Lässt sich die Evolutionstheorie mit der Bibel vereinbaren?

Diese Frage beschäftigt mich seit langem. Deshalb war ich gespannt, ob der US-amerikanische Philosoph Matthew Nelson Hill in seinem aktuellen Buch „Und Gott schuf die Evolution“ dazu neue Argumente liefern kann?

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Hill’s Buch plädiert für eine „evolutionäre Schöpfung“, also Schöpfung durch Evolution. Gemäß dem Buchtitel ist für Hill der Evolutionsprozess selbst ein Schöpfungswerk Gottes. Die Idee ist nicht neu. Ebenso bekannt sind die Probleme dieses Ansatzes. Hill spricht einige davon selbst offen an – ohne Antworten dazu anzubieten:

  • „Diese Aussage ist schwer zu verkraften, aber der Tod ist nicht die Folge der Sünde, sondern die Voraussetzung für das Leben.“ (S. 76)
  • „Die Grausamkeiten im Tierreich als notwendiger Teil der Evolution lassen sich besonders schlecht mit der Bibel und der überlieferten Lehre vereinbaren.“ (S. 77)
  • „Es ist kein schöner Gedanke, dass die Evolution oft als Folge eines Massenaussterbens an Fahrt aufnimmt – als ob der Tod notwendig wäre, um neues Leben hervorzubringen. Meines Erachtens ist das eine der schwierigsten Stellen für Christen, die sich mit dem Konzept der Evolution anfreunden wollen.“ (S. 108)

Eine derart erfrischende Ehrlichkeit in Bezug auf die Schwächen des eigenen Ansatzes ist leider eher selten. Dabei wäre die Fähigkeit zur Selbstkritik auf allen Seiten angebracht. Ich kenne kein Ursprungsmodell, das nicht unter enormen Schwierigkeiten leidet. Es spricht für die Glaubwürdigkeit des Autors, dass er hier mit gutem Beispiel vorangeht.

Wie passt ein planvoller Schöpfer zum planlosen Evolutionsgeschehen?

Jedoch hat die Vorstellung einer „evolutionären Schöpfung“ natürlich noch weitaus mehr Schwierigkeiten. Diese können beim aufmerksamen Lesen des Buchs zwar durchaus auffallen, aber Hill thematisiert sie nicht explizit. Das gilt zum Beispiel für den grundlegenden Widerspruch zwischen einem planvollen Schöpferhandeln und dem planlosen Evolutionsgeschehen. Hill bekennt sich zwar immer wieder dazu, dass Gott der Schöpfer ist, der den Menschen nach seinem Bild erschaffen hat. Zugleich schreibt er aber auch: „Mir gefällt es nicht, wenn man das Gefühl bekommt, die Evolution würde ein bestimmtes Ziel verfolgen.“ (S. 84) Hill unterwirft sich also dem heute vorherrschenden Paradigma, dass auch in der Ursprungsforschung ausschließlich mit ziellosen, materiell erklärbaren Prozessen gerechnet werden dürfe. Wo und wie dann aber noch Raum für die Wirksamkeit eines zielorientierten Schöpfers bleiben soll, bleibt offen.

Ein kritikloser Blick auf die Evolutionstheorie

Auch diskutiert Hill mit keinem Wort die Sinnhaftigkeit dieses außerwissenschaftlichen Paradigmas, das zur Folge hat, dass heutzutage selbst die offenkundigsten Designmerkmale in der Natur schlicht ignoriert werden. Mit keinem Wort geht er darauf ein, dass die Fragen nach der Entstehung von Information, komplexen biologischen Bauplänen, Schönheit, Moral und Geist durch ziellose, materielle Prozesse bislang weitgehend unbeantwortet sind. Stattdessen übernimmt er kritiklos selbst so waghalsige Annahmen wie z.B. die Vorstellung, die erste Zelle könne in Tiefseeschloten von selbst entstanden sein oder das Leben sei vielleicht durch einen Meteoriten auf die Erde „gesät“ worden. Und er schreibt: „Auf jeden Fall hat das Leben ganz einfach angefangen, darin ist man sich einig.“ (S. 104) Das Leben hat „ganz einfach“ angefangen? Da frage ich mich: Weiß der Autor denn nichts darüber, wie unfassbar komplex und hoch organisiert selbst die einfachst denkbaren lebenden Zellen sind mit ihren phantastischen molekularen Maschinen und mit dem koordinierten Zusammenspiel von mindestens 300 Genen? Wie auch immer das Leben angefangen hat – “einfach” war es jedenfalls zu keiner Zeit.

Bibelverständnis: Klischees und blinde Flecken

In seinen Erläuterungen zum Umgang mit der Bibel macht Hill die typisch klischeehafte Alternative auf zwischen historischem und „wörtlichem“ Bibelverständnis – so als ob eine konservativ-bibelorientierte Herangehensweise nicht ebenso vor Augen hätte, dass bei jedem Text natürlich die Textgattung und das historische Umfeld beachtet werden muss. Hill behauptet zudem ganz einfach, die Bibel sei kein Geschichtsbuch (S. 63+73), ohne auf die vielen biblischen Texteigenschaften wie Ahnentafeln, Orts- Zeit- und Maßangaben einzugehen, die auch schon der biblischen Urgeschichte durchaus einen historischen Charakter verleihen. Wie sind diese Angaben zu verstehen, wenn die Texte keine wirkliche Geschichte erzählen wollen?

Woher kommen unsere sündigen Triebe?

Im zweiten Teil des Buchs möchte Hill den Gedanken vermitteln: Wenn wir unser evolutionäres Erbe verstehen, dann können wir besser lernen, unsere Triebe zu beherrschen und dadurch einen geheiligteren Lebensstil entwickeln. Unser Kampf ist es laut Hill, „die Laster zu überwinden, die uns von Natur aus anhaften.“ (S. 203) Hills Gedanken zur Heiligung stimme ich weitgehend zu, sie unterscheiden sich nur wenig von klassisch evangelikalen Sichtweisen. Dabei geht aber das grundlegendste Problem des Buchs weitgehend unter: Wenn Gott die Evolution geschaffen hat, dann stammt natürlich auch unser sündiger Lebensstil von Gott. Denn dann hat ja der Schöpfer selbst uns im Zuge der Evolution unter anderem mit einem „Reptiliengehirn“ ausgestattet, das uns „nur mit Fragen der Sicherheit, der Suche nach Nahrung und dem Verlangen nach Sex beschäftigt. Dieser Gehirnteil hat uns aber über unzählige Generationen hinweg am Leben erhalten und eine Weiterentwicklung möglich gemacht.“ (S. 153/154) Es ist dann also auch das Werk des Schöpfers, dass „die fortschreitenden Entwicklungen des Gehirns einerseits eine große Verbesserung, andererseits aber auch der Beginn von Manipulation, Nötigung und Lüge“ waren. (S. 155)

Unsere sündigen Verhaltensweisen sind in Hills Ansatz also nicht ein Ergebnis des Sündenfalls, sondern ein wichtiger Evolutionsmotor und damit ein wichtiges Element im göttlichen Schöpfungsprozess. Wenn wir Christen heute einen maßvollen Lebensstil entwickeln und sexuelle Treue bzw. Enthaltsamkeit im außerehelichen Bereich leben wollen, dann kämpfen wir somit gegen genau die Triebe an, die Gott selbst benutzt hat, um uns zu erschaffen:

  • „Es ist nicht ohne Bedeutung, dass unsere männlichen Jäger- und Sammler-Vorfahren häufig Sex hatten und auf der Suche nach mehr Partnerinnen ihre Familien verließen.“ (S. 144/145)
  • „Viele unserer Triebe, von der Lust aufs Essen bis zum Verlangen nach Sex, waren für unsere Vorfahren überlebenswichtig.“ (S. 145)
  • „Lebewesen, die früher nicht dadurch auffielen, dass sie ständig essen und Sex haben wollten, sind ausgestorben.“ (S. 146)

Wir Menschen sind demnach also die Sieger eines rücksichtslosen, animalischen evolutionären Verdrängungskampfes, den Gott selbst so auf den Weg gebracht hat. Und zu diesem Schöpfungswerk sagt Gott, dass wir „sehr gut“ und nach Gottes Ebenbild geschaffen sind?

Ist der Mensch gottesebenbildlich und einzigartig?

Damit sind wir bei einem weiteren schwerwiegenden Problem in Hills Modell. Für ihn ist klar: „Obwohl Homo sapiens erst relativ kurz auf der Erde existiert, haben wir uns in rasantem Tempo entwickelt und ein Ende dieser Entwicklung ist nicht in Sicht.“ (S. 117) Wenn der Evolutionsprozess des Menschen demnach immer noch weiterläuft, dann wirft das Fragen auf: Gibt es dann heute schon Menschen, die höher entwickelt sind als andere? Sind denn nicht alle Menschen gleich? Werden zukünftige Menschen auf Jesus zurückschauen und in ihm einen unterentwickelten Vormenschen sehen? Was bedeutet das für die biblische Lehre von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen und für die Wiederkunft Jesu?

