Theologische Ausbildungsstätten im Spannungsfeld

Über die Zukunft der evangelikalen Bewegung wird vor allem auch an ihren theologischen Ausbildungsstätten entschieden. Wie geht man dort mit den Widersprüchen zwischen traditionellen evangelikalen Grundbekenntnissen und dem Wissenschaftsverständnis staatlicher Einrichtungen um? Bei meinen Recherchen zum Artikel über das wunderkritische Paradigma kam ich darüber mit einigen Vertretern und Abgängern von freien Ausbildungsstätten ins Gespräch – und stieß auf teils überraschende Antworten.

Traditionell hatten sich die freien theologischen Ausbildungsstätten überwiegend klar gegen die Wunderkritik positioniert, die an den universitären theologischen Fakultäten bis heute vorherrschend ist. Weit verbreitet war stattdessen ein klares Bekenntnis zum Offenbarungscharakter der Bibel. So nennt die Konferenz bibeltreuer Ausbildungsstätten (KBA), zu der sich aktuell 36 Einrichtungen zählen, auf ihrer Internetpräsenz nach wie vor die „göttliche Inspiration und die Unfehlbarkeit der ganzen Heiligen Schrift​“ gleich als erste Glaubensgrundlage. So klar, wie dieses Bekenntnis es vorgibt, ist die reale Situation aber offenbar nicht an allen Ausbildungsstätten, die sich zur KBA zählen. Erst vor kurzem schrieb mir ein Student einer KBA-Ausbildungsstätte, dass dort Siegfried Zimmers Buch „Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben?“ Pflichtlektüre für alle Studenten sei – obwohl Siegfried Zimmer sich klar gegen den Offenbarungscharakter der biblischen Texte wendet.[1] Zudem sind mir immer wieder Äußerungen und Veröffentlichungen von Lehrkräften aufgefallen, die kaum noch zu solchen evangelikalen Grundbekenntnissen zu passen scheinen. 2018 hat die evangelische Hochschule Tabor die KBA verlassen. Könnte es sein, dass Denkvoraussetzungen und Paradigmen der universitären Theologie auch an einigen freien theologischen Ausbildungsstätten Fuß fassen? Wenn ja: Woran liegt das?

Ein Grund könnte sein, dass Studenten es schätzen, wenn ein Abschluss auch Türen in staatliche und kirchliche Strukturen (Pfarrer, Religionslehrer…) öff­net. Um das zu ermöglichen, brauchen die Ausbildungsstätten eine Akkreditierung durch Instanzen aus dem staatlichen Wissenschaftssystem. Zwar gilt auch für diese Instanzen ausdrücklich das Prinzip der Freiheit der Forschung. Niemand darf gezwungen werden, einseitige Forschungsergebnisse oder Verfahren als unumstößlich anerkennen zu müssen. Trotzdem wurde mir zugetragen: Im Rahmen dieser Akkreditierungsverfahren könne durchaus Druck entstehen bzw. es könne als opportun erscheinen, das klare Bekenntnis zum Offenba­rungscharakter der Bibel zumindest ein Stück weit aufzuweichen.

Das wäre aber sicher nur eine der Ursachen, warum einige freie Ausbildungsstätten scheinbar zunehmend in ein schwieriges Spannungsfeld geraten zwischen den traditionellen evangelikalen Überzeugungen (die ja vor allem an der Gemeindebasis noch häufig erwartet werden) und den gänzlich anderen Erwartungen der staatlichen bibelwissenschaftlichen Welt. In meinen Gesprächen sind mir vor allem fünf unterschiedliche Strategien begegnet, mit denen Ausbildungsstätten versuchen, mit dieser Spannung umzugehen:

1. Strategie: Die Suche nach dem „goldenen Mittelweg“

Ich kenne das selbst: Wenn man über Konflikte und Debatten schreibt, dann ist es rhetorisch immer äußerst praktisch, sich gegen extreme Ränder auf beiden Seiten abgrenzen und sich selbst in einer scheinbar ausgewogenen Mitte verorten zu können. Das wirkt garantiert seriös und differenziert. Entsprechend ist mir immer wieder die Aussage begegnet, man wolle sich in einer gesunden Mitte zwischen „Fundamentalismus“ und „übertriebener Bibelkritik“ positionieren. Das Problem dabei ist: Zwischen der universitären Wunderkritik und dem biblischen Selbstanspruch tut sich ein gewaltiger Graben auf. Die Auslegungsergebnisse sind extrem unterschiedlich.[2] Deshalb ist auch die „Mitte“ zwischen diesen beiden Positionen unter Umständen schon weit entfernt von der traditionellen evangelikalen Position und vom protestantischen Schriftprinzip.[3] Dieses Problem wird noch deutlicher bei den Strategien 2 und 3, die nach meiner Beobachtung oft mit der Strategie vom angeblichen goldenen Mittelweg einhergehen:

2. Strategie: Den dogmatischen Unterbau exegetischer Methoden ignorieren

Immer wieder wird gesagt: Bei der „Bibelkritik“ ginge es doch zunächst einmal nur um ein Set an neutralen, objektiven, nüchtern-wissenschaftlichen Methoden, vor denen kein Evangelikaler Angst haben müsse. Auch Evangelikale müssten doch ein Interesse haben, den großen Graben zwischen der Jetztzeit und der völlig anderen Sprache, Kultur und Denkweise der Antike durch solche Methoden zu überbrücken, um jenseits von unseren „Brillen“ und Voreingenommenheiten einen objektiveren, „unverstellteren Blick“ auf die Bibel zu bekommen.

Leider fehlt bei solchen Aussagen meist die Beleuchtung des dogmatischen und wunderkritischen Unterbaus vieler bibelkritischer Methoden. Denn diese bauen zum Teil grundsätzlich auf einer vorausgesetzten inneren Widersprüchlichkeit der biblischen Texte auf und rechnen prinzipiell nicht mit übernatürlichen Vorgängen. Deshalb sind natürlich auch schon die Methoden oft eben nicht neutral sondern vom jeweils verwendeten Paradigma geprägt – mit entsprechend weitreichenden Auswirkungen auf die exegetischen Ergebnisse.

3. Strategie: Die historische Frage für unrelevant erklären

Immer wieder höre ich die These, dass die historische Frage (also die Frage, ob sich die biblischen Geschichten tatsächlich ereignet haben) für die theologischen Aussagen der Bibel und für den persönlichen Glauben doch gar nicht wirklich wichtig sei. Auch als Evangelikaler könne man deshalb ganz entspannt aufgeschlossen sein für wissenschaftliche Kritik an biblischen Angaben zu Ereignissen, Orten, Personen, Autoren und Zeitangaben. Das Problem daran ist: Der christliche Glaube gründet eben gerade nicht auf abstrakten Gedanken sondern auf historischen Heilsereignissen. Die Apostel haben nicht in erster Linie eine neue Theologie verkündigt sondern berichtet, „was sie gesehen und gehört haben.“ (1. Joh. 1,3) Damit machen die biblischen Autoren deutlich, dass für sie gerade auch die historische Frage von grundlegender Bedeutung ist.[4] Wer diese Frage entgegen den biblischen Selbstaussagen für unwichtig hält, verlässt somit bereits das Grundprinzip, dass die Schrift sich selbst auslegen muss und hat damit auch schon die traditionelle Position des Vertrauens in die Gültigkeit der Schrift aufgegeben.

4. Strategie: Etablierung einer „Hybrid-Theologie“

Man kann auch versuchen, die theologische Arbeit teilweise an die Anforderungen der wunderkritischen akademischen Welt anzupassen, indem man die biblische Exegese in mehrere Phasen aufteilt. Die Idee ist: Zunächst, in den frühen Methodenschritten, wird nur der pure Sinn des Textes unter Umgehung der Wunder- und Offenbarungsfrage möglichst „neutral“ (also unabhängig von weltanschaulichen Positionen) erarbeitet, so dass ein gemeinsames wissenschaftliches Arbeiten mit andersgläubigen Wissenschaftlern (und somit die geforderte „intersubjektive Überprüfbarkeit) möglich ist. Erst in einem zweiten Schritt werden dann auf Basis der Glaubensannahme eines Offenbarungscharakters der Schrift und eines wunderwirkenden Gottes spezifisch evangelikale Auslegungen erarbeitet.

In der Praxis scheint das aber kaum möglich zu sein. Denn die Fragen nach Autor, Datierung, Adressat und kulturellem Umfeld sind nun einmal schon für die Erfassung des Text­sinns grundlegend wichtig. Die Beantwortung der sogenannten „Einleitungsfragen“ als Basis für die Erforschung des Textsinns kann unmöglich „neutral“ erfolgen, wie die Beispiele der Datierung des Danielbuchs oder der Evangelien im Artikel über das wunderkritische Paradigma zeigen. Die Bibel stellt jeden Leser von Beginn an vor die Glaubensfrage und lässt somit nicht wirklich Raum für Ansätze, die sowohl mit evangelikalen Überzeugungen als auch mit dem wunderkritischen Wissenschaftsbegriff kompatibel sind.

5. Strategie: Gleichwertige Koexistenz der verschiedenen Paradigmen

Man kann schließlich auch noch versuchen, den Offenbarungscharakter der Schrift nicht mehr strikt zu verteidigen, sondern nur noch als Denkoption darzustellen. Den Studenten würde somit in Alternativen gezeigt, wie ein Text im Rahmen eines geschlossenen wunderkritischen, eines offenen oder eines bibeleigenen Paradigmas erforscht und ausgelegt werden kann. Tatsächlich ist es ohne Zweifel sinnvoll, wenn auch evangelikale Studenten die verschiedenen Denkwelten samt ihren dogmatischen Voraussetzungen kennen lernen. Und natürlich sollten auch freie theologische Ausbildungsstätten mit bibel- und wunderkritischen Theologen gesprächsfähig sein und bleiben. Die Frage ist aber: Positioniert man sich als Ausbildungsstätte trotzdem eindeutig und klar zum Offenbarungscharakter der Heiligen Schrift? Wenn nein: Müssten dann nicht zwangsläufig auch Professoren eingestellt werden, die dem wunderkritischen Ansatz fol­gen? Welche Auswirkungen werden sich daraus auf Dauer für die Ausrichtung der Ausbildungs­stätte ergeben, wenn das Ernstnehmen des biblischen Offenbarungscharakters nur noch eine Option und keine festgeschriebene Grundlage der eigenen Arbeit mehr ist?

Gibt es eine Alternative?

An den theologischen Ausbildungsstätten wird das zukünftige Leitungspersonal der Gemeinden und Werke ausgebildet. Die Entwicklungen an den Ausbildungsstätten haben deshalb kaum zu überschätzende Konsequenzen für die evangelikale Bewegung insgesamt. Die theologischen Veränderungen, die sich dort vollziehen, können uns also keinesfalls einfach gleichgültig sein, zumal wir dringend gute theologische Ausbildungsstätten brauchen! Die Kirche Jesu benötigt gerade heute dringend kluge und „denkbereite“ Theologen, die sich bekenntnistreu Gott unterstellen, die seiner Führung und Leitung vertrauen, die zur Offenbarung der Bibel als Wort Gottes stehen und zugleich Argu­mente abwägen, gebildet und kenntnisreich diskutieren und Falsches vernünftig-plausibel widerle­gen und entlarven können.

Deshalb würde ich mir wünschen, dass Theologen und Ausbildungsstätten sich statt der genannten fünf Strategien eher für die „Daniel-Option“ entscheiden: Daniel machte in Bezug auf seinen Glauben und seine Überzeugungen keine Kompromisse. Er bekannte sich offen dazu. Das katapultierte ihn mehrfach fast aus dem System. Aber Gott bewahrte ihn übernatürlich und gab ihm zudem eine Weisheit, die ihm erstaunlichen Einfluss verlieh. Ich glaube: Gott kann das auch heute noch tun.

Aber letztlich steht mir zu der Frage, wie freie theologische Ausbildungsstätten mit dem beschriebenen Spannungsfeld umgehen sollten, keine abschließende Antwort zu. Gleich gar nicht möchte ich mit diesem Artikel den Stab brechen über evangelikale Theologen und Verantwortliche an den freien Ausbildungsstätten. Ich trage dort nicht die Verantwortung und stehe nicht unter dem Druck der ganz praktischen, teils existenziellen Herausforderungen, die sich dort ergeben und die gegebenenfalls zu sehr herausfordernden Abwägungen führen können.

Aber zwei Wünsche möchte ich gerne trotzdem aus meiner Außenperspektive heraus formulieren:

1. Bitte seid ehrlich und transparent!

Die fünf hier genannten Strategien habe ich mir wie erwähnt nicht ausgedacht. Es gibt heute ohne Zweifel auch in den Reihen der KBA Ausbildungsstätten, die mehr oder weniger stark eine oder mehrere dieser Strategien zu praktizieren versuchen. Das hat mich persönlich doch sehr erstaunt und die Frage geweckt: Ist es dann noch ehrlich und transparent, wenn offiziell an den veröffent­lichten Bekenntnissen der bibeltreuen Ausbildungsstätten festgehalten wird, in denen ja behauptet wird, klar am Offenbarungscharakter und der Unfehlbarkeit der Bibel festzuhalten? Oder wäre es dann nicht wesentlich ehrlicher, die veröffentlichten Bekenntnisse an die gelebte Realität anzupassen, so dass…

  • Spender transparent wissen können, wie die Arbeit geprägt ist, für die sie spenden?
  • Studenten transparent wissen können, womit sie sich in ihrer Ausbildung befassen werden?
  • Gemeinschaften und Gemeinden transparent wissen können, welche Ausbildung ihre potenziellen zukünftigen Leiter durchlaufen haben?

Mein Wunsch ist: Bitte seid in Bezug auf eure Ausrichtung transparent gegenüber Spendern, Studenten und Gemeinden! Ich habe inzwischen zu viele Geschichten gehört von Studenten, die in Bezug auf die Lehrinhalte an ihrer Bibelschule völlig andere Erwartungen hatten. Noch tragischer sind Geschichten von Gemeinden, die einen „bibeltreuen“ Prediger erwartet hatten und von der progressiv/liberalen Prägung ihres Studienabgängers negativ überrascht wurden, so dass es zu schmerzhaften Konflikten kam. Mehr Transparenz und Ehrlichkeit hätte helfen können, solche Situationen, die für alle Beteiligten hochproblematisch sind, zu vermeiden.

2. Lasst uns mutige und kompetente Gemeindeverantwortliche sein!

Mein zweiter Wunsch richtet sich an Leiter in Gemeinden und Werken, die nicht Theologie studiert haben. In Zeiten, in denen die Theologie auch an vielen freien Ausbildungsstätten immer pluraler wird, erscheint es mir wichtiger denn je, dass auch die nicht studierten Verantwortlichen theologische Kompetenzen entwickeln, um zwischen theologischen Strömungen, Weichenstellungen und Ausrichtungen unterscheiden und ihre Konsequenzen und Auswirkungen beurteilen zu können. Die Reformatoren haben der ganzen Gemeinde das Recht (und die Pflicht!) mitgegeben, Theologen und Amtsträger auf der Basis von Gottes Wort prüfen, kritisieren und gegebenenfalls auch zurückweisen zu dürfen. »Dass eine christliche Versammlung oder Gemeine Recht oder Macht habe, alle Lehre zu urteilen und Lehrer zu berufen, ein- und abzusetzen, Grund und Ursach aus der Schrift«, ist ein von Martin Luther formuliertes, urprotestantisches Kernanliegen. Dieser Pflicht dürfen und müssen wir uns heute ganz neu stellen. Und wir dürfen für unsere Theologen und Ausbildungsstätten beten, dass die Liebe zur Schrift und die Ehrfurcht vor Gottes Heiligem Wort dort trotz großer Herausforderungen weiter hochgehalten oder ganz neu wiedergewonnen wird. Denn gerade in einer Zeit, in der das Bibelwissen immer mehr abnimmt, brauchen starke Gemeinden starke Theologen, die tief in Gottes Wort verwurzelt sind.

[1] Siehe dazu die ausführlichen Darlegungen in Markus Till: „Zeit des Umbruchs“, S. 135-148

[2] Das zeigt sich z.B. eindrücklich bei der Frage nach der Datierung des Buchs Daniel bzw. der Evangelien und den daraus resultierenden weitreichenden Konsequenzen, wie sie erläutert werden in Markus Till: „Das wunderkritische Paradigma“, AiGG-Blog 2020

[3] Das reformatorische Schriftprinzip wird gut erläutert von Dr. Jörg Breitschwerdt im Vortrag: „Theologisch konservativ – Warum bibeltreue Christen immer wieder protestierten“

[4] Siehe dazu Markus Till: Streit um das biblische Geschichtsverständnis“, AiGG-Blog 2018

Das wunderkritische Paradigma – Der heimliche Spaltpilz der Christenheit

Dürfen Theologen in ihrer bibelwissenschaftlichen Arbeit damit rechnen, dass Wunder wirklich geschehen sind und Propheten die Zukunft vorhersagen konnten? Leider wissen nur wenige Christen, dass diese einfache Frage bei vielen theologischen Umwälzungen der letzten beiden Jahrhunderte mit im Zentrum stand. Das wunderkritische Paradigma wirkt gerade deshalb so spaltend, weil es so selten offen angesprochen wird. Angesichts der enorm weitreichenden Konsequenzen für die Christenheit ist es höchste Zeit, das zu ändern.

Diesen Artikel gibt es auch als…
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… Kurzfassung in idea-Spektrum Ausgabe 38.2020
Vortragsvideo auf YouTube
… Audio-Vortrag als mp3 zum Anhören und Downloaden:

Naturwissenschaftler erforschen die Welt vor allem durch genaue Beobachtung und reproduzierbare Experimente. Dabei gehen sie davon aus, dass sich für jedes Naturphänomen eine natürliche, naturgesetzliche Erklärung finden lässt. Diese Selbstbeschränkung auf natürliche Erklärungen ist selbst aber kein Ergebnis wissenschaftlicher Forschung sondern vielmehr eine Denkvoraussetzung.

Wunder könnten – wenn es sie gäbe – weder reproduzierbar beobachtet und erst recht nicht experimentell nachgestellt werden. Sie entziehen sich somit grundsätzlich der naturwissenschaftlichen Methodik. Das gilt ganz besonders für Wunder aus fernen vergangenen Zeiten. Bei geschichtlichen Ereignissen handelt es sich generell um einmalige, nicht mehr beobachtbare und nicht reproduzierbare Vorgänge. Die Frage nach der Möglichkeit von (historischen) Wundern ist deshalb prinzipiell wissenschaftlich nicht beantwortbar.

Die Entscheidung, in der Forschung nicht mit übernatürlichen Vorgängen zu rechnen, ist deshalb dem Bereich der „Paradigmen“ zuzuordnen. Ein Paradigma ist eine grundsätzliche, dem wissenschaftlichen Arbeiten vorgeordnete Denkweise. Prof. Uwe Zerbst schreibt dazu in Berufung auf die Wissenschaftstheoretiker Thomas S. Kuhn und Alan Chambers: Grundlage eines Paradigmas ist der freiwillige Konsens einer möglichst großen Gruppe von Wissenschaftlern, wie in der betreffenden Disziplin „richtig“ geforscht wird. … Anhänger konkurrierender Paradigmen leben … in gewisser Weise „in verschiedenen Welten“, was sich unter anderem darin zeigt, dass für sie ganz unterschiedliche Fragen legitim oder bedeutsam sind.[1] In der Wissenschaft spielen also außerwissenschaftliche Vorannahmen eine weit größere Rolle, als viele Laien und auch so manche Wissenschaftler denken.[2]

Ist die Selbstbeschränkung auf natürliche Ursachen grundlegend für wissenschaftliches Arbeiten?

Angesichts des Siegeszugs der Naturwissenschaften mit allen daraus resultierenden Fortschritten in Medizin und Technik glauben viele Menschen, dass die Beschränkung auf natürliche Ursachen generell die Grundlage jeglicher seriöser Wissenschaft wäre. Aber das ist ein Irrtum. Wissenschaft muss ergebnisoffen nach Wahrheit suchen. Jede außerwissenschaftliche Grund­annahme muss sich immer wieder fragen lassen, ob sie ihrem jeweiligen Forschungsgegenstand gerecht wird und zu schlüssigen Ergebnissen führt. Um es mit den Worten des berühmten Wissenschaftstheoretikers Karl Popper zu sagen: „Ein empirisch-wissen­schaftliches System muss an der Erfahrung scheitern können.[3] Es muss also widerlegbar („falsifizierbar“) sein, um als wissenschaftlich gelten zu dürfen.

Das gilt auch für die Selbstbeschränkung auf natürliche Ursachen. So erfolgreich und sinnvoll dieser Ansatz bei der Erforschung der Welt auch war, bei der Frage nach der Entstehung der Welt hat er sich als weit weniger fruchtbar erwiesen. Die Annahme, dass die DNA als biologischer Informationsträger ein Produkt von sich selbst organisierender Materie sei, konnte bislang durch wissenschaftliche Beobachtungen und Experimente nicht erhärtet werden. Gleiches gilt für die Frage, wie die fein aufeinander abgestimmten Bausteine des Universums, die komplexen molekularen Maschinen, die hocheffizienten biologischen Baupläne und der selbst-bewusste menschliche Geist entstehen konnten. Trotz jahrzehntelanger intensiver Forschung zeichnen sich bei keiner dieser Fragen solide Erklärungen für natürliche Entstehungswege ab.[4] Könnte es sein, dass der Ansatz, der bei der Erforschung der Welt so überaus erfolgreich war, bei der Erforschung der Entstehung der Welt versagt, weil er diesem völlig anderen Forschungsgegenstand vielleicht gar nicht gerecht wird? Wäre es angesichts des anhaltenden Scheiterns vielleicht angemessen, speziell bei den Ursprungsfragen einen Paradigmenwechsel in Erwägung zu ziehen und die Option der Wirksamkeit eines übernatürlich wirkenden, ordnenden Geistes dort wieder zuzulassen?

Unwissen­schaftlich wäre das nicht, im Gegenteil: Es wäre ein Verstoß gegen die Freiheit des wissenschaftlichen Denkens, mögliche Optionen, die wahr sein könnten, prinzipiell dauerhaft auszuschließen. Wirklich unwissenschaftlich wäre es, wenn ein Paradigma sich grundsätzlich und dauerhaft dem Wettbewerb mit anderen Paradigmen verschließt.

Sollte sich auch die Bibelwissenschaft auf natürliche Ursachen beschränken?

Auffällig ist, dass genau die gleiche Frage, die weltweit in der Ursprungsforschung für Unruhe sorgt, auch in der Bibelwissenschaft eine enorme Rolle spielt. Spätestens seit dem 19. Jahrhundert steht auch hier die These im Raum, dass eine Selbstbeschränkung auf natürliche Erklärungen (also ein „wunderkritisches Paradigma“) die allgemeine Grundlage für seriöses bibelwissenschaftliches Arbeiten sein sollte. Entsprechend schreibt der Theologe Prof. Armin D. Baum: Seit dem 19. Jahrhundert wird das Adjektiv ,,kritisch“ auch mit der Bedeutung prinzipiell „wunder-kritisch“ verwendet.[5]

Bis dahin hatte sich das theologische Denken der Kirche weitgehend am biblischen Weltbild orientiert.[6] Die Bibel geht zwar genau wie die moderne Naturwissenschaft davon aus, dass in der Welt in aller Regel nur natürliche Kräfte am Werk sind. Aber bei der Ursprungsfrage rechnet die Bibel sehr wohl mit dem übernatürlichen Wirken eines Schöpfers. Und sie hält es zudem für selbstverständlich, dass dieser Schöpfer jederzeit in den Lauf der Welt eingreifen und sich seinen Geschöpfen in übernatürlicher Art und Weise offenbaren kann.[7]

Bedeutend für den theologischen Paradigmenwechsel war unter anderem ein Aufsatz des Theologen Ernst Troeltsch aus dem Jahr 1898, in dem er der alten „dogmatischen Methode“ eine „historisch(-kritisch)e Methode“[8] gegenüberstellte, in der übernatürliche („supranaturalistische“) Taten Gottes grundsätzlich ausgeschlossen wurden.[9] Prägend war auch der Theologe Rudolf Bultmann, der meinte, dass der Glaube „an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments“ für moderne, technikaffine Menschen nicht länger zumutbar sei, weil sie in ihrem Alltag die Erfahrung machen, dass es keine Wunder gibt.[10] Bultmann ging zudem von der Voraussetzung aus, „dass die Geschichte eine Einheit ist im Sinne eines geschlossenen Wirkungs-Zusammenhangs, in dem die einzelnen Ereignisse durch die Folge von Ursache und Wirkung verknüpft sind. … Diese Geschlossenheit bedeutet, dass der Zusammenhang des geschichtlichen Geschehens nicht durch das Eingreifen übernatürlicher, jenseitiger Mächte zerrissen werden kann, dass es also kein ‘Wunder’ in diesem Sinne gibt.“ Historische Wissenschaft dürfe zwar „nicht behaupten, dass … es kein Handeln Gottes in der Geschichte gäbe. Aber sie selbst kann das als Wissenschaft nicht wahrnehmen und damit rechnen.[11]

Dass Theologen in der praktischen bibelwissen­schaft­lichen Arbeit nicht mit übernatürlichen Vorgängen rechnen sollten, wird heute oft auch wie folgt begründet: Um gemeinsames wissenschaftliches Arbeiten zu ermöglichen, dürfe Wissenschaft nur Methoden anwenden, die von Wissenschaftlern unterschiedlichster Weltanschauungen nachvollzogen werden können, die also „intersubjektiv überprüf­bar“ sind.[12] Da die Möglichkeit von Wundern von der Mehrheit der Wissenschaftler abgelehnt wird, führt das in der Praxis dazu, dass Bibelwissenschaftler in ihrer Theoriebildung grundsätzlich nicht mit göttlichen Eingriffen rechnen – selbst wenn sie persönlich durchaus an die Realität von Wundern und Offenbarungsereignissen glauben.

Tatsächlich sind laut Prof. Peter Wick wunderkritische Einstellungen an den theologischen Fakultäten heute weit verbreitet.[13] Laut Armin Baum dürfte in der (deutschsprachigen) wissenschaftlichen Theologie das wunderkritische Lager in der Mehrheit sein, während außerhalb der theologischen Wissenschaft die wundergläubigen Christen in der Mehrzahl sein werden.[14] Baum wies zudem darauf hin, dass auch solche Bibelforscher, die sich eigentlich gegen eine generelle Wunderkritik stellen, in der Praxis trotzdem das wunderkritische Paradigma anwenden können.[15] Umso mehr stellt sich die Frage: Wie weitreichend wirkt das wunderkritische Paradigma tatsächlich in der heutigen Theologie? Welche Konsequenzen hat es für die Auslegung der biblischen Texte? Und welche Konsequenzen hat es für die Kirche Jesu und ihre Einheit?

Die Recherchen zur Beantwortung dieser Fragen waren für mich spannend wie ein Krimi. Als wahre Fundgrube hat sich dabei das von der Deutschen Bibelgesellschaft veröffentlichte wissenschaftliche Bibellexikon im Internet (WiBiLex, www.bibelwissenschaft.de/wibilex) erwiesen. WiBiLex wird unter anderem auf der Internetseite der Worthaus-Mediathek ausdrücklich empfohlen. Bei der Lektüre von WiBiLex-Artikeln stellte ich zunehmend fest: Eine supra­naturalistische Sichtweise, die mit übernatürlichen Ereignissen rechnet, wird dort im Grunde nirgends als vernünftige Denkalternative betrachtet. Die Artikel folgen mehr oder weniger klar dem wunderkritischen Paradigma – mit weitreichenden Konsequenzen für die Auslegung der biblischen Texte. Je ein Beispiel aus dem Alten und dem Neuen Testament sollen das verdeutlichen:

Daniel: Prophet oder fingierte Legende?

Die Kapitel 7 – 12 des Buchs Daniel sind in der Ich-Perspektive verfasst. Sie behaupten also von sich selbst, vom Propheten Daniel und somit aus dem 6. Jahrhundert vor Christus zu stammen. Zugleich enthalten gerade diese Kapitel detaillierte und zutreffende Berichte über geschichtliche Ereignisse des dritten und zweiten Jahrhunderts vor Christus[16]. Das stellt jeden Ausleger vor eine grundsätzliche Entscheidung:

  • Entweder treffen die Behauptungen des Buchs über seine Datierung und Verfasserschaft zu. Dann hätten wir hier ein verblüffendes Zeugnis von detailgetreu eingetroffenen prophetischen Vorhersagen vorliegen.
  • Oder aber die angeblichen Prophetien wurden erst nach den geschichtlichen Ereignissen, also etwa um das Jahr 170 vor Christus aufgeschrieben.[17] Dann hätte der Autor über die Ich-Perspektive seine Identität mit der Person des Daniel aus der Zeit des Exils nur „fingiert“.[18]

Welche Deutung stimmt? Die traditionelle Position zu dieser Frage ist vollkommen eindeutig: Sämtliche antike jüdische und christliche Quellen gehen einmütig davon aus, dass der Selbstanspruch des Buchs Daniel zu seiner Datierung und Verfasserschaft im Wesentlichen zutrifft.[19] Schon im 1. Makkabäerbuch, das vermutlich im späten 2. Jahrhundert vor Christus geschrieben wurde[20], „werden Daniel und seine Freunde … wie wirkliche, geschichtliche Personen behandelt.[21]

Ganz im Gegensatz dazu gilt es in den relevanten WiBiLex-Artikeln als Selbstverständlichkeit, dass es sich bei den Vorhersagen im Buch Daniel in Wahrheit um rückblickende Texte aus dem 2. Jahrhundert vor Christus handelt. Daniel sei zudem „nicht als historische Gestalt zu verstehen“, er sei vielmehr „eine Idealgestalt, die Geschichten um ihn tragen deutlich legendäre Züge.“ Das Hauptargument dafür liegt für den WiBiLex-Autor Dominik Helms in der hohen Präzision der geschichtlichen Darstellung. Hinzu kommen für ihn angeblich fehlerhafte Darstellungen der früheren exilischen Zeit. Innere Widersprüche sowie Spannungen in Theologie, Chronologie, Stil und Sprache würden zudem dagegen sprechen, dass das Buch ursprünglich auf nur einen Autor zurückgeführt werden könnte.

