Kultur der Barmherzigkeit

Tübingen ist ein schönes Städtchen. Es macht Spaß, dort zu arbeiten. Mit Boris Palmer haben wir einen interessanten Bürgermeister, der keine Auseinandersetzung scheut. Letzte Woche wurde er am Rande einer Demonstration von einem Steinewerfer am Kopf getroffen. Auch wenn ich politisch Boris Palmer nicht gerade nahestehe erschreckt mich so eine Nachricht.

Leider greift die Kultur des Steinewerfens um sich. Der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider beklagt gar eine  “Atmosphäre des Bloßstellens, des Niedermachens, des Draufschlagens”. In der Tat: Fast regelmäßig werden Verantwortungsträger Opfer eines medialen Spießrutenlaufens. Die Demontage von Bundespräsident Wulf war ein trauriger Höhepunkt. Aber auch die Tränen von Kanzlerkandidat Steinbrück haben Bände darüber gesprochen, wie brutal und gnadenlos öffentliche Verantwortungsträger traktiert werden. Und obwohl ich nie FDP-Wähler war fand ich auch den beißenden Spott und die Häme, die z.B. in der heute-show über der abgewählten FDP ausgegossen wurde, geradezu unerträglich.

Aber es geht nicht nur um Prominente. Unternehmer werden als „Bosse“ verschrien, Polizisten als „Bullen“, Hausfrauen und Mütter (für mich die größten Helden unserer Gesellschaft!) als „Heimchen am Herd“, denen man eine „Herdprämie“ bezahlen muss. Unsere scheinbar tabulose Gesellschaft hat neue Tabus geboren, deren Übertretung aggressiv geahndet wird. Das haben zuletzt die Teilnehmer des Marschs für das Leben erfahren müssen, die es gewagt haben, öffentlich das „Recht“ auf freie Abtreibung in Frage zu stellen und die dafür zwar nicht mit Steinen aber mit Farbbeuteln und Kondomen beworfen wurden.

Die Geschädigten dieser Kultur des Steinewerfens sind wir alle. Denn es sind ja gerade auch die Stützen unserer Gesellschaft, die da demontiert werden. Leider sind wir auch in der christlichen Szene alles andere als frei davon. Leiten macht einsam – das gilt allzu oft auch in Kirchen, Gemeinden und christlichen Werken. Es ist manchmal ernüchternd zu hören, was Leiter sich so alles an beißender Kritik anhören müssen. An mir selbst merke ich, wie schnell man zynisch, ärgerlich oder überheblich wird. Es ist gar nicht leicht, sein Herz rein zu halten, wenn man Berichte über (angebliche) Fehler Anderer hört.

Jesus hat die Fehler auch gesehen. Er sah die Sünde der Ehebrecherin. Er hat sie nicht kleingeredet oder ignoriert. Aber er hat sich mutig dazwischengeworfen, als die Steinewerfer ihr an den Kragen gehen wollten. »Wer von euch ohne Sünde ist, der soll den ersten Stein auf sie werfen!« hat er gesagt und damit die Ankläger dazu gebracht, ihre Steine in desteine Herzn Sand fallen zu lassen. Damit hat Jesus ein radikales Zeichen gesetzt. Er will eine Kultur der Barmherzigkeit! Und er hat uns daran erinnert, dass wir ALLE Fehler machen und ALLE von der Barmherzigkeit Gottes und unserer Mitmenschen leben.

Es tut mir ganz gut, mich manchmal daran zu erinnern, wie schräg ich selbst zeitweise drauf war. Wie sehr ich Menschen verletzt habe! Welche verqueren Meinungen ich hatte. Und Gott allein weiß, welche dunklen Motivationen und Irrtümer mich heute noch beeinflussen. Er hätte schon oft allen Grund gehabt, mich abzuschreiben. Aber Gott hatte und hat Geduld mit mir. Statt mich zu verurteilen hat er mir immer wieder aufgeholfen. Gott sei Dank!