Und inwiefern ist der Mensch noch einzigartig, wenn er eigentlich nur ein weiterentwickeltes Tier ist? Hill schreibt dazu: „Aber da wir Menschen gemeinsame Vorfahren mit den höherentwickelten Tieren haben, wurde Jesus nicht nur Mensch, er wurde auch ein Tier – wodurch alle Tiere etwas ganz Besonderes sind, denn Gott wurde einer von ihnen. … Jesus betrat die Erde auch nicht als irgendein Tier, sondern als menschliches Tier.“ (S. 202) Hill möchte also die Tiere aufwerten, indem er zwischen Mensch und Tier nur graduelle statt prinzipielle Unterschiede sieht. Aber wird damit der Mensch nicht zwangsläufig auch abgewertet? Und wollte Jesus sich wirklich auch mit den Tieren identifizieren?

In der Bibel ist Jesus zwar tatsächlich der Löwe von Juda und das geschlachtete Lamm. Aber mit diesen Bildern wollte die Bibel sicher nicht sagen, dass Jesus und wir Menschen letztlich nur höher entwickelte Formen innerhalb des Tierreichs sind. Die Gottesebenbildlichkeit des Menschen mit allen Konsequenzen für seine unveräußerliche Würde und für seine einzigartige Verantwortung, für die er im Gericht zur Rechenschaft gezogen wird, ist in der Bibel ausschließlich dem Menschen vorbehalten.

Ist der Glaube an die Evolution eine Befreiung?

Das Buch enthält ein Nachwort der Übersetzerin, in dem sie schildert, wie sie aufgrund ihres christlich-konservativen Hintergrunds zunächst mit dem Inhalt des Buchs gefremdelt hat. Dann aber wurde sie „in eine neue Freiheit geführt“ (S. 205), die es ihr jetzt ermögliche, auch Widersprüche zwischen der Bibel und wissenschaftlichen Erkenntnissen sowie innerbiblische Widersprüche fröhlich stehen zu lassen, ohne dass ihr Glaube beeinträchtigt werde. Dabei seien ihr Publikationen und Vorträge von Worthaus, Siegfried Zimmer, Thorsten Dietz und anderen eine große Hilfe gewesen.

Mir ging es nach der Lektüre des Buchs genau umgekehrt. Deutlicher als je zuvor stand mir vor Augen, in welch grundlegende Widersprüche und Schwierigkeiten man gerät, wenn man die Evolutionstheorie mit der Bibel vereinbaren will. Angesichts der gewaltigen Probleme, unter denen die Evolutionstheorie insgesamt leidet, kann ich auch nicht erkennen, inwiefern denn die Übernahme des Evolutionsmodells ins christliche Weltbild eine Befreiung sein soll? Wovon werde ich denn da befreit?

Richtig ist natürlich: Glaube und Wissenschaft können und sollen Hand in Hand gehen. Wir Christen sollten uns ehrlich den wissenschaftlichen Fakten stellen und intellektuell redlich mit ihnen umgehen. Faktenresistenz und Wissenschaftsfeindlichkeit kann keine christliche Antwort sein. Es waren ja vielfach tiefgläubige Christen, die die Erfolgsgeschichte der modernen Wissenschaft vorangetrieben haben. Aber eine undifferenzierte Wissenschaftsgläubigkeit, die blind ist gegenüber den offenkundigen Problemen der Evolutionstheorie und die auch nicht die philosophischen Paradigmen kennt, die die heutige Dominanz des Evolutionsmodells verursachen, kann ganz sicher auch kein Weg sein, den wir Christen beschreiten sollten.

Angesichts der vielen ungeklärten Fragen in der Ursprungsforschung empfinde ich es als befreiend, mein Weltbild nicht allein von unserem vorläufigen und sich rasch wandelnden Weltwissen abhängig machen zu müssen. Vielmehr darf ich aus guten Gründen und guten Gewissens der Schrift das letzte Wort geben, wenn es um die existenziellen Fragen nach dem „woher“ und „wohin“ des Menschen geht.

Das Buch „Und Gott schuf die Evolution“ von Matthew Nelson Hill ist bei Gerth Medien erschienen und kann hier bestellt werden.

Eine Kurzversion dieser Rezension ist in IDEA 11.2022 erschienen.

Weiterführende Hinweise:

Außerwissenschaftliche Vorannahmen: Denkvoraussetzungen von Wissenschaftlern und Theologen

Die Inhalte dieses Artikels sind auf YouTube als Vortrag verfügbar, der am 1.11.2019 bei einer Tagung des deutschen christlichen Techniker-Bunds (DCTB) gehalten wurde.

Der Artikel steht auch als PDF zum Download bereit.

„Was war der größte Fehler Ihres Lebens?“, fragte der Journalist. Der alte Kunstkritiker lachte. „Als ich einmal unser Kind im Kindergarten abholte, baten mich die Betreuerinnen, einen Blick auf die gesammelten Kunstwerke des Kindergartens zu werfen. Leider fiel mir nicht auf, dass zwischen den Kinderbildern ein abstraktes Werk eines bekannten Künstlers hing. Das brachte mir noch für lange Zeit ein spöttisches Grinsen ein – und lehrte mich viel darüber, wie leicht man durch Vorurteile etwas Wunderbares übersehen kann.“

Vorannahmen wirken wie eine Brille. Sie beeinflussen unsere Sichtweise. Sie tauchen die Wirklichkeit in ein bestimmtes Licht. Das kann erhellend sein. Das kann uns aber auch auf eine völlig falsche Fährte führen – so wie bei diesem Kunstkritiker. Fehleinschätzungen aufgrund falscher Vorerwartungen ereignen sich ständig in unserem Alltag. Sie kommen aber auch in der Wissenschaft vor, und zwar in sehr viel stärkerem Maße, als es oft vermittelt wird. Tendenziell wird heute oft der Eindruck erweckt: Anders als die Religion ist die Wissenschaft objektiv. Wir können uns darauf verlassen, dass sie uns ein verlässlich richtiges Bild von der Welt und von der Wirklichkeit zeichnet, das bewiesen werden kann und in jeder Hinsicht vernünftig ist. Aber inwieweit stimmt das? Gibt es nicht auch in der Wissenschaft das Phänomen, dass Sichtweisen und Darstellungen von außerwissen­schaftlichen Vorannahmen geprägt werden? Welche Folgen hat das für unser Weltbild? Und was müssen wir tun, um uns selbst und unseren Mitmenschen die Chance zu geben, sich auf einer realistischen Faktenbasis ein eigenes Bild von der Wirklichkeit zu machen? Wie können wir den Einfluss von außerwissen­schaftlichen Vorannahmen erkennen, kritisch bewerten und dadurch echte Fakten von ideologisch gefärbten Interpretationen unterscheiden? Tatsächlich ist das oft gar nicht so einfach.

Außerwissenschaftliche Vorannahmen verstecken sich oft hinter den darauf aufgebauten Denkgebäuden!

Außerwissenschaftliche Vorannahmen kommen selten auf dem Präsentierteller daher. Sie bleiben oft verborgen hinter einer Fassade von klugen, schlüssigen und völlig richtigen Argumentationsketten. Die Gedankengebäude, die auf außerwissenschaftlichen Denkvoraussetzungen aufgebaut werden, können äußerst beeindruckend sein und deshalb viele Menschen beeinflussen. Das Problem ist nur: Wenn die Denkvoraussetzung falsch ist, dann ist auch das ganze hochintelligente Gedankengebäude falsch.

Falsche außerwissenschaftliche Vorannahmen können gewaltige Konsequenzen haben!

Falsche außerwissenschaftliche Vorannahmen können ganze Nationen auf eine falsche Fährte führen – mit katastrophalen Folgen. Ganze Gesellschaften wurden zum Beispiel auf der Idee aufgebaut, dass der Mensch kein Problem mit bösen, ungerechten Gedanken und Grundhaltungen hat, sondern dass er tief im Herzen eigentlich ein guter Mensch ist, der nur Erlösung von bösen und ungerechten Umständen braucht, damit dieser gute Kern zum Vorschein kommt. Daraus entstand die Idee: Wenn wir allen alles wegnehmen und dann ganz gerecht alles an alle verteilen, sodass allen alles gleichermaßen gehört und es keine Ungerechtigkeit mehr gibt, dann werden alle Menschen zufrieden sein und sich gerne für die Allgemeinheit engagieren. Diese Idee hat aber nicht nur nicht funktioniert. Sie hat gewaltiges Leid mit Millionen von Toten über viele Gesellschaften gebracht und sie tut das bis heute. Erstaunlich ist, wie sehr diese Idee trotz der durchgängig negativen Erfahrungen in der Geschichte bis heute immer wieder in Mode kommt.