Neu sind diese Argumente nicht. Leider wird ihre Beweiskraft bei Helms aber überhaupt nicht diskutiert, so wie man es eigentlich von einem wissenschaftlichen Werk erwarten würde und wie es z.B. Prof. Gerhard Maier in seinem Daniel-Kommentar für die Wuppertaler Studienbibel ausführlich tut und dabei zu dem Schluss kommt, dass „die Einwände, die gegen die geschichtliche Zuverlässigkeit des Danielbuches vorgebracht werden, nicht durchschlagen.[22] Mehr noch: Maier führt eine lange Liste von Argumenten ins Feld, die stark für die traditionelle Datierung des Daniel-Buchs sprechen. Dazu gehören unter anderem viele historische Detailangaben zum Leben am babylonischen Hof, die sich außerbiblisch gut bestätigt haben. Der Autor des Daniel-Buchs habe „eine erstaunlich gute Kenntnis der Geschichte des 6. Jahrhunderts vor Christus besessen und sich in oft überraschender Weise als zuverlässig erwiesen.[23] Die weite Verbreitung und der große Einfluss des Daniel-Buchs schon im 2. Jahrhundert vor Christus[24] führt Maier zudem zu der Frage: „Wie soll ein Buch, das selber erst im 2. Jahrhundert erschien, eine so feste und einflussreiche Stellung noch während des 2. Jahrhunderts gewonnen haben?[25] Wie ist es gelungen, in der jüdischen Welt innerhalb kürzester Zeit den allgemein akzeptierten Mythos zu erzeugen, es handle sich um ein authentisches, altes Buch eines enorm einflussreichen Propheten, der wie Jesaja oder Jeremia fest zum Kanon der heiligen Schriften gehören muss?

Trotz dieser schwerwiegenden Argumente (die bei Helms leider kaum erwähnt, geschweige denn diskutiert werden) steht heute für die „fast ausnahmslose Mehrheit der deutschen Gelehrten[26] fest, dass das Danielbuch entgegen allen antiken Bekundungen nicht von Daniel sondern zumindest in wichtigen Teilen aus dem 2. Jahrhundert vor Christus stammt. Woran liegt das? Entscheidend dafür ist für Gerhard Maier die „schlichte Frage, ob Kapitel 11 echte Zukunftsweissagung sein kann. Diese weltanschauliche Frage, ob Gott einem Propheten eine so genaue Zukunftsvoraussage an die Hand gibt, spaltet die Forscher und entscheidet letztlich auch über die Datierung des Danielbuches.[27] Anders ausgedrückt: Das wunderkritische Paradigma ist entscheidend für die Verschiebung der Abfassungszeit des Danielbuchs um mehrere Jahrhunderte.

Die Konsequenzen für die Auslegung des Daniel-Buchs sind weitreichend. Schließlich sind Verfasser, Adressaten sowie die historischen und kulturellen Rahmenbedingungen im 2. Jahrhundert vor Christus völlig anders als in der exilischen Zeit Daniels. Außerdem wird mit der Behauptung, die angeblichen Vorhersagen wären erst nach den Ereignissen aufgeschrieben worden, eines der „zentralen Themen [des Daniel-Buchs] diskrediert“, denn die „Vorstellung, dass Gott seinen Knechten seine künftigen Ziele zeigt, gehört zu den Kernpunkten der Theologie des Buches.[28] Und nicht zuletzt verliert das Daniel-Buch seinen Hinweischarakter auf Jesus als den verheißenen Messias, der von der traditionellen Theologie ganz selbstverständlich angenommen worden war. Schließlich hat Jesus selbst seine bevorzugte Selbstbezeichnung „Menschensohn“ aus Daniel 7,13 entnommen. Trotzdem meint Dieter Zeller im WiBiLex, dass die Rede vom „Menschensohn“ in Daniel 7,13 nicht etwa vom Heiligen Geist sondern von „mythischen Vorstellungen“ inspiriert sei und möglicherweise für einen Engel oder das endzeitliche Israel stünde.[29]

Im Übrigen sei es eine „naive Annahme“, dass der historische Jesus sich wirklich mit dem danielischen Menschensohn identifiziert habe. Es sei schließlich „ohne weiteres einsichtig“, dass die in den Evangelien enthaltenen Voraussagen auf das Leiden des Menschensohns (z.B. Markus 8,31) „nicht auf den historischen Jesus zurückgeführt werden können.[30] Diese Vorhersagen seien vielmehr erst nachösterlich entwickelt und „in dessen irdisches Wirken zurückgetragen“ worden,[31] um „im Nachhinein das Ärgernis des Kreuzestodes, aber auch des Verrats durch Judas“ zu verarbeiten.[32] Auch hier wird das wunderkritische Paradigma deutlich. Und schon hier zeigen sich die weitreichenden Folgen auch für unser Jesusbild und für die Betrachtung der Evangelien, wie das folgende zweite Beispiel noch deutlicher macht:

Wurden die Evangelien vor oder nach der Zerstörung des Tempels verfasst?

Oder anders gefragt: Wie weit sind die Evangelien von den Geschehnissen entfernt und was bedeutet das für ihre Glaubwürdigkeit? Über die traditionelle Sichtweise schreibt Armin Baum: „Bei allen Divergenzen im Einzelnen stimmen sämtliche altkirchlichen Angaben darin überein, dass die Entstehung und Verbreitung der drei synoptischen Evangelien im zeitlichen Umfeld der römischen Wirksamkeit und des römischen Martyriums von Paulus und Petrus erfolgte, also in den 60er Jahren des 1. Jahrhunderts. Die drei synoptischen Evangelien wurden somit an den Übergang von der Generation der Schüler und Augenzeugen Jesu (30-70 n.Chr.) zur zweiten christlichen Generation datiert.[33]

Zur heutigen Situation schreibt Christfried Böttrich im WiBiLex: „Die Datierung des Lukasevangeliums in die Zeit um 90 n.Chr. beruht auf einem breiten Konsens. Von der Zeit der Augenzeugen trennt den Autor schon ein längerer Traditionsprozess.[34] Gemäß dem Theologen Andreas Lindemann wird die frühere Überzeugung, dass in den Evangelien Augenzeugen das Leben Jesu verlässlich darstellen, seit Jahrzehnten von keinem ernst zu nehmenden Exegeten mehr behauptet.[35]

Welche Indizien haben dazu geführt, dass die traditionelle Sichtweise zur Datierung der Evangelien und zu ihrer Eigenschaft als Augenzeugenberichte heute praktisch durchgängig verworfen wird? Armin Baum schreibt: Aus dem Text der Evangelien selbst lassen sich nur vage Hinweise zu ihrer Entstehungszeit gewinnen. Dass die Apostelgeschichte abrupt mit dem zweijährigen Romaufenthalt des Paulus (60-62 n.Chr.) endet, passt gut zu der Annahme, das lukanische Doppelwerk sei bald darauf veröffentlicht worden.“ Beeindruckend ist darüber hinaus, dass alle vier Evangelien (ganz anders als die Apokryphen) zahlreiche Merkmale authentischer Augenzeugenberichte aufweisen wie z.B. detaillierte und stimmige Kenntnisse von Orten, Namen, Gebräuchen und weiteren Hintergrundinformationen.[36]

Aber was hat dann zu diesem Umschwung geführt? Armin Baum schreibt: „Als wichtigstes Indiz [für die Datierung der Evangelien] gilt die Endzeitrede Jesu (Mt 24-25 par Mk 13 par Lk 21) mit ihren Aussagen über die Zerstörung des Jerusalemer Tempels und der Stadt Jerusalem.[37] Hier kommt wieder das wunderkritische Paradigma ins Spiel. Wohlgemerkt wird in keinem der Evangelien etwas über die Zerstörung des Tempels im Jahr 70 n.Chr. berichtet, im Gegenteil: Das Neue Testament zeichnet sich in Bezug auf dieses für alle Juden so traumatische Ereignis durch ein geradezu dröhnendes Schweigen aus (so wie es erstaunlicherweise auch zum Tod von Paulus, Petrus und dem Herrenbruder Jakobus kein Wort verliert). Die Endzeitrede Jesu enthält lediglich eine Vorhersage dieses Ereignisses, ohne die Erfüllung auch nur zu erwähnen. Deshalb stehen die Bibelforscher genau wie beim Buch Daniel auch hier vor einer grundlegenden Alternative, die Armin Baum so formuliert: Wer es für ausgeschlossen hält, dass Gott, der die Zukunft kennt, seinen Boten gelegentlich einen kleinen Ausschnitt der Zukunft enthüllt, wird die synoptischen Evangelien frühestens 70 n.Chr. datieren. Wer (wie ich) vom Gottesbild des Alten und Neuen Testaments bzw. von einem offenen Gottesbild ausgeht, wird dem von Irenäus mitgeteilten Zeitfenster, den 60er Jahren des 1. Jahrhunderts, den Vorzug geben.[38]

Während der Theologe David Friedrich Strauß im 19. Jahrhundert immerhin noch diskutierte, ob es sich bei Jesu Endzeitrede um eine echte prophetische Vorhersage, eine natürliche Vorahnung oder eine ihm nachträglich in den Mund gelegte und somit nur angebliche Vorhersage („vaticinium ex eventum“[39]) handelte (er entschied sich aufgrund seines wunderkritischen Paradigmas für Letzteres)[40], wird im WiBiLex-Artikel von Dominik Helms die supranaturalistische Variante nicht einmal mehr erwähnt.[41] Das wunderkritische Paradigma spielt also wie beim Buch Daniel auch bei der Datierung der Evangelien eine entscheidende Rolle.

Was wir dabei noch einmal unbedingt festhalten müssen ist: Niemand kann beweisen, dass es damals keine vorhersehende Prophetie gab. Eine von vornherein („a priori“) getroffene Entscheidung, prinzipiell nicht mit Wundern und mit Offenbarung zu rechnen, hat vielmehr philosophischen und dogmatischen Charakter. Diese Entscheidung hat weitreichende Folgen:

Welche Konsequenzen hat das wunderkritische Paradigma?

Die Tabelle 1 zeigt: Ein prinzipieller Ausschluss von Offenbarung und Wundern in der bibelwissenschaftlichen Methodik hat eine starke Verengung der Sicht auf die Bibel zur Folge. Das führt zu schwerwiegenden Verlusten:

  • Der Verlust des biblischen Selbstanspruchs: Die Bibel behauptet von sich selbst an vielen Stellen, von Gottes Geist inspiriert zu sein und einen zeitüber­greifenden Wahrheitsanspruch zu besitzen (z.B. 2. Timotheus 3, 16). Wer aber prinzi­piell nicht mit realen Offen­barungsereignissen rechnet, kann auch diesen biblischen Selbst­anspruch nicht in Betracht ziehen. Er muss die Bibel zwangsläufig als Menschenwort mit dem Denk- und Erkenntnishori­zont der damaligen Zeit ansehen.
  • Der Verlust der historischen Glaubwürdigkeit: Daniel war ein Augenzeuge der im Buch Daniel berichteten Ereignisse. Ein nachexilischer Autor hingegen konnte sich nur noch auf Überlieferungen stützen, die über Generationen weitergegeben und eingefärbt wurden. Der Text verliert somit seine Nähe zu den Geschehnissen und die besondere Glaubwürdigkeit eines Augenzeugenberichts. Das gilt auch für die Evangelien, wenn sie wegen der in ihnen enthaltenen Vorhersagen auf die Zeit nach der Zerstörung des Tempels im Jahr 70 n.Chr. datiert werden müssen und man ihnen deshalb unterstellt, dass die Berichte durch nachösterliche Legenden- und Gemeindebildung angereichert und gefärbt wurden. Die Annahme nachträglich eingefügter Prophetien legt zudem nahe, dass die Autoren sich viel kreative Freiheit beim Schreiben ihrer Texte herausnahmen. Auch die enthaltenen Wunderberichte können unter dem wunderkritischen Paradigma nicht als„historisch“ im wissenschaftlichen Sinn angese­hen werden – auch dann nicht, wenn sie historische und geografische An­gaben enthalten und innerbiblisch historisch ernst genommen werden. Stattdessen muss dem Autor prinzipiell unterstellt werden, dass er die Ereignisse entweder falsch dargestellt hat oder dass es ihm – unabhängig von den Anzeichen im Text – nicht um die Darstellung eines historischen Ereignisses gegangen sei.
  • Der Verlust der ursprünglichen Aussageabsicht: Mit der Verschiebung der Abfassungszeit ändert sich auch die von der Autorenschaft be­absichtigte Aussage des Textes, weil der spätere Autor andere Adressaten vor Augen hat und vor dem Hintergrund eines völlig anderen politischen und kulturellen Umfelds schreibt. Unter dem wunderkritischen Paradigma wird die Aussageabsicht zudem immer auf das natürlich-menschlich Denkbare reduziert. Gewollte Vorhersagen zukünftiger Ereignisse oder ein Christuszeugnis des Alten Testaments (wie von Jesus z.B. in Lukas 24,27 behauptet) ist im wunderkritischen Paradigma ebenso wenig denkbar wie eine gottgelenkte „Heilsgeschichte“ oder ein zeit- und kulturübergreifender Wahrheitsanspruch in ethischen Fragen (also z.B. eine „Schöpfungsordnung“).
  • Der Verlust innerbiblischer Begründungszusammenhänge: Eingetroffene Vorhersagen werden in der Bibel häufig als Zeichen göttlicher Autorität verwendet (z.B. Jesaja 41,21-29; 42,9; 46,9-10). Das Neue Testament untermauert die Messianität Jesu an zahlreichen Stellen mit eingetroffenen Vor­hersagen. Ausleger, die nicht mit vorhersagender Prophetie rechnen können, sind gezwungen, dieser bibeleigenen Argumentation den Boden zu ent­ziehen, indem eingetroffene Vorhersagen entweder als nachträglich eingefügt gelten müssen oder indem vermutet werden muss, dass Erzählberich­te (wie z.B. Jesu Geburt in Bethlehem) an biblische Vorhersagen (wie z.B. Micha 5,1)  angepasst wur­den.[42] Wer nicht mit historischen Wundern rechnet, kann zudem der zentralen Argumentation des Johannesevangeliums nicht folgen, dass die Wunder „Zeichen“ für die Gottessohnschaft Jesu seien (Johannes 20, 30+31).
  • Besonders gravierend für die Kirche Jesu ist der Umstand, dass mit dem Verlust der Augenzeugenqualität der Evangelien auch unser Jesusbild unsicher wird. Die Frage nach dem historischen Jesus ist ohne Zweifel höchst bedeutsam für den christlichen Glauben.[43] Worauf soll sich die Lehre der Kirche beziehen und woran soll sich der Glaube orientieren, wenn nicht klar ist, was der Herr der Kirche wirklich verkündigt und vorgelebt hat?

Da viele theologische Aussagen der Bibel auf der Geschichtlichkeit von Wundern und Vorhersagen aufbauen[44], hat der Verlust der historischen Glaubwürdigkeit zudem weitreichende Auswirkungen auf das Verständnis der biblischen Botschaften. Das reicht hinein bis in die allerzentralsten Glaubensaussagen des Christentums: Wer in seiner Forschungsarbeit nicht mit Wundern und Offenbarung rechnen kann, muss auch von der Menschlichkeit Jesu von Nazareth ausgehen – und kann deshalb im Kreuzestod nur schwer ein stellvertretendes Opfer sehen, das dann ja ein grausames Menschenopfer wäre. Eine Auslegungsmethodik, die nicht mit Wundern und Offenbarung rechnen kann, mündet deshalb – konsequent zu Ende gedacht – in ein anderes Evangelium.

Drei verschiedene Grundhaltungen

Im Ergebnis zeigt sich, dass die Bibelwissenschaft auf mindestens drei verschiedenen grundlegenden Paradigmen aufbauen kann:

  • Im geschlossenen wunderkritischen Paradigma wird zumindest in der bibelwissenschaftlichen Praxis grundsätzlich nicht mit Wundern und Offenbarungsereignissen im historischen Sinn gerechnet.
  • Ein offenes Paradigma hält Wunder und Offenbarungen für möglich. Somit kann anhand weiterer Indizien offen geprüft und ein Wahrscheinlichkeitsurteil darüber gefällt werden, inwieweit bibeleigene Aussagen zu Autor, Datierung, Adressaten, Gattung usw. zutreffen oder nicht. Dies kann in einer eher vertrauensvollen oder eher skeptischen Haltung erfolgen.
  • Das bibeleigene Paradigma sieht in den biblischen Texten (nach textkritischer Klärung[45]) ein vom Heiligen Geist inspiriertes Menschen- und Gotteswort und begegnet ihnen deshalb grundsätzlich in einer Haltung der Demut, der Ehrfurcht und des Vertrauens statt in einer Haltung des Zweifels und der Kritik. Bei aller Hochschätzung der Ver­nunft wird unter diesem Paradigma immer die Schrift und die von der großen Auslegungsgemeinschaft der Kirche daraus entnommenen Aussagen (Bekenntnisse) das letzte Wort haben (Sola Scriptura). Scheinbare Widersprüche in der Bibel werden dann nicht als Ausdruck der Zeitbedingtheit biblischer Aussagen und eines sich wandelnden Gottes- und Menschenbilds angesehen. Die Bibel wird vielmehr als eine sich selbst auslegende Einheit begriffen, in der es keine sich einander ausschließende Gegensätze sondern sich gegenseitig ergänzende Pole und innerbiblisch begründete Entwicklungen in der Heilsgeschichte gibt.

Ausgrenzung statt Wettbewerb

Wenn derart verschiedene Ansätze zum Verstehen eines Forschungsgegenstands im Raum stehen, dann sollte es normalerweise einen wissenschaftlichen Wettbewerb geben, in dem geprüft und verglichen wir­d, welcher Denkansatz bessere, schlüssigere Ergebnisse liefert und dem Forschungsgegenstand somit offenkundig besser gerecht wird, um daraus Rückschlüsse auf das Wesen des Forschungs­gegenstands ziehen zu können. In der Praxis geschieht das aber leider nicht. Die Realität wird von Uwe Zerbst vielmehr so beschrieben: Das jeweils andere Paradigma sehen sie [also Vertreter eines bestimmten Paradigmas] in der Regel nicht als gleichberechtigte Wissenschaft an, so dass die wissenschaftliche Auseinandersetzung fast nur im Rahmen des jeweils eigenen Paradigmas stattfindet.[46]

Das trifft zumindest im deutschsprachigen Raum sowohl in den Bibelwissenschaften als auch in der biologischen Ursprungsforschung zu. In beiden Feldern ist die Grundannahme, dass in der wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich nicht mit göttlichem Wirken gerechnet werden darf, so vorherr­schend, dass andere Ansätze nicht als wissenschaftlich anerkannt oder ernst genommen werden. Die Gleichsetzung von „Wissenschaft“ mit der Selbstbeschränkung auf natürliche Ursachen gilt vielfach sogar als derart selbstverständlicher „Common Sense“ wissenschaftlichen Arbeitens, dass die dahinter stehende philosophische Grundentscheidung kaum noch thematisiert wird und auch vielen Bibelwissenschaftlern nur noch wenig bewusst ist. Zerbst schreibt treffend: Ein neu einsteigender Wissenschaftler wächst „von Beginn an in das Paradigma „hinein“, das er – „wenn überhaupt – zumeist nur unkritisch reflektiert.[47]

Entsprechend gibt es heute an den deutschsprachigen theologischen Fakultäten fast keine evangelikalen Professoren mehr.[48] Der evangelikale Theologe Christoph Raedel berichtet gar von einer „Ekelschranke“ in Bezug auf evangelikale Theolo­gie. Auch im WiBiLex werden die „schärfsten Kritiker“ des wunderkritischen Paradigmas nur außerhalb der Hochschulen verortet, und zwar in der pietistischen Bewegung“, in „fundamentalistischen Strömungen“, in „evangelikalen landeskirchlichen und freikirchlichen Frömmigkeitsformen in Württemberg, Baden, Oberhessen, im Siegerland, in Wittgenstein, im Ruhrgebiet, in Ostwestfalen, der Lüneburger Heide bis hin nach Bremen“. Sie werden als Menschen charakterisiert, die „fröhlich den Gottesdienst [feiern] mit über Beamer an die Wand projizierten Liedern sowie Bibelsprüchen“, „zugleich fest an die supranaturale „Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments“ glauben“ und mit dem „logischen Widerspruch“ zu ihrer wunderfreien Alltagserfahrung „existenziell gut leben zu können glauben“, die aber „angesichts des Paradoxes sensibel sind“ – weshalb auch das Gesprächsklima verbesserungsbedürftig sei.[49]

Ein spaltendes Narrativ

Das Gesprächsklima ist in der Tat problematisch, aber nicht nur wegen den angeblich sensiblen Evangelikalen, sondern auch wegen der zunehmenden Verbreitung eines völlig falschen und spaltenden Narrativs, das sich in etwa so wie in Tabelle 2 beschreiben lässt.

Dieses Narrativ transportiert einen sachlich völlig unangebrachten[50] akademischen Überlegen­heitsgestus, der viele Evangelikale verunsi­chert und bei Nichtevangelikalen die Sorge fördert, dass das Christentum untergehen wird, wenn es sich die­ser „Wissenschaftlichkeit“ verschließt und stattdessen in einer als pein­lich empfundenen Naivität und Wissenschaftsfeindlichkeit verharrt. Infolgedessen werden Evangelikale nicht etwa als interessante Gesprächspartner auf Augen­höhe sondern als Gefahr für das Ansehen der theologischen Ausbildungsstätten und der Kirche empfunden. Wo immer dieses Narrativ Fuß fasst, treibt es deshalb zwangsläufig einen tiefen Keil in Gruppen und Gemeinden.

Das gilt leider zunehmend auch für den Bereich der Freikirchen und der Evangelikalen, wie der wachsende Einfluss der Internetmediathek „Worthaus“ beispielhaft zeigt.[51] Auch dort klingt das abwertende Narrativ über evangelikale Theologie immer wieder an, während zugleich die universitäre Bibelwissenschaft als besonders vorurteilsfrei dargestellt wird.[52]

Evangelikale Theologen: Christen brauchen eure Ermutigung!

Umso dringender hat die evangelikale Theologie heute die extrem wichtige Aufgabe, selbst­bewusst und profiliert öffentlich zu ihren eigenen Grundlagen zu stehen. Sie darf und muss die dog­matischen und philosophischen (und somit aus gutem Grund anzweifelbaren) Grundlagen der wunderkritischen Theologie of­fenlegen. Sie muss zeigen: Es geht hier nicht um eine Auseinandersetzung zwischen Glaube und Wissenschaft sondern um die Konkurrenz verschiedener Paradigmen – wobei das wunderkritische Paradigma grundsätzlich nicht zum biblischen Selbstanspruch passt. Sie darf und muss darauf hinweisen, dass die Anwendung des wunderkritischen Paradigmas keinen sich immer mehr verfestigenden neuen Blick auf die Bibel hervorgebracht hat sondern im Gegenteil „eine schier unübersehbare Fülle unterschiedlicher Hypothesen zur Textentstehung“, was „die Spannung zwischen der Anwendung vermeintlich objektiver Methoden und dem subjektiven Urteil des jeweiligen Auslegers“ eindrücklich aufzeigt[53]. Die wunderkritisch geprägte Bibelwissenschaft ist also offenkundig gar nicht so objektiv, wie es oft dargestellt wird.

Wenn es tatsächlich stimmt, dass die biblischen Texte einen Offenbarungscharakter haben (wofür sich zahlreiche gute Sachargumente anführen lassen[54]), dann muss eine Theologie, die aus Prinzip nicht mit Wundern und Offenbarung rechnet, natürlich zwangsläufig zu völlig falschen Ergebnissen führen, weil ihre Methodik dann dem Forschungs­gegenstand nicht gerecht wird. Es ist deshalb weder unwissenschaftlich, prämodern, dogmatisch verengt, intellektuell unredlich, naiv oder weltfremd sondern im Gegenteil vernünftig und (wissenschaftlich) gut begründbar, am Offenbarungs­charakter der Bibel, an ihrer Botschaft von den historisch geschehenen Wundern und an der Realität von vorher­sagender Prophetie festzuhalten, die Bibel in ihrem Selbstanspruch ernst zu nehmen und sie als Got­tes Wort und Maßstab der Kirche hochzuhalten.


Danke an Dr. Berthold Schwarz, Dr. Stefan Felber (www.stefan-felber.ch), Martin P. Grünholz, Dr. Markus Widenmeyer sowie Paul Bruderer für alle Anregungen, Hinweise und Korrekturen zu diesem Artikel.

[1] Uwe Zerbst: „Die Bibel vor der Wahrheitsfrage“, S. 16

[2] Ausführlich erläutert in Markus Till: „Außerwissenschaftliche Vorannahmen – Denkvoraussetzungen von Wissenschaftlern und Theologen“, AiGG-Blog 2020

[3] Popper, K.R. (1934): Logik der Forschung. Zitiert bei Uwe Zerbst: „Die Bibel vor der Wahrheitsfrage“, S. 13

[4] Die wachsenden Herausforderungen in der Evolutionsbiologie werden geschildert in Markus Till: „Evolution – Ein Welterklärungsmodell am Abgrund?“ AiGG-Blog 2018

[5] Armin D. Baum: „Die historisch-kritische Methode in der Bibelwissenschaft“, in: „Biblisch erneuerte Theologie. Jahrbuch für Theologische Studien (BeTh) Band 3, 2019, S. 86

[6] „In der christlichen Theologie nahm man bis weit in die Neuzeit hinein mehr oder weniger einhellig an, dass die neutestamentlichen Texte auch an den Stellen historisch zutreffend sind, wo sie von Wundern Jesu oder seiner Auferweckung von den Toten berichten. Die Bereitschaft, auch Wunder als historische Ereignisse anzuerkennen, ergab sich aus dem jüdisch-christlichen Gottesbild, wie es bereits in den ersten Abschnitten der Bibel formuliert wird (Gen 1,1-2,3) und das Alte und Neue Testament durchzieht (Ex 20,11; Neh 9,6; Ps 146,5-6; Jes 40,26 u. 6.). Warum sollte der Gott, der Himmel und Erde samt der in ihnen herrschenden Naturgesetze geschaffen hat, diese nicht zu besonderen Gelegenheiten durch ein übernatürliches Eingreifen überboten haben?Armin D. Baum: „Die historisch-kritische Methode in der Bibelwissenschaft“, in: „Biblisch erneuerte Theologie. Jahrbuch für Theologische Studien (BeTh) Band 3, 2019, S. 80

[7] So bestätigt auch Gerhard Karner im WiBiLex: Grundlegend für [das altorientalische Wirklichkeitsverständnis] … ist die Wahrnehmung der Welt als von den Göttern geschaffen und geordnet, und es war selbstverständlich, dass die Götter jederzeit in den Lauf der Welt eingreifen konnten. Das alte Israel bildete hierin keine Ausnahme. Nach alttestamentlicher Darstellung hat Gott die Welt geschaffen und geordnet (Gen 1,1-2,4a; Ps 148,1-6), und es ist selbstverständlich, dass Gott jederzeit in den Lauf der Welt eingreifen kann.“ In: „Wunder / Wundergeschichten (AT)“, WiBiLex 2014, S. 1

[8] Der Begriff „historisch-kritische-Methode“ ist doppeldeutig: „Im 19. Jahrhundert ging man in der Theologie dazu über, dem Wort ,,Kritik“ eine zusätzliche Bedeutung zu verleihen und mit ihm auch das philosophische Vorverständnis zu bezeichnen, mit dem man die biblischen Schriften untersuchte. „Kritisch“ nannte man jetzt auch eine Exegese, die die biblischen Wunder prinzipiell nicht mehr als historisch anerkannte. Eine Bibelauslegung, die die Auferweckung Jesu als historisches Ereignis in Raum und Zeit gelten ließ, nannte man „vorkritisch“. Da sich diese weltanschauliche Kritik auf historische Aussagen bezog, verband man das Adjektiv „kritisch“ auch hier mit dem Adjektiv ,,historisch“ und sprach von ,,historisch-kritischer“ Forschung bzw. der ,,historisch-kritischen“ Methode. Eine historisch-kritische Methode in diesem Sinn beinhaltet die grundsätzliche Bestreitung der übernatürlichen Aussagen der biblischen Texte. … Der Ausdruck „historisch-kritische Methode“ hat somit zwei unterschiedliche Bedeutungen, die nicht miteinander verwechselt werden dürfen. Einerseits bedeutet „kritisch“ schlicht „wissenschaftlich“ und gemeint ist eine „historisch-wissenschaftliche Methode“, die keine Vorentscheidung über die Möglichkeit übernatürlicher Handlungen Gottes einschließt und insofern weltanschaulich offen ist. Andererseits bedeutet „kritisch in einem weltanschaulichen Sinn „wunderkritisch“ und gedacht ist an eine „historisch-wunderkritische Methode“, die ein übernatürliches Handeln Gottes von Anfang an ausschließt.“ Armin D. Baum: „Die historisch-kritische Methode in der Bibelwissenschaft“, in: „Biblisch erneuerte Theologie. Jahrbuch für Theologische Studien (BeTh) Band 3, 2019, S. 60

[9] In seinem Aufsatz „Ueber historische und dogmatische Methode in der Theologie“ stellte Ernst Troeltsch dar, dass es nur Wahrscheinlichkeitsurteile statt absoluter Aussagen geben könne („Kritik“ statt „Autorität“), dass Wunder prinzipiell unmöglich sind („Analogie“ statt „Supranaturalismus“) und dass es keine von der Profangeschichte unterscheidbare Heilsgeschichte geben könne („Korrelation“ statt „Separation“). Ausführlicher erläutert in Armin D. Baum: „Die historisch-kritische Methode in der Bibelwissenschaft“, in: „Biblisch erneuerte Theologie. Jahrbuch für Theologische Studien (BeTh) Band 3, 2019, S. 81 ff.

