6 Gründe für die “Flucht aus Evangelikalien”

Erfahrungen und Einsichten aus dem „Hossa-Land“

Die letzten Wochen haben mich sehr nachdenklich gemacht. Der AiGG-Worthaus-Artikel stand wochenlang auf Platz 1 der „christlichen Blog-Charts“ und wurde sogar von idea Spektrum aufgegriffen (Ausgabe 44/2017). Da wurde offensichtlich ein Nerv getroffen. Scheinbar gibt es vielerorts Absetzbewegungen in Richtung eines liberalen Bibelverständnisses. In idea war jüngst auch zu lesen, dass im lahmenden christlichen Buchmarkt gerade die Bücher mit liberalen Botschaften noch am besten laufen. Aber warum ist das so? Was ist an liberalen Botschaften so attraktiv, dass sie so viele Menschen locken, ihren evangelikalen, bibeltreuen Glauben hinter sich zu lassen?

Um das besser zu verstehen habe ich mich für einige Zeit aus „Evangelikalien“ ins „Hossa-Land“ aufgemacht. „Hossa-Talk“ ist ein Podcast von Gottfried “Gofi” Müller (ehemals bekannt als Jugendevangelist) und Jakob “Jay” Friedrichs (bekannt aus dem Comedy-Duo Superzwei). Jede Woche gibt es eine neue Folge mit Diskussionen, Gesprächen und Interviews zu unterschiedlichsten Glaubensthemen, gerne auch live von frommen Locations wie z.B. dem Jesus-Treff Stuttgart oder der evangelischen Hochschule Tabor. Auch Worthaus-Referenten wie Siegfried Zimmer und Thorsten Dietz waren schon zu Gast. Überhaupt ergänzen sich Worthaus und Hossa-Talk in vielerlei Hinsicht und werden deshalb von vielen Fans im Duett genossen.

Ohne Frage: Die Talks von Jay und Gofi sind hochsympathisch (auch wenn mir die Kraftausdrücke über Sachen, die mir persönlich kostbar und heilig sind, schon manchmal ziemlich an die Nieren gehen). Man kann nicht anders als die beiden zu mögen. Jedes Wort ist ehrlich, authentisch, mitten aus dem Leben. Würden wir uns treffen hätten wir sicher viel Spaß zusammen, auch wenn wir in vielen Punkten völlig konträrer Meinung sind (Holger Lahayne hat die teils schwerwiegenden inhaltlichen Probleme von Hossa Talk hier und hier sowie bei seinem Hossa-Talk-Gastauftritt sehr schön dargelegt).

Gofi hat jüngst ein Buch veröffentlicht mit dem Titel: „Flucht aus Evangelikalien“. Darin beschreibt er, wie sein ehemals festgefügter Glaube ins Wanken kam, wie er die evangelikale Welt verlassen musste und wie Kunst ihm geholfen hat, neue Perspektiven zu entwickeln. „Evangelikalien“ steht dabei nicht für die ganze evangelikale Bewegung sondern vielmehr für eine Erfahrung von Enge, Ausgrenzung und angstbesetztem Glauben, die er in evangelikalen Kreisen erlebt hat. Jay hat eine gar nicht so unähnliche Geschichte hinter sich. Dieses Buch hat mir sehr geholfen, das “Hossa-Land” besser zu verstehen.

Ich habe viel gelernt im “Hossa-Land”. Denn dort wird uns Evangelikalen ein Spiegel vorgehalten, in den wir unbedingt mal hineinschauen sollten, auch wenn es weh tut. Doch man kann einiges lernen zu der Frage: Was läuft eigentlich schief bei uns Evangelikalen? Womit schrecken wir Menschen ab – selbst solche, die jahrelang in unserer Mitte sind? Eine Erkenntnis, die ich dazu aus dem Hossa-Land mitgebracht habe lautet: In unseren Gemeinden und Gemeinschaften geht es tatsächlich manchmal eng zu. Und das sind die 6 Räume, an denen es bei uns offenbar gar nicht so selten mangelt:

1. Raum zum Denken!

Gofi schreibt in seinem Buch: „Wir haben uns vorgenommen, unsere Zweifel, Fragen und Überzeugungen offen auszusprechen. Warum? Weil wir die Erfahrung machen, dass man das in vielen christlichen Gemeinschaften nicht darf.“ (S. 91) Tatsächlich gibt es im Hossa-Land (genau wie bei Worthaus) keine Tabus. Jede Frage darf gestellt, über Alles darf diskutiert werden. Ständig liegen heiße Fragen auf dem Tisch. Das macht es spannend zuzuhören. Denn viele dieser Fragen werden in unseren Gemeinden leider tatsächlich eher gemieden. Das ist ein großes Problem. Denn Menschen wollen ihren Verstand gerne benutzen! Gott hat uns mit einem gesunden Forscherdrang beschenkt (Spr. 25,2). Deshalb stellt es uns nicht zufrieden, die immer gleichen oberflächlichen Gott-liebt-Dich-und-seid-nett-zueinander-Predigten zu hören. Schließlich können die wenigsten Menschen auf Dauer ihre Fragen und Zweifel verdrängen und gegen ihren Intellekt „anglauben“. Vielleicht ging das ja noch vor der Aufklärung. Heute definitiv nicht mehr.

Das tragische an der Sache ist: Es gibt ja so viele phantastische Gründe für unseren Glauben, für die Auferstehung Jesu, für die Schöpfung und vieles mehr! Es gibt überzeugende Argumente, warum die Bibel wirklich vertrauenswürdig ist. Die Bibel enthält eine wunderbare, faszinierende Logik und Tiefe, die man zwar nie vollständig aber doch schrittweise ergründen und erforschen kann. Es gibt großartige Argumente, warum die biblische Sexualethik eben nicht veraltet sondern heilsam und glücksbringend ist. Es gibt einleuchtende Antworten auf die vielfältige Kritik an der Bibel. ABER ÜBER ALL DAS REDEN WIR NICHT IN UNSEREN GEMEINDEN! Was für ein Drama! Wir lassen unsere Leute verhungern, weil es so wenig „Schwarzbrot“ gibt: Gute, fundierte Bibellehre, wissenschaftlich fundierte „Apologetik“ (= Argumente für den Glauben), verständlich aufbereitete Antworten auf Fragen, die modernen Menschen zwangsläufig kommen, wenn sie mit biblischem Christentum konfrontiert werden.

