Starke Argumente – Warum es auch heute noch vernünftig ist, der Bibel zu vertrauen

Die Inhalte dieses Artikels sind auf YouTube als Vortrag verfügbar, der am 1.11.2019 bei einer Tagung des deutschen christlichen Techniker-Bunds (DCTB) gehalten wurde.

Der Artikel steht auch als PDF zum Download bereit.

Lange Zeit war der Blick auf die Bibel in der akademischen Welt geprägt von einem Wissenschaftsbegriff, der es Wissenschaftlern prinzipiell unmöglich machte, mit übernatürlichen Ereignissen, mit göttlicher Offenbarung oder mit vorhersagender Prophetie zu rechnen. Die Folgen für die Theologie und die Kirche waren umwälzend. Zentrale Bekenntnisse des Christentums wurden in Frage gestellt oder umgedeutet. Völlig aus dem Blick gerieten zudem die vielen Argumente dafür, dass die Existenz und die Botschaft der Bibel ein Wunder ist, das mit menschlichen Mitteln nicht erklärt werden kann.

Seit der Aufklärung ist der akademische Wissenschaftsbegriff geprägt von einem starken oder zumindest schwachen bzw. methodischen Naturalismus. Das heißt: Die Wissenschaft hat sich der Selbstbeschränkung unterworfen, hinter allen Phänomenen prinzipiell eine natürliche Ursache zu vermuten. Die Bibel unterstützt diese Sichtweise! Denn sie trennt strikt zwischen Schöpfer und Schöpfung. Allerdings macht die Bibel auch deutlich: Punktuell nimmt sich der Schöpfer durchaus die Freiheit, übernatürlich ins Weltgeschehen einzugreifen.[1] Das gilt besonders für die Erschaffung der Welt. Aber auch danach berichtet die Bibel immer wieder von punktuellen Eingriffen Gottes ins Weltgeschehen, z.B. beim Auszug Israels aus Ägpyten oder bei der Auferstehung Jesu. Zudem behaupten die biblischen Autoren, dass Gott auch bei der Entstehung der biblischen Texte intensiv beteiligt war.

Die Bibel erforschen, „als ob es Gott nicht gäbe“?

Für Theologen, die mit dem vorherrschenden naturalistisch geprägten Wissenschaftsbegriff die Bibel erforschen wollen, hat das weitreichende Konsequenzen. In ihrer Forschung werden sie gezwungen, prinzipiell nicht damit zu rechnen, dass Gott direkt und unter Aufhebung der Naturgesetze ins Weltgeschehen eingegriffen hat. Sie müssen die Bibel so zu untersuchen, „als ob es Gott nicht gäbe“ („etsi deus non daretur“). Dabei glauben Theologen, die so arbeiten, durchaus daran, dass es Gott gibt. Aber in der praktischen Bibelforschung dürfen sie direkte göttliche Eingriffe ins Weltgeschehen nicht in ihre Überlegungen einbeziehen.

Zudem galt auch in der Bibelwissenschaft zunehmend die aufklärerische Maxime, dass nüchterne Wissenschaft jeden Forschungsgegenstand prinzipiell dem wissenschaftlichen Zweifel, also dem Urteil der menschlichen Vernunft, unterwerfen muss. Das wäre aber nicht möglich, wenn die Bibel eine göttliche Offenbarung wäre – denn göttliche Offenbarung kann nun einmal nicht kritisieren werden. Dann wäre die Theologie aber nach aufklärerischem Verständnis keine Wissenschaft mehr. Dann hätte sie auch an den Universitäten nichts mehr zu suchen.

Deshalb trifft es zu, wenn der finnische Professor Tapio Puolimatka schreibt: „Wenn Theologen zum Ausgangspunkt ihrer Forschung nehmen würden, dass Gott gesprochen habe und dass man Gottes Sprechen erkennen und verstehen könne, dann würden sie in einen Konflikt mit der breiten wissenschaftlichen Öffentlichkeit geraten.“[2]

Ein Gott, der spricht und verstanden wird, der somit das Weltgeschehen ganz direkt beeinflusst, der passt nicht ins Weltbild des (schwachen) Naturalismus. Diese faktische Selbstbeschränkung auf einen methodischen Naturalismus hatte ohne Zweifel gewaltige Konsequenzen für die Theologie und folglich auch für die Kirche.

4 Konsequenzen des methodischen Naturalismus für die Theologie

Das „Arbeitsbuch zum Neuen Testament“ von den Professoren Hans Conzelmann und Andreas Lindemann liegt mittlerweile in der 14. Auflage vor. Vor allem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde es an den Universitäten vielfach in der studentischen Ausbildung eingesetzt. Aktuell wird an der 15. Auflage gearbeitet. Das Buch ist also durchaus nach wie vor aktuell.

Natürlich denken bei weitem nicht alle Theologen wie Conzelmann und Lindemann. Aber ohne Zweifel hatten diese beiden Theologen in den vergangenen Jahrzehnten erheblichen Einfluss. Besonders deutlich wurde die Denkweise von Prof. Lindemann in einem Interview, das er 1999 dem Magazin Spiegel gegeben hat.[3] Das Arbeitsbuch zum Neuen Testament und dieses Spiegel-Interview eignen sich besonders gut, um die Konsequenzen des methodischen Naturalismus für die Theologie nachzuvollziehen.

1.   Die Bibel kann keine übernatürliche Offenbarung sein!

Wenn Gott nicht direkt ins Weltgeschehen eingreift, dann kann die Bibel natürlich keine göttliche Offenbarung sein. Stattdessen gehen Prof. Conzelmann und Prof. Lindemann von einer anderen Sichtweise auf die Bibel aus. In ihrem Arbeitsbuch schreiben sie: „Die biblischen Texte werden methodisch nicht anders behandelt als andere literarische Zeugnisse, insbesondere solche der Antike. … Die Bibel enthält geschichtlich entstandene Dokumente, die – in großer Vielfalt theologischer Meinungen – den jüdischen bzw. christlichen Glauben bezeugen und darstellen.“ (S. 3)

Die Konsequenz ist klar: Wenn die Bibel keine göttliche Offenbarung ist sondern ein Buch wie jedes andere, dann wissen wir letztlich nichts Gesichertes über Gott, über Jesus und über die ewigen Fragen. Die Naturwissenschaft kann bei solchen Fragen schon aus methodischen Gründen nicht weiterhelfen. Denn Gott ist „transzendent“, d.h. er steht als Schöpfer jenseits dieser Welt – genau wie ein Regisseur hinter einem Film steht, im Film selbst aber nicht zu sehen ist. Auch wenn wir den Inhalt eines Films ganz genau erforschen – seine Handlung, die Schauspieler, die Kulissen, die Musik und die Spezialeffekte – wissen wir trotzdem so gut wie nichts über den Regisseur. Wir können zwar spekulieren, was uns der Film vielleicht über das Wesen des Regisseurs sagen könnte. Aber das bleibt Spekulation – es sei denn, der Regisseur baut sich selbst in eine Filmszene ein, so wie es Alfred Hitchcock regelmäßig getan hat. Noch viel mehr erfahren wir, wenn dem Film ein „Making of“ mit einem Interview des Regisseurs beigefügt wird. Nur wenn der Regisseur sich offenbart, können wir etwas verlässliches über ihn herausfinden. Ohne eine solche Offenbarung bleibt alles Spekulation.

So ist es auch bei Gott. Wir wissen nichts über ihn – außer das, was uns die Bibel offenbart. Wenn die Bibel aber gar keine Offenbarung sondern nur ein Werk mit sich widersprechenden menschlichen Meinungen ist, dann bleibt es unserer subjektiven Einschätzung überlassen, ob wir der Bibel folgen wollen oder nicht – und dann bleibt letztlich alles subjektive Spekulation. Dann verlieren die Theologie und die Kirche letztlich ihre Grundlage, weil sie über diesen Gott überhaupt nichts Verlässliches wissen oder sagen kann.

2.   Die biblischen Wundergeschichten können nicht historisch sein!

Eine 2. Konsequenz ist: Wenn Gott nicht wundersam in die Weltgeschichte eingreift, dann können die biblischen Wundergeschichten nicht historisch sein. Entsprechend äußert Prof. Lindemann im Spiegel-Interview: „Ich halte es für ausgeschlossen, dass Jesus die …  genannten Wunder getan hat. Solche Erzählungen gab es damals auch über andere große Männer.“

Was ist die Konsequenz dieser Annahme? Wenn die biblischen Wundergeschichten nicht geschehen sind, dann ist die Kernaussage des Johannesevangeliums, dass die Wunder Jesus als Messias ausweisen, falsch: „Noch viele andere Zeichen tat Jesus vor seinen Jüngern, die nicht geschrieben sind in diesem Buch. Diese aber sind geschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes.“ (Joh. 20, 31)

Als Johannes, der Täufer, Zweifel bekam, ob Jesus wirklich der Messias ist, schickte er aus dem Gefängnis heraus seine Jünger zu Jesus und ließ ihn fragen: Bist du der, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten? Die Antwort Jesu unterstreicht, wie entscheidend wichtig die Wunder dem Evangelienschreiber sind: „Geht hin und sagt Johannes, was ihr hört und seht: Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf.“ (Luk. 7, 22) Jesus machte also deutlich: Gerade diese Wunder sind es, die Jesus als den von den Propheten angekündigten Messias ausweisen.

Eine weitere Konsequenz ist deshalb: Wenn die biblischen Wundergeschichten nicht geschehen sind, dann sind die biblischen Texte insgesamt nicht vertrauenswürdig, weil sie selbst viele Wundergeschichten eindeutig als historische Geschehnisse einstufen. Oft wird zwar behauptet, es sei für den Glauben und die theologische Aussage der biblischen Texte nicht relevant, ob diese Wunder wirklich passiert sind oder ob diese Geschichten als Gleichnisse zu verstehen sind. Die Texte selbst machen aber immer wieder deutlich, dass sie tatsächlich historisch verstanden werden wollen. Und die Tatsächlichkeit der Wunder ist ein wesentlicher Teil ihrer theologischen Aussage! Deshalb werden die Texte zwangsläufig unglaubwürdig, wenn die Wunder nicht wirklich geschehen sind. Und deshalb wird auch die theologische Aussage der Texte ausgehöhlt, wenn man mit der historischen Tatsächlichkeit der Wunder nicht rechnen möchte. Besonders dramatisch wirkt sich das bei der Auferstehung Jesu aus:

3.   Jesus kann nicht leiblich von den Toten auferstanden sein!

Wenn Gott nicht in die Geschichte eingreift, dann kann Jesus auch nicht leiblich von den Toten auferstanden sein. Zumindest in der praktischen Forschung müssen Theologen dann von natürlichen Ursachen für die Entstehung des Osterglaubens ausgehen. Aber welche Ursachen könnten das sein? Die Jünger könnten Visionen oder Halluzinationen gehabt haben. Sie könnten sich selbst etwas eingeredet haben. Oder sie könnten ihr Festhalten an den Ideen und den Lehren Jesu mit dem Bild von der Auferstehung verknüpft haben.

Solche Theorien haben lange Zeit breiten Raum in der Theologie eingenommen. Conzelmann und Lindemann schreiben dazu: „Die immer wieder diskutierte Frage, ob die Auferstehung Jesu ein „historisches Ereignis“ sei, ist von vornherein abzuweisen.“ (S. 524) Im Spiegel-Interview wird Prof. Lindemann noch deutlicher: „Man würde auf dem Film die von Paulus erwähnten Menschen (die den Auferstandenen gesehen haben), vielleicht ihre Reaktionen, aber gewiss kein filmisch wahrnehmbares Gegenüber sehen.“

Wichtig ist, festzuhalten: Solche Theorien wurden nicht etwa aus einer genaueren Analyse der biblischen Texte abgeleitet, denn diese geben solche Deutungen ganz sicher nicht her. In den biblischen Ostergeschichten haben die Jünger Jesus angefasst. Sie haben mit ihm gesprochen. Sie haben mit ihm zusammen gegessen. Sie haben vom leeren Grab berichtet. Wenn Theologen trotz dieser absolut eindeutigen Texte zu dem Schluss kommen, die Auferstehung wäre nur eine Vision gewesen, dann steht dahinter besonders offenkundig die außerwissenschaftliche Denkannahme, dass es so etwas wie eine Auferstehung von den Toten aus biologischen Gründen eben nicht geben kann.

Die Konsequenz für den christlichen Glauben ist dramatisch. Denn wenn das Grab nicht leer war, verliert die christliche Auferstehungshoffnung im Kern ihre Basis. Die Bibel macht den Gläubigen ja ebenfalls Hoffnung auf eine eigene Auferstehung. Dabei gründet sie die Auferstehungshoffnung für die Christen auf die Auferstehung Jesu! Wie sollen wir auf unsere eigene Auferstehung hoffen, wenn Paulus schon in Bezug auf die Auferstehung Jesu geirrt hat? Entsprechend spricht Paulus dann auch Klartext, wenn er sagt: Wenn Jesus nicht auferstanden ist, „dann ist euer Glaube nutzlos …, dann lasst uns Feste feiern und uns betrinken, denn morgen sterben wir!“ (1. Korinther 15, 17+32) Die Auferstehungshoffnung stand von Beginn an im innersten Zentrum des christlichen Glaubens. Sie hat dazu geführt, dass sich das Christentum trotz massiver Verfolgung so rasant ausbreiten konnte. Wer die Botschaft vom leeren Grab durchstreicht, streicht die christliche Hoffnungsbotschaft im Kern durch.

4.   Es wird nicht mit vorhersagender Prophetie gerechnet!

Wenn Gott nicht in die Geschichte eingreift, dann gibt es auch keine vorhersagende Prophetie. So schreiben Conzelmann und Lindemann zum Beispiel: „Ebenso wie Matthäus (und wohl auch Markus) ist Lukas jedenfalls nach 70 verfasst worden; in Lk. 21,10 ist unmissverständlich auf die Belagerung Jerusalems am Ende des Jüdischen Krieges und auf die Zerstörung der Stadt angespielt.“ (S. 343) Die Autoren befassen sich in diesem Abschnitt mit der Frage: Wann sind eigentlich die Evangelien verfasst worden? Und ihre Argumentation lautet: Im Lukasevangelium spricht Jesus von der Belagerung und Zerstörung Jerusalems und des Tempels. Das ereignete sich im Jahr 70 nach Christus. Deshalb – so die Schlussfolgerung – müssen die Evangelien nach 70 nach Christus geschrieben worden sein. Denn erst da wusste man ja von dieser Zerstörung.

Dieses Argument ist für Conzelmann und Lindemann so stark, dass andere Argumente für eine frühere Entstehung der Evangelien gar nicht erst diskutiert werden: Denken wir nur an die Apostelgeschichte, die ganz plötzlich noch zu Lebzeiten des Paulus endet. Paulus starb etwa Mitte der 60iger Jahre den Märtyrertod. Warum hört die Apostelgeschichte vorher auf? Warum schrieb Lukas zwar ausführlich über den Märtyrertod von Stephanus, während er den Tod von Paulus und Petrus mit keinem Wort erwähnt? Warum kommt insgesamt die Zerstörung Jerusalems und des Tempels abgesehen von diesen prophetischen Ankündigungen nirgends vor im Neuen Testament? Dazu muss man sich vor Augen führen: Die Zerstörung des Tempels war sicher ein extrem traumatisches Erlebnis für alle Juden. Dass dieses Ereignis nirgends erwähnt wird ist eigentlich ein mächtiges Argument für eine frühere Datierung. Aber das zählt natürlich nicht, wenn man die Denkvoraussetzung hat, dass es vorhersagende Prophetie nicht gibt.

Aber der Ausschluss vorhersagender Prophetie hat noch mehr dramatische Konsequenzen: Wenn es keine biblischen Vorhersagen gibt, dann sind etwa 30 % der biblischen Texte eine Vorspiegelung falscher Fähigkeiten. Die Bibel ist schließlich voll von Prophetien und Vorhersagen und von der Behauptung, dass Vorhersagen sich tatsächlich erfüllt haben. Sie warnt sogar selbst vor falschen Propheten, die nur vortäuschen, etwas über die Zukunft zu wissen (z.B. 5. Mose 18, 22). Wenn aber die biblischen Propheten selbst nichts über die Zukunft wussten und zugleich vor falschen Propheten gewarnt haben, die nichts über die Zukunft wissen, dann müssten wir ihnen einen äußerst fragwürdigen Charakter unterstellen.

Eine weitere Konsequenz aus der Ablehnung vorhersagender Prophetie ist, dass die biblischen Texte erst spät nach den prophezeiten Ereignissen entstanden sind oder zumindest nachträglich manipuliert wurden. In der Folge sind dann auch die Evangelien keine Augenzeugenberichte mehr, weil sie erst viele Jahrzehnte nach Jesu Tod aufgeschrieben wurden. Die Konsequenz daraus ist, dass die Evangelien nicht den historischen Jesus zeigen sondern nur die Vorstellungen der urchristlichen Gemeinde über Jesus beschreiben. Prof. Lindemann sagt dazu im Interview: Dass es sich bei den Evangelien um Lebensbeschreibungen Jesu handelt, wird „seit Jahrzehnten von keinem ernst zu nehmenden Exegeten mehr behauptet.“ Ganz offenkundig handelte es sich bei dieser Sichtweise also nicht etwa um eine Außenseiterposition sondern vielmehr um den Mainstream in der universitären Theologie. Aber wie können wir einem Jesus vertrauen, von dem wir nichts Verlässliches wissen, weil die einzigen Aufzeichnungen über ihn religiös ausgeschmückte, verfälschte Geschichten sind? Ich könnte das jedenfalls nicht. Und ich habe Verständnis, dass viele Zeitgenossen in Bezug auf die Bibel abschalten und aus der Kirche austreten, wenn sie solche Äußerungen von Theologen hören.

Angesichts derart dramatischer Konsequenzen für den christlichen Glauben und die Kirche stellt sich umso mehr die Frage:

Hat sich der methodische Naturalismus in der Bibelwissenschaft bewährt?

Anders gefragt: Hat es sich denn gelohnt, diesen hohen Preis in der Theologie zu bezahlen? Eine gute wissenschaftliche Theorie zeigt sich ja daran, dass sie sich mit der Zeit verfestigt, dass sie immer stabiler wird, dass sie Vorhersagen machen kann, die dann auch tatsächlich eintreffen und dass unterschiedliche Wissenschaftler bei der Erforschung des gleichen Gegenstands zu den gleichen Schlüssen kommen. Ist das so in der universitären Bibelwissenschaft? Können wir das beobachten in der vom methodischen Naturalismus geprägten Theologie? Haben wir heute mehr Klarheit darüber, worin die Botschaft der Bibel besteht und wie ihre Texte auszulegen sind? Haben wir mehr Klarheit, was eigentlich das Evangelium ist und was im Zentrum der christlichen Botschaft steht? Und haben wir heute ein genaueres Bild vom historischen Jesus und von dem, was Jesus wirklich gelehrt und verkündigt hat? Sah Jesus sich selbst als Messias oder nicht? Wollte er eine Kirche gründen oder nicht? War Maria wirklich Jungfrau? War sein Tod ein bewusstes, stellvertretendes Sühneopfer oder war Jesus einfach ein Opfer der römischen Justiz? Ist Jesus wirklich auferstanden? Oder haben die Jünger nur Visionen gesehen? War das Grab wirklich leer? All das sind ja keine Randthemen des christlichen Glaubens. Und doch ist die Vielfalt an Meinungen zu allen diesen Themen und Fragestellungen fast unübersehbar. Der Theologe Prof. Heinzpeter Hempelmann schrieb deshalb:

„Wenn die Anwendung eines methodischen Instrumentariums bei der Auslegung biblischer Texte zu völlig unterschiedlichen und sogar gegensätzlichen Ergebnissen führt, gibt dies …  Anlass zur Rückfrage nach der Stringenz des Methodenkanons. … Christlicher Glaube und christliche Kirche haben seit nunmehr fast 2000 Jahren sehr genau gewusst, wovon im Neuen und Alten Testament die Rede ist, und genau dies hat diese religions-geschichtlich einzigartige Bewegung zur Bewegung gemacht und bis heute in Bewegung gehalten. Wenn wir dies heute mit unseren Methoden nicht mehr einzuholen wissen, … wenn neutestamentliche Exegese nicht mehr sagen kann oder will, wer der Jesus des Neuen Testamentes historisch ist, dann ist das bezeichnend für heutige Wissenschaft vom Neuen Testament.“[4]

Wenn Prof. Hempelmann mit dieser Aussage recht hat, dann müssten wir eigentlich konsequenterweise sagen: Nein, das spricht nicht dafür, dass die moderne historisch-kritische Methode ein erfolgreicher wissenschaftlicher Ansatz ist. Das wäre ein guter Grund, diesen methodischen Ansatz in Frage zu stellen, weil er keine stabilen Ergebnisse zu den zentralen Fragen der Bibelauslegung liefern kann.

10 Argumente für die Glaubwürdigkeit, Verlässlichkeit und Offenbarungsqualität der Bibel

Eine weitere Konsequenz des methodischen Naturalismus in der Theologie ist, dass Argumente für die Glaubwürdigkeit, Verlässlichkeit und Offenbarungsqualität der Bibel gar nicht erst diskutiert werden. Wer schon vor Beginn seiner Forschung die Vorentscheidung getroffen hat, dass es keine Wunder und keine Offenbarung gibt, der braucht sich mit Argumenten für die Historizität der Wunder und der Offenbarungsqualität der Bibel erst gar nicht auseinandersetzen. Denn das wäre ja unwissenschaftlich. Wie Schade! Denn in Wahrheit gibt es phantastische Argumente dafür, dass die Bibel tatsächlich ein Wunder göttlicher Offenbarung ist. 10 dieser Argumente wollen wir nun genauer betrachten:

1.   Die einzigartige Überlieferungs­qualität

Die ältesten Abschriften bekannter antiker Texte wie z.B. die Annalen von Tacitus oder die Ilias von Homer sind mindestens 400 Jahre jünger als das Original. Oft ist die Zeitdifferenz zwischen der Abfassung der Texte und der ältesten erhaltenen Abschrift noch viel größer. In allen Fällen haben wir nur relativ wenige historische Abschriften.

Beim Neuen Testament sieht das vollkommen anders aus. Die ältesten Abschriften, die wir heute noch besitzen, sind nur etwa 60 Jahre nach den Originalen entstanden. Dazu kommt: Es gibt ganze Berge von antiken Zeugnissen! Wir verfügen heute über ca. 5700 griechische Handschriften. Dazu kommen Übersetzungen ins Lateinische und in andere Sprachen sowie zahllose Zitate in antiken Schriften.

Das heißt: Die Qualität der Überlieferung des Neuen Testaments spielt im Vergleich zu allen anderen antiken Schriften in einer ganz eigenen Liga! Kein anderes Dokument ist auch nur annähernd so verlässlich überliefert wie das Neue Testament.

An der Universität Münster werden alle diese Textzeugnisse genau ausgewertet mit dem Ziel, einen möglichst genauen Urtext zu rekonstruieren. Das Zwischenergebnis ist: 99,9 % des Textes hat sich als absolut zuverlässig erwiesen! Der Projektleiter Prof. Holger Strutwolf sagt: „Insgesamt ist die Überlieferung der Bibel sehr gut und sehr treu. In den theologischen Punkten gibt es unter den Abertausenden Handschriften kaum Abweichungen.“ [5] Anders ausgedrückt: Wir können uns darauf verlassen, dass das, was wir heute lesen, tatsächlich das ist, was die biblischen Autoren damals geschrieben haben!

2.   Die Texteigenschaften authentischer Augenzeugenberichte

Die sehr gute Qualität der Überlieferung muss allerdings noch nicht heißen, dass ihre Inhalte zuverlässig sind. Haben sich die biblischen Autoren vielleicht nur lückenhaft erinnert, vieles verdreht und verwechselt?

Dagegen sprechen einige Eigenschaften des Textes im Neuen Testament, die darauf hindeuten, dass hier tatsächlich Augenzeugen geschrieben haben. Besonders eindrücklich ist die korrekte Häufigkeit der Namen und die richtige Namensverteilung in den Evangelien. Die Verwendung von Namen war schon immer eine Frage des Geschmacks, der einem starken Wandel unterlag. Durch die Auswertung von Gräbern konnte inzwischen recht gut rekonstruiert werden, welche Namen zur Zeit des Neuen Testaments besonders in Mode waren: 15,6 % aller Männer trugen die 2 häufigsten männlichen Namen Simon und Joseph. 28 % aller Frauen hießen entweder Maria und Salome. Dieser Befund deckt sich sehr genau mit der Häufigkeit der Namen im Neuen Testament. Besonders erstaunlich ist: Der Vergleich der 9 häufigsten Männernamen der damaligen Zeit mit den 9 häufigsten Männernamen im Neuen Testament deckt sich das sogar ganz hervorragend.

Das ist deshalb so bedeutsam, weil man eine genaue Namensverteilung Jahrzehnte später nicht mehr rekonstruieren kann. Ganz offenkundig haben hier also Leute geschrieben, die genau wussten, wie die Leute, die in den Geschichten vorkamen, tatsächlich hießen.

Das gleiche gilt für die zahlreichen Ortsnamen, die wir in den Evangelien finden. Interessant ist dabei der Vergleich mit den apokryphen Evangelien: Dort kommen Ortsnamen nämlich kaum vor! Das zeigt: Ortsnamen verwendet man nur, wenn man sich wirklich auskennt. Leute, die einen Bericht sehr viel später verfassen, können sich an solche Details ganz offenkundig nicht mehr erinnern.

Darüber hinaus enthält das Neue Testament zahlreiche korrekte historische Angaben. Prof. Puolimatka zitiert dazu den Forscher Colin Hemer, der die Kapitel 13 – 28 der Apostelgeschichte auf historisch überprüfbare Angaben ausgewertet hat. Im Ergebnis konnte Hemer in den 16 Kapiteln 84 korrekte historische Angaben nachweisen.[6] Das zeigt: Hier schreibt jemand, der wirklich dabei gewesen ist und entweder selbst Augenzeuge war oder aber seine Berichte auf Basis von Augenzeugenberichten erstellt hat, so wie Lukas das ja auch selbst von seinen Berichten behauptet hat.[7]

3.   Der enorme Erfolg in der Zeit und der Region der Augenzeugen

Es ist relativ einfach, wilde Geschichten über Ereignisse in weit entfernten Regionen in längst vergangenen Zeiten zu verbreiten, weil sie von niemand überprüft werden können. Ganz anders ist das bei Berichten über Ereignisse, die in der eigenen Zeit und der eigenen Region stattgefunden haben. Trotz dieser Überprüfbarkeit haben sich die biblischen Berichte in der Zeit und der Region der Augenzeugen extrem schnell ausgebreitet. Der römische Geschichtsschreiber Tacitus berichtet, dass Kaiser Nero bereits im Jahr 64 nach Christus den Christen den Brand Roms in die Schuhe geschoben hat. Das heißt: Trotz fehlender Kommunikations- und Verkehrsmittel hatte sich die christliche Botschaft bereits 30 Jahre nach Jesu Tod bis ins weit entfernte Rom derart erfolgreich ausgebreitet, dass Nero sich genötigt fühlte, dieser neuen Religion einen kräftigen Dämpfer zu verpassen!

Der Althistoriker Dr. Jürgen Spieß berichtet, dass es unter Historikern völlig unbestritten ist, dass sich das Leben der Nachfolger Jesu in einem unglaublichen Ausmaß umgekrempelt hat. Bei sehr vielen Menschen gab es ganz offenkundig einen drastischen Bruch mit fest verankerten Traditionen. Besonders erstaunlich ist die Tatsache, dass so viele streng monotheistische Juden plötzlich begannen, den gekreuzigten Jesus als Gott anzubeten! Damals hatte Tradition eine sehr viel stärkere Bindungskraft als heute. Für einen derart drastischen Traditionsbruch fehlt bis heute jede natürliche Erklärung![8]

4.   Die extreme Opferbereitschaft der Zeugen

Der Geschichtsschreiber Tacitus berichtet eindrücklich von der grausamen Christenverfolgung in Rom: „Nero gab denen, die … das Volk Christen nannte, die Schuld und belegte sie mit den ausgesuchtesten Strafen. … In Felle wilder Tiere eingenäht wurden sie von Hunden zerfleischt oder mussten ans Kreuz geschlagen und angezündet nach Einbruch der Dunkelheit als nächtliche Beleuchtung brennen.“

Der Bericht von Tacitus ist nur einer von vielen Belegen, die zeigen: Die erste christliche Generation war einem brutalen Verfolgungsdruck ausgesetzt. Die meisten der Jünger Jesu starben den Märtyrertod. Der jüdische Geschichtsschreiber Josephus berichtet, dass auch Jakobus, der leibliche Bruder Jesu, der die Gemeinde in Jerusalem mit geleitet hat, den Märtyrertod für seinen Glauben an Jesus starb. Ist eine derartige Opferbereitschaft überhaupt denkbar, wenn Jesus nicht tatsächlich sichtbar auferstanden ist?

Die Jünger Jesu (und erst recht sein leiblicher Bruder Jakobus) wussten genau, ob die Botschaft von der Auferstehung stimmt oder ob es sich um eine Lüge handelt. Diese Menschen haben nicht nur ihr Leben umgekrempelt, sie haben nicht nur ihre Tradition über Bord geworfen, sie waren auch noch bereit, für diese Botschaft in den Tod zu gehen. Kann man all das wirklich durch eine Lüge oder durch einen psychologischen Effekt erklären?