Im nationalsozialistischen Reich wurden andere Vorannahmen ins Spiel gebracht: Die Rassenideologie hat die Vorstellung vermittelt, dass es stärkere und schwächere menschliche Rassen gäbe und dass es für die Weiterentwicklung der Menschheit geradezu die Pflicht der besseren, höher entwickelten Rasse sei, sich durchzusetzen und die unterentwickelten Rassen zu verdrängen. Vor dem Hintergrund der aufkommenden Evolutionstheorie konnte der Eindruck vermittelt werden, dass dieser Gedankengang auch sachlich, ja geradezu wissenschaftlich begründet werden könnte. Wer heute nachforscht und sieht, wie stark solche Ideen sogar in intellektuellen und akademischen Kreisen verfingen, der kann nur staunen und erschrecken, mit welcher Kraft Vorrannahmen ganze Gesellschaften im Extremfall zu absurden und grauenvollen Schlussfolgerungen bringen können.

Es geht also um enorm viel, wenn wir über die Denkvoraussetzungen nachdenken, die unsere Gesellschaft prägen. Und es ist von enormer Bedeutung, dass wir uns diese Grundannahmen und ihren Einfluss auf unser Denken bewusst machen.

Vier weltanschauliche Grundannahmen

Im Folgenden werden vier verschiedene weltanschauliche Grundannahmen als außerwissenschaftliche Denkvoraussetzungen zum Verständnis der Welt vorgestellt, die heute weit verbreitet sind und weltweit prägende Kraft entwickelt haben. Diese vier weltanschaulichen Grundannahmen unterscheiden sich im Wesentlichen durch ihre unterschiedlichen Antworten auf drei verschiedene Grundfragen. Die erste Frage lautet:

Gibt es etwas Übernatürliches jenseits der physischen Welt?

Die Frage nach der Transzendenz ist für unser Weltbild ganz grundlegend und entscheidend. Wenn wir diese Frage mit „nein“ beantworten, dann mündet unser Denken im sogenann-

ten „Naturalismus“. Diese Weltanschauung behauptet: Es gibt keinen Gott und keine übernatürlichen Phänomene. Alle Vorgänge lassen sich auf naturgesetzlich festgelegte Ursache-Wirkungs-Beziehungen zurückführen.

Wenn wir die Frage nach dem Übernatürlichen aber mit „ja“ beantworten, kommen wir zu einer zweiten Grundfrage:

Greift das Übernatürliche direkt in die natürlichen Vorgänge dieser Welt ein?

Wenn wir diese Frage mit „nein“ beantworten, dann glauben wir zwar, dass es etwas Übernatürliches gibt. Aber unser Denken bewegt sich trotzdem im Rahmen eines „schwachen oder methodischen Naturalismus“, der in etwa besagt: Es gibt einen Gott bzw. eine übernatürliche Realität, die aber nur auf geheimnisvolle Weise ins Weltgeschehen eingreift, ohne dabei die Naturgesetze zu verletzen.

Wenn wir hingegen die Frage nach dem Eingreifen des Übernatürlichen mit „ja“ beantworten, stellt sich die dritte grundsätzliche Frage:

Ist das Übernatürliche von der physischen Welt getrennt?

Wenn wir diese Frage mit „nein“ beantworten, dann gelangen wir zu einer Weltanschauung, die man als „Pantheismus“ bezeichnen kann und die in etwa besagt: Es gibt einen Gott bzw. eine übernatürliche Realität, die aber von der natürlichen Welt nicht wesensmäßig getrennt, sondern untrennbar mit ihr verwoben ist.

Wenn wir die Frage nach der Trennung des Übernatürlichen von der physischen Welt hingegen mit „ja“ beantworten, kommen wir auf die Spur einer Weltanschauung, die wir in diesem Artikel als „biblischen Supernaturalismus“[1] bezeichnen werden. Diese Weltanschauung sagt: Es gibt einen Schöpfergott und eine übernatürliche Realität. Diese ist wesensmäßig vom Geschaffenen verschieden. Sie greift zwar bei der Weltentstehung, sonst aber nur punktuell in Naturvorgänge ein.

Die Frage ist nun: Was kann uns die heutige Wissenschaft zu diesen drei Grundfragen und den vier weltanschaulichen Grundannahmen sagen? Oft wird heute der Eindruck erweckt, dass die Naturwissenschaft diese Fragen geklärt habe. Deshalb ist es besonders wichtig, dass wir uns genauer mit den Möglichkeiten und Grenzen naturwissenschaftlicher Forschung befassen.

Möglichkeiten und Grenzen der Naturwissenschaft

Die grundsätzliche Frage ist: Sind die Werkzeuge der Wissenschaft denn überhaupt geeignet, um auf die oben genannten drei Grundfragen Antworten geben zu können? Dafür müssen wir uns genauer anschauen, mit welchen Methoden die Naturwissenschaft die Wirklichkeit erfasst. Sie benutzt dafür im Wesentlichen zwei Werkzeuge:

  1. Beobachtung: Im Lauf der Zeit hat die Wissenschaft immer ausgeklügeltere Instrumente und Methoden entwickelt, um auch fernste Welten des Kosmos und die winzig kleinen Elemente in unserem Mikrokosmos exakter beobachten zu können.
  2. Experiment: In der Wissenschaft werden überschaubar große Systeme mit möglichst kontrollierbaren Bedingungen und wenig Variablen geschaffen. Darin kann dann möglichst exakt getestet werden, wie sich die Wirklichkeit verhält.

Ein zentral wichtiges Element in der Wissenschaft ist die Wiederholbarkeit oder Reproduzierbarkeit. Ein Experiment ist erst dann aussagekräftig, wenn es überall auf der Welt nachgestellt werden kann und wenn alle Wissenschaftler unter den gleichen Bedingungen die gleichen Beobachtungen machen.

Gerade die Reproduzierbarkeit ist aber ein großes Problem bei der Frage nach dem Übernatürlichen. Selbst wenn in Einzelfällen etwas Übernatürliches stattfindet, könnte das niemals reproduzierbar in einem Experiment nachgestellt und wiederholt werden. Das Übernatürliche zeichnet sich gerade dadurch aus, dass es sich systematischen Regeln und Gesetzen entzieht. Die naturwissenschaftliche Methode ist deshalb prinzipiell ungeeignet, um übernatürliche Vorgänge systematisch erfassen zu können.

Das bedeutet aber nicht, dass es etwas Übernatürliches prinzipiell nicht geben kann. Das bedeutet nur, dass die naturwissenschaftliche Methodik nicht aussagekräftig ist zu dieser allerersten und wichtigsten Grundfrage! Das heißt aber auch: Wenn wir uns entscheiden, unser Denken und unsere Forschung auf einer dieser Weltanschauungen aufzubauen, dann ist das eine außerwissenschaftliche Vorannahme.

Insgesamt gilt somit: Bei den vier weltanschaulichen Grundannahmen handelt es sich um außerwissenschaftliche Denkvoraussetzungen, die naturwissenschaftlich weder bewiesen noch widerlegt werden können. Wer die Ablehnung des Übernatürlichen mit Naturwissenschaft begründet, der verhält sich wie ein Fischer, dessen Netze eine Netzweite von 5 cm haben und der auf Basis seines Fangs behauptet: Es existieren nur Fische, die größer als 5 cm sind! Wenn die Untersuchungsmethode nur einen Teil der Wirklichkeit erfasst, darf daraus niemals auf die gesamte Wirklichkeit geschlossen werden.

Warum die Wissenschaft trotzdem Position bezieht

Obwohl naturwissenschaftliche Methoden die Frage nach dem Übernatürlichen gar nicht beantworten können, hat die Wissenschaft trotzdem eine starke Meinung zu den oben dargestellten Grundfragen und Grundannahmen entwickelt. Denn auch wenn das Übernatürliche naturwissenschaftlich weder bewiesen noch ausgeschlossen werden kann, kann man natürlich trotzdem die Frage stellen: Welche der vier Grundannahmen bewährt sich in der Praxis? Auf welcher Basis kann man fruchtbar wissenschaftlich arbeiten und forschen?

Auf der Suche nach natürlichen Ursachen

Seit jeher hatten Menschen Naturphänomene vor Augen, die sie zunächst einmal nicht verstanden haben und bei denen sie daher auch nicht wussten: Gibt es dafür eine natürliche Erklärung? Steckt etwas Übernatürliches dahinter?

Um das herauszufinden, haben wir Menschen nur eine Möglichkeit: Wir müssen nach einer natürlichen Erklärung suchen! Sobald eine natürliche Erklärung gefunden wird, können wir definitiv sagen: Eine Erklärung mit natürlichen Mechanismen reicht bei diesem Naturphänomen aus! Wenn sich bestimmte Erklärungslücken aber dauerhaft nicht schließen oder wenn diese Lücken bei bestimmten Fragen im Lauf der Zeit sogar immer größer werden, dann müsste sich eigentlich die Frage stellen: Existiert vielleicht kein natürlicher Mechanismus? Steckt vielleicht etwas Übernatürliches, etwas Göttliches dahinter? Dann müssten wir uns für ein supernaturalistisches Denkmodell öffnen.