Wir müssen deshalb endlich klug und fundiert reden lernen über schwierige Bibelstellen (z.B. Gewalt im Alten Testament), Glaube und Wissenschaft, den Segen biblischer Sexualethik, Argumente für die Verlässlichkeit der Bibel und des Christentums, eine bibelgemäße „Hermeneutik“ (d.h. die Art und Weise, wie die Bibel ausgelegt werden soll) und vieles mehr. Wichtig ist dabei: Keine Tabus! Keine Angst vor Fragen, Diskussionen und scheinbar schwierigen Gesprächen! Denn (und das ist ein Ausspruch von Gofi) wenn unser Glaube wirklich wahr ist, dann können wir ganz entspannt sein, denn dann wird er sich auch durchsetzen. Denn Wahrheit setzt sich auf Dauer immer durch! Also weg mit der Angst vor Diskussionen, weg mit Denkfaulheit und Bildungsfeindlichkeit. Unser Verstand darf sich zwar nicht über Gott erheben, aber er ist uns trotzdem geschenkt worden, um ihn nach Kräften zu benutzen! Früher war es die Kirche, die die Universitäten gegründet und für die Bildung der Menschen gesorgt hat. Höchste Zeit, an diese alte Tradition wieder anzuknüpfen!

2. Raum für die Vaterliebe Gottes!

Gofi schreibt: „Wer von uns betet in der Gewissheit, dass ein liebender ‚Abba‘ es kaum erwarten kann, dem Gestotter seines Kindes zu lauschen? Ist es nicht so, dass wir ihn eher als unseren leiblichen zeitungslesenden Vater vor Augen haben, der, von einem langen Arbeitstag rechtschaffen müde, eigentlich nur noch eines will, nämlich in Ruhe gelassen zu werden?“ (S. 41) Das erinnert mich an einen Teilnehmer unseres jährlichen Glaubenskurses. Er hörte sich alles geduldig an, war aber sehr reserviert. Am letzten Abend brach es aus ihm heraus: Was ist, wenn dieser Vater im Himmel wie mein eigener Vater ist? Genauso unbarmherzig? Genauso strafend? Genauso fordernd? Natürlich hatten wir im Kurs genau das Gegenteil gelehrt. Die unglaublich großzügige, barmherzige, grenzenlose Vaterliebe Gottes ist ein Kernbestandteil unserer Botschaft.

Aber das eigene, real erlebte Vaterbild ist nun einmal unglaublich tief in uns verwurzelt. Wir übertragen es fast zwangsläufig auf Gott, bewusst oder unbewusst. Das verändert man nicht durch die weit verbreitete Dauerberieselung mit der Rede vom „lieben Gott“. Was wir vielmehr brauchen ist eine echte Herzensbegegnung mit dieser alles übersteigenden Liebe unseres himmlischen Vaters. Dafür müssen wir Raum schaffen in unseren Gemeinden! Gerade in unserer vaterlosen Gesellschaft können wir nicht wirklich erfolgreich Kirche bauen, wenn es in unseren Gemeinden keine Orte gibt, in denen Menschen tiefe, geistgewirkte, heilsame Begegnungen mit dem himmlischen Vater erleben können.

3. Raum für den Heiligen Geist!

Der Heilige Geist allein ist es, der uns die Größe dieser Vaterliebe vor Augen malen kann und in uns einen authentischen Ruf nach dem ‚Abba-Vater‘ weckt (Röm.8,15; Gal.4,6). Mangel an tiefgreifender Begegnung mit der echten, heilenden Vaterliebe Gottes ist immer auch Mangel an Geistesfülle in unseren Gruppen und Gemeinden. Deshalb müssen wir Raum schaffen für das Wirken des Heiligen Geistes!

Das wird auch die Art verändern, wie wir biblische Wahrheiten weitergeben. Paulus sagte: Theologisches Wissen ohne eine Liebesbeziehung zu Gott gibt uns vielleicht ein „Gefühl von Wichtigkeit“. „Doch nur die Liebe baut die Gemeinde wirklich auf.“ (1.Kor.8, 1-2). Selbst völlig korrekte theologische Botschaften sind wirkungslos, wenn die Liebe zu Gott und der Heilige Geist fehlt: „Denn der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig“ (2.Kor.3,6b). Wir sind also zwingend darauf angewiesen, dass der Heilige Geist das tut, was wir mit dogmatischen Argumenten alleine niemals schaffen können: Unseren Mitmenschen die Wahrheit des Evangeliums aufschließen und die menschlichen Gedankengebäude niederreißen (2.Kor.10,4). Aber ohne den Heiligen Geist und ohne eine Liebesbeziehung zum Vater wird Lehre und Dogmatik zur rechthaberischen, arroganten, verletzenden, ja laut Paulus sogar zur tödlichen Keule – und ein Grund dafür, warum so viele Menschen aus „Evangelikalien“ fliehen. C.H. Spurgeon hat es so ausgedrückt: „Ohne den Heiligen Geist wird sogar die Wahrheit zum Eisberg.“

4. Raum für ein freies Gewissen!

Gofi schreibt: „Wir Evangelikalen haben schreckliche Angst davor, ungenügend zu sein. Wir glauben zwar, dass der Christus […] dafür gestorben ist, damit wir frei sein können von der Schuld und der Anklage Satans. […] Aber Hand aufs Herz, wer von uns glaubt das denn wirklich?“ (S. 41) Volltreffer. In meinem eigenen Leben fiel mir auf, wie erfolgreich  der „Verkläger der Brüder“  (Offb.12,10) uns immer wieder einredet, dass Gott uns wegen unserer Schwächen und Fehler zumindest teilweise ablehnen und verurteilen müsste. Niemals hätte ich so wie David beten können: “Der Herr wird mich belohnen, weil ich aufrichtig bin, und mir den Lohn dafür geben, dass ich unschuldig bin” (Ps.18,21). So kann man doch nicht beten! Schließlich machen wir doch alle ständig Fehler und sündigen täglich, oder?