Davon lebe ich: Von der Gnade, Vergebung und Barmherzigkeit Gottes und meiner Mitmenschen. Jesus, bitte hilf mir, dass auch ich gnädig bin. Dass ich den Stein fallen lasse, den ich auf andere Menschen schleudern will. Und dass ich mich so wie Du mutig dazwischen werfe, wenn Andere gesteinigt werden sollen. Lass mich ein Friedensstifter sein und einer, der mit der richtigen Herzenshaltung kämpft – für eine jesusmäßige Kulturrevolution. Für eine Kultur der Gnade und der Barmherzigkeit.

Miteinander reden – nicht übereinander! (Teil 2)

Nach der Sendung „Mission unter falscher Flagge“ habe ich den im Film interviewten Klinikseelsorger sowie die im Hintergrund beteiligte Arbeitsstelle für Weltanschauungsfragen angeschrieben und nach Belegen für die im Film genannten Vorwürfe gefragt. Die Rückmeldungen haben mich sehr beschäftigt. Keine Frage: Der Seelsorger hatte diese Äußerungen gut gemeint. Er wollte Mitmenschen schützen vor Gruppen, die er auf Basis seiner persönlichen Erfahrungen für problematisch oder schädlich hielt. Aus biblischer Sicht könnte solch ein Vorgehen durchaus berechtigt sein, schließlich hat auch Paulus z.B. in Bezug auf die Gefährlichkeit gesetzlicher Irrlehrer kein Blatt vor den Mund genommen. Es mag also tatsächlich Fälle geben, in denen es sogar notwendig ist, laut und deutlich vor bestimmten Gruppen oder theologischen Fehlentwicklungen zu warnen.

FingerzeigenDie große Frage ist: Wann ist ein solch dramatischer Schritt (mit all den schlimmen Verletzungen und Schäden, die daraus entstehen) tatsächlich angemessen? Welche Kriterien müssen erfüllt sein, die es berechtigt erscheinen lassen, Negatives über andere Christen zu verbreiten? In meinem Buch „AUFATMEN in Gottes Gegenwart“ habe ich dazu folgende Gedanken formuliert (Seite 107): Bevor wir über einen Menschen, eine Gruppe, eine Gemeinde, eine bestimmte christliche Prägung oder Bewegung etwas Negatives verbreiten, sollten wir uns unbedingt diese Fragen stellen: Ist es wirklich ganz sicher wahr, was ich sage? Kenne ich diese(n) Menschen denn wirklich? Ist meine Motivation in Ordnung? Bin ich mir sicher, dass ich mich nicht durch die Fehler von Anderen selbst auf einen Sockel stellen möchte? Habe ich Liebe für die, über die ich rede? Ist es wirklich hilfreich, jetzt über diese(n) Menschen zu sprechen? Wenn wir eine oder mehrere dieser Fragen nicht mit einem eindeutigen „ja“ beantworten können, sollten wir vermutlich besser schweigen.

Natürlich muss sich jeder diese Fragen selbst beantworten. Das kann ich auch nicht für den interviewten Klinikseelsorger oder die Weltanschauungsbeauftragte tun. Nachvollziehbare Belege für die im Film geäußerten harten Vorwürfe konnten mir jedenfalls beide bislang nicht nennen. Und wenn ich mir anschaue, was die Weltanschauungsbeauftragte öffentlich über bibeltreue charismatische Christen verbreitet kommen mir angesichts der enthaltenen einseitigen Klischees größte Zweifel, dass sie diese Christen wirklich kennt: So schreibt sie z.B., es handele sich um „Fundamentalisten“, die aus einer „Froh-Botschaft“ eine „Droh-Botschaft“ machten, ein Wohlstandsevangelium predigten und den Glauben als Allheilmittel verkauften. Immer wieder fallen Begriffe wie „aggressiv“, „intolerant“, „gefährlich“, „ideologisch“. Selbst die betenden „Mütter in Kontakt“ werden als „radikale Christen“ bezeichnet. Besonders erschrocken bin ich über die Bemerkung, dass diese „fundamentalistischen” Christen mit „muslimischen Fundamentalisten viele Gemeinsamkeiten“ hätten. Angesichts der hetzerischen und gewalttätigen Fratze des islamischen Fundamentalismus bleibt mir bei dieser Aussage die Spucke weg.

