Mein Traum geht in die Verlängerung

Seit fast 30 Jahren bewegt mich nun schon dieser Traum von einer fröhlichen, bunten und vielfältigen Jesus-Bewegung, die gemeinsam für diese eine Botschaft steht: Jesus ist Herr! Er ist der Weg, die Wahrheit und das Leben! Sein Blut reinigt uns von unserer Schuld! Komm und lass Dich von ihm retten!

Im Juni 1994 fühlte ich mich diesem Traum so nahe wie nie. Gemeinsam mit etwa 70.000 Christen aus den verschiedensten Kirchen und Prägungen zogen wir mit dieser Botschaft singend und betend durch Berlin. Und im Olympiastation bekannten wir gemeinsam: „Ich nehme die Bibel an als das heilige und ewige Wort Gottes. Die ganze Schrift ist inspiriert durch den Heiligen Geist; sie ist Gottes verbindliche Offenbarung.“

Seitdem ist einiges passiert. Ich habe viel Versöhnung und wachsende Einheit erlebt – sogar mit damaligen Kritikern von diesem „Marsch für Jesus“. Und trotzdem muss ich mir eingestehen: Mein Traum ist nicht wahr geworden.

Es ist etwas geschehen, das ich damals für unmöglich gehalten hätte. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, dass ich einmal unter Evangelikalen die Leiblichkeit der Auferstehung oder das stellvertretende Sühneopfer verteidigen muss. Niemals hätte ich gedacht, dass auch unter uns in Frage gestellt wird, was wir damals doch gemeinsam hochhalten wollten: Die Bibel als das verbindliche und vom Heiligen Geist inspirierte Wort Gottes. Aber jetzt muss ich feststellen: Neben alten Spaltpilzen ist leider auch der verbindende Konsens in zentralen Glaubensfragen dahingeschmolzen – und damit auch die Basis für unsere Einheit.

Und jetzt das: Martin Grabe, der pietistisch geprägte Leiter der Klinik Hohe Mark, kündigt den uralten und bis heute weltweit vorherrschenden christlichen Konsens auf, dass praktizierte Homosexualität nicht mit Gottes Wort vereinbar ist. Stattdessen legt er einen neuen „Vorschlag für eine Einigung“ auf den Tisch: „Homosexuelle Christen dürfen ebenso wie heterosexuelle Christen eine verbindliche, treue Ehe unter dem Segen Gottes und der Gemeinde eingehen.“ Mit Michael Diener und Thorsten Dietz springen ihm gleich 2 bekannte „Schwergewichte“ aus dem evangelikalen Raum öffentlich bei.

Martin Grabes „Einigungsvorschlag“ verlangt von mir, dass ich gegen mein Gewissen etwas segnen soll, von dem ich in der Bibel lese, dass Gott das nicht segnet. Das wird ja oft übersehen: Bei diesem Thema geht es nicht nur um Meinungen. Es geht auf beiden Seiten um eine Gewissensfrage. Deshalb polarisiert das Thema auch so sehr. In meiner evangelischen Kirche musste ich gerade erst damit umgehen lernen, dass sämtliche Tübinger Theologieprofessoren meine Position nicht nur für falsch halten sondern darin eine „Diskriminierung“ sehen, die sie für „unerträglich“ halten. Wie soll da noch eine Verständigung möglich sein?

Jetzt begegnen mir auch in den Äußerungen von Martin Grabe solche polarisierenden Klischees: Wer sich für die neue Position öffnet, schürft tiefer und will die Wahrheit. Wer an der traditionellen Position festhält, ist in Angst und unguten alten Traditionen gebunden, diskriminiert, grenzt aus und hat womöglich noch nicht mal richtig die Bibel gelesen. Spätestens wenn man sich die Kommentare unter den Facebook-Posts von Michael Diener und Thorsten Dietz durchliest, merkt man: Jetzt tut sich auch mitten in der evangelikalen Welt dieser unüberbrückbare garstige Graben auf, der meine evangelische Kirche schon lange spaltet.

Umso mehr klopft eine Frage an die Tür meines Herzens: Ist die Einheit nicht doch wichtiger als das Beharren auf einer Position? Ist das nicht wirklich eine Randfrage? Und geht es nicht wirklich um wenige Bibelstellen, die man zudem historisch gar nicht so einfach einordnen kann? Sollte ich mir vielleicht doch einen Ruck geben und mit auf den Zug aufspringen, den Martin Grabe jetzt aufs Gleis gesetzt hat? Angesichts der vielen Likes unter den Posts von Diener und Dietz scheint mir: Ich bin nicht der Einzige, der sich solche Gedanken macht. Und offenkundig steigen nicht wenige geschätzte Mitchristen ein in diesen Zug, der jetzt wieder einmal lautstark zum Mitfahren lockt.

Aber nein. Ich werde nicht mitfahren.

Es zerreißt mir zwar das Herz, dass sich dadurch wohl auch Wege trennen müssen. Aber ich kann trotzdem nicht anders.