Stimmt schon. Und trotzdem haben wir ein falsches Gottesbild, wenn wir Gott einseitig nur als den strengen Richter sehen, der uns den Segen entzieht bei jedem Mangel, den er an uns findet. Unser Vater ist ein “gnädiger und barmherziger Gott, langsam zum Zorn und groß an Güte” (Jona 4,2, Ps.86,15; 103,8; 145,8; Joel 2,13). Das dürfen wir ganz neu begreifen lernen! Wenn schon David sich so völlig ohne Scham auf Gottes uneingeschränkte Gunst verließ, wie viel mehr können wir das tun, da doch Jesus doch für unsere Schuld gestorben ist und gesagt hat: “ES IST VOLLBRACHT!” Weil ER unsere Schuld bezahlt hat dürfen wir tatsächlich fröhlich, scham-los und mit freiem Gewissen die herrliche Freiheit der Kinder Gottes (Röm.8,21) genießen!

Aber das ist leichter gesagt als getan. Unsere Scham und unsere Angst vor Ablehnung sitzt tief. Deshalb war es für Paulus ein zentrales Ziel, „dass alle Christen von der Liebe erfüllt sind, die aus einem reinen Herzen kommt, aus einem guten Gewissen und aufrichtigem Glauben.“ (1.Tim.1,5) Ein unbelastetes, angstfreies Gewissen muss auch heute das Ziel unserer Unterweisung in den Gemeinden sein, damit Menschen nicht länger unter der Last von Selbstanklagen und Ablehnungsängsten die Flucht aus Evangelikalien antreten müssen.

5. Raum für Gnade statt Leistung!

Gofi schreibt: „Ich habe die Bibel so verstanden: Gott hat dich aus Gnade errettet, und jetzt beweise gefälligst, dass du es wert gewesen bist! Ich arbeite mir also den Arsch ab, bis es nicht mehr ging.“ Leistungsdenken ist tief in unserem westlichen Lebensstil verwurzelt – so tief, dass wir es fast unvermeidlich auch auf unsere Gottesbeziehung übertragen. Dabei hat Jesus klar gelehrt, dass er keine Leistung sondern Frucht in unserem Leben sehen möchte. Frucht können wir nicht durch noch so viel Leistung aus dem Boden zerren, wir können sie nur wachsen lassen. Unser „Job“ ist nicht in erster Linie, wie Marta hart zu arbeiten sondern wie Maria die innige Nähe zu Jesus zu suchen. Wer in ihm bleibt, der bringt Frucht (Joh.15,4-5). Bei ihm dürfen wir uns so sehr beschenken lassen, dass wir überfließen und selbst zu einer Quelle lebendigen Wassers werden (Joh.4,14). Wir müssen, wir können, wir dürfen Gott nichts beweisen, im Gegenteil: Was er sich von uns wünscht ist nur unsere Bereitschaft, ihm unsere Unfähigkeit einzugestehen und uns von ihm verändern, erneuern und mit unverdienter Gnade beschenken zu lassen. Wir müssen lernen zu beten: “Herr, gib mir nicht was ich verdient habe sondern beschenke mich unverdient aus Deinem Überfluss!” Solange wir Gott gegenüber im Leistungs- statt im Gnadenmodus unterwegs sind  bleiben wir Getriebene statt Beschenkte. Dann wird die Burnoutwelle weiter auch durch Evangelikalien schwappen und Menschen in die Flucht schlagen.

6. Raum zum Klagen und zornig sein!

Gofis Buch enthält einen derben Liedtext, „der eine Art Rachephantasie war, was zu meinem bisherigen moralischen Koordinatensystem zwar nicht passte, sich aber verdammt gut anfühlte und gleichzeitig Gewissensbisse nach sich zog.“ (S. 58) Die Frage ist in der Tat: Darf man so etwas als Christ? Wütend und zornig sein? Hiob hat sich nicht um diese Frage gekümmert. Er klagte Gott massiv an. Er hielt ihn für ungerecht und unterstellte ihm, kalt und zynisch zu sein: “Er vernichtet die Schuldlosen ebenso wie die Schlechten. Er lacht über die Angst der Unschuldigen.” (Hiob 9,22b+23) Das spannende ist: Gott hat diese Vorwürfe Hiobs weder zensiert noch ihn dafür verstoßen. Gott konnte damit umgehen, dass Hiob seine negativen Gefühle offen und ehrlich zum Ausdruck bringen und “los werden” wollte: “Darum will ich nicht schweigen, sondern aussprechen, was mich quält. Meine Seele ist voll Bitterkeit, ich muss meine Klagen loswerden.” (Hiob 7,11) Mir zeigt das: Gott schätzt Ehrlichkeit! Das ist ihm allemal lieber, als eine aufgesetzte Geistlichkeit, die nicht von Herzen kommt.

Natürlich sollte sich unsere Wut und Klage nicht auf Dauer so verfestigen, dass sie sich in Härte und Bitterkeit verwandelt. Aber sie unter den Teppich zu kehren führt erst Recht in die Bitterkeit. Deshalb braucht es Raum zum Klagen und zornig sein in unseren Gemeinschaften. Öffentliche Treffen sind dafür natürlich nicht der richtige Ort. Aber in der Seelsorge und Gesprächen mit Freunden muss es möglich sein, sich mal richtig „auszukotzen“. Wir haben die Aufgabe, anhand der vielen „Wut-Texte“ und Klagelieder in der Bibel zu lehren, dass wir Gott unsere Wut durchaus auch mal ungefiltert vor den Latz knallen dürfen. Schade, dass das bis heute so wenig bekannt ist und deshalb Menschen aus Evangelikalien fliehen müssen, um anderswo ihre Wut zu verarbeiten und los zu werden.

Mein Reisefazit…

…lautet deshalb: Wir sind nicht etwa zu biblisch in „Evangelikalien“, wie einige liberale Christen im Hossa-Land meinen. Im Gegenteil: Wir sind noch viel zu wenig biblisch! Denn die Bibel lädt uns ja herzlich und wortreich ein, alle diese Räume zu öffnen, zu betreten und einzunehmen! Höchste Zeit, dass wir es tun!

