Wie Vorannahmen die (Bibel-)Wissenschaft beeinflussen

– und warum sie von jedem Menschen auf Augenhöhe beurteilt werden können

In seinem Buch „Glaube, Wissenschaft und die Bibel“ befasst sich der finnische Professor Tapio Puolimatka mit der Frage: Wie beeinflussen die Grundüberzeugungen eines Menschen seine Denkergebnisse? Puolimatka zeigt, dass Forscher unumgänglich zu ganz anderen Ergebnissen kommen, wenn man die Existenz Gottes außer Acht lässt, wie auch manche moderne Bibelforscher dies tun. Wie C. S. Lewis kommt er zu dem ernüchternden Ergebnis, dass Gelehrtheit kein Garant ist für Urteilsvermögen.

Puolimatka unterscheidet drei unterschiedliche Grundüberzeugungen:

(Der nachfolgende Rest dieses Artikels setzt sich aus Auszügen aus dem Buch von T. Puolimatka zusammen, die Überschriften sind nachträglich eingefügt, die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.)

Nach der naturalistischen Herangehensweise kann man nur natürliche Gründe als Erklärung historischer Ereignisse anbringen. Übernatürliches gibt es nicht. Zumindest kann es den Gang der Geschichte nicht beeinflussen. Gott kann sich nicht selber den Menschen durch historische Ereignisse offenbaren. Die übernatürlichen Wundererzählungen der Bibel kann man als solche nicht als wahre Beschreibungen wirklicher geschichtlicher Ereignisse akzeptieren, sondern man muss eine natürliche Erklärung für sie finden. Nach der naturalistischen Auffassung müssen die Methoden, die Wissenschaft anwendet, „atheistisch“ sein. „Sie schließen Gott von Anfang an aus allen wissenschaftlichen Erklärungsmodellen aus.“ (Laato (1994), S. 7)

Neben dem weltanschaulich bindenden starken Naturalismus wird die Forschung beeinflusst durch den schwachen bzw. methodischen Naturalismus, der die Fragen nach Gottes Existenz und der Möglichkeit von Wundern offen lässt. Bei dieser Herangehensweise werden die Existenz Gottes, Jesu Göttlichkeit oder die Möglichkeit von Gottes Offenbarung weder bejaht noch verneint. In Kreisen wissenschaftlicher Forschung sind nur solche Annahmen statthaft, die alle Forscher akzeptieren können.

Nach dem Supernaturalismus kann man einen Ausgangspunkt , der sich auf die Offenbarung Gottes gründet, nicht mit guten Gründen aus dem Bereich der Wissenschaft ausschließen, da die beste Erklärung für alles Existierende aus Gott und seiner Offenbarung kommt. Nach der Auffassung des Supernaturalismus ist wissenschaftliche Forschung niemals neutral – im Hintergrund stehen immer Annahmen, die man weltanschaulich oder religiös klassifizieren kann.

Grundlegende Überzeugungen sind nicht immer bewusst, da sie häufig unter Wissenschaftlern einen Status der Selbstverständlichkeit haben. Vorweg-Annahmen sind wie Brillengläser, durch die man die Wirklichkeit betrachtet. Dem Menschen fällt es schwer, selbstkritisch auf seine eigenen vorgefassten Annahmen zu blicken, da er diese Annahmen durch dieselben Brillengläser betrachtet.

Forscher haben kein Sonderwissen im Hinblick auf diese Grundannahmen. Vergleicht man die Grundannahmen, so hat jeder beliebige Mensch die Voraussetzungen, die Überzeugungskraft von humanwissenschaftlichen und theologischen Forschungsergebnissen zu beurteilen.

Der Naturalismus beeinflusst die Bibelwissenschaft

Der Streit zwischen Naturalismus und Supernaturalismus nimmt in der Bibelkritik eine feste Form an in der Frage, ob Gott sich im Wort offenbart hat. Konnte Gott beispielsweise auf übernatürliche Weise die Entstehung der Texte der Bibel so steuern, dass man sie „Gottes Wort“ nennen kann? So mancher Forscher, der auf die wissenschaftliche Erforschung der Bibel spezialisiert ist, hat als Basis seiner Forschung die naturalistische Grundannahme verinnerlicht. Gott könne sich nicht auf übernatürliche Weise in historischen Ereignissen und im biblischen Wort offenbaren, oder zumindest könne man eine solche Offenbarung nicht als Ausgangspunkt der Forschung heranziehen. „Er erforscht die Bibel als menschliches Dokument, als würde Gott nicht existieren.“ (Laato 1994) Der Naturalismus (in seiner starken und schwachen Form) der die Kultur unserer Zeit und die Wissenschaft prägt, lässt den Gedanken an einen Gott hinter sich, der sich in den Ereignissen der Geschichte und im Wort der Bibel kundtut. Auch dann, wenn man die Möglichkeit eines solchen Gottes grundsätzlich bejaht (schwacher Naturalismus), gehört er doch nach dieser Anschauung nicht in den Bereich der Wissenschaft.

Theologen akzeptieren diese Herangehensweise, da der Naturalismus in der breiten wissenschaftlichen Öffentlichkeit eine Vormachtstellung einnimmt, und sie rechtfertigen sie damit, dass eine Auseinandersetzung zwischen Menschen mit verschiedenen Sichtweisen erst dadurch ermöglicht würde, dass man sich in der Wissenschaft auf solche Grundannahmen beschränke, die alle akzeptieren können. Wenn Theologen zum Ausgangspunkt ihrer Forschung nehmen würden, dass Gott gesprochen habe und dass man Gottes Sprechen erkennen und verstehen könne, dann würden sie in einen Konflikt mit der breiten wissenschaftlichen Öffentlichkeit geraten.

Es mag zu vereinfachend erscheinen, die Bibelkritik hauptsächlich aus der Perspektive zweier Herangehensweisen zu behandeln, des Supernaturalismus und des Naturalismus. Dies ist dennoch nicht so vereinfachend, wie man es anfangs meinen könnte. Nach Edward Craig (Craig, 2004) existieren nämlich nur zwei grundlegende Weltanschauungen oder Wirklichkeitsbegriffe, und alle anderen Auffassungen, Philosophien und Theorien bilden sich in Abhängigkeit von ihnen oder als ihre Variation heraus. Einerseits gibt es die supernaturalistische Vorstellung, nach der Gott der Ursprung der Wirklichkeit ist und der Mensch ein nach Gottes Bild geschaffenes Wesen, das in der von Gott geschaffenen Welt lebt. Andererseits gibt es die naturalistische Vorstellung, nach der die gesamte Wirklichkeit aus natürlichen Faktoren zu erklären ist. Für Craig ist es Selbstbetrug zu denken, dass es irgendeine neutrale Herangehensweise gebe, mithilfe derer es möglich sei, diese beiden Vorstellungen neutral zu untersuchen, ohne bei den Untersuchungen zu einer der beiden angebotenen Grundannahmen zu tendieren.

Warum in Bezug auf die Grundannahmen jeder Laie auf Augenhöhe mitreden kann

Die Frage, ob Gottes Offenbarung im Wort möglich ist, ist nach C.S. Lewis keine Sache, in der ein Forscher mehr Sachkenntnis oder Ansehen hätte als irgendein beliebiger Mensch. Es gibt keine eindeutige wissenschaftliche Antwort auf die Frage, ob Gott sich offenbaren kann. Hierzu nimmt man, bevor man zu forschen beginnt, eine Position ein, die auf Glauben beruht, und die eigene Position beeinflusst die Art und Weise, wie geforscht wird und die erzielten Ergebnisse. Nicht ein einziger Forscher ist Experte in grundlegenden Fragen der Existenz. „Hier (in der Frage nach der Möglichkeit des Übernatürlichen – Anm. des Übers.) reden sie einfach als Menschen; als Menschen, die vom Geist des Zeitalters, in dem sie aufwuchsen, offensichtlich beeinflusst und ihm gegenüber vielleicht zu unkritisch sind.“ (Lewis 1986)

Das besondere Können eines Forschers konzentriert sich auf ein sehr enges Sondergebiet. Was seine in die Forschungstätigkeit einfließenden Grundannahmen betrifft, ist er gezwungen, in gleicher Weise in Abhängigkeit von menschlichen Grunderfahrungen und Selbsterkenntnis zu handeln wie jeder beliebige Mensch. Daher kann jeder Mensch auch mit guten Gründen die in der wissenschaftlichen Öffentlichkeit dominierenden Denkvoraussetzungen beurteilen und seiner Kritik unterwerfen.

In vielen hervorragenden exegetischen Kommentaren kristallisiert sich eine große Menge an für den Bibelforscher nützlichem Wissen heraus. Das bedeutet aber nicht, dass man blind den Ergebnissen der exegetischen Forschung glauben kann. Denn die Forschung ist so stark an die vorausgehenden Annahmen und grundlegenden Grundüberzeugungen des Forschers gebunden; aus welchem Blickwinkel der Forscher die Dinge betrachtet und welche Fakten er von seinem Standpunkt der Interpretation aus für bedeutungsvoll erachtet und auswählt, bestimmt die Auslegung.

Daher kann ein gewöhnlicher Bibelleser, der das Alte Testament gut kennt, dem Text mehr gerecht werden als ein auf Auslegung spezialisierter Exeget, der den Schlüssel zur Interpretation in der griechisch-römischen Kultur zu finden glaubt.


Das Buch „Glaube, Wissenschaft und die Bibel“ von Prof. Tapio Puolimatka in der Übersetzung von Beile Ratut ist 2018 im Ruhland-Verlag erschienen. Es ist hochaktuell und grundlegend, indem es den Einfluss von Grundüberzeugungen auf das Leben, die Wissenschaften und insbesondere die Theologie untersucht. In Finnland mit seinen nur 5 Mio. Einwohnern gingen 6.000 Exemplare dieses Buchs über den Ladentisch.

Der Kampf ums Bibelverständnis

Wegweisende Erkenntnisse aus dem Buch „Biblische Hermeneutik“ von Prof. Gerhard Maier

„Biblische Hermeneutik“: Dieses Buch von Prof. Gerhard Maier hätte ich am liebsten jedem Theologen zu Weihnachten unter den Baum gelegt. Der Autor ist mir schon lange ein Begriff, schließlich war er 4 Jahre lang Landesbischof meiner württembergischen Landeskirche. Dass er zugleich ein herausragender Theologe ist, war mir auch schon zu Ohren gekommen. Tatsächlich ist sein Buch „Biblische Hermeneutik“ nichts weniger als ein grundlegender Ruf zur Umkehr in der Theologie. Maier setzt sich intensiv mit der sogenannten „historisch kritischen Methode“ (HKM) auseinander, die aktuell eine fast uneingeschränkte Dominanz besitzt:

„Die Meinung, „dahinter können wir nicht mehr zurück“, ist eine der am weitesten verbreiteten, auch im Kreise sog. „evangelikaler“ Theologen. … Noch 1971 konnte Richter schreiben: „Das Recht, die historisch-kritische Methode anzuwenden, ist heute … in der Theologie unbestritten“. Dabei ist allen klar, dass die „Kritik“ nicht nur die (selbstverständliche!) Aufgabe des Unterscheidens wahrnimmt, sondern ein „kritisches“ Beurteilen der biblischen Aussagen, ihre Bejahung oder Verwerfung, kurz: die Sachkritik an der Bibel, einschließt.“ (S. 214)

Eben diese Sachkritik ist für Maier das entscheidende Problem bei der HKM, denn: „Jede Sachkritik an der Bibel gibt … Teile ihres Inhalts preis. … Die zahllosen Schwankungen, denen innerhalb der letzten 300 Jahre die Sachkritik unterworfen war, widerlegen eindrucksvoll die Behauptung, die Schrift ermögliche aus sich selbst heraus eine solche Sachkritik.“ (S. 266)

Sachkritik bedingt immer, dass es einen menschlichen Kritiker geben muss: „Was sich … durch die ganze Geschichte der historischen Kritik hindurchzieht, das ist die Anschauung, dass der Mensch über den Wahrheitsgehalt der Offenbarung zu entscheiden habe.“ (S. 259) Der Bibel wird damit eine zweite Autoritätsinstanz beigestellt: „Das katholische Lehramt ist evangelischerseits im Laufe der Zeit durch Vernunft und Wissenschaftlichkeit, deren Inhalte umstritten blieben, ersetzt worden. … Wahrhaftigkeit und modernes Weltverständnis sind hier ethische und intellektuelle Verstehensvoraussetzungen, die in ihrer Kombination zu einer zweiten Instanz neben der Schrift führen.“ (S. 142) Somit ist die reformatorische Formel „Sola scriptura“ preisgegeben, die bis zum Pietismus noch galt. (S. 302)

Die zentrale Weichenstellung: Trennung von Text und Offenbarung

Grundsätzlich möglich wird die Bibelkritik der HKM durch folgende zentrale Weichenstellung: „Grundlegend für die historisch-kritische Arbeitsweise ist die Trennung von Schrift und Offenbarung bzw. von Bibel und Wort Gottes. Keinesfalls besteht hier eine Identität.“ (S. 262) Beispielhaft zeigt Maier das an der „dreifachen Gestalt des Wortes Gottes“ von Karl Barth, in der u.a. zwischen dem schriftlichen und dem offenbarten Wort Gottes unterschieden wird, wobei das schriftliche Wort (die Bibel) nicht die eigentliche Offenbarung ist. Die Bibel bezeugt sie nur. Maier begründet, warum er sich mit dieser Lehre nicht befreunden kann: „Sie zerbricht die Theopneustie („göttliche Eingebung“, „Durchhauchtsein mit dem Geist“, 2. Tim. 3, 16) an der entscheidenden Stelle, nämlich dort, wo gerade die Schrift als das final gemeinte Wort des Heiligen Geistes Gestalt gewinnen soll … indem sie uns letztlich an ein unkonkretes, zeitloses „Dahinter“ bindet. Und sie widerspricht auch der Position Luthers und der Reformatoren, für die das biblische Wort der eigentliche Wille Gottes war.“ (S. 104)

Erst durch diese Trennung zwischen biblischem Wort und Offenbarung ist es möglich, kritisch an das biblische Wort mit dem Prinzip des wissenschaftlichen Zweifels heranzutreten. Das ist für ihn die eigentliche „Innovation“ der historisch kritischen Methode: „Nicht die Entdeckung neuer, bisher unbekannter Arbeitsschritte oder methodischer Einzelverfahren war das Entscheidende. Sondern der prinzipiell vom Zweifel geprägte Umgang mit der Heiligen Schrift.“ (S. 221)

Deutlich wird dieser Zweifel zum Beispiel im Umgang mit den geschichtlichen Aussagen der Bibel. Das ist aus seiner Sicht besonders tragisch, denn: „Der biblische Glaube hängt tatsächlich aufs engste mit der wirklichen Geschichte zusammen. … Entzieht man ihm die geschichtliche Basis, auf die er aufgebaut ist, dann hat man ihn prinzipiell widerlegt. … Der Glaube hängt an seiner Geschichtlichkeit.“ (S. 181)

Hinzu kommt in der HKM die bis heute nicht überwundene allgemeine Skepsis gegen Wunder und Prophetie: „Im Grunde teilt das ganze 19. Jh., soweit es die historisch-kritische Forschung in Deutschland betrifft, das Urteil, dass wir heute an Wunder nicht mehr glauben können. … Ja selbst in unserem Jahrhundert noch wird die historische Kritik von dem Gedanken beherrscht, dass Wunder ungeschichtlich seien.“ (S. 196)

Daran zeigt sich, wie wenig die historisch kritische Methode ihren eigenen Anspruch einlöst, „wissenschaftlich“ und „objektiv“ zu sein: „Es besteht … unter den Anhängern der historischen Kritik eine erstaunliche Übereinstimmung darüber, dass sie „ein Kind der Aufklärung“ darstellt. … Damit ist die dominierende Rolle der Vernunft ausgesagt. … Hier erhält also … der Mensch einen absoluten Vorrang. … Auf der anderen Seite wird deutlich, dass diese „Vernunft“ keine weltanschauliche Neutralität besitzt. Im Gegenteil, sie ist eine religiös determinierte Größe. Um noch einmal Picht zu zitieren: „Die Vernunft des europäischen Denkens ist als Projektion des Gottes der griechischen Philosophie bis in ihre innersten Elemente vom Mythos durchtränkt. Es ist ein Zeichen mangelnder Aufklärung, wenn wir das nicht wissen. Von hier aus fällt ein neues Licht auf die Spannung zwischen Glauben und Vernunft, aber auch auf die unglückliche Liebe der Theologen zu dieser selben Vernunft.“ Das heißt, die Berührung der Theologie mit der Philosophie der Aufklärung und die Entwicklung einer vernunftverantwortlichen Bibelwissenschaft war eben kein Methodenproblem im neutralen Sinne, sondern eine religiöse Kontamination. … Die neue Situation, die durch eine solche Anwendung von Kritik entstand, muss eindeutig als ein Bruch mit der vorangehenden christlichen Geschichte bezeichnet werden.“ (S. 236/237)

Das Bibelverständnis muss aus der Bibel kommen!

Angesichts dieser grundsätzlichen Dramatik stellt sich nun umso drängender die Frage: Wie begegnet Gerhard Maier nun der HKM? Im ganzen Buch findet sich dazu immer das gleiche Prinzip: Maier setzt den Sichtweisen der HKM nicht einfach seinen eigenen Ansatz gegenüber. Zwar ist er sich zwar bewusst, dass „eine voraussetzungslose Auslegung ein Phantom, eine Selbsttäuschung darstellt. Doch gerade unsere Voraussetzungen will die Bibel in Frage stellen, korrigieren und teilweise zerstören.“ (S. 15) Prof. Maier betont also: Wir können unsere Denkvoraussetzungen beim Auslegen der Bibel nicht beliebig wählen. Die Bibel hat eine Meinung dazu, wie sie korrekt gelesen und ausgelegt werden will! Deshalb befragt Maier immer wieder den biblischen Text, den er durchweg als „Offenbarung“ bezeichnet. Er will sich sein Schriftverständnis von der Bibel selbst vorgeben lassen, denn: „Wahrscheinlich ist die wichtigste hermeneutische Entscheidung diejenige, ob wir den Ausgangspunkt bei der Offenbarung selbst oder beim Menschen nehmen.“ (S. 19) Er wendet damit vorbildlich das reformatorische Prinzip an, dass die Schrift sich selbst auslegen muss. Im Zentrum steht für Prof. Maier deshalb die Frage:

Welches Bibelverständnis gibt uns die Bibel vor?