[10] „Bultmanns wesentliches Argument ist mithin alltagsorientiert: Der „moderne Mensch“ nimmt in seinem Alltag an der durch die experimentelle Methode geprägten Kultur Teil. Supranaturale Annahmen im religiösen Bereich produzieren daher einen logischen Widerspruch, der existenziell nicht zumutbar ist.“ Martin Pöttner: „Entmythologisierung (NT)“, WiBiLex 2014, S. 2

[11] Rudolf Bultmann: „Ist voraussetzungslose Exegese möglich?“, 1957, Theologische Zeitschrift Basel, S. 411ff.

[12] So äußert z.B. Prof. Thorsten Dietz: „Ich glaube, historische Wissenschaft kann nur so funktionieren, dass Christen und Atheisten und Humanisten und UFO-Gläubige und Sektierer und Menschen, die an sich selbst glauben und alle im Grunde sagen: Wir einigen uns in der historischen Wissenschaft darauf: Wir akzeptieren nur allgemein einsichtige Evidenz. … DAS ist der Punkt, das hat mit Atheismus überhaupt nichts zu tun. Es geht nur darum, dass alle mit denselben Karten spielen. Es wär komisch zu sagen: Alle spielen mit denselben Karten, die 32, die man vom Skat kennt, aber Christen kriegen noch einen Joker dazu, im Zweifelsfall spielen sie die Gotteskarte. … Da würde ich dann doch lieber sagen: Wir machen historisches Arbeiten als seriöse Wissenschaft. … Ich glaube, dass Gott da seine Finger im Spiel hat. Aber das ist ein Glaubensurteil und ich werde nicht anfangen, Gott jetzt zum Teil einer historisch greifbaren Welt zu machen.“ Im Worthaus-Vortrag „Der Lebendige – Die Begegnung mit dem Auferstandenen“ vom 11.6.2019, ab 26:21

[13] „Wenn ein Universitätsprofessor zu Jesus und Wundern befragt wird, steht da sofort ein Elefant im Raum, nämlich der Elefant der Wunderkritik, der Aufklärung und des Rationalismus. Der Elefant heißt: Es kann keine Wunder geben, auch nicht bei Jesus, weil es nicht vernünftig ist. … In den letzten Jahrzehnten breiteten sich die Populationen dieser Elefantenrasse nicht mehr aus. Aber es finden sich immer noch große Herden vor allem an den Universitäten, gerade auch in theologischen Fakultäten. Viele angehende Pfarrer oder auch heutige Pfarrer, Theologiestudenten, Religionslehrer wurden von diesem Rüsseltier stark beeindruckt, zum Teil für ihr ganzes Leben und ihre ganze Theologie.“ Peter Wick im Worthaus-Vortrag „Das Mys­te­ri­öse – Von der rationalen Wunderkritik über den postmodernen Wunderglauben zurück zu Jesus“ vom 9.6.2019, ab 2:55

[14] Armin D. Baum: „Die historisch-kritische Methode in der Bibelwissenschaft“, in: „Biblisch erneuerte Theologie. Jahrbuch für Theologische Studien (BeTh) Ban d 3, 2019, S. 80

[15] Als Beispiele nennt er die katholischen Neutestamentler Rudolf Pesch und Joseph Fitzmyer, die sich zwar der offiziellen Lehre der katholischen Kirche anschließen, dass „weltanschauliche Vorentscheidungen darüber, was möglich oder nicht möglich sei, … keine Kriterien historischen Urteils sind“, aber dann doch die Evangelien auf die Zeit nach 70 n.Chr. datieren aufgrund einiger detaillierter Vorhersagen in den Evangelien, die sie für nachträglich eingefügt halten. In Armin D. Baum, Einleitung in das Neue Testament, S. 881 ff.

[16] So schreibt Dominik Helms: „Das Daniel-Buch verfügt über erstaunlich präzise Kenntnis der wesentlichen geschichtlichen Vorgänge von der frühen hellenistischen Zeit bis zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Makkabäerzeit, kurz vor dem Tod des Antiochus IV. Epiphanes.Dominik Helms: „Daniel / Danielbuch“, WiBiLex 2018, S. 16

[17] Die Entstehung des Buches fällt in die Zeit zwischen der berichteten Entweihung des Tempels in Jerusalem durch Antiochus IV. Epiphanes (175-164 v. Chr.; vgl. Dan 11,31) und der Wiederaufnahme des jüdischen Kultes nach der Reinigung des Tempels durch die Makkabäer im Jahr 164 v. Chr.“ Dominik Helms: „Daniel / Danielbuch“, WiBiLex 2018, S. 16

[18] Ebd., S. 16

[19] Gerhard Maier nennt zahlreiche Schriften aus dem 1. und 2. Jahrhundert vor Christus wie die Makkabäerbücher, die Weisheit Salomos, Henoch, Baruch sowie Handschriften aus Qumran. Die gleiche Überzeugung vertraten der Geschichtsschreiber Josephus Flavius (der sogar davon berichtet, dass Alexander dem Großen das Danielbuch gezeigt worden sei und er sich darin selbst erkannte), der Talmud, die Autoren des Neuen Testaments, zahlreiche frühe Kirchenlehrer wie Origenes, Augustin und Hieronymus sowie die Reformatoren Luther und Calvin (In: „Der Prophet Daniel“, Wuppertal, 3. Auflage 1990, S. 22ff.).

[20] Stephanie von Dobbeler: „Makkabäerbücher 1-4“, WiBiLex 2006, S. 5

[21] Gerhard Maier: „Der Prophet Daniel“, Wuppertal, 3. Aufl. 1990, S. 23

[22] Gerhard Maier: „Der Prophet Daniel“, Wuppertal, 3. Aufl. 1990, S. 43

[23] Ebd., S. 50

[24] Armin Schmitt datiert eines der 8 in Qumran gefundenen Schriftfragmente des Buchs Daniel auf das Ende des 2. Jahrhunderts vor Christus (In: „Die Danieltexte aus Qumran und der masoretische Text (M)“, im Buch „Der Gegenwart verpflichtet“, Christian Wagner (Hrsg.), De Gruyter, 2000, S. 124). Dominik Helms schreibt zur Übersetzung des Daniel-Buchs ins Griechische: Die Datierung der Übersetzung muss unsicher bleiben, es ist jedoch an die Mitte des 2. Jh.s v. Chr. und damit nur wenige Jahrzehnte nach dem Abschluss des hebräisch-aramäischen Daniel-Buches … zu denken.“ In: „Daniel / Danielbuch“, WiBiLex 2018, S. 13

[25] Gerhard Maier: „Der Prophet Daniel“, Wuppertal, 3. Aufl. 1990, S. 52

[26] Ebd., S. 50

[27] Ebd, S. 56

[28] Ebd., S. 57

[29] Dieter Zeller: „Menschensohn“, WiBiLex 2011, S. 1+2

[30] Dieter Zeller: „Menschensohn“, WiBiLex 2011, S. 5

[31] Ebd., S. 8

[32] Ebd., S. 5

[33] Armin D. Baum: „Einleitung in das Neue Testament“, Witten, 2018, S. 913

[34] Christfried Böttrich: „Lukasevangelium / Evangelium nach Lukas“, WiBiLex 2014, S. 3

[35] „Ist Jesus dem Glauben im Weg?“ SPIEGEL-Interview mit Prof. Andreas Lindemann vom 13.12.1999

[36] Eindrücklich zusammengefasst in Peter J. Williams: „glaubwürdig – Können wir den Evangelien vertrauen?“ cvmd 2020; Einige Aussagen Williams dokumentiert auch der AiGG-Artikel „Die Berichte des NT weisen alle Eigenschaften von authentischen Augenzeugenberichten auf“

[37] Armin Baum: „Einleitung in das Neue Testament“, Witten, 2018, S. 867 + 913

[38] Armin D. Baum: „Einleitung in das Neue Testament“, Witten, 2018, S. 914

[39] „Der Begriff „vaticinium ex eventu“ „Weissagung vom Ausgang her“ bezeichnet die fingierte Weissagung eines bereits eingetretenen Ereignisses.“ Dominik Helms: „Vaticinium ex eventu“, WiBiLex 2019, S. 1

[40] Armin D. Baum: „Einleitung in das Neue Testament“, Witten, 2018, S. 879

[41]Während manche Exegeten davon ausgehen, dass sich Jesu Rede von der Zerstörung des Tempels der gegenwärtigen Kriegserfahrung im jüdischen Krieg verdankt, in der mit einer Zerstörung des Tempels zu rechnen war, und daher einen echten Ausblick in die Zukunft annehmen, betrachten andere Ausleger die Aussagen als Rückblick auf die bereits erfolgte Zerstörung des Tempels und damit als vaticinium ex eventu.“ Dominik Helms: „Vaticinium ex eventu“, WiBiLex 2019, S. 4

[42]Der Fokus der Darstellung des Lebens Jesu nach Lukas ist also das davidische Umfeld der Herkunft Jesu; deswegen wird seine Geburt in Davids Heimatstadt situiert, ohne dass die Bethlehem-Verheißung Mi5,1 explizit eingespielt würde.“ Gabriele Faßbeck, Barbara Schmitz: „Bethlehem“, WiBiLex 2007/2011, S. 5+6

[43]Der Christ, der in dem Zeugnis der Apostel die Botschaft vom auferstandenen Herrn Jesus Christus vernimmt und ihr Glauben schenkt, begegnet in dieser Botschaft der Behauptung, dass der auferstandene Herr derselbe ist wie der Mensch von Nazareth, mit dem ein Teil der Auferstehungszeugen während seiner irdischen Wirksamkeit zusammen gewesen war. Der Glaube ist darum, wenn er sich über sein Wesen Rechenschaft ablegen, d.h. theologisch nachdenken will, an der Frage brennend interessiert, ob und inwieweit zwischen dem Bild, das er von Jesus Christus aufgrund der apostolischen Verkündigung hat, und der geschichtlichen Wirklichkeit dieses Jesus, auf den sich der Glaube zurückbezieht, eine Übereinstimmung besteht oder nicht. Die Person und die Verkündigung Jesu sind ja die Voraussetzung für das Bekenntnis zum Auferstandenen und für die Predigt der Gemeinde.“ Werner Georg Kümmel: „Die Theologie des Neuen Testaments nach seinen Hauptzeugen“, Göttingen 1987, 5. Aufl., S. 22/23

[44] Ausführlich erläutert in Markus Till: „Streit um das biblische Geschichtsverständnis“, AiGG-Blog 2018

[45] Die „Textkritik“ versucht, die Urschrift des biblischen Textes möglichst genau zu rekonstruieren.

[46] Uwe Zerbst: „Die Bibel vor der Wahrheitsfrage“, S. 17

[47] Uwe Zerbst: „Die Bibel vor der Wahrheitsfrage“, S. 16/17

[48] Dazu 2 Schlaglichter: Siegfried Zimmer berichtet im Hossa Talk: „An den Universitäten gibt es so gut wie keine evangelikalen Theologen. Ich kenne selber vielleicht 2 oder 3 von 2000.“ (ab 23.32). 2020 hat das komplette Kollegium der theologischen Fakultät in Tübingen gemeinsam einen offenen Brief unterzeichnet, in dem die evangelikale Position, dass praktizierte Homosexualität nicht mit dem biblischen Befund vereinbar ist, als „diskriminierend“ bezeichnet wurde. Es sei „unerträglich, wenn Ansichten, die eine solche Diskriminierung unterstützen, bis heute in der evangelischen Kirche vertreten werden.“

[49] Martin Pöttner: „Entmythologisierung (NT)“, WiBiLex 2014, S. 9+10

[50] In der Übersichtsdarstellung „Historische Kritik in den Bibelwissenschaften: Anspruch und Wirklichkeit“ fasst Prof. Stefan Felber zusammen, warum das Narrativ von der wissenschaftlichen Überlegenheit nicht überzeugen kann: Die unübersichtliche Hypothesenvielfalt entlarvt faktischen Subjektivismus statt Objektivität. Statt Neutralität dominiert ein Immanentismus, in dem Gottes Wirken methodisch ausgeschlossen wird. Statt einer offenen Suche nach Verstehen des biblischen Eigeninteresses kommen wesentliche Aussageabsichten (wie z.B. das Christuszeugnis des AT) grundsätzlich nicht in Frage. Die Geschichtlichkeit der biblischen Texte wird auf säkulare Historie reduziert, die göttliche Heilsgeschichte bleibt außen vor. Die Widersprüchlichkeit der Texte ist das vorausgesetzte Bild, von dem die sezierenden Methoden zehren. Im Ergebnis werden nicht etwa falsche Sicherheiten sondern das Wort Gottes insgesamt aufgegeben, so dass der Glaube nicht frei wird sondern selbstreferenziell. „Die Gemeinde hat dann nur sich selbst als Gegenüber, wird im strengen Sinne gott-los.“

[51] Siehe dazu Markus Till: „Worthaus – Universitätstheologie für Evangelikale?“, AiGG Blog 2017

[52] Siehe die Erläuterungen zum Worthausvortrag „Die Nachfolge – Wie kann man heute an Jesus Christus glauben?“ von Thorsten Dietz in Markus Till: „Quo vadis Worthaus? Quo vadis Evangelikale Bewegung“, AiGG-Blog 2020

[53] Joachim Vette: „Bibelauslegung, historisch-kritische (AT), WiBiLex 2008, S. 9

[54] Siehe dazu Markus Till: „10 Gründe, warum es auch heute noch vernünftig ist, der Bibel zu vertrauen“, AiGG-Blog 2017

AiGG 4: Beziehung mit Jesus im Alltag leben

Unser Alltag ist prall gefüllt, sei es mit Arbeit oder mit Ablenkungen aller Art. Unsere Gedanken kommen kaum zur Ruhe. Wo soll da noch Platz sein für die Begegnung mit Gott? Wie kann Glaube mitten im Alltag praktisch werden? Und wie kann er unseren Alltag positiv prägen? Jesus hat Zachäus überraschend besucht – und damit alles verändert. Gemeinschaft mit Jesus kann auch heute noch unser Leben vom Kopf auf die Füße stellen.

Den Vortrag als Audio hören:

Vertiefend zu diesem Thema:

Das Lied zum Thema: “Ich atme auf in Deiner Gegenwart”

Das Akkordsheet zum Lied “Ich atme auf” zum Download

Wie wahre Weisheit wächst

Ja, es stimmt: Christsein ist Herzenssache. Aber nicht nur! Die Bibel kennt auch eine hohe Wertschätzung der Vernunft und des Verstandes. Besonders deutlich wird das im Buch der Sprüche. Die herausragende Bedeutung von Einsicht, Klugheit, Erkenntnis, Verstand, Vernunft und Weisheit begegnet dem Leser dort auf Schritt und Tritt. Dazu kommt die fast schon penetrante Aufforderung: Sei offen für guten Rat und Ermahnung! Profitiere von der Klugheit der Anderen! Mit diesem Denken legte die Bibel die Grundlage für Philosophie und Wissenschaft. Es ist kein Zufall, dass Kirchen und Klöster früher Brutstätten des Wissens und der Technik waren, aus denen sich auch Schulen und Universitäten entwickelt haben. Ein denkfeindliches Christentum, das vor allem auf subjektiven Gefühlen und Erfahrungen beruht, kann sich nicht auf die Bibel berufen.

Allerdings macht die Bibel dabei eines deutlich: Das menschliche Denken muss „geeicht“ werden. Es braucht eine Grundlage, die ihm eine gesunde Ausrichtung und Orientierung verleiht. Tatsächlich ist die Geschichte voll von faszinierenden und beeindruckenden menschlichen Gedankengebäuden, die Tod und Unheil brachten, weil sie auf falschen Fundamenten aufgebaut wurden. Gerade das zurückliegende 20. Jahrhundert ist dafür ein fürchterliches und hoffentlich bleibend mahnendes Zeugnis.

Deshalb heißt es in den Sprüchen:

„Die Ehrfurcht vor dem Herrn ist der Anfang der Erkenntnis.“ (Spr. 1, 7)

Wir verrennen uns, wenn wir die menschliche Vernunft an die oberste Stelle setzen. Wir verheben uns, wenn wir Gott einsperren in die Grenzen unseres Denkens. Immer, wenn wir uns vom demütigen Bewusstsein lösen, dass wir nur abhängige, begrenzte Geschöpfe sind, da nimmt unser Denken irgendwann zerstörerische Formen an.

Einsicht, Klugheit, Erkenntnis, Verstand, Vernunft, Weisheit und guter Rat wird heute dringender denn je gebraucht. Es beginnt damit, dass wir unsere Knie vor unserem Schöpfer beugen und sein Wort unser Denken prägen lassen. Gesunde Ehrfurcht vor Gottes heiligem Wort ist der gute Boden, auf dem wahre Klugheit, Weisheit und Vernunft gedeiht.

Mein Traum geht in die Verlängerung

Seit fast 30 Jahren bewegt mich nun schon dieser Traum von einer fröhlichen, bunten und vielfältigen Jesus-Bewegung, die gemeinsam für diese eine Botschaft steht: Jesus ist Herr! Er ist der Weg, die Wahrheit und das Leben! Sein Blut reinigt uns von unserer Schuld! Komm und lass Dich von ihm retten!

Im Juni 1994 fühlte ich mich diesem Traum so nahe wie nie. Gemeinsam mit etwa 70.000 Christen aus den verschiedensten Kirchen und Prägungen zogen wir mit dieser Botschaft singend und betend durch Berlin. Und im Olympiastation bekannten wir gemeinsam: „Ich nehme die Bibel an als das heilige und ewige Wort Gottes. Die ganze Schrift ist inspiriert durch den Heiligen Geist; sie ist Gottes verbindliche Offenbarung.“

Seitdem ist einiges passiert. Ich habe viel Versöhnung und wachsende Einheit erlebt – sogar mit damaligen Kritikern von diesem „Marsch für Jesus“. Und trotzdem muss ich mir eingestehen: Mein Traum ist nicht wahr geworden.

Es ist etwas geschehen, das ich damals für unmöglich gehalten hätte. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, dass ich einmal unter Evangelikalen die Leiblichkeit der Auferstehung oder das stellvertretende Sühneopfer verteidigen muss. Niemals hätte ich gedacht, dass auch unter uns in Frage gestellt wird, was wir damals doch gemeinsam hochhalten wollten: Die Bibel als das verbindliche und vom Heiligen Geist inspirierte Wort Gottes. Aber jetzt muss ich feststellen: Neben alten Spaltpilzen ist leider auch der verbindende Konsens in zentralen Glaubensfragen dahingeschmolzen – und damit auch die Basis für unsere Einheit.

Und jetzt das: Martin Grabe, der pietistisch geprägte Leiter der Klinik Hohe Mark, kündigt den uralten und bis heute weltweit vorherrschenden christlichen Konsens auf, dass praktizierte Homosexualität nicht mit Gottes Wort vereinbar ist. Stattdessen legt er einen neuen „Vorschlag für eine Einigung“ auf den Tisch: „Homosexuelle Christen dürfen ebenso wie heterosexuelle Christen eine verbindliche, treue Ehe unter dem Segen Gottes und der Gemeinde eingehen.“ Mit Michael Diener und Thorsten Dietz springen ihm gleich 2 bekannte „Schwergewichte“ aus dem evangelikalen Raum öffentlich bei.

Martin Grabes „Einigungsvorschlag“ verlangt von mir, dass ich gegen mein Gewissen etwas segnen soll, von dem ich in der Bibel lese, dass Gott das nicht segnet. Das wird ja oft übersehen: Bei diesem Thema geht es nicht nur um Meinungen. Es geht auf beiden Seiten um eine Gewissensfrage. Deshalb polarisiert das Thema auch so sehr. In meiner evangelischen Kirche musste ich gerade erst damit umgehen lernen, dass sämtliche Tübinger Theologieprofessoren meine Position nicht nur für falsch halten sondern darin eine „Diskriminierung“ sehen, die sie für „unerträglich“ halten. Wie soll da noch eine Verständigung möglich sein?

Jetzt begegnen mir auch in den Äußerungen von Martin Grabe solche polarisierenden Klischees: Wer sich für die neue Position öffnet, schürft tiefer und will die Wahrheit. Wer an der traditionellen Position festhält, ist in Angst und unguten alten Traditionen gebunden, diskriminiert, grenzt aus und hat womöglich noch nicht mal richtig die Bibel gelesen. Spätestens wenn man sich die Kommentare unter den Facebook-Posts von Michael Diener und Thorsten Dietz durchliest, merkt man: Jetzt tut sich auch mitten in der evangelikalen Welt dieser unüberbrückbare garstige Graben auf, der meine evangelische Kirche schon lange spaltet.

Umso mehr klopft eine Frage an die Tür meines Herzens: Ist die Einheit nicht doch wichtiger als das Beharren auf einer Position? Ist das nicht wirklich eine Randfrage? Und geht es nicht wirklich um wenige Bibelstellen, die man zudem historisch gar nicht so einfach einordnen kann? Sollte ich mir vielleicht doch einen Ruck geben und mit auf den Zug aufspringen, den Martin Grabe jetzt aufs Gleis gesetzt hat? Angesichts der vielen Likes unter den Posts von Diener und Dietz scheint mir: Ich bin nicht der Einzige, der sich solche Gedanken macht. Und offenkundig steigen nicht wenige geschätzte Mitchristen ein in diesen Zug, der jetzt wieder einmal lautstark zum Mitfahren lockt.

Aber nein. Ich werde nicht mitfahren.

Es zerreißt mir zwar das Herz, dass sich dadurch wohl auch Wege trennen müssen. Aber ich kann trotzdem nicht anders.

Es liegt nicht daran, dass ich unbedingt Recht behalten muss. Es liegt auch nicht daran, dass ich Angst vor Neuem hätte und ich nicht offen wäre für neue Einsichten in die Bibel. Gleich gar nicht liegt es daran, dass mir diese wertvollen, kostbaren Menschen, um die es bei diesem Thema ja geht, egal wären. Es liegt daran, dass ich mein Gewissen vor Gott auf Basis meiner Bibelerkenntnis nicht kompromittieren kann. Und es liegt daran, dass ich allzu deutlich sehe, dass dieser Zug ganz sicher nicht in Richtung dieses großen Traums fährt, für den mein Herz schon so lange schlägt.

Meine evangelische Kirche hat sich ja schon längst auf diese Schiene begeben. Und da sehe ich: Es ist naiv, zu glauben, dass wir Einheit und Frieden finden, wenn wir nur an diesem einen Punkt nachgeben. Wer A sagt, muss auch B sagen. Die Agenda der sogenannten „sexuellen Vielfalt“ ist lang. Die nächsten Tabubrecher klopfen längst schon an die Tür der Kirche. Sie werden keine Ruhe geben.

Außerdem ist meine Beobachtung: Dieser Zug bewegt sich ganz offenkundig in Richtung einer generellen theologischen Liberalisierung – auch wenn das oft noch bestritten oder verschwiegen wird. Ich habe mich mit einer Reihe von Versuchen befasst, praktizierte Homosexualität mit der Bibel zu vereinbaren. Sie wirkten auf mich bestenfalls bemüht, eher wunschgeleitet und spätestens im Licht der Gegenargumente wenig überzeugend. In der Mehrheit basierten sie angesichts der doch sehr klaren und durchgängigen biblischen Aussagen auch ganz offen darauf, dass die Apostel halt Kinder ihrer Zeit waren und wir es heute besser wissen. Dann sind aber wir zum Maßstab der Bibel geworden statt umgekehrt. Es wundert mich deshalb nicht, dass die Öffnung für gleichgeschlechtliche Trauungen vielerorts mit einem liberaleren Bibelverständnis einhergeht, bei dem schnell auch innerste Kernaussagen des Glaubens ins Wanken geraten. Mir ist bislang keine Gemeinschaft bekannt, die auf Dauer die Trauung von gleichgeschlechtlichen Paaren mit einem traditionell evangelikalen Bibelverständnis verbinden konnte.

Auch die bei dieser Debatte zu beobachtende Tendenz, biblisch-theologische Fragen jetzt mehr auf Basis persönlicher Erfahrungen statt mit biblisch-theologischen Argumenten entscheiden zu wollen, weckt in mir keine Reiselust. Ganz klar: Es ist wichtig, das Bibellesen mit dem Hören auf Gott und mit unserer Erfahrungswelt zu verbinden. Und natürlich sollen wir uns bei der Auslegung vom Geist leiten lassen. Aber wenn das, „was Gottes Geist mir sagt“, erst nach den theologischen Argumenten kommt und somit das letzte Wort hat, dann wird es bedenklich. Vor allem im charismatischen Umfeld habe ich (zum Glück nur selten!) erlebt: Wenn christliche Leiter anfangen, ihre Position primär mit persönlicher Geistesleitung zu begründen, wird es schräg. Ich kann nur inständig hoffen, dass wir Evangelikale uns nicht auf derart brüchige Gleise begeben sondern fest dabei bleiben, was Martin Luther so grundlegend wichtig war: „Dass allein die Heilige Schrift herrsche“.

Ich habe einfach keine Hoffnung, dass es einen echten geistlichen Aufbruch geben kann, wenn die Bibel nicht als verbindliches Wort Gottes hochgehalten wird. Ich kann nicht erkennen, dass progressive, liberale oder subjektiv-individualistische Theologie irgendwo auf der Welt dem Gemeindewachstum nachhaltige Dynamik verliehen, die Einheit gestärkt und das evangelistische Zeugnis beflügelt hätte. Im Gegenteil: Die liberalen Kirchen schrumpfen weltweit. Dieser Schaden scheint mir weitaus größer zu sein als das Problem, dass christlich-konservative Positionen immer mehr gesellschaftliche Ächtung erleben. Wir sollten es nie vergessen: Gesunde Erweckungsbewegungen waren immer auch Bibelbewegungen, die die Heilige Schrift als verbindliches Gotteswort gelesen und ausgelegt haben. Das hat ihnen oft Spott und Ausgrenzung eingebracht. Aber bis heute leben letztlich alle Kirchen von den Segensspuren, die diese Erweckungsbewegungen hinterlassen haben.

Es hilft wohl nichts. Ich werde diesen Zug nicht aufhalten können. Ich schaue hinterher und fühle mich ein wenig wie die Israeliten, die an der Grenze des gelobten Lands wieder zurückkehren mussten in die Wüste. Aber ich lasse mich nicht entmutigen. Ich glaube weiter fest daran: Die Nachfolger Jesu werden sich sammeln um ihren Herrn und um sein Wort. In aller Vielfalt an Prägungen und Konfessionen werden sie gemeinsam diese phantastische Botschaft in unserem Land bekannt machen. Mein Traum ist so lebendig wie eh und je. Er geht jetzt eben nur noch einmal in die Verlängerung.


Siehe auch: Homosexuell und bibeltreu – Das Zeugnis von Pfarrer Sam Allberry

Warum verbirgt sich Gott?

Warum schreibt Gott nicht einfach an den Himmel, dass es ihn gibt? Nichtchristen nutzen diese Frage oft als Argument gegen den Glauben. Auch unter Christen hat die Rede vom „geheimnisvollen“ und „verborgenen“ Gott Konjunktur. Damit wird heutzutage oft gemeint: Gott sei nicht fassbar, weder mit Lehrsätzen und erst recht nicht mit rationaler Beweisführung. Entsprechend ist Apologetik – die theologische Disziplin zur Verteidigung des christlichen Glaubens mit rationalen Argumenten – aus der Mode gekommen. Aber ist Gott wirklich so geheimnisvoll, dass wir über sein Wesen und seine Existenz nichts Verlässliches wissen können?