Lieber Jay, lieber Gofi, falls ihr das je lesen solltet, noch ein persönliches Wort an euch: Vielen Dank für eure Offenheit! Nein, eure Gedankenreisen machen mir keine Angst, genauso wenig wie mein Glaube an einen liebevollen, aber eben auch heiligen Gott, der (zum Glück) auch ein gerechter Richter ist und eben nicht zu allem einfach nur „Schwamm drüber“ sagt. Mein Vertrauen zur Bibel, mein fröhliches Festhalten an der Sühnetodlehre und vielen anderen „bibeltreuen“ Positionen, an denen ihr euch so abarbeitet, hat gute Gründe und fühlt sich eben so gar nicht „kalt, öde und lebensfeindlich“ an sondern frei, weit, warm, geliebt, getragen, voller Hoffnung und Zuversicht. Ich liebe es!

Ihr seid aus Evangelikalien ausgezogen, einem Zerrbild von dem, was Glaube und Kirche sein soll. Das verstehe ich. Aber ich finde: Wegen Zerrbildern das Vertrauen in die Verlässlichkeit der Bibel über Bord zu werfen ist keine Lösung. Ich glaube nicht, dass es da ein gutes Land gibt hinter der nächsten Ecke unserer menschlichen Gehirnwindungen. Wenn Gottes Wort nicht mehr verlässlich gilt bleibt am langen Ende doch nur der Abgrund menschlicher Selbstüberschätzung. Die grünen Auen und das frische Wasser finde ich dort, wo ich jedem Wort des guten Hirten kindlich und unverschwurbelt vertrauen kann. Er hat doch immer noch die viel größere Perspektive als jeder postmoderne Stuhlkreis, in dem wir uns unser eigenes hippes Gottes- und Weltbild nach persönlichem Gusto zusammenstricken. Vielleicht entdeckt ihr das auf eurer Reise ja doch wieder ganz neu. Ich würde mich sehr freuen.

Siehe auch dieser Artikel zu Hossa Talk: Die Krise von Wahrheit und Irrtum – und welche Folgen das für die Kirche hat

Zu den in diesem Artikel beschriebenen “Räumen” wurden folgende Artikel veröffentlicht:

14 Gedanken zu „6 Gründe für die “Flucht aus Evangelikalien”

  1. Lieber Markus Till,

    hier kommt ein Dank für den schönen Artikel über uns aus der Hossa-Talk-Stube (bzw. -Wüste ;-)).

    Ich freue mich, dass Du Impulse von uns aufgreifst und innerhalb der eigenen Position nutzbar machst. So verstehe ich jedenfalls Hossa Talk. Gar nicht als Gegenentwurf, sondern als Denk- und Glaubensangebot, im gemeinschaftlichen Ringen um Glauben, Hoffnung, Liebe. Und ja, natürlich auch um “die Wahrheit”. Dass Du andere Grenzen zieht als wir, ist doch völlig OK, ja sogar folgerichtig. Du hast Dich mit uns auf die Reise gemacht, das rechne ich Dir erst mal hoch an (ist ja auch unbequem). Und auf Deine Weise schätzt Du, was wir tun. Yippie. Darüber freue ich mich. Sicher, an vielen Punkten vertreten wir unterschiedliche Positionen. Aber Dein Unbehagen drückst Du charmant und trotz allem wohlwollend aus. Danke dafür. Und auch wenn wir eine unterschiedliche Bibelhermeneutik vertreten, glaube ich tatsächlich, dass wir uns in gar nicht wenigen Punkten treffen würden. Ich kenne Dich ja nicht persönlich, aber Dein Artikel spricht dafür, dass uns ähnliche Dinge des Glaubens an Jesus wichtig sind. Ist doch toll, dass da ein Dialog entsteht.

    Danke auch für Deine persönlichen Worte an uns. Wobei mir hier scheint, dass Du nicht lange genug mit uns auf der Reise warst. Jedenfalls sprechen mich Deine angedeuteten “Abgrenzungen” zu uns nicht an. Die Verlässlichkeit der Bibel ist mir zB alles andere als unwichtig. Und ich glaube auch nicht, dass ich sie über Bord werfe, selbst wenn ich “Verlässlichkeit” anders verstehe als Du. Ich glaube übrigens genauso wenig wie du (ok, vielleicht nicht ganz so vehement wie Du), dass es da ein gutes Land gibt hinter der nächsten Ecke unserer menschlichen Gehirnwindungen. Das ist ja gar keine Frage. Jesus Christus ist das gute Land, nicht mein oder Dein Nachdenken über ihn. Und natürlich auch nicht irgendeine Bibelstellenschlacht. Ach, und natürlich sitzen wir auch gar nicht den ganzen Tag in irgendwelchen postmodernen Stuhlkreisen… 😉

    Und ich freue mich, dass sich dein fröhliches Festhalten an „bibeltreuen“ Positionen frei, weit, warm, geliebt, getragen, voller Hoffnung und Zuversicht anfühlt. Hallelujah! Ist doch super. Und das meine ich völlig ernst! Mein Problem ist gar nicht, dass irgendwer “bibeltreue” Positionen hochhält. Mein Problem beginnt eher bei der Frage, was passiert, wenn Christen dies nicht mehr tun können… Da wird “Evangelikalien” dann eben oft ungemütlich. Und auch wenn Du uns das vielleicht nur schwer abnimmst, in gewisser Weise kann man auch Hossa Talk als eine Art apologetische Versuchsreihe verstehen. Ich tue das jedenfalls… Aber das nur am Rande.

    Wie gesagt, danke für den fairen Artikel. Und ich glaube tatsächlich, dass im Gespräch miteinander, sich Manches noch abhobeln könnte… Was mich zu der Frage bringt: Haste Lust? Mal als Gast zu Hossa Talk zu kommen?