5.   Das ungewöhnliche, unpopuläre Gottesbild

Zumal man eine Lüge normalerweise nur dann in die Welt setzt, wenn man sie für erfolgversprechend hält und man sich von ihr einen Vorteil verspricht. Aber was für ein Vorteil sollte das bei der Botschaft der ersten Christen gewesen sein? Ihre Botschaft war doch extrem seltsam: Ein göttlicher König, der weitgehend unbemerkt bei unbedeutenden Leuten in einem Stall geboren und dann am Kreuz ermordet wird. Im 5. Mose 21, 23 ist zu lesen: „Ein [am Holz] Aufgehängter ist verflucht bei Gott.“ Der Kreuzestod wurde in der damaligen Kultur so verachtet, dass es bis zum 4. Jahrhundert gedauert hat, bis das Kreuz zunehmend zum Symbol der Christen wurde. Es ist somit kein Wunder, dass Paulus schrieb: „Wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit.“ (1. Kor. 1, 23) Die Botschaft vom gekreuzigten Gott war also alles andere als attraktiv! Sie war im Gegenteil eine Provokation und ein Ärgernis. Und trotzdem war sie unfassbar erfolgreich, so dass reihenweise Menschen bereit waren, für diese Botschaft zu sterben. Wie kann man sich das erklären außer dadurch, dass die Ereignisse, die im neuen Testament geschildert werden, wirklich geschehen sind und dass Jesus wirklich von den Toten auferstanden ist?

6.   Die drastische Ehrlichkeit und
fehlende Idealisierung

Geschichtsschreiber wurden in der Antike oft von Herrschern beauftragt oder zumindest streng kontrolliert. Deshalb wurden viele Herrscher zu Helden oder gar zu Göttern verklärt. Deshalb wurden viele Herrscher zu Helden oder gar zu Göttern verklärt. Dazu wurde die eigene Nation oft heroisiert und so dargestellt, als wäre ihre Geschichte voll von ruhmreichen Heldentaten. Wir kennen das auch von heutigen Diktatoren. Nicht so in der Bibel! In ihr finden wir keine idealisierten Überflieger. In ihr finden wir nur Menschen mit Stärken und Schwächen.

Selbst die größten Helden der biblischen Geschichte blamieren sich reihenweise bis auf die Knochen: Noah hat sich betrunken. Abraham, der Vater des Glaubens, hat seine Frau mehrfach feige im Stich gelassen. Die Karriere Jakobs, des Namensgebers Israels, basierte auf einem Betrug. Mose war ein Mörder. Das Volk Israel war glaubensschwach und untreu. König David war ein Ehebrecher und Mörder. Der weise König Salomo betete Götzen an. Petrus hat Jesus verleugnet. Paulus hat sich mit Barnabas und Petrus zerstritten…

Besonders auffällig: Frauen waren die ersten Zeugen der Auferstehung! Das ist bemerkenswert, denn das Zeugnis von Frauen galt damals als wertlos.[9] Wer seine Mitmenschen von der Auferstehung überzeugen wollte brauchte also Männer als Zeugen. Und wer Andere von der Autorität und dem Vorbildcharakter eines Abraham, Jakob oder Petrus überzeugen will, braucht Helden statt Versager. Trotzdem ist die Bibel durchgängig ehrlich und realistisch. Sie hat diesen einzigartigen Klang der Wahrheit, der sie von allen Epen und Heldengeschichten unterscheidet.

7.   Die durchgängige Geschichte

Die Bibel besteht aus 66 Büchern. Sie wurde von mindestens 40 Autoren verfasst, die über einen Zeitraum von etwa 1600 Jahren in völlig verschiedenen Kulturen gelebt haben. Trotzdem enthält die Bibel eine durchgängige, sich immer weiter entfaltende Geschichte. Sie beginnt damit, wie die Beziehung zwischen Gott und Menschen zerbricht. Und sie endet damit, wie diese Beziehung wiederhergestellt wird und Gott wieder bei den Menschen wohnt. Durchgängig schildert die Bibel diesen heiligen und zugleich liebenden Gott, der alles dafür tut, um die Beziehung zu den Menschen wiederherzustellen. Schon auf den ersten Seiten beginnen die Hinweise auf einen geheimnisvollen Nachkommen Evas, der zwar von der Schlange gebissen, ihr aber den Kopf zertreten wird. (1. Mose 3, 15) Danach folgt die Bibel durchgängig immer dieser einen Abstammungslinie, die schlussendlich zu Jesus führt.

Insgesamt finden sich etwa 63.000 Querverweise in der Bibel. Grafisch dargestellt wird deutlich: Die Bibel ist ein Gesamtkunstwerk, in dem jeder Text mit vielen anderen Texten verknüpft ist. Die große Frage ist: Wer hat in diesem Buch die Regie geführt? Wer hat den roten Faden durch dieses Buch gelegt? Wer hat darauf geachtet, dass alle 40 Autoren an dieser einen Geschichte weiterschreiben?

8.   Die zahllosen erfüllten Vorhersagen

Die Bibel ist ein Buch, das ein gewaltiges Risiko eingeht. Etwa 30 % der biblischen Texte enthalten prophetische Vorhersagen für die Zukunft. Zugleich wird immer wieder gewarnt: Wenn Vorhersagen nicht eintreffen, dann müssen die Propheten verworfen werden. Es ist höchst gefährlich, solche Texte zu schreiben, wenn man die Zukunft nicht wirklich vorhersehen kann. Die Bibel ist dieses Risiko eingegangen. Und das Gewaltige ist: Tatsächlich haben sich zahllose Vorhersagen der Bibel buchstäblich erfüllt:

Der Prophet Jesaja sagte nicht nur voraus, dass der Tempel zerstört wird, sondern auch, dass er später wieder aufgebaut wird. Er nannte sogar den Namen des Herrschers Kyrus, der diesen Wiederaufbau voranbringen wird (Jes. 44, 28).

Der Prophet Daniel sagte die nach ihm kommenden 4 Weltreiche voraus. Über Jesus gibt es zahlreiche Vorhersagen: Die Geburt in Betlehem (Micha 5, 1), die Abstammung aus dem Stamm Juda (1. Mose 49, 10), der Einzug in Jerusalem auf einem Esel (Sacharja 9, 9) sowie viele Details und sogar der Zeitpunkt der Kreuzigung (Psalm 22, Jesaja 53, Daniel 9, 24-27[10]).

Dass es viele korrekte Vorhersagen in der Bibel gibt, ist weitgehend unbestritten. Deshalb wird seit langem diskutiert, ob entweder die Texte oder aber die spätere Geschichte nachträglich manipuliert wurden. So könnten z.B. die Evangelisten behauptet haben, dass Jesus in Bethlehem von einer Jungfrau geboren wurde, damit es gut zu den prophetischen Vorhersagen passt – obwohl Jesus eigentlich in Nazareth geboren worden war. Die Frage ist nur: Ist das glaubwürdig? Hat zum Beispiel Jakobus, der leibliche Bruder Jesu und Leiter der Gemeinde in Jerusalem, wirklich die Behauptung des Geburtsorts Bethlehem mitgetragen, obwohl er genau wusste, dass das gar nicht stimmt? Haben die jüdischen Schriftgelehrten, denen doch eine ausgeprägte Ehrfurcht vor ihren heiligen Texten nachgesagt wird, wirklich regelmäßig und in großem Umfang die Texte der Propheten manipuliert, um nachträglich den Anschein zu erwecken, dass es sich um korrekte Vorhersagen handelt?

Besonders schwierig zu erklären sind die Vorhersagen, die die Bibel für die Neuzeit gemacht hat. Schon in den Mosebüchern lesen wir erstaunliche Vorhersagen über das Volk Israel: Das Volk würde unter alle Nationen zerstreut und dort verfolgt werden (5. Mose 28, 64-65, 3. Mose 26, 38). In der Zeit des Alten Testaments ist Israel zwar verschleppt worden. Aber die Zerstreuung unter alle Nationen begann tatsächlich erst im 1. Jahrhundert nach Christus. Seither gab es kein Volk, dass durch alle Zeiten hindurch und in allen Kulturen so irrational gehasst und verfolgt worden ist wie die Juden, so dass fast jedes Kind den Fachbegriff kennt für diesen Hass: Antisemitismus. Für welches andere Volk kennen wir einen solchen Begriff?

Am unglaublichsten aber ist sicher die vielfache biblische Vorhersage, dass die Juden aus allen Ecken der Welt wieder in ihr Land zurückkehren werden (Hes. 11,17; 36,13; Jes. 43,5-6; Jer. 16,14-15). Viele Jahrhunderte lang schien die Erfüllung dieser Vorhersagen undenkbar. Aber seit dem Ende des 19. Jahrhunderts geschieht es vor unseren Augen: Die Juden kehren in ihr Land zurück aus allen Ländern der Welt. Wir müssen uns klar machen, was da geschehen ist: Ein Volk, das 2000 Jahre lang in alle Welt verstreut ist, behält trotzdem seine Kultur und seine Identität und kehrt dann wieder zurück in sein Land. Das ist ein absolut einmaliger Vorgang der Weltgeschichte. Die Bibel hat genau das schon vor mehr als 2.000 Jahren vielfach angekündigt.

Jesus hat zudem angekündigt, dass seine Worte nie vergehen (Lukas 21,33) und in aller Welt gepredigt werden (Matth. 24,14) – eine extrem gewagte Ankündigung für einen Wanderprediger in einem unbedeutenden Land, der seine Worte nicht einmal aufgeschrieben hat. Heute ist die Bibel tatsächlich das mit großem Abstand am weitesten verbreitete und am meisten übersetzte Buch der Welt. Wir stehen kurz davor, dass buchstäblich jedes Volk der Erde die Worte Jesu in seiner Sprache hören kann. Können das denn wirklich alles Zufälle sein?

9.   Das zutreffende Welt- und Menschenbild und die wegweisende Ethik

Die Bibel liefert insgesamt ein Weltbild, das den Test der modernen Wissenschaft hervorragend bestanden hat! Sie sagt voraus, dass wir bei der Erforschung der Welt immer mehr natürliche Erklärungen für die Naturphänomene finden werden, weil das Geschaffene nicht göttlich ist und somit nach festen Gesetzen funktioniert. Aber sie sagt auch voraus, dass wir bei den Ursprungsfragen immer mehr Anzeichen von Design und bewusster Planung finden werden, weil die Welt von Gott geschaffen wurde. Tatsächlich können wir heute staunen über die extreme Feinabstimmung des Universums oder über extrem ausgeklügelte molekulare Maschinen. Je mehr Entdeckungen wir machen, umso mehr bestätigen sich die biblischen Vorhersagen.[11]

Das gilt auch für das biblische Menschenbild. Die Bibel verleiht jedem Menschen zwar eine unveräußerliche Würde, zugleich schmiert sie uns Menschen aber auch keinen Honig um den Mund. Sie schildert sehr realistisch, dass der Mensch im Kern eben nicht gut, sondern unheilbar mit dem Bösen verstrickt ist (1. Mose 8,21; Röm. 3,12). Die Weltgeschichte hat diese Sichtweise durchgängig und eindrücklich bestätigt. Gesellschaftssysteme, die auf einen guten Kern im Menschen setzen (Sozialismus, Kommunismus) sind bislang immer krachend gescheitert. Erfolgreich waren hingegen Systeme, die auf dem menschlichen Egoismus aufbauen (Kapitalismus, soziale Marktwirtschaft) und in denen jeder Mensch, der Macht hat, effektiv kontrolliert wird (Demokratie).

Umso wertvoller sind die herausragenden biblischen Texte über Ethik und ein gelingendes menschliches Zusammenleben. Texte wie die 10 Gebote oder die Bergpredigt haben weltweit die Kulturen mehr geprägt als jedes andere Buch der Welt.

10.    Der Selbstanspruch, göttliche Offenbarung zu sein

Die Bibel ist voller Aussagen, dass in ihr nicht primär Menschen sprechen sondern Gott selbst. Jeremia schreibt zum Beispiel: „Der Herr sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.“ (Jer. 1,9) Ganz ähnlich äußert sich Paulus, wenn er sagt: „Das Evangelium, das von mir gepredigt ist, ist nicht von menschlicher Art … sondern eine Offenbarung Jesu Christi.“ (Gal. 1,11-12) Diese extrem steilen Selbstbehauptungen führen zu einer großen Frage:

Die Bibel: Was ist das eigentlich?

Ist die Bibel einfach eine Sammlung inspirierender Berichte über religiöse Erfahrungen und Ideen? Sind das kluge Lehren über Gott und Moral? Tatsache ist: Genau das wollen die biblischen Texte ausdrücklich nicht sein! In der Welt gibt es viele religiöse Erfahrungsberichte und interessante Abhandlungen über religiöse Themen. Aber dieses Buch hat den Anspruch, eine Offenbarung Gottes zu sein! Wenn jemand seine Lehre oder seine Erfahrungen mit diesem Anspruch verknüpft, dann müssten wir doch eher sagen: So ein Text muss ein Werk von Lügern oder die Phantasie von religiösen Schwärmern sein. Aber passt diese These zu den Eigenschaften der biblischen Texte? Denken wir an die wegweisende Ethik, das zutreffende Welt- und Menschenbild, die vielen erfüllten Vorhersagen, die extreme Opferbereitschaft der Zeugen, die extreme Ehrlichkeit der biblischen Texte… Nein, hier waren keine Lügner und auch keine Schwärmer am Werk. Die Inhalte und Eigenschaften der Texte sprechen vollkommen dagegen.

Aber was ist die Bibel dann? Es bleibt nur eine Möglichkeit: Die Bibel ist das, was sie selbst behauptet zu sein: Gottes offenbartes Wort. Tatsächlich bezeugen Menschen in der ganzen Welt: Dieses Buch verändert Leben. Es verändert ganze Kulturen.[12] Wir haben wirklich allen Grund, diesem Buch unser Vertrauen zu schenken, unser Leben und unsere Gesellschaft darauf aufzubauen.                                 n

____________________________________________________________________

Dr. Markus Till, veröffentlicht im April 2020

Die Inhalte dieses Artikels wurden zunächst für einen Vortrag erarbeitet, der am 1.11.2019 auf einer Tagung des deutschen christlichen Technikerbunds (DCTB) gehalten wurde.

Weiterführend zu diesem Thema sind im AiGG-Blog (blog.aigg.de) folgende Artikel erschienen:

[1] Sehr empfehlenswert dazu ist der Worthausvortrag von Prof. Peter Wick „Das Mys­te­ri­öse – Von der rationalen Wunderkritik über den postmodernen Wunderglauben zurück zu Jesus“

[2] Tapio Puolimatka, „Glaube, Naturwissenschaft und Bibel“, Ruhland-Verlag, 2018, S. 28

[3] „Ist Jesus dem Glauben im Weg“, Der Spiegel, 13.12.1999

[4] In: „Was heißt christlicher Glaube? Reflexionen über einen ebenso notwendigen wie unmöglichen Begriff“, in: Theologische Beiträge 44 (2013) 4/5, S.

185–201, hier: S. 197.

[5] Nähere Informationen dazu im AiGG-Artikel „Meister der Überlieferung“(blog.aigg.de/?p=1924)

[6] In T. Puolimatka: „Glaube, Wissenschaft und die Bibel“, Ruhland-Verlag 2018, S. 486 ff.

[7] Lukas 1, 1-4; Man beachte dazu auch die Passagen der Apostelgeschichte, die in „Wir-Form“ verfasst sind, z.B. Apg. 16, 10 ff.

[8] Siehe dazu z.B. den Vortrag von Dr. Jürgen Spieß: „Ein Althistoriker über die Glaubwürdigkeit des NT“

[9] So schrieb z.B. der jüdische Geschichtsschreiber Josephus: „Das Zeugnis der Frau ist nicht rechtsgültig wegen der Leichtfertigkeit und Dreistigkeit des weiblichen Geschlechts.“

[10] Siehe dazu den AiGG-Artikel: „Hat Daniel das Datum der Kreuzigung vorhergesagt?“ (blog.aigg.de/?p=2204)

[11] Siehe dazu der Vortrag von Markus Till: „Außerwissenschaftliche Vorannahmen – Denkvoraussetzungen von Wissenschaftlern und Theologen“

[12] Die kulturverändernde Kraft der Bibel wurde eindrücklich dargelegt vom Inder Vishal Mangalwadi in seinem „Buch der Mitte“.

Einheit zwischen Enge und Beliebigkeit

Wie wächst Einheit? Und was zerstört sie? Das sind entscheidende Zukunftsfragen für die Kirche Jesu. Unser Herr hat nicht nur intensiv für Einheit gebetet. Er hat zudem klar gestellt: Nicht nur unser Zusammenhalt, auch unsere evangelistische Strahlkraft hängt daran (Johannes 17, 21-23). Aber obwohl der Ruf nach Toleranz für mehr Einheit in Vielfalt scheinbar in aller Munde ist – es vergeht doch kaum eine Woche ohne Klagen über Risse, Gräben und Konflikte unter Christen. Könnte es sein, dass wir zu einseitig auf dieses wichtige Thema schauen? Tatsächlich macht die Bibel deutlich: Wenn wir wirklich Einheit wollen, dann müssen wir immer 3 Dinge im Blick behalten:

1. Es ist Christus, der Einheit schafft!

Toleranz schafft keine Einheit. Weite schafft keine Einheit. Echte Einheit kommt immer von Christus:

„Stattdessen lasst uns in Liebe an der Wahrheit festhalten und in jeder Hinsicht Christus ähnlicher werden, der das Haupt seines Leibes – der Gemeinde – ist. Durch ihn wird der ganze Leib zu einer Einheit.“ (Eph.4,15+16a)

Das bedeutet: Echte Herzenseinheit ist etwas Übernatürliches. Sie ist ein Geschenk, das wir aus uns selbst heraus nicht machen, nicht produzieren und deshalb auch nicht einfach so einfordern können. Einheit wächst, wenn wir zu Christus aufschauen. Christus als Fundament und als Haupt seines Leibes fügt die vielfältigen Glieder der Gemeinde zu einer Einheit zusammen.

2. Gottes Geist schützt uns vor Enge

Aber wie macht Jesus das? Bevor Jesus ging, hat er das Kommen seines Geistes angekündigt (Johannes 16, 7). Es ist dieser Geist, der…

… die Liebesbeziehung zum himmlischen Vater lebendig und kraftvoll werden lässt (Galater 4, 6) und „uns tief im Herzen bestätigt, dass wir Gottes Kinder sind.“ (Römer 8, 16) Dieses Wissen kann uns eine feste, gesättigte Identität verleihen. Als geliebte Königskinder sind wir sehr viel weniger anfällig dafür, unsere Identität aus einem einflussreichen Posten oder aus dem Beifall von Menschen zu nähren. Das macht gelassen und einheitsfähig.

… christusgemäße Früchte in uns wachsen lässt, die für harmonische Beziehungen unerlässlich sind: Liebe. Frieden. Geduld. Freundlichkeit. Güte. Treue. Sanftmut. (Galater 5, 22-23)

… uns unsere Schuld und unsere Fehlerhaftigkeit offenbart (Johannes 16, 8) und uns somit spüren lässt: Wir leben alle aus Gottes Gnade und Barmherzigkeit. Das macht demütig. Das hilft uns, auch anderen gegenüber gnädig und barmherzig zu sein. Das hilft uns, zu vergeben, so wie auch uns vergeben wurde.

… uns hilft, die Bibel mit den Augen des Autors zu lesen, damit biblische Lehre nicht menschlich verengt wird und damit Speziallehren nicht zu Spaltpilzen werden.

… uns hilft, die Gebote Jesu zu leben, die wir aus eigener Kraft niemals leben könnten. Eine geist-lose Kirche hat immer nur die Wahl, entweder liberal oder gesetzlich zu werden. Beides spaltet die Kirche gleichermaßen.

Deshalb sind wir unbedingt angewiesen auf diese geistgewirkte Verbindung zu Christus. Sie schützt uns vor der Enge, die unsere Einheit zerstört.

3. Gottes Wort schützt uns vor Beliebigkeit

Paulus sagt aber auch: Wir sollen „in Liebe an der Wahrheit festhalten und in jeder Hinsicht Christus ähnlicher werden.“ Was ist denn die Wahrheit? Wer und wie ist denn dieser Christus, dem wir immer ähnlicher werden sollen? Wie hat er gelebt? Was hat er getan? Was hat er gelehrt? Was denkt er darüber, wie wir leben sollen?

Unsere zentrale und letztlich einzige Informationsquelle zu diesen wichtigen Fragen ist die Bibel. Wenn alle Christen sich diesem biblischen Christus nähern, dann finden Sie automatisch auch immer näher zueinander – trotz aller Vielfalt an Prägungen, Erfahrungen, unterschiedlichen Schwerpunkten und trotz aller Unterschiede in Auslegungsdetails. Wenn aber die biblischen Texte selbst in Frage gestellt sind, dann können sie kein gemeinsamer Maßstab und keine gemeinsame Mitte mehr sein. Wenn wir meinen, dass die Bibel nur alte Erfahrungen enthält, die heute so nicht mehr gelten und die zudem nur mit bibelwissenschaftlichen Mitteln entschlüsselt werden können, dann verlieren wir die Offenbarungsqualität und die Klarheit der Schrift. Dann verirren wir uns in unterschiedliche, ja gegensätzliche Christusbilder.

Auch theologische Experten werden daran nichts ändern können, denn sie sind sich ja selbst nicht einig, wer und wie dieser Christus ist. Wenn die Bibel keine allgemeinverständlichen zeit- und kulturübergreifenden Wahrheiten enthält, dann gibt es für diese Grundlage der Kirche Jesu keinen Ersatz. Dann wird unser Bild von Christus subjektiv und beliebig. Dann wird die gute Nachricht, die die Kirche an Christi statt weitergeben soll (2. Kor. 5, 20), unklar und vielstimmig. Dann gibt es zur Frage nach der Aufgabe und Ausrichtung von Gemeinde keine Einigkeit mehr. Dann haben wir nicht einmal mehr eine gemeinsame Diskussionsbasis für das gemeinsame Ringen um einen „jesusmäßigen“ Kurs der Kirche Jesu. Dann verliert die Kirche ihre gemeinsamen Bekenntnisse, ihre gemeinsame Botschaft und ihre gemeinsame Ausrichtung. Dann fangen wir in unseren Gemeinschaften an, in völlig verschiedene Richtungen zu ziehen. Dann lähmt und spaltet sich die Kirche selbst.

Deshalb sind wir unbedingt angewiesen auf dieses feste Vertrauen in die Verlässlichkeit und Gültigkeit der heiligen Schrift als das zuverlässige Wort Gottes, das unser gemeinsamer Maßstab für alle Fragen des Glaubens und des Lebens ist. Das schützt uns vor der Beliebigkeit, die unsere Einheit zerstört.

Unsere Einheit steht auf 2 Beinen: Gebet und Gottes Wort

Als die Gemeinde in Jerusalem wuchs und es dadurch immer mehr organisatorische Aufgaben zu bewältigen gab, trafen die Apostel eine kluge Entscheidung:

„Wählt unter euch sieben Männer mit gutem Ruf aus, die vom Heiligen Geist erfüllt sind und Weisheit besitzen. Ihnen wollen wir die Verantwortung für diese Aufgabe übertragen. Auf diese Weise haben wir Zeit für das Gebet und die Verkündigung von Gottes Wort.“ (Apostelgeschichte 6, 3-4)

Die Apostel wussten genau, was die beiden entscheidenden Faktoren sind, um diese schnell wachsende, extrem bunte und vielfältige Truppe zusammen zu halten: Zum einen die praktisch gelebte Beziehung zu Jesus Christus im Gebet und in der Anbetung. Und dazu die gesunde Lehre (Titus 1, 9) der Propheten und der Apostel, die wir heute in geschriebener Form in der Bibel finden. Genau das bildet auch für Paulus das entscheidende Fundament für die Kirche Jesu:

„Wir sind sein Haus, das auf dem Fundament der Apostel und Propheten erbaut ist mit Christus Jesus selbst als Eckstein.“ (Epheser 2, 20)

Natürlich ist Gebet und Gottes Wort ist nicht alles. Zum erfolgreichen Gemeindebau gehört noch sehr viel mehr. Aber ohne Gebet und Gottes Wort ist alles nichts. Der geistgewirkte Fokus auf Jesus Christus, der durch Gebet und Gottes Wort jeden Tag praktisch gefördert wird, ist und bleibt die entscheidende Grundlage für unsere Einheit und evangelistische Ausstrahlung.

Lassen Sie uns gemeinsam diese Einheit suchen. Oder besser formuliert: Lassen Sie uns gemeinsam Jesus Christus suchen im Gebet und in seinem Wort. Er schenkt uns die Einheit, nach der wir uns alle sehnen und die wir so dringend brauchen.


Weiterführend dazu: Umkämpfte Einheit – Ein Frontbericht

 

Der frustrierend gnädige Gott

Wie passen die Gerichtsandrohungen der Propheten zu dem Gott, der die Liebe in Person ist?

„Ninive wird in 40 Tagen zerstört werden!“ (Jona 3,4b) Harte Gerichtsandrohungen wie diese finden sich vielfach in den prophetischen Büchern der Bibel. Und nicht selten trifft dieses Gericht auch tatsächlich in voller Härte ein. Wie passt das zu dem Gott des Neuen Testaments? Wie kann ein Gott, der doch die Liebe in Person ist (1. Joh. 4,8), derart gewaltvolle Drohungen aussprechen und dann auch noch umsetzen? Diese Frage treibt viele Christen um. Eine Antwort darauf findet sich in einem kleinen, aber berühmten prophetischen Buch, das ziemlich aus dem Rahmen fällt.

Mitten unter den 12 sogenannten „kleinen Propheten“ findet sich das Buch Jona. Während in den anderen 11 Büchern im Wesentlichen die Botschaften der Propheten dokumentiert werden, wird hier eine abenteuerliche Geschichte erzählt. Die Story kenne ich seit meinen Kinderkirchtagen: Anstatt Ninive vor dem bevorstehenden Gericht zu warnen flieht Jona auf ein Schiff. Im Sturm wird er von den Seeleuten ins Meer geworfen – und von einem großen Fisch gerettet. Danach geht Jona doch noch nach Ninive. Seine Botschaft wird positiv aufgenommen, weswegen Gott seine Gerichtspläne fallen lässt – eine Wendung, die Jona überhaupt nicht schmeckt.

Das Buch Jona fasziniert mich. Auf mich wirkt es so, als hätte Gott dieses Buch ganz bewusst in der Mitte der prophetischen Bücher platziert, um unsere Perspektive auf die Botschaften der Propheten ins rechte Licht zu rücken. Gerade für uns Menschen des 21. Jahrhunderts scheint mir das auch bitter nötig zu sein. Denn mein modern geprägtes Hirn denkt beim Lesen vieler prophetischer Texte immer wieder: Wie kann Gott nur so hart sein? Ist der Gott des Alten Testaments denn – anders als Jesus – nur ein knallharter, strafender Richter?

Genau auf diese Frage gibt das Buch Jona eine überraschende Antwort. Es zeigt mir: Meine moderne Perspektive und mein daraus resultierendes Vorurteil gegenüber dem Gott des Alten Testaments ist kurzsichtig und voreingenommen. Deutlich wurde mir das zum ersten Mal, als ich intensiver über folgende Frage nachdachte:

Warum ist Jona eigentlich vor Gott geflohen?

Lange Zeit dachte ich, Jona hätte ganz einfach Angst gehabt, Gottes Gerichtsbotschaft in Ninive zu predigen. Umso überraschter war ich, als mir auffiel, dass ich mit meiner Annahme vollkommen falsch lag. Der tatsächliche Grund für Jonas Flucht findet sich in Jona 4,2-3, einer Schlüsselstelle des gesamten Buchs:

„Ach Herr, habe ich das nicht schon gesagt, bevor ich von zu Hause aufbrach? Deshalb bin ich ja fortgelaufen nach Tarsis! Ich wusste, dass du ein gnädiger und barmherziger Gott bist, dass du geduldig und voller Gnade bist, weil du das Unheil bedauerst. So mach nun meinem Leben ein Ende, Herr! Ich will lieber sterben, als zu leben.“

Das hat mich nun wirklich verblüfft. Jona schimpft hier also sinngemäß: Ich hab es doch gleich geahnt, dass Du immer so wahnsinnig gnädig und barmherzig bist! Und am Ende kneifst Du dann wieder… Die Gnade und Barmherzigkeit Gottes ist für Jona nicht etwa Grund zur Freude, ganz im Gegenteil: Jona fürchtete sie regelrecht. Sie war für ihn ein Anlass, Gottes Befehl zu verweigern, vor Gott davonzulaufen, ihn wütend anzuklagen und in existenzielle Depressionen zu verfallen. Wie kann das sein? War Jona etwa ein Sadist, der unbedingt Blut sehen wollte?

