Kritik am Worthaus-Artikel: Eine Stellungnahme

Der Anfang Oktober veröffentlichte AiGG-Worthaus-Artikel hat ganz offensichtlich einen Nerv getroffen. Er stand wochenlang an der Spitze der christlichen „Blog-Charts“. Prominente Stellen haben ihn weiter verbreitet, wie z.B. das Netzwerk Bibel und Bekenntnis oder der Arbeitskreis für evangelikale Theologie. Die Zeitschrift des Bibelbunds hat den Artikel vollständig abgedruckt. Sogar Idea Spektrum hat eine Kurzversion gebracht.

Natürlich haben mich deshalb auch etliche Rückmeldungen erreicht. Die meisten waren sehr positiv und ermutigend, einige natürlich aber auch kritisch. Zu erwarten war die teils harsche Ablehnung von liberal geprägten Christen, die ja aber eigentlich nicht die Adressaten dieses Artikels waren, wie schon die Überschrift deutlich gemacht hat. Weit mehr bewegt hat mich die Kritik von konservativeren Christen. Deshalb möchte ich dazu kurz Stellung nehmen.

Leider hat sich die mir bekannte Kritik in keiner Weise inhaltlich mit meiner Analyse der Worthaus-Vorträge auseinandersetzt. Stattdessen konzentrierte sie sich im Wesentlichen auf 2 Aussagen:

  1. Es gibt keine „Worthaus-Theologie“. Die Worthaus-Referenten vertreten ganz unterschiedliche theologische Positionen. Daher kann auch kein Worthaus-Referent für die Lehren anderer Worthaus-Referenten verantwortlich gemacht werden.

Diesen Punkt hatte ich bereits im Vorfeld des Artikels mit einem Worthaus-Referenten diskutiert und deshalb im Anhang 2 des Artikels ausführlich dazu Stellung genommen. Im Kern war meine Aussage: Ja, es ist eine (der Übersichtlichkeit geschuldete) Vereinfachung von einer „Worthaus-Theologie“ zu sprechen. Aber selbst der Worthaus-Referent, mit dem ich über dieses Thema diskutierte, sprach von einer „optischen Täuschung“. Das heißt: Für den unbedarften Hörer wirkt Worthaus sehr wohl wie eine in sich kongruente Denkfabrik. Und dafür gibt es klare Gründe:

  • Die 5 Worthaus-Thesen, die allen Vorträgen zugrunde lagen (sie wurden erst jüngst von der Worthaus-Seite heruntergenommen).
  • Der fehlende Diskurs: Die Lehren, die ich in meinem Artikel kritisiere (z.B. Ablehnung des Sühneopfers) werden bei Worthaus nirgends kritisiert. Den liberalen Thesen, die ich im Artikel schildere, wird nirgends eine konservative Gegenthese entgegengestellt.
  • Es gibt einige durchgängige und vielfach wiederholte Überzeugungen wie z.B. das unkritische Bekenntnis zum Segen der universitären Bibelwissenschaft, die harsche Abgrenzung von Konservativen/Evangelikalen/Fundamentalisten, das Bekenntnis zur Fehlerhaftigkeit und Widersprüchlichkeit biblischer Texte etc.
  • Der wichtigste Grund: Die Dominanz von Siegfried Zimmer, der 2/3 aller Vorträge hält und deshalb mit seiner Theologie das Gesamtbild von Worthaus maßgeblich prägt.

Ich halte deshalb die Rede von der „Worthaus-Theologie“ für durchaus berechtigt. Aber wer sich daran stört, dem würde ich empfehlen, den Begriff „Worthaus“ durch den Namen des prägenden Worthaus-Theologen Siegried Zimmer zu ersetzen und sich dann neu der Frage stellen: Passt denn die Zimmer’sche Theologie und Hermeneutik zur evangelikalen Bewegung und zu bibeltreuen Ausbildungsstätten? Wie der AiGG-Artikel gezeigt hat, widerspricht ja auch Prof. Zimmer ganz direkt einigen der Glaubensgrundlagen der KBA (Konferenz bibeltreuer Ausbildungsstätten). Zudem stellt er sich insgesamt – teils rüde und polemisch – gegen konservative Evangelikale. Daher bleibt es für mich äußerst verwunderlich, wenn Evangelikale Worthaus so leidenschaftlich und unkritisch bewerben.

