Wie bleiben wir Menschen mit Mission 7: Haben die Evangelikalen ein Problem mit „Rechts“(-populismus)?

Diesen Artikel wollte ich ursprünglich gar nicht schreiben. Denn persönlich bin ich der Meinung: Christen sollten sich sammeln um Jesus, Bibel und Bekenntnis. In politischen Fragen werden sie niemals einer Meinung sein. Stattdessen sollten sie ein Vorbild darin sein, auch bei großen Meinungsdifferenzen respektvoll miteinander im Gespräch zu bleiben.

Thorsten Dietz ist aber der Meinung, dass das Thema Rechtspopulismus unbedingt ganz oben auf die Tagesordnung der Evangelikalen gehört: Ich sehe in der rechtspopulistischen Versuchung die größte Gefahr der Evangelikalen in der Gegenwart. (S. 301) Hinter dieser Überzeugung steht ein Ereignis, dass aus der Sicht von Thorsten Dietz „ein weltgeschichtlicher Einschnitt“ (S. 278) war: Die Ära Trump ist eine Zäsur. Denn durch die rückhaltlose Unterstützung seiner Präsidentschaft durch die überwältigende Mehrheit der Evangelikalen wurde die öffentliche Wahrnehmung des Evangelikalismus für die Gegenwart neu justiert. Evangelikale werden in der amerikanischen Öffentlichkeit weit überwiegend durch ihre politische Einstellung definiert. Für die besten Kenner ihrer Geschichte ist die Marke »evangelikal« dadurch mindestens beschädigt. (S. 51)

Während es im vorherigen Artikel um den Rückzug der Evangelikalen aus der Gesellschaft ging, steht hier der gegenteilige Vorwurf im Raum: Evangelikale wollen zur politischen Macht greifen und damit ihre rechten Positionen durchboxen. Auch in Deutschland sieht Dietz eine „christliche Rechte“. Dietz zitiert den evangelischen Theologen Martin Fritz, der deren Positionen wie folgt beschreibt:

Die Moderne wird als Auflösung von moralischen und gesellschaftlichen Verbindlichkeiten begriffen. Angesichts dieser Auflösungstendenzen wird die Notwendigkeit eindeutiger Normen gefordert. … Linke Politik wird als Gängelung empfunden. Die Wahrung der eigenen Grundrechte wird stark betont. Der gesellschaftliche Kulturwandel wird im weitesten Sinne als kulturmarxistisch empfunden. Die Geschichte Osteuropas ist sehr präsent. »Nie wieder Sozialismus« ist eine weitverbreitete Überzeugung. …. Verwurzelung in der Heimat ist wichtig. … Insbesondere der Islam ist ständiger Gegenstand prinzipieller Abgrenzung. Der Islam gilt als demokratieunfähig. … Die Auflösung klassischer Geschlechterrollen gilt als große Gefahr. Vor allem die mögliche Verwirrung der eigenen Kinder in der Schule wird gefürchtet. … Rechts ist für Fritz ein klassisch-konservatives Christentum im Modus des Kulturkampfes. Zur rechten Ideologie gehört der Kampfcharakter, der Verzicht auf das Ziel, gemeinsam mit allen und für alle Gesellschaft zu gestalten. (S. 297/298) Und Dietz ergänzt: Mit ihren Idealen und ihren Bündnisgenossen ist die christliche Rechte im Kern antidemokratisch. (S. 304) Dadurch unterscheiden sie sich fundamental von „Konservativen“, denn sie zeichnen sich eher durch hohe Grundwerte in Fragen wie Staatsvertrauen und Fortschrittszuversicht aus. (S. 299)

Was können wir von Thorsten Dietz lernen?

Die Versuchung der Kirche, sich mit der politischen Macht zu verbünden, ist uralt. Seit der „konstantinischen Wende“ im vierten Jahrhundert zieht sich dieses Problem durch die europäische Kirchengeschichte. Er hat dem Evangelium immer wieder enorm geschadet. Thorsten Dietz empfiehlt m.E. zurecht, sich davon abzuwenden. Nicht erwähnt wird leider, dass das natürlich vor allem für die Volkskirchen dramatische Konsequenzen hätte!

Natürlich sollen sich Christen als demokratische Bürger positiv in den Staat einbringen und ihn nach Kräften mitgestalten. Der Versuchung, spezifisch christliche Positionen nicht über den Weg der Verkündigung, sondern durch Machtmittel durchsetzen zu wollen, sollte die Christenheit aber strikt widerstehen. Wir sehen gerade wieder in Russland, in welch furchtbaren (und berechtigten!) Misskredit das die Kirche bringt. Die Kirche Jesu ist immer gebunden an das Wort Jesu: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“ (Joh. 18, 36) Wir sollten alles, was in unserer Macht steht, dazu beitragen, dass „evangelikal“ auch zukünftig für leidenschaftliche Jesusnachfolger steht – und nicht für ein spezielles politisches Milieu.

Dafür sollten wir auch die Mahnung von Markus Spieker beachten: „Jesus-Nachfolge und Wut-Rhetorik passen nicht zusammen.[1] Wenn wir als Christen unsere politische Meinung einbringen, dann sollten wir nicht nur durch inhaltlich fundierte, durchdachte Äußerungen auffallen, sondern zugleich auch durch unseren respektvollen Tonfall. Wenn sich die Gesellschaft zunehmend nur noch anschreit, dann sollten wir vorleben, wie eine gute, demokratische Debattenkultur aussehen kann.

Gibt es Anfragen oder Gegenperspektiven zu den Thesen von Thorsten Dietz?

Beim Lesen der Zitate von Martin Fritz habe ich mich gefragt: Gehöre ich denn auch zur „christlichen Rechten“? Tatsächlich muss ich „gestehen“: Die Wahrung der Grundrechte ist mir sehr wichtig. Ich finde: Die Geschichte Osteuropas sollte uns allen sehr präsent sein. Und ist denn der Satz »Nie wieder Sozialismus« angesichts der furchtbaren Entwicklungen in Venezuela, in den sozialistischen Regimen im ehemaligen „Ostblock“ und angesichts der grauenvollen Blutspur in den kommunistischen Diktaturen des 20. Jahrhunderts eine anrüchige Position? Gibt es nicht gute Gründe, Heimatverwurzelung für eine wertvolle Grundlage für eine gesunde Identifikation mit unserem Gemeinwesen zu halten? Gibt es im weltweiten und im historischen Islam nicht wirklich Anzeichen für antidemokratische (und antisemitische!) Tendenzen, auf die auch liberale Muslime mahnend hinweisen? Und ja, ich gebe zu: Meine Fortschrittszuversicht ist begrenzt. Gegen einen schamgrenzenüberschreitenden Sexualkundeunterricht bin auch ich schon demonstrieren gegangen. Und bestimmte Konkretionen linker Politik, wie zum Beispiel die „Gendersprache“, empfinde ich nicht nur aus sachlichen Gründen als Irrweg sondern tatsächlich als Gängelung. Laut Umfragen scheint es einem großen Teil der Bevölkerung ähnlich zu gehen.

Natürlich ist es wichtig, nicht auf üble politische Vereinfacher hereinzufallen. Aber trägt die Verknüpfung solcher Meinungen mit Adjektiven wie „antidemokratisch“ nicht nur weiter zur Spaltung der Gesellschaft und zur Vergiftung der notwendigen Diskurse bei? Muss man nicht auch diese Positionen ernst nehmen und einbeziehen, wenn man „gemeinsam mit allen und für alle Gesellschaft … gestalten“ möchte? Und wäre es umgekehrt nicht gerade wichtig, dass sich die intellektuellen Eliten einmal selbstkritisch dem Vorwurf der „Gängelung“ stellen, statt vorschnell die „rechte Keule“ zu schwingen?

In seinem Buch „Übermorgenland“ stellt Markus Spieker die These auf: „Heute sind es der Duktus, der Jargon, die Attitüde der »politisch korrekten Avantgarde«, die bodenständigen Gemütern die Galle überlaufen lassen. Aus diesem Frust speit sich der Erfolg populistischer Politiker, die ihn zum neuen Klassenkampf stilisieren.“ (S. 162) Tatsächlich wird mittlerweile in breiten gesellschaftlichen Kreisen diskutiert, dass die „Woke-Culture“ mit ihrem gruppenbezogenen identitätspolitischen Ansatz einen aggressiven Kulturkampf führt, der stark zur wachsenden Polarisierung beiträgt (siehe z.B. der vielbeachtete Text von Wolfgang Thierse oder der Bericht der ehemaligen New-York-Times Journalistin Bari Weiss).

Carl Trueman ist in seinem Artikel „über das Versagen der evangelikalen Eliten“ der Meinung, dass diese Dynamik auch bei der Wahl von Donald Trump eine viel zu wenig beachtete Rolle spielte. In dem Bemühen, die Verächter des Christentums zu besänftigen, war es laut Trueman für viele evangelikale Leiter „nur zu einfach, das simplifizierte progressive Narrativ zu übernehmen: Jeder einzelne Trump-Wähler ist ein ignoranter Fanatiker und, wenn er sich zum Christentum bekennt, auch ein Heuchler. Der Gedanke, dass nicht alle, die für Trump gestimmt haben, dies mit Begeisterung taten, hatte keinen Platz in der Interpretation der säkularen Elite von 2016; und er passte auch nicht in das therapeutische Narrativ, das von vielen Anti-Trump-Christen übernommen wurde. … Zuzugeben, dass Trumps Sieg kein Produkt des weißen christlichen Nationalismus oder eines ähnlich simplen Konstrukts war, hätte ein schmerzhaftes Maß an Gewissensprüfung und Selbstkritik seitens der leitenden Schichten der Gesellschaft im Allgemeinen und des Christentums im Besonderen erfordert. Und das machte die beiden extremen Lager, Trump und Anti-Trump, ähnlich in ihrer moralischen Klarheit, mit der jedes glaubte, seine Gegner zu verstehen.“

Bei aller notwendigen evangelikalen Selbstkritik in Bezug auf die Vorgänge rund um Donald Trump: Die Versuchung ist offenbar auf allen Seiten groß, weniger vor der eigenen Haustüre zu kehren, sondern lieber empört auf Andere zu zeigen. Erfreulicherweise räumt Thorsten Dietz an anderer Stelle im Buch ein, dass Donald Trump auch für viele weiße Evangelikale durchaus kein Traumkandidat war, sondern schlicht das kleinere Übel. Noch schöner wäre es gewesen, wenn er erwähnt hätte, dass es durchaus auch populäre weiße Evangelikale gab (wie z.B. John Piper), die sich öffentlich von Trump distanziert haben.

Bleibt noch die Frage: Ist (politische) Polarisierung wirklich vornehmlich ein Problem der Evangelikalen? Der US-Amerikaner Trevin Wax berichtet von einem Forschungsprojekt, das auf Basis zahlreicher Recherchen und Interviews zu dem Schluss kommt: Es sind eher die „progressiven“ Christen, die ihre Identität über Politik definieren, während konservative Christen ihre Identität eher in der Theologie finden. Progressive Christen sind deshalb auch weniger als konservative Christen dazu bereit, über abweichende politische Auffassungen hinwegzusehen. Zudem berichtet Wax: „Die allgemeine Auffassung ist, dass theologisch konservative Christen in einer Blase von Gleichgesinnten verharren. Aber die Untersuchungen von Yancey und Quosigk haben das Gegenteil gezeigt. Es sind theologisch progressive Christen, die sich mit homogen denkenden Gleichgesinnten umgeben, und ein Teil dieser Homogenität definiert sich durch eine »überwältigend negative« Sicht auf konservative Christen. … In der Tat ist die progressive Sicht der Konservativen so düster, dass sich Progressive eher mit Muslimen als mit konservativen Christen verbunden fühlen.“ Das hat Konsequenzen für die Frage, was progressive Christen unter Mission verstehen: „Die meisten progressiven Christen … haben … nicht das Bedürfnis, andere zu ermutigen, … den christlichen Glauben anzunehmen. Der Kern ihrer Religion beruht auf den Werten der Integration, der Toleranz und der sozialen Gerechtigkeit. … Die Menschen, die am meisten der “Bekehrung” bedürfen, sind deshalb nicht Ungläubige, sondern konservative Christen.“

Diese Ergebnisse mögen für Manche überraschend klingen. Inwieweit sie auf Deutschland übertragbar sind, habe ich an anderer Stelle diskutiert. In diesem Artikel will ich am Ende vor allem Mut machen zu dem, was ich eingangs schon betont habe: In politischen Fragen sollten Christen Vorbild darin sein, sich von vereinfachender Wutrhetorik fernzuhalten, Meinungsdifferenzen auszuhalten und respektvoll im Gespräch zu bleiben. Unser gemeinsamer, verbindender Fokus sollte immer das biblisch bezeugte Evangelium von Jesus Christus sein. Meine Wahrnehmung ist, dass das unter konservativen Christen nicht schlechter gelingt als unter „Progressiven“ oder „Liberalen“.

Worüber sollten wir uns dringend gemeinsam klar werden?

Wollen wir uns von politischen Vereinfachern und düsterer, verächtlichmachender Kampfrhetorik distanzieren, uns zugleich aber trotz politischer Differenzen um Jesus und um das Evangelium sammeln und die gemeinsame Verbreitung des Evangeliums in den Vordergrund stellen?

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[1] Markus Spieker: Übermorgenland, Fontis Verlag 2019, S. 113

Weiterführend:

⇒ Weiter geht’s mit Frage 8: Fremdeln die Evangelikalen mit ihrem sozialen Auftrag?

⇒ Hier geht’s zur Übersicht über die gesamte Artikelserie.

Wie bleiben wir Menschen mit Mission 6: Ziehen sich die Evangelikalen zunehmend von der Gesellschaft zurück?

Thorsten Dietz nimmt unter den Evangelikalen zwei unterschiedliche Strömungen wahr: Hier die missionarische Glaubensbewegung, die ganz vom positiven Ziel der Evangelisation beflügelt wird; dort die soziale Gruppe, die ihren Glauben sehr stark durch Abgrenzung von der modernen Gesellschaft bestimmt. (S. 337) Bei einigen konservativen Gläubigen diagnostiziert Dietz eine bekenntnis-evangelikale Logik des generellen Misstrauens gegen die moderne Gesellschaft. (S. 230)

Für dieses Misstrauen macht Dietz zwei Quellen aus: Wir haben gesehen, wie die Evangelikalen durch apokalyptisches Denken und fundamentalistische Theologie teilweise eine massive Entbettung gegenüber ihrer Umgebungskultur durchlaufen haben. (S. 303) Der Pessimismus und die „Entbettung“ mündet für Dietz schließlich in einen Kulturkampf: Es gibt auch in Deutschland den kulturpessimistischen Evangelikalismus, der sich seinen Aktivismus nur als Kampf gegen andere und vor allem gegen die liberale Gesellschaft vorstellen kann. (S. 366)

Aus der Sicht von Thorsten Dietz handelt es sich hier um ein absolut zentrales Problem, das über die Zukunft des Evangelikalismus entscheiden wird: In der deutschen evangelikalen Bewegung dürfte die umfassende Schlüsselfrage sein: Wie verhalten sich Evangelikale zur modernen Welt, zur Entwicklung der modernen Wissenschaften, zur Demokratie mit ihrer Gründung auf die Grundfreiheiten des Menschen, wie sie im Bekenntnis zur Menschenwürde und zu den Menschenrechten zum Ausdruck kommen? (S. 366) Die Auseinandersetzung mit der Moderne in ihrer Vielfalt und Widersprüchlichkeit ist die Aufgabe der Stunde. (S. 361)

Was können wir von Thorsten Dietz lernen?

Dietz schreibt: Kulturpessimismus aus Prinzip ist für viele Evangelikale eine große Versuchung geworden. … Zunehmend entzweit ein solcher Kulturpessimismus auch die deutschen Evangelikalen. (S. 369) Fakt ist: Die Polarisierung und das wachsende Misstrauen zwischen den verschiedenen Filterblasen im Internet ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Es betrifft damit natürlich auch die Evangelikalen. Dazu kommt: Es ist tatsächlich eine Versuchung, die eigene Identität durch die Abgrenzung von Anderen zu definieren. Mit öffentlicher Kritik kann man eine Menge Klicks generieren. Für Christen muss aber auch klar sein: Durch Kritik allein kommt niemand zum Glauben und wächst keine Gemeinde. Bewegungen, die nur von der Kritik an anderen leben, können zwar kurz Aufmerksamkeit erzeugen, aber sie werden dann auch ziemlich schnell unattraktiv und unfruchtbar. Davon zeugt auch die Entwicklung mancher Bekenntnisgruppen der vergangenen Jahrzehnte. Kein Wunder, dass Ulrich Parzany immer wieder fragt: Was treibt uns eigentlich an? Rechthaberei? Oder Retterliebe? Wer Menschen gewinnen will, muss die Menschen lieben und hoffnungsvoll auf sie zugehen. Wer überall nur noch Niedergang, Abfall und Verblendung sieht, kann sich nur noch in seiner Burg einigeln. Frucht entsteht aus einer solchen Haltung nicht.

Für die Zukunft wünscht sich Thorsten Dietz eine evangelikale Bewegung, die vor allem an dem erkannt wird, wofür sie eintritt. Eine Dafür-Bewegung und keine Dagegen-Bewegung. (S. 455) Nun haben es Evangelikale nicht in der Hand, wie Andere sie beschreiben. Christliche Bewegungen wurden seit jeher immer wieder verspottet und verzerrt dargestellt. Aber es bleibt in der Tat die Verantwortung der Evangelikalen, auf ihre Herzenshaltung zu achten. Unser Motiv und unsere Leidenschaft muss immer primär von der Liebe zu Gott und zu den Menschen geprägt sein, statt vom verzweifelten Kampf gegen Zersetzung und Gefahren.

Gibt es Anfragen oder Gegenperspektiven zu den Thesen von Thorsten Dietz?