Der historische Hintergrund: Ein grausamer und blutrünstiger Feind

Bevor wir Jona für seine Haltung verurteilen sollten wir uns zuerst einmal ein wenig mit dem historischen Hintergrund des Buchs Jona beschäftigen. Die Stadt Ninive war eine wichtige Provinzhauptstadt des assyrischen Reichs, das damals eine aggressive Expansionspolitik betrieb. Auch Israel war von den Kriegszügen Assyriens betroffen. Vom späteren Propheten Nahum wird Ninive als „Stadt des Blutvergießens“ (Nah.3,1) bezeichnet, die ihren Reichtum aus Beuteraubzügen speist (Nah.2,13-14). Assyrien und Ninive waren in den Augen der Israeliten also höchst aggressive und existenziell bedrohliche Feinde. Wir machen uns heute kaum noch eine Vorstellung davon, was das damals konkret bedeutet hat. In diesen Kriegen ging es oft menschenverachtend grausam zu. Die Assyrer mussten in den Augen der Israeliten damals ähnlich furchteinflößend gewirkt haben, wie grausame IS-Horden in den Augen von Jesiden und Christen im Nahen Osten heutzutage. Die Aussicht auf ein zerstörerisches göttliches Gericht über diesem hochaggressiven Volk war aus der Sicht Jonas deshalb ein Hoffnungsschimmer, denn es würde Israel von der Angst vor Krieg und Terror erlösen.

Ist der Gott des Alten Testaments ein strengerer Richter als wir es an seiner Stelle wären?

Diese Perspektive wirft ein völlig anderes Licht auf die Gerichtsandrohungen Gottes in der Bibel. Könnte es sein, dass es an unserem fehlenden Hintergrundwissen liegt, wenn Gottes Strafandrohungen auf uns hart und unangemessen wirken? Unser menschliches Urteilen ist ja zu einem erheblichen Maß emotionsgesteuert. Ich beobachte das an mir selbst, wenn ich mir einen Actionfilm anschaue. In „Herr der Ringe 3 (Die Rückkehr des Königs)“ freue ich mich darüber, wenn endlich die feindlichen Armeen niedergemetzelt werden, obwohl Teile dieser Armeen zuvor als recht menschlich präsentiert wurden. Aber meine Emotionen als Zuschauer werden im Film primär auf das Mitgefühl mit den Bewohnern der Stadt Minas Tirith programmiert, die von diesen Armeen brutal und rücksichtslos angegriffen werden. Wenn uns die grausamen Auswirkungen des menschlichen Handelns plastisch vor Augen geführt werden, dann setzen auch wir modernen Menschen uns gerne und schnell auf den Richterstuhl. Und das Buch Jona macht klar: Jona würde auf diesem Richterstuhl sehr viel härter und drastischer agieren als der Gott des Alten Testaments! Denn Gott tat genau das, was Jona schon vor seiner Flucht befürchtet hatte: Er lässt sich von Mitleid leiten und schont die zahlreichen Menschen, „die nicht zwischen links und rechts unterscheiden können, ganz zu schweigen von den vielen Tieren.“ (Jona 4,11) Gott vergab den Menschen, die zwar zu einem „Tätervolk“ gehörten, aber vielfach nicht wussten, was sie taten. Das erinnert mich an Jesus, der sogar noch mitten Leiden betet: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ (Luk.23,34)

Jona hatte dafür keinerlei Verständnis. Im Gegenteil. Er war wütend und frustriert. Gott war ihm viel zu nachsichtig, viel zu gnädig, viel zu barmherzig. Jona hatte also genau das umgekehrte Problem mit Gott wie wir modernen Menschen. Das mag auch daran liegen, dass wir im Gegensatz zu Jona als Nachkriegsgeneration noch nie am eigenen Leib spüren mussten, was Krieg und Kriegsgefahr wirklich bedeutet. Kein Wunder, dass wir zu einem naiven Pazifismus neigen, der allzu leicht ausblendet und verdrängt, dass Gewalt manchmal nur mit Gewalt gestoppt werden kann und muss. Umso mehr sollten wir uns selbstkritisch der Frage stellen: Glauben wir wirklich, dass wir unter dem Einfluss von realer Kriegsgefahr immer noch so pazifistisch denken würden? Ist es nicht arrogant und anmaßend zu denken, dass wir gnädiger und barmherziger wären als Jona, wenn wir Angst um unser Leben und das Leben unserer Familien und Kinder haben müssten?

Nach dem Studium des Buchs Jona bin ich mir sicherer denn je: Es ist keine Floskel, wenn die Bibel Gott immer wieder als barmherzig, geduldig und gnädig beschreibt. Gott lässt sich zwar nicht von naivem Pazifismus leiten, aber eben auch nicht von der durchaus verständlichen Gerichtssehnsucht Jonas. Die Größe der Barmherzigkeit Gottes wird noch durch 2 weitere erstaunliche Tatsachen im Buch Jona unterstrichen:

  • Gott berücksichtigt in seinem Gerichtshandeln nicht nur die Schuld des Kollektivs sondern er sieht das Schicksal der einzelnen Menschen und sogar der Tiere (Jona 4,11, siehe oben). Das ist schon erstaunlich in einer Zeit, in der man vom modernen Individualismus und erst recht von Tierschutz noch nichts wusste.
  • „Gott, der Herr, tut nichts, ohne sein Geheimnis vorher seinen Dienern, den Propheten, anvertraut zu haben.“ (Amos 3,7) Gottes Gericht kommt nicht unangekündigt. Gott versucht, vorher zu warnen. Er gibt den Menschen Zeit, um umkehren zu können. Das gilt bis heute. Gott wartet nun schon 2000 Jahre mit seiner Wiederkehr „weil er Geduld mit uns hat. Denn er möchte nicht, dass auch nur ein Mensch verloren geht, sondern dass alle Buße tun und zu ihm umkehren.“ (2. Petr.3,9)

Einmal mehr kann ich nicht erkennen, dass es zwischen dem Gott des Alten und des Neuen Testaments einen grundlegenden Unterschied gäbe.

Wie soll man so einer Geschichte heute noch glauben?

Trotz dieser erhellenden Botschaft gilt das Buch Jona heute vielen Menschen als ein Paradebeispiel dafür, dass man der Bibel als moderner, aufgeklärter Mensch nicht mehr trauen kann. Ein Mensch, der 3 Tage im Bauch eines großen Fischs überlebt: Das klingt doch zu märchenhaft in unseren modernen Ohren.

Nun würde ja auch ich gerne glauben wollen, dass diese Geschichte nur ein großes Gleichnis ist – wenn denn die Bibel diese Sichtweise bestätigen würde. Aber sie lässt zumindest keinen Zweifel daran, dass Jona eine historische Figur war: In 2. Könige 14, 25 wird erwähnt, dass genau dieser Jona die Landgewinne Israels unter Jerobeam II. (781 bis 742 v. Chr.) vorausgesagt hatte. Auch Jesus bezog sich in seinen Predigten auf das Buch Jona: Er verglich die Zeit zwischen Kreuz und Auferstehung mit der Zeit des Jona im Bauch des Fischs. Und er verglich seine Predigten mit der Predigt Jonas in Ninive und tadelte die Israeliten, weil sie nicht so wie die Einwohner Ninives mit Buße und Umkehr darauf reagierten (Matth. 12, 38-41; Luk. 11, 29-30). Ganz offenkundig hielt Jesus diese Geschichte im Wesentlichen für historisch. Denn mit welchem Recht könnte Jesus die Israeliten durch den Hinweis auf Ninive kritisieren, wenn die Erzählung von der Umkehr Ninives nur ein frommes Märchen ist? Auch hier gilt: Die Historizität der Geschichte ist ein entscheidender Teil ihrer theologischen Botschaft! Man kann sie nicht einfach streichen, ohne die Botschaft zu beschädigen.

Aber können aufgeklärte Menschen noch daran glauben, dass ein Mensch 3 Tage lang im Bauch eines Fisches überlebt hat? Gegenfrage: Warum sollte das für einen Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat, ein Problem darstellen? Dass es sich dabei um ein natürlich nicht erklärbares Wunder handelt, war auch dem Autor des Buchs Jona schon bewusst. Schließlich ist ausdrücklich die Rede davon, dass Gott selbst diesen Fisch gesteuert hat (Jona 2,1+11). Jona betet aus dem Fisch: „Ich schrie aus dem Rachen des Todes.“ Auch ihm war also klar: Seine Situation ist ein Todesurteil, wenn Gott nicht wundersam eingreift. Jesus bestätigt diese Sichtweise, wenn er Jonas Aufenthalt im Bauch des Fisches mit seiner Zeit zwischen Kreuz und Auferstehung vergleicht. Wer glauben kann, dass Jesus 3 Tage nach seinem Kreuzestod wieder das Grab verlassen konnte, der sollte eigentlich auch kein Problem damit haben, dass Gott Jona nach 3 Tagen wieder aus einem Fisch herauskommen lassen kann. Ich sehe deshalb keinen Grund, warum diese Geschichte, selbst wenn sie in Teilen poetisch erzählt und gemeint sein mag, nicht zumindest einen großen historischen Kern enthalten sollte – so groß, dass wir die Wucht der Botschaft dieser Geschichte nicht zu schmälern brauchen, indem wir ihr die historische Tatsächlichkeit von vornherein absprechen. Auch heute noch dürfen wir in diesem Buch ein bewegendes Zeugnis sehen für diesen heiligen und richtenden, zugleich aber auch liebenden, barmherzigen, geduldigen und gnädigen Gott, der uns quer durch die ganze Bibel immer wieder in gleicher Weise vor Augen geführt wird.

Siehe auch:

Außerwissenschaftliche Vorannahmen: Denkvoraussetzungen von Wissenschaftlern und Theologen

Die Inhalte dieses Artikels sind auf YouTube als Vortrag verfügbar, der am 1.11.2019 bei einer Tagung des deutschen christlichen Techniker-Bunds (DCTB) gehalten wurde.

Der Artikel steht auch als PDF zum Download bereit.

„Was war der größte Fehler Ihres Lebens?“, fragte der Journalist. Der alte Kunstkritiker lachte. „Als ich einmal unser Kind im Kindergarten abholte, baten mich die Betreuerinnen, einen Blick auf die gesammelten Kunstwerke des Kindergartens zu werfen. Leider fiel mir nicht auf, dass zwischen den Kinderbildern ein abstraktes Werk eines bekannten Künstlers hing. Das brachte mir noch für lange Zeit ein spöttisches Grinsen ein – und lehrte mich viel darüber, wie leicht man durch Vorurteile etwas Wunderbares übersehen kann.“

Vorannahmen wirken wie eine Brille. Sie beeinflussen unsere Sichtweise. Sie tauchen die Wirklichkeit in ein bestimmtes Licht. Das kann erhellend sein. Das kann uns aber auch auf eine völlig falsche Fährte führen – so wie bei diesem Kunstkritiker. Fehleinschätzungen aufgrund falscher Vorerwartungen ereignen sich ständig in unserem Alltag. Sie kommen aber auch in der Wissenschaft vor, und zwar in sehr viel stärkerem Maße, als es oft vermittelt wird. Tendenziell wird heute oft der Eindruck erweckt: Anders als die Religion ist die Wissenschaft objektiv. Wir können uns darauf verlassen, dass sie uns ein verlässlich richtiges Bild von der Welt und von der Wirklichkeit zeichnet, das bewiesen werden kann und in jeder Hinsicht vernünftig ist. Aber inwieweit stimmt das? Gibt es nicht auch in der Wissenschaft das Phänomen, dass Sichtweisen und Darstellungen von außerwissen­schaftlichen Vorannahmen geprägt werden? Welche Folgen hat das für unser Weltbild? Und was müssen wir tun, um uns selbst und unseren Mitmenschen die Chance zu geben, sich auf einer realistischen Faktenbasis ein eigenes Bild von der Wirklichkeit zu machen? Wie können wir den Einfluss von außerwissen­schaftlichen Vorannahmen erkennen, kritisch bewerten und dadurch echte Fakten von ideologisch gefärbten Interpretationen unterscheiden? Tatsächlich ist das oft gar nicht so einfach.

Außerwissenschaftliche Vorannahmen verstecken sich oft hinter den darauf aufgebauten Denkgebäuden!

Außerwissenschaftliche Vorannahmen kommen selten auf dem Präsentierteller daher. Sie bleiben oft verborgen hinter einer Fassade von klugen, schlüssigen und völlig richtigen Argumentationsketten. Die Gedankengebäude, die auf außerwissenschaftlichen Denkvoraussetzungen aufgebaut werden, können äußerst beeindruckend sein und deshalb viele Menschen beeinflussen. Das Problem ist nur: Wenn die Denkvoraussetzung falsch ist, dann ist auch das ganze hochintelligente Gedankengebäude falsch.

Falsche außerwissenschaftliche Vorannahmen können gewaltige Konsequenzen haben!

Falsche außerwissenschaftliche Vorannahmen können ganze Nationen auf eine falsche Fährte führen – mit katastrophalen Folgen. Ganze Gesellschaften wurden zum Beispiel auf der Idee aufgebaut, dass der Mensch kein Problem mit bösen, ungerechten Gedanken und Grundhaltungen hat, sondern dass er tief im Herzen eigentlich ein guter Mensch ist, der nur Erlösung von bösen und ungerechten Umständen braucht, damit dieser gute Kern zum Vorschein kommt. Daraus entstand die Idee: Wenn wir allen alles wegnehmen und dann ganz gerecht alles an alle verteilen, sodass allen alles gleichermaßen gehört und es keine Ungerechtigkeit mehr gibt, dann werden alle Menschen zufrieden sein und sich gerne für die Allgemeinheit engagieren. Diese Idee hat aber nicht nur nicht funktioniert. Sie hat gewaltiges Leid mit Millionen von Toten über viele Gesellschaften gebracht und sie tut das bis heute. Erstaunlich ist, wie sehr diese Idee trotz der durchgängig negativen Erfahrungen in der Geschichte bis heute immer wieder in Mode kommt.

Im nationalsozialistischen Reich wurden andere Vorannahmen ins Spiel gebracht: Die Rassenideologie hat die Vorstellung vermittelt, dass es stärkere und schwächere menschliche Rassen gäbe und dass es für die Weiterentwicklung der Menschheit geradezu die Pflicht der besseren, höher entwickelten Rasse sei, sich durchzusetzen und die unterentwickelten Rassen zu verdrängen. Vor dem Hintergrund der aufkommenden Evolutionstheorie konnte der Eindruck vermittelt werden, dass dieser Gedankengang auch sachlich, ja geradezu wissenschaftlich begründet werden könnte. Wer heute nachforscht und sieht, wie stark solche Ideen sogar in intellektuellen und akademischen Kreisen verfingen, der kann nur staunen und erschrecken, mit welcher Kraft Vorrannahmen ganze Gesellschaften im Extremfall zu absurden und grauenvollen Schlussfolgerungen bringen können.

Es geht also um enorm viel, wenn wir über die Denkvoraussetzungen nachdenken, die unsere Gesellschaft prägen. Und es ist von enormer Bedeutung, dass wir uns diese Grundannahmen und ihren Einfluss auf unser Denken bewusst machen.

Vier weltanschauliche Grundannahmen

Im Folgenden werden vier verschiedene weltanschauliche Grundannahmen als außerwissenschaftliche Denkvoraussetzungen zum Verständnis der Welt vorgestellt, die heute weit verbreitet sind und weltweit prägende Kraft entwickelt haben. Diese vier weltanschaulichen Grundannahmen unterscheiden sich im Wesentlichen durch ihre unterschiedlichen Antworten auf drei verschiedene Grundfragen. Die erste Frage lautet:

Gibt es etwas Übernatürliches jenseits der physischen Welt?

Die Frage nach der Transzendenz ist für unser Weltbild ganz grundlegend und entscheidend. Wenn wir diese Frage mit „nein“ beantworten, dann mündet unser Denken im sogenann-

ten „Naturalismus“. Diese Weltanschauung behauptet: Es gibt keinen Gott und keine übernatürlichen Phänomene. Alle Vorgänge lassen sich auf naturgesetzlich festgelegte Ursache-Wirkungs-Beziehungen zurückführen.

Wenn wir die Frage nach dem Übernatürlichen aber mit „ja“ beantworten, kommen wir zu einer zweiten Grundfrage:

Greift das Übernatürliche direkt in die natürlichen Vorgänge dieser Welt ein?

Wenn wir diese Frage mit „nein“ beantworten, dann glauben wir zwar, dass es etwas Übernatürliches gibt. Aber unser Denken bewegt sich trotzdem im Rahmen eines „schwachen oder methodischen Naturalismus“, der in etwa besagt: Es gibt einen Gott bzw. eine übernatürliche Realität, die aber nur auf geheimnisvolle Weise ins Weltgeschehen eingreift, ohne dabei die Naturgesetze zu verletzen.

Wenn wir hingegen die Frage nach dem Eingreifen des Übernatürlichen mit „ja“ beantworten, stellt sich die dritte grundsätzliche Frage:

Ist das Übernatürliche von der physischen Welt getrennt?

Wenn wir diese Frage mit „nein“ beantworten, dann gelangen wir zu einer Weltanschauung, die man als „Pantheismus“ bezeichnen kann und die in etwa besagt: Es gibt einen Gott bzw. eine übernatürliche Realität, die aber von der natürlichen Welt nicht wesensmäßig getrennt, sondern untrennbar mit ihr verwoben ist.

Wenn wir die Frage nach der Trennung des Übernatürlichen von der physischen Welt hingegen mit „ja“ beantworten, kommen wir auf die Spur einer Weltanschauung, die wir in diesem Artikel als „biblischen Supernaturalismus“[1] bezeichnen werden. Diese Weltanschauung sagt: Es gibt einen Schöpfergott und eine übernatürliche Realität. Diese ist wesensmäßig vom Geschaffenen verschieden. Sie greift zwar bei der Weltentstehung, sonst aber nur punktuell in Naturvorgänge ein.

Die Frage ist nun: Was kann uns die heutige Wissenschaft zu diesen drei Grundfragen und den vier weltanschaulichen Grundannahmen sagen? Oft wird heute der Eindruck erweckt, dass die Naturwissenschaft diese Fragen geklärt habe. Deshalb ist es besonders wichtig, dass wir uns genauer mit den Möglichkeiten und Grenzen naturwissenschaftlicher Forschung befassen.

Möglichkeiten und Grenzen der Naturwissenschaft

Die grundsätzliche Frage ist: Sind die Werkzeuge der Wissenschaft denn überhaupt geeignet, um auf die oben genannten drei Grundfragen Antworten geben zu können? Dafür müssen wir uns genauer anschauen, mit welchen Methoden die Naturwissenschaft die Wirklichkeit erfasst. Sie benutzt dafür im Wesentlichen zwei Werkzeuge:

  1. Beobachtung: Im Lauf der Zeit hat die Wissenschaft immer ausgeklügeltere Instrumente und Methoden entwickelt, um auch fernste Welten des Kosmos und die winzig kleinen Elemente in unserem Mikrokosmos exakter beobachten zu können.
  2. Experiment: In der Wissenschaft werden überschaubar große Systeme mit möglichst kontrollierbaren Bedingungen und wenig Variablen geschaffen. Darin kann dann möglichst exakt getestet werden, wie sich die Wirklichkeit verhält.

Ein zentral wichtiges Element in der Wissenschaft ist die Wiederholbarkeit oder Reproduzierbarkeit. Ein Experiment ist erst dann aussagekräftig, wenn es überall auf der Welt nachgestellt werden kann und wenn alle Wissenschaftler unter den gleichen Bedingungen die gleichen Beobachtungen machen.

Gerade die Reproduzierbarkeit ist aber ein großes Problem bei der Frage nach dem Übernatürlichen. Selbst wenn in Einzelfällen etwas Übernatürliches stattfindet, könnte das niemals reproduzierbar in einem Experiment nachgestellt und wiederholt werden. Das Übernatürliche zeichnet sich gerade dadurch aus, dass es sich systematischen Regeln und Gesetzen entzieht. Die naturwissenschaftliche Methode ist deshalb prinzipiell ungeeignet, um übernatürliche Vorgänge systematisch erfassen zu können.

Das bedeutet aber nicht, dass es etwas Übernatürliches prinzipiell nicht geben kann. Das bedeutet nur, dass die naturwissenschaftliche Methodik nicht aussagekräftig ist zu dieser allerersten und wichtigsten Grundfrage! Das heißt aber auch: Wenn wir uns entscheiden, unser Denken und unsere Forschung auf einer dieser Weltanschauungen aufzubauen, dann ist das eine außerwissenschaftliche Vorannahme.

Insgesamt gilt somit: Bei den vier weltanschaulichen Grundannahmen handelt es sich um außerwissenschaftliche Denkvoraussetzungen, die naturwissenschaftlich weder bewiesen noch widerlegt werden können. Wer die Ablehnung des Übernatürlichen mit Naturwissenschaft begründet, der verhält sich wie ein Fischer, dessen Netze eine Netzweite von 5 cm haben und der auf Basis seines Fangs behauptet: Es existieren nur Fische, die größer als 5 cm sind! Wenn die Untersuchungsmethode nur einen Teil der Wirklichkeit erfasst, darf daraus niemals auf die gesamte Wirklichkeit geschlossen werden.

Warum die Wissenschaft trotzdem Position bezieht

Obwohl naturwissenschaftliche Methoden die Frage nach dem Übernatürlichen gar nicht beantworten können, hat die Wissenschaft trotzdem eine starke Meinung zu den oben dargestellten Grundfragen und Grundannahmen entwickelt. Denn auch wenn das Übernatürliche naturwissenschaftlich weder bewiesen noch ausgeschlossen werden kann, kann man natürlich trotzdem die Frage stellen: Welche der vier Grundannahmen bewährt sich in der Praxis? Auf welcher Basis kann man fruchtbar wissenschaftlich arbeiten und forschen?

Auf der Suche nach natürlichen Ursachen

Seit jeher hatten Menschen Naturphänomene vor Augen, die sie zunächst einmal nicht verstanden haben und bei denen sie daher auch nicht wussten: Gibt es dafür eine natürliche Erklärung? Steckt etwas Übernatürliches dahinter?

Um das herauszufinden, haben wir Menschen nur eine Möglichkeit: Wir müssen nach einer natürlichen Erklärung suchen! Sobald eine natürliche Erklärung gefunden wird, können wir definitiv sagen: Eine Erklärung mit natürlichen Mechanismen reicht bei diesem Naturphänomen aus! Wenn sich bestimmte Erklärungslücken aber dauerhaft nicht schließen oder wenn diese Lücken bei bestimmten Fragen im Lauf der Zeit sogar immer größer werden, dann müsste sich eigentlich die Frage stellen: Existiert vielleicht kein natürlicher Mechanismus? Steckt vielleicht etwas Übernatürliches, etwas Göttliches dahinter? Dann müssten wir uns für ein supernaturalistisches Denkmodell öffnen.

In der Praxis passiert das aber nicht! Und dafür gibt es auch nachvollziehbare Gründe. In der Geschichte des Denkens und Forschens wurden zwei wichtige Beobachtungen gemacht, die unser heutiges Denken stark geprägt haben:

1.   Nichtnaturalistische Modelle erweisen sich als „Wissenschaftskiller“

Lange Zeit hatten die Menschen keine Erklärung dafür, warum es Lichtpunkte (Sterne) am Himmel gibt und warum der Himmel sich verdunkeln kann und es plötzlich blitzt und donnert. Deswegen haben sie sich auf übernatürliche Erklärungen eingelassen. So wurde vermutet: Hinter den Sternen stecken Götter. Wenn es blitzt, dann sind es die Götter, die zornig sind und unter krachendem Getöse Blitze auf die Erde werfen. Solche Erklärungsmuster kann man in vielen alten Legenden und Mythen nachlesen.[2]

Das Problem an dieser Sichtweise ist: Es hält uns von der wissenschaftlichen Suche nach natürlichen Erklärungen ab! Wer glaubt, dass in einem Gewitter Götter am Werk sind, der forscht nicht mehr nach einer natürlichen Ursache. Das ist ein wichtiger Grund, warum sich die Wissenschaft und der technische Fortschritt in pantheistischen Kulturen und Denkweisen oft schwertut. Deshalb sagen die meisten Naturwissenschaftler heute zu Recht: Wir dürfen auf keinen Fall vorschnell von Phänomenen, die wir nicht erklären können, auf übernatürliche Ursachen schließen! Das würde die Wissenschaft blockieren. Es lohnt sich, hartnäckig nach natürlichen Ursachen zu suchen.

2.   Forschung auf Basis des „Ursache-Wirkungs-Prinzips“ hat gewaltige Erfolge erzielt!

Die Entscheidung, grundsätzlich immer eine natürliche Ursache zu vermuten, hat eine gewaltige Erfolgsgeschichte ausgelöst. Elektrisches Licht, Radio, viele Durchbrüche in der Medizin: All das hat zu Recht riesigen Eindruck auf die Menschen gemacht. Jeder hat gemerkt: Dieses Prinzip bewährt sich! Es lohnt sich, hinter den Naturphänomenen keine Geisterwelt zu vermuten, sondern von ganz rational erklärbaren Mechanismen auszugehen. Den Theologen Rudolf Bultmann hat das zu dem bekannten Ausspruch veranlasst: „Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben.“[3]

Die allgemeine Beobachtung war also: Die Lücken schließen sich! Wir entdecken immer mehr natürliche Erklärungen für die Naturphänomene. Deshalb brauchen wir immer weniger spekulieren, ob da vielleicht irgendein Gott am Werk ist. Diese Sachlage hat auch den Theologen Dietrich Bonhoeffer umgetrieben, als er schrieb: „Es ist mir wieder ganz deutlich geworden, dass man Gott nicht als Lückenbüßer unserer unvollkommenen Erkenntnis figurieren lassen darf; wenn nämlich dann – was sachlich zwangsläufig ist – sich die Grenzen der Erkenntnis immer weiter herausschieben, wird mit ihnen auch Gott immer weiter weggeschoben und befindet sich demgemäß auf einem fortgesetzten Rückzug.“[4]

Gott als Lückenbüßer, dem mit fortschreitender wissenschaftlicher Erkenntnis immer mehr der Boden unter den Füßen weggezogen wird: Dieses Szenario wurde zu einem Schreckgespenst in der Theologie. Und deshalb hat man auch unter Theologen immer öfter gesagt: Das ist der falsche Weg. Man darf nicht aus Erklärungslücken auf Gott schließen! Der richtige Weg ist: Wenn es Erklärungslücken gibt, dann ist das kein Hinweis auf Gott, sondern nur darauf, dass wir noch nicht genügend geforscht haben.

Erklärungslücken sind demnach also kein Anlass, von der Naturwissenschaft in die Theologie überzugehen, sondern sich wieder an die naturwissenschaftliche Arbeit zu machen, um noch gründlicher, noch intensiver zu forschen, bis eines Tages die natürliche Erklärung gefunden wird. Wenn nur genügend Zeit, genügend Ressourcen und genügend kluge Köpfe zur Verfügung stehen, dann werden die natürlichen Erklärungen irgendwann gefunden werden.

Die naturwissenschaftliche Selbstbeschränkung auf natürliche Ursachen

Aus diesen Gründen hat sich die Naturwissenschaft für eine Selbstbeschränkung entschieden: Sie geht grundsätzlich davon aus, dass bei den beobachteten Naturphänomenen ausschließlich natürliche Vorgänge ablaufen. Die Betrachtung der Welt ist somit kein Weg mehr, um in ihr in irgendeiner Weise Gott zu finden.

Daraus ergibt sich eine Situation, in der nur noch zwei der vier eingangs vorgestellten Denkmodelle als wissenschaftlich gelten dürfen: Der Naturalismus oder der schwache, methodische Naturalismus, der zwar damit rechnet, dass es einen Gott oder etwas Ähnliches gibt, der aber zugleich davon ausgeht, dass dieser Gott nicht direkt innerhalb von Raum und Zeit in das Weltgeschehen eingreift. Die supernaturalistischen Modelle sind somit in der wissenschaftlichen Welt heutzutage weitestgehend vom Tisch.

Wichtig ist aber zu verstehen: Die Durchsetzung des naturalistisch geprägten Wissenschaftsbegriffs resultiert nicht etwa daraus, dass der Supernaturalismus wissenschaftlich widerlegt wäre. Die Vorherrschaft naturalistischer Denkmodelle resultiert vielmehr auf dem Eindruck, dass naturalistisch geprägte Forschung erfolgreich ist sowie auf dem Wunsch, den weiteren Fortschritt in den Wissenschaften und in der technischen Entwicklung auf keinen Fall behindern zu wollen. Die Frage ist allerdings:

Inwieweit treffen die Argumente gegen den Supernaturalismus zu?

Entscheidend wichtig zur Beantwortung dieser Frage ist eine notwendige Differenzierung: Unzweifelhaft richtig ist, dass sich pantheistische Vorstellungen tatsächlich als ein „Wissenschaftskiller“ erwiesen haben. Wer hinter heute beobachtbaren Naturphänomenen übernatürliche Kräfte vermutet, verliert tatsächlich den naturwissenschaftlichen Antrieb. Die oben genannten Gründe, die zur Selbstbeschränkung auf naturalistische Sichtweisen geführt haben, greifen also tatsächlich, um pantheistische Vorstellungen und Denkmodelle zurückzuweisen.

Die Frage ist jedoch: Gelten diese Argumente auch für den biblischen Supernaturalismus?

Ist der biblische Supernaturalismus tatsächlich ein „Wissenschaftskiller“?