    Viele Grüße,
    der Jay (von Hossa Talk)

    • Hallo Jay, Du Held meiner Jugend! ich war ein großer Nimm Zwei-Fan und ich vergesse nie euer geniales Konzert in unserem beschaulichen Weil im Schönbuch (inkl. Bekehrungsaufruf 🙂 ). Vielen Dank für Deine Rückmeldung und die Einladung zum Hossa-Talk. Ich muss mal überlegen, ob ich mich euch rhetorisch gewachsen fühle 🙂 und melde mich auf jeden Fall diesbezüglich nochmal bei euch. Ja, es wäre sicher spannend, die inhaltlichen Differenzen durchzusprechen. Wie ich geschrieben habe, halte ich die Kritik am „ungemütlichen Evangelikalien“ teilweise für berechtigt, wo Bibelsprüche lieb- und geistlos zur tödlichen Keule gemacht werden. Allerdings dürfen wir nicht vergessen: Auch Jesus, Paulus und all die anderen biblischen Autoren konnten sehr, sehr ungemütlich werden, wenn falsche Lehren und falsche Botschaften verbreitet werden. Ich finde deshalb, dass es ruhig auch mal rumpeln darf, wenn es um die Sache geht, denn schließlich geht es ja einfach um sehr, sehr viel. Nicht umsonst feiern wir gerade, dass Martin Luther in Bezug auf falsche Lehren der damaligen Zeit fürchterlich ungemütlich war. Und Du machst das ja auch nicht anders wenn Du z.B. sagst, dass Du die Argumente für die Sühnetheologie „schei…“ findest 😉 . Also ich freue mich auf jeden Fall über weiteren konstruktiv-kritischen Dialog – vielleicht ja sogar mal auf eurem Hossa-Talk-Sofa…

      • Ja, es darf ruhig rumpeln. Das sehe ich auch so. Und ja, wir poltern natürlich auch ganz gerne los. Und ja, man kann, darf und soll ruhig deutlich machen, wo man Dinge anders sieht und sich auch abgrenzen, wenn man das für nötig hält (wie gesagt, das machen wir ja auch). Gleichzeitig darf man sich aber auch ruhig darüber freuen, wenn man sich an anderen Stellen einig ist, oder? Und wie du sicher in unserem Gespräch mit Holger gehört hast, geht es uns in der konkreten Auseinandersetzung mit Brüdern und Schwestern anderer Hintergründe oder Positionen mehr um das Kennen- und Verstehenlernen, als darum, die Messer zu wetzen. Ende November kommt ja unser Talk mit Johannes Hartl, da ist das ganz ähnlich gelaufen. Von daher, nur Mut, Hunde die bellen beißen nicht. 🙂 Wir freuen uns, von Dir zu hören.

        LG,
        der Held Deiner Jugend 🙂

  2. Hey, danke für eure Selbstkritik. Einem “Evangelikalen Flüchtling” wie mir tut es sehr gut, das zu lesen, da ich sonst aus der Ecke wenig bis nichts Freundliches mehr höre. Viele haben Angst vor mir, wenn ich meine Klappe nicht halten kann und anfange, zu diskutieren und Argumente und Fragen bringe, auf die man keine passende, -sorry- schnelle Antwort hat. Oder man wird aggressiv und bedroht mich mit der Hölle (was weder Hand noch Fuß hat, denn ich werde Jesus nicht verlassen, darum, falls es eine Hölle gibt und wie auch immer sie aussieht, werde ich nach evangelikaler Sichtweise nicht hinein kommen.) Oder mir wird gesagt, ich sei selbst schuld, weil ich zu wenig Glauben hätte, zu machtlos beten würde, zu… . Da tut es sehr gut, zu lesen, dass sich auch Leute tatsächlich mit unseren Gründen auseinander setzen und sie teilweise sogar nachvollziehen können. Danke dafür. Gottes Segen euch.

    P.S.: Ich bin über Hossa Talk auf diesen Artikel gekommen. In your face! 😀

    • Das freut mich sehr, dass Dir der Artikel gut getan hat. Danke für die Rückmeldung! Hab bitte Gnade mit den evangelikalen Geschwistern, die sich schwer tun und eher ängstlich reagieren auf schwierige kritische Fragen. Nicht Jeder ist ein Denker und hat Lust, sich mit komplizierten theologischen Fragen auseinanderzusetzen. Und ich denke: Das muss auch nicht Jeder. Für manche ist es voll O.K., sich einfach getrost voll und ganz auf Jesus und die Bibel zu verlassen, ohne über die “Details” nachzudenken. Aber Leute wie Du und ich, wir brauchen das eben. Schön, wenn der Artikel dazu beiträgt, dass Gesprächsebenen entstehen. Und ich hoffe, dass wir Evangelikalen rasch lernen an den Punkten, die ich beschrieben habe (wobei ich gute Beispiele kenne, wo das m.E. schon jetzt ganz gut funktioniert). Ich bin und bleibe dran. 🙂

  3. Ein sehr schöner Artikel. Ich bin Hossa-Talk-Fan und Christ. Man könnte mich als liberal bezeichnen, obwohl ich solche Kampfbegriffe nicht mag. Ich war selber eine Zeitlang evangelikal und mein Abschied aus dieser Szene hatte seine Gründe. Einer davon war das fundamentalistische Bibelverständnis. Damit meine ich, die Bibel als wortwörtlichen Tatsachenbericht zu verstehen. Das tue ich nicht mehr, nehme sie aber trotzdem ernst. Dein Artikel hat mich sehr gefreut. Denn er trägt zum Dialog bei, ist freundlich, konstruktiv und wertschätzend. Mehr davon! Genial fand ich diesen Teil: “Gott hat diese Vorwürfe Hiobs weder zensiert noch ihn dafür verstoßen. Gott konnte damit umgehen, dass Hiob seine negativen Gefühle offen und ehrlich zum Ausdruck bringen und „los werden“ wollte: „Darum will ich nicht schweigen, sondern aussprechen, was mich quält. Meine Seele ist voll Bitterkeit, ich muss meine Klagen loswerden.“ (Hiob 7,11) Mir zeigt das: Gott schätzt Ehrlichkeit! Das ist ihm allemal lieber, als eine aufgesetzte Geistlichkeit, die nicht von Herzen kommt.” 100 Punkte, Markus. Und nicht nur Ehrlichkeit vor Gott ist wichtig, sondern auch Ehrlichkeit unter Geschwistern. Leider gibt es nicht wenige evangelikale Gemeinden, wo sehr stark heruntergeputzt (“in Liebe ermahnt”) wird und man sich gar nicht mehr traut, sich gegenseitig die Sünden zu bekennen.