Maier stellt zum einen fest, dass die Bibel die menschliche Vernunft als oberste Autoritätsinstanz für vollkommen ungeeignet hält: „Die Offenbarung kennt den „autonomen“ Menschen nur als den „verlorenen“ Menschen. … Seine Autonomie war von Anfang an eine Utopie und ein Weg in die Sklaverei, ja zum Rande des Untergangs.“ (S. 242/243)

Das biblische Bibelverständnis stellt sich für Maier nach ausführlicher Analyse der biblischen Aussagen wie folgt dar: „Diese Offenbarung beansprucht, aus Gottes Geist hervorgegangen zu sein. Sie ist … Anrede Gottes an uns. Wer sie hört, hört in erster Linie nicht die menschlichen Verfasser und Glaubenszeugen, sondern den dreieinigen ewigen Gott. … Als einzigartiges Reden Gottes hat sie eine einzigartige, unvergleichliche Autorität. An dieses Wort hat sich Gott gebunden. Er hat es zum Ort der Begegnung mit uns bestimmt. Er wird dieses Wort bis ins letzte hinein wahr machen und erfüllen. Die Schriftautorität ist im Grunde die Personenautorität des hier begegnenden Gottes.“ (S. 151)

Wichtig ist Prof. Maier dabei der Begriff der „Inspiration“. Nicht nur die biblischen Autoren waren von Gottes Geist inspiriert („Personalinspiration“), nein: Der Text selbst ist von Gottes Geist inspiriert („Verbalinspiration“), und zwar der vollständige Bibeltext aller kanonischer Bücher im endgültig vorliegenden Urtext („Ganzinspiration“). Genau das nimmt laut Maier auch der biblische Text für sich selbst in Anspruch: „Die weitaus meisten Schriften des Neuen Testaments sind nach der Selbstaussage des NT inspiriert … oder lassen den indirekten Anspruch erkennen, inspirierte Schrift zu sein. … Wenn später die Kirche … die Inspiration aller neutestamentlichen Schriften anerkannte, dann stand sie auf einem guten historischen Boden und darüber hinaus im Einklang mit der Offenbarung selbst.“ (S. 88)

Darüber hinaus beansprucht der Bibeltext noch folgende Eigenschaften für sich: „Die Offenbarung schreibt dem Worte Gottes vor allem vier Eigenschaften zu: Erstens: Es ist verlässlich. … Zweitens: Es ist wirksam. … Drittens: Es zeigt den Willen Gottes auf und damit den Weg zum Heil. … Viertens: Es ist verbindlich. … Man kann also beobachten, dass Begriffe wie „Irrtumslosigkeit“, „Fehlerlosigkeit“ oder „Unfehlbarkeit“ in der Bibel nicht gebraucht werden. Aber noch weniger spricht die Bibel von „Fehlern“ oder dergleichen.“ Ein bibelnaher Begriff für den Selbstanspruch der Bibel ist aus der Sicht von Maier: „Vollkommene Verlässlichkeit.“ (S. 122). Dazu erläutert er: „Das zur Schrift gewordene Wort Gottes ist vollkommen verlässlich und fehlerlos im Sinne seiner göttlichen Zwecke, also von Gott her betrachtet.“ (S. 125)

Mit Jesus die Bibel kritisieren? Die Einheit und Klarheit der Schrift

Aus der Urheberschaft Gottes folgt für Maier auch die Einheit der Schrift: „Die Einheit der Schrift wird am stärksten begründet durch den einen Urheber, den sie hat, Gott. … In der Tat ist die Behauptung einer Widersprüchlichkeit davon abhängig, dass man die menschlichen Glaubenszeugen zu den maßgeblichen Autoren der Schrift ernennt und den göttlichen Autor verdrängt.“ (S. 164) „Erst seit der Aufklärung ging die Überzeugung von der Einheit der Schrift in weiten christlichen Kreisen verloren.“ (S. 160) Das ist dramatisch, denn: „Wo man die Einheit der Schrift verliert, verliert man auch das Mittel, gegen die Häresie zu kämpfen. … Bezeichnenderweise gab es seit der Aufklärung zwar noch eine Kirchenzucht, aber im Grunde keine Lehrzucht mehr. … Damit wird jedoch das NT auf den Kopf gestellt.“ (S. 165)

Aber widerspricht sich die Bibel nicht selbst? Können bzw. müssen wir nicht mit Jesus andere Teile der Bibel kritisieren? Diesen Ansatz verwirft Maier aufs Schärfste: „Die Schrift war für Jesus wie für seine jüdischen Gesprächspartner die letzte Entscheidungsinstanz. … Es kann überhaupt kein Zweifel daran sein, dass den heiligen Schriften in den Augen Jesu eine unvergleichliche Autorität zukommt. Wer bei ihm „Kritik“ am AT finden will, muss alles auf den Kopf stellen.“ (S. 149) „Eine Anleitung aus der Schrift, Schrift mit Schrift abzulehnen (was ja der Begriff der „Sachkritik“ impliziert), gibt es nirgends.“ (S. 265)

Kritisch sieht Maier deshalb auch den Versuch, eine „Mitte der Schrift“ zu konstruieren: „Die „Mitte der Schrift“ wurde praktisch zum Ersatz für die verlorengegangene „Einheit der Schrift“. … Wird aus der Christusmitte ein Christusprinzip, dann wird die Schrift entleert und ihrer Fülle beraubt. … Es kann sich nur um eine personale Mitte handeln. … Jeder Versuch, diese Mitte als ein isolierbares Etwas herauszulösen oder in Form eines Lehrgesetzes zu formulieren, zersprengt die Kontinuität der heilsgeschichtlichen Offenbarung.“ (S. 174-176).

Dazu verteidigt Maier die „Klarheit der Schrift“: „Die Autorität der Schrift kann sich praktisch nur durchsetzen, wenn jeder schlichte Christ in der Lage ist, einen klaren Begriff vom Inhalt der Schrift zu gewinnen. … Jesus konnte die wiederholte Frage: „Habt ihr nicht gelesen?“ nur stellen, wenn er von der Klarheit der Heiligen Schrift überzeugt war. … Die schriftgewordene Offenbarung behauptet, für jedermann zugänglich und eindeutig genug zu sein.“ (S. 155/156)

Konsequenzen der HKM: Ethisierung, Subjektivierung, Individualisierung, Erfahrungstheologie

Gerhard Maier ist als ehemaliger Landesbischof nicht nur Theologe sondern auch Gemeindepraktiker. Vor diesem Hintergrund sollte man umso aufmerksamer hinhören, wenn er die negativen Folgen der historisch kritischen Methode wie folgt beschreibt: „Der Inhalt, von dem die Neologie (d.h. die aus der Aufklärung resultierende Lehre) den Offenbarungsbegriff entleert, ist der historische; der Inhalt, den sie neu einfüllt, ein rationaler. Sobald aber die Geschichte durch das Rationale ersetzt wird, wird die Bibel zum Lehrgesetz. Deshalb ist es überhaupt nicht erstaunlich, dass in der Aufklärung die sittliche Vernunft zum dogmatischen Kriterium wird, … und eine „Ethisierung des Christentums“ eintritt.“ (S. 170) Außerdem wächst für Maier „den subjektiven Faktoren eine beherrschende Rolle zu.“ (S. 9)  Und: „Mit dem Vernunftglauben ist der Individualismus einer der stärksten Motive der historischen Kritik.“ (S. 240) „Wir entdecken, dass die Trennung von Schrift und Offenbarung … einen ganz andersartigen Raum schaffen kann: dem Empfinden … Wie will die gemäßigte Kritik, gefangen im Zwei-Instanzen- und im Widersprüchlichkeits-Denken, den Umschlag in eine solche Erfahrungstheologie verhindern?“ (S. 331)

Ist „gemäßigte Kritik“ die Lösung?

Mit „gemäßigter Kritik“ meint Maier den theologischen Versuch, die historisch-kritische Herangehensweise mit konservativen theologischen Positionen zu verbinden. Diesem Versuch erteilt Maier eine Absage, denn: „Sie begnügt sich als Vermittlungstheologie … wo ein grundsätzlicher Neuanfang erforderlich wäre. Statt die Schrift als inspiriert zu betrachten lässt sie nur eine Inspiration der biblischen Schriftsteller gelten. Sie bleibt darin der Aufklärung verhaftet, dass sie neben die Schrift eine zweite Instanz stellen muss, vor der sich der Ausleger zu verantworten hat. Sie kann infolgedessen die reformatorische Sicht von der Bibel als der einzigen norma normans nicht durchhalten. Sie fordert die Sachkritik an der Bibel. Ohne Sachkritik gibt es für sie keine Theologie als Wissenschaft. Die Einheit der Schrift wird von ihr preisgegeben. Schrift und Offenbarung bleiben bei ihr verschiedene, sich nur teilweise deckende Größen. Deshalb folgt sie dem Trend, das Eigentliche jenseits der Schrift zu suchen. Indem sie Schrift und Offenbarung voneinander trennt und nur bestimmte Aussagedimensionen als Gottes Wort anerkennt, fördert sie den Hang zur Erfahrungstheologie.“ (S. 331)

Vertrauen und Offenheit statt „wissenschaftlicher Zweifel“

Grundsätzlich notwendig ist für Maier eine klare Absage an das Prinzip des „wissenschaftlichen Zweifels“, denn: „Eine Begegnung mit der Offenbarung, die Skepsis und Zweifel zum Prinzip macht, bedeutet ein brüskes Nein zu ihrer Vertrauensbemühung. Man kann den Ausleger psychologisch und existenziell in keine schroffere Gegenposition versetzen, als indem man ihm den Zweifel vorschreibt.“ (S. 247). Stattdessen fordert er einen theologischen Wissenschaftlichkeitsbegriff, der dem Forschungsgegenstand gerecht wird: „Ein prinzipieller Zweifel ist … das unangemessenste Verfahren für den Umgang mit der Bibel.“ (S. 14) „Jede Wissenschaft richtet sich nach ihrem Gegenstand. Biblische Wissenschaft müsste sich demnach aus dem Reden Gottes aufbauen. Sie müsste bereit sein, sich ihre Erkenntnisse und Positionen aus der Offenbarung selbst geben zu lassen.“ (S. 268) „Unter dieser Voraussetzung ist die Theologie samt ihrer Hermeneutik eine Wissenschaft. Allerdings eine Wissenschaft sui generis (eigener Art), die sich von allen anderen durch ihre Offenbarungsgebundenheit und ihren Glaubensbezug unterscheidet.“ (S. 34)

Entsprechend charakterisiert Maier die angemessene Haltung des Auslegers gegenüber dem biblischen Text wie folgt: „Nirgends ist uns die Unfehlbarkeit des Verständnisses versprochen (vgl. 1 Kor 13,9). Doch wird den Ausleger … ein Urvertrauen zur Bibel als der schriftgewordenen Offenbarung begleiten. … Dieses Urvertrauen schlägt sich nieder in dem Vertrauensvorschuss, der der Bibel gewährt wird.“ (S. 49) „Seine Grundhaltung ist das erwartungsvolle Gebet und die demütige Offenheit.“ (S. 339)

Ich kann meiner Kirche mit ihren theologischen Fakultäten nur von Herzen wünschen, dass sie auf Prof. Maier hört. Längst ist sein Ruf zur Umkehr auch in den Freikirchen und in der evangelikalen Bewegung insgesamt dringend notwendig, denn die Trennung zwischen Schrift und Offenbarung ist auch dort weit verbreitet.


Das Buch ist 1990 im SCM R.Brockhaus-Verlag erschienen (zuletzt 2017 in der 13. Auflage) und kann hier bestellt werden.

Nicht einschlafen!

Wir Deutschen sind Weltmeister im Warnen: Vor Farbstoffen in Lebensmitteln, vor Weichmachern in Plastikspielzeug, vor giftigen Gasen an der Verkehrskreuzung – und vor Müdigkeit beim Autofahren. In Autos mit Müdigkeitssensor fordert uns eine Kaffeetasse dazu auf, uns wieder fit zu machen, bevor wir in einen lebensgefärhlichen “Sekundenschlaf” fallen.

Auch in der Bibel gibt es jede Menge Warnungen: Vor Kriegen, Katastrophen und Christenverfolgung zum Beispiel. Wer genauer hinschaut merkt aber, dass der Hauptfokus auf dem folgenden Vierklang liegt:

  1. Jesus kommt wieder!
  2. Es gibt ein endzeitliches Gericht für alle Menschen!
  3. Es gibt eine ewige Verlorenheit!
  4. Die endzeitlichen Ereignisse werden sehr überraschend hereinbrechen!

Diesen Vierklang packt Jesus in die unterschiedlichsten Geschichten und Gleichnisse:

Die Hauptaussage ist immer die gleiche. Sie wird uns gleich 14 mal im Neuen Testament* vorgehalten: Seid wachsam! Werdet nicht müde im Glauben! Wer sich vom Alltag einlullen lässt, wer nicht mehr für Jesus brennt, wer sich nur noch um sich selbst und nicht um Andere kümmert ist in großer Gefahr – so wie bei einem Autofahrer schon ein Sekundenschlaf genügen kann, um irreparable, ewige Schäden anzurichten.

Niemand braucht diese Warnungen so dringend wie wir Christen der westlichen Kirche. Unser Luxus und scheinbaren Sicherheiten geben uns das Gefühl, auch ohne eine enge, lebendige Gottesbeziehung durchs Leben und in den Himmel zu kommen. Das verführt uns, das Beten, das Bibellesen und unsere Berufung schleifen zu lassen. Genau davor warnt uns die Bibel wieder und wieder und wieder.

Warum hört man dann in unseren Kirchen so wenig von diesen Warnungen? Dafür habe ich eigentlich nur eine Erklärung: Wir glauben Jesus nicht mehr so wirklich. Dass er wirklich wiederkommt. Dass unsere irdischen Entscheidungen ewige Konsequenzen haben. Dass es eine Gerichtsverhandlung für jeden Menschen gibt. Dass es einen leid- und qualvollen Ort der ewigen Gottverlassenheit gibt, den Jesus „Hölle“ nennt.

Vielleicht haben wir ja auch Angst, aus der Frohbotschaft des Evangeliums eine Drohbotschaft zu machen, wenn wir von den biblischen Warnungen reden. Aber das ist doch Unsinn: Berechtigte Warnungen sind keine Drohung sondern ein Ausdruck von Liebe! Es wäre unfassbar lieblos, ein Kind nicht vor der heißen Herdplatte zu warnen.

Deshalb sollten wir alle immer mal wieder unseren Glaubens-Müdigkeitssensor aktivieren. Sehr geeignet sind für mich dafür die folgenden 3 Fragen:

  1. Wann habe ich mich das letzte Mal beim Bibellesen oder Beten von Gott ganz persönlich angesprochen gefühlt?
  2. Wann habe ich zum letzten Mal intensiv für einen anderen Menschen gebetet?
  3. Wann habe ich zum letzten Mal mit einem Nichtchristen über Jesus gesprochen?

Wenn mir auf diese Fragen spontan keine Antworten einfallen ist mir das ein deutlicher Hinweis auf akute Müdigkeitserscheinungen im Glauben. Der Punkt ist ja: Ich kann ungeheuer umtriebig sein (vielleicht sogar mit guten geistlichen Dingen) und trotzdem müde werden in meiner Liebe und Leidenschaft für Jesus. Zu den Ephesern sagte Jesus: “Ich weiß alles, was du tust. … Aber ich habe gegen dich einzuwenden, dass ihr mich und euch einander nicht mehr so liebt wie am Anfang!” Ohne diese Liebe ist alle unsere (geistliche) Geschäftigkeit und Rechtgläubigkeit am Ende wertlos.

Je mehr ich darüber nachdenke merke ich, wie mein geistlicher Müdigkeitssensor wieder einmal Alarm schlägt. Deiner auch? Dann lass uns doch gleich jetzt zu Jesus gehen, um uns neu erfrischen zu lassen in seiner Gegenwart. Lassen wir bei ihm unser Öl nachfüllen (d.h. lassen wir uns neu mit dem Heiligen Geist erfüllen). Lassen wir uns anstecken von seiner Liebe für die Menschen um uns herum. Wuchern wir mit unseren Talenten! Kümmern wir uns um unsere Nächsten! Und stärken wir die, die um uns herum müde geworden sind. Genau dazu hat uns Jesus immer wieder aufgerufen.

* “Seid wachsam” im NT: Mk 13,9, Mk 13,33, Mk 13,35, Mk 13,37, Mk 14,38, Lk 21,34, Lk 21,36, Apg 20,31, 1Kor 16,13, Eph 6,18, 1Thess 5,6, 1Petr 5,8, 2Petr 3,17, Offb 16,15

Siehe auch:

Advent: Warten auf den explosivsten Tag der Weltgeschichte

O.K. ich gebe es zu: Mit Advent und vorweihnachtlicher Kerzenromantik konnte ich nie viel anfangen. Aber das ändert sich seit mir aufgefallen ist, dass Advent ja nie nur als Einstimmung auf Weihnachten gedacht war. Ein zentraler Aspekt von Advent (=“Ankunft“) war schon immer die Besinnung darauf, dass Jesus wiederkommt!

Dass diesen Aspekt leider kaum jemand auf dem Radar Adventskranzhat ist eigentlich höchst seltsam. Bei den ersten Christen war das nämlich genau umgekehrt: Nirgends lesen wir in der Bibel, dass sie sich großartig mit der Erinnerung an Jesu Geburt beschäftigt hätten. Aber die Erwartung der Wiederkehr Jesu war ein Riesenthema für sie! Das hat ihnen inmitten von Verfolgung Kraft und Hoffnung verliehen. Ihre Leidenschaft und Opferbereitschaft hatte ohne Zweifel viel mit dieser Erwartung zu tun. Die Apostel hatten die Christen damals zwar um Geduld gebeten und in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, dass ein Tag bei Gott durchaus 1000 Jahre dauern kann. Aber gleichzeitig hielt Paulus die Sehnsucht nach Jesu Wiederkehr sogar für ein zentrales Merkmal eines Christen! Offensichtlich ist die Erwartung der Wiederkunft Jesu wichtig für ein gesundes Christsein, weil sie unsere Prioritäten und Perspektive auf die Welt geraderückt. Und angemessen ist die Erwartung des baldigen Kommens Jesu in jedem Fall. Schließlich kann jeder von uns schon heute vor seinem Schöpfer stehen – auch wenn Jesus erst in 1000 Jahren wiederkommen sollte.