In der Praxis passiert das aber nicht! Und dafür gibt es auch nachvollziehbare Gründe. In der Geschichte des Denkens und Forschens wurden zwei wichtige Beobachtungen gemacht, die unser heutiges Denken stark geprägt haben:

1.   Nichtnaturalistische Modelle erweisen sich als „Wissenschaftskiller“

Lange Zeit hatten die Menschen keine Erklärung dafür, warum es Lichtpunkte (Sterne) am Himmel gibt und warum der Himmel sich verdunkeln kann und es plötzlich blitzt und donnert. Deswegen haben sie sich auf übernatürliche Erklärungen eingelassen. So wurde vermutet: Hinter den Sternen stecken Götter. Wenn es blitzt, dann sind es die Götter, die zornig sind und unter krachendem Getöse Blitze auf die Erde werfen. Solche Erklärungsmuster kann man in vielen alten Legenden und Mythen nachlesen.[2]

Das Problem an dieser Sichtweise ist: Es hält uns von der wissenschaftlichen Suche nach natürlichen Erklärungen ab! Wer glaubt, dass in einem Gewitter Götter am Werk sind, der forscht nicht mehr nach einer natürlichen Ursache. Das ist ein wichtiger Grund, warum sich die Wissenschaft und der technische Fortschritt in pantheistischen Kulturen und Denkweisen oft schwertut. Deshalb sagen die meisten Naturwissenschaftler heute zu Recht: Wir dürfen auf keinen Fall vorschnell von Phänomenen, die wir nicht erklären können, auf übernatürliche Ursachen schließen! Das würde die Wissenschaft blockieren. Es lohnt sich, hartnäckig nach natürlichen Ursachen zu suchen.

2.   Forschung auf Basis des „Ursache-Wirkungs-Prinzips“ hat gewaltige Erfolge erzielt!

Die Entscheidung, grundsätzlich immer eine natürliche Ursache zu vermuten, hat eine gewaltige Erfolgsgeschichte ausgelöst. Elektrisches Licht, Radio, viele Durchbrüche in der Medizin: All das hat zu Recht riesigen Eindruck auf die Menschen gemacht. Jeder hat gemerkt: Dieses Prinzip bewährt sich! Es lohnt sich, hinter den Naturphänomenen keine Geisterwelt zu vermuten, sondern von ganz rational erklärbaren Mechanismen auszugehen. Den Theologen Rudolf Bultmann hat das zu dem bekannten Ausspruch veranlasst: „Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben.“[3]

Die allgemeine Beobachtung war also: Die Lücken schließen sich! Wir entdecken immer mehr natürliche Erklärungen für die Naturphänomene. Deshalb brauchen wir immer weniger spekulieren, ob da vielleicht irgendein Gott am Werk ist. Diese Sachlage hat auch den Theologen Dietrich Bonhoeffer umgetrieben, als er schrieb: „Es ist mir wieder ganz deutlich geworden, dass man Gott nicht als Lückenbüßer unserer unvollkommenen Erkenntnis figurieren lassen darf; wenn nämlich dann – was sachlich zwangsläufig ist – sich die Grenzen der Erkenntnis immer weiter herausschieben, wird mit ihnen auch Gott immer weiter weggeschoben und befindet sich demgemäß auf einem fortgesetzten Rückzug.“[4]

Gott als Lückenbüßer, dem mit fortschreitender wissenschaftlicher Erkenntnis immer mehr der Boden unter den Füßen weggezogen wird: Dieses Szenario wurde zu einem Schreckgespenst in der Theologie. Und deshalb hat man auch unter Theologen immer öfter gesagt: Das ist der falsche Weg. Man darf nicht aus Erklärungslücken auf Gott schließen! Der richtige Weg ist: Wenn es Erklärungslücken gibt, dann ist das kein Hinweis auf Gott, sondern nur darauf, dass wir noch nicht genügend geforscht haben.

Erklärungslücken sind demnach also kein Anlass, von der Naturwissenschaft in die Theologie überzugehen, sondern sich wieder an die naturwissenschaftliche Arbeit zu machen, um noch gründlicher, noch intensiver zu forschen, bis eines Tages die natürliche Erklärung gefunden wird. Wenn nur genügend Zeit, genügend Ressourcen und genügend kluge Köpfe zur Verfügung stehen, dann werden die natürlichen Erklärungen irgendwann gefunden werden.

Die naturwissenschaftliche Selbstbeschränkung auf natürliche Ursachen

Aus diesen Gründen hat sich die Naturwissenschaft für eine Selbstbeschränkung entschieden: Sie geht grundsätzlich davon aus, dass bei den beobachteten Naturphänomenen ausschließlich natürliche Vorgänge ablaufen. Die Betrachtung der Welt ist somit kein Weg mehr, um in ihr in irgendeiner Weise Gott zu finden.

Daraus ergibt sich eine Situation, in der nur noch zwei der vier eingangs vorgestellten Denkmodelle als wissenschaftlich gelten dürfen: Der Naturalismus oder der schwache, methodische Naturalismus, der zwar damit rechnet, dass es einen Gott oder etwas Ähnliches gibt, der aber zugleich davon ausgeht, dass dieser Gott nicht direkt innerhalb von Raum und Zeit in das Weltgeschehen eingreift. Die supernaturalistischen Modelle sind somit in der wissenschaftlichen Welt heutzutage weitestgehend vom Tisch.

Wichtig ist aber zu verstehen: Die Durchsetzung des naturalistisch geprägten Wissenschaftsbegriffs resultiert nicht etwa daraus, dass der Supernaturalismus wissenschaftlich widerlegt wäre. Die Vorherrschaft naturalistischer Denkmodelle resultiert vielmehr auf dem Eindruck, dass naturalistisch geprägte Forschung erfolgreich ist sowie auf dem Wunsch, den weiteren Fortschritt in den Wissenschaften und in der technischen Entwicklung auf keinen Fall behindern zu wollen. Die Frage ist allerdings:

Inwieweit treffen die Argumente gegen den Supernaturalismus zu?

Entscheidend wichtig zur Beantwortung dieser Frage ist eine notwendige Differenzierung: Unzweifelhaft richtig ist, dass sich pantheistische Vorstellungen tatsächlich als ein „Wissenschaftskiller“ erwiesen haben. Wer hinter heute beobachtbaren Naturphänomenen übernatürliche Kräfte vermutet, verliert tatsächlich den naturwissenschaftlichen Antrieb. Die oben genannten Gründe, die zur Selbstbeschränkung auf naturalistische Sichtweisen geführt haben, greifen also tatsächlich, um pantheistische Vorstellungen und Denkmodelle zurückzuweisen.

Die Frage ist jedoch: Gelten diese Argumente auch für den biblischen Supernaturalismus?

Ist der biblische Supernaturalismus tatsächlich ein „Wissenschaftskiller“?

Erinnern wir uns: Der biblische Supernaturalismus trennt strikt zwischen Schöpfer und Schöpfung. Wir können uns das besonders eindrücklich anhand der Betrachtung der Sterne verdeutlichen: Der biblische Schöpfungsbericht kennt – anders als alle anderen damaligen Schöpfungsmythen – keine Götter und keine übernatürlichen Kräfte hinter den Sternen. Er sagt vielmehr: Die Sterne sind ganz einfach „Lichter“, die den Menschen zur Orientierung dienen sollen![5]

Auch sonst wird die Natur in der Bibel gänzlich entgöttlicht. Folgerichtig ist das ganze Alte Testament voll von Anweisungen, auf keinen Fall die Schöpfung anzubeten, sondern Gott allein, von dem wir uns kein geschöpfliches Bild machen sollen.[6] Die Brüder Hansjörg und Wolfgang Hemminger haben deshalb zu Recht notiert:

„Die Schöpfungsgeschichte bringt eine vollständige Entgöttlichung und Entzauberung der Welt, so vollständig, wie sie außerhalb des Judentums auch nicht annähernd erreicht wurde … Jeder Zeitgenosse, der an sein Horoskop glaubt, fällt in ein Denken zurück, das in 1. Mose 1 bereits überwunden ist.“ [7]

Ein Blick in die Wissenschaftsgeschichte zeigt: Es war genau diese Sichtweise einer von Gott wohlgeordneten, aber von ihm gänzlich getrennten Schöpfung, die die Pioniere der Naturwissenschaft angetrieben haben. So lesen wir z. B. bei Isaac Newton: „Die wunderbare Einrichtung und Harmonie des Weltalls kann nur nach dem Plan eines allwissenden und allmächtigen Wesens zustande gekommen sein.“[8] Dieser Wissenschaftspionier war ein tief gläubiger Christ. Er hat sich gerade nicht gegen das Schöpfungsdenken gewandt, ganz im Gegenteil: Das Schöpfungsdenken war die Basis seiner Forschungsarbeit! Newton war nicht der einzige, der so dachte. Ähnliche Überlegungen lassen sich bei vielen bekannten Wissenschaftspionieren finden, wie z. B. bei Nikolaus Kopernikus, Johannes Kepler, Galileo Galilei oder Blaise Pascal. Ein Blick auf einen Zeitstrahl zeigt: Diese gläubigen Naturwissenschaftler haben die Erfolgsgeschichte der Wissenschaft gestartet, schon lange bevor das Denken der Aufklärung aufkam.