Tatsächlich lesen wir in Jesaja 45, 15: „Es ist wahr, du bist ein geheimnisvoller Gott.“ Im Neuen Testament spricht auch Paulus vom verborgenen Geheimnis der Weisheit Gottes. Dazu ergänzt er aber: Für den Gläubigen wurde durch den Geist das Geheimnis enthüllt (1. Korinther 2, 7-10)! Gemäß ihrem Selbstzeugnis stellt die Bibel insgesamt eine Enthüllung bzw. Offenbarung Gottes dar (2. Timotheus 3, 16). Sie gibt uns viele Einsichten über das Wesen und Handeln Gottes. Und sie berichtet, dass wir nach Gottes Bild geschaffen wurden, dass er mit uns Menschen kommuniziert und mit uns in einer Beziehung stehen möchte. Demnach können wir also sehr wohl Dinge über Gott lernen und verstehen.

Menschen, die nicht an den Offenbarungscharakter der Bibel glauben und in keiner Gottesbeziehung stehen, hilft das aber natürlich nicht weiter. Hält Gott sich vor diesen Menschen völlig verborgen? Interessant ist, dass die Bibel diese Frage offen anspricht. Sie konfrontiert Menschen, die Gott distanziert gegenüberstehen, mit mehreren „Zeichen“ für die Existenz Gottes. Schon seit biblischen Zeiten versuchen zahllose Skeptiker, diese Zeichen zu entkräften. Das gilt vor allem für das offensichtlichste unter ihnen:

Römer 1, 20: Das Zeichen der Schöpfung

„Seit Erschaffung der Welt haben die Menschen die Erde und den Himmel und alles gesehen, was Gott erschaffen hat, und können daran ihn, den unsichtbaren Gott, in seiner ewigen Macht und seinem göttlichen Wesen klar erkennen. Deshalb haben sie keine Entschuldigung dafür, von Gott nichts gewusst zu haben.“

Der Gedankengang von Paulus ist simpel: Die sinnvoll geordnete Schöpfung zeigt, dass es einen Schöpfer geben muss. Spätestens seit Charles Darwin gab es gewaltige Anstrengungen, diese Schlussfolgerung zu widerlegen. Im 20. Jahrhundert wurde die populärwissenschaftliche Welt dominiert von triumphalen Berichten, dass man zur Welterklärung keinen Schöpfer mehr brauche. Von einer „Selbstorganisation der Materie“ war die Rede. Heute wissen wir, dass der Jubel verfrüht war. Die extreme Feinabstimmung des Universums, die außerordentlich komplexen molekularen Maschinen schon in den allereinfachsten Lebensformen, die phantastisch effizienten biologischen Baupläne, die Realität des selbst-bewusst denkenden menschlichen Geistes: Bei keinem dieser Phänomene können wir heute auch nur ansatzweise erklären, wie Materie so etwas von selbst hervorbringen könnte. Trotz dieser atemberaubenden Erkenntnisse halten eine Reihe von Menschen nach wie vor eisern an dem Glauben fest, man werde eines Tages doch noch naturalistische Antworten auf die Ursprungsfragen finden. Mir nötigt so viel Glaubensstärke Respekt ab. Aber der Trend und die Fakten zeigen doch klar in die gegenteilige Richtung. Noch nie wussten wir so viel über die Schöpfung. Noch nie war es so offensichtlich, dass die Entstehung unserer Welt vollkommen undenkbar ist ohne das Wirken eines ordnenden Geistes. Noch nie konnten wir so deutlich sehen, dass der Gedankengang von Paulus absolut berechtigt ist.

Jesaja 46, 8-10: Das Zeichen der erfüllten Vorhersagen

„Nehmt es zu Herzen, ihr, die ihr euch Gott widersetzt. Denkt zurück an das, was von Anfang an, von der Urzeit her, galt: Ich bin Gott – sonst gibt es keinen! Es gibt keinen wie mich. Ich habe von Anfang an das, was kommen wird, vorausgesagt, schon lange, bevor es Wirklichkeit wurde.“

Die Bibel besteht zu gut 30% aus prophetischen Texten, die sich unter anderem mit der Vorhersage zukünftiger Ereignisse beschäftigen. Zugleich warnt sie vor falschen Propheten, die man daran erkennt, dass ihre Vorhersagen nicht eintreffen (5. Mose 18, 22). Damit geht die Bibel ein gewaltiges Risiko ein. Würde die Erfüllung ihrer Vorhersagen ausbleiben, dann würde die Bibel vor sich selbst warnen. Wie steht es also heute um die Behauptung, Gott habe korrekte Vorhersagen gemacht?

Unbestritten ist, dass eine Reihe von biblischen Vorhersagen durchaus Übereinstimmungen mit realen historischen Ereignissen zeigen oder zumindest gut zu Berichten im Neuen Testament passen. Allerdings sind viele Vorhersagen unscharf und mehrdeutig formuliert, so dass die Zuordnung zu einem Ereignis willkürlich erscheinen kann. Dieses Argument gilt aber spätestens dann nicht mehr, wenn Namen von Personen oder Orten ins Spiel kommen, wie zum Beispiel Jesajas korrekte Ankündigung, dass ein Herrscher namens „Kyrus“ den Wiederaufbau des Tempels befehlen wird (Jesaja 44, 28) oder die Vorhersage Michas, dass der Messias aus der Stadt Betlehem kommen soll (Micha 5,1). In solchen Fällen wird oft behauptet, die Vorhersagen seien erst nach Eintritt der angekündigten Ereignisse aufgeschrieben worden. Oder man habe Ereignisse nachträglich erfunden, damit sie gut zu den alten Prophetien passen. Aber wie weit tragen diese Argumente? Kann man sich wirklich vorstellen, dass die Juden, die doch für ihre enorme Ehrfurcht und detailgetreue Überlieferung ihrer heiligen Texte berühmt sind, reihenweise Texte manipuliert haben? Und wie glaubwürdig ist es, dass die erste christliche Generation, in der es noch Augenzeugen gab, den Geburtsort Jesu nach Bethlehem verlegte und die Jungfrauengeburt erfand, damit es zu den prophetischen Ankündigungen passt? Warum sind keine widersprüchlichen Quellen bekannt? Warum ist keine dieser angeblichen Manipulationen je bewiesen worden? Manipulationen mögen in Einzelfällen gelingen. Aber es ist die große Menge an erfüllten Vorhersagen, die hohe Glaubwürdigkeit der Beteiligten und das Fehlen der Beweise für Manipulationen, die die Argumente der Skeptiker fragwürdig erscheinen lassen.

Das gilt besonders für die Vorhersagen, die die Neuzeit betreffen. Denken wir nur an die kühne Ankündigung der dauerhaften Bewahrung und weltweiten Verbreitung der Worte Jesu (Lukas 21,33, Matthäus 24,14). Wer konnte damals ahnen, dass die Worte eines Wanderpredigers, der mit wenig mehr als 30 Jahren umgebracht wurde und selbst kein einziges Wort aufgeschrieben hat, auch nach 2000 Jahren noch weltweit verbreitet werden? Oder denken wir an die Ankündigung der weltweiten Zerstreuung (5. Mose 28, 64-65), Verfolgung (3. Mose 26, 38) und erneuten Sammlung (z.B. Jesaja 43,5-6) der Juden. Welches andere Volk wurde zu allen Zeiten und in allen Kulturen so irrational gehasst? Welches andere Volk hat über Jahrtausende hinweg trotz weltweiter Zerstreuung seine Identität bewahrt und ist danach wieder in sein Ursprungsland zurückgekehrt? Wir haben es hier mit absoluten Einzelfällen der Weltgeschichte zu tun! Ich kenne keine befriedigende Erklärung für dieses Phänomen. Trotz aller Unschärfe und offenen Fragen im Detail: Tatsächlich gibt es in der Weltliteratur keine Sammlung von eingetretenen Vorhersagen, die auch nur annähernd mit der Bibel vergleichbar wäre.

Matthäus 12, 38+39: Das Zeichen der Auferstehung

„Eines Tages kamen einige Schriftgelehrte und Pharisäer zu Jesus und sagten: »Meister, bitte zeige uns ein Wunder, als Beweis dafür, dass du von Gott kommst.« Doch Jesus erwiderte: »Nur schlechte, treulose Menschen würden ein Wunder verlangen. Das einzige Zeichen, das ich ihnen geben will, ist das, was mit dem Propheten Jona geschah.“

Jesu barsche Reaktion ist verständlich. Schließlich berichtet Matthäus im gleichen Kapitel, wie Jesus vor den Augen der Phärisäer die Hand eines verkrüppelten Mannes (V. 1-14) und danach viele weitere Kranken heilte (V. 15+16) und schließlich noch aus einem blinden und stummen Mann einen Dämon austrieb, so dass er wieder sehen und sprechen konnte. (V. 22-28). Es hatte also schon Wunder zuhauf gegeben. Trotzdem wies Jesus auch gegenüber diesen hartnäckigen Skeptikern die Forderung nach einem Wunder als Ausweis für seine Messianität nicht komplett zurück. Stattdessen kündigt er das „Zeichen Jonas“ an: So wie Jona nach drei Tagen aus dem Fisch gekommen ist, werde er nach drei Tagen aus dem Grab herauskommen.

Seit Ostern haben zahllose Skeptiker versucht, die Entstehung des Osterglaubens, den durchschlagenden missionarischen Erfolg der Osterzeugen samt ihrer extremen Opferbereitschaft zu erklären. Warum fingen noch in der Zeit und Region der Augenzeugen plötzlich zahllose, streng monotheistisch geprägte Juden an, einen Menschen als Gott anzubeten – dazu noch einen Gekreuzigten, der nach dem mosaischen Gesetz als verflucht galt? Warum war sogar der leibliche Bruder Jesu bereit, für den Glauben an die Göttlichkeit Jesu in den Tod zu gehen, wie der nichtchristliche Historiker Josephus berichtet? Niemand weiß es. Das leere Grab wird von keiner antiken Quelle bestritten. Stattdessen blühen bis heute viele Theorien: Die Jünger hätten den Leichnam gestohlen. Jesus sei nur scheintot gewesen. Das Grab sei verwechselt worden. Die Jünger hätten Visionen gehabt… Keine dieser Theorien konnte sich je durchsetzen. Viel zu groß sind die Erklärungslücken. Wer nüchtern auf die Fakten schaut und die Auferstehung nicht schon von vornherein aufgrund seiner naturalistischen Weltanschauung ausschließt, der muss eingestehen: Für kaum ein Ereignis der Antike gibt es so viele direkte und indirekte Belege wie für die Auferstehung Jesu. Das Zeichen Jonas steht im Raum – bis heute.

Offenbar – und doch verborgen

Je mehr ich mich mit den biblischen Zeichen für die Existenz Gottes befasse, umso tiefer gelange ich zu der Überzeugung: Wer sich diesen Argumenten mit offenem Herzen stellt, kommt nicht an ihnen vorbei. Richtig ist aber auch: Diese Zeichen drängen sich nicht auf. Man muss sie mit offenem Herzen prüfen, um ihre Beweiskraft zu entdecken, so wie es zum Beispiel der Journalist Lee Strobel tat und dadurch zum Glauben kam. Aber kehren wir noch einmal zur Eingangsfrage zurück: Warum schreibt Gott nicht einfach seinen Namen an den Himmel, um die Menschen für sich zu gewinnen? Die Bibel gibt eine einfache Antwort: Weil auch untrügliche Machterweise Gottes das menschliche Herz nicht unbedingt dazu bewegen, Gott zu vertrauen und ihm die Ehre zu geben. Die Pharisäer, die von Jesus ein Zeichen gefordert hatten, blieben trotz all der Wunder verschlossen. Sowohl der Pharao Ägyptens als auch das Volk Israel hatten die Teilung des Meers erlebt. Der Pharao bekehrte sich trotzdem nicht. Und Israel goss sich schon kurz danach ein goldenes Kalb.

In der Offenbarung des Johannes wird angekündigt, dass Gott eines Tages seine Verborgenheit beendet. Aber das wird kein schöner Tag werden. Die Menschen werden Gott fürchten und vor ihm fliehen (Offenbarung 6, 15-16). Sie werden sich ihm trotz seiner Machterweise widersetzen (Offenbarung 16, 9+11+21). Wenn sich am Ende der Tage alle Knie vor Gott beugen, wird das nicht ohne Zwang geschehen sein. Deshalb wartet Gott lieber noch ab. Er hat die Menschen ja als Gegenüber erschaffen, um mit ihnen in einer liebevollen Beziehung zu stehen. Liebe und Zwang schließen sich gegenseitig aus. Gott möchte den Menschen so viel Zeit wie möglich lassen, damit sie sich gerne und freiwillig von ihm retten lassen (2. Petrus 3, 9+15). Bis zum Tag der machtvollen Offenbarung Gottes gilt deshalb die Ermutigung Jesu: „Sucht, und ihr werdet finden.“ (Matthäus 7,7) Gott ist (noch) so verborgen, dass niemand auf die Knie gezwungen wird. Aber er ist zugleich so offenbar, dass man ihn finden kann, wenn man ihn sucht.


Weiterführende Artikel zu den 3 biblischen “Zeichen”:

AiGG 3: Unser Ziel – Freundschaft mit Gott

Wie stellt sich Gott die Beziehung zu uns Menschen vor? Ist es angemessen, ihn als einen „Freund“ zu bezeichnen? Ist er nicht viel eher unser Herr, dem wir zu gehorchen haben? Ein Durchgang durch die Bibel zeigt: Angesichts der unfassbaren Größe Gottes ist es wirklich erstaunlich, in welcher Beziehung Gott zu uns stehen möchte.

Den Vortrag als Audio hören:

Vertiefend zu diesem Thema:

Das Lied zum Thema: “You are my friend”

Das Akkordsheet zum Lied “You are my friend” zum Download

Quo Vadis Worthaus? Quo vadis evangelikale Bewegung?

11 Vorträge von Worthaus 9 – zusammengefasst und kommentiert

Dieser Artikel ist zuerst im Online-Magazin “Glauben & Denken heute” Ausgabe 1 /2020 des Martin Bucer Seminars erschienen. Er kann hier als PDF heruntergeladen werden.

Woran liegt es, dass die Spannungen, Gräben und Risse unter Evangelikalen scheinbar immer größer werden? Leiden wir an schlechter Streitkultur, Enge, Rechthaberei und fehlender „Ambiguitätstoleranz“? Ja, auch das spielt eine Rolle. Aber zugleich bin ich überzeugt: Man kann die wachsenden Spannungen in „Evangelikalien“ nicht verstehen, wenn man nicht die Inhalte und dazu den wachsenden Einfluss von „Worthaus“ und seinen Referenten kennt und versteht.

2018 hatte Siegfried Zimmer berichtet: Worthaus habe „viele, viele zehntausend Hörer“. Bei einer freikirchlichen Konferenz hätten alle (!) anwesenden 30 bis 35 Pastoren gemeldet, dass sie regelmäßig Worthaus hören. Sein Eindruck sei: „Die Pastorenfortbildung läuft eigentlich über Worthaus.“[1] Seither ist der Einfluss von Worthaus unter Evangelikalen nach meinem Eindruck noch einmal deutlich größer geworden. Die beiden Hauptreferenten, Siegfried Zimmer und Thorsten Dietz, schulen immer wieder evangelikale Leiter (z.B. von ICF, von den Apis, vom Bund evangelischer Gemeinschaften, vom CVJM oder von Gnadau). Thorsten Dietz gehört zum Gnadauer Arbeitskreis Theologie, er spricht bei evangelikalen Großveranstaltungen wie z.B. beim Gnadauer Upgrade-Kongress, ist bei evangelikalen Medien wie z.B. beim ERF zu hören und zu sehen, und er hat natürlich Einfluss auf die freikirchlichen Ausbildungsstätten, z.B. die IHL, die IGW und selbstverständlich auf die evangelische Hochschule Tabor, an der Dietz selbst lehrt und die bis vor kurzem noch zur Konferenz bibeltreuer Ausbildungsstätten gehörte. Für die kommende Worthaus-Tagung 10 wurden mit Volker Rabens und Sandra Bils gleich 2 Dozenten der CVJM-Hochschule als Referenten eingeplant.

Wer die freien Ausbildungsstätten prägt, prägt die zukünftigen Verantwortlichen und Multiplikatoren und damit auch die Zukunft der freien Gemeinden und Gemeinschaften. Wer die evangelikalen Medien prägt, prägt schon jetzt die Ausrichtung der evangelikalen Bewegung insgesamt. Umso wichtiger ist die Frage: Welche Theologie wird da vermittelt? Findet da eine gesunde Weitung traditioneller evangelikaler Positionen statt? Macht sich die evangelikale Bewegung damit fit für die Herausforderungen einer modernen, gewandelten Gesellschaft? Oder ist zu befürchten, dass damit wachsende Spannungen und Spaltungen in die evangelikale Bewegung hineingetragen werden, weil sich die theologischen Positionen zu deutlich und zu grundlegend von evangelikalen Bekenntnissen und Grundüberzeugungen unterscheiden? Weil diese Frage für die Zukunft der evangelikalen Bewegung insgesamt so enorme Bedeutung hat, sollten sich eigentlich alle Verantwortlichen im evangelikalen Umfeld fundiert damit auseinandersetzen. Genau dafür will dieser Artikel Hilfestellung geben.

Die Vorträge von Worthaus 9, die im Juni 2019 in Tübingen gehalten wurden, eignen sich besonders gut, um die Ausrichtung von Worthaus genauer kennen zu lernen. Denn sie beschäftigen sich nicht mit Randfragen, sondern mit echten „Knackpunkt-Themen“, die den innersten Kern des Christentums berühren:

  • Hat Gott immer wieder wundersam in die Geschichte eingegriffen?
  • War Jesus von Nazareth nicht nur ganz Mensch, sondern auch ganz Gott?
  • Starb Jesus am Kreuz einen stellvertretenden Opfertod?
  • Ist Jesus leiblich auferstanden?

Acht der elf Vorträge von Worthaus 9, die in diesem Artikel betrachtet werden, werden von Thorsten Dietz und Siegfried Zimmer gehalten. Sie zeigen in besonderer Weise zentrale Züge der Theologie und Christologie der beiden prägenden Worthaus-Hauptreferenten auf. Von zentraler Bedeutung sind vor allem die Vorträge 9 und 10 von Thorsten Dietz zur Kreuzestheologie und zur Auferstehung. Sie werden deshalb besonders ausführlich betrachtet.


Elf Vorträge von Worthaus 9 in der Übersicht[2]:

  1. Thorsten Dietz: Die Nachfolge – Wie kann man heute an Jesus Christus glauben?
  2. Christine Jacobi: Der aktuelle Stand der historischen Jesus-Forschung
  3. Siegfried Zimmer: Das besondere Evangelium – Wie unterscheidet sich das Johannes-Evangelium von den drei anderen Evangelien?
  4. Thorsten Dietz: Der Sohn – Wer ist und wer war Jesus Christus?
  5. Siegfried Zimmer: Das nächtliche Verhör vor dem Hohen Rat (Mk 14, 53-65)
  6. Peter Wick: Das Mys­te­ri­öse – Von der rationalen Wunderkritik über den postmodernen Wunderglauben zurück zu Jesus
  7. Peter Wick: Warum musste Jesus sterben?
  8. Siegfried Zimmer: Der Prozess vor Pilatus (MK 15, 1-15)
  9. Thorsten Dietz: Der Prozess – Warum ist Jesus gestorben?
  10. Thorsten Dietz: Der Lebendige – Die Begegnung mit dem Auferstandenen
  11. Siegfried Zimmer: Jesus und die blutende Frau (MK 5, 25-34)

Originalzitate aus den Vorträgen sind nachfolgend in blau dargestellt.


1. Vortrag 9.1.1: Prof. Dr. Thorsten Dietz am 7. Juni 2019

Die Nachfolge – Wie kann man heute an Jesus Christus glauben?

Der Eröffnungsvortrag von Thorsten Dietz verspricht „eine kleine Brillologie“ basierend auf Markus 8, 27-30. In diesem Text fragt Jesus seine Jünger: „Für wen halten mich die Leute?“ Damals wie heute wird diese Frage sehr unterschiedlich beantwortet (wenn man sich denn überhaupt für sie interessiert). Die Antworten machen deutlich, wie sehr Jesus aus der damaligen Tradition heraus gesehen wurde. Und für Thorsten Dietz gilt auch heute noch: Wie wir Jesus sehen oder auch nicht, hat sehr viel zu tun damit, welche Brille wir auf der Nase tragen. Denn „Gott ist kein Gegenstand, kein Sachverhalt, kein Etwas oder jemand, den man an für sich beschreiben kann in einer objektiven Einstellung völlig abgesehen von dir und deiner Geschichte und deiner Haltung dazu, kein Ding, auch nichts, das du begreifen, ergründen, durchrechnen, erschließen kannst, sondern er bleibt ein ewiges, undurchdringliches, ganz präsentes, dir ganz nahes aber am Ende doch faszinierendes Geheimnis.“ (ab 48:11) Dietz kommt schließlich auf den „Segen der Bibelwissenschaft“ zu sprechen. Sie könne Menschen geradezu „heilen“, wenn sie unter der Spannung zwischen biblischen Aussagen und der modernen Weltsicht leiden. Denn sie könne zeigen, dass die bisherige Art, die Bibel zu lesen, nur eine bestimmte Brille ist, die Bibel zu betrachten. Die Bibelwissenschaft könne aber auch „Spannungskopfschmerz“ erzeugen, wenn sie einen Gläubigen zwingt, die Bibel nicht durch seine bisherige Glaubens- sondern durch die Wissenschaftsbrille zu lesen. So sei es auch ihm selbst gegangen. Aber das könne uns reifen lassen. „Die Bibelwissenschaften nehmen Dir Deinen Jesus weg“ (1:10:52), damit man lernen könne, „dass Jesus nie Dein Jesus ist, dass er immer größer ist, immer anders.“ (1:11:26) Das sei ein schmerzhaftes „Rütteln und Schütteln“ an Dingen, die für manche zentral sind. Aber darin liege der „Segen, Voreinstellungen zu entdecken, die der Sache nicht gerecht werden.“ (1:13.05) Natürlich sind auch die Bibelwissenschaften ständig bedroht, durch ideologische Färbung verblendet zu werden. Genau darin liege aber auch ihre Stärke. Es sei ja seit Generationen ihr Alltagsgeschäft, ideologische Einflüsse zu hinterfragen und aufzudecken. Bibelwissenschaft sei ein kollektives, kämpferisches, kritisches Unternehmen zur gegenseitigen kritischen Überwachung und Kontrolle, weshalb sie helfen könne, „Dinge zu hinterfragen, zu überprüfen und sie nochmal ganz neu und anders wahrzunehmen.“ (1:16:26)

Kommentar:

Thorsten Dietz legt hier einen großen Wissenschaftsoptimismus an den Tag. Ist die universitäre Bibelwissenschaft wirklich so selbstkritisch, dass sie sich von ihren Brillen befreien kann? Tatsache ist, dass auch in den Naturwissenschaften bestimmte Leitparadigmen vorherrschen und sich trotz starker Gegenargumente hartnäckig halten. Das beste Beispiel ist das Paradigma, dass grundsätzlich nur das als wissenschaftlich gelten darf, was innerhalb der Naturgesetze verstehbar ist – auch bei den Ursprungsfragen. Das postaufklärerische Wissenschaftsparadigma des methodischen Atheismus wurde auch in Worthaus 8 vertreten[3]. Eine kritische Gegenstimme zu dieser „Brille“ liefert bei Worthaus 9 nun der Vortrag 6 von Peter Wick (siehe unten). Darin bestätigt Wick aber auch: Das Paradigma des Wunderausschlusses ist nach wie vor weit verbreitet an den Universitäten, gerade auch in den theologischen Fakultäten. Es ist also eine steile Behauptung, dass die universitäre Bibelwissenschaft besonders vorurteilsfrei arbeiten würde, zumal sich der Wunderausschluss ja nicht nur auf den Umgang mit mirakulösen Texten auswirkt, sondern grundlegende Konsequenzen für das Offenbarungsverständnis und für die Glaubwürdigkeit der Bibel insgesamt mit sich bringt.[4]

Zudem habe ich mich beim Hören des Vortrags gefragt: Braucht man wirklich Heerscharen von Wissenschaftlern, um der Bibel vorurteilsfreie Botschaften und objektive Aussagen entnehmen zu können? Muss ich mir meinen Jesus wirklich zuerst von der universitären Bibelwissenschaft wegnehmen lassen, weil er ohnehin nur ein Ergebnis meiner persönlichen Brillen ist? Welchen der immer neuen Jesusbilder aus der akademischen Jesus-Forschung (siehe Vortrag 2!) wird mir die Bibelwissenschaft zurückgeben? Wenn es stimmen würde, dass sich nur der akademische Wissenschaftsbetrieb einigermaßen von Brillen befreien könnte, dann wären jedenfalls alle Laien verloren. Dann gäbe es keine Klarheit der Schrift mehr. Dann wäre es Luthers größter Fehler gewesen, mit seiner Bibelübersetzung den Laien die Bibel in die Hand zu geben und sie auch noch aufzufordern, die Lehre der Theologen auf Basis der Schrift zu prüfen.

Ja, ich lasse mir „meinen Jesus“ von der Bibel selbst gerne hinterfragen. Ich lasse ihn mir auch gerne von Theologen hinterfragen, wenn sie mir zeigen, dass sie aus der Schrift heraus argumentieren und sich selbst der Bibel als Maßstab und Autorität unterordnen. Solange aber wunder-, offenbarungs- und sachkritische Paradigmen im akademischen Bibelwissenschafts­betrieb eine wichtige Rolle spielen, sollten wir keinesfalls Laien dazu ermutigen, sich von dieser Art von Bibelwissenschaft ihren Jesus wegnehmen zu lassen.


2. Vortrag 9.2.1: Dr. Christine Jacobi am 8. Juni 2019

Der aktuelle Stand der historischen Jesus-Forschung

Die Theologin Dr. Christine Jacobi distanziert sich in diesem Vortrag von früheren liberaleren Sichtweisen, die stark zwischen dem historischen Jesus und angeblichen nachträglichen mythischen Deutungen trennen wollten. Der Satz: „Jesus hat nicht an Jesus geglaubt“ sei so nicht mehr haltbar. Die Darstellung Jesu in den Evangelien zeige, dass er verwurzelt war im Geschichts- und Gottesbild sowie den messianischen Erwartungen des Alten Testaments, weshalb seine Selbstauslegung, sein Selbstverständnis gar nicht so weit entfernt wäre von den späteren Darstellungen der Evangelien – nicht so weit jedenfalls wie ältere Forschungen es annahmen.“ (25:30) Somit könne man „nicht strikt zwischen den historischen Ereignissen und ihrer mythischen Deutung unterscheiden. … Es gibt eben eine fortgesetzte Linie zwischen dem Wirken, dem Sendungsbewusstsein des irdischen Jesus, seiner Wahrnehmung durch Zeitgenossen …, durch Anhänger und dann seiner Deutung nach Ostern.“ (ab 1:04:17) Zwar distanziert sich Jacobi von der rein metaphorischen Auferstehungsdeutung der liberalen Theologie, zugleich weist sie aber auch die Sichtweise von N.T. Wright zurück, der die Auferstehung als historisches Ereignis belegen möchte, denn in den Evangelien stünde ja die theologische Deutung der Auferstehung im Vordergrund, nicht das historische Ereignis. Historische Jesusforschung sei für den Glauben relevant, denn auch die Evangelien haben ja historisch gearbeitet, um ihre Vorstellungen von Christus als dem Gottessohn zu vermitteln. Die Jesusbilder der historischen Jesusforschung blieben immer auf die biblischen Texte bezogen. Die Jesusbilder seien aber auch immer ein Kind ihrer Zeit, denn die Jesusforschung „partizipiert an den aktuellen Weltbildern und am Wirklichkeitsverständnis ihrer Zeit und bezieht von dort aus ihre erkenntnistheoretischen Voraussetzungen. Und auf diese Weise, indem sich die Jesusforschung immer selbst auch weiter entwickelt, entstehen immer neue Jesusbilder.“ (ab 1:25:57) Diese Erkenntnis habe einst zu einer Krise der historischen Jesusforschung geführt. Jetzt würde man das aber gelassen sehen, denn die historische Jesusforschung sei selbst Teil der Wirkungsgeschichte Jesu.