Wobei: Noch nie in der Geschichte hatten wir so viel Grund, die baldige Wiederkunft Jesu zu erwarten wie heute! Jesus hat uns ja Mut gemacht, die Zeichen der Zeit zu beachten. Und die haben noch nie eine so klare Sprache gesprochen: Immer öfter hören wir von Katastrophen, Kriegen und Verfolgung. Seit Beginn der Weltmissionsbewegung vor etwa 300 Jahren hat sich das Evangelium in bemerkenswertem Tempo über die ganze Welt verbreitet. Seit 1948 sammelt sich das Volk Israel wieder in seinem Land. Es haben sich also schon unheimlich viele Vorhersagen der Bibel erfüllt, die sich auf die Zeit vor Jesu Wiederkunft beziehen.

Natürlich wird trotzdem kein Mensch je vorhersagen können, wann Jesus wiederkommt. Es gibt auch Bibelstellen, die nahelegen, dass vorher noch manches geschehen muss. So sagt die Bibel z.B., dass alle Völker das Evangelium hören werden. Aber noch immer wurde etwa 25 % der Weltbevölkerung nicht wirklich mit dem Evangelium erreicht. Aber selbst wenn es noch etwas länger dauert – in jedem Fall gilt:

ER WIRD KOMMEN!

Und zwar plötzlich und überraschend, wie ein Dieb in der Nacht, den niemand erwartet. Er wird auf dem Ölberg erscheinen, genau wie er damals in den Himmel gegangen ist. Dann wird er sein ewiges Reich aufrichten. Er wird all den Terroristen, Kriegstreibern, Unterdrückern, Ausbeutern, Vergewaltigern, Räubern, Lügnern und Betrügern machtvoll entgegentreten. Im Gericht wird er endlich der heiß ersehnten Gerechtigkeit zum Sieg verhelfen. Alle, die in seinem Buch geschrieben stehen, wird er bei sich versammeln, ihre Tränen abwischen und ein Fest mit ihnen feiern.

Ölberg

So kostbar die Rückbesinnung auf Jesu Geburt auch ist: Hätten wir angesichts dieser gewaltigen Aussichten nicht allen Grund, ein vorwärts- statt rückwärtsgewandtes Adventsfest zu feiern?

Mein Vorschlag: Vergessen wir den Humbug vom alle Jahre wiederkommenden Christuskind. Er wird EINMAL kommen, und zwar nicht als blondgelocktes Mädel mit Flügel und Krönchen sondern als ehrfurchtsgebietender Herrscher. Nutzen wir den Advent, um uns wie die ersten Christen auf diesen explosivsten Tag der Weltgeschichte zu besinnen. Füllen wir das Öl in unseren Lampen nach, rüsten wir uns für die angekündigten Erschütterungen, die wie Geburtswehen über die Erde kommen und lassen wir uns anstecken mit der Sehnsucht nach Jesu Wiederkehr, die die ganze Schöpfung durchdringt. Und wenn wir die „Ankunfts-Kerzen“ anzünden verbinden wir das am besten mit diesem letzten Gebet der Bibel:

„Komm, Herr Jesus!“

Siehe auch:

Ist die Bibel progressiv?

Gespräche zwischen Evangelikalen und Postevangelikalen werden oft überlagert von Verletzungen, Vorurteilen, Strohmannargumenten und Missverständnissen, weil Begriffe ganz unterschiedlich gefüllt werden. Es ist deshalb gar nicht so einfach, aus diesem Wust die tatsächlichen Unterschiede in den theologischen Weichenstellungen herauszufiltern und nüchtern zu beschreiben. Einige bestreiten glatt, dass es diese unterschiedlichen Weichenstellungen tatsächlich gibt. Gar nicht so selten begegne ich der Behauptung: Eigentlich geht es höchstens um unterschiedliche Schwerpunktsetzungen in Spannungsfeldern, in denen eindeutige schwarz-weiß-Entscheidungen ohnehin nicht möglich sind. Manche behaupten gar: In Wirklichkeit sind die Diskussionen nur Ausdruck von unterschiedlichen Charakteren, Prägungen oder Mindsets, die irrtümlicherweise auf dem theologischen Feld ausgetragen werden. Das klingt zwar schön versöhnlich, wird aber der Realität nicht gerecht – wie dieser Artikel anhand eines konkreten Beispiels zeigen möchte.

Was ist „progressive Theologie“?

Auf meinen Reisen durch „Postevangelikalien“ begegnet mir immer wieder der Begriff der „Progressiven Theologie“. Der Begriff an sich sollte eigentlich auch für konservative Evangelikale kein Problem sein. Progressiv (also fortschrittlich) wollen wir ja irgendwie alle sein. In meiner eigenen Gemeinde arbeiten wir hart daran, neue Wege zu gehen, um den Auftrag unseres Herrn zu erfüllen und viele Menschen für Jesus zu gewinnen. In Fragen des Gemeindebaus und der Frömmigkeitsformen sind wir absolut progressiv.

Ist der Ruf nach progressiver Theologie also gar kein Grund zur Beunruhigung? Um diese Frage zu beantworten müssen wir genauer klären, was Postevangelikale eigentlich unter „progressiver Theologie“ verstehen. Martin Benz, Pastor der Vineyard-Gemeinde Basel, erklärt seine Sichtweise in mehreren Folgen seines „Movecast“ sehr anschaulich. Eine seiner Grundthesen ist: Vieles, was in der Bibel steht, ist „Absicht“, aber nicht „Ansicht“ Gottes. Vor allem das Alte Testament enthalte Vorstellungen von Gott, die sicher nicht Gottes Ansicht entsprechen. Trotzdem wollte Gott aber mit voller Absicht, dass diese falschen Gottesvorstellungen in der Bibel stehen, denn:

„Gott will dokumentieren, wie damals Menschen gedacht, geglaubt haben, wie ihre Gottesvorstellung war, wie ihre Bewusstseinsebene war. Er will, dass das dokumentiert und dargestellt wird weil er gleichzeitig zeigen will, wie großartig sich Glaube, Gottesvorstellung, Erkenntnis und Bewusstsein weiter entwickeln kann. In der Bibel findet sich Entwicklung von primitiv, von ganz archaischer Gottesvorstellung zu einer immer größer werdenden Offenbarung, die dann in Christus endet, mündet.“[1]

Das entscheidende Stichwort in dieser Aussage ist: „Entwicklung“! Gott hat die Bibel progressiv, d.h. fortschrittlich angelegt. Die Bibel ist kein statisches Buch, in dem Wahrheiten offenbart und damit ein für alle Mal zementiert werden, sondern sie nimmt immer wieder Veränderungen vor, sie entwickelt ihr Weltbild, Gottesbild und ihre Ethik weiter.

Diese Entwicklung hört für Martin Benz mit Jesus nicht auf.[2] Auch aus der Kirchengeschichte schildert er Beispiele für Weiterentwicklung. Schon Petrus und Paulus haben sich weiter entwickelt, als sie das Gebot der Beschneidung aufhoben. Später in der Kirchengeschichte gab es Weiterentwicklungen in Bezug auf die Haltung zur Sklaverei oder zur Gleichberechtigung der Frau. Deshalb sei die Angst von „fundamentalistischen Hardlinern“, dass Meinungsänderungen bei einzelnen theologischen oder ethischen Fragen zu einem unkontrollierbaren „Dammbruch“ führen könnten, nur selten berechtigt.[3]  Meistens würde diese Angst einen wichtigen Durchbruch nur unnötig verzögern, wie er heute z.B. auch bei der Frage nach dem Umgang mit Homosexualität nötig sei.

Ganz ähnlich äußert sich der Pastor der Zellgemeinde Bremen Jens Stangenberg. Im Hossa-Talk Nr. 83 legt er dar, warum man aus seiner Sicht mit der Bibel keine Ablehnung einer ausgelebten Homosexualität begründen kann. Kirche dürfe sich nicht rückbesinnen auf das Paradies. Die Bibel hat eine Richtung. Sie dekonstruiert selbst die ursprüngliche Schöpfungsordnung indem sie ankündigt, dass es in Gottes zukünftiger Welt keine Geschlechterpolarität mehr gibt (Markus 12, 25). Kirche soll sich nicht in der Vergangenheit verorten (sonst wird sie ethisch moralisierend) sondern als Sehnsuchtsgemeinschaft von der Zukunft her denken und deshalb immer offen für Neuea sein.[4]

Mit progressiver Theologie ist demnach gemeint: Gottes Schöpfung ist genau wie die Bibel „progressiv“, d.h. fortschrittlich angelegt. Sie entwickelt sich ständig weiter (bzw. höher), getrieben von einer ständig fortschreitenden Offenbarung Gottes. Progressive Theologie hat diese stetige Weiterentwicklung im Blick und ist daher offen dafür, dass die Kirche immer wieder neue Erkenntnisse entwickelt, auch wenn sie so noch nicht vollständig in der Bibel dargestellt sind (wie z.B. die volle Gleichberechtigung der Frau). Abzulehnen ist daher eine konservative Theologie, die alles beim Alten belassen möchte und sich gegen Weiterentwicklung stemmt. Damit seien schon viele heilsame Entwicklungen unnötig verzögert und viel Schaden angerichtet worden.

Menschliche und biblische Reifeentwicklung

Martin Benz vergleicht die Entwicklung von Weltbildern, Moral und Gottesbildern in der Bibel mit der Reifeentwicklung, die jeder Mensch persönlich durchlebt. Solange man klein und unreif ist, kann man eben noch nicht alles verstehen. Deshalb konnte auch Gott den Menschen früherer Zeiten nicht alles zumuten. Die Offenbarung erfolgte schrittweise, sonst hätte sie die Menschen überfordert. Das gilt zum Beispiel bei der Frage, woher eigentlich Gewalt und Unglück kommt. „Bei antikem Denken musste man das Gott zuschreiben, da musste das die Strafe der Götter sein. Anders konnte man sich Chaos im Land oder auf der Welt nicht vorstellen, anders konnte man das nicht einordnen. Die großen Verursacher für alles waren immer Gott oder die Götter.“ [5] Deshalb habe Gott es zugelassen, dass auch die biblischen Propheten schlimme Ereignisse als Folge von Gottes Zorn und nicht als eine Folge menschlichen Versagens darstellten. Da Jesus uns aber Gott als einen unendlich gnädigen Gott vorgestellt hat wissen wir heute, dass das auch damals schon nicht der Ansicht Gottes entsprochen haben kann.

Diese Sichtweise hat natürlich Konsequenzen. Gott als Urheber von leidvollem Gericht über Israel ist ein großes, durchgehendes Thema im ganzen Alten Testament, z.B. bei der Ankündigung von Segen und Fluch durch Mose (5. Mose 28, 15ff.). Das ganze Buch der Klagelieder wird von dieser Sichtweise geprägt [6] und wäre somit Ausdruck eines veralteten, unreifen und falschen Gottesbilds. Dr. Manuel Schmid, Pastor im ICF Basel und Theologiebeauftragter der ICF-Bewegung, geht im Movecast Nr. 42 den Ansatz Martin Benz zwar mit, schildert aber auch klar die Konsequenzen, die dieser Vergleich zwischen der menschlichen Persönlichkeitsentwicklung und der theologischen Entwicklung der Bibel nach sich zieht:

„Das Problem, das manche Leute aber mit diesem Bild oder mit dieser Analogie haben ist natürlich, dass man – wenn man jetzt das umlegt eben auf die biblische Überlieferung und die Offenbarung Gottes in der Bibel – dann müsste man sagen, dann begegnen uns im Alten Testament auch unvollkommene, vielleicht unreife, vielleicht sogar fehlerhafte Gottesvorstellungen oder vorläufige Gottesvorstellungen, die dann durch die Selbstoffenbarung Gottes in Jesus überholt werden oder geklärt werden. Und das heißt, man müsste dann eben doch so weit gehen, dass man zugesteht, an manchen Stellen im Alten Testament wird Gott auf eine Art und Weise abgebildet oder dargestellt oder vorgestellt von den biblischen Autoren, die im Lichte der Selbstoffenbarung Gottes in Jesus Christus eigentlich unangemessen ist, so wie man eben im persönlichen Reifeprozess auch unangemessene Dinge erlebt oder erfährt oder tut oder die vielleicht als Zwischenstufen wichtig waren aber die man dann im Nachhinein quasi durchaus auch kritisch bewerten würde. Das ist natürlich das Problem mit diesem Bild.“ [7]

Manuel Schmid erläutert anschließend, dass aber auch der konservative Ansatz, der alle Bibeltexte als authentische Zeugnisse über Gottes Handeln und Reden werten möchte, große Probleme bewältigen muss. Wer davon ausgeht, dass der Jesus der Bergpredigt ein und derselbe ist wie der Gott, der dem Volk Israel bei der Landnahme zur Zeit Josuas den Genozid der Landesbewohner anordnet, der steht aus seiner Sicht vor der „Quadratur des Kreises“.

Wie ist die Herangehensweise der progressiven Theologie an die Bibel nun aus evangelikaler Perspektive zu bewerten?

Die Bibel schreibt Geschichte

Keine Frage: Auch aus evangelikaler Sicht ist die Bibel alles andere als statisch. Niemand kann leugnen, dass es zahlreiche Entwicklungslinien und theologische Schwenks in der Bibel gibt. Die biblische Geschichte Gottes mit den Menschen beginnt in einem Garten, sie endet in einer Stadt. Sie begegnet einer unverhältnismäßigen Rachekultur zunächst noch mit dem Rechtsprinzip der Verhältnismäßigkeit („Auge um Auge, Zahn um Zahn“) um dann noch einen Schritt weiter zu gehen mit der Lehre Jesu, dass man dem Feind sogar die andere Wange hinhalten soll. Der häufige Gebrauch der Wendung „Ich aber sage euch“ markiert, dass Jesus zahlreiche Regelungen des alten Bundes ändert. So hebt er zum Beispiel die Speise- und Reinheitsgebote auf mit der schlichten und doch revolutionären Aussage: „Nicht was zum Mund hineingeht, macht den Menschen unrein; sondern was aus dem Mund herauskommt, das macht den Menschen unrein.“ (Matth. 15, 11) Darüber hinaus bestätigt Jesus das Prinzip, dass einige Aussagen des Alten Bundes den damaligen Umständen und dem Zustand der Menschen geschuldet war („wegen eurer Herzenshärtigkeit“), z.B. beim Scheidungsrecht (Matth. 19, 8). Einige Aussagen Gottes entsprachen also tatsächlich nicht komplett der Ansicht Gottes sondern hatten eher den Charakter von „Notstandsgesetzen“.

Die andere Seite: Ewige Wahrheiten und ein positiver Beginn

Komplett wird das Bild von der Bibel aber erst, wenn wir auch die folgenden biblischen Fakten berücksichtigen:

  • Jesus hat zwar eine neue heilsgeschichtliche Epoche eingeläutet, aber er hat die Gültigkeit des Alten Testaments trotzdem nicht in Frage gestellt, im Gegenteil: Kein einziges Zeichen des Alten Testaments sollte aus seiner Sicht aufgelöst werden. Seine Botschaft hieß nicht: Ich löse die alten Regeln auf, sondern: Ich erfülle sie und gebe ihnen dadurch einen tieferen Sinn (Matth. 5, 17-18).
  • Jesus zeichnete zudem keine stetig nach oben führende Entwicklungslinie. Mit der Formulierung „Von Anfang an aber ist es nicht so gewesen“ (Matth. 19, 8), bestätigt er 1. Mose 1, 31, wo es über die ursprüngliche Schöpfung heißt: „Es war sehr gut.“ Die Bibel setzt also einen Urzustand voraus, in dem Gottes gute Schöpfungsordnung sichtbar wurde und dem dann zunächst eine Abwärts-, nicht eine Aufwärtsentwicklung folgte. Auf Basis dieses sehr guten Ursprungszustands löste Jesus einige sexualethische Vorgaben nicht etwa auf sondern verschärfte sie sogar noch (Markus 10, 7-12).
  • Mit seiner häufig benutzten Wendung „Habt ihr nicht gelesen?“ (z.B. Markus 12, 26) macht Jesus deutlich, dass für ihn der Schriftbeweis galt. Der Schriftbeweis funktioniert natürlich nur, wenn das Alte Testament voll und ganz gültig ist. So wie bei allen frommen Juden war es ganz offensichtlich auch für Jesus völlig undenkbar, den Propheten des Alten Testaments irrtümliche Gottesworte oder gar falsche Gottesvorstellungen zu unterstellen. Das Gesetz und die Propheten hatte auch für Jesus volle Autorität. Dass er Aussagen des Alten Testaments widersprechen konnte, zeigt (so wie seine Wundertaten) nur seine absolut einzigartige Stellung als Gottessohn und verheißener Messias an.
  • Die Polarität zwischen dem zornigen und strafenden Gott einerseits und dem barmherzigen und gnädigen Gott andererseits findet sich im Alten wie im Neuen Testament gleichermaßen. So untermauert der Brief Judas ausdrücklich das alttestamentliche Bild vom strafenden Gott (Judas 5). In der Offenbarung tritt Christus selbst als Herrscher auf, der mit dem Schwert die Völker richtet (Offenbarung 19, 11-21). Es war gerade Jesus, der wie kein anderer über Hölle, Gericht und Verdammnis sprach. Entsprechend betont die Bibel vielfach: Gott verändert sich nicht (Jakobus 1, 17). Er ist derselbe, gestern, heute und in Ewigkeit (Hebräer 13, 8).
  • Im drittletzten Vers der Bibel werden die Leser unter Androhung scharfer Sanktionen davor gewarnt, den prophetischen Worten dieses Buchs noch etwas hinzuzufügen (Offenbarung 22, 18). Die Offenbarung der Schrift sieht sich damit selbst als abgeschlossen an. Entsprechend hat schon der Kirchenvater Augustinus klargestellt: Keine Lehre irgendeines Theologen kann der Lehre der Apostel jetzt noch gleichgestellt werden.[8] Diese Sichtweise gilt bis heute in der weltweiten Kirche.