Erinnern wir uns: Der biblische Supernaturalismus trennt strikt zwischen Schöpfer und Schöpfung. Wir können uns das besonders eindrücklich anhand der Betrachtung der Sterne verdeutlichen: Der biblische Schöpfungsbericht kennt – anders als alle anderen damaligen Schöpfungsmythen – keine Götter und keine übernatürlichen Kräfte hinter den Sternen. Er sagt vielmehr: Die Sterne sind ganz einfach „Lichter“, die den Menschen zur Orientierung dienen sollen![5]

Auch sonst wird die Natur in der Bibel gänzlich entgöttlicht. Folgerichtig ist das ganze Alte Testament voll von Anweisungen, auf keinen Fall die Schöpfung anzubeten, sondern Gott allein, von dem wir uns kein geschöpfliches Bild machen sollen.[6] Die Brüder Hansjörg und Wolfgang Hemminger haben deshalb zu Recht notiert:

„Die Schöpfungsgeschichte bringt eine vollständige Entgöttlichung und Entzauberung der Welt, so vollständig, wie sie außerhalb des Judentums auch nicht annähernd erreicht wurde … Jeder Zeitgenosse, der an sein Horoskop glaubt, fällt in ein Denken zurück, das in 1. Mose 1 bereits überwunden ist.“ [7]

Ein Blick in die Wissenschaftsgeschichte zeigt: Es war genau diese Sichtweise einer von Gott wohlgeordneten, aber von ihm gänzlich getrennten Schöpfung, die die Pioniere der Naturwissenschaft angetrieben haben. So lesen wir z. B. bei Isaac Newton: „Die wunderbare Einrichtung und Harmonie des Weltalls kann nur nach dem Plan eines allwissenden und allmächtigen Wesens zustande gekommen sein.“[8] Dieser Wissenschaftspionier war ein tief gläubiger Christ. Er hat sich gerade nicht gegen das Schöpfungsdenken gewandt, ganz im Gegenteil: Das Schöpfungsdenken war die Basis seiner Forschungsarbeit! Newton war nicht der einzige, der so dachte. Ähnliche Überlegungen lassen sich bei vielen bekannten Wissenschaftspionieren finden, wie z. B. bei Nikolaus Kopernikus, Johannes Kepler, Galileo Galilei oder Blaise Pascal. Ein Blick auf einen Zeitstrahl zeigt: Diese gläubigen Naturwissenschaftler haben die Erfolgsgeschichte der Wissenschaft gestartet, schon lange bevor das Denken der Aufklärung aufkam.

Prof. Peter Gerdsen schreibt deshalb zu Recht: „Auch ist festzustellen, dass die Entwicklung der Naturwissenschaft die Dynamik und Schwungkraft, die sie auszeichnet, bereits erhielt, als die Philosophie der Aufklärung von ihrem Höhepunkt in Form der Philosophie Kants noch weit entfernt war.“ [9] Das weit verbreitete Narrativ, dass die Erfolgswelle der Naturwissenschaft eine Frucht der Aufklärung gewesen sei, stimmt also nicht. Das bestätigt auch der englische Literat C. S. Lewis, wenn er schreibt: Diese Leute wurden nicht Wissenschaftler, weil sie alles Übernatürliche ablehnten sondern „die Menschen wurden Wissenschaftler, weil sie Gesetze in der Natur erwarteten, und sie erwarteten Gesetze in der Natur, weil sie an einen Gesetzgeber glaubten.“[10] Und Carl Friedrich von Weizsäcker ergänzt: Die moderne Wissenschaft ist „ein Geschenk, ich hätte auch sagen dürfen, ein Kind des Christentums.“ [11]

Ist der biblische Supernaturalismus also ein „Wissenschaftskiller“? Nein, keinesfalls! Tatsache ist viel mehr:

  • Dass wir die Natur wohlgeordnet und mathematisch fassbar vorfinden, ist in einem naturalistischen Denkmodell gar nicht zu erwarten und darüber hinaus kaum erklärbar!
  • Der Glaube an einen Schöpfergott war in Wahrheit ein „Wissenschaftsgebärer“, weil er die Wissenschaftspioniere erwarten ließ, dass in der Natur Regelhaftigkeit und Ordnung vorgefunden wird, die der Mensch ergründen und erforschen kann!

Was wir in der Welt vorfinden, passt also viel besser zum biblischen Supernaturalismus als zu einem naturalistischen Weltbild. Der massive Erfolg der Naturwissenschaften lässt sich deshalb sehr gut auf die Denkgrundlagen des biblischen Supernaturalismus zurückführen.

Ist Wissenschaft auf Basis des biblischen Supernaturalismus weniger erfolgreich?

Dabei müssen wir bedenken: Auch der biblische Supernaturalismus erwartet Erfolg bei Anwendung des Ursache-Wirkungsprinzips in der Erforschung der Naturvorgänge. Denn er trennt zwischen Schöpfer und Schöpfung. Bei der Untersuchung des Geschaffenen geht er davon aus, dass in aller Regel alles mit natürlichen und nicht mit übernatürlichen Dingen vor sich geht.

Nur bei der Erforschung der Weltentstehung erwartet er etwas anderes. Hier erwartet er Anzeichen von absichtsvoller Planung und von Zielgerichtetheit statt absichts- und zielloser Ursache-Wirkungsketten als Ursache für die Entstehung. Die zentrale Frage lautet deshalb: War denn die Beschränkung auf absichtslose Ursache-Wirkungsketten bei der Erforschung der Weltentstehung tatsächlich erfolgreicher? Diese Fragestellung kann im Fachunterricht aus verschiedensten Blickwinkeln thematisiert werden. Entscheidend ist jedoch eine grundlegende Differenzierung:

Der grundlegende Unterschied zwischen der Erforschung des Geschaffenen und der Erforschung der Weltentstehung

Der grundsätzliche Unterschied zwischen der Erforschung des Geschaffenen und der Erforschung der Weltentstehung wird leider oft übersehen. Für die Beurteilung der Fruchtbarkeit des Denkmodells des biblischen Supernaturalismus ist diese Unterscheidung jedoch grundlegend wichtig: Bei der Erforschung des Geschaffenen fragt die Wissenschaft nach dem „Wie“. Wie funktioniert es, was ich da sehe? Bei der Frage nach der Weltentstehung geht es aber um die Frage: Woher kommt es? Wie ist das entstanden?

Ein Beispiel: Der Translationsprozess der Zelle

Urheber/Bildquelle: Bensaccount at en.wikipedia, Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung 3.0 nicht portiert“. Beschriftungen wurden hinzugefügt

Der grundlegende Unterschied zwischen der Frage nach dem „Wie“ und dem „Woher“ kann zum Beispiel sehr anschaulich anhand des Translationsprozesses in lebenden Zellen verdeutlicht werden. Bei der Erforschung dieses Prozesses hat die Naturwissenschaft in den letzten Jahrzehnten gewaltige Fortschritte bei der Frage nach dem „Wie“ erzielt. Translation bedeutet: Übersetzung! Im Translationsprozess wird die biologische Information, die auf der DNA gespeichert ist, in biologisches Material (genauer gesagt in ein „Protein“) „übersetzt“.

Für diesen Prozess wird zunächst von einem Abschnitt der DNA eine Kopie in Form einer RNA-Kette erzeugt. Auf der RNA ist also genau wie auf der DNA biologische Information codiert gespeichert. Aber wie kann diese biologische Information in ein Protein übersetzt werden?

In den letzten Jahrzehnten wurde deutlich: Die Maschinerie, die diesen Translationsprozess leistet, ist atemberaubend komplex. Entdeckt wurde eine ausgeklügelt arbeitende molekulare Maschine, das sogenannte „Ribosom“. Dieses hat die Fähigkeit, die RNA-Kette zu binden und sie in Verbindung mit den sogenannten „Transport-RNA-Molekülen“ zu bringen. Diese können auf der einen Seite an die RNA-Kette andocken. Auf der anderen Seite tragen sie eine von 20 möglichen sogenannten „Aminosäuren“, und zwar immer genau die Aminosäure, die durch den Code der RNA vorgegeben wird. Die Aminosäuren werden vom Ribosom zu einer wachsenden Kette zusammengefügt. Die Reihenfolge der Aminosäuren entscheidet wiederum darüber, wie sich die Kette nach ihrer Bildung faltet und welche Funktion somit das entstehende Protein übernehmen kann (ein Protein ist letztlich nichts anderes als eine gefaltete Kette aus Aminosäuren).

Dieser ausgetüftelte Translationsmechanismus ist ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie weit uns die Forschung nach dem „Wie“ gebracht hat. Aber wie hat sich die Situation entwickelt bei der Frage: Woher kommt dieser komplexe und ausgeklügelte Apparat? Wie ist das entstanden? Dazu stellen sich heute gewaltige Fragen:

  1. Wie entstanden die großen und sehr komplexen Makromoleküle der Zelle (DNA, RNA, Proteine, Fette, Zucker)?
  2. Woher kommt die Information der DNA? Dazu muss man wissen: DNA ist ein Informationsträger mit einem unregelmäßigen, nach grammatischen Gesetzen angeordneten zielgerichtet funktionierenden Code! Nach allem, was wir heute wissen, kann ein derartiger Code nur von einem intelligenten Geist programmiert werden.
  3. Wie entstanden solche komplexen zellulären molekularen Maschinen?
  4. Das allergrößte Rätsel ist das Henne-Ei-Problem: Gab es zuerst die Information oder zuerst den Übersetzungsapparat? Das Problem ist: Das eine macht ohne das andere keinen Sinn. Man kann mit dem Übersetzungsapparat nichts anfangen, solange die Information nicht da ist. Und man kann mit der Information nichts anfangen, solange es den Übersetzungsapparat nicht gibt. Beides für sich genommen ist komplex und kann nach allem, was wir wissen, nicht durch blinde und absichtslose Prozesse von selbst entstehen. Erst recht kann nicht beides parallel entstehen. Oder doch?

Bei dieser Frage wird häufig auf das Miller/Urey-Experiment verwiesen, das im Jahr 1952 mit dem Nobelpreis belohnt wurde. Bis heute findet man dieses Experiment in vielen Schulbüchern, wenn es um die Frage nach der Entstehung des Lebens geht. Die Anordnung in diesem Experiment soll eine Atmosphäre simulieren, wie sie auf einer angenommenen Urerde einst existiert haben könnte. Man nahm an, dass es Orte mit heißen Quellen gab, wo Wasser verdampfte sowie Orte, an denen Gase wieder kondensieren und sich als Flüssigkeit sammeln konnten. Zudem ging man vom Einwirken von Blitzen aus. In diesem Versuchsaufbau entstand mit der Zeit ein schwarzes, öliges Gemisch. Als Sensation wurde damals die Tatsache gehandelt, dass dieses Gemisch auch einige Aminosäuren enthielt, also die Grundsubstanzen von Proteinen. Die Schlussfolgerung war: Auf einer angenommenen Urerde könnten von selbst ohne Einwirkung von äußerer Intelligenz Aminosäuren entstanden sein. Das weckte die Hoffnung, dass dies nur ein erster Schritt sein würde hin zur Klärung der Frage, wie Leben ohne übernatürliche Einwirkungen von außen durch rein natürliche Mechanismen entstanden sein könnte.

Dazu muss man sich aber klar machen: Der Unterschied zwischen einer Aminosäure und einer lebens- und fortpflanzungsfähigen Zelle ist noch wesentlich größer als der Unterschied zwischen einem Backstein und dem Petersdom. Bis zur Erklärung der Entstehung des Lebens war also immer noch ein gigantischer Weg zurückzulegen. Die Frage ist: Wie ist es nach 1952 weiter gegangen?

Zu dieser Frage äußerte sich im Jahr 2019 Prof. James M. Tour, einer der weltweit führenden Forscher im Bereich der Biomolekülsynthese, wie folgt: „Was geschah in den zwei Dritteln eines Jahrhunderts seit Miller / Urey in anderen Wissenschaftsfeldern? Wir sind ins Weltall geflogen. Wir haben Satellitenkommunikation, Internet und Mikrochips. In den gleichen 66 Jahren sind wir immer noch genau da, wo Miller und Urey waren.“ [12]

Prof. Tour sagt also: Bei der Frage nach dem „Wie“ sind wir seit 1952 in vielen Feldern extrem weitergekommen! Aber bei der Frage nach dem „Woher“ des Lebens herrscht absoluter Stillstand. Bis heute haben wir noch nicht einmal verstanden, wie das Leben wirklich funktioniert, geschweige denn, dass wir in der Lage wären, Leben in unseren Labors künstlich nachzubauen. Im Gegenteil deuten alle Experimente darauf hin: Komplexe, biologisch wirksame Makromoleküle und lange Molekülketten entstehen nicht von selbst. Viel eher zerfallen sie, als dass sie sich bilden. Und vollkommen unvorstellbar ist die selbständige Bildung von komplexen molekularen Maschinen, wie wir sie reihenweise in unseren Zellen beobachten und ohne die auch das einfachste denkbare Leben nicht möglich wäre.

Das Feld der Lebensentstehung nicht der einzige Bereich mit diesem Trend. Überall in der Ursprungsforschung ist zu beobachten: Beim „Wie“ nimmt das Wissen, beim „Woher“ nehmen die Fragen zu:

Im Feld der Genetik hat der US-amerikanische Biochemiker Michael Behe 2019 ein Buch veröffentlicht[13], in dem er darlegt, wie rasant sich die Erkenntnisse in der Molekularbiologie gerade in den letzten beiden Jahrzehnten weiterentwickelt haben. Aber in Bezug auf die Frage nach der Evolution zeigt sich aus seiner Sicht immer klarer, dass die klassischen darwinschen Evolutionsmechanismen, also Mutation und Selektion, bei der Frage nach der Entstehung komplexer biologischer Systeme nicht weiterhelfen. Ja, mehr noch: Er zeigt, dass die darwinschen Mechanismen die Entstehung neuer biologischer Systeme sogar aktiv behindern! Mit anderen Worten: Wir erleben einen rasanten Fortschritt bei der Entschlüsselung der biologischen Systeme. Aber wir erleben einen Rückschritt bei der Frage, wie diese Systeme mit natürlichen Mechanismen entstehen konnten.

Das gleiche Bild scheint sich zunehmend in der Paläontologie herauszuschälen. Seit langem steht das Problem im Raum, dass die im Rahmen einer Evolutionstheorie erwarteten Übergangsformen weitgehend fehlen. Die Hoffnung war, dass bei zukünftigen Fossilfunden die Übergangsformen noch gefunden werden. Die Frage ist: Hat sich diese Hoffnung bestätigt? Der Paläontologe Dr. Günter Bechly hat dazu jüngst berichtet[14], dass wir inzwischen eine Situation haben, in der wir wissen können, dass der Fossilbericht ein gutes, aussagekräftiges Bild der Vergangenheit liefert. Und wie sieht dieses Bild aus? Wir finden immer wieder explosionsartig eine Fülle neuer biologischer Baupläne, die plötzlich auftauchen und dann über lange Zeit vergleichsweise unverändert bleiben. Aber wir finden keine belastbaren Hinweise auf eine schrittweise Höherentwicklung über die Grenzen von Familien hinaus. Sein Fazit ist: Der Fossilbericht widerspricht fundamental den Erwartungen und Vorhersagen, die die naturalistische Evolutionstheorie aufgestellt hat.

Ganz ähnlich sieht es auch im Feld der Mathematik, Chemie und Physik aus. Hierzu hat Dr. Markus Widenmayer zusammen mit Kollegen 2019 das Buch „Das geplante Universum“ veröffentlicht[15]. Darin wird aufgezeigt: Die mathematisch elegant beschreibbaren physikalischen und chemischen Eigenschaften des Universums sind exakt so eingestellt, dass Leben möglich ist. Wir können mit gutem Grund von einer Feinabstimmung des Universums sprechen. Und die große Frage ist: Woher kommt diese Feinabstimmung? Wer hat die Naturkonstanten so fein aufeinander abgestimmt? Die Erklärungsnot ist so groß, dass inzwischen mit fantastischen Annahmen operiert wird. Eine Idee ist zum Beispiel, dass es in Wahrheit nicht nur ein Universum gibt, sondern ein Multiversum, also unzählige Universen mit unterschiedlichen Eigenschaften. Ausgerechnet bei unserem Universum sei der extrem unwahrscheinliche Zufall eingetreten, dass alles haargenau so passt, dass Leben existieren kann. Aber selbst bei diesem fantastischen Modell ergeben sich grundsätzliche Fragen: Woher käme dieser Universumsgenerator, der permanent neue Universen produziert und dabei die Bedingungen ständig variiert? Und man darf durchaus die Frage stellen: Sind solche fantastischen und nicht widerlegbaren Gedankengebäude denn tatsächlich wissenschaftlicher als die schlichte Annahme eines Schöpfers?

Eines der größten Rätsel ist und bleibt der menschliche Geist. Wie konnte unpersönliche, dumme, planlose Materie einen menschlichen Geist hervorbringen, der denkt, plant, fühlt, der seiner selbst bewusst ist und über sich und über Gott nachdenkt? Auch bei dieser grundlegenden Frage ist die Forschung nicht weitergekommen. Vor wenigen Jahren brachte der bekannte atheistische Philosoph Thomas Nagel das Buch „Geist und Kosmos“ heraus[16]. Darin macht er deutlich: Der Naturalismus ist unfähig, Bewusstsein, Vernunft und Wertvorstellungen auf physikalische oder chemische Prozesse zu reduzieren. Er geht deshalb davon aus, dass „die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist“ (so der Untertitel seines Buches).

Aus diesem kleinen Überblick über die verschiedenen Forschungsfelder ergibt sich ein deutliches Gesamtbild:

Überall gibt es rasante Fortschritte bei der Frage „Wie funktioniert es?“. Aber bei der Frage „Woher kommt es?“ gibt es grundlegende, wachsende ungelöste Probleme im naturalistischen Modell:

  1. Wie kam es zur Feinabstimmung des Universums und seiner Elemente?
  2. Wie entstanden das Leben und die komplexen molekularen Maschinen?
  3. Woher kommt die auf der DNA gespeicherte Information?
  4. Wie entstand die Vielfalt der komplexen biologischen Baupläne?
  5. Woher kommt der Geist und das Selbst-Bewusstsein?

Diese und noch mehr derartige Fragen zeigen: Es geht bei der Frage nach dem „Woher“ längst nicht mehr nur um „Lücken“, die noch offen sind. Nein, es geht um die grundlegenden Fragen zur Entstehung der heutigen Realität, und zwar in allen Bereichen. Der rasante Erkenntnisgewinn hat keine natürlichen Entstehungsmechanismen zutage gefördert, sondern im Gegenteil immer mehr Hinweise auf absichtsvolles Design, dessen Entstehung nicht natürlich erklärbar ist.

Was sagt dieser Trend aus über die vier weltanschaulichen Grundannahmen?

Im starken sowie im schwachen Naturalismus wird erwartet, dass immer mehr natürliche Erklärungen gefunden werden – sowohl bei der Frage nach dem „Wie“ als auch bei der Frage nach dem „Woher“. Denn auch der schwache Naturalismus räumt vielleicht die Option eines übernatürlichen Anfangs ein (z.B. vor dem Urknall), der aber definitiv lange vor der Entstehung des Lebens auf der Erde anzusetzen ist. Aber nach diesem Anfang rechnet er nicht mehr mit übernatürlichen Eingriffen von außen.

Im Pantheismus wird erwartet, dass die natürlichen Erklärungen weder beim „Wie“ noch bei der Frage nach dem „Woher“ auf dem Vormarsch sind, weil ja überall mit göttlichen Kräften gerechnet wird, die die Reproduzierbarkeit durcheinanderbringen.

Aber beim biblischen Supernaturalismus wird genau das erwartet, was wir heute immer deutlicher vorfinden: Bei der Erforschung des Geschaffenen tauchen immer mehr natürliche Erklärungen auf. Das wird im biblischen Supernaturalismus erwartet, weil es sich um Geschaffenes handelt, das nach natürlichen Gesetzen funktioniert. Aber bei der Frage nach dem „Woher“ wird in diesem Denkmodell nicht die Entdeckung von immer mehr natürlichen Entstehungsmechanismen erwartet, sondern eine Zunahme von Hinweisen auf einen Designer. Denn gemäß der Aussage der Bibel ist die Welt das Produkt eines weisen, intelligenten Designers, eines Schöpfers.[17] Genau das zeigen auch die wissenschaftlichen Trends:

Wer von den vorgefundenen Fakten auf einen Schöpfer schließt, tut das also nicht aufgrund von Dingen, die wir nicht wissen (also auf der Basis von Lücken), sondern aufgrund von Dingen, die wir wissen: Zielorientiert angeordnete und zu komplexen Systemen absichtsvoll zusammengefügte Teile sowie verschlüsselte codierte Informationen sind immer ein Resultat der Tätigkeit eines absichtsvoll handelnden Geistes. Das wissen wir nicht nur intuitiv aus unserem Alltag, das bestätigt sich auch ständig empirisch in der wissenschaftlichen Forschung und wird zudem durch den zweiten thermodynamischen Hauptsatz gestützt.[18]

Noch nie wussten wir so viel über die unglaubliche Komplexität und Feinabstimmung der Natur wie heute. Es wirkt deshalb inzwischen wie ein eigenartiges Paradoxon, dass wir trotz dieses Wissenszuwachses heute annehmen, dass eine Gießkanne grundsätzlich das Werk von Designern und Ingenieuren ist, ein Schmetterling aber das Ergebnis von plan- und ziellosen Ursache-Wirkungsketten.

Vor dem Hintergrund der heutigen naturwissenschaftlichen Entwicklungen müssten wir eigentlich mehr denn je konstatieren, dass Paulus absolut recht hatte mit seiner Aussage: „Seit Erschaffung der Welt haben die Menschen die Erde und den Himmel und alles gesehen, was Gott erschaffen hat, und können daran ihn, den unsichtbaren Gott, in seiner ewigen Macht und seinem göttlichen Wesen klar erkennen.“ (Römer 1,20a). Daher dürfen sich auch moderne, aufgeklärte Menschen selbstbewusst zum biblischen Supernaturalismus bekennen, denn dieser ist weder wissenschafts- noch technikfeindlich, sondern er wird im Gegenteil von aktuellen naturwissenschaftlichen Trends klar gestützt.

Der biblische Supernaturalismus: Nach wie vor „verboten“ in der akademischen Welt

Trotz dieser Situation ist es bis heute so, dass der biblische Supernaturalismus bleibt in weiten Teilen der akademischen Welt „verboten“, weil er dem vorherrschenden rationalistisch geprägten Wissenschaftsbegriff widerspricht. Praktisch erleben musste das zum Beispiel der bereits erwähnte Paläontologe Dr. Günter Bechly. Bechly war noch bis vor wenigen Jahren beim Naturkundemuseum in Stuttgart beschäftigt. Im Jahr 2009 war er Kurator der weltweit beachteten Evolutionsausstellung in Stuttgart anlässlich des 150. „Geburtstags“ von Darwins Buch „Über den Ursprung der Arten“. Er war damals noch Atheist und nahm sich vor, den Glauben an die Entstehung der Natur durch einen intelligenten Designer in der Ausstellung möglichst lächerlich zu machen. Er bestellte deshalb einige Bücher, die die These eines intelligenten Designers vertreten, und legte sie auf die eine Seite einer Waage. Auf die andere Seite der Waage legte er Darwins Buch „Über den Ursprung der Arten“. Natürlich neigte sich in seiner Installation die Waage auf der Seite von Darwins Buch. Damit wollte Bechly zeigen: Alle diese Bücher über den intelligenten Designer sind Leichtgewichte. Als belastbares Schwergewicht hat sich allein Darwins Buch erwiesen, das uns bis heute den richtigen Weg weist.

Aber Bechly machte einen „Fehler“: Er nahm die Bücher über das intelligente Design in die Hand und begann, darin zu lesen. Die Inhalte überraschten ihn völlig. Denn er fand darin nicht den erwarteten religiös-funda­menta­listischen „Dünnpfiff“, sondern vielmehr starke Argumente, auf die er keine Antwort wusste und auf die er auch von Kollegen keine Antwort bekam. Aber Bechly blieb hartnäckig. Er begann, seine Fragen auf einer eigenen Homepage zu veröffentlichen. Das blieb nicht ohne Konsequenzen. Man strich ihm zuerst die Forschungsmittel. Schließlich hat sich das Museum von ihm getrennt.[19] Es ist also bis heute so: In Bezug auf den Supernaturalismus gibt es ein Denkverbot in unserer akademischen wissenschaftlichen Welt. Wer dieses Denkverbot übertritt, wird nicht selten ausgeschlossen. Entsprechend äußert auch z. B. der Theologe Patrick Becker[20]: „Weil das duale Denken[21] inzwischen nicht mehr viele Freundinnen und Freunde findet, darum hat auch diese Intelligent-Design-Richtung zumindest in Europa eher einen Außenseitercharakter.“ Drastischer noch formuliert der Theologe Prof. Siegfried Zimmer: „Man kann intelligent-design-mäßig Gottes Schaffen nicht analysieren. … Aus der Analyse der Welt kann man erkennen: Das hat ein Schöpfer gemacht. … So einfach ist es nicht. … Die lieben Christlein legen es sich so hübsch naiv zurecht.“ [22]

Wer also aus der Komplexität der Welt auf einen intelligenten Designer schließt, muss sich hier als „naives Christlein“ bezeichnen lassen. Diese Grundskepsis und sogar Verachtung gegenüber der Annahme einer übernatürlich wirkenden Kraft innerhalb von Raum und Zeit gilt erstaunlicherweise sogar in der Theologie. So schreibt Prof. Tapio Puolimatka: „Wenn Theologen zum Ausgangspunkt ihrer Forschung nehmen würden, dass Gott gesprochen habe und dass man Gottes Sprechen erkennen und verstehen könne, dann würden sie in einen Konflikt mit der breiten wissenschaftlichen Öffentlichkeit geraten.“ [23]

Naturalismus und biblischer Supernaturalismus: Gemeinsamkeiten und ein wichtiger Unterschied

Ein Vergleich zwischen dem Naturalismus und dem biblischen Supernaturalismus zeigt somit wichtige Übereinstimmungen: Beide Denkmodelle gehen davon aus, dass Naturphänomene in aller Regel eine natürliche Ursache haben. Deshalb sind für beide Denkmodelle die Instrumente der Beobachtung und der experimentellen Wiederholbarkeit sinnvolle wissenschaftliche Methoden zur Erforschung der Welt. Das heißt auch: Bei der Frage nach dem „Wie“ betreiben bibelgläubige Christen und Naturalisten die gleiche Art von erfolgreicher Wissenschaft.

Worin sich diese Denkmodelle aber nicht einig sind, ist die Frage: Können göttliche Eingriffe in Raum und Zeit möglicherweise die beste Erklärung bei Fragen nach dem „Woher“ sein? Und sind punktuelle, singuläre göttliche Eingriffe ins Weltgeschehen denkbar, z. B. bei der Auferstehung Jesu, bei biblischer Prophetie oder bei sonstigen Wundern?

Die Frage, welches Denkmodell der Wahrheit entspricht, kann die Wissenschaft nicht abschließend beantworten. Hier muss es deshalb Denkfreiheit geben für konkurrierende Modelle. Hier braucht es offenen Wettbewerb und respektvollen Dialog. In diesem Wettbewerb brauchen sich Christen, die der Bibel vertrauen, in keiner Weise zu schämen. Denn die biblischen Grundannahmen sowie das biblische Welt- und Menschenbild haben sich nach allem, was wir heute wissen, in beeindruckender Weise bestätigt.

Warum dieses Thema so wichtig ist: Die Wahrheit wird euch frei machen

Auf einem zentralen Gebäude der Universität Freiburg haben die Erbauer auf der Fassade einen Bibelvers eingeprägt, der eine Aussage Jesu wiedergibt: „Die Wahrheit wird euch frei machen.“

Diese Inschrift zeigt drei Dinge:

  1. Die Suche nach der Wahrheit war schon immer ein Antrieb der Wissenschaft. Heute gibt es aber die Gefahr, das Konzept der Wahrheit zu verlieren. In der Postmoderne wurde vielfach ein alternatives Denkmodell kultiviert: Es gäbe überhaupt keine objektive Wahrheit sondern nur subjektive Wahrheiten. Das Problem daran ist: Wenn die Wahrheit stirbt, stirbt auch die Wissenschaft.
  2. Ganz offensichtlich haben die damaligen Leiter der Universität noch gewusst: Die Wissenschaft kann zwar die Schöpfung erforschen. Sie kann die Gedanken Gottes in der Schöpfung nach-denken. Aber für die letzten Fragen sind wir Menschen auf andere Wahrheitsquellen angewiesen. Auf die letzten Fragen finden wir nur Antworten, wenn dieser Jesus, der gesagt hat „Ich bin die Wahrheit“, sie uns offenbart.
  3. Die damaligen Leiter haben offenbar geahnt, dass es Konsequenzen hat, wenn Gesellschaften wahren oder falschen Denkansätzen folgen. Die Entscheidung für die richtigen Denkvoraussetzungen ist nicht eine Frage des Geschmacks sondern von Freiheit oder Knechtschaft.

Die Auseinandersetzung um die außerwissenschaftlichen Vorannahmen ist deshalb viel mehr als Denkakrobatik. In dieser Auseinandersetzung geht es um ungeheuer viel. Es ist deshalb von größter Bedeutung, dass Christen verstehen, dass es in jeder Hinsicht vernünftig und gut begründet ist, der Bibel zu vertrauen, dass sie uns eine solide Grundlage gibt für unser Denken, für unser Forschen, für unsere Ethik und für unser gesellschaftliches Zusammenleben. Es lohnt sich, dafür gemeinsam offen einzustehen.


