Lau oder leidenschaftlich?

Warum brennen manche Christen so leidenschaftlich für Jesus und sind so verlässlich und verbindlich in der Gemeinde aktiv? Und warum sind andere eher passiv und unverbindlich? Dazu ein kleines Gleichnis:

Das Gleichnis von den zwei Schuldnern

Ein König lebte an seinem Hof in großem Frieden und Harmonie. Aber sein Volk war sehr arm. Fast alle Bauern waren durch Schulden in die Abhängigkeit von reichen Gutsherren geraten und sie mussten ihnen dienen wie Sklaven.

Eines Tages kam ein sehr armer und geschundener Bauer an den Hof des Königs. Er fiel vor dem König auf die Knie und klagte ihm sein Leid: „Erbarme dich, mein König“, rief  er, „bei der letzten Dürre musste ich viele Schulden machen. Der Gutsherr nahm uns unser ganzes Land weg. Mich machte er zum Sklaven, meine Tochter machte er gegen ihren Willen zu einer seiner vielen Frauen, wir haben kaum etwas zu essen und jetzt bin ich auch noch krank geworden und kann den Arzt nicht bezahlen.“ „Bezahlt denn nicht dein Gutsherr den Arzt?“, fragte der König. „Eher würde er mich sterben lassen“, antwortete der Bauer.

Da ging es dem König durchs Herz und er sprach: „Höre, was ich tun will: Ich will dir alle deine Schulden bezahlen und ich will dich, deine Familie und auch deine Tochter aus der Hand des Gutsherren freikaufen. Dann will ich dich zu den besten Ärzten des Landes schicken und du sollst gesund werden. Und noch mehr will ich tun: Ich will dich und dein ganzes Haus in meinen Palast aufnehmen und ihr sollt bei mir wohnen und mir dienen.“ Da weinte der Bauer vor Freude über die Gnade, die der König ihm erweisen wollte. Aber dann sprach er: “Wie kann ich an deinen Hof kommen? Ich bin ein einfacher Bauer und weiß nicht, wie man sich an deinem Hof verhält! Ich würde den Frieden in deinem Haus stören.“ Da antwortete der König: „Ich werde Lehrer für dich geben, dass sie dich unterweisen, wie du dich in meinem Haus verhalten sollst. Und ich will dir eine Ausbildung zuteil werden lassen. Du sollst lernen, wie man Krieg führt und du sollst ausziehen mit meinem Heer und für mich kämpfen und wenn du treu bist, sollst du bald ein Heeroberster werden und du sollst viel Ehre haben im ganzen Land.“

So tat der König nach seinem Wort und der einst so arme Bauer wurde bald bekannt im ganzen Land als ein tapferer und treuer Kämpfer für den König. Und niemand war so mutig und so aufopferungsvoll wie er, denn er liebte den König von ganzem Herzen. Und der Bauer wurde ein enger Vertrauter des Königs, der täglich bei ihm ein und ausging.König und Knecht

All das gefiel dem König sehr. Und er dachte in seinem Herzen: Ich will noch mehr Leuten ihre Schulden bezahlen und sie freikaufen und sie zu mir holen, damit sie mich so lieben und mir so treu dienen, wie er es tut. Und er schickte Boten ins ganze Land, die ausriefen: “Wer verschuldet ist, der komme zum Hof des Königs! Und der König will eure Schuld bezahlen und euch freikaufen und ihr sollt am Hof des Königs seine Diener werden!“ Aber die Reaktion des Volkes war nicht so, wie der König sich das erhofft hatte. Viele waren einst stolze Bauern gewesen und sie wollten es sich jetzt nicht eingestehen, dass sie arm und verschuldet waren. Andere hatten Angst, dass es ihnen am Hof des Königs vielleicht noch schlimmer ergehen könnte als bei ihrem Gutsherren. Einer jedoch dachte in seinem Herzen: Das hört sich gut an. Ich könnte es mir am Hof des Königs gut gehen lassen, ich würde viele einflussreiche Leute kennen lernen und würde vielleicht bald selbst ein angesehener Mann werden. Und so ging er zum Hof des Königs. Als er jedoch vor ihm stand, bekam er es mit der Angst zu tun. Er scheute sich davor, zugeben zu müssen, wie tief verschuldet er war. Er dachte sich: Wenn ich dem König alle meine Schulden sage, dann wird er sie vielleicht nicht bezahlen wollen und er wird mich wieder zurückschicken. Und so nannte er nur einen Teil der Schulden, die er hatte, und sie wurden bezahlt. So war der König voller Hoffnung, nun wieder einen treuen Knecht zu bekommen.