Ist die Bibel progressiv? Ja und nein!

Ja: Gott schreibt eine Geschichte mit uns Menschen. In dieser Geschichte gibt es Wendungen und Entwicklungen. Gott spricht unterschiedlich zu den Menschen entsprechend der Situation und dem Umfeld, in dem sie sich gerade befinden. Deshalb muss eine verantwortungsvolle Theologie immer den Kontext beachten. Sie muss heilsgeschichtliche Entwicklungen berücksichtigen sowie das historische und kulturelle Umfeld, in das Gott jeweils hineinspricht. Historische Bibelwissenschaft kann dabei eine wertvolle Hilfe sein.

Aber aus evangelikaler Sicht gilt auch (und hier gehen die Wege tatsächlich auseinander): Quer durch die ganze Bibel begegnen wir diesem einen, immer gleichen Gott, in dem sich Liebe und Heiligkeit, Zorn und Barmherzigkeit, Gnade und Gericht vereinen. Nirgendwo treffen diese Pole so direkt aufeinander wie am Kreuz von Golgatha. Wer einen dieser Pole für veraltet oder überholt erklärt verliert einen wichtigen Aspekt des Wesens Gottes aus den Augen – und somit auch einen Aspekt der Wahrheit, die uns frei macht und der Kirche ihre Kraft und Dynamik verleiht.

Jesus entscheidet

Jesus ist das Haupt der Kirche und daher ihr oberster Theologe. ER gibt vor, wie wir das Alte Testament zu interpretieren haben. Wo er bestimmte Vorschriften neu interpretiert und dadurch aufhebt, tun wir das auch. Wo er eine ursprüngliche Schöpfungsordnung bestätigt, tun wir das auch. Wo er Vorschriften verschärft, folgen wir ihm auch darin. Er allein steht über der Schrift. Wir stehen unter ihr. Wir stehen somit auch nicht über den Propheten des Alten Testaments. Wir verstehen Gott nicht besser als sie. Zwar müssen wir ihre Aussagen im Licht der Lehre und des Wesens Jesu deuten und verstehen. Aber um Jesus und seine Lehre verstehen zu können brauchen wir wiederum die ganze Bibel – inklusive dem Gesetz und den Propheten. Jesus brauchte offenbar Stunden, um den Emmausjüngern zu erklären, wo in allen (!) Schriften des Alten Testaments von ihm die Rede ist (Lukas 24, 27). Von der Schöpfung an war er an der Geschichte Gottes mit den Menschen beteiligt (Johannes 17, 24). Wer Jesus verstehen und von ihm her die Bibel interpretieren möchte, muss deshalb die ganze Bibel lesen und ernst nehmen.

Wie umgehen mit schwierigen Bibelstellen?

Manuel Schmid hat recht: Es ist nicht fair, die postevangelikale Sichtweise zu kritisieren und gleichzeitig die Probleme des evangelikalen Ansatzes leichtfertig vom Tisch zu wischen. Die verschiedenen Beschreibungen Gottes in der Bibel zusammen zu bringen ist an einigen Stellen in der Tat anspruchsvoll und herausfordernd. Persönlich geht es mir so: Manche Bibelstellen verstehe ich bis heute nicht, weil sie nicht so recht mit dem zusammen passen wollen, was ich bislang von Jesus und der restlichen Bibel verstanden habe. Aber ich werde diese Stellen deshalb nicht für unreif und überholt erklären. Ich habe sie stattdessen in mein „geistliches Regal“ gestellt. Immer, wenn ich an ihnen vorbeikomme ziehe ich den Hut vor ihnen und frage Gott wieder, wie das wohl zu verstehen ist. Zu einigen dieser Stellen habe ich auf diese Weise schon Antworten bekommen.[9] Es ist immer ein Fest, wenn mir wieder einmal bei einer „dunklen“ Bibelstelle ein Licht aufgeht.[10] Wie gut, dass ich sie nicht vorschnell als veraltet abgetan habe! Ich empfehle meiner Kirche, es genauso zu machen. Die Bibel muss der Maßstab der Kirche bleiben, auch wenn wir sie nicht komplett verstehen. Sie muss uns kritisieren dürfen, nicht umgekehrt. Nur dann kann die Kirche wachsen und reifen. Nur dann bleibt die Kirche progressiv.


[1] Movecast Nummer 8 „Bibelverständnis Teil 3: Wessen Geistes Kinder seid ihr?“ ab Minute 8:27

[2] „Der Geist wird im Laufe der Zeit (und die wird ja nicht definiert, ob das 10 Jahre später, 20 Jahre oder auch in den nächsten zwei Jahrtausenden sein wird), dass er weitere Wahrheit offenbaren wird, damit wir dann, wenn es für uns zumutbar ist, die Wahrheit vollständig erfassen können.“ Movecast Nr. 7 „Bibelverständnis Teil 2 – Alles in der Bibel ist Absicht Gottes, aber nicht alles ist Ansicht Gottes“ ab Minute 10:17

[3] Siehe dazu Movecast 55 und 56 „Die Angst vor dem Dammbruch – Teil 1 und 2“

[4] In Hossa Talk #83 „Homosexualität und die ‚Schöpfungsordnung‘“  Ab 24:10: „Die Bibel selbst schafft die Schöpfungsordnung ab.“ Ab 36:10: „Hat die Bibel eine Richtung? Damit können ganz viele Leute, die sagen, das steht doch in der Bibel, so schwer umgehen, dass die Bibel über 1000 Jahre Entstehungsgeschichte offenbar Korrekturen vornimmt.“ Ab 1.03.30: „Im Himmel gibt es die männlich-weiblich Polarität nicht mehr. Das heißt: Dekonstruktion der Schöpfungsordnung.“ Ab 1:16:31: „Wie verortet sich die Gemeinde oder die Kirche, in der ich bin. Trauert sie dem verloren gegangen Paradies zurück, dann fängt man an, ethisch moralisierend zu werden. Oder stabilisiert in der Gegenwart die Kirche das staatspolitische System? Dann wäre das so eine Gegenwartskirchlichkeit. Oder … eine Sehnsuchtsgemeinschaft, die immer offen ist für das Neue. Dann besteht die Aufgabe nicht darin, … wir bestätigen, was wir sowieso alle wissen, sondern es geht darum, immer eine Öffnung zu erhalten, eine Lichtung, etwas, das mir einen Riss ins System herein bringt, also wo ich gerade eine positive Verunsicherung bekomme, und Religion nicht immer nur als Sicherungs- und Stabilisierungssystem sondern was immer offen gehalten werden muss.“

[5] Movecast Nr. 7 „Bibelverständnis Teil 2 – Alles in der Bibel ist Absicht Gottes, aber nicht alles ist Ansicht Gottes“ ab Minute 13.38

[6] Ausführlich erläutert im AiGG-Artikel „Das Evangelium: Gottes Zorn und Gottes Gnade – Was wir aus dem Buch der Klagelieder lernen können“

[7] Movecast Nummer 42 „Braucht die Welt Theologen – mit Dr. Manuel Schmid“ ab Minute 51:34

[8] Martin Luther zitiert Augustinus in der „Assertio omnium articulorum“ (1520) wie folgt, um die Schriften des Neuen Testaments grundsätzlich gegen alle anderen Schriften abzugrenzen: „Ich habe gelernt, allein diesen Büchern, welche die kanonischen heißen, Ehre zu erweisen, so dass ich fest glaube, dass keiner ihrer Schreiber sich geirrt hat.“

[9] Im AiGG-Artikel „Biblische Stolperstellen: Krieg im Namen Gottes?“ sowie “Biblische Stolperstellen: Ist der Gott des AT grausam?” habe ich versucht, mich genau dieser anspruchsvollen Herausforderung in Bezug auf die Gewalttexte des AT zu stellen.

[10] Ein Beispiel dafür schildert der AiGG-Doppelartikel „Biblische Stolperstellen: Als Gott Mose umbringen wollte“

Von Aufbrüchen, Todestälern und Triumphen

Vom 26. bis zum 28. Oktober 2018 fand in der Christusgemeinde in Emmendingen die ChristusKonferenz zum Thema “Aufatmen in Gottes Gegenwart” statt. Die 4 Vorträge der Konferenz sind nun online verfügbar.

In seinem Vortrag “Gottes Präsenz in allen Lebenslagen” macht Pastor Waldemar Justus anhand von Psalm 23 deutlich: Gottes Gegenwart wird in allen Lebensphasen verheißen: Im Aufbruch, im Todestal und im Triumph! Stephanus konnte sogar während seiner Steinigung die Herrlichkeit Gottes sehen! Wie ist so etwas möglich? Und was bedeutet “Triumph” für Christen überhaupt? Können Christen denn sicher sein, dass am Ende ihres Weges ein Triumph auf sie wartet?

Als Jesus getauft und mit dem Heiligen Geist erfüllt wurde, sah das wie ein Aufbruch aus – der aber direkt in die Wüste führte! Warum war diese Wüstenzeit notwendig? Und was bedeutet es eigentlich, “voll des Heiligen Geistes” zu sein? Und wie wird und wie bleibt man eigentlich voll des Heiligen Geistes? Diese Fragen beantwortet Markus Till im Vortrag “Mit Kraft gestärkt durch Gottes Geist” anhand von Lukas 3, 21 bis 4, 15.

Niemand hat wohl das Thema Leid so gründlich durchbuchstabiert wie Hiob. In seinem 2. Vortrag “Gottes Gegenwart im Leid” zeigt Markus Till anhand des Buchs Hiob 6 konkrete und praktische Lehren auf, die wir unbedingt beachten müssen, damit Krisen uns nicht hart und bitter sondern reifer machen.

Auch Petrus musste durch ein tiefes Todestal. Aber gerade diese Krise war es, die ihn grundlegend verändert hat. In seinem 3. Vortrag “Nach der Nacht folgt ein neuer Morgen” geht Markus Till der Frage nach: Wie konnte eigentlich aus dem ehrgeizigen Maulhelden Petrus ein weiser, heldenhafter Kirchenleiter werden? Natürlich hat dabei Pfingsten eine große Rolle gespielt. Aber noch ein anderer Faktor war dafür absolut entscheidend…

Stimmen zur ChristusKonferenz:

“Die tiefgehenden Predigten waren sehr stärkend für meinen eigenen Glauben. Die spürbare Nähe zu Jesus bewegte mich sehr.”

“Die Auslegung von Psalm 23 hat mich stark angesprochen.”

“Obwohl ich die ausgewählten Passagen bereits gut kenne, erstaunten mich die neuen Impulse und Betrachtungswinkel.”

“Mich beeindruckte die warmherzige und freundliche Art von Markus Till. Er spricht eine einfache Sprache und trifft dabei das Herz.”

“Die ChristusKonferenz war intensiv in den biblischen Botschaften und dabei sehr praxisnah.”

“Besonders begleitet mich der letzte Vortrag und die Frage: “Das Kreuz ist die Tür zu Gottes verwandelnder Gnade. Bin ich bereit, meinen Stolz an dieser Demütigung zerbrechen und sterben zu lassen?”

Können Christen heute noch an Adam, Eva und die Arche glauben?

Ist es angesichts der modernen wissenschaftlichen Er­kennt­nisse nicht vernunfts- und wissenschaftsfeindlich, die Erzählungen der biblischen Urgeschichte für historisch zu halten?

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Wer heute noch an Adam, Eva und die Arche glaubt, gilt inzwischen auch in vielen christlichen Kreisen im besten Fall als skurril, im schlechtesten Fall als ein Feind von Vernunft und Wissenschaft. Tatsächlich gibt es Beispiele von erschreckender Wissenschaftsfeindlichkeit unter Christen. Neulich schrieb mir jemand: In seiner Gemeinde sei gelehrt worden, dass der Teufel die Dino-Knochen vergraben habe, um den Menschen den Glauben an die Bibel zu vermiesen. Zum Glück ist derart schräger Unfug selten. Relativ weit verbreitet ist aber leider die Praxis, solche Fragen totzuschweigen. Die Folge ist am langen Ende, dass Menschen unsere Gemeinden und Gemeinschaften verlassen, weil sie diese Fragen nicht unter den frommen Teppich kehren wollen oder können.

Deshalb müssen wir uns dringend dieser Frage stellen: Wie sollen moderne, aufgeklärte Christen umgehen mit den teils krassen Unterschieden zwischen den biblischen Berichten zur Urgeschichte und den Erkenntnissen der modernen Wissenschaft, wenn Sachkritik an der Bibel[1] aus Glaubensgründen nicht in Frage kommt?

Der Glaube an eine „junge Erde“: Die Faktenlage

Etwa 1800 Jahre lang hat praktisch die gesamte Kirche Jesu den biblischen Bericht über die Entstehung der Erde „wörtlich“[2] ernst genommen und geglaubt, dass sich die Geschichten von Adam, Eva, dem Sündenfall, der weltweiten Sintflut und der babylonischen Sprachverwirrung tatsächlich in etwa so ereignet haben. Weltweit gesehen gilt das auch heute noch für die Mehrheit der Christen. Vielen ist dabei durchaus bewusst, wie problematisch es ist, die gesamte Weltgeschichte, Archäologie und Geologie in einen Zeitraum von etwa 6.000 bis 10.000 Jahren zu pressen. Zwar gibt es eine Reihe von historischen Indizien, die durchaus für eine Historizität der biblischen Urgeschichte sprechen.[3] Auch in der Biologie und Geologie gibt es Fakten, die im Modell einer „jungen Erde“ sogar deutlich besser erklärt werden können (z.B. das Phänomen der „lebenden Fossilien“ oder der wiederbelebbaren Sporen in uralten Fossilien, in denen längst alle biologischen Materialen hätten zerfallen sein müssen). Richtig ist auch, dass es für einige geologische Phänomene, denen man früher eine Dauer von Jahrmillionen zuschrieb, inzwischen sehr überzeugende Kurzzeitmodelle gibt.[4] Andererseits deuten einige Fakten auch klar auf ein deutlich höheres Alter der Erde hin: Die radiometrischen Datierungen, die Entfernung der Sterne im Universum (deren Licht dann noch gar nicht bei uns angelangt sein dürfte) und einige geologische Phänomene, für die es bislang keine befriedigende Kurzzeitmodelle gibt.

Das naturhistorische Standardmodell: Nicht weniger problematisch

Fakt ist aber auch: Mit dem Problem schwerwiegender ungelöster Fragen sind die Anhänger einer jungen Erde keinesfalls allein. Ich kenne kein einziges Modell zur Entstehung des Kosmos, der Erde und der Organismenvielfalt, das nicht mit vergleichbar schwerwiegenden und grundlegenden Problemen zu kämpfen hätte. Das gilt gerade auch für das naturhistorische Standardmodell, in dem das Eingreifen eines wie auch immer gearteten Schöpfers oder Designers von vornherein aus Prinzip grundsätzlich ausgeschlossen wird. Die Probleme dieses Modells, das die Entstehung komplexer physikalischer und biologischer Systeme bis hin zum menschlichen Bewusstsein ausschließlich durch ungerichtete, absichtslose und somit letztlich zufällige Prozesse erklären möchte, sind in den letzten 150 Jahren nicht kleiner sondern im Gegenteil stetig größer geworden.[5] Noch nie wussten wir so viel darüber, wie unfassbar komplex und fein aufeinander abgestimmt die Elemente des Universums und des Lebens sind. Entsprechend groß ist die Ratlosigkeit in Bezug auf die Frage, wie diese hochkomplexen Systeme entstehen konnten.[6]

Die oft geäußerte Annahme, dass sich diese offenen Fragen in der Zukunft schon noch klären und die Erklärungslücken immer kleiner werden, entspricht seit Jahrzehnten nicht der wissenschaftlichen Realität. Durch Wissenszuwachs werden diese „Lücken“ größer, weil der Erklärungsbedarf einerseits zunimmt, andererseits die Defizite erklärender Evolutionstheorien immer offenkundiger werden. Und Tatsache ist natürlich auch: Mit der Behauptung, dass zukünftige Erkenntnisse die Probleme meines Welterklärungsmodells schon noch lösen werden, könnte man schlichtweg JEDES Modell zur Entstehung der Welt verteidigen und gegen JEDE Kritik immun machen. Dieses Pseudoargument trägt daher zum wissenschaftlichen Wettbewerb der verschiedenen Modelle absolut nichts bei, im Gegenteil: Es blockiert den Dialog und das ehrliche, offene Argumentieren.

Theistische Evolution: Ist der Mix aus Schöpfung und Evolution die Antwort?

Nicht wenige Christen wollen sich heute nicht entscheiden zwischen Schöpfung und Evolution. Stattdessen vertreten sie einen Mix aus beiden Modellen und bezeichnen dies als „theistische Evolution“. Dabei wird angenommen, dass Gott die Evolutionsprozesse benutzt habe, um die Organismenvielfalt zu erschaffen. Wie diese göttlichen Eingriffe in den Evolutionsprozess genau vonstatten gegangen sein sollen, wird dabei meist nicht näher erklärt.