[1] Der Supernaturalismus wird oft auch als „Supranaturalismus“ bezeichnet.

[2] Zusammengefasst in Wikipedia unter https://de.wikipedia.org/wiki/Astralgottheit und  https://de.wikipedia.org/wiki/Donner#Mythologie

[3] Rudolf Bultmann: Neues Testament und Mythologie. Das Problem der Entmythologisierung der neutestamentlichen Verkündigung, in: Hans W. Bartsch (Hg.): Kerygma und Mythos, Bd. 1 (Theologische Forschung, Bd. 1), Hamburg 41960, S. 15–48, hier: S. 18.

[4] Brief vom 29. Mai 1944, Widerstand und Ergebung: Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, zit. n.

Berta Moritz: Schöpfung und Evolution, reloaded, 3.3.2016, http://www.kath.net/news/54251

[5] 1. Mose 1,14: „Und Gott sprach: Am Himmel sollen Lichter entstehen, um den Tag von der Nacht zu unterscheiden.“

[6] Z. B. 2. Mose 20,4: „Du sollst dir kein Götterbild machen.“

[7] Hans-Jörg und Wolfgang Hemminger: Jenseits der Weltbilder. Naturwissenschaft, Evolution, Schöpfung. Quell-Verlag Stuttgart 1991, S. 145f.

[8] Ernst Frankenberger: Gottbekenntnisse großer Naturforscher, Johannes-Verlag Einsiedeln 1994; S. 8

[9] Peter Gerdsen: Das Christentum in seiner Bedeutung für die moderne Wissenschaft, Professorenforum-Journal 2004, Vol. 5, No. 3, S. 46

[10] Clive S. Lewis, C.S. (1960) Miracles. Collins, Fontana; zitiert von Uwe Zerbst: Die Bibel vor der Wahrheitsfrage, online unter www.academia.edu/31864040/Die_Bibel_vor_der_Wahrheitsfrage, S. 142

[11] Carl F.v. Weizsäcker: Die Tragweite der Wissenschaft, Band. I: Schöpfung und Weltentstehung.

Die Geschichte zweier Begriffe, 4. Aufl., Hirtzel-Verlag Stuttgart 1973, S. 179-180

[12] James M. Tour: The Origin of Life Has Not Been Explained, online unter www.youtube.com/watch?v=r4sP1E1Jd_Y&t=683s, ab 10:50

[13] Michael J. Behe: Darwin Devolves, HarperOne New York, 2019

[14] Günter Bechly: Wissenschaft ohne Scheuklappen – Einwände gegen Darwins Evolutionstheorie, Vortrag vom 7.5.2018 beim Evangelischen Arbeitskreis der CDU Stuttgart, online unter https://www.youtube.com/playlist?list=PLwBfDPNE4CobU4KVWs2hPdFtHYIIhBUg9

[15] Markus Widenmayer (Hrsg.): Das geplante Universum, SCM Hänssler Holzgerlingen 2019

[16] Thomas Nagel: Geist und Kosmos: Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist, Suhrkamp Berlin 2016

[17] „Am Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde.“ (1. Mose 1,1)

[18] Der zweite thermodynamische Hauptsatz besagt unter anderem, dass in einem geschlossenen System die Entropie (die man umgangssprachlich als ein Maß der Unordnung beschreiben kann) nicht abnimmt, sondern in der Regel zunimmt.

[19] Das berichtet Günter Bechly im Video „Zweifel an Darwin“, online unter https://www.youtube.com/watch?v=LWVIzw0mTOw&t=5s

[20] Patrick Becker: Wo bleibt der Sinn? Zu den Einseitigkeiten naturwissenschaftlicher Weltdeutung, Vortrag vom 20.5.2018 in Weimar, online in der Worthaus-Mediathek unter: https://worthaus.org/worthausmedien/wo-bleibt-der-sinn-zu-den-einseitigkeiten-naturwissenschaftlicher-weltdeutung-8-3-1/

[21] „Dual“ im Sinne einer Wechselwirkung zwischen dem Natürlichen und dem Übernatürlichen

[22] Siegfried Zimmer: Die erste Schöpfungserzählung (1. Mose 1,1-2,4a) – Teil 2, Vortrag vom 21.5.2018 in Weimar, online in der Worthaus-Mediathek unter: https://worthaus.org/worthausmedien/die-erste-schoepfungserzaehlung-1-mose-11-24a-teil-2-8-4-2/

[23] Tapio Puolimatka: Glaube, Wissenschaft und die Bibel, Ruhland Verlag Bad Soden 2018, S. 28


Weiterführend zu diesem Thema sind im AiGG-Blog (blog.aigg.de) u.a. folgende Artikel erschienen:

Um die Rolle von Denkvoraussetzungen („Vorurteilen“) sowie viele weitere Probleme in De­batten zwischen unter­schied­lich geprägten Christen geht es auch im Buch „Zeit des Umbruchs“, das im September 2019 bei SCM R. Brockhaus erschie­nen ist. Informationen, Leseproben, Stimmen und Rezensionen zum Buch gibt es unter zeitdesumbruchs.aigg.de.

Siehe dazu auch:

Wie Vorannahmen die (Bibel-)Wissenschaft beeinflussen – und warum sie von jedem Menschen auf Augenhöhe beurteilt werden können
Erkenntnisse aus dem Buch “Glaube, Wissenschaft und die Bibel” von Prof. Tapio Puolimatka

Wie geht Einheit? Das Paulus-7-Punkte-Programm

Was braucht es, damit Christen untereinander einig sein können? Paulus stellt dazu das folgende simple Rezept mit 7 Zutaten zusammen (Kolosser 3, 12-16):

  1. Da Gott euch erwählt hat, zu seinen Heiligen und Geliebten zu gehören, seid voll Mitleid und Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftheit und Geduld.
  2. Seid nachsichtig mit den Fehlern der anderen und vergebt denen, die euch gekränkt haben. Vergesst nicht, dass der Herr euch vergeben hat und dass ihr deshalb auch anderen vergeben müsst.
  3. Das Wichtigste aber ist die Liebe. Sie ist das Band, das uns alle in vollkommener Einheit verbindet.
  4. Euren Herzen wünschen wir den Frieden, der von Christus kommt. Denn als Glieder des einen Leibes seid ihr alle berufen, im Frieden miteinander zu leben.
  5. Und seid immer dankbar!
  6. Gebt den Worten von Christus viel Raum in euren Herzen. Gebraucht seine Worte weise, um einander zu lehren und zu ermahnen.
  7. Singt, von Gnade erfüllt, aus ganzem Herzen Psalmen, Lobgesänge und geistliche Lieder für Gott.

Jesus, bitte fülle mich heute mit Deinem Wesen und Deinem Charakter. Ich möchte so leben, dass jeder Mensch, dem ich begegne, etwas von Deinem Erbarmen, Deiner Freundlichkeit, Deiner Sanftmut und Geduld spüren kann. Hilf mir demütig zu sein, damit ich mich nicht über andere Menschen erhebe.

Hilf mir, denen zu vergeben, die mich gekränkt haben. Erinnere mich immer wieder daran, wie sehr ich davon lebe, dass Du mir so unendlich viel mehr vergeben hast.

Fülle mich mit Deiner Liebe für die Menschen. Du weißt um diejenigen, die ich eigentlich nicht mag. Aber Du liebst sie. Du bist für sie gestorben. Berühre mich mit Deiner aufopferungsvollen, bedingungslosen und vorauslaufenden Liebe, damit ich in Dir andere Menschen nicht nur stehen lassen sondern wirklich lieben kann.

Wo ich aufgewühlt bin, will ich jetzt wieder eintauchen in Deinen Frieden, der nicht von Umständen abhängig ist sondern vom Kreuz kommt, wo Du Frieden zwischen mir und Dir erworben hast.

Vertreibe mein Mürrischsein und meine Unzufriedenheit mit Dankbarkeit für all das Gute, das Du mir geschenkt hat. In Dir bin ich jederzeit überreich beschenkt.

Fülle meine Gedanken mit Deinen Worten. Ich will sie lesen, hören, darüber nachdenken und meditieren. Deine kostbaren Worte sollen mich jeden Tag noch mehr prägen und mein Denken erneuern. Deine Wahrheit macht mich frei. Gib mir Freunde, die mir Dein Wort sagen, mich damit trösten und ermahnen.

Und gib mir jederzeit ein Lied auf meine Lippen. Mein Leben soll ein Lobpreis sein für Dich. Denn Du bist schön. Du bist gewaltig groß. In Dir sind alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis verborgen. Wo Du angebetet wirst, wo Du die Mitte bist, da breitet sich Friede aus. Und da wachsen ganz von selbst alle die zusammen, die Dich lieben und in Dir geborgen sind.

Was sagt Lukas über liberale Theologie?

In Lukas 24, 36-44 schreibt Lukas:

„Als sie aber davon redeten, trat er selbst mitten unter sie und sprach zu ihnen: Friede sei mit euch! Sie erschraken aber und fürchteten sich und meinten, sie sähen einen Geist. Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so erschrocken, und warum kommen solche Gedanken in euer Herz? Seht meine Hände und meine Füße, ich bin’s selber. Fasst mich an und seht; denn ein Geist hat nicht Fleisch und Knochen, wie ihr seht, dass ich sie habe. Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen seine Hände und Füße. Da sie es aber noch nicht glauben konnten vor Freude und sich verwunderten, sprach er zu ihnen: Habt ihr hier etwas zu essen? Und sie legten ihm ein Stück gebratenen Fisch vor. Und er nahm’s und aß vor ihnen. Er sprach aber zu ihnen: Das sind meine Worte, die ich zu euch gesagt habe, als ich noch bei euch war: Es muss alles erfüllt werden, was von mir geschrieben steht im Gesetz des Mose und in den Propheten und Psalmen.“

Bei diesen Worten könnte man glatt meinen, dass Lukas sich in moderne theologische Debatten einmischen möchte. Mit wenigen Worten antwortet er auf einige der Hauptanfragen aus der liberalen Theologie, von denen ich lange Zeit gedacht hatte, dass diese Themen nur moderne Menschen umtreiben. Aber Lukas zeigt: Schon die Jünger haben mit genau den gleichen Fragen gekämpft. Die Antworten von Lukas sind überraschend deutlich:

War der auferstandene Jesus nur ein Gedanke, eine Erscheinung, eine Vision oder ein Geist?

Lukas berichtet: Das haben die Jünger auch gedacht. Selbst als sie den auferstandenen Jesus sahen, waren sie immer noch genauso skeptisch wie viele heutige Theologen. Aber Jesus nimmt sich ausführlich Zeit, um zu zeigen: Er ist zwar verwandelt. Aber das Grab ist leer. Jesus hat immer noch diesen Leib mit den Narben, die ihm am Kreuz zugefügt wurden. Jesus bittet extra um etwas zu essen, weil es ihm wichtig ist, klarzustellen: Ich lebe! Und zwar nicht nur in eurer Predigt, in euren Herzen oder in einer vergeistigten Form sondern physisch, aus „Fleisch und Knochen“, anfassbar und ganz real!

Ist der nachösterliche Christus nur eine frühchristliche Deutung des historischen Menschen Jesus von Nazareth?

Lukas berichtet: Genau wie in der heutigen Theologie war die Verunsicherung bei den Jüngern groß, wer Jesus eigentlich war. Jesus selbst stellt deshalb klar: Ich wusste schon vorher, dass ich sterben und auferstehen werde. Erinnert euch: Ich hatte es euch vorher schon angekündigt! Jesus wurde also nicht nachträglich als “Christus” (griechisch für “Messias”) gedeutet, sondern er selbst war sich schon lange vor Ostern immer bewusst gewesen: Ich werde mein Leben opfern und den Tod besiegen. Ich bin der Erlöser der Welt und der König des kommenden Gottesreichs.

Spricht das Alte Testament von Jesus? Gibt es vorhersagende Prophetie? Hat das Alte Testament Offenbarungscharakter? Ist die Bibel widersprüchlich?

Auch die Jünger Jesu hatten noch nicht durchschaut, dass ihre Erlebnisse mit Jesus mit den Texten des Alten Testaments eng zusammen hängen. Deshalb nahm Jesus sich (zuvor auch schon bei den Emmausjüngern) viel Zeit, um deutlich zu machen: Das gesamte Alte Testament dreht sich um ihn! Es ist voller Vorhersagen, die sich erfüllt haben. Es ist voller Wissen darüber, dass ER kommen wird, was ER tun wird und was mit ihm geschehen wird – Wissen, das kein Mensch aus sich heraus haben kann und das deshalb den Offenbarungscharakter des Alten Testaments beweist. Jesus betont zudem: Diese Vorhersagen MUSSTEN sich erfüllen – weil es ja Worte Gottes sind! Ausdrücklich verleiht Jesus dem kompletten Kanon diesen Offenbarungscharakter: Mose, Propheten und Psalmen. Damit wird auch deutlich: AT und NT bilden eine Einheit. Sie erzählen gemeinsam die eine Geschichte von Jesus Christus.

Wem glauben wir?

Nun kann man den Aussagen und Schilderungen von Lukas natürlich glauben oder auch nicht. Aber eines kann man nicht: Liberale Theologie mit der Aussageabsicht von Lukas und seiner Darstellung der Aussagen Jesu harmonisieren. Wir müssen uns schon ehrlich machen:

  • Entweder haben liberale Theologen Recht. Dann liegt Lukas grundfalsch und ist damit als Zeuge unglaubwürdig.
  • Oder Lukas hat Recht. Dann ist liberale Theologie ein grandioser Irrtum.

Beides zugleich geht nicht. Wir müssen uns entscheiden.

Meine Kirche scheint sich entschieden zu haben. Sie lässt ihr Führungspersonal überwiegend von Menschen ausbilden, die einer liberalen Theologie folgen. Leider hat sie damit Lukas als glaubwürdigen Botschafter verloren. Ich frage mich: Glaubt meine Kirche denn wirklich, Menschen stattdessen für die Botschaft moderner Theologen gewinnen zu können? Falls ja: Welche Botschaft ist das? Moderne Theologen sind sich doch eher selten über etwas einig.

Ich für meinen Teil werde mich lieber auf Lukas verlassen. Seine Botschaft trägt – im Leben und im Sterben.

Mission und Schriftvertrauen – 5 Gründe, warum das eine nicht ohne das andere geht

Spielt unser Bibelverständnis eine Rolle für unsere missionarische Dynamik? Seltsamerweise wird diese Frage kaum gestellt. Oft höre ich stattdessen: Über das richtige Bibelverständnis wird man sich ohnehin nie einigen können, selbst unter den Konservativen nicht. Die verschiedenen fruchtbaren missionarischen Initiativen seien keinesfalls auf ein bestimmtes konservatives Schriftverständnis fixiert. Deshalb sollten wir uns auf unserer Suche nach neuer missionarischer Dynamik doch lieber auf die praktischen Themen konzentrieren, statt über solche theologische Fragen zu streiten.

Tatsächlich scheint in vielen Veranstaltungen und Veröffentlichungen zum Thema Mission (wie z.B. im Buch „Mission Zukunft“) trotz vieler guter Impulse die Frage nach dem Schriftverständnis und der theologischen Ausbildung kaum eine Rolle zu spielen. Auch beim 3-tägigen Zukunftsforum der deutschen evangelischen Allianz wurden ohne Zweifel zahllose wertvolle Ideen für mehr missionarische Dynamik bedacht. Aber schon beim Lesen des Berichts fiel mir auf, was am Ende dann auch als Äußerung eines Teilnehmers wiedergegeben wird: „Die Bibel sei als Thema untergegangen…“

Im Grunde kann ich das ja auch verstehen. Bis vor etwa 2 Jahren hatte ich den Eindruck, dass die Evangelikalen sich in den wichtigen Fragen zur Bibel im Grunde einig und die Differenzen nebensächlich sind. Im Vordergrund stand für mich die Einheit der Jünger Jesu als DIE wesentliche Grundlage für erfolgreiche missionarische Arbeit (Joh. 17,23). Eine große Koalition für die Mission schien mir deshalb doch ungleich wichtiger, als sich in theologischen Debatten zum Schriftverständnis zu verhaken. Schließlich kommt kein einziger Mensch durch Debatten zum lebendigen und rettenden Glauben an Jesus. Oder?

Grundsätzlich bin ich dieser Meinung immer noch. Am Ende ist entscheidend, dass die Kirche missionarische Dynamik gewinnt. Eine Schriftdebatte um der Schriftdebatte Willen hilft niemandem. Allerdings bin ich seit kurzem auch zu folgender Überzeugung gelangt:

Eine nachhaltige missionarische Dynamik ist nicht möglich ohne das Vertrauen in den Offenbarungscharakter der Heiligen Schrift!

Lassen Sie mich die 5 Gründe erläutern, die diesen Meinungsschwenk bei mir bewirkt haben:

1. Ohne Bibelvertrauen verlieren wir den Inhalt unserer Mission

Die Kirche ist ein „Botschafter an Christi statt“ (2.Kor.5,20). Das heißt: Sie hat keine eigene Botschaft, sondern den Auftrag, die Botschaft Christi in der Welt weiter zu sagen. Den Inhalt dieser Botschaft kennen wir einzig und allein aus der Bibel. Wenn die Kirche dieses Dokument in Frage stellt, hat sie keine Basis mehr, worauf sie ihre Botschaft gründen könnte.

Und tatsächlich zeigt sich in der Praxis: Wenn die Bibel nicht mehr als Offenbarung angesehen wird, sondern höchstens als menschliches und somit fehlerhaftes Zeugnis der Offenbarung, dann ist die Tür ganz offenkundig weit offen für unterschiedlichste Meinungen, auch zu den grundlegendsten und innersten Fragen des christlichen Glaubens. Die nachfolgende Liste stellt nur eine Auswahl von Fragen dar, die früher von Evangelikalen selbstverständlich gemeinsam mit einem leidenschaftlichen JA beantwortet wurden, die heute aber auch unter Evangelikalen zur Diskussion stehen und teilweise sogar offen verneint werden:

  • Ist Jesus leiblich auferstanden?
  • Wurde Jesus von einer Jungfrau geboren? War der irdische Jesus nicht nur ganz Mensch, sondern auch ganz (präexistenter) Gott?
  • War der Tod Jesu ein bewusst herbeigeführtes stellvertretendes Sühneopfer?
  • Ist der Glaube an den biblischen Jesus Christus der einzige Weg zu Gott und zum ewigen Leben? Gibt es somit eine Dringlichkeit der christlichen missionarischen Botschaft, weil der Weg ohne Jesus in die Gottferne führen kann, die die Bibel „Hölle“ nennt?
  • Bedeutet Mission primär, Menschen in die Nachfolge Jesu zu führen, statt sie nur für ein „jesusmäßiges“ Verhalten zu gewinnen?
  • Ist das Herz des Menschen im Kern unheilbar mit der Sünde verstrickt? Braucht der Mensch somit im Kern Erlösung von seinem sündigen Herzen, statt nur von schlechten Umständen?
  • Führt christlicher Glaube auch zu ethischen Normen, die für Christen heute noch bindend sind?

Die Liste ließe sich fortsetzen. Wohl eher kurz würde hingegen die Liste der Punkte, über die sich im Grunde alle einig sind. Dazu würde wohl gehören, dass Gott Liebe ist. Aber schon bei der Frage, was das praktisch bedeutet und wie sich diese Liebe ausdrückt, wäre die Einigkeit wohl zu Ende.

Nun ist der Umstand, dass es unter Christen theologische Differenzen gibt, eine Selbstverständlichkeit – auch bei Detailfragen zum Schriftverständnis. Uneinigkeit bei theologischen Randfragen gab es schon immer. Das müssen und dürfen wir fröhlich aushalten lernen. Aber die oben genannten Fragen betreffen nicht nur den Rand, sondern den innersten Kern des christlichen Glaubens und damit auch der Evangeliumsbotschaft. Wenn diese Fragen unterschiedlich beantwortet werden, dann müssen wir ehrlicherweise von unterschiedlichen Evangeliumsbotschaften sprechen – egal auf welcher Seite des Meinungsspektrums wir stehen. Wir haben dann nur die Wahl zwischen den beiden folgenden Optionen:

  1. Wir dünnen die missionarische Botschaft auf den kleinsten gemeinsamen Nenner aus. Dann wird unsere Botschaft zwangsläufig verwaschen – und letztlich verstummt sie, wie Steffen Kern in „Mission Zukunft“ (S. 225) schreibt: „Selbst in den zentralsten Glaubens- und Lebensfragen werden viele unsicher. Was früher manchmal so klar schien, scheint auf einmal zwischen den Fingern zu zerrinnen. Die Kirchen und Gemeinden, die Haltungen und Positionen werden pluraler, Orientierung zu finden immer schwieriger. Darum verfallen wir über Frömmigkeitsgrenzen hinweg ins Schweigen.“ Wenn wir das nicht wollen, bleibt nur die 2. Option:
  2. Wir schicken verschiedene, sich widersprechende Botschaften in die Welt. Aber wenn nicht einmal wir Christen uns einig sind, was eigentlich im Kern unsere Botschaft ist: Wer soll uns das dann noch abkaufen?

Womit wir bereits beim zweiten Grund wären, warum Bibelvertrauen untrennbar mit der missionarischen Dynamik verknüpft ist:

2. Ohne Bibelvertrauen verlieren wir unsere Einheit und Glaubwürdigkeit

Die Einheit der Christen ist gemäß der Aussage unseres Herrn entscheidend für die Glaubwürdigkeit der christlichen Botschaft in der Welt (Joh.17, 23). Dass dieses Prinzip stimmt, erleben auch unsere politischen Parteien. Innerparteilicher Streit schadet immer den Umfragewerten. Politiker müssen sich deshalb sehr genau überlegen, welcher innerparteiliche Streit sich tatsächlich lohnt. Meine Antwort wäre: Der Streit lohnt sich auf jeden Fall dann, wenn die Basis des Zusammenhalts gefährdet ist. Für die Einheit der Christen ist die Bibel ohne Frage von grundlegender Bedeutung. Elke Werner schreibt dazu in „Mission Zukunft“ (S. 340): „Bei aller konfessionellen und missionarischen Offenheit ist es zugleich wichtig, einen Maßstab zu haben, der für alle verbindlich ist. Das sind für uns die Bibel und ihre sinnstiftenden und Orientierung gebenden Anweisungen für ein gelingendes und von Gott gesegnetes Leben.“

Natürlich wird es immer Auseinandersetzungen um die richtige Auslegung der Bibel geben. Aber ohne Vertrauen in den Offenbarungscharakter der Bibel gibt es überhaupt keine Grundlage mehr, auf deren Basis wir uns überhaupt streiten könnten. Jesus selbst hat in theologischen Debatten immer auf der Basis der Schrift argumentiert („Habt ihr nicht gelesen?“). Ist die Autorität der Bibel aber in Frage gestellt, dann ist eine Einigung auf bestimmte Kernaussagen des christlichen Glaubens im Grunde nur noch durch Machtmittel möglich, sei es durch Dominanz in den Ausbildungsstätten und Machtzentralen, sei es durch die Definition eines Lehramts der Kirche, sei es durch die Forderung nach Akzeptanz der Ergebnisse der akademischen Bibelwissenschaft oder durch die Suche nach Dominanz im öffentlichen Diskurs und Diskreditierung von Andersdenkenden. Die Alternative dazu wäre, eine Einheit auf Basis von Lehraussagen grundsätzlich abzulehnen und jede subjektive (Erfahrungs-)Theologie als gleich gültig stehen zu lassen. Das Problem daran ist: Wenn alles gleich gültig ist, dann ist im Grunde alles gleichgültig. Dann verliert unsere Botschaft ihre Relevanz – ein Phänomen, unter dem die großen Kirchen heute ganz besonders leiden.

Beide Ansätze kann man in der Praxis beobachten, manchmal sogar in kombinierter Form. Aber keiner dieser Ansätze kann jemals zu echter Einheit führen. Die Kirche ist ein Geschöpf des Wortes („Creatura verbi“). Ihre Einheit basiert unter anderem darauf, dass sie sich aus diesem Wort heraus definiert. Einheit ist ein extrem hohes und zudem äußerst umkämpftes Gut. Es gibt viele Faktoren, die sie gefährden. Es wäre ein dramatischer Fehler, diese Einheit wegen Differenzen in theologischen Randfragen zu verlieren. Aber bei den Kernfragen und Knackpunktthemen des Glaubens lohnt es sich, auf biblischer Basis zu streiten – gerade um der Einheit der Kirche Jesu willen.

3. Ohne Bibelvertrauen verlieren wir Motivation und Opferbereitschaft

Im Buch „Mission Zukunft“ berichtet Pfarrer Alexander Garth von folgender Beobachtung in der bunten Gemeindeszene in Berlin: „Erfolgreiche missionarische Arbeit braucht eine konservative Theologie, weil nur diese das hohe Commitment ihrer Gemeindemitglieder zu generieren vermag, das nötig ist, damit die Dynamik für eine wachsende Gemeinde entsteht.“ (S. 292) Woran liegt das? Fakt ist: Mission und Gemeindebau ist (manchmal harte) Arbeit. Sie erfordert den Einsatz von Zeit, Kraft und Geld. Wer sich mit der Geschichte von Pioniermissionaren befasst, merkt schnell: Der einzige Grund, der es rechtfertigt, Hab und Gut aufzugeben und sogar sein Leben aufs Spiel zu setzen, um fernen Völkern das Evangelium zu bringen, ist die Dringlichkeit der Botschaft, die in den beiden folgenden simplen Sätzen zum Ausdruck kommt: „Wer den Sohn hat, der hat das Leben. Wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht“ (1.Joh.5,12). Und: „Niemand kommt zum Vater außer durch mich“ (Joh.14,6).

Die erste christliche Generation hat die Kirche unter härtester Verfolgung und extremsten Opfern gegründet und aufgebaut. In vielen Ländern der Welt bringen Christen bis heute unvorstellbare Opfer um des Evangeliums willen. Trotzdem wächst nicht selten gerade dort die Kirche am schnellsten. Wie ist das zu erklären? Jesus sagte den erstaunlichen Satz: „Habt keine Angst vor denen, die euch töten wollen. Sie können nur den Körper töten; mehr können sie euch nicht antun.“ (Luk.12,4) In der Botschaft Jesu spielt die Ewigkeitsperspektive in Kombination mit seinem Exklusivanspruch eine zentrale Rolle. Wenn die Kirche diese beiden Elemente verliert, verliert sie auch ihre Opfer- und Leidensbereitschaft. Und das beginnt schon bei der Frage, ob ich abends lieber gemütlich Netflix schaue oder Stühle stelle und Kaffee koche für einen Glaubenskursabend. Ohne diese Opferbereitschaft gibt es keine Mission.

4. Ohne Bibelvertrauen verlieren wir das wagemutige Christusvertrauen

Wer Menschen für die Nachfolge Jesu gewinnen möchte, kann nicht auf Dauer in einer gefahrlosen Komfortzone bleiben. Kirche Jesu zu bauen war schon immer ein Glaubensprojekt, für das mutige, risikobehaftete Entscheidungen getroffen werden müssen im festen Vertrauen auf Gottes Bewahrung und Versorgung für die notwendigen finanziellen und personellen Ressourcen. Wer sich mit den Gründungsgeschichten großer geistlicher Werke und Erweckungsbewegungen befasst, stößt dort immer wieder auf glaubensstarke Menschen, die das Unmögliche für möglich hielten, weil sie ihrem großen Gott alles zugetraut haben. Auch die Bibel ist voll von solchen Geschichten. Dieses unverzichtbare, wagemutige Christusvertrauen resultiert immer schon aus einem starken Glauben an die Verheißungen Gottes. Und dieser Glaube wiederum ist eine Frucht von Gottes Wort, das unser Herz erreicht. Ohne ein festes Vertrauen in Gottes Wort vertrocknet deshalb auch das wagemutige Gottvertrauen.

Wagemut beginnt schon im Kleinen: Wenn Christen überlegen, einen Glaubenskurs zu starten, ein missionarisches Projekt zu initiieren, ein neues Veranstaltungsformat zu entwickeln, eine Gemeinde zu gründen oder einfach nur ihrem Berufskollegen von ihrem Glauben an Jesus zu erzählen, dann ist das immer auch ein „Schritt aufs Wasser“ in dem Bewusstsein: Wir könnten uns blamieren, scheitern und selber Schaden nehmen. Wagemut hängt nicht nur am Bibelvertrauen. Es gibt auch Unternehmer, Künstler oder Politiker mit erstaunlich großem Wagemut. Und doch ist meine Erfahrung: Gerade dort, wo Christen sich verwurzeln in einer lebendigen Beziehung zu dem Jesus, der ihnen in der Bibel große Versprechen und Verheißungen macht, da wächst eine Kultur des wagemutigen Christusvertrauens, die Christen ermutigt, gemeinsam mutige Schritte zu gehen. Wo diese in der Bibel gegründete Christusbeziehung vertrocknet, neigt auch das Christentum dazu, sich in die scheinbar risikolose Komfortzone zurückzuziehen, wo ihr am Ende aber erst recht der Boden unter den Füßen weggezogen wird, weil Kirche ohne mutige und leidenschaftliche Mission nun einmal keine Zukunft hat.