Ich weiß nicht, woher die Weltanschauungsbeauftragte ihre Informationen bezieht. Ich kann nur sagen, dass ich mich schon seit langer Zeit in charismatischen Kreisen bewege und viele Gemeinden und Gruppen kennen gelernt habe. Ja, auch dort gibt es leider Probleme, Missstände und Entgleisungen. Aber ein Wohlstandsevangelium oder Drohbotschaften sind mir ebenso wenig begegnet wie aggressive, intolerante Menschen, die für unsere Gesellschaft gefährlich wären.

Ich halte es für dringend erforderlich, dass meine evangelische Kirche ihren Umgang mit Christen anderer Prägung oder Konfession gründlich überdenkt. Besser heute als morgen sollte eine innerkirchliche Diskussion dazu beginnen. Jesus hat uns intensiv davor gewarnt, über andere Christen zu urteilen. Hören wir doch noch einmal bewusst auf seine eindringlichen Worte:

„Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet. Denn nach welchem Recht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit welchem Maß ihr messt, wird euch zugemessen werden. Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge?“

O ja, da gibt es wahrlich genügend Balken in meinem Leben und in meiner Kirche, die mich und uns wirklich beschäftigen sollten. Wir leben alle aus der Gnade. Diese Gnade sollten wir auch für Andere haben. Der Schrei Jesu nach Einheit sollte auch unser aller Schrei sein. Die Band „Casting Crowns“ hat dazu ein Gebet formuliert, das wir uns immer wieder zu Eigen machen sollten:

Oh Jesus, friend of sinners,
open our eyes to the world at the end of our pointing fingers.

Let our hearts be led by mercy.
Help us reach with open hearts and open doors.

Oh Jesus, friend of sinners, break our hearts for what breaks yours.

Warum Gebet und Genuss zusammengehört…

…und warum “In meinem Herzen Feuer” viel mehr ist als einfach nur ein weiteres Buch zum Thema Gebet

Ich habe schon einige Bücher über Gebet gelesen. Sie waren alle sehr überzeugend und hinterließen in mir das (leider wenig nachhaltige) Gefühl: JA, DU SOLLTEST mehr beten! Das neue Buch von Dr. Johannes Hartl hat in mir hingegen eher das Gefühl hinterlassen: JA, DU DARFST mehr beten! Du darfst Dich auf die Abenteuerreise des Gebets begeben! Du darfst die Gottesbegegnung noch viel mehr genießen lernen!

Wenn Johannes HarBuchcover In meinem Herzen Feuertl über Gebet spricht tut er das oft in etwa so, wie wenn ein 5-Sterne-Koch in poetischer Sprache von auserlesenen Köstlichkeiten schwärmt. Viele der im Buch beschriebenen Speisen erschienen mir zwar vertraut, einige waren für mich allerdings auch eine gewisse Zumutung: Die Einübung des Schweigens, kontemplatives Gebet, Gebet im Kloster – da schluckt ein protestantischer Pietist wie ich es bin. Aber zugleich fällt auf: Johannes Hartl spricht mit einer solchen Liebe von Jesus und vom Wort Gottes wie gerade wir Pietisten es doch eigentlich immer betont haben und doch leider immer weniger tun, seit auch immer mehr Evangelikale meinen, dass Bibeltreue für Enge, Gesetzlichkeit, Lieblosigkeit und Denkfaulheit steht. Johannes Hartl widerlegt alle diese Klischees eindrücklich: Seine abenteuerlichen Reiseberichte, seine ungeheure Belesenheit, seine Offenheit für andere Menschen und Kulturen und seine intellektuelle Wachheit zeugen von einer ungezähmten Neugier, die ansteckend wirkt. Für ihn ist es gerade die Liebe und Hingabe an Jesus und an sein Wort, die von Enge und Oberflächlichkeit befreit und in die Weite und in die Freiheit führt. Und ins Gebet, das für Johannes Hartl nicht nur geistliche Disziplin sondern gelebte Liebe, Genuss, Reichtum und Verschwendung bedeutet. Ein Schlüsselsatz des Buches ist für mich:

“Seine Gegenwart wahrnehmen zu lernen, ist der Schlüssel zu einem Gebet, das nicht mehr Leistung oder Anstrengung ist, als es Leistung oder Anstrengung ist, etwas Schönes zu sehen und es schön zu nennen.”

Ja, das scheint mir wirklich ein zentraler Schlüssel für Gebet zu sein und zugleich eine Antwort auf meine drängende Frage, warum wir angesichts der destruktiven Megatrends unserer Zeit nicht schon längst gemeinsam solange beten, bis er gemäß seinem Versprechen unser Land heilt. Wir wissen vielleicht viel über Gott. Aber das heißt eben noch lange nicht, ihn zu kennen! Hartls Therapievorschlag für die Christenheit lautet deshalb:

“Das Staunen neu zu lernen, Jesus wirklich kennenzulernen und sich von ihm faszinieren zu lassen, das wäre tatsächlich unsere Rettung und unsere Verwandlung.”

Damit drückt Johannes Hartl haargenau das aus, was mich beim Projekt “AUFATMEN in Gottes Gegenwart” seit langem bewegt. Die Faszination der Gottesbegegnung ist Johannes Hartl sogar noch wichtiger als die dramatischen Gebetserhörungen und Kraftwirkungen, die er als Folge des Gebets erlebt hat. Hartls Berichte, was Gebet alles bewegen kann, sind dennoch ein wichtiger Teil dieses Buchs. Sie lassen mich neu träumen davon, was wohl geschehen würde, wenn wir uns nicht nur in Augsburg sondern in allen Regionen Deutschlands über die Konfessionsgrenzen hinweg zusammentäten, um gemeinsam zu beten!

Ehrlich gesagt: Bis vor kurzem hätte ich mir kaum vorstellen können, ein Buch eines katholischen Theologen weiter zu empfehlen. Das Revolutionäre an diesem Buch liegt auch darin, dass es eine Entwicklung befeuert, die man ohne Übertreibung als kirchenhistorisch bezeichnen darf. Nachdem jüngst die seit 1909 andauernde Spaltung zwischen Evangelikalen und Pfingstlern überwunden und mit der Versöhnungsarbeit zwischen den einst blutig verfolgten Täufern und den Landeskirchen begonnen wurde deutet sich jetzt an, dass es pünktlich zum 500 jährigen Jubiläum der Reformation möglich werden könnte, dass einer der tiefsten Risse in der Einheit der weltweiten Christenheit zu heilen beginnt und Protestanten und Katholiken langsam zueinander finden. Welch ein gewaltiges Hoffnungszeichen! Einheit als Folge von Gebet ist deshalb für mich eines der heimlichen Hauptthemen dieses Buches. Auch deshalb empfehle ich von Herzen: Unbedingt lesen!!

