hat, um zu warnen (12,11) und Gottes Volk den Kopf zurechtzusetzen (6,5) werden angefeindet, zu Dummköpfen und Wahnsinnigen erklärt (9,7+8).

Es ist offenbar gerade auch der Wohlstand, der diese Fokusverschiebung fördert (10,1;13,6). Die Gottvergessenheit führt letztlich zu sehr konkretem sündigem Verhalten (4,1-2+11;7,1), das wiederum verhindert, dass die Menschen zu Gott zurückkehren können (5,4;14,2). Aber es ist meist gar kein Bewusstsein vorhanden, dass Gott alle diese Sünden genau wahrnimmt (7,2).

Der Prophet wählt ein drastisches Bild, um den Zustand von Gottes Volk zu beschreiben: In Gottes Augen ist sein Volk wie eine geliebte Prostituierte (3,1;8,9). Es wird von Gott geliebt, aber es erwidert Gottes Liebe nicht mehr und verkauft sich stattdessen an andere Männer. Gott lässt diese Treulosigkeit nicht kalt. Es veranlasst ihn zu harten Konsequenzen. Aber selbst die offenkundigen Anzeichen des Gerichtshandelns Gottes werden von Gottes Leuten nicht als solche erkannt. Gott würde doch niemandem etwas zuleide tun und seinen Segen zurückziehen, oder? Schließlich kennt Gottes Volk doch seinen Gott (8,2) und der fromme Betrieb funktioniert ja wie eh und je (8,13). Aber der Prophet macht klar: Nein, es ist tatsächlich Gott selbst, der strafend handelt (2,15;5,14;6,1;9,17;12,3+15).

Und wer ist schuld an dem ganzen Desaster? Der Prophet macht in besonderer Weise die geistlichen Leiter verantwortlich (4,4b), weil sie ein schlechtes Vorbild sind (5,1) und sich weigern, Gott zu kennen (4,6b). Der Mangel an Gotteserkenntnis bei den geistlichen Leitern überträgt sich auf das Volk mit katastrophalen Folgen: „Mein Volk stirbt aus Mangel an Erkenntnis.“ (4,6a) Es ist leicht zu verführen und zeigt keinen Verstand (7,11). Die Rituale funktionieren zwar immer noch. Aber Gott hasst diesen oberflächlichen Kult (6,6;8,12+13), während gleichzeitig die Herzen der Menschen von Gott entfernt sind und ihr Handeln Gottes Vorstellungen widerspricht. „Handle nach den Grundsätzen von Liebe und Gerechtigkeit und vertrau immer auf deinen Gott.“ (12,7) Das wäre Gott sehr viel wichtiger als ein gut funktionierender frommer Betrieb.

Wie kann das Fokusproblem gelöst werden? Es gibt nur einen Weg zur Heilung: Umkehr zu Gott! Der Ruf des Propheten klingt wie ein leidenschaftlicher, fast verzweifelter Schrei:

„Kommt, wir wollen wieder zum Herrn zurückkehren! Er hat uns in Stücke gerissen, aber er wird uns auch wieder heilen. Er hat uns mit seinen Schlägen verwundet, aber er wird unsere Wunden verbinden. Nur noch zwei Tage, dann wird er uns wieder Kraft zum Leben geben, am dritten Tag wird er uns wieder aufrichten, damit wir in seiner Gegenwart leben können. Kommt, wir wollen den Willen des Herrn erkennen! Ja, lasst uns alles daransetzen, dass wir den Herrn erkennen! Dann wird er erscheinen – das ist so sicher wie der Morgen, mit dem jeder Tag beginnt, oder wie der Regen, der jedes Frühjahr kommt.“ (6,1-3; siehe auch 10,12;14,3+4)

Die Hoffnung des Propheten ist, dass konkrete Not die Menschen zur Umkehr bewegen wird (5,15). Die Frage ist nur: Wie groß muss die Not noch werden, bis der Ruf des Propheten gehört wird?

Bibelleser haben es längst erkannt: Dieser prophetische Ruf ist alt. Er stammt aus dem 8. Jahrhundert vor Christus und galt dem Volk Israel der damaligen Zeit. Die Kapitel- und Versangaben in den Klammern beziehen sich auf das Buch Hosea. Das Buch beeindruckt mich tief. Ich möchte es jedem Leser selbst überlassen, inwieweit Hoseas Beobachtungen von damals auch auf unsere heutige Situation zutreffen und welche Parallelen es zur Kirche Jesu des 21. Jahrhunderts gibt. Tatsache ist: Hoseas Vorhersagen gehen weit über seine eigene Zeit hinaus. Er hat den Prophetentest aus 5, Mose 18, 22 in beeindruckender Weise bestanden. Er hatte Israel ein schweres Gericht angekündigt: Israel wird „lange Zeit ohne König oder Fürst sein“, „ohne Opfer, Tempel, Priester“ (3,4), es soll „zu Flüchtlingen unter allen Völkern werden“ (9,17). Vor allem seit der Zerstörung des Tempels im Jahr 70 n.Chr. haben sich Hoseas Vorhersagen buchstäblich erfüllt. Umso tröstlicher ist es, was Hosea ebenfalls ankündigt: „Ich will nicht handeln nach der Glut meines Zorns, will Ephraim nicht wiederum verderben; denn ich bin Gott und nicht ein Mensch, als der Heilige bin ich in deiner Mitte und will nicht in grimmigem Zorn kommen. Sie werden dem HERRN nachfolgen, der brüllen wird wie ein Löwe; wenn er brüllt, so werden die Söhne zitternd vom Meer herbeieilen; wie Vögel werden sie aus Ägypten zitternd herbeieilen und wie Tauben aus dem Land Assyrien; und ich werde sie in ihren eigenen Häusern wohnen lassen, spricht der HERR.“ (11,9-11, s.a.12,10;14,5-9) Teile dieser Vorhersage erfüllen sich gerade jetzt vor unseren Augen. Die Herzenshinwendung des Volkes Israel zu Gott, die z.B. auch von Sacharja (Sach.12,10) und Paulus (Röm.11,26;2.Kor.3,16) vorhergesagt wurde, steht überwiegend noch aus. Wir dürfen erwartungsvoll gespannt sein. Wesentlich wichtiger ist für uns aber der Blick auf uns selbst. Werden wir unsere Herzen Gott zuwenden? Dazu noch zwei wichtige Beobachtungen:

Der Prophet ruft nicht besserwisserisch: „Kehrt gefälligst endlich wieder zum Herrn um!“ Nein, er identifiziert sich mit seinem Volk. Er sagt: Kommt, WIR wollen wieder zum Herrn zurückkehren! Er hat UNS in Stücke gerissen, aber er wird UNS auch wieder heilen.“ Hier redet kein distanzierter Rechthaber von oben herab sondern jemand, der sich selbst als Teil einer sündigen Gemeinschaft versteht. Diese Art von Propheten brauchen wir auch heute.