Kommentar:

Der Vortrag wirkte auf mich konservativer als der frühere Worthausvortrag zur historischen Jesusforschung von Stefan Schreiber, weil der Textbezug stärker betont wird und weil Frau Jacobi keine „strikte“ Unterscheidung zwischen der Evangeliendarstellung und dem historischen Jesus verfolgen möchte. Aber wirklich überwunden wird diese Trennung auch hier nicht, wie in vielen Formulierungen deutlich wird. So erwähnt Frau Jacobi zum Beispiel, dass „die Geburt- und auch die Kindheitsgeschichten bei Lukas legendarisch“ seien. Nur die Taufe sei wohl eine der wenigen wirklich gesicherten Daten seines Wirkens.“ (27:40) Jacobi möchte theologisch gedeutete Berichte der Evangelien nicht als historische Daten behandeln, denn „das hieße nämlich, den Glauben an Jesus letztlich von historisch-kritischer Exegese abhängig zu machen“ (ab 1:21:20). Dabei war die historische Tatsächlichkeit der in den Evangelien geschilderten Ereignisse für die ersten Christen noch von grundlegender Bedeutung (z.B. Apg. 4, 20)! Wenn diese jetzt keine Rolle mehr spielen soll, dann ändert sich natürlich auch die theologische Aussage. Dieses Problem zeigt sich besonders bei der Kritik Jacobis an N.T. Wrights Apologetik für die Historizität der Auferstehung. Jacobi hat zwar recht, dass in den Evangelien das eigentliche Auferstehungsgeschehen im Grab nicht dargestellt wird und dass das Osterereignis AUCH theologisch gedeutet wird. Aber das ändert ja nichts daran, dass der physisch-leibliche und damit auch der historische Charakter der Begegnungen mit dem Auferstandenen im Neuen Testament eine entscheidende Grundlage für alle weiteren theologischen und praktischen Konsequenzen ist (siehe dazu auch der Kommentar zu Vortrag 10).

Ich finde deshalb die Trennung zwischen dem historischen Jesus und dem Jesus der Evangelien bzw. des Glaubens weder fruchtbar noch attraktiv. Wer möchte schon sein Jesusbild und seinen Glauben auf eine historische Jesusforschung beziehen, die ausdrücklich ein Kind ihrer Zeit sein will und ständig neue Jesusbilder hervorbringt, die dann zwangsläufig nur zeitlich befristete Gültigkeit haben können? Wie soll man zu einem Jesus mit Ablaufdatum eine persönliche Vertrauensbeziehung entwickeln? Da bleibe ich doch besser bei dem Vertrauen, dass die Evangelienschreiber zurecht versprochen haben, seriös und verlässlich den historischen Jesus dargestellt zu haben (Lukas 1, 1-4), so dass mein Glaube primär von der Schrift statt von aktuellen Urteilen der historisch-kritischen Exegese oder der historischen Jesusforschung abhängen kann.


3. Vortrag 9.2.2: Prof. Dr. Siegfried Zimmer am 8. Juni 2019

Das besondere Evangelium – Wie unterscheidet sich das Johannes-Evangelium von den drei anderen Evangelien?

Siegfried Zimmer begründet in diesem Vortrag ausführlich seine Sichtweise, dass im Johannes-Evangelium an vielen Stellen nicht der historische Jesus, sondern der Auferstandene spricht mit Worten, die durch den „Parakleten“, also den Heiligen Geist nachösterlich offenbart wurden. Dies werde zum einen deutlich durch zahlreiche inhaltliche und stilistische Unterschiede zu den Reden Jesu bei den Synoptikern Matthäus, Markus und Lukas. Das werde auch deutlich durch seine hoheitlichen Aussagen oder die Lehre der Präexistenz (die nur in den Evangelien vorkomme, die nicht von der Jungfrauengeburt sprechen) oder in den Abschiedsreden. Es sei „abstrus“, sich vorzustellen, Jesu habe solche Dinge vor Ostern geäußert. Geradezu „bizarr“ und „kannibalisch“ sei die Vorstellung, der historische Jesus habe zu den Juden gesagt: „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben.“ (Joh. 6, 54).

Kommentar:

Leider verschweigt Siegfried Zimmer, dass Johannes ja selbst ausführlich von den verstörten Reaktionen der jüdischen Zuhörer berichtet: „Da stritten die Juden untereinander und sprachen: Wie kann dieser uns sein Fleisch zu essen geben? … Das ist eine harte Rede; wer kann sie hören? … Von da an wandten sich viele seiner Jünger ab und gingen hinfort nicht mehr mit ihm.“ (Joh.6, 52+60+66) Hat Johannes das dann auch dazu erfunden, damit es wie eine Erzählung aus dem vorösterlichen Leben Jesu aussieht? Eine ausführliche, wissenschaftlich fundierte Gegendarstellung zu Zimmers Sichtweise findet sich z.B. in der Einleitung in das Neue Testament von Armin Baum auf den Seiten 691 – 712. Baum sieht dort keinen wesentlichen inhaltlichen Unterschied zwischen der Christologie der Synoptiker und des Johannes-Evangeliums: „Die implizite Christologie der Synoptiker und die explizite Christologie des Johannes unterscheiden sich zwar im Wortlaut, sind aber inhaltlich auf derselben theologischen Hochebene angesiedelt.“ (S. 711). „Jesus beansprucht in allen vier Evangelien, die einzigartige göttliche Macht und Identität zu besitzen, etwa gegenwärtig ewiges Heil zu schenken und am Jüngsten Tag das Endgericht zu halten.“ (S. 712) Die Jesusreden habe Johannes zwar „dynamisch-äquivalent in eine für seine Leserschaft leichter verständliche Sprache übersetzt“ (S. 711). Aber ein Historiker war auch gar „nicht verpflichtet, den Wortlaut historischer Reden zu reproduzieren. … Andererseits erwartete man aber von ihm, dass er den Inhalt historischer Reden korrekt wiedergab.“ Die Jesusreden im Johannesevangelium inhaltlich dem historischen Jesus zuzuschreiben ist für Armin Baum möglich, denn: „Der umfangreiche Redestoff des vierten Evangeliums enthält neben einer begrenzten Zahl johanneisch-synoptischer Wortlautparallelen eine sehr große Zahl johanneisch-synoptischer Konzeptparallelen. Gemessen an den synoptischen Jesusworten erweist sich die (seit Bretschneider vertretene) These, die johanneischen Jesusreden seien im Wesentlichen als unauthentisch zu beurteilen, auf der inhaltlichen Ebene als weit überzogen.“ (S. 699) Baum nennt weitere prominente Befürworter der Historizität der johanneischen Jesusreden wie z.B. Friedrich Schleiermacher, Theodor Zahn, Adolf Schlatter oder der Brite John Robinson. Es sind also nicht nur die von Zimmer immer wieder beklagten konservativen Kreise, die sich Zimmers Sichtweise nicht anschließen wollen.


4. Vortrag 9.2.3: Prof. Dr. Thorsten Dietz am 8. Juni 2019

Der Sohn – Wer ist und wer war Jesus Christus?

Im ersten Teil seiner Christustrilogie befasst Thorsten Dietz sich mit der Frage: War Jesus wirklich wahrer Gott und wahrer Mensch? Wie hat sich dieses Bekenntnis entwickelt? Und wie sehen wir das heute? In der „Volksfrömmigkeit“ werde die Perspektive der Menschlichkeit Jesu heute durchaus öfter vernachlässigt. Das sei aber gemäß dem Bekenntnis von Chalzedon, mit dem Dietz sich hier ausführlich befasst, Häresie. Und auch aus heutiger Sicht sagt Dietz: Man darf 0,0 davon abstreichen, dass Jesus wirklich Mensch war! Und zwar so sehr, „dass es wirklich auf dem Spiel stand, ob er Gott die Treue hält und ob er diesen Glauben durchhalten kann, dass Gott sein Vater ist trotz allem.“ (ab 1:06:14) Aber war Jesus auch wahrer Gott? Hier geht Dietz sehr viel vorsichtiger zu Werke. Er weist zwar darauf hin, dass Jesus bereits unter den allerersten Christen als menschgewordener Gott angesehen wurde, was biblisch eindeutig belegt sei (z.B. Philipper 2, 5-11 oder Johannes 1). Er macht zudem Werbung dafür, das alte Glaubensbekenntnis, dass Jesus wahrer Gott war, in „kritisch-kreativer Treue“ weiter zu entfalten. Allerdings warnt er auch ausführlich vor dem Zwang, dass man diese „Formel“ unbedingt so nachsprechen müsse. Es sei keine Häresie, wenn man – so wie der theologische Mainstream – in Jesus einen Menschen sehe, der von Gott voll und ganz angenommen, durch die Auferstehung von ihm bestätigt wurde und in dem Gott sein Wesen für uns sichtbar macht.

Kommentar:

Die Frage, ob Jesus nicht nur wahrer Mensch, sondern auch wahrer Gott war, ist ein absolutes Knackpunktthema in der Theologie. Hier entscheidet sich Jesu Exklusivität, sein Herrschaftsanspruch und seine Fähigkeit, uns zu erlösen. Ohne das Gottsein Jesu ist das stellvertretende Sühneopfer am Kreuz kein Akt der Selbsthingabe und Liebe Gottes, sondern ein Gericht eines grausamen Gottes, der Menschenopfer will. Kein Wunder, dass die Abkehr von der Göttlichkeit Jesu in der Mainstreamtheologie auch die Abkehr vom stellvertretenden Sühneopfer im Gepäck hat – und damit letztlich katastrophale Konsequenzen für den innersten Kern des christlichen Glaubens. Schade, dass diese weitreichenden Konsequenzen in diesem Vortrag nicht erwähnt werden sondern dass es phasenweise fast wie eine Geschmackssache wirkt, inwieweit man die Göttlichkeit Jesu nun ernst nehmen möchte oder nicht.

Der Vortrag macht nach meinem Eindruck besonders deutlich, welche Zielgruppe Thorsten Dietz primär vor Augen hat und in welche Richtung er Brücken bauen möchte. Den gegenüber der Göttlichkeit Jesu mehrheitlich skeptischen akademischen Theologen sagt er: Wenn das mit Deinem Intellekt im Moment nicht vereinbar ist, dann musst Du das ebenso wenig glauben wie die Geschichte, dass Jona von einem Fisch verschluckt wurde. Den „Volksfrömmigen“, bei denen er eine Tendenz zur Vernachlässigung der Menschlichkeit Jesu sieht, sagt er aber: Das geht heute auf gar keinen Fall mehr! Da ist plötzlich keine Rede mehr von Geheimnis, Mysterium, von missverständlichen Begriffen und Brillen angesichts von wechselnden Weltanschauungen, sondern da zeigt Dietz klare Kante: Er fordert strikt die Menschlichkeit Jesu, und zwar in einem Ausmaß, das auch mir schon fragwürdig erscheint. Denn ich glaube zwar auch, dass Jesus wirklich Mensch war und große Angst kannte. Aber ich glaube nicht, dass irgendwann ernsthaft die Heilsgeschichte auf dem Spiel stand.

So sehr ich dafür bin, Zweiflern Raum zu lassen, damit sie ihren Anfragen gründlich nachgehen können und so sehr ich es begrüße, dass Dietz in der theologischen Welt Werbung für einen etwas konservativeren Kurs macht: Die Einseitigkeit, mit der Dietz hier vorgeht, kann ich nicht nachvollziehen. Gerade angesichts des gewaltigen Flurschadens, den der Verlust der Göttlichkeit Jesu in der Theologie hinterlassen hat, müssen wir es meines Erachtens doch wieder viel deutlicher sagen: Es ist im christlichen Glauben keine Geschmacksfrage, ob Jesus  der präexistente, von der Jungfrau geborene Gott war oder nicht. Die Göttlichkeit Jesu war – wie Dietz in diesem Vortrag schön berichtet – für die Väter eine Selbstverständlichkeit, und sie ist in der Bibel klar bezeugt. Dietz macht zudem in diesem Vortrag sehr schön deutlich, dass es für die Väter noch entscheidend war, jedes vorgeschlagene Jesusbild mit der Bibel zu vergleichen und es zu verwerfen, wenn es mit den biblischen Texten nicht zusammenpasst. Die Klarheit, die Dietz gegenüber denen an den Tag legt, die die Menschlichkeit Jesu vernachlässigen, brauchen wir in der anderen Richtung ebenso, denn gerade hier hatte und hat der Verlust einer zentralen Lehre der Bibel und eines zentralen Bekenntnisses der Kirchenväter in den letzten beiden Jahrhunderten katastrophale Konsequenzen für die Theologie und für die Kirche.


5. Vortrag 9.3.2: Prof. Dr. Siegfried Zimmer am 9. Juni 2019

Das nächtliche Verhör vor dem Hohen Rat (Mk 14, 53-65)

Siegfried Zimmer stellt in diesem Vortrag die Frage nach der historischen Wahrheit der Schilderung des Evangelisten Markus zur Verurteilung Jesu vor dem Hohen Rat. Dabei werden viele interessante Hintergründe zur damaligen politischen Situation beleuchtet. Besonders spannend ist die Frage nach der Historizität der Verse 61-62: „Wieder fragte ihn der Hohepriester und spricht zu ihm: Bist du der Christus, der Sohn des Hochgelobten? Jesus aber sprach: Ich bin es! Und ihr werdet den Sohn des Menschen sitzen sehen zur Rechten der Macht und kommen mit den Wolken des Himmels.“ Zimmer wendet sich hier ausdrücklich gegen die liberale theologische Behauptung, dass die Aussage Jesu zu seiner Messianität eine nachträgliche christliche Einfügung sei. Sein Hauptargument ist: Jesus macht hier in Bezug auf seine Wiederkunft eine prophetische Ankündigung, die bis zur Abfassung der Evangelien nicht eingetroffen ist. So etwas hätte niemand erfunden.

Kommentar:

Der Vortrag lohnt sich, weil er viele interessante Informationen zu den historischen Hintergründen enthält. Erfreulich fand ich zudem, dass Zimmer entgegen der liberalen Sichtweise ausdrücklich an der Historizität der messianischen Aussage Jesu festhält. Aber 2 Fragen sind bei mir nach dem Vortrag offen geblieben:

  1. Zimmer betont immer wieder, dass diese Erkenntnisse das Ergebnis jahrzehntelanger intensiver Forschungsarbeit seien. Wenn diese Erkenntnisse wichtig sind für unser Verständnis des Kreuzestodes Jesu: Wie soll sich dann ein Laie noch ein Bild davon machen können, warum Jesus eigentlich gestorben ist?
  2. Hier wird ja deshalb an der Historizität der Aussage Jesu festgehalten, weil sie sich gut in den alttestamentlichen Zusammenhang fügt, ins jüdische Denken passt und eine christlich motivierte nachträgliche Einfügung unplausibel ist. Aber was wäre denn, wenn das nicht so wäre? Wäre dann die Historizität fraglich, obwohl die Aussageabsicht des Textes dies klar behauptet?

6. Vortrag 9.3.3: Prof. Dr. Peter Wick am 9. Juni 2019

Das Mys­te­ri­öse – Von der rationalen Wunderkritik über den postmodernen Wunderglauben zurück zu Jesus

Der Stil und das Thema dieses Vortrags lässt sich am besten durch ein Zitat vom Vortragsanfang beschreiben (ab 02:55): „Wenn ein Universitätsprofessor zu Jesus und Wundern befragt wird, steht da sofort ein Elefant im Raum, nämlich der Elefant der Wunderkritik, der Aufklärung und des Rationalismus. Der Elefant heißt: Es kann keine Wunder geben, auch nicht bei Jesus, weil es nicht vernünftig ist. Vernünftigerweise muss man davon ausgehen, dass Jesus keine körperlichen Wunder getan hat. In den letzten Jahrzehnten breiteten sich die Populationen dieser Elefantenrasse nicht mehr aus. Aber es finden sich immer noch große Herden vor allem an den Universitäten, gerade auch in theologischen Fakultäten. Viele angehende Pfarrer oder auch heutige Pfarrer, Theologiestudenten, Religionslehrer wurden von diesem Rüsseltier stark beeindruckt, zum Teil für ihr ganzes Leben und ihre ganze Theologie.“ Wick zeigt auf: Auch die Bibel bestätigt ein Weltbild, in dem in der Natur alles nach festgefügten Gesetzen funktioniert. Aber die Bibel zeigt eben auch, dass Gott in seiner Gnade immer wieder übernatürlich eingreift. Und wenn Gott Gott ist, warum sollten wir damit ein Problem haben? Wick spricht sich für die Historizität der Wunder aus, zumal ihre Tatsächlichkeit immer eine wichtige theologische Botschaft enthält. Zugleich warnt er vor Gesetzmäßigkeiten im Feld der Wunder, wenn z.B. behauptet wird, korrekter Glaube müsse zwangsläufig immer eine Heilung nach sich ziehen, was dann bei einem ausbleibenden Wunder den Verdacht weckt, der Kranke glaube nicht richtig.

Kommentar:

Ein inhaltlich wie rhetorisch großartiger Vortrag, dem ich nur rundum zustimmen kann! Bislang waren bei Worthaus zu diesem Thema eher ganz andere Meinungen zu hören. Genannt seien hier insbesondere die Vorträge von Thomas Breuer zur Auferstehung Jesu oder der Vortrag von Stefan Schreiber zum historischen Jesus, in denen u.a. die Leiblichkeit der Auferstehung Jesu bestritten wird. In Worthaus 8 bekennt sich Dr. Patrick Becker ausführlich zu einem Wissenschaftsbegriff, der im Gegensatz zu den Ausführungen von Wick gerade nicht mit göttlichen Eingriffen von außen ins Weltgeschehen rechnet (siehe das Zitat in Fußnote 3). Gut, dass Wick hier widerspricht.


7. Vortrag 9.4.1: Prof. Dr. Peter Wick am 10. Juni 2019

Warum musste Jesus sterben?

Wick führt in diesem Vortrag aus, dass das Neue Testament auf diese Frage eine „multiperspektivische“ Antwort gibt. Es erzählt, wie er einmal seinen Sohn aus verschiedenen Richtungen auf sein altes, klobiges Handy schauen ließ und fragte, was er da sieht. Die Antworten waren je nach Perspektive sehr unterschiedlich: Ein Tastaturfeld. Eine ebene Fläche. Eine Gürtelschnalle… Seine erwachsenen Studenten hingegen hätten aus jeder Richtung immer nur ein Handy gesehen. Das NT würde diesen Syntheseblick aber nicht mitmachen. Wick schildert 5 verschiedene „Zugänge“ zum Kreuzesgeschehen, die sich z.T. auch gegenseitig beißen würden: Jesus musste sterben, um (1) mit uns Menschen eins zu werden, um (2) Stellvertreter an unserer Stelle zu sein, um (3) einen „fröhlichen Tausch“ zu ermöglichen (Jesus erniedrigt sich, damit wir erhöht werden), um (4) uns Menschen eine Teilhabe an seinem Tod und seinem Auferstehungsleben zu ermöglichen und um (5) ein radikales Vorbild zu geben dafür, was hingebungsvolle Liebe bedeutet. Zudem schildert Wick ausführlich die Darstellung Jesu als das wahre Passalamm im Johannesevangelium sowie als Hohepriester und abschließendes wahres Opfer im Hebräerbrief. Seine These ist: Niemand könne alle diese Zugänge gleichzeitig im Blick haben. Es genüge, sich zunächst auf einen Zugang zu konzentrieren und im Rahmen der eigenen Gottesbeziehung nach und nach die Schätze der anderen Zugänge zu entdecken.

Kommentar:

Eigentlich ein guter Vortrag, der aber leider der Debatte, die bei diesem Thema tobt, nicht gerecht wird. Ich kenne niemanden, der der Meinung ist, dass das Sühneopfer das einzige relevante Bild für die richtige Deutung des Geschehens am Kreuz wäre. Die Debatte dreht sich ja vielmehr darum, dass viele Theologen das Sühneopfer und die Stellvertretung generell in Frage stellen. So äußerte z.B. Dr. Breuer bei Worthaus, das Sühneopferbild stehe für einen blutigen Rachegott und somit für ein Gottesbild, das er heute nicht mehr akzeptieren könne.[5] Zudem wird auch bei Worthaus in Frage gestellt, dass Jesu Tod „sein musste“, um uns zu erlösen. Dr. Breuer erwähnt in seinem Vortrag, dass er sich mit Siegfried Zimmer darin einig sei, dass Jesus frühestens in Jerusalem zu der Überzeugung gelangte, dass sein Tod offenbar unausweichlich sei. Gut, dass Wick hier klarstellt, dass dieses „MUSS“ durchgängig im NT bezeugt wird.

Ein Knackpunkt in Wicks Vortrag ist ein Bericht ganz am Ende: Er erzählt, wie ihm jemand nach einem Vortrag zu diesem Thema geantwortet habe, dass er ausschließlich mit dem Zugang 5 („radikales Vorbild“) etwas anfangen könne. Damit nimmt diese Person genau die Position ein, auf die die weit verbreitete Sühneopfer- und Stellvertretungskritik oft hinausläuft, weil alle anderen Zugänge letztlich etwas mit Stellvertretung zu tun haben. Wicks Antwort: Das ist gut, dann konzentrieren Sie sich doch jetzt einmal auf diesen einen Zugang. Dazu formuliert er die Hoffnung: Das könnte ja dann ein Eintritt in eine Gottesbeziehung sein, die dann schrittweise auch offen macht für die anderen Zugänge. In einem persönlichen Seelsorgegespräch mag das vielleicht tatsächlich ein sinnvoller Zwischenschritt sein. Aber theologisch müssen wir angesichts der laufenden Debatte doch dringend klarstellen: Die Stellvertretung spielt letztlich in fast allen neutestamentlichen „Zugängen“ eine zentrale Rolle[6] (siehe dazu auch der Kommentar zu Vortrag 9). Die Reduktion des Kreuzesgeschehens auf einen Vorbildcharakter beraubt Jesu Tod im Kern seinen Erlösungscharakter und beschädigt deshalb das neutestamentliche Evangelium elementar. Schade, dass das in diesem Vortrag nicht deutlich wird.


8. Vortrag 9.4.2: Prof. Dr. Siegfried Zimmer am 10. Juni 2019

Der Prozess vor Pilatus (MK 15, 1-15)

Siegfried Zimmer schildert in diesem Vortrag den aktuellen Forschungsstand zur Frage, wie es letztlich zum Todesurteil für Jesus kam. Zimmer betont: Die historischen Ereignisse geben keinerlei Anlass, die Schuld an der Verurteilung Jesu „den Juden“ zuzuschieben. Während der jüdische Prozess des Hohen Rats absolut korrekt und nachvollziehbar gewesen sei, habe Pilatus hingegen inkorrekt taktiert und sich dabei schließlich verrechnet, weil die Zeloten (nicht das jüdische Volk!) bei der Festtagsamnestie ihren Mann „herausgeklatscht“ hätten. Es sei wichtig, zukünftig bei diesem Thema keinerlei Anlass für antijüdische Reflexe zu bieten. Nebenbei befasst sich Zimmer mit der Frage, wie Jesus sich eigentlich selbst gesehen hat. Dazu sagt er ab 53:12: „Gehört bitte nicht zu den Christen, die gleich den Flatterich kriegen, wenn ich sage: Jesus war vielleicht selber der Überzeugung, dass er selber gar nicht der Menschensohn ist, dass das ein späterer christlicher Eintrag war, dass er aber über das Kommen und was da geschieht verblüffend Bescheid weiß. Was man mindestens sagen kann: Jesus wusste sich mit dem Menschensohn sehr fest verbunden. Das auf jeden Fall. Aber ob er sich selber als Menschensohn gesehen hat, lassen wir mal offen. … Ich gehe mal davon aus, dass Jesus kein Hellseher war, er hat kein Orakelwissen gehabt. Meint ihr, dass Jesus alle Details, alles klar war? Er ist schon ein normaler Mensch, bitte! Jesus hat schon einen messianischen Anspruch gehabt, aber wie viele messianische Ansprüche gab es? … Ich glaube erst einmal, dass für Jesus Titel sowieso gar nicht das wichtigste sind. Er hat überhaupt nie mit Titeln groß gearbeitet. … In einem Mitarbeiterheft für tausende von Sonntagsschulmitarbeitern hat eine Frau einen Artikel über Jesus geschrieben, den habe ich einmal zufällig gelesen. Da schreibt die Frau so einen kleinen Steckbrief „Wer war Jesus?“: „Jesus war der Gottessohn und der Retter der Welt. Er kam, um zu sterben und er hat viele Wunder getan und konnte übers Wasser laufen.“ Das schreibt eine Frau für tausende von Mitarbeitern in der Sonntagsschule. Da muss ich fast kotzen. Ich kann’s nicht anders sagen. Also alles gleich Titel, er war der Sohn Gottes (was stellt sich ein 7-jähriger unter Sohn Gottes vor?), Retter der Welt, also alles nur Titel, ein Titelgeklapper. Ich habe dann dem Vorstand von diesem Verlag geschrieben: Sie könnten doch mit gleicher Buchstabenzahl … sagen: „Jesus war aufmerksam für die Armen, er schätzte die Frauen höher als es damals üblich war und er liebte die Kinder. Das ist doch Millionen mal mehr als dieses Titelgeklapper. Und wenn die Titel dann nicht kommen, dann werden die Leute ganz unruhig.“

Kommentar:

Nein, ich bekomme keinen „Flatterich“ bei diesen Aussagen. Aber ich stelle einfach nüchtern und sachlich fest, dass sich meine Theologie hier an zentraler Stelle fundamental von der Theologie Zimmers unterscheidet. Denn bei der Aussage, dass Jesus der Gottessohn und Retter der Welt war, der gekommen ist, um für uns zu sterben, steigt in mir nun einmal kein Würgreiz sondern ein lautes „Amen, Halleluja!“ auf. Was mich aber am meisten verstört ist der Umstand, dass Zimmer diesen Text tatsächlich ersetzen möchte durch eine Beschreibung, die genauso auf Mutter Theresa oder Mahatma Gandhi zutreffen könnte. Wie bereits erwähnt: Die Frage, ob Jesus von Nazareth nicht nur wahrer Mensch, sondern auch wahrer Gott war, ist ein absolutes Knackpunktthema in der Theologie. Die biblischen Belege, dass Jesus sich selbst als Gottessohn sah und dass er den Gang der Dinge vorhersah, sind Legion. Spätestens hier tut sich aus evangelikaler Sicht ein tiefer Graben auf, der nicht zuletzt auch durch Zimmers derbe Sprache unüberbrückbar wird.

Zumal auch dieser Vortrag wieder zeigt, welche Folgen es hat, Jesus derart zu vermenschlichen. Denn ich war bislang noch gar nie auf die Idee gekommen, zu überlegen, wer schuld war am Tod Jesu. Jesus war für mich noch nie ein Justizopfer oder ein Opfer von Intrigen oder Machtspielen. Schuld waren weder die Juden, noch die Römer. Schuld am Tod Jesu war aus meiner Sicht schon immer – ICH! Wegen meiner Schuld musste Jesus den Weg ans Kreuz gehen. Er hat es getan aus Liebe zu mir! Sobald das klar ist, wird es völlig absurd, irgendwelche historische Personen oder Volksgruppen zu beschuldigen. Siegfried Zimmer hat jedoch schon in Worthaus 8 deutlich gemacht, dass er die Lehre vom stellvertretenden Opfertod für „durch und durch unbiblisch“ hält, denn es verderbe das „Evangelium und den liebenden Gott im Kern.“ Deshalb müssten wir „Jesu Tod erst mal als ‚victim′ würdigen“, „Jesus sei erst mal ein Opfer der römischen Militärbehörde geworden“ (siehe dazu das ausführliche Zitat in Fußnote[7]). Erst vor diesem Hintergrund wird für mich verständlich, warum Zimmer die Todesursache Jesu so intensiv in innergeschichtlichen Zusammenhängen und historischen Realitäten sucht.


9. Vortrag 9.4.3: Prof. Dr. Thorsten Dietz am 10. Juni 2019

Der Prozess – Warum ist Jesus gestorben?