Die Nachricht hinter den Nachrichten

Welche Botschaft sich hinter den Schreckensmeldungen unserer Zeit verbirgt

Ich schaue gerne Nachrichtensendungen an und informiere mich gerne im Internet darüber, was alles passiert in der Welt. Aber seit einiger Zeit vergeht mir der Spaß. Die schlechten Nachrichten häufen sich. Die Dramatik nimmt in bedrückender Weise zu. Dabei meine ich jetzt nicht nur die schlimmen Berichte aus den Kriegsgebieten wie Irak, Syrien, Libyen, Israel, Ukraine, Nigeria, Sudan usw. Genauso drücken mich die Berichte über Hetze, Hass und Gewalt mitten in Europa, mitten in Deutschland. Fast noch mehr Sorge bereitet mir die Frühsexualisierung und Pornografisierung unserer Jugend bei gleichzeitiger Verstaatlichung der Kindererziehung und Wegfall der Ideale von Treue und Familie. Wie sollen in unserer Gesellschaft emotional gesunde Kinder aufwachsen, wenn es immer weniger lebenslange Partnerschaften gibt? Und was wird mit unserer destabilisierten Gesellschaft passieren, wenn eine neue Finanzblase platzt und alle Rettungsschirme schon verbraucht sind?

Beim Nachdenken über diese Probleme regt sich in mir der Kampfgeist. Wir müssen doch aufstehen und etwas tun! Dann freue mich über all die Initiativen wie Petitionen, Demonstrationen, Großveranstaltungen usw. Ja, ich glaube wirklich, dass wir mehr denn je gerufen sind, aufzustehen und Salz und Licht unserer Gesellschaft zu sein. Nicht zuletzt die Onlinepetition zum Bildungsplan hat gezeigt, dass wir durchaus etwas bewegen können.

Aber am Ende denke ich: Auch wenn wir zu einer noch viel größeren Einheit finden und viel aktiver werden: Es wird wohl trotzdem nicht reichen. Wir werden die destruktiven Megatrends wohl nicht aufhalten können. Das könnte mich in die Verzweiflung treiben. Müssen wir denn wirklich hilflos zusehen, wie alles zerbricht?

In meinem Lied „Show your presence („Offenbare Deine Gegenwart“) habe ich dazu die folgenden Zeilen formuliert:

„Wenn alles gesagt und getan ist, wenn es keinen Weg mehr gibt, wohin wir uns wenden können, und wenn alle menschliche Hoffnung erloschen ist, dann begreifen wir es wieder: Es gibt nur 1 Ort, wo wir hingehen können, um Heilung für unsere Wunden zu finden. Wir werden Dein Angesicht suchen weil wir wissen: Wir brauchen Dich!“

Bild Video Show your presenceDas Lied ist inspiriert von 2. Chronik 7, 14, wo Gott uns verspricht, dass es trotz allem Chaos noch 1 Chance zur Rettung gibt, nämlich wenn das “Volk, das meinen Namen trägt, dann Reue zeigt, wenn die Menschen zu mir beten und meine Nähe suchen und zu mir zurückkehren, will ich sie im Himmel erhören und ihnen die Sünden vergeben und ihr Land heilen.”

Das klingt phantastisch. Fast zu schön, um wahr zu sein. Aber der Punkt ist: ES IST WAHR! Es gibt ganze Bücher in der Bibel, deren Geschichten immer nur diese 1 Botschaft haben: Gott hat diese Verheißung tatsächlich ernst gemeint! Und wer sich mit Erweckungsgeschichte oder den phantastischen Entwicklungen in Ländern wie Südkorea beschäftigt stellt fest: Hinter den Erfolgen stand und steht immer eine große Gebetsbewegung!

Aber leider sieht es bislang so aus, als ob ich mit meinem Lied zu optimistisch war. Trotz aller Schreckensnachrichten scheinen wir noch nicht wirklich zu begreifen, dass Gebet tatsächlich unsere einzige Rettung ist. Noch sind Gebetsabende meist die am schlechtesten besuchten Veranstaltungen im Gemeindeprogramm. Dabei haben Gebetsveranstaltungen so viele Vorteile:

  • Sie sind längst nicht so aufwändig und kräfteraubend wie Gottesdienste oder Evangelisationen. Im Gegenteil: Wenn wir dabei Gottes Gegenwart suchen statt nur Gebetsanliegen abzuarbeiten sind sie erfrischender als alles andere.
  • Im Gegensatz zu Protestaktionen verursachen Gebetsabende niemals Missverständnisse, Ärger oder Gegenproteste.
  • Gebetsveranstaltungen sind maximal effizient, denn wir erreichen 2 Ziele gleichzeitig: Die Erneuerung unseres Herzens UND unserer Gesellschaft.