Prof. Peter Gerdsen schreibt deshalb zu Recht: „Auch ist festzustellen, dass die Entwicklung der Naturwissenschaft die Dynamik und Schwungkraft, die sie auszeichnet, bereits erhielt, als die Philosophie der Aufklärung von ihrem Höhepunkt in Form der Philosophie Kants noch weit entfernt war.“ [9] Das weit verbreitete Narrativ, dass die Erfolgswelle der Naturwissenschaft eine Frucht der Aufklärung gewesen sei, stimmt also nicht. Das bestätigt auch der englische Literat C. S. Lewis, wenn er schreibt: Diese Leute wurden nicht Wissenschaftler, weil sie alles Übernatürliche ablehnten sondern „die Menschen wurden Wissenschaftler, weil sie Gesetze in der Natur erwarteten, und sie erwarteten Gesetze in der Natur, weil sie an einen Gesetzgeber glaubten.“[10] Und Carl Friedrich von Weizsäcker ergänzt: Die moderne Wissenschaft ist „ein Geschenk, ich hätte auch sagen dürfen, ein Kind des Christentums.“ [11]

Ist der biblische Supernaturalismus also ein „Wissenschaftskiller“? Nein, keinesfalls! Tatsache ist viel mehr:

  • Dass wir die Natur wohlgeordnet und mathematisch fassbar vorfinden, ist in einem naturalistischen Denkmodell gar nicht zu erwarten und darüber hinaus kaum erklärbar!
  • Der Glaube an einen Schöpfergott war in Wahrheit ein „Wissenschaftsgebärer“, weil er die Wissenschaftspioniere erwarten ließ, dass in der Natur Regelhaftigkeit und Ordnung vorgefunden wird, die der Mensch ergründen und erforschen kann!

Was wir in der Welt vorfinden, passt also viel besser zum biblischen Supernaturalismus als zu einem naturalistischen Weltbild. Der massive Erfolg der Naturwissenschaften lässt sich deshalb sehr gut auf die Denkgrundlagen des biblischen Supernaturalismus zurückführen.

Ist Wissenschaft auf Basis des biblischen Supernaturalismus weniger erfolgreich?

Dabei müssen wir bedenken: Auch der biblische Supernaturalismus erwartet Erfolg bei Anwendung des Ursache-Wirkungsprinzips in der Erforschung der Naturvorgänge. Denn er trennt zwischen Schöpfer und Schöpfung. Bei der Untersuchung des Geschaffenen geht er davon aus, dass in aller Regel alles mit natürlichen und nicht mit übernatürlichen Dingen vor sich geht.

Nur bei der Erforschung der Weltentstehung erwartet er etwas anderes. Hier erwartet er Anzeichen von absichtsvoller Planung und von Zielgerichtetheit statt absichts- und zielloser Ursache-Wirkungsketten als Ursache für die Entstehung. Die zentrale Frage lautet deshalb: War denn die Beschränkung auf absichtslose Ursache-Wirkungsketten bei der Erforschung der Weltentstehung tatsächlich erfolgreicher? Diese Fragestellung kann im Fachunterricht aus verschiedensten Blickwinkeln thematisiert werden. Entscheidend ist jedoch eine grundlegende Differenzierung:

Der grundlegende Unterschied zwischen der Erforschung des Geschaffenen und der Erforschung der Weltentstehung

Der grundsätzliche Unterschied zwischen der Erforschung des Geschaffenen und der Erforschung der Weltentstehung wird leider oft übersehen. Für die Beurteilung der Fruchtbarkeit des Denkmodells des biblischen Supernaturalismus ist diese Unterscheidung jedoch grundlegend wichtig: Bei der Erforschung des Geschaffenen fragt die Wissenschaft nach dem „Wie“. Wie funktioniert es, was ich da sehe? Bei der Frage nach der Weltentstehung geht es aber um die Frage: Woher kommt es? Wie ist das entstanden?

Ein Beispiel: Der Translationsprozess der Zelle

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Der grundlegende Unterschied zwischen der Frage nach dem „Wie“ und dem „Woher“ kann zum Beispiel sehr anschaulich anhand des Translationsprozesses in lebenden Zellen verdeutlicht werden. Bei der Erforschung dieses Prozesses hat die Naturwissenschaft in den letzten Jahrzehnten gewaltige Fortschritte bei der Frage nach dem „Wie“ erzielt. Translation bedeutet: Übersetzung! Im Translationsprozess wird die biologische Information, die auf der DNA gespeichert ist, in biologisches Material (genauer gesagt in ein „Protein“) „übersetzt“.

Für diesen Prozess wird zunächst von einem Abschnitt der DNA eine Kopie in Form einer RNA-Kette erzeugt. Auf der RNA ist also genau wie auf der DNA biologische Information codiert gespeichert. Aber wie kann diese biologische Information in ein Protein übersetzt werden?

In den letzten Jahrzehnten wurde deutlich: Die Maschinerie, die diesen Translationsprozess leistet, ist atemberaubend komplex. Entdeckt wurde eine ausgeklügelt arbeitende molekulare Maschine, das sogenannte „Ribosom“. Dieses hat die Fähigkeit, die RNA-Kette zu binden und sie in Verbindung mit den sogenannten „Transport-RNA-Molekülen“ zu bringen. Diese können auf der einen Seite an die RNA-Kette andocken. Auf der anderen Seite tragen sie eine von 20 möglichen sogenannten „Aminosäuren“, und zwar immer genau die Aminosäure, die durch den Code der RNA vorgegeben wird. Die Aminosäuren werden vom Ribosom zu einer wachsenden Kette zusammengefügt. Die Reihenfolge der Aminosäuren entscheidet wiederum darüber, wie sich die Kette nach ihrer Bildung faltet und welche Funktion somit das entstehende Protein übernehmen kann (ein Protein ist letztlich nichts anderes als eine gefaltete Kette aus Aminosäuren).

Dieser ausgetüftelte Translationsmechanismus ist ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie weit uns die Forschung nach dem „Wie“ gebracht hat. Aber wie hat sich die Situation entwickelt bei der Frage: Woher kommt dieser komplexe und ausgeklügelte Apparat? Wie ist das entstanden? Dazu stellen sich heute gewaltige Fragen:

  1. Wie entstanden die großen und sehr komplexen Makromoleküle der Zelle (DNA, RNA, Proteine, Fette, Zucker)?
  2. Woher kommt die Information der DNA? Dazu muss man wissen: DNA ist ein Informationsträger mit einem unregelmäßigen, nach grammatischen Gesetzen angeordneten zielgerichtet funktionierenden Code! Nach allem, was wir heute wissen, kann ein derartiger Code nur von einem intelligenten Geist programmiert werden.
  3. Wie entstanden solche komplexen zellulären molekularen Maschinen?
  4. Das allergrößte Rätsel ist das Henne-Ei-Problem: Gab es zuerst die Information oder zuerst den Übersetzungsapparat? Das Problem ist: Das eine macht ohne das andere keinen Sinn. Man kann mit dem Übersetzungsapparat nichts anfangen, solange die Information nicht da ist. Und man kann mit der Information nichts anfangen, solange es den Übersetzungsapparat nicht gibt. Beides für sich genommen ist komplex und kann nach allem, was wir wissen, nicht durch blinde und absichtslose Prozesse von selbst entstehen. Erst recht kann nicht beides parallel entstehen. Oder doch?

Bei dieser Frage wird häufig auf das Miller/Urey-Experiment verwiesen, das im Jahr 1952 mit dem Nobelpreis belohnt wurde. Bis heute findet man dieses Experiment in vielen Schulbüchern, wenn es um die Frage nach der Entstehung des Lebens geht. Die Anordnung in diesem Experiment soll eine Atmosphäre simulieren, wie sie auf einer angenommenen Urerde einst existiert haben könnte. Man nahm an, dass es Orte mit heißen Quellen gab, wo Wasser verdampfte sowie Orte, an denen Gase wieder kondensieren und sich als Flüssigkeit sammeln konnten. Zudem ging man vom Einwirken von Blitzen aus. In diesem Versuchsaufbau entstand mit der Zeit ein schwarzes, öliges Gemisch. Als Sensation wurde damals die Tatsache gehandelt, dass dieses Gemisch auch einige Aminosäuren enthielt, also die Grundsubstanzen von Proteinen. Die Schlussfolgerung war: Auf einer angenommenen Urerde könnten von selbst ohne Einwirkung von äußerer Intelligenz Aminosäuren entstanden sein. Das weckte die Hoffnung, dass dies nur ein erster Schritt sein würde hin zur Klärung der Frage, wie Leben ohne übernatürliche Einwirkungen von außen durch rein natürliche Mechanismen entstanden sein könnte.