  1. Die Kritik an Worthaus kommt von „fundamentalistischen Christen“, die auch in der evangelikalen Bewegung immer in der Minderheit waren. Bereits in den Jahren 2001 bis 2003 habe es eine ähnliche Diskussion gegeben, in der „Fundamentalisten“ kritisierten, dass an bibeltreuen Ausbildungsstätten nicht die Fehlerlosigkeit der Bibel (im Sinne der Chicago-Erklärung) verteidigt werde. Bekannte konservative Theologen wie z.B. Prof. Heinzpeter Hempelmann sowie die KBA und die evangelische Allianz hätten diese Kritik zurückgewiesen und darauf bestanden, dass „Bibeltreue“ nicht bedeutet, an eine fehlerlose Bibel zu glauben.

Auch diesen Punkt hatte ich bereits im Vorfeld des Artikels mit einem Worthaus-Referenten diskutiert. Mir war es deshalb wichtig gewesen, im Anhang 21 zu betonen, dass man kein Chicago-Anhänger sein muss, um Worthaus kritisch zu beurteilen. Dort hatte ich zudem erläutert, warum die Diskussion von 2001-2003 überhaupt nicht mit der Worthaus-Diskussion vergleichbar ist. Ich kopiere diesen Anhang nachfolgend noch einmal auszugsweise ein:

21: „Evangelikale Theologie bekennt sich „zur göttlichen Inspiration der heiligen Schrift, ihrer völligen Zuverlässigkeit und höchsten Autorität in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung.“ (Theologische Grundlage des Arbeitskreises für evangelikale Theologie) Begriffe wie „Zuverlässigkeit“, „Wahrheit“, „Fehlerlosigkeit“ oder „Irrtumslosigkeit“ werden aber auch unter Evangelikalen immer wieder heiß diskutiert. … Heinzpeter Hempelmann vermerkte in der 14. seiner „18 Thesen und 10 Säulen zu einer Hermeneutik der Demut“: „Der Akzent bei der Bestimmung „Unfehlbarkeit“ liegt also nicht in der Behauptung einer in jedem Fall und in jeder Hinsicht notwendig gegebenen sachlichen Richtigkeit.“ Damit wollte er den biblischen Wahrheitsbegriff gegen einen seiner Meinung nach ihr fremden mathematisch-logischen Wahrheitsbegriff abgrenzen. Trotzdem galt auch für ihn (im Gegensatz zu Prof. Zimmer): „Die Bibel ist unfehlbar. Sowohl philosophische wie theologische Gründe machen es unmöglich, von Fehlern in der Bibel zu sprechen. Mit einem Urteil über Fehler in der Bibel würden wir uns über die Bibel stellen und eine bibelkritische Position einnehmen.“ (These 15)

Das heißt also: Auch die Hermeneutik von Prof. Hempelmann, der sich seinerzeit gegen die Chicago-Erklärung wandte, ist weit konservativer als Prof. Zimmer. Es ist deshalb unzutreffend, die Auseinandersetzung von damals mit der heutigen Diskussion zu vergleichen und die Worthaus-Kritiker alle in die „Fundamentalisten-Ecke“ zu schieben. Das gilt umso mehr, da dieser Begriff heutzutage keinesfalls mehr wertneutral verwendet werden kann, weil er durch die vielfache Parallelisierung von islamischen und christlichen Fundamentalisten längst vergiftet wurde.

In Bezug auf den Fundamentalismus-Vorwurf möchte ich auch noch ein Wort zu mir persönlich äußern. Ein Worthaus-Referent hat mich jüngst als „klassischen Fundamentalisten“ bezeichnet. Ich wundere mich schon, wie rasch manche Leute mit solchen Schubladen zur Hand sind. Ich lade meine Leser ein, sich selbst ein Bild von meiner Haltung zur Bibel zu machen und mit mir dann inhaltlich darüber ins Gespräch zu kommen, statt mich einfach zu etikettieren (damit man sich nicht mehr mit mir auseinandersetzen muss?). Als Gesprächsgrundlage nachfolgend ein Absatz aus meinem Buch „Aufatmen in Gottes Gegenwart“ (Seite 118 ff.).:

„Ich würde mich selbst als “bibeltreu” bezeichnen. Manche Zeitgenossen würden mich vielleicht sogar als fundamentalistisch einstufen. Damit kann ich leben. Denn in der Tat macht für mich das Christentum ohne das Fundament der Bibel wenig Sinn. Der liberale theologische Ansatz, der die Bibel für fehlerhaft hält und den menschlichen Verstand zum Richter über wahr und falsch macht, hat eine Schneise der Verwüstung durch die Kirche geschlagen und das Fundament für die Einheit der Kirche massiv beschädigt. Denn außer der Bibel hat das Christentum nun einmal keine verbindliche Erkenntnisquelle! …