Vertreter dieses Modells glauben oft, auf diese Weise Glaube und Naturwissenschaft versöhnen zu können. Dabei scheint ihnen nicht immer bewusst, dass sie mit dieser Sichtweise in der „Scientific Community“, also der akademischen naturwissenschaftlichen Welt, letztlich genauso im Abseits stehen wie die Anhänger einer Schöpfung ohne Evolution. Denn der akademische Wissenschaftsbetrieb ist nun einmal strikt naturalistisch ausgerichtet. Egal ob mit oder ohne Evolution: Wer mit göttlichen Eingriffen rechnet wird immer vom gleichen Schicksal heimgesucht: Keine Publikationen, keine Fördergelder, keine Vorträge an wissenschaftlichen Symposien, somit auch keine wissenschaftliche Karriere und kein Einfluss auf die wissenschaftliche Diskussion.[7] Kein Wunder, dass einige Vertreter der theistischen Evolution das Schöpfungshandeln Gottes inzwischen gänzlich auf die Zeit des Urknalls oder auf quantenphysikalische und somit äußerlich nicht fassbare Prozesse beschränken und behaupten: Gott habe nicht zielgerichtete Prozesse gebraucht, um sein Ziel der Erschaffung des Menschen zu erreichen – ein innerer Widerspruch und ein Dilemma, das letztlich nicht schlüssig aufgelöst werden kann. Reinhard Junker hat zudem in Anlehnung an J. G. West dargelegt, dass diese Denkweise das Modell der theistischen Evolution letztlich in eine frappierende Nähe zu gnostischen Lehren bringt.[8]

Wenig bekannt scheint unter den Anhängern einer theistischen Evolution auch zu sein, dass die Faktenlage in der Fossilienforschung („Paläontologie“) gerade nicht zur These einer schrittweisen Höherentwicklung der Lebewesen passt und somit auch einer theistischen Evolution widerspricht. So berichtet der Paläontologe Dr. Günter Bechly, dass die Baupläne der unterschiedlichen Tiergattungen im Fossilienbericht fast immer plötzlich und explosionsartig auftauchen.[9] Um diesem Befund gerecht zu werden müsste man eher von abschnittsweisen, über Jahrmillionen verteilten Schöpfungsakten ausgehen. Stimmt der biblische Schöpfungsbericht aus 1. Mose 1 also doch, nur dass (vielleicht in Anlehnung an 2. Petrus 3, 8) die „Tage“ nicht 24 Stunden sondern Jahrmillionen dauerten? Was auf den ersten Blick verlockend klingt, wirft aus biblischer und ethischer Perspektive eine ganze Reihe schwieriger Fragen auf[10]:

  • Wie passt dieses Modell zur biblischen Lehre, dass der Tod nicht Teil von Gottes guter Schöpfung sondern Folge der Sünde des Menschen ist (Römer 5, 12; Römer 8, 20ff.; 1. Korinther 15, 20ff.)? Wie kann dann noch der Zusammenhang zwischen Adam und Christus aufrecht erhalten werden, der für die Theologie von Paulus so zentral ist?
  • Warum sind viele der geschaffenen Tier- und Pflanzenformen längst schon wieder ausgestorben, bevor die Schöpfung zu ihrem „sehr guten“ Abschluss kam? Was sagt es über den Charakter Gottes, wenn Gott die Überproduktion von Nachkommen und ihren Tod durch Auslese der Schwächeren geradezu als Schöpfungsmethode verwendet?
  • Warum beginnt und endet Gottes Geschichte mit den Menschen in einem vergleichsweise winzigen Zeitabschnitt der gesamten Schöpfungs- und Menschheitsgeschichte?
  • Gibt es gar keine klare, grundsätzliche Abgrenzung zwischen Mensch und Tier, da beide doch nahe verwandt sind? Befindet sich der Mensch in einer Höherentwicklung? Sind wir selbst die „Neandertaler der Zukunft“? Gibt es Menschen, die höher entwickelt sind als andere? Wie passt das zur biblischen Lehre, dass alle Menschen gleichermaßen als Gottes Ebenbild geschaffen wurden?

Mischformen und Abwandlungen

Zwischen den geschilderten drei Erklärungsansätzen zur Entstehung unserer Welt gibt es noch zahlreiche Abwandlungen und Mischformen.[11] So geht zum Beispiel der bekannte Theologe Timothy Keller davon aus, dass Adam und Eva tatsächlich das historisch erste Menschenpaar nach dem Ebenbild Gottes waren, dass sie aber gleichzeitig das letzte Glied einer langen evolutionären Entwicklung darstellten.[12] Aufgrund bestimmter textlicher Eigenschaften des ersten Schöpfungsberichts in 1. Mose 1 argumentiert Keller dafür, dass die Aussageabsicht dieses Textes anders als die nachfolgenden Kapitel metaphorisch sei und nicht historisch. Daher sieht er auch Möglichkeiten, die Annahme einer „alten Erde“ mit der Aussageabsicht der biblischen Autoren zu vereinbaren und gleichzeitig an Adam und Eva als reale geschichtliche Personen zu glauben.

Auch wenn dieser Ansatz verschiedene neue Fragen und Probleme aufwirft[13] zeigt sich daran: Es gibt Theologen, die sowohl der Aussageabsicht der Schrift vertrauen und trotzdem in Bezug auf die tatsächlich abgelaufene Erdgeschichte zu unterschiedlichen Sichtweisen gelangen. Welches Modell am Ende sowohl mit der Aussageabsicht der Bibel als auch mit den Spuren aus der Entstehungsgeschichte der Erde am besten vereinbar ist, das kann, soll und wird auch unter Bibeltreuen weiter engagiert diskutiert werden.

Außerwissenschaftliche Vorurteile: ALLE müssen sich ehrlich machen!

Das geht aber nur auf Basis einer nüchternen, ehrlichen Bewertung aller Fakten. Und es geht nur, indem jede Seite sich offen und ehrlich den Tatsachen stellt – gerade auch denen, die dem eigenen Weltbild entgegenstehen (wie es nach meiner Erfahrung z.B. die Studiengemeinschaft Wort und Wissen seit vielen Jahren in vorbildlicher Weise tut). Und das geht nur, wenn man andere Sichtweisen nicht von vornherein lächerlich macht, wie es Kritiker der vorherrschenden naturalistischen Ursprungsforschung leider oft erleben müssen.[14]

Für eine faire Debatte wäre es außerdem wichtig, ehrlich die außerwissenschaftlichen Vorent­scheidungen offen zu legen, die letztlich  in jedem Modell zur Entstehung unserer Welt eine erhebliche Rolle spielen:

  • Bibeltreue Christen haben sich zum Beispiel entschieden, der Aussageabsicht der Bibel vorbehaltlos zu vertrauen. Wenn ein Bibeltext historisch gemeint ist, dann wird er auch dann historisch ernst genommen, wenn wissenschaftliche Fakten aktuell dieser Annahme entgegenstehen.
  • Der akademische Wissenschaftsbetrieb hat sich entschieden, grundsätzlich ausschließlich natürliche Ursachen für die Entstehung unserer Welt in Erwägung zu ziehen. An diesem wissenschaftlich nicht begründ- und belegbaren Ausschluss göttlichen Wirkens hält man fest, selbst wenn wissenschaftliche Fakten aktuell dieser Annahme entgegenstehen.[15]

Außerwissenschaftliche Vorurteile sind also keine Spezialität bibeltreuer Christen. Sie sind auch im Wissenschaftsbetrieb ganz normal und für sich genommen überhaupt kein Grund, jemanden als vernunfts- oder wissenschaftsfeindlich zu diskreditieren. Wichtig ist nur, sich offen, ehrlich und vorurteilsfrei den Fakten und dem wissenschaftlichen Diskurs zu stellen, sich ergebnisoffen an der Erforschung der Ursprungsfragen zu beteiligen und dabei eigene außerwissenschaftliche Denkvoraussetzungen ehrlich offen zu legen. Es wäre schön, wenn dies auf allen Seiten gleichermaßen geschehen würde.

Warum ich Naturwissenschaft genial finde UND der Bibel vertraue

Ich bin ein großer Naturwissenschaftsfan! Ich bin tief beeindruckt von den gewaltigen naturwissenschaftlichen Erfolgen der letzten Jahrhunderte. Als Bibelleser bin ich von diesen Erfolgen auch nicht wirklich überrascht. Es war ja gerade das Christentum, das durch die biblische Trennung zwischen Schöpfer und Schöpfung wegbereitend für die Entstehung der modernen Naturwissenschaft war[16]. Speziell bei den Ursprungsfragen sehe ich die Festlegung auf den Naturalismus allerdings kritisch – und somit natürlich auch die Theorien, die auf der Basis dieses außerwissenschaftlichen Vorurteils entstanden sind. Die Naturwissenschaft ist zwar ungeheuer erfolgreich bei der Frage, WIE die Welt FUNKTIONIERT. Äußerst mager sehen ihre Erfolge aber aus bei der Frage, WOHER sie kommt und wie sie ENTSTANDEN ist. Gerade bei den Fragen nach dem Woher und Wohin finde ich es sehr vernünftig, die Begrenztheit menschlicher Erkenntnisfähigkeit besonders gut im Blick zu behalten. Wir wären nicht die erste Generation, die bei diesen Themen breit akzeptierte wissenschaftliche Sichtweisen gründlich revidieren muss. Günter Bechly hat diesbezüglich jüngst darauf hingewiesen, dass gerade die Evolutionsforschung aktuell in einer grundlegenden Krise steckt, die hinter den Kulissen und zum Teil sogar schon ganz offen diskutiert wird.[17]

Können Christen heute noch an Adam, Eva und die Arche glauben? Ja, natürlich! Und zwar ohne ihren Verstand an der Kirchengarderobe abgeben zu müssen. Es gibt so viele gute Gründe, warum es auch heute noch absolut vernünftig ist, den Aussageabsichten der Bibel vollständig zu vertrauen.[18] Deshalb können natürlich auch aufgeklärte Christen zu dem begründeten Schluss kommen, dass ein realer historischer Hintergrund hinter den biblischen Erzählungen in 1. Mose 1-11 den biblischen Texten und den wissenschaftlichen Fakten insgesamt am besten gerecht wird. Wer solche Christen lächerlich macht oder ihnen von vornherein Vernunfts- oder gar Wissenschaftsfeindlichkeit unterstellt ist nicht nur respekt- und lieblos, sondern offenbart auch ein trauriges Halbwissen in Bezug auf die heutige Sach- und Faktenlage.


Buchempfehlung: Im von Reinhard Junker herausgegebenen Sammelband “Genesis, Schöpfung und Evolution” finden sich eine Reihe von qualitativ hochwertigen Artikeln zu Themen rund um die biblische Urgeschichte – sachlich, fundiert und trotzdem zumeist auch für Laien verständlich. Bezogen werden kann das Buch hier beim SCM-Verlag.

Anmerkungen:

[1] Also z.B. die Ablehnung der Historizität biblischer Texte, obwohl sie aufgrund ihrer Texteigenschaften und ihres Kontexts von den biblischen Autoren offenkundig historisch gemeint sind und auch von anderen biblischen Autoren historisch gelesen werden – siehe dazu der AiGG-Artikel „Streit um das biblische Geschichtsverständnis“

[2] Zur Definition des Begriffs „wörtlich“ im Zusammenhang mit Bibelauslegung siehe der AiGG-Artikel „Ist die Bibel unfehlbar“?

[3] Siehe dazu der AiGG-Artikel: „Geschichten, die die Welt bewegen“

[4] Übersichtlich zusammengestellt von Manfred Stephan in „Einige Befunde aus verschiedenen Wissenschaften, die zu einer kürzeren Erdgeschichte passen oder der Aktualismus in Frage stellen“ W+W-Disk.-Beitr. 4/08; vgl. auch die Artikelsammlung zu „Gültigkeit und Grenzen geologischer Zeitbestimmung“

[5] Einige der zentralen Probleme wurden im AiGG-Artikel „4 Dinge, für die ich Atheisten bewundere“ kurz dargestellt.

[6] Dazu äußerte der US-amerikanische Chemiker Prof. James M. Tour im Jahr 2016: „Diejenigen die denken, dass die Wissenschaft die Details des Ursprungs des Lebens verstanden hätte, sind vollständig uninformiert. Niemand versteht es. … Die Basis, auf der wir als Wissenschaftler stehen, ist so wackelig, dass es das Beste wäre, die Situation ganz offen als das zu bezeichnen, was es ist: Ein Rätsel.“ (ab 1:07:13 im Vortrag: The Origin of Life: An inside story“, 2016)

[7] Den ideologischen Charakter des Gottesausschlusses in der universitären Ursprungsforschung und die massiven Folgen für wissenschaftliche Karrieren belegt der äußerst sehenswerte und Film „Expelled – Intelligenz streng verboten“ sowie der persönliche Erfahrungsbericht des Paläontologen Günter Bechly

[8] Reinhard Junker (2011) in Theistische Evolution und moderne Theologie: „Nichts Neues unter der Sonne“

[9] Näheres dazu im AiGG-Artikel „Evolution – ein Welterklärungsmodell am Abgrund?“

[10] Eine ausführliche Kritik des Konzepts „theistische Evolution“ findet sich im Buch „Leben durch Sterben? Reinhard Junker 1994. Eine detaillierte kritische Betrachtung moderner Konzepte von theistischer Evolution findet sich im Artikel „Theistische Evolution nach Denis Alexander und nach BioLogos“ von Reinhard Junker (2012) aus: Junker, R. (Hrsg.) Genesis, Schöpfung und Evolution. Studium Integrale. Holzgerlingen, 3. Auflage 2017 (so auch Text aus Anm. 8)

[11] Eine Übersicht gibt dazu das Video von Stephan Lange „Wie alt ist die Erde: 6000 oder 4,6 Milliarden Jahre?“

[12] Dargelegt in seinem Buch „Adam, Eva und die Evolution“, 2018

[13] siehe dazu die Rezension des Buchs „Adam, Eva und die Evolution“ von Dr. Reinhard Junker

[14] So erzählt Dr. Günter Bechly im äußerst empfehlenswerten 30-minütigen Interview, wie er aufgrund seines wachsenden Zweifels an der vorherrschenden naturalistischen Erklärung zur Entstehung der Welt letztlich seinen Job am Naturkundemuseum in Stuttgart verlor.

[15] Von besonderer Bedeutung ist dazu die oft scharf und emotional geführte Diskussion um das Design-Argument, ausführlich diskutiert von Markus Widenmeyer & Reinhard Junker unter „Der Kern des Design-Arguments in der Biologie und warum die Kritiker daran scheitern“ 12 / 2016

[16] Siehe dazu der AiGG-Artikel „Das bestätigte Weltbild“

[17] Siehe dazu der AiGG-Artikel „Evolution – Welterklärungsmodell am Abgrund?“

[18] Siehe dazu der AiGG-Artikel „10 Gründe, warum es auch heute noch vernünftig ist, der Bibel zu vertrauen“

Streit um das biblische Geschichtsverständnis

Sind die biblischen Erzählungen theologisch lehrreiche Legenden? Oder wollen sie reale geschichtliche Ereignisse beschreiben? Und warum ist diese Frage überhaupt wichtig?

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Vor allem in der universitären Theologie gibt es seit längerem mehrheitlich die Auffassung, dass viele der in der Bibel geschilderten Ereignisse nie stattgefunden haben. So äußerte zum Beispiel schon vor fast 20 Jahren  der einflussreiche evangelische Theologe Andreas Lindemann in einem Spiegel-Interview: “Dass es sich bei den Evangelien um Lebensbeschreibungen Jesu handelt […] wird seit Jahrzehnten von keinem ernst zu nehmenden Exegeten mehr behauptet.“ Hätte er recht, hieße das: Nicht nur die Wunder und die Auferstehung sind in Frage gestellt. Ganz grundsätzlich wären in den Evangelien keine historisch verlässlichen Beschreibungen des Lebens und der Lehre Jesu zu finden.

In noch deutlich stärkerem Maße gilt diese Skepsis für die Erzählungen des Alten Testaments, und dort vor allem für die die biblische Urgeschichte in 1. Mose 1-11. Auch der deutlich konservativere Theologe Prof. Thorsten Dietz von der Evangelischen Hochschule Tabor äußert dazu: Die Ansicht, dass der Sintflutbericht historisch verstanden werden wolle „schiebt dem Bibeltext eine Bedeutungsabsicht zu, die er nach allem, was wir über altorientalische Geschichtsschreibung wissen, nicht gehabt hat. […] Wir können den Autoren kein Geschichtsverständnis unterstellen, wie wir es heute kennen. Wir sollten die Autoren der Bibel nicht auf Fragen festnageln, die sich ihnen nie gestellt haben. Damit verfehlen wir den Sinn der Texte. […] Althistoriker zeigen, dass es in der Antike erst allmählich zu einer klaren Unterscheidung von geschichtlich, vorgeschichtlich, legendarisch etc. gekommen ist.“ [1]

Noch schärfer formuliert Prof. Siegfried Zimmer, wenn er behauptet, dass das „historische Denken“ überhaupt erst im 18. und 19. Jahrhundert in Europa entstanden sei, da erst zu dieser Zeit deutlich wurde, „wie umfassend das Leben und Denken des Menschen einem geschichtlichen Wandel unterliegt.“[2] Und weiter: „Wer die Behauptung aufstellt, die Bibel verstehe “Adam und Eva” als geschichtliche Personen, verteidigt nicht die Bibel. Er verteidigt etwas Anderes: sein eigenes, falsches Bild der Bibel und seine eigenen Missverständnisse und Vorurteile. […] In fundamentalistischen Kreisen gibt es Christen, die mit einem ungeheuren naturwissenschaftlichen Aufwand und Scharfsinn beweisen wollen, dass es in den Anfangskapiteln der Bibel um historische Ereignisse und um historische Personen geht. Diese Christen wollen etwas beweisen, was die Bibel gar nicht behauptet! Das ist tragisch und absurd.“ [3]

Gottes Wort als solches ernst nehmen hieße demnach also: Erkennen, dass zumindest die Geschichten in 1. Mose 1-11 rein symbolisch oder metaphorisch gemeint sind, keinesfalls aber tatsächliche Ereignisse beschreiben wollen. Wer das anders sieht, stülpt den biblischen Autoren demnach ein falsches Geschichtsverständnis über, das sie gar nicht gehabt hatten (bzw. haben konnten) und produziert damit ohne Not unlösbare Probleme, die es naturwissenschaftlich aufgeklärten Menschen unnötig schwer oder gar unmöglich machen, der Bibel zu vertrauen. Das ist ein schwerwiegender Vorwurf. Wer will schon den Menschen den Weg zum Glauben verbauen?

Richtig ist natürlich: Die Bibel ist kein naturwissenschaftliches Lehrbuch. Ich kenne persönlich auch niemanden, der das behauptet. Denn es ist ja offenkundig: Die biblischen Autoren schreiben meist aus der Beobachterperspektive. Sie ordnen den Stoff oft thematisch oder literarisch statt streng chronologisch an. Sie legen keinen Wert auf Vollständigkeit und Detailtiefe. Ihre Schilderungen sind häufig geprägt von theologischen Fragestellungen (was natürlich per se nicht gegen ihren historischen Anspruch spricht[4]). Und natürlich kennen sie die modernen wissenschaftlichen Definitionen nicht. Deshalb können z.B. Hasen als Wiederkäuer bezeichnet werden, was nach der modernen Taxonomie zwar falsch ist, aber auf der richtigen Beobachtung fußt, dass Hasen tatsächlich ihren Blinddarmkot erneut aufnehmen.