Deshalb stellt sich mir die große Frage: Warum tun wir es nicht einfach? Warum folgen wir nicht einfach den Ortwin Schweitzers und Johannes Hartls dieser Welt, kehren um und fangen an, gemäß Gottes Anweisung als ganzes Volk Gottes gemeinsam zu beten und Gottes Angesicht zu suchen? Es wäre so einfach!

DIE NACHRICHT HINTER DEN NACHRICHTEN HEISST DESHALB: Allein den Betern kann es noch gelingen! GENAU JETZT ist die Zeit, unsere Prioritäten zu ändern und uns Zeit zu nehmen, um über alle Konfessions- und Generationsgrenzen hinweg gemeinsam Gottes Angesicht zu suchen, bis er kommt, um unser Land zu heilen!

Warum tun wir es nicht einfach?

Siehe auch:

Tatort Münster – ein hochbrisanter Fall der Kirchengeschichte

Warum wir die gnadenlose Verfolgung der Täufer nicht vergessen dürfen

Die Stadt Münster ist Tatortfans als Krimihochburg bestens bekannt. Hier löst das geniale Ermittlerduo Boerne und Thiel seine Fälle. Bei meinem Besuch in Münster fiel mir auf, dass diese Stadt aber auch reale Mordfälle zu bieten hat: Im Turm der Lambertikirche hängen noch immer die 3 Käfige, in denen 1536 die Leichen der öffentlich hingerichteten Anführer der Täuferbewegung zur Schau gestellt wurden. Der makabre Anblick hat mich betroffen gemacht. Seit ich vor ein paar Jahren das (äußerst empfehlenswerte!) Buch „Feuertaufe“ von Peter Hoover gelesen habe lässt mich das Drama der Täufer nicht mehr los.

Käfige LambertikircheLeider ist nur Wenigen bekannt, was sich damals abgespielt hat: Im 16. Jahrhundert entstand neben den reformierten Kirchen eine weitere reformatorische Bewegung, die noch einen Schritt weiter gehen wollte: Die Verbindung von Kirche und Staat sollte aufgelöst werden. Die Taufe sollte Ausdruck einer persönlichen Glaubensentscheidung sein, weshalb die Kindertaufe nicht anerkannt wurde. Stattdessen ließen sich Erwachsene taufen, ohne dabei die Einmaligkeit der Taufe in Frage zu stellen (der leider immer noch benutzte Begriff „Wiedertaufe“ war ein Schimpfwort, der den Täufern eine Irrlehre unterstellte, die sie nie vertreten haben und der deshalb dringend abgeschafft gehört).

Die Täuferbewegung wuchs schnell und konnte in weiten Teilen Mitteleuropas Gemeinden gründen. Von den Kirchen wurde sie aber als Bedrohung empfunden. Mit dem Wiedertäufermandat von Speyer und dem Augsburger Bekenntnis begann ab 1529 eine etwa 300 Jahre lang andauernde systematische Verfolgung. Viele tausend Menschen wurden dabei grausam vertrieben, eingesperrt, gefoltert, verbrannt, enthauptet oder ertränkt, und zwar nicht nur in katholischen sondern auch in vielen reformierten Regionen – und mit ausdrücklicher Unterstützung Martin Luthers! Diese gezielte und organisierte Ausrottung einer ganzen kirchlichen Bewegung wurde vom mennonitischen Täuferforscher Wolfgang Krauß zurecht als „Kirchenmord“ („Ekklesiozid“ in Anlehnung an den Begriff “Genozid” für Völkermord) bezeichnet. Eindrücklich schildert er, wie das Trauma bei den Nachfahren der in die ganze Welt vertriebenen Täufer (Mennoniten, Hutterer und Amische) bis heute nachwirkt.