Dazu muss man sich aber klar machen: Der Unterschied zwischen einer Aminosäure und einer lebens- und fortpflanzungsfähigen Zelle ist noch wesentlich größer als der Unterschied zwischen einem Backstein und dem Petersdom. Bis zur Erklärung der Entstehung des Lebens war also immer noch ein gigantischer Weg zurückzulegen. Die Frage ist: Wie ist es nach 1952 weiter gegangen?

Zu dieser Frage äußerte sich im Jahr 2019 Prof. James M. Tour, einer der weltweit führenden Forscher im Bereich der Biomolekülsynthese, wie folgt: „Was geschah in den zwei Dritteln eines Jahrhunderts seit Miller / Urey in anderen Wissenschaftsfeldern? Wir sind ins Weltall geflogen. Wir haben Satellitenkommunikation, Internet und Mikrochips. In den gleichen 66 Jahren sind wir immer noch genau da, wo Miller und Urey waren.“ [12]

Prof. Tour sagt also: Bei der Frage nach dem „Wie“ sind wir seit 1952 in vielen Feldern extrem weitergekommen! Aber bei der Frage nach dem „Woher“ des Lebens herrscht absoluter Stillstand. Bis heute haben wir noch nicht einmal verstanden, wie das Leben wirklich funktioniert, geschweige denn, dass wir in der Lage wären, Leben in unseren Labors künstlich nachzubauen. Im Gegenteil deuten alle Experimente darauf hin: Komplexe, biologisch wirksame Makromoleküle und lange Molekülketten entstehen nicht von selbst. Viel eher zerfallen sie, als dass sie sich bilden. Und vollkommen unvorstellbar ist die selbständige Bildung von komplexen molekularen Maschinen, wie wir sie reihenweise in unseren Zellen beobachten und ohne die auch das einfachste denkbare Leben nicht möglich wäre.

Das Feld der Lebensentstehung nicht der einzige Bereich mit diesem Trend. Überall in der Ursprungsforschung ist zu beobachten: Beim „Wie“ nimmt das Wissen, beim „Woher“ nehmen die Fragen zu:

Im Feld der Genetik hat der US-amerikanische Biochemiker Michael Behe 2019 ein Buch veröffentlicht[13], in dem er darlegt, wie rasant sich die Erkenntnisse in der Molekularbiologie gerade in den letzten beiden Jahrzehnten weiterentwickelt haben. Aber in Bezug auf die Frage nach der Evolution zeigt sich aus seiner Sicht immer klarer, dass die klassischen darwinschen Evolutionsmechanismen, also Mutation und Selektion, bei der Frage nach der Entstehung komplexer biologischer Systeme nicht weiterhelfen. Ja, mehr noch: Er zeigt, dass die darwinschen Mechanismen die Entstehung neuer biologischer Systeme sogar aktiv behindern! Mit anderen Worten: Wir erleben einen rasanten Fortschritt bei der Entschlüsselung der biologischen Systeme. Aber wir erleben einen Rückschritt bei der Frage, wie diese Systeme mit natürlichen Mechanismen entstehen konnten.

Das gleiche Bild scheint sich zunehmend in der Paläontologie herauszuschälen. Seit langem steht das Problem im Raum, dass die im Rahmen einer Evolutionstheorie erwarteten Übergangsformen weitgehend fehlen. Die Hoffnung war, dass bei zukünftigen Fossilfunden die Übergangsformen noch gefunden werden. Die Frage ist: Hat sich diese Hoffnung bestätigt? Der Paläontologe Dr. Günter Bechly hat dazu jüngst berichtet[14], dass wir inzwischen eine Situation haben, in der wir wissen können, dass der Fossilbericht ein gutes, aussagekräftiges Bild der Vergangenheit liefert. Und wie sieht dieses Bild aus? Wir finden immer wieder explosionsartig eine Fülle neuer biologischer Baupläne, die plötzlich auftauchen und dann über lange Zeit vergleichsweise unverändert bleiben. Aber wir finden keine belastbaren Hinweise auf eine schrittweise Höherentwicklung über die Grenzen von Familien hinaus. Sein Fazit ist: Der Fossilbericht widerspricht fundamental den Erwartungen und Vorhersagen, die die naturalistische Evolutionstheorie aufgestellt hat.

Ganz ähnlich sieht es auch im Feld der Mathematik, Chemie und Physik aus. Hierzu hat Dr. Markus Widenmayer zusammen mit Kollegen 2019 das Buch „Das geplante Universum“ veröffentlicht[15]. Darin wird aufgezeigt: Die mathematisch elegant beschreibbaren physikalischen und chemischen Eigenschaften des Universums sind exakt so eingestellt, dass Leben möglich ist. Wir können mit gutem Grund von einer Feinabstimmung des Universums sprechen. Und die große Frage ist: Woher kommt diese Feinabstimmung? Wer hat die Naturkonstanten so fein aufeinander abgestimmt? Die Erklärungsnot ist so groß, dass inzwischen mit fantastischen Annahmen operiert wird. Eine Idee ist zum Beispiel, dass es in Wahrheit nicht nur ein Universum gibt, sondern ein Multiversum, also unzählige Universen mit unterschiedlichen Eigenschaften. Ausgerechnet bei unserem Universum sei der extrem unwahrscheinliche Zufall eingetreten, dass alles haargenau so passt, dass Leben existieren kann. Aber selbst bei diesem fantastischen Modell ergeben sich grundsätzliche Fragen: Woher käme dieser Universumsgenerator, der permanent neue Universen produziert und dabei die Bedingungen ständig variiert? Und man darf durchaus die Frage stellen: Sind solche fantastischen und nicht widerlegbaren Gedankengebäude denn tatsächlich wissenschaftlicher als die schlichte Annahme eines Schöpfers?

Eines der größten Rätsel ist und bleibt der menschliche Geist. Wie konnte unpersönliche, dumme, planlose Materie einen menschlichen Geist hervorbringen, der denkt, plant, fühlt, der seiner selbst bewusst ist und über sich und über Gott nachdenkt? Auch bei dieser grundlegenden Frage ist die Forschung nicht weitergekommen. Vor wenigen Jahren brachte der bekannte atheistische Philosoph Thomas Nagel das Buch „Geist und Kosmos“ heraus[16]. Darin macht er deutlich: Der Naturalismus ist unfähig, Bewusstsein, Vernunft und Wertvorstellungen auf physikalische oder chemische Prozesse zu reduzieren. Er geht deshalb davon aus, dass „die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist“ (so der Untertitel seines Buches).

Aus diesem kleinen Überblick über die verschiedenen Forschungsfelder ergibt sich ein deutliches Gesamtbild:

Überall gibt es rasante Fortschritte bei der Frage „Wie funktioniert es?“. Aber bei der Frage „Woher kommt es?“ gibt es grundlegende, wachsende ungelöste Probleme im naturalistischen Modell:

  1. Wie kam es zur Feinabstimmung des Universums und seiner Elemente?
  2. Wie entstanden das Leben und die komplexen molekularen Maschinen?
  3. Woher kommt die auf der DNA gespeicherte Information?
  4. Wie entstand die Vielfalt der komplexen biologischen Baupläne?
  5. Woher kommt der Geist und das Selbst-Bewusstsein?

Diese und noch mehr derartige Fragen zeigen: Es geht bei der Frage nach dem „Woher“ längst nicht mehr nur um „Lücken“, die noch offen sind. Nein, es geht um die grundlegenden Fragen zur Entstehung der heutigen Realität, und zwar in allen Bereichen. Der rasante Erkenntnisgewinn hat keine natürlichen Entstehungsmechanismen zutage gefördert, sondern im Gegenteil immer mehr Hinweise auf absichtsvolles Design, dessen Entstehung nicht natürlich erklärbar ist.

Was sagt dieser Trend aus über die vier weltanschaulichen Grundannahmen?

Im starken sowie im schwachen Naturalismus wird erwartet, dass immer mehr natürliche Erklärungen gefunden werden – sowohl bei der Frage nach dem „Wie“ als auch bei der Frage nach dem „Woher“. Denn auch der schwache Naturalismus räumt vielleicht die Option eines übernatürlichen Anfangs ein (z.B. vor dem Urknall), der aber definitiv lange vor der Entstehung des Lebens auf der Erde anzusetzen ist. Aber nach diesem Anfang rechnet er nicht mehr mit übernatürlichen Eingriffen von außen.

Im Pantheismus wird erwartet, dass die natürlichen Erklärungen weder beim „Wie“ noch bei der Frage nach dem „Woher“ auf dem Vormarsch sind, weil ja überall mit göttlichen Kräften gerechnet wird, die die Reproduzierbarkeit durcheinanderbringen.