Richtig ist auch: Wenn die Aussageabsicht der biblischen Autoren nichts mit Geschichtsschreibung zu tun hatte, dann wäre es tatsächlich sträflich, diese Texte in einem falschen Sinne „wörtlich“ zu lesen. Das wäre dann in etwa so, wie wenn jemand in Neuseeland nach den Spuren des Landes „Mittelerde“ aus dem Roman ‚Herr der Ringe‘ sucht, und dann an der Glaubwürdigkeit des Autors J.R.R. Tolkien zweifelt, weil er nichts als ein paar billige Filmkulissen gefunden hat.

Die große Frage ist: Könnte es tatsächlich sein, dass die Christenheit 1800 Jahre lang in diesen Fragen einem derart fatalen Missverständnis aufgesessen ist, weil sie Geschichte und Gleichnis verwechselt hat?

Um Licht in diesen Themenkomplex zu bringen geht dieser Artikel folgenden 2 Fragen nach:

  1. Warum ist die Frage nach der historischen Wahrheit überhaupt wichtig? Reicht es nicht, einfach nur die theologische Aussage ernst zu nehmen? Spielt es überhaupt eine Rolle, ob die Ereignisse sich tatsächlich ereignet haben?
  2. Konnten und wollten die antiken Autoren überhaupt unterscheiden zwischen Geschichte, Legende und Metapher? Hat sich diese Unterscheidung nicht erst in der Moderne durchgesetzt?

Beginnen wir mit Frage Nummer 1:


Warum ist die Frage nach der historischen Wahrheit überhaupt wichtig? Reicht es nicht, einfach nur die theologische Aussage ernst zu nehmen? Spielt es überhaupt eine Rolle, ob die Ereignisse sich wirklich ereignet haben?


Warum ist die gesellschaftliche Situation in Deutschland so, wie sie ist? Ganz einfach: Der Zustand unseres Landes ist auch ein Produkt seiner Geschichte. Geistliche und geistige Strömungen, Kriege und Konflikte, Machtkämpfe und Umwälzungen haben unser Land mit geprägt. Wer die Dynamiken der Gegenwart verstehen möchte, muss deshalb die Geschichte kennen. Kein Historiker würde jemals auf die absurde Idee kommen zu sagen: Es spielt für das Verständnis unserer Gesellschaft keine Rolle, ob sich die Teilung unseres Landes, der Fall der Mauer und die Wiedervereinigung wirklich ereignet haben. Denn ohne diese geschichtliche Wirklichkeit könnten wir viele heute bestehenden Ungleichheiten zwischen Ost und West niemals richtig verstehen und sachgerecht mit ihnen umgehen.

Genau das gleiche Verständnis von der grundlegenden Bedeutung historischer Ereignisse finden wir quer durch die ganze Bibel. Die Autoren der Evangelien wollten gerade nicht primär eine neue Theologie verbreiten, sondern berichten, was die Augenzeugen gehört und gesehen haben (Lukas 1, 1-4). Der bekannte US-ameri­kanische Theologe Timothy Keller schreibt dazu: „Das christliche Evangelium ist kein gut gemeinter Rat, sondern es ist gute Nachricht. Es ist keine Handlungsanleitung, was wir tun sollten, um uns selbst zu retten, sondern vielmehr eine Verlautbarung, was bereits für unser Heil getan wurde. Das Evangelium sagt: Jesus hat in der Geschichte etwas für uns getan, damit wir, wenn wir im Glauben mit ihm verbunden sind, Anteil an dem bekommen, was er getan hat, und so gerettet werden.“ [5]

Genau das gleiche Prinzip gilt für die biblische Urgeschichte. Die Ereignisse rund um den „Sündenfall“ in 1. Mose 2 und 3 gelten quer durch die ganze Bibel als grundlegender Schlüssel für das Verständnis der Situation des Menschen und der heutigen Welt. So schreibt z.B. Reinhard Junker: „Selbst wenn Prof. Zimmer recht damit hätte, dass die Antike Geschichte als unbedeutend ansah, würden die Verfasser der Texte des Alten und Neuen Testaments gerade dieser Sicht klar und aus­drücklich widersprechen. Denn die biblischen Autoren betonen genau das Gegenteil dessen, was Zimmer be­hauptet, nämlich dass es große Ver­änderungen mit nachhaltiger Wirkung gab und diese zum Verständnis der Gegenwart wesentlich sind. […] Die Geschichte erklärt, warum die Menschheit so ist, wie sie ist: eines Retters aus Sünde und Tod bedürftig. […] Die Israeliten hatten ein lineares Zeitgeschichtsbild und Gottes Handeln in Zeit und Raum war für sie von grundlegender Bedeutung. Daher sollten sie sich an die großen Taten erinnern, die Gott unter ihnen getan hatte (5. Mose 6,20-25). Dazu gehört selbstverständlich auch die Urgeschichte. Die Geschichte erklärt die jeweilige Gegenwart.“ [6]

Das Neue Testament liest das Alte Testament historisch

Dazu passt, dass die Autoren des Neuen Testaments ganz offensichtlich fest davon ausgingen, dass sich die Geschichten des Alten Testaments wirklich ereignet haben:

  • Für den Evangelisten Lukas waren Adam und Noah in gleicher Weise geschichtliche Personen wie David, Josef und Jesus, wie sein Stammbaum Jesu zeigt (Lukas 3, 23-37).
  • Für Petrus waren Noah und die Sintflut ganz selbstverständlich geschichtliche Realitäten (1. Petr. 3, 20; 2. Petr. 2, 5)
  • In Römer 5, 12-21 und 1. Kor. 15, 20-22 hält Paulus Adam für ebenso geschichtlich wie Jesus.[7] Diese Geschichtlichkeit ist sogar ein grundlegender Bestandteil seiner Theologie, wie Timothy Keller betont: „Wenn Adam nicht historisch ist, ist die ganze Argumentation von Paulus hinfällig. … Wer nicht glaubt, was Paulus über Adam glaubt, lehnt das Herzstück paulinischer Theologie ab.“ [8]
  • Für Jesus, dessen Lehre für alle Christen letzte Autorität hat, war Noah und die Sintflut ebenso real wie sein Wiederkommen (Matth. 24, 37-38; Lukas 17, 26-27).

Im 11. Kapitel des Hebräerbriefs wird das Wesen des Glaubens anhand von Glaubenswagnissen alttestamentlicher Personen erklärt. Kain, Abel, Henoch und Noah werden dabei genau in der gleichen Weise betrachtet wie Abraham, Isaak, Jakob, Samuel und David. Könnte es sich trotzdem bei manchen dieser Personen um Figuren aus Gleichnisgeschichten handeln? Hätte der Hebräerbriefschreiber somit in seine Aufzählung von Glaubenshelden auch den barmherzigen Samariter einreihen können? Wohl kaum. Denn über den barmherzigen Samariter hätte er sicher nicht so wie über Abel geschrieben: „Durch den Glauben redet er noch, obgleich er gestorben ist.“ (Hebräer 11,4) Der barmherzige Samariter ist nicht gestorben – weil er nie gelebt hat.

Die Historizität ist essenziell für die theologische Aussage

Texte wie Hebräer 11 zeigen eindrücklich: Das konkrete, reale Handeln Gottes mit den Menschen in Raum und Zeit ist ein fundamentaler Bestandteil der biblischen Botschaft und wesentliche Grundlage ihrer Theologie. Die Propheten sagten voraus, dass Gott nach dem Exil sein Volk wieder zurück in die Heimat führen wird, wie er es bereits beim Exodus aus Ägypten getan hat (Jeremia 16, 14). Wie hätte diese Botschaft eine Ermutigung sein können, wenn es diesen Exodus nie gegeben hätte?

Im Johannesevangelium lesen wir über die zeichenhaften Wunder Jesu: „Diese aber sind geschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes“ (Johannes 20, 31). Wenn die beschriebenen Wunder in Wahrheit gar nicht geschehen sind, wie hätten diese Erzählungen dann das Vertrauen der Leser stärken sollen, dass Jesus wirklich der Christus und der Messias ist?

Alle diese Beispiele unterstreichen: Es erscheint äußerst schwierig, wenn nicht sogar unmöglich, die theologischen Aussagen der Bibel von ihren Aussagen zur Geschichte zu trennen. Eine Exegese, die trotz dieser engen Verwobenheit meint, dass hinter den Erzählungen kein tatsächliches, reales Handeln Gottes in der Geschichte steht, steht immer in der großen Gefahr, auch theologisch an Substanz und Glaubwürdigkeit zu verlieren und damit die Botschaft der Kirche zu schwächen.

Damit kommen wir zur 2. Frage:


Konnten und wollten die antiken Autoren überhaupt unterscheiden zwischen Geschichte, Legende und Metapher? Hat sich diese Unterscheidung nicht erst in der Moderne durchgesetzt?


Anders ausgedrückt: Ist der Glaube, dass die biblischen Autoren von geschichtlichen Ereignissen ausgingen, vielleicht nur eine moderne „optische Täuschung“, weil wir die Bibel mit der Brille unseres modernen Geschichtsverständnisses lesen?

Das Geschichtsverständnis zur Zeit des Neuen Testaments

Fakt ist, dass in der Zeit der Entstehung des Neuen Testaments klar zwischen Geschichte und Mythos, zwischen Fakt und Fiktion unterschieden wurde. So grenzte sich z.B. der jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus im 1. Jahrhundert bei der Darstellung geschichtlicher Ereignisse ganz bewusst vom Hang zur Übertreibung ab.[9] Der Philosoph Porphyrios kritisierte die Christen im 3. Jahrhundert mit der Behauptung, dass die Prophetien im Buch Daniel erst nach den Ereignissen aufgeschrieben wurden. Fragen nach Historizität und Datierung waren für ihn also völlig normal.[10] In seiner „Einleitung in das Neue Testament“ weist der Neutestamentler Armin D. Baum ausführlich nach, dass bereits in der Antike „die drei Erzählgattungen Epos, Geschichtsschreibung und „Roman“ […] anhand ihres Realitätsbezugs (wirklich oder fiktiv) und ihrer sprachlichen Form (Verse oder Prosa) voneinander unterschieden“ wurden.[11]

In Bezug auf das Lukasevangelium kommt er zu dem Schluss: „Die Prologe des dritten Evangeliums und der Apostelgeschichte unterscheiden sich so stark von den Anfängen antiker Epen, sind so eng mit den Prologen der antiken Geschichtsschreibung verwandt und inhaltlich so eindeutig historisch orientiert, dass an der Intention des Autors, Geschichte zu schreiben, nicht gezweifelt werden kann. Im lukanischen Doppelwerk erzählt kein von den Musen inspirierter Künstler, sondern ein sich auf Augenzeugen berufender Historiker (Lukas 1, 2).“[12] Auch Petrus legt ausdrücklich Wert auf die Unterscheidung zwischen erdachten Geschichten und tatsächlichen Begebenheiten: „Wir sind nicht irgendwelchen klug ausgedachten Geschichten gefolgt, als wir euch die machtvolle Ankunft Jesu Christi, unseres Herrn, verkündeten, sondern wir waren Augenzeugen seiner Macht und Größe.“ (2. Petrus 1,16)

Das Geschichtsverständnis zur Zeit des Alten Testaments

Aber gilt dieser Sachverhalt auch für die Schriften des Alten Testaments und die biblische Urgeschichte? Dazu schreibt Timothy Keller: „1. Mose 2 und 3 lassen keine Anzeichen für das Genre … Dichtung erkennen. Der Text liest sich als Bericht über wirkliche Geschehnisse; er sieht aus wie ein Geschichtsdokument. Das heißt nicht, dass 1. Mose (oder sonst ein biblischer Text) Geschichte im modernen […] Sinn ist. Die antiken Autoren, die historische Geschehnisse aufzeichneten, nahmen sich die Freiheit, die Chronologie zu verändern und Zeitabläufe zu komprimieren – und jede Menge an Information wegzulassen, die ein moderner Historiker als wesentlich dafür erachten würde, ein “Gesamtbild” zu erhalten. Aber auch die antiken Geschichtsschreiber waren überzeugt, dass die Ereignisse, die sie beschreiben, tatsächlich geschehen sind. […] Manche sagen, man müsse 1. Mose 2 bis 11 im Licht anderer Schöpfungsmythen des Nahen Ostens aus dieser Zeit lesen. Andere Kulturen schufen ihre Mythen über die Entstehung der Welt und die große Flut, so wird gesagt, und wir müssen erkennen, dass der Verfasser von 1. Mose 2 und 3 wahrscheinlich dasselbe tat. Nach dieser Auffassung hätte der Verfasser von 1. Mose 2 und 3 einfach eine hebräische Version des Mythos von Schöpfung und Flut geschaffen. Er mag sogar geglaubt haben, dass dies historische Ereignisse waren, aber darin war er dann eben nur ein Kind seiner Zeit. Gegen diese Sicht hat Kenneth Kitchen begründete Einwände erhoben. Der bekannte Ägyptologe und evangelikale Christ antwortet auf die These, dass die Sintfluterzählung (1. Mose 9) wie die Fluterzählungen anderer Kulturen als Mythos […] gelesen werden sollte, Folgendes:

‚(Es) ist auch darauf hinzuweisen, dass im alten Nahen Osten Mythen NICHT historisiert wurden (d.h. als imaginäre ‚Geschichte‘ verstanden), sondern vielmehr die Tendenz bestand, Geschichtsereignisse und Personen mythologisch zu überhöhen …‘

Mit anderen Worten: Es ist belegt, dass die ‚Mythen‘ des antiken Nahen Ostens nicht im Lauf der Zeit zu historischen Ereignissen wurden, sondern vielmehr umgekehrt historische Berichte sich allmählich in eher mythologische Geschichten verwandelten. Kitchen argumentiert: Wenn man 1. Mose 2-11 im Licht dessen liest, wie die alte Literatur des Nahen Ostens funktioniert, würde man, wenn überhaupt, schließen dass 1. Mose 2-11 Ereignisse berichten, die tatsächlich gesehen sind – und das in einer “Hochform” mit viel bildhafter Sprache und chronologischer Verdichtung. Zusammenfassend sieht es also so aus, als sei es zu verantworten, 1. Mose 2-3 als Bericht eines tatsächlichen historischen Ereignisses zu verstehen.“ [13]

Außerbiblische Beispiele

In antiken Quellen finden sich zahlreiche Hinweise darauf, dass dieses historische Geschichtsverständnis nicht nur in der Bibel, sondern auch bei vielen außerbiblischen Autoren sehr wohl vorhanden war. Dazu schreibt der Historiker Axel Schwaiger, der sich ausführlich mit historischem Geschichtsdenken befasst hat: „Von allen antiken Geschichtstexten zu behaupten, sie könnten zwischen historisch und mythisch, Bericht und Legende nicht unterscheiden und wollten das auch gar nicht, offenbart eine sträfliche Unkenntnis antiker Historiographie. Natürlich gibt es solche Texte, aber man tut Männern wie Herodot (um 490-430 v.Chr.), Thukydides (ca. 460-399 v.Chr.) oder Hekataios von Milet (vor 550 v.Chr.) mit solchen pauschalen Abwertungen doch schon sehr Unrecht, da gerade sie ausdrücklich angetreten waren, die Geschichte von Legenden, Sagen und Mythen zu entschlacken und nach konkreten Gründen und Ursachen historischer Entwicklungen zu fragen. Hekataios‘ ‚Erdbeschreibung‘, Thukydides‘ ‚Peloponne­sischer Krieg‘ und Herodots ‚Historien‘ erzählen zwar auch von Mythen der Völker, aber eben deutlich unterscheidend als deren Mythen – oft in Verbindung mit rationalen oder historischen Erklärungen dafür. So unterzog Hekataios beispielsweise die bis dahin vorherrschende sagenhafte epische Tradition einer radikalen rationalen Kritik und ging damit bereits im 6. vorchristlichen Jahrhundert einen entscheidenden Schritt in Richtung auf ein historisches Bewusstsein, das man heute allzu gerne ausschließlich für die Neuzeit reklamiert. Die Unterscheidung zwischen Mythen und tatsächlichem Geschehen, zwischen Legenden, Übertreibungen und echter Historie und das Fragen nach tatsächlicher Kausalität macht ihren hohen historiographischen Wert aus. Nicht von ungefähr gilt Herodot bereits in der Antike als ‚Vater der Geschichtsschreibung‘. Seine Methoden reichen von Quellenstudium und persönlichen Gesprächen über ausgedehnte Reisen und Nachforschungen vor Ort bis hin zu kritischer Reflexion und auf Wahrscheinlichkeit gegründete Vermutungen. Die Vorstellung, antike Autoren verarbeiteten ausschließlich eine ‚literarische Erzählkultur‘, die Historie und Mythos unreflektiert miteinander verband und – im Gegensatz zur modernen Geschichts­wissenschaft – kein echtes Bewusstsein für die eigene Historizität und die der berichteten Geschehnisse hatte, kann so nicht mehr aufrechterhalten werden.“ [14]

Eine schwierige Alternative

Nun kann dieser Artikel keine ausführliche, wissenschaftlichen Ansprüchen genügende Analyse des antiken Geschichtsverständnisses liefern. Aber die hier aufgeführten Zitate zeigen: Das weit verbreitete und oft leider unreflektiert und ohne genauere Begründung weitergegebene Narrativ vom fehlenden Geschichtsbewusstsein und von der mangelhaften Unterscheidung von Geschichte und Legende in der Antike ist in dieser generellen Form nicht haltbar – erst recht nicht in Bezug auf die biblischen Texte. Es gab auch in der damaligen Zeit Autoren, die klar unterscheiden wollten und konnten zwischen Geschichte und Mythos, zwischen Fakt und Fiktion. Sie machten diese Unterscheidung in ihren Schriften deutlich und legten Wert auf den Unterschied.