Die Gründe für diese Verbrechen bleiben weitgehend rätselhaft. Bis auf wenige Ausnahmen (z.B. in Münster) waren die Täufer absolut friedlich und pazifistisch. Sogar ihre Gegner bescheinigten ihnen höchste moralische Integrität. Umso beschämender ist es, dass es fast 500 Jahre gedauert hat, bis endlich im Jahr 2010 Vertreter der lutherischen Kirchen die Täuferbewegung um Vergebung gebeten haben. Ist damit dieser Fall jetzt abgeschlossen? Nein, auf keinen Fall. Die Aufarbeitung der fürchterlichen Verfolgung der Täufer ist längst noch nicht bewältigt. Und die Erinnerung an die historische Schuld muss uns sensibel machen für unsere Gegenwart:

Leider haben wir Christen oft die Neigung, die Stillen im Land sein zu wollen. Lieber nichts sagen, um nirgends anzuecken. Aber ich glaube nicht, dass das eine Tugend ist. Gerade in Deutschland sollten wir wissen, wohin das führen kann. Auch deshalb unterstütze ich von Herzen die Initiative Zeit zum Aufstehen, damit wir Christen neu auf das schauen, was uns eint und gemeinsam eine Stimme finden für Gewissens- und Religionsfreiheit und gegen jede Benachteiligung und Verfolgung von Christen und Angehörigen aller Religionen weltweit“. Und natürlich müssen wir noch viel mehr tun: Gemeinsam beten, spenden, die Stimme auf vielfältige Weise erheben und uns einsetzen für Schwache und Verfolgte und für die Einheit der Christen, um die Jesus so intensiv gebetet hat. Es ist höchste Zeit, dass der Leib Jesu die historische Spaltung vollends überwindet und in seiner Vielfalt an Prägungen über die Konfessionsgrenzen hinweg zu einer Herzenseinheit findet. Nicht zuletzt das 500-jährige Reformationsjubiläum im Jahr 2017 wäre dafür ein großartiger Anlass!

Miteinander reden – nicht übereinander!

Gedanken zur ARD-Doku “Mission unter falscher Flagge”

Am 4. August wurde Deutschland in einer ARD-Doku über „radikale Christen in Deutschland“ aufgeklärt, die angeblich „Mission unter falscher Flagge“ betreiben. Obwohl dabei nur einige freikirchliche Gruppen mit charismatisch/pfingstlicher Prägung gezeigt wurden hat der Film letztlich die gesamte evangelikale Bewegung ins Zwielicht gerückt.

Die völlig einseitige, undifferenzierte und reißerische Darstellung mit subtilen Schnitten und düsteren Klängen hat viele Christen sehr empört. Das ging auch mir so. Nicht zuletzt die inzwischen verfügbaren Stellungnahmen des Gospel Forums, der FCJG Lüdenscheid, der TOS Tübingen oder des Werks Mission Freedom (inkl. der Pressemitteilung des MdB Frank Heinrich) haben die äußerst mangelhafte journalistische Qualität des Films überdeutlich werden lassen.

Bei allem Ärger über die ARD-Journalisten gibt es jedoch eine Sache, die mich offen gesagt noch mehr bedrückt: Es war ein Pfarrer meiner evangelischen Landeskirche Württemberg, der diese Mitchristen im Film so massiv angegriffen hat. Sein harmlosester Vorwurf war dabei noch, dass in den Veranstaltungen der freien Gemeinden das Evangelium wie in schlechten Managerseminaren angepriesen würde. Viel schlimmer war seine Aussage, dass es nach seinem „Eindruck“ hinter den Kulissen der freien Gemeinden Machtmissbrauch, Manipulation und sogar Gewalt gäbe. Die Belege dafür waren dünn. Außer ein paar vorgelesenen Behauptungen anonymer „Aussteiger“ wurden in dem ganzen Film praktisch keine Fakten genannt, um die harten Vorwürfe zu belegen, und das, obwohl die ARD-Journalisten hinter der Kamera offenbar kräftig von der Arbeitsstelle für Weltanschauungsfragen der württembergischen Landeskirche unterstützt wurden, wie die Filmemacher im Interview berichten.

