Wie bleiben wir Menschen mit Mission?

10 Zukunftsfragen an die Evangelikalen auf Basis des Buchs „Menschen mit Mission“ von Prof. Thorsten Dietz

Mit dem Buch „Menschen mit Mission“ hat Prof. Thorsten Dietz die bisher umfangreichste und differenzierteste Darstellung zur evangelikalen Bewegung in Deutschland vorgelegt. Welches Bild wird hier gezeichnet? Welche Konsequenzen folgen daraus für die Zukunft der Evangelikalen? Soviel ist sicher: Dieses Buch will wichtige Diskussionen anstoßen. Reden wir darüber!

Es soll Leute geben, die die Lektüre eines Buchs mit dem Ende beginnen. Das Ende von „Menschen mit Mission“ war für mich besonders spannend. Nach mehr als 450 Seiten steuert Thorsten Dietz auf der letzten Doppelseite auf diese finale Diagnose zu:

„Auch die evangelikale Bewegung in Deutschland hat ihre Krise. Dabei geht es längst nicht mehr in erster Linie darum, welche Beurteilung gleichgeschlechtliche Liebe findet und welch biblische Hermeneutik vertreten wird oder werden soll – sondern wie sie mit der Pluralität in ihren eigenen Kreisen umgeht: so, wie vom früheren Vorsitzenden der Deutschen Evangelischen Allianz Michael Diener vorgeschlagen, dass die Evangelikalen, Pietisten etc. unterschiedliche moralische Überzeugungen aushalten und ihren gemeinsamen missionarischen Auftrag ins Zentrum stellen? Oder so, wie vor allem vom Netzwerk Bibel und Bekenntnis angestrebt, dass man sich verbindlich auf eindeutige Bekenntnisse einigt und entsprechend auf allen Ebenen durchsetzt, was in der jeweiligen Gemeinde, Kirche oder Allianz vertreten werden darf? Diese Grundfrage ist weiterhin ungelöst.“ (S. 458)

Thorsten Dietz ist bei weitem nicht der Einzige, der von einer Krise unter den Evangelikalen in Deutschland redet. Auch Ulrich Eggers schrieb jüngst in der Zeitschrift AUFATMEN: „Wir alle merken: Gemeinsam – das fällt in diesen Zeiten, in denen sich viele gewachsene Traditionen auflösen, selbst Einheits- oder Allianz-gewillten Christen zunehmend schwer! … Zunehmend zieht Misstrauen und Entfremdung ein, bedroht Einheit – und damit auch die gemeinsame Arbeitsplattform für missionarische Bewegung.“

Wenn es stimmt, dass der Umgang mit wachsender Pluralität tatsächlich DIE Herausforderung für die heutigen Evangelikalen ist, dann ist die zentrale Frage, der wir uns gemeinsam stellen müssen: Wie können wir die Einheit und die missionarische Dynamik der vielfältigen evangelikalen Jesusbewegung bewahren? Wie bleiben wir Menschen mit Mission?

Im Blick auf das Buch von Thorsten Dietz wäre dann zu fragen: Ist die Alternative, die Thorsten Dietz hier aufmacht, in dieser Form zutreffend beschrieben? Wir werden auf diese wichtige Frage am Ende dieser Artikelserie zurückkommen.

Die Evangelikalen: Eine einzigartige Erfolgsgeschichte

Thorsten Dietz macht in seinem Buch immer wieder deutlich: Es steht enorm viel auf dem Spiel! Immerhin handelt es sich bei den Evangelikalen heute um die weltweit zweitgrößte christliche Strömung nach dem Katholizismus (S. 92). Unbestreitbar blickt der Evangelikalismus auf eine beispiellose Wachstumsgeschichte zurück. In den USA waren um 1970 die sogenannten Mainline Churches, die historisch-protestantischen Kirchen in den USA (Anglikaner, Lutheraner, Reformierte etc.), doppelt so stark wie die Evangelikalen. Bis etwa 2005 hatten sich die Verhältnisse umgekehrt. (S. 37).

Der Erfolg der Evangelikalen zeigt sich auch im praktischen Gemeindeleben: Auf der Ebene der Gottesdienstbesuche oder gar der Gemeindegründung sind sie viel stärker als die liberalen Kirchen. (S. 339) Evangelikale besuchen häufiger den Gottesdienst, engagieren sich stärker ehrenamtlich und verbringen mehr Zeit in der Gemeinde. Dieses aktivere und lebendigere Gemeindeleben macht es auch für andere attraktiv, nicht zuletzt für die eigenen Kinder und Jugendlichen. Vergleichbare Befunde zeigen sich weltweit. (S. 425)

10 Zukunftsfragen an die Evangelikalen

Vor dem Hintergrund dieser erstaunlichen Erfolgsgeschichte führt das Buch von Thorsten Dietz zu einigen zentralen Zukunftsfragen für die evangelikale Bewegung:

  1. Was verbindet die Evangelikalen?
  2. Was ist das Erfolgsgeheimnis der Evangelikalen?
  3. Haben die Evangelikalen ein Fundamentalismusproblem?
  4. Machen sich die Evangelikalen durch ihren Umgang mit der Wissenschaft unglaubwürdig?
  5. Was bedeutet das Phänomen der „Postevangelikalen“ für die evangelikale Bewegung?
  6. Ziehen sich die Evangelikalen zunehmend von der Gesellschaft zurück?
  7. Haben die Evangelikalen ein Problem mit „Rechts“(-populismus)?
  8. Fremdeln die Evangelikalen mit ihrem sozialen Auftrag?
  9. Stehen „Bekenntnis-Evangelikale“ für eine Profilierung durch Abgrenzung?
  10. Wie kann angesichts wachsender Pluralität heute noch Einheit in Vielfalt gelingen?

Die folgenden 10 Artikel greifen zu jeder dieser Fragen einige zentrale Thesen von Thorsten Dietz heraus und stellen dazu die drei folgenden Fragen:

  • Was können wir von Thorsten Dietz lernen?
  • Gibt es Anfragen oder Gegenperspektiven zu den Thesen von Thorsten Dietz?
  • Worüber sollten wir uns dringend gemeinsam klar werden?

Im finalen Artikel wage ich ein persönliches Fazit. Und ich möchte mich persönlich verorten auf der Landkarte, die Thorsten Dietz in seinem Buch zeichnet. Ich hoffe, ich konnte Dein Interesse wecken? Wenn ja, dann legen wir los mit

Frage 1: Was verbindet die Evangelikalen?

Zitate aus dem Buch sind in Farbe herausgehoben.

Das Buch “Menschen mit Mission” von Prof. Thorsten Dietz ist hier erhältlich.

Was macht Kirche zur Kirche? – 5 Biblische Basics im Fokus

Der nachfolgende Text ist ein gekürztes Skript zu einem Vortrag, der am 18.02.2022 in der Stadtkirche in Freudenstad gehalten wurde im Rahmen einer Veranstaltung von “Lebendige Gemeinde Christusbewegung” in der württembergischen Landeskirche. Der Vortrag kann auf YouTube angesehen oder als Audio angehört werden:

Selten wurde der Relevanzverlust der großen Kirchen so deutlich wie in der Corona-Pandemie. Kirchliche Antworten auf die Krise wurden kaum wahrgenommen. Viel eher wurde diskutiert, ob es denn gerechtfertigt ist, dass Gottesdienste von den 2G- und 3G-Regelungen ausgenommen werden – so als ob Gottesdienste letztlich das Gleiche wären wie Sport- oder Kulturveranstaltungen. Aber genau so werden wir offenbar von immer mehr Menschen wahrgenommen. Das wirft natürlich die Frage auf: Was ist der Grund für diesen Relevanzverlust? Und vor allem: Wie kann unsere Kirche wieder an Relevanz gewinnen? Wie gewinnt sie wieder an Profil? Wie kann sie wieder hoffnungsvolle Zukunftsperspektiven entwickeln?

Genau diese Frage hatte sich die EKD-Synode im Jahr des Reformationsjubiläums 2017 gestellt. Das Schwerpunktthema lautete: Zukunft auf gutem Grund. Wie kann die Kirche wieder Zukunft gewinnen? Im Ergebnis entstand ein Papier, das 4 Zukunftsaufgaben definiert:

  1. Vielfältige Beteiligung am Leben der Kirche fördern
  2. Zeitgemäß kommunizieren
  3. Ökumenische Einheit vertiefen
  4. „Kirche neu denken“.

Unter Punkt 4 wurde z.B. verstanden: „Innovative Formen in der Aus-, Fort- und Weiterbildung“, „Neue Freiräume für neue Ideen und für mehr Vielfalt“, „Neue, ergänzende oder alternative Formen der Beteiligung bzw. der Zugehörigkeit zur Kirche“. In einem Zeitungsbericht zur Synode wurden diese Überlegungen mit den folgenden Fragen konkretisiert: „Müssen Gottesdienste kürzer und knackiger werden? Oder braucht es eine »Mitgliedschaft light« für Menschen, die noch zögern?“

Da stellt sich natürlich die Frage: Können solche Ansätze der Kirche wirklich helfen, aus der Krise zu kommen? Sicher ist: Einfache Antworten auf die Herausforderungen der Kirche gibt es nicht. Säkularisierung, Individualisierung und Polarisierung sind mächtige Megatrends unserer Zeit, unter denen alle traditionellen Institutionen leiden. Aber was ich wirklich vermisse bei diesen Überlegungen ist die Frage: Wäre es nicht sinnvoll und angemessen, einmal viel intensiver in der Bibel nach Antworten zu suchen auf die großen Herausforderungen, vor denen unsere Kirche steht?

In der Bibel finden wir ja eine unfassbare Erfolgsgeschichte von einer jungen christlichen Bewegung, die es tatsächlich geschafft hat, in weniger als 300 Jahren den gesamten damals bekannten Mittelmeerraum zu durchdringen. Dabei waren die Startvoraussetzungen für die Kirche damals deutlich schlechter als heute. Die frühe Kirche hatte nicht die Möglichkeit, ihre Botschaften medial zu verbreiten. Sie hatte kein bezahltes Personal, keine Gebäude und keinerlei Machtmittel. Und auch damals war der Zeitgeist in keinster Weise auf der Seite der Kirche. Die Botschaft der Kirche wurde als Torheit und als Ärgernis empfunden, schrieb Paulus. Mehr noch: Diese Bewegung war härtester Verfolgung ausgesetzt. Man sagt, dass die ganze zweite Generation der urchristlichen Bewegung in irgendeiner Form mit Märtyrertum in Berührung gekommen ist. Also wenn es die Kirche einmal wirklich schwer hatte, dann damals. Umso mehr sollte es sich doch lohnen, die Frage zu stellen: Wie war denn diese Kirche gestrickt, die es trotz all dieser Widerstände geschafft, sich nicht nur zu behaupten sondern sich auch noch massiv auszubreiten und die Grundlage zu legen für eine weltweit prägende Bewegung? Was finden wir darüber in der Bibel? Und was können wir heute für uns daraus lernen?

Ich will dazu 5 Themen beleuchten, die für die Botschaft und das Selbstverständnis dieser jungen, christlichen Bewegung absolut grundlegend waren. Es handelt sich im Grunde um 5 biblische Selbstverständlichkeiten, die quer durch das Neue Testament so eindeutig und klar bezeugt sind, dass man sich die damalige Kirche ohne diese Punkte nicht vorstellen kann. Kirche war dort, wo diese 5 Themen bezeugt, gefeiert und gelebt wurden. Das 1. Thema lautet:

1. Kirche ist dort, wo Jesus als Herr verehrt wird

Die ersten Christen haben bekannt: Jesus ist Herr! Er ist auferstanden, aufgefahren in den Himmel, er sitzt zur Rechten Gottes und er regiert. Eines Tages, wenn er wiederkommt als Richter, wird sich vor ihm jedes Knie beugen und jede Zunge wird bekennen, dass er der Herr ist. Und: Wenn du mit deinem Mund bekennst: »Jesus ist der Herr!« Und wenn du aus ganzem Herzen glaubst: »Gott hat ihn von den Toten auferweckt!« Dann wirst du gerettet werden“ (Römer 10, 9). Das war das Bekenntnis der ersten Christen.

Dieses Bekenntnis war verwurzelt in der zentralen Botschaft, die Jesus selbst überall verbreitet hat. In Markus 1, 14-15 heißt es: Danach kam Jesus nach Galiläa und verkündete die Gute Nachricht von Gott. Die von Gott bestimmte Zeit ist da. Sein Reich kommt jetzt den Menschen nahe. Ändert euer Leben und glaubt dieser Guten Nachricht!“ Das Reich Gottes stand also im Mittelpunkt der Botschaft Jesu.

Laut der Basis-Bibel bedeutet der Begriff „Reich Gottes“ wörtlich: »Königsherrschaft Gottes«. Das bezeichnet den Herrschaftsbereich, in dem sich Gottes Wille durchsetzt. Genau das hat Jesus uns ja auch beten gelehrt: „Dein Reich komme!“ Das heißt: „Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.“ Es geht hier also um die Frage: Geht es nach unserem Willen? Oder gilt der Wille Gottes? Jesus hat nicht nur in diesem Gebet völlig klar gemacht: Reich Gottes ist dort, wo der Wille Gottes geschieht, wo er das Sagen hat, wo seine Gebote gelten und beachtet werden. Deshalb rief Jesus die Menschen zur Umkehr. Er hat die Menschen aufgefordert: Lebt nicht mehr so, wie ihr das für richtig haltet. Folgt nicht mehr eurem Herzen sondern fragt nach dem Willen Gottes. Es geht also buchstäblich um einen Herrschaftswechsel. Nicht mehr wir selbst sitzen auf dem Thron unseres Lebens sondern sein Wille soll geschehen. Seine Gebote sollen für uns gelten.

Entsprechend hat Jesus im Missionsbefehl gesagt: „Lehrt sie, alles zu tun, was ich euch geboten habe!“ (Matth.28,19) Menschen zu Jüngern machen hat für Jesus bedeutet, dass Menschen lernen und beachten, was Gottes Wille ist. Seine Jünger sollten ihr ganzes Leben nach seinen Geboten ausrichten. Dieses Evangelium vom Reich Gottes enthält also nicht nur den Zuspruch der Gnade und der Vergebung, es enthält auch einen Anspruch: Wir können nicht Gottes Gnade und Vergebung genießen und zugleich weiter uns selbst gehören und unser eigenes Ding drehen. Jesusnachfolger bekennen: Wir gehören IHM! ER hat das Sagen! Wir orientieren uns an ihm und an seinen Worten.

Natürlich ist diese Botschaft eine Herausforderung in einer Zeit, in der die Autonomie und das Selbstbestimmungsrecht des Menschen so stark betont wird wie noch nie. Aber die Bibel macht überdeutlich: Die Botschaft von der Herrschaft Jesu war keine Nebensache im Neuen Testament sondern eine elementare Grundlage des Evangeliums. Sie hat unaufgebbar zur DNA der jungen christlichen Bewegung gehört. Und wir sollten uns deshalb fragen: Wie gehen wir heute mit diesem Bekenntnis um? Kann es überhaupt Kirche geben ohne den Ruf zur Unterordnung unter Gottes Herrschaft?

2. Kirche ist dort, wo Menschen zur Nachfolge Jesu eingeladen werden

Schauen wir uns noch einmal diesen Befehl im Ganzen an, den Jesus seinen Jüngern bei seinem Abschied mitgegeben hat:

Gott hat mir alle Macht gegeben, im Himmel und auf der Erde. Geht nun hin zu allen Völkern und ladet die Menschen ein, meine Jünger zu werden. Tauft sie im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes! Und lehrt sie, alles zu tun, was ich euch geboten habe!“ (Matthäus 28, 18+19)

Eigentlich ist dieser Befehl Jesu vollkommen absurd. Da spricht ein unbekannter Wanderprediger in einem unbedeutenden Landes zu 11 unbedeutenden, einfachen Menschen und sagt ihnen: Geht zu allen Völkern und ladet sie ein, meine Nachfolger zu werden. Ist Jesus etwa größenwahnsinnig? Scheinbar schon. Jesus hatte dazu ja noch eine vollkommen aberwitzige Ankündigung gemacht: Seine Worte werden nicht vergessen, im Gegenteil: Seine Botschaft wird in der ganzen Welt gepredigt werden. Dabei hatte Jesus nicht einmal ein einziges Wort aufgeschrieben! Ohne Frage ist das eine dieser Vorhersagen in der Bibel, deren Erfüllung aus damaliger menschlicher Sicht völlig unmöglich war. Aber die atemberaubende Wahrheit ist: Heute stehen wir kurz davor, dass diese Vorhersage buchstäblich in Erfüllung geht und jedes Volk auf der Erde die Worte Jesu in seiner Sprache lesen kann. Ich finde: Ein Buch, das solche Vorhersagen macht, hat wahrlich unser Vertrauen verdient.

Aber wir sollten uns auch fragen: Warum ist denn diese Vorhersage in Erfüllung gegangen? Die Antwort ist klar: Die Jünger Jesu haben den Missionsbefehl absolut ernst genommen. Er war tief in ihnen verankert. Schon bei der Berufung von Petrus und seinem Bruder Andreas hat Jesus klar gemacht, was er mit ihnen vorhat: »Kommt, folgt mir! Ich mache euch zu Menschenfischern!« (Markus 1, 17) DAS war von Anfang an das große Ziel, das Jesus mit ihnen hatte. Und genau das haben sie in beeindruckender Weise umgesetzt. Der Missionsauftrag hat die junge christliche Bewegung entscheidend geprägt. Und wir müssen uns deshalb auch heute fragen: Ist Kirche eigentlich noch Kirche, wenn sie diesen Auftrag aus dem Fokus verliert?

3. Kirche ist dort, wo der stellvertretende Opfertod Jesu gepredigt wird

Es gibt ein Thema, das sich wie ein großer roter Faden quer durch die ganze Bibel zieht: Das Thema vom stellvertretenden Opfertod.

  • Schon in der biblischen Urgeschichte muss ein Tier sterben, damit Gott die Scham von Adam und Eva durch Tierfelle bedecken kann.
  • Anstelle von seinem Sohn darf Abraham ein Schaf opfern, und zwar genau an dem Ort, an dem später der himmlische Vater tatsächlich seinen Sohn sterben sah.
  • Beim Auszug Israels aus Ägypten musste Israel das Blut des geschlachteten Passahlamms an den Türrahmen streichen, um vor dem Gericht Gottes gerettet zu werden.
  • In vielen alttestamentlichen Opferriten kommt immer wieder auch der stellvertretende Charakter des sterbenden Tiers zum Ausdruck.
  • Jesaja widmet fast ein ganzes Kapitel dem stellvertretenden Opfertod des Gottesknechts und sagt dabei deutlich: „Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten.“ (Jesaja 53, 5)
  • Johannes der Täufer stellt Jesus mit den Worten vor: „Seht doch! Das ist das Lamm Gottes. Es nimmt die Sünde dieser Welt weg!“ (Johannes 1, 29)
  • In der Abendmahlseinsetzung sagt Jesus: „Mein Blut wird für die vielen vergossen werden zur Vergebung ihrer Sünden.“ (Matthäus 26, 28)
  • Im Römer- und Hebräerbrief beschäftigen sich ganze Kapitel mit dem stellvertretenden Sühneopfer.
  • Und schließlich lesen wir in der Offenbarung gleich 28-mal, dass Jesus das geschlachtete Lamm ist, in dessen Blut die Heiligen ihre Gewänder reingewaschen haben.

Die Lehre vom stellvertretenden Opfertod ist somit absolut kein Randthema in der Bibel. Entsprechend war sie auch kein Randthema in der frühen Kirche. Der Theologe Ron Kubsch schreibt: „Das Verständnis von Jesu Tod als stellvertretende Sühne war seit jeher in der Kirchengeschichte das allgemeine Verständnis der biblischen Texte.“ Genau in diese Tradition stellt sich heute auch die Evangelische Allianz, wenn sie in ihrer Glaubensbasis bekennt: Jesus Christus, der Mensch gewordene Sohn Gottes, ist stellvertretend für alle Menschen gestorben. Sein Opfertod allein ist die Grundlage für die Vergebung von Schuld, für die Befreiung von der Macht der Sünde und für den Freispruch in Gottes Gericht.“

Aber trotz dieses breiten biblischen Befunds und dieses klaren Bekenntnisses höre ich heute selbst in Allianzkreisen immer wieder ganz andere Aussagen. Da wird dann z.B. gesagt: Die Motive von der Sühne und vom stellvertretenden Opfertod wären nur menschliche Deutungsversuche des Kreuzestodes. Daneben hätte es ja viele andere Deutungsversuche gegeben. Die stellvertretende Sühne hätte sowieso im Christentum zunächst gar keine besondere Rolle gespielt, sie wäre erst von Anselm von Canterbury im 11. Jahrhundert ins Zentrum gerückt worden. Ich muss sagen: Ich kann mich nur wundern über solche Aussagen. Ja, es stimmt, dass es im Neuen Testament verschiedene Bilder und Begriffe gibt, um die Bedeutung des Kreuzestodes zu beschreiben. Da ist die Rede von Sühnung, Erlösung, Rechtfertigung und Versöhnung. Aber der Theologe John Stott sagt dazu zurecht: „Wenn Gott in Christus nicht an unserer Stelle gestorben wäre, könnte es weder Sühnung noch Erlösung, weder Rechtfertigung noch Versöhnung geben.“ Das heißt: Die Stellvertretung steht bei allen diesen Begriffen im Zentrum.

Deshalb ist der stellvertretende Charakter des Opfertods Jesu ein unaufgebbarer Kernbestandteil des Evangeliums! Er gehört zum innersten Kern unseres christlichen Glaubens. Wer diese Botschaft verändert, der verpasst dem Christentum nicht etwa nur einen moderneren Haarschnitt, sondern der nimmt eine Herztransplantation vor mit weitreichenden Konsequenzen: Es ist eben ein gewaltiger Unterschied, ob Jesu Tod am Kreuz ein wirksames Opfer zur Vergebung unserer Schuld ist oder nur ein Akt der Solidarität mit den Leidenden. Das Kreuz will uns Menschen damit konfrontieren, dass wir ein Schuldproblem haben, dass wir Sünder sind, dass wir Gnade brauchen. Wenn unsere Botschaft aber nur noch in der Liebe und Annahme Gottes besteht, dann braucht es keine Rechtfertigung mehr. Und ohne Rechtfertigung verlieren wir die Gnade. Und ohne Gnade wird unser Glaube moralistisch und selbstbezogen.

Deshalb brauchen wir auch heute noch dieses Evangelium, das uns vom hohen Ross unserer Selbstgerechtigkeit holt und uns darauf hinweist, dass wir ohne die Rechtfertigung aus Gnade verloren sind und Rettung brauchen. Wir müssen uns deshalb schon die Frage stellen: Was macht es mit der Kirche, wenn sie diese Botschaft vom stellvertretenden Opfertod verliert?

4. Kirche ist dort, wo Gottes Wort gehört und verkündigt wird

Auch dieses Thema zieht sich wie ein roter Faden durch die ganze Bibel: Gott spricht. Gott offenbart sich. Gott spricht die Menschen an durch die Propheten, die Apostel, durch Menschen, die seinen Geist in sich tragen, und vor allem durch Jesus selbst. Wir Christen haben dieses Reden Gottes heute vorliegen in Form dieses Buchs, das Christen die Heilige Schrift nennen. Heilig heißt: Dieses Buch ist anders als alle anderen Bücher. Es ist zwar ganz Menschenwort, aber es ist zugleich eben auch ganz offenbartes Gotteswort und deshalb absolut maßgeblich für unseren Glauben und für die Kirche.

Die evangelische Allianz hat das in ihrer Glaubensbasis so zusammengefasst: „Die Bibel … ist Offenbarung des dreieinen Gottes. Sie ist von Gottes Geist eingegeben, zuverlässig und höchste Autorität in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung.“ Auch hier greift die evangelische Allianz etwas auf, was in der Bibel selbst zutiefst verankert ist. Das Konzept, dass die biblischen Texte von Gott inspiriert sind, ist ja keine Erfindung der Reformation oder der evangelischen Allianz. Es ist erst recht keine Idee von irgendwelchen Fundamentalisten. Das Verständnis der biblischen Texte als inspiriertes Gotteswort wird von der Bibel selbst durchgängig bezeugt.

Das sieht man z.B. daran, wie das Neue Testament mit dem Alten Testament umgeht: Etwa 9 % des Neuen Testaments besteht aus Zitaten oder direkten Anspielungen auf das Alte Testament. Wendungen wie „Es steht geschrieben“ oder „Die Schrift sagt“ oder „Der Prophet sagt“ oder „Im Gesetz heißt es“ sind im Neuen Testament immer Autoritätsformeln, bei denen davon ausgegangen wird: Somit gilt das! Somit ist das eindeutig wahr!

Jesus selbst hat immer wieder diese Frage gestellt: Habt ihr nicht gelesen? Das heißt: Jesus hat wie alle frommen Juden damals mit dem Schriftbeweis argumentiert. Ein Schriftbeweis funktioniert natürlich nur, wenn die Schrift absolute Autorität hat. In Matthäus 5, 18 sagt Jesus auch ganz direkt: „Ich versichere euch: „Solange der Himmel und die Erde bestehen, wird selbst die kleinste Einzelheit von Gottes Gesetz gültig bleiben.“ Jesus war wahrlich kein Bibelkritiker! Er hat zwar einige Inhalte durch sein Erlösungswerk in ein neues Licht gerückt. Aber er hat sich trotzdem voll und ganz zur Autorität des Alten Testaments gestellt.

Paulus hat zudem in 2. Timotheus 3, 16 ganz allgemein formuliert: „Die ganze Schrift ist von Gott eingegeben.“ Wörtlich steht hier: Gottgehaucht. Geistdurchhaucht. Der Theologe Prof. Gerhard Maier schreibt dazu: „Im Neuen Testament wird das gesamte damalige ‚Alte Testament‘ … als von Gott eingegeben aufgefasst.“ Für die Autoren des Neuen Testaments waren „die beiden Wendungen ‚Die Schrift sagt‘ und ‚Gott sagt‘ untereinander austauschbar.“

Genau diesen extrem steilen Anspruch hat Petrus später auch auf die Briefe von Paulus bezogen, als er sie als „Schrift“ bezeichnet hat (2. Petrus 3, 16). Und im drittletzten Vers der Bibel, in Offenbarung 22, 18-19 finden wir unter Androhung von Gericht die Aussage: Diesem prophetischen Buch darf auf keinen Fall irgendetwas weggenommen oder hinzugefügt werden. Was für ein Anspruch! So etwas dürfte seither kein Theologe dieser Welt je wieder über seine Schriften sagen. Daran wird deutlich, welch einzigartigen Autoritätsanspruch diese biblischen Texte haben und sich auch gegenseitig zusprechen.

Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass schon die ersten Christen zutiefst in den Worten der Bibel verwurzelt waren und ihr höchste Autorität zugesprochen haben. Es war absolut zentral für sie, diese Worte Gottes weiterzugeben. Diese ersten Christen hatten etwas wichtiges verstanden: Die Kirche hat keine eigene Botschaft. Die Kirche ist nur Botschafterin an Christi statt. Sie kann nur deshalb Antworten geben auf die letzten, existenziellen Fragen der Menschen, weil sie aus einer Offenbarungsquelle schöpft. Denn ohne Offenbarung können wir Menschen nun einmal nichts wissen über Gott oder über die Frage, woher wir kommen, wohin wir gehen und was nach dem Tod geschieht. Die Menschen haben ein feines Gespür dafür, ob Kirche aus der Autorität einer offenbarten und zeitlosen Wahrheit heraus spricht oder ob sie nur eigene Meinungen verbreitet. Und persönlich muss ich sagen: Ich stehe gerne Sonntagmorgens auf, um Gottes Wort zu hören. Aber ich würde niemals Sonntagmorgens aufstehen, um die Meinung eines Predigers zu hören. Und wir müssen uns meines Erachtens nicht wundern, wenn Menschen nicht mehr in den Gottesdienst kommen, wenn man dort nur noch Meinungen hört, die man tags zuvor womöglich auch schon im Fernsehen gehört hat.

Deshalb sollten wir uns wirklich die Frage stellen: Kann Kirche überhaupt Kirche sein ohne diese feste Bindung an Gottes Wort? Und was bedeutet das für die Ausbildung unserer zukünftigen Gemeindeleiter?

5. Kirche ist dort, wo Gott geliebt wird

Auch wenn wir als Kirche die Herrschaft Jesu betonen, auch wenn wir mit Leidenschaft Menschen in die Nachfolge rufen, auch wenn wir das stellvertretende Sühneopfer in die Mitte des Evangeliums rücken und auch wenn wir die Bibel als Heilige Schrift und Gottes Wort hochhalten und predigen: All das wäre nichts wert ohne eine echte, gelebte, im Alltag praktizierte Liebe zu Gott. Das wird zum Beispiel deutlich in Offenbarung 2 im Sendschreiben an die Gemeinde in Ephesus. Das war eine großartige Gemeinde: Voller Tatendrang, voller Mühe, standhaft, mit einer gesunden Lehre. Aber dann heißt es in Vers 4: „Aber ich habe dir vorzuwerfen, dass du deine anfängliche Liebe aufgegeben hast.“ Und das Sendschreiben macht deutlich: Das ist kein nebensächliches Problem. Gott sagt deutlich: Wenn die Gemeinde daran nichts ändert, ist die Zukunft der Gemeinde gefährdet.

Paulus hat in 1. Korinther 8, 1 begründet, woran das liegt: „Die Einsicht allein macht überheblich. Nur die Liebe baut die Gemeinde auf.“ Anders ausgedrückt: Theologisches Verstandes­wissen ohne einen von Gottes Liebe und Gottes Geist geprägten Charakter macht arrogant und hartherzig. Damit wird auch klar, warum Jesus dieses Gebot der Gottesliebe an die alleroberste Stelle rückt, als er gefragt wurde nach dem wichtigsten Gebot: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele, mit deinem ganzen Denken und mit deiner ganzen Kraft.“ (Markus 12, 30) Und auch Paulus hat geschrieben: „Das Ziel meiner Unterweisung ist, dass alle Christen von der Liebe erfüllt sind.“ (1. Timotheus 1, 5) DAS war sein Fokus. Liebe war sein Ziel. Und das bedeutet: Alle anderen Basisthemen laufen letztlich auf dieses Thema zu.

Wenn aber dieses Thema der Liebe zu Gott für Jesus und Paulus ganz oben auf der Prioritätenliste stand, dann sollte es auch bei uns ganz oben auf der Tagesordnung stehen. Dann sollten wir uns fragen: Wie ist es um unsere Liebe zu Gott bestellt? Ist Gott nur ein theologisches Konstrukt in unserem Kopf? Oder kennen wir etwas von dieser Liebe, die der Heilige Geist in uns wecken will und die unser ganzes Leben prägen und erneuern soll. Das ist ohne Zweifel eine Frage, der sich die Kirche auch heute noch immer wieder stellen muss!

Was folgt daraus?

Lassen Sie mich noch einmal zurückkommen auf diese EKD-Synode aus dem Jahr 2017 und noch einmal die Frage stellen: Wie hat die Kirche Zukunft? Die Vorschläge lauteten: 1. Vielfältige Beteiligung 2. Zeitgemäß kommunizieren 3. Ökumene vertiefen, und: 4. „Kirche neu denken“ im Sinne von innovative, kreative Formen finden. Ohne Frage: Das sind alles gute Überlegungen! Aber mein Eindruck ist, dass unsere Probleme tiefer liegen. Meine Sorge ist, dass wir mit dieser Agenda nur an der Oberfläche unserer Probleme kratzen.

Vor 500 Jahren hat Martin Luther ein Papier mit 95 Thesen an die Kirche in Wittenberg geschlagen. Und ich frage mich manchmal: Welche Thesen würde er wohl heute an die Kirchentür schlagen? Ich weiß es nicht. Aber wir könnten jedenfalls aus diesen 5 biblischen Basisthemen 5 Thesen ableiten, die auch heute noch für die Kirche von zentraler Bedeutung sind:

  1. Jesus ist Herr! Seine Lehre ist absolut maßgeblich für uns!
  2. Unser zentraler Auftrag ist, Menschen in die Nachfolge Jesu zu rufen!
  3. Der stellvertretende Opfertod Jesu steht im Zentrum des Evangeliums!
  4. Das offenbarte Wort Gottes ist unser Maßstab für Glaube und Leben!
  5. Mittelpunkt der Kirche ist die gelebte Liebe zu Jesus Christus!

Warum ist es so wichtig, dass wir uns mit diesen Thesen auseinandersetzen? Im Marketing gibt es eine Regel: Content is king! Der Inhalt ist entscheidend! Wir können die tollste Werbekampagne starten und alles großartig designen und verpacken. Aber wenn der Inhalt schlecht ist, dann ist auf Dauer alles Drumherum vergebliche Liebesmüh. Deshalb wäre meine Empfehlung für unsere Kirche:

  • Bevor wir darüber nachdenken, wie wir möglichst viele Menschen beteiligen können – Wollen wir nicht erst einmal darüber nachdenken, was eigentlich der Auftrag der Kirche ist und woran wir die Menschen beteiligen wollen?
  • Bevor wir darüber nachdenken, WIE wir kommunizieren wollen – Wäre es nicht sinnvoller, erst einmal darüber nachzudenken, WAS wir eigentlich kommunizieren wollen?
  • Bevor wir Einheit mit anderen Kirchen suchen – was ich gut finde! – Sollten wir nicht zuerst einmal darüber nachdenken, was eigentlich uns als Kirche eint, was uns zusammenhält und was unsere gemeinsame Basis ist?
  • Und vor allem: Bevor wir uns mit den äußeren Formen der Kirche befassen – Sollten wir uns nicht zuerst einmal mit dem Inhalt der Kirche befassen und uns fragen: Was macht uns eigentlich als Kirche aus? Was macht Kirche zur Kirche?

Mir ist schon klar: Diesen 5 Thesen nachzugehen könnte einen schmerzlichen Prozess auslösen. Vielleicht würden wir an einigen Stellen merken, dass wir uns doch deutlich entfernt haben von dem, was für die ersten Christen so selbstverständlich und unaufgebbar war und was auch heute noch für so viele wachsende Kirchen in der ganzen Welt ganz selbstverständliche Basisüberzeugungen sind. Aber ich fürchte: Wenn wir uns diesen 5 Thesen nicht stellen, dann bleiben auch alle anderen Bemühungen oberflächlich und letztlich vergeblich. Denn hier geht es um die Themen, die das Herz und das Wesen der Kirche berühren und die die Kirche zur Kirche machen.

Deshalb würde ich mir eines wünschen: Lassen Sie uns heute, hier und jetzt anfangen, diese Themen hochzuhalten und in den Mittelpunkt zu rücken. Wir können anfangen, sie in unserem eigenen Leben umzusetzen. Und wir können zu leidenschaftlichen Botschaftern dieser ewigen Wahrheiten werden. Ich bin überzeugt: Wenn wir das tun, dann werden das gleiche erleben wie das, was die junge Kirche damals erlebt hat. Wir werden erleben: Wo Kirche sich an diesen biblischen Grundlagen orientiert, da hat sie Zukunft, ganz egal, wie sehr ihr der Wind ins Gesicht bläst. Denn Jesus selbst hat versprochen, dass er sich zu seiner Kirche stellt. Er hat es damals getan. Er wird es ganz sicher auch heute tun. Lassen Sie uns gemeinsam beten und arbeiten dafür, dass überall in unserem Land Orte entstehen, an denen Jesus als der Herr verehrt wird, an denen Menschen zur Nachfolge eingeladen werden, an denen sie davon hören, dass Jesus für unsere Schuld gestorben ist, an denen sie in Kontakt kommen mit diesem kraftvollen Wort Gottes und an denen sie sich verlieben in diesen unglaublichen Gott, der aus Liebe zu uns sein Leben gegeben hat. Von solch einer Kirche träume ich. Lassen Sie uns gemeinsam beten und arbeiten dafür, dass dieser Traum wahr wird um der Ehre Gottes willen und um der Menschen willen, die dieses Evangelium so dringend hören müssen.

Weiterführende Artikel:

2022 – Woher kommt der Aufbruch?

Dieser Beitrag ist auch als Podcast verfügbar: https://bibel-live.aigg.de/2022-woher-kommt-der-aufbruch

„Es geht ohne Gott in die Dunkelheit…“ So sang es 1976 der christliche Liedermacher Manfred Siebald. Wenn er damit recht hat, dürfte es zunehmend düster werden in unserem Land. 2022 werden erstmals weniger als die Hälfte der Deutschen einer Kirche angehören. Der Religionssoziologe Detlef Pollack sieht Gesamtdeutschland damit vor einem Kipp-Punkt stehen, „von dem aus sich die Entkirchlichung wahrscheinlich beschleunigt.“[1] Der Rektor der pietistisch geprägten internationalen Hochschule Liebenzell Prof. Volker Gäckle ist sogar der Meinung, dass die volkskirchlichen Kipp-Punkte längst überschritten sind. Gemäß dem bekannten Philosophen Peter Sloterdijk befinde sich der Protestantismus wie Brennstäbe eines Atomkraftwerks im „Abklingbecken der Geschichte“. Da gäbe es zwar noch Restwärme, „aber es brennt hier nichts mehr und irgendwann ist auch die Restwärme Geschichte.“ Und Gäckle ergänzt: Auch der Pietismus befinde sich in einer „Situation der Windstille“. Man ringe um den Erhalt vieler Werke und Initiativen, die in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts in einer Phase des evangelikalen Aufbruchs entstanden sind. Aber man leide daran, dass „Gewissheiten wanken, die Flügel zerfasern.“ Das Klima sei „gereizt und nicht selten überhitzt“. Die Debatte drehe sich dabei längst nicht mehr nur um die Frage nach der Bewertung gleichgeschlechtlicher Sexualität sondern um viel zentralere Themen: „Gibt es ein letztes Gericht Gottes? Ist der Glaube an Jesus Christus das entscheidende Kriterium für Rettung und Verlorenheit? Ist die Heilige Schrift auch in geschichtlicher Hinsicht eine zuverlässige und vertrauenswürdige Grundlage für Glaube und Leben der Gemeinde? Darüber hat der Pietismus in den 60er- und 70er-Jahren mit der Ökumenischen Missionsbewegung und der liberalen Theologie auf Kirchentagen und Synoden gestritten. Heute streiten wir über ähnliche Fragestellungen im eigenen Laden.“[2]

Treffender kann man kaum zusammenfassen, was mich seit meiner Begegnung mit der Mediathek Worthaus im Jahr 2017 umtreibt. Ohne Zweifel trifft diese Situationsbeschreibung nicht nur auf den Pietismus zu. In vielen evangelikal geprägten Verbünden, Werken, Gemeinden und Gemeinschaften sieht es ähnlich aus. Die Corona-Krise hat dabei vielerorts wie ein Brandbeschleuniger gewirkt. Sie hat brüchige Einheit weiter untergraben und spärliches geistliches Leben weiter ausgedünnt oder gar ganz abgewürgt. Mich erinnern diese Vorgänge an Hebräer 12, 26b + 27:

„»Noch einmal werde ich nicht nur die Erde, sondern auch den Himmel erschüttern.« Das deutet auf eine Verwandlung der ganzen Schöpfung, die erschüttert wird, damit nur das Ewige bleibt.“

Könnte es wirklich Gott selbst sein, der diese Erschütterungen zulässt? Und könnte es sein, dass diese Erschütterungen eher noch weiter zunehmen? Tatsache ist: Das gesellschaftliche Klima wird rauer, gerade auch für Christen. Christliches Leben, das primär von Gewohnheit, Tradition und der „Restwärme“ vergangener Aufbrüche lebt, wird diesen Stürmen immer weniger standhalten können.

Umso dringender sollten wir gemeinsam die Frage stellen: Woher kommt ein neuer Aufbruch? Von wo kommt die Erweckung, die wir so dringend brauchen? Genau diese Frage habe ich Gott im vergangenen Jahr immer wieder gestellt. Und so langsam beginne ich zu ahnen: Gott denkt vielleicht sehr anders darüber, als wir oft meinen.

Eine radikal andere Ursachenanalyse

Eigentlich ist unsere Not ja nichts Neues. Immer wieder berichtet die Bibel, dass Gottes Volk in Bedrängnis gerät. Anders als heute waren die Widerstände damals meist sehr handfest. Es waren kriegerische Zeiten. Es ging nicht nur um schwindende Mitgliederzahlen. Die Menschen mussten wirklich um ihr Leben fürchten. Deshalb war die Frage damals noch sehr viel brisanter als heute: Was ist die Ursache für unsere Bedrängnis? Und woher wird die Rettung kommen?

Wäre die Bibel nur ein Spiegel damaliger menschlicher Erfahrungen und Überlegungen, dann müssten wir erwarten, dass sie sich vor allem mit den naheliegenden Problemursachen befasst: Machthungrige und hochgerüstete Nachbarvölker. Eine technisch und zahlenmäßig schwache eigene Armee. Schlechte Staatsführung und mangelnder Zusammenhalt. Eine falsche diplomatische Strategie. Doch das Verblüffende ist: Zu all diesen scheinbar vordringlichen Themen finden wir quer durch die biblischen Bücher ein weitgehendes, ja geradezu dröhnendes Schweigen. Stattdessen konfrontiert Gott sein Volk immer und immer wieder mit dieser einen, überaus provozierenden Aussage: Weder eure aggressiven Nachbarvölker noch eure eigene Schwäche sind euer Problem. Die wirkliche Ursache eurer Probleme hat nur vier Buchstaben: Gott! Mit Gottes Segen wäre ALLES möglich. Aber ohne ihn gibt es nur eine Richtung: Bergab.

An Gottes Segen ist alles gelegen

So lesen wir in den Abschiedsreden Josuas zum Beispiel: „Ja, ein Einziger von euch kann 1000 Mann in die Flucht schlagen. Denn der Herr, euer Gott, ist es, der für euch kämpft.“ (Josua 23,10) „Ich schickte wild gewordene Wespen gegen sie los und vertrieb die beiden Könige der Amoriter. Euer Schwert und euren Bogen brauchte ich nicht dazu.“ (24,12) Statt stolz seine Leistungen als erfolgreicher Feldherr zu preisen machte Josua damit deutlich: Es kam zu keiner Zeit auf ihn oder die Kriegstüchtigkeit Israels an! Gott war in allen Kämpfen der einzig entscheidende Faktor.

Noch deutlicher wird diese biblische Sichtweise, in Richter 7, wo Gideon sein Heer gegen die Midianiter führt. Gott musste das Heer zuerst drastisch reduzieren, damit Israel auch ganz sicher begreift, dass Gott der einzig entscheidende Faktor ist.[3] Können wir uns so etwas heute überhaupt vorstellen? Gäbe es unter uns wirklich jemand, der kurz vor einer Evangelisation die meisten Techniker nach Hause schickt, nur damit wir am Ende ganz sicher wissen, dass die vielen Bekehrten kein Resultat der medialen Gestaltung sondern allein ein Werk des Heiligen Geistes sind?

Aber was bedeutet diese provozierend andere Position der Bibel nun für die Frage dieses Artikels? Woher kommt der Aufbruch?

Der Aufbruch wird demnach auf keinen Fall von dort kommen, wo christliche Leiter den Zustand der Kirche mit widrigen Umständen entschuldigen. Um es ganz klar zu sagen: Nein, Säkularisierung, Individualisierung und Polarisierung sind genauso wenig unser Problem wie die Einschränkungen durch die Corona-Pandemie, mangelnde Kompetenzen oder fehlende finanzielle Mittel. Solche Probleme und Defizite mögen den laufenden Verfallsprozess vielleicht weiter beschleunigen. Aber unser eigentliches Problem hat auch heute noch die gleichen vier Buchstaben wie bei Josua und Gideon.

Nicht durch Heer oder Kraft

Der Aufbruch wird deshalb auch auf keinen Fall von dort kommen, wo als Reaktion auf die Krise primär über neue Strategien oder Methoden nachgedacht wird. Gleich gar nicht kommt der Aufbruch von dort, wo man die Krisensymptome ganz einfach durch Aufrufe und Appelle zu mehr Einheit, Spenden, Engagement oder Kompetenzaneignung bekämpfen möchte – selbst wenn diese Anliegen gut, die Strategien klug und die Kompetenzen wichtig sein mögen. Nichts davon wird die Wende bringen, wenn wir nicht das wahrhaben wollen, was Gott in der Bibel wieder und wieder klarstellt:

„Durch Heeresmacht und Kriegsgewalt wird nichts erreicht, sondern nur durch meinen Geist. Das sagt der Herr der himmlischen Heere.“ (Sacharja 4, 6)

Wir sind tatsächlich vollständig von Gott abhängig. Aber bedeutet das, dass wir deshalb zum Abwarten und Tee trinken verdonnert sind? Ist es somit Gottes Schuld, wenn die Segel unseres Kirchenschiffs schlaff herunterhängen? Nichts könnte weiter von der biblischen Botschaft entfernt sein als diese schlimmste aller Ausreden, die man leider unter Christen immer wieder hört.

Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang

Aus seiner Lebenserfahrung, dass Erfolg und Misserfolg letztlich allein vom Segen Gottes abhängt, leitete Josua aufrüttelnde Mahnungen ab:

„Achtet sehr darauf, den Herrn, euren Gott, zu lieben!“ (23,11) „Begegnet dem Herrn mit Ehrfurcht! Dient ihm aufrichtig und treu!“ (24,14)

Genau so hatte es Gott ihm auch selbst mit auf den Weg gegeben:

„Gib acht, dass du ganz nach der Weisung handelst, die dir mein Knecht Mose gegeben hat! Du sollst davon nicht abweichen, weder nach rechts noch nach links. So hast du Erfolg bei allem, was du unternimmst. Hör nicht auf, in dem Gesetzbuch zu lesen, und denk Tag und Nacht darüber nach. So weißt du, worauf du achtgeben musst. So kannst du dein ganzes Tun danach richten, wie es darin geschrieben steht. Dann wird dir alles gelingen, was du unternimmst. Dann hast du Erfolg. … Denn der Herr, dein Gott, ist mit dir bei allem, was du unternimmst!“ (Josua 1, 7-9)

Da haben wir es schwarz auf weiß, von wo der Aufbruch kommen wird: Von Menschen, die Gott und sein Wort von Herzen lieben und ihr ganzes Denken und Tun davon prägen lassen. Anders ausgedrückt: „Weisheit beginnt mit Ehrfurcht vor dem Herrn.“ (Psalm 111, 10, siehe auch Sprüche 1,7; 9,10; 14,27) Der Aufbruch wird von solchen Menschen ausgehen, die Gott in einer Art und Weise fürchten, dass sie ihren Fokus auf Gott und sein Wort richten, ihr Vertrauen ganz auf die Kraft seines Geistes setzen und deshalb in der Lage sind, sich von menschlichen Widerständen nicht mehr beeindrucken zu lassen.

Aber können wir ernsthaft hoffen, dass in absehbarer Zeit von solchen Menschen ein neuer Aufbruch ausgeht?

Das progressive Versprechen verliert an Strahlkraft

In den letzten Jahren hatte ich den Eindruck, dass der Trend leider in die entgegengesetzte Richtung läuft. Die Debatten in der evangelikalen Welt schienen zunehmend bestimmt zu sein von einem schillernden Versprechen: Wir bekommen das Kirchenschiff wieder flott, wenn wir es endlich mitschwimmen lassen in den Strömungen unserer Zeit. Wir finden heraus aus der Sackgasse, wenn wir mitlaufen bei Fridays for future, wenn wir uns mit engagieren für soziale Gerechtigkeit, wenn wir uns endlich auch eine Frauenquote vornehmen, unsere Sprache gendern und uns auf keinen Fall mehr einengen lassen durch ein überkommenes, fundamentalistisches Bibelverständnis. Mein Eindruck war, dass sich diese Botschaft gar nicht mehr aufhalten lässt an unseren Ausbildungsstätten, in den evangelikalen Medien, Werken und Gemeinschaften.

Gerade in den letzten Monaten sehe ich aber zunehmend auch Signale, dass dieses progressive Versprechen an Strahlkraft verliert. Immer mehr christliche Leiter scheinen zu merken: Die postevangelikalen und progressiven Strömungen sind zwar gut im Benennen von Fehlern und in der Dekonstruktion. Aber sie bieten nur wenig konstruktive Orientierung. Sie bringen wenig Hoffnungsmodelle hervor. Sie sind weitgehend ungeeignet für die Weitergabe des Glaubens. Und sie haben auch seelsorgerlich eher wenig zu bieten. Die Abschaffung des zornigen Gottes mag auf diejenigen, die unter evangelikaler Gesetzlichkeit gelitten haben, kurzzeitig wie eine Erlösung wirken. Aber auf Dauer merken wir: Ohne Gottes Zorn wird auch seine Gnade seltsam banal. Wenn Gott niemanden straft, dann brauchen wir auch kein rettendes Evangelium. Wenn in der Theologie alles gleich gültig ist, dann wird auch alles gleichgültig. Und damit irgendwann auch trost-los.

Erste Signale einer Wende?

Es ist deshalb vielleicht kein Zufall, dass nach dem Boom von Worthaus & Co. zuletzt mit glaubendenken und offen.bar gleich 2 neue Mediatheken entstanden sind, die ganz neu auf die Vertrauenswürdigkeit der Bibel setzen. IDEA Spektrum hat die offen.bar-Mediathek sogar zum Hoffnungsträger und Projekt des Jahres gekürt. Sehen wir hier vielleicht schon den Beginn einer Entwicklung, die in der Kirchengeschichte immer wieder zu beobachten ist? Denn genau so war es ja oft: Wenn es trocken wird, dann kehren Christen zurück zu den Quellen, die die Kirche Jesu zu allen Zeiten stark gemacht haben: Die Erlösung unter dem Kreuz. Die Kraft von Gottes lebendigem Wort. Die Stärkung im Gebet. Die Erneuerung durch den Heiligen Geist. Die Inspiration einer Gemeinschaft von Menschen, die Jesus leidenschaftlich folgt und anbetet. Nichts und niemand kann diese Quellen je ersetzen.

Die Furcht des Herrn auf Platz 1 der Bestsellerliste

Das letzte Buch, das ich in diesem Jahr gelesen habe, trug den Titel „Überrascht von Furcht“. Es stammt von Natha, der schon seit einiger Zeit mit crosspaint im Internet Furore macht und vor allem viele Jugendliche erreicht. Wer dieses Buch in die Hand nimmt merkt schnell: In diesem Buch weht raue Erweckungsluft. Es geht um Sünde und Kreuz, um Himmel und Hölle, um den Zorn und die Liebe Gottes, um die Notwendigkeit der Gottesfurcht, um Hingabe und Heiligung. Also alles Themen, von denen man meinen sollte: DAS ist doch nun wirklich vollkommen out. Aber stattdessen ist etwas völlig außergewöhnliches geschehen: Das Buch stand zwei Tage lang auf Platz 1 der Amazon Gesamt-Bestsellerliste! Ich kenne kein anderes christliches Buch, das das geschafft hat. Ist das nicht wirklich ein Zeichen, dass hier tatsächlich etwas in Bewegung geraten ist?

Man muss nicht jede Bibelauslegung von Natha teilen. Aber man wird Natha auch nicht vorwerfen können, dass er die Bibel verdreht. Im Gegenteil: Hier entsteht ganz offenkundig eine Gegenbewegung zu einem Christentum, das sich zwar gerne modern und progressiv gibt, das zugleich aber wichtige Elemente der Botschaft über Bord wirft, die das Christentum zu allen Zeiten so kraftvoll und revolutionär gemacht hat. Es war nun einmal kein Social Gospel, keine Befreiungstheologie, keine öffentliche Theologie und keine Transformationstheologie, die Gesellschaften verändert hat. Nein, es waren Erweckungsbewegungen wie das Urchristentum, der Pietismus, der Methodismus oder die Great Awakenings, die gezeigt haben: Es ist letztlich immer wieder dieses alte, raue Evangelium, das wirkliche Veränderung bringt, weil Menschen erleben: Nur sein Wort gibt Orientierung und Hoffnung über den Tod hinaus. Nur sein Geist schafft wirklich Neues. Und nur eine Transformation der Herzen führt am Ende auch zu echter Gesellschaftstransformation.

Der Aufbruch kommt

Die Worte aus dem Lied von Manfred Siebald klingen für mich heute fast prophetisch:

„Es geht ohne Gott in die Dunkelheit, aber mit ihm gehen wir ins Licht! Sind wir ohne Gott macht die Angst sich breit aber mit ihm fürchten wir uns nicht.“

Genau das sehen wir heute in unserer Gesellschaft: Angst macht sich breit. Angst vor der Klimakatastrophe. Angst vor Infektion und Krankheit. Angst vor dem Zusammenbruch des Gesundheitswesens. Angst vor Existenzverlust und wirtschaftlichem Niedergang. Angst vor dem Blackout. Angst vor Extremisten und Ideologien. Angst vor Überfremdung. Und es gibt sogar Leute, die behaupten: Angst sei gut, damit wir uns richtig verhalten. Ein Stück weit stimmt das ja auch. Aber ich sehe eben auch immer mehr Menschen, die wirklich leiden unter ihrer Angst. Ich sehe, wie Angst Konflikte produziert. Ich sehe, wie Angst die Grenzen des Respekts und der Achtung niederreist. Ich sehe, wie Angst verhindert, dass wir respektvoll miteinander reden und diskutieren können. Ich sehe, wie Angst das Miteinander in unserer Gesellschaft zerstört. Und ich sehe, dass Angst eben doch am Ende ein schlechter Ratgeber ist, weil sie das nüchterne, rationale Denken zerstört.

Deshalb bete ich in dieser aufgewühlten Zeit um Frieden für unser Land. Ich bete für unsere Politiker, dass sie gute Entscheidungen treffen, die helfen, dass das Miteinander wieder verbessert wird. Ich bete um Gottes Segen für unser Land, damit die Wirtschaft und damit auch unser Sozialstaat nicht zusammenbricht. Aber wir sollten auch nicht überrascht sein, wenn es Folgen hat, wenn ein Volk sich säkularisiert, wenn es sich von Gottes Geboten emanzipiert und wenn seine Leiter glauben, ohne Gottes Hilfe regieren zu können. Es sollte uns Christen nicht überraschen, wenn die Orientierungslosigkeit, die Angst, die Polarisierung und die Konflikte in der Gesellschaft in der kommenden Zeit noch weiter zunehmen.

Trotzdem gibt es für Christen keinen Grund, sich entmutigen zu lassen. Denn ich bin mir sicher: Gott hat keine Angst. Gott ist stärker als alles Dunkle, das in dieser Welt am Werk ist. Gott hat alles unter Kontrolle. Er regiert! Und er hat einen guten Plan. Er ist schon längst am Werk. Und deshalb bin ich mir auch sicher: Der Aufbruch kommt! Und wenn er losgeht, will ich gerne dabei sein. Lasst uns gemeinsam zu diesen Menschen gehören, die ihren Fokus ganz auf Gott und sein Wort richten, die ihr Vertrauen ganz auf die Kraft seines Geistes setzen und die erfüllt sind von dieser Hoffnung, dass für unseren Gott nichts unmöglich ist.


[1] „Die Bedeutung des Islams in Deutschland wird steigen und die des Christentums zurückgehen“ Interview mit Detlef Pollack in der NZZ am 25.12.2021 https://www.nzz.ch/international/weihnachten-2021-das-christentum-ist-auf-dem-rueckzug-ld.1661792

[2] Volker Gäckle: „Windstille, Wandel und Gottes Wirken“, in „Lebendige Gemeinde“ 4 / 2021, S. 14 https://lebendige-gemeinde.de/wp-content/uploads/2021/12/LG_2021_04_ChristusBewegung.pdf

[3] Richter 7, 2: „Der Herr sagte zu Gideon: »Das Heer, das du bei dir hast, ist zu groß. So wie es jetzt ist, kann ich die Midianiter nicht in eure Gewalt geben. Sonst könnten die Israeliten mir gegenüber behaupten: ›Wir haben uns aus eigener Kraft gerettet!‹“

Sind die Evangelikalen in der Krise?

„Heute sind diese postevangelikalen Bewegungen vor allem ein Indiz: Für die Krise der evangelikalen Bewegung insgesamt, zumindest in der westlichen Welt.“

So schreibt es Thorsten Dietz in einem Auftaktartikel für eine Serie über Postevangelikale[1]. Er ist nicht der Einzige, der die Evangelikalen in der Krise sieht. Immer häufiger höre ich Stimmen auch mitten aus dem evangelikalen Raum, die den Begriff „evangelikal“ grundsätzlich für belastet oder gar verbrannt halten. Wenn das stimmt, wären die Konsequenzen dramatisch. Denn der Begriff „evangelikal“ hat sich in den vergangenen Jahrzehnten als äußerst segensreich erwiesen. Er hat einer Bewegung eine verbindende Identität gegeben, die ansonsten wenig Verbindendes hat. Es gibt in der evangelikalen Welt kaum übergreifende Leitungsorgane. Erst recht gibt es keine Autoritäts- und Machtstrukturen. Es gibt keine verbindlichen Lehrautoritäten. Verbindend wirkt eigentlich nur die gemeinsame Liebe zu Jesus, die Leidenschaft für die Verbreitung des Evangeliums und die Bibel als verbindliche Basis für ein gemeinsames Ringen um Wahrheit. Ansonsten ist diese Bewegung bunt, vielfältig, chaotisch und diskutierfreudig. Und trotzdem hatte sie ein so klares Profil, dass sie eine Fülle von Gemeinden, Werken, Ausbildungsstätten, Medien und Großveranstaltungen hervorbringen konnte. Thorsten Dietz meint sogar: „Keine religiöse Strömung war in den letzten 50 Jahren so einflussreich wie die evangelikale.“ Nicht nur in Deutschland ist sie z.B. über die Evangelische Allianz oder die Arbeitsgemeinschaft Evangelikaler Missionen hochaktiv und gut vernetzt. Durch die „World Evangelical Alliance“ ist sie innerhalb kürzester Zeit zu einer weltweiten Marke geworden. Auch ich habe mich immer sehr gerne mit dem Begriff „evangelikal“ identifiziert. In meinem idea-Streitgespräch mit Thorsten Dietz habe ich ganz bewusst bekannt: „Ich bin von Herzen evangelikal.“ Und ich bin überzeugt: Wenn wir uns davon distanzieren, verlieren wir sehr viel mehr als einen Begriff. Wir verlieren eine verbindende, einheitstiftende Marke, für die kein Ersatz am Horizont in Aussicht ist.

Grund genug also zu fragen: Sind die Evangelikalen wirklich in einer Krise? Oder wird hier nur eine Krise herbeigeredet und -geschrieben? Was genau sind die angeblichen Krisensymptome? Gibt es vielleicht wirklich gute Gründe dafür, warum wir uns von diesem Begriff verabschieden sollten, so wie es viele bereits tun?

Ich möchte mich diesen wichtigen Fragen anhand einiger Zitate aus dem eingangs erwähnten Artikel von Thorsten Dietz nähern:

Sind die Evangelikalen auf Sexualethik fokussiert?

“Weltweit ist vor allem die protestantische Christenheit seit Jahrzehnten von einer Welle der Spannungen und Spaltungen begleitet, häufig nicht aufgrund dogmatischer, sondern ethischer Differenzen in Fragen Gender und Sexualethik. Anscheinend ist Ethik die neue Dogmatik.”

Ich kann gar nicht mehr überblicken, wie oft ich diesen Vorwurf in den letzten Jahren gehört habe: Die Evangelikalen machen das Randthema Sexualethik zum Kern der Auseinandersetzung. Oder noch krasser ausgedrückt: Bei den Evangelikalen geht es dauernd um Sex. Dabei beobachte ich in meinem Umfeld genau das Gegenteil: Die meisten Evangelikalen meiden dieses Thema so gut sie nur können. Denn es geht hier ja gerade nicht nur um Lehrfragen sondern um Menschen mit einer persönlichen, oft hochproblematischen Geschichte. Im Feld der Sexualethik werden immer hochkomplexe, individuelle Einzelschicksale berührt. Die allermeisten Evangelikalen versuchen deshalb, über dieses Thema lieber nur im (seelsorgerlich) geschützten Rahmen zu sprechen.

Zumal sie mit öffentlichen Veranstaltungen zu diesem Thema extrem schlechte Erfahrungen gemacht haben. Beim Christival 2008 sollte es dazu einen Workshop geben, der aufgrund von massivem öffentlichem Druck abgesagt werden musste. Bei einer Tagung des Netzwerks Bibel und Bekenntnis im Jahr 2019 rief Markus Hoffmann in einem seelsorgerlich tiefgründigen Vortrag zu einem differenzierten und empathischen Umgang mit Homosexualität und homosexuell empfindenden Menschen auf. Trotzdem kam es auch hier zu massiver Kritik, die sich nicht davor scheute, einzelne Aussagen buchstäblich ins Gegenteil zu verdrehen. Es ist also kein Wunder, dass Evangelikale bei diesem Thema insgesamt eher einsilbig sind. Trotzdem beklagte Thorsten Dietz jüngst im Podcast „Das Wort und das Fleisch“, das Netzwerk Bibel und Bekenntnis hätte keine Position zu diesem Thema. Mir vermittelt das den Eindruck: Man kann es nicht recht machen. Redet man darüber, ist man sexorientiert, rückständig und rücksichtslos. Redet man nicht darüber, hat man keine Meinung dazu.

Tatsache ist: Das Thema wird den Evangelikalen immer wieder aufgedrückt. Es vergeht kaum ein Interview, in dem evangelikale Vertreter nicht auf dieses Thema angesprochen werden. Aktuell ist es die Initiative „Coming-In“, die mit Unterstützung prominenter Vertreter wie Michael Diener, Martin Grabe, Tobias Künkler, Gofi Müller oder Jakob Jay Friedrichs lautstark fordert, dass evangelikale und konservative Kirchen und Gemeinschaften doch endlich „umkehren“ und gleichgeschlechtliche Paare genauso behandeln sollen wie heterosexuelle Paare. Man darf also schon zurecht fragen: Sind es wirklich die Konservativen, die dieses Thema immer wieder auf die Tagesordnung zerren? Oder ist es nicht viel eher unsere Gesellschaft, die bis in die Sprache hinein immer stärker um dieses Thema kreist?

Richtig ist: Wir Evangelikalen haben im Feld der Sexualethik noch viel aufzuholen. Wir sollten im geeigneten Rahmen und mit Unterstützung von Experten noch viel öfter über solche Fragen sprechen, um zu verhindern, dass im gemeindlichen Umfeld seltsame und teils destruktive Vorstellungen gepflegt werden. Und ich finde: Wir brauchen dieses Thema auch gar nicht zu scheuen, im Gegenteil: Wir haben allen Grund, uns selbstbewusst zur Schönheit und zum Segen der christlichen (Sexual-)Ethik zu stellen. Die biblische Betonung von Treue und Verbindlichkeit von Mann und Frau, der daraus entstehende Schutzraum der Familie, in dem Kinder gesund und beschützt aufwachsen können, die unveräußerliche Würde jedes menschlichen Lebens von der Empfängnis bis zum Tod: All das ist ein Pfund, zu dem wir fröhlich und selbstbewusst stehen können. Ich sehe in unserer immer kälter werdenden Gesellschaft, in der Sexualität immer stärker von Liebe und Treue entkoppelt wird, keine wirklich attraktive Alternative dazu. Das Feld der (Sexual-)Ethik ist deshalb ganz sicher kein Anlass, nicht mehr evangelikal sein zu wollen.

Haben sich die Evangelikalen politisiert?

„Die Identifikation vieler Evangelikaler mit populistischer Politik (in den USA, aber z.B. auch in Brasilien) bestimmt heute nicht selten die Wahrnehmung des Phänomens Evangelikalismus insgesamt. … Die evangelikale Bewegung ist Teil politischer und kultureller Polarisierungen in vielen Gesellschaften geworden.“

Dieser Tage bin ich über ein wirklich verstörendes Video gestolpert. Gezeigt werden amerikanische „Propheten“, die in großer Übereinstimmung vorhergesagt hatten, dass Trump eine zweite Amtszeit beschert werde und die sich äußerst schwer damit tun, jetzt mit dieser falschen Vorhersage umzugehen. Das wirkt streckenweise hochnotpeinlich. Man kann nur hoffen, dass die amerikanische Christenheit dieses Ereignis nutzt für gründliche Kurskorrekturen und für eine Reinigung von einem Show-Christentum, das außer starken Sprüchen nichts zu bieten hat.

Solche Korrektur- und Reinigungsprozesse sind jedoch nichts Neues. Machen wir uns nichts vor: Die Kirchengeschichte ist voller solcher Peinlichkeiten. Besonders schlimm wurde es immer dann, wenn Christen meinten, sich für die Durchsetzung ihrer Positionen mit staatlicher Macht verbünden zu müssen. Die einstige unheilige Allianz zwischen der katholischen Kirche mit staatlichen Herrschern liefert dafür zahlreiche traurige Beispiele. Distanzieren wir uns deshalb heute von der katholischen Kirche?

Natürlich ist völlig richtig, dass sich die US-amerikanischen Evangelikalen aktuell durch die Ereignisse rund um Donald Trump in einer Krise befinden. Richtig ist auch, dass viele Medien die Evangelikalen weltweit gerne in einen Topf mit Trump- und Bolsonaro-begeisterten Christen stecken, weshalb die Ereignisse in den USA auch weltweit dem Ruf der Evangelikalen schaden. Aber wollen wir wirklich keine Evangelikalen mehr sein, weil Medienleute nicht trennen können (oder wollen) zwischen US-amerikanischen, kapitol-stürmenden, patriotischen, waffentragenden Christen einerseits und den weltweit äußerst vielfältigen, oft verfolgten evangelikalen Christen andererseits?

Natürlich stimmt es, dass Christen sich vielerorts äußerst unweise verhalten und sich völlig zu Recht Verachtung zugezogen haben. Auch evangelikale Christen haben sich von Populisten verführen lassen, so wie in der Zeit des Nationalsozialismus auch die Staatskirchen von den Nazis vereinnahmt wurden und so wie sich viele Protagonisten der 68iger-Bewegung von einem staatsterroristischen Populisten wie Mao Tse Tung verführen ließen und teilweise sogar selbst in den Terrorismus abgeglitten sind. Distanzieren sich heute die Linken deshalb von den 68igern? Meiden Sie diesen Begriff? Nein, ganz im Gegenteil: Sie sind trotz dieser schwerwiegenden Irrtümer und Entgleisungen stolz auf die positiven Errungenschaften, die sie insgesamt aus dieser Bewegung kommen sehen. Umso mehr werde auch ich mich nicht von meinen evangelikalen Geschwistern distanzieren, auch wenn sie sich teilweise unweise oder wirklich falsch verhalten. Lieber lasse ich mich mit ihnen „verhaften“ und bleibe trotzdem Teil dieser großen Familie, die Jesus in aller Unvollkommenheit und Fehlerhaftigkeit gemeinsam folgt, so gut sie es eben kann.

Zumal es ja gerade die Evangelikalen sind, die dringend vor der wachsenden Politisierung der liberal geprägten Kirchen warnen. Es ist die große Mehrheit der Evangelikalen, die sich von politischer Positionierung ganz bewusst fernhält. Eine Nähe oder gar Affinität zum Populismus, die Thorsten Dietz im folgenden Zitat nahelegt, ist nun wirklich keine Spezialität evangelikaler Christen. Populismus gibt es links wie rechts. Sämtliche christliche Schattierungen sowie sämtliche Teile der Bevölkerung sind und bleiben anfällig dafür. Man muss nur einmal auf die Geschichte des evangelischen Kirchentags schauen. Also ist auch das ganz sicher kein Grund, kein Evangelikaler mehr sein zu wollen.

Leben die Evangelikalen von der Abgrenzung?

„Ist die Nähe zum Populismus ein Selbstmissverständnis frommer Menschen? Oder gibt es dazu eine innere Affinität? Könnte man gar von einem religiösen Populismus sprechen, bei dem sich ein Teil der Christenheit zuschreibt, die wahren Gläubigen zu vertreten und die Entfaltung des eigenen Glaubenszeugnisses sehr stark von der Abgrenzung gegenüber allerlei liberalen, ökumenischen und säkularen Irrwegen bestimmt ist? … Nicht wenige Jüngere, die in evangelikalen Gemeinden aufgewachsen sind, sind den evangelikalen Kulturkrieg gründlich leid.“

Beim Lesen des Buchs „Jesus – Eine Weltgeschichte“ von Markus Spieker stand mir jüngst buchstäblich der Mund offen. Mir war bis dahin nicht bewusst gewesen, in welch krassem kulturellem Gegensatz sich die urchristliche Gemeinde zu ihrem Umfeld befunden hat. Das lag nicht nur an ihrer Weigerung, die damaligen Götter und Machthaber anzubeten. Das lag auch an den grundverschiedenen Werten, die sie gelebt haben: Kein Sex außerhalb der Ehe. Lebenslange Treue. Kein gleichgeschlechtlicher Sex. Keine Prostitution. Kein Aussetzen oder Töten von unerwünschten Kindern. Keine Unterdrückung oder Misshandlung von Frauen oder Sklaven. All das war damals so exotisch, dass es vom nichtchristlichen Umfeld als pure Provokation empfunden wurde. Das hat die damaligen Christen zwangsläufig in einen “Kulturkrieg” mit ihrer Umgebung gestürzt – ob sie das wollten oder nicht. Sie haben vielfach mit ihrem Leben dafür bezahlt. Sie haben damit aber die Wurzeln gelegt für viele der Errungenschaften, die uns heute selbstverständlich erscheinen – obwohl sie es längst nicht mehr sind.

Natürlich stimmt es, dass manche evangelikale Gruppen sich in einer ungesunden Weise in kulturelle Wagenburgen zurückgezogen haben. Natürlich stimmt es auch, dass es unter den Evangelikalen einige gibt, die ihre Identität primär aus der Abgrenzung gegenüber allerlei Irrlehren ziehen, weswegen ihr Glaube nicht mehr strahlt und ihre Leidenschaft für Jesus unter zunehmender Abgrenzeritis verschüttet wird. Aber solche Leute bleiben unter den Evangelikalen immer eine kleine Minderheit, weil man durch reine Abgrenzung niemand gewinnen und keine Gemeinden bauen kann.

Trotzdem gilt letztlich für alle Christen: Abgrenzung gehörte und gehört immer zum Christsein dazu. In einer Gesellschaft, die in vielen Bereichen den christlichen Werten skeptisch oder gar feindlich gegenübersteht und die inzwischen sogar Abtreibung und Sterbehilfe als Menschenrecht bezeichnen will, da ist es gar nicht vermeidbar, dass es auch heute wieder zu Konflikten und Abgrenzungen kommen muss. Das ist für uns Christen im Westen noch etwas ungewohnt. Wir haben es jahrzehntelang genossen, dass unsere christlichen Werte Mainstream waren. Ich kann deshalb gut verstehen, dass es einigen Christen schwerfällt, in eine kulturelle Außenseitersituation zu geraten. Nicht jeder will das. Aber wir Christen sollten verstehen: Die letzten Jahrzehnte waren historisch gesehen eine extrem seltene Ausnahmesituation. Weltweit ist es auch heute der Normalfall, dass Christen angefeindete, teilweise sogar verfolgte Außenseiter sind. In der Geschäftswelt heißt es: If you can’t stand the heat, stay out of the kitchen! Auf unsere Situation übertragen bedeutet das: Wer die Auseinandersetzung mit der Kultur unserer Gesellschaft grundsätzlich vermeiden möchte, der sollte sich lieber noch einmal überlegen, ob er sich mit dieser christlichen Bewegung wirklich eins machen möchte oder nicht. Ich meine jedenfalls: Wir sollten lieber darüber nachdenken, wie wir die westliche Christenheit wieder fit machen für den Umgang mit Gegenwind und Verfolgung, statt uns von evangelikalen Geschwistern zu distanzieren, nur um der gesellschaftlichen Verachtung zu entgehen.

Haben die Evangelikalen kein Profil?

„Die am meisten verbreitete Definition von Evangelikalismus geht auf den britischen Historiker David Bebbington zurück. Sein sogenanntes Bebbington Quadrilateral benennt vier Identifikationsmerkmale: Erfahrung einer persönlichen Bekehrung bzw. Wiedergeburt. Konzentration auf Jesus Christus als gekreuzigten Herrn und Erlöser. Bibelfrömmigkeit und Orientierung an biblischer Lehre und Ethik. Aktive Bemühung um Weltgestaltung im Sinne von Mission und Diakonie. So hilfreich dieses Muster in kirchengeschichtlicher Hinsicht sein mag: Es ist alles andere als trennscharf.“

Die hier genannte Definition des Evangelikalismus ist sicher zutreffend. Richtig ist aber auch, dass diese Sätze heute nur noch wenig Erklärungskraft beinhalten. „Bibelfrömmigkeit“ nehmen auch liberale Theologen für sich in Anspruch. Auch unter Progressiven und Postevangelikalen ist von Bekehrung, Erlösung, Weltgestaltung sowie biblischer Lehre und Ethik die Rede. Jedoch werden diese Begriffe immer öfter völlig unterschiedlich gefüllt – auch mitten im evangelikalen Umfeld. Zudem verlieren auch Evangelikale immer öfter die Fähigkeit, die zentralen Heilstatsachen einfach und klar zu beschreiben, weshalb theologische Fragen oft nur noch unter Experten besprochen werden.

Wo aber die Definition des Begriffs „evangelikal“ nur noch mit Begriffshülsen und komplizierten Texten beschrieben werden kann und wo Laien theologisch entmündigt werden, da gerät die evangelikale Bewegung tatsächlich in die Krise. Denn sie lebt entscheidend davon, dass sie trotz aller kulturellen Vielfalt einige leicht zu verstehende zentrale Glaubensschätze teilt, die sie überall auf der Welt ganz selbstverständlich gemeinsam feiern und bezeugen kann: Die Heilige Schrift als das offenbarte und für alle Christen verbindliche Wort Gottes. Die Sündhaftigkeit des Menschen und die daraus folgende Trennung von Gott. Der Kreuzestod Jesu als stellvertretendes Strafleiden und als einziger Weg zum Heil. Die historische Realität von biblischen Wundern und die leibliche Auferstehung als Grundlage der Hoffnung auf ewiges Leben. Das Wesen Jesu Christi als ganzer Mensch und zugleich als präexistenter, von einer Jungfrau geborener Gott. Die erwartete Wiederkunft Jesu zum Heil und zum Gericht.

Was mich an der evangelikalen Bewegung immer wieder begeistert ist: Auch wenn schwäbisch-pietistische Jungenschaftler nach Haiti oder auf die Philippinen zum Arbeitseinsatz in dortige Gemeinden reisen oder wenn ich im Schwabenland auf südamerikanische Christen treffe, dann ist für alle Beteiligten ganz selbstverständlich klar: Diese Wahrheiten teilen wir! Und deshalb sind wir alle Teil einer großen Familie. Auch wenn wir ansonsten grundverschieden sind.

Wir sollten wieder evangelikaler werden, um krisenfest zu sein!

Mein Fazit ist: Viele der angeblichen Krisensymptome werden eher von außen an die evangelikale Bewegung herangetragen. Sie sind eher Nebelkerzen als echte Gründe für eine grundlegende evangelikale Identitätskrise. Wirklich bedrohlich wird es aber dann, wenn wir unsere gemeinsamen theologischen Kernüberzeugungen verlieren. Dieses Problem ist jedoch überhaupt nicht neu! Im Gegenteil: Damit hatten schon die Apostel zur Zeit des Neuen Testaments zu kämpfen. Schon immer bestand die sehr reale Gefahr, dass die Gemeinden durch unchristliche Einflüsse und falsche Lehren unterwandert und von innen ausgehöhlt werden.

Deshalb gibt es eine Sache, die wir dringend wieder von den Aposteln lernen sollten: Zur Verkündigung des Evangeliums gehört immer auch die „Apologetik“, also die Verteidigung des Glaubens gegen falsche Lehre und Angriffe von außen. Wir dürfen uns auch heute wieder trauen, falsche Lehre als solche offen anzusprechen. Wir dürfen lauter und klarer auf den oben genannten Kernwahrheiten bestehen und deutlicher sagen: Diese Kernwahrheiten zu verändern, aufzuweichen oder zu subjektivieren (das heißt: sie der persönlichen Beliebigkeit zu überlassen), ist nicht nur unevangelikal sondern wirklich unbiblisch. Diese apologetische Arbeit ist nicht immer angenehm. Aber sie ist ein unverzichtbarer Bestandteil einer verantwortungsvollen christlichen Leiterschaft, um den Gläubigen und den christlichen Gemeinden Orientierung zu geben.

Noch wichtiger ist es aber, dass wir offensiv, leidenschaftlich, mutig und missionarisch das tun, was uns als Botschafter an Christi statt aufgetragen ist: Hingehen zu den Menschen. Taufen. Und sie mutig alles lehren, was uns von Jesus in der Bibel überliefert ist. Eine evangelikale Bewegung, die nicht mehr verwurzelt ist in der biblischen Lehre Jesu, kann nicht bestehen. Wir Evangelikalen waren immer eine Gebets- und eine Bibelbewegung. Das war und das bleibt die Grundlage unseres einzigartigen Erfolgs. Gerade jetzt, wenn uns der Gegenwind wieder stärker ins Gesicht bläst, dürfen und müssen wir deshalb wieder ganz bewusst evangelikaler werden.


[1] Thorsten Dietz: „Postevangelikalismus: Eine Hinführung“, 1.2.2021, Online unter: www.reflab.ch/postevangelikalismus-eine-hinfuehrung/

Siehe auch zu diesem Thema:

Mein Traum geht in die Verlängerung

Seit fast 30 Jahren bewegt mich nun schon dieser Traum von einer fröhlichen, bunten und vielfältigen Jesus-Bewegung, die gemeinsam für diese eine Botschaft steht: Jesus ist Herr! Er ist der Weg, die Wahrheit und das Leben! Sein Blut reinigt uns von unserer Schuld! Komm und lass Dich von ihm retten!

Im Juni 1994 fühlte ich mich diesem Traum so nahe wie nie. Gemeinsam mit etwa 70.000 Christen aus den verschiedensten Kirchen und Prägungen zogen wir mit dieser Botschaft singend und betend durch Berlin. Und im Olympiastation bekannten wir gemeinsam: „Ich nehme die Bibel an als das heilige und ewige Wort Gottes. Die ganze Schrift ist inspiriert durch den Heiligen Geist; sie ist Gottes verbindliche Offenbarung.“

Seitdem ist einiges passiert. Ich habe viel Versöhnung und wachsende Einheit erlebt – sogar mit damaligen Kritikern von diesem „Marsch für Jesus“. Und trotzdem muss ich mir eingestehen: Mein Traum ist nicht wahr geworden.

Es ist etwas geschehen, das ich damals für unmöglich gehalten hätte. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, dass ich einmal unter Evangelikalen die Leiblichkeit der Auferstehung oder das stellvertretende Sühneopfer verteidigen muss. Niemals hätte ich gedacht, dass auch unter uns in Frage gestellt wird, was wir damals doch gemeinsam hochhalten wollten: Die Bibel als das verbindliche und vom Heiligen Geist inspirierte Wort Gottes. Aber jetzt muss ich feststellen: Neben alten Spaltpilzen ist leider auch der verbindende Konsens in zentralen Glaubensfragen dahingeschmolzen – und damit auch die Basis für unsere Einheit.

Und jetzt das: Martin Grabe, der pietistisch geprägte Leiter der Klinik Hohe Mark, kündigt den uralten und bis heute weltweit vorherrschenden christlichen Konsens auf, dass praktizierte Homosexualität nicht mit Gottes Wort vereinbar ist. Stattdessen legt er einen neuen „Vorschlag für eine Einigung“ auf den Tisch: „Homosexuelle Christen dürfen ebenso wie heterosexuelle Christen eine verbindliche, treue Ehe unter dem Segen Gottes und der Gemeinde eingehen.“ Mit Michael Diener und Thorsten Dietz springen ihm gleich 2 bekannte „Schwergewichte“ aus dem evangelikalen Raum öffentlich bei.

Martin Grabes „Einigungsvorschlag“ verlangt von mir, dass ich gegen mein Gewissen etwas segnen soll, von dem ich in der Bibel lese, dass Gott das nicht segnet. Das wird ja oft übersehen: Bei diesem Thema geht es nicht nur um Meinungen. Es geht auf beiden Seiten um eine Gewissensfrage. Deshalb polarisiert das Thema auch so sehr. In meiner evangelischen Kirche musste ich gerade erst damit umgehen lernen, dass sämtliche Tübinger Theologieprofessoren meine Position nicht nur für falsch halten sondern darin eine „Diskriminierung“ sehen, die sie für „unerträglich“ halten. Wie soll da noch eine Verständigung möglich sein?

Jetzt begegnen mir auch in den Äußerungen von Martin Grabe solche polarisierenden Klischees: Wer sich für die neue Position öffnet, schürft tiefer und will die Wahrheit. Wer an der traditionellen Position festhält, ist in Angst und unguten alten Traditionen gebunden, diskriminiert, grenzt aus und hat womöglich noch nicht mal richtig die Bibel gelesen. Spätestens wenn man sich die Kommentare unter den Facebook-Posts von Michael Diener und Thorsten Dietz durchliest, merkt man: Jetzt tut sich auch mitten in der evangelikalen Welt dieser unüberbrückbare garstige Graben auf, der meine evangelische Kirche schon lange spaltet.

Umso mehr klopft eine Frage an die Tür meines Herzens: Ist die Einheit nicht doch wichtiger als das Beharren auf einer Position? Ist das nicht wirklich eine Randfrage? Und geht es nicht wirklich um wenige Bibelstellen, die man zudem historisch gar nicht so einfach einordnen kann? Sollte ich mir vielleicht doch einen Ruck geben und mit auf den Zug aufspringen, den Martin Grabe jetzt aufs Gleis gesetzt hat? Angesichts der vielen Likes unter den Posts von Diener und Dietz scheint mir: Ich bin nicht der Einzige, der sich solche Gedanken macht. Und offenkundig steigen nicht wenige geschätzte Mitchristen ein in diesen Zug, der jetzt wieder einmal lautstark zum Mitfahren lockt.

Aber nein. Ich werde nicht mitfahren.

Es zerreißt mir zwar das Herz, dass sich dadurch wohl auch Wege trennen müssen. Aber ich kann trotzdem nicht anders.

Es liegt nicht daran, dass ich unbedingt Recht behalten muss. Es liegt auch nicht daran, dass ich Angst vor Neuem hätte und ich nicht offen wäre für neue Einsichten in die Bibel. Gleich gar nicht liegt es daran, dass mir diese wertvollen, kostbaren Menschen, um die es bei diesem Thema ja geht, egal wären. Es liegt daran, dass ich mein Gewissen vor Gott auf Basis meiner Bibelerkenntnis nicht kompromittieren kann. Und es liegt daran, dass ich allzu deutlich sehe, dass dieser Zug ganz sicher nicht in Richtung dieses großen Traums fährt, für den mein Herz schon so lange schlägt.

Meine evangelische Kirche hat sich ja schon längst auf diese Schiene begeben. Und da sehe ich: Es ist naiv, zu glauben, dass wir Einheit und Frieden finden, wenn wir nur an diesem einen Punkt nachgeben. Wer A sagt, muss auch B sagen. Die Agenda der sogenannten „sexuellen Vielfalt“ ist lang. Die nächsten Tabubrecher klopfen längst schon an die Tür der Kirche. Sie werden keine Ruhe geben.

Außerdem ist meine Beobachtung: Dieser Zug bewegt sich ganz offenkundig in Richtung einer generellen theologischen Liberalisierung – auch wenn das oft noch bestritten oder verschwiegen wird. Ich habe mich mit einer Reihe von Versuchen befasst, praktizierte Homosexualität mit der Bibel zu vereinbaren. Sie wirkten auf mich bestenfalls bemüht, eher wunschgeleitet und spätestens im Licht der Gegenargumente wenig überzeugend. In der Mehrheit basierten sie angesichts der doch sehr klaren und durchgängigen biblischen Aussagen auch ganz offen darauf, dass die Apostel halt Kinder ihrer Zeit waren und wir es heute besser wissen. Dann sind aber wir zum Maßstab der Bibel geworden statt umgekehrt. Es wundert mich deshalb nicht, dass die Öffnung für gleichgeschlechtliche Trauungen vielerorts mit einem liberaleren Bibelverständnis einhergeht, bei dem schnell auch innerste Kernaussagen des Glaubens ins Wanken geraten. Mir ist bislang keine Gemeinschaft bekannt, die auf Dauer die Trauung von gleichgeschlechtlichen Paaren mit einem traditionell evangelikalen Bibelverständnis verbinden konnte.

Auch die bei dieser Debatte zu beobachtende Tendenz, biblisch-theologische Fragen jetzt mehr auf Basis persönlicher Erfahrungen statt mit biblisch-theologischen Argumenten entscheiden zu wollen, weckt in mir keine Reiselust. Ganz klar: Es ist wichtig, das Bibellesen mit dem Hören auf Gott und mit unserer Erfahrungswelt zu verbinden. Und natürlich sollen wir uns bei der Auslegung vom Geist leiten lassen. Aber wenn das, „was Gottes Geist mir sagt“, erst nach den theologischen Argumenten kommt und somit das letzte Wort hat, dann wird es bedenklich. Vor allem im charismatischen Umfeld habe ich (zum Glück nur selten!) erlebt: Wenn christliche Leiter anfangen, ihre Position primär mit persönlicher Geistesleitung zu begründen, wird es schräg. Ich kann nur inständig hoffen, dass wir Evangelikale uns nicht auf derart brüchige Gleise begeben sondern fest dabei bleiben, was Martin Luther so grundlegend wichtig war: „Dass allein die Heilige Schrift herrsche“.

Ich habe einfach keine Hoffnung, dass es einen echten geistlichen Aufbruch geben kann, wenn die Bibel nicht als verbindliches Wort Gottes hochgehalten wird. Ich kann nicht erkennen, dass progressive, liberale oder subjektiv-individualistische Theologie irgendwo auf der Welt dem Gemeindewachstum nachhaltige Dynamik verliehen, die Einheit gestärkt und das evangelistische Zeugnis beflügelt hätte. Im Gegenteil: Die liberalen Kirchen schrumpfen weltweit. Dieser Schaden scheint mir weitaus größer zu sein als das Problem, dass christlich-konservative Positionen immer mehr gesellschaftliche Ächtung erleben. Wir sollten es nie vergessen: Gesunde Erweckungsbewegungen waren immer auch Bibelbewegungen, die die Heilige Schrift als verbindliches Gotteswort gelesen und ausgelegt haben. Das hat ihnen oft Spott und Ausgrenzung eingebracht. Aber bis heute leben letztlich alle Kirchen von den Segensspuren, die diese Erweckungsbewegungen hinterlassen haben.

Es hilft wohl nichts. Ich werde diesen Zug nicht aufhalten können. Ich schaue hinterher und fühle mich ein wenig wie die Israeliten, die an der Grenze des gelobten Lands wieder zurückkehren mussten in die Wüste. Aber ich lasse mich nicht entmutigen. Ich glaube weiter fest daran: Die Nachfolger Jesu werden sich sammeln um ihren Herrn und um sein Wort. In aller Vielfalt an Prägungen und Konfessionen werden sie gemeinsam diese phantastische Botschaft in unserem Land bekannt machen. Mein Traum ist so lebendig wie eh und je. Er geht jetzt eben nur noch einmal in die Verlängerung.


Siehe auch: Homosexuell und bibeltreu – Das Zeugnis von Pfarrer Sam Allberry

Einheit zwischen Enge und Beliebigkeit

Wie wächst Einheit? Und was zerstört sie? Das sind entscheidende Zukunftsfragen für die Kirche Jesu. Unser Herr hat nicht nur intensiv für Einheit gebetet. Er hat zudem klar gestellt: Nicht nur unser Zusammenhalt, auch unsere evangelistische Strahlkraft hängt daran (Johannes 17, 21-23). Aber obwohl der Ruf nach Toleranz für mehr Einheit in Vielfalt scheinbar in aller Munde ist – es vergeht doch kaum eine Woche ohne Klagen über Risse, Gräben und Konflikte unter Christen. Könnte es sein, dass wir zu einseitig auf dieses wichtige Thema schauen? Tatsächlich macht die Bibel deutlich: Wenn wir wirklich Einheit wollen, dann müssen wir immer 3 Dinge im Blick behalten:

1. Es ist Christus, der Einheit schafft!

Toleranz schafft keine Einheit. Weite schafft keine Einheit. Echte Einheit kommt immer von Christus:

„Stattdessen lasst uns in Liebe an der Wahrheit festhalten und in jeder Hinsicht Christus ähnlicher werden, der das Haupt seines Leibes – der Gemeinde – ist. Durch ihn wird der ganze Leib zu einer Einheit.“ (Eph.4,15+16a)

Das bedeutet: Echte Herzenseinheit ist etwas Übernatürliches. Sie ist ein Geschenk, das wir aus uns selbst heraus nicht machen, nicht produzieren und deshalb auch nicht einfach so einfordern können. Einheit wächst, wenn wir zu Christus aufschauen. Christus als Fundament und als Haupt seines Leibes fügt die vielfältigen Glieder der Gemeinde zu einer Einheit zusammen.

2. Gottes Geist schützt uns vor Enge

Aber wie macht Jesus das? Bevor Jesus ging, hat er das Kommen seines Geistes angekündigt (Johannes 16, 7). Es ist dieser Geist, der…

… die Liebesbeziehung zum himmlischen Vater lebendig und kraftvoll werden lässt (Galater 4, 6) und „uns tief im Herzen bestätigt, dass wir Gottes Kinder sind.“ (Römer 8, 16) Dieses Wissen kann uns eine feste, gesättigte Identität verleihen. Als geliebte Königskinder sind wir sehr viel weniger anfällig dafür, unsere Identität aus einem einflussreichen Posten oder aus dem Beifall von Menschen zu nähren. Das macht gelassen und einheitsfähig.

… christusgemäße Früchte in uns wachsen lässt, die für harmonische Beziehungen unerlässlich sind: Liebe. Frieden. Geduld. Freundlichkeit. Güte. Treue. Sanftmut. (Galater 5, 22-23)

… uns unsere Schuld und unsere Fehlerhaftigkeit offenbart (Johannes 16, 8) und uns somit spüren lässt: Wir leben alle aus Gottes Gnade und Barmherzigkeit. Das macht demütig. Das hilft uns, auch anderen gegenüber gnädig und barmherzig zu sein. Das hilft uns, zu vergeben, so wie auch uns vergeben wurde.

… uns hilft, die Bibel mit den Augen des Autors zu lesen, damit biblische Lehre nicht menschlich verengt wird und damit Speziallehren nicht zu Spaltpilzen werden.

… uns hilft, die Gebote Jesu zu leben, die wir aus eigener Kraft niemals leben könnten. Eine geist-lose Kirche hat immer nur die Wahl, entweder liberal oder gesetzlich zu werden. Beides spaltet die Kirche gleichermaßen.

Deshalb sind wir unbedingt angewiesen auf diese geistgewirkte Verbindung zu Christus. Sie schützt uns vor der Enge, die unsere Einheit zerstört.

3. Gottes Wort schützt uns vor Beliebigkeit

Paulus sagt aber auch: Wir sollen „in Liebe an der Wahrheit festhalten und in jeder Hinsicht Christus ähnlicher werden.“ Was ist denn die Wahrheit? Wer und wie ist denn dieser Christus, dem wir immer ähnlicher werden sollen? Wie hat er gelebt? Was hat er getan? Was hat er gelehrt? Was denkt er darüber, wie wir leben sollen?

Unsere zentrale und letztlich einzige Informationsquelle zu diesen wichtigen Fragen ist die Bibel. Wenn alle Christen sich diesem biblischen Christus nähern, dann finden Sie automatisch auch immer näher zueinander – trotz aller Vielfalt an Prägungen, Erfahrungen, unterschiedlichen Schwerpunkten und trotz aller Unterschiede in Auslegungsdetails. Wenn aber die biblischen Texte selbst in Frage gestellt sind, dann können sie kein gemeinsamer Maßstab und keine gemeinsame Mitte mehr sein. Wenn wir meinen, dass die Bibel nur alte Erfahrungen enthält, die heute so nicht mehr gelten und die zudem nur mit bibelwissenschaftlichen Mitteln entschlüsselt werden können, dann verlieren wir die Offenbarungsqualität und die Klarheit der Schrift. Dann verirren wir uns in unterschiedliche, ja gegensätzliche Christusbilder.

Auch theologische Experten werden daran nichts ändern können, denn sie sind sich ja selbst nicht einig, wer und wie dieser Christus ist. Wenn die Bibel keine allgemeinverständlichen zeit- und kulturübergreifenden Wahrheiten enthält, dann gibt es für diese Grundlage der Kirche Jesu keinen Ersatz. Dann wird unser Bild von Christus subjektiv und beliebig. Dann wird die gute Nachricht, die die Kirche an Christi statt weitergeben soll (2. Kor. 5, 20), unklar und vielstimmig. Dann gibt es zur Frage nach der Aufgabe und Ausrichtung von Gemeinde keine Einigkeit mehr. Dann haben wir nicht einmal mehr eine gemeinsame Diskussionsbasis für das gemeinsame Ringen um einen „jesusmäßigen“ Kurs der Kirche Jesu. Dann verliert die Kirche ihre gemeinsamen Bekenntnisse, ihre gemeinsame Botschaft und ihre gemeinsame Ausrichtung. Dann fangen wir in unseren Gemeinschaften an, in völlig verschiedene Richtungen zu ziehen. Dann lähmt und spaltet sich die Kirche selbst.

Deshalb sind wir unbedingt angewiesen auf dieses feste Vertrauen in die Verlässlichkeit und Gültigkeit der heiligen Schrift als das zuverlässige Wort Gottes, das unser gemeinsamer Maßstab für alle Fragen des Glaubens und des Lebens ist. Das schützt uns vor der Beliebigkeit, die unsere Einheit zerstört.

Unsere Einheit steht auf 2 Beinen: Gebet und Gottes Wort

Als die Gemeinde in Jerusalem wuchs und es dadurch immer mehr organisatorische Aufgaben zu bewältigen gab, trafen die Apostel eine kluge Entscheidung:

„Wählt unter euch sieben Männer mit gutem Ruf aus, die vom Heiligen Geist erfüllt sind und Weisheit besitzen. Ihnen wollen wir die Verantwortung für diese Aufgabe übertragen. Auf diese Weise haben wir Zeit für das Gebet und die Verkündigung von Gottes Wort.“ (Apostelgeschichte 6, 3-4)

Die Apostel wussten genau, was die beiden entscheidenden Faktoren sind, um diese schnell wachsende, extrem bunte und vielfältige Truppe zusammen zu halten: Zum einen die praktisch gelebte Beziehung zu Jesus Christus im Gebet und in der Anbetung. Und dazu die gesunde Lehre (Titus 1, 9) der Propheten und der Apostel, die wir heute in geschriebener Form in der Bibel finden. Genau das bildet auch für Paulus das entscheidende Fundament für die Kirche Jesu:

„Wir sind sein Haus, das auf dem Fundament der Apostel und Propheten erbaut ist mit Christus Jesus selbst als Eckstein.“ (Epheser 2, 20)

Natürlich ist Gebet und Gottes Wort ist nicht alles. Zum erfolgreichen Gemeindebau gehört noch sehr viel mehr. Aber ohne Gebet und Gottes Wort ist alles nichts. Der geistgewirkte Fokus auf Jesus Christus, der durch Gebet und Gottes Wort jeden Tag praktisch gefördert wird, ist und bleibt die entscheidende Grundlage für unsere Einheit und evangelistische Ausstrahlung.

Lassen Sie uns gemeinsam diese Einheit suchen. Oder besser formuliert: Lassen Sie uns gemeinsam Jesus Christus suchen im Gebet und in seinem Wort. Er schenkt uns die Einheit, nach der wir uns alle sehnen und die wir so dringend brauchen.


Weiterführend dazu: Umkämpfte Einheit – Ein Frontbericht

 

Mission – Viel mehr als “Zeigen, was wir lieben”

Mit „Mission Zukunft“ haben Ulrich Eggers und Michael Diener einen Sammelband vorgelegt, der es in sich hat. Man muss schon hoch vernetzt sein, um so viele bekannte christliche Leiter unterschiedlichster Couleur zwischen zwei Buchdeckeln zu versammeln. Aber gerade diese Zusammenschau ist es, die dieses Buch besonders spannungsvoll und spannend macht.

Bei mir hat das Buch sowohl Begeisterung als auch Verzweiflung ausgelöst. Begeisterung, weil man hier ermutigende Belege dafür findet, dass ein missionarischer Aufbruch möglich ist – auch mitten im säkularisierten Europa des 21. Jahrhunderts. Verzweiflung, weil zugleich transparent wird, wie weit Teile der Kirche von diesem Aufbruch entfernt zu sein scheinen.

Die Perspektive der Praktiker

Besonders deutlich wird das, wenn man das Buch aus Sicht der Praktiker liest. Das können Leute sein, die aktuell einen missionarischen Aufbruch erleben. Genauso interessant ist die Perspektive derer, die zahlreiche Initiativen überblicken und gut beobachten können, was „funktioniert“ und was nicht. Auffällig ist, was alle diese Leute gleichermaßen betonen: Entscheidend und grundlegend für einen missionarischen Aufbruch sind nicht Methoden. Entscheidend sind die geistlichen Grundlagen. Entscheidend ist vor allem die praktisch gelebte, vom Heiligen Geist gewirkte Jesusnachfolge, die sich gründet im Gebet und in Gottes Wort:

„Missionarischer Aufbruch … braucht Jesus-Zentriertheit und die Liebe zu Gott in allem.“ (Ansgar Hörsting, S.50)

„Die Vitalität meiner eigenen Jesusbeziehung ist zentral für die missionarische Bewegung in meinem Umfeld. … Auf diesem Weg werden Gebet, Wort Gottes und intensive Gemeinschaft mit anderen Christen eine große Rolle spielen.“ (Ekkehart Vetter, S.80)

„Missionarische Aufbrüche in der Kirche kommen durch christuszentrierte und geisterfüllte Bewegungen zustande.“ (Andreas „Boppi“ Boppart, S.211)

„Ich träume davon, dass Gemeinden Orte werden, die Menschen helfen, zu einer persönlichen intimen Gottesbeziehung zu kommen, denn ich bin überzeugt, dass aus Intimität (mit Gott) Identität (in Gott) und aus Identität schließlich geistliche Autorität (aus Gott) erwächst.“ (Patrick Knittelfelder, S.300)

Besonders bemerkenswert war für mich der Text von Bernhard Meuser, der das katholische „Mission Manifest“ mit vorangetrieben hat. Er zählt auf, was er als Katholik gerne von evangelikalen Christen lernen möchte: „Sie leben, denken, beten aus der Heiligen Schrift. Sie stellen Jesus in die Mitte, … nehmen ihn wirklich als Herrn in ihr Leben. Sie beten laut, gemeinsam und konkret. Sie lassen sich vom Heiligen Geist führen. Sie sind missionarisch, … sie haben echtes Interesse daran, dass jeder Jesus kennenlernt. Sie entscheiden sich für Jesus.“ (S.179) Da geht mir das Herz auf. Und doch hat mich das auch ein wenig peinlich berührt. Denn ich habe mich gefragt: Sind wir da wirklich noch Vorbild? Leben wir das tatsächlich noch voller selbstverständlicher Überzeugung? Oder gehen uns nicht gerade diese klassischen evangelikalen „Kernkompetenzen“ zunehmend verloren?

Gibt es absichtslose Mission?

Dass es Ulrich Eggers und Michael Diener gelungen ist, auch einige führende Persönlichkeiten der evangelischen Kirche für ein Statement zum Thema Mission zu gewinnen, ist erfreulich. Allerdings fällt schon Michael Diener auf: Es ist „wohl nicht ganz zufällig, dass sich alle Beiträge aus der Leitung der EKD mit … ethischen Haltungen der Mission beschäftigen.“ (S.17) Entsprechend sind diese Beiträge stark mit der Abwehr eines aus ihrer Sicht übergriffigen Missionsverständnisses beschäftigt. So schreibt zum Beispiel Heinrich Bedford-Strohm: „Mission, wie ich sie verstehe, ist nicht der strategische Versuch, Menschen zu einem bestimmten Bekenntnis zu veranlassen.“ (S.72) Gleich mehrfach wird ein Satz des Theologen Fulbert Steffensky zitiert: „Mission ist die gewaltlose, ressentimentlose und absichtslose Werbung für die Schönheit eines Lebenskonzeptes. Mission heißt zeigen, was man liebt.“ (S.18) Die letzten Worte dieses Zitats haben es sogar in leicht abgewandelter Form in den Untertitel des Buchs geschafft.

Ich musste bei diesem Zitat an die Missionsreisen von Paulus denken. War Paulus denn „absichtslos“ unterwegs? Wollte er in erster Linie einfach mal die Welt bereisen? Sicher nicht. Absichtslose Mission gibt es nicht. Mission ist auch bei weitem nicht nur „Zeigen, was man liebt“, wie man es bei einem guten Wein oder einem spannenden Kinofilm macht. Selbstverständlich wünschen sich Missionare, dass in den Herzen der Zuhörer ein christliches Bekenntnis wächst, schließlich gilt: Wenn du mit deinem Mund bekennst, dass Jesus der Herr ist, und wenn du in deinem Herzen glaubst, dass Gott ihn von den Toten auferweckt hat, wirst du gerettet werden.“ (Römer 10,9) Johannes Reimer schreibt deshalb zurecht: „Gemeindeaufbau setzt intentionale Verkündigung des Evangeliums und damit die Hinführung des Menschen zur Entscheidung für den Glauben voraus.“ (S.192) Auch Michael Herbst setzt auf „Veranstaltungen, die absichtsvoll evangelisieren“. (S.136) Und Bernhard Meuser hält fest: „Die Kirche muss wieder wollen, dass Menschen ihr Leben durch eine klare Entscheidung Jesus Christus übergeben.“ (S. 176)

Was bedeutet eigentlich „Mission“?

Gleich zu Beginn des Buchs stellt Michael Diener eine wichtige Frage: „Wie belastbar ist das gemeinsame Fundament in Sachen Mission und Evangelisation? Füllen wir zentrale Begriffe mit gleichen oder zumindest ähnlichen Inhalten oder handelt es sich nur um eine „Äquivokation“, werden dieselben Wörter für letztlich nicht Vereinbares verwendet? Ist das immer noch zu beobachtende und zu spürende „Fremdeln“ vieler Menschen in den Volkskirchen, wenn Worte wie „Mission“ oder „Evangelisation“ fallen, wirklich nur dem nicht zu leugnenden Missbrauch auf diesem Gebiet zu verdanken oder verbirgt sich dahinter eine gänzlich andere theologische Einschätzung?“ (S.13) Leider wird diese Frage im Buch nie direkt beantwortet. Aber wer die verschiedenen Texte nebeneinander stellt kommt zwangsläufig zu einem eindeutigen Ergebnis: Leider werden zentrale Begriffe tatsächlich immer wieder unterschiedlich gefüllt. Und oft sind nicht einmal mehr die Begriffe dieselben.

Das merkt man schon daran, dass in einigen Beiträgen Begriffe wie Sünde, Umkehr, Rettung oder Verlorenheit schlicht nicht vorkommen. Auch die Lehre vom stellvertretenden Sühneopfer vermisse ich, wenn Heinrich Bedford-Strohm zum Beispiel schreibt: Der gekreuzigte Gott mache „zutiefst gewiss, dass Gott gerade im Leiden nicht fern, sondern ganz nah ist.“ (S.74) Und ich habe mich gefragt: Würde zu den Bildern von Mission, die da gezeichnet werden, die weltweit verbreiteten „4 geistlichen Gesetze“ (neuerdings auch unter „The Four“ bekannt) zur Erklärung des Kerns des Evangeliums noch passen? In deren Mittelpunkt steht ja die Lehre, dass die Sünde uns Menschen von Gott trennt und dass nur der stellvertretende Kreuzestod Jesu diese Trennung überwinden kann. Diese Mitte des Evangeliums konnte ich in einigen Texten leider nicht entdecken. Ansgar Hörsting sieht genau darin eine Hauptursache für mangelnde missionarische Dynamik: Es ist „ein Hemmnis für Mission, wenn diese zentrale Botschaft vergessen, verändert oder aus der Mitte verdrängt wird. Die mangelnde Klarheit in der Verkündigung zum Sühnopfer Jesu ist ein trauriges Beispiel dafür. Menschen, die die Liebe Gottes nur allgemein und nicht in dieser zugespitzten Form verstehen, werden nicht im Namen Jesu missionarisch sein.“ (S.49)[1]

Warum missionieren wir überhaupt?

Eine weitere wichtige Frage ist: Warum missionieren wir eigentlich? Geht es darum, unsere Mitgliederzahlen zu verbessern? Oder wollen wir die Gesellschaft und die Lebensumstände unserer Mitmenschen ein wenig besser machen? Wenn Gott ohnehin bei allen Menschen ist, wenn er am Ende alle rettet und wenn er uns auch durch andere Religionen begegnet, wie es z.B. die rheinische Kirche in Ihrem Beschluss zum Verzicht auf Mission unter Muslimen meint, dann ist die Frage nach dem Antrieb für missionarische Aktivitäten gar nicht so leicht zu beantworten. Das hat Folgen. Ansgar Hörsting sagt deutlich: „Ich kenne keine (!) missionarisch wirksame Gemeinde, in der es nicht Leute gibt, die klar auf dem Schirm haben: Ohne Jesus Christus sind Menschen verloren. … Wo keine Dringlichkeit empfunden wird, wird missionarisches Wirken schwach.“ (S.52, das Ausrufezeichen habe ich eingefügt). Noch deutlicher wird Steffen Beck: „Es reicht nicht, wenn wir hören, dass „Menschen ohne Jesus verloren“ sind. … Unser Herz muss betroffen sein. Wenn dies nicht der Fall ist, werden wir auch das Herz der anderen nicht erreichen.“ (S.259) Wenn das stimmt, dann muss uns nicht verwundern, warum im Umfeld der von liberaler Theologie geprägten Großkirchen die missionarische Dynamik weitgehend eingeschlafen ist, wie Alexander Garth in seiner Analyse der zahlreichen missionarischen Initiativen in Berlin feststellt: „Es fällt auf, dass die wenigsten innovativen missionarischen Projekte aus dem Bereich der Großkirchen kommen … obgleich sie über immense Ressourcen an Finanzen und Manpower verfügt.“ (S.292)

Die Frage nach der missionarischen Dynamik einer Gemeinschaft hat somit ganz eindeutig viel mit ihrer Theologie und ihrem Umgang mit der Bibel zu tun. Das bestätigt auch Lothar Krauss in seinem äußerst ermutigenden Bericht über den missionarischen Aufbruch in Gifhorn: „Mit der Bibel intensiv zu leben entfacht in uns eine missionarische Dynamik und einen kraftvollen Glauben! Wenn wir unser Vertrauen in Gottes Wort schwächen lassen oder sogar verlieren, verlieren wir auch die missionarische Dynamik!“ (S.319) Alexander Garth sagt es noch grundsätzlicher: „Erfolgreiche missionarische Arbeit braucht eine konservative Theologie, weil nur diese das hohe Commitment ihrer Gemeindemitglieder zu generieren vermag, das nötig ist, damit die Dynamik für eine wachsende Gemeinde entsteht.“ (S.292)

Leerstelle theologische Ausbildung: Der große Elefant im Raum?

Das führt mich zu einer Frage, die mir beim Lesen immer dringender wurde: Wenn die geistlichen und theologischen Grundlagen so entscheidend sind, warum hat sich dann kein einziger Autor mit der Rolle der theologischen Ausbildung für die missionarische Dynamik der Kirche beschäftigt? Schließlich werden dort die geistlichen Grundlagen gelegt und die theologischen Weichen der zukünftigen Gemeindeleiter gestellt. Manchmal war ich mir aber auch bei evangelikalen Autoren nicht ganz sicher, inwieweit sie die Bedeutung dieser theologischen Weichenstellungen auf dem Schirm haben. So schreibt zum Beispiel Andreas Boppart: Es geht … nicht um das Ausdiskutieren von theologischen Unterschieden, um dann ein Konsens-Papier zu unterschreiben, sondern um eine tiefe ehrliche Herzensverbindung von geisterfüllten und christuszentrierten Nachfolgerinnen und Nachfolgern – eine Einheit der Herzen, des Geistes.“ (S.215) Bis vor etwa 2 Jahren hätte ich diesen Satz begeistert unterschrieben. Aber inzwischen habe ich zu viel gesehen, das mir zeigt: Theology matters – Theologie macht einen Unterschied. Ich habe zu oft erlebt, wie schnell die theologische Pluralisierung von den Randfragen zu den Kernfragen vordringt und wie das am Ende dazu führt, dass sich der missionarische Eifer in Sprachlosigkeit verwandelt, wie Steffen Kern bemerkt: „Selbst in den zentralsten Glaubens- und Lebensfragen werden viele unsicher. Was früher manchmal so klar schien, scheint auf einmal zwischen den Fingern zu zerrinnen. Die Kirchen und Gemeinden, die Haltungen und Positionen werden pluraler, Orientierung zu finden immer schwieriger. Darum verfallen wir über Frömmigkeitsgrenzen hinweg ins Schweigen.“ (S.225)

Ja, Andreas Boppart hat recht: Einheit ist viel mehr als theologischer Konsens. Wir brauchen eine geistgewirkte Herzenseinheit in Christus. Aber wer ist dieser Christus? Und was ist seine Botschaft? Das sind theologische Fragen, die wir klären müssen. Deshalb funktioniert Einheit auf Dauer nicht ohne theologischen Konsens zumindest in den zentralen Knackpunktthemen des Glaubens, wie ich sie z.B. in Kapitel 5 von „Zeit des Umbruchs“ beschrieben habe. Es gibt gute Gründe dafür, dass wir von geistlichen Leitern eine gründliche theologische Ausbildung erwarten. Aber diese Ausbildung muss einem Bibelverständnis folgen, in der das Sola Scriptura gilt, in der also nicht die menschliche Vernunft zum Richter über richtig und falsch in der Bibel gemacht wird und in der die Schrift nicht ins sachkritische Zwielicht gerät. Denn sonst wird weiterhin gelten, was Alexander Garth beklagt: „Westliche Theologien sind klug, aber sie paralysieren Gemeindewachstum und Mission, wie unzählige Studien der globalen Gemeindewachstumsbewegung zeigen.“ (S.286)

Warum wird diese wichtige Frage nach der Rolle der theologischen Ausbildung an keiner Stelle in „Mission Zukunft“ aufgegriffen? Ist sie vielleicht der große Elefant im Raum, den zwar alle sehen, den aber niemand anspricht, um niemand zu provozieren? Beim Nachdenken über diese Frage fiel mir auf, dass ein großer Name in diesem Buch fehlt: Ulrich Parzany. Seit Jahrzehnten war und ist er eine zentrale und prägende Figur im Bereich Mission und Evangelisation im deutschsprachigen Raum. Warum wird seine Stimme hier nicht gehört? Hat das womöglich auch damit zu tun, dass er einer der wenigen ist, der diesen Elefant offen anspricht?[2] Das wäre traurig. Denn das Buch „Mission Zukunft“ bestärkt mich einmal mehr darin: Ohne eine theologische Erneuerung werden auch alle sonstigen Reformbemühungen der Kirche unter Sand im Getriebe leiden.

Mission is possible!

Trotz dieser Leerstelle kann ich „Mission Zukunft“ nur herzlich weiter empfehlen. Allein schon die äußerst ermutigenden und inspirierenden Kapitel von Ekkehart Vetter, Alexander Garth, Patrick Knittelfelder und Lothar Krauss sind die Anschaffung des Buchs mehr als wert. Hier wird deutlich: Mission is possible! Unser Problem ist nicht die Säkularisierung oder Pluralisierung. Unser Problem ist auch nicht der „harte Boden“ in unserem Land sondern – wenn schon – der harte Boden in unserem eigenen Herzen. Wo wir uns von Gottes Geist und Gottes Wort zu Jesus ziehen lassen, da kann ein missionarischer Aufbruch gar nicht ausbleiben. Denn es liegt Jesus nun einmal sehr auf dem Herzen, dass jeder gerettet wird und die Wahrheit erkennt“ (1.Tim.2,4) – in unseren Familien, in unseren Gemeinden, in unseren Städten und Dörfern, in unserem Land, überall auf der Welt. Klaus Douglass schreibt: Mission ist nicht eine Funktion der Kirche, sondern Kirche ist eine Funktion der Mission Jesu.“ (S.194) Genauso ist es. Ohne Mission hört Kirche auf, Kirche zu sein.


Das Buch „Mission Zukunft – Zeigen was wir lieben: Impulse für eine Kirche mit Vision“ (Herausgeber Michael Diener und Ulrich Eggers) ist im Dezember 2018 bei SCM R. Brockhaus erschienen und kann zum Preis von 19,99 € hier bestellt werden.

Weitere inspirierende Zitate aus „Mission Zukunft“:

Über die zentrale Bedeutung der grundlegenden geistlichen Disziplinen Gebet und Lesen in Gottes Wort:

„Ich sehe keinen anderen Weg zur Freude als den alten und immer neuen des Hörens auf die Schrift, der wechselseitigen Ermutigung und des erwartungsoffenen Gebets.“ (Hans-Herrmann Pompe, S. 34)

„In unseren Erklärungen sagen wir viel Richtiges: … „Darum ist es für jeden Christen und jede Christin unverzichtbar, Gottes Wort zu verkünden und seinen/ihren Glauben in der Welt zu bezeugen.“ Gut gebrüllt Löwe, aber die Rechnung wurde ohne den Wirt erstellt, nämlich ohne uns, die Christen, deren Innenleben, deren Herz einer dringenden geistlichen Erneuerung bedarf. … Auf diesem Weg werden Gebet, Wort Gottes und intensive Gemeinschaft mit anderen Christen eine große Rolle spielen.“ (Ekkehart Vetter, S.82/83)

„Natürlich sind die Fragen nach dem Musikstil, der Sprache, der Kleidung auf der Bühne und so weiter nicht unwichtig. Aber es ist ein Fehler, zu denken, dass Veränderung in diesen Punkten eine Gemeinde verwandelt. Diese Themen ändern sich als Folge von Überzeugungen! Unsere Überzeugungen gewannen wir aus dem Studium der Bibel und wir bewegten sie im Gebet. Ohne Überzeugungen bleiben wir zu sehr an den Äußerlichkeiten hängen, die nicht unwichtig sind, aber eben auch nicht entscheidend.“ (Lothar Krauss, S.315)

Jesus muss unbedingt die Mitte sein:

„Menschen werden spüren, ob wir Gott lieben, ob wir begeistert sind von ihm und ob wir etwas mit ihm zu tun haben. Mir sagte mal ein Pastor einer sehr missionarischen Gemeinde, sie würden zuerst Jesus zentrierte Gottesdienste und nur in zweiter Linie besucherfreundliche Gottesdienste feiern. …  Missionarischer Aufbruch … braucht Jesus-Zentriertheit und die Liebe zu Gott in allem. …  Gerade der deutsche missionarische Aufbruch braucht diese Dimension, weil wir (wie in der gesamten westlichen Welt) sehr menschenzentriert denken, leben und oft auch glauben.“ (Ansgar Hörsting; S. 50)

„Wenn die evangelische Landeskirche nicht den Mut hat, Christus wieder stärker ins Zentrum zu rücken und Profil zu zeigen, wird sie aufgrund ihrer Farblosigkeit in die Unbedeutsamkeit weggleiten.“ (Andreas „Boppi“ Boppart, S. 214)

„Mission braucht … Mut zur Konzentration auf das Wesentliche. Wir reden von Jesus. … Von seinen Wundern. Von seinen Worten. Von seinem Kreuz und seiner Auferstehung.“ (S. 226 Steffen Kern)

 „Die Kirche ist ein Jesus-zu-den-Leuten-Bringen. Jesus ist ihr Lebensinhalt, sie hat keinen anderen. Wo sie doch um andere Inhalt kreist -etwa um sich selbst -, da wird sie zur abgeschmackten Travestie.“ (Bernhard Meuser, S. 175)

Über die Bedeutung von Gemeinschaft und Kleingruppen:

„Ich würde allen, die sich nach einem missionarischen Aufbruch sehnen, dringend raten, einen Kern zu sammeln, der brennt, ohne die weitere Gemeinde aus dem Blick zu verlieren.“ (Lothar Krauss, S.321)

 „Ohne die Bildung kleiner, tragfähiger Gemeinschaften läuft ein Großteil unserer missionarischen Bemühungen ins Leere.“ (Klaus Douglass, S. 207)

Über den Segen von Vielfalt:

„Es muss in der Gesellschaft um Gottes willen eine größere Vielzahl unterschiedlicher christlicher Kirchen, Gemeinden, missionarischer Projekte, diakonischer Initiativen geben, die nebeneinander und miteinander den Ruf von Christus „Lasst euch versöhnen mit Gott!“ verbreiten.“ (S. 289 Alexander Garth)

Über die Notwendigkeit von Fleiß und Hingabe:

„Kein missionarischer Aufbruch geschieht ohne engagierte, fleißige und dienende Menschen. Gottes Methode sind Leute, die sich selbst verleugnen und hingeben.“ (Lothar Krauss, S.321)

Über die Bedeutung von Bibel und Bekenntnis:

„Bei aller konfessionellen und missionarischen Offenheit ist es zugleich wichtig, einen Maßstab zu haben, der für alle verbindlich ist. Das sind für uns die Bibel und ihre sinnstiftenden und Orientierung gebenden Anweisungen für ein gelingendes und von Gott gesegnetes Leben. Darüber hinaus sind für uns neben den altkirchlichen und reformatorischen Bekenntnissen die Basis der Evangelischen Allianz und die Lausanner Verpflichtung von 1974 richtungsweisend. … Wir vertrauen der Bibel als Gottes Wort, als Quelle aller Erkenntnis, wie Gott ist, was er für uns getan hat und was er von uns erwartet.“ (Elke Werner, S.340)


[1] Der Streit um die „Absichtslosigkeit“ von Mission war auch ein zentrales Thema bei der Tagung „Welche Zukunft hat Mission?“ im November 2019 in Berlin, bei der viele Autoren dieses Buchs ihre Thesen mündlich vortragen durften. Dabei wurde deutlich, dass die „theologischen Überzeugungen ein Streitfall bleiben“, wie Karsten Huhn in seiner Reportage in idea-Spektrum berichtet.

[2] Bekannt wurde besonders sein Satz: „Die Bibelkritik ist der Krebsschaden der Kirche.“ In Ulrich Parzany : Was nun, Kirche? Ein großes Schiff in Gefahr, Holzgerlingen 2017, S. 49.

Das doppelte Fundament der Kirche

Im letzten Jahr haben mich immer wieder Stimmen von konservativen Christen aus ganz Deutschland erreicht, die sich in ihren landes- oder freikirchlichen Gemeinden an den Rand oder gar hinausgedrängt fühlen. Tatsächlich scheint sich dieser subjektive Eindruck auch objektiv zu bestätigen. Tobias Faix hat jüngst berichtet, dass die Anzahl der Gläubigen steigt, die aufgrund ihres konservativen Glaubens aus der evangelischen Kirche austreten. In einer aktuellen Erhebung für die Kirche von Westfalen wurde zudem ermittelt:

“Das häufigste Motiv für einen Austritt aus der Kirche ist die Ansicht, dass die Kirche nicht mehr das lebt, „was Jesus eigentlich wollte“.”

Also nicht die Säkularisierung, nicht die Kirchensteuer, sondern die grundsätzlichen Differenzen beim Jesusbild sind das Hauptproblem, das Menschen aus der Kirche treibt! Das hat mich nun doch überrascht.

Natürlich sind nicht alle, die diese Antwort geben, theologisch konservativ. Aber Fakt ist ganz offensichtlich: Meine Kirche leidet massiv darunter, dass es auch bei den zentralsten Glaubensfragen keinen Konsens mehr gibt. Die grundlegenden Differenzen beim Schriftverständnis wurden ja lange Zeit verharmlost mit der Aussage: Wir glauben doch nicht an die Bibel sondern an Jesus Christus. Jetzt aber zeigt sich: Wenn die Wege beim Schriftverständnis auseinanderlaufen, laufen sie irgendwann auch beim Jesusbild auseinander. Wenn die Bibel keine gemeinsame Grundlage mehr ist, dann ist auch Jesus irgendwann keine gemeinsame Grundlage mehr. Wenn sich die Jesusbilder bei den Gemeindemitgliedern und in der Theologie immer grundlegender voneinander unterscheiden, dann kann Jesus auch nicht mehr die einende und verbindende Person der Kirche sein. Am Ende führt die theologische Liberalisierung eben doch zum entscheidenden Verlust der Bindekräfte, die die Kirche gerade in einer sich polarisierenden Gesellschaft dringender denn je nötig hätte, um nicht auseinander zu fallen.

Woran Konservative leiden

Tobias Faix verweist darauf, dass gerade der Exodus der Konservativen für die Kirche besonders schmerzhaft ist, weil sie an der Basis oft sehr engagiert sind. Diese richtige Beobachtung ändert aber nichts daran, dass auf eben diese konservative Basis in Teilen meiner Kirche wenig Rücksicht genommen wird. Die Nordkirche (also die ev. Landeskirche in Schleswig Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern) hat jüngst nicht nur beschlossen, gleichgeschlechtliche Paare zu trauen. Viel weitreichender ist der Beschluss, dass die Gewissensfreiheit für Pastoren in dieser Frage abgeschafft wird. Das heißt: Es ist Pastoren nicht mehr möglich, eine Trauung gleichgeschlechtlicher Paare aus Gewissensgründen abzulehnen. Sie werden gezwungen, ihr Gewissen vor Gott und seinem Wort zu kompromittieren und etwas zu segnen, was in ihren Augen nicht unter dem Segen Gottes steht. Zu Ende gedacht kommt das im Grunde einem Ausschluss von Evangelikalen aus der Landeskirche gleich, und das nicht nur in der Nordkirche. Denn evangelikale Theologiestudenten, die ihrem Gewissen vor Gott treu bleiben wollen, müssen jetzt auch in anderen Landeskirchen damit rechnen, in einen unlösbaren Gewissenskonflikt getrieben zu werden, weil der Trend ja vielerorts in die gleiche Richtung geht. Wenn es keine Wende gibt, würde das für die evangelikalen Gemeindeglieder bedeuten, dass es langfristig in den Landeskirchen keine Pfarrer und Pastoren mit evangelikalen Überzeugungen mehr gibt. Damit würde es auf Dauer auch keine konservativ geprägten Richtungsgemeinden mehr geben. Denn die Pfarrer haben in den evangelischen Gemeinden eine dominante Position. Ich habe in den letzten Jahren mit so vielen tief enttäuschten und verletzten landeskirchlichen Evangelikalen gesprochen, dass ich inzwischen überzeugt bin: Die Schaffung von evangelikal geprägten erwecklichen Strukturen innerhalb der Landeskirche ist kaum möglich, wenn der Pfarrer dies nicht zumindest mit Wohlwollen und Sympathie für evangelikale Frömmigkeit schützt und wenigstens im Hintergrund auch unterstützt.

Nun ist diese Entwicklung für Evangelikale in der Landeskirche freilich nicht neu. Schließlich liegt die Dominanz der nichtevangelikalen Theologie in den landeskirchlichen Ausbildungsstätten schon seit Jahrzehnten bei nahezu 100 %. Auch in manchen freikirchlichen Ausbildungsstätten geht der Trend in diese Richtung. Hinzu kommt: Trotz akutem Pfarrermangel verwehrt meine evangelische Kirche den Abgängern konservativer Ausbildungsstätten den Zugang zum Pfarramt. Wenn aber die Ausbildung sämtlicher Gemeinde- und Kirchenleiter von einer Theologie geprägt ist, die auch in zentralen Glaubensfragen evangelikalen Überzeugungen widerspricht, dann ist es kein Wunder, wenn Evangelikale immer öfter den Eindruck haben: Wir haben mit dem, was uns wichtig ist, keinen Raum mehr.

Die doppelte Basis für die Einheit der Kirche

Auch wenn es mich jedes Mal tieftraurig macht: Ich habe Verständnis dafür, wenn Christen angesichts dieser Entwicklungen manchmal keine andere Möglichkeit mehr sehen, als aus der Kirche auszutreten. Aber viel mehr wünsche ich mir, dass wir Konservativen anfangen, gemeinsam für unsere Überzeugungen aufzutreten! Paulus hat es uns vorgemacht. Mit eindrücklichen Worten hat er klargestellt, was die beiden entscheidenden Elemente des Fundaments der Kirche Jesu sind:

“Wir sind sein Haus, das auf dem Fundament der Apostel und Propheten erbaut ist mit Christus Jesus selbst als Eckstein.” (Epheser 2, 20).

Die gelebte Liebe und Nachfolge Jesu im Zentrum sowie die Verwurzelung in der Lehre der Apostel und Propheten, die wir in der Bibel finden: Beides zusammen bildet das Fundament der Kirche Jesu. Ein festes Jesus- und Schriftvertrauen ist also nicht etwa eine fundamentalistische Randposition, im Gegenteil: Es ist genau dieses doppelte Fundament, das die Kirche eint. Und zwar NUR dieses! Einen anderen Grund kann niemand legen. Wenn man den Worten von Paulus glaubt, ist die Kirche ohne dieses doppelte Fundament auf Sand gebaut.

Es wird ja oft darauf hingewiesen, dass auch die Konservativen trotz gemeinsamem Bekenntnis zur Autorität der Bibel zerstritten seien. Ja, in der Tat: Auch da gibt es Misstrauen, Konflikte und Spaltungen. Aber immerhin haben die Konservativen mit der Bibel noch einen gemeinsamen Grund, auf dessen Basis man zumindest miteinander streiten und um gemeinsamen Grund ringen kann. Und Fakt ist: In den vergangenen Jahrzehnten ist über Konfessions- und Prägungsgrenzen hinweg überall dort sehr viel Einheit gewachsen, wo einerseits der Schrift fest vertraut wurde und andererseits eine gelebte Liebesbeziehung zu Jesus im Mittelpunkt stand. Im Buch „Zeit des Umbruchs“ berichte ich im letzten Kapitel ausführlicher von diesen hoffnungsvollen Entwicklungen. Eindrücklich war für mich dazu auch ein Erlebnis in diesem Sommer: Wir saßen mit Freunden im Garten, als wir vom Weg vor dem Garten plötzlich Gesang hörten. Wir gingen hinaus und begegneten brasilianischen Christen. Wir kannten uns nicht. Wir konnten uns wegen der Sprachbarriere nur spärlich unterhalten. Aber wir haben spontan Jesus zusammen angebetet und uns beim Abschied herzlich umarmt in dem Bewusstsein: Wir sind Geschwister in dieser einen großen Familie Gottes. Spätestens im Himmel werden wir uns wiedersehen. Jesus und sein Wort schafft Einheit – über alle Grenzen, Kulturen und Prägungen hinweg.

Verpackung oder Inhalt?

Angesichts von Austrittswellen, sinkenden Mitgliederzahlen und schrumpfendem Gottesdienstbesuch wird in letzter Zeit immer häufiger die Frage gestellt: Wie kann die Kirche wieder Zukunft gewinnen? Brauchen wir vielleicht mehr Digitalisierung? Müssen wir näher bei den Menschen sein? Brauchen wir mehr soziologische Untersuchungen, um besser zu verstehen, welche Fragen die Menschen bewegen? Oder brauchen wir vielleicht frische Formen von Gemeinde, Kirche und Veranstaltungsformen, die besser zu den heutigen Lebenswelten und Milieus unserer Gesellschaft passen? Ja, ich glaube, all das brauchen wir. Aber wir dürfen dabei nie vergessen: Entscheidend ist am Ende nicht die Verpackung. Entscheidend ist der Inhalt! Jeder Manager weiß: Selbst das beste Marketingkonzept hilft auf Dauer nichts, wenn man kein überzeugendes Produkt hat. Genauso ist es bei der Kirche: Wir brauchen uns mit der Verpackung unserer Botschaft eigentlich gar nicht zu beschäftigen, solange wir uns nicht im Klaren darüber sind, was im Kern eigentlich unsere Botschaft ist.

Eigentlich hat die Kirche ja gar keine eigene Botschaft. Sie ist nur Botschafter an Christi statt (2. Kor. 5,20). Diese Botschaft Christi kennt die Kirche einzig und allein aus der Bibel. Wenn wir den biblischen Texten nicht vertrauen, verlieren wir deshalb zwangsläufig auch die Vertrauenswürdigkeit, die Klarheit und damit auch die Kraft, die Schönheit und Dynamik des Evangeliums. Umso mehr hoffe und bete ich, dass es in meiner Kirche wieder eine Umkehr gibt hin zu einer authentisch gelebten Liebe zu Jesus und zu einer neuen Ehrfurcht vor Gottes Wort. Und ich hoffe und bete, dass unsere freikirchlichen Freunde nicht ebenso ihre Ausbildungsstätten der liberalen Theologie überlassen, wie wir Landeskirchler das getan haben. Es ist nun einmal keine Rechthaberei, keine Angst und keine Enge, die Evangelikale wie mich so nervös werden lässt, wenn universitäre Theologie in ihrer ganzen Bandbreite über Portale wie Worthaus nun auch mitten in die evangelikale Welt hineingetragen wird. Nein, es ist ganz einfach die Sorge um das einzig tragfähige Fundament der Kirche Jesu, ohne das keine christliche Gemeinde, kein christliches Werk und keine Denomination auf Dauer bestehen kann.

Lasst uns Häuser bauen

Ich freue mich sehr darüber, dass ich in einem Land leben darf, in dem in der Mitte fast jeder Ortschaft ein Haus zur Ehre Gottes steht. Aber ich sehne mich danach, dass diese Häuser aus Stein wieder gefüllt werden mit Häusern aus Menschen, die sich zusammenfügen lassen zu einem „Tempel aus lebendigen Steinen“, wie Petrus es ausdrückt (1. Petr.2,5). Ich habe Sehnsucht danach, dass an allen Orten geistliche Häuser entstehen, in denen Jesus gegenwärtig ist und in denen unsere Mitmenschen nach Hause kommen können und Heimat, Erlösung und ewiges Leben finden bei diesem wundervollen himmlischen Vater, von dem uns die Bibel berichtet. Meine Frau und ich arbeiten an unserem Heimatort gemeinsam mit vielen anderen Christen seit Jahren dafür, dass so ein geistliches Haus entsteht. Und ich freue mich darüber, dass sich viel Gutes entwickelt, weil Gottes Wort Kraft hat, Menschen bewegt und verändert. Aber in den letzten Jahren ist uns noch deutlicher geworden: Es reicht nicht, schöne Programme und Veranstaltungen zu gestalten. Wenn wir ein nachhaltiges geistliches Haus bauen wollen, dann müssen wir aufs Fundament achten. Wenn Menschen sich nicht verwurzeln in der Liebe und im Wort Gottes, dann hat das Haus, das wir bauen, auf Dauer keinen Bestand.

Lassen Sie uns deshalb an allen Orten wieder Häuser auf gesunden Fundamenten bauen. Und lassen Sie uns beten, dass Gott einen neuen Aufbruch schenkt, eine neue Bewegung von Menschen, die Jesus Christus von Herzen lieben und die ihre Bibel kennen und tief in ihr verwurzelt sind.

Gemeinsam Auftreten

Wir Evangelikalen wollen keinen Streit. Wir sehnen uns nach Einheit, damit das Evangelium glaubwürdig verkündigt werden kann. Aber in der Bibel sehen wir, dass es manchmal auch not-wendend sein kann, in kontroversen Fragen Position zu beziehen, um Orientierung zu geben und Christen zu ermutigen. Eine gute Gelegenheit, gemeinsam aufzutreten, ist zum Beispiel der Studientag des Netzwerks Bibel und Bekenntnis am 16. November in Siegen. Ich würde mich sehr freuen, Sie dort zu treffen!

Theology matters – Theologie spielt eine Rolle

Woran liegt es, dass manche Gemeinden wachsen und andere Gemeinden schrumpfen? Zu dieser spannenden Frage gibt es viele Ansichten und eine Reihe von Untersuchungen. Tatsache ist: DIE eine entscheidende Ursache gibt es nicht. Es müssen immer mehrere Faktoren zusammen kommen, damit eine christliche Gemeinschaft wächst. Aber welche Faktoren sind das? Und spielt dabei die Theologie der Gemeinde eine Rolle? Macht es einen Unterschied, ob eine Gemeinde ein eher konservatives oder ein eher liberales Bibelverständnis hat?

Im Buch „Zeit des Umbruchs“ wird auf S. 194 eine wissenschaftliche Untersuchung erwähnt, die sich genau dieser Frage gewidmet hat. Der kanadische Professor für Religion und Kultur David M. Haskell hat für seine Studie 2255 Besucher von 22 verschiedenen Gemeinden befragt. Die Ergebnisse wurden veröffentlicht unter der Überschrift: „Theology matters“ – „Theologie spielt eine Rolle“. Für die Washington Post hat Haskell im Jahr 2017 die Ergebnisse seiner Studie unter einer provokanten Überschrift zusammengefasst: „Liberale Gemeinden sterben. Aber konservative Gemeinden gedeihen.“ Haskell schreibt in seinem Artikel unter anderem:

„Die großen protestantischen Kirchen sind in Schwierigkeiten: Ein Bericht des Pew Research Center aus dem Jahr 2015 ergab, dass ihre Gemeinden, die einst eine tragende Säule der amerikanischen religiösen Landschaft waren, heute um etwa 1 Million Mitglieder jährlich schrumpfen. Weniger Mitglieder bedeuten nicht nur weniger gerettete Seelen (ein beängstigender Gedanke für einige Geistliche) sondern auch weniger Einnahmen für die Kirchen, was weiter zu ihrem Niedergang beiträgt.

Angesichts dieser beunruhigenden Entwicklung haben Kirchenleiter verschiedene Anstrengungen unternommen, um den Kirchenbesuch wieder zu beleben. Es ist fast 20 Jahre her, dass John Shelby Spong, ein US-amerikanischer Bischof der Episkopalen Kirche, sein Buch “Why Christianity Must Change or Die” („Warum sich das Christentum ändern oder sterben muss“) veröffentlichte. Es wurde als Gegenmittel gegen den Niedergang der großen Kirchen präsentiert. Spong, ein liberaler Theologe, sagte, dass die Gemeinden wachsen würden, wenn sie ihre wörtliche Auslegung der Bibel aufgeben und sich zeitgemäß transformieren würden.

Spongs allgemeine These ist bei vielen Protestanten populär … Liberale Theologie war seit Jahrzehnten in den Seminaren der großen Denominationen gelehrt und von vielen ihrer Kanzeln gepredigt worden. Ihre anhaltende Anziehungskraft auf die umworbenen Gemeindeleiter liegt darin, dass sie religiösen Gedanken, die – oberflächlich betrachtet – für das moderne Publikum weit hergeholt erscheinen könnten, intellektuelle Seriosität verleiht.

Aber die liberale Wende der großen Kirchen scheint das Problem ihres Niedergangs nicht gelöst zu haben.

In den letzten fünf Jahren haben meine Kollegen und ich eine Studie mit 22 Gemeinden aus großen Denominationen in der Provinz Ontario durchgeführt. In der Stichprobe verglichen wir Gemeinden mit wachsendem Gottesdienstbesuch mit solchen, die kleiner wurden. Nachdem wir die Umfrageergebnisse von über 2.200 Gemeindemitgliedern und von ihren Geistlichen statistisch analysiert hatten, kamen wir zu einer Entdeckung, die man intuitiv nicht erwarten würde: Die konservative protestantische Theologie mit ihrem wörtlicheren Blick auf die Bibel ist ein wichtiger Prädiktor (d.h. Vorhersagevariable) für Gemeindewachstum, während liberale Theologie zum Niedergang führt. …

Zum Beispiel fanden wir heraus, dass 93 Prozent der Geistlichen und 83 Prozent der Gemeindeglieder aus wachsenden Gemeinden der Aussage “Jesus ist von den Toten auferstanden, mit einem echten Körper aus Fleisch und Blut, der ein leeres Grab hinterlässt” zustimmten. Im Vergleich dazu taten das 67 Prozent der Gemeindeglieder und 56 Prozent der Geistlichen aus schrumpfenden Gemeinden. Darüber hinaus stimmten alle Geistlichen wachsender Gemeinden sowie 90 Prozent ihrer Gemeindeglieder darin überein, dass “Gott als Antwort auf Gebete Wunder vollbringt”, verglichen mit 80 Prozent der Gemeindeglieder und nur 44 Prozent der Geistlichen aus schrumpfenden Gemeinden.

Auch jenseits unserer eigenen Forschungsarbeit wurde festgestellt: Wachsende Kirchen … waren in der Lehre fast ausschließlich konservativ. Wie wir in unserer wissenschaftlichen Studie darlegen, haben diese anderen Studien aufgrund methodischer Einschränkungen das Wachstum nicht mit der Theologie verknüpft. Aber unsere Arbeit legt nahe, dass diese Verknüpfung ein fruchtbarer Ansatz ist, den es zu verfolgen gilt.

Was erklärt den Wachstumsunterschied zwischen liberalen und konservativen Gemeinden? Zur Verteidigung liberaler Gemeinden könnte man behaupten, dass die eigentliche Ursache des Wachstums in der Stärke des Glaubens liegt und nicht am jeweiligen Glaubensinhalt. Wenn das zuträfe müssten Pastoren, die sich der liberalen Theologie verschrieben haben, mit der gleichen Wahrscheinlichkeit Kirchenwachstum erleben wie konservative Pastoren, sofern sie in ihren religiösen Überzeugungen nur fest und klar sind. Doch unterschiedliche Überzeugungen führen, auch wenn sie gleich stark sind, zu unterschiedlichen Ergebnissen.

Zum Beispiel nahmen die Geistlichen wachsender Gemeinden in unserer Studie aufgrund ihrer konservativen Einstellung den Befehl Jesu “Geht hin und macht zu Jüngern” wörtlich. So waren sie alle der Überzeugung, dass es “sehr wichtig ist, Nichtchristen zu ermutigen, Christen zu werden” und haben sich daher mit hoher Wahrscheinlichkeit bemüht, Nichtchristen zu bekehren. Umgekehrt war die Hälfte der Geistlichen in den schrumpfenden Kirchen aufgrund ihrer liberalen Orientierung im Gegenteil der Überzeugung, dass es nicht wünschenswert ist, Nichtchristen zu bekehren. Einige von ihnen waren zum Beispiel der Meinung, dass es kulturell unsensibel ist, außerhalb ihrer unmittelbaren Glaubensgemeinschaft mit ihrer Religion hausieren zu gehen.

Es sollte offensichtlich sein, welche dieser beiden Überzeugungen eher zu Gemeindewachstum führt.

Obwohl unsere Forschung hilft, die leerer werdenden Bänke liberaler Gemeinden in den großen Denominationen zu erklären, wird sie wahrscheinlich in der Welt der großen Denominationen wenig Freude auslösen, insbesondere im Bereich der theologischen Linken. Aber, falls das ein Trost ist: In Bezug auf das Gemeindewachstum in den großen Kirchen haben Spong und andere Liberale Recht mit ihrer Behauptung, dass das Christentum sich ändern oder sterben muss. Sie verstehen nur die Richtung der Änderung falsch.“


Zum Originalartikel der Washington Post: https://www.washingtonpost.com/posteverything/wp/2017/01/04/liberal-churches-are-dying-but-conservative-churches-are-thriving/

Zur Originalarbeit von Prof. Haskell: https://www.researchgate.net/publication/303506370_Theology_Matters_Comparing_the_Traits_of_Growing_and_Declining_Mainline_Protestant_Church_Attendees_and_Clergy

Die Spaltung: Getrennte Wege der Kirche und Israels

von Dr. Jürgen Bühler, Präsident der Internationalen Christlichen Botschaft Jerusalem (ICEJ)

Zuerst veröffentlicht in: „Wort aus Jerusalem“, Ausgabe Nr. 3 / 2019, veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der ICEJ – Deutscher Zweig

WAS IST GESCHEHEN?

Nie vergesse ich den Besuch in der chinesischen 10-Millionen-Stadt Whenchou bei einer Gruppe Hauskirchenleiter, die rund eine Million einheimische Gläubige repräsentierten. Ich war der erste Gast aus Israel. Als ich zu erklären begann, warum Israel wichtig ist, stellte ich schnell fest, dass dies für sie nichts Neues war. Ich fragte den Leiter: „Wer hat euch über Israel gelehrt?“ Überrascht antwortete er: „Es steht alles in der Bibel.“

Das wirft die Frage auf: Was geschah in der Kirche, dass sie sich so weit von dieser einfachen Wahrheit entfernte und in den letzten 1.500 Jahren zur stärksten Antriebskraft des Antisemitismus wurde? Hasspredigten voll Verachtung gegenüber den Juden, Pogrome, Zwangsbekehrungen, Inquisitionen und schließlich der Holocaust – all dies machte das Christentum zum Erzfeind der Juden – in weit größerem Maße noch als der Islam.

PAULUS ISRAEL-LEHRE

Dies ist umso erschreckender, da der Apostel Paulus eine sehr klare Israel-Lehre hat: „Sie sind Israeliten, denen die Kindschaft gehört und die Herrlichkeit und die Bundesschlüsse und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißungen, denen auch die Väter gehören und aus denen Christus herkommt nach dem Fleisch. Gott, der da ist über allem, sei gelobt in Ewigkeit.” (Römer 9,4-5) Paulus erkannte: Auch wenn die meisten Juden Jeschua nicht als ihren Messias annehmen, bleiben sie dennoch „Geliebte um der Väter willen“ (Römer 11,28). Ihre Ablehnung Jesu sah Paulus als vorübergehenden Zustand, den schon die hebräischen Propheten voraussagten (z.B. Jesaja 6). Doch er glaubte, dass einst „ganz Israel gerettet werde“ (Römer 11,26). Deshalb warnte er die Gläubigen aus den Nationen vor Arroganz gegenüber den Juden (Römer 11,18) und mahnte sie zu bedenken: „…dass ihr zu jener Zeit ohne Christus wart, ausgeschlossen vom Bürgerrecht Israels und den Bundesschlüssen der Verheißung fremd; daher hattet ihr keine Hoffnung und wart ohne Gott in der Welt.“ (Epheser 2,12) Durch Gnade näherten sie sich und erhielten Anteil an Gottes Verheißungen.

BEGINNENDE SPALTUNG

Die Antwort darauf, warum und wo sich die Kirche von Israel trennte, ist zu komplex, um sie in einem kurzen Artikel vollständig darlegen zu können. Zum Teil liegt die Schuld bei der römischen Politik. Viel wichtiger aber ist zu erkennen, dass die Kirche selbst Verantwortung übernehmen muss für die Entscheidungen, die ihre Leiter in den ersten Jahrhunderten nach Christus getroffen haben. Nach dem ersten Kirchenkonzil, von dem Apostelgeschichte 15 berichtet, begannen sich die Dinge zu ändern – auch hinsichtlich der Demografie der Kirche.

Das Christentum begann in Jerusalem als hundertprozentig jüdische Kirche, doch nach etwa einem Jahrhundert bildeten „Heiden“ die Mehrheit. Anfangs war Jerusalem das spirituelle Zentrum des Glaubens, aber die römischen Kriege veränderten die Verbindung der Kirche zu Jerusalem und Israel dramatisch. 70 n. Chr. zerstörte Titus den Tempel, einige Jahrzehnte später vertrieb Hadrian praktisch alle Juden aus Jerusalem und Israel. Im Jahr 136 n. Chr. wurde Marcus der erste nichtjüdische Bischof Jerusalems. Der spirituelle Schwerpunkt verlagerte sich allmählich Richtung Rom und Konstantinopel.

NICÄA UND DIE JUDEN

Zum endgültigen Bruch kam es 325 n. Chr. in Nicäa (heute Iznik, Nordwest-Türkei), einem Ort, von dem nur noch Ruinen zu finden sind. Das Konzil von Nicäa war das bedeutendste der Kirchengeschichte. Es kam zustande, als die Christen erstmals keine verfolgte Minderheit mehr waren. Konstantin berief das Konzil ein, um die Kirche als konsolidierende Kraft in seinem Reich zu nutzen. Er bereitete dem Christentum den Weg, das im Jahre 380 von Theodosius I. zur offiziellen Staatsreligion erklärt wurde. In Nicäa beschäftigte man sich vor allem mit dem gleichzeitig göttlichen und menschlichen Wesen Jesu. Diese „Jesus-Frage“ wurde in der Kirche sehr kontrovers diskutiert. Nach langen und hitzigen Debatten wurde schließlich ein Konsens erzielt. Für die meisten Teilnehmer waren Fragen, die sich auf „jüdische“ Themen bezogen, dabei zweitrangig.

In Nicäa und den folgenden Konzilen und Synoden begann die Trennung der „Heiden“-Kirche von ihrer jüdischen Herkunft. Diese Verschiebung ereignete sich in drei Hauptbereichen: Erstens durch Änderung des Kalenders und der religiösen Feiertage, zweitens durch eine veränderte Einstellung der Kirche gegenüber Juden und drittens durch strenge Vorschriften gegen einen Umgang von Christen mit Juden.

ÄNDERUNG DER FEIERTAGE

Bis zum Konzil von Nicäa waren die Kirchen uneins, wie Ostern (Passah) zu feiern sei. Die Kirchen in Rom und anderen westlichen Regionen hatten beschlossen, die Osterfeier an den biblischen Bericht zu knüpfen, dass Jesus am ersten Tag der Woche auferstanden war und sich am Julianischen statt am hebräischen Kalender zu orientieren. Jeder Bezug zum biblischen Passah-Fest wurde ignoriert. Die Kirchen im Osten verbanden die Passionswoche weiterhin mit dem Passahfest. Damit lagen sie eher auf einer Linie mit dem Alten Testament und den von Jesus und seinen Jüngern vorgelebten Traditionen.

In Nicäa verlangte Konstantin nun einen einheitlichen christlichen Kalender für sein Reich. In einem Synodalbrief an alle Kirchen hieß es: „Wir haben gute Nachrichten für euch! … Von jetzt an feiern wir Ostern nicht länger nach der Tradition der Juden!“ Kaiser Konstantin selbst schrieb an die Kirchen im Osten: „Es wurde festgestellt, dass es besonders unwürdig ist, am heiligsten aller Feste (Ostern) dem Brauch der Juden zu folgen, die ihre Hände mit dem größten aller Verbrechen beschmutzt haben und deren Geist verblendet ist.“

Bekannt für seine Feindseligkeit gegen die Juden fuhr Konstantin fort: „Wir sollten uns von der abscheulichen Gesellschaft der Juden trennen, denn es ist wahrlich beschämend für uns, sie damit prahlen zu hören, dass wir ohne ihre Anleitung dieses Fest nicht feiern könnten. Außerdem ist es unsere Pflicht, nichts gemein zu haben mit den Mördern unseres Herrn.“ Er folgerte, da die Juden für den Tod Jesu verantwortlich seien, müssten auch ihre Traditionen falsch sein. Zudem folgten die meisten Christen zu diesem Zeitpunkt dem jüdischen Kalender ohnehin nicht mehr. Die Entscheidung entsprach einem demokratischen Konsens, der keine theologische Basis hatte.

JESUS UND DAS PASSAHFEST

Konstantins radikales Vorgehen missachtete die zahlreichen Parallelen der letzten Tage Jesu und des biblischen Passahfests. Jesus gebot seinen Jüngern, das Passahmahl vorzubereiten (Lukas 22,7-8) und erklärte: „Mich hat herzlich verlangt, dies Passah-Lamm mit euch zu essen, ehe ich leide“ (Lukas 22,15). Er feierte das Passahfest in vielen Details so, wie es Juden bis heute tun: Nach dem Mahl nahm er den Becher und segnete ihn (1. Korinther 11,25). Bis heute betrachten Juden diesen dritten Becher als den „Becher der messianischen Erlösung“. Nach dem „Hallel“, der traditionellen Lesung der Psalmen 115 bis 118, ging er zum Ölberg (Matthäus 26,30). Paulus erklärt außerdem, dass Jesus unser Passah-Lamm ist (1. Korinther 5,7).

SONNTAG ERSETZT SCHABBAT

Mit derselben Ignoranz wurde der Sonntag als neuer wöchentlicher Feiertag eingeführt. Bis dahin war der Sonntag ein gewöhnlicher Arbeitstag, an dem lediglich einige Christen morgens beteten und Bibel lasen – in Erinnerung an Jesus Auferstehung am ersten Tag der Woche. Konstantins Ziel war es, die Christen vollständig von allen jüdischen Gewohnheiten zu trennen. Um Christen davon abzuhalten, den Schabbat zu halten, erklärte er den Sonntag zum neuen heiligen Tag. Viele Christen wehrten sich dagegen. Doch das nachfolgende Konzil von Laodicea zementierte die Entscheidung. Christen, die weiterhin den jüdischen Schabbat hielten, wurden exkommuniziert.

DER EINSTELLUNGSWANDEL

Paulus hatte eine große Liebe zu seinem Volk. Wenn möglich hätte er auf seine eigene Erlösung verzichtet, wenn dadurch einige seiner jüdischen Brüder gerettet worden wären (Römer 9,3). Aber den späteren Konzilen fehlte die leidenschaftliche Liebe zum jüdischen Volk komplett. Alles Jüdische war unwillkommen, einschließlich der Juden selbst. Ihnen wurde es so schwer wie möglich gemacht, sich der Kirche anzuschließen. Konvertierte Juden mussten sogar ihre jüdischen Namen ablegen. Dabei wurde vollständig ignoriert, dass alle Apostel jüdische Namen hatten und Maria Jesus den Namen „Jeschua“, das hebräische Wort für „Retter“, gegeben hatte. Jesus Mutter hieß nicht wirklich „Maria“, sondern trug den jüdischen Namen „Mirijam“.

Für die Apostel im Neuen Testament bestand die Welt aus „dem Haus Israel“ und den Heiden. Nur durch die Gnade Gottes konnten Heiden in den Ölbaum Israels, des Bundesvolkes Gottes, eingepfropft werden. Paulus betrachtete seine jüdische Abstammung als Vorrecht (Römer 3,1; Galater 2,15), auch wenn sie ihn nicht retten würde. Doch Nicäa kehrte diese biblische Sicht um. Aus den „Geliebten um der Väter willen“ (Römer 11,28) wurden „Christusmörder“. Den Juden wurde tiefer Hass entgegengebracht. Paulus sagt, dass die Heiden ohne Gott und ohne Hoffnung waren (Epheser 2,12). Das galt nun für das jüdische Volk – eine Doktrin, die der Lehre des Neuen Testaments völlig widersprach.

UMGANGSREGELN

Strenge Gesetze verboten Christen den Umgang mit Juden. Wenn Christen Synagogen besuchten, drohten ihnen Amtsenthebung und harte Sanktionen. Die Teilnahme an jüdischen Festen war streng verboten, ebenso der Verzehr von ungesäuertem Brot während des Passahfests. Wer dies tue oder den Schabbat halte, verspotte Christus, erklärten die Bischöfe.

NICÄAS EINFLUSS AUF DIE KIRCHENGESCHICHTE

All diese neuen Einstellungen schufen nicht nur eine Spaltung zwischen der Kirche und den Juden, sondern brachten die Kirche auch auf einen Weg, der schließlich zum Gräuel der Kreuzzüge führte und die Ermordung von Juden als gottgefällige Tat darstellte. So wurde auch der Weg zur Inquisition und letztlich zum Holocaust bereitet. Hitler konnte sich auf den deutschen Reformator Luther berufen, um seinen Hass auf Juden zu rechtfertigen.

Während die jüdische Kirche im „ersten Konzil“ in Apostelgeschichte 15 weit über ihre Traditionen und Gefühle hinausging, um Heidenchristen willkommen zu heißen, verstieß die Heiden-Kirche die Juden in Nicäa schamlos aus dem Kirchenleben und schürte einen über Generationen andauernden Hass auf sie. Nur wenige christliche Bewegungen wie die Waldenser Erweckungsprediger in Italien und die Puritaner in England wagten es, diese judenfeindliche Einstellung anzufechten.

MODERNES WUNDER

Mit der Wiedergeburt des Staates Israel und der Entstehung einer neuen, evangelikalen Strömung im Christentum, sind wir nun seit der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts Zeugen eines tief greifenden Wandels in den Beziehungen zwischen der Kirche und Israels. Während die traditionellen Kirchen immer noch mit ihren antisemitischen Einstellungen kämpfen, hat sich durch die wachsende evangelikale Bewegung viel geändert. Die Spaltung zwischen Juden und Christen scheint schneller zu heilen, als viele erwartet haben. Angesichts der blutigen und leidvollen Geschichte gleicht es einem Wunder, dass Israels Premierminister evangelikale Christen als „Israels beste Freunde“ bezeichnet. Viele jüdische Organisationen haben ihre Türen heute für christliche Freundeskreise geöffnet – sogar die Holocaustgedenkstätte Yad Vashem.

HEILENDE BEZIEHUNGEN

Viele Christen nehmen heute ganz selbstverständlich an Passahfeiern teil und besuchen die örtliche Synagoge. Christen aus aller Welt unterstützen zahlreiche Projekte in Israel und in jüdischen Gemeinden ihrer eigenen Länder. Besonders erstaunlich: chinesische Christen nehmen jüdische, biblische Namen an – das Gegenteil von dem, was in Nicäa geschah. Jedes Jahr besuchen tausende Christen messianische Glaubensgeschwister in Israel, um von ihnen mehr über ihre biblischen Traditionen zu erfahren. Für Israel und die Kirche ist eine neue prophetische Zeit angebrochen. Die ICEJ hat das Vorrecht und ist gesegnet, zur Heilung der historischen Spaltung zwischen Judentum und Christentum beizutragen und den Weg für eine Aussöhnung in diesen letzten Tagen zu ebnen. Wir leben in spannenden Zeiten!