Jedoch wurde diese Hoffnung bald enttäuscht. Schon als der Mann neu eingekleidet werden sollte, gab es Probleme: Er wollte seine alten Kleider nicht aufgeben und die neuen gefielen ihm nicht. Auch wollte und wollte er nicht lernen, wie man sich am Hof verhält und so störte er immer wieder den Frieden im Haus des Königs mit den schlimmen Worten, die er gebrauchte und mit den alten Umgangsformen, die er sich einfach nicht abgewöhnen wollte. Erst recht war er ein schlechter Schüler, was das Kämpfen angeht und als es soweit war, in den Kampf hinauszuziehen, stellte er sich krank. Am schlimmsten aber war, dass er oft nicht einmal bei der täglichen Audienz beim König anwesend war und zuletzt kam es sogar immer öfter vor, dass er den Palast verließ, um wieder seine alte Heimat zu besuchen.

Eines Tages kam der frühere Gutsherr zum König, um die noch nicht bezahlten Schulden einzufordern. Da rief der König nach dem Mann und ließ ihn holen. Dann fragte er ihn: „Warum hast du mir nicht gesagt, dass du noch mehr Schulden hast?“ Da antwortete der Mann: „Ich hatte Angst, du würdest sie mir nicht bezahlen und mich wieder zurückschicken.“ Da sprach der König: „Du hattest Angst und du warst zu stolz, sie vor mir einzugestehen. Du kamst nicht hierher, um deine Schuld bezahlt zu bekommen, sondern du wolltest Ehre für dich haben und das Leben am Hof genießen. Aber seit du hier bist, bist du dabei, den Frieden und die Eintracht in meinem Palast zu stören. Erst dachte ich, dass sich das noch ändern würde. Jetzt aber erkenne ich, dass du mir niemals von ganzem Herzen dienen wirst, denn du liebst mich nicht wirklich und du dienst letztlich nur dir selbst. Weil du so mein Angebot missbraucht hast, gebe ich dich wieder in die Hände deines alten Gutsherren zurück, von dem ich dich freikaufen wollte.“

Und der Mann musste wieder zurück in die Sklaverei und es wurde mit ihm schlimmer als vorher.

Fragen zum Weiterdenken:

  • Wie viele Menschen sind wohl wirklich deshalb in unseren Gemeinden, weil sie erkannt haben, dass sie ohne Jesus absolut verloren sind, dass sie verstrickt sind in den Fängen der Sünde und dadurch am Rande des Todes stehen? Wie viele Menschen sind in unseren Gemeinden, weil sie dort Jesus als den gefunden haben, der sie von der Last ihrer Sünde befreit, der sie rettet von ihrer Verlorenheit, der sie beschenkt mit unverdienter Gnade?
  • Wie viele Menschen sind dagegen nur deshalb in unseren Gemeinden, weil sie dort Beziehungen und Freundschaft suchen? Wie viele arbeiten vor allem deshalb mit, weil sie sich Aufmerksamkeit und Anerkennung wünschen?
  • Und wie sieht das bei uns selber aus?