5. Ohne Bibelvertrauen verlieren wir das Wort Gottes als Waffe im geistlichen Kampf

Das Wesen von Mission erschöpft sich niemals nur in Aktivitäten und Methoden. Mission ist immer auch ein geistlicher Kampf – nicht gegen Fleisch und Blut sondern gegen unsichtbare Mächte und Gewalten. Paulus bemüht nicht nur in Epheser 6 Bilder aus dem Militärwesen, um diesen Kampf zu veranschaulichen. Das Wort Gottes ist für ihn dabei ein Schwert (Eph. 6,17). Als Jesus in der Wüste versucht wurde benutzte er genau diese Waffe im Kampf gegen die Versuchungen des Teufels („Es steht geschrieben…!“ Matth.4,6). Zudem macht die Bibel klar: Gottes Wort ist nicht nur Botschaft sondern auch Kraft (Röm.1,16) mit dem Potenzial, Festungen aus hochtrabenden Gedanken zu zerstören (2.Kor.10,5) und Menschen aus dem Gefängnis der Lüge zu befreien (Joh.8,32).

Ich erlebe es selbst immer wieder: Wenn Menschen ihr Herz öffnen für das Evangelium, dann ist das immer ein rational nicht ganz erklärbares Wunder. Ich führe dieses Wunder auch auf die Kraft von Gottes Wort zurück. Niemals könnte ich mir vorstellen, ohne dieses Vertrauen auf die Kraft von Gottes Wort zu evangelisieren. Solange die Kirche sich nur auf Methoden und Rhetorik verlässt, missachtet sie ihr entscheidendes Mittel, das Gott seiner Kirche für die Verbreitung des Evangeliums in die Hand gegeben hat und ohne das Kirche nicht gebaut werden kann: Die verändernde, glaubensweckende und erneuernde Kraft von Gottes Wort, das wir in der Bibel finden, von uns geglaubt und glaubensvoll gepredigt werden muss.

Was folgt daraus? Ohne Gebet und Gottes Wort ist alles nichts!

Im „Mission Zukunft“ hält Lothar Krauss in seinem bewegenden Bericht zum missionarischen Aufbruch in Gifhorn fest (S. 315): „Natürlich sind die Fragen nach dem Musikstil, der Sprache, der Kleidung auf der Bühne und so weiter nicht unwichtig. Aber es ist ein Fehler, zu denken, dass Veränderung in diesen Punkten eine Gemeinde verwandelt. Diese Themen ändern sich als Folge von Überzeugungen! Unsere Überzeugungen gewannen wir aus dem Studium der Bibel und wir bewegten sie im Gebet. Ohne Überzeugungen bleiben wir zu sehr an den Äußerlichkeiten hängen, die nicht unwichtig sind, aber eben auch nicht entscheidend.“

Die Leiter der ersten urchristlichen Gemeinde in Jerusalem haben deshalb streng darauf geachtet, dass ihnen genügend Zeit bleibt für die beiden wichtigsten Elemente ihres Dienstes: Gebet und Gottes Wort (Apg.6,2-4). Keine Frage: Damit Gemeinden missionarisch fruchtbar werden, braucht es vieles: Kreativität. Geld. Gaben. Leidenschaft. Liebe zu Gott und den Menschen. Vorausschauende Leitung. Lernfähigkeit. Gute Methoden. Ressourcen. Einheit… Aber ganz offensichtlich war schon den allerersten Gemeindeleitern bewusst: Damit all das Frucht bringen kann, braucht es im Kern genau zwei Dinge: Die Macht des Gebets und die Kraft von Gottes lebendigem Wort! Wo diese beiden Dinge auf dem Rückzug sind, da ist die Kirche Jesu auf dem Rückzug. Gebet und Gottes Wort ist nicht alles im Gemeindebau. Aber ohne Gebet und Gottes Wort ist alles nichts. Eine neue Kultur des Gebets, eine neue Liebe zum Bibellesen und ein neuer Hunger nach Gottes Wort muss deshalb zentral im Fokus unserer Bemühungen für eine neue missionarische Dynamik der Kirche Jesu stehen.

In seinem Buch „Natürliche Gemeindeentwicklung“ hat der Gemeindewachstumsforscher Christian A. Schwarz ein interessantes Ergebnis seiner systematischen Untersuchung von 45.000 Gemeinden aus der ganzen Welt präsentiert. Er schreibt: „Das Theologiestudium hat eine stark negative Beziehung sowohl zum Wachstum als auch zur Qualität der Gemeinde.“[1] Das heißt: Gemeinden, deren Leiter durch ein bibelkritisches Theologiestudium gegangen sind, leiden statistisch gesehen deutlich häufiger unter Qualitätsproblemen und Mitgliederverlust. Ich finde: Das sollte uns nicht überraschen. Die Ausrichtung einer Gemeinde wird nun einmal stark von den Gemeindeleitern geprägt. Solange die zukünftigen Leiter durch eine theologische Ausbildung gehen, die das Vertrauen in die Verlässlichkeit der Bibel erschüttert statt stärkt, kann aus den genannten Gründen auch keine missionarische Dynamik wachsen. Ich denke oft: Wir Landeskirchler verhalten uns wie eine Metzgereikette, die ihre Filialleiter von Veganern ausbilden lässt und sich nachher wundert, warum die Umsätze einbrechen. Und die offenkundige Ursache des Problems ist eine heilige Kuh. Das muss sich ändern! Wenn es uns nicht gelingt, die Ehrfurcht vor Gottes offenbartem Wort gerade auch an den Ausbildungsstätten wieder aufzurichten, dann bleiben all die anderen Bemühungen um Gemeindewachstum am Ende vergebliche Liebesmüh.

Für die 20er-Jahre habe ich deshalb diese große Sehnsucht: Lassen Sie uns an allen Orten wieder leidenschaftlich dafür aufstehen, beten und arbeiten, dass die gelebte Liebe zu Christus, die Macht des Gebets und die Kraft des offenbarten Wortes Gottes wieder das Fundament ist, auf dem die Kirche Jesu gebaut wird.


P.S.: Diesen Artikel widme ich dem Albrecht-Bengel-Haus in Tübingen, das aktuell sein 50-jähriges Jubiläum feiert und somit seit Jahrzehnten Theologiestudenten dabei hilft, den Durchblick zu bewahren und auf einem biblisch-klaren Kurs zu bleiben. DANKE, dass ihr euch seit so langer Zeit aufopferungsvoll, kämpferisch und liebevoll um genau das Anliegen kümmert, das in diesem Artikel beschrieben wurde. Auf diese Weise seid ihr vielen Gemeinden unserer Landeskirche zum Segen geworden! Bitte lasst euch bei den Jubiläumsfeierlichkeiten nicht zu sehr umarmen sondern bleibt mutig, kantig und herausfordernd, wie die Bibel es auch schon immer war und immer sein wird.


[1] Abbildung aus Christian A. Schwarz: Natürliche Gemeindeentwicklung, c+p-Verlag, 4. Auflage 2006, S. 25

 

Vision 2020

Liebe Leser des AiGG-Blogs,

herzlichen Dank für all die ermutigenden und konstruktiv kritischen Rückmeldungen im vergangenen Jahr! 2019 ist einiges geschehen, was ich bis dahin für vollkommen unmöglich gehalten hatte: Ein eigenes Buch ist erschienen, Auszüge daraus waren im August die Titelstory in idea-Spektrum, der AiGG-Worthaus-Artikel wurde in einem weiteren Buch abgedruckt und ich durfte in einen spannenden Vortragsdienst einsteigen, der in diesem Umfang neu für mich war. Und mein Eindruck ist: Gott hat noch viel mehr vor! Nicht speziell mit mir oder diesem Blog. Aber es sind an einigen Stellen Dinge sichtbar und spürbar in Bewegung gekommen, die – so glaube ich ganz fest – weiter wachsen und an Dynamik gewinnen werden.

Die ersten AiGG-Artikel für 2020 sind bereits in der Pipeline. Einsteigen möchte ich heute aber mit der Übersetzung eines brandaktuellen Facebookposts von John L. Cooper, dem Sänger der bekannten christlichen Band Skillet. Der Text von John Cooper gibt vieles von dem wieder, was auch diesen Blog im letzten Jahr beschäftigt hat und sicher weiter beschäftigen wird. Damit wünsche ich Ihnen und euch allen ein starkes, gesundes und vor allem reich gesegnetes Jahr 2020 und ganz viele Momente des Aufatmens in SEINER wunderbaren Gegenwart!

Vision 2020
öffentlich gepostet von John L. Cooper auf Facebook am 31. Dezember 2019

(Das englische Original siehe unten)

Wow, was für ein Wirbelwind war das Jahr 2019! Ich kann mich an kein arbeitsreicheres Jahr erinnern als dieses. Doch wenn ich das Jahr 2020 so betrachte, dann wird mir klar, dass ich noch viel zu tun habe und der Wirbelsturm gerade erst beginnt.

Das war ein schmerzhaftes Jahr, sowohl auf globaler als auch auf persönlicher Ebene. Die großen Probleme in der Welt haben mich auch ziemlich hautnah betroffen. Sprechen wir zuerst über das umfassendere Thema: Wir haben in diesem Jahr viel Herzensleid in Gottes Kirche gesehen. Wir haben gesehen, wie christliche Leiter und Menschen mit Einfluss vom Glauben abfielen, den Glauben verurteilten und in einen Lebensstil der Sünde verfielen. Außerhalb des christlichen Glaubens hat unsere Gesellschaft und Kultur im Allgemeinen das Ausfransen der letzten Säulen der Wahrheit gesehen, die uns relativ fest verankert gehalten haben. Die Kultur hat mit voller Wucht den Postmodernismus und seine verschiedenen Abkömmlinge des Relativismus aufgenommen. Das hat uns in eine Welt manövriert, die an nichts Absolutes glaubt und in der nichts objektiv wahr ist. Wir als Gesellschaft werden von wilden Strömungen hin und her geworfen, während die Wahrheit jeden Tag durch die öffentliche Meinung neu definiert wird. Ich hätte nie gedacht, dass so viele Menschen so verzweifelt verwirrt sein könnten.

Ich persönlich habe Freunde, die den Glauben in diesem Jahr verlassen haben. Freunde, die ihren Ehepartnern gegenüber untreu waren. Freunde, die ein Kind durch Sucht oder Selbstmord verloren haben. Freunde, die wissentlich oder unwissentlich zu falschen Lehrern wurden, indem sie eine “neue Lehre” lehrten, die Aspekte des Christentums mit den Überzeugungen der New-Age-Bewegung vermischt. Ja, ich habe es gesagt. Das ist eine falsche Lehre. Ziemlich brutales Zeug. So sehr ich persönlich von all dem betroffen bin, bin ich sicher, dass jeder von euch, der dies liest, auch in irgendeiner Weise davon betroffen sein wird.

Die Leute haben mich gefragt, warum ich im letzten Jahr angefangen habe, klarer zu sprechen. Zunächst einmal war ich der Meinung, dass das Internet zu voll von Menschen ist, die sich gegenseitig anschreien. Und wenn es eine Sache gibt, von der wir weniger brauchen, dann sind es Prominente, die meinen, sie müssten alle anderen zu Gleichgesinnten machen. Der Aufbau unserer Gesellschaft wird nun vom Einfluss der Jüngsten, der Selbstbewusstesten, aber auch der am wenigsten Geschichtskundigen und Erfahrenen unter uns geprägt. Ich habe dies seit mehreren Jahren beobachtet und wollte nicht noch eine Stimme in dieser Mischung sein. Im Idealfall würde ich es vorziehen, wenn die Leute auf diejenigen hören, die viel weiser sind als ich. Bitte, wenn Sie die Zeit haben, hören Sie sich eine Predigt von John Piper oder Tim Keller an, anstatt meinen Blog zu lesen 🙂

Das Problem war jedoch, dass je mehr ich versuchte, mich aus dem öffentlichen Gespräch herauszuhalten, um den Klügeren Raum zu geben, desto weniger wurde die Leere von den “Pipers” oder “Kellers” dieser Welt gefüllt. Stattdessen wurde sie mit absolutem Unsinn und häretischen Grübeleien derjenigen gefüllt, denen Kenntnis über Gott fehlt, und schlimmer noch, denen eine richtige Gottesfurcht fehlt.

Ich habe untätig gesessen und beobachtet, wie die Menschen in völliger Verwirrung leben. Christen sind so verunsichert über ihren eigenen Glauben, dass sie aus falschen Lehren schöpfen oder sich in diese hineinbewegen, ohne es überhaupt zu wissen. Ich beschloss schließlich, nicht mehr zu schweigen, als einige unserer früheren christlichen Leiter ihren Glaubensabfall verkündeten und damit begannen, Gottes heiligen Namen öffentlich zu entehren. Ich konnte es einfach nicht mehr ertragen. Ich fühlte mich wie ein junger Mann namens David, der schockiert und wütend war, als er dem riesigen Goliath zuhörte, der die Größe Gottes verspottete und herausforderte. Noch als Junge, unfähig, auch nur die Last einer Rüstung zu tragen, fragte David: “Wer ist das, der es wagt, den Armeen des lebendigen Gottes zu trotzen?”

Was bedeutet das für das Jahr 2020? Im kommenden Jahr werde ich mich von der Leine lassen. Es ist mir egal, was es mich kostet. Ich muss das Wort ergreifen, weil zu viele Menschen verletzt sind und die Antworten normalerweise nicht so schwer zu finden sind. Die Menschen brauchen Hilfe. Ja, wir leben in verwirrenden Zeiten. Aber es ist nicht so verwirrend, wie es scheint, wenn man bereit ist, sich der Herrschaft Jesu Christi und seinem Wort hinzugeben. Der Grund, warum so viele Christen verwirrt sind, ist, dass sie nicht an das Fundament der Bibel glauben (ob sie es zugeben oder nicht). Gottes Wort ist unveränderlich und es ist die Grundlage der Wahrheit. Ohne dieses Fundament ist es kein Wunder, dass das Leben der Menschen auseinander fällt. Es ist unmöglich, ein unerschütterliches Fundament zu haben, wenn es aufgebaut ist auf einer Mischung aus Bibel, sozialem Aktivismus, der New-Age-Bewegung, Pop-Psychologie, Promi-Tweets und der ständigen Moralisierung von wachen Ideologen, die glauben, dass sie tugendhafter sind als alle anderen… sogar tugendhafter als Gott.

Wenn es einen Entschluss gibt, den ich für 2020 habe, dann ist es der, dass ich mich deutlicher ausdrücken möchte mit meinen Worten. Wie ich eingangs dieses Posts sagte, sind die letzten Säulen der Wahrheit in unserer Kultur zerbrochen. Traurigerweise sind diese Säulen auch innerhalb der Kirche zerbrochen. Wie bete ich für christliche Leiter, die am Wort Gottes festhalten, auch wenn es immer unpopulärer wird, dies zu tun! Wie bete ich, dass Männer Gottes das Rückgrat finden, um in der Frage der Autorität der Schrift fest zu stehen, anstatt sich wie Kinder zu verstecken und die Zustimmung anderer zu suchen! Diese Männer hätten Krieger sein sollen – sie waren dazu bestimmt, den feurigen Pfeilen des Feindes zu widerstehen -, aber sie können sich nicht einmal gegen eine Beleidigung aus einer Welt wehren, von der Gott uns doch angekündigt hat, dass sie uns hassen würde!

Liebe Mitgläubige, mögen wir aufwachen und erkennen, dass wir uns im Zentrum eines Krieges gegen die Wahrheit befinden. Wenn unser Fundament auf Christus allein beruht, dann können wir nicht erschüttert werden. Andererseits: Wenn unser Fundament sowohl auf Christus als auch auf der Philosophie unserer Zeit gebaut ist, wird unser Leben zerschlagen und zu Boden gerissen werden.

“Denn niemand kann ein anderes Fundament legen als das, das gelegt ist, das ist Jesus Christus.” (1. Korinther 3:11)

Übersetzt mit Unterstützung von www.DeepL.com/Translator (kostenlose Version)


Der Text im Original:

-2020 Vision-

Wow what a whirlwind 2019 was! I cannot recall a busier year than this one. However, as I consider 2020, I realize that I have much to do and the whirlwind is just beginning.

This has been a painful year on both a global and personal scale. The larger issues of the world have hit very close to home. Speaking first on the larger issue, we have seen a great deal of heartache in God’s Church this year. We have seen Christian leaders and people of influence falling away from the faith; denouncing the faith; falling into lifestyles of sin. Outside of Christian faith, our society and culture in general have seen the fraying of the final strands of truth that have kept us relatively anchored down. Culture has, with full force, embraced post modernism and its various offsprings of relative truth. This has left us to live in a world that disbelieves in absolutes, and where nothing is objectively true. We as a society are being thrown around to and fro on the crashing waves as truth is being redefined each day by popular opinion. I never imagined that so many people could be so desperately confused.

I personally have friends who left the faith this year. Friends who were unfaithful to their spouses. Friends who lost a child to addiction or suicide. Friends who knowingly or unknowingly became false teachers by teaching a “new doctrine” that blends aspects of Christianity with the beliefs of the New Age Movement. Yes I said it. That is false teaching. Pretty brutal stuff. As much as I have been personally impacted by all of this, I’m sure that every one of you reading this will have been affected in some way too.

People have asked me why I started speaking out more clearly this past year. First of all, I have been of the mind that the internet is too full of people yelling at each other. And if there is one thing that we need less of, it’s celebrities who think they need to bully everyone else into like- mindedness. Our society is now being built upon the influence of the youngest, most confident yet least knowledgeable of history, and most inexperienced among us. I have watched this for several years and I did not want to be another voice in the mix. Ideally I would prefer for people to listen to those who are much wiser than me. Please, if you have the time, listen to a John Piper or Tim Keller sermon instead of reading my blog:)

However, the problem was that the more I tried to stay out of the public conversation in order to promote those wiser than myself, the void didn’t get filled by the “Pipers or Kellers” of the world. Instead, it has been filled with absolute nonsense and heretical musings of those who lack the knowledge of God, and worse still, lack a proper fear of God.

I have been sitting idly, and watching people live in utter confusion. Christians are so vexed by their own faith that they flow in and out of heresy without even knowing it. I finally decided to stop being silent when some of our former Christian leaders announced their apostasy and began publicly dishonoring God’s holy name. I could just stomach it no longer. I felt like a young man named David who was shocked and angry to be listening to the giant Goliath mock and challenge the greatness of God. Still a boy, and unable to even bear the weight of armor, David asks, “Who is this that dares to defy the armies of the living God?”

What does this mean for 2020? This coming year, I am coming off the leash. I don’t care what it costs me. I have to speak up because too many people are hurting and usually the answers aren’t really that difficult to find. People need help. Yes, we live in confusing times. But it’s not as confusing as it seems if one is willing to surrender to the Lordship of Jesus Christ and His Word. The reason so many Christians are confused is because they don’t believe in the foundation of the Bible (whether they admit it or not). God’s Word is unchanging and it is the foundation of truth. Without that foundation, no wonder people’s lives are falling apart. It is impossible to have an unshakable foundation if it is built on a mixture of the Bible, social activism, the new age movement, pop psychology, celebrity tweets, and the constant moralizing of Woke ideologues who believe they are more virtuous than everyone else…even more virtuous than God.

If there is any resolution I have for 2020, I want to be clearer in my words. As I said at the top of this post, the final strands of truth in our culture are torn apart. Sadly, those strands are also fraying within the Church. How I pray for Christian leaders who will hold firm to the Word of God even though it is becoming increasingly unpopular to do so! How I pray that men of God will find the backbone to ‘hold the line’ on the issue of the authority of Scripture, instead of cowering like children seeking the approval of others! These men should have been warriors-they were meant to withstand the fiery arrows of the enemy-yet they cannot even stand against an insult from a world that God promised would hate us!

Fellow believers, may we wake up and realize that we are in the very center of a war against truth. If our foundation is on Christ alone then we can not be shaken. On the contrary, if our foundation is built upon both Christ AND the philosophy of our time, our lives will be shattered and torn to the ground.

“For no one can lay a foundation other than that which is laid, which is Jesus Christ.” (1 Corinthians 3:11)

Staunen über das buchgewordene Wunder Gottes

Warum es auch heute noch vernünftig ist der Bibel zu vertrauen
– Vortrag beim Studientag des Netzwerks Bibel und Bekenntnis

Können wir der Bibel auch heute noch lückenlos vertrauen? Warum ist diese Frage überhaupt von Bedeutung für die Kirche Jesu? Um diese Fragen ging es im Vortrag “Warum es auch heute noch vernünftig ist, der Bibel zu vertrauen” beim Studientag des Netzwerks Bibel und Bekenntnis am 16.11.2019 in Gießen. Der Vortrag ist hier auf YouTube abrufbar. Nachfolgend das Manuskript zum Vortrag sowie einige Hinweise zu weiterführenden und vertiefenden Artikeln:


Das ist ja schon mutig, einen Biologen einzuladen, um bei einer solchen Tagung über ein theologisches Thema zu sprechen. Aber vor einiger Zeit habe ich festgestellt, dass das eigentlich gar nicht so ungewöhnlich ist, dass auch Biologen sich theologische Gedanken machen. Mir ist das an einem ganz bestimmten Punkt aufgefallen, nämlich bei der Diskussion um das menschliche Auge.

Ist das menschliche Auge fehlerhaft?

Auch Charles Darwin war aufgefallen, dass unser menschliches Auge ja wirklich meisterhaft konstruiert ist. Und da stellt sich natürlich in ganz besonderer Weise die Frage: Kann sich das wirklich so von selbst entwickelt haben? Oder muss das nicht das Werk eines genialen Designers, eines Schöpfers sein? Und im Verlauf dieser Diskussion hat ein Detail unseres Auges eine immer größere Rolle gespielt. Und dieses Detail betrifft die Netzhaut. Die Netzhaut in unserem Auge hat ja diese Fähigkeit, Licht in Nervenimpulse umzuwandeln. Damit sie das tun kann besteht die Netzhaut aus mehreren Zellschichten. Am wichtigsten ist die lichtempfindliche Zellschicht. Da wird tatsächlich das Licht wahrgenommen und in Nervenimpulse umgewandelt. Und diese Nervenimpulse werden dann in einer lichtunempfindlichen Zellschicht weitergeführt. Jetzt sollte man denken, dass die lichtempfindliche Zellschicht da sitzt, wo das Licht zuerst ankommt, damit das Licht ganz ungehindert auf diese Zellen einwirken kann. Das ist auch bei manchen Tieren so, z.B. beim Tintenfisch. Aber bei den Wirbeltieren und beim Menschen ist es genau anders herum: Da muss das Licht zuerst die lichtunempfindliche Zellschicht durchdringen, bevor es dann auf die lichtempfindlichen Zellen trifft. Und dazu kommt: Ganz oben auf dieser lichtunempfindlichen Zellschicht liegen die Nervenfasern, die die Nervenimpulse weiterleiten an den Sehnerv und an das Gehirn. Und weil die Nervenfasern ja dann irgendwo nach draußen zum Sehnerv und zum Gehirn geführt werden müssen muss es da ein Loch in der lichtempfindlichen Zellschicht geben. Und deshalb haben wir da einen blinden Fleck. Und da haben jetzt viele Biologen gesagt: Das ist doch ein Fehler – eine Fehlkonstruktion. Die Netzhaut ist falsch herum gebaut. Besser wäre es, wenn die Nervenfasern hinter der lichtempfindlichen Zellschicht sitzen würden und nicht davor.

Und dann wird’s theologisch. Die Biologen haben dann nämlich darüber nachgedacht, wie denn ein Schöpfer sein müsste. Und die These war: Ein Schöpfer hätte das niemals so konstruiert. Ein Schöpfer müsste doch perfekt sein und der müsste perfekte Konstruktionen abliefern. Und auf dieser Basis wurde dann argumentiert: Da ein göttlicher Schöpfer unserer theologischen Meinung nach nur perfekte Werke produziert, kann dieses Auge nicht das Werk eines göttlichen Schöpfers sein.

Gibt es auch in der Bibel Fehler?

Ich war überrascht, festzustellen, dass es da wirklich Parallelen zwischen Biologie und Theologie gibt. Denn mir scheint, dass gar nicht so wenig Theologen ganz ähnlich argumentieren, wenn es um die Bibel geht. Denn auch da wird mit Fehlern argumentiert. Zum Beispiel in der Apostelgeschichte. Da berichtet Lukas im 9. Kapitel, wie Paulus auf dem Weg nach Damaskus Jesus begegnet. Und Jesus spricht zu ihm aus diesem hellen Licht heraus. Und Lukas berichtet in Apostelgeschichte 9,7: „Die Männer, die Saulus begleiteten, … hatten … die Stimme gehört.“

In Apostelgeschichte 22 schildert dann Paulus selbst diese Szene und da behauptet er genau das Gegenteil. Er sagt: „Meine Begleiter … hörten die Stimme nicht.“ Also da muss jetzt irgendwo ein Fehler sein. Entweder hat Lukas das falsch notiert oder Paulus hat sich versprochen. Egal wie: Da ist irgendwo ein Fehler passiert.

Ist die Bibel Offenbarung oder Zeugnis der Offenbarung?

Und jetzt wird gesagt: Wenn die Bibel Fehler enthält, dann kann das keine göttliche Offenbarung sein. Dann ist die Bibel vielleicht ein Zeugnis der Offenbarung. Vielleicht hat Gott sich da wirklich dem Paulus offenbart und die Bibel berichtet von dieser Offenbarung, die Paulus erlebt hat. Aber so wie in jedem menschlichen Bericht haben sich da halt auch Fehler eingeschlichen. Wenn man menschliche Zeugen von einem Unfallgeschehen vernimmt, dann muss man damit rechnen, dass sich Fehler in ihr Zeugnis einschleichen, selbst wenn sie ganz gewissenhaft versuchen, das Geschehen aus ihrem Gedächtnis heraus so genau wie möglich zu schildern.

Geniale Architekten – geniale Schöpfung – geniale Bibel!

Wie gehen wir um mit dieser Art der Argumentation? Seit dem Sommer diesen Jahres muss ich immer an ein bestimmtes Gebäude denken, wenn ich solche Argumente höre. Meine Frau und ich waren in Dresden. Und unter anderem haben wir die Frauenkirche besichtigt. Was für ein herrliches Gebäude! Aber etwas wirkt seltsam, wenn man auf das Gebäude schaut und die Geschichte des Gebäudes nicht kennt: Die Fassade aus Sandstein ist ja wunderschön. Aber immer wieder sind da zwischen den wunderschönen neuen Sandsteinen fast schwarze und ganz gebraucht aussehende Steine verbaut. Und an einer Seite sieht ein ganzes Stück der Fassade ganz alt und gebraucht aus. Was ist denn da passiert? Das Gebäude ist doch erst kürzlich eingeweiht worden. Was war denn das für ein Architekt, der die schöne Fassade mit alten, abgenutzten dunklen Steinen verhunzt hat?

Wir alle wissen natürlich, was da los ist. Dieses Gebäude ist ja gar nicht neu. Es ist schon ziemlich alt. Aber im 2. Weltkrieg ist es weitgehend zerstört worden. Und beim Wiederaufbau hat man versucht, so viele alte Steine wie möglich wieder zu verwenden und wieder einzubauen. Aber diese dunklen Steine ändern überhaupt nichts daran, dass jeder sieht: Hier waren ganz offenkundig so phantastische Architekten und Ingenieure am Werk, dass man nur staunen kann über die Genialität dieser Leute.

Und genau so geht es mir, wenn ich die Schöpfung betrachte. Die Genialität der Schöpfung verschlägt mir immer wieder neu den Atem. Mich haben ja immer wieder Leute gefragt: Wie verträgt sich Dein Christsein mit dem Biologiestudium? Und ich sage immer: Mein Biologiestudium hat meinen Glauben enorm gestärkt. Denn das hat mich schon damals immer wieder zum Staunen gebracht über die Genialität meines Schöpfers.

Und genau so geht es mir, wenn ich die Bibel betrachte. Ja, da gibt es schon ein paar Stellen, die ich im Moment nicht verstehe, die mir dunkel erscheinen. Aber das ändert überhaupt nichts daran, dass ich nur staunen kann über die Genialität dieses Buches und seines Autors.

Und ich freue mich sehr darüber, dass ich Ihnen heute ein wenig darüber berichten darf darüber, was mich an diesem Buch so ins Staunen versetzt. Dazu gäbe es viel zu sagen. Lassen Sie mich nur ein paar wenige Punkte herausgreifen zu der Frage, warum es auch heute noch vernünftig ist, der Bibel zu vertrauen:

1. Die herausragend gute Überlieferung des Neuen Testaments

Wussten Sie schon, dass es kein einziges antikes Buch gibt, dass auch nur annähernd so gut überliefert ist wie das Neue Testament? Es gibt ja einige antike Werke, die wir heute noch lesen können. Die gallischen Kriege von Julius Cäsar zum Beispiel oder die Odyssee oder die Ilias von Homer. Von keinem dieser Werke haben wir noch das Original. Wir haben nur noch Abschriften. Und zwischen dem Original und der ältesten Abschrift, die wir heute noch haben, liegen viele hundert, manchmal mehr als 1000 Jahre. Und es sind dann auch nur relativ wenige historische Abschriften, die wir noch besitzen. Beim Neuen Testament ist das vollkommen anders. Zwar haben wir auch hier die Originalschriften nicht mehr. Aber wir haben heute etwa 5.700 griechische Handschriften, dazu zahlreiche Übersetzungen in andere Sprachen und Zitate in alten Schriften. Das heißt: Das Neue Testament spielt in Bezug auf seine Überlieferung im Vergleich zu allen anderen antiken Schriften in einer vollkommen eigenen Liga!