Wer Berichten des Alten und Neuen Testaments trotzdem die historische Glaubwürdigkeit abspricht, steht damit zwangsläufig vor folgender Alternative:

  1. Die Argumente für eine historische Aussageabsicht müssten durch andere Argumente entkräftet werden. Es müsste aus dem jeweiligen Text heraus begründet werden, warum der biblische Autor keine reale Geschichte schildern wollte, obwohl der Text keinen dichterischen Charakter hat, sondern viele Merkmale historisch gemeinter Texte enthält wie z.B. Ahnentafeln, Maßangaben, Naturbeschreibungen, Zeit- und Jahresangaben. Der Schiffsbauprofessor Jan Hartmann hat jüngst sogar nachgewiesen, dass die in der Bibel dokumentierten Angaben zu den Maßen und der Beschaffenheit der Arche die Anforderungen an Längsfestigkeit, Querfestigkeit, Torsion, Stabilität und Seeverhalten optimal erfüllt. Obwohl er sich selbst unsicher ist, ob und inwieweit es tatsächlich eine Arche gab, lässt ihn dieses Ergebnis davon ausgehen, dass der biblische „Bericht einen Hintergrund hat, der weit über die Art eines Mythos hinausgeht.“[15] Auch dazu müssten die Verfechter einer rein metaphorischen Aussageabsicht Erklärungen finden.
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  2. Andernfalls müsste man ehrlicherweise offen von Fehlern der biblischen Autoren sprechen, denn sie hätten sich dann in ihrer historischen Aussageabsicht geirrt. Das gilt sowohl für die Autoren der biblischen Erzählungen selbst als auch für die neutestamentlichen Autoren, die diesen Texten einen historischen Wert beigemessen haben. Und wichtig ist dabei: Diese Fehler wären eben nicht nur historischer, sondern auch theologischer Art, weil – wie oben dargelegt – die Geschichtlichkeit ein wichtiger Bestandteil ihrer Theologie darstellt. Das traditionelle Verständnis von der Irrtumslosigkeit und Unfehlbarkeit der Schrift wäre damit aufgelöst. Stattdessen müssten außerbiblische Kriterien definiert werden, um unterscheiden zu können, welche Teile der Schrift in welchem Sinn noch als wahres Gotteswort gelten können – ein oft unternommener Versuch, der bislang allerdings nie zu einem tragfähigen, breit akzeptierten Ergebnis geführt hat.

Warum die Kirche der Aussageabsicht der Bibel vertrauen sollte

Wer keine dieser beiden Alternativen für tragfähig hält, dem bleibt letztlich nur, der Schrift auch in ihren historisch gemeinten Aussagen zu vertrauen. Diese Position hat die kirchliche Theologie 1800 Jahre lang weitgehend dominiert. In großen Teilen der weltweiten Kirche gilt dieses Bibelverständnis bis heute ganz selbstverständlich. Man ist also alles andere als ein Exot, wenn man sich zu diesem Weg bekennt, zumal es für diese Sichtweise auch aus den Wissenschaften durchaus viele ermutigende Signale gibt. So schrieb der britische Archäologe und Ägyptologe Kenneth A. Kitchen: „Die biblischen Texte sind in hohem Maße historisch zuverlässig. Dies lässt sich in Bezug auf das geteilte Reich, das Exil und die Rückkehr […] sehr gut zeigen. Dort, wo sich passende Daten miteinander vergleichen lassen, kann man dies konkret feststellen. Dieses Faktum sollte jeder zugestehen, egal von welcher Stelle er persönlich ausgeht.“ [16]

In dem beeindruckenden Film „Patterns of evidence“ berichten zahlreiche Experten über die vielfältigen Fakten, die die oft bezweifelte biblische Geschichtsschreibung stützen. Selbst der sonst so religionskritische Spiegel berichtet in seiner Osterausgabe 2018 von zahlreichen neuen Indizien, die die Historizität der biblischen Passionsberichte so sehr stützen, dass dies „Skeptikern kaum gefallen“ kann[17].

Und Axel Schwaiger schreibt: „Es gibt durchaus Indizien und Belege dafür, dass die Menschen damals die Flut völlig selbstverständlich als echtes Geschehen voraussetzten. Dazu gehören nicht nur älteste sumerische Königslisten, die die Könige „vor der Flut“ von denen „nach der Flut“ unterscheiden (wie das ‚Weld-Blundell-Prisma‘ um 2100 v.Chr.), oder die ältesten Epen, in denen die Flut den Erzählhintergrund bildet (z.B. Atrachais- und Gilgamesch-Epos). Dazu gehören auch vorliegende Keilschriften altorientalischer Herrscher, die (wie selbstverständlich) auf die Flut als historisches Geschehen Bezug nehmen. So z.B. Assurbanipal: „Ich verstehe die rätselhaften, in Stein gemeißelten Worte aus den Tagen vor der Flut“, oder auf einem Tonzylinder des Nebukadnezar: „Die Menschen hatten das Werk [des Turmbaus] verlassen seit den Tagen der Flut“. Auch Textstellen in der „Babyloniaká“ des babylonischen Priesters Berossus (um 290 v.Chr.) sprechen noch fast beiläufig von Geschehnissen rund um die Flut, so dass dem (vorsintflutlichen) König Xisthros befohlen worden war, Schriften in Sippara zu vergraben und sie nach der Flut wieder auszugraben und dass „man noch heute auf dem Gebirge der Kordyäer in Armenien Reste von dem Schiffe sieht und das abgekratzte Pech als Heilmittel dient.“ Auch die mehr als 260 Sintflutberichte, die Heinrich Lüken Mitte des 19. Jahrhunderts zusammentrug[18]‚ machen deutlich, dass in vielen Stämmen und Völkern die Erinnerung an eine weltweite große Flut bewahrt worden ist, freilich oft mit Änderungen, die jeweils auf das spezifische Lebensumfeld der Volksgruppe zugeschnitten sind. Dass mit diesen Erinnerungen später unterschiedliche theologische Intentionen verbunden wurden, ist sehr wahrscheinlich, aber sie heben die Historizität des eigentlichen Erzählkerns nicht auf.“ [19]

Es gibt also auch heute für Christen keinen Grund, sich vom reformatorischen Prinzip des „Sola scriptura“ zu verabschieden. Wir dürfen fröhlich daran festhalten, dass nach Berücksichtigung von Vernunft, Wissenschaft, Erfahrung, Auslegungstradition und Wirkungsgeschichte am Ende die Schrift selbst das letzte Wort für das richtige Verständnis ihrer Texte haben muss. Die Bibel muss sich selbst auslegen und selbst entscheiden, wie sie zu verstehen ist.[20] Oder, wie es Timothy Keller ausdrückt: „Wenn wir die Autorität der biblischen Autoren respektieren wollen, dann müssen wir sie so verstehen, wie sie verstanden werden wollen.“[21] Denn es bleibt nun einmal nicht ohne Konsequenzen, wenn man die Geschichtlichkeit der historisch gemeinten biblischen Texte in Frage stellt: „Paulus […] wollte definitiv sagen, dass Adam und Eva historische Personen sind. Und wenn man sich weigert, einen biblischen Autor wörtlich zu verstehen, obwohl er ganz klar so verstanden werden will, entfernt man sich vom traditionellen Verständnis von biblischer Autorität. Wie schon gesagt heißt das nicht, dass man nicht trotzdem einen starken und lebendigen Glauben haben kann. Aber ich bin überzeugt, dass ein solche Position sich für die Kirche als ganze schädlich auswirken kann und ganz sicher bei vielen Christen zu Verwirrung führt.“[22] Die Geschichte der Theologie der letzten 2 Jahrhunderte, ihre Verwirrung in Bezug auf praktisch alle zentralen Glaubensinhalte des Christentums[23] sowie das weltweite Schrumpfen aller von liberaler Theologie geprägten Kirchen, die die historische Glaubwürdigkeit der Schrift verworfen haben, unterstreichen die These Kellers eindrücklich. Es ist deshalb höchste Zeit, dass eine verantwortungsvolle Theologie der Bibel auch in ihren historisch gemeinten Aussagen wieder neu vertraut.


Herzlichen Dank für alle Mithilfe sowie Hinweise und vielfältige Anregungen zur Verbesserung dieses Artikels an:


Aber wird die Verwirrung nicht noch viel größer, wenn man von wissenschaftlich aufgeklärten Menschen verlangt, sie müssten an Adam, Eva und die Arche glauben? Ist das angesichts der modernen wissenschaftlichen Erkenntnisse aus Biologie, Geologie und anderen Disziplinen nicht vernunfts- und wissenschaftsfeindlich? Diesen Fragen widmet sich die Fortsetzung dieses Artikels unter dem Titel: “Können Christen heute noch an Adam, Eva und die Arche glauben?”


[1] Prof. Thorsten Dietz im „idea-Streitgespräch“, idea 2018 Nr. 29/30

[2] Prof. Siegfried Zimmer in „Haben Adam und Eva wirklich gelebt“ S. 2

[3] Prof. Siegfried Zimmer in „Haben Adam und Eva wirklich gelebt“ S. 22

[4] Entsprechend hält auch Papst Benedikt XVI. in seinem Buch „Jesus von Nazareth Band III“ (2012) die Geburts- und Kindheitsgeschichten Jesu zwar für „im Glauben gedeutete Geschichte“, aber eben doch auch für Geschichte.

[5] In Timothy Keller „Adam, Eva und die Evolution“, Giessen 2018, S. 33

[6] Reinhard Junker in „Entmythologisierung für Evangelikale: Haben Adam und Eva wirklich nicht gelebt?“ Veröffentlicht in „Genesis, Schöpfung und Evolution“ Hrsg. Reinhard Junker, Holzgerlingen 2015, S. 244

[7] So schreibt N.T. Wright in seinem Kommentar zum Römerbrief: „Paulus glaubte offensichtlich, dass es ein erstes Menschenpaar gegeben hat, dessen männlichem Vertreter, Adam, ein Gebot gegeben worden war, das er brach. Paulus war sich, davon können wir ausgehen, auch der Aspekte der Geschichte bewusst, die wir mythisch oder metaphorisch nennen könnten. Aber diese Aspekte hätten für ihn keinen Zweifel an der Existenz und der Ursünde des ersten geschichtlichen Menschenpaars aufkommen lassen.“ In „Romans“ in: The New Interpreter’s Bible, Bd. X, 526, zitiert in T. Keller, 2018, S. 31

[8] In Timothy Keller „Adam, Eva und die Evolution“, Giessen 2018, S. 35

[9] “Diejenigen, welche sich der Geschichtsschreibung befleißigen, tun dies nicht aus ein und denselben, sondern aus vielfachen, meist unter sich verschiedenen Beweggründen. Denn einige gehen an diese Art Arbeit, um ihre Redegewandtheit leuchten zu lassen und dadurch berühmt zu werden, andere, um denen zu gefallen, über die sie schreiben. […] Wieder andere treibt ein gewisser Zwang, die Ereignisse, deren Zeugen sie waren, schriftlich vor Vergessenheit zu bewahren; viele auch veranlasst die Erhabenheit wichtiger, im Dunkel verborgener Tatsachen, diese zum allgemeinen Besten zu erzählen. Von den genannten Beweggründen sind für mich die zwei letzten in Betracht gekommen.” Josephus, Ant I 1-3 (= Prooem.); übers. Heinrich Clementz

[10] Porphyrius in „Gegen die Christen“ Buch XII

[11] Armin D. Baum in „Einleitung in das Neue Testament“ S. 307

[12] Armin D. Baum in „Einleitung in das Neue Testament“ S. 311-312

[13] In Timothy Keller „Adam, Eva und die Evolution“, Giessen 2018, S. 29 ff.

[14] Aus einer persönlich übermittelten aktuellen Stellungnahme zum Buch „Weiterglauben“ sowie zum „idea-Streitgespräch“ in idea 2018 Nr. 29/30; vgl. dazu u.a. Klaus E. Müller: Geschichte der antiken Ethnologien, Hamburg 1997; Volker Reinhardt: Hauptwerke der Geschichtsschreibung, Stuttgart 1997; Wolfgang Will: Herodot und Thukydides. Die Geburt der Geschichte, München 2015

[15] Jan Hartmann in „Arche Noah 2017 – Ein Beitrag zur Technikgeschichte“ 2017, S. 16

[16] Kenneth A. Kitchen, Das Alte Testament und der Vordere Orient. Zur historischen Zuverlässigkeit biblischer Geschichte, Gießen 2008, S. 648

[17] In: „Erforscht: Die letzten Tage des Jesus von Nazareth“ Der Spiegel, Ausgabe Nr. 14 / 31.3.2018

[18] Heinrich Lüken „Die Traditionen des Menschengeschlechts oder die Uroffenbarung unter den Heiden“, Münster 1869

[19] Aus einer persönlich übermittelten aktuellen Stellungnahme zum Buch „Weiterglauben“ sowie zum „idea-Streitgespräch“ in idea 2018 Nr. 29/30

[20] Dieses Prinzip wird ausführlich erläutert im Artikel „Ist die Bibel unfehlbar?“

[21] In Timothy Keller „Adam, Eva und die Evolution“, Giessen 2018, S. 16

[22] In Timothy Keller „Adam, Eva und die Evolution“, Giessen 2018, S. 32

[23] Der Artikel „Das Kreuz – Stolperstein der Theologie“ dokumentiert, wie diese Verwirrung auch den innersten Kern der christlichen Botschaft betrifft

Ist die Worthaus-Theologie liberal?

Wie alle „Schubladenbegriffe“ wird auch der Begriff der „liberalen Theologie“ sehr unterschiedlich verwendet. Evangelikale Laien verstehen darunter tendenziell etwas Anderes als universitäre Theologen. Sie neigen dazu, die Vielfalt universitärer Theologie weniger wahrzunehmen und alles unter dem Begriff „liberal“ zusammen zu fassen – genau wie manche liberal geprägte Christen Evangelikale pauschal als „fundamentalistisch“ einstufen.

Im Hossa-Talk #105 wird auch dem AiGG-Worthausartikel vorgeworfen, die Theologie der Worthaus-Vorträge pauschal als „liberal“ zu bezeichnen (Min. 19.20). Deshalb möchte ich gerne dazu beitragen, dass wir einander differenzierter wahrnehmen.

Fakt ist: Die Worthausreferenten repräsentieren eine große Bandbreite universitärer Theologie. Darunter sind Referenten, die auch gemäß der universitären Definition als liberal gelten dürfen (wie Prof. Zimmer im Hossa Talk bestätigt; Min. 10.05). In der großen Mehrzahl trifft das universitäre Label „liberal“ aber nicht für die Worthaus-Referenten zu. Entsprechend charakterisiert der AiGG-Artikel die Worthaus-Theologie auch nirgends als „liberal“ sondern als „universitär“. Dazu wird kommentiert: „Worthaus ist kein einheitlicher Block mit einheitlicher Theologie. … Es stellt deshalb eine der Übersichtlichkeit geschuldete Vereinfachung dar, wenn in diesem Artikel der Begriff „Worthaus“ so verwendet wird, als ob alle Vorträge eine geschlossene Sichtweise vertreten würden.“ DIE Worthaus-Theologie gibt es also nicht. Deshalb ist natürlich auch nicht jede Kritik an einzelnen Aussagen in Worthaus-Vorträgen auf alle Worthaus-Referenten gemünzt.

Fakt ist aber auch: An den Universitäten gibt es kaum evangelikale Theologen. Laut Prof. Zimmer ist der Anteil evangelikaler Theologen an den theologischen Fakultäten im Promillebereich (Min. 23.00). Entsprechend sind auch die allermeisten Worthaus-Referenten nicht evangelikal. Bei zentralen Themen wie dem Bibelverständnis werden in vielen Worthaus-Vorträgen Positionen vertreten, die sich von traditionellen evangelikalen Positionen deutlich unterscheiden. Und ich finde: Darüber dürfen und müssen wir Evangelikalen reden – engagiert, differenziert und an der Sache orientiert.

Siehe auch: Jubilate! Endlich… diskutieren wir wieder mit offener Bibel!

Jubilate! Endlich…

Endlich… diskutieren wir wieder mit offener Bibel!

Es ist immer wieder das Gleiche: Jeder geistliche Aufbruch wird begleitet von großen Diskussionen um die Heilige Schrift. Das sehen wir schon in der Bibel selbst: Die Erneuerungsbewegung unter König Josia begann damit, dass die Schrift wiederentdeckt und intensiv gelesen wurde (2. Könige 22). Jesus liebte es von Jugend auf, mit den Schriftgelehrten über die Schrift zu diskutieren (Lukas 12, 46-47). In seinen Auseinandersetzungen sagte er immer wieder: „Habt ihr nicht gelesen?“ Selbst dem Teufel trat er entgegen mit den Worten: „Es steht geschrieben…“ Und auch bei seinem heißen Konflikt im Tempel stellte er ein Schriftwort in den Mittelpunkt: „Es steht geschrieben (Jesaja 56,7): »Mein Haus soll ein Bethaus heißen«.“

Die Bekämpfung und Widerlegung von Fehlentwicklungen auf Basis der Schrift war in den apostolischen Briefen des Neuen Testaments ein wichtiges und immer wiederkehrendes Thema. Nicht anders war es in den großen geistlichen Aufbrüchen der Kirchengeschichte. Unsere kostbaren kirchlichen Bekenntnisse waren Ergebnisse von intensivem Ringen um die biblische Wahrheit. Am deutlichsten sehen wir das wohl in der Reformation, in der das Prinzip „Allein die Schrift“ im Mittelpunkt stand. Luther wollte, dass die Schrift regiert! Nur auf ihrer Basis konnte verbindlich theologisch argumentiert werden. Das entthronte all diejenigen, die ihre theologische Autorität primär aus ihrem Amt oder ihrem Herrschaftswissen bezogen. Vollends zur Revolution wurde die Reformation deshalb, als sie die Bibel dem einfachen Volk in die Hand gab, dem Bauer im Schwarzwald und dem Handwerker auf der schwäbischen Alb.