Begeisterung und Eifer für Jesus entstehen aus einer Berührung mit der Verzweiflung der Sünde und ihrer tödlichen Folgen. Erst dann können wir dankbar jubeln über die Vergebung und herrliche Erlösung, die Jesus für uns erworben hat. Ist es nicht zwangsläufig so, dass Gemeinden lauwarm sind, solange wir Sünde nicht ansprechen?

Siehe auch:

  • Jesus und die Leidenschaft der Sünderin: Lukas 7, 36-50
  • Change! – Ein Plädoyer für eine Kirche mit Profil

Change!

Ein Plädoyer für eine Kirche mit Profil

“Change!” Im Wahlkampf von Barack Obama hat dieses Schlagwort die Massen elektrisiert. Offenbar lassen wir uns leicht von Parolen begeistern, die uns vorgaukeln, dass eine andere Politik uns mehr Sicherheit und Wohlstand geben könnte. Aber immer folgt zwangsläufig die Ernüchterung. Denn Politiker haben auch beim besten Willen nur sehr beschränkte Möglichkeiten, die Lebensumstände ihrer Wähler zu verbessern. Für tiefgreifende Veränderungen müssten sich die Herzen der Menschen ändern. Aber Politiker dürften es sich niemals erlauben, die Herzenshaltung ihrer Bürger in Frage zu stellen.

Genau wie die Politik wagt es auch die Kirche kaum noch, Menschen zu hinterfragen und zur Umkehr zu rufen. Beim Thema Familie spricht sie zwar ganz viel über Toleranz und Vielfalt – aber kaum noch über Verfehlungen wie Ehebruch und Untreue. Die Kirche ist begeistert, dass Jesus die Steinigung der Ehebrecherin verhindert hat. Aber niemals würde sie heute einer Ehebrecherin sagen, dass sie mit dem Sündigen aufhören soll.

Offenbar spürt die Kirche, wie fremd und unattraktiv ihre kulturellen Formen für viele Menschen geworden sind. Um nicht vollends ins Abseits zu geraten möchte sie deshalb wenigstens ihre Botschaft möglichst glatt und eingängig gestalten, damit sie keinen Anstoß erregt. Aber hilft das der Kirche wirklich?

Wäre es nicht höchste Zeit, genau den umgekehrten Weg zu gehen? Sollten wir nicht so schnell wie möglich die kulturellen Hürden entfernen und – wie Luther – hinsichtlich unserer Sprache und Musik dem Volk “aufs Maul schauen” – dafür aber unsere Botschaft wieder schärfen und den Ruf zur Umkehr nicht länger den Umweltschützern und Gesundheitsaposteln überlassen?

Weiche intensivJesus hatte den Menschen damals jedenfalls ihr Fehlverhalten klar vor Augen gehalten: Geld, Sex, Gier, Hochmut, Heuchelei, Unbarmherzigkeit, Unbelehrbarkeit… alle menschlichen Abgründe hat er offen angesprochen, manchmal sogar in einer drastischen Deutlichkeit, die zu unserem Bild vom liebevollen Jesus gar nicht so recht passen will. Und niemand hat so oft über die Hölle gesprochen wie Jesus – ein völliges NoGo heutzutage.

Erstaunlicherweise hat er damit trotzdem die Massen mobilisiert. Offensichtlich haben die Menschen gemerkt, dass in seiner Botschaft eine gewaltige Chance für sie alle lag: Wirkliche, tiefgreifende Veränderung und ein festes Fundament für ihr Leben statt leerer Versprechungen! Und sie haben gespürt: Wenn Jesus sie zur Umkehr ruft tut er das nicht, weil er ein kleinlicher Spiel- und Spaßverderber oder ein spießiger Prinzipienreiter ist. Er tut es aus Liebe!

„Wem viel vergeben ist, der liebt viel“, hat Jesus einmal gesagt. Anders ausgedrückt: Liebe und Leidenschaft für Jesus entsteht dort, wo Menschen ihre Fehler und Sünden erkennen und Gottes Vergebung und Gnade in Anspruch nehmen. Das erklärt die Leidenschaft vieler Erweckungsbewegungen des 18. und 19. Jahrhunderts, in denen Sünde und Gnade zentrale Themen waren. Das erklärt aber auch die Lauheit und Lieblosigkeit der heutigen Christenheit, die selbstgerecht glaubt, darauf verzichten zu können.