Ohne Zweifel gibt es christliche Milieus mit einer Tendenz zu einseitig kulturpessimistischen Sichtweisen und selbstverschuldeter gesellschaftlicher Isolation. Wie verbreitet das ist, kann im Moment wohl niemand seriös sagen. Dietz berichtet zwar zutreffend von den enormen Bucherfolgen mit falschen apokalyptischen Spekulationen. Aber haben diese Bücher wirklich prägenden Einfluss erlangt? Sind sie gar mehrheitsfähig geworden (S. 233), wie Dietz meint? Meine Beobachtung ist eher: Auch viele konservative Leiter warnen vor vorschnellen Endzeitspekulationen. Die Erinnerung an falsche Prophetien und endzeitliche Szenarien ist doch überall recht lebendig.

Eine andere Herausforderung besteht darin, dass das Denken der intellektuellen Eliten unserer Gesellschaft sich immer stärker von christlichen Vorstellungen entfernt, wie auch Dietz feststellt: In der Moderne zeigt sich eine immer stärkere Auseinanderentwicklung der traditionell christlichen Kultur und der säkularen Gesellschaft. (S. 426) Der Journalist Markus Spieker berichtet in seinem Buch „Übermorgenland“ gar, dass „gerade in den akademischen Kreisen … eine undifferenzierte Christenphobie … weit verbreitet“ ist.[1] Das stellt Christen vor eine schwierige Frage: Sollten Christen gegen diese Entwicklungen ankämpfen? Oder sollten sie sich mehr anpassen, um nicht noch mehr ausgegrenzt zu werden? Der US-amerikanische Autor und Professor für Bibel- und Religionswissenschaften Carl R. Trueman bestätigt in seiner brillanten Zeitanalyse über „Das Versagen der evangelikalen Eliten“[2] das von Dietz beschriebene Problem des kulturellen Rückzugs. Zugleich weist er auf eine andere Versuchung hin, die Thorsten Dietz in seinem Buch nicht in den Blick nimmt:

„Es gibt Zeiten in der Geschichte, in denen das Christentum seinen Platz in der Gesellschaft bedroht sieht. Wenn es sich an den Rand gedrängt sieht, entstehen zwei Versuchungen. Die erste ist ein wütendes Anspruchsdenken, ein Impuls, die ganze Welt anzuprangern und sich in die kulturelle Isolation zurückzuziehen. Im frühen 20. Jahrhundert bot der amerikanische Fundamentalismus ein gutes Beispiel für diese Tendenz … Die zweite Tendenz ist subtiler und verführerischer. Während sie den Anschein erweckt, für die Wahrheit zu kämpfen, passt sie das Christentum dem Zeitgeist an. Während fundamentalistisches Fäusteballen die Versuchung der weniger gebildeten Masse ist, übt Anpassung auf die einen Reiz aus, die einen Platz am Tisch der gesellschaftlichen Elite suchen. Und diese Elite-Aspiranten geben oft den Massen die Schuld, wenn ihre Einladung an den hohen Tisch nicht zustande kommt.“

Trueman schildert eine Reihe von Versuchen, das Christentum mit den intellektuellen Eliten zu versöhnen, ohne dabei die Substanz des christlichen Glaubens preiszugeben. Dabei werde heute aber etwas Grundlegendes übersehen: „Das Hochschulwesen ist heute weitgehend das Land der „Woken“. … Die kultivierten Verächter des Christentums von heute halten dessen Lehren nicht für intellektuell unplausibel, sondern für moralisch verwerflich. Der Mainstream des modernen Denkens hat die Lehren von der Sündhaftigkeit des Menschen und der Sühne Christi als unvereinbar mit der menschlichen Autonomie und Freiheit angesehen.“

Solche unüberbrückbaren Differenzen mit gesellschaftlichen Überzeugungen sind für Christen nichts Neues. Paul Bruderer berichtet im Blog „Daniel Option“, dass schon die Lebensweise der ersten Christen „eine radikale Alternative darstellte zu den sexualethischen Werten der römischen Kultur.“ Diese christliche Gegenkultur hat der Kirche zwar Verfolgung, zugleich aber auch Profil und Zulauf eingebracht. Deshalb sollten Christen auch heute „den Mut haben, ihre Sexualethik nicht von der Gesellschaft abzuleiten, sondern von der judeo-christlichen Weltanschauung, die uns in der Bibel sichtbar gemacht wird.“ Markus Spieker hält dies auch aus praktischen Gründen für angebracht: „Je mehr ich mich mit den Folgen der sogenannten sexuellen Revolution beschäftige, vor allem für Kinder und Jugendliche, desto verstörender finde ich die Bilanz.“ (S. 221) „Die Leidtragenden des erotischen »Anything Goes« sind gerade diejenigen, die am meisten angewiesen sind auf bedingungslose Fürsorge. Wer bezweifelt, wie schädlich sich die Selbstfindungs-Expeditionen mancher Eltern auf Kinder auswirken, muss sich nur in jugendpsychiatrischen Einrichtungen oder beim Kinderhilfswerk »Arche« umsehen.“ (S. 228) Slogans wie … »Mein Bauch gehört mir« signalisieren … nicht den Aufbruch in eine natürliche Autonomie, sondern die Entfremdung der Menschen von ihrer wahren Natur.“ (S. 222)

Mit pessimistischem Kulturkampf hat die hier zum Ausdruck kommende Distanz zu philosophischen und (sexual-)ethischen Trends nichts zu tun. Carl Trueman warnt auf Basis seiner kirchengeschichtlichen Analyse sogar explizit davor, den Konflikt zu sehr entschärfen zu wollen: „Das Christentum sagt der Welt, was sie nicht hören will. Wir sollten nicht erwarten, von denen umarmt zu werden, deren Gedanken und Taten den Wahrheiten unseres Glaubens widersprechen. Wir sollten auch nicht versuchen, unseren Glauben schmackhafter zu machen, sonst verliert das Salz seinen Geschmack. Sich den Forderungen der Welt anzupassen ist ein Irrweg.“

Meine Empfehlung an die Evangelikalen ist deshalb, keinesfalls den Fehler der liberalen Kirchen zu wiederholen. Wer sich auf der Suche nach gesellschaftlicher Anerkennung ständig anpasst und für alles offen ist, marginalisiert sich selbst. Überleben werden am Ende nur solche christliche Strömungen, die sich einerseits selbstkritisch eigenen Fehlern stellen, die zugleich aber fröhlich und hoffnungsvoll ein klares biblisches Profil behalten – auch wenn ihnen das Ausgrenzung und Verachtung einbringt.

Worüber sollten wir uns dringend gemeinsam klar werden?

Wie können wir uns davor schützen, im Blick auf unsere Gesellschaft weder in eine profillose Anbiederung noch in ein destruktives Grundmisstrauen zu verfallen? Wollen wir neu nach vertiefter biblischer Orientierung und Erfüllung mit dem Geist der Wahrheit suchen, der uns sowohl prophetische Schärfe wie auch aufopferungsvolle Liebe verleiht, die niemals die Hoffnung verliert? Sind wir bereit, gesellschaftliche Ausgrenzung notfalls auszuhalten?

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[1] Markus Spieker: Übermorgenland, Fontis Verlag 2019, S. 282

[2] Carl R. Trueman: „The Failure of Evangelical Elites“, FirstThings 11/2021, in Teilen übersetzt und kommentiert in: „Warum die Woke-Culture die Evangelikalen spaltet“ (blog.aigg.de/?p=5882)

Weiterführend:

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Wie bleiben wir Menschen mit Mission 5: Was bedeutet das Phänomen der „Postevangelikalen“ für die evangelikale Bewegung?

Das Thema Wissenschaft spielt auch im Kapitel über die sogenannten „Postevangelikalen“ eine wichtige Rolle. Gleich zweimal äußert Dietz: Postevangelikale legen (großen) Wert auf intellektuelle Redlichkeit. (S. 316 und 326) Konkret bedeutet das:

  • Sie halten zwar am Offenbarungsglauben und an der Heiligen Schrift fest. Sie setzen sich aber ab von einer Entwicklung innerhalb des Evangelikalismus, die die Irrtumslosigkeit der Bibel zum zentralen Maßstab der Bibeltreue gemacht hat. (S. 316)
  • Postevangelikale distanzieren sich vom Fundamentalismus im Allgemeinen und vom fundamentalistischen Schriftverständnis im Besonderen. … Sie lehnen den Kreationismus ab. (S. 326)
  • Sie bejahen die evangelikale Bewegung, insofern sie eine Selbstbehauptung des christlichen Glaubens im Zeitalter zunehmender Säkularisierung war. Es sind die massiven antimodernen Haltungen, denen sie widersprechen: dem apokalyptischen Geist, der die Moderne pauschal eines unaufhaltsamen Niedergangs bezichtigt; dem fundamentalistischen Versuch, die Bibel als Grundlage eines Weltbildes zu verwenden, das sich von der wissenschaftlichen Welterkenntnis der Gegenwart unabhängig macht, und schließlich dem Bestreben, mit politischen Mitteln eine autoritäre Gegenkultur zu errichten, die klassische Hierarchien der Geschlechter und Kulturen gegen die Gleichheitsideale der Neuzeit aufrechtzuerhalten versucht. (S. 329)

Demnach wären es nicht etwa die Postevangelikalen, die sich von evangelikalen Überzeugungen entfernt haben. Es gäbe vielmehr unter Evangelikalen negative Trends, die Postevangelikale nicht mitgehen wollen, um intellektuell redlich leben und glauben zu können. Dietz stellt gar die Frage: Handelt es sich beim Postevangelikalismus also um Erfahrungen des Glaubenswachstums?[1] (S. 326) Er will sich aber diesbezüglich nicht festlegen: Müsste man daher sagen, dass es eigentlich umgekehrt ist: Wenden sich Postevangelikale nicht von der evangelikalen Bewegung … ab, sondern nur von seinen fundamentalistischen Entstellungen? … Mein Vorschlag ist an dieser Stelle, Postevangelikale weder als liberale Abtrünnige noch als Flüchtende vor dem Fundamentalismus zu betrachten. Für zusammenfassende Bewertungen des Spektrums ist es noch zu früh. (S. 320)

Dietz äußert sich durchaus auch kritisch über Postevangelikale, wenn er schreibt: Bisweilen kommen sie dabei im Umgang mit der Heiligen Schrift zu einer Beliebigkeit, die weit hinter dem zurückbleibt, was in allen nicht evangelikalen Kirchengemeinschaften betont wird. Die Verbindlichkeit der Bibel als Grundlage von Glauben und Leben ist keine evangelikale oder fundamentalistische Idee. In den neutestamentlichen Texten sind die heiligen Schriften Israels keine bloßen Meinungsäußerungen. Wenn Postevangelikale im Gegensatz zum bisherigen Fundamentalismus ihr freies Verhältnis zur Bibel betonen, die sie für gute Literatur halten, aber nicht als Autorität in irgendeinem Sinne, ist das keine liberale Theologie, sondern kaum noch christliche Theologie. (S. 326/327) Sind einige Postevangelikale in ihrem Umgang mit der Bibel also noch liberaler als die großen Kirchen? Richtig ist, dass kirchliche Bekenntnisse der Bibel eine hohe Autorität einräumen und dass Pfarrer im Ordinationsgelübde darauf verpflichtet werden. Meine Beobachtung ist aber auch: In der universitären theologischen Praxis wird die biblische Autorität vielfach noch viel weitergehender verworfen als ich das aus postevangelikalen Äußerungen kenne.

Was können wir von Thorsten Dietz lernen?

Thorsten Dietz schreibt: Allzu oft wurden Menschen vermeintlich absolute Wahrheiten im Namen der Bibel entgegengehalten, die lediglich auf menschlich allzu menschlichen Festlegungen beruhten. Auf solche Zumutungen mit Vertrauensverweigerung zu reagieren, ist gesund und notwendig. (S. 327) Dieses Problem kenne ich aus vielen Begegnungen mit Postevangelikalen, die mir gezeigt haben: Manche evangelikale Milieus leiden tatsächlich unter Enge, Denkfeindlichkeit sowie unter dem manipulativen Einfluss von Machtmenschen, die ihre ganz persönliche Bibelauslegung zum autoritativen Maßstab für alle machen wollen. Dabei spielt auch eine Rolle, dass nicht wenige Gruppierungen stark von einzelnen charismatischen Leiterpersönlichkeiten geprägt sind. Dazu schreibt Dietz: Diese charismafreundliche Religionsstruktur ist höchst missbrauchsanfällig. Mit dieser Ambivalenz umzugehen ist eine der großen Herausforderungen der evangelikalen Welt. (S. 437) Die Skandale um evangelikale Leitungspersönlichkeiten beweisen, dass Dietz hier einen wichtigen Punkt anspricht.

Richtig ist auch, dass viele Postevangelikale auf intellektuelle Redlichkeit besonderen Wert legen und dass sie deshalb den akademischen Anspruch universitärer Theologie für attraktiv halten. Die Frage ist nur: Ist progressive bzw. liberale Theologie intellektuell wirklich befriedigender als seriöse evangelikale Theologie? Legen Evangelikale denn wirklich pauschal weniger Wert auf intellektuelle Redlichkeit als Postevangelikale?

Gibt es Anfragen oder Gegenperspektiven zu den Thesen von Thorsten Dietz?

Ich selbst gehöre definitiv zu denen, die unmöglich auf Dauer gegen ihren Intellekt anglauben könnten. Natürlich gibt es Fragen, auf die ich in meinem Welt-, Gottes- und Menschenbild keine Antwort weiß. Ich bin jedoch der Meinung: Es gibt im Moment kein einziges Welterklärungsmodell, das nicht mit massiven Problemen zu kämpfen hätte. Mit ungeklärten Fragen müssen wir alle leben. Auch in postevangelikalen Denksystemen fallen nicht nur mir erhebliche Dissonanzen und Widersprüche auf. Oft begegnen mir dort auch Argumentationen, die eher gefühlsgeleitet statt sachorientiert sind. Könnte es sein, dass es hier manchmal weniger um mehr intellektuelle Redlichkeit geht, sondern schlicht um die Frage: Wem vertraue ich auf Basis meiner Erfahrungen und Denkvoraussetzungen mehr?

Was mir bei allen Überlegungen von Thorsten Dietz zum Thema Postevangelikalismus ganz grundsätzlich fehlt, ist die simple und naheliegende Frage: Treffen denn die vier evangelikalen Grundmerkmale nach Bebbington (Bekehrung, Aktivismus, Biblizismus, Kreuzeszentrierung) noch auf die Postevangelikalen zu? Dietz fokussiert als Beispiel für ein postevangelikales Milieu auf die Hörerschaft des Podcasts „Hossa Talk“ von Jakob Friedrichs und Gottfried Müller. Gerade hier lässt sich zeigen, dass diese Merkmale deutlich verlassen werden. So äußert zum Beispiel Thorsten Hebel in Folge 5 („Ex-Evangelisten unter sich“): „Ich glaube, dass alle Menschen bei Gott sind. … Und deshalb macht es für mich auch keinen Sinn zu bekehren.“ Stattdessen schildert er ein Bekehrungsverständnis, das auch der Postevangelikale Rolf Krüger beschreibt: „Ziel von Mission ist … nicht ein Religionswechsel, sondern ein Gesinnungswechsel.“ Mehrfach wird im Hossa Talk die These vertreten, dass Muslime keine Christen werden müssen, um gerettet zu sein. Und mehrfach wird dort das Verständnis des Kreuzestodes als stellvertretendes Sühneopfer in aller Deutlichkeit verworfen.

Auch in der Worthaus-Mediathek findet man Vorträge, in denen das stellvertretende Sühneopfer (teils in drastischer Deutlichkeit) verworfen[2] oder zumindest subjektiviert[3] wird. Zudem gibt es eine Reihe von Vorträgen, in denen auch zentrale biblische Aussagen in Frage gestellt werden. Diese Differenzen mit evangelikalen Kernüberzeugungen kommentiert Dietz, der gemeinsam mit Siegfried Zimmer inzwischen der prominenteste Vertreter von Worthaus ist, nur knapp mit den Worten: Obwohl bei Worthaus inzwischen circa 30 Theologinnen und Theologen aufgetreten sind, die ein breites Spektrum der Theologie abdecken, von denen aber so gut wie kaum jemand liberal im engeren Sinne ist, gilt Worthaus bei manchen Evangelikalen als liberale Gefahr, als Bedrohung für bibeltreue Gemeinden, als ein Phänomen, an dem sich die Meinungen spalten. (S. 334) Richtig daran ist: Die Worthaus-Referenten sind mehrheitlich nicht „liberal“ im Sinne der universitären Definition für liberale Theologie (laut der auch Rudolf Bultmann kein liberaler Theologe war). Aber wenn Siegfried Zimmer z.B. äußert, dass Jesus nichts vorhersehen konnte[4], oder wenn er mosaische Gesetze als Männer- und Priesterphantasien bezeichnet[5], dann wird deutlich: Diese Theologie ist trotzdem weit liberaler als evangelikale Theologie! Siegfried Zimmer warnt sogar explizit vor dem Evangelikalismus mit den Worten: „Auf keinen Fall evangelikal!“ Seine Vorträge sind durchzogen mit herabwürdigenden Äußerungen über Evangelikale und ihre Positionen. Kein Wunder, dass Worthaus tatsächlich vielerorts zu Streit und Spaltung führt, wie mir seit meinen Blogartikel zum Thema „Worthaus“ immer wieder aus dem ganzen Land berichtet wird.

Auf Seite 317 schreibt Thorsten Dietz: Sind Postevangelikale also auf dem Weg zu einem liberalen Christentum? Aus Tomlinsons Sicht ist diese Frage ein typisches Problem evangelikaler Wahrnehmungsverengung. … In der Bindung an ein solches Entweder-oder-Denken liege eine Grenze des bisherigen Evangelikalismus. Angesichts des kulturellen Wandels werden Evangelikale zunehmend sprachunfähig. Es stimmt ohne Zweifel, dass die Evangelikalen zunehmend sprachunfähig werden. Aber liegt das wirklich an ihrer fehlenden „Ambiguitätstoleranz“ gegenüber postevangelikalen Positionen?

Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Artikel aus dem Jahr 2021 von Volker Gäckle, dem Leiter der Internationalen Hochschule Liebenzell. Er berichtet, dass das Klima im evangelikal-pietistischen Umfeld längst nicht mehr nur wegen der Frage nach der Bewertung gleichgeschlechtlicher Sexualität „gereizt und nicht selten überhitzt“ ist. Die Debatte drehe sich um viel zentralere Themen: „Gibt es ein letztes Gericht Gottes? Ist der Glaube an Jesus Christus das entscheidende Kriterium für Rettung und Verlorenheit? Ist die Heilige Schrift auch in geschichtlicher Hinsicht eine zuverlässige und vertrauenswürdige Grundlage für Glaube und Leben der Gemeinde? Darüber hat der Pietismus in den 60er- und 70er-Jahren mit der Ökumenischen Missionsbewegung und der liberalen Theologie auf Kirchentagen und Synoden gestritten. Heute streiten wir über ähnliche Fragestellungen im eigenen Laden.“ Auch Steffen Kern schrieb 2019 im Buch „Mission Zukunft“: „Selbst in den zentralsten Glaubens- und Lebensfragen werden viele unsicher. Was früher manchmal so klar schien, scheint auf einmal zwischen den Fingern zu zerrinnen. Die Kirchen und Gemeinden, die Haltungen und Positionen werden pluraler, Orientierung zu finden immer schwieriger. Darum verfallen wir über Frömmigkeitsgrenzen hinweg ins Schweigen.“ [Unterstreichung nachträglich]

Nicht fehlende Toleranz, sondern im Gegenteil ausufernde Pluralität ist demnach der Grund, warum Evangelikale ihre Einheit und ihre Sprachfähigkeit verlieren. Wenn Postevangelikale ins evangelikale Spektrum integriert werden, obwohl sie sich offen von den zentralen Kernmerkmalen der evangelikalen Bewegung distanzieren, dann hat das zwangsläufig negative Folgen für die Einheit, die Sprachfähigkeit und die missionarische Dynamik der Evangelikalen.

Worüber sollten wir uns dringend gemeinsam klar werden?

Wie gehen wir als Evangelikale um mit Menschen, die ihre evangelikalen Überzeugungen hinter sich lassen? Wollen wir einerseits aus den Erfahrungen lernen, die bei diesen Menschen die evangelikalen Überzeugungen ins Wanken brachten? Wollen wir andererseits gerade auch ihnen gegenüber fröhlich und mutig zu dem stehen, was uns Evangelikalen unaufgebbar wichtig ist – und uns somit auch in Bezug auf die Differenzen ehrlich machen?

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Fußnoten:

[1] Dietz hebt dabei auf die Entwicklungsmodelle nach James Fowler oder Brian McLaren ab.

[2] So äußert Dr. Thomas Breuer in seinem Worthaus-Vortrag über die Bedeutung des Kreuzestodes: „Ein Gott der Menschenopfer braucht ist nicht der gütige Vater, es ist nicht Jahwe, es ist der Gott Moloch. Es ist kein Gott dem man vertrauen kann.“ „Jesu Tod an sich ist sinnlos.“ „Erlösend ist nicht der Tod am Kreuz, erlösend ist allein die Liebe Gottes.“

[3] „Subjektivierung“ steht für die Position: Das stellvertretende Sühneopfer ist eine von vielen möglichen Deutungen des Kreuzes, an die man glauben kann, wenn das persönlich als stimmig empfunden wird.

[4] „Ich gehe mal davon aus, dass Jesus kein Hellseher war, er hat kein Orakelwissen gehabt. Meint ihr, dass Jesus alle Details, alles klar war? Er ist schon ein normaler Mensch, bitte!“ Siegfried Zimmer im Worthaus-Vortrag „Der Prozess vor Pilatus“ (53:20)

[5] „3. Buch Mose – sagt man ja so – das ist Gottes Wort. Meint ihr wirklich, dass Gott selber dermaßen frauenfeindliche Gesetze erlassen hat? Stellt ihr euch Gott so vor? … Oder sind das nicht eher Männerphantasien? Priesterphantasien?“ Siegfried Zimmer im Worthaus-Vortrag „Jesus und die blutende Frau“ (37:00)

Weiterführend:

⇒ Weiter geht’s mit Frage 6: Ziehen sich die Evangelikalen zunehmend von der Gesellschaft zurück?

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Wie bleiben wir Menschen mit Mission 4: Machen sich die Evangelikalen durch ihren Umgang mit der Wissenschaft unglaubwürdig?

Ein großes Problem am „Fundamentalismus“ ist für Thorsten Dietz: Wer sich auf diesen Weg einlässt, muss mit einer Fülle kognitiver Dissonanzen leben; oder entsprechend viel verdrängen und abblenden … Auf diesem Weg befindet man sich in einem permanenten geistigen Krieg – nach außen und vielleicht manchmal noch stärker nach innen. (S. 276) Diese drastische Diagnose stellt Thorsten Dietz vor allem in Bezug auf solche Christen, die die Evolutionstheorie ablehnen und mit einer jungen Erde rechnen, die erst einige tausend Jahre alt ist: Der Kurzzeitkreationismus kann nur im Zusammenhang mit einer globalen Verschwörungserzählung vertreten werden. (S. 248)

Der Vorwurf eines falschen Umgangs mit der Wissenschaft wird von Dietz aber noch grundsätzlicher formuliert: Evangelikale wollten Theologie und Wissenschaft betreiben. Vielfach haben sie jedoch die Strukturen einer eigenen Wissenschaftswelt errichtet, die sich bis heute von den Standards allgemeiner Wissenschaftlichkeit abschottet. Das aber ist nicht Sinn und Wesen wissenschaftlicher Forschung. (S. 174) Wie konnte es dazu kommen? Dazu schreibt Thorsten Dietz: Die klassische Theologie konnte seit der frühen Christenheit stets so etwas wie ein allgemein anerkanntes Weltbild voraussetzen, in dem die Realität des Göttlichen als gegeben galt. Im 18. Jahrhundert galt eine solche Weltsicht als Metaphysik, die nicht mehr zu überzeugen vermochte. Durch den Wegfall einer allgemeingültigen Metaphysik veränderte sich das Ansehen der Religion. Im allgemeinen Bewusstsein galt sie nun als subjektiv und persönlich. Die moderne Theologie bemühte sich um eine Erneuerung ihres Denkens in Anerkennung dieses Endes der Metaphysik. (S. 176)

Die Konsequenz diese Bemühung war: Die Theologie hat sich einem naturalistisch geprägten Wissenschaftsbegriff gebeugt, wonach man in der wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich nicht mit Ursachen rechnen darf, die jenseits des Natürlichen liegen. „Bibelkritik“ bedeutete fortan zumeist auch „Wunderkritik“. Das wunderkritische Paradigma hat weitreichende Konsequenzen:

  • Wundererzählungen können prinzipiell keinen historischen Charakter haben.
  • Den biblischen Autoren kann entgegen dem biblischen Selbstanspruch nur ein natürlich-menschlicher Horizont zugetraut werden.
  • Texte mit eingetroffenen Prophetien (z.B. Jesu Vorhersage der Zerstörung des Tempels) müssen zwangsläufig auf die Zeit nach Eintreffen der Prophetie datiert werden – mit allen Konsequenzen für die Frage nach Autor, Adressaten, Umfeld und Aussageabsicht der Texte und nicht zuletzt für die Glaubwürdigkeit der Bibel, die die Echtheit von Wundern, Vorhersagen und Offenbarung ja immer wieder behauptet.

Diesem Paradigmenwechsel in der Theologie sind die Evangelikalen nicht gefolgt. Haben sich die Evangelikalen damit von der seriösen Wissenschaft verabschiedet? Sollten sie ihren Wissenschaftsbegriff schleunigst korrigieren, um wieder glaubwürdig zu sein?

Was können wir von Thorsten Dietz lernen?

Thorsten Dietz schreibt: Die Naturwissenschaften sind auf Grundlage der christlichen Überzeugung entstanden, dass Gott die Welt nach vernünftigen Gesetzen geschaffen hat, die von vernünftigen Wesen wie uns erkennbar sind. Wissenschaftsskepsis ist ein Bruch mit der Christentumsgeschichte. (S. 248) Tatsächlich geht die Bibel von einer strikten Trennung zwischen Schöpfung und Schöpfer aus. Sie warnt die Menschen immer wieder davor, in pantheistischer Weise Elemente der Natur als göttlich anzubeten. Gott wohnt nicht in den Bäumen und nicht in den Sternen. Deshalb ist die naturwissenschaftliche Selbstbeschränkung auf natürliche Ursachen bei der Erforschung unserer Welt absolut sinnvoll.

Richtig ist auch: Manche Evangelikale machen es sich im Umgang mit der Bibel zu leicht. So ist z.B. für das richtige Verständnis von Texten immer die Frage nach der Textgattung zu beachten. Die Frage, ob eine biblische Aussage historisch oder als Bildrede bzw. Metapher gemeint ist, ist zuweilen nicht leicht zu beantworten – und kann deshalb auch unter Evangelikalen zurecht kontrovers diskutiert werden. Gleiches gilt für die manchmal sehr komplexe Frage, inwieweit eine Aussage situations- und zeitbezogen gemeint ist oder ob sie zeitübergreifende Wahrheit vermitteln möchte.

Ganz wichtig ist dabei: Christen sollten sich niemals scheuen, sich ehrlich den wissenschaftlichen Fakten zu stellen. Genau das hat mich beeindruckt, als ich im Teenageralter erstmals die Studiengemeinschaft Wort und Wissen besucht habe. Ich fuhr auf das W+W-Schülerwochenende in der festen Annahme, dort Gesinnungsgenossen für den von mir neu entdeckten „Kreationismus“ zu finden. Umso überraschter war ich, als sich dort die Gesichter bei diesem Begriff eher verdunkelten. Mit einem populistisch geprägten Kreationismus, der vorschnell Dinosaurierspuren als Menschenspuren verkauft, wollte man hier nichts zu tun haben. Stattdessen sprach man lieber offen und ehrlich darüber, welche Fakten den eigenen Überzeugungen widersprechen. Gut so!

Gibt es Anfragen oder Gegenperspektiven zu den Thesen von Thorsten Dietz?

Thorsten Dietz schreibt: Die Naturwissenschaften fragen nach dem Was und Wie unserer Welt. Theologie hingegen fragt nach dem Grund und Zweck unseres Daseins. … Gott ist kein Teil dieser Welt, sondern ihr Grund und ihr Ziel. (S. 268) Korrekt ist: Empirische Wissenschaft arbeitet mit Beobachtung und Experiment. Mit diesen Mitteln kann man das „Was“ und „Wie“ der Natur sehr gut erforschen. Wer mit diesen Mitteln jedoch auch Aussagen über das „Woher“ und „Wohin“ machen möchte und Gott zudem prinzipiell aus dem Weltlauf ausschließt, begeht eine Grenzüberschreitung. Empirische Naturwissenschaft kann prinzipiell nichts über singuläre Ereignisse in der Vergangenheit aussagen, da sie weder beobachtbar noch experimentell reproduzierbar sind. Sie kann deshalb unmöglich ausschließen, dass Gott gemäß dem biblischen Weltbild diese Welt erschuf und dass er punktuell immer wieder in das Weltgeschehen eingegriffen hat.

Seltsam ist: Thorsten Dietz spricht einerseits davon, dass Gott die Welt nach vernünftigen Gesetzen geschaffen hat. Zugleich stellt er die Wirksamkeit eines intelligenten Designers in Frage mit den Worten: Die Zweckhaftigkeit einer Formation wird als Beweis bzw. Hinweis gedeutet für einen Zwecksetzer. Diese Frage nach möglichen Zwecken unterläuft freilich die zentrale naturwissenschaftliche Frage nach dem Ursache-Wirkungs-Verhältnis.” (S. 247) Also wie jetzt? War die Entstehung des Menschen das Ergebnis eines zweckhaft wirkenden Gottes? Oder war hier kein „Zwecksetzer“ im Spiel? Es erstaunt mich immer wieder, wie leichtfüßig der fundamentale Widerspruch zwischen der zielorientierten Wirksamkeit eines Schöpfers und den ziellosen materiellen Prozessen übergangen wird. Wie konnte denn Gott den Menschen nach seinem Bild erschaffen, wenn zugleich bei der Entstehung des Menschen ausschließlich ziellose Ursache-Wirkungs-Ketten am Werk gewesen sein sollen?

Dietz schreibt weiter: “Insofern ist es eine wissenschaftstheoretische Diskussion, ob dieses Argument [dass Zweckhaftigkeit auf einen Zwecksetzer hindeutet] überhaupt in den Naturwissenschaften eine Rolle spielen darf oder ob es sich um eine religionsphilosophische Betrachtung handelt. Solche Diskussionen können und müssen natürlich geführt werden; an ihrem Ort sind sie völlig legitim. Nicht selten wird dieses Argument allerdings gebraucht, um die Glaubwürdigkeit der Evolutionslehre insgesamt zu diskreditieren. (S. 247) Über die Frage, ob die feinabgestimmten Naturkonstanten, die extrem ausgeklügelten molekularen Maschinen und biologischen Baupläne, die codierte und zielgerichtet wirksame Information der DNA oder Phänomene wie Geist, Schönheit und Moral nicht zwingend auf die Wirksamkeit eines intelligenten Designers hinweisen, wird in der Tat vor allem in den USA intensiv diskutiert – und zwar bei weitem nicht nur in religiösen Kreisen! Die empirischen Hinweise, dass z.B. eine lebende Zelle unmöglich durch materielle Selbstorganisationsprozesse entstehen kann, sind mittlerweile überwältigend klar. Das nagt natürlich zwangsläufig auch an der Glaubwürdigkeit einer materialistisch gedachten Evolutionstheorie. Wer diese Diskussion nur auf eine philosophische Debatte begrenzen will, schränkt letztlich die freie Wissenschaft als offene Suche nach der besten Erklärung ein.

Angesichts der wissenschaftlichen Fortschritte haben Christen heute mehr denn je gute Gründe, am biblischen Weltbild festzuhalten und skeptisch zu sein gegenüber einem grenzüberschreitenden Wissenschaftsbegriff, der Gott auch in den Ursprungsfragen prinzipiell als Ursache ausschließen möchte. Diese Haltung hat nichts mit Verschwörungstheorien oder Wissenschaftsskepsis zu tun. Sie knüpft vielmehr an die Erfolgsgeschichte der Wissenschaftspioniere an, die nach Naturgesetzen suchten, weil sie fest an einen Gesetzgeber glaubten. Es wäre ein klarer Bruch mit der Christentumsgeschichte und mit dem biblischen Zeugnis, die Wirksamkeit Gottes auch in den Ursprungsfragen ausschließlich auf eine transzendente Sphäre zu beschränken und in der Bibelwissenschaft prinzipiell nie mit dem offenbarenden und wunderwirkenden Eingreifen Gottes zu rechnen.

Angesichts der desaströsen Folgen des wunderkritischen Paradigmas für Theologie und Kirche erschrecke ich, wenn Thorsten Dietz schreibt: In den meisten Werken der Konferenz der missionarischen Ausbildungsstätten“ gilt: „Ein fundamentaler Gegensatz zur Universitätstheologie wird nicht mehr behauptet. Man vertritt auch keine »theistische Evolution« … Aus heutiger theologischer Sicht ist es ein Kardinalfehler, Gott wie einen Faktor des Weltgeschehens verrechnen zu wollen. (S. 268) Wird demnach auch in freien Ausbildungsstätten zunehmend Wissenschaft im Rahmen eines wunderkritischen Paradigmas betrieben und vermittelt? Ist Gott dort kein Faktor des Weltgeschehens mehr? Dass dem in Teilen durchaus so sein könnte, wurde mir zuletzt deutlich bei der Lektüre des freikirchlich geprägten Buchs „glauben lieben hoffen“ über die Grundlagen des christlichen Glaubens. Auch hier wird die Wirkung eines Schöpfers vollständig auf eine transzendente Ebene verschoben: „Jedes Schöpfungs­werk lässt sich auch ohne Gott als blindes Spiel von Zufall und Notwendigkeit begreifen.“ (S. 37) Das Leben auf der Erde ist ein „vermutlich einzigartiger kosmischer Glücksfall.“ (S. 42) Zugleich wird in diesem Buch vorhersehende Prophetie (und damit auch Christus im Alten Testament), die Jungfrauengeburt und das stellvertretende Sühneopfer in Frage gestellt oder offen abgelehnt. Wieder zeigt sich: Die Akzeptanz des wunderkritischen Paradigmas in der Ursprungsforschung und in der Bibelwissenschaft hat weitreichende Konsequenzen auch für die innersten Kernüberzeugungen des Christentums! Die Evangelikalen tun deshalb gut daran, ganz bewusst am biblischen Weltbild festzuhalten und auf dieser Basis Wissenschaft zu betreiben – ganz in der erfolgreichen Tradition der christlichen Wissenschaftspioniere.

Worüber sollten wir uns dringend gemeinsam klar werden?

Wie wollen wir als Evangelikale Wissenschaft betreiben? Wollen wir festhalten am biblischen Weltbild? Wollen wir weiter der biblischen Botschaft glauben, dass Gott die Welt geschaffen hat, dass er zuweilen Wunder tut und seinen Knechten sich selbst und die Zukunft offenbart?

Weiterführend:

Umfangreich erläutert habe ich das Thema in 2 Vorträgen in der Mediathek offen.bar:

⇒ Weiter geht’s mit Frage 5: Was bedeutet das Phänomen der „Postevangelikalen“ für die evangelikale Bewegung?

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Wie bleiben wir Menschen mit Mission 3: Haben die Evangelikalen ein Fundamentalismusproblem?