Dazu kommt: Die Unterschiede und Abweichungen in diesen tausenden von Handschriften sind sehr überschaubar. Prof. Holger Strutwolf von der Universität Münster ist mit seinem Team dabei, alle diese Quellen akribisch auszuwerten und er sagt: „Insgesamt ist die Überlieferung der Bibel sehr gut und sehr treu. In den theologischen Punkten gibt es unter den Abertausenden Handschriften kaum Abweichungen.“ Mit anderen Worten: Wir können uns heute sehr sicher sein, dass das, was wir da lesen, tatsächlich die Botschaft ist, die die Apostel der Kirche Jesu ins Stammbuch geschrieben haben.

Wir können uns heute sehr sicher sein, dass das, was wir da lesen, tatsächlich die Botschaft ist, die die Apostel der Kirche Jesu ins Stammbuch geschrieben haben.

2. Die einzigartige Glaubwürdigkeit der Autoren des Neuen Testaments

Aber die Frage ist ja dann: Wie glaubwürdig waren diese Leute? Haben die in ihrem religiösen Eifer vielleicht immer mal wieder ein wenig übertrieben? Oder kann man sich darauf verlassen, dass ihre Berichte zuverlässig sind?

Tatsache ist: Die Autoren des Neuen Testaments sind in einer ganz einzigartigen Weise glaubwürdig, und zwar aus 3 Gründen:

  1. Weil sie entweder zum Teil selbst Augenzeugen waren oder aber die Berichte von Augenzeugen kannten.
  2. Weil ihre Botschaft zwar äußerst unpopulär hätte sein müssen und trotzdem in der Zeit und der Region der Augenzeugen extrem erfolgreich war.
  3. Und weil sie fast alle bereit waren, mit ihrem Leben für diese Botschaft zu bezahlen.

Besonders deutlich wird das am Beispiel von Jakobus. Über Jakobus wissen wir einiges aus der Bibel, z.B. dass er ein leiblicher Bruder Jesu war und dass er einer der Hauptleiter der urchristlichen Gemeinde in Jerusalem war. Aber wir haben über ihn nicht nur die biblischen Berichte sondern auch ein wichtiges außerbiblisches Zeugnis, nämlich vom jüdischen Geschichtsschreiber Flavius Josephus. Von ihm lesen wir folgendes über Jakobus:

„Er (d.h. der Hohepriester Hannas) versammelte den Hohen Rat zum Gericht und stellte vor diesen den Bruder des Jesus, der Christus genannt wird, mit Namen Jakobus, sowie noch einige andere, die er der Gesetzesübertretung anklagte und zur Steinigung führen ließ.“

Jakobus wusste genau Bescheid, was wirklich passiert ist

Josephus war kein Christ. Aber er bestätigt hier ausdrücklich: Jakobus war ein leiblicher Bruder von Jesus. Das heißt auch: Jakobus gehörte auf jeden Fall zu den Augenzeugen vieler neutestamentlicher Ereignisse. Jakobus wusste also, ob Jesus wirklich in Bethlehem geboren ist oder nicht. Er wusste, ob Jesus wirklich Wunder vollbracht hatte. Er wusste, ob Jesus wirklich auferstanden ist oder nicht. Wenn da eine Lüge oder eine Übertreibung dabei gewesen wäre: Jakobus hätte es gewusst! Und trotzdem hat Jakobus wie auch tausende andere Jerusalemer Juden angefangen, diesen gekreuzigten Jesus als Herrn und Messias anzubeten. Dabei muss man wissen: Tradition war für die Juden damals von enormer Bedeutung. Das war nicht wie heute, dass sich jeder einfach selber aussucht, was man glauben will. Wenn plötzlich tausende streng monotheistische Juden anfangen, einen Menschen als Gott anzubeten, dann muss da irgendetwas Gewaltiges passiert sein.

Die Botschaft vom Kreuz hätte eigentlich auf massive Ablehnung stoßen müssen

Erst recht, weil es sich ja um einen gekreuzigten Menschen gehandelt hat. Mose hatte ja geschrieben: Verflucht ist, wer am Holz hängt. Dieser Jesus war einen verfluchten und extrem verachteten Tod gestorben, so verachtet, dass die Christen jahrhundertelang es strikt vermieden haben, das Kreuz als Symbol für ihren Glauben in den Vordergrund zu stellen. Die Botschaft, dass dieser Jesus der auferstandene Messias ist, hätte deshalb eigentlich in Jerusalem auf extreme Ablehnung stoßen müssen. Das war keine populäre, erfolgversprechende Botschaft. Paulus hat geschrieben, dass diese Botschaft für die Juden ein Ärgernis war. Und trotzdem war diese Botschaft extrem erfolgreich, und zwar direkt in der Zeit und der Region der Leute, die Jesus kannten.

Die Botschaft von der Gottheit Jesu hat sogar den leiblichen Bruder überzeugt!

Das ist wichtig, denn man kann sich ja irgendwelche verrückten Geschichten ausdenken über Sachen, die in längst vergangenen Zeiten in fernen Ländern gespielt haben. Aber wenn man über Menschen spricht, die bekannt sind, dann ist das etwas anderes. Und der Fall von Jakobus geht ja noch viel weiter. Hier wurde der leibliche Bruder überzeugt, dass sein Bruder Gott ist. Den eigenen Bruder kennt man nun wirklich durch und durch – samt allen seinen Schwächen. Wenn mir jemand sagen würde: Dein Bruder ist Gott, dann würde ich sagen: Ich schätze meine Brüder sehr. Das sind tolle Männer. Aber Gott sind sie sicher nicht. Dafür kenne ich sie einfach zu gut. Trotzdem hat das bei Jakobus funktioniert. Er hat als monotheistischer Jude angefangen, seinen Bruder als Gott anzubeten. Und davon war er so überzeugt, dass er bereit war, für diesen Glauben in den Tod zu gehen.

Niemand stirbt für eine eigene Lüge

Jetzt sagen Leute: Ja, das gibt es doch immer wieder, dass Leute so fanatisiert sind von einer Überzeugung, dass sie dafür in den Tod gehen. Ja, das mag sein, aber es gibt einen Unterschied: Diese Leute haben gesagt: Jesus ist auferstanden, DES SIND WIR ZEUGEN! Wir haben das selbst gesehen. Das heißt: Wenn das nicht gestimmt haben sollte, dann wären sie alle für eine eigene Lüge in den Tod gegangen. Und die Frage ist: Wie glaubwürdig ist das, dass hier reihenweise Leute für eine eigene Lüge in den Tod gehen? Und kein einziger hat im Angesicht seines Henkers einen Rückzieher gemacht und alles auffliegen lassen!

Der extreme Erfolg und die einzigartige Glaubwürdigkeit

Das heißt also: Diese Leute waren Augenzeugen. Sie wussten bestens Bescheid. Sie waren bereit für ihre Botschaft alles aufzugeben: Ihre Tradition. Ihr Ansehen. Ihre Heimat. Ihr Leben. Diese Leute sind quer durch die ganze damals bekannte Welt gereist und haben das Evangelium so glaubwürdig und so erfolgreich verbreitet, dass schon 30 Jahre nach Jesu Tod Kaiser Nero in Rom meinte, er muss jetzt den Christen den Brand Roms in die Schuhe schieben, so extrem schnell hat die christliche Botschaft um sich gegriffen. Diese Leute waren ganz offenkundig extrem glaubwürdig. Ihr lieben Theologen, ich bitte deshalb um Verständnis, dass ich diesen Leuten ein deutlich größeres Grundvertrauen entgegenbringe als allem, was heute so alles geschrieben wird.

Diese Leute waren Augenzeugen. Sie wussten bestens Bescheid. Sie waren bereit für ihre Botschaft alles aufzugeben: Ihre Tradition. Ihr Ansehen. Ihre Heimat. Ihr Leben. Diese Leute sind quer durch die ganze damals bekannte Welt gereist und haben das Evangelium so glaubwürdig und so erfolgreich verbreitet, dass schon 30 Jahre nach Jesu Tod Kaiser Nero in Rom meinte, er muss jetzt den Christen den Brand Roms in die Schuhe schieben, so extrem schnell hat die christliche Botschaft um sich gegriffen. Diese Leute waren ganz offenkundig extrem glaubwürdig. Ihr lieben Theologen, ich bitte deshalb um Verständnis, dass ich diesen Leuten ein deutlich größeres Grundvertrauen entgegenbringe als allem, was heute so alles geschrieben wird.

Aber es gibt noch viel mehr Gründe, warum wir der Bibel vertrauen können.

3. Die drastische Ehrlichkeit und fehlende Idealisierung

Eine absolut unglaubliche Eigenschaft der Bibel ist ihre Ehrlichkeit und die fehlende Idealisierung ihrer Helden. Viele Geschichtsschreiber der damaligen Zeit wurden von Herrschern beauftragt oder zumindest streng kontrolliert. Deshalb wurden viele Herrscher zu Helden oder gar zu Göttern verklärt. Und die eigene Nation wurde heroisiert und sie wurde so dargestellt, als wäre ihre Geschichte voll von ruhmreichen Heldentaten. Aber lies mal die Bibel. Da ist das vollkommen anders. In der Bibel findest Du keine idealisierten Helden. Da gibt es nur Menschen mit Stärken und Schwächen. Selbst die größten Helden der biblischen Geschichte blamieren sich reihenweise bis auf die Knochen.

Noah hat sich betrunken. Abraham, der Vater des Glaubens, hat seine Frau mehrfach feige im Stich gelassen. Die Karriere Jakobs, des Namensgebers Israels, basierte auf einem Betrug. Mose war ein Mörder. Das Volk Israel war glaubensschwach und untreu. König David war eine Ehebrecher und Mörder. Der weise König Salomo betete Götzen an. Petrus hat Jesus verleugnet. Paulus hat sich mit Barnabas und Petrus zerstritten. Eine besonders auffällige Sache: Frauen waren die ersten Zeugen der Auferstehung. Ich finde das ja toll, dass das so ist. Aber damals war das Zeugnis von Frauen nichts wert. Wenn Du Leute von der Auferstehung überzeugen willst, dann denkst Du Dir eine Geschichte aus, in der Männer die Zeugen sind, nicht Frauen. Und wenn Du Leute von der Autorität und dem Vorbildcharakter eines Abraham, David Jakob oder Petrus überzeugen willst, dann brauchst Du Helden statt Versager. Aber die Bibel ist geradezu provozierend ehrlich. Realistisch. Sie hat diesen einzigartigen Klang der Wahrheit, die sie von allen Epen und Heldengeschichten unterscheidet.

Die Bibel ist geradezu provozierend ehrlich. Realistisch. Sie hat diesen einzigartigen Klang der Wahrheit, die sie von allen Epen und Heldengeschichten unterscheidet.

4. Die durchgängige Geschichte

Aber auch das ist noch nicht alles. Eine der unglaublichsten Eigenschaften der Bibel ist die Tatsache, dass sie EINE durchgängige Geschichte erzählt. Das muss man sich mal vorstellen. Dieses Buch setzt sich aus 66 verschiedenen Büchern zusammen. Mehr als 40 verschiedene Leuten haben da geschrieben über einen Zeitraum von etwa 1600 Jahren, Leute, die in völlig verschiedenen Kulturen gelebt haben und die einen vollkommen unterschiedlichen Bildungsgrad hatten. Ich sehe ja, wie unterschiedlich und gegensätzlich die Texte und Aussagen von Theologen heute sind, obwohl sie eigentlich alle die Bibel als gemeinsame Grundlage haben. Aber diese Autoren hier hatten keine Bibel als gemeinsame Grundlage. Und trotzdem finden wir da diese eine durchgängige Geschichte, die sich immer weiter entfaltet. Sie beginnt damit, wie die Beziehung zwischen Gott und Menschen zerbricht. Und sie endet damit, wie diese Beziehung wieder hergestellt wird und Gott wieder bei den Menschen wohnt. Und sie schildert durchgängig diesen heiligen und zugleich liebenden Gott, der alles dafür tut, um die Beziehung zu den Menschen wieder herzustellen. Und schon auf den ersten Seiten beginnen die Hinweise auf diesen geheimnisvollen Nachkommen Evas, der zwar von der Schlange gebissen, ihr aber den Kopf zertreten wird. Und dann folgt die Bibel immer dieser einen Abstammungslinie, immer weiter und weiter, selbst wenn es gar nicht der Erstgeborene ist. Aber die Bibel bleibt bei dieser Linie, die schlussendlich zu diesem Jesus führt, bei dessen Tod der Vorhang im Tempel zerreißt und der Weg zu Gott wieder frei wird durch das Blut, das Jesus am Kreuz vergießt.

Und die große Frage ist: Wer hat in diesem Buch die Regie geführt? Wer hat den roten Faden durch dieses Buch gelegt? Wer hat darauf geachtet, dass alle 40 Autoren an dieser einen Geschichte weiterschreiben? Es gibt definitiv in der ganzen Welt kein Buch, dass auch nur annähernd mit der Bibel vergleichbar wäre.

5. Die zahlreichen erfüllten Vorhersagen

Aber wen das alles immer noch nicht überzeugt und begeistert, der sollte sich doch einmal mit den erfüllten Vorhersagen der Bibel befassen. Die Bibel ist ja ein Buch, das ein gewaltiges Risiko eingeht. Etwa 30 % der biblischen Texte sind prophetische Texte, in denen die Vorhersage der Zukunft eine gewaltige Rolle spielt. Kombiniert werden diese Texte mit der Aussage: Achtung! Ihr müsst Propheten prüfen. Wenn die Vorhersage eines Propheten nicht eintrifft, dann müsst ihr das verwerfen. Solche prophetischen Texte zu schreiben und vor falschen Propheten zu warnen, die gar nicht in die Zukunft sehen können, das ist ziemlich gewagt, wenn man selbst nicht in die Zukunft sehen kann.

Aber die Bibel ist dieses Risiko eingegangen. Und das Gewaltige ist: Sie ist tatsächlich voll von Vorhersagen, die sich tatsächlich erfüllt haben.

Ich kann jetzt nur ein paar wenige nennen. Der Prophet Jesaja sagte nicht nur voraus, dass der Tempel zerstört wird. Er sagte auch voraus, dass er später wieder aufgebaut wird. Und er sagte voraus, dass es einen Herrscher namens Kyrus geben wird, der diesen Wiederaufbau voranbringen wird. Und genauso ist es gekommen.

Daniel sagte die nach ihm kommenden 4 Weltreiche voraus.

Über Jesus gibt es zahlreiche Vorhersagen: Dass er in Betlehem geboren wird, dass er aus dem Stamm Juda kommt. Dass er in Jerusalem auf einem Esel einzieht, viele Details und sogar der Zeitpunkt der Kreuzigung. Und noch vieles mehr.

Alles Manipulation?

Dass es diese korrekten Vorhersagen in der Bibel gibt ist unbestritten. Aber in der Wissenschaft haben wir ein Problem. Denn wir haben heute einen vorherrschenden Wissenschaftsbegriff, der von Wissenschaftlern verlangt, von vornherein grundsätzlich nicht mit übernatürlichen Dingen zu rechnen, also auch nicht mit vorausschauender Prophetie. Und wer schon aus wissenschaftsphilosophischen Gründen heraus grundsätzlich nicht damit rechnet, dass es Prophetie geben kann, der muss natürlich glauben, dass es sich hier überall um nachträgliche Manipulationen handelt. Entweder wurde der Text manipuliert oder man hat die spätere Geschichte manipuliert, damit sie zu den Vorhersagen passt. Und dann hat man z.B. kurzerhand behauptet, Jesus wäre in Bethlehem von einer Jungfrau geboren, weil das so schön zur Vorhersage des Propheten Micha passt, obwohl Jesus in Wirklichkeit in Nazareth geboren wurde. Wirklich? Alles Manipulation? Hat Jakobus, der leibliche Bruder Jesu und Leiter der Gemeinde in Jerusalem wirklich diese Behauptung des Geburtsorts Bethlehem mitgetragen, obwohl er genau wusste, dass das gar nicht stimmt? Haben die jüdischen Schriftgelehrten, denen doch eine extrem ausgeprägte Ehrfurcht vor ihren heiligen Texten nachgesagt wird, wirklich regelmäßig und in riesigem Umfang die Texte der Propheten manipuliert, um nachträglich den Anschein zu erwecken, dass es sich um korrekte Vorhersagen gehandelt hätte?

Die erfüllten Vorhersagen für die Neuzeit

Nun, ob das glaubwürdig ist, kann ja jeder selber entscheiden. Aber vollends schwierig wird es mit den Vorhersagen, die die Bibel für die Neuzeit gemacht hat. Schon in den Mosebüchern lesen wir erstaunliche Vorhersagen über das Volk Israel. Da lesen wir zum Beispiel: „Der Herr wird euch unter alle Völker zerstreuen, von einem Ende der Erde bis zum anderen.“ In der Zeit des Alten Testaments ist Israel zwar verschleppt worden. Aber die Zerstreuung unter alle Nationen begann erst im 1. Jahrhundert nach Christus.

Und dann sagt die Bibel vorher: „Doch unter den fremden Völkern werdet ihr nicht sicher sein und nicht zur Ruhe kommen.“ Tatsächlich gab es kein Volk, dass durch alle Zeiten hindurch und in allen Kulturen so irrational gehasst und verfolgt worden ist wie die Juden, so dass fast jedes Kind den Fachbegriff kennt für diesen Hass: Antisemitismus. Für welches andere Volk kennen wir einen solchen Begriff?

Aber dann kommt das unglaublichste: Die Bibel sagt an vielen Stellen vorher, dass die Juden aus allen Ecken der Welt wieder in ihr Land zurückkehren werden. Ich will Ihnen nur 2 der vielen Bibelstellen dazu vorlesen: „Ich werde deine Kinder aus dem Osten holen und dich aus dem Westen sammeln. Zum Norden sage ich: `Gib her!´ Und zum Süden: `Halte niemanden zurück!´ Bring meine Söhne aus der Ferne, meine Töchter aus allen Winkeln der Erde.“   „Es kommen Tage, da man sagen wird: So wahr der HERR lebt, der die Kinder Israels heraufgeführt hat aus dem Land des Nordens und aus allen Ländern, wohin er sie verstoßen hatte! Denn ich will sie wieder in ihr Land zurückbringen, das ich ihren Vätern gegeben habe.“

Ist das nicht beeindruckend? Jahrhundertelang schien die Erfüllung dieser Vorhersagen undenkbar. Aber seit dem Ende des 19. Jahrhunderts geschieht es vor unseren Augen: Die Juden kehren in ihr Land zurück aus allen Ecken der Welt. Wir müssen uns klar machen, dass das ein absolut einmaliger Vorgang in der Weltgeschichte ist. Dass ein Volk 2000 Jahre lang in alle Welt verstreut ist, trotzdem seine Kultur und seine Identität behält und dann wieder zurückkehrt in sein Land, das gibt es nur bei Israel. Aber genau das hat die Bibel schon vor mehr als 2.000 Jahren vielfach angekündigt.

Dass ein Volk 2000 Jahre lang in alle Welt verstreut ist, trotzdem seine Kultur und seine Identität behält und dann wieder zurückkehrt in sein Land, das gibt es nur bei Israel. Aber genau das hat die Bibel schon vor mehr als 2.000 Jahren vielfach angekündigt.

Noch etwas: Jesus hat angekündigt: „Himmel und Erde werden vergehen, doch meine Worte bleiben ewig.“ „Die Botschaft vom Reich Gottes wird auf der ganzen Welt gepredigt werden, damit alle Völker sie hören.“ Was für eine extrem gewagte Ankündigung im 1. Jahrhundert. Dass die Worte eines armen Wanderpredigers aus einem unbedeutenden Land, der seine Worte nicht einmal aufgeschrieben hat, sich einmal über die ganze Welt verbreiten würden, das musste damals nach grenzenloser Selbstüberschätzung klingen. Heute stehen wir kurz davor, dass buchstäblich jedes Volk der Erde die Worte Jesu in seiner Sprache hören und lesen kann. Ist das nicht unglaublich?

6. Der Selbstanspruch, Gottes offenbartes Wort zu sein

Aber ich will Ihnen noch eine letzte Eigenschaft der Bibel zeigen, die mich persönlich am allermeisten überzeugt. Und diese Eigenschaft betrifft das Selbstbild der Bibel. Ich höre ja oft solche Aussagen wie: Die Bibel, das ist eine Sammlung inspirierender Berichte über religiöse Erfahrungen und Ideen. Oder die Bibel ist ein Buch, in dem kluge Lehrer etwas Kluges über Gott und Moral geschrieben haben. Das klingt ja schön. Das Problem daran ist nur: Die Bibel will genau das ausdrücklich nicht sein. Die Bibel will nicht nur ein Erfahrungsbericht sein. Sie will auch keine kluge Lehre über Gott sein. Die Bibel hat vielmehr den Anspruch, Wort des lebendigen Gottes zu sein.

In 2. Timotheus 3, 16 schreibt Paulus „Alle Schrift ist von Gott eingegeben.“ Genau übersetzt heißt das: Die Schrift ist geistgewirkt, geistdurchhaucht. Natürlich haben das Menschen geschrieben, Menschen, die bei vollem Bewusstsein waren, die ihre Eigenheiten, ihren Schreibstil, ihre Persönlichkeit eingebracht haben. Doch zugleich waren sie dabei von Gottes Geist bewegt und durch und durch von ihm geprägt. Petrus hat das in 2. Petrus 1, 21 so ausgedrückt: „Denn niemals wurde eine Weissagung durch den Willen eines Menschen hervorgebracht, sondern von Gott her redeten Menschen, getrieben von Heiligem Geist.“ Auch hier also haben wir beides: Natürlich haben da Menschen geredet. Aber sie waren bewegt, getrieben, geprägt vom Heiligen Geist.

Und es kann überhaupt keinen Zweifel geben, dass genau das die Sichtweise der Juden der damaligen Zeit über ihre heiligen Schriften war. Die Juden hatten allerhöchsten Respekt vor ihren Heiligen Schriften. Es kann keinen Zweifel geben, dass die Autoren des Neuen Testaments den Text des Alten Testaments insgesamt als Wort des lebendigen Gottes angesehen haben. Man sieht immer wieder, dass für sie die Wendungen ›Die Schrift sagt‹ und ›Gott sagt‹ untereinander austauschbar waren. Sie haben also nicht unterschieden zwischen göttlicher Offenbarung und dem biblischen Text. Das war für sie identisch.

Und auch zum Charakter des Neuen Testaments finden wir Aussagen in der Bibel. Paulus schreibt zum Beispiel im Brief an die Thessalonicher: „Und darum danken auch wir Gott unablässig, dass, als ihr von uns das Wort der Kunde von Gott empfingt, ihr es nicht als Menschenwort aufnahmt, sondern, wie es wahrhaftig ist, als Gottes Wort.“

Das ist ja eine absolut steile Behauptung, die Paulus da macht. Er sagt: Bei der Botschaft, die ihr von mir hört, da spricht Gott selbst. Das ist Gottes Wort.

Und auf der letzten Seite unserer Bibel schreibt Johannes folgendes: „Und ich versichere jedem, der die prophetischen Worte dieses Buchs hört: „Wenn jemand dem, was hier geschrieben steht, irgendetwas hinzufügt, wird Gott ihm die Plagen zufügen, die in diesem Buch beschrieben werden.“  (Offenbarung 22,18) Und das geht ja noch weiter! Johannes schreibt: Etwas weglassen ist genauso schlimm. Johannes sagt also: Dieses ganze Buch hat prophetischen Charakter. Da gibt es absolut nichts hinzuzufügen und nichts wegzulassen.

Und da spüren wir: Diese Leute sind mit einem Anspruch und einer Autorität aufgetreten, die sich kein normaler Theologe jemals erlauben dürfte. Wenn ich in mein Buch am Ende einen solchen Satz gesetzt hätte, dann hätte es der Verlag hoffentlich sofort aus dem Programm genommen.

Diese Leute sind mit einem Anspruch und einer Autorität aufgetreten, die sich kein normaler Theologe jemals erlauben dürfte.

Die Bibel: Ganz Menschenwort und ganz Gotteswort

Also können wir festhalten: Die Bibel enthält nicht einfach nur Erfahrungsberichte oder kluge Lehren. Diese Möglichkeit lässt uns dieses Buch nicht. Wenn jemand von sich behauptet, dass Gott durch ihn spricht, dann haben wir letztlich nur 3 Möglichkeiten, damit umzugehen: Entweder, da hat jemand gelogen. Oder da ist ein durchgeknallter religiöser Schwärmer am Werk. Aber denken wir noch einmal an die gerade besprochenen Eigenschaften der Bibel: Die einzigartige Glaubwürdigkeit der Zeugen. Die drastische Ehrlichkeit. Die durchgängige Geschichte. Die zahllosen erfüllten Vorhersagen. Und noch vieles mehr, was wir aus Zeitgründen heute nicht besprechen konnten: Die herausragende Ethik. Das zutreffende Welt- und Menschenbild. Die vielen Texteigenschaften von authentischen Augenzeugenberichten. Und so weiter, und so weiter (im Artikel „10 Gründe, warum es auch heute noch vernünftig ist, der Bibel zu vertrauen“ habe ich das noch sehr viel ausführlicher dargelegt). All das passt nicht zu einem Buch von Lügnern und Schwärmern! Aber wenn das so ist, dann bleibt nur noch eines: Die Bibel ist genau das, was sie zu sein beansprucht: Sie ist ganz Menschenwort und zugleich ganz Gotteswort. Sie ist heilige Schrift. Wort des lebendigen Gottes. Und wenn wir heute in diesem Buch Fehler finden, dann sind das vielleicht Fehler in der Übersetzung oder in unserer Auslegung. Unsere Auslegung wird niemals fehlerfrei sein. Aber wenn die Bibel recht hat mit ihrer Aussage, Gottes Wort zu sein, dann können wir uns niemals über den Text der Bibel stellen und für uns beanspruchen, wir könnten in ihr sachliche Fehler benennen und in den biblischen Texten über richtig und falsch entscheiden. Das steht uns dann nicht zu. Da verheben wir uns.

Wenn die Bibel recht hat mit ihrer Aussage, Gottes Wort zu sein, dann können wir uns niemals über den Text der Bibel stellen und für uns beanspruchen, wir könnten in ihr sachliche Fehler benennen und in den biblischen Texten über richtig und falsch entscheiden. Das steht uns dann nicht zu. Da verheben wir uns.

Ist die Bibel fehlerlos? Was sagt die Wissenschaft dazu?

Jetzt höre ich immer wieder: Hände weg von dieser Behauptung, die Bibel wäre fehlerloses Wort Gottes. Denn wenn die Wissenschaft nachweist, dass da doch ein Fehler drin ist, dann würden wir ziemlich dumm dastehen mit unserem Glauben. Nun, ich bin ja ein großer Wissenschaftsfan. Aber wir müssen aufpassen, dass wir die Fähigkeiten der Wissenschaft auch nicht überschätzen. Ich bin ja gelernter Naturwissenschaftler. Und Naturwissenschaftler betreiben ihre Beweisführung vor allem mit 2 Instrumenten: Mit Beobachtung und mit wiederholbaren Experimenten. Aber in der Bibelwissenschaft ist diese Art der Beweisführung schwierig. Niemand kann in eine Zeitmaschine sitzen und beobachten, was damals wirklich passiert ist. Und weil es sich um einmalige historische Ereignisse handelt kann man dazu auch keine wiederholbaren Experimente machen. Die historischen Wissenschaften arbeiten mit Indizien. Und jeder Kommissar weiß, dass Indizien, die heute noch eindeutig zu sein erscheinen, morgen schon in einem ganz anderen Licht erscheinen können.

So war das übrigens auch bei diesen Fehlern, von denen ich am Anfang gesprochen hatte: Im Jahr 2014 hat der israelische Wissenschaftler Amichai Labin eine Arbeit publiziert, in der er nachweist, dass die lichtunempfindliche Zellschicht in der Netzhaut lichtleitende Eigenschaften besitzt und dass sie sogar gezielt dafür sorgt, dass die verschiedenen Wellenlängen des Lichts genau zu den richtigen lichtempfindlichen Sinneszellen gelangen. Wir sehen in Wahrheit also besser und nicht schlechter, weil die Netzhaut genau so gebaut ist, wie sie gebaut ist. Und im Jahr 2016 hat der Bibelbund eine genaue Analyse des Texts und der Wortbedeutung der verschiedenen Berichte über die Bekehrung des Paulus veröffentlicht. Dabei wurde deutlich: Dieser scheinbare Widerspruch ist in Wahrheit gar kein Widerspruch. Denn die genaue Übersetzung von Apostelgeschichte 22 bedeutet gar nicht, dass die Begleiter die Stimme nicht gehört hätten, sondern dass sie sie nicht verstanden haben. So übersetzt auch die neue Genfer Übersetzung: „Meine Begleiter verstanden aber nicht, was die Stimme sagte, die mit mir sprach.“ Von einem Fehler kann hier also keine Rede sein.