Was mich dabei umtreibt ist: Vertreter meiner eigenen Kirche tun hier doch genau das, wofür der Papst gerade eben bei den Pfingstkirchen um Vergebung gebeten hat, nämlich die Beförderung einer undifferenzierten und einseitigen Stigmatisierung pfingstlich/charismatischer Mitchristen.

Natürlich ist mir aus persönlicher schmerzlicher Erfahrung sehr bewusst, dass es Manipulation, Gewalt und Machtmissbrauch tatsächlich auch in christlichen Kreisen gibt. ABER: Diese Probleme gibt es überall, wo Menschen mit verletzter Identität versuchen, ihre persönlichen Defizite durch menschliche Anerkennung und Macht zu kompensieren. Das ist keine Spezialität charismatisch/pfingstlicher Gruppen. Hier muss jede Gemeinde und Kirche zuerst vor ihrer eigenen Haustüre kehren.

Miteinander redenUnd wenn wir den Eindruck gewinnen, dass solche Probleme anderswo gerade gehäuft auftauchen, dann sollten wir MITEINANDER und nicht ÜBEREINANDER sprechen, so wie es Paulus gemacht hat. Wir lesen ja in der Bibel, dass es auch in den urchristlichen Gemeinden z.T. schlimme Fehler und Fehlentwicklungen gab. Gut, dass Paulus das direkt mit den Gemeinden besprochen hat statt die Bevölkerung Korinths oder Galatiens öffentlich vor den christlichen Gemeinden zu warnen!

Gerade jetzt kämpft meine Kirche wieder mit einer neuen Austrittswelle. Das drückt mich sehr. Noch bedrückender finde ich, dass unsere Gesellschaft große Probleme hat und mehr denn je die gute Nachricht des Evangeliums benötigt. Dafür brauchen wir Christen eine starke gemeinsame Stimme im Land! Jesus hat deutlich gemacht, dass unser Zeugnis erst dann an Strahlkraft gewinnt, wenn die Christen in Einheit zusammenstehen.

Deshalb meine ich: Wir können wir es uns nicht leisten, öffentlich auf einander loszugehen! Denn damit schaden wir am Ende dem Ruf ALLER Christen, auch dem unserer eigenen Kirche!

Ich wünsche mir deshalb sehr, dass meine Kirche dem Beispiel des Papstes folgt und klar zum Ausdruck bringt, dass…

… es nicht der Wahrheit entspricht, wenn charismatisch/pfingstliche Christen derart einseitig und undifferenziert negativ dargestellt werden.

… es nicht in Ordnung ist, Mitchristen (so wie überhaupt niemanden) ohne klare Faktenlage öffentlich niederzumachen.

… evangelikal und charismatisch geprägte Christen auch in vielen evangelischen Gemeinden äußerst wertvolle ehrenamtliche Arbeit leisten und ein wichtiger und wertgeschätzter Bestandteil der evangelischen Kirche sind.

… moderne, jugendgemäße Formen, wie sie im Film zu sehen waren, auch innerhalb der Kirche gefördert und begrüßt werden als wertvolle Hilfe gegen den massiven Bindungsabbruch von Jugendlichen zur Kirche.

Ob mein Wunsch wohl in Erfüllung geht? Ich habe den Pfarrer, der in der Sendung zu Wort kam, und meine Kirchenleitung darauf angesprochen. Vielleicht kommen wir ja miteinander ins Gespräch und gemeinsam einen Schritt vorwärts auf dem Weg zu der Einheit, für die Jesus so intensiv gebetet hat. Dann hätte dieser ARD-Film doch noch etwas Gutes bewirkt…