Ein Weichspülevangelium, das nur Gottes Liebe und nicht auch seine Heiligkeit kennt, erregt zwar keinen Anstoß. Aber es ist auch belanglos. Jesus war kein netter Softie, der alles weggelächelt hat. Als seine Botschafter sollten wir das auch nicht sein. Es ist nicht unsere Aufgabe, die Menschen auf der Titanic mit Säuselmusik zu berieseln. Wir sollen sie in die Rettungsboote rufen!

Das geht allerdings nicht von oben herab. Wir können niemand zur Umkehr rufen ohne zu wissen, wie schwach und fehlerhaft wir selber sind. Wenn wir es aber in einer demütigen, jesus-mäßigen Haltung tun werden wir zwar immer noch einige Menschen verschrecken (das hat Jesus manchmal auch getan). Aber was unendlich viel wichtiger ist: Wir werden viele Menschen damit retten! DAS ist es, was am Ende zählt.

Siehe auch:

Biblische Stolperstellen: Ist der Gott des AT grausam?

Wer Vater oder Mutter verflucht, soll mit dem Tod bestraft werden. Puh. Die Lektüre der 5 Bücher Mose ist stellenweise äußerst harte Kost. Für uns aufgeklärte Mitteleuropäer ist die Todesstrafe ja ohnehin eine Zumutung. Aber die Aufzählung der Vergehen, die in den 5 Mosebüchern anscheinend mit dem Tod bestraft werden sollen, wirkt verstörend: Mord und Totschlag, Anbetung fremder Götter, Inzest, Ehebruch, ja sogar das Holzaufsammeln am Sabbat, Geschlechtsverkehr mit einer menstruierenden Frau oder fehlender Respekt vor den Eltern: Alles das soll todeswürdig sein? Das klingt für uns fast noch finsterer als im finsteren Mittelalter. Ist der Gott des Alten Testaments denn so grausam? Ist das vielleicht gar nicht der gleiche Gott wie im Neuen Testament?

Bibel StolperstelleUnwillkürlich drängen sich Fragen auf:

  • Warum wird in den 10 Geboten dann ausdrücklich gesagt: Du sollst nicht töten?
  • Warum wurden dann Mörder oder Ehebrecher wie Kain, Mose oder David nicht hingerichtet oder von Gott bestraft?
  • Warum schildert dann das Alte Testament praktisch keine Gerichtsprozesse, in denen Menschen von einem Richter zum Tod verurteilt werden?
  • Warum hat sich dann der Jude Jesus, der sich doch voll und ganz hinter die Schriften des Mose gestellt hat, dazwischen geworfen, als die Ehebrecherin gesteinigt werden sollte?
  • Warum wurde und wird dann unter orthodoxen Juden – anders als in vielen islamischen Staaten, die der Scharia folgen – die Todesstrafe kaum praktiziert und weithin abgelehnt?
  • Wie passt das zusammen mit vielen Stellen der Bibel, in denen (auch schon im Alten Testament) das Bild vom liebevollen, geduldigen, barmherzigen und gnädigen Gott gezeichnet wird?

Wir könnten es uns leicht machen und sagen: Die Bibelstellen zur Todesstrafe sind halt zeitbedingte Zeugnisse der damaligen rauen Kultur und haben mit Gott nichts zu tun. Aber so einfach ist es nicht. Denn Jesus hat höchstpersönlich die eingangs zitierte Todesdrohung ausdrücklich als Gotteswort bestätigt (Matth. 15, 4)! Auch wenn wir die Bibel von Jesus her auslegen kommen wir also an diesen Versen nicht so einfach vorbei.

Aber wie geht man dann damit um?