Im zweiten Vortrag seiner Christustrilogie geht Thorsten Dietz von der These aus: Ein einheitliches, durchgängiges Verständnis des Kreuzestodes Jesu habe es in der Kirche nie gegeben. Im ersten Jahrtausend sei eine Deutung weit verbreitet gewesen, die den Loskauf-Gedanken in den Mittelpunkt stellt. Dabei sei die Theorie vertreten worden, Gott habe die Menschen mit dem Blut Jesu vom Teufel losgekauft, der durch die Sünde der Menschen ein Anrecht auf sie hatte. Diese Sichtweise habe Anselm von Canterbury im 11. Jahrhundert durch eine Theorie abgelöst, in der Gott um seiner Gerechtigkeit und Ehre willen nicht auf eine Bestrafung des schuldigen Menschen verzichten kann. Die gerechte Strafe wird dann aber stellvertretend von Jesus am Kreuz getragen. Dietz kritisiert zwar, dass Anselm oft überzeichnet und zu Unrecht kritisiert wird. Anselms Sichtweise sei aber aus heutiger Sicht aus vier Gründen trotzdem problematisch:

  • Das „kultische Opferproblem“: Die Opferpraxis im Alten Testament sei die längste Zeit der Kirchengeschichte falsch verstanden worden. Erst seit ca. 50 Jahren habe die Bibelwissenschaft zunehmend Konsens darüber, dass die verschiedenen Opferriten im AT nicht bedeuten, dass die Menschen etwas bringen, um einen zornigen Gott zu versöhnen bzw. seinen Zorn zu besänftigen, sondern Gott selbst gewährt dem Menschen Versöhnung (siehe 3. Mose 10, 17[8] und 17, 11[9]).
  • Das Problem des gewandelten Rechtsverständnisses: Anders als im Mittelalter steht im heutigen Rechtsdenken nicht mehr Rache und Vergeltung, sondern Abschreckung, Resozialisierung und Schutz der Bevölkerung im Vordergrund. Eine Vergeltungslogik sei für Menschen mit moderner Rechtsauffassung deshalb nicht mehr nachvollziehbar, sie wirkt prämodern und abschreckend – und sie entspricht auch nicht dem biblischen Zeugnis.
  • Das „Kohärenzproblem“ liegt für Dietz darin, dass der Gedanke an einen gerechten Gott, der strafen muss, der Ethik Jesu widerspricht (und somit nicht mit ihr „kohärent“ ist). Denn diese fordert doch bedingungslose Vergebung und sogar Feindesliebe. Auch im Gleichnis vom verlorenen Sohn habe der Vater doch bedingungslos und ohne jede Strafe vergeben. Jedes Lehrsystem, das derart grundsätzlich der Ethik Jesu widerspricht, müsse falsch sein.
  • Das „Osterproblem“ liegt für Dietz darin, dass in Anselms Perspektive Ostern für die Erlösung letztlich gar nicht mehr nötig sei. Das vielfache biblische Zeugnis, dass wir als Christen Anteil am Weg Christi durch Sterben und Auferstehung hindurch haben, würde komplett vernachlässigt.

Dietz berichtet: Eine breite Strömung in der neueren Theologie möchte aus diesen Gründen die Sprache des Rechtswesens komplett aus der Kreuzestheologie löschen und die biblische Botschaft auf eine reine Liebesbotschaft reduzieren. Dietz plädiert aber dafür, die Rechtssprache nicht aufzugeben, schließlich habe ein rechtsstaatliches System großen Wert. Und gerade dann, wenn die Gefühle etwas anderes sagen, seien rechtssichere Zusagen besonders wichtig. Sein Plädoyer lautet deshalb: „Macht doch Liebe und Recht nicht zu einem Gegensatz.“ (1:28:56) Insgesamt sei es aber wichtig, Lehre und Dogmatik „flüssig“ zu halten, das heißt: Unsere Lehre soll weder so starr werden, dass man damit einander schlagen kann, noch sich so gasförmig verflüchtigen, dass sich niemand mehr davon ernähren kann.

Kommentar:

Dietz verwendet ein schönes Bild in seinem Vortrag: Mehrfach hält er einen Blumenstrauß in die Kamera, mit dem er sagen will: Die biblische Lehre zum Kreuz ist bunt und vielfältig. Und sie lässt sich nicht in eine einheitliche Theorie pressen. Wo immer das versucht wurde, habe das dazu geführt, dass die bunten Blumen geknickt und verbogen werden mussten, um in ein Schema zu passen, das sich so nicht in der Bibel findet. Das führe immer zu einer Verengung und Verarmung der biblischen Botschaft. Dietz hat ohne Zweifel recht: Wir sollten nicht versuchen, das Verständnis des Kreuzestodes über die biblische Botschaft hinaus systematisieren zu wollen, wenn das die Bibel selbst nicht tut. In der Kreuzestheologie hat es immer wieder Einseitigkeiten und Auswüchse gegeben, die über die Schrift hinausgingen und die biblische Botschaft verfälscht haben, wie auch der große evangelikale Theologe John Stott berichtet.[10] Ein „Teufelsdeal“ ist nicht biblisch.[11] Auch eine „Höllenfahrt“ Jesu ist biblisch nicht klar belegt. Aber war deshalb auch die Lehre vom „Loskauf“ und von der stellvertretenden Sühne im Kern falsch? Und gab es wirklich gar keine Elemente in der Kreuzestheologie, die quer durch die Kirchengeschichte hindurch als Kern der biblischen Botschaft verstanden wurden?

Mir scheint: In diesem Vortrag schüttet Dietz immer wieder das Kind mit dem Bade aus. Anstatt die Blumen wieder gerade zu biegen und die Auswüchse zu stutzen, wählt Dietz Formulierungen, in denen Blumen komplett herausgerissen werden – was erst recht zu einer Verarmung und Verengung führt. Zudem kämpft er m.E. immer wieder an den falschen Fronten. Lassen Sie mich versuchen, diese Thesen genauer zu begründen, indem ich auf seine wichtigsten Einwände gegen die Anselm’sche Sichtweise genauer eingehe:

In seinen Ausführungen zum „kultischen Opferproblem“ sagt Dietz (ab 59:45): „Der erste wirkliche Fehlgriff ist, dass man glaubt, mit diesem juridischen Rahmen alles einfach adoptieren zu können, was in der Bibel mit Opfer, mit Sühne zu tun hat. Das war lange in der Kirchengeschichte. Ganz lange dachte man, Opfer und Sühne und das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt trägt, und der Hohepriester, das ist alles Anselm, das sind tausende von Belegen, die ganze Bibel, überall steht im Grunde unsere wunderbare Lehre, der ganze Opferkult ist im Grunde Darstellung, was wir gerade hatten. Das ist überhaupt nicht so! Überhaupt nicht so! Und das sind Sachen, die man erst in den letzten 50 Jahren der Exegese besser und besser und klarer herausgestellt hat: Der Opferkult in Israel ist viel komplexer.“

Dietz verweist hier zurecht auf eine Tatsache, die auch unter Evangelikalen weitestgehend so gesehen wird (weshalb ich mich gefragt habe: Gegen wen wendet sich Dietz hier eigentlich?): Weder im alttestamentlichen Opferkult noch am Kreuz wird Gott ein menschliches Opfer gebracht. Es ist immer Gott selbst, der handelt und der das Opfer gewährt. Gott selbst gewährt die Sühne und die Versöhnung. Wir Menschen können nichts dazu beitragen. Mit keiner religiösen Leistung, mit keiner menschlichen Gabe können wir Gottes Zorn „besänftigen“. Stattdessen sagt Gott: „Ich – ich allein – bin es, der deine Übertretungen um meiner selbst willen tilgt.“ (Jesaja 43, 25) Deshalb ist es ja auch von so entscheidender Bedeutung, dass Jesus am Kreuz nicht nur Mensch sondern eben auch voll und ganz Gott war. Wenn wir den historischen Jesus nur als Mensch sehen, dann machen wir aus Gottes Selbsthingabe ein menschliches und zudem grausames Menschenopfer.

Richtig ist auch: Wir sollten die neutestamentlichen Bildwelten zur Kreuzestheologie nicht blind miteinander vermischen. Dort gibt es einerseits Bilder aus der Welt des Gerichtsaals, bei denen es um Rechtfertigung unserer Schuld geht. Dort gibt es aber auch Bilder aus dem Bereich der kultischen Opfer und Tempelrituale. Die Bedeutung der Opfer ist nicht 1:1 mit Begriffen aus der Justiz erklärbar. Insofern kann ich teilweise nachvollziehen, warum Dietz äußert:

„Nicht Menschen versöhnen Gott, sondern Gott versöhnt Menschen. Und der Sühnekult ist ein von Gott gegebener Weg, sich vor Gott einzufinden, sich schuldig zu bekennen, und durch Gottes Barmherzigkeit getrennt zu werden von den Tatfolgen der Sphäre, die man sich als Sünder zugezogen hat. Das ist ein Versöhnungshandeln Gottes, ein Befreiungshandeln, es ist ein Heilshandeln. Und da ist 0,0 bei: Ja, jetzt musst Du Gott wieder versöhnen, der ist sauer, der kocht vor Wut, du musst den beschwichtigen. Das ist überhaupt nicht. Und hier müsste man viele Stellen im Neuen Testament, die kriegt man völlig falsch aufgedröselt, wenn man sie mit einer anselmistischen Brille betrachtet. Das machen gute Exegeten, ich weise darauf hin, das ist absoluter Konsens, dass man mit Anselm nicht einfach sagen kann, immer Blut, Sühne, Lamm, Opfer, alles Anselm, das ist diese Theorie. Es ist sie nicht, gar nicht.“ (ab 1:10:12)Diese stellvertretende Strafleidungstheorie, wo ist das im neuen Testament? Das ist nicht zu finden!“ (1:03:17)

Bei aller notwendigen Unterscheidung zwischen „juristischer“ Rechtfertigung und „kultischer“ Sühne: Entspricht es wirklich dem biblischen Zeugnis, der Verbindung von Bildern aus dem Opferkult mit Begriffen aus dem Strafrecht derart scharf die rote Karte zu zeigen? Stimmt es, dass das „0,0“ bzw. „gar nicht“ miteinander zusammenhängt? Ich meine: Eindeutig nein. In Römer 3, 23-26 bringt Paulus die Opferriten ganz direkt mit Rechtsbegriffen zusammen (Elberfelder Übersetzung): „denn alle haben gesündigt und erlangen nicht die Herrlichkeit Gottes und werden umsonst gerechtfertigt durch seine Gnade, durch die Erlösung, die in Christus Jesus ist. Ihn hat Gott hingestellt als einen Sühneort durch den Glauben an sein Blut zum Erweis seiner Gerechtigkeit wegen des Hingehenlassens der vorher geschehenen Sünden unter der Nachsicht Gottes; zum Erweis seiner Gerechtigkeit in der jetzigen Zeit, dass er gerecht sei und den rechtfertige, der des Glaubens an Jesus ist.“ Der Begriff „Sühneort“ („hilastērion“) wird in der Septuaginta, der antiken griechischen Übersetzung des Alten Testaments, auch für den Deckel der Bundeslade benutzt, an dem der Hohepriester im Allerheiligsten die Bundeslade mit dem Opfertierblut bespritzt. In Römer 5, 9 schreibt Paulus zudem: „Vielmehr nun, da wir jetzt durch sein Blut gerechtfertigt sind, werden wir durch ihn vom Zorn gerettet werden.“ Hier werden also ganz eindeutig direkte Verbindungen zwischen Opferkult, Blut, Schuld, Strafe und Gottes Zorn gezogen. In Römer 5, 9 macht Paulus zudem deutlich: Am Kreuz versöhnt Gott nicht nur die Menschen sondern er versöhnt die Menschen mit sich selbst! „Es ist ein und derselbe Gott, der uns durch Christus vor sich selbst rettet“, schreibt John Stott und fügt hinzu: „Darum weisen wir jede Erklärung für den Tod Christi entschieden zurück, in deren Mittelpunkt nicht das Prinzip der „Genugtuung durch Stellvertretung“ steht, ja der göttlichen Genugtuung seiner selbst durch die göttliche Stellvertretung durch ihn selbst.“

Es ist deshalb problematisch, wenn Dietz es so darstellt, als müsse Gott überhaupt nicht versöhnt werden – vor allem, wenn damit die breite biblische Realität von Gottes Zorn und Gerichtshandeln in Frage gestellt werden soll. Der große Gedankengang von Paulus in Römerbrief basiert unter anderem auf Römer 1, 18: „Doch vom Himmel her wird Gottes Zorn sichtbar über alle Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen, die die Wahrheit ablehnen.“ Gerade wegen dem offenbar werdenden gerechten Zorn Gottes braucht es ja die Vergebung. Und auch die beiden Stellen im 3. Mose, die Dietz nennt, belegen: Es geht bei diesem von Gott gestifteten Opfer um eine „Sühnung“ bzw. „Wiedergutmachung“ von Sünde und Schuld. Wer das rechtliche Strafdenken vollständig aus der Kreuzestheologie verbannen will, schüttet deshalb das Kind mit dem Bade aus.

Das tut Dietz m.E. leider auch beim Problem des gewandelten Rechtsverständnisses, wenn er sagt (ab 1:10:14): „Das ist ein anselmistisches Problem, das die Reformatoren radikalisiert haben, gut kontextualisiert[12] in gewisser Hinsicht, aber heute abstoßend, abschreckend, kontraproduktiv, weil es nicht mehr auf der Höhe modernen straftheoretischen Denkens ist.“

Dietz grenzt sich hier scharf von der reformatorischen Kreuzestheologie ab. Dabei stellt sich für mich die Frage: Wer behauptet denn eigentlich, dass der Gott der Bibel einer Rache- und Vergeltungslogik folgt? Schon die kultische Opferung von Tieren durchkreuzt eine solche 1:1-Vergeltungslogik ja komplett, denn kein Tieropfer kann zwischenmenschliche Verbrechen je aufwiegen. Noch mehr gilt das für den Tod Jesu am Kreuz: Der eine Kreuzestod könnte ja niemals genügen, um das millionenfache grausame Unrecht aufzuwiegen, das Menschen sich im Lauf der Weltgeschichte gegenseitig zugefügt haben. So schlimm Jesu Tod auch war: Es gab zahllose Menschen, die noch schlimmer und länger gefoltert worden sind. Nein, niemand muss auf Basis der Bibel behaupten, dass Gott einer strikten Vergeltungslogik folgt. Aber Fakt ist doch auch: Selbst das moderne Strafrecht ist trotz seines gewandelten Denkrahmens immer noch ein Strafrecht! Auch wenn wir keiner Vergeltungslogik folgen, sind also auch wir moderne Menschen immer noch überzeugt: Strafe muss sein! Mit einer „Schwamm-Drüber-Logik“ könnte kein Rechtsstaat funktionieren. Trotzdem arbeitet sich Dietz auch in seinen Ausführungen zum „Kohärenzproblem“ weiter an der Straflogik ab (ab 1:16:32):

„Diese Logik, da muss aber Strafe sein, da gibt’s ein Kohärenzproblem, das Problem, das die anselmitische Ethik so ein paar Lichtjahre zurückbleibt hinter der jesuanischen Ethik. Im Zweifelsfall würde ich sagen: Jede Dogmatik, die nicht in irgendeiner guten Übereinstimmung mit der jesuanischen Ethik steht, kann nicht richtig sein, kann nicht stimmen. Da besteht ein großes Problem. … Manche Theorien …  machen Gott zu einem juridisch denkenden „Strafe-muss-sein-Fetischisten“ in einer Weise, wie es vielen Gleichnissen Jesu direkt widerspricht und wie es auch mit der jesuanischen Ethik der Feindesliebe nicht überein zu kriegen ist.“

Dietz scheint hier offenbar die Ebene des Menschen mit der Ebene Gottes durcheinanderzubringen. Natürlich lehrt Jesus uns Menschen bedingungslose Vergebung und sogar Feindesliebe. Wir Menschen werden maximal davor gewarnt, uns selbst auf den Richterstuhl zu setzen. Aber der gleiche Jesus hat die Warnung vor dem menschlichen Richten vielfach mit der Warnung vor Gottes Gericht verbunden: „Denn mit welchem Gericht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden.“ (Matthäus 7,2) Wenn wir die jesuanische Lehre zum Maßstab nehmen, dann doch bitte seine ganze Lehre und nicht nur Ausschnitte daraus! Wer behauptet, die “jesuanische Ethik” käme ohne Strafe aus, der muss doch einen erheblichen Teil seiner Reden und Gleichnisse streichen oder als nachträgliche Zuschreibung einstufen. Da hilft es leider auch wenig, wenn Dietz am Ende seines Vortrags dann doch wieder die Rechtssprache des Neuen Testaments verteidigt, daraus aber nur die Zusage der Vergebung herausgreift.

Aber was ist nun mit der Behauptung, es habe die ganze Kirchengeschichte hindurch keine durchgängige Sichtweise zum Kreuz gegeben? Tatsächlich wendet sich Thorsten Dietz nicht prinzipiell gegen historische kreuzestheologische Sichtweisen, aber er findet es grundfalsch, sie dominant ins Zentrum der Kreuzestheologie zu stellen (ab 1:18:19):

„Wenn man sagen würde, dass das anselm’sche Schema ja nur eine Perspektive unter ganz vielen ist, mir hat’s halt geholfen, dann sind wir sofort in einer anderen Welt. Wenn Leute sagen: Das gibt’s auch, und das gibt’s auch, und es gibt viele Perspektiven, und die Blume gibt’s auch noch, dann sind wir sofort in einer anderen Welt. Wir können dann noch diskutieren über Suboptimalitäten bei Anselm. Aber wenn man das reduziert auf eine mögliche historisch wirkungsvolle Perspektive wird alles anders. Der Anspruch war ja immer: Es ist DIE Theorie, DIE erschöpfende Theorie, die im Wesentlichen alle Bibelverse eigentlich verbraucht hat und Du sollst keine andere Theorie haben neben mir. … Dass das irgendwo ja große Wahrheitsmomente hat ist ja völlig klar. Aber der Ausschließlichkeitsanspruch dieser Perspektive ist einfach unmöglich.“

Bei dieser Warnung vor einem falschen Absolutheitsanspruch habe ich mich gefragt: Was meint Dietz an dieser Stelle eigentlich? Meint er die Anselm’sche Theorie? Dann würde die nächste Frage lauten: Wer behauptet denn, dass Anselms Theorie DIE Theorie sei, die alle Christen akzeptieren müssten? Auch John Stott hat sich gegen Einseitigkeiten und Übertreibungen in Anselms Theorie gewandt.[13] In meiner langen evangelikalen Karriere habe ich noch nie jemand sagen hören: Lies Anselms Buch, darin findest Du DAS Kreuzesverständnis, das wir alle glauben müssen. Das ist sicher auch Thorsten Dietz bewusst. Aber was meint er dann? Hat Dietz vielleicht das evangelikale Beharren auf der Lehre vom stellvertretenden Sühneopfer vor Augen? Tatsächlich schrieb derselbe John Stott, der sich von Anselms Lehre distanziert hat: „Wenn Gott in Christus nicht an unserer Stelle gestorben wäre, könnte es weder Sühnung noch Erlösung, weder Rechtfertigung noch Versöhnung geben.“[14] Stott sagt also: Bei aller Vielfalt und Buntheit der biblischen Bildwelten zur Deutung des Kreuzes gibt es doch etwas gemeinsames, das vielen dieser Bilder zugrunde liegt: Und das ist das Prinzip der Stellvertretung. Tatsächlich findet sich dieses Prinzip bereits sehr deutlich in der altkirchlichen (und natürlich biblischen!) Kreuzesdeutung vom „Loskauf“. Genauso findet es sich in den Lehren Anselms und der Reformatoren. Einen so harten und grundsätzlichen Wechsel in der Kreuzesanschauung, wie Dietz es darstellt, hat es somit nie gegeben. Das wird schon dadurch deutlich, dass Dietz selbst davon berichtet, dass die altkirchlichen Bilder vom Loskauf auch bei Luther und C.S. Lewis weiterverfolgt wurden.

Tatsächlich zieht sich diese Aussage der Stellvertretung auch quer durch die ganze Bibel! Das beginnt schon in 1. Mose 22 in der Geschichte, in der Abraham beinahe seinen Sohn Isaak geopfert hätte. Aber im allerletzten Moment schickt Gott ein Schaf, das an der Stelle Isaaks geschlachtet wird. Gott hatte Abraham für dieses Ereignis extra nach Moria geschickt hat, also dem Ort des späteren Tempelbergs, bei dem auch Jesus gekreuzigt wurde! In 2. Mose 11-12 lesen wir von Gottes tödlichem Gericht, das kurz vor dem Aufbruch Israels aus Ägypten über die Erstgeborenen kommt. Aber die Israeliten sollen ein Lamm schlachten und sein Blut an die Tür ihrer Häuser streichen, damit der Todesengel an diesen Häusern vorbei geht. Auch hier gilt: Das Lamm stirbt an der Stelle des Kindes. In Johannes 1 wird dann der ganz direkte Bezug hergestellt: Jesus ist das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt. Und in Johannes 19 lesen wir, dass Jesus genau in dem Moment stirbt, als im Tempel die Passalämmer geschlachtet werden. Gleich 28 mal lesen wir in der Offenbarung von Jesus als dem geschlachteten Lamm, das mit seinem Blut die Gewänder der Heiligen rein gewaschen hat. Und in Hebräer 9, 14 lesen wir dazu in aller Deutlichkeit: „Wie viel mehr kann dann das Blut des Christus bewirken, denn durch die Kraft von Gottes ewigem Geist brachte Christus sich selbst Gott als vollkommenes Opfer für unsere Sünden dar. Er befreit unser Gewissen, indem er uns freispricht von unseren Taten, für die wir den Tod verdienen.

Da ist also ein großer roter Faden, der sich quer durch die ganze Bibel zieht. Der stellvertretende Charakter des Kreuzestods ist auch nicht nur einfach eine Deutung. Denn eine Deutung ist ja immer etwas Nachträgliches. Aber die Aussage, dass Jesus das geschlachtete Lamm ist, das stellvertretend für unsere Sünden stirbt, finden wir auch schon lange vor dem Kreuzestod in der Bibel, ganz besonders in diesem unglaublichen Kapitel 53 im Buch des Propheten Jesaja. Da lesen wir:

„Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. … Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. …Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird … Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat … denn er trägt ihre Sünden. … dass er sein Leben in den Tod gegeben hat und den Übeltätern gleichgerechnet ist und er die Sünde der Vielen getragen hat…“

Selbst wenn man – so wie Dietz in seinem Vortrag – über einzelne Wortbedeutungen diskutieren mag: Der stellvertretende Charakter des Todes Jesu wird hier vollkommen eindeutig, vielfach und klar zum Ausdruck gebracht – und das wohlgemerkt schon Jahrhunderte vor Jesu Tod! Die Bibel ist also vollkommen eindeutig in diesem Punkt. Der stellvertretende Charakter des Kreuzestodes ist ein gutes Beispiel für die „Klarheit der Schrift“ in ihren zentralen Heilsaussagen. Deshalb würde es tatsächlich eine brutale Verarmung und Verengung darstellen, diese durchgängige Sichtweise heute vom Tisch zu wischen oder sie auf eine mögliche, keinesfalls aber notwendige Sichtweise zu reduzieren.

Besonders fragwürdig ist für mich deshalb auch diese Aussage (ab 1:00:41):

„Die Kombination konservativ und biblisch, das haut nicht gut hin. Da muss man sich entscheiden. Wenn man konservativ möglichst etwas denken will, was mindestens 1000 Jahre alt ist, dann sollte man nicht zu oft in der Bibel lesen, man wird nur verwirrt, das ist nicht gut. Und wenn man Bibel viel liest, muss man damit rechnen, dass man ständig auf neue Gedanken kommt, ständig neue Entwicklungen. Man kann nicht gut konservativ und biblisch sein, da muss man sich ein bisschen entscheiden. Ich entscheide mich für biblisch, muss ich sagen.“

Ist das nicht sehr überheblich? Und muss es uns nicht viel eher skeptisch machen, wenn eine Theologie 2000 Jahre Theologiegeschichte in Frage stellt und dafür eine erst jahrzehntealte theologische Sichtweise für biblischer hält als alles, was zuvor gedacht wurde? Johannes Hartl schrieb vor einiger Zeit auf Facebook: „Im Zweifelsfall glaub ich, dass die Tradition es richtig gesehen hat; dass alle es 1900 Jahre lang falsch gesehen haben, bis auf einmal wir Erleuchteten kamen, halte ich für wenig plausibel.“ Exakt aus diesem Grund haben Luther und Calvin stets versucht, an die alten Kirchenväter anzuknüpfen und zu zeigen, dass sie nichts „Neues“, sondern etwas Vergessenes bzw. bewusst Verdrängtes, wieder neu zur Geltung bringen.

Die Gefahr der universitären Bibelwissenschaften, die unsere evangelischen Ausbildungsstätten und dadurch auch die evangelischen Gemeinden dominieren, ist doch schon längst nicht mehr, dass man dort zu sehr an bestimmten historischen theologischen „Theorien“ klebt. Die Gefahr ist doch vielmehr, dass wir die Er- und Bekenntnisse der Kirchenväter viel zu leichtfertig über Bord werfen, die Bibel selbst durch Sachkritik der menschlichen Vernunft unterordnen und dadurch abdriften in eine Subjektivität, in der am Ende kein biblischer Stein mehr auf dem anderen bleibt. Das sehe ich in meiner evangelischen Kirche überall.

Aber was ist denn neben aller Dekonstruktion nun die Meinung von Thorsten Dietz zu der Frage, was tatsächlich die biblische Kreuzesbotschaft im Kern besagt? Dazu sagt Dietz (ab 47:15):

„Was finden wir in der Bibel? Was finden wir da wirklich? Ich finde ja, das Nizäno-Konstantinopolitanum … macht das richtig gut. Denn was ist da die Botschaft? Die Botschaft ist: Gott für uns! Jesus für uns! Jesus zu unserem Heil! Das sind die großen Bekenntnisse. Und kuckt euch an: Luthers kleinen Katechismus zu Jesus Christus. Kuckt euch den Heidelberger Katechismus an. Es ist immer dies: Jesus für uns! Es geht um eine Botschaft der Liebe. Es geht um eine Botschaft der radikalen Barmherzigkeit. Es geht um eine Liebeserklärung. Es geht darum, was man manchmal mit einem Blumenstrauß ausdrückt: Ein großes „Für Dich“! Ein großes „Ja“! Und das findet man mit fast jeder Brille im Neuen Testament auf fast jeder Seite. Und das findet man aber so bunt wie diesen Blumenstrauß.“

Ja, es stimmt: Quer durch die Kirchengeschichte hindurch war der Christenheit bewusst, dass Jesus „für uns sterben musste“. Aber was bedeutet „für uns“? Und warum „musste“ Jesus denn sterben? Ich behaupte: Wer darin nur eine Liebesbotschaft sieht, hat eine sehr verengende Brille auf. Denn inwiefern kann denn ein grausamer Kreuzestod eine Liebeserklärung sein? Was würde wohl meine Frau sagen, wenn ich mich heute umbringen würde und ihr einen Brief hinterlasse, in dem ich ihr schreibe: Damit wollte ich Dir meine Liebe beweisen. Das wäre schrecklich! Für meine Frau mein Leben zu geben, würde nur Sinn machen, wenn mein Tod eine direkte, extrem positive Auswirkung auf ihr Leben hat, indem ich ihr zum Beispiel den letzten Platz im Rettungsboot überlasse und an ihrer Stelle sterbe. Oder indem ich mich grausamen Terroristen und Folterknechten ausliefere, damit sie fliehen kann. Dann könnte ich zurecht sagen: Ich musste sterben – damit Du an meiner Stelle leben kannst! Deshalb schreibt Gerhard Barth: „Das ‚für muss … nicht immer und überall den Gedanken der Stellvertretung einschließen, sondern kann auch einfach besagen: ‚zugunsten von′. Wird freilich weiter darüber reflektiert, inwiefern sein Tod zu unseren Gunsten geschehen sei, kommt man doch auf den Stellvertretungsgedanken.“ [15] Und viele historische Dokumente zeigen: Ganz eindeutig war der Christenheit zu allen Zeiten bewusst, dass das „für uns“ im Zusammenhang mit dem Kreuz im Kern etwas mit Stellvertretung zu tun hat.

Egal, wie offen und vieldeutig man die Kreuzestheologie des Neuen Testaments auch sehen mag, sie ist in keinem Fall mit einer Liebesbotschaft vollständig erklärt und charakterisiert. Eine zentrale Kernbotschaft der kompletten Bibel lautet ja: Der Mensch ist aus sich heraus nicht in der Lage, so zu leben, dass es Gottes Gerechtigkeit entspricht. Das ganze Alte Testament schildert wieder und wieder das Versagen der Menschen, Gottes Geboten zu folgen. Das hat in der Bibel immer fatale Konsequenzen: Zuerst die Trennung von diesem heiligen Gott und die Zerstörung der unmittelbaren Nähebeziehung zu ihm. Als zweite Konsequenz folgt immer, dass wir Menschen uns über Gott und andere Menschen erheben, uns gegenseitig verletzen und zerstören, was schließlich zurecht Gottes Zorn und Gericht zur Folge hat – man denke nur an die Sintflut oder an Israels Vertreibung. Final sieht die Bibel den Tod als Konsequenz unserer Sünde (Römer 6, 23). Dabei macht die Bibel immer wieder deutlich: Das Unheil, das der Sünde folgt, ist gerade nicht nur eine Tatfolge im Sinne einer natürlichen Konsequenz des falschen Handelns. Nein, Gott selbst ist der Verursacher der negativen Konsequenzen! Er selbst bringt das Gericht[16] oder er lässt es zumindest zu[17]. Und weil wir Menschen in diesem Gericht unsere Schuld niemals begleichen könnten, entschied Gott, selbst stellvertretend an unserer Stelle zu leiden. So fand Gott einen Weg zum Umgang mit unserer Sünde, der sowohl seiner Liebe und Gnade wie auch seiner Gerechtigkeit und Heiligkeit entspricht. Er fand einen Weg, durch den wir leben können, ohne dass die tödlichen Konsequenzen unserer Sünde ignoriert werden.