Thorsten Dietz berichtet: „Fundamentalismus“ ist in der öffentlichen Wahrnehmung ähnlich geächtet wie Rassismus oder Antisemitismus. Die Diagnose „Fundamentalist“ bedeutet deshalb von Anfang an eine Ausgrenzung (S. 238). Wie sehr er damit recht hat, zeigen Äußerungen wie die des SPD-Manns Michael Roth, der twitterte, dass islamische Hassprediger so wenig zu Europa gehörten wie evangelikaler Fundamentalismus. Warum progressive und liberale Theologen trotzdem weiterhin konservative Christen mit diesem vergifteten Begriff belegen, wäre eine eigene Diskussion wert.

Beim Lesen von „Menschen mit Mission“ habe ich mich immer wieder gefragt: Bin ich in den Augen von Thorsten Dietz ein Fundamentalist? Mir schien zunächst, dass ich mich entspannen kann. Dinge, die für mich völlig selbstverständlich sind, wie z.B. die Nutzung moderner Technologie, zeitgemäßer Medien und Musik oder die Zusammenarbeit mit vielen Gläubigen für die Evangelisation beschreibt Dietz als Abkehr vom Fundamentalismus (S.  241). Ein fundamentalistisches Bibelverständnis fordert laut Dietz, dass alle biblischen Beschreibungen … als Wahrheit akzeptiert werden, ohne Unterscheidung von wörtlicher, metaphorischer oder symbolischer Ebene. (S. 242) Ein solches Bibelverständnis halte ich nicht nur für blanken Unsinn, es ist mir in meiner langen evangelikalen Karriere eigentlich noch nie bewusst begegnet.

Verunsichert wurde ich dann aber doch, als ich las, dass man unter Fundamentalismus ein Schriftverständnis versteht, dasdie völlige Irrtumslosigkeit und Widerspruchsfreiheit der Bibel behauptet. Ins Fragen kam ich auch beim Lesen der Passagen, in denen Dietz als Gegenposition zum Fundamentalismus den Prediger und Evangelist Gerhard Bergmann mit den Worten zitiert, dass es in der Bibel »Legenden, Mythen und Sagen, zwischen historischen und naturwissenschaftlichen Irrtümern« gebe“, kombiniert mit der Behauptung: »Alle Verfasser [der Bibel] sind Kinder ihrer Zeit. Sie leben im Weltbild und den Vorstellungen ihrer Tage.« … »Die Bibel ist Gottes Wort, und zwar als Zeugnis von Gottes Offenbarung.« (S. 258). Muss ich solche Thesen gut finden, um kein Fundamentalist zu sein?

Für Dietz gilt jedenfalls: Der Fundamentalismus ist wie sein Bibelverständnis keine traditionell christliche Position. Er ist ein junges Phänomen und entsteht in Reaktion auf die Moderne. Dieses Phänomen ist nicht konservativ, es ist reaktiv; es reagiert auf eine Moderne, die als radikale Verneinung des Christentums empfunden wird. (S. 275)

Was können wir von Thorsten Dietz lernen?

Bibelleser müssen beachten, dass das Wahrheitsverständnis der biblischen Autoren ein anderes sein kann als unser heutiges Wahrheitsverständnis. Dietz zitiert dazu den Theologen Heinzpeter Hempelmann: Der Wahrheitsbegriff der „Inerrancy-Konzeption“ in den sogenannten „Chicago-Erklärungen“ sei der moderne, aus rationalistischem Geist formulierte Begriff mathematischer Richtigkeit (S. 265). Das passt für Hempelmann nicht zum Wahrheitsbegriff der Bibel. Tatsächlich verwirft auch die erste Chicago-Erklärung die Ansicht, dass man von der Bibel „moderne technische Präzision“ erwarten dürfte (Artikel XIII).

Ähnlich argumentiert auch der Theologe Armin Baum. In seinem offen.bar-Vortrag über das historische Wahrheitsverständnis des Neuen Testaments erläutert er: Aus antiker Sicht galt es als wahr, eine Rede sinngemäß zu zitieren. Heute erwarten wir von einem Zitat hingegen eine wortwörtliche Übereinstimmung, wenn es als wahr gelten soll. Mit solchen Differenzen im Wahrheitsverständnis müssen wir also rechnen.

Dietz warnt zudem vor falschen Motivationen für bibeltreue Haltungen: Das absolute Vertrauen auf die Bibel ist die Kehrseite eines totalen Misstrauens gegenüber der modernen Welt. (S. 274) Ich finde es wichtig, sich solchen Anfragen selbstkritisch zu stellen. Die Bibel taugt nicht als Kompensation für eine immer verwirrendere Welt. Wie verbreitet solche Fehlhaltungen sind, scheint mir allerdings pure Spekulation zu sein. Nach meiner Wahrnehmung ist auch sehr konservativen Christen zumeist bewusst, dass die Bibel nicht immer leicht zu verstehen ist und an vielen Stellen unterschiedlich ausgelegt werden kann – weshalb sie natürlich auch kein Hort endgültiger Klarheit in sämtlichen Fragen ist. Sofern der Satz von Thorsten Dietz als feste Zuschreibung gemeint ist, müsste man ihn zumindest in seiner Pauschalität entschieden zurückweisen.

Richtig ist aber: Es gibt unter Evangelikalen die Gefahr, spezielle Bibelauslegungen zum Maßstab für Alle zu machen. Das ist immer dann besonders problematisch, wenn Machtmenschen in einer Gemeinschaft ihre spezielle Bibelauslegung missbrauchen für Manipulation und Machtmissbrauch. Solche zerstörerische Dynamiken habe ich selbst erlebt. Und in Gesprächen mit Postevangelikalen habe ich leider immer wieder davon gehört. Wir sollten deshalb immer streng darauf achten, unter der Schrift zu bleiben. Weder dürfen wir uns selbst zum Richter über richtig und falsch in der Bibel machen. Noch sollten wir meinen, immer ganz genau zu wissen, wie die Bibel im Einzelnen auszulegen ist.

Gibt es Anfragen oder Gegenperspektiven zu den Thesen von Thorsten Dietz?

In seinem Worthausvortrag „Entstehung und Autorität des neutestamentlichen Kanons“ hat Thorsten Dietz die Annahme einer unfehlbaren Bibel deutlich kritisiert, ebenso wie sein Worthaus-Kollege Siegfried Zimmer, der davon ausgeht, dass die Bibel „hunderte von Fehlern“ enthält. Wer dem nicht zustimmen kann, hat laut Zimmer ein „fundamentalistisches Bibelverständnis“. Ist die Annahme, dass die Bibel unfehlbar oder irrtumslos ist, also ein Kennzeichen für einen modernen, „reaktiven“ Fundamentalismus?

Natürlich muss der Begriff „Unfehlbarkeit“ sorgfältig definiert und gegen Missverständnisse und Übertreibungen abgegrenzt werden. Grundsätzlich ist aber die Annahme, dass die kanonischen Schriften irrtums- oder fehlerlos sind, alles andere als eine moderne Erfindung. Man findet sie zum Beispiel bei den apostolischen Vätern, bei Augustinus und bei Luther[1]. In der Neuzeit lesen wir in der Lausanner Verpflichtung von 1974 über die Autorität von Gottes Wort: „Es ist ohne Irrtum in allem, was es verkündigt.“ Im Jahr 2016 freute sich die weltweite evangelische Allianz, dass sie mit der katholischen Kirche in Bezug auf die „Irrtumslosigkeit der Schrift“ völlig übereinstimmt.

Noch wichtiger ist: In der Bibel selbst ist nirgends von Fehlern, Irrtümern oder Widersprüchen in den Heiligen Schriften die Rede, im Gegenteil: Durchgängig gelten die Texte als vom Geist Gottes inspiriert. Entsprechend wird ihnen ausnahmslos höchste Autorität beigemessen. Der Theologe Gerhard Maier schrieb in seinem Buch “Biblische Hermeneutik”: „Im Neuen Testament wird das gesamte damalige ‚Alte Testament‘ … als von Gott eingegeben aufgefasst.“ (S. 83) Für die Autoren des Neuen Testaments waren „die beiden Wendungen ‚Die Schrift sagt‘ und ‚Gott sagt‘ untereinander austauschbar.“ (S. 150) Für sie war also klar: Wenn die Schrift etwas sagt, dann spricht Gott selbst. Entsprechend bekennt die Deutsche Evangelische Allianz: „Die Bibel … ist Offenbarung des dreieinen Gottes.“

Auch neutestamentliche Texte werden schon in der Bibel selbst auf das Autoritätsniveau der alttestamentlichen Schriften gehoben (2.Petr.3,16; Offb.22,18-19). Eine Trennung zwischen Schrift und Offenbarung, in der biblische Texte nur noch ein menschlich-kritisierbares „Zeugnis von Gottes Offenbarung“ sind oder ein „Kanon-im-Kanon-Ansatz“ ist aus der Bibel nirgends ableitbar. Gerhard Maier stellt vielmehr klar: „So etwas wie unsere kritische Theologie gegenüber der Schrift wäre weder für Jesus noch für die jüdischen Schriftgelehrten seiner Zeit denkbar gewesen.“[2]

Wer davon ausgeht, dass die ganze Schrift von Gott inspiriert ist, kann in der Bibel zwar durchaus gegensätzlich erscheinende Pole erkennen, die gesunde Spannungsfelder erzeugen. Klar ist aber auch: Würden biblische Autoren einander hart widersprechen, dann wäre der Offenbarungscharakter und die Einheit der Schrift verloren. Dann könnte DIE Bibel nichts sagen. Sie könnte kein Maßstab für Glaube und Leben sein.

Heinzpeter Hempelmann schrieb deshalb: „Die Bibel ist nicht teilweise Wort Gottes, in anderen Teilen bloß Menschenwort … Es maßte sich ja einen ‚Gottesstandpunkt‘ an, wer in ihr unterscheiden wollte zwischen Gottes- und Menschenwort … Sowohl philosophische wie theologische Gründe machen es unmöglich, von Fehlern in der Bibel zu sprechen. Mit einem Urteil über Fehler in der Bibel würden wir uns über die Bibel stellen und eine bibelkritische Position einnehmen … Die Bibel ist als Gottes Wort Wesensäußerung Gottes. Als solche hat sie teil am Wesen Gottes und d.h. an seiner Wahrheit, Treue, Zuverlässigkeit. Gott macht keine Fehler.[3] Diese Position hat mit einem randständigen, weltflüchtigen Fundamentalismus nichts zu tun. Sie ist nicht einmal spezifisch evangelikal. Sie ist biblisch, reformatorisch – und weithin christlich[4].

Worüber sollten wir uns dringend gemeinsam klar werden?

Wollen wir uns einerseits hüten vor der Versuchung, eigene Auslegungen der Bibel als unhinterfragbare Wahrheiten darzustellen? Wollen wir andererseits festhalten am reformatorischen Prinzip, dass die Schrift sich selbst auslegen muss, weil sie als Gottes heiliges, verlässliches Wort die letzte Autorität hat?

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[1] „Wieviele Irrtümer sind schon in den Schriften aller Väter gefunden worden! Wie oft widersprechen sie sich selbst! Wie oft sind sie untereinander verschiedener Meinung! … Keiner hat der Heiligen Schrift Vergleichbares erreicht … Ich will …, dass allein die Heilige Schrift herrsche … [Ich] ziehe … als hervorragendes Beispiel Augustinus heran … was er in einem Brief an Hieronymus schreibt: ‚Ich habe gelernt, nur den Büchern, die als kanonisch bezeichnet werden, die Ehre zu erweisen, dass ich fest glaube, keiner ihrer Autoren habe geirrt.“ Martin Luther in: Assertio omnio articulorum, Vorrede (1520). Einschränkend muss man sagen, dass Luther durchaus Zweifel an manchen Aussagen im Neuen Testament äußerte. Dabei ging es ihm aber nicht um Bibel- sondern um Kanonkritik, wie der Theologe Clemens Hägele erläutert. Luther konnte die Apostolizität mancher NT-Bücher anzweifeln. Aber „mit einer apostolischen Fehlleistung rechnet er nicht.“

[2] Gerhard Maier im Vortrag „Der Offenbarungscharakter der Schrift“ gehalten am 27.9.21 für die Mediathek offen.bar (https://youtu.be/EFYqmRdRTZI)

[3] Heinzpeter Hempelmann: Plädoyer für eine Hermeneutik der Demut. Zum Ansatz einer Schriftlehre, die von der Schrift selbst zu lernen sucht, in: Theologische Beiträge 33 (2002) 4, S. 179–196, Abschnitt 2.5 und 3.2

[4] Gerhard Maier berichtet: Die Trennung zwischen Offenbarung und biblischem Text hat sich erst nach der Aufklärung durchgesetzt. Die Auffassung, dass die biblischen Texte ein menschliches „Produkt der Kirche“ seien, „hätte während vier Fünftel der Kirchengeschichte keine Chance gehabt, als christlich bewertet zu werden.“ In: Biblische Hermeneutik, S. 106

Weiterführend:

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Wie bleiben wir Menschen mit Mission 2: Was ist das Erfolgsgeheimnis der Evangelikalen?

Wie konnte es zu der eingangs geschilderten einzigartigen Erfolgsgeschichte der Evangelikalen kommen? Thorsten Dietz nennt drei Elemente, die aus seiner Sicht entscheidend waren (S. 92 ff.):

  • Große Bejahung“ heißt: Evangelikale Frömmigkeit ist … laut und grell mit ihrer Zuspitzung: »Jesus liebt dich!« (S. 94) Mehr als eine allgemeine Zusage, dass da einer mit uns geht, bringen Evangelikale diese Liebe prägnant und klar zum Ausdruck mit der Geschichte Jesu, mit seinem Leiden, ja seinem Blut. (S. 95) Damit antworte der Evangelikalismus auf eine ungeheure Nachfrage nach der Botschaft, bedingungslos geliebt zu sein. (S. 93)
  • Evangelikale Frömmigkeit stiftet „Sinn“ durch das Bewusstsein,dass es so viel Wichtigeres, Größeres, Heiligeres als mein Ich und seine Launen gibt. (S. 96)
  • Evangelikalismus lebt von der Begeisterung und dem Zusammenhalt vieler Gemeinschaften … Sie sind immer schon gemeinschaftlich unterwegs, zusammengehalten von einer Mission, die sie als Botschaft, als Auftrag, als Vision ergreift und die sie ihrerseits entfalten, statt nur Teil einer vorwiegend professionell getragenen religiösen Versorgungsstruktur zu sein. (S. 97)

Was können wir von Thorsten Dietz lernen?

Die Frage nach dem richtigen Erfolgsrezept für die Zukunft treibt – gerade vor dem Hintergrund rapide wachsender Austrittszahlen – auch die evangelische Kirche intensiv um. Deshalb versucht sie, Kirche und Kirchenmitgliedschaft wieder attraktiv machen. So betonte die EKD-Präses Anna-Nicole Heinrich jüngst in einem Interview mit dem Deutschlandfunk: „Kirchenmitgliedschaft hat Mehrwert.“ Die württembergische Landeskirche macht gar Werbung mit „10 guten Gründen, in der Kirche zu sein“. Thorsten Dietz berichtet aber, dass Evangelikale mit einem ganz anderen Konzept erfolgreich sind:

Inzwischen denken viele darüber nach, wie Kirche wieder attraktiv werden kann. Nur: Jugendliche suchen keine attraktive Kirche. Evangelikale Mission setzt nie auf die Attraktivität von Gemeinde oder Kirche. Das entscheidende Ziel ist es, die Attraktivität Gottes sichtbar zu machen. Jesus ist faszinierend. Kirche ist insofern relevant, als sie Zugang zu dieser Wirklichkeit vermittelt. Dann kann sie auch Anteil daran gewinnen. (S. 374)

Anders ausgedrückt: Eine Kirche, die sich selbst ins Schaufenster stellt, wird scheitern. Kirche wird nur attraktiv, wenn sie sagt: It’s all about you, Jesus. (S. 94)

Gibt es Anfragen oder Gegenperspektiven zu den Thesen von Thorsten Dietz?

Ist mit der „Großen Bejahung“, „Sinn“ und „Gemeinschaft“ wirklich der Erfolg der Evangelikalen erklärt? Ich glaube: Das wäre zu oberflächlich gedacht. In Kapitel 12 über evangelikale „Spiritualität“ schreibt Thorsten Dietz: Der missionarische Erfolg der Evangelikalen beruht nicht auf ihrer intellektuellen Brillanz oder ihrer tiefschürfenden Lehre. Er beruht darauf, dass sie eine Spiritualität anbieten, die begeisternd, alltagsnah und gemeinschaftsstiftend ist. … Zentral ist eine starke Bibelfrömmigkeit. … Ebenso wesentlich ist das (gemeinsame) Gebet. (S. 370/371)

Tatsächlich ist meine Erfahrung: Bibel und Gebet sind das wahre Kraftzentrum evangelikaler Frömmigkeit. Die evangelikale Bewegung ist im Kern eine Bibel- und Gebetsbewegung. Ich würde sogar so weit gehen, zu sagen: Das Erfolgsgeheimnis der Evangelikalen ist letztlich… Gott! Evangelikale rechnen damit, dass Gott selbst durch sein heiliges Wort zu ihnen spricht. Sie rechnen damit, dass Gott ihr Gebet (er-)hört. Sie rechnen damit, dass der Heilige Geist sie erneuert und bevollmächtigt. Deshalb lesen sie in der Bibel. Deshalb beten sie. Deshalb werden sie gemeinsam mutig aktiv. „Bejahung“, Sinnstiftung und Gemeinschaft sind letztlich nur Ausflüsse ihrer durch Gebet und Bibellesen praktisch gelebten Gottesbeziehung. So erlebe ich das seit vielen Jahren.

Deshalb ist es schade, dass Thorsten Dietz sich in seinem Kapitel über evangelikale Spiritualität nicht auf Gebet und Bibel konzentriert, sondern sich vor allem mit Lobpreis befasst. So sehr ich Lobpreis persönlich schätze, so sehr glaube ich auch: Man kann den Erfolg der Evangelikalen nicht verstehen, ohne sich primär mit ihrer Gebets- und Bibellesepraxis zu befassen.