Es liegt nicht daran, dass ich unbedingt Recht behalten muss. Es liegt auch nicht daran, dass ich Angst vor Neuem hätte und ich nicht offen wäre für neue Einsichten in die Bibel. Gleich gar nicht liegt es daran, dass mir diese wertvollen, kostbaren Menschen, um die es bei diesem Thema ja geht, egal wären. Es liegt daran, dass ich mein Gewissen vor Gott auf Basis meiner Bibelerkenntnis nicht kompromittieren kann. Und es liegt daran, dass ich allzu deutlich sehe, dass dieser Zug ganz sicher nicht in Richtung dieses großen Traums fährt, für den mein Herz schon so lange schlägt.

Meine evangelische Kirche hat sich ja schon längst auf diese Schiene begeben. Und da sehe ich: Es ist naiv, zu glauben, dass wir Einheit und Frieden finden, wenn wir nur an diesem einen Punkt nachgeben. Wer A sagt, muss auch B sagen. Die Agenda der sogenannten „sexuellen Vielfalt“ ist lang. Die nächsten Tabubrecher klopfen längst schon an die Tür der Kirche. Sie werden keine Ruhe geben.

Außerdem ist meine Beobachtung: Dieser Zug bewegt sich ganz offenkundig in Richtung einer generellen theologischen Liberalisierung – auch wenn das oft noch bestritten oder verschwiegen wird. Ich habe mich mit einer Reihe von Versuchen befasst, praktizierte Homosexualität mit der Bibel zu vereinbaren. Sie wirkten auf mich bestenfalls bemüht, eher wunschgeleitet und spätestens im Licht der Gegenargumente wenig überzeugend. In der Mehrheit basierten sie angesichts der doch sehr klaren und durchgängigen biblischen Aussagen auch ganz offen darauf, dass die Apostel halt Kinder ihrer Zeit waren und wir es heute besser wissen. Dann sind aber wir zum Maßstab der Bibel geworden statt umgekehrt. Es wundert mich deshalb nicht, dass die Öffnung für gleichgeschlechtliche Trauungen vielerorts mit einem liberaleren Bibelverständnis einhergeht, bei dem schnell auch innerste Kernaussagen des Glaubens ins Wanken geraten. Mir ist bislang keine Gemeinschaft bekannt, die auf Dauer die Trauung von gleichgeschlechtlichen Paaren mit einem traditionell evangelikalen Bibelverständnis verbinden konnte.

Auch die bei dieser Debatte zu beobachtende Tendenz, biblisch-theologische Fragen jetzt mehr auf Basis persönlicher Erfahrungen statt mit biblisch-theologischen Argumenten entscheiden zu wollen, weckt in mir keine Reiselust. Ganz klar: Es ist wichtig, das Bibellesen mit dem Hören auf Gott und mit unserer Erfahrungswelt zu verbinden. Und natürlich sollen wir uns bei der Auslegung vom Geist leiten lassen. Aber wenn das, „was Gottes Geist mir sagt“, erst nach den theologischen Argumenten kommt und somit das letzte Wort hat, dann wird es bedenklich. Vor allem im charismatischen Umfeld habe ich (zum Glück nur selten!) erlebt: Wenn christliche Leiter anfangen, ihre Position primär mit persönlicher Geistesleitung zu begründen, wird es schräg. Ich kann nur inständig hoffen, dass wir Evangelikale uns nicht auf derart brüchige Gleise begeben sondern fest dabei bleiben, was Martin Luther so grundlegend wichtig war: „Dass allein die Heilige Schrift herrsche“.

Ich habe einfach keine Hoffnung, dass es einen echten geistlichen Aufbruch geben kann, wenn die Bibel nicht als verbindliches Wort Gottes hochgehalten wird. Ich kann nicht erkennen, dass progressive, liberale oder subjektiv-individualistische Theologie irgendwo auf der Welt dem Gemeindewachstum nachhaltige Dynamik verliehen, die Einheit gestärkt und das evangelistische Zeugnis beflügelt hätte. Im Gegenteil: Die liberalen Kirchen schrumpfen weltweit. Dieser Schaden scheint mir weitaus größer zu sein als das Problem, dass christlich-konservative Positionen immer mehr gesellschaftliche Ächtung erleben. Wir sollten es nie vergessen: Gesunde Erweckungsbewegungen waren immer auch Bibelbewegungen, die die Heilige Schrift als verbindliches Gotteswort gelesen und ausgelegt haben. Das hat ihnen oft Spott und Ausgrenzung eingebracht. Aber bis heute leben letztlich alle Kirchen von den Segensspuren, die diese Erweckungsbewegungen hinterlassen haben.

Es hilft wohl nichts. Ich werde diesen Zug nicht aufhalten können. Ich schaue hinterher und fühle mich ein wenig wie die Israeliten, die an der Grenze des gelobten Lands wieder zurückkehren mussten in die Wüste. Aber ich lasse mich nicht entmutigen. Ich glaube weiter fest daran: Die Nachfolger Jesu werden sich sammeln um ihren Herrn und um sein Wort. In aller Vielfalt an Prägungen und Konfessionen werden sie gemeinsam diese phantastische Botschaft in unserem Land bekannt machen. Mein Traum ist so lebendig wie eh und je. Er geht jetzt eben nur noch einmal in die Verlängerung.


Siehe auch: Homosexuell und bibeltreu – Das Zeugnis von Pfarrer Sam Allberry