Eine Kreuzestheologie, die sich nur in Zuspruch erschöpft, die uns aber nicht mit unserem Versagen konfrontiert und die Notwendigkeit des stellvertretenden Leidens verschweigt, verfehlt deshalb ein entscheidendes Element des Evangeliums. Sie beseitigt das Ärgernis des Kreuzes und verkommt zu einer rein emotionalen Selbstannahme, letztlich einer Selbsterlösung durch Selbstbejahung. Denn das Kreuz konfrontiert uns ja mit der Tatsache, dass wir Menschen so hoffnungslos mit der Sünde verstrickt sind, dass wir es unter keinen Umständen schaffen, durch Änderung unseres Lebensstils oder durch irgendeine religiöse Leistung in Gottes Augen „gut“ zu sein und uns selbst zu erlösen. Stattdessen muss ein anderer die Suppe auslöffeln, die wir eingebrockt haben. Wie demütigend! Damit stößt uns das Kreuz vom hohen Ross unserer Selbstgerechtigkeit. Wo unser Stolz und unser Ego stirbt, entsteht Raum für ein neues Leben, das uns aus Gnade unverdient geschenkt wird, das aus dem Geist geboren ist und von Christus bestimmt wird, so dass wir am Ende sagen: „Ich lebe, aber nicht mehr ich selbst, sondern Christus lebt in mir.“ (Galater 2, 20) Das Evangelium besagt gerade nicht, dass unsere verletzte Identität, unser verunsicherter Selbstwert und unser gekränkter Stolz einfach so getätschelt und ermutigt wird. Das Evangelium verheißt uns Erneuerung durch den Heiligen Geist für unser steinernes Herz, für unser altes Ego, das hoffnungslos unfähig ist, gottgefällig zu leben und das deshalb mit Christus am Kreuz sterben und in der Taufe begraben werden muss. Das Evangelium verspricht Begnadigung, weil wir auf das unverdiente Erbarmen Gottes angewiesen sind, obwohl wir gerechterweise Strafe und Beschämung verdient hätten.

Wo Gnade ohne die Notwendigkeit der Vergebung gepredigt wird, so dass sie uns nicht mehr unseren Stolz kostet, rutschen wir in ein Evangelium der billigen Gnade, das zwar seinen Anstoß aber damit auch seine erneuernde Kraft verloren hat. Was uns nichts kostet, ist uns auch nicht kostbar. Wem wenig vergeben wurde, der liebt wenig (Lukas 7, 47). Wenn Christen in unseren Gemeinden immer weniger leidenschaftlich, opferbereit und hingegeben sind, wenn die Liebe zu Jesus immer kühler wird, dann ist das immer auch eine direkte Folge eines verkürzten Evangeliums, das nur noch von der Liebe, aber nicht mehr von der Verlorenheit und Erneuerungsbedürftigkeit des Menschen spricht. Am Anfang der Umkehr zu Gott steht deshalb immer die Erkenntnis des verlorenen Sohnes (die Dietz in seinen lächerlich-machenden Ausführungen zu diesem Gleichnis leider nicht erwähnt): „Vater, ich habe gesündigt, gegen den Himmel und auch gegen dich, und bin es nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen.“ (Lukas 15, 21) Der Vater widerspricht nicht. Er sagt nicht: „Junge, das siehst Du völlig falsch, das war doch alles kein Problem für mich! Stattdessen verstärkt er die Aussage des Sohnes noch, indem er sagt: „Mein Sohn hier war tot. … Er war verloren.“ Das zeigt: Auf keinen Fall hätte der Sohn auf dem hohen Ross zurückreiten können, um dort einfach nur ermutigt und ermuntert zu werden. Und ich frage mich: Wo hören wir es heute noch von den Kanzeln, dass Menschen „tot“ und „verloren“ sind, wenn sie fern von Gott ihr eigenes, selbstbestimmtes Leben führen (siehe Epheser 2, 1 ff.)?

Ich stimme Thorsten Dietz zu: Ja, unsere Lehre muss in dem Sinne „flüssig“ bleiben, dass wir unser Herz immer weich und demütig halten müssen, damit wir jederzeit durch die Bibel korrigierbar bleiben. Wir lernen nie aus beim Versuch, die ganze Höhe, Tiefe und Breite des Evangeliums auszuleuchten. Wir bleiben unser Leben lang Lernende. Wir dürfen beim Lesen der Bibel immer wieder neue Schätze heben. Aber in einer Kreuzestheologie, in der die Liebesbotschaft die einzige Konstante ist, haben sich entscheidende Grundlagen des Evangeliums, die unseren Durst nach Leben stillen können, verflüchtigt. Für die Reformatoren galt noch, dass der christliche Glaube mit der Rechtfertigungslehre steht und fällt.[18] Wir haben somit allen Grund, dieses Thema intensiv zu diskutieren.


10. Vortrag 9.5.1: Prof. Dr. Thorsten Dietz am 11. Juni 2019

Der Lebendige – Die Begegnung mit dem Auferstandenen

Im dritten Teil seiner Christustrilogie spricht Thorsten Dietz in der ersten Hälfte des Vortrags über die Frage: War die Auferstehung wirklich real? War sie ein historisches Ereignis? War sie „leiblich“? Hätte eine Kamera den Auferstandenen fotografieren können? Thorsten Dietz sagt dazu: Ja, Jesus ist wirklich auferstanden. Und wenn man „historisch“ mit „wirklich“ gleichsetzen würde (wovon er aus wissenschaftstheoretischen Gründen abrät), dann könne man auch sagen, dass die Auferstehung ein historisches Ereignis war. Zugleich zielen solche Fragen für Thorsten Dietz aber am eigentlichen Ereignis von Ostern vorbei. „Tatsächlichkeitsfragen sind schon real, sind relevant, aber Glaubensfragen gehen nie darin auf.“ (2:36) An Ostern gehe es nicht um die Wiederbelebung einer Leiche, sondern um den Anbruch von Gottes ewigem Reich. Diese tiefere Bedeutung von Ostern konnte man nicht sehen: „Das, was Du glaubst, … das sah keiner.“ (10:53) „Es ist ja für den Auferstehungsglauben der Christen immer wesentlich gewesen, dass da mehr geschieht als: Da war was zum Sehen und zum Anfassen.“ (6:11) „Der christliche Glaube ist nicht ein Glauben an das „Gesehen-haben“ irgendeiner physischen Gegebenheit.“ (7:16) Die Kategorie „leiblich“ sei zudem schwierig, weil der Auferstandene ja Dinge tut, die dazu nicht passen (durch Wände gehen, plötzlich verschwinden…). Die Ostertexte passen deshalb mehr zum paradoxen Begriff des „geistlichen Leibs“, den Paulus verwendet (1.Kor.15, 44). Diese paradoxe Realität ist für uns nicht greifbar, wir können sie nicht „scharfstellen.“ „Jede Beschreibung dieses Phänomens, die das ignoriert, die glaubt, es fassbar zu machen, verfehlt die Texte und hat auch nicht mehr das klassische Christentum vor Augen.“ (18:06) Deshalb sei auch das Kamerabeispiel eine „tragische Metapher“, denn Fragen nach real oder nicht real, messbar, greifbar, physisch oder nicht physisch seien letztlich falsch gestellt, sie zeugen von einer falschen, „positivistischen“ „Tatsachenbrille“. „Hier wird versucht, etwas, das von morgen ist, zu sehen mit einer Brille von gestern und heute.“ (11:56) Dietz meint aber auch: Zwar gab es Ideen über Ideen, wie die Ostergeschichten rational erklärt werden könnten, trotzdem bleibt es eine sehr wundersame, bleibend mysteriöse Geschichte, so dass rein naturalistische Ansätze zur Erklärung der Entstehung des Osterglaubens scheitern.

Im zweiten Teil des Vortrags legt Thorsten Dietz die Geschichte von den Emmaus-Jüngern aus (Lukas 24, 13-36). Er sieht in ihrem Ostererlebnis ein Vorbild für den Weg vieler Jesusnachfolger: Alte Glaubensgewissheiten (in diesem Fall die Hoffnung auf einen politisch wirksamen Messias) sind zerbrochen. Auf dem Weg formen sich neue Gedanken, die schließlich in eine neue Jesusbegegnung führen. Aber kaum wird Jesus erkannt, entzieht er sich schon wieder. Als sie den anderen Jüngern von ihrer Begegnung berichten wollen, überschlagen sich die Ereignisse schon wieder neu. Das zeigt: Glaube bedeutet immer, auf einem Weg zu sein, der niemals fertig ist. Die Wahrheit bleibt „liquide“. Es ist doch unendlich viel besser zu akzeptieren, dass solche Verstehensweisen biblischer Texte immer wieder neu und immer wieder anders und immer wieder frisch sich ereignen müssen. Es kann da keinen ewigen und absoluten Schlüssel geben.“ (51:50) Deshalb geht es nicht darum, etwas glauben zu müssen: „Hier ist nichts, kein Paragraph, keine These, kein Abschnitt, nichts, wo Du sagen kannst: Hier rechts unten bitte unterschreiben. Dann hältst Du das feste für wahr und das ist dann Deine Lebensversicherung für die Unendlichkeit. Das ist nicht das Ding. Sondern das ist eine ganz herzliche Einladung, sich auf Wege zu begeben. Und diese Wege zeichnen sich nicht dadurch aus, dass eine große genormte Tür für alle gleich da steht und da müssen wir durch und alles andere ist egal, sondern es gibt so viele Türen, so viele Einstiegsmöglichkeiten auf diesem Weg mit großem Abstand und in großer Nähe.“ (ab1:06:24)

Kommentar:

Bei meiner Beschäftigung mit theologischen Texten ist mir in den letzten Jahren immer wieder ein rhetorischer Trick aufgefallen, den man etwa so skizzieren könnte:

  1. Benenne eine traditionelle theologische Position und stimme ihr grundsätzlich zu.
  2. Zeige aber auf, dass diese Position nicht die ganze Wahrheit ist und dass es bei diesem Thema noch mehr zu beachten gibt. Stelle die traditionelle Position folglich als eine „falsche Verengung“ dar.
  3. Sprich ausführlich über die Aspekte, die über die eingangs dargestellte Position hinausgehen, so dass der Schwerpunkt immer mehr auf „falsch“ statt auf „Verengung“ liegt.
  4. Im Ergebnis wird die traditionelle Position dann nicht etwa beibehalten und um zusätzliche Aspekte ergänzt, sondern es läuft auf eine oder mehrere der folgenden vier Varianten hinaus:
    a) Die traditionelle Sichtweise ist falsch.
    b) Die traditionelle Sichtweise ist nicht bedeutsam für den christlichen Glauben.
    c) Die traditionelle Sichtweise ist nur eine von mehreren Alternativen.
    d) Die traditionelle Sichtweise täuscht eine irrtümliche Klarheit vor, während die Wahrheit doch unklar ist und ein Geheimnis bleibt.

In jedem Fall gilt: Die traditionelle Position kann so entweder nicht mehr vertreten werden oder es wäre zumindest völlig falsch, sie als gemeinsame Glaubensbasis aller Christen darzustellen.

Ich will Thorsten Dietz ausdrücklich nicht unterstellen, dass er bewusst mit rhetorischen Tricks arbeitet! Im Gegenteil: Ich bin überzeugt, dass er ein sehr positives Anliegen hat und einfach nur gesunde, heilsame Theologie vermitteln möchte. Trotzdem wird mir bei diesem Vortrag wie bei kaum einem anderen deutlich, wie grundlegend und tiefgreifend sich meine Theologie von der Theologie von Thorsten Dietz unterscheidet. Denn inhaltlich folgt dieser Vortrag m.E. genau diesem Schema und er mündet letztlich in alle vier genannte Varianten. Man könnte die Argumentation in etwa so nachzeichnen:

  1. Die traditionelle Position, dass Jesus wahrhaftig und leiblich auferstanden ist, stimmt…
  2. … aber es ist nicht die ganze Wahrheit, denn es gibt noch mehr zu beachten: Der Auferstandene hat einen „geistlichen Leib“, der Dinge tun kann, die die Fähigkeiten eines normalen Leibs übersteigen. Der Fokus auf die sichtbare, greifbare leibliche Auferstehung wäre deshalb eine falsche Verengung…
  3. … zumal er am Kernanliegen von Ostern vorbeizielt, weil es hier ja um das Hereinbrechen der neuen Welt Gottes geht, nicht um die Überwindung des Todes durch einen Einzelnen.
  4. Das Ergebnis ist:
    a) Der Gebrauch der Kategorie „leiblich“ ist falsch, weil er auf einer falschen Brille basiert, die nicht von Gottes neuer Welt her schaut und weil unsere irdischen Kategorien für den Auferstandenen nicht passen.
    b) Die Leiblichkeit des Auferstandenen ist für die Osterbotschaft nicht bedeutsam, weil es dort im Schwerpunkt um das Anbrechen von Gottes neuem Reich geht.
    c) Weil in der Begegnung mit dem Auferstandenen nichts bleibend greifbar ist, gibt es viele alternative und immer wieder neue Zugänge. Kein Zugang kann als gültige Wahrheit für alle festgeschrieben werden.
    d) Die Wahrheit über die Auferstehung bleibt letztlich unscharf und ein Geheimnis, weil sie in paradoxen Begriffen beschrieben wird.

Die Annahme, Christen müssten an die leibliche Auferstehung glauben, ist deshalb ein ganz schlechtes Zeichen dafür, dass wesentliche Dinge von dem, was Glaube ausmacht, irgendwie nicht verstanden sind.“ (ab 1:06:13)

Folgerichtig hält Thorsten Dietz auch überhaupt nichts von glaubensverteidigender Apologetik, die Argumente sammelt für die Historizität der Auferstehung: „Es ist so wesentlich für den Glauben, dass er nicht in ein System gepresst wird, was mehr verspricht, irgendeine rational zwingende Apologetik, in irgend so ein Beweisverfahren, wo Du am Ende denkst: Gut, dass ich Christ bin, bin ich wenigstens schlau, alle anderen sind doof. … Das ist alles so Käse irgendwie, weil diese Spur der entzogenen Präsenz dabei im Grunde nicht mehr gehalten wird.“ (ab 58:40)

Führt das Sammeln von Argumenten für die Historizität der Auferstehung (wie es z.B. einer der meistgelesenen AiGG-Artikel[19] oder Lee Strobel im Millionenbestseller „Der Fall Jesus“ tut) somit in arrogante Rechthaberei, statt in eine ermutigende Glaubensvergewisserung? Ist die Rede von der „Historizität der Auferstehung“ ohnehin falsch, weil sie ein irriges Verständnis des Wesens historischer Forschung zugrunde legt und nicht versteht, dass seriöse Historiker sich auf Erklärungen beschränken müssen, die für Menschen jeglicher Weltanschauung nachvollziehbar und akzeptabel sind? Dietz meint, er „werde nicht anfangen, Gott jetzt zum Teil einer historisch greifbaren Welt zu machen. Das wäre ein Kategorienfehler.“ [20] Richtig daran ist: Natürlich ist Gott nicht Teil der Welt. Die Bibel trennt strikt zwischen Schöpfer und Schöpfung. Aber die Bibel läuft über von Berichten, dass Gott immer wieder wundersam in den Lauf der Geschichte eingegriffen hat (so wie Peter Wick es in Vortrag 6 ausführlich darlegt). Wer diesen „Gottesfaktor“ prinzipiell ausschließt, weil er für Atheisten nicht akzeptabel ist, muss beim Nachzeichnen der historischen Ereignisse zwangsläufig zu falschen Narrativen kommen, sofern die Bibel in ihrer Darstellung recht hat. Es geht bei dieser Debatte ja nicht um Joker für „UFO-Gläubige“ oder „Anhänger von sumerischen Göttern“, wie Dietz meint, sondern um eine simple Grundsatzfrage: Dürfen ausschließlich naturalistische Erklärungen als wissenschaftlich gelten? Ist die „Gotteskarte“ bei der Rekonstruktion historischer Entwicklungen grundsätzlich von vornherein verboten, so dass ich mich als Wissenschaftler bei der Frage nach der Entstehung des Osterglaubens oder der biblischen Texte prinzipiell auf innerweltliche Vorgänge beschränken muss, auch wenn sämtliche Zeichen, Spuren und Quellen dagegen sprechen? Auch wenn Thorsten Dietz sich dagegen wehrt: Eine Wissenschaft, die bei der Rekonstruktion historischer Abläufe von vornherein niemals mit Einflussfaktoren rechnen und argumentieren darf, die Atheisten nicht mittragen können, mündet zwangsläufig in genau diesen methodischen Atheismus, der in der Theologie so unendlich großen Schaden angerichtet hat und der in der Ursprungsforschung den Rückschluss von der Schönheit der Schöpfung auf die Größe des Schöpfers (Römer 1, 20) für naiv hält, wie Siegfried Zimmer es in Worthaus 8 formuliert hat.[21]

Trotzdem ist Thorsten Dietz in zwei Punkten natürlich zuzustimmen:

  1. Ja, selbstverständlich ist der auferstandene Jesus viel mehr als eine wiederbelebte Leiche.
  2. Ja, selbstverständlich erschöpft sich der Osterglaube bei weitem nicht im Fürwahrhalten der Leiblichkeit der Auferstehung Jesu.

Allerdings frage ich mich: Sind das nicht Binsen? Mir sind persönlich noch keine Christen begegnet, deren Osterglaube sich darin erschöpft, die Leiblichkeit der Auferstehung hochzuhalten. Aber obwohl Ostern natürlich viel, viel mehr ist als der Jubel über das leere Grab und das historische Ereignis der leiblichen Auferstehung, kommen trotzdem Millionen von Christen nicht auf die Idee, diesen historischen Kern der Ostergeschichte und die Leiblichkeit des Auferstehungsgeschehens für unklar oder unwichtig zu halten. Warum ist das so? Warum ist die „historische Tatsächlichkeit“ der berichteten Ereignisse offenkundig nicht so nebensächlich, wie heute immer öfter behauptet wird[22]? Lesen wir dazu doch noch einmal, was der Evangelist Lukas direkt im Anschluss an die Emmaus-Episode schreibt:

„Als sie aber davon redeten, trat er selbst mitten unter sie und sprach zu ihnen: Friede sei mit euch! Sie erschraken aber und fürchteten sich und meinten, sie sähen einen Geist. Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so erschrocken, und warum kommen solche Gedanken in euer Herz? Seht meine Hände und meine Füße, ich bin’s selber. Fasst mich an und seht; denn ein Geist hat nicht Fleisch und Knochen, wie ihr seht, dass ich sie habe. Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen seine Hände und Füße. Da sie es aber noch nicht glauben konnten vor Freude und sich verwunderten, sprach er zu ihnen: Habt ihr hier etwas zu essen? Und sie legten ihm ein Stück gebratenen Fisch vor. Und er nahm’s und aß vor ihnen.“ (Lukas 24, 36-42)

Bemerkenswert ist, dass Lukas den Gedanken an eine nicht-leibliche Auferstehung ausdrücklich aufgreift und ausführlich widerlegt. Lukas berichtet sogar: Auch die Jünger „meinten, sie sähen einen Geist“. Kein Wunder, denn sie hatten ja soeben erlebt, dass dieser Jesus auch durch Wände gehen kann. Aber dann nimmt Lukas sich ausführlich Zeit, um dieses Missverständnis explizit zu widerlegen und zu zeigen: Jesus ist zwar verwandelt. Aber das Grab ist leer. Jesus hat immer noch diesen Leib mit den Narben, die ihm am Kreuz zugefügt wurden. Jesus bittet extra um etwas zu essen, weil es ihm wichtig ist, klarzustellen: Ich lebe! Und zwar nicht nur in eurer Predigt, in euren Herzen oder in einer vergeistigten Form sondern physisch, aus „Fleisch und Knochen“, anfassbar, greifbar und ganz real!

Warum betont Lukas diese Dimension der Leiblichkeit so ausführlich? Ganz einfach: Berichte von geisterhaften Erscheinungen gab es zu allen Zeiten. Damit rechneten die Menschen, auch die Jünger damals, wie Lukas beschreibt. Erst die Leiblichkeit macht das Osterereignis so einzigartig. Erst darin steckt eine radikale Hoffnungsbotschaft: Der Tod, der ultimative Feind des Menschen und des Lebens, ist ganz real besiegt worden! Dieser Jesus, der den Lazarus auferweckt hat, ist selbst wieder aus dem Grab gekommen. Wer die leibliche Dimension als historische Tatsächlichkeit aus diesen Berichten entfernt oder für unrelevant erklärt, nimmt ihnen deshalb ihre Spitze, ihren Glanz und ihre Wucht.

Im Neuen Testament wird die Hoffnung der Gläubigen auf eine eigene Auferstehung direkt mit der Auferweckung Jesu verknüpft (1. Korinther 6,14; 2. Korinther 4,14). Ohne diese Auferstehungs­hoffnung ist die gewaltige Opferbereitschaft der ersten Christen nicht erklärbar. Der leiblich auferstandene Jesus war und ist deshalb für den christlichen Glauben absolut zentral.[23] Natürlich ist richtig, dass die Osterbotschaft noch viel mehr enthält. Aber das heißt nicht, dass die Leiblichkeit deshalb nebensächlich oder irrelevant wäre. Im Gegenteil! Das Bekenntnis: „Er ist wahrhaftig auferstanden!“ (Lukas 24, 34) ist der Urschrei der christlichen Kirche. Wenn die Behauptung der biblischen Autoren von der historischen Tatsächlichkeit des leiblichen Charakters der Auferstehung in den Bereich des Subjektiven, Nebensächlichen und Beliebigen verschoben wird, dann wird die allerzentralste Botschaft der Kirche Jesu entkernt.

Es ist deshalb eine schwerwiegende Verengung, zu behaupten, der christliche Glaube sei „nicht ein Glauben an das „Gesehen-haben“ irgendeiner physischen Gegebenheit.“ Die Apostel sagten ja ganz im Gegenteil: „Wir können nicht aufhören, von dem zu erzählen, was wir gesehen und gehört haben.“ (Apg. 4, 20) Richtig ist zwar: Der christliche Glaube IST nicht ein Glaube an etwas, was physisch gesehen wurde. Aber er basiert nun einmal unter anderem genau darauf! Der bekannte US-ameri­kanische Theologe Timothy Keller schreibt: „Das christliche Evangelium ist kein gut gemeinter Rat, sondern es ist gute Nachricht. Es ist keine Handlungsanleitung, was wir tun sollten, um uns selbst zu retten, sondern vielmehr eine Verlautbarung, was bereits für unser Heil getan wurde. Das Evangelium sagt: Jesus hat in der Geschichte etwas für uns getan, damit wir, wenn wir im Glauben mit ihm verbunden sind, Anteil an dem bekommen, was er getan hat, und so gerettet werden.“ [24] Deshalb hängt für die Glaubwürdigkeit des biblischen Zeugnisses und somit letztlich auch für den christlichen Glauben insgesamt so unendlich viel daran, ob die Berichte über die großen Taten Gottes auch tatsächlich geschehen sind, wie die biblischen Autoren es uns berichten wollten, wie es in der Bibel selbst an keiner Stelle bezweifelt wird und wie es die Kirchenväter in Bekenntnisform gegossen haben. Ob man an die Leiblichkeit der Auferstehung glauben MUSS, um gerettet zu werden, kann ich nicht beurteilen, das möchte ich Gott überlassen. Aber Fakt ist: Diesen Glauben aufzugeben oder in den Bereich des Subjektiven und Beliebigen zu verschieben, hat gewaltige Konsequenzen für die Botschaft der Kirche. Wenn nicht einmal die Osterbotschaft irgendetwas enthält, was wir ganz selbstverständlich gemeinsam mit allen Christen weltweit fröhlich gemeinsam bekennen, besingen, feiern und weitergeben können, dann hat die Kirche ihren gemeinsamen Grund und ihre gemeinsame Botschaft verloren. Dann verlieren die kirchlichen Institutionen ihre Einheit, ihre missionarische Dynamik, ihre Mitglieder und ihre Zukunft, so wie es überall in den liberal geprägten Kirchen der westlichen Welt zu beobachten ist.


11. Vortrag 9.5.2: Prof. Dr. Siegfried Zimmer am 11. Juni 2019

Jesus und die blutende Frau (MK 5, 21-43)

In diesem Vortrag legt Siegfried Zimmer die miteinander verbundenen Berichte der Heilung der blutflüssigen Frau und der Auferweckung der Tochter des Jairus aus. Beide Frauen sind weder Ehefrau noch Mutter – ein Status, der weder in der damaligen Gesellschaft noch in der Kirche große Wertschätzung erfahren habe. Deshalb meint Zimmer (ab 19.23): „Beide Erzählungen haben irgendwie die gleiche Frage: Wie kann man als Frau glücklich leben in einer männerdominierten Welt. Irgendwie kreisen die Erzählungen um solche Fragen.“ Aufgrund der unmenschlichen Vorgaben des mosaischen Gesetzes sei die blutflüssige Frau als „Unreine“ und „Unberührbare“ umfassend aus der Gesellschaft ausgegrenzt und stigmatisiert worden, weil alles, was sie berührte, als unrein galt. Trotzdem muss diese Frau geahnt haben, dass Gott anders ist als das damalige destruktive religiöse System, auch „wenn es millionenmal in irgendeiner heiligen Schrift steht.“ (45:41) Deshalb brachte sie den Mut auf, sich heimlich „wie eine Diebin“ bei Jesus ihre Heilung zu holen, obwohl sie dabei viele Menschen berühren musste. Zu ihrer Überraschung nimmt Jesus wahr, was geschehen ist. Aber statt sie zu verurteilen nennt er sie eine „Tochter“ und zeigt ihr damit seine Nähe und bestätigt, dass sie alles richtig gemacht hat.

Kommentar:

Noch nie ist mir innerhalb einer Worthaustagung ein so direkter Gegensatz zwischen 2 Referenten aufgefallen. Während Peter Wick in Vortrag 6 den Wunderbegriff verteidigt, hält Zimmer ihn hier für eine „Nebelkerze“. Er möchte ihn sogar genauso wie den Begriff „übernatürlich“ am liebsten verbieten, denn: „Die Leute, die vom Übernatürlichen ein bisschen auffallend viel reden, unterschätzen in aller Regel das Natürliche.“ (3:31) Die Evangelien, in denen auch aus der Sicht Zimmers die Heilungsgeschichten eine große und wichtige Rolle spielen, hätten ganz bewusst nicht die üblichen griechischen Begriffe für spektakuläre, Nervenkitzel auslösende Wunder („Terata“ oder „Thaumata“) verwendet[25] sondern die Wunder Jesu zumeist als „Dynameis“ (Kraftwirkungen) bezeichnet – ein Begriff, der auch für Jesu Verkündigung verwendet wird, die somit auf das gleiche Niveau gehoben seien wie die Wunder. Zur Ursache des Blutflusses stellt er ausführliche Vermutungen über psychosomatische Ursachen an (v.a. eine gestörte, kalte, abwertende Vaterfigur).

Aber was bedeutet all das für die Frage nach der historischen Tatsächlichkeit der Wunder, die aus evangelikaler Sicht bedeutsam ist? Dazu sagt Zimmer nichts. Aber jedenfalls grenzt er sich ganz bewusst vom evangelikalen Wunderverständnis ab (ab 6.42): „Ich bin ja kein evangelikaler Theologe, ich bin aber auch überhaupt nicht ein liberaler Theologe. Ich halte beides für gleich problematisch.“

Noch viel schmerzlicher ist aus evangelikaler Sicht Zimmers derbe Disqualifizierung des mosaischen Gesetzes, wenn er z.B. ab 36:57 sagt: „In religiösen Dingen, da gibt es Systeme, da gibt es Reinigungsgesetze von äußerster Kälte und Frauenfeindlichkeit. Die können auch in der heiligen Schrift stehen. 3. Buch Mose – sagt man ja so – das ist Gottes Wort. Meint ihr wirklich, dass Gott selber dermaßen frauenfeindliche Gesetze erlassen hat? Stellt ihr euch Gott so vor? … Oder sind das nicht eher Männerphantasien? Priesterphantasien? Die Frau ist ja in ein Leben gezwungen, wo eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung unmöglich ist.“ Nun gibt es aus evangelikaler Sicht in Bezug auf die Regeln der Tora sicher einige anspruchsvolle Fragen zu bearbeiten. Immer wieder wurde aber auch schon gezeigt: Das mosaische Gesetz ist – vor allem im Vergleich mit dem Gesetz anderer Völker – außerordentlich human und segensreich für das jüdische Volk gewesen.[26] Davon höre ich bei Zimmer nichts. Stattdessen wirken auf mich die verschiedentlichen Bekundungen Zimmers, dass für ihn die Bibel Gottes Wort sei, als hohl und inhaltsleer, wenn er zugleich biblische Texte als „Männerphantasie“ abqualifiziert.


Fazit und Ausblick

Quo Vadis Worthaus? Am 29. Februar 2020 hat Worthaus ein besonderes Event veranstaltet, bei dem neben Siegfried Zimmer und Thorsten Dietz auch Eugen Drewermann gesprochen hat[27] – also ein Mann, der sämtliche in der Einleitung genannten „Knackpunkt-Fragen“ eindeutig und klar verneint hat.[28] Die Thesen Drewermanns werden von Worthaus leidenschaftlich und undifferenziert beworben. In einer einmaligen Aktion wurden extra noch Drewermanns Antworten auf die Fragen des Publikums nach dem Vortrag veröffentlicht. Das unterstreicht: Bei Worthaus sind zwar regelmäßig Abgrenzungen gegenüber evangelikalen Überzeugungen zu hören, aber auf der liberalen Seite des Spektrums werden keine wirksamen Grenzen gezogen.