    Danke nochmals, Patrick Rabe

  4. Hey Markus, erst mal Respekt für deinen gut ausgewogenen Artikel.
    ich wollte dich auch ermutigen, mal das Gespräch mit den Hossa Jungs zu suchen.
    Die beissen schon nicht und vieleicht ist es für den einen oder anderen aus der evangelikalen Ecke auch eine Ermutigung.
    Man kann eben doch konstruktiv miteinander streiten und Posittionen stehen lassen.
    Zum Schluss muss ich doch noch etwas richtig stellen und bitte nicht persönlich nehmen: Dein Argument dass man sich in menschlicher und postmoderner Selbstüberschätzung über Gott und die Bibel stellen würde, wenn mann bestimmte Dogmen in Frage stellt, ist so nicht richtig.
    Wenn du in die Bibel (Paulus vs. Petrus, Jakobus) und die Kirchengeschichte schaust, dann wurde schon immer miteinander gerungen und gezweifelt und gestritten. Und das ist auch richtig so. Leider haben es die Christen dann immer verstanden, die Ketzer zum Schweigen zu bringen. Erst die Scheiterhaufen, heute dann die persönliche Ächtung durch die lieben Mitgeschwister und die Gemeinden.
    Viel zu oft geht es da eben nicht um das Evangelium und die Befreiung durch Jesus sondern um Macht und Rechthaberei.
    Dabei könnten wir als Christenheit echte gesellschaftsrelevante Botschaften verkünden, die positiv in die Zukunft wirken.(Hier sollte man auch noch mal ganz genau auf die Propheten im AT schauen). Da da aber nicht passiert ist, müssen den Job eben die Atheisten, Frauenrechtler, Linke und LGBTler tun.
    Ok, ein bisschen plakativ und über den Kamm geschert aber so ungefähr denk ich mir das.

    • Vielen Dank für Deine Gedanken! Hm, das geht mir aber ein wenig Durcheinander. Ja, es gibt Rechthaber und Machtmenschen auch unter den ganz Frommen. Hab selber schon sehr drunter leiden müssen. Aber die gibt es anderswo auch. Und ja, es gibt dunkelste Seiten in der Kirchengeschichte mit Ketzerprozessen und Scheiterhaufen. Und ja: Paulus hat sich auch mal mit Petrus gefetzt. Trotzdem hat sich Petrus vollständig zu den Schriften von Paulus gestellt (2. Petrus 3, 16). Und sogar Prof. Härle von Worthaus legt dar, dass Paulus und Jakobus sich in Wahrheit nicht widersprechen sondern sehr schön ergänzen. Überhaupt kann ich keinerlei Bibelkritik innerhalb der Bibel erkennen. Für Jesus und die Apostel galt das Schriftprinzip: Habt ihr nicht gelesen? Das hat als Argument genügt. Für sie war die Schrift absolute Autorität. Und ich finde: Dieses Schriftprinzip dürfen wir nicht aufgeben, wenn wir nicht in grenzenloser (und dadurch letztlich belangloser) Beliebigkeit enden wollen. Und da habe ich in den Hossa-Talks Passagen gehört, in denen genau das gesagt wird: Mit Bibelstellen allein könne man nichts begründen. Daran stimmt: Man kann Bibelstellen auch falsch (sogar als tödliche Keulen) benutzen. Niemand kann für sich beanspruchen, dass er die Bibel genau vollständig richtig auslegen kann. Um die richtige Auslegung sollen wir ruhig ringen und streiten. Aber wenn nicht nur die Auslegung der Bibel sondern die Bibel selbst in Frage gestellt wird, dann haben wir Christen schnell keine wirklich erkennbare Botschaft mehr für die Gesellschaft, weil wir so pluralistisch werden, dass Außenstehende nicht mehr verstehen, für was wir eigentlich stehen außer für ein paar allgemeine Gutmenschensätze, die nicht mehr speziell christlich sind. Genau das sehe ich jetzt schon als das größte Problem der evangelischen Kirche. Die Menschen stören sich nicht mehr an ihrer Botschaft. Sie finden sie schlicht belanglos. Verstehst Du, was ich meine? Sei herzlich gegrüßt, Markus

  5. Hallo Markus,
    danke für deinen Kommentar. Ja, manchmal wühlt mich etwas so sehr auf, dass es etwas durcheinander geht. 🙂
    Ich glaube trotzdem dass es nicht nur ein Problem der EKD ist, sondern der gesamten Christenheit.
    Bei der EKD ist ein verbindender Glaube eher nicht zu erkennen, sie vereint aber auch viele verschiedene Strömungen.
    Bei den frommeren Kreisen, sowohl in den Landeskirchen als auch in den Bekenntnis- oder Freikirchen zieht man einzelne Bibelpassagen heran, um daraus ein moralisches Gebäude zu zimmern. So und so hat sich ein Christ im Gegensatz zur Welt zu verhalten. Dabei finde ich, dass diese moralischen Lehren im einzelnen gar nicht verkehrt sein müssen, nur wenn man den Glauben einzig in diese Enge bringt, wird es schwierig.
    Im Gegensatz dazu glaube ich, dass die Bibel die Geschichte vom Gott mit den Menschen erzählt, der die Welt vereint in seiner Liebe.
    Dabei gab es eben verschiedene Modelle und auch Gott selbst hat dazugelernt, wenn ich das so behaupten darf.;-)
    Das ist für mich aber nicht die Infragestellung der Bibel, sondern schlicht eine andere Perspektive.
    Wie das im einzelnen ausieht, das ist Veränderungen unterworfen. Und da glaube ich, können wir uns schon fragen, wie das für uns heute im 21. Jahrhundert aussieht.
    Und meine Hoffnung ist, dass wir nicht neue Gräben auffreisen, sondern miteinander in den Dialog treten, um dann auch in die Welt hineinzusprechen.