Die Abkehr von liberaler Theologie ist aber noch lange keine Garantie für Einheit. Bei der Auslegung der Bibel können auch Bibeltreue katastrophal irren: So wurde Jesus gerade von den Bibelgelehrten als völlig unbiblisch abgelehnt. In der Kirchengeschichte gibt es zahlreiche Beispiele, wie selbst große Bibelkenner zu Feinden guter christlicher Bewegungen wurden, weil sie ihre speziellen Bibeler­kenntnisse zu Dogmen oder gar Kirchengesetzen erhoben und als Waffe gegen Andere eingesetzt haben (die Verfolgung der Täufer durch die Reformatoren ist ein fürchterliches Beispiel dafür). Dabei hatte Gott das Neue Testament doch gerade nicht als Gesetzes- und Paragraphenkatalog verfasst. Wenn Menschen meinen, das für ihn nachzuholen zu müssen, endet das immer im Desaster!

Wir können also sowohl auf der liberalen als auch auf der bibeltreuen Seite vom Pferd fallen. Auf beiden Seiten machen wir den gleichen Fehler: Wir stellen unsere menschliche Erkenntnis hochmütig über die Bibel und machen uns gottgleich zur obersten Wahrheitsinstanz. Wir meinen, ganz genau zu wissen, wie die Bibel auszulegen ist, vergessen dabei aber, dass sogar der große Theologe Paulus seine Erkenntnis für Stückwerk hielt (1. Korinther 13, 9) und auch uns eindringlich zugerufen hat: “Bildet Euch nicht ein, alles zu wissen!“ (Römer 12, 16) Unser menschliches Bibelverständnis bleibt also ein Stück weit immer unvollständig und subjektiv.

Und noch einen äußerst wichtigen Grundsatz hat uns Paulus für den Umgang mit Wissen und Erkenntnis gelehrt: „Wissen kann uns ein Gefühl von Wichtigkeit verleihen, doch nur die Liebe baut die Gemeinde wirklich auf .Wer behauptet, alle Antworten zu kennen, hat in Wirklichkeit kaum begriffen, auf welche Erkenntnis es ankommt. Doch wer Gott liebt, der ist von Gott erkannt“. (1. Korinther 8, 1-3)

Erkennen ist in der Bibel ein Synonym für das Einswerden in einer engen, intimen Beziehung. Echte theologische Erkenntnis wächst somit immer nur in der innigen Beziehung mit dem himmlischen Vater! ER ist der Autor der Bibel. Nur in der Verbindung mit ihm können wir lernen, was er wirklich gemeint hat! Aber ohne seinen Geist macht Erkenntnis uns zu hartherzigen, arroganten Einheitskillern: „Denn der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig“ (2. Korinther 3, 6b).

Als Christen glauben wir im Gegensatz zum aktuellen Zeitgeist daran, dass es eine allgemeingültige Wahrheit gibt. Aber wir sind nicht im Besitz der Wahrheit! Vielmehr streben wir danach, dass die Wahrheit in Person (nämlich Jesus) immer mehr Besitz von uns ergreift! Erst wenn wir diesen feinen aber wichtigen Unterschied verstehen und unsere Besitzansprüche auf Wahrheit aufgeben werden wir nicht länger in der Gefahr stehen, uns anderen Menschen gegenüber überlegen zu fühlen und ihnen entsprechend arrogant zu begegnen. Und gerade weil unsere heutige postmoderne Gesellschaft jeden Alleinvertretungs­anspruch auf Wahrheit als gefährlichen Hang zu Machtausübung und Manipulation wahrnimmt, können wir den Menschen nur in dieser demütigen Haltung das Evangelium bringen – und zugleich unnötigen Streit und Spaltung in der Gemeinde Jesu vermeiden.”

Ein Gedanke zu „Kritik am Worthaus-Artikel: Eine Stellungnahme

  1. Sehr geehrter Herr Dr. Till,
    was mir bei den Vorträgen von Herrn Zimmer, die ja auf jeden Fall einen fundierten bildenden Aspekt haben auffällt, ist ein Mangel einer demütigen Grundhaltung, die, die Voraussetzung für das Wirken des heiligen Geistes ist. Eine Auslegung von Gottes Wort ohne das mitwirkende und korrektive Element des heiligen Geistes, führt zwangsläufig in die falsche Richtung.
    Des weiteren habe ich den Eindruck das die Schrift an der Kultur geprüft wird. Dazu schrieb Francis Schaeffer : ” Die Kultur muss ständig aufgrund der Bibel beurteilt werden und nicht etwa die Bibel der sie umgebenden Kultur unterworfen werden.”

    Gruß Jan Maurer

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