Das führt zu der wichtigeren Frage: Quo vadis evangelikale Bewegung? Welche Konsequenzen wird es haben, wenn diese Theologie unsere evangelikale Welt immer stärker mitprägen darf? In den letzten Jahren begegnet mir auch innerhalb der evangelikalen Bewegung immer öfter die Klage, dass es den Konservativen an Toleranz fehle. Meine evangelische Kirche ist derweil schon längst einen Schritt weiter: Da sind die Konservativen immer öfter nicht mehr nur Störenfriede einer schönen Pluralität sondern grundsätzlich Störenfriede mit einer nicht zu duldenden Position.[29] Die theologische Liberalisierung hat meiner evangelischen Kirche gerade keine Pluralität sondern den immer weiter voranschreitenden Ausschluss konservativer Standpunkte gebracht. Worthaus 9 macht an vielen Stellen deutlich, woran das liegt, und damit meine ich nicht nur die übliche Polemik, die Siegfried Zimmer seit Jahren gegenüber Konservativen an den Tag legt. In Vortrag 9 ist Thorsten Dietz zwar bereit, das stellvertretende Sühneopfer (er nennt das das „anselm’sche Schema“) trotz all der von ihm empfundenen Unstimmigkeiten gelten zu lassen, wenn sie denn subjektiv als hilfreich erlebt wird – aber eben nur als „eine Perspektive unter ganz vielen“. So höre ich das oft in meiner evangelischen Kirche: Evangelikale werden zwar geduldet, aber nur, wenn sie ihre Position nicht mehr objektiv für Alle sondern nur noch subjektiv für sich persönlich für bedeutsam halten. Aber um diese Forderung zu erfüllen, müssten Evangelikale aufhören, Evangelikale zu sein.

Evangelikale sind nun einmal im Kern davon überzeugt, dass es für jeden Menschen entscheidend wichtig ist, sich auf das stellvertretend für uns vergossene Blut Jesu am Kreuz zu berufen und die darin angebotene Vergebung persönlich anzunehmen. Es war diese Überzeugung, die seit Jahrhunderten bibeltreue Christen motiviert hat, unter größten persönlichen Opfern als Missionare in die ganze Welt zu gehen und allen Menschen aller Religionen das rettende Evangelium zu bringen. Neben dem von kirchlichen Stellen immer härter geführten Kampf gegen evangelikale Sexualethik ist es genau dieser missionarische Eifer der Evangelikalen, der in einem unversöhnlichen Widerspruch steht zu einer Theologie, die evangelikale Kernbotschaften in Frage stellt und Mission insgesamt mit größter Skepsis begegnet.[30]

Evangelikale Leiter müssen sich deshalb bewusst sein, dass sie sich einen unlösbaren Konflikt mitten in ihre Gemeinschaften und Organisationen holen, wenn sie dieser Theologie Raum geben in ihren Ausbildungsstätten, ihren Medien und ihren Gemeinschaften. Die Frage, wie man mit Worthaus und ähnlichen theologischen Einflüssen zukünftig umgehen möchte, sollte deshalb unbedingt offen besprochen werden, wenn man nicht unvorbereitet in harte und schmerzhafte Spaltungen hineinschliddern möchte. Der Theologe Thomas Schirrmacher schrieb jüngst in einem bemerkenswerten Text: „Theologischer Streit muss sein!“ Es ist keine Lösung, theologische Differenzen einfach unter den frommen Teppich zu kehren um eines lieben Scheinfriedens willen. Verdrängte Differenzen führen am Ende nur in umso tiefere Konflikte und Gräben.

Dabei sollte meines Erachtens klar sein: Keine Entscheidung ist auch eine Entscheidung! In meiner evangelischen Kirche hat sich nie eine Kirchenleitung bewusst für die heutige theologische Ausrichtung ihrer Ausbildungsstätten entschieden, obwohl genau dort ja über die zukünftige Ausrichtung der Kirche entschieden wird. Man hat die Entwicklung laufen lassen. Das Ergebnis ist, dass diese Art von Theologie unsere Ausbildungsstätten im Sturm genommen und alles Konservative weitgehend und unumkehrbar verdrängt hat. Ich halte es für naiv, zu glauben, dass das an freien Ausbildungsstätten nicht genauso kommen könnte – wenn es in Teilen nicht schon längst in vollem Gange ist. 2015 schrieb Sandra Bils, die neue Dozentin an der CVJM-Hochschule und geplante Referentin von Worthaus 10, in ihrem Blog: „Ich freue mich, wenn sich mein Landesbischof öffentlich äußert und stolz auf die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare in der Hannoverschen Landeskirche hinweist und gleichzeitig merke ich, dass es mir nicht weit genug geht, weil er im gleichen Atemzug anderen Meinungen eine Daseinsberechtigung zuspricht.“ Keine Daseinsberechtigung für die konservative Position? Auch hier zeigt sich: Selbst wenn man grundlegende theologische Differenzen menschlich und im Geist der Liebe Christi auszuhalten vermag – der spaltende Konflikt kommt spätestens dann, wenn man im Gemeindealltag praktische Entscheidungen treffen muss. Die methodistische Weltkirche musste das im letzten Jahr schmerzhaft durchbuchstabieren.

Meine Bitte ist umso mehr: Wir müssen reden – offen, respektvoll, sachlich, im Geist der Liebe Jesu, aber auch ehrlich und ohne Beschönigung der offenkundigen Differenzen. Denn nur eine ehrliche Diagnose kann den Weg für eine wirksame Therapie eröffnen für die Konflikte, die unter uns Evangelikalen schon jetzt schmerzhaft aufgebrochen sind und die unsere Einheit, unsere Ausstrahlung und missionarische Dynamik belasten.


[1] In Hossa Talk Nr. 105 „Siggi wehrt sich“, ab 1:34:00

[2] Insgesamt wurden bei Worthaus 9 dreizehn Vorträge gehalten. Die beiden letzten Vorträge waren zum Zeitpunkt der Fertigstellung dieses Artikels noch nicht veröffentlicht worden.

[3] Siehe dazu den Vortrag in Worthaus 8 von Dr. Patrick Becker „Wo bleibt der Sinn? Zu den Einseitigkeiten naturwissenschaftlicher Weltdeutung“, in dem er ab 24:09 sagt: „Ich würde prognostizieren, die Entstehung des Lebens wird uns von den Naturwissenschaften erklärt werden. … Und selbst wenn es eine Seele geben soll, dann … kann sie keine Relevanz haben, denn … es gibt nicht den Moment, wo irgendwann mal etwas eingreift, was ich als Naturwissenschaftler prinzipiell nicht fassen könnte. Das meint nicht, dass ein Naturwissenschaftler meint, er hätte den Allerklärungsanspruch. … Kein Naturwissenschaftler wird den Schöpfungsakt oder den jüngsten Tag in Frage stellen, dafür wird er sich nicht zuständig erklären. Aber die Zeit dazwischen, da wird er sagen: Wenn ein Thomas von Aquin darauf besteht, da finden Wunder statt – also ein duales Denken, ein Eingreifen von außen in die Welt hinein – da wird der Naturwissenschaftler sagen: Du magst daran glauben, aber das sind alles nur subjektive Vorstellungen von einem Geschehen, das ich Dir, vorausgesetzt genügend Intelligenz, genügend Zeit, … naturwissenschaftlich erklären könnte. … Weil das duale Denken inzwischen nicht mehr viele Freundinnen und Freunde findet, darum hat auch diese Intelligent-Design-Richtung zumindest in Europa eher einen Außenseitercharakter.“ Becker schließt sich im Verlauf des Vortrags diesem Wissenschaftsbegriff ausdrücklich an.

[4] Ausführlich erläutert in der ersten Hälfte des Vortrags von Markus Till „Starke Argumente – Warum es auch heute noch vernünftig ist, der Bibel zu vertrauen“ vom 1.11.2019, gehalten bei einer Tagung des DCTB

[5] Im Vortrag „Die Bedeutung des Kreuzestodes Jesu aus heutiger Perspektive“ vom 9.6.2012

[6] siehe dazu Markus Till: „Das Kreuz – Stolperstein der Theologie“ im AiGG-Blog, 25.1.2018

[7] Siegfried Zimmer im Worthausvortrag „Gibt es einen strafenden Gott?“ ab 1:03:58: „Der Sünder hat den ewigen Tod verdient. Er müsste jetzt eigentlich bestraft werden. … Aber Gott will eben den Tod des Sünders nicht. Was kann er machen? Der Sünder selber kann die Sühne nicht leisten. Also schickt er den sündlosen Gottessohn und der opfert sich stellvertretend und damit sind die Rechnungen beglichen. … Dieses Verrechnungsmodell ist durch und durch unbiblisch. … In diesem Modell ist Gott das Problem. Gott wird versöhnt. Der Gottessohn bringt ein Sühnopfer seinem Vater, damit der zornige Gott jetzt besänftigt wird und vergeben kann. … Nein. In der Bibel wird der Mensch mit Gott versöhnt aber nicht Gott mit dem Menschen. … Golgatha ist nicht so gemeint, dass man Gott hier umstimmt vom zornigen Gott auf den sanftmütigen Gott. Nein. … Gottes Wesen ist die Liebe vorher und nachher. Das andere, was ganz gefährlich ist in diesem Modell: … Der Tod Jesu wird isoliert von seinem öffentlichen Auftreten und das darf man nicht, denn der Tod Jesu ist ja innergeschichtlich die Konsequenz seines Auftretens. Warum wurde er verurteilt vom hohen Rat und römischer Militärjustiz? Leider gibt es im Deutschen nur das Wort „Opfer“. Das ist ein sehr schillerndes Wort. Im Englischen unterscheidet man zwischen „victim“ … und „sacrifice“. „Victim“ ist ein Opfer VON etwas: Verkehrsopfer, Kriminalitätsopfer. Und „sacrifice“ ist ein Opfer FÜR etwas. Wir müssen Jesu Tod erst mal als „victim“ würdigen. Jesus ist erst mal ein Opfer der römischen Militärbehörde geworden und er ist gefoltert worden. Wenn wir sofort mit „sacrifice“ arbeiten, dann haben wir ein Modell, da muss Jesus halt ans Kreuz. … Dieses Modell löst sich völlig aus den historischen Realitäten, den Personen aus Fleisch und Blut, mit denen Jesus es im Prozess usw. zu tun hatte. Es ist ein Sandkastenspiel. So hat man in den Jahrhunderten des Abendlands das Christusverständnis und das Gottesverständnis hineingezwängt in eine Straflogik, als ob Gott die Strafe nötig hätte. Im Grunde genommen muss man sagen: In diesem Modell ist Gott gar nicht mehr der Herr. Er ist eigentlich ein Knecht einer Straflogik. Denn am Ende muss Gott eben diese Straflogik erfüllen und damit seiner Gerechtigkeit Genüge tun. Diese Vorstellung, dass … es irgendwie eine heilige göttliche Rechtsordnung gäbe oder Gerechtigkeitsordnung gäbe, die man erst erfüllen muss, bevor Gott verzeihen kann, ist ein Märchen. … Jesus wird da verkürzt auf einen Typ, der die Rechnung bezahlt. … Aus diesem Modell, ihr Lieben, müssen wir, dürfen wir – jubilate – ganz aussteigen. Dieses Modell verdirbt das Evangelium und den liebenden Gott im Kern.“ Das Bild des „Loskaufs“ ist jedoch keine Verkürzung sondern biblisch breit belegt (Matth.20,28;Mk.10,45;1.Kor.6,20;7,23;Gal.3,13;4,5;1.Tim.2,6;1.Petr.1,18;Offb.5,9;14,3). Eine ausführliche Antwort auf Zimmers Position, Gott müsse nicht versöhnt werden, bietet der Artikel von Markus Till „Das Kreuz – Stolperstein der Theologie“ sowie Holger Lahayne in „Warum musste Jesus sterben?“

[8] „Das Sündopfer … ist besonders heilig! Der Herr hat es euch gegeben, damit ihr die Gemeinschaft von ihrer Schuld befreit und vor dem Herrn Wiedergutmachung für sie schafft.“

[9] „Ich habe euch das Blut gegeben, damit ihr dadurch Wiedergutmachung für eure Sünden bewirken könnt.“

[10] In seinem Buch „Das Kreuz“ benennt er eine Reihe solcher „Übertritte“, in denen über das biblische Zeugnis hinausgegangen wurde: „Das Kreuz war kein Tauschhandel mit dem Teufel … ebenso wenig ein exaktes Äquivalent, … um einen Ehrenkodex oder einer juristischen Spitzfindigkeit Genüge zu tun; ebenso wenig eine notgedrungene Unterordnung Gottes unter eine moralische Autorität über ihm, den er auf andere Weise nicht hätte entkommen können; ebenso wenig die Bestrafung eines sanftmütigen Christus durch einen strengen und rachsüchtigen Vater; ebenso  wenig ein Abringen des Heils von einem gemeinen und widerwilligen Vater durch einen liebenden Christus; ebenso wenig ein Handeln des Vaters, das Christus als den Mittler aussparte. Stattdessen erniedrigte sich der gerechte, liebende Vater selbst, indem er in … und durch seinen einzigen Sohn Fleisch, Sünde und Fluch für uns wurde, um uns zu erlösen, ohne seinen eigenen Charakter zu kompromittieren.“ In John Stott: Das Kreuz. Zentrum des christlichen Glaubens, Marburg 2009, S. 204.

[13] Vor allem dort, wo es „an einen Feudalherrn erinnert, der Ehre fordert und Unehrerbietigkeit bestraft“. In John Stott: Das Kreuz. Zentrum des christlichen Glaubens, Marburg 2009, S. 152

[14] In John Stott: Das Kreuz. Zentrum des christlichen Glaubens, Marburg 2009, S. 259

[15] Gerhard Barth in „Der Tod Jesu Christi im Verständnis des Neuen Testaments“, Göttingen 2003, S. 42.

[16] Besonders deutlich wird das im Buch der Klagelieder, siehe dazu der AiGG-Artikel „Das Evangelium – Gottes Zorn und Gottes Gnade“, veröffentlicht im AiGG-Blog, 2.8.2018

[17] siehe z.B. Jesaja 42, 24-25

[18] „Ursprung und Wesen alles christlichen Lebens liegen beschlossen in dem einen Geschehen, das die Reformation Rechtfertigung des Sünders aus Gnaden allein genannt hat.“ B. D. Bonhoeffer, Ethik, München 1958, S. 75.

[19] „Die Auferstehung Jesu: Fakt oder Fiktion? Der Indizienprozess“, im AiGG-Blog, 25.3.2018

[20] Wörtlich sagt Dietz zu der Frage, ob die Auferstehung ein historisches Ereignis ist: „Das ist nicht meine Sprache dafür, denn ich halte es für sinnvoll, „historisch“ als eine bestimmte Betrachtungsweise zu verwenden, wo Historiker völlig unabhängig von ihren Weltanschauungen mit den gleichen Karten spielen. Ich glaube, historische Wissenschaft kann nur so funktionieren, dass Christen und Atheisten und Humanisten und UFO-Gläubige und Sektierer und Menschen, die an sich selbst glauben und alle im Grunde sagen: Wir einigen uns in der historischen Wissenschaft darauf: Wir akzeptieren nur allgemein einsichtige Evidenz. Wir konzentrieren uns allein auf die greifbare, quellenbasierte, evidente Vorfindlichkeit von Thesen und Hypothesen, und das muss für uns eben im Rahmen menschlicher Gestaltung erklärbar sein. Ich halte es auch für nicht so ganz glücklich zu sagen: Das nennen wir dann methodischen Atheismus. Es geht gar nicht darum, irgendwie atheistisch da was reinzubringen, das ist ja gar nicht der Punkt. Atheisten werden bei dieser Betrachtung nicht privilegiert. Es geht um Evidenz, es geht um Spuren, es geht um Zeichen, es geht um Quellen. DAS ist der Punkt, das hat mit Atheismus überhaupt nichts zu tun. Es geht nur darum, dass alle mit denselben Karten spielen. Es wär komisch zu sagen: Alle spielen mit denselben Karten, die 32, die man vom Skat kennt, aber Christen kriegen noch einen Joker dazu, im Zweifelsfall spielen sie die Gotteskarte. Die UFO-Gläubigen kriegen noch einen Joker dazu: Im Zweifelsfall waren es grüne Männchen oder so. Und noch jemand: Die an die sumerischen Götter glauben, ja, O.K., ist auch ein Joker, ist O.K. … Das ist ja Blödsinn irgendwie. Das ist dann Käse. Da würde ich dann doch lieber sagen: Wir machen historisches Arbeiten als seriöse Wissenschaft. Es wird Menschen geben, die sagen: So, das was historische Arbeit ist, das setze ich für mich gleich mit den Rahmenbedingungen von Realität. Ich glaube, dass das historische, empirische, evidenzbasierte Fragen nach Zeichen, Spuren, Quellen usw. es ist für mich weltanschaulich identisch mit dem, was für mich mein Realitätsrahmen ist. Das ist aber natürlich nicht das, worauf alle und jede und so sich verpflichten kann oder muss. Es wird manchmal so getan als würden die historischen Bibelwissenschaften atheistisch arbeiten und als sei es eine weltanschauliche Voraussetzung der Bibelwissenschaft, alles atheistisch zu betrachten. Das ist so nicht der Fall. Und selbst wenn man ein paar Theologen findet, die das genau so sagen, dann ist es ihre Entscheidung, das Instrumentarium historischer Wissenschaft für sich selbst als allein akzeptablen weltanschaulichen Rahmen zu setzen. Und es gibt viele, die historisch arbeiten und an solchen Stellen sagen: Hier ist irgendwas bleibend mysteriös. Es entzieht sich unserer letzten Auflösbarkeit und als Christ oder als Christin sage ich: Ich glaube, dass Gott da seine Finger im Spiel hat. Aber das ist ein Glaubensurteil und ich werde nicht anfangen, Gott jetzt zum Teil einer historisch greifbaren Welt zu machen. Das wäre ein Kategorienfehler. So würde ich es sagen, so würde ich es empfehlen. Jetzt muss man auch gleich dazu sagen: Das ist ja, man muss da den ganzen Brillenvortrag sich gut durchdenken und muss das letztlich auch akzeptieren, dass Wirklichkeitszugänge in diesem Sinne immer matrixgesteuert sind, paradigmaabhängig in bestimmte Horizonte eingespeist sind. Das muss man verstehen, das ist nicht für den normalen Schüler der Mittelstufe oder so zu erwarten, vielleicht auch für viele Menschen nie so ganz. Wenn Menschen letztlich sagen: Historisch ist für mich wirklich und wirklich ist für mich historisch, so dann ist Jesus meinetwegen historisch auferstanden. Aber ich hab da eben die Gedanken, die ich da gerade dazu erläutert habe, wie ich es für sinnvoll halte.“ (ab 26:21)

[21] „Man kann intelligent-design-mäßig Gottes Schaffen nicht analysieren. … Aus der Analyse der Welt kann man erkennen: Das hat ein Schöpfer gemacht. … So einfach ist es nicht. … Die lieben Christlein legen es sich so hübsch naiv zurecht.“ Siegfried Zimmer in: Die erste Schöpfungserzählung (1. Mose 1,1-2,4a) – Teil 2, Vortrag vom 21.5.2018 in Weimar

[22] So schreibt z.B. Jakob Friedrichs in seinem aktuellen Buch: „Wenn es Dir also wichtig ist, an Jesus als den Sohn einer Jungfrau zu glauben, dann tu es. Mit Freude. Wenn dich diese Vorstellung jedoch eher befremdet, dann lass es. Und bitte nicht minder freudig. Es ist nicht der Kern der Weihnachtsgeschichten!“ In: „Ist das Gott oder kann das weg?“ Asslar, 2020, S. 18.

[23] Der ehemalige Papst Benedikt XVI schreibt dazu: „Nur ein wirkliches Ereignis von radikal neuer Qualität konnte die apostolische Predigt ermöglichen, die nicht mit Spekulationen oder inneren, mystischen Erfahrungen zu erklären ist. Sie lebt in ihrer Kühnheit und Neuheit von der Wucht eines Geschehens, das niemand erdacht hatte und das alle Vorstellungen sprengte.“ In „Jesus von Nazareth II“, Freiburg, 2011, 300f.

[24] In „Adam, Eva und die Evolution“, Giessen, 2018, S. 33.

[25] Was Zimmer nicht erwähnt: In Apostelgeschichte 2, 22 verwendet Lukas diesen Begriff sehr wohl in Bezug auf Jesu Wundertätigkeit, wenn er Petrus in der Pfingstpredigt sagen lässt: „…Jesus von Nazareth, von Gott unter euch ausgewiesen durch mächtige Taten und Wunder („Terata“) und Zeichen“.

[26] Siehe dazu z.B. den Blogartikel von George Athas: „Does the bible force a woman to marry her rapist?“

[27] Eine Zusammenfassung und Kommentierung des Worthausvortrags von Eugen Drewermann findet sich in Markus Till: „Ist Angst das Grundproblem der Menschheit?“, veröffentlicht in „Daniel-Option“ am 1.5.2020

[28] So äußerte Eugen Drewermann z.B. in einem Spiegel-Interview unter anderem: „Alle Wundererzählungen über Jesus sind, sieht man von den Heilungsberichten ab, symbolischer Natur, obwohl sie von den Evangelisten so verfasst wurden, dass sie als historische Berichte verstanden werden konnten. … SPIEGEL: Also geben Sie Bultmann recht: “Ein Leichnam kann nicht wieder lebendig werden und aus dem Grabe steigen.”  DREWERMANN: So ist es, das gilt für das Grab Jesu, und es gilt für alle anderen Gräber, in Verdun und in Vietnam, in Paderborn und in Hamburg. Die Auferstehung ist dort genauso wenig sichtbar wie drei Tage nach Ostern in Jerusalem.  … Die Auffassung, Gott könne die Naturgesetze für die Zeit und die Person Jesu außer Kraft gesetzt und Wunder bewirkt haben, halte ich für falsch und gefährlich. … Nicht bei unwichtigen, sondern gerade bei den wichtigsten Passagen des Neuen Testaments müssen wir feststellen, dass es sich um Legenden, um Symbole, um Mythen handelt. Das gilt insbesondere für die Darstellung von Jesu Geburt, Tod, Auferstehung, Himmelfahrt. … Diese Opfer- und Sühnetheologie war Jesus völlig fremd. … SPIEGEL: Welchen Sinn sah Jesus in seinem Tod, wenn nicht den eines Opfers? DREWERMANN: Er sah in seinem Tod überhaupt keinen Sinn. Er wollte nicht sterben.“

[29] So wies aktuell zum Beispiel das komplette Professorium der Tübinger theologischen Fakultät in einem gemeinsamen offenen Brief die theologische Ablehnung öffentlicher Gottesdienste anlässlich der Eheschließung gleichgeschlechtlicher Paare als unwissenschaftlich zurück und ergänzte, es sei „unerträglich, wenn Ansichten, die eine solche Diskriminierung unterstützen, bis heute in der evangelischen Kirche vertreten werden.“

[30] So schreibt Alexander Garth im Sammelband „Mission Zukunft“: „Es fällt auf, dass die wenigsten innovativen missionarischen Projekte aus dem Bereich der Großkirchen kommen … obgleich sie über immense Ressourcen an Finanzen und Manpower verfügt.“ (S.292) Michael Diener meint dazu: Es ist „wohl nicht ganz zufällig, dass sich alle Beiträge aus der Leitung der EKD mit … ethischen Haltungen der Mission beschäftigen.“ (S.17) Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm äußert: „Mission, wie ich sie verstehe, ist nicht der strategische Versuch, Menschen zu einem bestimmten Bekenntnis zu veranlassen.“ (S.72) Gleich mehrfach wird Fulbert Steffensky mit dem Satz zitiert: „Mission ist die gewaltlose, ressentimentlose und absichtslose Werbung für die Schönheit eines Lebenskonzeptes.“ (S.18) Aber war Paulus auf seinen Missionsreisen wirklich „absichtslos“ unterwegs? Wollte er in erster Linie einfach mal die Welt bereisen? Johannes Reimer entgegnet: „Gemeindeaufbau setzt intentionale Verkündigung des Evangeliums und damit die Hinführung des Menschen zur Entscheidung für den Glauben voraus.“ (S.192) In Michael Diener und Ulrich Eggers (Hrs.): Mission Zukunft – Zeigen was wir lieben: Impulse für eine Kirche mit Vision. Holzgerlingen, 2018.

Wie gelingt Einheit in einer polarisierten Gesellschaft?

Auch wenn sich alles in mir dagegen sträubt: Ich komme nicht mehr an der traurigen Tatsache vorbei, dass die Berichterstattung in den öffentlich-rechtlichen Medien einseitig politisch gefärbt ist. Wir alle erinnern uns an den Orkan der Entrüstung, den der Beitrag von AfD-Stimmen zur Wahl eines FDP-Politikers zum Ministerpräsidenten von Thüringen auslöste. In Mecklenburg-Vorpommern wurde jüngst eine Frau zur Verfassungsrichterin gewählt, die aktiv bei einer linksradikalen, vom Verfassungsschutz beobachteten Organisation mitarbeitet. In ARD und ZDF habe ich zu diesem unglaublichen Skandal kaum ein laues Lüftchen vernommen. Im Bericht über die jüngsten Antirassismus-Demonstrationen fiel in der Tagesschau doch tatsächlich der folgende unglaubliche Satz: „Die Hygiene- und Mundschutzregeln wurden überwiegend eingehalten“ (hier bei 2:00) – obwohl wenige Blicke genügten, um sich vom krassen Gegenteil zu überzeugen. Welch ein Kontrast zu den wochenlangen Warnungen vor Verstößen gegen die Hygieneregeln, z.B. bei den Demonstrationen gegen die Einschränkungen von Freiheitsrechten. Die doppelten Standards in der Berichterstattung sind unübersehbar geworden, meinen Birgit Kelle und Peter Hahne in zwei zugespitzten Artikeln. Selbst wenn man ihnen in Stil und Inhalt nicht vollständig zustimmen mag: Im Kern kann man kaum widersprechen – zumal die Linkslastigkeit des politischen Journalismus in Deutschland immer wieder in Studien nachgewiesen wurde.

Die wachsende Polarisierung der Gesellschaft ist ohne Zweifel auch eine Folge dieser politischen Einseitigkeit wichtiger Medien. Während sich die einen in ihrer politischen Haltung, in ihrer gefühlten moralischen Überlegenheit und in ihrer Empörung über Andere überwiegend von diesen Medien bestätigt fühlen, empören sich die anderen über genau diese Einseitigkeit und Arroganz und vergewissern sich darin mit Hilfe einer alternativen Medienszene, die nicht selten selbst zu Einseitigkeit neigt. Ein Ausweg aus dieser Negativspirale scheint mir derzeit nicht in Sicht zu sein.

Für die Kirche Jesu bedeutet das eine enorme Herausforderung. Auch Christen bilden sich ihre Meinung auf Basis von Fernsehen und Internet. Die Kirche Jesu kann sich die wachsende Hitzigkeit der politischen Debatten nicht einfach so vom Leib halten. Das war zuletzt auch in der Corona-Krise gut zu beobachten. In meiner Facebook-Timeline stapelten sich die Posts und Kommentare dazu. Besonders auffällig war, dass selbst Christen, die theologisch sehr nahe beieinander stehen, bei diesem Thema vollständig konträre Meinungen vertreten konnten, manche sogar mit großer, moralisch aufgeladener Gewissheit und hohem Sendungsbewusstsein. So konnte ich mir aussuchen, ob ich mich wahlweise versündige, indem ich der Beraubung der Freiheitsrechte tatenlos zuschaue oder indem ich die lebensrettenden Freiheitseinschränkungen anzweifle.

Wie gehen wir als Kirche Jesu damit um? Wie können wir Einheit bewahren, obwohl wir der gesellschaftlichen Polarisierung nicht wirklich ausweichen können?

Zu dieser Frage habe ich für den Blog “Kirche Corona” einen Gastartikel verfasst.

Weiterlesen im Originalartikel

Wie gelingt Einheit in einer polarisierten Gesellschaft?

nonbiblipedia

AiGG 2: Wie Gott unsere Prioritäten neu ordnen kann

Was prägt und bestimmt unser Leben wirklich? Können erwachsene Menschen ihre Prioritäten überhaupt ändern? Im zweiten Vortrag der AiGG-Serie wird deutlich: Ja, das geht! Dazu sollten wir unbedingt das “Jesus-Prinzip” kennen, das uns zeigt, wie wir revolutionär anders mit unseren Bedürfnissen umgehen können. Und wir müssen uns der grundlegendsten aller Entscheidungen stellen, die wir jemals im Leben treffen werden…

Den Vortrag als Audio hören:

Vertiefend zu diesem Thema:

Das Lied zum Thema: “Wir vertrauen Dir allein”

Das Akkordsheet zum Lied “Wir vertrauen Dir allein” als PDF zum Download