Die Indizienlage zeigt: Die Bibel ist ein buchgewordenes Wunder Gottes

Ja, es gibt immer noch Stellen, die ich nicht verstehe. Aber die Gesamt-Indizienlage ist doch überwältigend eindeutig: Die Bibel ist ganz Menschenwort und ganz Gotteswort, geschrieben von einzigartig glaubwürdigen, von Gottes Geist inspirierten Zeugen, die mit einer drastischen Ehrlichkeit über einen Zeitraum von 1.600 Jahren eine durchgängige Geschichte erzählt haben, die zahlreiche erfüllte Vorhersagen enthält und die bis heute zahllose Menschen aus allen Kulturen der Welt bewegt, begeistert und verändert. Die Eigenschaften der Bibel sind insgesamt so einzigartig und spektakulär, dass ich mich nur in Ehrfurcht und Staunen beugen kann vor diesem buchgewordenen Wunder Gottes. Das ist kein Buch, das Menschen ohne die Inspiration des Heiligen Geistes hätten hervorbringen können.

Die Gesamt-Indizienlage ist überwältigend eindeutig: Die Bibel ist ganz Menschenwort und ganz Gotteswort, geschrieben von einzigartig glaubwürdigen, von Gottes Geist inspirierten Zeugen, die mit einer drastischen Ehrlichkeit über einen Zeitraum von 1.600 Jahren eine durchgängige Geschichte erzählt haben, die zahlreiche erfüllte Vorhersagen enthält und die bis heute zahllose Menschen aus allen Kulturen der Welt bewegt, begeistert und verändert. Die Eigenschaften der Bibel sind insgesamt so einzigartig und spektakulär, dass ich mich nur in Ehrfurcht und Staunen beugen kann vor diesem buchgewordenen Wunder Gottes. Das ist kein Buch, das Menschen ohne die Inspiration des Heiligen Geistes hätten hervorbringen können.

Wir haben wirklich allen Grund, diesem Wort voll und ganz zu vertrauen und unser Leben und die Kirche Jesu darauf zu bauen.

Warum dieses Thema so grundlegend wichtig ist

Wissen Sie: Ich bin so froh, dass wir heute zusammen sind, um über die Bibel zu sprechen. Ich habe dieses Thema viele Jahre als nicht so wichtig angesehen. Andere Themen haben mich bewegt: Anbetung und Lobpreis. Gemeindebau. Einheit unter Christen. Diese Themen sind mir immer noch enorm wichtig. Aber in den letzten beiden Jahren ist mir immer deutlicher geworden, dass es kein Zufall war, dass ausgerechnet die Auseinandersetzung um die Bibel im Zentrum der Reformation gestanden hat.

In meiner Kirche wird gerade ja viel darüber nachgedacht, wie denn die Kirche wieder wachsen kann gegen den Trend. Und dann wird gesprochen über mehr Digitalisierung, über Influencer im Internet, über soziologische Analysen und frische Formen von Gemeinde. Und das ist alles gut. Und trotzdem spüren wir alle auch: Wirklich viel ausrichten werden wir damit nicht. Logisch. Denn das Problem ist doch: Der Kampf, in dem die Kirche Jesu seit jeher steht, ist in erster Linie ein geistlicher Kampf. Gerade in dieser Woche habe ich in meiner persönlichen Bibellese wieder gelesen, wie Paulus geschrieben hat: „Wir kämpfen nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut, sondern gegen die bösen Mächte und Gewalten der unsichtbaren Welt.“ Diesen Kampf gewinnt man nicht allein mit menschlichen Mitteln. Paulus sagt: Was ihr braucht ist das Schwert des Geistes, das Wort Gottes. Und dazu: Betet allezeit.

Ohne Gebet und Gottes Wort ist alles nichts

Und je länger ich im Gemeindebau aktiv bin, umso mehr sind es genau diese beiden Dinge, die mir wirklich Hoffnung machen: Die Macht des Gebets und die Kraft von Gottes lebendigem Wort. Wo diese beiden Dinge auf dem Rückzug sind, da ist die Kirche Jesu auf dem Rückzug. Gebet und Gottes Wort ist nicht alles im Gemeindbau. Aber ohne Gebet und Gottes Wort ist alles nichts. Und ich fürchte: Wenn wir das nicht klarkriegen, dass wir die Ehrfurcht vor Gottes heiligem Wort wieder aufrichten in unseren Kirchen und Gemeinden, dann bleiben all die anderen Bemühungen um Gemeindewachstum am Ende vergebliche Liebesmüh.

Je länger ich im Gemeindebau aktiv bin, umso mehr sind es genau diese beiden Dinge, die mir wirklich Hoffnung machen: Die Macht des Gebets und die Kraft von Gottes lebendigem Wort. Wo diese beiden Dinge auf dem Rückzug sind, da ist die Kirche Jesu auf dem Rückzug. Gebet und Gottes Wort ist nicht alles im Gemeindbau. Aber ohne Gebet und Gottes Wort ist alles nichts.

In einem Grundlagentext hat die EKD im Jahr 2017 geschrieben: „Die Reformatoren waren grundsätzlich davon ausgegangen, dass die biblischen Texte wirklich von Gott selbst gegeben waren.“ Leider hat die EKD diese richtige Feststellung kombiniert mit der Aussage, dass die biblischen Texte wegen der historisch-kritischen Forschung heute nicht mehr so damals als Wort Gottes verstanden werden könnten. Und ich bin mehr denn je überzeugt: Genau da liegt der Kern des Problems.

Für die Reformatoren hieß Sola Scriptura noch: Die Schrift bezeugt nicht nur die Offenbarung, nein, sie IST offenbartes Wort Gottes. Und deshalb hat sie in der Kirche Jesu das letzte Wort.

Die Schrift bezeugt nicht nur die Offenbarung, nein, sie IST offenbartes Wort Gottes. Und deshalb hat sie in der Kirche Jesu das letzte Wort.

Ich habe diese Sehnsucht, diesen großen Wunsch: Lassen Sie uns an allen Orten, von denen wir kommen, wieder leidenschaftlich dafür aufstehen, dafür beten und arbeiten, dass die gelebte Liebe zu Christus, die Macht des Gebets und die Kraft des offenbarten Wortes Gottes wieder das Fundament ist, auf dem die Kirche Jesu gebaut wird. Einen anderen Grund kann niemand legen als der, der gelegt ist, das ist Jesus Christus. Und von ihm wissen wir einzig und allein durch die Bibel.


Der Vortrag basiert auf Argumenten, die in den folgenden AiGG-Artikeln ausführlicher erläutert werden:

Dazu zwei aktuelle Buchempfehlungen:

Bildergebnis für kein grund zur skepsis gustafsson         Bildergebnis für puolimatka glaube wissenschaft

 

Mission – Viel mehr als “Zeigen, was wir lieben”

Mit „Mission Zukunft“ haben Ulrich Eggers und Michael Diener einen Sammelband vorgelegt, der es in sich hat. Man muss schon hoch vernetzt sein, um so viele bekannte christliche Leiter unterschiedlichster Couleur zwischen zwei Buchdeckeln zu versammeln. Aber gerade diese Zusammenschau ist es, die dieses Buch besonders spannungsvoll und spannend macht.

Bei mir hat das Buch sowohl Begeisterung als auch Verzweiflung ausgelöst. Begeisterung, weil man hier ermutigende Belege dafür findet, dass ein missionarischer Aufbruch möglich ist – auch mitten im säkularisierten Europa des 21. Jahrhunderts. Verzweiflung, weil zugleich transparent wird, wie weit Teile der Kirche von diesem Aufbruch entfernt zu sein scheinen.

Die Perspektive der Praktiker

Besonders deutlich wird das, wenn man das Buch aus Sicht der Praktiker liest. Das können Leute sein, die aktuell einen missionarischen Aufbruch erleben. Genauso interessant ist die Perspektive derer, die zahlreiche Initiativen überblicken und gut beobachten können, was „funktioniert“ und was nicht. Auffällig ist, was alle diese Leute gleichermaßen betonen: Entscheidend und grundlegend für einen missionarischen Aufbruch sind nicht Methoden. Entscheidend sind die geistlichen Grundlagen. Entscheidend ist vor allem die praktisch gelebte, vom Heiligen Geist gewirkte Jesusnachfolge, die sich gründet im Gebet und in Gottes Wort:

„Missionarischer Aufbruch … braucht Jesus-Zentriertheit und die Liebe zu Gott in allem.“ (Ansgar Hörsting, S.50)

„Die Vitalität meiner eigenen Jesusbeziehung ist zentral für die missionarische Bewegung in meinem Umfeld. … Auf diesem Weg werden Gebet, Wort Gottes und intensive Gemeinschaft mit anderen Christen eine große Rolle spielen.“ (Ekkehart Vetter, S.80)

„Missionarische Aufbrüche in der Kirche kommen durch christuszentrierte und geisterfüllte Bewegungen zustande.“ (Andreas „Boppi“ Boppart, S.211)

„Ich träume davon, dass Gemeinden Orte werden, die Menschen helfen, zu einer persönlichen intimen Gottesbeziehung zu kommen, denn ich bin überzeugt, dass aus Intimität (mit Gott) Identität (in Gott) und aus Identität schließlich geistliche Autorität (aus Gott) erwächst.“ (Patrick Knittelfelder, S.300)

Besonders bemerkenswert war für mich der Text von Bernhard Meuser, der das katholische „Mission Manifest“ mit vorangetrieben hat. Er zählt auf, was er als Katholik gerne von evangelikalen Christen lernen möchte: „Sie leben, denken, beten aus der Heiligen Schrift. Sie stellen Jesus in die Mitte, … nehmen ihn wirklich als Herrn in ihr Leben. Sie beten laut, gemeinsam und konkret. Sie lassen sich vom Heiligen Geist führen. Sie sind missionarisch, … sie haben echtes Interesse daran, dass jeder Jesus kennenlernt. Sie entscheiden sich für Jesus.“ (S.179) Da geht mir das Herz auf. Und doch hat mich das auch ein wenig peinlich berührt. Denn ich habe mich gefragt: Sind wir da wirklich noch Vorbild? Leben wir das tatsächlich noch voller selbstverständlicher Überzeugung? Oder gehen uns nicht gerade diese klassischen evangelikalen „Kernkompetenzen“ zunehmend verloren?

Gibt es absichtslose Mission?

Dass es Ulrich Eggers und Michael Diener gelungen ist, auch einige führende Persönlichkeiten der evangelischen Kirche für ein Statement zum Thema Mission zu gewinnen, ist erfreulich. Allerdings fällt schon Michael Diener auf: Es ist „wohl nicht ganz zufällig, dass sich alle Beiträge aus der Leitung der EKD mit … ethischen Haltungen der Mission beschäftigen.“ (S.17) Entsprechend sind diese Beiträge stark mit der Abwehr eines aus ihrer Sicht übergriffigen Missionsverständnisses beschäftigt. So schreibt zum Beispiel Heinrich Bedford-Strohm: „Mission, wie ich sie verstehe, ist nicht der strategische Versuch, Menschen zu einem bestimmten Bekenntnis zu veranlassen.“ (S.72) Gleich mehrfach wird ein Satz des Theologen Fulbert Steffensky zitiert: „Mission ist die gewaltlose, ressentimentlose und absichtslose Werbung für die Schönheit eines Lebenskonzeptes. Mission heißt zeigen, was man liebt.“ (S.18) Die letzten Worte dieses Zitats haben es sogar in leicht abgewandelter Form in den Untertitel des Buchs geschafft.

Ich musste bei diesem Zitat an die Missionsreisen von Paulus denken. War Paulus denn „absichtslos“ unterwegs? Wollte er in erster Linie einfach mal die Welt bereisen? Sicher nicht. Absichtslose Mission gibt es nicht. Mission ist auch bei weitem nicht nur „Zeigen, was man liebt“, wie man es bei einem guten Wein oder einem spannenden Kinofilm macht. Selbstverständlich wünschen sich Missionare, dass in den Herzen der Zuhörer ein christliches Bekenntnis wächst, schließlich gilt: Wenn du mit deinem Mund bekennst, dass Jesus der Herr ist, und wenn du in deinem Herzen glaubst, dass Gott ihn von den Toten auferweckt hat, wirst du gerettet werden.“ (Römer 10,9) Johannes Reimer schreibt deshalb zurecht: „Gemeindeaufbau setzt intentionale Verkündigung des Evangeliums und damit die Hinführung des Menschen zur Entscheidung für den Glauben voraus.“ (S.192) Auch Michael Herbst setzt auf „Veranstaltungen, die absichtsvoll evangelisieren“. (S.136) Und Bernhard Meuser hält fest: „Die Kirche muss wieder wollen, dass Menschen ihr Leben durch eine klare Entscheidung Jesus Christus übergeben.“ (S. 176)

Was bedeutet eigentlich „Mission“?

Gleich zu Beginn des Buchs stellt Michael Diener eine wichtige Frage: „Wie belastbar ist das gemeinsame Fundament in Sachen Mission und Evangelisation? Füllen wir zentrale Begriffe mit gleichen oder zumindest ähnlichen Inhalten oder handelt es sich nur um eine „Äquivokation“, werden dieselben Wörter für letztlich nicht Vereinbares verwendet? Ist das immer noch zu beobachtende und zu spürende „Fremdeln“ vieler Menschen in den Volkskirchen, wenn Worte wie „Mission“ oder „Evangelisation“ fallen, wirklich nur dem nicht zu leugnenden Missbrauch auf diesem Gebiet zu verdanken oder verbirgt sich dahinter eine gänzlich andere theologische Einschätzung?“ (S.13) Leider wird diese Frage im Buch nie direkt beantwortet. Aber wer die verschiedenen Texte nebeneinander stellt kommt zwangsläufig zu einem eindeutigen Ergebnis: Leider werden zentrale Begriffe tatsächlich immer wieder unterschiedlich gefüllt. Und oft sind nicht einmal mehr die Begriffe dieselben.

Das merkt man schon daran, dass in einigen Beiträgen Begriffe wie Sünde, Umkehr, Rettung oder Verlorenheit schlicht nicht vorkommen. Auch die Lehre vom stellvertretenden Sühneopfer vermisse ich, wenn Heinrich Bedford-Strohm zum Beispiel schreibt: Der gekreuzigte Gott mache „zutiefst gewiss, dass Gott gerade im Leiden nicht fern, sondern ganz nah ist.“ (S.74) Und ich habe mich gefragt: Würde zu den Bildern von Mission, die da gezeichnet werden, die weltweit verbreiteten „4 geistlichen Gesetze“ (neuerdings auch unter „The Four“ bekannt) zur Erklärung des Kerns des Evangeliums noch passen? In deren Mittelpunkt steht ja die Lehre, dass die Sünde uns Menschen von Gott trennt und dass nur der stellvertretende Kreuzestod Jesu diese Trennung überwinden kann. Diese Mitte des Evangeliums konnte ich in einigen Texten leider nicht entdecken. Ansgar Hörsting sieht genau darin eine Hauptursache für mangelnde missionarische Dynamik: Es ist „ein Hemmnis für Mission, wenn diese zentrale Botschaft vergessen, verändert oder aus der Mitte verdrängt wird. Die mangelnde Klarheit in der Verkündigung zum Sühnopfer Jesu ist ein trauriges Beispiel dafür. Menschen, die die Liebe Gottes nur allgemein und nicht in dieser zugespitzten Form verstehen, werden nicht im Namen Jesu missionarisch sein.“ (S.49)[1]

Warum missionieren wir überhaupt?

Eine weitere wichtige Frage ist: Warum missionieren wir eigentlich? Geht es darum, unsere Mitgliederzahlen zu verbessern? Oder wollen wir die Gesellschaft und die Lebensumstände unserer Mitmenschen ein wenig besser machen? Wenn Gott ohnehin bei allen Menschen ist, wenn er am Ende alle rettet und wenn er uns auch durch andere Religionen begegnet, wie es z.B. die rheinische Kirche in Ihrem Beschluss zum Verzicht auf Mission unter Muslimen meint, dann ist die Frage nach dem Antrieb für missionarische Aktivitäten gar nicht so leicht zu beantworten. Das hat Folgen. Ansgar Hörsting sagt deutlich: „Ich kenne keine (!) missionarisch wirksame Gemeinde, in der es nicht Leute gibt, die klar auf dem Schirm haben: Ohne Jesus Christus sind Menschen verloren. … Wo keine Dringlichkeit empfunden wird, wird missionarisches Wirken schwach.“ (S.52, das Ausrufezeichen habe ich eingefügt). Noch deutlicher wird Steffen Beck: „Es reicht nicht, wenn wir hören, dass „Menschen ohne Jesus verloren“ sind. … Unser Herz muss betroffen sein. Wenn dies nicht der Fall ist, werden wir auch das Herz der anderen nicht erreichen.“ (S.259) Wenn das stimmt, dann muss uns nicht verwundern, warum im Umfeld der von liberaler Theologie geprägten Großkirchen die missionarische Dynamik weitgehend eingeschlafen ist, wie Alexander Garth in seiner Analyse der zahlreichen missionarischen Initiativen in Berlin feststellt: „Es fällt auf, dass die wenigsten innovativen missionarischen Projekte aus dem Bereich der Großkirchen kommen … obgleich sie über immense Ressourcen an Finanzen und Manpower verfügt.“ (S.292)

Die Frage nach der missionarischen Dynamik einer Gemeinschaft hat somit ganz eindeutig viel mit ihrer Theologie und ihrem Umgang mit der Bibel zu tun. Das bestätigt auch Lothar Krauss in seinem äußerst ermutigenden Bericht über den missionarischen Aufbruch in Gifhorn: „Mit der Bibel intensiv zu leben entfacht in uns eine missionarische Dynamik und einen kraftvollen Glauben! Wenn wir unser Vertrauen in Gottes Wort schwächen lassen oder sogar verlieren, verlieren wir auch die missionarische Dynamik!“ (S.319) Alexander Garth sagt es noch grundsätzlicher: „Erfolgreiche missionarische Arbeit braucht eine konservative Theologie, weil nur diese das hohe Commitment ihrer Gemeindemitglieder zu generieren vermag, das nötig ist, damit die Dynamik für eine wachsende Gemeinde entsteht.“ (S.292)

Leerstelle theologische Ausbildung: Der große Elefant im Raum?

Das führt mich zu einer Frage, die mir beim Lesen immer dringender wurde: Wenn die geistlichen und theologischen Grundlagen so entscheidend sind, warum hat sich dann kein einziger Autor mit der Rolle der theologischen Ausbildung für die missionarische Dynamik der Kirche beschäftigt? Schließlich werden dort die geistlichen Grundlagen gelegt und die theologischen Weichen der zukünftigen Gemeindeleiter gestellt. Manchmal war ich mir aber auch bei evangelikalen Autoren nicht ganz sicher, inwieweit sie die Bedeutung dieser theologischen Weichenstellungen auf dem Schirm haben. So schreibt zum Beispiel Andreas Boppart: Es geht … nicht um das Ausdiskutieren von theologischen Unterschieden, um dann ein Konsens-Papier zu unterschreiben, sondern um eine tiefe ehrliche Herzensverbindung von geisterfüllten und christuszentrierten Nachfolgerinnen und Nachfolgern – eine Einheit der Herzen, des Geistes.“ (S.215) Bis vor etwa 2 Jahren hätte ich diesen Satz begeistert unterschrieben. Aber inzwischen habe ich zu viel gesehen, das mir zeigt: Theology matters – Theologie macht einen Unterschied. Ich habe zu oft erlebt, wie schnell die theologische Pluralisierung von den Randfragen zu den Kernfragen vordringt und wie das am Ende dazu führt, dass sich der missionarische Eifer in Sprachlosigkeit verwandelt, wie Steffen Kern bemerkt: „Selbst in den zentralsten Glaubens- und Lebensfragen werden viele unsicher. Was früher manchmal so klar schien, scheint auf einmal zwischen den Fingern zu zerrinnen. Die Kirchen und Gemeinden, die Haltungen und Positionen werden pluraler, Orientierung zu finden immer schwieriger. Darum verfallen wir über Frömmigkeitsgrenzen hinweg ins Schweigen.“ (S.225)

Ja, Andreas Boppart hat recht: Einheit ist viel mehr als theologischer Konsens. Wir brauchen eine geistgewirkte Herzenseinheit in Christus. Aber wer ist dieser Christus? Und was ist seine Botschaft? Das sind theologische Fragen, die wir klären müssen. Deshalb funktioniert Einheit auf Dauer nicht ohne theologischen Konsens zumindest in den zentralen Knackpunktthemen des Glaubens, wie ich sie z.B. in Kapitel 5 von „Zeit des Umbruchs“ beschrieben habe. Es gibt gute Gründe dafür, dass wir von geistlichen Leitern eine gründliche theologische Ausbildung erwarten. Aber diese Ausbildung muss einem Bibelverständnis folgen, in der das Sola Scriptura gilt, in der also nicht die menschliche Vernunft zum Richter über richtig und falsch in der Bibel gemacht wird und in der die Schrift nicht ins sachkritische Zwielicht gerät. Denn sonst wird weiterhin gelten, was Alexander Garth beklagt: „Westliche Theologien sind klug, aber sie paralysieren Gemeindewachstum und Mission, wie unzählige Studien der globalen Gemeindewachstumsbewegung zeigen.“ (S.286)

Warum wird diese wichtige Frage nach der Rolle der theologischen Ausbildung an keiner Stelle in „Mission Zukunft“ aufgegriffen? Ist sie vielleicht der große Elefant im Raum, den zwar alle sehen, den aber niemand anspricht, um niemand zu provozieren? Beim Nachdenken über diese Frage fiel mir auf, dass ein großer Name in diesem Buch fehlt: Ulrich Parzany. Seit Jahrzehnten war und ist er eine zentrale und prägende Figur im Bereich Mission und Evangelisation im deutschsprachigen Raum. Warum wird seine Stimme hier nicht gehört? Hat das womöglich auch damit zu tun, dass er einer der wenigen ist, der diesen Elefant offen anspricht?[2] Das wäre traurig. Denn das Buch „Mission Zukunft“ bestärkt mich einmal mehr darin: Ohne eine theologische Erneuerung werden auch alle sonstigen Reformbemühungen der Kirche unter Sand im Getriebe leiden.

Mission is possible!

Trotz dieser Leerstelle kann ich „Mission Zukunft“ nur herzlich weiter empfehlen. Allein schon die äußerst ermutigenden und inspirierenden Kapitel von Ekkehart Vetter, Alexander Garth, Patrick Knittelfelder und Lothar Krauss sind die Anschaffung des Buchs mehr als wert. Hier wird deutlich: Mission is possible! Unser Problem ist nicht die Säkularisierung oder Pluralisierung. Unser Problem ist auch nicht der „harte Boden“ in unserem Land sondern – wenn schon – der harte Boden in unserem eigenen Herzen. Wo wir uns von Gottes Geist und Gottes Wort zu Jesus ziehen lassen, da kann ein missionarischer Aufbruch gar nicht ausbleiben. Denn es liegt Jesus nun einmal sehr auf dem Herzen, dass jeder gerettet wird und die Wahrheit erkennt“ (1.Tim.2,4) – in unseren Familien, in unseren Gemeinden, in unseren Städten und Dörfern, in unserem Land, überall auf der Welt. Klaus Douglass schreibt: Mission ist nicht eine Funktion der Kirche, sondern Kirche ist eine Funktion der Mission Jesu.“ (S.194) Genauso ist es. Ohne Mission hört Kirche auf, Kirche zu sein.


Das Buch „Mission Zukunft – Zeigen was wir lieben: Impulse für eine Kirche mit Vision“ (Herausgeber Michael Diener und Ulrich Eggers) ist im Dezember 2018 bei SCM R. Brockhaus erschienen und kann zum Preis von 19,99 € hier bestellt werden.

Weitere inspirierende Zitate aus „Mission Zukunft“:

Über die zentrale Bedeutung der grundlegenden geistlichen Disziplinen Gebet und Lesen in Gottes Wort:

„Ich sehe keinen anderen Weg zur Freude als den alten und immer neuen des Hörens auf die Schrift, der wechselseitigen Ermutigung und des erwartungsoffenen Gebets.“ (Hans-Herrmann Pompe, S. 34)

„In unseren Erklärungen sagen wir viel Richtiges: … „Darum ist es für jeden Christen und jede Christin unverzichtbar, Gottes Wort zu verkünden und seinen/ihren Glauben in der Welt zu bezeugen.“ Gut gebrüllt Löwe, aber die Rechnung wurde ohne den Wirt erstellt, nämlich ohne uns, die Christen, deren Innenleben, deren Herz einer dringenden geistlichen Erneuerung bedarf. … Auf diesem Weg werden Gebet, Wort Gottes und intensive Gemeinschaft mit anderen Christen eine große Rolle spielen.“ (Ekkehart Vetter, S.82/83)

„Natürlich sind die Fragen nach dem Musikstil, der Sprache, der Kleidung auf der Bühne und so weiter nicht unwichtig. Aber es ist ein Fehler, zu denken, dass Veränderung in diesen Punkten eine Gemeinde verwandelt. Diese Themen ändern sich als Folge von Überzeugungen! Unsere Überzeugungen gewannen wir aus dem Studium der Bibel und wir bewegten sie im Gebet. Ohne Überzeugungen bleiben wir zu sehr an den Äußerlichkeiten hängen, die nicht unwichtig sind, aber eben auch nicht entscheidend.“ (Lothar Krauss, S.315)

Jesus muss unbedingt die Mitte sein:

„Menschen werden spüren, ob wir Gott lieben, ob wir begeistert sind von ihm und ob wir etwas mit ihm zu tun haben. Mir sagte mal ein Pastor einer sehr missionarischen Gemeinde, sie würden zuerst Jesus zentrierte Gottesdienste und nur in zweiter Linie besucherfreundliche Gottesdienste feiern. …  Missionarischer Aufbruch … braucht Jesus-Zentriertheit und die Liebe zu Gott in allem. …  Gerade der deutsche missionarische Aufbruch braucht diese Dimension, weil wir (wie in der gesamten westlichen Welt) sehr menschenzentriert denken, leben und oft auch glauben.“ (Ansgar Hörsting; S. 50)

„Wenn die evangelische Landeskirche nicht den Mut hat, Christus wieder stärker ins Zentrum zu rücken und Profil zu zeigen, wird sie aufgrund ihrer Farblosigkeit in die Unbedeutsamkeit weggleiten.“ (Andreas „Boppi“ Boppart, S. 214)

„Mission braucht … Mut zur Konzentration auf das Wesentliche. Wir reden von Jesus. … Von seinen Wundern. Von seinen Worten. Von seinem Kreuz und seiner Auferstehung.“ (S. 226 Steffen Kern)

 „Die Kirche ist ein Jesus-zu-den-Leuten-Bringen. Jesus ist ihr Lebensinhalt, sie hat keinen anderen. Wo sie doch um andere Inhalt kreist -etwa um sich selbst -, da wird sie zur abgeschmackten Travestie.“ (Bernhard Meuser, S. 175)

Über die Bedeutung von Gemeinschaft und Kleingruppen:

„Ich würde allen, die sich nach einem missionarischen Aufbruch sehnen, dringend raten, einen Kern zu sammeln, der brennt, ohne die weitere Gemeinde aus dem Blick zu verlieren.“ (Lothar Krauss, S.321)

 „Ohne die Bildung kleiner, tragfähiger Gemeinschaften läuft ein Großteil unserer missionarischen Bemühungen ins Leere.“ (Klaus Douglass, S. 207)

Über den Segen von Vielfalt:

„Es muss in der Gesellschaft um Gottes willen eine größere Vielzahl unterschiedlicher christlicher Kirchen, Gemeinden, missionarischer Projekte, diakonischer Initiativen geben, die nebeneinander und miteinander den Ruf von Christus „Lasst euch versöhnen mit Gott!“ verbreiten.“ (S. 289 Alexander Garth)

Über die Notwendigkeit von Fleiß und Hingabe:

„Kein missionarischer Aufbruch geschieht ohne engagierte, fleißige und dienende Menschen. Gottes Methode sind Leute, die sich selbst verleugnen und hingeben.“ (Lothar Krauss, S.321)

Über die Bedeutung von Bibel und Bekenntnis:

„Bei aller konfessionellen und missionarischen Offenheit ist es zugleich wichtig, einen Maßstab zu haben, der für alle verbindlich ist. Das sind für uns die Bibel und ihre sinnstiftenden und Orientierung gebenden Anweisungen für ein gelingendes und von Gott gesegnetes Leben. Darüber hinaus sind für uns neben den altkirchlichen und reformatorischen Bekenntnissen die Basis der Evangelischen Allianz und die Lausanner Verpflichtung von 1974 richtungsweisend. … Wir vertrauen der Bibel als Gottes Wort, als Quelle aller Erkenntnis, wie Gott ist, was er für uns getan hat und was er von uns erwartet.“ (Elke Werner, S.340)


[1] Der Streit um die „Absichtslosigkeit“ von Mission war auch ein zentrales Thema bei der Tagung „Welche Zukunft hat Mission?“ im November 2019 in Berlin, bei der viele Autoren dieses Buchs ihre Thesen mündlich vortragen durften. Dabei wurde deutlich, dass die „theologischen Überzeugungen ein Streitfall bleiben“, wie Karsten Huhn in seiner Reportage in idea-Spektrum berichtet.

[2] Bekannt wurde besonders sein Satz: „Die Bibelkritik ist der Krebsschaden der Kirche.“ In Ulrich Parzany : Was nun, Kirche? Ein großes Schiff in Gefahr, Holzgerlingen 2017, S. 49.