    • Danke für Deine offenen Gedanken! Steiler Gedanke, dass Gott dazulernt… Mich beschäftigt beim Bibellesen mehr der Gedanke, was ich dazulernen kann. 😉 Ich bin mir ehrlich gesagt sicher: Eine Kirche oder Gemeinde, die diese Auslegungsprinzipien zugrundelegt, die Du hier darlegst, landet zwangsläufig genau da, wo auch Du die EKD jetzt siehst: “Ein verbindender Glaube ist eher nicht zu erkennen.” Stimmt. Denn da gibt es m.E. einfach keine klaren Fix- und Orientierungspunkte mehr. “Liebe” allein reicht nun einmal nicht, denn wir müssen auch wissen, wie sich Gottes Liebe ausdrückt. Wenn ich offen sein darf: Ich finde, dass Du die Bibel selbstverständlich in Frage stellst. Denn Deine Perspektive auf die Bibel (verschiedene sich widersprechenden Modelle, die sich im Lauf der Zeit ändern) hat die Bibel selbst nun einmal nicht. Sie hat ganz im Gegenteil immer den Anspruch, Gottes ewige offenbarte Wahrheit zu sein. Nur mal ein Beispiel von Paulus aus meiner aktuellen Bibellese: “Ich bin ein Apostel von Jesus Christus, dazu berufen, die Wahrheit zu verbreiten.” (Titus 1,1) Paulus hatte den Anspruch: Genau diese Botschaft, die er verbreitet, führt zum ewigen Leben. Und er sagte sehr uncharmant: “Wenn jemand euch etwas als Evangelium verkündigt entgegen dem, was ihr empfangen habt: Er sei verflucht!” (Gal. 1,9) Für Paulus war seine Botschaft eben nicht ein mögliches unter verschiedenen denkbaren Modellen. Er hielt seine Botschaft für die einzige Wahrheit! Ich finde deshalb, man kann mit der Botschaft von Paulus ehrlicherweise nur auf 2 Weisen umgehen: Entweder war er ein arroganter Spinner, der geglaubt hat, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben. Oder er hat wirklich von Gott die einzige Wahrheit empfangen, die zum Leben führt, und er warnt deshalb zurecht und aus Liebe so intensiv davor, seine Botschaft abzuwandeln. Einen Mittelweg lässt uns die Bibel m.E. einfach nicht, es sei denn wir spielen Bibelpuzzle und schneiden die unangenehmen Stellen einfach raus (was nur geht, wenn wir uns über die Bibel stellen und mit unserem Verstand entscheiden, was wir als wahr akzeptieren wollen und was nicht). Bei der Botschaft Jesu und vielen weiteren biblischen Autoren könnte ich Dir den gleichen exklusiven Wahrheitsanspruch nachweisen. C.S. Lewis ist übrigens genau wegen diesem exklusiven Wahrheitsanspruch Christ geworden. Er sah nur diese Alternative: Entweder war Jesus mit seinem exklusiven Wahrheitsanspruch ein Spinner oder er war wirklich Gott. Die Variante “Spinner” hielt C.S. Lewis angesichts der extrem tiefgründigen Lehre Jesu für ausgeschlossen. Daher sah er keine andere Alternative mehr als Christ zu werden… 🙂 Und auch ich finde das ein äußerst überzeugendes Argument für die Verlässlichkeit der Bibel.
      Ich finde es übrigens genau wie Du hochproblematisch, “einzelne Bibelpassagen”zu benutzen, um ein “moralisches Gebäude” zu zimmern. Wir brauchen immer die ganze Bibel. Sie muss sich selbst auslegen. Und wir brauchen Christus als die Mitte der Schrift (aber bitte nicht wie bei Prof. Zimmer als Kritiker der Schrift, denn das war er definitiv nicht!), um die Bibel zu verstehen. Und wir brauchen den Heiligen Geist, sonst bleibt die biblische Botschaft toter Buchstabe. Wo der Geist fehlt, da wird es eng. Wo er weht, da ist Freiheit, aber nicht eine Freiheit, uns selbst die Regeln zu definieren sondern die Freiheit, Gott zu finden, in seinen Wegen zu gehen und dadurch heil zu werden. So sehe ich das. Danke, dass ich Dir meine Perspektive schildern durfte. Ich hoffe, Du hast es irgendwie nachvollziehen können auch wenn Du meine Meinung nicht teilst. Ich wünsch Dir alles Gute!