Der Erfolg der Evangelikalen beruht meines Erachtens sehr wohl gerade auch auf tiefschürfender Lehre, die aus diesem tiefen Bibelvertrauen resultiert. Meine evangelische Kirche leidet hingegen gerade darunter, dass Lehre und Predigt schnell zur dünnen Suppe wird, wenn die Distanz zur Bibel wächst. Auch im evangelikalen Umfeld ist meine Erfahrung: Wo das Bibellesen sich immer mehr auf Losungen reduziert und wo das Gebetsleben einschläft, da verdunstet auch die Leidenschaft, Ausstrahlung und Fruchtbarkeit. Da werden auch evangelikale Gemeinschaften trocken, oberflächlich und selbstbezogen.

Deshalb sollten alle, die vielleicht auch ein wenig neidvoll auf evangelikale Erfolge schauen, verstehen: Der evangelikale Kuchen (d.h. lebendige und wachsende Gemeinden) ist nicht zu haben ohne die beiden wichtigsten evangelikalen Grundzutaten: Das feste Vertrauen auf Gottes lebendiges und kraftvolles Wort. Und die geistgewirkte Gottesbegegnung im Gebet.

Worüber sollten wir uns dringend gemeinsam klar werden?

Wo suchen und erwarten wir in erster Linie die dringend notwendigen Erneuerungskräfte für die schwächelnde Kirche in Deutschland? In neuen Ideen, besseren Konzepten, mehr Attraktivität oder größere Nähe zur Gesellschaft? Oder erwarten wir unsere Hilfe in erster Linie von Gott, der seiner Kirche begegnet durch sein Wort und im Gebet? Wollen wir unseren Fokus darauf richten, IHN zu suchen und im Kern weiter eine Bibel- und Gebetsbewegung zu sein?

Weiterführend dazu:

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⇒ Hier geht’s zur Übersicht über die gesamte Artikelserie.

Wie bleiben wir Menschen mit Mission 1: Was verbindet die Evangelikalen?

Über die Frage, wer oder was die Evangelikalen eigentlich sind, wurde viel geschrieben. Thorsten Dietz hat ohne Zweifel recht, wenn er feststellt: DIE Evangelikalen gibt es nicht. … Die Evangelikalen existieren nur im Plural.“ (S. 9) Tatsächlich verbindet die Evangelikalen bei genauerer Betrachtung nur wenig. Sie sind bis heute von höchst unterschiedlichen protestantischen Traditionen bestimmt: Das reformatorische Erbe. Täuferische und freikirchliche Impulse. Nachwirkungen des Pietismus und des Methodismus. Pfingstkirchliche und charismatische Aufbrüche. (S. 37/38) „Sie haben kein gemeinsames Lehramt. Sie haben keine liturgischen Traditionen, die sie verbinden. Und sie haben auch keine traditionellen Bekenntnisse, an die sie gebunden sind; zumindest kein gemeinsames.“ (S. 171). Und sie haben „keinerlei kirchliche Struktur.“ (S. 185). „Aus Konfessionskirchen, die in einer lebendigen Tradition der Lehre … stehen … wird ein unübersehbares Nebeneinander von Non-denominational Churches, also von Einzelgemeinden ohne traditionelle Bekenntnisse, ohne übergemeindliche Verankerung in Aufsichtsstrukturen, ohne geschichtliche Wurzeln.“ (S. 431)

Vor diesem Hintergrund ist umso erstaunlicher, dass diese in jeder Hinsicht höchst vielfältigen und in keiner Weise steuerbaren Gruppen eine gemeinsame Bewegung bilden konnten, die nicht nur eine gemeinsame Geschichte verbindet (die Thorsten Dietz spannend und kenntnisreich schildert). Der britische Historiker David Bebbington nennt zudem vier weithin akzeptierte gemeinsame Merkmale der Evangelikalen (S. 15 ff.):

  1. „Bekehrung“ steht für die starke Betonung der Notwendigkeit einer persönlichen Hinwendung zu Jesus.
  2. „Aktivismus“ meint: Nicht nur Priester oder Pastoren sondern alle Gläubigen sind aufgerufen, sich zu engagieren, vor allem für Evangelisation und (Welt-)Mission.
  3. „Biblizismus“ meint das Streben nach einem möglichst biblisch fundierten Denken in der Lehre und in der persönlichen Frömmigkeit.„Die Betonung der autonomen Vernunft in der Aufklärungszeit wird entsprechend kritisch gesehen.“ (S. 17/18)
  4. „Kreuzeszentrierung“ bedeutet: Die Überzeugung, dass Jesus als wahrer Mensch und wahrer Gott einen stellvertretenden Opfertod am Kreuz gestorben ist zur Erlösung von Sünde und Tod, steht im Zentrum des Glaubens.

Diese „Merkmale ziehen sich durch alle Strömungen.“ (S. 37) Wir werden im Verlauf dieser Artikelserie noch darauf zurückkommen. Zunächst müssen wir jedoch die Frage klären:

Woher kommt eigentlich diese gemeinsame DNA der Evangelikalen?

Es ist ja ein Phänomen: Obwohl die Evangelikalen vielfach wenig Wert darauf legen, dass ihre Gemeindenzu Kirchen gehören, deren Glaube und Ordnung eindeutigen Ausdruck in kirchlichen Bekenntnissen … und einer einheitlichen Gestalt von Lehren und Diensten findet (S. 431) nehmen gerade sie die (alt-)kirchlichen Bekenntnisse oft besonders ernst und finden viel stärker zu einer gemeinsamen Gestalt von Lehre und Dienst wie traditionelle Kirchen. Woran liegt das? Thorsten Dietz schreibt:

Tatsächlich teilen sie [d.h. die Evangelikalen] einen Anspruch: die Bibel als Maßstab aller Wahrheitserkenntnis und aller Lehre – und die Erfahrung der Realität Gottes, im Herzen, aber auch in der Geschichte und in der Natur. Aber wie setzt man beides zueinander ins Verhältnis? Die evangelikale Antwort lautet: dadurch, dass wir die christliche Erfahrung eindeutig einem klaren Kriterium unterwerfen – einer christlichen Lehre auf der Grundlage der Bibel. Dafür reicht es jedoch nicht, sich auf die Bibel zu berufen. Man muss sie auslegen, auf ihr als Grundlage Lehre entwickeln. Das ist der Grund, warum Theologie für den modernen Evangelikalismus ein Schlüsselthema ist. (S. 171) Gerade weil Evangelikale keine organisatorische Struktur besitzen, die verbindliche Entscheidungen treffen kann, ist das Ringen um die richtige Theologie bisweilen so verbissen. (S. 185)

Anders ausgedrückt: Die Bibel als Maßstab für Lehre und Glauben ist für die Evangelikalen als Kitt unersetzbar. Im Gegensatz zu anderen christlichen Organisationen haben sie schlicht keinen anderen. Genau das hat auch Thomas Schirrmacher in seiner Antrittsrede als neuer Generalsekretär der weltweiten evangelischen Allianz betont:

„Wenn es um die Bibel geht, sind wir tief überzeugt, dass die Bibel die Verfassung der Kirche ist. … Manche Leute verspotten uns und sagen, wir hätten einen papierenen Papst. Wir sind stolz, einen papierenen Papst zu haben! Denn der papierene Papst stellt sicher, dass keiner von uns, mich eingeschlossen, über dem Wort Gottes steht. … Wir glauben, dass der Heilige Geist seine Kirche regiert. Aber wir glauben nicht, dass das im Gegensatz zur Heiligen Schrift steht, denn der Heilige Geist ist der Autor der Heiligen Schrift und er gebraucht seine „Verfassung“, die Heilige Schrift, um die Kirche zu regieren. Das ist die DNA des Christentums und es ist evangelikal. Wenn allerdings andere das in Frage stellen, dann mag es als etwas Besonderes erscheinen, das wir Evangelikalen vertreten. Wir aber glauben, dass es christlich ist.“[1]

Es ist also kein Wunder, warum Evangelikale das Thema Bibelverständnis so hoch hängen. Hier geht es für sie um Entscheidendes.

Was können wir von Thorsten Dietz lernen?

Thorsten Dietz hat die Geschichte und die zentralen Merkmale der Evangelikalen sehr schön und – soweit ich das beurteilen kann – zutreffend dargestellt. Dabei gelingen ihm manchmal wunderbare Formulierungen zu der Frage, wie Evangelikale ticken:

Ja, das Licht seiner Liebe macht dein Leben hell; aber natürlich nur da, wo du dich auf eine kopernikanische Wende deines Lebens einlässt. Er ist die Sonne und dein Platz ist eine Umlaufbahn. Er ist der Mittelpunkt in deinem Leben und in deinem Herzen, in deiner Schwäche und in deiner Stärke. Evangelikalismus ist eine Frömmigkeit der teuren Gnade. Sie will keine Provinz in deinem Gemüt sein, sondern die Mitte von allem. Es ist die Party mit dem teuersten Eintrittsgeld: Weil sie alles bietet, kostet sie dich alles. (S. 95)

So ist es. Ich könnte es für meinen persönlichen Glauben nicht besser ausdrücken.

Gibt es Anfragen oder Gegenperspektiven zu den Thesen von Thorsten Dietz?

Dietz schreibt zutreffend: Die Zuverlässigkeit der Bibel hat für Evangelikale schlechthin überragende Bedeutung. Gemeint ist vor allem der realhistorische Charakter der biblischen Erzählungen. … Im Unterschied zur geschichtlichen Skepsis der historisch-kritischen Exegese in der Universitätstheologie ist für sie der Tatsachencharakter der biblischen Erzählungen von zentraler Bedeutung. (S. 175) Warum legen die Evangelikalen so viel Wert auf die historische Tatsächlichkeit biblischer Ereignisse? Dazu schreibt Dietz: Evangelikale sind davon überzeugt, dass biblische Erzählungen nur dann auch für uns heute Bedeutung haben können, wenn diese Ereignisse auch wirklich passiert sind. Der weltanschauliche Hintergrund dieser Sicht ist modern. (S. 176) Es gibt eine evangelikale Sehnsucht nach absoluter Wahrheit, nach festen Gewissheiten und eindeutigen Erkenntnissen, die in starker Spannung steht zur modernen Einsicht in die Relativität aller unserer Erkenntnisse. (S. 178)

Sind alle Erkenntnisse relativ? Sind wir also nicht in der Lage, absolute Wahrheiten zu erkennen, die standpunktübergreifend gelten? Diese in der Postmoderne weit verbreitete Position erfährt längst nicht mehr nur in evangelikalen Kreisen zunehmenden Widerspruch. Für Christen ist es von großer Bedeutung, dass es jenseits aller Subjektivität und Relativität (die wir natürlich im Blick behalten müssen) objektiv fassbare, formulierbare, für alle gemeinsam gültige Wahrheiten gibt, die uns die Bibel vermittelt. Solche Wahrheiten sind verbindende Schätze der Christenheit, die wir gemeinsam feiern, besingen, bekennen und bezeugen und an denen wir generations- und kulturübergreifend festhalten können.

Die nächste Frage wäre: Legen denn wirklich nur Evangelikale der Moderne Wert darauf, dass biblische Erzählungen wirklich passiert sind? Ist das eine spezifisch evangelikale “Sehnsucht”? Natürlich ist auch vielen Evangelikalen bewusst, dass nicht jeder Text in der Bibel die Absicht hat, exakte historische Fakten zu liefern. Aber nicht zuletzt das apostolische Glaubensbekenntnis macht deutlich: Der christliche Glaube war seit jeher untrennbar mit der Tatsächlichkeit historischer Ereignisse verknüpft: Jungfrauengeburt. Das Leiden unter Pontius Pilatus. Kreuzigung. Begräbnis. Auferstehung. Himmelfahrt. Viele innerbiblische Begründungszusammenhänge beruhen auf der Tatsächlichkeit von historischen Ereignissen. Die theologischen Aussagen sind oft untrennbar mit geschichtlichen Ereignissen verknüpft. Der Theologe Timothy Keller schreibt dazu:

„Das christliche Evangelium ist kein gut gemeinter Rat, sondern es ist gute Nachricht. Es ist keine Handlungsanleitung, was wir tun sollten … sondern vielmehr eine Verlautbarung, was bereits für unser Heil getan wurde. Das Evangelium sagt: Jesus hat in der Geschichte etwas für uns getan, damit wir, wenn wir im Glauben mit ihm verbunden sind, Anteil an dem bekommen, was er getan hat, und so gerettet werden.“[2]

In seinem offen.bar-Vortrag zum historischen Wahrheitsanspruch des Neuen Testaments macht Prof. Armin Baum zudem deutlich: Es gab zwar durchaus Unterschiede im damaligen und im heutigen Wahrheitsverständnis. Doch zugleich gilt: „In der Welt des Neuen Testaments, so glaube ich aufgrund der Quellen sagen zu können, konnte man so wie wir zwischen Fiktion und historischer Wahrheit unterscheiden.[3] Zudem legt er dar: Lukas hatte eindeutig den Anspruch, einen fundierten historischen Bericht zu schreiben.

Die historische Tatsächlichkeit von historisch gemeinten biblischen Erzählungen ist deshalb für Evangelikale genau wie für die frühen Christen unaufgebbar, weil es dabei um die biblische Glaubwürdigkeit insgesamt geht – und letztlich um den Kern des christlichen Glaubens, der eben nicht nur auf theologischen Lehrsätzen, sondern auf dem Handeln Gottes in der Geschichte beruht.

Worüber sollten wir uns dringend gemeinsam klar werden?

Wie stehen wir Evangelikale heute in Deutschland zu den genannten vier Merkmalen? Halten wir an ihnen fest? Mehr noch: Begründen und verteidigen wir aktiv unsere gemeinsamen Kernanliegen? Wollen wir die Erfolgs- und Segensgeschichte der Evangelikalen weiter schreiben, indem wir offensiv eintreten für die Notwendigkeit einer persönlichen Bekehrung, für die Dringlichkeit von Evangelisation und Mission, für die Bibel als gültiger Maßstab für Glaube und Leben und für den stellvertretenden Opfertod Jesu am Kreuz als einzige Grundlage für unsere Erlösung?

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[1] Aus der Rede von Prof. Thomas Schirrmacher vom 27.02.2021 anlässlich seiner Einführung als Generalsekretär der Weltweiten Evangelischen Allianz, in der autorisierten Übersetzung von Ulrich Parzany, veröffentlicht unter https://www.bibelundbekenntnis.de/aktuelles/was-heisst-evangelikal/

[2] In Timothy Keller „Adam, Eva und die Evolution“, Giessen 2018, S. 33

[3] Armin Baum: Der historische Wahrheitsanspruch des Neuen Testaments. Publiziert am 9.4.2022 in der Mediathek offen.bar: offen.bar/der-historische-wahrheitsanspruch-des-neuen-testaments/

Weiterführend dazu:

⇒ Weiter geht’s mit Frage 2: Was ist das Erfolgsgeheimnis der Evangelikalen?

⇒ Hier geht’s zur Übersicht über die gesamte Artikelserie.

 

Wie bleiben wir Menschen mit Mission?

10 Zukunftsfragen an die Evangelikalen auf Basis des Buchs „Menschen mit Mission“ von Prof. Thorsten Dietz

Mit dem Buch „Menschen mit Mission“ hat Prof. Thorsten Dietz die bisher umfangreichste und differenzierteste Darstellung zur evangelikalen Bewegung in Deutschland vorgelegt. Welches Bild wird hier gezeichnet? Welche Konsequenzen folgen daraus für die Zukunft der Evangelikalen? Soviel ist sicher: Dieses Buch will wichtige Diskussionen anstoßen. Reden wir darüber!

Diese Artikelserie kann hier auch als PDF heruntergeladen werden.

Es soll Leute geben, die die Lektüre eines Buchs mit dem Ende beginnen. Das Ende von „Menschen mit Mission“ war für mich besonders spannend. Nach mehr als 450 Seiten steuert Thorsten Dietz auf der letzten Doppelseite auf diese finale Diagnose zu:

„Auch die evangelikale Bewegung in Deutschland hat ihre Krise. Dabei geht es längst nicht mehr in erster Linie darum, welche Beurteilung gleichgeschlechtliche Liebe findet und welch biblische Hermeneutik vertreten wird oder werden soll – sondern wie sie mit der Pluralität in ihren eigenen Kreisen umgeht: so, wie vom früheren Vorsitzenden der Deutschen Evangelischen Allianz Michael Diener vorgeschlagen, dass die Evangelikalen, Pietisten etc. unterschiedliche moralische Überzeugungen aushalten und ihren gemeinsamen missionarischen Auftrag ins Zentrum stellen? Oder so, wie vor allem vom Netzwerk Bibel und Bekenntnis angestrebt, dass man sich verbindlich auf eindeutige Bekenntnisse einigt und entsprechend auf allen Ebenen durchsetzt, was in der jeweiligen Gemeinde, Kirche oder Allianz vertreten werden darf? Diese Grundfrage ist weiterhin ungelöst.“ (S. 458)

Thorsten Dietz ist bei weitem nicht der Einzige, der von einer Krise unter den Evangelikalen in Deutschland redet. Auch Ulrich Eggers schrieb jüngst in der Zeitschrift AUFATMEN: „Wir alle merken: Gemeinsam – das fällt in diesen Zeiten, in denen sich viele gewachsene Traditionen auflösen, selbst Einheits- oder Allianz-gewillten Christen zunehmend schwer! … Zunehmend zieht Misstrauen und Entfremdung ein, bedroht Einheit – und damit auch die gemeinsame Arbeitsplattform für missionarische Bewegung.“

Wenn es stimmt, dass der Umgang mit wachsender Pluralität tatsächlich DIE Herausforderung für die heutigen Evangelikalen ist, dann ist die zentrale Frage, der wir uns gemeinsam stellen müssen: Wie können wir die Einheit und die missionarische Dynamik der vielfältigen evangelikalen Jesusbewegung bewahren? Wie bleiben wir Menschen mit Mission?