Bei meiner Suche nach Antworten hat mir ein Text des Theologen Prof. Thomas Hieke („Das Alte Testament und die Todesstrafe“) sehr geholfen. Er hat den Urtext einer genauen Analyse unterzogen. Daraus schließt er, dass die bei diesen Todesdrohungen am häufigsten verwendete Formel so übersetzt werden kann: “Wer Vater oder Mutter flucht, der wird gewiss getötet werden. Die Frage ist: Ist das wirklich eine Aufforderung, Beschuldigte vor einen Richter und letztlich zum Henker zu zerren? Es gibt viele Hinweise, dass genau das nie gemeint war:

  • Todesurteile durften nur bei Bestätigung von 2-3 unabhängigen Zeugen ausgesprochen werden (5. Mose 19, 15). Das ist bei all den Gesinnungs- oder Sexualdelikten, die naturgemäß im Verborgenen stattfinden, kaum praktikabel. Wie sollte das z.B. gehen bei einer Vergewaltigung, bei der der Hilferuf der Frau von niemand gehört wurde (5. Mose 22, 25-27)?
  • Praktisch alle Tatbestände, die in den Mosebüchern mit einer Todessanktion belegt werden, tauchen an anderer Stelle noch einmal auf – dort aber ohne Todessanktion! So wird z.B. Ehebruch in Sprüche 6, 32-33 stark geächtet, es ist von Schlägen und Schande die Rede, nicht aber von der Todesstrafe.
  • Noch gravierender ist für Thomas Hieke: „Für keinen der Tatbestände, die mit einer Todessanktion belegt sind, gibt es einen Fall in der (biblischen) erzählenden Literatur, wo ein diesbezüglicher Todesrechtsprozess und eine Hinrichtung berichtet werden.” (S. 369) Im Gegenteil: Bei Mördern wie Kain, Mose oder David, der dazu noch ein Ehebrecher war, liest man nichts von der Todesstrafe. Wenn es in Israel über Jahrhunderte eine Todesstrafjustiz gegeben hätte wäre es kaum erklärbar, warum das in den biblischen Büchern so gut wie nirgends auftaucht.

Dass die Todessanktionen in den Mosebüchern schon damals nicht als „Todesstraf-prozessordnung“ verstanden wurden bestätigt der orthodoxe Jude Arie Folger: „Diese Einschränkungen und manche weitere zeigen, dass nach unserer Tradition Todesurteile eher Theorie als Praxis sein sollten. Nach dem Talmud kamen sie kaum vor.“

Aber warum stehen diese Todessanktionen dann in den Mosebüchern? Um das zu verstehen muss man 2 grundlegende Prinzipien kennen, die sich quer durch das Alte und Neue Testament ziehen:

  1. Sünde (also ein Verstoß gegen Gottes Gebote) hat letztlich immer tödliche Konsequenzen! „Der Lohn der Sünde ist der Tod“ (Römer 6, 23) – zwar normalerweise nicht unmittelbar, aber jedenfalls in Bezug auf das ewige Leben. Das zeigt sich schon in der Paradiesgeschichte: Obwohl Adam und Eva vom Baum der Erkenntnis essen tritt die angekündigte Todesstrafe nicht ein, im Gegenteil: Gott kümmert sich sogar noch fürsorglich um ihre Kleider! Erst viel später sterben Adam und Eva tatsächlich.
  2. Ohne besondere Vorkehrungen ist die Begegnung sündiger Menschen mit Gottes Heiligkeit immer absolut tödlich – so wie es absolut tödlich wäre, wenn Menschen mit einem Raumschiff auf der Sonne landen wollten. Deutlich wird das z.B. beim Tod Usas, der versehentlich die Bundeslade berührt und dabei stirbt, obwohl er es in guter Absicht getan hatte (2. Samuel 6, 6-7).