Im Neuen Testament hören wir einen ganz ähnlichen Ruf zur Umkehr zu Gott inklusive einer ähnlich dramatischen Gerichtsdrohung:  „Aber ich habe gegen dich einzuwenden, dass ihr nicht mehr wie am Anfang in der Liebe lebt. Erkenne doch, wie weit du dich von deiner ersten Liebe entfernt hast! Kehre wieder zu mir zurück und bemühe dich so, wie du es am Anfang getan hast. Wenn du dich nicht änderst, werde ich kommen und deinen Leuchter von seinem Platz unter den Gemeinden wegnehmen.“ (Offb.2,4-5) Dieser Ruf zur Umkehr wandte sich gerade nicht an „liberale“ Namenschristen sondern an eine Gemeinde mit einer offenkundig soliden Theologie, die falsche Lehre identifizieren und sich davon distanzieren konnte. Dafür wird diese Gemeinde auch ausdrücklich von Gott gelobt. Trotzdem gilt ganz offensichtlich auch für die Frömmsten unter den Frommen: So leicht verrutscht der Fokus. So leicht gerät Gott und die Liebe zu ihm aus dem Mittelpunkt.

Deshalb ist der prophetische Ruf von Hosea weit mehr als ein Zeugnis über Gottes Reden an Menschen aus längst vergangenen Zeiten. Sein Ruf gilt auch den Jesusnachfolgern des 21. Jahrhunderts:

Kommt, wir wollen wieder zum Herrn zurückkehren!

Wer kommt mit?

Wo sind die Beunruhigten und die Zerbrochenen?

Erinnern Sie sich noch an die Debatte um den Rinderwahnsinn? Ich kannte damals Menschen, die keine Gummibärchen mehr essen wollten aus lauter Angst, sich anzustecken. Das war nicht die einzige Welle der Angst, die durch unser Land rollte. Waldsterben, Ozonloch, Vogel- und Schweinegrippe… Manche Alarmrufe hatten ohne Zweifel ihre Berechtigung und haben teilweise auch zu guten und not-wendenden Konsequenzen geführt. Manche erinnern mich im Nachhinein aber auch an ein Gerichtswort aus Psalm 53:

Angst und Schrecken packt sie, wo es keinen Grund dafür gibt. (Psalm 53, 6)

Auch unter uns Christen gibt es viel Beunruhigung: Altvertraute Gewissheiten scheinen wegzubrechen. Quälende Fragen bringen selbst langjährige Christen in Bedrängnis: Kann man der Bibel noch vertrauen? Ist sie wirklich Gottes Wort? Gibt es da nicht jede Menge Fehler und Widersprüche in der Bibel? Sind nicht viele ihrer Aussagen kulturell veraltet und wissenschaftlich überholt? Ist dieses Buch nicht vor allem eine Sammlung historischer Texte von menschlichen Gotteserfahrungen statt zeitloses Gotteswort? Müssen wir die Botschaft des Evangeliums gar grundlegend überdenken?

Tatsächlich gibt es Passagen in der Bibel, die schwer zu verstehen sind und zumindest auf den ersten Blick widersprüchlich und fehlerhaft wirken. Trotzdem beunruhigt mich das nicht wirklich. Denn die Eigenschaften der Bibel sind insgesamt so einzigartig und spektakulär, dass mein Vertrauen in die göttliche Inspiration dieser Texte durch einzelne Stellen, die ich im Moment nicht verstehe, nicht erschüttert wird. Die These, dass die Bibel allein ein Produkt des menschlichen Geistes sein könnte, halte ich aus vielerlei Gründen für unhaltbar. Menschen können so ein Buch nicht hervorbringen. Es gibt weltweit und historisch gesehen unter den unzähligen Büchern dieser Welt kein einziges Buch, das sich auch nur annähernd mit der Bibel messen könnte. Ich stehe in Ehrfurcht und Staunen vor diesem buchgewordenen Wunder Gottes.

Nein, mich beunruhigen in der Bibel weniger die Stellen, die mir nicht einleuchten. Mich beunruhigen vielmehr die Stellen, die mir einleuchten. Es gibt in der Bibel höchst beunruhigende Botschaften, die sonnenklar und eindeutig sind und die sich zudem quer durch die ganze Bibel ziehen. Und eine dieser Botschaften lautet:

In Bezug auf Gottes Wort gibt es für uns Menschen nur eine einzige angemessene Haltung: Ehrfürchtiges Vertrauen und demütiger Gehorsam.

Der immer wieder unternommene Versuch, das Zweifeln an Gottes Wort geistlich zu verklären, hat in der Bibel keine erkennbare Basis. „Hat Gott wirklich gesagt…?“ (1. Mose 3, 1) Dieser von der teuflischen Schlange gestreute Zweifel hat nicht nur in der Paradiesgeschichte katastrophale Konsequenzen. Als Israel an Gottes Verheißung zweifelte musste es noch einmal 40 Jahre durch die Wüste gehen (4.Mos.14). Wenn Gott spricht und wir Menschen uns verschließen, dann löst das in der Bibel meistens ein Drama aus.

Im Alten wie im Neuen Testament stellt Gottes Reden die Menschen immer vor die Wahl: Hören oder ignorieren. Gehorchen oder ungehorsam sein. Und in der Folge: Segen oder Fluch. Man könnte ein ganzes Buch füllen mit biblischen Beispielen für dieses simple Prinzip, das sich geradezu erschreckend konsequent durch alle Texte zieht.