Im Blick auf das Buch von Thorsten Dietz wäre dann zu fragen: Ist die Alternative, die Thorsten Dietz hier aufmacht, in dieser Form zutreffend beschrieben? Wir werden auf diese wichtige Frage am Ende dieser Artikelserie zurückkommen.

Die Evangelikalen: Eine einzigartige Erfolgsgeschichte

Thorsten Dietz macht in seinem Buch immer wieder deutlich: Es steht enorm viel auf dem Spiel! Immerhin handelt es sich bei den Evangelikalen heute um die weltweit zweitgrößte christliche Strömung nach dem Katholizismus (S. 92). Unbestreitbar blickt der Evangelikalismus auf eine beispiellose Wachstumsgeschichte zurück. In den USA waren um 1970 die sogenannten Mainline Churches, die historisch-protestantischen Kirchen in den USA (Anglikaner, Lutheraner, Reformierte etc.), doppelt so stark wie die Evangelikalen. Bis etwa 2005 hatten sich die Verhältnisse umgekehrt. (S. 37).

Der Erfolg der Evangelikalen zeigt sich auch im praktischen Gemeindeleben: Auf der Ebene der Gottesdienstbesuche oder gar der Gemeindegründung sind sie viel stärker als die liberalen Kirchen. (S. 339) Evangelikale besuchen häufiger den Gottesdienst, engagieren sich stärker ehrenamtlich und verbringen mehr Zeit in der Gemeinde. Dieses aktivere und lebendigere Gemeindeleben macht es auch für andere attraktiv, nicht zuletzt für die eigenen Kinder und Jugendlichen. Vergleichbare Befunde zeigen sich weltweit. (S. 425)

10 Zukunftsfragen an die Evangelikalen

Vor dem Hintergrund dieser erstaunlichen Erfolgsgeschichte führt das Buch von Thorsten Dietz zu einigen zentralen Zukunftsfragen für die evangelikale Bewegung:

  1. Was verbindet die Evangelikalen?
  2. Was ist das Erfolgsgeheimnis der Evangelikalen?
  3. Haben die Evangelikalen ein Fundamentalismusproblem?
  4. Machen sich die Evangelikalen durch ihren Umgang mit der Wissenschaft unglaubwürdig?
  5. Was bedeutet das Phänomen der „Postevangelikalen“ für die evangelikale Bewegung?
  6. Ziehen sich die Evangelikalen zunehmend von der Gesellschaft zurück?
  7. Haben die Evangelikalen ein Problem mit „Rechts“(-populismus)?
  8. Fremdeln die Evangelikalen mit ihrem sozialen Auftrag?
  9. Stehen „Bekenntnis-Evangelikale“ für eine Profilierung durch Abgrenzung?
  10. Wie kann angesichts wachsender Pluralität heute noch Einheit in Vielfalt gelingen?

Die folgenden 10 Artikel greifen zu jeder dieser Fragen einige zentrale Thesen von Thorsten Dietz heraus und stellen dazu die drei folgenden Fragen:

  • Was können wir von Thorsten Dietz lernen?
  • Gibt es Anfragen oder Gegenperspektiven zu den Thesen von Thorsten Dietz?
  • Worüber sollten wir uns dringend gemeinsam klar werden?

Im finalen Artikel wage ich ein persönliches Fazit. Und ich möchte mich persönlich verorten auf der Landkarte, die Thorsten Dietz in seinem Buch zeichnet. Ich hoffe, ich konnte Dein Interesse wecken? Wenn ja, dann legen wir los mit

Frage 1: Was verbindet die Evangelikalen?

Zitate aus dem Buch sind in Farbe herausgehoben.

Das Buch “Menschen mit Mission” von Prof. Thorsten Dietz ist hier erhältlich.

Was macht Kirche zur Kirche? – 5 Biblische Basics im Fokus

Der nachfolgende Text ist ein gekürztes Skript zu einem Vortrag, der am 18.02.2022 in der Stadtkirche in Freudenstad gehalten wurde im Rahmen einer Veranstaltung von “Lebendige Gemeinde Christusbewegung” in der württembergischen Landeskirche. Der Vortrag kann auf YouTube angesehen oder als Audio angehört werden:

Selten wurde der Relevanzverlust der großen Kirchen so deutlich wie in der Corona-Pandemie. Kirchliche Antworten auf die Krise wurden kaum wahrgenommen. Viel eher wurde diskutiert, ob es denn gerechtfertigt ist, dass Gottesdienste von den 2G- und 3G-Regelungen ausgenommen werden – so als ob Gottesdienste letztlich das Gleiche wären wie Sport- oder Kulturveranstaltungen. Aber genau so werden wir offenbar von immer mehr Menschen wahrgenommen. Das wirft natürlich die Frage auf: Was ist der Grund für diesen Relevanzverlust? Und vor allem: Wie kann unsere Kirche wieder an Relevanz gewinnen? Wie gewinnt sie wieder an Profil? Wie kann sie wieder hoffnungsvolle Zukunftsperspektiven entwickeln?

Genau diese Frage hatte sich die EKD-Synode im Jahr des Reformationsjubiläums 2017 gestellt. Das Schwerpunktthema lautete: Zukunft auf gutem Grund. Wie kann die Kirche wieder Zukunft gewinnen? Im Ergebnis entstand ein Papier, das 4 Zukunftsaufgaben definiert:

  1. Vielfältige Beteiligung am Leben der Kirche fördern
  2. Zeitgemäß kommunizieren
  3. Ökumenische Einheit vertiefen
  4. „Kirche neu denken“.

Unter Punkt 4 wurde z.B. verstanden: „Innovative Formen in der Aus-, Fort- und Weiterbildung“, „Neue Freiräume für neue Ideen und für mehr Vielfalt“, „Neue, ergänzende oder alternative Formen der Beteiligung bzw. der Zugehörigkeit zur Kirche“. In einem Zeitungsbericht zur Synode wurden diese Überlegungen mit den folgenden Fragen konkretisiert: „Müssen Gottesdienste kürzer und knackiger werden? Oder braucht es eine »Mitgliedschaft light« für Menschen, die noch zögern?“

Da stellt sich natürlich die Frage: Können solche Ansätze der Kirche wirklich helfen, aus der Krise zu kommen? Sicher ist: Einfache Antworten auf die Herausforderungen der Kirche gibt es nicht. Säkularisierung, Individualisierung und Polarisierung sind mächtige Megatrends unserer Zeit, unter denen alle traditionellen Institutionen leiden. Aber was ich wirklich vermisse bei diesen Überlegungen ist die Frage: Wäre es nicht sinnvoll und angemessen, einmal viel intensiver in der Bibel nach Antworten zu suchen auf die großen Herausforderungen, vor denen unsere Kirche steht?

In der Bibel finden wir ja eine unfassbare Erfolgsgeschichte von einer jungen christlichen Bewegung, die es tatsächlich geschafft hat, in weniger als 300 Jahren den gesamten damals bekannten Mittelmeerraum zu durchdringen. Dabei waren die Startvoraussetzungen für die Kirche damals deutlich schlechter als heute. Die frühe Kirche hatte nicht die Möglichkeit, ihre Botschaften medial zu verbreiten. Sie hatte kein bezahltes Personal, keine Gebäude und keinerlei Machtmittel. Und auch damals war der Zeitgeist in keinster Weise auf der Seite der Kirche. Die Botschaft der Kirche wurde als Torheit und als Ärgernis empfunden, schrieb Paulus. Mehr noch: Diese Bewegung war härtester Verfolgung ausgesetzt. Man sagt, dass die ganze zweite Generation der urchristlichen Bewegung in irgendeiner Form mit Märtyrertum in Berührung gekommen ist. Also wenn es die Kirche einmal wirklich schwer hatte, dann damals. Umso mehr sollte es sich doch lohnen, die Frage zu stellen: Wie war denn diese Kirche gestrickt, die es trotz all dieser Widerstände geschafft, sich nicht nur zu behaupten sondern sich auch noch massiv auszubreiten und die Grundlage zu legen für eine weltweit prägende Bewegung? Was finden wir darüber in der Bibel? Und was können wir heute für uns daraus lernen?

Ich will dazu 5 Themen beleuchten, die für die Botschaft und das Selbstverständnis dieser jungen, christlichen Bewegung absolut grundlegend waren. Es handelt sich im Grunde um 5 biblische Selbstverständlichkeiten, die quer durch das Neue Testament so eindeutig und klar bezeugt sind, dass man sich die damalige Kirche ohne diese Punkte nicht vorstellen kann. Kirche war dort, wo diese 5 Themen bezeugt, gefeiert und gelebt wurden. Das 1. Thema lautet:

1. Kirche ist dort, wo Jesus als Herr verehrt wird

Die ersten Christen haben bekannt: Jesus ist Herr! Er ist auferstanden, aufgefahren in den Himmel, er sitzt zur Rechten Gottes und er regiert. Eines Tages, wenn er wiederkommt als Richter, wird sich vor ihm jedes Knie beugen und jede Zunge wird bekennen, dass er der Herr ist. Und: Wenn du mit deinem Mund bekennst: »Jesus ist der Herr!« Und wenn du aus ganzem Herzen glaubst: »Gott hat ihn von den Toten auferweckt!« Dann wirst du gerettet werden“ (Römer 10, 9). Das war das Bekenntnis der ersten Christen.

Dieses Bekenntnis war verwurzelt in der zentralen Botschaft, die Jesus selbst überall verbreitet hat. In Markus 1, 14-15 heißt es: Danach kam Jesus nach Galiläa und verkündete die Gute Nachricht von Gott. Die von Gott bestimmte Zeit ist da. Sein Reich kommt jetzt den Menschen nahe. Ändert euer Leben und glaubt dieser Guten Nachricht!“ Das Reich Gottes stand also im Mittelpunkt der Botschaft Jesu.

Laut der Basis-Bibel bedeutet der Begriff „Reich Gottes“ wörtlich: »Königsherrschaft Gottes«. Das bezeichnet den Herrschaftsbereich, in dem sich Gottes Wille durchsetzt. Genau das hat Jesus uns ja auch beten gelehrt: „Dein Reich komme!“ Das heißt: „Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.“ Es geht hier also um die Frage: Geht es nach unserem Willen? Oder gilt der Wille Gottes? Jesus hat nicht nur in diesem Gebet völlig klar gemacht: Reich Gottes ist dort, wo der Wille Gottes geschieht, wo er das Sagen hat, wo seine Gebote gelten und beachtet werden. Deshalb rief Jesus die Menschen zur Umkehr. Er hat die Menschen aufgefordert: Lebt nicht mehr so, wie ihr das für richtig haltet. Folgt nicht mehr eurem Herzen sondern fragt nach dem Willen Gottes. Es geht also buchstäblich um einen Herrschaftswechsel. Nicht mehr wir selbst sitzen auf dem Thron unseres Lebens sondern sein Wille soll geschehen. Seine Gebote sollen für uns gelten.

Entsprechend hat Jesus im Missionsbefehl gesagt: „Lehrt sie, alles zu tun, was ich euch geboten habe!“ (Matth.28,19) Menschen zu Jüngern machen hat für Jesus bedeutet, dass Menschen lernen und beachten, was Gottes Wille ist. Seine Jünger sollten ihr ganzes Leben nach seinen Geboten ausrichten. Dieses Evangelium vom Reich Gottes enthält also nicht nur den Zuspruch der Gnade und der Vergebung, es enthält auch einen Anspruch: Wir können nicht Gottes Gnade und Vergebung genießen und zugleich weiter uns selbst gehören und unser eigenes Ding drehen. Jesusnachfolger bekennen: Wir gehören IHM! ER hat das Sagen! Wir orientieren uns an ihm und an seinen Worten.

Natürlich ist diese Botschaft eine Herausforderung in einer Zeit, in der die Autonomie und das Selbstbestimmungsrecht des Menschen so stark betont wird wie noch nie. Aber die Bibel macht überdeutlich: Die Botschaft von der Herrschaft Jesu war keine Nebensache im Neuen Testament sondern eine elementare Grundlage des Evangeliums. Sie hat unaufgebbar zur DNA der jungen christlichen Bewegung gehört. Und wir sollten uns deshalb fragen: Wie gehen wir heute mit diesem Bekenntnis um? Kann es überhaupt Kirche geben ohne den Ruf zur Unterordnung unter Gottes Herrschaft?

2. Kirche ist dort, wo Menschen zur Nachfolge Jesu eingeladen werden

Schauen wir uns noch einmal diesen Befehl im Ganzen an, den Jesus seinen Jüngern bei seinem Abschied mitgegeben hat:

Gott hat mir alle Macht gegeben, im Himmel und auf der Erde. Geht nun hin zu allen Völkern und ladet die Menschen ein, meine Jünger zu werden. Tauft sie im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes! Und lehrt sie, alles zu tun, was ich euch geboten habe!“ (Matthäus 28, 18+19)

Eigentlich ist dieser Befehl Jesu vollkommen absurd. Da spricht ein unbekannter Wanderprediger in einem unbedeutenden Landes zu 11 unbedeutenden, einfachen Menschen und sagt ihnen: Geht zu allen Völkern und ladet sie ein, meine Nachfolger zu werden. Ist Jesus etwa größenwahnsinnig? Scheinbar schon. Jesus hatte dazu ja noch eine vollkommen aberwitzige Ankündigung gemacht: Seine Worte werden nicht vergessen, im Gegenteil: Seine Botschaft wird in der ganzen Welt gepredigt werden. Dabei hatte Jesus nicht einmal ein einziges Wort aufgeschrieben! Ohne Frage ist das eine dieser Vorhersagen in der Bibel, deren Erfüllung aus damaliger menschlicher Sicht völlig unmöglich war. Aber die atemberaubende Wahrheit ist: Heute stehen wir kurz davor, dass diese Vorhersage buchstäblich in Erfüllung geht und jedes Volk auf der Erde die Worte Jesu in seiner Sprache lesen kann. Ich finde: Ein Buch, das solche Vorhersagen macht, hat wahrlich unser Vertrauen verdient.

Aber wir sollten uns auch fragen: Warum ist denn diese Vorhersage in Erfüllung gegangen? Die Antwort ist klar: Die Jünger Jesu haben den Missionsbefehl absolut ernst genommen. Er war tief in ihnen verankert. Schon bei der Berufung von Petrus und seinem Bruder Andreas hat Jesus klar gemacht, was er mit ihnen vorhat: »Kommt, folgt mir! Ich mache euch zu Menschenfischern!« (Markus 1, 17) DAS war von Anfang an das große Ziel, das Jesus mit ihnen hatte. Und genau das haben sie in beeindruckender Weise umgesetzt. Der Missionsauftrag hat die junge christliche Bewegung entscheidend geprägt. Und wir müssen uns deshalb auch heute fragen: Ist Kirche eigentlich noch Kirche, wenn sie diesen Auftrag aus dem Fokus verliert?

3. Kirche ist dort, wo der stellvertretende Opfertod Jesu gepredigt wird

Es gibt ein Thema, das sich wie ein großer roter Faden quer durch die ganze Bibel zieht: Das Thema vom stellvertretenden Opfertod.

  • Schon in der biblischen Urgeschichte muss ein Tier sterben, damit Gott die Scham von Adam und Eva durch Tierfelle bedecken kann.
  • Anstelle von seinem Sohn darf Abraham ein Schaf opfern, und zwar genau an dem Ort, an dem später der himmlische Vater tatsächlich seinen Sohn sterben sah.
  • Beim Auszug Israels aus Ägypten musste Israel das Blut des geschlachteten Passahlamms an den Türrahmen streichen, um vor dem Gericht Gottes gerettet zu werden.
  • In vielen alttestamentlichen Opferriten kommt immer wieder auch der stellvertretende Charakter des sterbenden Tiers zum Ausdruck.
  • Jesaja widmet fast ein ganzes Kapitel dem stellvertretenden Opfertod des Gottesknechts und sagt dabei deutlich: „Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten.“ (Jesaja 53, 5)
  • Johannes der Täufer stellt Jesus mit den Worten vor: „Seht doch! Das ist das Lamm Gottes. Es nimmt die Sünde dieser Welt weg!“ (Johannes 1, 29)
  • In der Abendmahlseinsetzung sagt Jesus: „Mein Blut wird für die vielen vergossen werden zur Vergebung ihrer Sünden.“ (Matthäus 26, 28)
  • Im Römer- und Hebräerbrief beschäftigen sich ganze Kapitel mit dem stellvertretenden Sühneopfer.
  • Und schließlich lesen wir in der Offenbarung gleich 28-mal, dass Jesus das geschlachtete Lamm ist, in dessen Blut die Heiligen ihre Gewänder reingewaschen haben.

Die Lehre vom stellvertretenden Opfertod ist somit absolut kein Randthema in der Bibel. Entsprechend war sie auch kein Randthema in der frühen Kirche. Der Theologe Ron Kubsch schreibt: „Das Verständnis von Jesu Tod als stellvertretende Sühne war seit jeher in der Kirchengeschichte das allgemeine Verständnis der biblischen Texte.“ Genau in diese Tradition stellt sich heute auch die Evangelische Allianz, wenn sie in ihrer Glaubensbasis bekennt: Jesus Christus, der Mensch gewordene Sohn Gottes, ist stellvertretend für alle Menschen gestorben. Sein Opfertod allein ist die Grundlage für die Vergebung von Schuld, für die Befreiung von der Macht der Sünde und für den Freispruch in Gottes Gericht.“

Aber trotz dieses breiten biblischen Befunds und dieses klaren Bekenntnisses höre ich heute selbst in Allianzkreisen immer wieder ganz andere Aussagen. Da wird dann z.B. gesagt: Die Motive von der Sühne und vom stellvertretenden Opfertod wären nur menschliche Deutungsversuche des Kreuzestodes. Daneben hätte es ja viele andere Deutungsversuche gegeben. Die stellvertretende Sühne hätte sowieso im Christentum zunächst gar keine besondere Rolle gespielt, sie wäre erst von Anselm von Canterbury im 11. Jahrhundert ins Zentrum gerückt worden. Ich muss sagen: Ich kann mich nur wundern über solche Aussagen. Ja, es stimmt, dass es im Neuen Testament verschiedene Bilder und Begriffe gibt, um die Bedeutung des Kreuzestodes zu beschreiben. Da ist die Rede von Sühnung, Erlösung, Rechtfertigung und Versöhnung. Aber der Theologe John Stott sagt dazu zurecht: „Wenn Gott in Christus nicht an unserer Stelle gestorben wäre, könnte es weder Sühnung noch Erlösung, weder Rechtfertigung noch Versöhnung geben.“ Das heißt: Die Stellvertretung steht bei allen diesen Begriffen im Zentrum.