  6. Hallo Markus,
    ich finde es ebenfalls sehr wertvoll in diesem Dialog zu stehen. Es nützt ja niemandem wenn wir uns in unsere gegenseitigen Wagenburgen verschanzen.
    Und da sehe ich grade viele Möglichkeiten durch Blogs und Podcasts. Diese Meinungsvielfalt ist gut und bietet viele Möglichkeiten zum Lernen und gegenseitigen Verständnis.
    Ich finde es gut von dir, dass du deine Standpunkte auch so klar darlegst, ich verstehe dich so dass du die Bibel ebenfalls als Lerngelegenheit begreifst.Manchmal habe ich nur den Eindruck, es wäre ein Abhaken von einer Liste. Diese Wahrheiten glaube ich und fertig. Dabei verschränke ich meine Beziehung auf mich selber und Gott. Aber das Christentum ist für mich auch eine Beziehungsreligion und wie gehe ich dann mit meinen Mimenschen und abweichenden Lebensentwürfen um? Beurteile ich sie auf Grundlage meines moralischen Verständnisses (Liebe den Sünder-hasse die Sünde) Das glaube ich nicht. Weil Gott keinen Selbsthass kennt, sollen wir Menschen das auch nicht. Jeder von uns hat seine Schattenseiten. Ich verstehe meinen Gott so, dass er mich liebt und annimmt und ich meine beiden Seiten (erlöste-Schattenseite) in ihm und auf dieser Welt vereinen kann und soll. Da ist im christlichen Denken oft eine dualistische Perspektive (wir sind gut-die Welt ist schlecht). Dann dürfte es allerdings auch keine positiven Aspekte aus der Welt geben.
    Verstehe ich dich richtig, dass du als ersten Punkt du die christliche Wahrheit mit der ewig gültigen Wahrheit der Bibel verknüpfst?Aber stelle ich die Wahrheit über Gott und Jesus in Frage, wenn ich sage, die Bibel spricht zu mir, auch wenn ich nicht alles wortwörtlich glaube? Da glaube ich liegt ein wahrer Kern drin. Die Bibel spricht von dem Liebesstrom Gottes und das am Ende alles neu wird, daran glaube ich.
    Für mich ist die Bibel eher ein Gesprächsanfänger als ein Beender. Viele verschiedene Autoren haben sich Gedanken über Gott und die Menschheit gemacht, aber was sagt uns dass als Menschen im 21. Jhr.? Deswegen sind solche Diskurse wichtig, weil wir heute andere Themen haben( manche sind auch gleich) als die Menschen im 1.Jhr.
    Und muss ich Paulus wortwörtlich glauben, nur weil er einer der wichtigeren Apostel der ersten Christengeneration war? Er hat auch die Sklaverei nicht verdammt, aber sind in Christus nicht alle frei? Das ist für mich ein gutes Beispiel wie eine Sache kulturgebunden ist und sich über die Zeit verändert hat.
    Hier war Paulus auch ein Kind seiner antiken Zeit und das hat sich natürlich auch auf sein Glaubensverständnis ausgewirkt. Deswegen hinterfrage ich solche Aussagen mit Jesus und komme zu anderen Ergebnissen.
    Sonst können wir alle Predigten, Auslegungen usw. die danach kamen, vergessen. Steht ja schon alles in der Bibel und Paulus hat es gesagt. Das ist dann die letztgültige Wahrheit.
    Deswegen glaube ich und viele andere, dass die Bibel durchaus inspiriert ist und wir ihr vertrauen dürfen.Das wir uns trotzdem Fragen für die Gegenwart stellen dürfen, zweifeln dürfen und bestimmte Sachen auch verwerfen dürfen.
    Immer im Blick auf Jesus natürlich, dessen Blick auch immer mehr auf die ausgestoßenen Sünder gerichtet war, als auf die Heiligen. Leider haben die Gemeinden dieses Handeln nicht übernommen, sie sind eher ein Club der Bekehrten geworden als wirklich in der Welt zu sein wie Jesus.
    Wenn wir in die Bibel schauen, sehen wir schon in Genesis 1 wie Gott vom gütigen Schöpfer zum (scheinbar) unbarmherzigen rachsüchtigen Gott wird, der die Menscheit verflucht und aus dem Paradies ausschliesst. 2.+3. Beispiel Sinflut und Sodom & Gomorrha. In beiden Fällen ändert Gott seine Meinung.
    Das größte Beispiel ist natürlich Jesus. Plötzlich hat Gott einen Gnadenplan für die Menschheit (oder die Juden). Jetzt könnte man natürlich der Meinung sein, dass der Gott das schon immer geplant hat. Oder man sieht die Entwicklungslinien, wie Gott mit den Menschen plant und dabei immer ihr Verständnis berücksichtigt. Da sehen wir im AT den Exodus, das Königreich Israel, da passt der Staatsgott Jhwe besser.
    Später unter römischer Besatzung, hatten viele Juden Endzeiterwartungen.
    da trat Jesus mit seinen teilweisen apokalyptischen Lehren auf den Plan und mit seinem Tod änderte sich für seine Anhänger plötzlich alles.
    Dann ging nicht die Welt unter, sondern nur der Tempel. Und schon wieder änderte sich die Linie, das Christentum passte sich an die antike Welt an. Und so geht es eigentlich bis heute weiter (Mittelalter-Moderne-Postmoderne).
    Deinem letzten Absatz stimme ich voll zu. Ich danke Gott auch für die Freiheit und den HG auch wenn wir unterschiedliche Perspektiven haben.
    Ich hoffe, meine Gedanken kommen einigermassen nachvollziehbar rüber und wir können uns weiterhin als Geschwister sehen 🙂

    • Vielen Dank für Deine Gedanken! Zu Deinen Beispielen, aufgrund derer Du die Glaubwürdigkeit der Bibel in Frage stellst, gäbe es viel zu sagen und zu antworten. Aber darf ich Dir stattdessen 2 Fragen stellen: 1. Wenn Du der Bibel nicht wortwörtlich glaubst, wie entscheidest Du denn dann, welchen Worten der Bibel bzw. welchen Worten Jesu Du glaubst und welchen nicht? Und 2.: Hast Du Dich auch schon mal mit den Argumenten befasst, die nicht dagegen sondern dafür sprechen, dass die Bibel insgesamt wirklich absolut vertrauenswürdig ist? Einiges dazu gibt es auch in diesem Blog nachzulesen, z.B. unter http://blog.aigg.de/?p=3176

  7. Liebe und Wahrheit. Das ist doch das Problem worauf es hinaus läuft. Das Eine ist ohne das Andere nichts. Wahrheit ohne Liebe führt zu einer gesetzlichen Gemeinde, wo Verbote und Tabus im Vordergrund stehen mit einer starken “Sittenpolizei”. Liebe ohne Wahrheit, da verliert der Glaube seinen Inhalt, seine Lehre. Gott entschwindet langsam aus seiner Mitte und der Mensch breitet sich darin aus. Folge ist dann ein Siechtum des Glaubens, der langsam abstirbt.

    Es ist nicht ganz einfach Liebe und Wahrheit zu leben. Es ist ein Spannungszustand. Da kann es leicht passieren in eine Richtung abzudriften. Bringt aber beides von Gott weg.

    Ich muß jetzt aber auch die bibeltreuen Christen, die sich mit bestimmten Dingen nicht auseinandersetzen wollen, in Schutz nehmen. Es sind teilweise einfache Gemüter. Der Zeitgeist ist schon sehr gerissen und hat sehr gute Argumente für die Sünde. Meist bleibt denen dann nicht viel übrig, als die Schotten dicht zu machen. Das darf man denen nicht so übel nehmen. Dann sollte man sich doch etwas geistig beweglichere Gesprächspartner und den Bibeltreuen suchen. Die haben auch das Zeug dazu sich mit solchen Sachen auseinanderzusetzen.

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