Aber beim biblischen Supernaturalismus wird genau das erwartet, was wir heute immer deutlicher vorfinden: Bei der Erforschung des Geschaffenen tauchen immer mehr natürliche Erklärungen auf. Das wird im biblischen Supernaturalismus erwartet, weil es sich um Geschaffenes handelt, das nach natürlichen Gesetzen funktioniert. Aber bei der Frage nach dem „Woher“ wird in diesem Denkmodell nicht die Entdeckung von immer mehr natürlichen Entstehungsmechanismen erwartet, sondern eine Zunahme von Hinweisen auf einen Designer. Denn gemäß der Aussage der Bibel ist die Welt das Produkt eines weisen, intelligenten Designers, eines Schöpfers.[17] Genau das zeigen auch die wissenschaftlichen Trends:

Wer von den vorgefundenen Fakten auf einen Schöpfer schließt, tut das also nicht aufgrund von Dingen, die wir nicht wissen (also auf der Basis von Lücken), sondern aufgrund von Dingen, die wir wissen: Zielorientiert angeordnete und zu komplexen Systemen absichtsvoll zusammengefügte Teile sowie verschlüsselte codierte Informationen sind immer ein Resultat der Tätigkeit eines absichtsvoll handelnden Geistes. Das wissen wir nicht nur intuitiv aus unserem Alltag, das bestätigt sich auch ständig empirisch in der wissenschaftlichen Forschung und wird zudem durch den zweiten thermodynamischen Hauptsatz gestützt.[18]

Noch nie wussten wir so viel über die unglaubliche Komplexität und Feinabstimmung der Natur wie heute. Es wirkt deshalb inzwischen wie ein eigenartiges Paradoxon, dass wir trotz dieses Wissenszuwachses heute annehmen, dass eine Gießkanne grundsätzlich das Werk von Designern und Ingenieuren ist, ein Schmetterling aber das Ergebnis von plan- und ziellosen Ursache-Wirkungsketten.

Vor dem Hintergrund der heutigen naturwissenschaftlichen Entwicklungen müssten wir eigentlich mehr denn je konstatieren, dass Paulus absolut recht hatte mit seiner Aussage: „Seit Erschaffung der Welt haben die Menschen die Erde und den Himmel und alles gesehen, was Gott erschaffen hat, und können daran ihn, den unsichtbaren Gott, in seiner ewigen Macht und seinem göttlichen Wesen klar erkennen.“ (Römer 1,20a). Daher dürfen sich auch moderne, aufgeklärte Menschen selbstbewusst zum biblischen Supernaturalismus bekennen, denn dieser ist weder wissenschafts- noch technikfeindlich, sondern er wird im Gegenteil von aktuellen naturwissenschaftlichen Trends klar gestützt.

Der biblische Supernaturalismus: Nach wie vor „verboten“ in der akademischen Welt

Trotz dieser Situation ist es bis heute so, dass der biblische Supernaturalismus bleibt in weiten Teilen der akademischen Welt „verboten“, weil er dem vorherrschenden rationalistisch geprägten Wissenschaftsbegriff widerspricht. Praktisch erleben musste das zum Beispiel der bereits erwähnte Paläontologe Dr. Günter Bechly. Bechly war noch bis vor wenigen Jahren beim Naturkundemuseum in Stuttgart beschäftigt. Im Jahr 2009 war er Kurator der weltweit beachteten Evolutionsausstellung in Stuttgart anlässlich des 150. „Geburtstags“ von Darwins Buch „Über den Ursprung der Arten“. Er war damals noch Atheist und nahm sich vor, den Glauben an die Entstehung der Natur durch einen intelligenten Designer in der Ausstellung möglichst lächerlich zu machen. Er bestellte deshalb einige Bücher, die die These eines intelligenten Designers vertreten, und legte sie auf die eine Seite einer Waage. Auf die andere Seite der Waage legte er Darwins Buch „Über den Ursprung der Arten“. Natürlich neigte sich in seiner Installation die Waage auf der Seite von Darwins Buch. Damit wollte Bechly zeigen: Alle diese Bücher über den intelligenten Designer sind Leichtgewichte. Als belastbares Schwergewicht hat sich allein Darwins Buch erwiesen, das uns bis heute den richtigen Weg weist.

Aber Bechly machte einen „Fehler“: Er nahm die Bücher über das intelligente Design in die Hand und begann, darin zu lesen. Die Inhalte überraschten ihn völlig. Denn er fand darin nicht den erwarteten religiös-funda­menta­listischen „Dünnpfiff“, sondern vielmehr starke Argumente, auf die er keine Antwort wusste und auf die er auch von Kollegen keine Antwort bekam. Aber Bechly blieb hartnäckig. Er begann, seine Fragen auf einer eigenen Homepage zu veröffentlichen. Das blieb nicht ohne Konsequenzen. Man strich ihm zuerst die Forschungsmittel. Schließlich hat sich das Museum von ihm getrennt.[19] Es ist also bis heute so: In Bezug auf den Supernaturalismus gibt es ein Denkverbot in unserer akademischen wissenschaftlichen Welt. Wer dieses Denkverbot übertritt, wird nicht selten ausgeschlossen. Entsprechend äußert auch z. B. der Theologe Patrick Becker[20]: „Weil das duale Denken[21] inzwischen nicht mehr viele Freundinnen und Freunde findet, darum hat auch diese Intelligent-Design-Richtung zumindest in Europa eher einen Außenseitercharakter.“ Drastischer noch formuliert der Theologe Prof. Siegfried Zimmer: „Man kann intelligent-design-mäßig Gottes Schaffen nicht analysieren. … Aus der Analyse der Welt kann man erkennen: Das hat ein Schöpfer gemacht. … So einfach ist es nicht. … Die lieben Christlein legen es sich so hübsch naiv zurecht.“ [22]

Wer also aus der Komplexität der Welt auf einen intelligenten Designer schließt, muss sich hier als „naives Christlein“ bezeichnen lassen. Diese Grundskepsis und sogar Verachtung gegenüber der Annahme einer übernatürlich wirkenden Kraft innerhalb von Raum und Zeit gilt erstaunlicherweise sogar in der Theologie. So schreibt Prof. Tapio Puolimatka: „Wenn Theologen zum Ausgangspunkt ihrer Forschung nehmen würden, dass Gott gesprochen habe und dass man Gottes Sprechen erkennen und verstehen könne, dann würden sie in einen Konflikt mit der breiten wissenschaftlichen Öffentlichkeit geraten.“ [23]

Naturalismus und biblischer Supernaturalismus: Gemeinsamkeiten und ein wichtiger Unterschied

Ein Vergleich zwischen dem Naturalismus und dem biblischen Supernaturalismus zeigt somit wichtige Übereinstimmungen: Beide Denkmodelle gehen davon aus, dass Naturphänomene in aller Regel eine natürliche Ursache haben. Deshalb sind für beide Denkmodelle die Instrumente der Beobachtung und der experimentellen Wiederholbarkeit sinnvolle wissenschaftliche Methoden zur Erforschung der Welt. Das heißt auch: Bei der Frage nach dem „Wie“ betreiben bibelgläubige Christen und Naturalisten die gleiche Art von erfolgreicher Wissenschaft.

Worin sich diese Denkmodelle aber nicht einig sind, ist die Frage: Können göttliche Eingriffe in Raum und Zeit möglicherweise die beste Erklärung bei Fragen nach dem „Woher“ sein? Und sind punktuelle, singuläre göttliche Eingriffe ins Weltgeschehen denkbar, z. B. bei der Auferstehung Jesu, bei biblischer Prophetie oder bei sonstigen Wundern?

Die Frage, welches Denkmodell der Wahrheit entspricht, kann die Wissenschaft nicht abschließend beantworten. Hier muss es deshalb Denkfreiheit geben für konkurrierende Modelle. Hier braucht es offenen Wettbewerb und respektvollen Dialog. In diesem Wettbewerb brauchen sich Christen, die der Bibel vertrauen, in keiner Weise zu schämen. Denn die biblischen Grundannahmen sowie das biblische Welt- und Menschenbild haben sich nach allem, was wir heute wissen, in beeindruckender Weise bestätigt.

Warum dieses Thema so wichtig ist: Die Wahrheit wird euch frei machen

Auf einem zentralen Gebäude der Universität Freiburg haben die Erbauer auf der Fassade einen Bibelvers eingeprägt, der eine Aussage Jesu wiedergibt: „Die Wahrheit wird euch frei machen.“

Diese Inschrift zeigt drei Dinge:

  1. Die Suche nach der Wahrheit war schon immer ein Antrieb der Wissenschaft. Heute gibt es aber die Gefahr, das Konzept der Wahrheit zu verlieren. In der Postmoderne wurde vielfach ein alternatives Denkmodell kultiviert: Es gäbe überhaupt keine objektive Wahrheit sondern nur subjektive Wahrheiten. Das Problem daran ist: Wenn die Wahrheit stirbt, stirbt auch die Wissenschaft.
  2. Ganz offensichtlich haben die damaligen Leiter der Universität noch gewusst: Die Wissenschaft kann zwar die Schöpfung erforschen. Sie kann die Gedanken Gottes in der Schöpfung nach-denken. Aber für die letzten Fragen sind wir Menschen auf andere Wahrheitsquellen angewiesen. Auf die letzten Fragen finden wir nur Antworten, wenn dieser Jesus, der gesagt hat „Ich bin die Wahrheit“, sie uns offenbart.
  3. Die damaligen Leiter haben offenbar geahnt, dass es Konsequenzen hat, wenn Gesellschaften wahren oder falschen Denkansätzen folgen. Die Entscheidung für die richtigen Denkvoraussetzungen ist nicht eine Frage des Geschmacks sondern von Freiheit oder Knechtschaft.