Deshalb ist der stellvertretende Charakter des Opfertods Jesu ein unaufgebbarer Kernbestandteil des Evangeliums! Er gehört zum innersten Kern unseres christlichen Glaubens. Wer diese Botschaft verändert, der verpasst dem Christentum nicht etwa nur einen moderneren Haarschnitt, sondern der nimmt eine Herztransplantation vor mit weitreichenden Konsequenzen: Es ist eben ein gewaltiger Unterschied, ob Jesu Tod am Kreuz ein wirksames Opfer zur Vergebung unserer Schuld ist oder nur ein Akt der Solidarität mit den Leidenden. Das Kreuz will uns Menschen damit konfrontieren, dass wir ein Schuldproblem haben, dass wir Sünder sind, dass wir Gnade brauchen. Wenn unsere Botschaft aber nur noch in der Liebe und Annahme Gottes besteht, dann braucht es keine Rechtfertigung mehr. Und ohne Rechtfertigung verlieren wir die Gnade. Und ohne Gnade wird unser Glaube moralistisch und selbstbezogen.

Deshalb brauchen wir auch heute noch dieses Evangelium, das uns vom hohen Ross unserer Selbstgerechtigkeit holt und uns darauf hinweist, dass wir ohne die Rechtfertigung aus Gnade verloren sind und Rettung brauchen. Wir müssen uns deshalb schon die Frage stellen: Was macht es mit der Kirche, wenn sie diese Botschaft vom stellvertretenden Opfertod verliert?

4. Kirche ist dort, wo Gottes Wort gehört und verkündigt wird

Auch dieses Thema zieht sich wie ein roter Faden durch die ganze Bibel: Gott spricht. Gott offenbart sich. Gott spricht die Menschen an durch die Propheten, die Apostel, durch Menschen, die seinen Geist in sich tragen, und vor allem durch Jesus selbst. Wir Christen haben dieses Reden Gottes heute vorliegen in Form dieses Buchs, das Christen die Heilige Schrift nennen. Heilig heißt: Dieses Buch ist anders als alle anderen Bücher. Es ist zwar ganz Menschenwort, aber es ist zugleich eben auch ganz offenbartes Gotteswort und deshalb absolut maßgeblich für unseren Glauben und für die Kirche.

Die evangelische Allianz hat das in ihrer Glaubensbasis so zusammengefasst: „Die Bibel … ist Offenbarung des dreieinen Gottes. Sie ist von Gottes Geist eingegeben, zuverlässig und höchste Autorität in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung.“ Auch hier greift die evangelische Allianz etwas auf, was in der Bibel selbst zutiefst verankert ist. Das Konzept, dass die biblischen Texte von Gott inspiriert sind, ist ja keine Erfindung der Reformation oder der evangelischen Allianz. Es ist erst recht keine Idee von irgendwelchen Fundamentalisten. Das Verständnis der biblischen Texte als inspiriertes Gotteswort wird von der Bibel selbst durchgängig bezeugt.

Das sieht man z.B. daran, wie das Neue Testament mit dem Alten Testament umgeht: Etwa 9 % des Neuen Testaments besteht aus Zitaten oder direkten Anspielungen auf das Alte Testament. Wendungen wie „Es steht geschrieben“ oder „Die Schrift sagt“ oder „Der Prophet sagt“ oder „Im Gesetz heißt es“ sind im Neuen Testament immer Autoritätsformeln, bei denen davon ausgegangen wird: Somit gilt das! Somit ist das eindeutig wahr!

Jesus selbst hat immer wieder diese Frage gestellt: Habt ihr nicht gelesen? Das heißt: Jesus hat wie alle frommen Juden damals mit dem Schriftbeweis argumentiert. Ein Schriftbeweis funktioniert natürlich nur, wenn die Schrift absolute Autorität hat. In Matthäus 5, 18 sagt Jesus auch ganz direkt: „Ich versichere euch: „Solange der Himmel und die Erde bestehen, wird selbst die kleinste Einzelheit von Gottes Gesetz gültig bleiben.“ Jesus war wahrlich kein Bibelkritiker! Er hat zwar einige Inhalte durch sein Erlösungswerk in ein neues Licht gerückt. Aber er hat sich trotzdem voll und ganz zur Autorität des Alten Testaments gestellt.

Paulus hat zudem in 2. Timotheus 3, 16 ganz allgemein formuliert: „Die ganze Schrift ist von Gott eingegeben.“ Wörtlich steht hier: Gottgehaucht. Geistdurchhaucht. Der Theologe Prof. Gerhard Maier schreibt dazu: „Im Neuen Testament wird das gesamte damalige ‚Alte Testament‘ … als von Gott eingegeben aufgefasst.“ Für die Autoren des Neuen Testaments waren „die beiden Wendungen ‚Die Schrift sagt‘ und ‚Gott sagt‘ untereinander austauschbar.“

Genau diesen extrem steilen Anspruch hat Petrus später auch auf die Briefe von Paulus bezogen, als er sie als „Schrift“ bezeichnet hat (2. Petrus 3, 16). Und im drittletzten Vers der Bibel, in Offenbarung 22, 18-19 finden wir unter Androhung von Gericht die Aussage: Diesem prophetischen Buch darf auf keinen Fall irgendetwas weggenommen oder hinzugefügt werden. Was für ein Anspruch! So etwas dürfte seither kein Theologe dieser Welt je wieder über seine Schriften sagen. Daran wird deutlich, welch einzigartigen Autoritätsanspruch diese biblischen Texte haben und sich auch gegenseitig zusprechen.

Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass schon die ersten Christen zutiefst in den Worten der Bibel verwurzelt waren und ihr höchste Autorität zugesprochen haben. Es war absolut zentral für sie, diese Worte Gottes weiterzugeben. Diese ersten Christen hatten etwas wichtiges verstanden: Die Kirche hat keine eigene Botschaft. Die Kirche ist nur Botschafterin an Christi statt. Sie kann nur deshalb Antworten geben auf die letzten, existenziellen Fragen der Menschen, weil sie aus einer Offenbarungsquelle schöpft. Denn ohne Offenbarung können wir Menschen nun einmal nichts wissen über Gott oder über die Frage, woher wir kommen, wohin wir gehen und was nach dem Tod geschieht. Die Menschen haben ein feines Gespür dafür, ob Kirche aus der Autorität einer offenbarten und zeitlosen Wahrheit heraus spricht oder ob sie nur eigene Meinungen verbreitet. Und persönlich muss ich sagen: Ich stehe gerne Sonntagmorgens auf, um Gottes Wort zu hören. Aber ich würde niemals Sonntagmorgens aufstehen, um die Meinung eines Predigers zu hören. Und wir müssen uns meines Erachtens nicht wundern, wenn Menschen nicht mehr in den Gottesdienst kommen, wenn man dort nur noch Meinungen hört, die man tags zuvor womöglich auch schon im Fernsehen gehört hat.

Deshalb sollten wir uns wirklich die Frage stellen: Kann Kirche überhaupt Kirche sein ohne diese feste Bindung an Gottes Wort? Und was bedeutet das für die Ausbildung unserer zukünftigen Gemeindeleiter?

5. Kirche ist dort, wo Gott geliebt wird

Auch wenn wir als Kirche die Herrschaft Jesu betonen, auch wenn wir mit Leidenschaft Menschen in die Nachfolge rufen, auch wenn wir das stellvertretende Sühneopfer in die Mitte des Evangeliums rücken und auch wenn wir die Bibel als Heilige Schrift und Gottes Wort hochhalten und predigen: All das wäre nichts wert ohne eine echte, gelebte, im Alltag praktizierte Liebe zu Gott. Das wird zum Beispiel deutlich in Offenbarung 2 im Sendschreiben an die Gemeinde in Ephesus. Das war eine großartige Gemeinde: Voller Tatendrang, voller Mühe, standhaft, mit einer gesunden Lehre. Aber dann heißt es in Vers 4: „Aber ich habe dir vorzuwerfen, dass du deine anfängliche Liebe aufgegeben hast.“ Und das Sendschreiben macht deutlich: Das ist kein nebensächliches Problem. Gott sagt deutlich: Wenn die Gemeinde daran nichts ändert, ist die Zukunft der Gemeinde gefährdet.

Paulus hat in 1. Korinther 8, 1 begründet, woran das liegt: „Die Einsicht allein macht überheblich. Nur die Liebe baut die Gemeinde auf.“ Anders ausgedrückt: Theologisches Verstandes­wissen ohne einen von Gottes Liebe und Gottes Geist geprägten Charakter macht arrogant und hartherzig. Damit wird auch klar, warum Jesus dieses Gebot der Gottesliebe an die alleroberste Stelle rückt, als er gefragt wurde nach dem wichtigsten Gebot: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele, mit deinem ganzen Denken und mit deiner ganzen Kraft.“ (Markus 12, 30) Und auch Paulus hat geschrieben: „Das Ziel meiner Unterweisung ist, dass alle Christen von der Liebe erfüllt sind.“ (1. Timotheus 1, 5) DAS war sein Fokus. Liebe war sein Ziel. Und das bedeutet: Alle anderen Basisthemen laufen letztlich auf dieses Thema zu.

Wenn aber dieses Thema der Liebe zu Gott für Jesus und Paulus ganz oben auf der Prioritätenliste stand, dann sollte es auch bei uns ganz oben auf der Tagesordnung stehen. Dann sollten wir uns fragen: Wie ist es um unsere Liebe zu Gott bestellt? Ist Gott nur ein theologisches Konstrukt in unserem Kopf? Oder kennen wir etwas von dieser Liebe, die der Heilige Geist in uns wecken will und die unser ganzes Leben prägen und erneuern soll. Das ist ohne Zweifel eine Frage, der sich die Kirche auch heute noch immer wieder stellen muss!

Was folgt daraus?

Lassen Sie mich noch einmal zurückkommen auf diese EKD-Synode aus dem Jahr 2017 und noch einmal die Frage stellen: Wie hat die Kirche Zukunft? Die Vorschläge lauteten: 1. Vielfältige Beteiligung 2. Zeitgemäß kommunizieren 3. Ökumene vertiefen, und: 4. „Kirche neu denken“ im Sinne von innovative, kreative Formen finden. Ohne Frage: Das sind alles gute Überlegungen! Aber mein Eindruck ist, dass unsere Probleme tiefer liegen. Meine Sorge ist, dass wir mit dieser Agenda nur an der Oberfläche unserer Probleme kratzen.

Vor 500 Jahren hat Martin Luther ein Papier mit 95 Thesen an die Kirche in Wittenberg geschlagen. Und ich frage mich manchmal: Welche Thesen würde er wohl heute an die Kirchentür schlagen? Ich weiß es nicht. Aber wir könnten jedenfalls aus diesen 5 biblischen Basisthemen 5 Thesen ableiten, die auch heute noch für die Kirche von zentraler Bedeutung sind:

  1. Jesus ist Herr! Seine Lehre ist absolut maßgeblich für uns!
  2. Unser zentraler Auftrag ist, Menschen in die Nachfolge Jesu zu rufen!
  3. Der stellvertretende Opfertod Jesu steht im Zentrum des Evangeliums!
  4. Das offenbarte Wort Gottes ist unser Maßstab für Glaube und Leben!
  5. Mittelpunkt der Kirche ist die gelebte Liebe zu Jesus Christus!

Warum ist es so wichtig, dass wir uns mit diesen Thesen auseinandersetzen? Im Marketing gibt es eine Regel: Content is king! Der Inhalt ist entscheidend! Wir können die tollste Werbekampagne starten und alles großartig designen und verpacken. Aber wenn der Inhalt schlecht ist, dann ist auf Dauer alles Drumherum vergebliche Liebesmüh. Deshalb wäre meine Empfehlung für unsere Kirche:

  • Bevor wir darüber nachdenken, wie wir möglichst viele Menschen beteiligen können – Wollen wir nicht erst einmal darüber nachdenken, was eigentlich der Auftrag der Kirche ist und woran wir die Menschen beteiligen wollen?
  • Bevor wir darüber nachdenken, WIE wir kommunizieren wollen – Wäre es nicht sinnvoller, erst einmal darüber nachzudenken, WAS wir eigentlich kommunizieren wollen?
  • Bevor wir Einheit mit anderen Kirchen suchen – was ich gut finde! – Sollten wir nicht zuerst einmal darüber nachdenken, was eigentlich uns als Kirche eint, was uns zusammenhält und was unsere gemeinsame Basis ist?
  • Und vor allem: Bevor wir uns mit den äußeren Formen der Kirche befassen – Sollten wir uns nicht zuerst einmal mit dem Inhalt der Kirche befassen und uns fragen: Was macht uns eigentlich als Kirche aus? Was macht Kirche zur Kirche?

Mir ist schon klar: Diesen 5 Thesen nachzugehen könnte einen schmerzlichen Prozess auslösen. Vielleicht würden wir an einigen Stellen merken, dass wir uns doch deutlich entfernt haben von dem, was für die ersten Christen so selbstverständlich und unaufgebbar war und was auch heute noch für so viele wachsende Kirchen in der ganzen Welt ganz selbstverständliche Basisüberzeugungen sind. Aber ich fürchte: Wenn wir uns diesen 5 Thesen nicht stellen, dann bleiben auch alle anderen Bemühungen oberflächlich und letztlich vergeblich. Denn hier geht es um die Themen, die das Herz und das Wesen der Kirche berühren und die die Kirche zur Kirche machen.

Deshalb würde ich mir eines wünschen: Lassen Sie uns heute, hier und jetzt anfangen, diese Themen hochzuhalten und in den Mittelpunkt zu rücken. Wir können anfangen, sie in unserem eigenen Leben umzusetzen. Und wir können zu leidenschaftlichen Botschaftern dieser ewigen Wahrheiten werden. Ich bin überzeugt: Wenn wir das tun, dann werden das gleiche erleben wie das, was die junge Kirche damals erlebt hat. Wir werden erleben: Wo Kirche sich an diesen biblischen Grundlagen orientiert, da hat sie Zukunft, ganz egal, wie sehr ihr der Wind ins Gesicht bläst. Denn Jesus selbst hat versprochen, dass er sich zu seiner Kirche stellt. Er hat es damals getan. Er wird es ganz sicher auch heute tun. Lassen Sie uns gemeinsam beten und arbeiten dafür, dass überall in unserem Land Orte entstehen, an denen Jesus als der Herr verehrt wird, an denen Menschen zur Nachfolge eingeladen werden, an denen sie davon hören, dass Jesus für unsere Schuld gestorben ist, an denen sie in Kontakt kommen mit diesem kraftvollen Wort Gottes und an denen sie sich verlieben in diesen unglaublichen Gott, der aus Liebe zu uns sein Leben gegeben hat. Von solch einer Kirche träume ich. Lassen Sie uns gemeinsam beten und arbeiten dafür, dass dieser Traum wahr wird um der Ehre Gottes willen und um der Menschen willen, die dieses Evangelium so dringend hören müssen.

Weiterführende Artikel:

2022 – Woher kommt der Aufbruch?

Dieser Beitrag ist auch als Podcast verfügbar: https://bibel-live.aigg.de/2022-woher-kommt-der-aufbruch

„Es geht ohne Gott in die Dunkelheit…“ So sang es 1976 der christliche Liedermacher Manfred Siebald. Wenn er damit recht hat, dürfte es zunehmend düster werden in unserem Land. 2022 werden erstmals weniger als die Hälfte der Deutschen einer Kirche angehören. Der Religionssoziologe Detlef Pollack sieht Gesamtdeutschland damit vor einem Kipp-Punkt stehen, „von dem aus sich die Entkirchlichung wahrscheinlich beschleunigt.“[1] Der Rektor der pietistisch geprägten internationalen Hochschule Liebenzell Prof. Volker Gäckle ist sogar der Meinung, dass die volkskirchlichen Kipp-Punkte längst überschritten sind. Gemäß dem bekannten Philosophen Peter Sloterdijk befinde sich der Protestantismus wie Brennstäbe eines Atomkraftwerks im „Abklingbecken der Geschichte“. Da gäbe es zwar noch Restwärme, „aber es brennt hier nichts mehr und irgendwann ist auch die Restwärme Geschichte.“ Und Gäckle ergänzt: Auch der Pietismus befinde sich in einer „Situation der Windstille“. Man ringe um den Erhalt vieler Werke und Initiativen, die in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts in einer Phase des evangelikalen Aufbruchs entstanden sind. Aber man leide daran, dass „Gewissheiten wanken, die Flügel zerfasern.“ Das Klima sei „gereizt und nicht selten überhitzt“. Die Debatte drehe sich dabei längst nicht mehr nur um die Frage nach der Bewertung gleichgeschlechtlicher Sexualität sondern um viel zentralere Themen: „Gibt es ein letztes Gericht Gottes? Ist der Glaube an Jesus Christus das entscheidende Kriterium für Rettung und Verlorenheit? Ist die Heilige Schrift auch in geschichtlicher Hinsicht eine zuverlässige und vertrauenswürdige Grundlage für Glaube und Leben der Gemeinde? Darüber hat der Pietismus in den 60er- und 70er-Jahren mit der Ökumenischen Missionsbewegung und der liberalen Theologie auf Kirchentagen und Synoden gestritten. Heute streiten wir über ähnliche Fragestellungen im eigenen Laden.“[2]

Treffender kann man kaum zusammenfassen, was mich seit meiner Begegnung mit der Mediathek Worthaus im Jahr 2017 umtreibt. Ohne Zweifel trifft diese Situationsbeschreibung nicht nur auf den Pietismus zu. In vielen evangelikal geprägten Verbünden, Werken, Gemeinden und Gemeinschaften sieht es ähnlich aus. Die Corona-Krise hat dabei vielerorts wie ein Brandbeschleuniger gewirkt. Sie hat brüchige Einheit weiter untergraben und spärliches geistliches Leben weiter ausgedünnt oder gar ganz abgewürgt. Mich erinnern diese Vorgänge an Hebräer 12, 26b + 27:

„»Noch einmal werde ich nicht nur die Erde, sondern auch den Himmel erschüttern.« Das deutet auf eine Verwandlung der ganzen Schöpfung, die erschüttert wird, damit nur das Ewige bleibt.“

Könnte es wirklich Gott selbst sein, der diese Erschütterungen zulässt? Und könnte es sein, dass diese Erschütterungen eher noch weiter zunehmen? Tatsache ist: Das gesellschaftliche Klima wird rauer, gerade auch für Christen. Christliches Leben, das primär von Gewohnheit, Tradition und der „Restwärme“ vergangener Aufbrüche lebt, wird diesen Stürmen immer weniger standhalten können.

Umso dringender sollten wir gemeinsam die Frage stellen: Woher kommt ein neuer Aufbruch? Von wo kommt die Erweckung, die wir so dringend brauchen? Genau diese Frage habe ich Gott im vergangenen Jahr immer wieder gestellt. Und so langsam beginne ich zu ahnen: Gott denkt vielleicht sehr anders darüber, als wir oft meinen.

Eine radikal andere Ursachenanalyse

Eigentlich ist unsere Not ja nichts Neues. Immer wieder berichtet die Bibel, dass Gottes Volk in Bedrängnis gerät. Anders als heute waren die Widerstände damals meist sehr handfest. Es waren kriegerische Zeiten. Es ging nicht nur um schwindende Mitgliederzahlen. Die Menschen mussten wirklich um ihr Leben fürchten. Deshalb war die Frage damals noch sehr viel brisanter als heute: Was ist die Ursache für unsere Bedrängnis? Und woher wird die Rettung kommen?

Wäre die Bibel nur ein Spiegel damaliger menschlicher Erfahrungen und Überlegungen, dann müssten wir erwarten, dass sie sich vor allem mit den naheliegenden Problemursachen befasst: Machthungrige und hochgerüstete Nachbarvölker. Eine technisch und zahlenmäßig schwache eigene Armee. Schlechte Staatsführung und mangelnder Zusammenhalt. Eine falsche diplomatische Strategie. Doch das Verblüffende ist: Zu all diesen scheinbar vordringlichen Themen finden wir quer durch die biblischen Bücher ein weitgehendes, ja geradezu dröhnendes Schweigen. Stattdessen konfrontiert Gott sein Volk immer und immer wieder mit dieser einen, überaus provozierenden Aussage: Weder eure aggressiven Nachbarvölker noch eure eigene Schwäche sind euer Problem. Die wirkliche Ursache eurer Probleme hat nur vier Buchstaben: Gott! Mit Gottes Segen wäre ALLES möglich. Aber ohne ihn gibt es nur eine Richtung: Bergab.

An Gottes Segen ist alles gelegen

So lesen wir in den Abschiedsreden Josuas zum Beispiel: „Ja, ein Einziger von euch kann 1000 Mann in die Flucht schlagen. Denn der Herr, euer Gott, ist es, der für euch kämpft.“ (Josua 23,10) „Ich schickte wild gewordene Wespen gegen sie los und vertrieb die beiden Könige der Amoriter. Euer Schwert und euren Bogen brauchte ich nicht dazu.“ (24,12) Statt stolz seine Leistungen als erfolgreicher Feldherr zu preisen machte Josua damit deutlich: Es kam zu keiner Zeit auf ihn oder die Kriegstüchtigkeit Israels an! Gott war in allen Kämpfen der einzig entscheidende Faktor.

Noch deutlicher wird diese biblische Sichtweise, in Richter 7, wo Gideon sein Heer gegen die Midianiter führt. Gott musste das Heer zuerst drastisch reduzieren, damit Israel auch ganz sicher begreift, dass Gott der einzig entscheidende Faktor ist.[3] Können wir uns so etwas heute überhaupt vorstellen? Gäbe es unter uns wirklich jemand, der kurz vor einer Evangelisation die meisten Techniker nach Hause schickt, nur damit wir am Ende ganz sicher wissen, dass die vielen Bekehrten kein Resultat der medialen Gestaltung sondern allein ein Werk des Heiligen Geistes sind?

Aber was bedeutet diese provozierend andere Position der Bibel nun für die Frage dieses Artikels? Woher kommt der Aufbruch?

Der Aufbruch wird demnach auf keinen Fall von dort kommen, wo christliche Leiter den Zustand der Kirche mit widrigen Umständen entschuldigen. Um es ganz klar zu sagen: Nein, Säkularisierung, Individualisierung und Polarisierung sind genauso wenig unser Problem wie die Einschränkungen durch die Corona-Pandemie, mangelnde Kompetenzen oder fehlende finanzielle Mittel. Solche Probleme und Defizite mögen den laufenden Verfallsprozess vielleicht weiter beschleunigen. Aber unser eigentliches Problem hat auch heute noch die gleichen vier Buchstaben wie bei Josua und Gideon.

Nicht durch Heer oder Kraft

Der Aufbruch wird deshalb auch auf keinen Fall von dort kommen, wo als Reaktion auf die Krise primär über neue Strategien oder Methoden nachgedacht wird. Gleich gar nicht kommt der Aufbruch von dort, wo man die Krisensymptome ganz einfach durch Aufrufe und Appelle zu mehr Einheit, Spenden, Engagement oder Kompetenzaneignung bekämpfen möchte – selbst wenn diese Anliegen gut, die Strategien klug und die Kompetenzen wichtig sein mögen. Nichts davon wird die Wende bringen, wenn wir nicht das wahrhaben wollen, was Gott in der Bibel wieder und wieder klarstellt:

„Durch Heeresmacht und Kriegsgewalt wird nichts erreicht, sondern nur durch meinen Geist. Das sagt der Herr der himmlischen Heere.“ (Sacharja 4, 6)

Wir sind tatsächlich vollständig von Gott abhängig. Aber bedeutet das, dass wir deshalb zum Abwarten und Tee trinken verdonnert sind? Ist es somit Gottes Schuld, wenn die Segel unseres Kirchenschiffs schlaff herunterhängen? Nichts könnte weiter von der biblischen Botschaft entfernt sein als diese schlimmste aller Ausreden, die man leider unter Christen immer wieder hört.

Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang

Aus seiner Lebenserfahrung, dass Erfolg und Misserfolg letztlich allein vom Segen Gottes abhängt, leitete Josua aufrüttelnde Mahnungen ab:

„Achtet sehr darauf, den Herrn, euren Gott, zu lieben!“ (23,11) „Begegnet dem Herrn mit Ehrfurcht! Dient ihm aufrichtig und treu!“ (24,14)

Genau so hatte es Gott ihm auch selbst mit auf den Weg gegeben:

„Gib acht, dass du ganz nach der Weisung handelst, die dir mein Knecht Mose gegeben hat! Du sollst davon nicht abweichen, weder nach rechts noch nach links. So hast du Erfolg bei allem, was du unternimmst. Hör nicht auf, in dem Gesetzbuch zu lesen, und denk Tag und Nacht darüber nach. So weißt du, worauf du achtgeben musst. So kannst du dein ganzes Tun danach richten, wie es darin geschrieben steht. Dann wird dir alles gelingen, was du unternimmst. Dann hast du Erfolg. … Denn der Herr, dein Gott, ist mit dir bei allem, was du unternimmst!“ (Josua 1, 7-9)

Da haben wir es schwarz auf weiß, von wo der Aufbruch kommen wird: Von Menschen, die Gott und sein Wort von Herzen lieben und ihr ganzes Denken und Tun davon prägen lassen. Anders ausgedrückt: „Weisheit beginnt mit Ehrfurcht vor dem Herrn.“ (Psalm 111, 10, siehe auch Sprüche 1,7; 9,10; 14,27) Der Aufbruch wird von solchen Menschen ausgehen, die Gott in einer Art und Weise fürchten, dass sie ihren Fokus auf Gott und sein Wort richten, ihr Vertrauen ganz auf die Kraft seines Geistes setzen und deshalb in der Lage sind, sich von menschlichen Widerständen nicht mehr beeindrucken zu lassen.

Aber können wir ernsthaft hoffen, dass in absehbarer Zeit von solchen Menschen ein neuer Aufbruch ausgeht?

Das progressive Versprechen verliert an Strahlkraft

In den letzten Jahren hatte ich den Eindruck, dass der Trend leider in die entgegengesetzte Richtung läuft. Die Debatten in der evangelikalen Welt schienen zunehmend bestimmt zu sein von einem schillernden Versprechen: Wir bekommen das Kirchenschiff wieder flott, wenn wir es endlich mitschwimmen lassen in den Strömungen unserer Zeit. Wir finden heraus aus der Sackgasse, wenn wir mitlaufen bei Fridays for future, wenn wir uns mit engagieren für soziale Gerechtigkeit, wenn wir uns endlich auch eine Frauenquote vornehmen, unsere Sprache gendern und uns auf keinen Fall mehr einengen lassen durch ein überkommenes, fundamentalistisches Bibelverständnis. Mein Eindruck war, dass sich diese Botschaft gar nicht mehr aufhalten lässt an unseren Ausbildungsstätten, in den evangelikalen Medien, Werken und Gemeinschaften.

Gerade in den letzten Monaten sehe ich aber zunehmend auch Signale, dass dieses progressive Versprechen an Strahlkraft verliert. Immer mehr christliche Leiter scheinen zu merken: Die postevangelikalen und progressiven Strömungen sind zwar gut im Benennen von Fehlern und in der Dekonstruktion. Aber sie bieten nur wenig konstruktive Orientierung. Sie bringen wenig Hoffnungsmodelle hervor. Sie sind weitgehend ungeeignet für die Weitergabe des Glaubens. Und sie haben auch seelsorgerlich eher wenig zu bieten. Die Abschaffung des zornigen Gottes mag auf diejenigen, die unter evangelikaler Gesetzlichkeit gelitten haben, kurzzeitig wie eine Erlösung wirken. Aber auf Dauer merken wir: Ohne Gottes Zorn wird auch seine Gnade seltsam banal. Wenn Gott niemanden straft, dann brauchen wir auch kein rettendes Evangelium. Wenn in der Theologie alles gleich gültig ist, dann wird auch alles gleichgültig. Und damit irgendwann auch trost-los.

Erste Signale einer Wende?

Es ist deshalb vielleicht kein Zufall, dass nach dem Boom von Worthaus & Co. zuletzt mit glaubendenken und offen.bar gleich 2 neue Mediatheken entstanden sind, die ganz neu auf die Vertrauenswürdigkeit der Bibel setzen. IDEA Spektrum hat die offen.bar-Mediathek sogar zum Hoffnungsträger und Projekt des Jahres gekürt. Sehen wir hier vielleicht schon den Beginn einer Entwicklung, die in der Kirchengeschichte immer wieder zu beobachten ist? Denn genau so war es ja oft: Wenn es trocken wird, dann kehren Christen zurück zu den Quellen, die die Kirche Jesu zu allen Zeiten stark gemacht haben: Die Erlösung unter dem Kreuz. Die Kraft von Gottes lebendigem Wort. Die Stärkung im Gebet. Die Erneuerung durch den Heiligen Geist. Die Inspiration einer Gemeinschaft von Menschen, die Jesus leidenschaftlich folgt und anbetet. Nichts und niemand kann diese Quellen je ersetzen.

Die Furcht des Herrn auf Platz 1 der Bestsellerliste

Das letzte Buch, das ich in diesem Jahr gelesen habe, trug den Titel „Überrascht von Furcht“. Es stammt von Natha, der schon seit einiger Zeit mit crosspaint im Internet Furore macht und vor allem viele Jugendliche erreicht. Wer dieses Buch in die Hand nimmt merkt schnell: In diesem Buch weht raue Erweckungsluft. Es geht um Sünde und Kreuz, um Himmel und Hölle, um den Zorn und die Liebe Gottes, um die Notwendigkeit der Gottesfurcht, um Hingabe und Heiligung. Also alles Themen, von denen man meinen sollte: DAS ist doch nun wirklich vollkommen out. Aber stattdessen ist etwas völlig außergewöhnliches geschehen: Das Buch stand zwei Tage lang auf Platz 1 der Amazon Gesamt-Bestsellerliste! Ich kenne kein anderes christliches Buch, das das geschafft hat. Ist das nicht wirklich ein Zeichen, dass hier tatsächlich etwas in Bewegung geraten ist?

Man muss nicht jede Bibelauslegung von Natha teilen. Aber man wird Natha auch nicht vorwerfen können, dass er die Bibel verdreht. Im Gegenteil: Hier entsteht ganz offenkundig eine Gegenbewegung zu einem Christentum, das sich zwar gerne modern und progressiv gibt, das zugleich aber wichtige Elemente der Botschaft über Bord wirft, die das Christentum zu allen Zeiten so kraftvoll und revolutionär gemacht hat. Es war nun einmal kein Social Gospel, keine Befreiungstheologie, keine öffentliche Theologie und keine Transformationstheologie, die Gesellschaften verändert hat. Nein, es waren Erweckungsbewegungen wie das Urchristentum, der Pietismus, der Methodismus oder die Great Awakenings, die gezeigt haben: Es ist letztlich immer wieder dieses alte, raue Evangelium, das wirkliche Veränderung bringt, weil Menschen erleben: Nur sein Wort gibt Orientierung und Hoffnung über den Tod hinaus. Nur sein Geist schafft wirklich Neues. Und nur eine Transformation der Herzen führt am Ende auch zu echter Gesellschaftstransformation.

Der Aufbruch kommt

Die Worte aus dem Lied von Manfred Siebald klingen für mich heute fast prophetisch:

„Es geht ohne Gott in die Dunkelheit, aber mit ihm gehen wir ins Licht! Sind wir ohne Gott macht die Angst sich breit aber mit ihm fürchten wir uns nicht.“

Genau das sehen wir heute in unserer Gesellschaft: Angst macht sich breit. Angst vor der Klimakatastrophe. Angst vor Infektion und Krankheit. Angst vor dem Zusammenbruch des Gesundheitswesens. Angst vor Existenzverlust und wirtschaftlichem Niedergang. Angst vor dem Blackout. Angst vor Extremisten und Ideologien. Angst vor Überfremdung. Und es gibt sogar Leute, die behaupten: Angst sei gut, damit wir uns richtig verhalten. Ein Stück weit stimmt das ja auch. Aber ich sehe eben auch immer mehr Menschen, die wirklich leiden unter ihrer Angst. Ich sehe, wie Angst Konflikte produziert. Ich sehe, wie Angst die Grenzen des Respekts und der Achtung niederreist. Ich sehe, wie Angst verhindert, dass wir respektvoll miteinander reden und diskutieren können. Ich sehe, wie Angst das Miteinander in unserer Gesellschaft zerstört. Und ich sehe, dass Angst eben doch am Ende ein schlechter Ratgeber ist, weil sie das nüchterne, rationale Denken zerstört.

Deshalb bete ich in dieser aufgewühlten Zeit um Frieden für unser Land. Ich bete für unsere Politiker, dass sie gute Entscheidungen treffen, die helfen, dass das Miteinander wieder verbessert wird. Ich bete um Gottes Segen für unser Land, damit die Wirtschaft und damit auch unser Sozialstaat nicht zusammenbricht. Aber wir sollten auch nicht überrascht sein, wenn es Folgen hat, wenn ein Volk sich säkularisiert, wenn es sich von Gottes Geboten emanzipiert und wenn seine Leiter glauben, ohne Gottes Hilfe regieren zu können. Es sollte uns Christen nicht überraschen, wenn die Orientierungslosigkeit, die Angst, die Polarisierung und die Konflikte in der Gesellschaft in der kommenden Zeit noch weiter zunehmen.

Trotzdem gibt es für Christen keinen Grund, sich entmutigen zu lassen. Denn ich bin mir sicher: Gott hat keine Angst. Gott ist stärker als alles Dunkle, das in dieser Welt am Werk ist. Gott hat alles unter Kontrolle. Er regiert! Und er hat einen guten Plan. Er ist schon längst am Werk. Und deshalb bin ich mir auch sicher: Der Aufbruch kommt! Und wenn er losgeht, will ich gerne dabei sein. Lasst uns gemeinsam zu diesen Menschen gehören, die ihren Fokus ganz auf Gott und sein Wort richten, die ihr Vertrauen ganz auf die Kraft seines Geistes setzen und die erfüllt sind von dieser Hoffnung, dass für unseren Gott nichts unmöglich ist.


[1] „Die Bedeutung des Islams in Deutschland wird steigen und die des Christentums zurückgehen“ Interview mit Detlef Pollack in der NZZ am 25.12.2021 https://www.nzz.ch/international/weihnachten-2021-das-christentum-ist-auf-dem-rueckzug-ld.1661792

[2] Volker Gäckle: „Windstille, Wandel und Gottes Wirken“, in „Lebendige Gemeinde“ 4 / 2021, S. 14 https://lebendige-gemeinde.de/wp-content/uploads/2021/12/LG_2021_04_ChristusBewegung.pdf

[3] Richter 7, 2: „Der Herr sagte zu Gideon: »Das Heer, das du bei dir hast, ist zu groß. So wie es jetzt ist, kann ich die Midianiter nicht in eure Gewalt geben. Sonst könnten die Israeliten mir gegenüber behaupten: ›Wir haben uns aus eigener Kraft gerettet!‹“