Da ist es kein Wunder, dass Jesus ausführlich und mit eindringlichen Bildern über die extreme Wichtigkeit sprach, ein Hörer und ein Täter von Gottes Wort zu sein. Die Standfestigkeit unseres Lebenshauses hängt davon ebenso ab wie die  Frage, ob unser Leben Frucht bringt oder verdorrt. König Josia kannte dieses Prinzip offenbar. Als er die Worte der wiederentdeckten Heiligen Schrift hörte, zerriss er seine Kleider, weil ihm die schrecklichen Folgen des Ungehorsams gegenüber Gottes Wort offenkundig bewusst waren. Genau dieser Ausdruck von Ehrfurcht und Erschrecken vor Gottes Worten wird von Gott ausdrücklich gelobt:

„Dein Herz war berührt und du hast vor Gott Buße getan, als du seine Worte über diese Stadt und ihre Einwohner hörtest. Du hast Buße getan, deine Kleider zerrissen und vor mir geweint. Deshalb habe ich dich erhört, spricht der Herr.“ (2. Chronik 34,27).

Gott erwartet Umkehr, wenn sein Wort uns mit unserem Fehlverhalten konfrontiert. Er ist offenkundig nicht bereit, Kompromisse mit unserem Eigensinn einzugehen. Gott gibt uns sein Wort aber auch nicht, damit wir uns damit zu Rechthabern und überlegenen Frömmlern aufspielen können. Josia hatte ja überhaupt keinen Fehler gemacht. Aber er hat sich trotzdem erschüttern lassen. Er hat sich gebeugt und gedemütigt unter die Schuld des Volkes. Diese demütige Identifikation mit den Sünden seiner Gemeinschaft war die Grundlage für Gottes Segen während des ganzen Lebens von Josia. Es ist genau dieser zerbrochene Geist, den wir auch heute wieder brauchen. Gott sagte zu Jesaja:

„Ich achte auf die, die gedemütigt worden sind und einen gebrochenen Geist haben und vor meinem Wort zittern.“ (Jesaja 66,2)

Deshalb müssen wir uns fragen: Wo sind die Menschen in unserem Land, die sich Gottes Sichtweise aus seinem Wort zeigen und sich dadurch zerbrechen lassen über den Zustand ihres Herzens und den Zustand der Kirche Jesu? Wo sind die Menschen, die sich dann nicht von anderen rechthaberisch distanzieren sondern sich mit der ganzen Kirche Jesu identifizieren und sich unter ihre Schuld beugen? Wo sind die Menschen, die dann schließlich ihre Menschenfurcht überwinden und in prophetischer Klarheit Gottes Wort hochhalten und die Kirche zur Umkehr rufen – aus Liebe und nicht aus Rechthaberei?

Der Segen begann in Israel immer dann, wenn Menschen sich von Gottes Wort treffen und zerbrechen ließen. Nachdem der Prophet Nathan König David mit Gottes Wort konfrontiert hatte, schrieb David:

„Das Opfer, das dir gefällt, ist ein zerbrochener Geist. Ein zerknirschtes, reumütiges Herz wirst du, Gott, nicht ablehnen.“ (Psalm 51, 19)

Diesen Menschen mit einem zerbrochenen Herzen hat Gott seine Nähe verheißen:

„Nahe ist der HERR denen, die zerbrochenen Herzens sind, und die zerschlagenen Geistes sind, rettet er.“ (Psalm 34,19)

Und genau bei diesen Menschen nimmt Gott Wohnung:

„Ich wohne an der hohen, heiligen Stätte und bei denen, die einen zerschlagenen und gedemütigten Sinn haben, um die Gedemütigten neu zu beleben, und die zerschlagenen Herzen wieder aufleben zu lassen.“ (Jesaja 57, 15)

Gott, der mitten unter seinem Volk wohnt: Da leuchtet bereits die Verheißung des neuen Jerusalems auf. Einen Vorgeschmack davon bekommen wir, wo wir unseren Stolz und unseren Eigensinn zerbrechen lassen durch Gottes Wort, das wie ein Hammer unser steinernes Herz zerschlägt (Jer.23,29) und durch ein fleischernes ersetzt (Hes.36,26).

Nicht nur die dramatischen Warnungen in den letzten Versen der Bibel (Offb.22,18-19) machen es überdeutlich: Wir sollten tatsächlich nichts so sehr fürchten wie die Gefahr, Gottes Worte zu ignorieren, leichtfertig zu übergehen, zu verdrehen, zu verkürzen oder etwas hinzuzufügen. Aber die Bibel macht auch immer wieder deutlich: Wer Gott und sein Wort fürchtet muss sonst nichts und niemanden mehr fürchten. Der braucht nicht mehr panisch zu werden, wenn Weltuntergangspropheten Angst und Schrecken verbreiten. Himmel und Erde werden zwar vergehen. Aber Gottes lebensspendende Worte bleiben in Ewigkeit (Luk.21,33). An ihnen dürfen und sollen wir (uns) festhalten. Ohne Gottes Wort sind wir dazu verdammt, uns ausschließlich an menschlicher Weisheit zu orientieren. Dann setzt sich der durch, der am lautesten schreit, der die Schaltstellen der Macht besetzt und der die manipulativen Möglichkeiten von Medien und Rhetorik am besten zu nutzen weiß. Aber unter Gottes Wort und Wahrheit dürfen und müssen wir uns alle gemeinsam beugen. Wir müssen uns allesamt verantworten vor dem, dessen Weisheit selbst die beeindruckendste Weisheit dieser Welt als Torheit entlarvt (1.Kor.3,19). Eine gesunde Ehrfurcht vor Gottes Wort ist der beste (und einzige!) Schutz vor unserer menschlichen Neigung, unsere eigene Klugheit absolut zu setzen und auf unseren eigenen Wegen in den Abgrund zu rennen.

Wenn das Weizenkorn nicht stirbt kann es keine Frucht bringen (Joh.12,24). An Gottes Worten seinen Stolz und Eigensinn zerbrechen zu lassen heißt hingegen, die Grundlage zu legen für ein gesegnetes und fruchtbares Leben.

Die Spaltung: Getrennte Wege der Kirche und Israels

von Dr. Jürgen Bühler, Präsident der Internationalen Christlichen Botschaft Jerusalem (ICEJ)

Zuerst veröffentlicht in: „Wort aus Jerusalem“, Ausgabe Nr. 3 / 2019, veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der ICEJ – Deutscher Zweig

WAS IST GESCHEHEN?

Nie vergesse ich den Besuch in der chinesischen 10-Millionen-Stadt Whenchou bei einer Gruppe Hauskirchenleiter, die rund eine Million einheimische Gläubige repräsentierten. Ich war der erste Gast aus Israel. Als ich zu erklären begann, warum Israel wichtig ist, stellte ich schnell fest, dass dies für sie nichts Neues war. Ich fragte den Leiter: „Wer hat euch über Israel gelehrt?“ Überrascht antwortete er: „Es steht alles in der Bibel.“

Das wirft die Frage auf: Was geschah in der Kirche, dass sie sich so weit von dieser einfachen Wahrheit entfernte und in den letzten 1.500 Jahren zur stärksten Antriebskraft des Antisemitismus wurde? Hasspredigten voll Verachtung gegenüber den Juden, Pogrome, Zwangsbekehrungen, Inquisitionen und schließlich der Holocaust – all dies machte das Christentum zum Erzfeind der Juden – in weit größerem Maße noch als der Islam.

PAULUS ISRAEL-LEHRE

Dies ist umso erschreckender, da der Apostel Paulus eine sehr klare Israel-Lehre hat: „Sie sind Israeliten, denen die Kindschaft gehört und die Herrlichkeit und die Bundesschlüsse und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißungen, denen auch die Väter gehören und aus denen Christus herkommt nach dem Fleisch. Gott, der da ist über allem, sei gelobt in Ewigkeit.” (Römer 9,4-5) Paulus erkannte: Auch wenn die meisten Juden Jeschua nicht als ihren Messias annehmen, bleiben sie dennoch „Geliebte um der Väter willen“ (Römer 11,28). Ihre Ablehnung Jesu sah Paulus als vorübergehenden Zustand, den schon die hebräischen Propheten voraussagten (z.B. Jesaja 6). Doch er glaubte, dass einst „ganz Israel gerettet werde“ (Römer 11,26). Deshalb warnte er die Gläubigen aus den Nationen vor Arroganz gegenüber den Juden (Römer 11,18) und mahnte sie zu bedenken: „…dass ihr zu jener Zeit ohne Christus wart, ausgeschlossen vom Bürgerrecht Israels und den Bundesschlüssen der Verheißung fremd; daher hattet ihr keine Hoffnung und wart ohne Gott in der Welt.“ (Epheser 2,12) Durch Gnade näherten sie sich und erhielten Anteil an Gottes Verheißungen.

BEGINNENDE SPALTUNG

Die Antwort darauf, warum und wo sich die Kirche von Israel trennte, ist zu komplex, um sie in einem kurzen Artikel vollständig darlegen zu können. Zum Teil liegt die Schuld bei der römischen Politik. Viel wichtiger aber ist zu erkennen, dass die Kirche selbst Verantwortung übernehmen muss für die Entscheidungen, die ihre Leiter in den ersten Jahrhunderten nach Christus getroffen haben. Nach dem ersten Kirchenkonzil, von dem Apostelgeschichte 15 berichtet, begannen sich die Dinge zu ändern – auch hinsichtlich der Demografie der Kirche.

Das Christentum begann in Jerusalem als hundertprozentig jüdische Kirche, doch nach etwa einem Jahrhundert bildeten „Heiden“ die Mehrheit. Anfangs war Jerusalem das spirituelle Zentrum des Glaubens, aber die römischen Kriege veränderten die Verbindung der Kirche zu Jerusalem und Israel dramatisch. 70 n. Chr. zerstörte Titus den Tempel, einige Jahrzehnte später vertrieb Hadrian praktisch alle Juden aus Jerusalem und Israel. Im Jahr 136 n. Chr. wurde Marcus der erste nichtjüdische Bischof Jerusalems. Der spirituelle Schwerpunkt verlagerte sich allmählich Richtung Rom und Konstantinopel.

NICÄA UND DIE JUDEN

Zum endgültigen Bruch kam es 325 n. Chr. in Nicäa (heute Iznik, Nordwest-Türkei), einem Ort, von dem nur noch Ruinen zu finden sind. Das Konzil von Nicäa war das bedeutendste der Kirchengeschichte. Es kam zustande, als die Christen erstmals keine verfolgte Minderheit mehr waren. Konstantin berief das Konzil ein, um die Kirche als konsolidierende Kraft in seinem Reich zu nutzen. Er bereitete dem Christentum den Weg, das im Jahre 380 von Theodosius I. zur offiziellen Staatsreligion erklärt wurde. In Nicäa beschäftigte man sich vor allem mit dem gleichzeitig göttlichen und menschlichen Wesen Jesu. Diese „Jesus-Frage“ wurde in der Kirche sehr kontrovers diskutiert. Nach langen und hitzigen Debatten wurde schließlich ein Konsens erzielt. Für die meisten Teilnehmer waren Fragen, die sich auf „jüdische“ Themen bezogen, dabei zweitrangig.

In Nicäa und den folgenden Konzilen und Synoden begann die Trennung der „Heiden“-Kirche von ihrer jüdischen Herkunft. Diese Verschiebung ereignete sich in drei Hauptbereichen: Erstens durch Änderung des Kalenders und der religiösen Feiertage, zweitens durch eine veränderte Einstellung der Kirche gegenüber Juden und drittens durch strenge Vorschriften gegen einen Umgang von Christen mit Juden.

ÄNDERUNG DER FEIERTAGE

Bis zum Konzil von Nicäa waren die Kirchen uneins, wie Ostern (Passah) zu feiern sei. Die Kirchen in Rom und anderen westlichen Regionen hatten beschlossen, die Osterfeier an den biblischen Bericht zu knüpfen, dass Jesus am ersten Tag der Woche auferstanden war und sich am Julianischen statt am hebräischen Kalender zu orientieren. Jeder Bezug zum biblischen Passah-Fest wurde ignoriert. Die Kirchen im Osten verbanden die Passionswoche weiterhin mit dem Passahfest. Damit lagen sie eher auf einer Linie mit dem Alten Testament und den von Jesus und seinen Jüngern vorgelebten Traditionen.

In Nicäa verlangte Konstantin nun einen einheitlichen christlichen Kalender für sein Reich. In einem Synodalbrief an alle Kirchen hieß es: „Wir haben gute Nachrichten für euch! … Von jetzt an feiern wir Ostern nicht länger nach der Tradition der Juden!“ Kaiser Konstantin selbst schrieb an die Kirchen im Osten: „Es wurde festgestellt, dass es besonders unwürdig ist, am heiligsten aller Feste (Ostern) dem Brauch der Juden zu folgen, die ihre Hände mit dem größten aller Verbrechen beschmutzt haben und deren Geist verblendet ist.“

Bekannt für seine Feindseligkeit gegen die Juden fuhr Konstantin fort: „Wir sollten uns von der abscheulichen Gesellschaft der Juden trennen, denn es ist wahrlich beschämend für uns, sie damit prahlen zu hören, dass wir ohne ihre Anleitung dieses Fest nicht feiern könnten. Außerdem ist es unsere Pflicht, nichts gemein zu haben mit den Mördern unseres Herrn.“ Er folgerte, da die Juden für den Tod Jesu verantwortlich seien, müssten auch ihre Traditionen falsch sein. Zudem folgten die meisten Christen zu diesem Zeitpunkt dem jüdischen Kalender ohnehin nicht mehr. Die Entscheidung entsprach einem demokratischen Konsens, der keine theologische Basis hatte.

JESUS UND DAS PASSAHFEST

Konstantins radikales Vorgehen missachtete die zahlreichen Parallelen der letzten Tage Jesu und des biblischen Passahfests. Jesus gebot seinen Jüngern, das Passahmahl vorzubereiten (Lukas 22,7-8) und erklärte: „Mich hat herzlich verlangt, dies Passah-Lamm mit euch zu essen, ehe ich leide“ (Lukas 22,15). Er feierte das Passahfest in vielen Details so, wie es Juden bis heute tun: Nach dem Mahl nahm er den Becher und segnete ihn (1. Korinther 11,25). Bis heute betrachten Juden diesen dritten Becher als den „Becher der messianischen Erlösung“. Nach dem „Hallel“, der traditionellen Lesung der Psalmen 115 bis 118, ging er zum Ölberg (Matthäus 26,30). Paulus erklärt außerdem, dass Jesus unser Passah-Lamm ist (1. Korinther 5,7).

SONNTAG ERSETZT SCHABBAT

Mit derselben Ignoranz wurde der Sonntag als neuer wöchentlicher Feiertag eingeführt. Bis dahin war der Sonntag ein gewöhnlicher Arbeitstag, an dem lediglich einige Christen morgens beteten und Bibel lasen – in Erinnerung an Jesus Auferstehung am ersten Tag der Woche. Konstantins Ziel war es, die Christen vollständig von allen jüdischen Gewohnheiten zu trennen. Um Christen davon abzuhalten, den Schabbat zu halten, erklärte er den Sonntag zum neuen heiligen Tag. Viele Christen wehrten sich dagegen. Doch das nachfolgende Konzil von Laodicea zementierte die Entscheidung. Christen, die weiterhin den jüdischen Schabbat hielten, wurden exkommuniziert.

DER EINSTELLUNGSWANDEL

Paulus hatte eine große Liebe zu seinem Volk. Wenn möglich hätte er auf seine eigene Erlösung verzichtet, wenn dadurch einige seiner jüdischen Brüder gerettet worden wären (Römer 9,3). Aber den späteren Konzilen fehlte die leidenschaftliche Liebe zum jüdischen Volk komplett. Alles Jüdische war unwillkommen, einschließlich der Juden selbst. Ihnen wurde es so schwer wie möglich gemacht, sich der Kirche anzuschließen. Konvertierte Juden mussten sogar ihre jüdischen Namen ablegen. Dabei wurde vollständig ignoriert, dass alle Apostel jüdische Namen hatten und Maria Jesus den Namen „Jeschua“, das hebräische Wort für „Retter“, gegeben hatte. Jesus Mutter hieß nicht wirklich „Maria“, sondern trug den jüdischen Namen „Mirijam“.

Für die Apostel im Neuen Testament bestand die Welt aus „dem Haus Israel“ und den Heiden. Nur durch die Gnade Gottes konnten Heiden in den Ölbaum Israels, des Bundesvolkes Gottes, eingepfropft werden. Paulus betrachtete seine jüdische Abstammung als Vorrecht (Römer 3,1; Galater 2,15), auch wenn sie ihn nicht retten würde. Doch Nicäa kehrte diese biblische Sicht um. Aus den „Geliebten um der Väter willen“ (Römer 11,28) wurden „Christusmörder“. Den Juden wurde tiefer Hass entgegengebracht. Paulus sagt, dass die Heiden ohne Gott und ohne Hoffnung waren (Epheser 2,12). Das galt nun für das jüdische Volk – eine Doktrin, die der Lehre des Neuen Testaments völlig widersprach.

UMGANGSREGELN

Strenge Gesetze verboten Christen den Umgang mit Juden. Wenn Christen Synagogen besuchten, drohten ihnen Amtsenthebung und harte Sanktionen. Die Teilnahme an jüdischen Festen war streng verboten, ebenso der Verzehr von ungesäuertem Brot während des Passahfests. Wer dies tue oder den Schabbat halte, verspotte Christus, erklärten die Bischöfe.

NICÄAS EINFLUSS AUF DIE KIRCHENGESCHICHTE

All diese neuen Einstellungen schufen nicht nur eine Spaltung zwischen der Kirche und den Juden, sondern brachten die Kirche auch auf einen Weg, der schließlich zum Gräuel der Kreuzzüge führte und die Ermordung von Juden als gottgefällige Tat darstellte. So wurde auch der Weg zur Inquisition und letztlich zum Holocaust bereitet. Hitler konnte sich auf den deutschen Reformator Luther berufen, um seinen Hass auf Juden zu rechtfertigen.

Während die jüdische Kirche im „ersten Konzil“ in Apostelgeschichte 15 weit über ihre Traditionen und Gefühle hinausging, um Heidenchristen willkommen zu heißen, verstieß die Heiden-Kirche die Juden in Nicäa schamlos aus dem Kirchenleben und schürte einen über Generationen andauernden Hass auf sie. Nur wenige christliche Bewegungen wie die Waldenser Erweckungsprediger in Italien und die Puritaner in England wagten es, diese judenfeindliche Einstellung anzufechten.

MODERNES WUNDER

Mit der Wiedergeburt des Staates Israel und der Entstehung einer neuen, evangelikalen Strömung im Christentum, sind wir nun seit der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts Zeugen eines tief greifenden Wandels in den Beziehungen zwischen der Kirche und Israels. Während die traditionellen Kirchen immer noch mit ihren antisemitischen Einstellungen kämpfen, hat sich durch die wachsende evangelikale Bewegung viel geändert. Die Spaltung zwischen Juden und Christen scheint schneller zu heilen, als viele erwartet haben. Angesichts der blutigen und leidvollen Geschichte gleicht es einem Wunder, dass Israels Premierminister evangelikale Christen als „Israels beste Freunde“ bezeichnet. Viele jüdische Organisationen haben ihre Türen heute für christliche Freundeskreise geöffnet – sogar die Holocaustgedenkstätte Yad Vashem.

HEILENDE BEZIEHUNGEN

Viele Christen nehmen heute ganz selbstverständlich an Passahfeiern teil und besuchen die örtliche Synagoge. Christen aus aller Welt unterstützen zahlreiche Projekte in Israel und in jüdischen Gemeinden ihrer eigenen Länder. Besonders erstaunlich: chinesische Christen nehmen jüdische, biblische Namen an – das Gegenteil von dem, was in Nicäa geschah. Jedes Jahr besuchen tausende Christen messianische Glaubensgeschwister in Israel, um von ihnen mehr über ihre biblischen Traditionen zu erfahren. Für Israel und die Kirche ist eine neue prophetische Zeit angebrochen. Die ICEJ hat das Vorrecht und ist gesegnet, zur Heilung der historischen Spaltung zwischen Judentum und Christentum beizutragen und den Weg für eine Aussöhnung in diesen letzten Tagen zu ebnen. Wir leben in spannenden Zeiten!

Wohin mit dem Sex?

„Kein Sex vor der Ehe!“ wird von „konservativen“ Christen vertreten. Außerhalb dieser Kreise empfindet man solch eine Haltung als fundamentalistisch und weltfremd.“ Dieser Zustandsdiagnose von Marcel Locher ist ohne Frage zuzustimmen. Umso erfreulicher ist es, dass der Bund freikirchlicher Pfingstgemeinden (BFP) seinen 1. Theologischen Studientag im März 2019 der spannenden Frage gewidmet hat: „Wohin mit dem Sex? – Schriftverständnis und die Folgen für die Lebensführung“. Die Tagungsbeiträge gibt es inzwischen in Buchform zu kaufen. In der Einführung schreibt der Leiter des theologischen Ausschusses des BFP, Dr. Bernhard Olpen: Der „Studientag stellt die theologische Standortbestimmung zur Schrift vor, wie sie das Präsidium des Bundes Freikirchlicher Pfingstgemeinden (BFP) vertritt.“ Das Buch hat also Gewicht für den gesamten BFP. Umso spannender ist die Frage, welche Ansichten hier zu diesem so umstrittenen Thema vertreten werden.

Die Positionen zur Sexualethik hängen vom Schriftverständnis ab

„Wie wir in Fragen der Sexualethik entscheiden, hängt maßgeblich von unserem Schriftverständnis und von unserer Hermeneutik[1] ab,“ schreibt Matthias C. Wolf zurecht. Deshalb ist es nur konsequent, dass sich der erste Beitrag von Dr. Bernhard Olpen zunächst der Frage nach dem Schriftverständnis in seiner geschichtlichen Entwicklung und seinen Konsequenzen für die Sexualethik widmet. Dazu gibt Olpen einen hochinteressanten Überblick von den ersten Kirchenvätern bis heute. Er zeigt dabei auf: Trotz Unterschieden im Detail war bis zur Aufklärung die Sichtweise dominant, dass die ganze Bibel inspiriert und von Gottes Geist eingehaucht ist. Luther ging zudem „das Wagnis ein, den literarischen Sinn der Schrift für ausreichend klar und aussagekräftig zu halten. Eine Grundannahme, die fortan für den Protestantismus grundlegend geworden ist“.

Erst mit der Aufklärung begann eine Sichtweise, in der der Bibeltext selbst nicht mehr unmittelbar als Wort Gottes betrachtet wurde. Die Trennung von Schriftwort und Offenbarung hatte auch für die Sexualethik gravierende Konsequenzen. Von den Kirchenvätern bis zu den Reformatoren war zuallermeist noch die Ehe als der einzig legitime Ort für Geschlechtsverkehr angesehen worden. Auch Mitte des 19. Jahrhunderts prägten noch „evangelikale Ideen über Moral und Sex die Kultur der Mittelklasse in England“, u.a. getrieben durch den Einfluss bekannter Erweckungsprediger wie John Wesley. Ebenso ging der deutsche Pietismus noch weitgehend von einer Klarheit und „Vollkommenheit der Schrift“ (J. A. Bengel) aus und „hielt in Anlehnung an Luthers Schriftverständnis an der Ehe als einzig legitimem Ort gelebter Sexualität fest.“ Erst in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts setzte sich in Bezug auf die Sexualethik eine Sichtweise durch, die nicht nur den Bibeltext sondern auch „zeitbedingte Anschauungen zur Grundlage macht“. Beispielhaft verweist Olpen auf die vieldiskutierte EKD-Orientierungshilfe „Zwischen Autonomie und Angewiesenheit“ sowie auf die Arbeit von „Worthaus“:

„Siegfried Zimmer, einer der Initiatoren, versucht in der Darlegung seines Bibelverständnisses zwar eine vermittelnde Rolle einzunehmen, folgt in der Praxis jedoch dem Argument der veränderten gesellschaftlichen Wirklichkeit, die zu einer Neubewertung biblischer Texte führen müsse. Schriftstellen mit einem sexualethischen Bezug versteht er als zeitgebundene Dokumente einer vergangenen Zeit, die heute keine Gültigkeit mehr beanspruchen können. Er geht dabei so weit, einer Mutter, die von ihrem Sohn erwartet, mit Sex bis zur Ehe zu warten, eine „perverse Ethik“ zu unterstellen. Ähnlich wie die Verfasser der EKD-Orientierungshilfe stellt er normative und deskriptive Aussagen auf die gleiche Ebene und kommt zu dem Schluss, wer aus der Schrift herauslesen wolle, dass Sex vor der Ehe keine biblische Option sei, müsse sich auch für Polygamie, möglichst frühe und möglichst durch die Eltern arrangierte Ehen, Kinderreichtum und das Patriarchat aussprechen. Dass die Schrift selbst eine Bewertung der hier undifferenziert nebeneinandergestellten Texte und Modelle vornimmt, gerät ihm dabei völlig aus dem Blick. Unter dem Label „postevangelikal“ hält diese Form der Hermeneutik auch Eingang in das gemeindliche Leben freikirchlicher Strukturen…“

Marcel Locher geht noch genauer auf Zimmers Worthaus-Vortrag über christliche Sexualethik ein. Dort führt Zimmer „unterschiedliche historische Argumente an, welche die „konservative“ Sichtweise theologisch und ethisch infrage stellt. Auf diese historischen Argumente gründet Siegfried Zimmer seine Sexualethik. Armin Baum greift Zimmers historisch begründete Kritik an der „konservativen“ Sexualethik auf.[2] Baum entkräftet Zimmers Position mit überzeugenden wissenschaftlich-historischen Argumenten. Er verdeutlicht durch seine sachliche wissenschaftliche Herangehensweise, dass Zimmers Argumentation historisch nicht haltbar ist, und belegt damit, dass die daraus resultierenden sexualethischen Positionen nicht überzeugen können. Somit sind wir in dieser Fragestellung auf die ethische Norm der Schrift verwiesen und können diese nicht als kulturbedingt relativieren. Daher ist die ethische Weisung der Schrift bezüglich des Geschlechtsverkehrs vor der Ehe auch in unserer Zeit von Bedeutung.“

Olpen beschließt seinen Beitrag zum Thema Schriftverständnis und Sexualethik mit einem Fazit: „Eine biblische Hermeneutik, die den eigenen Verstehenshorizont zum Maßstab des Verstehens Gottes und der Schrift macht und die Maßstäbe einer weitgehend säkularisierten Mehrheitsgesellschaft mehr oder weniger unkritisch oder wertneutral als gesetzt ansieht, kann der Zeit, in der wir leben, nichts Wesentliches und Normschöpfendes bieten. Sie steht immer in der Gefahr, in der sie umgebenden Gesellschaft aufzugehen, statt ihr ein Gegenüber zu sein.“

Von der Wichtigkeit gründlicher theologischer Arbeit

Ganz ähnlich wie Olpen baut auch Matthias C. Wolff seine Ausführungen auf der soliden Grundlage des reformatorischen „Sola Scriptura“ und der sich selbst auslegenden Bibel auf. Er macht aber auch deutlich: Bibelstellen können nicht ohne weiteres wörtlich 1:1 auf heutige Situationen übertragen werden. Der biblische Gesamtkontext, die innerbiblische Gewichtung, die Textgattung und der historische Kontext müssen beachten werden, um klären zu können, welche konkreten ethischen Normen in unserem heutigen gesellschaftlichen Umfeld aus der Bibel abzuleiten sind: „Die Bibel ist Gottes Wort, aber sie ist nicht an uns geschrieben worden; sie ist stets Gottes Wort für uns, aber nicht immer Gottes Gebot an uns.“ Trotzdem spricht die Bibel nicht nur in ihre Zeit, denn „sie ist auch Gottes Reden für uns und vermittelt allgemeingültige Prinzipien für das Heil und das Zusammenleben der Menschen. Eine oberflächliche und meist willkürliche Eingrenzung von biblischen Anweisungen auf die damalige Zeit wird ihrem Selbstzeugnis und dem Anspruch der biblischen Theologie nicht gerecht.“

Und was lehrt die Bibel nun?

Als zeitlos gültige biblische Botschaft arbeitet Matthias Wolff zum einen heraus, dass Sexualität in der Bibel durchweg bejaht wird. „Erst durch die Begegnung mit Strömungen der griechisch-hellenistischen Philosophie und dem damit verbundenen Zug zur Verachtung des Leibes wie der irdischen Welt überhaupt fand eine Malefizierung der Sexualität über neuplatonisch geprägte Theologen (wie Augustinus) Eingang in das christliche Denken.“

Zugleich macht er klar: „An prominentester Stelle der biblischen Sexualethik steht der unbedingte Schutz der Ehe.“ Das bedeutet auch, „dass dem israelitischen Mann keine legitimen vor- oder außerehelichen Betätigungsräume offenstanden. Sex als folgenloses Privatvergnügen ohne Verantwortung und Konsequenzen ist dem Glauben des AT fremd.“ Und im Neuen Testament erfährt diese Linie sogar „eine ausdrückliche Verschärfung.“ So antwortete Paulus auf die Frage, wie denn mit sexuellem Verlangen umzugehen sei: „Wenn sie [gemeint sind Ledige oder Witwen] sich nicht enthalten können, sollen sie heiraten …“ (1Kor 7,9), und nicht etwa: „Habt Sex!“ oder Ähnliches.“ Wolff zitiert dazu Prof. Armin Baum: „Das ethische Prinzip, dass all diesen biblischen Texten gemeinsam ist, lautet: Je weniger Verbindlichkeit, desto weniger Intimität. Je mehr Verbindlichkeit, desto mehr Intimität. Und maximale Intimität verlangt maximale Verbindlichkeit.“ Das wird auch unterstrichen durch die Bedeutung des Begriffs „Unzucht“ (porneia, z.B. in Gal. 5,19) im Neuen Testament: „Es meint zum einen Prostitution, zum anderen aber auch jeglichen vor- und außerehelichen Geschlechtsverkehr, sowohl bei Verheiraten als auch bei Unverheirateten.“ Locher ergänzt: „Somit wird deutlich, dass für das Zeugnis der Schrift auch Geschlechtsverkehr vor und außerhalb der Ehe mit Unzucht bezeichnet wird.“

Rauen Gegenwind gab es schon immer!