Ohne Frage: Die Menschen haben auch viel Unsinn mit der Bibel angestellt. Und doch ist unter dem Strich ungeheuer viel Frucht daraus entstanden. Ein wunderbares Beispiel dafür ist die pietistische Erweckungsbewegung. Die Pietisten setzten durch, dass Laien die Bibel nicht nur lesen sondern auch öffentlich auslegen dürfen. Vielen Mächtigen hat das gar nicht gepasst. Aber bis heute profitiert mein Schwabenland vom Wirken der mutigen pietistischen Prediger und ihrer Liebe zur Heiligen Schrift. Vor einigen Jahren durfte ich in meiner evangelischen Gemeinde selbst eine kleine Erweckung miterleben. Noch heute sehe ich vor mir, wie wir die Bibel offen vor uns liegen und uns darüber die Köpfe heiß geredet hatten. Es war eine wundervolle, fruchtbare Zeit.

Deshalb bin ich begeistert, wenn ich sehe, dass es wieder losgeht: Diskussionen und Auseinandersetzungen, die mit geöffneter Bibel geführt werden! Gespräche, in denen nicht primär gefragt wird: Welches Konzept, welche Strategie und welche theologische Mode kann uns retten? Sondern vielmehr: Was sagt die Schrift? Was haben die Apostel und Propheten wirklich ins Stammbuch der Kirche geschrieben? Welche Auslegung erweist sich als schriftgemäß und fruchtbar für das Leben der Christen und für das Gedeihen der Kirche?

Machen wir uns nichts vor: Dieses Ringen um die biblische Botschaft ist nicht immer angenehm. Ich lese viel lieber, wie Jesus die Kinder segnet statt wie er die Händler im Tempel auspeitscht. Ich lese bei Paulus lieber sein Hohelied der Liebe statt seinen „Fluch“ über die Verbreiter eines falschen Evangeliums (Galater 1, 8). Es schmerzt mich, welch hohen Preis viele Menschen in der Kirchengeschichte dafür bezahlt haben, öffentlich für ihre Schrifterkenntnis einzustehen. Für Martin Luther war es lebensgefährlich. Zahllose andere haben mit tatsächlich mit Unterdrückung, Vertreibung und ihrem Leben dafür bezahlt.

Dröhnendes Schweigen

Traurig ist, dass wir diese Schriftdiskussionen deshalb so oft meiden. Bei zentralen theologischen Fragen vernehme ich weit überwiegend dröhnendes Schweigen in meiner Kirche. Schon klar: Wir Christen sollen Friedensstifter sein. Dazu scheint das theologische Diskutieren und Kritisieren nicht zu passen. Aber dürfen wir unser Schweigen wirklich so geistlich verklären? In der Bibel war das Friedenstiften und das unruhestiftende Einstehen für die Wahrheit nie ein Gegensatz. Ich fürchte deshalb, dass es oft gar nicht an unserer Friedensliebe liegt, dass es so wenig Dispute und Diskussionen in der Kirche gibt. An mir selbst beobachte ich, dass das auch ganz viel mit Menschenfurcht zu tun hat. Und nur so kann ich mir erklären, warum in meiner Kirche Kritik an der Bibel zwar kräftig betrieben, Kritik an Auslegern der Bibel aber weitestgehend vermieden wird.

Eine überraschende Wendung

Im letzten Jahr ist etwas völlig überraschendes in meinem Leben passiert. Ich dachte immer, mein Fokus würde dauerhaft auf Lobpreis, Lehre, dem AiGG-Glaubenskurs und Gebet liegen. Doch plötzlich finde ich mich inmitten von heißen Debatten über die Bibel wieder. Zuerst diese Einladung zum christlichen Podcast Hossa-Talk, dann die Diskussion mit Prof. Dietz in idea. Zuletzt haben die 3 Frontleute von Hossa-Talk zusammen mit dem emeritierten Theologieprofessor Siegfried Zimmer geschlagene 2 Stunden speziell über mich und meine Thesen gesprochen. Unglaublich!

Klar, das ist nicht nur angenehm. In den Nächten nach der Veröffentlichung dieses Zimmer-Hossa-Talks war mein Schlaf nicht ganz so gut wie sonst. Aber je länger ich darüber bete und nachdenke glaube ich, dass diese Diskussionen wirklich ein Grund sind zu sagen: Jubilate! Jauchzt und jubelt! Denn Debatten dieser Art haben jeden geistlichen Aufbruch begleitet. Und so wird es auch beim kommenden geistlichen Aufbruch sein. Und was braucht unser Land dringender als einen neuen, tiefgreifenden geistlichen Aufbruch?

Endlich… reden wir über die Dinge, die wirklich wichtig sind: Bibelverständnis, Christus, Kreuz und Auferstehung!

Kultur, Soziologie, Politik, Umwelt, Säkularisierung, interreligiöser Dialog: So viele Themen, die meine Kirche beschäftigt, finde ich auffallend selten in der Bibel. Selbst die ethischen Fragen, an denen sich der Streit unter Christen oft entzündet, sind der Bibel zwar durchaus wichtig – aber sie stehen nicht im Mittelpunkt. Im Zentrum der Bibel steht vielmehr: Christus, das Kreuz und die Auferstehung. Und die einzige Informationsquelle über diese Themen ist die Bibel selbst. Die Frage nach dem Bibelverständnis ist deshalb ebenso grundlegend.

Ich bin ehrlich überzeugt: So wichtig Fragen nach Strukturen, Gottesdienstkultur oder Ethik sind, so sehr ich für Fortschritte bei Digitalisierung und christlichem Engagement in der Politik bin – die Zukunft der Kirche wird sich daran nicht entscheiden. Aber bei Bibelverständnis, Christologie, Kreuzesverständnis und Auferstehung geht es um das Innerste vom Inneren der Kirche. HIER liegt das Herz des Evangeliums. Gute Theologie allein macht die Kirche zwar noch nicht gesund – aber ohne gute Lehre bei den zentralen Themen des Glaubens kann keine Kirche von innen heraus gesunden. Jede Modernisierung der Kirche bleibt ohne gute und gesunde Lehre nur Fassade und vergebliche Liebesmüh.

Warum die Debatte oft anstrengend ist

Deshalb ist es eine großartige Nachricht, dass wir uns endlich Zeit nehmen, über genau diese Punkte miteinander zu sprechen! Allerdings müssen wir uns bewusst machen: Diese Diskussion kann anstrengend sein. Das hat verschiedene Ursachen:

  • Es sind jede Menge Vorurteile und Klischees im Spiel.
  • Es sind jede Menge Emotionen und Verletzungen im Spiel.
  • Es sind jede Menge Ängste im Spiel.

Dazu kommt: Es ist nicht die Ausnahme sondern eher die Regel, dass identische Begriffe von verschiedenen Leuten völlig unterschiedlich gefüllt werden: „Sühneopfer“, „Gottes Wort“, „Auferstehung“, „Verlässlichkeit der Bibel“, „Christus allein“, „christliche Freiheit“, „Weltgericht“, „Messias“, „Bibelkritik“, “Geistesfülle”: Die Liste der komplett verschieden gefüllten Begriffshülsen ließe sich noch lange fortsetzen. Gerade die kirchliche Theologie ist oft ein Meister darin, an den alten Begriffen festzuhalten, obwohl der Inhalt inzwischen ein völlig anderer ist. Besonders wild wird es bei den „Schubladenbegriffen“: „Liberale“, „Progressive“, „Konservative“, „Evangelikale“, „Fundamentalisten“: Bei keinem dieser Begriffe, ohne die wir für die Verständigung nun einmal leider nicht auskommen, gibt es gängige Definitionen, an die sich alle halten.  So kommt es, dass unterschiedliche Personen mit annähernd gleichlautenden Sätzen völlig unterschiedliche Dinge meinen können. Missverständnisse sind da natürlich vorprogrammiert.

In dieser hochsensiblen Gemengelage ist es nicht verwunderlich, dass die seltenen Stellungnahmen von Funktionsträgern zu zentralen theologischen Themen oft so vorsichtig abwägend oder gar verschwurbelt klingen, dass sich zwar kaum jemand daran stört – aber es interessiert sich auch kaum jemand dafür. Dabei zeigen Untersuchungen zum Kirchenaustrittsverhalten: Die großen Kirchen leiden nicht daran, dass die Menschen ihre Positionen falsch finden sondern dass sie ihre Position für irrelevant halten. In dieser Situation wäre es so wichtig, dass Klartext geredet wird! Solange alles gleich gültig ist, ist alles gleichgültig. Die Kirche Jesu braucht klare Standpunkte, die sie verständlich kommunizieren kann.

Deshalb MÜSSEN wir Fragen wie diese gründlich miteinander besprechen:

  • Ist Jesus leiblich auferstanden? War das Grab leer oder nicht?
  • Hatte der Tod Jesu eine Heilsbedeutung? Wenn ja: Hatte er nur für uns Menschen eine Bedeutung oder auch für Gott?
  • War Jesus der, den die Evangelien beschreiben? Hielt er sich selbst für den Messias oder nicht? Stammen die biblischen Jesuszitate von Jesus oder wurden ihm einige nachträglich in den Mund gelegt?
  • Enthält die Bibel primär Theologie oder Berichte vom heilsgeschichtlichen Handeln Gottes mit den Menschen? Sind die historisch gemeinten Erzählungen der Bibel tatsächlich passiert oder nicht?
  • Enthält die Bibel nur Wort Gottes, so dass wir zwischen Gottes- und Menschenwort unterscheiden müssen? Oder ist sie insgesamt verlässliches Gotteswort, so dass wir „nur“ um die rechte Auslegung ringen müssen?
  • Ist die Bibel eine Einheit mit sich gegenseitig ergänzenden Polen oder ist sie theologisch widersprüchlich?
  • Ist die Bibel in ihren wesentlichen Aussagen klar oder ist sie uns durch die zeitliche und kulturelle Distanz so fremd, dass sie nur mit bibelwissenschaftlichen Methoden verständlich wird?

Manche dieser Fragen mögen sich auf den ersten Blick zweitrangig oder gar nach Wortklauberei anhören. Aber gerade in den letzten Monaten wurde mir überdeutlich: In der Praxis hat jede dieser Fragen gewaltige Konsequenzen. Die Antworten entscheiden grundlegend über die Ausrichtung unserer Gemeindearbeit. Im Artikel „Das Kreuz – Stolperstein der Theologie“ habe ich das am Beispiel der Bedeutung des Sühneopfers beispielhaft nachgezeichnet.

Deshalb sage ich: Jubilate! Wie gut, dass wir diese allerzentralsten Fragen miteinander anpacken, auch wenn es anstrengend und herausfordernd ist! Der AiGG-Blog wird sich dieser Aufgabe weiterhin intensiv widmen. Je tiefer man in den Dialog einsteigt, umso mehr lernt man dazu – sowohl inhaltlich als auch in Bezug auf die Art des Diskutierens:

Endlich… lernen wir, wie man streiten und sich dennoch lieben kann!

Debatten kosten Zeit, Kraft und oft auch Nerven. Wenn es schlecht läuft können sie an unserer Ausstrahlung als Kirche und Gemeinde zehren. Ich bin froh und dankbar, dass Martin Luther sein Schriftverständnis durchgefochten hat, auch wenn das harte Konflikte zur Folge hatte. Manchmal lässt sich das nicht vermeiden. Manchmal werden solche Diskussionen aber auch völlig unnötig destruktiv.

In den letzten Monaten habe ich Beispiele erlebt, wie Dialog richtig gut funktionieren kann. Bei meinem „Hossa-Talk“ war große Sympathie im Raum – obwohl wir uns bei vielen Streitpunkten überhaupt nicht einigen konnten. Auch das Gespräch mit Prof. Dietz empfand ich trotz der unterschiedlichen Meinungen als sehr positiv. In beiden Fällen galt: Wir sind beim Diskutieren konsequent bei der Sache geblieben und nicht auf den anderen Menschen losgegangen. Es ging niemals um den Charakter oder die Herzenshaltung des Anderen. Es wurde kein dunkles Motiv, böse Strategie oder Hidden Agenda unterstellt. Wir haben einander nicht benotet, keine „Ideologie“ vermutet, uns nicht in Klischees eingesperrt und keine Strohmannargumente vorgeschoben. Großartig! So muss das sein.

Bereit sein zum persönlichen Gespräch

Ich glaube, dieser Erfolg hatte einen wichtigen Hintergrund: Wir waren alle bereit zum persönlichen Gespräch. Ich hatte im Vorfeld dieser öffentlichen Diskussionen sowohl mit Jay von Hossa Talk als auch mit Thorsten Dietz ausführlichen persönlichen Mailverkehr. Da konnten wir vieles ansprechen. Auch das, was uns nervt oder ärgert am Anderen. Ich musste mich auch mal entschuldigen und mein Diskussionsverhalten korrigieren. Verletzende Missverständnisse konnten wir im Vorfeld ausräumen. Deshalb bin ich mit großem Frieden in diese öffentlichen Gespräche gegangen, denn ich war mir sicher: Es wird um die Sache gehen, nicht um Persönliches. Ich finde: Diesen Frieden merkt man den Gesprächen an.

Vor dem Hossa-Talk mit Prof. Zimmer wurde ich angefragt, mit dabei zu sein und mitzudiskutieren. Das hat bei mir zwiespältige Gefühle ausgelöst. Ich hatte noch nie persönlichen Kontakt mit Herrn Zimmer. Da konnte noch kein Vertrauen wachsen zwischen uns. Ich habe deshalb geantwortet, dass ich mir zuerst ein persönliches Gespräch wünsche, bevor wir öffentlich diskutieren, weil ich die Gefahr sehe, dass die Gesprächsatmosphäre sonst weniger friedvoll, respektvoll und sachlich werden könnte als in den vorherigen Gesprächen. Das wäre dann für alle schädlich. Schade, dass ich dazu keine Antwort bekommen habe. Einige Passagen in dem Hossa-Talk mit Siegfried Zimmer bestärken mich in meinem Eindruck, dass ein vorheriges persönliches Gespräch besser gewesen wäre.

Die Motivation prüfen

Noch etwas wurde mir wichtig im letzten Jahr: Bevor ich mich öffentlich äußere muss ich zuerst in einen persönlichen Frieden finden. Zuerst den Menschen vergeben, von denen man sich verletzt fühlt. Zuerst sich füllen lassen mit der Gnade Gottes, aus der ich selber lebe, damit ich auch Gnade für andere habe. Zuerst Zuversicht und damit auch Gelassenheit tanken, weil Gott am Ende doch alles unter Kontrolle hat. Zuerst klären: Warum will ich das jetzt sagen? Will ich mich rechtfertigen? Oder lasse ich Gott mein Anwalt sein? Geht es um mein Ansehen und mein Rechthaben? Oder geht es um Gottes Ehre, um sein Reich und um das Wohl der Menschen, die Gott liebt? Das gelingt mir leider nicht immer – aber ich versuche, daran zu arbeiten.

Namen nennen – im geeigneten Rahmen!

In meiner Gemeinde habe ich erlebt, wie sehr die Atmosphäre vergiftet wird, wenn Leute sagen: „Vielen Leuten missfällt, dass Du…“ Solche unspezifischen Aussagen erzeugen Verunsicherung. Wer ist da alles unzufrieden mit mir? Wem kann ich jetzt überhaupt noch unbelastet begegnen? Viel besser erscheint es mir deshalb, konkret zu werden: Wer genau denkt schlecht über mich? Nur dann gibt es die Chance, die Dinge gezielt anzusprechen und auszuräumen.

Dialog und Gespräch funktioniert nun einmal grundsätzlich nur mit konkreten Personen. Das gilt ganz besonders für theologische Debatten. Wer ist gemeint, wenn sich jemand über „Fundamentalismus“ beklagt? Wem wird genau unterstellt, dass die Bibel vergöttlicht wird oder dass ein islamisches Schriftverständnis vorherrscht? Bei welchen Leuten empfindet man Verstandes- und Wissenschaftsfeindlichkeit oder eine Angst- und Abschottungsmentalität? Betrifft das nur ein paar wenige Sondergruppen? Oder die ganze evangelikale Bewegung?

Ich bin deshalb mehr denn je dafür, im geeigneten Rahmen konkret zu werden und in Debatten auch Namen zu nennen. In jeder theologischen Arbeit ist das ja vollkommen normal. Wenn ich mich abgrenze von der Theologie Bultmanns ist das viel konkreter als wenn ich mich allgemein von liberaler Theologie abgrenze – zumal nach bestimmten Definitionen Bultmann gar nicht als liberaler Theologe gilt! Natürlich muss es bei solch einer Abgrenzung um die Sachpositionen Bultmanns gehen, nicht um den Menschen Bultmann. Nur so kommen wir in der Debatte voran.

Einander loslassen!

Und noch ein Prinzip ist mir wichtig geworden: Wir müssen einander freigeben. Nicht jeder muss so denken und so unterwegs sein wie ich. Manchmal war auch bei den biblischen Protagonisten eine Trennung der beste Weg (Apg. 15, 36ff.). Das hat auch mit Respekt zu tun vor der anderen Meinung und dem Weg, den Gott den Anderen führen kann. Das Ziel unserer Debatten sollte deshalb immer sein: Einheit, wo immer möglich. Aber wo das nicht geht, sollten wir das nicht übertünchen. Erst recht sollten wir andere nicht bedrängen oder unter Druck setzen. Viel besser ist eine geklärte, wenn möglich versöhnte Verschiedenheit, in der wir uns einander die Freiheit zugestehen, unterschiedliche Wege zu gehen. Es darf doch verschieden geprägte Denominationen geben. In den großen Kirchen darf es doch auch verschiedene Richtungsgemeinden mit unterschiedlicher Ausrichtung. Wenn es an den Universitäten so gut wie keine evangelikalen Theologen gibt (wie Siegfried Zimmer im Hossa-Talk berichtet), dann freue ich mich sehr darüber, dass es Ausbildungsstätten gibt, die einen konsequent evangelikalen Weg gehen. Mich macht es traurig, wenn man ihnen unterstellt, dass sie von Abgrenzung und der Kritik an anderen leben.

Wie gut, dass wir trotz aller notwendigen sachlichen Auseinandersetzung das persönliche Urteil über andere Menschen, Gruppen, Gemeinden und Bewegung getrost Gott überlassen können. Wie gut, dass wir lernen können, wie man streiten und sich dennoch lieben kann (wie es Manfred Siebald so schön formuliert hat). Wie gut, dass wir uns manchmal auch freigeben können für unterschiedliche Wege. Jubilate! Jauchzt und Jubelt!