Beide Prinzipien prägen die Mosebücher ganz besonders. Denn diese Zeit war nun einmal bestimmt von der Sondersituation einer ganz außergewöhnlichen Gottespräsenz, die sich sogar sichtbar (Wolken- und Feuersäule!) und hörbar (Gottes Stimme!) äußerte. Viele der Gebote waren deshalb letztlich Sicherheitsvorschriften, die die Priester und das Volk Israel vor der lebensgefährlichen Gegenwart des heiligen Gottes schützen sollten.

Auch in der jungen christlichen Gemeinde gab es eine solche Sondersituation mit einer sichtbaren (Feuerflammen!) und spürbaren (Erdbeben!) Gottespräsenz. Hananias und Saphira mussten erleben, welch tödliche Folgen das haben kann. Aber aus keiner dieser Ausnahmesituationen darf man ableiten, dass Christen für die Todesstrafe sein müssten. Thomas Hieke stellt im Gegenteil klar: „Daher ist auch aus dem Alten Testament die Todesstrafe nicht zu begründen.“

Der eigentliche Charakter der Todesankündigungen in den Mosebüchern wird in 5. Mose 27, 15-26 deutlich: Zahlreiche Tatbestände, die andernorts mit der Todessanktion verknüpft sind, werden hier “nur” mit einer Fluchformel belegt. Die Ausführung des Fluchs ist natürlich Gottes Sache und nicht die Angelegenheit menschlicher Justiz. Daraus kann man rückschließen: Wenn Mose schreibt, dass Menschen, die gegen ein bestimmtes Gebot verstoßen, „gewiss getötet werden“, dann meint das zunächst einmal: Diese Tat ist Sünde, die letztlich (wie bei Adam und Eva) den Fluch des Todes nach sich zieht! Das Ziel dieser Aussagen war nicht, dass diese Menschen gleich umgebracht werden sollen. Vielmehr ging es um eine intensive Warnung vor den katastrophalen, letztlich tödlichen Konsequenzen der Sünde. Und Warnung ist immer ein Ausdruck von Liebe – nicht von Grausamkeit.

Werden diese Bibelstellen dadurch weniger schmerzhaft? Nein. Da der Tod in der Bibel der große Feind Gottes ist können wir sicher sein, dass Gott genauso darunter leidet. Und doch ist es wichtig, diese Texte nicht zu verdrängen und nicht zu glätten, weil sie ein Schlüssel zu Gottes Gnade sind. Paulus schrieb in Römer 5, 20-21, dass uns das Gesetz (also die 5 Bücher Mose) gegeben wurde, damit uns das Ausmaß und die tödlichen Konsequenzen der Sünde vor Augen geführt wird. Das ist wichtig für uns! Denn wer selbstgerecht die Konsequenzen der Sünde verdrängt oder verharmlost macht Gottes Gnade billig und kraftlos. Dann wird die Leidenschaft der Christen lau – ein weit verbreitetes Problem unserer heutigen Kirche. Das zeigt mir wieder einmal, wie schädlich es ist, unbequeme Verse nach dem Bibel-Bastel-Bogen-Prinzip willkürlich aus Gottes Wort herauszuschneiden.

Wenn uns hingegen schmerzhaft bewusst wird, dass wir zu Recht verurteilt und verloren sind werden wir leidenschaftlich dankbar für Gottes Gnade. Die 5 Bücher Mose helfen uns dabei, indem sie uns ungeschminkt vor Augen führen, welche schlimmen Konsequenzen Sünde hat und wie sehr wir auf Gnade angewiesen sind. Und genau diese Gnade brauchen wir, um dabei sein zu können, wenn eines Tages der heilige Gott ohne jede Grenze und Schranke mitten unter den Menschen wohnt. Diese Gnade ist der Schlüssel zum Leben in Gottes Gegenwart – jetzt und hier und in der Ewigkeit!

Vielen Dank an Prof. Thomas Hieke (Alttestamentler an der Universität Mainz) für die fachliche Beratung zu diesem Artikel!

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