Bemerkenswert ist, dass sich die christliche Gemeinde nicht erst ab dem 20. Jahrhundert, sondern auch schon in der Antike mit dieser Lehre in einem scharfen Gegensatz zu ihrem Umfeld befand:

„Der entschlossene Rückgriff auf die in der Schöpfungsordnung angelegte Unauflöslichkeit der Ehe brachte die junge Gemeinde in deutlichen Kontrast zu der sexuellen Verkommenheit der griechisch-römischen Gesellschaft. … Wer behauptet, früher sei alles einfacher gewesen, etwa weil jeder mit dem Eintritt der Geschlechtsreife geheiratet habe, oder in unserer Welt könne man mit solchen Werten nicht mehr ankommen, dem fehlt das Verständnis für die antike Umwelt der Urkirche, die das Evangelium und seine Ethik in scharfem Kontrast zum Zeitgeist unerschrocken und unter hohen Risiken verkündigt hat. „Die Menschen der Bibel standen vor denselben Herausforderungen wie wir.“

Erst Recht vor dem Hintergrund dieses wachsenden Gegenwinds stellt sich nun aber die Frage:

„Wie sollen wir dies denn leben?“

Marcel Locher zeigt auf, wie wichtig es ist, nicht nur „eine starre Prinzipienethik“ zu lehren, „welche blutleer die Lebensrealität übergeht“ und die „nicht selten die Tendenz zur Gesetzlichkeit hat. Es geht um eine Jüngerschaftsethik, die im Geist Christi geführt wird und nur aus dem Geist Gottes heraus gelebt werden kann.“ Wichtig ist auch, die hohe Sinnhaftigkeit von Gottes Geboten zu verdeutlichen. Dabei ist insbesondere darauf hinzuweisen, wie wichtig die biblischen Prinzipien für den Schutz von Kindern sind, schließlich „birgt Geschlechtsverkehr immer auch die Möglichkeit der Zeugung eines Kindes in sich. Wer diese Möglichkeit ausschließt, setzt die individuelle sexuelle Selbstverwirklichung über den verantwortungsvollen Umgang mit der eigenen Sexualität. … Schon die Aussage, dass eine Frau ungewollt schwanger geworden ist und sich nun gezwungen sieht, dass Kind abzutreiben, zeigt die dahinterstehende Tragik.“ Nur die Ehe gibt Kindern den Schutzraum, den sie brauchen, um in einem gesunden, stabilen Umfeld aufwachsen zu können.

Und wie funktioniert das in der gemeindlichen Praxis?

Dazu liefert das Buch 2 anregende Praxisbeispiele. Christian Knorr aus der Christus Gemeinde Wuppertal schreibt: „Unserer Ansicht nach kommt keine Gemeinde umhin, sich hinsichtlich biblisch-theologischer Richtlinien zum Thema „Sexualität“ zu positionieren. … Es sollte beispielsweise nicht verborgen bleiben, wenn die Gemeinde den Wert „Kein Sex vor bzw. außerhalb der Ehe“ als von der Bibel her verbindlich ansieht.“ Neben dieser Verbindlichkeit im Kern sind ihm aber offene Ränder wichtig: „Jeder Mensch soll die Möglichkeit haben, so niederschwellig wie möglich die Gemeinde kennenzulernen. So ist auch Mitarbeit in vielen Teams möglich, auch wenn jemand noch nicht gläubig ist oder die ethischen Maßstäbe der Gemeinde nicht teilt.“ Wichtig ist ihm auch: „Kein Richtlinienpapier kann für jeden Fall und für jede Lebenssituation eine klare Antwort geben. … Aus unserer Sicht wären allzu detaillierte Listen, die jeden Fall erfassen, eine Praxis gelebter Gesetzlichkeit. Ein Wert bzw. Prinzip Gottes sollte „im Herzen“ eines Christen leben und von innen nach außen gelebt werden.“ „Klar in der Sache, aber offen und wertschätzend im Umgang mit Menschen“ ist für ihn eine zentrale Handlungsdevise. Dabei ist ihm wichtig, dass „wir nur durch eine gute Beziehung und aus Liebe heraus das Recht erwerben, in das Leben von Menschen zu sprechen.“ „Beziehung kommt immer vor Erziehung.“

Auch Mark Schröder von der Elim-Gemeinde Leipzig schreibt: „Wir sind der Überzeugung, dass Gott für die Sexualität den Rahmen der Ehe gegeben hat. Sex vor der Ehe ist nicht im Sinne des Erfinders. Wer das nicht beachtet, tut sich selbst nichts Gutes. Das kommunizieren wir deutlich.“ Er ergänzt aber auch: „Wir wollen keinen mit Regeln zwingen, sondern erreichen, dass aus eigener Überzeugung gehandelt wird.“ „Unser Ziel ist nicht, dass Menschen uns etwas beweisen, sondern dass sie selbst zum reifen Handeln befähigt werden. Nur dann schafft man ein Klima, in dem auch mit Versagen ehrlich umgegangen werden kann.“ In allen Gesprächen „geht es nicht um eine Be- oder Verurteilung eines Verhaltens, sondern darum, Ermutiger zu sein, damit die Lebensführung auf den richtigen Weg kommt.“

Man kann diesem wichtigen Buch nur eine möglichst weite Verbreitung wünschen. Denn auch unter Evangelikalen ist heute leider nicht mehr klar, was in der Bibel vermittelt und in diesem Buch vielfältig erläutert und unterstrichen wird:

„Wohin mit dem Sex? – in die Ehe!“


Das Buch “Schriftverständnis und die Folgen für die Lebensführung” ist beim Forum Theologie & Gemeinde als Paperback und als E-Book erhältlich.


[1] Wolff definiert dabei den Begriff „Hermeneutik“ wie folgt: „Hermeneutik (gr. hermeneia) = Wissenschaft/Kunst der Auslegung (altgr. hermeneúein: erklären, auslegen, übersetzen). Die Hermeneutik ist die Wissenschaft der Auslegung (biblischer) Texte. Es sind die Regeln, die bei der Bibelauslegung zur Anwendung kommen. Was darf man mit biblischen Texten machen und was nicht?

[2] Armin Baum: „Vorehelicher Geschlechtsverkehr in der Antike und in der Bibel“ https://www.weisses-kreuz.de/dynamo/files/user_uploads/mediathek/Weitere/WKExtra_Zimmer_Ehe.pdf