Die Auseinandersetzung um die außerwissenschaftlichen Vorannahmen ist deshalb viel mehr als Denkakrobatik. In dieser Auseinandersetzung geht es um ungeheuer viel. Es ist deshalb von größter Bedeutung, dass Christen verstehen, dass es in jeder Hinsicht vernünftig und gut begründet ist, der Bibel zu vertrauen, dass sie uns eine solide Grundlage gibt für unser Denken, für unser Forschen, für unsere Ethik und für unser gesellschaftliches Zusammenleben. Es lohnt sich, dafür gemeinsam offen einzustehen.


[1] Der Supernaturalismus wird oft auch als „Supranaturalismus“ bezeichnet.

[2] Zusammengefasst in Wikipedia unter https://de.wikipedia.org/wiki/Astralgottheit und  https://de.wikipedia.org/wiki/Donner#Mythologie

[3] Rudolf Bultmann: Neues Testament und Mythologie. Das Problem der Entmythologisierung der neutestamentlichen Verkündigung, in: Hans W. Bartsch (Hg.): Kerygma und Mythos, Bd. 1 (Theologische Forschung, Bd. 1), Hamburg 41960, S. 15–48, hier: S. 18.

[4] Brief vom 29. Mai 1944, Widerstand und Ergebung: Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, zit. n.

Berta Moritz: Schöpfung und Evolution, reloaded, 3.3.2016, http://www.kath.net/news/54251

[5] 1. Mose 1,14: „Und Gott sprach: Am Himmel sollen Lichter entstehen, um den Tag von der Nacht zu unterscheiden.“

[6] Z. B. 2. Mose 20,4: „Du sollst dir kein Götterbild machen.“

[7] Hans-Jörg und Wolfgang Hemminger: Jenseits der Weltbilder. Naturwissenschaft, Evolution, Schöpfung. Quell-Verlag Stuttgart 1991, S. 145f.

[8] Ernst Frankenberger: Gottbekenntnisse großer Naturforscher, Johannes-Verlag Einsiedeln 1994; S. 8

[9] Peter Gerdsen: Das Christentum in seiner Bedeutung für die moderne Wissenschaft, Professorenforum-Journal 2004, Vol. 5, No. 3, S. 46

[10] Clive S. Lewis, C.S. (1960) Miracles. Collins, Fontana; zitiert von Uwe Zerbst: Die Bibel vor der Wahrheitsfrage, online unter www.academia.edu/31864040/Die_Bibel_vor_der_Wahrheitsfrage, S. 142

[11] Carl F.v. Weizsäcker: Die Tragweite der Wissenschaft, Band. I: Schöpfung und Weltentstehung.

Die Geschichte zweier Begriffe, 4. Aufl., Hirtzel-Verlag Stuttgart 1973, S. 179-180

[12] James M. Tour: The Origin of Life Has Not Been Explained, online unter www.youtube.com/watch?v=r4sP1E1Jd_Y&t=683s, ab 10:50

[13] Michael J. Behe: Darwin Devolves, HarperOne New York, 2019

[14] Günter Bechly: Wissenschaft ohne Scheuklappen – Einwände gegen Darwins Evolutionstheorie, Vortrag vom 7.5.2018 beim Evangelischen Arbeitskreis der CDU Stuttgart, online unter https://www.youtube.com/playlist?list=PLwBfDPNE4CobU4KVWs2hPdFtHYIIhBUg9

[15] Markus Widenmayer (Hrsg.): Das geplante Universum, SCM Hänssler Holzgerlingen 2019

[16] Thomas Nagel: Geist und Kosmos: Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist, Suhrkamp Berlin 2016

[17] „Am Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde.“ (1. Mose 1,1)

[18] Der zweite thermodynamische Hauptsatz besagt unter anderem, dass in einem geschlossenen System die Entropie (die man umgangssprachlich als ein Maß der Unordnung beschreiben kann) nicht abnimmt, sondern in der Regel zunimmt.

[19] Das berichtet Günter Bechly im Video „Zweifel an Darwin“, online unter https://www.youtube.com/watch?v=LWVIzw0mTOw&t=5s

[20] Patrick Becker: Wo bleibt der Sinn? Zu den Einseitigkeiten naturwissenschaftlicher Weltdeutung, Vortrag vom 20.5.2018 in Weimar, online in der Worthaus-Mediathek unter: https://worthaus.org/worthausmedien/wo-bleibt-der-sinn-zu-den-einseitigkeiten-naturwissenschaftlicher-weltdeutung-8-3-1/

[21] „Dual“ im Sinne einer Wechselwirkung zwischen dem Natürlichen und dem Übernatürlichen

[22] Siegfried Zimmer: Die erste Schöpfungserzählung (1. Mose 1,1-2,4a) – Teil 2, Vortrag vom 21.5.2018 in Weimar, online in der Worthaus-Mediathek unter: https://worthaus.org/worthausmedien/die-erste-schoepfungserzaehlung-1-mose-11-24a-teil-2-8-4-2/

[23] Tapio Puolimatka: Glaube, Wissenschaft und die Bibel, Ruhland Verlag Bad Soden 2018, S. 28


Weiterführend zu diesem Thema sind im AiGG-Blog (blog.aigg.de) u.a. folgende Artikel erschienen:

Um die Rolle von Denkvoraussetzungen („Vorurteilen“) sowie viele weitere Probleme in De­batten zwischen unter­schied­lich geprägten Christen geht es auch im Buch „Zeit des Umbruchs“, das im September 2019 bei SCM R. Brockhaus erschie­nen ist. Informationen, Leseproben, Stimmen und Rezensionen zum Buch gibt es unter zeitdesumbruchs.aigg.de.

Siehe dazu auch:

Wie Vorannahmen die (Bibel-)Wissenschaft beeinflussen – und warum sie von jedem Menschen auf Augenhöhe beurteilt werden können
Erkenntnisse aus dem Buch “Glaube, Wissenschaft und die Bibel” von Prof. Tapio Puolimatka

Das schwarze Loch und der Vater des Lichts

Ist Jesus wirklich auferstanden? Hat ein Schöpfer die Welt erschaffen? Mit wissenschaftlichen Mitteln können wir das nicht prüfen. Gott und seine Wunder entziehen sich einer naturwissenschaftlichen Beobachtung. An die Schöpfung und die Auferstehung können wir nur glauben – oder auch nicht.
 
Wirklich?
 
Vor einigen Tagen haben Wissenschaftler ein “Foto” eines schwarzen Lochs veröffentlicht. Vom schwarzen Loch ist auf dem Bild allerdings nichts zu sehen. Schwarze Löcher entziehen sich einer direkten Beobachtung, denn sie sind so stark, dass sie alles um sich herum aufsaugen, sogar das sie umgebenden Licht. Untersuchen und bildlich darstellen kann man nur die Auswirkungen des schwarzen Lochs: Heiße Gaswirbel, die schwarze Löcher umkreisen und darauf hinweisen, dass sich im Zentrum ein unfassbar starkes Kraftfeld befindet.
 
Auch die Auswirkungen der Schöpfung können wir untersuchen:
 
Und wir können die Auswirkungen der Auferstehung untersuchen:
 
  • Eine extrem dynamische Bewegung, die direkt am Ort und in der Zeit des Geschehens begann, der schon nach 30 Jahren der Brand Roms in die Schuhe geschoben wurde, die nach 300 Jahren gegen massivste Widerstände den gesamten Mittelmeerraum erobert hatte und den römischen Kaiser zwang, das Christentum zur Staatsreligion zu machen
  • Zahllose Zeugen, die bereit waren, für die Botschaft der Auferstehung alles aufzugeben und den Märtyrertod zu sterben – inklusive dem leiblichen Bruder Jesu (wie der Nichtchrist Josephus berichtet)
  • Zahllose Menschen, die völlig entgegen ihren Traditionen plötzlich anfingen, den Auferstehungssonntag statt den Samstag zum Feiertag zu machen und einen elend gekreuzigten Zeitgenossen als Gott und Herrn anzubeten
Was ist im Zentrum all dieser Beobachtungen? Zufall? Einbildung? Betrug? Alle Versuche, die Fakten auf natürlichem Weg zu erklären sind kläglich gescheitert. Es ist offensichtlich: Im Zentrum von all dem ist die stärkste Kraft des Universums: Gott selbst, der das Leben erschaffen und den Tod überwunden hat.
 
Die Wissenschaft kann den Schöpfer und den Herrn des Lebens nicht untersuchen. Aber sie kann die Spuren untersuchen, die er hinterlassen hat. Wo sie es mit offenem Herzen tut stößt sie nicht auf ein schwarzes Loch – sondern auf den Vater des Lichts.

Weiterführend zum Thema Schöpfung:

Weiterführend zur Auferstehung Jesu: