Wie bleiben wir Menschen mit Mission?

10 Zukunftsfragen an die Evangelikalen auf Basis des Buchs „Menschen mit Mission“ von Prof. Thorsten Dietz

Mit dem Buch „Menschen mit Mission“ hat Prof. Thorsten Dietz die bisher umfangreichste und differenzierteste Darstellung zur evangelikalen Bewegung in Deutschland vorgelegt. Welches Bild wird hier gezeichnet? Welche Konsequenzen folgen daraus für die Zukunft der Evangelikalen? Soviel ist sicher: Dieses Buch will wichtige Diskussionen anstoßen. Reden wir darüber!

Es soll Leute geben, die die Lektüre eines Buchs mit dem Ende beginnen. Das Ende von „Menschen mit Mission“ war für mich besonders spannend. Nach mehr als 450 Seiten steuert Thorsten Dietz auf der letzten Doppelseite auf diese finale Diagnose zu:

„Auch die evangelikale Bewegung in Deutschland hat ihre Krise. Dabei geht es längst nicht mehr in erster Linie darum, welche Beurteilung gleichgeschlechtliche Liebe findet und welch biblische Hermeneutik vertreten wird oder werden soll – sondern wie sie mit der Pluralität in ihren eigenen Kreisen umgeht: so, wie vom früheren Vorsitzenden der Deutschen Evangelischen Allianz Michael Diener vorgeschlagen, dass die Evangelikalen, Pietisten etc. unterschiedliche moralische Überzeugungen aushalten und ihren gemeinsamen missionarischen Auftrag ins Zentrum stellen? Oder so, wie vor allem vom Netzwerk Bibel und Bekenntnis angestrebt, dass man sich verbindlich auf eindeutige Bekenntnisse einigt und entsprechend auf allen Ebenen durchsetzt, was in der jeweiligen Gemeinde, Kirche oder Allianz vertreten werden darf? Diese Grundfrage ist weiterhin ungelöst.“ (S. 458)

Thorsten Dietz ist bei weitem nicht der Einzige, der von einer Krise unter den Evangelikalen in Deutschland redet. Auch Ulrich Eggers schrieb jüngst in der Zeitschrift AUFATMEN: „Wir alle merken: Gemeinsam – das fällt in diesen Zeiten, in denen sich viele gewachsene Traditionen auflösen, selbst Einheits- oder Allianz-gewillten Christen zunehmend schwer! … Zunehmend zieht Misstrauen und Entfremdung ein, bedroht Einheit – und damit auch die gemeinsame Arbeitsplattform für missionarische Bewegung.“

Wenn es stimmt, dass der Umgang mit wachsender Pluralität tatsächlich DIE Herausforderung für die heutigen Evangelikalen ist, dann ist die zentrale Frage, der wir uns gemeinsam stellen müssen: Wie können wir die Einheit und die missionarische Dynamik der vielfältigen evangelikalen Jesusbewegung bewahren? Wie bleiben wir Menschen mit Mission?

Im Blick auf das Buch von Thorsten Dietz wäre dann zu fragen: Ist die Alternative, die Thorsten Dietz hier aufmacht, in dieser Form zutreffend beschrieben? Wir werden auf diese wichtige Frage am Ende dieser Artikelserie zurückkommen.

Die Evangelikalen: Eine einzigartige Erfolgsgeschichte

Thorsten Dietz macht in seinem Buch immer wieder deutlich: Es steht enorm viel auf dem Spiel! Immerhin handelt es sich bei den Evangelikalen heute um die weltweit zweitgrößte christliche Strömung nach dem Katholizismus (S. 92). Unbestreitbar blickt der Evangelikalismus auf eine beispiellose Wachstumsgeschichte zurück. In den USA waren um 1970 die sogenannten Mainline Churches, die historisch-protestantischen Kirchen in den USA (Anglikaner, Lutheraner, Reformierte etc.), doppelt so stark wie die Evangelikalen. Bis etwa 2005 hatten sich die Verhältnisse umgekehrt. (S. 37).

Der Erfolg der Evangelikalen zeigt sich auch im praktischen Gemeindeleben: Auf der Ebene der Gottesdienstbesuche oder gar der Gemeindegründung sind sie viel stärker als die liberalen Kirchen. (S. 339) Evangelikale besuchen häufiger den Gottesdienst, engagieren sich stärker ehrenamtlich und verbringen mehr Zeit in der Gemeinde. Dieses aktivere und lebendigere Gemeindeleben macht es auch für andere attraktiv, nicht zuletzt für die eigenen Kinder und Jugendlichen. Vergleichbare Befunde zeigen sich weltweit. (S. 425)

10 Zukunftsfragen an die Evangelikalen

Vor dem Hintergrund dieser erstaunlichen Erfolgsgeschichte führt das Buch von Thorsten Dietz zu einigen zentralen Zukunftsfragen für die evangelikale Bewegung:

  1. Was verbindet die Evangelikalen?
  2. Was ist das Erfolgsgeheimnis der Evangelikalen?
  3. Haben die Evangelikalen ein Fundamentalismusproblem?
  4. Machen sich die Evangelikalen durch ihren Umgang mit der Wissenschaft unglaubwürdig?
  5. Was bedeutet das Phänomen der „Postevangelikalen“ für die evangelikale Bewegung?
  6. Ziehen sich die Evangelikalen zunehmend von der Gesellschaft zurück?
  7. Haben die Evangelikalen ein Problem mit „Rechts“(-populismus)?
  8. Fremdeln die Evangelikalen mit ihrem sozialen Auftrag?
  9. Stehen „Bekenntnis-Evangelikale“ für eine Profilierung durch Abgrenzung?
  10. Wie kann angesichts wachsender Pluralität heute noch Einheit in Vielfalt gelingen?

Die folgenden 10 Artikel greifen zu jeder dieser Fragen einige zentrale Thesen von Thorsten Dietz heraus und stellen dazu die drei folgenden Fragen:

  • Was können wir von Thorsten Dietz lernen?
  • Gibt es Anfragen oder Gegenperspektiven zu den Thesen von Thorsten Dietz?
  • Worüber sollten wir uns dringend gemeinsam klar werden?

Im finalen Artikel wage ich ein persönliches Fazit. Und ich möchte mich persönlich verorten auf der Landkarte, die Thorsten Dietz in seinem Buch zeichnet. Ich hoffe, ich konnte Dein Interesse wecken? Wenn ja, dann legen wir los mit

Frage 1: Was verbindet die Evangelikalen?

Zitate aus dem Buch sind in Farbe herausgehoben.

Das Buch “Menschen mit Mission” von Prof. Thorsten Dietz ist hier erhältlich.

Michael Diener („Raus aus der Sackgasse!“) und Markus Till („Zeit des Umbruchs“) – eine Gegenüberstellung

Von Pfarrer Christian Schwark

A) Wo sich Diener und Till einig sind

1. Beide betonen, dass es wichtig ist, einander zu begegnen und miteinander ins Gespräch zu kommen (Diener, S.64: „Hoffnung, dass das Brückenbauen gelingt“; Till, S.183: „Gut geführter Dialog kann uns helfen, Schritt für Schritt in eine Reife und Ausgewogenheit zu finden,…“).

2. Beide betonen, dass es bei unterschiedlichen Meinungen um die Lehre geht, nicht um den Glauben des anderen
– Diener, S.80: „Und wenn jemand anderes, dessen Lehrmeinung ich nicht teile, dennoch in Verbindung mit Gottes Geist steht, dann sollte mich das von einer klaren Auseinandersetzung in Lehrfragen nicht abhalten, aber ohne, dass ich deswegen über den geistlichen Stand meines Gegenübers ein Urteil abgebe.
– Till, S.162: „Wir dürfen und müssen uns mit anderen Meinungen und Positionen auseinandersetzen. Aber wir dürfen uns niemals an Gottes Stelle setzen und uns zum Richter über andere Menschen machen.

3. Beide betonen, dass es auf beiden Seiten persönliche Verletzungen gab, die manche Schärfe erklären und die lähmend wirken
– Diener, S.21-22: Biographische Beschreibung von gegenseitigen Verletzungen
– Till, S.41-57: Konkrete Punkte, bei denen es gegenseitige Verletzungen gab

4. Beide betonen, dass die entscheidende Frage in der Diskussion das Bibelverständnis ist
– Diener, S.64: „Wir beginnen mit der Hermeneutik, dem Verständnis der Bibel, weil sich daran zu Recht ganz viel entscheidet.
– Till, S.135-136: „Ist der Bibeltext eine fehlerfreie göttliche Offenbarung? … Es entspricht auch meiner Beobachtung, dass wir hier tatsächlich im Kern der Auseinandersetzung angelangt sind.

5. Beide betonen, dass die biblische Wissenschaft hilfreich und notwendig für die Bibelauslegung ist
– Diener, S.70: „…mithelfen, dass zu dem kindlich-vertrauensvollen Lesen der Bibel, das ich nie verloren habe, auch eine wissenschaftlich-reflektierte Hermeneutik tritt.
– Till, S.109: „Ohne Zweifel sind bibelwissenschaftliche Methoden wichtig für eine solide und verantwortliche Bibelauslegung.”

6. Beide betonen, dass es Vielfalt gibt, diese aber nicht zu Beliebigkeit werden darf
– Diener, S.112: „…Den evangelischen Landeskirchen … muss es ein Anliegen bleiben, das gemeinsam Identitätsstiftende so in den Mittelpunkt zu stellen, dass Unterschiede in einzelnen Sachfragen ausgehalten werden können.
– Till, S.195: „Vielfalt ohne rote Linien kann man sich schönreden.

7. Beide betonen, dass es Positionen gibt, die sich nicht mehr miteinander vereinbaren lassen
– Diener, S.53: „…gibt es leider einen (bekenntniskonservativen) Flügel in der pietistischen und evangelikalen Welt, der nicht mehr ‚einheitsfähig‘ ist“; S.31: „Wer Olaf Latzel zum ‚evangelikalen Märtyrer‘ stilisieren will,…untergräbt unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung
– Till, S.171: „Natürlich sollen wir Einheit anstreben, wo immer das möglich ist. Aber wo das nicht geht, sollten wir das auch nicht übertünchen…Viel besser ist eine geklärte, möglichst versöhnte Verschiedenheit, in der wir einander die Freiheit zugestehen, unterschiedliche Wege zu gehen“; S. 154: „wenn sich die Bibelverständnisse der leitenden Mitarbeiter grundlegend voneinander unterscheiden, dann werden aus Spannungen leicht lähmende Dauerkonflikte.

B) Wo sich Diener und Till unterscheiden

1. Aussagen zum Bibelverständnis

a) Während Diener die Bibel auch historisch-kritisch liest und damit Bibelkritik im Sinne einer Sachkritik zulässt, lehnt Till Sachkritik an der Bibel ab – entsprechend der Diskussion zwischen Stuhlmacher und Maier:
– Diener folgt Stuhlmacher, so S.70: „Stuhlmachers Grundpositionierung einer ‚Hermeneutik des Einverständnisses’ halte ich bis heute für hilfreich“, vgl. Stuhlmacher, Vom Verstehen des Neuen Testaments“, S.239-240: „…sollte eigentlich deutlich sein, dass der Grundsatz, das biblische Offenbarungswort könne und dürfe nicht Gegenstand von (historischer und dogmatischer) Kritik sein, unhaltbar ist
– Till folgt Maier, so S.145: „Gerhard Maier erteilt entsprechend auch gemäßigten Versuchen einer sachkritischen Herangehensweise an die Bibel eine Absage“, vgl. Maier, Das Ende der historisch-kritischen Methode, S.104: „Der Offenbarung entspricht nicht Kritik, sondern Gehorsam
– Sowohl Stuhlmacher als auch Maier beziehen sich an den zitierten Stellen auf den jeweils anderen.

b) Während Diener bei der Auslegung der Bibel neben den biblischen Aussagen selbst auch andere Faktoren als bestimmend ansieht, betont Till die Autorität der Bibel als Wort Gottes
– Diener, S.76: „SO vollzieht sich evangelische Schriftauslegung – im geistlichen Miteinander von Bibel, Christus und Gegenwart“; vgl. S.21: „Außenwirkung in der heutigen Zeit und Gesellschaft“ als Kriterium; vgl. auch „Ethik zum Selberdenken“ von Dietz/Faix, der sich Diener „vollumfänglich“ anschließt (S. 175-176): Dietz/Faix, Transformative Ethik – Wege zum Leben, S. 308: „Denn wie es einschneidende geschichtliche Erfahrungen waren, die zu dieser Zuspitzung führten [gemeint ist die Anerkennung der Menschenrechte, Anm. CS], so ist damit zu rechnen, dass neue Erfahrungen ihrerseits eine Weiterentwicklung der Ethik nötig machen werden.
– Till, S.147 (zu Luther): „die Bibel…eine Autoritätsinstanz…, der weder Vernunft, Weltwissen, Erfahrung, Auslegungs- und Wirkungsgeschichte, Bekenntnisse, kirchliches Lehramt oder Wissenschaft gleichgestellt werden darf“; vgl. auch Gerhard Maier, Biblische Hermeneutik, S.331, aus der Till zitiert (S.145): „Indem sie [gemeint ist die gemäßigte Kritik, Anm. CS] die Schrift und Offenbarung voneinander trennt und nur bestimmte Aussagedimensionen als Gottes Wort anerkennt, fördert sie den Hang zur Erfahrungstheologie.
– Ein praktisches Beispiel: Während Diener bei der Ablehnung der Sklaverei die „kulturelle Sensibilität“ erwähnt (S.75), verweist Till auf „gute biblische Gründe für die Ablehnung der Sklaverei“ (S. 152).

2. Aussagen zu konkreten Themen

a) Gottesbild: Während Diener allein die Liebe Gottes in den Vordergrund stellt, betont Till neben der Liebe Gottes auch den Zorn Gottes
– Diener, S.142: „Ich streiche das biblische ‚Reden von einer Hölle‘ nicht einfach aus meiner Bibel, aber ich ordne diese Aussagen in den größeren Zusammenhang dieses Heilswillen Gottes ein“; S.141: Frage, „ob es philosophisch betrachtet Sinn macht, zeitliche Sünden, und seien sie noch so schwer, mit ewigen Strafen zu bedenken“, auch im Blick auf Hitler und Stalin;
– Till, S.133 (mit Verweis auf John Stott): „…dass die weitverbreitete Seichtigkeit der westlichen Kirche die direkte Folge einer Theologie ist, die Gottes Zorn ignoriert.
– Dazu passt, dass bei Till das Kreuz eine wesentlich größere Bedeutung hat als bei Diener (Bei Diener wird das Kreuz kaum erwähnt, bei Till ist die Gnade Gottes „ohne die Demütigung des Kreuzes nicht zu haben“, das Kreuz ist darum „unser ganzes Christenleben lang von täglicher Bedeutung.“ (vgl. S.215)

b) Einordnung anderer Religionen: Während Diener neben der Hochschätzung von Jesus im Anschluss an das Zweite vatikanische Konzil auch das „Wahre und Heilige“ in anderen Religionen anerkennt (S.150) und betont, dass auch Andersgläubige gute Gründe für ihren Glauben haben und keiner „verbindlich…sagen kann, was nun richtig und falsch ist“ (S.153), erwähnt Till die „Wahrheitsansprüche des Christentums“ (S.220).

c) Welt- und Menschenbild: Während Diener „Zeit“, „Geschichte“, „Kultur“ u.a. als „Gaben Gottes“ (S. 73) und damit den Menschen eher positiv sieht (vgl. auch S.216: Ablehnung einer „Distanzierung von einer aufgeklärten, autonomen und komplexer werdenden Welt in Verbindung mit einer eher pessimistischen Weltdeutung“), betont Till eher die Sündhaftigkeit und die Erlösungsbedürftigkeit des Menschen (vgl. S.110: „Der Mensch braucht … nicht nur Erlösung von bösen Umständen, sondern primär auch Erlösung vom ‚Gesetz der Sünde‘“).

d) Einschätzung der Situation in der Evangelischen Kirche: Während Diener die Ev. Kirche theologisch insgesamt auf einem guten Weg sieht, betont Till die Kritik
– Diener, S.106: „…ist die evangelische Volkskirche heute plural und nicht pluralistisch, da sie sehr wohl über einen Kriterienrahmen verfügt“; vgl. auch positive Beurteilung der Beratung nach § 218 auf S.182: „ethische Verantwortlichkeit des evangelischen Beratungsweges
– Till, S.208: „Orientierungslosigkeit der Kirche“; vgl. S.217: „Lauheit einer Christenheit, die selbstgerecht glaubt, auf das Thema Kreuz, Sünde, Buße und Umkehr verzichten zu können.

e) Sexualität

– Homosexualität: Während bei Diener allgemein formuliert und nach seiner Auffassung „Liebe, Freiheit und Gerechtigkeit leitende Prinzipien für eine christlich-ethische Entscheidung in der heutigen Zeit sein sollen“, auch für den Umgang mit schwulen und lesbischen Menschen (S.192), hebt Till die Bedeutung der konkreten biblischen Aussagen hervor: „Wenn wir angesichts des klaren biblischen Befunds dem Wort Gottes beim Thema Homosexualität nicht folgen, dann gibt es keine Klarheit der Schrift mehr“ (S.152).
– Diener richtet sich vehement dagegen, dass diese Frage eine Bekenntnisfrage ist („unerträglich“) und will „gleichgeschlechtlichen Paaren den Segen Gottes nicht verweigern” (S.193; vgl. auch S.195: Frage, wie sich „liebevoller und diskriminierungsfreier Umgang“ damit vereinbaren lässt, dass „nur enthaltsam lebende homosexuelle Menschen einen Platz als Mitarbeitende in einer Gemeinde finden“).
– Till betont, dass es wichtig ist, „einen respektvollen und liebevollen seelsorgerlichen Umgang mit den Betroffenen zu finden“ (S.153), schreibt aber auch: „Die Befürwortung ausgelebter Homosexualität lässt sich mit den biblischen Aussagen zur Sexualethik nicht vereinbaren.“ (S.152)

– Vorehelicher Geschlechtsverkehr: Bei Diener findet sich eine eindeutige Befürwortung, bei Till wird angedeutet, dass er hier Probleme sieht.
– Diener, S.201: „Aufgrund der veränderten und kulturellen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen meine ich nicht, dass eine derart verantwortlich gelebte Sexualität ihrem Rahmen nur in einer Ehe finden kann
– Till, S.154: Hinweis auf Gräben bei der Sexualethik in der Jugendarbeit, „zum Beispiel die wichtige Frage: Gehört Geschlechtsverkehr ausschließlich in die Ehe?“, in den Anmerkungen wird auf einen Aufsatz des Neutestamentlers Armin Baum hingewiesen, der eine kritische Haltung zum Geschlechtsverkehr vor der Ehe einnimmt (S.252, Anm. 160).

C) Welche unterschiedlichen Tendenzen es bei Diener und Till in Bezug auf die Einheit gibt

Während es bei Till eine Tendenz zur Einheit durch Konsens gibt (vgl. Einheit durch Jesus und dadurch, dass wir „an der Wahrheit festhalten“, nicht dadurch, dass „alle Beteiligten – und gemeint sind dabei meist die Konservativen – einfach gelassener, weitherziger, toleranter und gnädiger wären“, vgl. S.226-228), findet sich bei Diener eine Tendenz zur Einheit durch Toleranz (vgl. S.20: Kriterium: „pluralitätsfähig“, S. 37: Vorwurf der „Pluralitätsverweigerung“; vgl. S.98: „die zwischen Christ*innen erkennbaren Unterschiede nicht mehr als Bedrohung, sondern als Bereicherung verstehen“).

Schöpfung oder Evolution – ein klarer Fall?

Der Inhalt dieses Artikels kann auch als Podcast gehört werden in Folge 12 des AiGG-Podcasts Bibel-live: bibel-live.aigg.de/12-schoepfung-oder-evolution-ein-klarer-fall

Ein denk- und wissenschaftsfeindliches Christentum schießt sich selbst ins Abseits, weil es von denkenden Menschen schlicht nicht ernst genommen werden kann. Christen sollten deshalb endlich aufhören, gegen die erwiesene Tatsache der Evolution anzukämpfen – zumal sie doch dem christlichen Glauben in keiner Weise schadet.

Solche Aussagen höre ich inzwischen auch im evangelikalen Umfeld immer häufiger. Im Jahr 2021 ist ein Buch erschienen, das dieses Narrativ einem gründlichen Faktencheck unterzieht und sich der Frage stellt: Ist Evolution denn wirklich „ein klarer Fall“, wie es so oft behauptet wird? Ist man ein Feind der Wissenschaft und des redlichen Denkens, wenn man die Evolutionstheorie in Frage stellt?

Geschrieben wurde das Buch von Dr. Reinhard Junker von der Studiengemeinschaft Wort und Wissen. Ich habe Reinhard Junker erstmals als Teenager auf einem Schülerwochenende kennen gelernt. Was mich schon damals beeindruckt hat war seine Nüchternheit, Sachlichkeit und Ehrlichkeit. Natürlich hatte Reinhard Junker eine klare Überzeugung. Für ihn hat immer gegolten, was das Logo von Wort und Wissen zum Ausdruck bringt: Wort UND Wissen ist wichtig. Aber am Ende steht das Wort über dem Wissen. Die Aussagen der Bibel haben das letzte Wort.

Zugleich ist Reinhard Junker für mich ein geradezu mustergültiger Wissenschaftler. Ein favorisiertes Modell zu haben ist ja vollkommen normal in der Wissenschaft. Die Kunst eines seriösen Wissenschaftlers ist es, trotzdem ehrlich mit den Fakten umzugehen, sie nicht zu verbiegen, sondern sich offen und ehrlich auch den Fakten zu stellen, die dem eigenen Ansatz widersprechen. Genau das tut Reinhard Junker auch in seinem Buch.

Zwei Modelle zur Entstehung der Lebewesen

Junker stellt zunächst zwei mögliche Modelle zur Entstehung der Lebewesen vor:

  • Das Evolutionsmodell geht davon aus, dass es eine ununterbrochene Abstammungslinie gibt von der ersten Zelle bis hin zu uns Menschen.
  • Das Schöpfungsmodell nimmt hingegen an, dass am Anfang ein Schöpfer stand, der verschiedene „Grundtypen“ erschaffen hat. Diese Grundtypen hatten von Beginn an das Potenzial, sich durch „Mikroevolution“ an die Umwelt anzupassen und im Zuge dieser Anpassungsprozesse auch neue Arten zu bilden. Jedoch können solche Anpassungsprozesse niemals völlig neue Baupläne oder innovative biologische Konstruktionen hervorbringen. Es gibt in diesem Modell also keine sogenannte „Makroevolution“, die zu ganz neuen Tier- und Pflanzenfamilien führen würde.

Spurensuche statt Beobachtung und Experiment

Die Frage, welches Modell zutrifft, ist schon deshalb nicht so leicht zu beantworten, weil wir mangels Zeitmaschine nicht beobachten können, welcher Prozess tatsächlich zur heutigen Tier- und Pflanzenvielfalt geführt hat. Wir können diesen Prozess auch kaum experimentell nachstellen. Die Untersuchungsmethode der exakten Naturwissenschaft (Beobachtung und Experiment) steht bei der Ursprungsfrage also nicht direkt zur Verfügung. Somit können auch keine Beweise im naturwissenschaftlichen Sinn geführt werden.

Aber was wir tun können ist etwas Ähnliches wie das, was ein Kommissar bei einem Mordfall tut: Wir können die Spuren analysieren, die dieser Prozess hinterlassen hat. Aus der Deutung der Spuren können wir dann eine Theorie dazu entwickeln, was wohl tatsächlich passiert ist.

Aus der Kriminalistik weiß man jedoch: Spuren sprechen nicht immer eine klare Sprache. Sie können oft sehr unterschiedlich gedeutet werden und uns manchmal regelrecht auf die falsche Fährte führen. Viele Menschen sind aufgrund falscher Spurendeutungen schon zu Unrecht im Gefängnis gelandet. Und nicht selten ist es vorgekommen, dass nach vielen Jahren neue Spuren aufgetaucht sind, die die bisher bekannten Spuren in ein völlig anderes Licht getaucht haben.

Könnte es vielleicht sein, dass bei der Frage nach der Entstehung der Lebewesen etwas Ähnliches passiert? Reinhard Junker schreibt dazu in seinem Vorwort: „Ausgerechnet Evolutionsbiologen haben – ohne es zu wollen – in den letzten Jahrzehnten zunehmend Eigenschaften an den Lebewesen entdeckt, die Evolution stark in Frage stellen, aber problemlos zu Schöpfung passen. Es gibt daher aufgrund neuerer naturwissenschaftlicher Daten guten Grund, den Fall Schöpfung und Evolution neu aufzurollen!“ (S. 7)

Den Fall neu aufrollen – genau das hat Reinhard Junker in seinem Buch getan. Er hat die unterschiedlichen Spuren noch einmal gründlich analysiert und gefragt: Wie beweiskräftig sind diese Spuren eigentlich? Zu welchem Modell passen sie am besten? Wurden manche Spuren vielleicht voreilig überinterpretiert? Und gibt es vielleicht neue Spuren, die wir bisher vernachlässigt oder übersehen haben?

Gibt es „Schöpfungsindizien“ in der Natur?

Gleich zu Beginn beschreibt Junker einige sogenannte „Schöpfungsindizien“. Damit sind Merkmale in der Natur gemeint, die darauf hindeuten, dass hier ein kreativer Geist, ein Schöpfer tätig gewesen sein muss. Dazu gehört zum Beispiel das Phänomen der nicht reduzierbaren Komplexität. Damit sind biologische Systeme gemeint, die nur dann funktionieren, wenn sämtliche Teile des Systems vorhanden sind und funktional ineinandergreifen. Die Entstehung derartiger maschinenartiger Systeme ist nach allen bisherigen Beobachtungen nur durch ein zielgerichtetes Design erklärbar: „Ein Konstrukteur kann entsprechend planen und handeln, aber Zufallsmutationen und Auslese sind damit hoffnungslos überfordert.“ (S. 55) An diesem Befund können bislang auch Vorschläge zu einzelnen denkbaren Zwischenschritten nichts ändern.

Sind „Ähnlichkeiten“ ein Beweis für Evolution?

Die Tatsache, dass es in der Tier- und Pflanzenwelt ein abgestuftes System von Ähnlichkeiten gibt, ist nur scheinbar ein Beweis für die Evolutionstheorie. Ähnlichkeiten sind ja auch dann zu erwarten, wenn ein Schöpfer verschiedene Dinge erschafft. Wenn Ingenieure oder Künstler unterschiedliche Werke hervorbringen, dann kommt es häufig vor, dass bestimmte Merkmale oder Bauteile immer wieder auftauchen. Ein kreativer Geist kann sich für seine Werke wie aus einem Baukasten bedienen und er ist frei, die Merkmale immer wieder anders zusammenzustellen.

Reinhard Junker berichtet: Genau dieses Baukastenprinzip finden wir tatsächlich auch in der Natur. Es gibt bestimmte Merkmale, die vollkommen unsystematisch in der Tier- und Pflanzenwelt verteilt sind. Dieser Befund ist im Rahmen eines Evolutionsmodells problematisch, denn dort würde man erwarten, dass sich ein bestimmtes komplexeres Merkmal oder ein Organ in der Regel nur EINMAL im Rahmen der Evolution entwickelt und dass dann nur die Nachkommen dieser Art dieses innovative Merkmal besitzen. Wenn aber ein Merkmal völlig unsystematisch über die unterschiedlichsten Organismengruppen verteilt ist, dann muss man im Rahmen eines Evolutionsmodells annehmen, dass es sich in manchen Fällen mehrere hundert Male unabhängig entwickelt hat. Aber wie können ziellose Prozesse immer wieder zum gleichen Ziel führen?

Junker zeigt zudem: Die Stammbäume, die aufgrund der Verteilung von äußerlichen Ähnlichkeiten entwickelt wurden, passen oft überhaupt nicht zu den Stammbäumen, die sich aus dem Vergleich des Erbguts der verschiedenen Tier- und Pflanzenarten ergeben. Auch das ist ein Hinweis darauf, dass Ähnlichkeiten zwischen verschiedenen Tier- und Pflanzenarten kein Beweis für die Evolutionstheorie darstellen.

Sprechen „Konstruktionsfehler“ gegen einen Schöpfer?

Im Anschluss geht Reinhard Junker der Behauptung nach, dass es in der Tier- und Pflanzenwelt Konstruktionsfehler gäbe. Diese werden oft als Argument gegen einen Schöpfer benutzt, weil man (theologisch!) annimmt: Wenn es wirklich einen Schöpfer gäbe, dann hätte er die Pflanzen und Tiere doch sicher perfekt gemacht.

Reinhard Junker zeigt aber: Viele angebliche Konstruktionsfehler haben sich bei genauerem Hinsehen gar nicht als solche bestätigt. So ist zum Beispiel der Wurmfortsatz des Blinddarms weder überflüssig noch sinnlos. Oft wurde behauptet, die Netzhaut des menschlichen Auges sei falsch herum eingebaut. Neuere Forschungen haben jedoch gezeigt: Die Konstruktion des menschlichen Auges ist absolut perfekt gestaltet für eine optimale Sehschärfe und Lichtausbeute. Auch hat sich mittlerweile das Gerücht als falsch erwiesen, dass das menschliche Erbgut voller überflüssiger Sequenzen („Junk-DNA“) wäre. Da inzwischen für die meisten Sequenzen Funktionen gefunden wurden, kann von „evolutionärem Abfall“ keine Rede mehr sein.

Natürlich ist die Schöpfung nicht perfekt. Auch die Bibel spricht seit dem Sündenfall von einer „gefallenen Schöpfung“. Und natürlich kann es im Zuge der Mikroevolution auch Rückbildungen geben. Aber das ist natürlich kein Beweis für Evolution.

Durchläuft der Embryo noch einmal seine Stammesentwicklung?

Völlig zerschlagen hat sich die langjährige Behauptung, dass der menschliche Embryo noch einmal seine Stammesentwicklung durchlaufen würde. Ich kann mich noch erinnern, dass es diese populäre These auch in mein Biologie-Schulbuch geschafft hatte. Da wurde behauptet, dass menschliche Embryonen zwischenzeitlich Ansätze von Kiemen, Schwimmhäuten, Schwänzen oder ein Fell entwickeln würden. Nichts davon ist bei genauerer Betrachtung übriggeblieben. Mit irgendwelchen Überresten von tierischen Vorfahren haben die Eigenschaften von menschlichen Embryonen rein gar nichts zu tun.

Beweisen die Fossilien eine allgemeine Evolution?

Etwas anders ist die Situation bei den Fossilien, also bei den versteinerten Überresten früherer Lebewesen. Tatsache ist, dass bestimmte Fossilienformen zumeist nur in bestimmten Erdschichten zu finden sind. Je jünger diese Erdschichten sind, umso ähnlicher sind tendenziell die Fossilien den heutigen Tieren und Pflanzen. Das widerspricht natürlich klar dem biblisch motivierten Schöpfungsmodell, in dem man erwarten würde, dass alle Tier- und Pflanzenarten von Beginn an auch in den ältesten Erdschichten auftauchen. Das gilt umso mehr, da die gängigen radiometrischen Altersdatierungen der Gesteine deutlich für ein Alter der Erde sprechen, das um Dimensionen höher ist als die rund 10.000 Jahre, die man aus der Bibel ableiten kann.

Was allerdings überhaupt nicht zum Evolutionsmodell passt, ist das sprunghafte Auftreten neuer Baupläne im Fossilienbericht. Statt einer langsamen, schrittweisen Entwicklung, wie sie das Evolutionsmodell vorhersagt, findet man im Fossilbericht immer wieder große Entwicklungssprünge. Ein Beispiel dafür ist die berühmte „kambrische Explosion“: Zu Beginn des Kambriums treten plötzlich praktisch alle grundlegenden tierischen Körperbaupläne auf, und zwar ohne irgendwelche Vorläufer. Die Tiere sind ganz plötzlich einfach da, obwohl man zur Bildung der sehr komplexen Baupläne lange Entwicklungszeiträume mit zahlreichen Übergangsformen zwingend erwarten müsste. Diese Sprunghaftigkeit beobachten wir auch bei der angenommenen Entwicklung des Menschen aus affenartigen Vorfahren. Reinhard Junker macht deutlich: Die in jüngerer Zeit vorgetragenen Lösungsvorschläge zur Erklärung der Sprunghaftigkeit des Fossilberichts beheben das eigentliche Kernproblem, nämlich das plötzliche Auftreten neuer komplexer Information, in keiner Weise.

Überraschende Befunde zum Alter der Erde

Neben den bekannten Argumenten für eine sehr alte Erde finden sich in diesem Buch durchaus auch einige Befunde, die überhaupt nicht zum hohen Alter der Erde passen wollen. Reinhard Junker berichtet zum Beispiel von dem faszinierenden Phänomen, dass vor einigen Jahren aus Dinosaurierknochen noch dehnbares Dinosauriergewebe isoliert werden konnte. Das dürfte es eigentlich nicht mehr geben, wenn diese Knochen schon viele Millionen Jahre alt wären. Sehr überraschend ist auch, dass aus mehr als 200 Millionen Jahre alten Gesteinen einzellige Organismen wiederbelebt werden konnten. Zudem gibt es gut bezeugte Steinwerkzeuge aus Gesteinsschichten, in denen es noch gar keine Menschen gegeben haben dürfte. Betrachtungen zum Bevölkerungswachstum sprechen viel eher für eine junge statt für eine alte Menschheit. Wie aussagekräftig diese interessanten Befunde sind, wird sich allerdings erst noch erweisen müssen.

Das Wunder der Entstehung des Lebens

Besonders eindrücklich war für mich das Kapitel über die Frage nach dem Anfang des Lebens. Noch nie wussten wir so viel darüber, wie unfassbar komplex und hochfunktionell bereits die einfachst denkbaren einzelligen Lebewesen sind. Damit eine Zelle funktioniert, braucht es wenigstens 300 funktionell programmierte Gene. Dazu braucht es einen hochkomplexen Übersetzungsapparat, der biologische Information in biologisches Material umwandeln kann. Unverzichtbar für das Leben sind darüber hinaus eine Reihe von hochfunktionellen molekularen Maschinen. Es gibt bis heute keine Hinweise darauf, dass eine derartige Maschinerie ganz von selbst entstehen kann. Reinhard Junker verweist dabei auf einen Trend: Jede neue spektakuläre Entdeckung zur Funktionsweise lebender Zellen macht die Frage nach ihrer Entstehung noch brisanter. Noch nie waren wir so weit weg von einer naturalistischen Erklärung zur Entstehung des Lebens, wie wir es heute sind.

Schöpfung oder Evolution – keine Randfrage für Christen

Schließlich erläutert Reinhard Junker: Die Frage nach Schöpfung und Evolution ist für Christen keine Nebensächlichkeit. Es steht viel auf dem Spiel, weil die Frage nach unserer Herkunft großen Einfluss hat auf unser Weltbild, unser Gottesbild und unser Menschenbild.

Umso dankbarer bin ich, dass Reinhard Junker diesen Fall noch einmal neu aufgerollt hat. Er hat das auf eine fachlich sehr fundierte Art und Weise getan, nüchtern und differenziert, aber zugleich in einer Sprache, die auch Nichtbiologen und Laien gut verstehen können.

Dank dieses Buches kann nun jeder selbst einen differenzierten Blick auf die Fakten werfen und sich eine eigene Meinung bilden zu der Frage: Woher kommen wir? Wie ist die Pflanzen- und Tierwelt entstanden? Ist das Evolutionsmodell überzeugender? Oder passt das Schöpfungsmodell besser zu den Fakten?

Fest steht jedenfalls: Evolution ist ganz eindeutig KEIN klarer Fall! Es ist längst nicht ausgemacht, dass wir Menschen von einer Zelle aus einer „Ursuppe“ oder von affenartigen Wesen abstammen. Viele Spuren sprechen ganz im Gegenteil stark dafür, dass wir eben kein Produkt von ziellosen Auswahlprozessen sind, sondern dass wir ganz gezielt erschaffen wurden. Es hat deshalb überhaupt nichts mit Denk- oder Wissenschaftsfeindlichkeit zu tun, wenn Christen an der biblischen Schöpfungsgeschichte ganz bewusst festhalten.

Ich kann dieses großartige Buch von Dr. Reinhard Junker nur von Herzen jedem empfehlen und wünsche ihm größtmögliche Verbreitung. Bestellen kann man das Buch am besten direkt im Webshop von Wort und Wissen: https://www.wort-und-wissen.org/produkt/soe_klarer-fall/

Eine gute Möglichkeit, sich mit der Thematik vertraut zu machen, bietet zudem die in Produktion befindliche Videoserie zum Buch. Die ersten Folgen stehen bereits online: https://www.youtube.com/playlist?list=PLcczs-iQ_Ik5IsBmQ3rcBCH019uOhLhAK

Die zentrale Herausforderung der Christenheit: Der schwindende Konsens bei den Kernüberzeugungen

Der schweizer Blogger Matt Studer hat mich gebeten, einen Gastartikel zu schreiben zu der Frage: Was ist im Moment DIE zentrale Herausforderung der Christenheit? Meine Antwort: Der schwindende Konsens bei den Kernüberzeugungen, der zur Folge hat, dass wir unsere Einheit, unsere Botschaft und unsere missionarische Dynamik verlieren. Das zeige ich am Beispiel meiner evangelischen Kirche, aber auch anhand von aktuellen Beispielen aus der evangelikalen Welt. Und ich habe einen Vorschlag, wie Einheit in Vielfalt wirklich gelingen kann.

Austritte, Skandale, Mitgliederschwund – darunter leiden nicht nur die großen Kirchen. Unter den mächtigen Megatrends wie Säkularisierung, Individualisierung und Polarisierung leiden alle Institutionen. Kein Wunder, dass sich viele kirchliche Leiter fragen: Wie kommen wir endlich „raus aus der Sackgasse“? Michael Diener schreibt dazu in seinem gleichnamigen Buch: …

Weiterlesen im mindmatt-Blog: www.mindmatt.com/post/g%C3%A4stebuch-markus-till-schreibt-%C3%BCber-den-schwindenden-konsens-der-christen-bei-den-kern%C3%BCberzeugungen

 

Günter Bechly erklärt, was die fossilen Beweise wirklich aussagen

Günter Bechly ist Paläontologe, Evolutionsbiologe und Insektenforscher. Er hat vor allem mit fossilen Insekten (insbesondere Libellen) gearbeitet und über 165 Erstbeschreibungen durchgeführt. Acht fossile Insektenarten sind nach ihm benannt. Von 1999 bis 2016 war er Kurator für Bernstein und fossile Insekten am Naturkundemuseum Stuttgart. Im Darwin-Jahr 2009 war er Projektleiter für die Sonderausstellung »Evolution – Der Fluss des Lebens«. Für diese Ausstellung gestaltete er eine Waage, die die Botschaft transportieren sollte: Die Lehre Darwins wiegt schwerer als sämtliche Kritik von Kreationisten und Intelligent-Design-Anhängern. Auf der einen Seite lag Darwins Buch »Über die Entstehung der Arten«, auf der anderen Seite Bücher von Kritikern mit ihren vermeintlich dünnen Argumenten. Bechly bestellte die Bücher für die Umsetzung – und schaute aus Neugier hinein. Zu seiner Überraschung fand er keine religiös verbrämten und pseudowissenschaftlichen Argumente, sondern berechtigte Anfragen und hohe fachliche Qualität. Günter Bechly kam ins Fragen. Schließlich fand er für sich das, was er am wenigsten wollte und zuvor verachtete: den christlichen Glauben. Er ging mit seinen Zweifeln an die Öffentlichkeit, wurde zum Störfaktor und musste seinen Job aufgeben (in diesem Video erzählt er seine spannende Geschichte).

Heute ist er Senior Fellow des Center for Science and Culture am Discovery Institute in Seattle und seit 2017 auch Senior Scientist am Biologic Institute in Redmond. In seinem Video „Gunter Bechly Explains What The Fossil Evidence Really Says“ vom November 2021 erklärt Günther Bechly, warum er heute überzeugt ist: Die Fossilien erzählen eine gänzlich andere Geschichte als die, die uns zuallermeist vermittelt wird. Der AiGG-Blog hat seine spannenden Erläuterungen verschriftlicht und übersetzt. Ein herzliches Dankeschön an Günther Bechly für die Mithilfe bei der Übersetzung und für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung.

Wie sind Sie zur Paläontologie gekommen?

Ich bin von der Paläontologie fasziniert, weil sie eine Art Fenster in die ferne Vergangenheit öffnet und einen Einblick in längst vergangene Lebenswelten der Erdgeschichte ermöglicht. Ich liebe Tiere und Fossilien seit meiner frühen Kindheit, und glücklicherweise lebten wir in einer Gegend in Deutschland, die sehr reich an Fossilvorkommen ist. Somit konnte ich schon mit meinen Eltern Fossilien sammeln wie beispielsweise Ammoniten aus dem Jura. Da ich schon immer Wissenschaftler und Naturforscher im klassischen Sinne des 19. Jahrhunderts werden wollte, habe ich wenig überraschend später Biologie und Paläontologie studiert.

Unterstützt der Fossilbericht die Darwinsche Evolution?

Es wird oft angenommen, dass der Fossilbericht[1] Darwins Theorie in hohem Maße unterstützt. In Wirklichkeit ist dies überhaupt nicht der Fall. Betrachtet man Darwins Theorie, so macht sie bestimmte Vorhersagen, wie zum Beispiel den Gradualismus, wonach sich alles sehr kontinuierlich schrittweise entwickelt hat und kleine Veränderungen sich zu großen Veränderungen aufsummieren. Der Fossilbericht zeigt jedoch genau das Gegenteil. Was wir finden, sind keine allmählichen Entwicklungen, sondern Sprünge.

Was wir finden, sind keine allmählichen Entwicklungen, sondern Sprünge.

Wir finden keinen schrittweisen Aufbau, sondern ein plötzliches Auftreten neuer Formen und neuer Körperbaupläne. Diese widersprechenden Fakten waren eigentlich schon Charles Darwin bekannt. Das Problem der widersprechenden Beweise durch den Fossilbericht begleitet uns auch heute noch. Das ist einer der Gründe, warum Stephen Jay Gould sagte, es sei bis heute eine Art Betriebsgeheimnis der Paläontologen.

Warum behaupten viele Darwinisten, der Fossilbericht stütze ihre Theorie?

Viele Darwinisten sind der Meinung, dass der Fossilbericht Darwins Theorie tatsächlich stützt, und zwar aus folgenden Gründen: Zum einen scheint der Fossilbericht lange Zeiträume und Veränderungen im Laufe der Zeit zu belegen. Zum anderen ist der Fossilbericht nicht chaotisch, sondern taxonomisch geordnet. Das heißt, wenn man in den geologischen Ablagerungen von unten nach oben, von älter zu jünger geht, dann findet man insgesamt ein Muster, das sich von weniger Komplexität zu mehr Komplexität verändert, von weniger Ähnlichkeit zur modernen Flora und Fauna zu mehr Ähnlichkeit zur modernen Flora und Fauna. Schließlich gibt es Übergangsfossilien, die in der Anatomie eine Zwischenstellung einzunehmen scheinen, und manchmal kann man sie sogar in Übergangsserien wie die Pferdeserie einordnen.

Aber – und das ist das Problem – alle diese Indizien beweisen bestenfalls eine gemeinsame Abstammung. Was sie nicht belegen, ist irgendein ungesteuerter Prozess durch zufällige Mutation und natürliche Selektion, wie er von Darwin behauptet wurde. Der Fossilbericht widerspricht Darwins Theorie in der Tat durch diese Sprünge und Diskontinuitäten. Es stimmt also ganz und gar nicht, dass der Fossilbericht Darwins Theorie bestätigt.

Der Gradualismus war für Darwin nicht etwa nur eine beiläufige Vorhersage. Darwin erwähnte sechsmal in seinem Buch „Die Entstehung der Arten“: Natura non facit saltus – die Natur macht keine Sprünge. Denn er wusste, dass Sprünge irgendeine Art von wundersamen Eingriffen erfordern würden. Aber Sprünge sind das, was der Fossilbericht wirklich dokumentiert. Sie sind das, was in der Geschichte des Lebens passiert ist.

Welche Herausforderungen stellt der Fossilbericht für Darwins Theorie dar?

Der Fossilbericht stellt Darwins Theorie vor mehrere große Herausforderungen: Zum einen sagt die Theorie langsame Veränderungen voraus, doch der Fossilbericht zeigt schnelle Veränderungen. Eine weitere ist, dass die Theorie allmähliche Veränderungen in kleinen Schritten vorhersagt, der Fossilbericht zeigt aber plötzliche Veränderungen in großen Schritten. Zudem gibt es keine Nachweise für feinabgestufte Übergänge von einer Form oder Art in eine andere. Außerdem sind die Fossilien vor allem auf den Enden der Stammbaumverzweigungen angesiedelt, während sie auf den gemeinsamen Stammlinien und an den Verzweigungen fehlen, wo sie nach der Theorie auch zu finden sein sollten. Und schließlich gibt es Widersprüche zwischen dem Fossilbericht und Vorhersagen der Theorie, z. B. mit den molekularen Zeitdatierungen oder zwischen dem von der stammesgeschichtlichen Rekonstruktion vorhergesagten Entstehungsreihenfolge und dem tatsächlichen Muster in der Abfolge des Auftretens in den Sedimentschichten. Zu guter Letzt gibt es oft Fossilien, die an der falschen Stelle und zur falschen Zeit gefunden werden. Alle diese widersprüchlichen Daten erfordern Ad-hoc-Hypothesen[2], um diese widersprüchlichen Daten wegzuerklären. Eine dieser Ad-hoc-Hypothesen ist zum Beispiel das Phänomen sogenannter Geisterlinien, also Zeiträume, in denen völlig hypothetisch angenommen wird, dass Formen existierten, für die es keinerlei fossile Belege gibt.

Was ist mit Darwins Idee, dass viele kleine Veränderungen zu großen Veränderungen führen? Bestätigt der Fossilbericht dies zumindest?

Entgegen der landläufigen Meinung belegt der Fossilbericht keineswegs eine Geschichte allmählicher Entwicklung oder schrittweiser Veränderungen, die sich zu großen Veränderungen summieren. Der Fossilbericht belegt vielmehr eine Geschichte plötzlicher, abrupter Veränderungen, also Sprünge. Diese widersprüchlichen Daten, die Darwins Theorie nicht stützen, können nicht länger als Artefakt[3] einer unzureichenden Datenlage oder der Unvollständigkeit des Fossilberichts wegdiskutiert werden.

Sind nur Darwins Kritiker der Meinung, dass der Fossilbericht Darwins Theorie nicht stützt?

Es sind keineswegs nur Darwin-Kritiker wie ich, die meinen, dass der Fossilbericht ein Problem für Darwins Theorie darstellt. Ich habe 2016 an einer Konferenz der renommierten Royal Society of London teilgenommen, die den Titel “New Trends in Evolutionary Biology” trug. Der Hauptredner war ein berühmter österreichischer Evolutionsbiologe namens Professor Gerd Müller. Professor Gerd Müller wies in seinem Eröffnungsvortrag auf einige Erklärungslücken von Darwins Theorie hin. Zu diesen Defiziten gehörte nicht nur, dass die Theorie phänotypische[4] Neuerungen und phänotypische Komplexität nicht erklären kann (was natürlich sehr wichtig wäre), sondern er erwähnte auch die nicht-graduellen Übergänge, die wir im Fossilbericht finden. Es ist also wichtig zu wissen, dass dies in der etablierten Evolutionsbiologie durchaus bekannt ist. Meiner Meinung nach kann Darwins Theorie zwar sicherlich bestimmte Phänomene erklären, wie die Tatsache, dass es auf den Galapagos-Inseln verschiedene Finkenarten mit leicht unterschiedlichen Schnabelformen gibt. Aber sie kann eben nicht erklären, wie es überhaupt zur Entstehung der Vögel und deren Federn gekommen ist.

War sich Darwin des Konflikts zwischen seiner Theorie und dem Fossilbericht bewusst?

Charles Darwin war sich durchaus bewusst, dass seine Theorie nicht mit dem Fossilbericht übereinstimmt. Und so hoffte er, dass sich dies mit der Unvollständigkeit des Fossilberichts und unserem unzureichenden Wissen über Geologie wegerklären lässt. Er hoffte, dass sich im Laufe der Zeit die Lücken füllen würden und die Theorie schließlich durch den Fossilbericht bestätigt werden würde. Aber das ist nicht geschehen. Heute wissen wir viel mehr als Darwin. Im Laufe der Zeit ist trotz wachsendem Wissen über den Fossilbericht das Problem keineswegs verschwunden. Es hat sich sogar noch verschärft.

Was wissen wir heute, was Darwin nicht wusste?

Wie ist die Lage jetzt, hundertsechzig Jahre nach Darwin? Darwins Versuch, die Hinweise des Fossilberichts als Mangel an Wissen über den Fossilbericht und die Unvollständigkeit des Fossilberichts wegzuerklären, ist nicht mehr haltbar. Hier ist der Grund dafür:

Lassen Sie mich zunächst eine Metapher anführen (dieses Beispiel wurde von meinem Kollegen Paul Nelson geprägt). Stellen Sie sich vor, Sie haben ein neues Hobby und gehen am Strand entlang und sammeln, was die Flut anspült. Man sammelt Seesterne, Muscheln und Schnecken, und jeden Tag findet man etwas Neues, aber mit der Zeit stellt sich Wiederholung ein. Schließlich erreicht man einen Tag, an dem man nur noch das findet, was man zuvor schon gefunden hat, und dann weiß man, dass man genug Exemplare gesammelt hat, um zu wissen, was es da draußen gibt. Genau diese Methode wird in der Paläontologie angewandt, um die Vollständigkeit des Fossilberichts statistisch zu überprüfen. In der Paläontologie nennt man sie die “Sammlerkurve”. Bei den meisten Organismengruppen wissen wir, dass der Fossilbericht vollständig genug ist, um sicher zu sein, dass die Lücken, die wir sehen, und die Diskontinuitäten, die wir sehen, nicht Artefakte einer unzureichenden Sammeltätigkeit oder eines unvollständigen Fossilberichts sind, sondern tatsächlich Daten, die eine Erklärung verlangen.

Tatsächlich stellen wir aber fest, dass mit zunehmendem Wissen über den Fossilbericht die Probleme keineswegs verschwinden, sondern sogar immer größer werden.

Aber es gibt noch einen weiteren Grund, warum dieses Phänomen kein Artefakt sein kann: Wäre es ein Artefakt, dann müssten wir erwarten, dass die Lücken im Laufe der Zeit kleiner werden und die scheinbar nicht graduellen Übergänge gradueller werden. Tatsächlich stellen wir aber fest, dass mit zunehmendem Wissen über den Fossilbericht die Probleme keineswegs verschwinden, sondern sogar immer größer werden. Dies deutet darauf hin, dass die Natur uns „etwas sagen will“.

Was ist mit all den Übergangsformen, von denen wir in den Medienberichten hören?

Viele Darwinisten feiern jeden neuen Fossilienfund, der als Übergangsfossil zur Bestätigung dieser Theorie verkauft werden kann. Aber wenn man sich diese Fälle näher ansieht, ist die Beweislage meist sehr dünn. Es gibt auch viele Fälle, in denen uns solche Übergangsfossilien fehlen. Wenn also die Fälle, in denen wir Übergangsfossilien haben, als Beweise für Darwins Theorie gelten, dann müssen wir natürlich auch die anderen Fälle betrachten und widersprechende Hinweise berücksichtigen, bei denen das Fehlen von Beweisen die Theorie nicht bestätigt, sondern ihr sogar widerspricht.

Aber selbst, wenn wir alle Übergangsfossilien zugestehen, beweist dies, wie ich bereits sagte, bestenfalls die gemeinsame Abstammung. Aber der Fossilbericht insgesamt bestätigt keineswegs den Kernpunkt von Darwins Theorie, der nicht so sehr in der gemeinsamen Abstammung besteht, sondern in einem ungelenkten Mechanismus von zufälliger Mutation und natürlicher Auslese. Dieser Mechanismus wird durch den Fossilbericht definitiv nicht bestätigt, sondern widerlegt.

Ist das plötzliche Auftreten neuer Formen im Fossilbericht ein Ausnahmefall?

Das Phänomen des plötzlichen Auftretens neuer Formen im Fossilbericht ist nicht nur ein Ausnahmefall, wie vermeintlich bei der kambrischen Explosion, sondern tatsächlich ein Schema, das überall zu finden ist. Es beginnt mit dem Ursprung des Lebens selbst und reicht bis zum Ursprung der menschlichen Kultur. Es findet sich in allen Epochen der Erdgeschichte. Es findet sich in allen geografischen Regionen und findet sich in allen taxonomischen Kategorien, von Pflanzen und Protisten[5] bis hin zu wirbellosen Tieren und Wirbeltieren. Es ist also ein klares Muster, das nach einer Erklärung verlangt. Ich könnte Ihnen Dutzende von Beispielen für ein solches plötzliches Erscheinen nennen, und in jeder Gruppe, die Sie untersuchen, werden Sie weitere Beispiele finden.

Was sind einige Beispiele für plötzliche Übergänge in der Geschichte des Lebens?

Hier sind einige Beispiele für solche plötzlichen Übergänge: Der Ursprung des Lebens. Die Entstehung der Photosynthese. Die so genannte Avalon-Explosion, die den Ursprung der seltsamen Ediacara-Lebensgemeinschaften darstellt. Die kambrische Explosion, in der alle die Grundbaupläne der Tiere erschienen sind. Dann das Ereignis der sogenannten großen ordovizischen Biodiversifikation. Es folgen die devonische Nekton-Revolution und Odontoden-Revolution sowie die silurisch-devonische terrestrische Revolution, die den Ursprung der Landpflanzen darstellt. Die Insektenexplosion im Karbon. Die triassischen Explosionen, zu denen die Entstehung der Meeresreptilien und von Tetrapoden wie den Dinosauriern gehört. Dann haben wir das “abscheuliche Geheimnis”, wie Darwin es nannte: Die Entstehung der Blütenpflanzen. Wir haben den plötzlichen tertiären Ursprung der Großschmetterlinge. Wir haben die tertiäre Radiation der Vögel, den Ursprung der modernen Vögel. Wir haben die tertiäre Radiation der plazentalen Säugetiere. Wir haben den „Urknall“ der Gattung Homo. Nicht zuletzt haben wir den plötzlichen Ursprung der menschlichen Kultur in der oberpaläolithischen menschlichen Revolution.

Können Sie die Insektenexplosion näher erläutern?

In der Mitte des Steinkohlezeitalters finden wir die ersten fliegenden Insekten. Sie sind bereits in sehr unterschiedliche Gruppen moderner Fluginsekten differenziert. Es handelt sich dabei nicht nur um Gruppen, die von Darwinisten als primitiv angesehen werden, wie Eintagsfliegen und Libellen. Tatsächlich sind diese nur insofern „primitiv“, als sie in den rekonstruierten Stammbäumen Zweige besetzen, die als sehr früh gelten. Aber ihre Anatomie ist durchaus sehr komplex. Sie hatten Facettenaugen mit einem wunderbaren Sehsystem und sehr komplexe Flugapparate, die sie wie ein Hubschrauber fliegen ließen. Sie waren also komplex, werden aber als sehr frühe Entwicklungslinien in der Evolution angesehen. Auf der anderen Seite finden wir aber auch schon sehr hochentwickelte Insektengruppen wie die ersten Käfer und die ersten Wespen, und diese besaßen schon die wundersame Art der Entwicklung, bei der sich die Larve im Puppenstadium in eine Art Suppe auflöst, und die gesamte Anatomie zu dem ganz andersartigen Körperbauplan des erwachsenen Tiers umgestaltet wird. Das Erstaunliche ist, dass es dafür keine fossilen Vorläufer gibt. Es gibt keine glaubwürdigen Übergänge. Stattdessen erscheinen diese Wunderwerke plötzlich und völlig ausdifferenziert.

Es gibt keine glaubwürdigen Übergänge.

Können Sie die triassische Explosion näher erläutern?

In der frühen Triaszeit finden wir die ersten Vertreter verschiedener moderner Untergruppen der vierfüßigen Wirbeltiere, wie die ersten Krokodile, die ersten Schildkröten, die ersten Dinosaurier und die ersten Eidechsen.

Was ist die tertiäre Radiation der Vogelartigen?

Unmittelbar nach dem Massenaussterben am Ende der Kreidezeit finden wir innerhalb weniger Millionen Jahre viele verschiedene Gruppen moderner Vögel. Sie erscheinen plötzlich auf der Bildfläche, ohne dass es fossile Vorläufer gibt. Dies wird selbst von etablierten Evolutionstheoretikern und Ornithologen als “Vogel-Explosion” oder als explosiver Ursprung der modernen Vögel oder sogar als Urknall der tertiären Vögel oder als Urknall der Vogelevolution bezeichnet.

Was ist die Tertiäre Radiation der Säugetiere?

Entgegen den darwinistischen Erwartungen und insbesondere entgegen den Vorhersagen der molekularen Uhr finden wir im frühen Tertiär das erste Auftreten von vielen verschiedene Ordnungen der plazentalen Säugetiere, schon vollständig ausdifferenziert. Dazu gehören Gruppen wie die ersten fossilen Insektenfresser, die ersten Nagetiere, die ersten Raubtiere, die ersten Paarhufer und Unpaarhufer, die ersten Primaten und sogar die ersten Fledermäuse. Für keine dieser Gruppen finden wir die erwarteten kreidezeitlichen Fossilien, die ihre Herausdifferenzierung von einem angenommenen gemeinsamen Säugetierstamm belegen würden.

Was fehlt im Fossilbericht, um Darwins Theorie zu bestätigen?

Obwohl es einige Übergangsfossilien gibt, fehlt die Fülle von Übergangsfossilien, die die Theorie voraussagt, nämlich Tausende von kleinen Schritten, die den Übergang von einer Form zu einer anderen Form zeigen. Außerdem fehlen uns Übergangsfossilien für viele der wichtigsten Übergänge in der Geschichte des Lebens. So gibt es zum Beispiel keine Übergangsfossilien, die zeigen, wie die Ediacara-Lebensgemeinschaften entstanden ist. Wir haben keine Übergangsfossilien für alle die Tierkörperbaupläne in der kambrischen Explosion. Wir haben keine oder fast keine Übergangsfossilien für die Entstehung der verschiedenen Insektenordnungen und für die verschiedenen Säugetierordnungen.

Leben im Ediacarium

Zu letzteren gehören zum Beispiel die Fledermäuse. Stellen Sie sich vor: Die ältesten fossilen Fledermäuse, die wir kennen, sind bereits völlig modern, kaum von einer modernen Fledermaus zu unterscheiden, mit vollständig entwickelten Flügeln, bereits mit Elementen in den Ohren für Echoortung. Sie sind einfach da, und es gibt keine fossilen Belege, die die vielen Schritte zeigen, die notwendig wären, um diese Körper-Baupläne durch schrittweise Veränderungen aufzubauen.

Geben viele Wissenschaftler den Konflikt zwischen dem Fossilbericht und Darwins Theorie zu?

Charles Darwin selbst sagte, dass der Fossilbericht einer der offensichtlichsten und schwerwiegendsten Einwände ist, die gegen seine Theorie vorgebracht werden können, weil er wusste, dass die Beweise im Widerspruch zu seiner Theorie stehen. Dies ist auch der Grund, warum viele zeitgenössische Paläontologen zu Darwins Zeiten seine Theorie ablehnten, weil sie sich durchaus bewusst waren, dass die Beweise nicht passen. Aber auch heute gibt es viele Paläontologen und viele Biologen, die mit Fossilien arbeiten, die sich der Probleme bewusst sind und sie zugeben. Zu ihnen gehören zum Beispiel George Gaylord Simpson, der vielleicht einflussreichste Paläontologe des 20. Jahrhunderts, oder Ernst Mayr, der Mitbegründer der modernen synthetischen Evolutionstheorie. Beide haben ausdrücklich zugegeben, dass der Fossilbericht diskontinuierlich ist und dass er nicht mit der darwinistischen Vorhersage einer allmählichen Entwicklung übereinstimmt. Dann gibt es Leute wie Colin Patterson, der Kurator für Paläontologie am Britischen Museum und einer der Mitbegründer der Muster-Kladistik war. Er sagte, dass es einen Mangel an Übergangsfossilien gibt. Dann ist da noch David Raup, Kurator am Field Museum und Mitentdecker der berühmten fünf großen Massenaussterbeereignisse. Er sagte, dass Darwin vom Fossilbericht sehr verwirrt war und dass sich die Situation seit Darwins Zeit nicht zugunsten seiner Theorie geändert hat.

Weiterhin gibt es zum Beispiel Gareth Nelson, einen Kurator am American Museum of Natural History für fossile Fische, oder Henry Gee, der Redakteur für Biologie bei “Nature” ist, der renommiertesten wissenschaftlichen Zeitschrift der Welt. Beide sagten, dass alle jene Fälle, in denen Fossilien in Reihen angeblicher Vorfahren-Nachkommen-Beziehungen angeordnet wurden, nicht wissenschaftlich sind, sondern eher schädliche Illusionen – wie Gareth Nelson es ausdrückte – oder sogar eher nur Gutenachtgeschichten, wie Henry Gee es formulierte.

Dann gibt es zum Beispiel Leute wie Douglas Erwin, der einer der weltweit führenden Spezialisten für die kambrische Explosion ist. Douglas Erwin sagte, dass es so aussieht, als ob die höheren taxonomischen Kategorien, die Klassen, zuerst entstanden sind, und die niedrigeren taxonomischen Kategorien später. Dass es also nicht so aussieht, als ob die großen Unterschiede aus kleineren Unterschieden aufgebaut wurden. Nicht umsonst waren es Paläontologen wie Niles Eldredge und Stephen Jay Gould, die die Theorie des punktuell unterbrochenen Gleichgewichts („Punktualismus“) entwickelt haben, um die widersprechenden Belege des Fossilberichts mit einer evolutionären Weltanschauung in Einklang zu bringen. Stephen Jay Gould sagte, er sei sehr beunruhigt über die Tatsache, dass die Fossilienaufzeichnungen nicht wirklich jenen gerichteten Verlauf der Veränderung zeigen, die von der Theorie erwartet würde. Und nicht zuletzt sagte der berühmte Richard Dawkins, als er über die kambrischen Fossilien sprach: Es sieht so aus, als ob sie ohne jegliche Evolutionsgeschichte dorthin platziert worden wären. Vielleicht, nur vielleicht, sollten Wissenschaftler ein wenig mehr auf das hören, was die Natur ihnen sagen will.

Wie erklären Darwinisten den Widerspruch zwischen dem Darwinismus und dem Fossilbericht?

Ein gängiger Versuch, die widersprechenden Fakten aus dem Fossilbericht wegzuerklären, ist einfach die Leugnung. Entweder wird geleugnet, dass die abrupten Übergänge überhaupt stattgefunden haben, oder es wird gesagt, dass sie viel langwährender waren, als behauptet wird, oder es wird gesagt, dass diese abrupten Übergänge ein Artefakt eines unvollständigen Fossilberichts oder einer unvollständigen Untersuchung des Fossilberichts sind.

Aber die meisten Biologen wissen heute, wenn sie die Daten kennen, dass sie sich eine Erklärung einfallen lassen müssen. Ein Versuch besteht darin, es mit sogenannten intrinsischen Faktoren zu erklären, also im Wesentlichen mit Genetik. Solche Leute sagen, dass es vielleicht schnellere Mutationsraten gab, oder dass vielleicht doch keine neuen Proteine und keine neuen Gene notwenig waren, sondern nur eine Neuverknüpfung des Werkzeugkastens der Genregulierungs­netzwerke. Jüngste Studien haben jedoch gezeigt, dass dies nicht stimmt. Jeder größere Übergang in der Geschichte des Lebens erforderte neue Gene und neue Proteine.

Deshalb gibt es noch einen anderen Ansatz, und zwar extrinsische Faktoren, äußere Faktoren. Und davon gibt es zwei Typen: Das eine sind andere Lebewesen, so genannte biotische Faktoren. Das bedeutet zum Beispiel Konkurrenz, erhöhter Wettbewerb oder erhöhte räuberische Aktivitäten. Es gibt ein Schlagwort dafür: Die „Rote-Königin-Hypothese“, benannt nach einer Figur aus einem der Romane von Lewis Carroll „Alice hinter den Spiegeln“, in denen die Rote Königin schneller rennen musste, um zu bleiben, wo sie war. Die andere Art von extrinsischen Faktoren sind abiotische Faktoren, das meint alle Hypothesen, die sich auf einen höheren oder niedrigeren Sauerstoffgehalt oder Klimaveränderungen beziehen, eine globale Vergletscherung, ein Meteoriteneinschlag oder ein großer Vulkanismus und – wumm – das erklärt das plötzliche Auftauchen von Dinosauriern oder ähnlichem?

Das Problem bei allen diesen sogenannten Erklärungen ist, dass keine dieser Erklärungsansätze wirklich erklären kann, woher die neuen Informationen stammen. Sie zeigen vielleicht einige der Bedingungen, die für eine Veränderung notwendig waren oder die eine Veränderung begleiten, aber sie sind sicherlich keine ausreichenden Voraussetzungen für eine Veränderung. Wir alle wissen schließlich, dass ein Meteoriteneinschlag noch kein neues Gen hervorbringt.

Das Problem bei allen diesen sogenannten Erklärungen ist, dass keine dieser Erklärungsansätze wirklich erklären kann, woher die neuen Informationen stammen.

Was ist das Problem der Wartezeit?

Ein wirklich fatales Problem für Darwins Theorie ist meines Erachtens das sogenannte Wartezeitproblem. Das Wartezeitproblem ergibt sich aus einer Kombination von zwei Forschungsgebieten, die normalerweise als gute Unterstützung für den Darwinismus gelten. Zum einen ist dies der Fossilbericht, der scheinbar eine lange Zeitspanne und Übergangsformen nachweist und somit die Makroevolution belegt. Zum anderen ist das die Populationsgenetik, die die Mikroevolution belegt. Man denke nur an die Evolution der Medikamentenresistenz von Krankheitserregern in der Petrischale.

Die Leute denken also: Wenn wir diese beiden Dinge kombinieren, dann werden lange Zeiträume von Mikroevolution die Makroevolution schon erklären. Aber wenn wir diese beiden Forschungsbereiche und die Beweise aus diesen beiden Disziplinen wirklich gemeinsam betrachten, stoßen wir auf ein großes Problem. Denn wenn man die mathematischen Methoden der Populationsgenetik verwendet, stellt man fest, dass die geologisch ermittelten Zeitfenster, die für verschiedene Übergänge in der Geschichte des Lebens zur Verfügung stehen, um Größenordnungen zu kurz sind, um die notwendigen genetischen Veränderungen in einer Ahnenpopulation entstehen und sich ausbreiten zu lassen. Dies zeigt im Grunde, dass Darwins Theorie, der neo-darwinistische Mechanismus, mathematisch nicht haltbar ist.

Gibt es ein Wartezeitproblem bei der Entstehung des Menschen?

Wenn wir uns die Ursprünge des Menschen ansehen, dann gibt es eine sehr überraschende Erkenntnis der modernen Wissenschaft. Die Mainstream-Evolutionisten Durrett und Schmidt haben berechnet, wie lange es dauert, bis eine einzige koordinierte Mutation in einer menschlichen Ahnenpopulation entsteht. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass es 215 Millionen Jahre dauern würde. Die Fossilienaufzeichnungen zeigen jedoch, dass seit der Trennung der menschlichen Abstammungslinie von der Abstammungslinie der Schimpansen und großen Menschenaffen nur sechs Millionen Jahre vergangen sind. Es stehen also sechs Millionen Jahre zur Verfügung. Aber es wären 215 Millionen Jahre erforderlich gewesen. Die Zahlen passen einfach nicht zusammen, und es ist nicht so, dass eine einzige koordinierte Mutation ausgereicht hätte. Selbst wenn der Unterschied im Genom zwischen Schimpansen und Menschen nur fünf Prozent beträgt, würden diese fünf Prozent Millionen von Basenpaaren der DNS ausmachen. Die Zeit reicht also einfach nicht aus, um all diese genetischen Veränderungen in der menschlichen Abstammungslinie unterzubringen, wie sie durch den Fossilbericht belegt ist.

Gibt es ein Wartezeitproblem bei der Entstehung von Tierkörperbauplänen?

Wenn dieses Problem schon beim Ursprung des Menschen besteht, dann ist das Problem für den Ursprung der Grundbaupläne tierischer Körper noch viel größer. Denken Sie an die kambrische Explosion. Eine neuere Studie von etablierten Evolutionsbiologen hat gezeigt, dass der Übergang von, sagen wir, quallenartigen Vorfahren zu voll entwickelten Trilobiten nur 30 Millionen Jahre dauerte. Überlegen sie mal, wie viele koordinierte Mutationen wohl notwendig waren, um diese Art von Umkonstruktion zu erreichen, bei dem sich Facettenaugen, ein Exoskelett, gelenkige Beine, ein Nervensystem und ein Darmsystem herausbildeten – und das in nur 30 Millionen Jahren! Man könnte meinen, dass 30 Millionen Jahre eine lange Zeit sind, aber tatsächlich ist das nur die Lebensspanne von ein oder zwei aufeinanderfolgenden Arten[6] von wirbellosen Meerestieren gemäß gängiger Lehrbuchdarstellungen.

Was sind weitere Beispiele für das Problem der Wartezeit?

Zwei weitere eindrucksvolle Beispiele für das Wartezeitproblem sind der Ursprung der Ichthyosaurier und der Ursprung der Vogelfedern. Für den Übergang der Ichthyosaurier steht nur die Lebensspanne einer einzigen größeren Wirbeltierart zur Verfügung, also für den Übergang zwischen einem angenommenen waranähnlichen terrestrischen Vorfahren und einem völlig fischähnlichen Ichthyosaurier – das ist unmöglich! Und wenn man sich Vögel anschaut, finden sie die komplexeste Integumentstruktur (also Hautstruktur), die im Tierreich bekannt ist. Diese Federn mit ihren Verästelungen und Unterverästelungen und deren Verzahnungen würden zahlreiche Mutationen erfordern, um dies zu erzeugen – doch es stehen nur ein paar Millionen Jahre zur Verfügung, um einen Übergang von den fadenförmigen Dino-Flaum-Strukturen, die wir bei einigen Dinosauriern finden, zu vollständig fahnenartigen Vogelfedern zu schaffen, die wir bei späteren fossilen Vögeln finden.

Ich selbst arbeite derzeit an einer Studie über den Übergang zwischen landlebenden Walvorfahren und meereslebenden Walen. Auch hier gibt es ein sehr großes Problem mit den Wartezeiten. Was wir herausgefunden haben ist, dass nur anderthalb Millionen Jahre Zeit zur Verfügung stehen für den Übergang von den so genannten Protocetiden[7], bei denen es sich immer noch um vierbeinig schwimmende Tiere handelte, die sich mit ihren Hinterbeinen im Wasser fortbewegten, zu ausschließlich meereslebenden, fischähnlichen Tieren wie den Walen, die mit reduzierten Beinen schwimmen und von einer Schwanzflosse angetrieben werden. Das ist nach gängigem evolutionärem Wissen nur ein Drittel der Lebensspanne einer einzigen Wirbeltierart, um diese Umkonstruktion von einem Landtier zu einem fischartigen Wal zu vollziehen. Das ist unglaublich und zeigt, dass es ein großes theoretisches Problem für den von Darwin postulierten ungelenkten Prozess gibt.

Was ist das Hauptproblem der darwinistischen Mechanismen?

Folgendes Problem ergibt sich für den darwinistischen Mechanismus aus der Tatsache, dass wir für viele Übergänge nur eine Zeitspanne zur Verfügung haben, die der Lebensspanne von nur einer oder zwei Arten entspricht, die nacheinander auftreten: Um eine größere Umgestaltung vorzunehmen, würde man gewöhnlich glauben, dass man zahlreiche aufeinanderfolgende Arten benötigt, die sich geringfügig voneinander unterscheiden. Erst nach langer Zeit und vielen verschiedenen Arten erhielte man einen nennenswerten neuen Körperbauplan oder ein neues Organ. Aber hier sieht man, dass man entweder mit einer oder zwei Arten oder sogar innerhalb nur einer Art einen Sprung zu einer völlig neuen Konstruktion erreichen müsste.

Selbst wenn also die gemeinsame Abstammung korrekt sein sollte, zeigt dies, dass dies nicht mit einem ungelenkten Prozess erklärt werden kann. Da muss schon eine Art von Intelligenz von außen zugeführt werden, um einen so großen Sprung innerhalb einer einzigen Art zu bewerkstelligen.

Ist das Wartezeitproblem mathematisch quantifizierbar?

Das Interessante am Wartezeitproblem ist, dass wir es mathematisch untersuchen können. Wir können Computerberechnungen durchführen, wir können Simulationen machen, und wir kommen zu sehr präzisen Ergebnissen, die zeigen, dass der neo-darwinistische Mechanismus nicht funktionieren kann. Sie zeigen insbesondere, dass die erforderlichen Umstrukturierungen nicht durch einen Mechanismus erreicht werden können, der sich auf kleine schrittweise Veränderungen über lange Zeiträume hinweg stützt, weil die Zeit nicht zur Verfügung steht. Das ist einer der Gründe, warum die etablierten Evolutionsbiologen und theoretischen Biologen den Neo-Darwinismus insgeheim aufgegeben haben und sich nun auf die krampfhafte Suche nach neuen Evolutionsmechanismen machen.

Die etablierten Evolutionsbiologen und theoretischen Biologen haben den Neo-Darwinismus insgeheim aufgegeben.

Gibt es neue vorgeschlagene Evolutionsmechanismen, die den Fossilbericht erklären könnten?

Viele der neuen Ansätze, die vorgeschlagen wurden, sind in einer neuen Bewegung formuliert worden, die als erweiterte Synthese oder dritter Weg der Evolution bezeichnet wird. „Dritter Weg“ ist ein interessanter Begriff, weil er auf zwei andere Wege anspielt: Der eine ist der Neo-Darwinismus, der von diesen Wissenschaftlern als widerlegt angesehen wird. Der andere ist das intelligente Design, einen Weg, den sie auf keinen Fall gehen wollen. Also suchen sie nach naturalistischen Alternativen und haben verschiedene hypothetische Mechanismen formuliert. Diese Mechanismen lassen sich mit „sexy“ Schlagwörtern wie Evo-Devo, Epigenetik, Nischenkonstruktion, phänotypische Plastizität, Evolutionsfähigkeit, natürliche Gentechnik, Hybridbildung, Symbiogenese[8] und so weiter umschreiben.

Das Problem bei all diesen Ansätzen ist, dass sie entweder das entscheidende Problem der Entstehung neuer Informationen überhaupt nicht angehen, oder dass sie letztendlich alle auf den Neo-Darwinismus zurückgreifen müssen, um zu erklären, wie sie selbst entstanden sind. Wie ist zum Beispiel die phänotypische Plastizität entstanden? Wenn der Neo-Darwinismus erforderlich ist und wegen des Wartezeitproblems nicht funktioniert, dann können diese Ansätze gar nicht in Gang kommen und sind quasi ein totgeborenes Kind.

Haben sich irgendwelche der vorgeschlagenen Mechanismen durchgesetzt?

Keiner dieser verschiedenen Ansätze, die im Rahmen der erweiterten Synthese vorgeschlagen wurden, konnte sich durchsetzen, weil keiner von ihnen wirklich geeignet ist, zu erklären, wie neue Informationen entstehen, wie neue biologische Formen entstehen können, wie wir neue Körperbaupläne bekommen können. Keiner dieser Ansätze ist wirklich geeignet, die entscheidende Frage zu erklären. Sie mögen aber einige andere Fragen erklären, die durchaus interessant sein könnten. Die Nischenkonstruktion erklärt zum Beispiel die Wechselbeziehung zwischen einem Biber und dem Damm, den er baut, und der Damm verändert das Ökosystem, was sich wiederum auf die natürliche Auslese des Biberkörpers rückwirkt. Vielleicht wird er ein bisschen größer oder kleiner, aber das erklärt nicht, wie die Haare der Säugetiere entstanden sind oder wie wir überhaupt Biber bekommen haben. Die meisten dieser Mechanismen sind also völlig unzureichend, um das entscheidende Informationsproblem an der Grundlage der Naturgeschichte des Lebens zu lösen, wie es zum Beispiel von Stephen Meyer in seinen Büchern „Signature in the Cell“ and „Darwin’s Doubt“ formuliert wurde.

Was könnte die Explosionen neuer biologischer Information in der Geschichte des Lebens hervorrufen?

Wir kennen nur eine Ursache, die so viel Information in so kurzer Zeit hervorbringen könnte. Wir kennen nur eine Ursache, die überhaupt eine neue funktionelle Form hervorbringen könnte. Diese Ursache funktioniert nicht durch zufällige Veränderungen. Diese Ursache sieht ein Endziel vor, bringt alle notwendigen Teile zusammen und fügt dann die erforderliche Information hinzu. „In-Formation“ bedeutet, die Materie in ein Muster zu formen, das dieses Endziel erfüllt. Diese Information muss irgendwoher kommen. Wir wissen genau, woher sie kommt: Ob Architekten, Ingenieure, Softwareprogrammierer oder Künstler, sie alle können neue komplexe Dinge erschaffen, weil sie intelligentes Bewusstsein haben, und intelligentes Bewusstsein ist die einzige uns bekannte Ursache, die diesen Effekt hervorrufen kann.

Legt der Fossilbericht intelligentes Design nahe? Wenn ja, wie?

Meiner Ansicht nach deuten die fossilen Beweise eindeutig auf einen intelligenten Entwurf hin, da die beobachteten Veränderungen viel zu schnell erfolgten, um durch einen ungelenkten, naturalistischen Prozess erklärt werden zu können. Sie müssen mit einer handelnden Intelligenz erklärt werden. Mir selbst ging wirklich ein Licht auf, als ich entdeckte, dass dies nicht etwa auf einem Argument aus Unwissenheit beruht, nicht auf einem „Gott-der-Lücken-Argument“, sondern einfach auf einer rationalen Schlussfolgerung auf die beste Erklärung. Wir wissen, dass nur intelligente Ursachen diese Wirkung hervorrufen können. Wir sehen uns die Indizien an, und wir sehen, dass diese Indizien eindeutig auf diese Ursache hinweisen. Das Ignorieren der Indizien aus dem Fossilbericht, die auf intelligentes Design hindeuten, ist also tatsächlich eine Art Wissenschaftsleugnung.

Mir selbst ging wirklich ein Licht auf, als ich entdeckte, dass dies nicht etwa auf einem Argument aus Unwissenheit beruht, nicht auf einem „Gott-der-Lücken-Argument“, sondern einfach auf einer rationalen Schlussfolgerung auf die beste Erklärung.

Was geschieht mit Wissenschaftlern, die die Darwinsche Evolution kritisieren?

Von Wissenschaftler wird erwartet, dass sie die darwinistische Evolution nicht kritisieren, schon gar nicht aus wissenschaftlichen Gründen. Ich habe persönlich erlebt, wie Wissenschaftler, Mainstream-Wissenschaftler, die den Neo-Darwinismus lediglich von einem naturalistischen Standpunkt aus kritisierten, angegriffen wurden und ihre Fachkompetenz in Frage gestellt wurde, nur weil sie dieses herrschende Paradigma[9] angriffen. Aber wie viel schlimmer wäre ihr Schicksal, wenn Sie Intelligentes Design als die bessere Erklärung annehmen würden?

Tatsächlich ist mir das am Naturkundemuseum in Stuttgart passiert. Sobald ich mich als Befürworter des Intelligent Design geoutet hatte, wurde die Zusammenarbeit eingestellt. Ich bekam keine Fördermittel mehr. Meine Website wurde gelöscht. Ich wurde als Leiter einer von mir konzipierten Ausstellung abgesetzt. Schließlich wurde mir gesagt, dass ich nicht mehr willkommen sei und dass ich als Risiko für die Glaubwürdigkeit der Institution angesehen werde. Es ist also keine große Überraschung, dass viele Wissenschaftler, selbst wenn sie insgeheim den Darwinismus anzweifeln, dies nicht offen aussprechen und im Verborgenen bleiben. Nachdem ich mich als ID-Befürworter geoutet hatte, wurde ich von zwei berühmten Kollegen kontaktiert, die berühmte Wissenschaftler und weltbekannte Experten auf ihrem Gebiet sind, und sie sagten mir sehr vertraulich, dass sie selbst Zweifel am neo-darwinistischen Prozess haben. Es gibt also wahrscheinlich mehr von ihnen da draußen, als wir denken.

Weiterführend dazu: Evolution – ein Welterklärungsmodell am Abgrund? Ein Atheist entdeckt: Es muss einen Schöpfer geben!

Fußnoten:

[1] Der Fossilbericht ist die Summe aller wissenschaftlich dokumentierten Fossilien und Fossilfundstellen der Erdgeschichte

[2] Eine Ad-hoc-Hypothese ist eine unbelegte Hilfshypothese, die für einen Einzelfall aufgestellt wird, um Beobachtungen oder kritischen Argumenten zu begegnen, welche die Theorie zu widerlegen scheinen.

[3] Als Artefakt bezeichnet man einen vermeintlichen Kausalzusammenhang auf Grund fehlerhafter Daten oder falscher Interpretationen.

[4] Der „Phänotyp“ ist das äußere Erscheinungsbild eines Organismus.

[5] Protisten sind eine Gruppe nicht näher verwandter mikroskopisch kleiner, einzelliger Lebewesen.

[6] Mit „Lebensspanne“ ist hier die – gemäß gängiger Lehrbuchmeinung – angenommene Existenzdauer einer Art gemeint, von ihrer Entstehung bis zu ihrem Aussterben oder ihrer Umwandlung in eine neue Art. Diese angenommene Lebensspanne kann für unterschiedliche Organismengruppen verschieden sein. Beispielsweise wird für größere Huftierarten eine durchschnittliche Lebensspanne oder Existenzdauer von 4.5 Millionen Jahren angenommen.

[7] Protocetiden sind ausgestorbene, amphibisch lebende Vorfahren der Wale.

[8] Symbiogenese bezeichnet die Verschmelzung mehrerer (einzelliger) Organismen zu einem einzigen, neuen Organismus.

[9] Ein Paradigma ist eine grundsätzliche Denkweise oder eine Grundauffassung.

Lässt sich die Evolutionstheorie mit der Bibel vereinbaren?

Diese Frage beschäftigt mich seit langem. Deshalb war ich gespannt, ob der US-amerikanische Philosoph Matthew Nelson Hill in seinem aktuellen Buch „Und Gott schuf die Evolution“ dazu neue Argumente liefern kann?

Diese Rezension kann hier auch als PDF heruntergeladen werden.

Hill’s Buch plädiert für eine „evolutionäre Schöpfung“, also Schöpfung durch Evolution. Gemäß dem Buchtitel ist für Hill der Evolutionsprozess selbst ein Schöpfungswerk Gottes. Die Idee ist nicht neu. Ebenso bekannt sind die Probleme dieses Ansatzes. Hill spricht einige davon selbst offen an – ohne Antworten dazu anzubieten:

  • „Diese Aussage ist schwer zu verkraften, aber der Tod ist nicht die Folge der Sünde, sondern die Voraussetzung für das Leben.“ (S. 76)
  • „Die Grausamkeiten im Tierreich als notwendiger Teil der Evolution lassen sich besonders schlecht mit der Bibel und der überlieferten Lehre vereinbaren.“ (S. 77)
  • „Es ist kein schöner Gedanke, dass die Evolution oft als Folge eines Massenaussterbens an Fahrt aufnimmt – als ob der Tod notwendig wäre, um neues Leben hervorzubringen. Meines Erachtens ist das eine der schwierigsten Stellen für Christen, die sich mit dem Konzept der Evolution anfreunden wollen.“ (S. 108)

Eine derart erfrischende Ehrlichkeit in Bezug auf die Schwächen des eigenen Ansatzes ist leider eher selten. Dabei wäre die Fähigkeit zur Selbstkritik auf allen Seiten angebracht. Ich kenne kein Ursprungsmodell, das nicht unter enormen Schwierigkeiten leidet. Es spricht für die Glaubwürdigkeit des Autors, dass er hier mit gutem Beispiel vorangeht.

Wie passt ein planvoller Schöpfer zum planlosen Evolutionsgeschehen?

Jedoch hat die Vorstellung einer „evolutionären Schöpfung“ natürlich noch weitaus mehr Schwierigkeiten. Diese können beim aufmerksamen Lesen des Buchs zwar durchaus auffallen, aber Hill thematisiert sie nicht explizit. Das gilt zum Beispiel für den grundlegenden Widerspruch zwischen einem planvollen Schöpferhandeln und dem planlosen Evolutionsgeschehen. Hill bekennt sich zwar immer wieder dazu, dass Gott der Schöpfer ist, der den Menschen nach seinem Bild erschaffen hat. Zugleich schreibt er aber auch: „Mir gefällt es nicht, wenn man das Gefühl bekommt, die Evolution würde ein bestimmtes Ziel verfolgen.“ (S. 84) Hill unterwirft sich also dem heute vorherrschenden Paradigma, dass auch in der Ursprungsforschung ausschließlich mit ziellosen, materiell erklärbaren Prozessen gerechnet werden dürfe. Wo und wie dann aber noch Raum für die Wirksamkeit eines zielorientierten Schöpfers bleiben soll, bleibt offen.

Ein kritikloser Blick auf die Evolutionstheorie

Auch diskutiert Hill mit keinem Wort die Sinnhaftigkeit dieses außerwissenschaftlichen Paradigmas, das zur Folge hat, dass heutzutage selbst die offenkundigsten Designmerkmale in der Natur schlicht ignoriert werden. Mit keinem Wort geht er darauf ein, dass die Fragen nach der Entstehung von Information, komplexen biologischen Bauplänen, Schönheit, Moral und Geist durch ziellose, materielle Prozesse bislang weitgehend unbeantwortet sind. Stattdessen übernimmt er kritiklos selbst so waghalsige Annahmen wie z.B. die Vorstellung, die erste Zelle könne in Tiefseeschloten von selbst entstanden sein oder das Leben sei vielleicht durch einen Meteoriten auf die Erde „gesät“ worden. Und er schreibt: „Auf jeden Fall hat das Leben ganz einfach angefangen, darin ist man sich einig.“ (S. 104) Das Leben hat „ganz einfach“ angefangen? Da frage ich mich: Weiß der Autor denn nichts darüber, wie unfassbar komplex und hoch organisiert selbst die einfachst denkbaren lebenden Zellen sind mit ihren phantastischen molekularen Maschinen und mit dem koordinierten Zusammenspiel von mindestens 300 Genen? Wie auch immer das Leben angefangen hat – “einfach” war es jedenfalls zu keiner Zeit.

Bibelverständnis: Klischees und blinde Flecken

In seinen Erläuterungen zum Umgang mit der Bibel macht Hill die typisch klischeehafte Alternative auf zwischen historischem und „wörtlichem“ Bibelverständnis – so als ob eine konservativ-bibelorientierte Herangehensweise nicht ebenso vor Augen hätte, dass bei jedem Text natürlich die Textgattung und das historische Umfeld beachtet werden muss. Hill behauptet zudem ganz einfach, die Bibel sei kein Geschichtsbuch (S. 63+73), ohne auf die vielen biblischen Texteigenschaften wie Ahnentafeln, Orts- Zeit- und Maßangaben einzugehen, die auch schon der biblischen Urgeschichte durchaus einen historischen Charakter verleihen. Wie sind diese Angaben zu verstehen, wenn die Texte keine wirkliche Geschichte erzählen wollen?

Woher kommen unsere sündigen Triebe?

Im zweiten Teil des Buchs möchte Hill den Gedanken vermitteln: Wenn wir unser evolutionäres Erbe verstehen, dann können wir besser lernen, unsere Triebe zu beherrschen und dadurch einen geheiligteren Lebensstil entwickeln. Unser Kampf ist es laut Hill, „die Laster zu überwinden, die uns von Natur aus anhaften.“ (S. 203) Hills Gedanken zur Heiligung stimme ich weitgehend zu, sie unterscheiden sich nur wenig von klassisch evangelikalen Sichtweisen. Dabei geht aber das grundlegendste Problem des Buchs weitgehend unter: Wenn Gott die Evolution geschaffen hat, dann stammt natürlich auch unser sündiger Lebensstil von Gott. Denn dann hat ja der Schöpfer selbst uns im Zuge der Evolution unter anderem mit einem „Reptiliengehirn“ ausgestattet, das uns „nur mit Fragen der Sicherheit, der Suche nach Nahrung und dem Verlangen nach Sex beschäftigt. Dieser Gehirnteil hat uns aber über unzählige Generationen hinweg am Leben erhalten und eine Weiterentwicklung möglich gemacht.“ (S. 153/154) Es ist dann also auch das Werk des Schöpfers, dass „die fortschreitenden Entwicklungen des Gehirns einerseits eine große Verbesserung, andererseits aber auch der Beginn von Manipulation, Nötigung und Lüge“ waren. (S. 155)

Unsere sündigen Verhaltensweisen sind in Hills Ansatz also nicht ein Ergebnis des Sündenfalls, sondern ein wichtiger Evolutionsmotor und damit ein wichtiges Element im göttlichen Schöpfungsprozess. Wenn wir Christen heute einen maßvollen Lebensstil entwickeln und sexuelle Treue bzw. Enthaltsamkeit im außerehelichen Bereich leben wollen, dann kämpfen wir somit gegen genau die Triebe an, die Gott selbst benutzt hat, um uns zu erschaffen:

  • „Es ist nicht ohne Bedeutung, dass unsere männlichen Jäger- und Sammler-Vorfahren häufig Sex hatten und auf der Suche nach mehr Partnerinnen ihre Familien verließen.“ (S. 144/145)
  • „Viele unserer Triebe, von der Lust aufs Essen bis zum Verlangen nach Sex, waren für unsere Vorfahren überlebenswichtig.“ (S. 145)
  • „Lebewesen, die früher nicht dadurch auffielen, dass sie ständig essen und Sex haben wollten, sind ausgestorben.“ (S. 146)

Wir Menschen sind demnach also die Sieger eines rücksichtslosen, animalischen evolutionären Verdrängungskampfes, den Gott selbst so auf den Weg gebracht hat. Und zu diesem Schöpfungswerk sagt Gott, dass wir „sehr gut“ und nach Gottes Ebenbild geschaffen sind?

Ist der Mensch gottesebenbildlich und einzigartig?

Damit sind wir bei einem weiteren schwerwiegenden Problem in Hills Modell. Für ihn ist klar: „Obwohl Homo sapiens erst relativ kurz auf der Erde existiert, haben wir uns in rasantem Tempo entwickelt und ein Ende dieser Entwicklung ist nicht in Sicht.“ (S. 117) Wenn der Evolutionsprozess des Menschen demnach immer noch weiterläuft, dann wirft das Fragen auf: Gibt es dann heute schon Menschen, die höher entwickelt sind als andere? Sind denn nicht alle Menschen gleich? Werden zukünftige Menschen auf Jesus zurückschauen und in ihm einen unterentwickelten Vormenschen sehen? Was bedeutet das für die biblische Lehre von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen und für die Wiederkunft Jesu?

Und inwiefern ist der Mensch noch einzigartig, wenn er eigentlich nur ein weiterentwickeltes Tier ist? Hill schreibt dazu: „Aber da wir Menschen gemeinsame Vorfahren mit den höherentwickelten Tieren haben, wurde Jesus nicht nur Mensch, er wurde auch ein Tier – wodurch alle Tiere etwas ganz Besonderes sind, denn Gott wurde einer von ihnen. … Jesus betrat die Erde auch nicht als irgendein Tier, sondern als menschliches Tier.“ (S. 202) Hill möchte also die Tiere aufwerten, indem er zwischen Mensch und Tier nur graduelle statt prinzipielle Unterschiede sieht. Aber wird damit der Mensch nicht zwangsläufig auch abgewertet? Und wollte Jesus sich wirklich auch mit den Tieren identifizieren?

In der Bibel ist Jesus zwar tatsächlich der Löwe von Juda und das geschlachtete Lamm. Aber mit diesen Bildern wollte die Bibel sicher nicht sagen, dass Jesus und wir Menschen letztlich nur höher entwickelte Formen innerhalb des Tierreichs sind. Die Gottesebenbildlichkeit des Menschen mit allen Konsequenzen für seine unveräußerliche Würde und für seine einzigartige Verantwortung, für die er im Gericht zur Rechenschaft gezogen wird, ist in der Bibel ausschließlich dem Menschen vorbehalten.

Ist der Glaube an die Evolution eine Befreiung?

Das Buch enthält ein Nachwort der Übersetzerin, in dem sie schildert, wie sie aufgrund ihres christlich-konservativen Hintergrunds zunächst mit dem Inhalt des Buchs gefremdelt hat. Dann aber wurde sie „in eine neue Freiheit geführt“ (S. 205), die es ihr jetzt ermögliche, auch Widersprüche zwischen der Bibel und wissenschaftlichen Erkenntnissen sowie innerbiblische Widersprüche fröhlich stehen zu lassen, ohne dass ihr Glaube beeinträchtigt werde. Dabei seien ihr Publikationen und Vorträge von Worthaus, Siegfried Zimmer, Thorsten Dietz und anderen eine große Hilfe gewesen.

Mir ging es nach der Lektüre des Buchs genau umgekehrt. Deutlicher als je zuvor stand mir vor Augen, in welch grundlegende Widersprüche und Schwierigkeiten man gerät, wenn man die Evolutionstheorie mit der Bibel vereinbaren will. Angesichts der gewaltigen Probleme, unter denen die Evolutionstheorie insgesamt leidet, kann ich auch nicht erkennen, inwiefern denn die Übernahme des Evolutionsmodells ins christliche Weltbild eine Befreiung sein soll? Wovon werde ich denn da befreit?

Richtig ist natürlich: Glaube und Wissenschaft können und sollen Hand in Hand gehen. Wir Christen sollten uns ehrlich den wissenschaftlichen Fakten stellen und intellektuell redlich mit ihnen umgehen. Faktenresistenz und Wissenschaftsfeindlichkeit kann keine christliche Antwort sein. Es waren ja vielfach tiefgläubige Christen, die die Erfolgsgeschichte der modernen Wissenschaft vorangetrieben haben. Aber eine undifferenzierte Wissenschaftsgläubigkeit, die blind ist gegenüber den offenkundigen Problemen der Evolutionstheorie und die auch nicht die philosophischen Paradigmen kennt, die die heutige Dominanz des Evolutionsmodells verursachen, kann ganz sicher auch kein Weg sein, den wir Christen beschreiten sollten.

Angesichts der vielen ungeklärten Fragen in der Ursprungsforschung empfinde ich es als befreiend, mein Weltbild nicht allein von unserem vorläufigen und sich rasch wandelnden Weltwissen abhängig machen zu müssen. Vielmehr darf ich aus guten Gründen und guten Gewissens der Schrift das letzte Wort geben, wenn es um die existenziellen Fragen nach dem „woher“ und „wohin“ des Menschen geht.

Das Buch „Und Gott schuf die Evolution“ von Matthew Nelson Hill ist bei Gerth Medien erschienen und kann hier bestellt werden.

Eine Kurzversion dieser Rezension ist in IDEA 11.2022 erschienen.

Weiterführende Hinweise:

Was macht Kirche zur Kirche? – 5 Biblische Basics im Fokus

Der nachfolgende Text ist ein gekürztes Skript zu einem Vortrag, der am 18.02.2022 in der Stadtkirche in Freudenstad gehalten wurde im Rahmen einer Veranstaltung von “Lebendige Gemeinde Christusbewegung” in der württembergischen Landeskirche. Der Vortrag kann auf YouTube angesehen oder als Audio angehört werden:

Selten wurde der Relevanzverlust der großen Kirchen so deutlich wie in der Corona-Pandemie. Kirchliche Antworten auf die Krise wurden kaum wahrgenommen. Viel eher wurde diskutiert, ob es denn gerechtfertigt ist, dass Gottesdienste von den 2G- und 3G-Regelungen ausgenommen werden – so als ob Gottesdienste letztlich das Gleiche wären wie Sport- oder Kulturveranstaltungen. Aber genau so werden wir offenbar von immer mehr Menschen wahrgenommen. Das wirft natürlich die Frage auf: Was ist der Grund für diesen Relevanzverlust? Und vor allem: Wie kann unsere Kirche wieder an Relevanz gewinnen? Wie gewinnt sie wieder an Profil? Wie kann sie wieder hoffnungsvolle Zukunftsperspektiven entwickeln?

Genau diese Frage hatte sich die EKD-Synode im Jahr des Reformationsjubiläums 2017 gestellt. Das Schwerpunktthema lautete: Zukunft auf gutem Grund. Wie kann die Kirche wieder Zukunft gewinnen? Im Ergebnis entstand ein Papier, das 4 Zukunftsaufgaben definiert:

  1. Vielfältige Beteiligung am Leben der Kirche fördern
  2. Zeitgemäß kommunizieren
  3. Ökumenische Einheit vertiefen
  4. „Kirche neu denken“.

Unter Punkt 4 wurde z.B. verstanden: „Innovative Formen in der Aus-, Fort- und Weiterbildung“, „Neue Freiräume für neue Ideen und für mehr Vielfalt“, „Neue, ergänzende oder alternative Formen der Beteiligung bzw. der Zugehörigkeit zur Kirche“. In einem Zeitungsbericht zur Synode wurden diese Überlegungen mit den folgenden Fragen konkretisiert: „Müssen Gottesdienste kürzer und knackiger werden? Oder braucht es eine »Mitgliedschaft light« für Menschen, die noch zögern?“

Da stellt sich natürlich die Frage: Können solche Ansätze der Kirche wirklich helfen, aus der Krise zu kommen? Sicher ist: Einfache Antworten auf die Herausforderungen der Kirche gibt es nicht. Säkularisierung, Individualisierung und Polarisierung sind mächtige Megatrends unserer Zeit, unter denen alle traditionellen Institutionen leiden. Aber was ich wirklich vermisse bei diesen Überlegungen ist die Frage: Wäre es nicht sinnvoll und angemessen, einmal viel intensiver in der Bibel nach Antworten zu suchen auf die großen Herausforderungen, vor denen unsere Kirche steht?

In der Bibel finden wir ja eine unfassbare Erfolgsgeschichte von einer jungen christlichen Bewegung, die es tatsächlich geschafft hat, in weniger als 300 Jahren den gesamten damals bekannten Mittelmeerraum zu durchdringen. Dabei waren die Startvoraussetzungen für die Kirche damals deutlich schlechter als heute. Die frühe Kirche hatte nicht die Möglichkeit, ihre Botschaften medial zu verbreiten. Sie hatte kein bezahltes Personal, keine Gebäude und keinerlei Machtmittel. Und auch damals war der Zeitgeist in keinster Weise auf der Seite der Kirche. Die Botschaft der Kirche wurde als Torheit und als Ärgernis empfunden, schrieb Paulus. Mehr noch: Diese Bewegung war härtester Verfolgung ausgesetzt. Man sagt, dass die ganze zweite Generation der urchristlichen Bewegung in irgendeiner Form mit Märtyrertum in Berührung gekommen ist. Also wenn es die Kirche einmal wirklich schwer hatte, dann damals. Umso mehr sollte es sich doch lohnen, die Frage zu stellen: Wie war denn diese Kirche gestrickt, die es trotz all dieser Widerstände geschafft, sich nicht nur zu behaupten sondern sich auch noch massiv auszubreiten und die Grundlage zu legen für eine weltweit prägende Bewegung? Was finden wir darüber in der Bibel? Und was können wir heute für uns daraus lernen?

Ich will dazu 5 Themen beleuchten, die für die Botschaft und das Selbstverständnis dieser jungen, christlichen Bewegung absolut grundlegend waren. Es handelt sich im Grunde um 5 biblische Selbstverständlichkeiten, die quer durch das Neue Testament so eindeutig und klar bezeugt sind, dass man sich die damalige Kirche ohne diese Punkte nicht vorstellen kann. Kirche war dort, wo diese 5 Themen bezeugt, gefeiert und gelebt wurden. Das 1. Thema lautet:

1. Kirche ist dort, wo Jesus als Herr verehrt wird

Die ersten Christen haben bekannt: Jesus ist Herr! Er ist auferstanden, aufgefahren in den Himmel, er sitzt zur Rechten Gottes und er regiert. Eines Tages, wenn er wiederkommt als Richter, wird sich vor ihm jedes Knie beugen und jede Zunge wird bekennen, dass er der Herr ist. Und: Wenn du mit deinem Mund bekennst: »Jesus ist der Herr!« Und wenn du aus ganzem Herzen glaubst: »Gott hat ihn von den Toten auferweckt!« Dann wirst du gerettet werden“ (Römer 10, 9). Das war das Bekenntnis der ersten Christen.

Dieses Bekenntnis war verwurzelt in der zentralen Botschaft, die Jesus selbst überall verbreitet hat. In Markus 1, 14-15 heißt es: Danach kam Jesus nach Galiläa und verkündete die Gute Nachricht von Gott. Die von Gott bestimmte Zeit ist da. Sein Reich kommt jetzt den Menschen nahe. Ändert euer Leben und glaubt dieser Guten Nachricht!“ Das Reich Gottes stand also im Mittelpunkt der Botschaft Jesu.

Laut der Basis-Bibel bedeutet der Begriff „Reich Gottes“ wörtlich: »Königsherrschaft Gottes«. Das bezeichnet den Herrschaftsbereich, in dem sich Gottes Wille durchsetzt. Genau das hat Jesus uns ja auch beten gelehrt: „Dein Reich komme!“ Das heißt: „Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.“ Es geht hier also um die Frage: Geht es nach unserem Willen? Oder gilt der Wille Gottes? Jesus hat nicht nur in diesem Gebet völlig klar gemacht: Reich Gottes ist dort, wo der Wille Gottes geschieht, wo er das Sagen hat, wo seine Gebote gelten und beachtet werden. Deshalb rief Jesus die Menschen zur Umkehr. Er hat die Menschen aufgefordert: Lebt nicht mehr so, wie ihr das für richtig haltet. Folgt nicht mehr eurem Herzen sondern fragt nach dem Willen Gottes. Es geht also buchstäblich um einen Herrschaftswechsel. Nicht mehr wir selbst sitzen auf dem Thron unseres Lebens sondern sein Wille soll geschehen. Seine Gebote sollen für uns gelten.

Entsprechend hat Jesus im Missionsbefehl gesagt: „Lehrt sie, alles zu tun, was ich euch geboten habe!“ (Matth.28,19) Menschen zu Jüngern machen hat für Jesus bedeutet, dass Menschen lernen und beachten, was Gottes Wille ist. Seine Jünger sollten ihr ganzes Leben nach seinen Geboten ausrichten. Dieses Evangelium vom Reich Gottes enthält also nicht nur den Zuspruch der Gnade und der Vergebung, es enthält auch einen Anspruch: Wir können nicht Gottes Gnade und Vergebung genießen und zugleich weiter uns selbst gehören und unser eigenes Ding drehen. Jesusnachfolger bekennen: Wir gehören IHM! ER hat das Sagen! Wir orientieren uns an ihm und an seinen Worten.

Natürlich ist diese Botschaft eine Herausforderung in einer Zeit, in der die Autonomie und das Selbstbestimmungsrecht des Menschen so stark betont wird wie noch nie. Aber die Bibel macht überdeutlich: Die Botschaft von der Herrschaft Jesu war keine Nebensache im Neuen Testament sondern eine elementare Grundlage des Evangeliums. Sie hat unaufgebbar zur DNA der jungen christlichen Bewegung gehört. Und wir sollten uns deshalb fragen: Wie gehen wir heute mit diesem Bekenntnis um? Kann es überhaupt Kirche geben ohne den Ruf zur Unterordnung unter Gottes Herrschaft?

2. Kirche ist dort, wo Menschen zur Nachfolge Jesu eingeladen werden

Schauen wir uns noch einmal diesen Befehl im Ganzen an, den Jesus seinen Jüngern bei seinem Abschied mitgegeben hat:

Gott hat mir alle Macht gegeben, im Himmel und auf der Erde. Geht nun hin zu allen Völkern und ladet die Menschen ein, meine Jünger zu werden. Tauft sie im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes! Und lehrt sie, alles zu tun, was ich euch geboten habe!“ (Matthäus 28, 18+19)

Eigentlich ist dieser Befehl Jesu vollkommen absurd. Da spricht ein unbekannter Wanderprediger in einem unbedeutenden Landes zu 11 unbedeutenden, einfachen Menschen und sagt ihnen: Geht zu allen Völkern und ladet sie ein, meine Nachfolger zu werden. Ist Jesus etwa größenwahnsinnig? Scheinbar schon. Jesus hatte dazu ja noch eine vollkommen aberwitzige Ankündigung gemacht: Seine Worte werden nicht vergessen, im Gegenteil: Seine Botschaft wird in der ganzen Welt gepredigt werden. Dabei hatte Jesus nicht einmal ein einziges Wort aufgeschrieben! Ohne Frage ist das eine dieser Vorhersagen in der Bibel, deren Erfüllung aus damaliger menschlicher Sicht völlig unmöglich war. Aber die atemberaubende Wahrheit ist: Heute stehen wir kurz davor, dass diese Vorhersage buchstäblich in Erfüllung geht und jedes Volk auf der Erde die Worte Jesu in seiner Sprache lesen kann. Ich finde: Ein Buch, das solche Vorhersagen macht, hat wahrlich unser Vertrauen verdient.

Aber wir sollten uns auch fragen: Warum ist denn diese Vorhersage in Erfüllung gegangen? Die Antwort ist klar: Die Jünger Jesu haben den Missionsbefehl absolut ernst genommen. Er war tief in ihnen verankert. Schon bei der Berufung von Petrus und seinem Bruder Andreas hat Jesus klar gemacht, was er mit ihnen vorhat: »Kommt, folgt mir! Ich mache euch zu Menschenfischern!« (Markus 1, 17) DAS war von Anfang an das große Ziel, das Jesus mit ihnen hatte. Und genau das haben sie in beeindruckender Weise umgesetzt. Der Missionsauftrag hat die junge christliche Bewegung entscheidend geprägt. Und wir müssen uns deshalb auch heute fragen: Ist Kirche eigentlich noch Kirche, wenn sie diesen Auftrag aus dem Fokus verliert?

3. Kirche ist dort, wo der stellvertretende Opfertod Jesu gepredigt wird

Es gibt ein Thema, das sich wie ein großer roter Faden quer durch die ganze Bibel zieht: Das Thema vom stellvertretenden Opfertod.

  • Schon in der biblischen Urgeschichte muss ein Tier sterben, damit Gott die Scham von Adam und Eva durch Tierfelle bedecken kann.
  • Anstelle von seinem Sohn darf Abraham ein Schaf opfern, und zwar genau an dem Ort, an dem später der himmlische Vater tatsächlich seinen Sohn sterben sah.
  • Beim Auszug Israels aus Ägypten musste Israel das Blut des geschlachteten Passahlamms an den Türrahmen streichen, um vor dem Gericht Gottes gerettet zu werden.
  • In vielen alttestamentlichen Opferriten kommt immer wieder auch der stellvertretende Charakter des sterbenden Tiers zum Ausdruck.
  • Jesaja widmet fast ein ganzes Kapitel dem stellvertretenden Opfertod des Gottesknechts und sagt dabei deutlich: „Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten.“ (Jesaja 53, 5)
  • Johannes der Täufer stellt Jesus mit den Worten vor: „Seht doch! Das ist das Lamm Gottes. Es nimmt die Sünde dieser Welt weg!“ (Johannes 1, 29)
  • In der Abendmahlseinsetzung sagt Jesus: „Mein Blut wird für die vielen vergossen werden zur Vergebung ihrer Sünden.“ (Matthäus 26, 28)
  • Im Römer- und Hebräerbrief beschäftigen sich ganze Kapitel mit dem stellvertretenden Sühneopfer.
  • Und schließlich lesen wir in der Offenbarung gleich 28-mal, dass Jesus das geschlachtete Lamm ist, in dessen Blut die Heiligen ihre Gewänder reingewaschen haben.

Die Lehre vom stellvertretenden Opfertod ist somit absolut kein Randthema in der Bibel. Entsprechend war sie auch kein Randthema in der frühen Kirche. Der Theologe Ron Kubsch schreibt: „Das Verständnis von Jesu Tod als stellvertretende Sühne war seit jeher in der Kirchengeschichte das allgemeine Verständnis der biblischen Texte.“ Genau in diese Tradition stellt sich heute auch die Evangelische Allianz, wenn sie in ihrer Glaubensbasis bekennt: Jesus Christus, der Mensch gewordene Sohn Gottes, ist stellvertretend für alle Menschen gestorben. Sein Opfertod allein ist die Grundlage für die Vergebung von Schuld, für die Befreiung von der Macht der Sünde und für den Freispruch in Gottes Gericht.“

Aber trotz dieses breiten biblischen Befunds und dieses klaren Bekenntnisses höre ich heute selbst in Allianzkreisen immer wieder ganz andere Aussagen. Da wird dann z.B. gesagt: Die Motive von der Sühne und vom stellvertretenden Opfertod wären nur menschliche Deutungsversuche des Kreuzestodes. Daneben hätte es ja viele andere Deutungsversuche gegeben. Die stellvertretende Sühne hätte sowieso im Christentum zunächst gar keine besondere Rolle gespielt, sie wäre erst von Anselm von Canterbury im 11. Jahrhundert ins Zentrum gerückt worden. Ich muss sagen: Ich kann mich nur wundern über solche Aussagen. Ja, es stimmt, dass es im Neuen Testament verschiedene Bilder und Begriffe gibt, um die Bedeutung des Kreuzestodes zu beschreiben. Da ist die Rede von Sühnung, Erlösung, Rechtfertigung und Versöhnung. Aber der Theologe John Stott sagt dazu zurecht: „Wenn Gott in Christus nicht an unserer Stelle gestorben wäre, könnte es weder Sühnung noch Erlösung, weder Rechtfertigung noch Versöhnung geben.“ Das heißt: Die Stellvertretung steht bei allen diesen Begriffen im Zentrum.

Deshalb ist der stellvertretende Charakter des Opfertods Jesu ein unaufgebbarer Kernbestandteil des Evangeliums! Er gehört zum innersten Kern unseres christlichen Glaubens. Wer diese Botschaft verändert, der verpasst dem Christentum nicht etwa nur einen moderneren Haarschnitt, sondern der nimmt eine Herztransplantation vor mit weitreichenden Konsequenzen: Es ist eben ein gewaltiger Unterschied, ob Jesu Tod am Kreuz ein wirksames Opfer zur Vergebung unserer Schuld ist oder nur ein Akt der Solidarität mit den Leidenden. Das Kreuz will uns Menschen damit konfrontieren, dass wir ein Schuldproblem haben, dass wir Sünder sind, dass wir Gnade brauchen. Wenn unsere Botschaft aber nur noch in der Liebe und Annahme Gottes besteht, dann braucht es keine Rechtfertigung mehr. Und ohne Rechtfertigung verlieren wir die Gnade. Und ohne Gnade wird unser Glaube moralistisch und selbstbezogen.

Deshalb brauchen wir auch heute noch dieses Evangelium, das uns vom hohen Ross unserer Selbstgerechtigkeit holt und uns darauf hinweist, dass wir ohne die Rechtfertigung aus Gnade verloren sind und Rettung brauchen. Wir müssen uns deshalb schon die Frage stellen: Was macht es mit der Kirche, wenn sie diese Botschaft vom stellvertretenden Opfertod verliert?

4. Kirche ist dort, wo Gottes Wort gehört und verkündigt wird

Auch dieses Thema zieht sich wie ein roter Faden durch die ganze Bibel: Gott spricht. Gott offenbart sich. Gott spricht die Menschen an durch die Propheten, die Apostel, durch Menschen, die seinen Geist in sich tragen, und vor allem durch Jesus selbst. Wir Christen haben dieses Reden Gottes heute vorliegen in Form dieses Buchs, das Christen die Heilige Schrift nennen. Heilig heißt: Dieses Buch ist anders als alle anderen Bücher. Es ist zwar ganz Menschenwort, aber es ist zugleich eben auch ganz offenbartes Gotteswort und deshalb absolut maßgeblich für unseren Glauben und für die Kirche.

Die evangelische Allianz hat das in ihrer Glaubensbasis so zusammengefasst: „Die Bibel … ist Offenbarung des dreieinen Gottes. Sie ist von Gottes Geist eingegeben, zuverlässig und höchste Autorität in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung.“ Auch hier greift die evangelische Allianz etwas auf, was in der Bibel selbst zutiefst verankert ist. Das Konzept, dass die biblischen Texte von Gott inspiriert sind, ist ja keine Erfindung der Reformation oder der evangelischen Allianz. Es ist erst recht keine Idee von irgendwelchen Fundamentalisten. Das Verständnis der biblischen Texte als inspiriertes Gotteswort wird von der Bibel selbst durchgängig bezeugt.

Das sieht man z.B. daran, wie das Neue Testament mit dem Alten Testament umgeht: Etwa 9 % des Neuen Testaments besteht aus Zitaten oder direkten Anspielungen auf das Alte Testament. Wendungen wie „Es steht geschrieben“ oder „Die Schrift sagt“ oder „Der Prophet sagt“ oder „Im Gesetz heißt es“ sind im Neuen Testament immer Autoritätsformeln, bei denen davon ausgegangen wird: Somit gilt das! Somit ist das eindeutig wahr!

Jesus selbst hat immer wieder diese Frage gestellt: Habt ihr nicht gelesen? Das heißt: Jesus hat wie alle frommen Juden damals mit dem Schriftbeweis argumentiert. Ein Schriftbeweis funktioniert natürlich nur, wenn die Schrift absolute Autorität hat. In Matthäus 5, 18 sagt Jesus auch ganz direkt: „Ich versichere euch: „Solange der Himmel und die Erde bestehen, wird selbst die kleinste Einzelheit von Gottes Gesetz gültig bleiben.“ Jesus war wahrlich kein Bibelkritiker! Er hat zwar einige Inhalte durch sein Erlösungswerk in ein neues Licht gerückt. Aber er hat sich trotzdem voll und ganz zur Autorität des Alten Testaments gestellt.

Paulus hat zudem in 2. Timotheus 3, 16 ganz allgemein formuliert: „Die ganze Schrift ist von Gott eingegeben.“ Wörtlich steht hier: Gottgehaucht. Geistdurchhaucht. Der Theologe Prof. Gerhard Maier schreibt dazu: „Im Neuen Testament wird das gesamte damalige ‚Alte Testament‘ … als von Gott eingegeben aufgefasst.“ Für die Autoren des Neuen Testaments waren „die beiden Wendungen ‚Die Schrift sagt‘ und ‚Gott sagt‘ untereinander austauschbar.“

Genau diesen extrem steilen Anspruch hat Petrus später auch auf die Briefe von Paulus bezogen, als er sie als „Schrift“ bezeichnet hat (2. Petrus 3, 16). Und im drittletzten Vers der Bibel, in Offenbarung 22, 18-19 finden wir unter Androhung von Gericht die Aussage: Diesem prophetischen Buch darf auf keinen Fall irgendetwas weggenommen oder hinzugefügt werden. Was für ein Anspruch! So etwas dürfte seither kein Theologe dieser Welt je wieder über seine Schriften sagen. Daran wird deutlich, welch einzigartigen Autoritätsanspruch diese biblischen Texte haben und sich auch gegenseitig zusprechen.

Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass schon die ersten Christen zutiefst in den Worten der Bibel verwurzelt waren und ihr höchste Autorität zugesprochen haben. Es war absolut zentral für sie, diese Worte Gottes weiterzugeben. Diese ersten Christen hatten etwas wichtiges verstanden: Die Kirche hat keine eigene Botschaft. Die Kirche ist nur Botschafterin an Christi statt. Sie kann nur deshalb Antworten geben auf die letzten, existenziellen Fragen der Menschen, weil sie aus einer Offenbarungsquelle schöpft. Denn ohne Offenbarung können wir Menschen nun einmal nichts wissen über Gott oder über die Frage, woher wir kommen, wohin wir gehen und was nach dem Tod geschieht. Die Menschen haben ein feines Gespür dafür, ob Kirche aus der Autorität einer offenbarten und zeitlosen Wahrheit heraus spricht oder ob sie nur eigene Meinungen verbreitet. Und persönlich muss ich sagen: Ich stehe gerne Sonntagmorgens auf, um Gottes Wort zu hören. Aber ich würde niemals Sonntagmorgens aufstehen, um die Meinung eines Predigers zu hören. Und wir müssen uns meines Erachtens nicht wundern, wenn Menschen nicht mehr in den Gottesdienst kommen, wenn man dort nur noch Meinungen hört, die man tags zuvor womöglich auch schon im Fernsehen gehört hat.

Deshalb sollten wir uns wirklich die Frage stellen: Kann Kirche überhaupt Kirche sein ohne diese feste Bindung an Gottes Wort? Und was bedeutet das für die Ausbildung unserer zukünftigen Gemeindeleiter?

5. Kirche ist dort, wo Gott geliebt wird

Auch wenn wir als Kirche die Herrschaft Jesu betonen, auch wenn wir mit Leidenschaft Menschen in die Nachfolge rufen, auch wenn wir das stellvertretende Sühneopfer in die Mitte des Evangeliums rücken und auch wenn wir die Bibel als Heilige Schrift und Gottes Wort hochhalten und predigen: All das wäre nichts wert ohne eine echte, gelebte, im Alltag praktizierte Liebe zu Gott. Das wird zum Beispiel deutlich in Offenbarung 2 im Sendschreiben an die Gemeinde in Ephesus. Das war eine großartige Gemeinde: Voller Tatendrang, voller Mühe, standhaft, mit einer gesunden Lehre. Aber dann heißt es in Vers 4: „Aber ich habe dir vorzuwerfen, dass du deine anfängliche Liebe aufgegeben hast.“ Und das Sendschreiben macht deutlich: Das ist kein nebensächliches Problem. Gott sagt deutlich: Wenn die Gemeinde daran nichts ändert, ist die Zukunft der Gemeinde gefährdet.

Paulus hat in 1. Korinther 8, 1 begründet, woran das liegt: „Die Einsicht allein macht überheblich. Nur die Liebe baut die Gemeinde auf.“ Anders ausgedrückt: Theologisches Verstandes­wissen ohne einen von Gottes Liebe und Gottes Geist geprägten Charakter macht arrogant und hartherzig. Damit wird auch klar, warum Jesus dieses Gebot der Gottesliebe an die alleroberste Stelle rückt, als er gefragt wurde nach dem wichtigsten Gebot: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele, mit deinem ganzen Denken und mit deiner ganzen Kraft.“ (Markus 12, 30) Und auch Paulus hat geschrieben: „Das Ziel meiner Unterweisung ist, dass alle Christen von der Liebe erfüllt sind.“ (1. Timotheus 1, 5) DAS war sein Fokus. Liebe war sein Ziel. Und das bedeutet: Alle anderen Basisthemen laufen letztlich auf dieses Thema zu.

Wenn aber dieses Thema der Liebe zu Gott für Jesus und Paulus ganz oben auf der Prioritätenliste stand, dann sollte es auch bei uns ganz oben auf der Tagesordnung stehen. Dann sollten wir uns fragen: Wie ist es um unsere Liebe zu Gott bestellt? Ist Gott nur ein theologisches Konstrukt in unserem Kopf? Oder kennen wir etwas von dieser Liebe, die der Heilige Geist in uns wecken will und die unser ganzes Leben prägen und erneuern soll. Das ist ohne Zweifel eine Frage, der sich die Kirche auch heute noch immer wieder stellen muss!

Was folgt daraus?

Lassen Sie mich noch einmal zurückkommen auf diese EKD-Synode aus dem Jahr 2017 und noch einmal die Frage stellen: Wie hat die Kirche Zukunft? Die Vorschläge lauteten: 1. Vielfältige Beteiligung 2. Zeitgemäß kommunizieren 3. Ökumene vertiefen, und: 4. „Kirche neu denken“ im Sinne von innovative, kreative Formen finden. Ohne Frage: Das sind alles gute Überlegungen! Aber mein Eindruck ist, dass unsere Probleme tiefer liegen. Meine Sorge ist, dass wir mit dieser Agenda nur an der Oberfläche unserer Probleme kratzen.

Vor 500 Jahren hat Martin Luther ein Papier mit 95 Thesen an die Kirche in Wittenberg geschlagen. Und ich frage mich manchmal: Welche Thesen würde er wohl heute an die Kirchentür schlagen? Ich weiß es nicht. Aber wir könnten jedenfalls aus diesen 5 biblischen Basisthemen 5 Thesen ableiten, die auch heute noch für die Kirche von zentraler Bedeutung sind:

  1. Jesus ist Herr! Seine Lehre ist absolut maßgeblich für uns!
  2. Unser zentraler Auftrag ist, Menschen in die Nachfolge Jesu zu rufen!
  3. Der stellvertretende Opfertod Jesu steht im Zentrum des Evangeliums!
  4. Das offenbarte Wort Gottes ist unser Maßstab für Glaube und Leben!
  5. Mittelpunkt der Kirche ist die gelebte Liebe zu Jesus Christus!

Warum ist es so wichtig, dass wir uns mit diesen Thesen auseinandersetzen? Im Marketing gibt es eine Regel: Content is king! Der Inhalt ist entscheidend! Wir können die tollste Werbekampagne starten und alles großartig designen und verpacken. Aber wenn der Inhalt schlecht ist, dann ist auf Dauer alles Drumherum vergebliche Liebesmüh. Deshalb wäre meine Empfehlung für unsere Kirche:

  • Bevor wir darüber nachdenken, wie wir möglichst viele Menschen beteiligen können – Wollen wir nicht erst einmal darüber nachdenken, was eigentlich der Auftrag der Kirche ist und woran wir die Menschen beteiligen wollen?
  • Bevor wir darüber nachdenken, WIE wir kommunizieren wollen – Wäre es nicht sinnvoller, erst einmal darüber nachzudenken, WAS wir eigentlich kommunizieren wollen?
  • Bevor wir Einheit mit anderen Kirchen suchen – was ich gut finde! – Sollten wir nicht zuerst einmal darüber nachdenken, was eigentlich uns als Kirche eint, was uns zusammenhält und was unsere gemeinsame Basis ist?
  • Und vor allem: Bevor wir uns mit den äußeren Formen der Kirche befassen – Sollten wir uns nicht zuerst einmal mit dem Inhalt der Kirche befassen und uns fragen: Was macht uns eigentlich als Kirche aus? Was macht Kirche zur Kirche?

Mir ist schon klar: Diesen 5 Thesen nachzugehen könnte einen schmerzlichen Prozess auslösen. Vielleicht würden wir an einigen Stellen merken, dass wir uns doch deutlich entfernt haben von dem, was für die ersten Christen so selbstverständlich und unaufgebbar war und was auch heute noch für so viele wachsende Kirchen in der ganzen Welt ganz selbstverständliche Basisüberzeugungen sind. Aber ich fürchte: Wenn wir uns diesen 5 Thesen nicht stellen, dann bleiben auch alle anderen Bemühungen oberflächlich und letztlich vergeblich. Denn hier geht es um die Themen, die das Herz und das Wesen der Kirche berühren und die die Kirche zur Kirche machen.

Deshalb würde ich mir eines wünschen: Lassen Sie uns heute, hier und jetzt anfangen, diese Themen hochzuhalten und in den Mittelpunkt zu rücken. Wir können anfangen, sie in unserem eigenen Leben umzusetzen. Und wir können zu leidenschaftlichen Botschaftern dieser ewigen Wahrheiten werden. Ich bin überzeugt: Wenn wir das tun, dann werden das gleiche erleben wie das, was die junge Kirche damals erlebt hat. Wir werden erleben: Wo Kirche sich an diesen biblischen Grundlagen orientiert, da hat sie Zukunft, ganz egal, wie sehr ihr der Wind ins Gesicht bläst. Denn Jesus selbst hat versprochen, dass er sich zu seiner Kirche stellt. Er hat es damals getan. Er wird es ganz sicher auch heute tun. Lassen Sie uns gemeinsam beten und arbeiten dafür, dass überall in unserem Land Orte entstehen, an denen Jesus als der Herr verehrt wird, an denen Menschen zur Nachfolge eingeladen werden, an denen sie davon hören, dass Jesus für unsere Schuld gestorben ist, an denen sie in Kontakt kommen mit diesem kraftvollen Wort Gottes und an denen sie sich verlieben in diesen unglaublichen Gott, der aus Liebe zu uns sein Leben gegeben hat. Von solch einer Kirche träume ich. Lassen Sie uns gemeinsam beten und arbeiten dafür, dass dieser Traum wahr wird um der Ehre Gottes willen und um der Menschen willen, die dieses Evangelium so dringend hören müssen.

Weiterführende Artikel:

Wie denkt Gott über unsere Gemeinden?

5 beunruhigende Beobachtungen in den 7 Sendschreiben

Hast Du Dir schon einmal die Frage gestellt, was Gott wohl über den Zustand Deiner Gemeinde denkt? Meine Beobachtung ist: Wir stellen uns diese Frage kaum. Vielleicht denken wir ja: Diese Frage ist sinnlos. Wir können sowieso nicht wissen, was Gott über uns denkt. Das stimmt zwar. Allerdings gab es einmal sieben Gemeinden, die tatsächlich einen Brief von Gott bekommen haben – mit sehr konkreten Ansagen zu ihrem Zustand.

Der Inhalt dieser sogenannten „Sendschreiben“ hat mich beunruhigt. Stil und Inhalt wollen so gar nicht zu dem Bild passen, das wir gemeinhin von Gott verbreiten. Ist Gott vielleicht anders, als wir denken?

Schon klar: Die 7 Sendschreiben müssen in den gesamtbiblischen Kontext eingeordnet werden. Und natürlich müssen wir sie vor dem historischen Hintergrund der damaligen Gemeinden verstehen. Trotzdem: Wenn die Bibel wirklich unsere korrigierende Richtschnur sein soll, dann dürfen wir die Wucht ihrer Aussagen auch nicht immer gleich durch Historisierung und Kontextualisierung entschärfen und denken, dass das nichts mehr mit uns zu tun hätte. Schließlich beten wir noch immer zu dem gleichen Gott. Und die Gemeinden bestanden damals wie heute aus Menschen wie Du und ich.

Also schnall Dich an. Hier kommen 5 beunruhigende Beobachtungen zu der Frage, wie Gott über konkrete Gemeindesituationen denkt:

1. Mehr Tadel als Lob

In unserer heutigen christlichen Erbauungsliteratur steht Ermutigung, Trost und Zuspruch im Vordergrund. Das passt für uns zur biblischen Aussage, dass Gott die Menschen liebt. Aber deckt sich das auch mit den Sendschreiben? Die nüchterne Bilanz sieht so aus: Die 7 Sendschreiben enthalten 18 Verse mit Tadel und Aufrufen zur Umkehr. Dem stehen nur 14 Verse mit Lob und Ermutigung gegenüber. Mehr Tadel als Lob – das scheint für Gott kein Widerspruch zu seiner Liebe zu sein, denn er sagt: Alle, die ich liebe, weise ich zurecht und erziehe sie streng.“ (3,19) Puh. Neigen wir vielleicht dazu, Gottes Umgang mit uns schönzufärben? Haben wir womöglich eine einseitige Vorstellung davon, was Gott unter Liebe versteht?

2. Warnung vor Gericht

Ein richtender Gott kommt heute nur noch selten in Predigten vor. Wie sieht das in den Sendschreiben aus? Vier der sieben Gemeinden werden vor einem harten Gottesgericht gewarnt: „Wenn du dich nicht änderst, werde ich gegen dich vorgehen und deinen Leuchter von seinem Platz stoßen.“ (Ephesus/2,5) „Ändere dich also! Sonst werde ich bald gegen dich vorgehen.“ (Pergamon/2,16) „Auch ihre Anhänger werde ich in den Tod schicken“ (Thyatira/2,23; es geht um eine in der Gemeinde auftretende Prophetin). „Doch du bist lauwarm, weder heiß noch kalt. Darum will ich dich aus meinem Mund ausspucken.“ (Laodizea/3,16) Wenn das kein harter Tobak ist. Müssen wir uns vielleicht mit dem Gedanken anfreunden, dass Gott immer noch mit Gericht reagiert, wenn sein Volk nicht auf ihn hört? Könnte es sein, dass somit Gott selbst für den Niedergang von so manchen Kirchen und Gemeinden verantwortlich ist?

3. Das wichtigste Thema: Falsche Lehre

Das offene, namentliche Ansprechen von falscher Lehre findet man heute selten in christlichen Publikationen. Wie steht es um dieses Thema in den Sendschreiben? Die schockierende Wahrheit ist: Es nimmt fast ein Drittel der Texte[1] ein und ist somit das dominanteste Thema überhaupt! In 10 der 32 Verse werden drei der sieben Gemeinden entweder gelobt oder getadelt, weil sie falsche Lehre bzw. Lehrer entweder entlarvt haben oder aber gewähren lassen. Es geht um falsche Apostel, eine falsche Prophetin, um eine Lehre, die sich mit den „Tiefen des Satans“ befasst und um die „Nikolaiten“, die die Freiheit in Christus als Erlaubnis für sexuelle Freizügigkeit missverstanden[2] (wie hochaktuell!). Dazu sagt Gott zu den Ephesern: Allerdings spricht für dich, dass du das Treiben der Nikolaiten genauso hasst, wie ich es hasse.“ Da frage ich mich: Wann habe ich in christlichen Kreisen zuletzt eine Ermutigung zur Zurückweisung falscher Lehre gehört?

4. Entscheidend sind Taten

In unseren reformatorisch geprägten Kirchen steht die Erkenntnis im Vordergrund, dass wir allein durch Glauben, nicht durch Taten gerettet werden. Wie sieht das in den Sendschreiben aus? Fünf der sieben Ansprachen an die Gemeinden beginnen mit den Worten: „Ich kenne deine Taten.“ (2,2; 2,19; 3,1; 3,8; 3,15) Anhand der Taten werden dann drei Gemeinden gelobt und zwei Gemeinden getadelt. Besonders schockierend der Satz an die Gemeinde in Thyatira: „Jedem von euch werde ich das geben, was seinen Taten entspricht.“ (2,23) Haben wir hier etwa Werkgerechtigkeit vor uns? Im gesamtbiblischen Kontext sicher nicht. Aber wir sollten vielleicht doch noch einmal gründlich lesen, was Jakobus uns zum Thema Glaube lehrt: Glaube, der sich nicht in Taten zeigt, ist tot! (Jak. 2,17) Und wir sollten uns fragen: Was meint die Bibel eigentlich mit „Heiligung”? Welche Konsequenzen sollte unser Glaube für unseren praktischen Lebensstil haben?

5. Wir brauchen Standhaftigkeit im Kampf

Glaube als Kampf, in dem es darum geht, durchzuhalten und den Sieg zu erringen – ein derart olympischer oder militärischer Sprachgebrauch ist uns in Bezug auf das Christsein fremd. Wie ist das in den Sendschreiben? Gott macht den Christen aller Gemeinden dicke Versprechen von ewigem Heil und Teilhabe an Gottes Herrschaft. Sie gelten aber nur dem, der „siegreich ist und standhaft im Glauben“. Fünf der sieben Gemeinden werden schon zuvor für ihre Standhaftigkeit in Verfolgung und für das Festhalten an Gottes Botschaft gelobt. Dieses Thema wird insgesamt am öftesten erwähnt. Sind wir uns wirklich sicher, dass wir den Aufruf zur Standhaftigkeit gegenüber Versuchungen und Widerständen heute nicht mehr brauchen?

Schreck, lass nicht gleich nach!

Es geht in diesem Artikel nicht darum, Gottes väterliche Liebe, seinen Trost, seine Treue, seine Barmherzigkeit und Gnade zu relativieren. All das finden wir ja auch – Gott sei Dank – vielfach in der Bibel. Ich habe selbst sehr davon profitiert. Und doch glaube ich: Wir sollten uns die Fähigkeit bewahren, uns beunruhigen und aufschrecken zu lassen, wenn unser Bild von Gott den biblischen Realitäten widerspricht. Gott ist ganz offenkundig kein netter Opa, der uns immer nur anlächelt und tätschelt. Er ist heilig. Ein verzehrendes Feuer. Seine Gerichte sind buchstäblich zum Fürchten.

Ein heilsames Erschrecken könnte helfen, dass wir vernachlässigte Eigenschaften Gottes neu entdecken: Sein „Hass“ auf falsche Lehre. Seine Intoleranz gegenüber falschem Handeln. Seine Heiligkeit und Gerechtigkeit, die ihn durchaus auch gegen uns aufbringen kann, wenn wir seine Wege verlassen. Umso mehr brauchen wir Standhaftigkeit im Angesicht von Herausforderungen und Verführung. Dafür müssen wir fest verwurzelt sein in seinem Wort, damit wir merken, wenn unser Bild von Gott verrutscht und wir auf die schiefe Bahn geraten.

Eine offene, korrekturbereite Auseinandersetzung mit den sieben Sendschreiben könnte für diese Verwurzelung ein guter Anfang sein. Wie wäre es, wenn Du gleich jetzt die Bibel aufschlägst? Du findest die 7 Sendschreiben in Offenbarung 2 und 3. Ich wünsche Dir eine heilsam-beunruhigende Leseerfahrung.

Fußnoten

[1] Gemeint sind hier die Texte mit den konkreten Situationsbeschreibungen über die jeweiligen Gemeinden. Nicht mitgerechnet sind die Einleitungsformeln sowie die Verheißungen am Ende der Sendschreiben.

[2] Nachzulesen in der Erläuterung der Basis-Bibel

2022 – Woher kommt der Aufbruch?

Dieser Beitrag ist auch als Podcast verfügbar: https://bibel-live.aigg.de/2022-woher-kommt-der-aufbruch

„Es geht ohne Gott in die Dunkelheit…“ So sang es 1976 der christliche Liedermacher Manfred Siebald. Wenn er damit recht hat, dürfte es zunehmend düster werden in unserem Land. 2022 werden erstmals weniger als die Hälfte der Deutschen einer Kirche angehören. Der Religionssoziologe Detlef Pollack sieht Gesamtdeutschland damit vor einem Kipp-Punkt stehen, „von dem aus sich die Entkirchlichung wahrscheinlich beschleunigt.“[1] Der Rektor der pietistisch geprägten internationalen Hochschule Liebenzell Prof. Volker Gäckle ist sogar der Meinung, dass die volkskirchlichen Kipp-Punkte längst überschritten sind. Gemäß dem bekannten Philosophen Peter Sloterdijk befinde sich der Protestantismus wie Brennstäbe eines Atomkraftwerks im „Abklingbecken der Geschichte“. Da gäbe es zwar noch Restwärme, „aber es brennt hier nichts mehr und irgendwann ist auch die Restwärme Geschichte.“ Und Gäckle ergänzt: Auch der Pietismus befinde sich in einer „Situation der Windstille“. Man ringe um den Erhalt vieler Werke und Initiativen, die in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts in einer Phase des evangelikalen Aufbruchs entstanden sind. Aber man leide daran, dass „Gewissheiten wanken, die Flügel zerfasern.“ Das Klima sei „gereizt und nicht selten überhitzt“. Die Debatte drehe sich dabei längst nicht mehr nur um die Frage nach der Bewertung gleichgeschlechtlicher Sexualität sondern um viel zentralere Themen: „Gibt es ein letztes Gericht Gottes? Ist der Glaube an Jesus Christus das entscheidende Kriterium für Rettung und Verlorenheit? Ist die Heilige Schrift auch in geschichtlicher Hinsicht eine zuverlässige und vertrauenswürdige Grundlage für Glaube und Leben der Gemeinde? Darüber hat der Pietismus in den 60er- und 70er-Jahren mit der Ökumenischen Missionsbewegung und der liberalen Theologie auf Kirchentagen und Synoden gestritten. Heute streiten wir über ähnliche Fragestellungen im eigenen Laden.“[2]

Treffender kann man kaum zusammenfassen, was mich seit meiner Begegnung mit der Mediathek Worthaus im Jahr 2017 umtreibt. Ohne Zweifel trifft diese Situationsbeschreibung nicht nur auf den Pietismus zu. In vielen evangelikal geprägten Verbünden, Werken, Gemeinden und Gemeinschaften sieht es ähnlich aus. Die Corona-Krise hat dabei vielerorts wie ein Brandbeschleuniger gewirkt. Sie hat brüchige Einheit weiter untergraben und spärliches geistliches Leben weiter ausgedünnt oder gar ganz abgewürgt. Mich erinnern diese Vorgänge an Hebräer 12, 26b + 27:

„»Noch einmal werde ich nicht nur die Erde, sondern auch den Himmel erschüttern.« Das deutet auf eine Verwandlung der ganzen Schöpfung, die erschüttert wird, damit nur das Ewige bleibt.“

Könnte es wirklich Gott selbst sein, der diese Erschütterungen zulässt? Und könnte es sein, dass diese Erschütterungen eher noch weiter zunehmen? Tatsache ist: Das gesellschaftliche Klima wird rauer, gerade auch für Christen. Christliches Leben, das primär von Gewohnheit, Tradition und der „Restwärme“ vergangener Aufbrüche lebt, wird diesen Stürmen immer weniger standhalten können.

Umso dringender sollten wir gemeinsam die Frage stellen: Woher kommt ein neuer Aufbruch? Von wo kommt die Erweckung, die wir so dringend brauchen? Genau diese Frage habe ich Gott im vergangenen Jahr immer wieder gestellt. Und so langsam beginne ich zu ahnen: Gott denkt vielleicht sehr anders darüber, als wir oft meinen.

Eine radikal andere Ursachenanalyse

Eigentlich ist unsere Not ja nichts Neues. Immer wieder berichtet die Bibel, dass Gottes Volk in Bedrängnis gerät. Anders als heute waren die Widerstände damals meist sehr handfest. Es waren kriegerische Zeiten. Es ging nicht nur um schwindende Mitgliederzahlen. Die Menschen mussten wirklich um ihr Leben fürchten. Deshalb war die Frage damals noch sehr viel brisanter als heute: Was ist die Ursache für unsere Bedrängnis? Und woher wird die Rettung kommen?

Wäre die Bibel nur ein Spiegel damaliger menschlicher Erfahrungen und Überlegungen, dann müssten wir erwarten, dass sie sich vor allem mit den naheliegenden Problemursachen befasst: Machthungrige und hochgerüstete Nachbarvölker. Eine technisch und zahlenmäßig schwache eigene Armee. Schlechte Staatsführung und mangelnder Zusammenhalt. Eine falsche diplomatische Strategie. Doch das Verblüffende ist: Zu all diesen scheinbar vordringlichen Themen finden wir quer durch die biblischen Bücher ein weitgehendes, ja geradezu dröhnendes Schweigen. Stattdessen konfrontiert Gott sein Volk immer und immer wieder mit dieser einen, überaus provozierenden Aussage: Weder eure aggressiven Nachbarvölker noch eure eigene Schwäche sind euer Problem. Die wirkliche Ursache eurer Probleme hat nur vier Buchstaben: Gott! Mit Gottes Segen wäre ALLES möglich. Aber ohne ihn gibt es nur eine Richtung: Bergab.

An Gottes Segen ist alles gelegen

So lesen wir in den Abschiedsreden Josuas zum Beispiel: „Ja, ein Einziger von euch kann 1000 Mann in die Flucht schlagen. Denn der Herr, euer Gott, ist es, der für euch kämpft.“ (Josua 23,10) „Ich schickte wild gewordene Wespen gegen sie los und vertrieb die beiden Könige der Amoriter. Euer Schwert und euren Bogen brauchte ich nicht dazu.“ (24,12) Statt stolz seine Leistungen als erfolgreicher Feldherr zu preisen machte Josua damit deutlich: Es kam zu keiner Zeit auf ihn oder die Kriegstüchtigkeit Israels an! Gott war in allen Kämpfen der einzig entscheidende Faktor.

Noch deutlicher wird diese biblische Sichtweise, in Richter 7, wo Gideon sein Heer gegen die Midianiter führt. Gott musste das Heer zuerst drastisch reduzieren, damit Israel auch ganz sicher begreift, dass Gott der einzig entscheidende Faktor ist.[3] Können wir uns so etwas heute überhaupt vorstellen? Gäbe es unter uns wirklich jemand, der kurz vor einer Evangelisation die meisten Techniker nach Hause schickt, nur damit wir am Ende ganz sicher wissen, dass die vielen Bekehrten kein Resultat der medialen Gestaltung sondern allein ein Werk des Heiligen Geistes sind?

Aber was bedeutet diese provozierend andere Position der Bibel nun für die Frage dieses Artikels? Woher kommt der Aufbruch?

Der Aufbruch wird demnach auf keinen Fall von dort kommen, wo christliche Leiter den Zustand der Kirche mit widrigen Umständen entschuldigen. Um es ganz klar zu sagen: Nein, Säkularisierung, Individualisierung und Polarisierung sind genauso wenig unser Problem wie die Einschränkungen durch die Corona-Pandemie, mangelnde Kompetenzen oder fehlende finanzielle Mittel. Solche Probleme und Defizite mögen den laufenden Verfallsprozess vielleicht weiter beschleunigen. Aber unser eigentliches Problem hat auch heute noch die gleichen vier Buchstaben wie bei Josua und Gideon.

Nicht durch Heer oder Kraft

Der Aufbruch wird deshalb auch auf keinen Fall von dort kommen, wo als Reaktion auf die Krise primär über neue Strategien oder Methoden nachgedacht wird. Gleich gar nicht kommt der Aufbruch von dort, wo man die Krisensymptome ganz einfach durch Aufrufe und Appelle zu mehr Einheit, Spenden, Engagement oder Kompetenzaneignung bekämpfen möchte – selbst wenn diese Anliegen gut, die Strategien klug und die Kompetenzen wichtig sein mögen. Nichts davon wird die Wende bringen, wenn wir nicht das wahrhaben wollen, was Gott in der Bibel wieder und wieder klarstellt:

„Durch Heeresmacht und Kriegsgewalt wird nichts erreicht, sondern nur durch meinen Geist. Das sagt der Herr der himmlischen Heere.“ (Sacharja 4, 6)

Wir sind tatsächlich vollständig von Gott abhängig. Aber bedeutet das, dass wir deshalb zum Abwarten und Tee trinken verdonnert sind? Ist es somit Gottes Schuld, wenn die Segel unseres Kirchenschiffs schlaff herunterhängen? Nichts könnte weiter von der biblischen Botschaft entfernt sein als diese schlimmste aller Ausreden, die man leider unter Christen immer wieder hört.

Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang

Aus seiner Lebenserfahrung, dass Erfolg und Misserfolg letztlich allein vom Segen Gottes abhängt, leitete Josua aufrüttelnde Mahnungen ab:

„Achtet sehr darauf, den Herrn, euren Gott, zu lieben!“ (23,11) „Begegnet dem Herrn mit Ehrfurcht! Dient ihm aufrichtig und treu!“ (24,14)

Genau so hatte es Gott ihm auch selbst mit auf den Weg gegeben:

„Gib acht, dass du ganz nach der Weisung handelst, die dir mein Knecht Mose gegeben hat! Du sollst davon nicht abweichen, weder nach rechts noch nach links. So hast du Erfolg bei allem, was du unternimmst. Hör nicht auf, in dem Gesetzbuch zu lesen, und denk Tag und Nacht darüber nach. So weißt du, worauf du achtgeben musst. So kannst du dein ganzes Tun danach richten, wie es darin geschrieben steht. Dann wird dir alles gelingen, was du unternimmst. Dann hast du Erfolg. … Denn der Herr, dein Gott, ist mit dir bei allem, was du unternimmst!“ (Josua 1, 7-9)

Da haben wir es schwarz auf weiß, von wo der Aufbruch kommen wird: Von Menschen, die Gott und sein Wort von Herzen lieben und ihr ganzes Denken und Tun davon prägen lassen. Anders ausgedrückt: „Weisheit beginnt mit Ehrfurcht vor dem Herrn.“ (Psalm 111, 10, siehe auch Sprüche 1,7; 9,10; 14,27) Der Aufbruch wird von solchen Menschen ausgehen, die Gott in einer Art und Weise fürchten, dass sie ihren Fokus auf Gott und sein Wort richten, ihr Vertrauen ganz auf die Kraft seines Geistes setzen und deshalb in der Lage sind, sich von menschlichen Widerständen nicht mehr beeindrucken zu lassen.

Aber können wir ernsthaft hoffen, dass in absehbarer Zeit von solchen Menschen ein neuer Aufbruch ausgeht?

Das progressive Versprechen verliert an Strahlkraft

In den letzten Jahren hatte ich den Eindruck, dass der Trend leider in die entgegengesetzte Richtung läuft. Die Debatten in der evangelikalen Welt schienen zunehmend bestimmt zu sein von einem schillernden Versprechen: Wir bekommen das Kirchenschiff wieder flott, wenn wir es endlich mitschwimmen lassen in den Strömungen unserer Zeit. Wir finden heraus aus der Sackgasse, wenn wir mitlaufen bei Fridays for future, wenn wir uns mit engagieren für soziale Gerechtigkeit, wenn wir uns endlich auch eine Frauenquote vornehmen, unsere Sprache gendern und uns auf keinen Fall mehr einengen lassen durch ein überkommenes, fundamentalistisches Bibelverständnis. Mein Eindruck war, dass sich diese Botschaft gar nicht mehr aufhalten lässt an unseren Ausbildungsstätten, in den evangelikalen Medien, Werken und Gemeinschaften.

Gerade in den letzten Monaten sehe ich aber zunehmend auch Signale, dass dieses progressive Versprechen an Strahlkraft verliert. Immer mehr christliche Leiter scheinen zu merken: Die postevangelikalen und progressiven Strömungen sind zwar gut im Benennen von Fehlern und in der Dekonstruktion. Aber sie bieten nur wenig konstruktive Orientierung. Sie bringen wenig Hoffnungsmodelle hervor. Sie sind weitgehend ungeeignet für die Weitergabe des Glaubens. Und sie haben auch seelsorgerlich eher wenig zu bieten. Die Abschaffung des zornigen Gottes mag auf diejenigen, die unter evangelikaler Gesetzlichkeit gelitten haben, kurzzeitig wie eine Erlösung wirken. Aber auf Dauer merken wir: Ohne Gottes Zorn wird auch seine Gnade seltsam banal. Wenn Gott niemanden straft, dann brauchen wir auch kein rettendes Evangelium. Wenn in der Theologie alles gleich gültig ist, dann wird auch alles gleichgültig. Und damit irgendwann auch trost-los.

Erste Signale einer Wende?

Es ist deshalb vielleicht kein Zufall, dass nach dem Boom von Worthaus & Co. zuletzt mit glaubendenken und offen.bar gleich 2 neue Mediatheken entstanden sind, die ganz neu auf die Vertrauenswürdigkeit der Bibel setzen. IDEA Spektrum hat die offen.bar-Mediathek sogar zum Hoffnungsträger und Projekt des Jahres gekürt. Sehen wir hier vielleicht schon den Beginn einer Entwicklung, die in der Kirchengeschichte immer wieder zu beobachten ist? Denn genau so war es ja oft: Wenn es trocken wird, dann kehren Christen zurück zu den Quellen, die die Kirche Jesu zu allen Zeiten stark gemacht haben: Die Erlösung unter dem Kreuz. Die Kraft von Gottes lebendigem Wort. Die Stärkung im Gebet. Die Erneuerung durch den Heiligen Geist. Die Inspiration einer Gemeinschaft von Menschen, die Jesus leidenschaftlich folgt und anbetet. Nichts und niemand kann diese Quellen je ersetzen.

Die Furcht des Herrn auf Platz 1 der Bestsellerliste

Das letzte Buch, das ich in diesem Jahr gelesen habe, trug den Titel „Überrascht von Furcht“. Es stammt von Natha, der schon seit einiger Zeit mit crosspaint im Internet Furore macht und vor allem viele Jugendliche erreicht. Wer dieses Buch in die Hand nimmt merkt schnell: In diesem Buch weht raue Erweckungsluft. Es geht um Sünde und Kreuz, um Himmel und Hölle, um den Zorn und die Liebe Gottes, um die Notwendigkeit der Gottesfurcht, um Hingabe und Heiligung. Also alles Themen, von denen man meinen sollte: DAS ist doch nun wirklich vollkommen out. Aber stattdessen ist etwas völlig außergewöhnliches geschehen: Das Buch stand zwei Tage lang auf Platz 1 der Amazon Gesamt-Bestsellerliste! Ich kenne kein anderes christliches Buch, das das geschafft hat. Ist das nicht wirklich ein Zeichen, dass hier tatsächlich etwas in Bewegung geraten ist?

Man muss nicht jede Bibelauslegung von Natha teilen. Aber man wird Natha auch nicht vorwerfen können, dass er die Bibel verdreht. Im Gegenteil: Hier entsteht ganz offenkundig eine Gegenbewegung zu einem Christentum, das sich zwar gerne modern und progressiv gibt, das zugleich aber wichtige Elemente der Botschaft über Bord wirft, die das Christentum zu allen Zeiten so kraftvoll und revolutionär gemacht hat. Es war nun einmal kein Social Gospel, keine Befreiungstheologie, keine öffentliche Theologie und keine Transformationstheologie, die Gesellschaften verändert hat. Nein, es waren Erweckungsbewegungen wie das Urchristentum, der Pietismus, der Methodismus oder die Great Awakenings, die gezeigt haben: Es ist letztlich immer wieder dieses alte, raue Evangelium, das wirkliche Veränderung bringt, weil Menschen erleben: Nur sein Wort gibt Orientierung und Hoffnung über den Tod hinaus. Nur sein Geist schafft wirklich Neues. Und nur eine Transformation der Herzen führt am Ende auch zu echter Gesellschaftstransformation.

Der Aufbruch kommt

Die Worte aus dem Lied von Manfred Siebald klingen für mich heute fast prophetisch:

„Es geht ohne Gott in die Dunkelheit, aber mit ihm gehen wir ins Licht! Sind wir ohne Gott macht die Angst sich breit aber mit ihm fürchten wir uns nicht.“

Genau das sehen wir heute in unserer Gesellschaft: Angst macht sich breit. Angst vor der Klimakatastrophe. Angst vor Infektion und Krankheit. Angst vor dem Zusammenbruch des Gesundheitswesens. Angst vor Existenzverlust und wirtschaftlichem Niedergang. Angst vor dem Blackout. Angst vor Extremisten und Ideologien. Angst vor Überfremdung. Und es gibt sogar Leute, die behaupten: Angst sei gut, damit wir uns richtig verhalten. Ein Stück weit stimmt das ja auch. Aber ich sehe eben auch immer mehr Menschen, die wirklich leiden unter ihrer Angst. Ich sehe, wie Angst Konflikte produziert. Ich sehe, wie Angst die Grenzen des Respekts und der Achtung niederreist. Ich sehe, wie Angst verhindert, dass wir respektvoll miteinander reden und diskutieren können. Ich sehe, wie Angst das Miteinander in unserer Gesellschaft zerstört. Und ich sehe, dass Angst eben doch am Ende ein schlechter Ratgeber ist, weil sie das nüchterne, rationale Denken zerstört.

Deshalb bete ich in dieser aufgewühlten Zeit um Frieden für unser Land. Ich bete für unsere Politiker, dass sie gute Entscheidungen treffen, die helfen, dass das Miteinander wieder verbessert wird. Ich bete um Gottes Segen für unser Land, damit die Wirtschaft und damit auch unser Sozialstaat nicht zusammenbricht. Aber wir sollten auch nicht überrascht sein, wenn es Folgen hat, wenn ein Volk sich säkularisiert, wenn es sich von Gottes Geboten emanzipiert und wenn seine Leiter glauben, ohne Gottes Hilfe regieren zu können. Es sollte uns Christen nicht überraschen, wenn die Orientierungslosigkeit, die Angst, die Polarisierung und die Konflikte in der Gesellschaft in der kommenden Zeit noch weiter zunehmen.

Trotzdem gibt es für Christen keinen Grund, sich entmutigen zu lassen. Denn ich bin mir sicher: Gott hat keine Angst. Gott ist stärker als alles Dunkle, das in dieser Welt am Werk ist. Gott hat alles unter Kontrolle. Er regiert! Und er hat einen guten Plan. Er ist schon längst am Werk. Und deshalb bin ich mir auch sicher: Der Aufbruch kommt! Und wenn er losgeht, will ich gerne dabei sein. Lasst uns gemeinsam zu diesen Menschen gehören, die ihren Fokus ganz auf Gott und sein Wort richten, die ihr Vertrauen ganz auf die Kraft seines Geistes setzen und die erfüllt sind von dieser Hoffnung, dass für unseren Gott nichts unmöglich ist.


[1] „Die Bedeutung des Islams in Deutschland wird steigen und die des Christentums zurückgehen“ Interview mit Detlef Pollack in der NZZ am 25.12.2021 https://www.nzz.ch/international/weihnachten-2021-das-christentum-ist-auf-dem-rueckzug-ld.1661792

[2] Volker Gäckle: „Windstille, Wandel und Gottes Wirken“, in „Lebendige Gemeinde“ 4 / 2021, S. 14 https://lebendige-gemeinde.de/wp-content/uploads/2021/12/LG_2021_04_ChristusBewegung.pdf

[3] Richter 7, 2: „Der Herr sagte zu Gideon: »Das Heer, das du bei dir hast, ist zu groß. So wie es jetzt ist, kann ich die Midianiter nicht in eure Gewalt geben. Sonst könnten die Israeliten mir gegenüber behaupten: ›Wir haben uns aus eigener Kraft gerettet!‹“

Wollte Gott, dass rebellische Söhne gesteinigt werden sollen?

Der Inhalt dieses Artikels ist auch Gegenstand des Podcasts “#9 Hat Gott gefordert, dass rebellische Söhne gesteinigt werden sollen?” bei Bibel-live.

Das Studium der Gesetze und Gebote in den 5 Büchern Mose ist manchmal harte Kost. Da gibt es zwar einige Vorschriften, die uns auch heute noch einleuchten: Die 10 Gebote zum Beispiel. Oder auch so simple Vorschriften, dass man auf dem Dach der Gebäude Geländer anbringen soll, damit niemand herunterfällt (5. Mose 22,8). Es gibt aber auch einige Gebote, die heute sehr fremd, ja regelrecht abstoßend und verstörend auf uns wirken. In seinem Worthausvortrag „Jesus und die blutende Frau“ beschäftigt sich Siegfried Zimmer zum Beispiel mit einigen Reinheitsgeboten für Frauen, die er für so absurd und menschenfeindlich hält, dass er sie mit folgenden Worten kommentiert: „In religiösen Dingen, da gibt es Systeme, da gibt es Reinigungsgesetze von äußerster Kälte und Frauenfeindlichkeit. Die können auch in der heiligen Schrift stehen. 3. Buch Mose – sagt man ja so – das ist Gottes Wort. Meint ihr wirklich, dass Gott selber dermaßen frauenfeindliche Gesetze erlassen hat? Stellt ihr euch Gott so vor? … Oder sind das nicht eher Männerphantasien? Priesterphantasien?“ (ab 36:57)

Natürlich kann man unsere heutigen Schwierigkeiten mit diesen Geboten ganz einfach wegerklären, indem man sie für überkommene menschliche Ideen hält. Das Problem ist nur: Nebenbei wird damit auch das reformatorische Prinzip über Bord geworfen, dass die Bibel sich selbst auslegen muss. Denn die Bibel selbst ist überhaupt nicht der Meinung, dass es sich hier um Männer- oder Priesterphantasien handelt. Im Gegenteil: Gleich an 17 Stellen werden im 3. Buch Mose lange Textabschnitte eingeleitet mit der folgenden Wendung: „Der Herr sprach mit Mose und forderte ihn auf mit den Israeliten zu reden und ihnen auszurichten: …“[1] Der Bibeltext selbst will also immer wieder deutlich machen: Hier spricht nicht nur ein Mensch. Hier spricht Gott selbst! Und genau diese Überzeugung wird in der Bibel auch nirgends in Frage gestellt, im Gegenteil: Jesus selbst hat klargestellt, dass es sich hier um Gottes Gesetz handelt, das voll und ganz gültig bleibt: „Ich versichere euch: „Solange der Himmel und die Erde bestehen, wird selbst die kleinste Einzelheit von Gottes Gesetz gültig bleiben, so lange, bis ihr Zweck erfüllt ist.“ (Matthäus 5,18) Und Paulus schreibt in Römer 7, 12: „Es bleibt dabei: Das Gesetz an sich ist heilig, und das einzelne Gebot ist heilig, gerecht und gut.“ Also keine Spur davon, dass ein biblischer Autor sich von diesen Gesetzen und deren göttlichem Ursprung distanzieren würde.[2] Umso mehr stellt sich die Frage: Wie gehen wir um mit solchen Geboten im mosaischen Gesetz, die uns heute vollkommen unverständlich erscheinen?

Zur Klärung dieser Frage befasst sich dieser Artikel beispielhaft mit einem besonders krassen Fall. Die Forderung der Todesstrafe für rebellische Söhne steht in 5. Mose 21, 18-21:

„Folgender Fall: Jemand hat einen aufsässigen und rebellischen Sohn. Der lässt sich nichts sagen, weder von seinem Vater noch von seiner Mutter. Sie versuchen es mit Strafen, aber er hört trotzdem nicht auf sie. Dann sollen sein Vater und seine Mutter ihn packen und zu den Ältesten der Stadt bringen. Im Tor des Ortes soll der Fall behandelt werden. Sie sollen zu den Ältesten der Stadt sagen: »Das ist unser Sohn, er ist aufsässig und rebellisch. Nie hört er auf uns. Er verschwendet alles und ist ein Säufer.« Dann sollen alle Männer der Stadt ihn steinigen, und er soll sterben. So sollst du das Böse aus deiner Mitte entfernen. Alle Menschen in Israel sollen davon erfahren, damit sie es sich zu Herzen nehmen.“

Es kann meines Erachtens keine zwei Meinungen darüber geben, dass eine derart drakonische Gesetzgebung heutzutage vollkommen inakzeptabel ist. Aber wie sollen Christen dann mit so einer Bibelstelle umgehen? Und inwiefern können wir das heute noch als „Gottes Wort“ betrachten? Hat Gott denn wirklich ein so verstörendes Gesetz erlassen?

Was bedeutet es, die Bibel historisch zu lesen?

Von Seiten der progressiven Theologie wird immer wieder die Forderung erhoben: Wir müssen die Bibel doch historisch lesen, statt sie 1:1 als Gottes Wort zu verstehen. Die Frage ist nur: Ist das denn wirklich ein Widerspruch? Dieses Gebot könnte doch beides sein: Gemäß seinem Selbstanspruch ist es voll und ganz Gottes offenbartes Wort. Aber natürlich hat Gott hier in eine bestimmte Zeit hineingesprochen. Deshalb können wir Gottes Reden womöglich erst dann richtig verstehen, wenn wir auch etwas vom historischen Kontext wissen, in den dieses Wort hineingesprochen wurde.

Das führt uns natürlich zu der Frage: Welches historische Umfeld kann denn dieses verstörend wirkende Gebot verständlich machen?

Gott spricht hier in eine Zeit hinein, in der die Familie als die entscheidende soziale Einheit in der Gesellschaft galt. Es gab damals keine Rente und keine Seniorenwohnheime. Stattdessen waren die Kinder für die Versorgung der Eltern unverzichtbar notwendig. Die Familien haben also dafür gesorgt, dass alle versorgt werden. Damit waren die Familien für die Stabilität der Gesellschaft von entscheidender Bedeutung.

Vor diesem Hintergrund wird verständlicher, warum der Respekt vor den Eltern in den 10 Geboten fest verankert wurde. Für die Stabilität der Familien war der Respekt vor den Eltern ungeheuer wichtig. Und generell war im Denken und in der Erfahrung der Menschen damals das Prinzip verankert: Wenn die Familie zerfällt, dann zerfällt auch die Gesellschaft. Deshalb müssen wir alles tun, um die Familienstrukturen zu schützen.

In dieser Sichtweise ist ein Sohn, der das Eigentum der Familie verschwendet und „versäuft“, nicht nur einfach eine ärgerliche Enttäuschung für die Eltern, sondern existenzbedrohend für die Familie und damit auch gefährlich für die Gesellschaft. Es war deshalb normal, dass man so einen Fall nicht einfach laufen lassen konnte oder wollte. Im Gegenteil: Es war verbreitet, hart dagegen vorzugehen, wenn ein Sohn, der doch bald die Verantwortung in der Familie übernehmen sollte, in seiner Aufgabe nicht nur versagte, sondern im Gegenteil auch noch der Familie massiv schadete, indem er den Familienbesitz verschwendete und seine Eltern im Stich ließ.

Im römischen Recht galt dabei: Der Vater der Familie hatte das Recht über Leben und Tod seiner Familie. Der Familienvater konnte also nach eigenem Gutdünken entscheiden, ob ein Sohn, der die Eltern nicht respektiert und den Besitz der Familie verprasst, sterben muss. Auch über die jüdische Gesellschaft schreibt die Religionswissenschaftlerin Elisabeth Bellefontaine: In der vorjahwistischen Zeit wäre die Todesstrafe … direkt von den Eltern oder anderen Verwandten ausgesprochen und vollstreckt worden – manchmal auch mit Druck der Gruppe.“ [3]

Das bedeutet: Die Praxis, rebellische Söhne zu verurteilen und zu töten, war damals nicht ungewöhnlich. Und es lag vielfach in der Hand des Vaters oder der Familie, wenn gegen einen Sohn vorgegangen wurde – bis hin zur Todesstrafe.

Was ist eigentlich das Ziel dieses Gesetzes?

Wie reagiert nun das mosaische Gesetz auf diese gesellschaftliche Realität? Wenn wir genau hinschauen, merken wir: Das mosaische Gesetz brachte nicht etwa eine Verschlechterung sondern eine erhebliche Verbesserung des Rechtsschutzes der Söhne! Denn die Möglichkeit der Todesstrafe, die es in der damaligen Gesellschaft ohnehin schon gab, wird in diesem Gesetz sehr weitgehend reglementiert:

  • Eine Anklage ist überhaupt nur möglich, wenn Vater UND Mutter gleichermaßen den Sohn für schuldig halten. Eine Verurteilung war nur möglich, wenn auch die Mutter den Sohn für todeswürdig hält. Diese Regelung ist erstaunlich in einer patriarchalen Gesellschaft, in der Frauen oft gar nicht als rechtsfähig angesehen wurden.
  • Der Ungehorsam und fehlende Respekt des Sohnes allein genügt nicht. Zusätzlich muss hier ein Lebensstil vorliegen, der den Besitz der Familie verprasst inklusive einer Trunksucht, die den Sohn davon abhält, seinen Pflichten nachzukommen.
  • Die Eltern mussten zunächst sämtliche erzieherischen Möglichkeiten ausgeschöpft haben. Sie mussten zunächst versuchen, ihn mit sanfteren Strafen zum Umdenken zu bewegen. Erst dann durfte die Todesstrafe erwogen werden.
  • Ganz wichtig: Den Fall durften nicht die Eltern und auch nicht der Familienclan entscheiden. Er musste stattdessen den „Ältesten“ der lokalen Gemeinschaft vorgetragen werden. Diese Ältesten mussten dann im Falle des Schuldspruchs auch selbst das Urteil vollstrecken.

Im jüdischen Talmud sind diese Regelungen noch weiter konkretisiert worden, wie die jüdischen Schriftsteller Gevaryahu und Sicherman berichten: Der Junge hat nur wenige Monate Zeit, um das Verbrechen zu begehen; die Einzelheiten des Vergehens sind genau festgelegt und begrenzt (Verzehr einer großen Menge Fleisch und Wein in kurzer Zeit); er muss gewarnt und erneut gewarnt werden; der Junge kann nur mit Zustimmung beider Elternteile unter Verwendung derselben Worte verurteilt werden und schließlich, aber sicher nicht zuletzt, “müssen die Ältesten der Stadt ihn verurteilen”, wodurch den Eltern die letzte Zuständigkeit vollständig entzogen wird.“ [4]

Angesichts dieser zahlreichen Regeln und Auflagen stellt sich jetzt natürlich die Frage: Hat es diesen Fall überhaupt jemals gegeben? Fakt ist: Wir wissen nicht genau, ob es in der Praxis überhaupt jemals einen Fall gegeben hat, dass ein Sohn gemäß 5. Mose 21,18-21 gesteinigt wurde. Aber ganz sicher ist: Diese Regelung hat den Beteiligten so hohe Auflagen auferlegt, dass diese Regelung letztlich zur kompletten Abschaffung der Hinrichtungspraxis rebellischer Söhne geführt hat.

Gevaryahu und Sicherman berichten, dass die talmudische Diskussion angesichts dieses Dickichts von Regeln zu dem Schluss kommt, dass dieses Gebot gar nicht praxistauglich ist. Im babylonischen Talmud gilt es deshalb als eines von drei Geboten aus der Tora, „die niemals waren und niemals sein werden“. Das heißt: Diese Gesetze kamen und kommen nie zur praktischen Anwendung. Dazu gehörte auch das Gebot von der abtrünnigen Stadt, die verwüstet werden soll (5. Mose 13,13-18) und das infizierte Haus, das abgerissen werden soll (3. Mose, 14,34-55). Und weil diese Gesetze nie zur Anwendung kamen, glauben Gevaryahu und Sicherman, dass diese Gesetze, „entgegen der üblichen Auslegung gar nicht dazu gedacht waren, die potenziellen Sünder (den Sohn, die Stadtbewohner, den Hausbesitzer) abzuschrecken, sondern vielmehr dazu, die Ausübung potenziell großer Ungerechtigkeit zu zügeln: Den rachsüchtigen Vater, die wütende Mehrheit und den korrupten Priester. In jedem dieser Fälle greift die Tora eine wahrscheinlich vorherrschende soziale Praxis auf und wendet sie von der Praxis zur Theorie.“ [5] Das heißt: Nach Einführung dieser Regelungen war die Umsetzung so schwierig geworden, dass die soziale Praxis sich völlig verändert hat in einem Ausmaß, dass die Todesstrafe in der Praxis gar nie mehr vollstreckt wurde.

Gott berücksichtigt die Verständnisfähigkeit der Menschen

Das führt natürlich zu der Frage: Warum stehen in der Bibel Vorschriften, die gar nicht praxistauglich sind? Warum sagt Gott nicht ganz einfach: Söhne dürfen nicht umgebracht werden. Punkt.

Jesus selbst gibt uns zu dieser Frage einen entscheidenden Hinweis: In Matthäus 19 spricht Jesus über das Thema Ehescheidung. Dabei macht er klar, dass gemäß Gottes Plan Mann und Frau eine Einheit bilden sollen, die niemals durch Scheidung aufgelöst werden soll. Die Pharisäer fragen ihn deshalb zurecht: Warum hat Mose dann erlaubt, dass ein Mann seiner Frau eine Scheidungsurkunde ausstellen soll und sie damit wegschicken kann? Die Antwort Jesu ist bemerkenswert: Weil ihr euer Herz gegen Gott verschlossen habt! Nur deshalb hat euch Mose erlaubt, eure Frauen wegzuschicken. Doch ursprünglich war das nicht so.“ (Matthäus 19, 8)

Jesus sagt somit: Der Plan war eigentlich, dass Mann und Frau sich überhaupt nicht scheiden lassen sollen. Aber ihr Menschen habt euch so weit von Gottes Plan entfernt, dass Gott zuerst einmal wenigstens eine kleine Verbesserung bringen musste. Tatsächlich hatte die mosaische Regelung zur Scheidungsurkunde den Frauen eine enorme Verbesserung gebracht. Die Scheidungsurkunde war die Grundlage dafür, dass die verstoßene Frau wieder heiraten konnte und damit eine Chance hatte, im Alter versorgt zu sein. Trotzdem machte Jesus deutlich: Diese Regelung war eher ein Notgesetz, das Rücksicht nimmt auf den tiefen Fall des menschlichen Herzens. Anstatt den Menschen Regelungen aufzuerlegen, die für sie völlig unverständlich und damit überfordernd gewesen wären, holt Gott die Menschen da ab, wo sie stehen, und versucht, die Verhältnisse schrittweise zu verbessern.

Genau dieses Prinzip lässt sich auch im Gebot über den rebellischen Sohn erkennen. Gott holt die Menschen da ab, wo sie stehen. Es war damals leider üblich, dass Söhne getötet werden können, wenn sie der Familie schaden. Gott holte die Menschen in dieser Situation dadurch ab, dass er sagte: Wenn ihr das tut, dann müsst ihr jede Menge Regeln beachten. Im Ergebnis hat Gott damit eine Abschaffung der Todesstrafe an den eigenen Kindern bewirkt.

Gibt es eine tiefere Bedeutung des Gebotes zum rebellischen Sohn?

Aber wenn diese Vorschrift nur für die Leute damals passend war, warum sollten wir uns dann heute noch dafür interessieren?

Einen Hinweis zur Beantwortung dieser Frage gibt uns Paulus in 1. Korinther 9, 9. Dort zitiert er das folgende Gebot aus 5. Mose 25, 4: „Im Gesetz des Mose steht nämlich: »Du sollst einem Ochsen beim Dreschen nicht das Maul zubinden.“ Dann beschäftigt sich Paulus damit, was dieses Gebot bedeutet. Und er macht deutlich: Aus seiner Sicht geht es hier gar nicht um Tierschutz, wie man zunächst meinen sollte. Wörtlich schreibt er: „Geht es Gott dabei etwa um die Ochsen?“ Die Antwort war für Paulus offenkundig: „Nein“. Aber im übertragenen Sinn machte das Gesetz für ihn sehr viel Sinn! Er war der Meinung: In Wahrheit geht es hier um Menschen, die sich für das Reich Gottes einsetzen. Gott ist es wichtig, dass solche Menschen dafür entlohnt werden sollen. Es war für Paulus also angemessen, hinter solchen Gesetzen eine tiefere Bedeutung zu vermuten, die sich uns erst erschließt, wenn wir das Gebot im übertragenen Sinne verstehen.

Aber was könnte jetzt der tiefere Sinn der Todesstrafe für den rebellischen Sohn sein? Die Antwort ist eigentlich ziemlich naheliegend. Die Bibel macht immer wieder deutlich, dass Gott sein Volk Israel wie einen Sohn betrachtet: So spricht der Herr: Israel ist wie mein erstgeborener Sohn.“ (2. Mose 4,22) Aber Israel war ein rebellischer Sohn, der sich der göttlichen Erziehung immer wieder widersetzt hat: Als Israel jung war, gewann ich es lieb. Aus Ägypten rief ich sie wie ein Vater seinen Sohn. Doch kaum hatte ich sie gerufen, liefen sie von mir davon. Sie brachten Schlachtopfer dar für die Baal-Götter und Räucheropfer für die Götterbilder.“ (Hosea 11, 1-2) Gott hat alles versucht, um seinen Sohn Israel zu erziehen. In Vers 7 lautet jedoch das frustrierte Fazit: „Trotzdem will mein Volk nicht zu mir zurückkehren.“ Der Sohn Israel blieb rebellisch. Er verprasste seine Güter für fremde Götter. Gott ist deshalb hin- und hergerissen. Er sagt: Eigentlich müsste ich Israel vernichten. Aber ich will das nicht tun: „Ich lasse meinen glühenden Zorn nicht zur Tat werden.“ (Hosea 11, 9) Was ist die Lösung dieses Dilemmas?

Jesus nimmt den Platz des rebellischen Sohnes ein

Auch im Neuen Testament finden wir einen Bezug zum Gebot vom rebellischen Sohn. Immer wieder wurde Jesus von seinen Zeitgenossen als „Fresser und Säufer” bezeichnet wurde (Matthäus 11, 19). Jesus wurden also genau die Eigenschaften nachgesagt, wegen denen gemäß dem mosaischen Gesetz ein rebellischer Sohn zum Tod verurteilt werden sollte. Und obwohl dieser Vorwurf bei Jesus natürlich vollkommen unberechtigt war, wurde an ihm – anders als bei Israel – tatsächlich die Todesstrafe vollzogen. Anders gesagt: Jesus starb die Todesstrafe, die Israel eigentlich verdient gehabt hätte. Und noch viel erstaunlicher ist: Jesus starb diese Todesstrafe genau in der Art und Weise, die Mose direkt im Anschluss an das Gebot über den rebellischen Sohn beschreibt:

„Folgender Fall: Jemand hat ein Verbrechen begangen, auf das die Todesstrafe steht. Er wird hingerichtet, und du hängst ihn an einem Holzbalken auf. Dann soll die Leiche nicht über Nacht am Balken hängen, sondern du sollst ihn am selben Tag noch begraben. Denn wer so aufgehängt wird, gilt als von Gott verflucht.“ (5. Mose 21, 22-23)

Tatsächlich hing Jesus am Holzbalken. Und tatsächlich wurde er noch am selben Tag abgehängt und begraben (was damals ungewöhnlich war, weil Gekreuzigte oft über mehrere Tage hängen gelassen wurden). Kein Wunder, dass Paulus sich genau auf diese Stelle bezieht, wenn er in Galater 3, 13 schreibt: „Christus hat uns von dem Fluch des Gesetzes erlöst, indem er für uns zum Fluch wurde, denn es steht geschrieben: “Verflucht ist jeder, der am Holz hängt”.“ Paulus zitiert hier also exakt aus dem Text, der unmittelbar nach dem Gebot zum rebellischen Sohn beschreibt, wie man mit so einem Verbrecher verfahren soll! Damit macht die Bibel ganz deutlich: Jesus, der treue und gehorsame Sohn Gottes, hat stellvertretend den Fluch und die Strafe getragen, die eigentlich der untreue und rebellische Sohn Israel verdient gehabt hätte.

Jesus starb den Tod, den wir verdient hätten

Natürlich ist diese Botschaft nicht nur für Israel wichtig. Denn Gottes Gebot gilt ja auch für uns: Auch wir sollen nicht verschwenderisch leben. Und Paulus schreibt: Wir sollen uns nicht mit Wein betrinken, sondern uns mit dem Heiligen Geist erfüllen lassen. Und natürlich gilt auch für uns immer noch das 5. Gebot: Wir sollen unsere Eltern ehren und achten. Und nach wie vor gilt auch für uns Christen: Gegen Gottes Gebote zu verstoßen, ist Sünde. Und Sünde hat gemäß Römer 6, 23 immer noch tödliche Konsequenzen: Denn der Lohn der Sünde ist der Tod.“ Der Fluch des Gesetzes gilt für uns Christen somit auch heute noch. Er kostet uns zwar hier auf der Erde nicht das Leben. Aber wenn wir die Bibel ernst nehmen, dann passiert etwas viel schlimmeres: Er kostet uns das ewige Leben!

Und wer von uns kann ehrlich sagen, dass er immer ein treuer Sohn Gottes war? Wie oft schon habe ich meine Gaben und Talente, meine Zeit, meine Kraft, mein Geld für irgendwelchen Mist verschwendet? Wie oft habe ich Gott nicht gehorcht? Wie oft habe ich gegen seine Gebote verstoßen? Wie oft bin ich vor ihm davongelaufen? Wie viele Dinge gibt es in meinem Leben, bei denen ich nicht so lebe, wie Gott das von mir möchte? Wie oft schon war ich wahrlich ein verschwenderischer, ein rebellischer Sohn Gottes?

Und wie gut ist es da, dass Jesus an meiner Stelle den Fluch des Gesetzes getragen hat, dass er, der treue und gehorsame Sohn Gottes, den Tod des rebellischen Sohnes am Kreuz gestorben ist, den ich verdient hätte! Wie gut, dass er am Holz gehangen hat und damit für mich und für uns alle den Fluch des Gesetzes erlitten hat! Wie gut, dass wir, die wir wirklich so oft verschwenderisch und rebellisch sind, durch seinen stellvertretenden Tod dem gerechten Urteil entgehen und trotz unseres Versagens ewig leben dürfen!

Das Gebot über den rebellischen Sohn führt zum Evangelium!

Wir können also zusammenfassen: Das zunächst so verstörend klingende Gebot der Steinigung von rebellischen Söhnen bekommt ein völlig anderes Gesicht, wenn wir es vor dem historischen Kontext lesen. Dann merken wir: In Wahrheit handelte es sich um eine derart massive Verbesserung des Rechtsschutzes von Söhnen gegenüber ihren Vätern, dass die verbreitete Praxis der Tötung rebellischer Söhne vollkommen abgeschafft wurde. Gott hat die Menschen da abgeholt, wo sie waren, mit Geboten, die sie damals fassen konnten. Und so hat Gott dafür gesorgt, dass so etwas gar nicht mehr vorkommt.

Darüber hinaus hat dieses Gebot einen enormen bleibenden Wert für uns, weil es ein großes Gleichnis ist für das Drama, das sich zwischen Gott und den Menschen abspielt: Gottes Kinder sind störrisch, verschwenderisch und ungehorsam. Sie hätten die Todesstrafe verdient. Aber Gott selbst lässt sich in seinem treuen, gehorsamen Sohn als „Fresser und Säufer“ bezeichnen und erleidet stellvertretend die Todesstrafe, die wir verschwenderische, rebellische Kinder Gottes verdient hätten, damit wir leben können.

Das Unglaubliche ist also: Auch bei einer derart dunkel erscheinenden Stelle stoßen wir am Ende auf das Evangelium! Ist das nicht wirklich zum Staunen?

Ich finde: Umso weniger brauchen wir daran zweifeln, dass es sich auch bei solchen auf den ersten Blick schwer verständlichen biblischen Stolperstellen im echten Sinn um Worte des lebendigen Gottes an uns Menschen handelt.


[1] 3. Mose 1,1+2; 4,1+2; 7,22+23; 7,28+29; 11,1+2; 12,1+2; 15,1+2; 18,1+2; 19,1+2; 20,1+2; 21,16+17; 23,1+2;23,9+10; 23,23+24; 23,33+34; 25,1+2;27,1+2

[2] Siehe dazu: „Das biblische Bibelverständnis“ (https://blog.aigg.de/?p=5853)

[3] Elisabeth Bellefontaine: “Deuteronomy 21:18-21: Reviewing the case of the rebellious son”; JSOT 13 (1979) 13-31

[4] Gilad J. Gevaryahu und Harvey Sicherman: “What never was and never will be: Rebellious son – subverted city – infected house”; Jewish bible quarterly, Vol. 29, No. 4, 2001

[5] Ebd.